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Elke Pupke

BANSINER FISCHERTOD


Inhalt

August 1988

Montag, 7.Oktober

Mittwoch, 9. Oktober

Sonnabend, 12. Oktober

Montag, 14. Oktober

Freitag, 18. Oktober

Sonntag, 20. Oktober

Dienstag, 22. Oktober

Mittwoch, 23. Oktober

Freitag, 25. Oktober

Montag, 28. Oktober

Donnerstag, 31. Oktober

Freitagvormittag, 1. November

Juni 1988

Freitagabend, 1. November

Montag, 4. November

Samstag, 9. November

Sonntag, 10. November

Dienstagnachmittag, 12. November

Sommer 1988

Dienstagabend, 12. November

Montag, 18. November

Freitag, 22. November

Samstag, 23. November

Montag, 25. November

Donnerstag, 28. November

Montag, 2. Dezember

Sonntag, 8. Dezember

Mittwochmittag, 11. Dezember

Sommer 1988

Mittwochnachmittag, 11. Dezember

Sonntag, 15. Dezember

Dienstag, 17. Dezember

Mittwoch, 18. Dezember

Donnerstag, 19. Dezember

Freitag, 20. Dezember

Dienstag, 24. Dezember

Freitag, 27. Dezember

Sonnabend, 28. Dezember

Dienstag, 31. Dezember

Mittwoch, 1. Januar

Donnerstag, 2. Januar

Sonnabend, 4. Januar

Montag, 6. Januar

Dienstag, 7. Januar

Mittwoch, 8. Januar

Donnerstag, 9. Januar

Freitag, 10. Januar

Montag, 13. Januar

Dienstag, 14. Januar

Über die Autorin

August 1988

Frühmorgens am Strand war der Wind kaum zu spüren. Er wehte leicht von Westen her, der Wasserspiegel war schon hoch, aber glatt. Der Rügenradio-Seewetterbericht hatte Windstärke 4 bis 5 angekündigt. Als sie ablegten, ging gerade die Sonne auf. Ihr Ziel lag südlich von Bornholm. Sie wollten Dorsch fangen, fuhren deshalb mit dem großen Boot. Mit dem kleinen durften sie nur drei Seemeilen hinaus auf die Ostsee. Meist fischten die Brüder Ansgar und Boto Thor allein, heute brauchten sie einen dritten Mann. Cuno Thor, Cousin der beiden, war an diesem Morgen mit an Bord, weil er wie sie Fischer und Mitglied der Fischereigenossenschaft war. Irgendjemanden mit aufs Boot zu nehmen, war verboten, musste man sich doch mit Namen und Kennnummer, Ziel, Beginn und voraussichtlichem Ende der Fahrt bei der Grenzbrigade Küste abmelden.

Acht Stunden fuhren sie in nördliche Richtung. Boto stand im Ruderhaus und steuerte das Boot. Cuno hatte es sich auf den Netzen bequem gemacht. Er war müde, hätte gern noch ein bisschen geschlafen, bevor sie mit der schweren Arbeit beginnen würden, aber Ansgar knurrte ihn an, er solle Anker und Steurer fertig machen. Wenn sie im Fanggebiet ankämen, müsse es schnell gehen.

Gereizt steckte Cuno sich eine Zigarette an. Es war inzwischen windig geworden, das Feuerzeug ging mehrmals aus, bis sie endlich brannte. Er nahm einen tiefen Zug und fuhr zusammen, als sein Cousin ihm die Zigarette aus dem Mund schlug. »Du bist hier nicht auf Vergnügungsfahrt!«, brüllte er. »Mach deine Arbeit!«

In Cuno stieg Wut heiß auf, er wäre am liebsten auf Ansgar losgegangen, aber der war größer und stärker und er war der Kapitän auf diesem Kutter. »Das war das letzte Mal, mein Freund, dass ich mich von dir schikanieren lasse«, schwor er murmelnd, als er sich wegdrehte.

Kurz vor Bornholm drehte der Wind auf Nordost und frischte auf. Sie beeilten sich, die Netze auszulegen. Die Wellen wurden höher, schneller, kräftiger. Das Boot schwankte heftig. Cuno saß auf der Hock, einem schmalen Steg hinter dem Ruderhaus. Mit der rechten Hand ließ er das schwere Netz über die Bordwand gleiten, mit der linken musste er sich festhalten. Plötzlich gab es einen Ruck, er konnte seinen Arm gerade noch vom Netz befreien, sonst hätte es ihn über Bord gezogen. Es hatte sich in der Schiffsschraube verfangen. Der Motor verstummte. Die Wellen waren meterhoch, niemand konnte hier ins Wasser gehen.

Ansgar band ein Messer an einen der Bootshaken, den er Cuno reichte. Der versuchte damit, das Netz aus der Schraube zu schneiden. Es dauerte. Trotz der schwarzen Stiefelhosen und der schweren Gummijacken, die die Männer trugen, waren sie durchnässt. Die Wellen schlugen über Bord, das Wasser kam von allen Seiten. Cuno wollte eine Pause machen, er war völlig erschöpft. Aber Ansgar spornte ihn an, weiterzumachen. Er hielt Cuno fest, während der sich weit hinausbeugte.

Dann, endlich, war es geschafft. Sie zogen das kaputte Netz ins Boot.

Boto ging ins Ruderhaus, um den Motor anzulassen. ›Nur weg hier, in den Windschatten von Bornholm‹, dachte er. Nach Hause würden sie es jetzt nicht schaffen, denn der Sturm wurde noch stärker. Er hörte nur das schwere Rauschen der Brandung, nicht den Schrei. Dann sah er entsetzt, dass einer der Männer wie in Zeitlupe über Bord ging und zwischen den Schaumkämmen der hohen Wellen verschwand. Er wusste, dass sich die brusthohe Hose des Fischers in Sekundenschnelle mit Wasser füllen und das Gewicht ihn unbarmherzig in die Tiefe ziehen würde. Es gab keine Rettung.

Montag, 7.Oktober

Sophie streicht zum dritten Mal die Tischdecke glatt, rückt die kleine Vase mit den bunten Astern zehn Zentimeter nach links, sodass sie genau in der Mitte des Tisches steht, und blickt aus den Augenwinkeln hinüber zum Fenstertisch.

Dort sitzt eine Familie, die aus Vater, Mutter und drei kleinen Kindern besteht und die anscheinend beschlossen hat, ihren Urlaub hier in der Gaststätte zu verbringen. Sie sitzen jetzt seit beinahe zwei Stunden am Frühstückstisch. Genauer gesagt sitzen die Eltern dort, während die Kinder zwischen den Tischen Verstecken und Fangen spielen. Als dabei eine Vase umfällt, wirft der Vater Sophie einen Blick zu – eher stolz, als um Entschuldigung bittend: So »reizenden« Kindern kann man doch einfach nicht böse sein. Die Mutter hat den Vorfall nicht bemerkt, sie starrt auf ihr Smartphone. Ob ihr wohl schon aufgefallen ist, dass sie von ihrem Platz aus direkt auf die Ostsee sehen kann?

Nach dem gestrigen Sturm ist der Strand heute ziemlich schmal, die wenigen Strandkörbe, die noch nicht im Winterquartier sind, stehen gefährlich dicht am Wasser. Das ist heute spiegelglatt, auch die Schiffe fahren wieder. Die VINETA legt gerade an, zwei Leute rennen über den Seesteg, um sie zu erreichen. Ob eine Schifffahrt über die Ostsee nach Misdroy oder Swinemünde den Kindern nicht mehr Spaß gebracht hätte, als hier in der Gaststätte zu toben?

Die Pension Kehr wieder steht an der Strandpromenade. In der Gründerzeit des Seebades von den Vorfahren der Wirtin errichtet, ist sie mit ihren großen Fenstern, den Säulen, Balkonen und Türmchen typisch für die Bäderarchitektur, die Bansin prägt. Fast das gesamte Erdgeschoss wird von der Gaststätte, die auch als Frühstücksraum dient, eingenommen. Zur Seeseite hin hat das Haus eine großzügige Fensterfront, die Licht hineinlässt und den Blick aufs Meer freigibt.

Der Eingang an der Bergstraße befindet sich an der Rückseite des Gebäudes. Links neben der Tür hat Sophie die Rezeption einbauen lassen und damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie kann die Pensionsgäste stilvoll empfangen und die hohe Rückwand verbirgt die Tür zur Küche und den Stammtisch. Der große, runde Tisch, der vermutlich zur Erstausstattung des Hauses gehörte, hat die jetzige Wirtin schon immer gestört. Besonders die Fischer in ihrer Arbeitskleidung waren ihrer Meinung nach dem Niveau des Restaurants abträglich. Mit zunehmendem Alkoholkonsum scheuten die sich nicht, Bemerkungen über die Gäste auszutauschen oder diese sogar anzusprechen, was Sophie manchmal in peinliche Situationen gebracht hatte. Den Stammtisch einfach abzuschaffen, verhinderte wiederum Berta, Sophies Tante und Vorgängerin. Jetzt befindet er sich in einer gemütlichen Ecke, zwischen der Rückwand des Empfangsbereiches und der Wand zur Küche. Gegenüber, neben der Küchentür, ist der Ausschank, den Sophie mit einem hohen Tresen und ein paar Hockern als Bar gestaltet hat. An der rechten Seite des Saales gelangt man ins Treppenhaus, das zu den drei Obergeschossen der Pension führt.

Im Raum sind zehn Vierertische verteilt und fünf größere Tische unter den Fenstern. Ein wunderbarer Spielplatz für die drei Kinder, die jetzt dabei sind, die Stühle zu verrücken, um sich eine »Eisenbahn« zu bauen.

Der Wirtin reicht es. Energisch geht sie zum Frühstücksbüfett und beginnt abzuräumen.

Das jüngste Familienmitglied, ein etwa dreijähriges Pummelchen mit nutellaverschmiertem Gesicht und klebrigen Fingern wollte gerade nach einer Wurstscheibe greifen und tritt Sophie ans Schienbein, als diese die Platte wegnimmt.

Mühsam beherrscht nimmt sie auch die Käseplatte aus der Reichweite des Kindes und geht erst einmal in die Küche, um tief durchzuatmen.

Dort erreicht sie der Ruf der Frau: »Könnte ich noch eine Tasse Kaffee bekommen?«

Ganz langsam stellt sie die Platten ab, zählt bis zehn, zwingt ein Lächeln in ihr Gesicht und will zurückgehen. Vor der Pendeltür bleibt sie stehen.

»Wir möchten noch …«, hört sie, dann wird die ungeduldige Stimme der Urlauberin unterbrochen.

»Unsere Frühstückszeit ist vorbei, wir müssen die Gaststätte für den Mittagstisch vorbereiten.« Tante Berta hat ihre vormittägliche Zeitungslektüre beendet und kümmert sich um die Gäste. »Ihr legt sofort die Marmelade zurück! Wirf ruhig, dann kriegst du morgen Haferflockensuppe zum Frühstück oder Schwarzbrot. Brötchen gibt es dann nämlich nicht mehr.«

Das Mädchen blickt kurz zu ihren Eltern, senkt, als von dort keine Unterstützung kommt, den erhobenen Arm und legt zögernd die Backware zurück in den Korb. »Das darfst du nicht«, versucht sie noch, sich zu behaupten.

»Doch, das darf ich«, versichert die alte Frau, packt die beiden kleinen Jungen an den Schultern und schiebt sie energisch in Richtung Familientisch. »So und jetzt raus mit euch an die frische Luft!« Sie lächelt das Ehepaar entwaffnend freundlich an. »Sehen Sie mal aus dem Fenster, es hat aufgehört zu regnen. Es ist doch schade um die schöne Urlaubszeit, die Sie hier drin vertrödeln. Wollt ihr nicht zum Strand gehen und Muscheln sammeln? Vielleicht findet ihr sogar Bernstein.«

Die Kinder zeigen sich wenig begeistert von dem Vorschlag. »Bist du die Oma von der da?«, lenkt das Mädchen vom Thema ab und zeigt mit dem Finger auf Sophie.

»Nein, die ist doch selber eine Oma.«

Der Junge blickt zwischen den Frauen hin und her. Bevor er eine andere Erklärung für die Familienähnlichkeit findet, nimmt sein Vater ihn an die Hand und schiebt mit der anderen, in der er das Smartphone hält, den Rest der Familie in Richtung Ausgang.

Zehn Minuten später lässt sich Sophie am Stammtisch nieder und atmet laut auf.

Ihre Tante hat schon zwei Tassen Kaffee hingestellt. »Du musst deinen Gästen ab und zu mal eine Ansage machen«, rät sie. »Die merken sonst gar nicht, wie unverschämt sie sind.«

»Jetzt warst du aber gerade selbst sprachlos.« Sophie lächelt. »Mir war gar nicht bewusst, dass wir uns so ähnlich sehen. Kinder sind doch manchmal erstaunlich scharfsichtig.«

»Ja, nur schade, dass die Eltern das gar nicht mitkriegen.«

»Das nennen die wahrscheinlich antiautoritäre Erziehung.«

»Ich würde es Vernachlässigung nennen.«

»Was geht es uns an?! Zum Glück reisen die morgen ab.« Sie lehnt sich zurück und seufzt zufrieden.

Berta mustert ihre Nichte wohlwollend. Ihr gefällt es, dass diese ihr nicht nur im Charakter, sondern auch im Aussehen ähnlich ist, was jetzt, wo Sophie Mitte fünfzig ist, trotz kupferrot gefärbter Haare immer deutlicher wird. Sie sind etwa gleich groß, die ältere allerdings deutlich kräftiger gebaut als die zierliche Wirtin. Das energische Kinn, eine kleine Stupsnase und vor allem die strahlend blauen Augen, die durch dunkle Wimpern und einen blassen Teint noch betont werden, haben beide gemeinsam. Für Berta ein deutlicher Beweis dafür, dass ihre Vorfahren, die zum großen Teil Seefahrer waren, von den Wikingern abstammen.

Sophie ist das ziemlich egal, zumal sie in Berlin geboren und aufgewachsen ist, dennoch hat sie sich hier an der Ostsee immer am wohlsten gefühlt. Nachdem sie vor acht Jahren die Pension von ihrer Tante übernommen und anschließend umgebaut hat, ist Bansin ihr Zuhause. Und das ist gut so. »Ich brauche dringend Urlaub«, stellt sie jetzt fest. »Am liebsten würde ich weit wegfahren, irgendwohin, wo es noch warm ist. Am Strand liegen, im Mittelmeer baden, mich im Hotel verwöhnen lassen.«

»Man sollte doch annehmen, du hättest hier genug Hotel. Und Strand auch.«

»Es ist aber schon ein Unterschied, ob man im Hotel arbeitet oder wohnt.«

»Na ja, trotzdem.« Berta schüttelt verständnislos den Kopf. »Wenn du noch sagen würdest, du möchtest mal in die Berge fahren.«

»Das musst du gerade sagen. Warst du schon mal im Gebirge?«

»Ja, Anfang der Achtzigerjahre. In Thüringen – glaub ich. Jedenfalls waren da eine Menge Berge und Burgen und Fachwerkhäuser.«

»Guck an. War’s schön?«

»Nein.« Sie überlegt eine Weile. »Eigentlich war ich froh, als ich wieder nach Hause fahren konnte. Da kriegt man Platzangst, wenn man keinen Kilometer geradeaus gucken kann. Und berghoch und bergrunter zu laufen, ist auch nichts für mich. Ich gehe lieber am Strand lang.«

»Wahrscheinlich hattest du nach einer Woche Heimweh.«

»Genau.« Berta nickt nachdrücklich. »Ich will gar nicht in den Urlaub fahren. Wozu denn auch? Der Urlaub kommt doch zu mir. Siehst du, jetzt ist die Saison vorbei, die meisten Gäste sind weg, man trifft wieder die Einheimischen auf der Straße. Es ist so schön ruhig, ganz anders als im Sommer. Und die Natur ist herrlich. Schöner kann es am Mittelmeer auch nicht sein. Im November kommen die Stürme, vielleicht kriegen wir wieder Sturmhochwasser oder die Ostsee friert zu – das ist mir Abenteuer genug. Und auch genügend Abwechslung. Ich muss nirgendwo hinfahren.«

»Na ja. Ich wollte dich auch gar nicht mitnehmen. Was sollte Bansin ohne dich machen? Stell dir vor, es passiert wieder was und du bist nicht da.«

Ihre Tante will gerade zu einer Antwort ansetzen, als sie hören, wie die Haustür geöffnet wird.

»Ich bin’s nur«, tönt ein zartes Stimmchen, bevor Sophie aufstehen und nachsehen kann. Die Person, die um die Ecke kommt, passt zur Stimme. Sie ist noch kleiner als Sophie, also nicht einmal mittelgroß, sehr schlank und wirkt trotz ihrer 32 Jahre beinahe kindlich mit schulterlangen, blondgefärbten Locken, blassblauen, immer etwas erstaunt blickenden Augen und ein paar Sommersprossen im blassen, schmalen Gesicht.

»Morgen, Evelin!« Sophie sieht auf die Uhr. »Du bist ja heute früh dran.«

»Ja, was soll ich zu Hause rumsitzen, wenn hier so viel zu tun ist. Dafür mache ich im Winter dann mal wieder früher Feierabend. Ich kann ja erst mal in die Zimmer gehen. Ist die Chaotenfamilie nicht heute abgereist?«

»Nein«, seufzt Sophie, »leider erst morgen. Aber die aus der 12 und 13 sind weg.«

»Nun setz dich erst mal hin und trinke einen Kaffee mit uns!«, unterbricht Berta die Arbeitsbesprechung. »Und mach hier keinen Stress!«

»Ich will doch nicht … Hab ich euch gestört?« Erschrocken reißt die junge Frau die Augen auf und setzt sich schnell auf den nächsten Stuhl.

Sophie schüttelt den Kopf. Warum lässt sich Evelin nur immer von Berta einschüchtern, sie müsste doch längst wissen, dass ihre Tante nicht so unfreundlich ist, wie sie tut. Jedenfalls nicht den Menschen gegenüber, die sie mag. Das sind die meisten und die kleine Kellnerin gehört im Moment dazu.

»Quatsch nicht! Hol dir einen Kaffee! Hast du überhaupt schon gefrühstückt? Ist egal«, fährt sie fort, bevor Evelin antworten kann, »in der Küche steht noch alles. Was sollen die Leute von uns denken, wenn du so verhungert aussiehst? Nun geh schon, bevor Renate alles in die Tonne schmeißt.« Beim letzten Satz grinst sie die große, kräftige Frau an, die gerade hereingekommen ist.

»Was schmeiß ich in die Tonne? Guten Morgen erst mal. Habt ihr noch Kaffee?« Renate wartet nicht auf eine Antwort, sie geht in die Küche und kommt kurz darauf im weißen Kittel, den sie im Gehen zuknöpft, zurück.

Sophie hat inzwischen zwei Tassen Kaffee geholt, stellt sie ihren beiden Angestellten hin und holt für Renate eine Zuckerdose.

Berta lehnt sich entspannt zurück. So hat sie es gern. Eine gemütliche Runde am Stammtisch und Renate hat offensichtlich Neuigkeiten zu erzählen, so aufgeregt, wie sie in ihrer Tasse rührt.

»Stellt euch vor, bei Winklers und einer weiteren Familie ist eingebrochen worden«, verkündet die Köchin dann auch. »Und genau wie damals bei den … Dings – du weißt schon.« Sie sieht Berta an. Die nickt.

»Wieder keine Spuren, die wissen gar nicht, wann es passiert ist. Haben es erst bemerkt, als sie Geld aus ihrem Geheimversteck nehmen wollten und nichts mehr da war.«

»Sicher hatten sie ein ganz tolles Versteck«, vermutet Berta sarkastisch. »Im Schlafzimmer zwischen der Bettwäsche oder in einer Dose im Küchenschrank.«

»Ist ja auch egal.« Sophie ist entsetzt. »Die Frage ist doch, wie sind die Einbrecher in die Wohnungen gekommen, ohne dass einer was gemerkt hat?«

Evelin freut sich, dass die alte Frau jetzt abgelenkt ist und nicht mehr daran denkt, dass sie was essen sollte. »Das waren bestimmt Polen«, piepst sie. »Da steht heute auch wieder was in der Zeitung drüber.«

Berta wirft einen kurzen Blick auf die Ostsee-Zeitung, die zusammengefaltet auf dem Tisch liegt, und schüttelt den Kopf. »Ja, da steht, dass sie Fahrräder geklaut haben und Jacken aus den Boutiquen. Aber die brechen nicht in Wohnungen ein, ohne dass es sofort bemerkt wird.« Sie kraust die Stirn und blickt nachdenklich aus dem Fenster, während die anderen drei Frauen weitere Vermutungen austauschen.

Als Erste schiebt Renate ihre Kaffeetasse weg und steht stöhnend auf. »So, ich muss in die Küche. Ben hat heute frei, ich muss Kartoffeln schälen und Gemüse putzen.«

»Evelin kann dir helfen«, bestimmt Sophie. »Die Gaststätte ist so weit fertig, ich mach noch schnell die beiden Zimmer sauber.«

»Und ich gehe zum Strand und guck mal, was Paul und Arno so treiben. Soll ich Fisch mitbringen, wenn sie was haben?«

»Ja, klar.« Renate stellt die Kaffeetassen zusammen und nickt energisch, während sie mit dem Hinterteil die Pendeltür zur Küche aufstößt. »Egal, was er hat. Das Mittagsgeschäft ist noch gut und es sind eine Menge Leute im Ort. Ich kann auch schon was für den Winter einfrieren.«

Am Nachmittag glaubt Sophie ein Déjà-vu zu haben. Die Eltern mit den drei Kindern sind wieder die letzten Gäste, wieder beschäftigen sich die Erwachsenen mit ihren Smartphones, während die drei Kleinen durch den Raum toben. Diesmal reicht allerdings Bertas Erscheinen, dass sie Evelin winken, um zu zahlen und dann relativ schnell verschwinden.

Die alte Wirtin hat ihren erzieherischen Erfolg gar nicht bemerkt, sie unterhält sich lebhaft mit Sophies Freundin Anne, die mit ihr zusammen ins Haus gekommen ist. Auch wenn Bertas Nichte in Berlin aufgewachsen ist, hat sie doch alle Ferien bei ihrer Tante in Bansin verbracht und immer zusammen mit Anne.

Als Berta Kelling ihren alten Familienbesitz, die Pension Kehr wieder, 1990 zurückbekommen hatte, wusste sie zunächst wenig damit anzufangen. Sie war eine einfache, wenn auch sehr gute Köchin, hatte keinerlei Erfahrung in der Marktwirtschaft – Woher denn auch? –, scheute sich, einen hohen Kredit aufzunehmen und misstraute den zahlreichen dubiosen Beratern, die plötzlich auftauchten und auf sie einredeten. Die meisten empfahlen, ihnen das Haus zu verkaufen, bevor es ganz zusammenfallen würde; die Touristen würden sowieso nicht mehr an die Ostsee, sondern lieber in den Süden fahren. Aus reinem Trotz aber auch, weil sie sich ihren Vorfahren, besonders ihrer erst kürzlich verstorbenen Mutter, gegenüber verpflichtet fühlte, behielt sie das Haus. Sie vermietete die Zimmer an anspruchslosere Gäste: ehemalige DDR-Bürger oder Arbeiter. Die Gaststätte lief weiterhin gut, besonders die Einheimischen wussten Berta Kellings Küche zu schätzen und die Preise spielten natürlich auch eine Rolle.

Zwölf Jahre später aber hatte sie eine Entscheidung treffen müssen. Sie fühlte sich mit ihren 62 Jahren zwar körperlich und auch geistig fit, war aber mit dem maroden Haus und der Gesamtsituation überfordert. Schweren Herzens entschloss sie sich, nun doch zu verkaufen. Dass Sophie dann das Haus übernahm, erschien im Nachhinein völlig logisch, es war die perfekte Lösung. Aber damals hatte niemand diese Möglichkeit ernsthaft erwogen. Sophie hatte zwar eine passende Ausbildung und sogar Tourismus studiert, aber sie plante eine Karriere in Berlin. Für Berta war es immer ein Traum gewesen, ihre Nichte irgendwann an die Ostsee zu holen. Die Bansiner Pensionswirtin hatte weder Mann noch Kind und liebte Sophie wie eine Tochter, aber gerade deshalb wollte sie ihr das alte Haus mit seinen ganzen baulichen und wirtschaftlichen Problemen nicht zumuten. Als Sophie das Kehr wieder dennoch übernahm, war sie einfach nur glücklich. Nun blieb die Pension, die Bertas Urgroßvater erbaut und in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, doch in Familienbesitz, was ihr wichtiger war, als sie zugab. Und ihr Stammtisch blieb erhalten. –Wie hätte sie ohne den leben können? Sie kann sich überhaupt nicht vorstellen, jeden Abend allein zu sein und vielleicht nur vor dem Fernseher zu sitzen. Hier trifft sie alle Menschen, die ihr wichtig sind und die sie mag. Und auch andere, die sie weniger mag, aber auch von denen erfährt sie, was in Bansin so vor sich geht. Auch wenn Sophie manchmal vorwurfsvoll oder verächtlich von »Klatsch und Tratsch« redet, das ist Berta egal. Sie muss wissen, was im Ort passiert, und glaubt auch nicht, dass es etwas gibt, was sie nichts angeht. Sie ist sehr geschickt darin, die Leute auszufragen. Was sie davon weitererzählt, überlegt sie sich genau. Bisher ist sie mit dieser Taktik gut gefahren, das muss sogar Sophie zugeben, nachdem ihre Tante mehrere Verbrechen aufgeklärt hat.

Sophie war die Entscheidung Anfang der 2000er nicht leichtgefallen. Sie wusste um das Risiko, als sie einen hohen Kredit aufnahm, um die Pension von innen zu modernisieren und völlig umzubauen. Erschwerend war hinzugekommen, dass das denkmalgeschützte Haus an der Außenfassade nicht verändert, sondern nur restauriert werden durfte, was die Sache nicht einfacher aber vor allem noch teurer machte. Aber gleich mehrere Argumente hatten dafür gesprochen, es doch zu wagen. Der Standort des Hauses direkt an der Strandpromenade mit Blick auf die Ostsee hätte nicht besser sein können. Dann Bansin selbst, das mit seiner schönen Bäderarchitektur noch immer die Eleganz der Gründerzeit des Seebades erahnen ließ und mittlerweile wieder zu einem beliebten Kurort geworden war. Dazu der breite weiße Strand, die angrenzende Steilküste, der Buchenwald, der den Ort umgibt – nicht nur Berta, auch Sophie konnte sich vorstellen, hier den Rest ihres Lebens zu verbringen.

Und natürlich verbringt sie gern Zeit mit ihrer Tante. Schon als Kind hat sie sich, wenn sie Probleme hatte, an sie gewandt, Berta wusste immer Rat und hat nie versucht, sie zu erziehen, hier fühlte sie sich geborgen und verstanden.

Zu Bansin gehört auch Anne, ihre beste Freundin seit der Kindheit, obwohl sie sich früher nur in den Ferien sahen. Inzwischen ist Anne Wiesner 1,85 m groß und fast doppelt so schwer wie ihre zierliche Freundin. Im Gegensatz zu Sophies gefärbten Haaren ist ihre Mähne naturrot, wenn auch inzwischen etwas ausgeblichen und von etwas Grau durchzogen. Sie lebt allein, ihre Familie sind Berta und Sophie, das Kehr wieder ist ihr Zuhause.

Anne lässt sich jetzt auf einen Stuhl am Stammtisch fallen, atmet laut auf und sagt: »Gott sei Dank, Feierabend! Ich hatte so bescheuerte Gäste heute, das glaubt ihr nicht.«

»Hast du schon Mittag gegessen?«, unterbricht Sophie, bevor ihre Freundin ins Detail geht.

»Ja, ich war in Kamminke, bei der Fischräucherei. Hab super leckeren Lachs gegessen.«

»Na, dann solltest du doch bessere Laune haben. – Danke!« Berta nickt ihrer Nichte zu, die ihr eine Tasse Kaffee hingestellt hat. Auch Anne bekommt eine, dann setzt sich Sophie zu den beiden.

»Ach, ich hab einfach die Schnauze voll. Entweder werden die Gäste immer bekloppter oder ich werde alt. Ich habe keine Nerven mehr für die blöden Fragen und das Gemecker.« Sie nippt missmutig an ihrer Tasse. »Oder ich bin einfach urlaubsreif«, vermutet sie dann. »Im Frühjahr kann ich die Leute immer viel besser leiden.«

»Das Thema hatten wir heute schon«, bemerkt Sophie. »Mir geht es nämlich genauso.«

»Ja, dann fahrt doch einfach mal weg! Ihr redet immer nur davon. Es ist jedes Jahr das gleiche mit euch«, murrt Berta.

»Also im Moment geht es noch nicht. Bis Ende November habe ich jede Menge Aufträge.« Anne ist Gästeführerin auf Usedom. Sie fährt mit Reisegruppen über die Insel und erzählt dabei über die Geschichte und die Gegenwart. Meist macht es ihr Spaß, aber nach einer anstrengenden Saison kann sie sich manchmal selbst nicht mehr hören.

»Ich habe auch noch einige Buchungen. Im November hab ich zwei Reisegruppen im Haus. Außerdem einige Familienfeiern in der Gaststätte. Wie wäre es denn im Dezember?«

»Ihr wollt mich doch wohl in der Adventszeit nicht alleine lassen?« Berta ist empört.

»Dann komm doch einfach mit!«, schlägt Anne vor. »Wir fahren irgendwo hin, wo es warm ist und du am Strand liegen und im Meer baden kannst.« Sie grinst bei der Vorstellung und fängt einen vernichtenden Blick der alten Frau ein.

»Mir gefällt das Wetter hier ausgezeichnet, auch im Dezember. Außerdem will ich gar nicht wegfahren. Ich habe schließlich das ganze Jahr Urlaub.«

»Es könnte ja auch wieder was passieren in Bansin und du wärst nicht da. Eine Katastrophe!« Anne hat den gleichen Gedanken wie Sophie am Vormittag.

Die protestiert jetzt aber. »Beschrei es bloß nicht! Ich hoffe doch, wir haben mit den ganzen Gangstern hier gründlich aufgeräumt.«

»Also, ich weiß nicht«, Berta sieht nachdenklich zu Evelin hinüber, die gerade dabei ist, Tischtücher zu wechseln und die Gaststätte aufzuräumen. »Ich glaube nicht, dass die Polen etwas mit diesen Einbrüchen zu tun haben. Da steckt vermutlich mehr dahinter, als wir denken.«

»Was für Einbrüche? Davon weiß ich ja gar nichts.« Anne ist erstaunt.

»Es waren ja erst zwei«, wiegelt Sophie ab und verdreht leicht die Augen. Sie befürchtet, dass ihre Tante Langeweile hat und mal wieder ein Verbrechen aufklären möchte. Wenn es keins gibt, erfindet sie es eben oder deutet in einen harmlosen Diebstahl mehr hinein.

»Ich weiß schon, was du denkst«, stellt Berta ganz richtig fest, »aber glaub mir, ich habe eine Nase dafür.«

»Na ja«, versucht Anne zu vermitteln, »es wird ja gern alles auf die Polen geschoben. Aber woher willst du wissen, dass sie es nicht waren?«

»Weil der Dieb vermutlich einen Schlüssel hatte oder einen anderen Zugang zur Wohnung, sodass es nicht gleich aufgefallen ist. Beim ersten Mal dachte ich, es wäre ein Diebstahl innerhalb der Familie oder im Bekanntenkreis, also jemand, der sich ganz normal im Haus aufhalten konnte und dann das Geld und den Schmuck gestohlen hat. Aber jetzt deutet sich eine Serie an. Da scheint jemand sehr raffiniert vorzugehen.«

»Zwei Vorfälle würde ich ja nun nicht als Serie bezeichnen«, protestiert Sophie.

»Ich weiß zumindest von einem weiteren Vorfall.« Berta beugt sich über den Tisch und spricht etwas leiser weiter: »Eine ehemalige Kollegin hat mir das erzählt. Sie hat ihren Schwiegersohn im Verdacht und wollte meine Meinung dazu wissen. Ich glaube nicht, dass er es war. Und wer weiß, wie oft das noch vorgekommen ist. Die Leute reden nicht darüber, wenn sie glauben, einer aus der Familie hat sie beklaut.«

»Das ist ja fies.« Anne ist empört. »Aber was denkst du denn, wie der Dieb in die Wohnungen kommt?«

»Genau das würde ich gern herausfinden.«

Mittwoch, 9. Oktober

Der Sand und die Steine sind noch nass vom Regen, aber jetzt leuchten die bunten Blätter in der Sonne. Berta geht ein paar Schritte auf die Seebrücke, um an der Küste entlang und über die Ostsee zu blicken. Man kann ungewöhnlich weit sehen, wie oft in der klaren Herbstluft. Deutlich erkennt sie die Steilküste der Nachbarinsel Wollin, das polnische Seebad Misdroy, die Mole und die großen Hotelbauten in Swinemünde. Die Frau legt die Unterarme auf das hölzerne Brückengeländer und genießt den Ausblick. Sie bewundert, wie schon tausende Male in ihrem Leben, die großen, leuchtend weißen Möwen, die zwischen den Muschelschalen am Ufer picken oder flach über das Wasser schweben und beobachtet mit weniger Sympathie den riesigen Kormoranschwarm.

Der erinnert sie an ihr eigentliches Ziel. Sie geht zurück auf die Strandpromenade, am Haus des Gastes vorbei zu den Fischerhütten am westlichen Ortsrand. Noch bevor es Bansin überhaupt gab, vor hundertdreißig Jahren etwa, standen die Arbeitsstätten der Fischer direkt am Strand entlang bis zur heutigen Ortsmitte. Dann wurden die Promenade angelegt und die Pensionen erbaut. Deren Besitzer störten sich schließlich an den einfachen Hütten mit den zum Trocknen gespannten Netzen ringsherum, an den Fischern und ihren Frauen in Arbeitskleidung und an den auf den Strand gezogenen Booten. Diesen Anblick wollten sie ihren vornehmen Gästen nicht zumuten. Noch mehr störte der Lärm, den die Fischer machten, wenn sie schon am frühen Morgen mit ihren Holzpantoffeln über die Promenade klapperten. Deshalb wurden sie mit ihren Arbeitsstätten und -geräten, mit ihren Hering pulenden und Netze flickenden Frauen und der zahlreichen, barfüßigen, lärmenden Kinderschar an den Ortsrand verbannt. Jetzt konnten die Gäste in Ruhe ausschlafen. Eine lange Baracke wurde errichtet, zur Promenade hin hat sie eine geschlossene Holzwand, das Leben spielte sich an der Seeseite ab. Dünen schützen vor der Sicht vom Strand aus und auch ein wenig vor dem Seewind. Manchmal sogar vor der Ostsee, wenn ein kräftiger Nordoststurm das Wasser auf die Küste drückt.

Jetzt stehen die meisten der aneinandergereihten Hütten leer oder sind zweckentfremdet. Paul Plötz und sein Gehilfe Arno Potenberg sind fast die letzten Fischer, die hier noch arbeiten. Die Tür zur Hütte steht offen, ein Zeichen, dass der kleine eiserne Ofen noch nicht in Betrieb ist. Das kann aber nicht mehr lange dauern, Paul Plötz liebt die Wärme. Deshalb trinkt er Grog. Er trinkt im Sommer Grog und im Winter, wenn der alte verbeulte Kessel mit heißem Wasser ständig auf dem Ofen steht und leise vor sich hin summt. »Um die alten Knochen aufzuwärmen, damit sie nicht steif werden«, wie er Berta erklärt hat, »und um den ganzen Ärger runterzuspülen.« Berta hatte ganz automatisch und wider besseren Wissens den banalen Spruch »Alkohol löst keine Probleme« von sich gegeben und die Antwort »Das tut Tee auch nicht« schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Was soll’s? Probleme hat der Fischer genug, und wenn er die mit Alkohol leichter bewältigt, dann ist das eben so. Und Berta ist die Letzte, die ihn in dieser Hinsicht belehren darf, denn eine Menge von dem, was er getrunken hat, hat sie ihm verkauft.

Die beiden kennen sich seit mehr als fünfzig Jahren. Schon als Plötz um die zwanzig war, hat er zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder hier gefischt. Die acht Jahre ältere Berta war Köchin in einem FDGB-Erholungsheim. Es war das Haus, das unter dem Namen Kehr wieder ihrer Familie gehört hatte, in dem sie aufgewachsen war und das nun Fortschritt hieß. »Das Einzige, was hier fortschreitet, ist der Verfall«, stellte ihre Mutter immer wieder fest. Sie wohnte noch immer im Dachgeschoss des Hauses, krank und verbittert, voller Hass auf den Staat und auf die Verwalter »ihrer Pension«. Das Gebäude verfiel vor ihren Augen, ständig waren Gäste da – Urlauber im Sommer, Kurgäste im Winter –, es war weder Zeit, noch war Geld oder Material vorhanden, es instand zu halten. Nur das Allernötigste wurde repariert und es wurde so, wie man es ihrer Familie weggenommen hatte, einfach heruntergewohnt. Bertas größter Kummer ist, dass ihre Mutter nicht mehr erlebt hatte, dass die Pension wieder in Familienbesitz gekommen und unter dem alten Namen Kehr wieder in neuem Glanz erstrahlt war.

Die einzige Freude, die sie damals ihrer Mutter machen konnte, war frischer Fisch, den sie mit nach Hause brachte. Für Urlauber war es schwer, den oder gar einen Räucheraal zu bekommen, aber von den Einheimischen hatte jeder »seinen« Fischer. Für Berta war es die Familie Plötz. Sie hatten in der langen Baracke zwei Buden nebeneinander. Berta erinnert sich noch gut an das lebhafte Treiben hier zwischen den Dünen und den Hütten. Da lagen die großen Boote, es waren Baumwollnetze und Gummijacken zum Trocknen gespannt, Fischerfrauen besteckten die Aalangeln oder pulten Hering aus den Netzen, hier und da qualmte ein Räucherofen, dazwischen spielten die zahlreichen Kinder.

Zeitweise hatte es über 60 aktive Fischer in Bansin gegeben. Inzwischen ist es ruhig geworden. Pauls Vater ist tot, sein Bruder hat, wie die meisten Bansiner Fischer, längst aufgegeben. Paul hat aus den beiden Buden eine gemacht, die dünne Bretterwand dazwischen herausgerissen, weshalb der Ofen jetzt auch nicht mehr an der Wand, sondern in der Mitte der Hütte steht. Er sitzt daneben in seinem alten Sessel, versucht sich eine Zigarette anzustecken und ist wütend, weil das Feuerzeug nicht funktioniert und überhaupt … »Frag gar nicht erst!«, fährt er Berta an, bevor die etwas sagen kann. »Ich hab keinen Dorsch, weil ich keinen Dorsch haben darf, verdammich. Und weil der Fischmeister hier dauernd umherschleicht.«

»Guten Morgen! Ich will gar keinen Dorsch. Hab ich was von Dorsch gesagt?«

»Hast du. Du willst Fischbuletten machen, hast du gesagt. Und wovon? Von Hering vielleicht?«

»Das hab ich vor drei Wochen gesagt, da war noch keine Rede davon, dass ihr keinen Dorsch mehr fischen dürft.«

»Kann ich was dafür, dass du deine Meinung alle Augenblicke änderst? Also keine Fischbuletten. Was denn?« Immer noch wütend wirft er das leere Feuerzeug in eine Ecke auf einen Berg alter Netze, nimmt die kalte Zigarette aus dem Mund und lehnt sich seufzend zurück. »Macht alles keinen Spaß mehr, Berta. Wir sollten erst mal einen schönen steifen Grog trinken.«

Die Frau winkt ab und setzt sich auf einen alten Küchenstuhl. »Ist mir noch zu früh.«

»Was meinst du? Noch zu früh am Tag oder noch nicht kalt genug?«

»Beides. Du, sag mal, hast du was von diesen mysteriösen Einbrüchen im Ort gehört? Oder bei euch im Dorf?«

»Einbrüche bei uns in Sallenthin? Nee, das wüsste ich. Und in Bansin? Ja, du, da war was.« Er blickt nachdenklich zu seinem Kollegen Arno Potenberg, der gerade mit einer Kiste voller Fisch hereinkommt.

Arno ist hager und sehr groß, er muss den Kopf einziehen, wenn er durch die Tür der niedrigen Hütte tritt. Alles an ihm ist groß: seine Hände, seine Füße und seine Nase. Trotzdem wirkt er nicht plump, sondern freundlich und intelligent. Sein volles blondes Haar ist gepflegt und gut geschnitten, das schmale Gesicht wird von hellen, klugen Augen dominiert. Er stellt die Kiste auf einer Bank ab. »Morgen, Berta! Braucht ihr Fisch? Wir haben zwei schöne Schnäpel, die kannst du haben. Ein paar Flundern und die Heringe will ich räuchern. Oder wollt ihr was zum Braten?«

»Nein, lass mal! Die kannst du am Stand verkaufen, sind ja noch genug Gäste da. Die Schnäpel nehm ich gern.« Berta lächelt den Mann wohlwollend an. Er hat seit Jahren ein mehr oder weniger festes Verhältnis mit ihrer Nichte Sophie. Mit Höhen und Tiefen und einigen Unterbrechungen – Sophie hat Bindungsangst und manchmal stört es sie, dass Arno elf Jahre jünger ist. Aber Berta findet, die beiden passen perfekt zusammen.

Den alten Fischer interessiert das Gespräch der beiden nicht sonderlich, schon seit einiger Zeit überlässt er alles Geschäftliche seinem jüngeren Kollegen. Er denkt stattdessen über Bertas Frage nach. »Arno, wer hat das neulich erzählt, dass bei ihm eingebrochen wurde und die haben das erst gar nicht gemerkt? Weißt du das noch? Das war doch irgendwie komisch.«

»Ja.« Arno streicht mit dem Finger an seiner Nase entlang, eine Geste, die ihm beim Erinnern hilft. »Ich weiß nicht, wie der heißt, ein Bansiner war das jedenfalls, der so was erzählt hat. Der ist mit seiner Frau auch oft bei euch im Kehr wieder zum Essen. Die hatten erst den Nachbarn in Verdacht, aber dann hat sich das Ehepaar gegenseitig verdächtigt, weil nur Bargeld fehlte und … ach, ich weiß das nicht mehr, so eine Familiengeschichte eben. Warum fragt ihr danach?«

Berta will es gerade erklären, als Arno durch die Tür hinunter zum Strand blickt. »Was ist denn da los?« Er geht hinaus.

Berta und Paul folgen ihm durch die Dünen zum Ufer. Eine kleine Gruppe Strandspaziergänger steht dort um etwas herum, eine Frau fängt ihren Hund ein und legt ihn an die Leine, ein junger Mann nimmt ein kleines Kind hoch und trägt es schnell weg. Eine ältere Frau verbirgt ihr Gesicht an der Schulter ihres Mannes, eine andere schlägt entsetzt eine Hand vor den Mund und auch die anderen Umstehenden wirken verstört. Jetzt hört man auch von der Strandpromenade her das Signal eines Rettungswagens.

Berta und die beiden Fischer bleiben einige Meter vor der Gruppe stehen, als zwei Polizisten von der anderen Seite her über den Strand gelaufen kommen. Einer von ihnen ist Fred Müller, der Ortspolizist, den Berta schon seit seiner Kindheit kennt. Er nickt ihr einen Gruß zu und deutet kurz mit dem Kopf in Richtung der Fischerhütten.

Berta versteht. »Kommt!«, fordert sie die Männer auf. »Wir gehen in die Bude. Wir erfahren noch früh genug, was los ist.«

Eine halbe Stunde später duckt sich der große, kräftige Mann in Polizeiuniform unter der Tür durch. Er hält die Mütze in der Hand, streicht sich über das kurze blonde Haar und sieht Berta bedrückt an. »Es handelt sich um Frau Hagemeister. Wahrscheinlich Selbstmord. Sie muss gestern Abend von der Brücke gesprungen sein.«

»Ach nein, doch nicht sie.« Die alte Frau hat Tränen in den Augen, auch Paul Plötz schluckt.

»Wir wissen noch nichts weiter. Aber es sieht nicht nach Fremdverschulden aus. Ich muss dann aber auch wieder …«

»Ja, natürlich. Danke, Fred.«

Arno hat schweigend Grogwasser aufgesetzt, was er selten ohne Aufforderung tut. Die beiden Alten sehen aus, als bräuchten sie ihr Allheilmittel. Er selbst kannte die Frau nicht, zumindest nicht dem Namen nach. »Eine Bansinerin?«, fragt er leise.

»Ja.« Berta nickt, schnieft ein bisschen und schnäuzt sich dann ausgiebig in ihr Taschentuch.

Paul Plötz wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. »Ich kenn sie schon seit der Schule. Die war ein bisschen älter als ich«, erklärt er. »War mal ein hübsches Mädchen. Bisschen … na ja«, er verkneift sich, was er eigentlich sagen wollte, »bisschen naiv und gutgläubig, aber immer lieb und nett. So eine Frau, die man in den Arm nehmen und beschützen möchte.«

»Ja, genau.« Berta nickt nachdrücklich. »Die Hellste war sie sicher nicht. Aber sie war so freundlich und hilfsbereit, hat nie schlecht von jemandem gesprochen.«

»Und trotzdem hatte sie am Ende niemanden, der ihr helfen konnte«, stellt Arno fest, während er großzügig Rum in zwei dickwandigen Gläsern verteilt.

»Hat sie nicht eine Tochter?«, überlegt Plötz. »Wie heißt die noch? Die ist doch verheiratet mit dem …«

»Ja, genau, mit einem Koch. Der ist Kroate oder Slowake, glaube ich. Ist aber schon lange hier. Wie heißt er noch? David? Mario? Paul, ich werde alt. Mein Gedächtnis lässt mich langsam im Stich.«

»Wem sagst du das, Berta. Mit den Namen krieg ich auch Probleme. Aber ich weiß, wen du meinst. Haben die sich nicht gerade selbstständig gemacht?«

»Richtig, die haben die kleine Gaststätte in der Seestraße gepachtet. Danke, Arno.«

Während der junge Fischer hinausgeht, um endlich seinen Räucherofen zu bestücken, rühren die beiden Alten traurig in ihren Groggläsern. Sie denken daran, wie verzweifelt Frau Hagemeister gewesen sein muss.

»Ich kann es mir einfach nicht vorstellen«, sagt Berta dann auch am Abend am Stammtisch im Kehr wieder, »sie war gar nicht der Typ dazu.«

»Was für ein Typ muss man denn sein, um nachts von der Seebrücke in die kalte Ostsee zu springen?«, wundert sich ihre Nichte.

»Na ja, einsam, depressiv, zumindest unglücklich.«

»Und woher weißt du, dass sie das nicht war? Kanntest du sie so gut?«

»Nicht wirklich. Aber ich hab schon manchmal mit ihr geredet, wenn wir uns im Ort getroffen haben. Ich hatte nie den Eindruck, dass sie Probleme hätte. Sie wirkte immer zufrieden mit sich und der Welt. Sie war so stolz auf ihre Tochter und ihren Schwiegersohn und hat immer von dem kleinen Enkel erzählt. – Ich versteh es einfach nicht. Was ist da passiert?«

»Vielleicht hat sie die heile Welt nur vorgespielt«, mischt sich Gesa Huber ein und wirft über ihr Bierglas hinweg einen spöttischen Blick auf die alte Wirtin. »Du kannst auch keinem hinter die Stirn gucken und glaubst es gerne, wenn dir einer erzählt, alles ist super und das reinste Paradies.« Die hagere 65-Jährige hat ihr pechschwarz gefärbtes Haar im Stil der 60er-Jahre hochtoupiert und mit viel Haarspray fixiert. Der große gierige Mund ist dick mit dunkelrotem Lippenstift bemalt, die dunklen Augen wirken durch zu viel schwarzes Make-up klein und stechend. Ihre Kleidung soll sexy sein, wirkt aber nur billig. Der tiefe Ausschnitt ihres knallengen roten Pullis zeigt ein hervorstehendes Schlüsselbein und den faltigen Ansatz eines kleinen, hängenden Busens. Sie stellt einen peinlichen Kontrast dar zwischen Verführerisch-sein-wollen und es nicht zu sein. Das ebenmäßige Gesicht ist entstellt durch den Ausdruck ständiger Unzufriedenheit, der Mund immer zum Nörgeln verzogen. Sie ist vom Leben tief enttäuscht, fühlt sich ungerecht behandelt und hasst die Menschen, denen es besser geht als ihr. Und das sind ihrer Meinung nach alle, die nicht dauernd klagen, die gern lachen und freundlich miteinander umgehen.

Berta schweigt nachdenklich. Sie bemüht sich, ihre Antipathie nicht zu zeigen. Schon, weil Sophie und Anne die Frau nicht ausstehen können. Einer muss doch freundlich zu ihr sein, man kann einen Menschen, der niemanden weiter hat und so unglücklich ist, nicht auch noch aus der Stammkneipe vergraulen. Aber leicht macht sie es einem wirklich nicht, sie zu mögen.

Gesa Huber war vor vierzig Jahren eine auffallend schöne Frau. Groß und schlank, mit langen, glänzend schwarzen Haaren und einem hübschen Gesicht. Damals hat sie als Kellnerin im Erholungsheim Fortschritt gearbeitet. Die Männer waren verrückt nach ihr und sie hat das schamlos ausgenutzt. Und dennoch hat sie alles falsch gemacht. Für eine Karriere genügte die Sympathie der Vorgesetzten nicht, wie sie gehofft hatte. Sie hätte ihre Chancen nutzen, sich weiterbilden, Prüfungen ablegen müssen. Dazu war sie zu dumm und zu faul. Ihr Wunsch, in einem Büro zu sitzen und Anweisungen zu geben, hat sich nie erfüllt. Sie blieb eine einfache Serviererin und nach der Wende musste sie froh sein, in diesem Beruf noch eine Stelle zu bekommen. Fast jeden Winter war sie arbeitslos und bekommt deshalb nur eine niedrige Rente. Auch privat lief es nicht so, wie sie es sich erträumt hatte. Die von ihr bevorzugten Männer – in höheren Positionen, mit Geld und Einfluss – hatten den Nachteil, dass sie meistens verheiratet waren. Es gelang ihr zwar, in einigen Ehen Unruhe zu stiften, eine sogar zu zerstören, aber letztendlich ließ sich niemand an sie binden. Sie war zwar hübsch, aber eben doch ziemlich dumm und leicht durchschaubar. So war sie nie verheiratet, Berta kann sich auch nicht erinnern, dass sie mal länger mit einem Mann zusammengelebt hätte. Eines kann man ihr jedoch nicht nachsagen, nämlich, dass sie schwatzhaft wäre. Was sie sagt, ist immer genau überlegt. Meist gelingt es ihr, sich selbst positiv darzustellen, vor allem, indem sie schlecht über andere spricht. Wer der Vater ihrer Tochter Evelin ist, ist ihr am besten gehütetes Geheimnis.

Nicht einmal Berta weiß das genau. Und das will etwas heißen! Allerdings hat sie einen Verdacht, über den sie aber noch nie gesprochen hat. Das wird sich schon noch mal ergeben, bisher hat sie noch alles erfahren, was sie wirklich wissen wollte. Vielleicht ist es aber auch nicht so wichtig und für Evelin sogar besser, wenn sie es nicht weiß. Berta blickt zu der jungen Kellnerin hinüber, die gerade an einem Tisch die Bestellung der Gäste aufnimmt. Sie hat kaum Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, nur die schlanke Figur hat sie geerbt und die vollen Lippen. Aber ihre Nase ist zu groß für das schmale Gesicht, sie hat ein paar Sommersprossen und rote Haare, die allerdings blond gefärbt sind. Und ihre Augen sind blassblau, im Gegensatz zu den dunklen Augen ihrer Mutter.

Die beiden haben kein gutes Verhältnis, sie reden kaum miteinander. Gesa war noch nie eine gute Mutter, Zärtlichkeit und Liebkosungen hat ihre Tochter kaum bekommen, selten ein freundliches Wort. Ihre Erziehung bestand darin, dass sie das Kind angeschnauzt oder verspottet hat. Noch heute scheint Evelin die Frau mehr zu fürchten, als zu lieben.

»… oder glaubst du, sie ist gar nicht freiwillig in die Ostsee gesprungen? Wurde sie vielleicht ermordet?« Gesa reißt Berta aus ihren Gedanken und spricht genau das aus, was schon die ganze Zeit als vager Verdacht über dem Stammtisch schwebte.

Sophie stöhnt: »Also wirklich, nicht schon wieder! Bansin ist doch nicht Klein-Chicago. Mir reichen schon diese seltsamen Einbrüche. Bitte, Tante Berta, beschäftige dich damit und fang nicht wieder an, einen Mörder zu suchen!«

»Was kann ich dafür? Ich erfinde die Mörder doch nicht. Und ich locke sie auch nicht her. Im Gegenteil.«

»Was denn für Einbrüche?«, unterbricht Gesa. »Ist bei euch eingebrochen worden?«

»Nein, bei uns nicht. Bei anderen im Ort.«

»Ach so.« Das interessiert sie nicht sonderlich. »Wahrscheinlich waren es die Polen.«

»Nein, wahrscheinlich waren es keine Polen«, widerspricht Berta etwas scharf. »Vielleicht war es sogar jemand, den wir kennen«, denkt sie laut über einen Verdacht nach, den sie bisher noch mit niemandem geteilt hat. »Bisher waren alle, die auf diese Art bestohlen wurden, Gäste von uns.«

»Was soll das denn heißen?« Sophie ist entsetzt.

»Ich weiß auch nicht. Wahrscheinlich ist es ein Zufall. Nun reg dich nicht auf! Andererseits – irgendwie läutet da was bei mir. Das gab es schon mal, aber das ist lange her.«

Sie sieht Gesa an, der jetzt die blanke Panik im Gesicht steht. »Du glaubst doch nicht …«, stammelt sie.

»Ich weiß nicht, ich muss noch mal darüber nachdenken, wie das war. Es ist ja immerhin … Warte mal! … jedenfalls über dreißig Jahre her.«

Sophie beobachtet die Älteren gespannt. Es freut sie, dass Gesa Huber offensichtlich in Schwierigkeiten steckt, und sie wüsste gern, in welchen. Aber leider reden die beiden nicht weiter, sehen sich nur an, die eine nachdenklich, die andere ängstlich.

Sie denken an dasselbe Ereignis im Sommer 1988.

Dass Gesa Huber blass vor Angst ist, kann man unter dem ganzen Make-up nicht erkennen, auch nicht, dass ihr das Herz bis zum Hals schlägt. Es kann doch nicht sein, dass die Vergangenheit sie wieder einholt, gerade jetzt, wo sie meint, ihren Ruf einigermaßen aufpoliert zu haben. ›Berta Kelling hat anscheinend ein Gedächtnis wie ein Elefant‹, überlegt Gesa. ›Ob sie wohl mit ihrer eingebildeten Nichte Sophie und der anderen blöden Gans, diesem Trampel Anne Wiesner, darüber redet? Eigentlich hat sie sich mir gegenüber bisher immer fair verhalten. Aber anscheinend verdächtigt sie mich, hinter diesen Einbrüchen zu stecken. Dabei habe ich diesmal wirklich nichts damit zu tun.‹ – »Zahlen«, herrscht sie Sophie an und holt mit zitternden Händen ihr großes rotes Portemonnaie aus der billigen Handtasche. ›Ganz ruhig!‹, redet sie sich selbst in Gedanken zu. ›Erst mal hier raus. Zu Hause muss ich in Ruhe nachdenken. Wie sie mich anglotzen, diese blöden Schnepfen.‹ Noch mehr als Annes neugieriger, beunruhigt sie Bertas mitleidiger Blick.

»Was war das denn mit Gesa?« Sophie hat die Haustür hinter Evelin geschlossen und die meisten Lichter im Raum ausgeschaltet. Nur die Lampe über dem Stammtisch ist noch an und schafft eine kleine gemütliche Insel.

Berta hat sich leise mit Anne unterhalten, als ihre Nichte sich mit einer Rotweinschorle dazusetzt und das Gespräch mit ihrer Frage unterbricht. Die alte Frau überlegt einen Moment, bevor sie den beiden Jüngeren von den Vorfällen vor mehr als dreißig Jahren erzählt. Vielleicht hat es ja wirklich mit den gegenwärtigen Einbrüchen zu tun. Außerdem widerstrebt es ihr, Geheimnisse mit Gesa Huber zu haben. Auch wenn sie es sich nicht so anmerken lässt, mag sie die Frau genauso wenig wie die anderen. Dass sie so verächtlich und mitleidlos über die tote Frau Hagemeister gesprochen hat, ärgert sie ganz besonders. »Aber erzählt es nicht Evelin!«, bittet sie trotzdem. »Die hat auch so schon genug Probleme mit ihrer Mutter.«

»Ja, sie kann einem leidtun«, bestätigt Sophie. »Sie ist so schüchtern und hat überhaupt kein Selbstwertgefühl. Bestimmt, weil die Alte sie immer nur runtergemacht hat.«

»Ob sie einen Freund hat?«, überlegt Anne. »Ich hatte mal den Eindruck, da läuft was mit Ben. Aber warum sollten die beiden ein Geheimnis daraus machen?«

»Wäre doch schön. Ich finde, die beiden passen gut zusammen.« Berta, die selbst nie verheiratet war, liebt harmonische Verhältnisse. Besonders, wenn sie durch ihre Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe dazu beitragen und zwei Leute, die gut zueinander passen, verkuppeln kann. »Evelin hat bestimmt einen guten Einfluss auf Ben. Ich finde, in letzter Zeit ist er doch ganz vernünftig, oder?«

»Na ja.« Sophie ist skeptisch. Sie mag den jungen Mann, den sie nur auf Drängen ihrer Tante als Küchenhilfe und Hausmeister eingestellt hat, nicht besonders. »Nach der Abmahnung reißt er sich schon ein bisschen zusammen, zumindest ist er nicht mehr so frech zu Renate. Er geht auch nicht mehr ganz so oft raus zum Rauchen. Aber er kommt mir immer wie eine tickende Zeitbombe vor. Ein falsches Wort und er explodiert wieder.«

»Er ist eben ein bisschen impulsiv, aber doch kein schlechter Kerl«, beschwichtigt Berta. »Seine Eltern sind so herzensgute Menschen. Sie haben ihn nur ziemlich verwöhnt. Er hat nie gelernt, sich für etwas anzustrengen und mal zurückzustecken. Deshalb ist aus seinen ganzen hochfliegenden Träumen nichts geworden. Und nun fühlt er sich von der Welt ungerecht behandelt. Aber dass er sich jetzt zusammennimmt, zeigt doch seinen guten Willen.«

»Oder er will hier nicht rausfliegen, weil er in Evelin verknallt ist«, vermutet Anne, die aus Erfahrung weniger an das Gute im Menschen glaubt.

Sonnabend, 12. Oktober

Hinter der Hausecke, wo man vom kalten Ostwind geschützt sitzt, ist es noch angenehm warm. Evelin lehnt sich an die Mauer, blinzelt in die Sonne und zieht genüsslich an ihrer Zigarette.

Ben Schmied steht ein paar Schritte von ihr entfernt auf einen Laubbesen gelehnt. Der 35-Jährige ist ein mittelgroßer, schlanker Mann mit glattem, ungepflegtem Haar. Die schmale, gebogene Nase und das fliehende Kinn geben seinem Gesicht etwas Raubvogelhaftes. Er blickt sich vorsichtig um, bevor er ganz nah an die Kellnerin herantritt.

»Spinnst du?« Die Frau weicht aus, als er sie küssen will. »Die verdächtigen uns sowieso schon.«

»Was? Wieso?« Erschrocken tritt er einen Schritt zurück.

»Nein, nicht, was du denkst. Aber dass wir was miteinander haben.«

»Na und? Wär das so schlimm, wenn sie es wüssten? Dann bräuchten wir uns nicht immer zu verstecken.«

»Nein, auf keinen Fall. Dann kommen sie uns irgendwann auf die Schliche. Es läuft gerade so gut, wir dürfen nichts riskieren. Lass die glauben, wir können uns nicht leiden, das ist unsere beste Tarnung.«

»Ich weiß nicht«, murrt der Mann. »Ich glaube, du übertreibst. Niemand ahnt etwas. Die halten uns doch sowieso für ein bisschen blöd.«

Evelin nickt und lacht verächtlich. »Das sollen sie auch. Aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Die Alte, Berta, ist schlau. – Aber wir sind schlauer«, fügt sie zufrieden hinzu.

Ben lehnt den Laubbesen an die Wand und tritt ärgerlich dagegen. »Die hat auch Schuld, dass ich keinen Laubbläser kriege, sondern wie ein Steinzeitmensch hier mit der blöden Harke herumlaufe. ›Das Ding macht nur unnötigen Lärm und stört die Tiere …‹ Die spinnt doch, die Alte! Am liebsten würde ich alles hinschmeißen.«

»Komm, halt noch ein bisschen durch!« Auch Evelin sieht sich nach allen Seiten um, bevor sie leise und verschwörerisch auf ihren Freund einredet: »Wir haben doch schon so viel Geld zusammen. Und den Schmuck, den können wir auch noch verkaufen. Denk immer an die Zukunft, dann macht dir das alles hier nichts aus. Da stehen wir doch drüber.«

»Ja, und du?« Ben lacht leise. »Du kannst dich doch auch nicht immer zusammenreißen. Wer hat denn das Essen versalzen, über das sich die Hotelgäste beschwert haben? Renate sicher nicht. Ich hatte nur Glück, dass ich hier draußen war, sonst hätten sie doch gleich wieder mich verdächtigt.«

»Das wusste ich doch. Ich konnte es eben einfach nicht mehr ertragen, wie die Renate gelobt haben: ›Die beste Köchin in Bansin.‹ – ›Wir haben noch nie so leckere Fischsuppe gegessen.‹ – Das ist doch nicht mit anzuhören!« Evelin kichert. »Na, die Suppe habe ich ihnen gründlich versalzen, im wahrsten Sinne des Wortes. Am Ende hat Renate selbst geglaubt, dass sie sich vertan hat. Und Sophie war das so peinlich. Herrlich!« Sie drückt ihre Zigarette aus. »Hin und wieder braucht man eben ein bisschen Spaß, dann fühlt man sich nicht mehr so klein und ausgenutzt.« Sie gibt der grauen Katze, die hinter einem kleinen Strauch sitzt und angespannt die Vögel auf dem Rasen beobachtet, im Vorbeigehen einen Fußtritt, dann setzt sie eine naiv-freundliche Miene auf und läuft ins Haus.

Berta ist unzufrieden. Nachdenklich nimmt sie das Telefon in die Hand, legt es dann aber wieder auf den Tisch.

Sophie beobachtet sie. »Was ist los? Du bist schon den ganzen Tag so gereizt. Ist es wegen Frau Hagemeister? Fang ja nicht wieder an …!«

»Nein, ist ja gut. Ich bilde mir da wohl wirklich nur etwas ein. Aber du musst doch zugeben, nach all dem, was wir in den letzten Jahren erlebt haben, kann man schon mal misstrauisch werden. Bisher hat sich mein Verdacht ja meistens bestätigt. – Leider«, fügt sie seufzend hinzu.

»Aber diesmal war es doch eindeutig Selbstmord, oder?«

»Ja, ich denke schon. Wer hätte die alte Frau auch ermorden sollen und vor allem – warum? Andererseits, welchen Grund hatte sie, sich das Leben zu nehmen? Wenn ich das nur wüsste.«

»Das wirst du wohl herausbekommen müssen, vorher hast du ja keine Ruhe.«

»Ja. Nur ist das gar nicht so einfach. Ich hätte gern mit ihrer Tochter gesprochen oder dem Schwiegersohn. Aber die Gaststätte ist geschlossen und zu ihnen nach Hause mag ich nicht gehen. Und die Nachbarin, die bestimmt etwas wüsste, die beiden waren auch befreundet, die ist gerade zur Reha-Kur. Was ja auch schon wieder verdächtig ist«, überlegt sie.

»Du wolltest die doch nicht etwa anrufen?« Sophie deutet auf das Telefon.

»Nein, ich hab ja gar keine Nummer. Ich wollte Fred Müller fragen, ob der was Neues weiß. Das mache ich jetzt auch.«

Nach ihrem Gespräch mit dem Ortspolizisten ist Berta zumindest sicher, dass die alte Frau nicht ermordet wurde. Sie glaubt ihm, dass es sich eindeutig um einen Suizid gehandelt hat. »Aber den Grund möchte ich trotzdem wissen«, erklärt sie ihrer Nichte, als sie zusammen Mittag essen. »Sobald Frau Hagemeisters Nachbarin wieder zu Hause ist, werde ich ihr einen Besuch abstatten.«

Montag, 14. Oktober

»Nun guck dir die an, wie fett die geworden ist! Ein Arsch wie ein Zehntalerpferd«, tuschelt Gesa und deutet auf eine Frau, die ihren Einkaufswagen zwischen den Regalen hindurch schiebt. Ihre Gesprächspartnerin grinst erfreut, sie ist selbst nicht gerade schlank. Außerdem riecht sie unangenehm, was Gesa nicht daran hindert, sich noch näher zu ihr hin zu beugen. »Kein Wunder, dass der ihr Mann fremdgeht«, bemerkt sie in falschem Deutsch gehässig.

»Meinst du?« Die kleinen Schweinsäuglein in dem runden Gesicht blitzen aufgeregt. »Ich dachte immer, das wäre die große Liebe bei den beiden.«

Sie beobachten, wie ein kleiner, dürrer Mann der Frau etwas in den Einkaufswagen legt und sie gemeinsam lachen. Obwohl die beiden äußerlich so unterschiedlich sind, wirken sie sehr harmonisch.

»Das ist doch meistens so. Gerade bei denen, die immer so nett zueinander sind, stimmt was nicht. Die verstellen sich nur.«

»Ja, das stimmt. Mein Alter war auch immer besonders freundlich, wenn er was zu verbergen hatte. Weißt du denn, mit wem? Mit welcher er was hat, meine ich?«

Gesa blickt sich eifrig um und überlegt kurz. Es ist heute nicht sehr voll im Rewe-Markt, man erkennt jetzt wieder die Einheimischen, die sonst im Sommer zwischen den Urlaubern verschwinden. »Na, mit ihrer Nachbarin natürlich«, behauptet sie dann. »Sie hält die für ihre Freundin. Wenn die wüsste, was die so hinter ihrem Rücken treiben. Vielleicht sollte ihr das mal einer sagen.« Sie schiebt ihren Wagen weiter und beobachtet nach einer Weile zufrieden lächelnd, wie ihre Gesprächspartnerin eifrig mit einer anderen einheimischen Frau tuschelt.

Auch heute ist die Sicht wieder ungewöhnlich klar, der Himmel strahlend blau und das leuchtend bunte Laub gibt dem ganzen Ort ein fröhliches Aussehen. Es ist jetzt viel ruhiger als im Sommer, aber noch sind Gäste da. Meist ältere Leute, die die Nachsaison den hektischen Sommermonaten vorziehen, und Familien mit kleinen Kindern. Einige Körbe stehen noch am Strand, Kinder buddeln im Sand, die Eltern sitzen auf Decken daneben. Nur baden will wohl niemand mehr, bei 15° C Wassertemperatur.

›Außer Arno, natürlich‹, denkt Berta, als sie langsam über die Strandpromenade schlendert. Der Fischer geht zu jeder Jahreszeit beinahe jeden Tag in der Ostsee baden, aber meist ganz früh am Morgen.

Die Tür zur Fischerbude steht auch heute weit offen. Paul Plötz hat zwar schon einen Eimer voll Briketts und einige Holzscheite neben dem Ofen stehen, aber bei 20° C draußen mag selbst er noch nicht heizen. Dabei liebt er die Wärme. Selbst im Sommer trägt er seine langärmligen, karierten Hemden und die Cordhose, die er Manchesterhose nennt und die von Hosenträgern gehalten wird. Berta hat ihn im Verdacht, dass er auch in der warmen Jahreszeit eine lange Unterhose darunter anzieht. Jedenfalls kommt er nie auf die Idee, die Hose auszuziehen oder auch nur die Hosenbeine umzukrempeln. Wenn er durch das flache Wasser zu seinem Boot geht, zieht er hohe Fischerstiefel, die bis zu den Oberschenkeln reichen, an.

Heute ist Bertas Stammplatz, der alte Küchenstuhl neben dem Ofen, besetzt. Boto Thor, ein Kollege von Paul und Arno, hat es sich darauf bequem gemacht. Während er dröhnend über die Fangquoten der EU schwadroniert, schwenkt er wütend seine Bierflasche. Der Mann stammt aus einer alten Fischerfamilie. Schon sein Vater, sein Großvater und wahrscheinlich auch sein Urgroßvater sind vom Bansiner Strand aus zum Fang auf die Ostsee gefahren. Während der DDR-Zeit waren sein älterer Bruder Ansgar und sein jüngerer Cousin Cuno mit ihm auf dem Boot, jetzt ist er allein. »Ansgar, Boto, Cuno. Klingt wie eine Hundezucht«, hatte Anne einmal festgestellt. Berta hatte lachend genickt und geantwortet: »Stimmt, die sehen auch so aus. Also – nicht wie Hunde, aber alle drei sehen sich ähnlich. Groß und hager, alle drei haben rote Haare und Hakennasen. Boto ist ein bisschen kleiner und kräftiger als die anderen beiden. Als Kind haben sie ihn Bötchen genannt, das hört er aber nicht gern.«

Paul blickt zum Eingang, in dem Berta stehen geblieben ist und verzieht missmutig das ohnehin faltige Gesicht in Richtung Boto. »Hör endlich auf mit dem Thema! Ich kann es nicht mehr hören. Setz dich lieber woanders hin! Das ist Bertas Stuhl.«

Der Fischer stutzt einen Moment, steht dann aber bereitwillig auf und lächelt die alte Frau freundlich an. Er zieht sich einen Stapel umgedrehter Fischkisten heran und nimmt darauf Platz. »Na, Berta, du wirst ja gar nicht älter«, schmeichelt er. »Der Ruhestand bekommt dir.«

»Ja«, Plötz mustert seine alte Freundin wohlwollend, »frische Seeluft, viel Fisch essen und Grog trinken, das hält jung und gesund. Dafür sorg ich schon.«

»Na, ich nehme an, ihre Nichte kümmert sich auch gut um Berta«, schmälert Boto das Verdienst seines Kollegen.

»Was macht denn dein Neffe?«, lenkt Berta von sich ab. »Kümmert der sich um dich?«

»Wie ein eigener Sohn.« Er nickt zufrieden. »Ist ein guter Jung, unser Mick. Wenn es nach ihm geht, muss ich gar nicht mehr fischen. Ich mach das ja auch nur noch als Hobby.«

»Was regst du dich denn über die Fangquoten auf?«, unterbricht Plötz.

»Aus Prinzip. Weil es eine Schweinerei ist. Und weil es bald gar keine Fischer mehr auf Usedom geben wird, wenn die so weitermachen.« Augenscheinlich steigt Boto Thors Blutdruck wieder.

»Hast ja recht«, stimmt Paul Plötz ihm resigniert zu. »Fischfang ist das älteste Handwerk überhaupt, eine jahrhundertealte Tradition an der Küste. Und die schaffen uns einfach ab. Aber was soll man machen? Da kommen wir nicht gegen an.«

»Ich komm gut zurecht«, fährt sein Kollege fort. »Ich hab ja meine Rente, wenn es auch nicht viel ist. Meine alte Wohnung in der Bergstraße könnte ich davon ja nun nicht mehr bezahlen. Ich hatte schon so halbwegs beschlossen, ins Dorf zu ziehen, in eine kleine Wohnung im Plattenbau. Aber mir hat wirklich davor gegraut – so weit weg vom Strand.«

Berta nickt mitfühlend. »Das versteh ich. Wenn man sein Leben lang auf die Ostsee geguckt hat, wird man da, hinter den Bahnschienen, nicht glücklich. Und nun ziehst du zu Mick, hab ich gehört?«

»Ja.« Boto strahlt. »Der hat doch ein Haus da hinten an der Promenade gekauft, Richtung Heringsdorf. Da sehe ich die Fischerbuden zwar nicht mehr, auch nicht das Wasser, weil meine Wohnung nach hinten raus geht, aber ich bin dicht am Strand.«

»Ich bin da neulich vorbeigegangen«, erzählt Berta. »Das alte Haus hat er wirklich schön restauriert.«

»Ja, das hat er sich was kosten lassen. Aber er hat ja gut verdient als Kapitän. Und unten zur Straße hin hat er Ferienwohnungen gebaut. Die bringen auch ein bisschen was ein.«

»Und die Wohnung oben, mit dem Balkon zur Promenade, ist doch wohl auch eine Ferienwohnung, oder?«

»Ja, na klar«, bestätigt Boto nach kurzem Zögern, was ihm einen misstrauischen Blick von Berta einbringt. »Mick wohnt unten und ich nach hinten raus«, bekräftigt er noch einmal.

»Aber die Bude hier und das Boot behältst du doch noch, oder?«, fragt Plötz und atmet erleichtert auf, als Boto nickt.

»Ja, Mick hat ja nun Zeit. Er will auch ein bisschen fischen und hin und wieder mal mit Gästen rausfahren. Ist schließlich ein Seemann, den zieht es immer wieder aufs Wasser.«

Freitag, 18. Oktober

Wer Gesellschaft sucht und das Neueste aus dem Ort erfahren will, geht am Freitagabend ins Kehr wieder. Dann sind die acht Plätze am großen runden Stammtisch besetzt, manchmal werden noch ein oder zwei Stühle dazu gestellt, dann wird es eng. Und laut. Auch wenn Berta sich bemüht, den Lärmpegel gering zu halten, indem sie Streit schlichtet und die Gäste, die dazu neigen, betrunken oder auch nur angetrunken die Stimme zu erheben, zu pöbeln oder gar grölend zu singen, rechtzeitig warnt. Es ist nicht einfach für die alte Wirtin. Sie möchte die gewohnte Freitagabendstimmung an ihrem alten Stammtisch nicht verderben, aber auch nicht ihre Nichte verärgern, der dieser ohnehin ein Dorn im Auge ist. Sophie findet, dass er das Niveau ihres Restaurants beeinträchtigt. Ihre Gäste, die Fremden, die Urlauber, sollen in Ruhe essen können. Wenigstens darf man jetzt in der Gaststätte nicht mehr rauchen. Als Berta hier noch Wirtin war, konnte man die Gäste am Stammtisch manchmal gar nicht erkennen, weil sie in dichten Qualm gehüllt waren. Obwohl Berta selbst nie eine Zigarette angefasst hat, hat sie vermutlich mehr Nikotin eingeatmet, als so mancher Kettenraucher. Aber sie meint, dass die frische Seeluft ihre Lunge immer wieder gereinigt hat.

Gesa Huber mault immer mal wieder, dass sie zum Rauchen nach draußen gehen muss, und wirft Sophie bitterböse Blicke zu, als hätte die das Rauchverbot in Gaststätten erfunden.

Na, immerhin findet die es gut und setzt es konsequent durch. Außerdem hat sie verboten, dass sich die Raucher direkt vor die Tür stellen, sie müssen auch noch um die Ecke gehen.

»Eine Zumutung und Diskriminierung«, meint Gesa. »Aber früher, in der DDR, war sowieso alles besser. Dann würde ich jetzt schon seit sechs Jahren Rente kriegen. Nicht viel, aber ich würde auch nur 30 Mark Miete zahlen und niemand könnte mich aus meiner Wohnung werfen. Haben wir denn nicht viel sorgloser gelebt? Die Leute haben auch viel mehr miteinander geredet und besser zusammengehalten.« Während sie weiter schwadroniert und von ihrer Zeit beim FDGB-Feriendienst schwärmt, fängt sie einen Blick von Berta auf und wird plötzlich unsicher. Sie stottert noch ein bisschen herum, dann schweigt sie endlich und sieht die alte Frau ängstlich an.

Die beachtet sie nicht mehr, sie unterhält sich mit Anne und Mick Thor, die beide nebeneinander sitzen.

Erst nach einer ganzen Weile, als am Tisch alle laut durcheinander reden, wagt Gesa es, Berta anzusprechen. »Der Vorfall von damals – du weißt schon – bleibt doch unter uns, oder?«

»Ja, natürlich.« Die alte Frau antwortet ebenso leise, aber etwas zögernd. »Es sei denn … weißt du, was da gerade im Ort passiert, erinnert mich sehr an damals.«

»Aber ich habe nichts damit zu tun!«, unterbricht Gesa sie empört und dämpft ihre Stimme gleich wieder, als Anne sie misstrauisch anblickt. Fast verzweifelt schüttelt sie den Kopf.

»Schon gut. Wir reden ein andermal darüber.« Berta hat keine Lust, sich mit Gesa zu unterhalten, und eigentlich glaubt sie auch nicht, dass die an den aktuellen Einbrüchen beteiligt ist. Wie hätte sie das machen sollen? Wahrscheinlich ist die Ähnlichkeit der Vorfälle nur ein Zufall. Oder jemand weiß davon und ahmt sie nach. Ihr Blick gleitet zu Evelin. Nachdenklich beobachtet sie die junge Frau eine Weile. Manchmal kommt sie ihr falsch vor. So übertrieben freundlich. Aber damit überdeckt sie wohl nur ihre Unsicherheit. Und natürlich schleimt sie, um mehr Trinkgeld zu bekommen. Berta lässt sich nicht anmerken, dass sie Evelin misstraut, und ein bisschen schämt sie sich dafür. Objektiv betrachtet ist die Frau fleißig, zuverlässig, freundlich, hilfsbereit, eine gute Kellnerin und Angestellte eben. Für ihre Mutter kann sie ja schließlich nichts. Im Gegenteil, die macht ihr nur das Leben schwer. Sie wendet sich wieder ihren Stammtischgästen zu.

»Da beißt man bei mir auf Kredit«, verkündet Anne gerade.

Mick Thor grinst, korrigiert sie aber nicht.

›Die würden gut zusammenpassen‹, denkt Berta und betrachtet die beiden wohlwollend. Der Kapitän im Ruhestand muss drei oder vier Jahre jünger sein als Sophies Freundin, aber das ist gut. Frauen werden meist sowieso älter als Männer. Und Anne wirkt durch ihre lebhafte, aufgeschlossene Art jünger, als sie ist.

Mick ist sogar noch etwas größer als sie, was ihr selten begegnet. Die Familienzugehörigkeit ist zu erkennen, auch er ist groß und hager, hat die auffällige Hakennase der Thors, das rote Haar ist inzwischen grau, aber immer noch dicht und wellig. Wäre es blond und anders frisiert, sähe er Thomas Gottschalk verblüffend ähnlich. Aber es ist gut geschnitten, auch seine Kleidung wirkt hochwertig und gepflegt. Er ist deutlich attraktiver als seine Vorfahren, was vielleicht auch an besseren Umgangsformen liegt.

›Auf jeden Fall hat er Charme‹, denkt Berta. Eine Eigenschaft, die man weder mit seinem Vater Ansgar, noch mit dessen Bruder Boto oder mit Cuno in Verbindung bringen würde. Diese Männer, die alle Fischer waren, kennt man nur schweigend oder laut fluchend. Berta versucht, sich an Micks Mutter zu erinnern, hat aber nur ein blasses Bild vor Augen. Dass die Ehe nicht besonders gut war, glaubt sie noch zu wissen.

»Ging es uns denn nicht gut? Es war doch nicht alles schlecht damals.« Gesa Huber hat den Schreck von vorhin vergessen und verkündet mal wieder ihren Lieblingsspruch.

Sie redet auf Paul Plötz ein, der widerwillig nickt und hilfesuchend zu Berta blickt. Er mag weder die Frau noch das Thema. »Lass mich mit deinem Gequatsche in Ruhe!«, knurrt er sie dann auch an. »Ich will hier mein Bier trinken, aber nicht über Politik reden. Außerdem kann ich mich dunkel erinnern, dass du früher auch nur gemeckert hast. Also – es war auch nicht alles gut.«

»Warum bist du denn nicht abgehauen aus der DDR? Du hättest es doch gekonnt.«

»Ja, hätte ich. Ich war sogar in Bornholm und hätte nicht wieder zurückkommen müssen. Aber warum sollte ich? Wie du schon sagtest: Mir ging es doch gut hier.«

Mick Thor behagt das Thema offensichtlich auch nicht. Er wirft Gesa einen finsteren Blick zu, dann bittet er Sophie: »Bring uns noch eine Runde, jedem, was er trinken will, ich geb einen aus.« Er beugt sich unter den Tisch, um seinen Hund zu beruhigen, der hinter seinen Füßen unter der Bank liegt und den er gerade versehentlich getreten hat. »Ist ja gut, Moses, schlaf weiter!«

»Ist der verdammte Köter etwa wieder hier?«, fährt Gesa auf. »Nicht mal rauchen darf man hier mehr, aber Hunde mitbringen. Was sind das für Zustände?«

»Der tut dir doch nichts«, wundert sich Anne. »Was regst du dich so auf?«

»Ich mag nun mal keine Hunde. Ich traue ihnen nicht.«

»Und ich traue keinem Menschen, der keine Hunde mag«, mischt sich Sophie ein, während sie die Getränke auf den Tisch stellt. Sie würde gern einen Streit mit Gesa Huber anfangen, vielleicht fände sich dann ein Grund, sie hinauszuwerfen.

Aber so schlau ist die auch. Gesa schluckt ihre Wut hinunter und hütet sich, darauf einzugehen. Sie könnte schwören, dass der Hund sie hämisch angrinst.

Sonntag, 20. Oktober

Anne hat an diesem Sonntag erstmals seit Monaten frei und mit Sophie zusammen Mittag gegessen. Sie hat extra gewartet, bis alle Gäste versorgt waren und ihre Freundin Zeit hatte. Jetzt lehnt sie sich zufrieden zurück und sieht aus dem Fenster. Der Himmel ist klar und blau, nur über der Ostsee liegt noch ein leichter Nebelschleier. Die Fähre am Horizont scheint in der Luft zu schweben, sie wirkt wie ein Geisterschiff. »Mit dem Morgennebel ist es wie mit einem Ehemann«, erklärt sie Sophie. »Wenn er sich am Vormittag verzieht, kann es noch ein schöner Tag werden.«

»Na, du musst es ja wissen«, lacht die Wirtin. Im Gegensatz zu Anne, die eine böse Scheidung hinter sich hat, war sie nie verheiratet und gedenkt auch nicht, diese Erfahrung nachzuholen.

»Trinken wir noch einen Kaffee? Wo steckt deine Tante Berta eigentlich? Ich habe sie heute noch gar nicht gesehen.«

»Sie ist heute morgen ins Krankenhaus nach Wolgast gefahren, um eine alte Freundin zu besuchen. Eine Bekannte hat sie mit dem Auto mitgenommen.«

»Das ist doch Mist, dass es das Krankenhaus in Heringsdorf nicht mehr gibt«, entgegnet Anne. »Da konnte man immer mal schnell hingehen. Jetzt bist du als alter Mensch ohne Auto aufgeschmissen. Man muss von hier aus erst einen Kilometer zum Bahnhof laufen, dann eine Stunde lang mit der Bahn über die ganze Insel fahren, in Wolgast noch mal einen Kilometer zum Krankenhaus gehen. Und das gleiche zurück. Das ist doch eine Zumutung!«

Sophie nickt ihrer Freundin etwas gedankenversunken zu, wirft einen Blick aus dem Fenster. »Lass uns noch einen Kaffee trinken und danach ein bisschen rausgehen! Das Wetter ist so schön. Einfach mal am Strand entlang. Hier passiert doch heute Nachmittag nichts.«

»Hast recht. Ich möchte auch mal an die frische Luft. Außerdem ist Evelin hier, falls doch jemand kommt.«

Die Kellnerin, die mit am Tisch gesessen hat, läuft eifrig zur Kaffeemaschine, um ihre Chefin und deren Freundin zu bedienen. Dabei wirft sie heimlich einen Blick auf die Kasse hinter dem Tresen. Ob Sophie die wohl abgeschlossen hat? Und ob sie das Geld darin gezählt hat? Sicher nicht. Eine günstige Gelegenheit. – »Natürlich, mach dir keine Sorgen!« Sie stellt den Freundinnen die Kaffeetassen auf den Tisch und lächelt schüchtern. »Ich räume inzwischen die Gaststätte auf und poliere die Gläser. Und wenn wirklich jemand kommt, kriege ich das schon hin.«

Sophie und Anne gehen auf der Strandpromenade an der Rückseite der Fischerhütten vorbei. Kurz haben sie um die Ecke gesehen, aber am Fischerstrand ist heute Nachmittag niemand. Die Autos von Paul und Arno sind nicht da und auch kein Mensch. Nur die blau-weiße Fahne mit dem roten Pommerngreif steht einsam in den Dünen und hält die Stellung. Sie flattert in der leichten Brise und ist das Einzige, was sich hier noch bewegt.

Dort, wo die Promenade endet, gehen sie hinunter zum Strand und schlendern im feuchten, festen Sand am Ufer entlang. »Der Kapitän hat dich ja am Freitag ganz schön angebaggert«, stichelt Sophie, nachdem sie eine Weile schweigend gegangen sind.

»… der ehemalige Kapitän. Aber ja, hat er. Ist doch nett. Ich hab mich jedenfalls gut unterhalten. Sein Hund ist auch nett«, fügt sie hinzu.

Sophie lacht. »Super. Wenn das nichts ist: ein netter Hund. Und sonst?«

»Nichts sonst. Abwarten!«

»Aha.« Sophie wird ernst. »Du sag mal, was ist das eigentlich mit dieser Familie? Ich wollte Tante Berta fragen, das hab ich ganz vergessen. Sie hat mit Paul darüber gesprochen, dass Micks Vater tot ist. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist er bei einem Fluchtversuch ertrunken. Stimmt das? Weißt du was darüber?«

»Ja, klar, das ist eigentlich kein Geheimnis. Die alten Bansiner wissen das alle. Die haben zusammen gefischt: Micks Vater Ansgar, sein Onkel Boto, das ist der jüngere Bruder seines Vaters, und deren Cousin Cuno. Vor Ansgar hatte ich als Kind immer ein bisschen Schiss. Ich musste ja manchmal vom Strand Fisch holen, aber zu Ansgar bin ich nicht so gern gegangen. Boto, zu dem haben die am Strand alle Bötchen gesagt, war ruhiger und freundlicher. Ich glaube, er stand immer im Schatten seines Bruders, der hat ihn ganz schön herumkommandiert. Er hatte auch keine Frau und keine Kinder, Mick war für ihn wie ein eigener Sohn. Der weiß das auch und kümmert sich jetzt um ihn. – Und dann war da noch Cuno. Der sah genauso aus wie die beiden Brüder. Sie hatten ja auch alle den gleichen Großvater. Aber Cuno hatte einen ganz anderen Charakter. Der steckte ständig in Schwierigkeiten. Bei jeder Prügelei – nach den Tanzabenden im Meeresstrand haben die sich früher immer geprügelt – war er mittendrin, er hatte dauernd Frauengeschichten und mindestens ein uneheliches Kind im Ort. Gesoffen haben die ja alle, aber Cuno hat im Suff nur Blödsinn gemacht. Und sonst auch. Ansgar wollte ihn eigentlich nicht am Strand haben, deshalb hat er auch erst mal Maler gelernt. Aber dann hatten sie das große Boot und brauchten wohl doch einen dritten Mann. Und Blut ist eben dicker als Wasser, sagt man ja. Ich kann mir vorstellen, dass Boto ganz froh darüber war. Cuno war immer lustig, der hat die Arbeitsatmosphäre bestimmt ein bisschen aufgelockert. Ansgar hingegen war jähzornig, der konnte brüllen wie ein Ochse und immer so ernst und streng und ziemlich hochnäsig, denke ich heute. Es hieß, dass er der reichste Mann in Bansin war, aber auch sehr geizig. Seiner Frau hat er jedenfalls nichts gegönnt, die musste immer nur arbeiten. Nur für Mick, seinen einzigen Sohn, da hat er alles getan. Er wollte auch nicht, dass der bei ihm einsteigt, er sollte was Besseres werden. Ein richtiger Seemann, der auf allen Meeren der Welt zu Hause ist. – Ah, jetzt habe ich nasse Füße«, unterbricht Anne kurz ihren Monolog, als eine Welle ihre Schuhe überspült. »Aber das hat man natürlich erst später erfahren, als Kind kriegt man das ja nicht so mit. Mir hat es Tante Berta erzählt, als Ansgar gestorben ist. Er wäre bestimmt stolz auf Mick gewesen, aber dass der Kapitän wurde, hat er nicht mehr erlebt.«

Sie sind jetzt etwa einen Kilometer am Strand entlanggegangen und bleiben stehen. Links von ihnen führt eine Treppe hinauf zur Steilküste. »Wollen wir da hochsteigen oder gehen wir weiter und drehen nachher um?«, fragt Anne. »Also bis nach Ückeritz laufe ich nicht.«

»Nein, das will ich auch nicht. Ich muss ja auch zurück in die Gaststätte. Lass uns durch den Wald gehen!«

Die beiden steigen die steile Treppe hinauf und bleiben oben eine Zeit lang stehen, um ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen, während sie über das Meer blicken. Anne atmet tief ein. »Ist das nicht herrlich? Man muss wirklich öfter mal die Seele in den Schoß legen und die Hände baumeln lassen.«

»… oder so«, murmelt Sophie. »Was ist denn nun mit Ansgar passiert?«, fragt sie dann, während sie langsam an der Steilküste entlang zurückgehen.

»Die waren Fischen, ziemlich weit draußen, in der Nähe von Dänemark. Das war 1988. Cuno hatte sich in Bansin mal wieder in Schwierigkeiten gebracht und wollte abhauen. Er wollte heimlich den Motor beschädigen, damit sie in Bornholm anlegen müssen. Aber Ansgar hat ihn dabei erwischt. Es kam zum Handgemenge, Cuno hat Ansgar über Bord gestoßen. Sie wollten ihn retten, aber es war Sturm, die Wellen hoch, und Ansgar ist ertrunken. Seine Leiche wurde später in Dänemark angespült. Boto hat Cuno dann trotzdem nach Bornholm gebracht. ›Offiziell‹, hat er gesagt, Cuno hätte ihn gezwungen, aber natürlich wollte er ihn auch nicht an die DDR ausliefern. Die hätten ihm nicht nur versuchte Republikflucht, sondern auch noch einen Mord angehängt.«

»Aber schließlich hat er ja auch seinen Cousin ermordet!«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Boto war der Einzige, der dabei war. Er hat später mal erzählt, Cuno wollte das gar nicht. Er wollte einfach nur abhauen und das mit Ansgar war ein Unfall.«

»Armer Mick. Wie alt war er da?«

»Zwanzig, glaube ich. Er war schon auf der Seefahrtschule.«

»Dann war er wenigstens kein Kind mehr.«

»Ja, was denkst du denn? Der ist gar nicht so viel jünger als wir.«

»Ist ja gut.« Sophie grinst erfreut, weil sie Anne aus der Reserve gelockt hat. Erstaunt stellt sie fest, dass ihre Freundin verlegen ist, ein ganz ungewöhnlicher Anblick. Aber schön.

»He – du hast dich verknallt.«

»Also ehrlich, wie redest du? Wir sind doch keine 17 mehr.« Annes Protest klingt verhalten, sie bleibt am Rand der Steilküste stehen und blickt aufs Meer.

»Na, und? Ist man zwischen 13 und 30 nicht ständig verliebt? Aber mit 55 ist es schon etwas Besonderes. Ich finde es toll, wirklich«, sagt Sophie lächelnd.

»Na, ich weiß nicht. Wie du das sagst, hört es sich an, als hättest du mich bei etwas Verbotenem ertappt. Oder etwas Kindischem. Ach, ich weiß auch nicht. Einerseits fühlt es sich total gut an, aufregend. Ich dachte nicht, dass ich noch mal so für einen Mann empfinden würde. Andererseits stehe ich neben mir und sehe fassungslos zu, wie albern ich bin.«

Sophie legt den Arm um ihre Freundin. »Jedenfalls sieht der Kerl gut aus und ist sympathisch. Also, meinen Segen hast du, falls du Wert darauf legst. Albern bist du auf keinen Fall, lass es einfach zu!«

Anne nickt nachdenklich und etwas erleichtert.

»Nun komm, sonst ist Tante Berta noch früher zurück als wir«, wechselt Sophie das Thema. »Außerdem ist es blöd für Evelin, wenn Gesa kommt und sie sie bedienen muss, weil ich nicht da bin.«

»Das Problem verstehe ich ja nun gar nicht. Ist doch schließlich ihre Mutter, mit der wird sie wohl nicht zum ersten Mal allein sein.«

»Aber irgendwas ist zwischen den beiden. Die haben Krach, ich weiß nicht genau, warum.«

»Frag Tante Berta, die wird das schon wissen.«

Dienstag, 22. Oktober

Die Gaststätte ist zur Mittagszeit noch gut gefüllt, wahrscheinlich hat es sich unter den Urlaubern herumgesprochen, dass man hier gut und preiswert essen kann. Evelin ist eine gute Kellnerin, schnell und freundlich, wenn sie sich Trinkgeld davon verspricht. Manchmal vertut sie sich beim Herausgeben, natürlich immer zu ihrem Vorteil, aber das kann ja mal passieren, und sie übertreibt es nicht, sodass es Sophie noch nicht aufgefallen ist. Auch deshalb hält sie sich für sehr schlau und fühlt sich ihrer Chefin und deren Freundin überlegen.

Sophie scheint es nicht zu spüren oder es ist ihr egal. Anne aber muss sich anstrengen, um ihre Antipathie nicht zu zeigen. Schließlich hat die Frau ihr nichts getan. Aber dennoch …

»Was hast du eigentlich gegen Evelin?«, hat Berta sie kürzlich erstaunt gefragt.

»Nichts, gar nichts, was soll ich wohl gegen sie haben?«, war Annes Antwort. In Gedanken fügte sie hinzu: ›Ich habe nur manchmal das Bedürfnis, sie vors Schienbein zu treten oder ihr einen schweren Gegenstand auf den Kopf zu schlagen.‹ Aber wie hätte sie das begründen sollen? Bauchgefühl?

Sie konnte nicht wissen, dass auch Berta diese Ahnung hat. Aber Berta weiß, dass man nicht mit dem Bauch denkt und dass dieses Empfinden meist auf jahrelanger Erfahrung basiert, die im Unterbewusstsein gespeichert ist. Sie behält Evelin jedenfalls genau im Auge.

Anne ist heute schon mittags im Kehr wieder, also praktisch zu Hause. Sie setzt sich auf einen Barhocker vor dem Tresen und trinkt Kaffee.

»Wie war denn eigentlich deine Schiffsfahrt gestern?«, fragt Sophie, während sie Bier zapft. »Es war doch ziemlich stürmisch vormittags. Ich hab gesehen, dass die VINETA beim Anlegen ganz schön geschaukelt hat. Hast du deine Gäste alle heil an Bord gekriegt?«

»Ja, ging schon. Die Fahrt war herrlich. Ich habe oben an Deck gesessen und es genossen. Weißt du noch, wie wir als Kinder immer auf dem Rummel geschaukelt haben? Genau so war das gestern.«

»Richtig. Mit der Schiffsschaukel. Das hat echt Spaß gemacht. Wir wollten uns doch immer damit überschlagen. Haben wir das eigentlich mal geschafft?«

»Ich glaube nicht. Sonst wären wir wahrscheinlich rausgefallen. Meine Gäste fanden das übrigens nicht so toll. Einige waren ziemlich grün im Gesicht, als wir in Swinemünde abgestiegen sind. Und Schuld hatte natürlich ich.«

»Na klar, wer sonst. Du bist schließlich für das Wetter verantwortlich. Es war aber auch wirklich nur kurze Zeit so stürmisch. Mittags war das Wasser schon wieder spiegelglatt, so wie jetzt auch.«

»Ja, leider. Sie meinten, ich hätte ja gestern mit ihnen die Ortsführung machen können und heute Schiff fahren … als ob ich das vorher wüsste!?«

»Ach, bist du heute mit ihnen durch Bansin gegangen?«

»Ja. Und wieder gab es Ärger. Eine Frau wollte unbedingt am Seehof vorbeigehen, da war sie zur DDR-Zeit mal im Urlaub. Also bin ich in der unteren Bergstraße, am Schloonsee vorbeigegangen und wollte eigentlich dann irgendwo hinterm Seehof hochgehen, aber das geht ja gar nicht mehr. Man muss tatsächlich bis zum Kanal laufen, also praktisch bis nach Heringsdorf, um auf die Promenade zu gelangen. Rund ein Kilometer Umweg.«

»Na, und? Woher wussten die, dass das nicht dein normaler Ortsrundgang ist?«

»Es war ihnen zu weit, angeblich können die alle nicht mehr laufen. Alter schützt eben vor Faulheit nicht.« Sie dreht sich um, als sie eine Stimme hinter sich hört. »Dagegen unsere Tante Berta. Die rennt jeden Tag durch den ganzen Ort.«

»Ja, genau«, nickt diese grimmig, »nur so erfährt man doch, was los ist in der Welt. Und was ich heute erfahren habe, ist unglaublich.« Ihre Welt beschränkt sich zwar auf Bansin, aber das genügt ihr. Anne und Sophie sehen sie erwartungsvoll an, die alte Frau zieht langsam ihren Mantel aus und weist zum Stammtisch. »Ich muss mich jetzt erst mal hinsetzen. Ich erzähle es euch nachher. In Ruhe.« Sie stöhnt leise, als sie sich auf ihren Stuhl fallen lässt und erklärt Anne, die sich zu ihr setzt: »Ich glaube, ich werde alt. Mit tun alle Knochen weh, wenn ich zwei Stunden unterwegs war.«

»Vielleicht solltest du dir einen Rollator zulegen. Weißt du, so einen, wo du dich auch mal draufsetzen kannst, wenn du dich längere Zeit unterhalten willst.«

»Ja, das fehlte noch!« Berta ist empört. »Wie sieht das denn aus? So alt bin ich ja nun auch wieder nicht.«

»Ach komm, hör auf, dir was vorzumachen!« Anne denkt gar nicht daran, aus Mitleid etwas zu beschönigen. »Natürlich bist du alt. Sogar ich bin alt. Das ist mir gerade kürzlich klargeworden. Ich habe beschlossen, das Leben jetzt nur noch zu genießen. Ich habe endlich das Gefühl abgelegt, den besten Teil noch vor mir zu haben. Den Teil, für den man jetzt arbeitet und spart und Diät macht und Sport treibt und Klamotten kauft und freundlich ist zu Menschen, die man nicht leiden kann.«

»Da ist was dran«, überlegt Berta. »Ich tue ja eigentlich auch nur noch das, was mir Spaß macht. Ich hab zum Beispiel früher alles gelesen, was mir in die Finger kam. Jetzt ist mir klar, ich habe nicht mehr genügend Zeit, um alle Bücher dieser Welt zu lesen. Also muss ich auswählen. Meine Bildung ist abgeschlossen, die Bücher, aus denen man was lernt, kann ich mir also ersparen. Liebesromane interessieren mich nicht. Ich lese nur noch Krimis. Und am liebsten englische. Für mich ist einer der größten Vorteile der Wende, dass ich die jetzt bekomme.«

»Und dabei lernst du auch gleich noch was für deinen Alltag«, vermutet Sophie. »Was wollt ihr essen?«

Nach dem gemeinsamen Mittagessen geht Renate wieder in die Küche, wo sie lautstark mit Töpfen und Geschirr klappert. Evelin räumt noch den Tisch auf, an dem die letzten Gäste gesessen haben, dann verabschiedet sie sich mit einem »Bis später« in ihre zweistündige Pause. Sophie holt erst den obligatorischen Kaffee, dann setzt sie sich wieder zu Anne und ihrer Tante.

Die macht es spannend. »Ich bin heute mal zum Lidl hochgegangen«, berichtet sie, »weil die da das beste Obst und Gemüse haben. Und ratet mal, wen ich da getroffen habe! Frau Hagemeisters Nachbarin. Brigitte heißt sie, den Nachnamen habe ich vergessen. Auch so eine Alterserscheinung, befürchte ich. Aber er fällt mir schon noch ein.«

»Ist doch egal«, unterbricht Anne ungeduldig. »Ist das die Frau, die zur Reha-Kur war?«

»Genau die. Genau die, mit der ich sprechen wollte. Ich habe es doch geahnt. Übrigens, wisst ihr, wohin sie die zur Kur geschickt haben? Nach Trassenheide! Ist ja sicher toll für jemanden aus dem Süden, so eine Kur direkt an der Ostsee, aber für eine Bansinerin? Zwanzig Kilometer von zu Hause weg? Die spinnen doch.«

»Wahrscheinlich ist es billiger, als sie weiter weg zu schicken«, vermutet Sophie.

»Außerdem sind es dreißig Kilometer«, fügt Anne kleinlich hinzu.

Berta blickt sie empört an: »Als ob das … aber egal. Also, gestern ist sie nach Hause gekommen. Das muss Schicksal sein, dass ich ihr über den Weg gelaufen bin. Sie hat nämlich gerade überlegt, ob sie zur Polizei gehen soll. Stellt euch vor, sie hat einen Brief von Frau Hagemeister in deren Wohnung gefunden. Die Nachbarin hatte den Schlüssel zum Blumen gießen und so …, wenn mal was ist. Der Brief lag auf dem Küchentisch. Den hat Hagemeister wohl vor ihrem Tod geschrieben.«

»Nach dem Tod konnte sie es ja nicht mehr«, murmelt Anne, was ihr einen weiteren strafenden Blick von Berta einbringt, die aber unbeirrt fortfährt.

»Leider hatte diese Brigitte das Abschiedsschreiben nicht dabei, aber sie hat mir erzählt, was drin steht. Das ist wirklich ein Hammer! Liselotte Hagemeister hat einen Anruf bekommen. Angeblich von Schwester Marita – wisst ihr, die ältere Sprechstundenhilfe aus der Arztpraxis. Aber ich glaub nicht, dass sie es war. – Die sagte, Frau Hagemeister sei schwer krank. Krebs im Endstadium. Das hätte der letzte Befund ergeben – sie war wohl zum Blut abnehmen da, oder was weiß ich. Die Schwester hätte es ihr eigentlich gar nicht sagen dürfen, aber sie wolle sie darauf vorbereiten, dass ihr eine lange und schwere Behandlung bevorstehe. Und vor allem sei Frau Hagemeister nicht mehr krankenversichert. Was die Frau ihr da vorgelogen hat, wusste die Nachbarin nicht so genau, es ging auch wohl nicht aus dem Brief hervor. Nur, dass die alte Frau glaubte, sie solle die ganze teure Behandlung selbst bezahlen. Und da sie das nicht kann, ihre Tochter. Am Ende würde es sowieso nicht helfen. Deswegen, um sich das ganze Elend zu ersparen und vor allem, um ihre Familie nicht zu ruinieren, hat sie sich das Leben genommen. Das Perfide ist, sie wusste nicht, wem sie sich anvertrauen kann. Ihrer Tochter konnte sie das natürlich nicht erzählen. Und Brigitte, ihre Nachbarin, mit der sie auch gut befreundet war, wurde gerade am Herzen operiert. Da hat diese angebliche Schwester extra noch drauf hingewiesen, dass sie die nur nicht aufregen soll, es könnte ihr Tod sein. – Hätte sie mir gegenüber doch bloß etwas davon erwähnt«, jammert Berta. »Warum ist ihr das nicht eingefallen? Ich wäre doch gleich dahintergekommen, dass da was nicht stimmt. Zumal ihr Hausarzt am Tag nach dem Anruf in Urlaub gegangen ist und die Praxis geschlossen war. – Aber ich krieg raus, wer das war«, fügt sie entschlossen hinzu. »Damit kommt die nicht durch.«

»Ja, die arme Frau. Eigentlich war es ein Mord«, stellt Sophie fest. »Auch wenn die Anruferin das vielleicht nicht so krass gewollt hat.«

»Wer Liselotte Hagemeister kannte, konnte aber damit rechnen. Die wusste sich nicht anders zu helfen. Sie war auch ein bisschen naiv und ziemlich einfach gestrickt.«

»… sonst wäre sie auf diesen Mist auch nicht hereingefallen«, stellt Anne fest.

»Und gerade deshalb finde ich das gemeine Miststück.« Berta ist schon auf dem Kriegspfad. »Morgen gehe ich erst mal zu Brigitte und sehe mir den Brief selbst an. Polizei können wir uns sparen, dazu braucht man Menschen- und Ortskenntnis.«

Am Strand ist nichts mehr zu tun. Arno Potenberg hatte keine Lust, mit Plötz in der Hütte herumzusitzen, er wollte lieber bei Sophie sein. Im Moment läuft es mit den beiden gerade wieder ganz gut. Sophie ist jetzt Mitte fünfzig und die Routine, die sich in ihrer Beziehung entwickelt und die sie als langweilig gefürchtet hat, empfindet sie inzwischen als angenehm. Sie braucht keine Aufregung und kein Herzklopfen mehr, für Abwechslung in ihrem Leben sorgen ihre Pension und Tante Berta. Arno machte sich also auf den Weg zu Sophie, Paul beschloss, seinen Kollegen zu begleiten.

Jetzt sitzen sie beide am Stammtisch. Der alte Fischer trägt zwar immer noch seine Cordhosen, aber auf dem karierten Hemd sind heute mal keine Fischschuppen. Und er hat die grauen Haare sorgfältig gekämmt. Arno hat sich umgezogen. Der dunkelblaue Pullover, den er über einem Hemd trägt, betont seinen Wikingertyp.

Berta sieht auf die Uhr. »Für Grog ist es noch zu früh«, stellt sie fest, »für Bier auch. Wir trinken Kaffee.«

»Ohne Kuchen?«, mault Plötz, der sich zwar hauptsächlich von Fisch und Kartoffeln ernährt, aber auch gern mal was Süßes isst.

»Tut mir leid«, sagt Sophie. »Wir haben gerade gar keinen Kuchen da. Soll ich schnell was holen?«

»Lass mal, ich weiß was Besseres. Fangt ruhig schon an!«, entgegnet Berta.

Während ihre Nichte die beiden Männer, Anne und sich selbst mit Kaffee versorgt, geht die alte Köchin in die Küche. Zehn Minuten später kommt sie mit einem Tablett in der Hand wieder. »Hier«, sagt sie und stellt es auf dem Tisch ab, »frisches, warmes Weißbrot. Ich hab es noch mal in den Ofen geschoben. Mit Butter und Honig schmeckt das besser als jeder Kuchen.«

»Tante Berta, das war gemein«, stöhnt Anne nach einer halben Stunde und streicht sich theatralisch über den Bauch. »Weißt du, wie viele Kalorien wir uns da gerade reingepfiffen haben?«

»Ach was, Hauptsache, es hat geschmeckt.«

»Hast du eigentlich was Neues über die Einbrüche herausgefunden?«, fragt Plötz und schiebt seinen Teller beiseite.

»Ach siehst du, das wollte ich dir doch erzählen«, fällt Arno ein, bevor Berta antworten kann. »Ich habe mich ein bisschen umgehört. Bei uns im Dorf ist auch ein paar Mal eingebrochen worden. Und stell dir vor, wenn man nachfragt, stellt sich heraus, dass es alles Gäste von euch waren.«

»Scheiße!«, entfährt es Sophie. »Du willst doch nicht sagen, …?«

»Das kann natürlich Zufall sein«, beschwichtigt Arno. »Wenn die Einheimischen essen gehen, dann entweder beim Chinesen, beim Griechen oder sie kommen zu euch. Also war fast jeder aus dem Dorf schon mal hier. Und die meisten wissen ja eben nicht genau, wann der Einbruch passiert ist, weil sie erst später gemerkt haben, dass etwas weg ist. – Aber«, fügt er betont hinzu und sieht Berta eindringlich an, »eine Familie weiß genau, dass sie bei euch gegessen hat, als jemand in ihrem Haus war. Die Frau wollte gleich, als sie zurückgekommen sind, ihre Ohrringe in ein Schmuckkästchen legen und das war leer. Zwei Stunden vorher, als sie den Schmuck rausgenommen hat, lagen noch ein wertvolles goldenes Armband und eine Bernsteinkette drin.«

»So«, nickt Berta beinahe zufrieden, »da haben wir die Bescherung. Ich habe es geahnt. Also, wer steckt dahinter und vor allem, wie macht er es?«

»Mir fällt Gesa Huber dabei ein«, erklärt Paul. »War da nicht mal was vor dreißig, fünfunddreißig Jahren? Da hing sie doch drin, oder?«

»Ja«, gibt Berta zu. »Ich habe es Sophie und Anne schon erzählt, obwohl ich eigentlich nicht mehr darüber reden wollte. Ich dachte, es wäre vorbei und verjährt. Aber wenn das nun wieder passiert – die Ähnlichkeit ist schon auffallend.« Sie berichtet, wie Gesa damals Kollegen die Wohnungsschlüssel aus der Tasche gestohlen hat und bei ihnen zu Hause eingebrochen ist, während die gearbeitet haben. »Ich habe sie erwischt. Aber angezeigt hab ich sie dann doch nicht. – Ja, ich weiß«, wehrt sie die verständnislosen und empörten Bemerkungen der anderen ab, »ich hätte es tun sollen, aber sie tat mir eben leid. War schon immer ein armes Würstchen, unglücklich und unzufrieden, hat nichts auf die Reihe bekommen. Und dann hatte sie ja die Kleine, die war gerade ein oder zwei Jahre alt. Sie hat sich bei allen entschuldigt und alles zurückgegeben. Ich hab dann aufgepasst und es ist auch nicht wieder passiert.«

»Du denkst aber auch, dass du immer alles weißt«, stänkert Plötz, der Einzige in der Runde, der es wagt, Bertas Kompetenz wenigstens hin und wieder einmal anzuzweifeln. »Vielleicht hat sie sich danach nur geschickter angestellt. Außerdem hat sie ja nicht nur geklaut. Sie hat auch Leute erpresst. Sogar Fischer. Kollegen von uns. Das weiß ich genau. Sie hatte nämlich eine Zeit lang was mit Cuno, bevor der geflüchtet ist. Der Dussel hat sich schön von ihr ausfragen lassen. Vielleicht ist er ja sogar ihretwegen abgehauen.«

»Und so was sitzt bei uns am Stammtisch?«, empört sich Sophie. »Also ehrlich, Tante Berta!«

»Wo soll sie denn sonst hin?« Da sie selbst merkt, dass dieses Argument nicht zieht, fährt die Alte schnell fort: »Jedenfalls kann sie diesmal nicht die Einbrecherin sein. Wie hätte sie das machen sollen? Gut, sie hätte den Gästen die Schlüssel aus der Tasche klauen können. Aber wie weiter? Uns wäre doch aufgefallen, wenn sie zwischendurch mal eine Stunde verschwunden und dann wiedergekommen wäre. Und zurückbringen musste der Dieb die Schlüssel, die waren ja nicht weg.«

Eine Zeit lang denken sie schweigend nach.

»Vielleicht ist es doch ein Zufall und hat gar nichts mit uns zu tun?«, hofft Sophie unsicher.

Berta zuckt mit den Schultern. »Kann sein, glaub ich aber nicht. Lasst uns mal alle Möglichkeiten durchgehen!«

»Evelin?«, wirft Anne ein. Der Kellnerin würde sie so ein perfides Verhalten zutrauen. Außerdem ist sie Gesas Tochter. »Gesa könnte ihr doch davon erzählt haben und nun macht sie es nach.«

»Ja, das wäre naheliegend«, gibt Berta zu. »Aber wenn es passiert ist, während die Leute hier gegessen haben, hat Evelin ein Alibi. Sie kann nicht zwischendurch verschwinden, ins Dorf fahren und eine Wohnung ausrauben, ohne dass wir es bemerken.«

»Stimmt. Was ist mit Ben?«, überlegt Sophie, obwohl es ihr unangenehm ist, ihre Angestellten zu verdächtigen. Aber wenn es einer von ihnen war, wäre Ben ihr noch am liebsten. »Sonst ist doch abends keiner mehr da. Die Zimmerfrauen sind schon nachmittags weg und Renate …«

Berta schüttelt unwillig den Kopf. »Wenn wir nur genau wüssten, an welchen Tagen die Einbrüche stattgefunden haben«, denkt sie laut nach.

»Den einen Tag weiß ich«, wirft Arno ein. »Als meiner Nachbarin der Schmuck geklaut wurde, war das am 23. August. Da hatten die nämlich Hochzeitstag, am gleichen Tag wie meine Eltern.«

»Jetzt erinnere ich mich«, fällt Sophie ein. »Das sind sehr nette Leute. Der Mann hatte den Tisch bestellt, er wollte noch extra Blumenschmuck haben. Er hat gesagt: ›Meine Frau hat Hochzeitstag.‹ Das weiß ich noch.«

»Ja, das war er«, bestätigt Arno. »Die sind wirklich nett. Wäre schon gut, wenn wir herauskriegen, wer die beklaut hat. Vielleicht kriegt sie ihren Schmuck dann wieder.«

»Sophie, hol doch mal die Arbeitspläne!«, bittet Berta.

»Evelin hat bedient«, stellt die Wirtin dann fest, »die konnte bestimmt nicht zwischendurch weg. Und Ben hatte abends frei. Wenn der hier herumgeschlichen wäre, wäre es uns aufgefallen. Sogar, wenn er am Stammtisch gesessen hätte. Das macht er nämlich nie.«

Berta lehnt sich zurück. Sie ist ebenso erleichtert wie Sophie.

»Von unseren Mitarbeitern kann es niemand sein, das ist unmöglich. Aber wer kann den Leuten die Schlüssel aus den Jackentaschen nehmen und sie wieder zurückbringen, ohne dass es jemand bemerkt?«

Arno hat eine Idee. »Und wenn derjenige die Schlüssel gar nicht braucht? Weil er Nachschlüssel hat oder die Türen sonst irgendwie öffnen kann, mit einem Dietrich oder was weiß ich. Er achtet vielleicht nur darauf, dass die Leute beim Essen sitzen und vorläufig nicht nach Hause kommen.«

Anne nickt. »Das könnte doch sein. Aber auf jeden Fall ist es ein Einheimischer, der weiß, wo seine Opfer wohnen und dass dort niemand zu Hause ist oder kommt.«

»… und vermutlich ein Stammgast hier«, insistiert Paul Plötz und Berta nickt widerwillig. »Also kommen wir wieder auf Gesa Huber. Wohnt die nicht auch bei euch in Dorf-Bansin?«, fragt er Arno.

Der schüttelt den Kopf. »Hat sie mal kurz, weil sie ihre Wohnung im Seebad nicht mehr bezahlen konnte. Aber es hat ihr nicht gefallen. Sie hat gesagt, es wäre ihr zu weit zum Bahnhof und zum Einkaufen, die Busse fahren zu selten und sie hat ja kein Auto. Außerdem gibt es zu viele Hunde im Dorf. Jetzt wohnt sie in dem Plattenbau in Neuhof, da hinter dem Aldi.«

»Und dann fährt sie dauernd hierher?«, wundert sich Anne. »Haben die da keine Kneipe?«

»So weit ist es ja auch nicht, höchstens zwei Kilometer. Sie nimmt doch immer das Fahrrad. Auf der Promenade entlang ist sie schnell im Kehr wieder. Sie kommt eben nach Bansin, weil sie hier jeden kennt.« Berta versteht die Frau.

»… und jeder kennt sie. Das sollte ein Grund sein, sich eine neue Kneipe zu suchen«, wirft Sophie ein. »Oder hat sie vielleicht doch einen anderen Grund, hier zu sein?«

»Ich werde sie in jedem Fall im Auge behalten«, gibt Berta nach.

Mittwoch, 23. Oktober

Den Abschiedsbrief von Liselotte Hagemeister hat Berta mehrmals gründlich gelesen, aber er ergibt nichts Neues. Es ist genauso, wie die Nachbarin es erzählt hat. Die alte Frau wurde durch einen gemeinen, hinterlistigen Anruf einer Unbekannten in den Selbstmord getrieben. Wie verzweifelt muss sie gewesen sein! Berta hält das für noch schlimmer als Mord. »Bring den Brief doch lieber zur Polizei, wenn es auch nicht viel bringen wird«, rät sie resigniert. »Oder gib ihn lieber der Tochter! Soll sie entscheiden, was damit geschieht. Ach Gott, die arme Frau!« Diesmal denkt sie an die Tochter der Toten.

Mit Tränen in den Augen hat Brigitte, deren Nachname Berta immer noch nicht eingefallen ist, die Wohnungstür von Liselotte Hagemeister aufgeschlossen. Es riecht ein bisschen säuerlich. Wahrscheinlich ist die Milch, die auf der Arbeitsplatte neben dem Kühlschrank steht, schlecht geworden.

»War die Tochter denn noch nicht hier?«, wundert sich Berta, während sie sich in der kleinen Wohnung umsieht.

»Nein. Ihr geht es nicht gut, sie hatte einen Nervenzusammenbruch. Natürlich macht sie sich schwere Vorwürfe. – Ach Gott, und jetzt muss ich ihr auch noch den Brief zeigen. Ich habe nur kurz mit ihrem Mann telefoniert. Da wollte ich nichts davon sagen. Sie müssen dann ja auch die Wohnung auflösen. – Meine Güte, was für ein Elend!« Die dunkelhaarige Frau, die immer noch blass und krank aussieht, lässt sich auf einem Küchenstuhl nieder und weint bitterlich. Anscheinend wird ihr das ganze Ausmaß der Tragödie erst jetzt klar, als sie in der verlassenen Wohnung ihrer Nachbarin steht. »Lotte muss so verzweifelt gewesen sein«, sagt sie weinend. »Sie hat doch in ihrem Leben schon so viel durchgemacht und nie den Mut verloren. Warum denn jetzt?« Es tut der Frau gut, über die Freundin zu reden, die sie sehr gemocht hat.

Berta hört schweigend zu. Das Leben der verstorbenen Frau berührt sie tief, obwohl oder vielleicht auch weil sie so typisch für ihre Generation ist. Hagemeister stammte aus einer Region, die heute zu Polen gehört, hat ihren Vater im Krieg verloren, die Flucht und die ganze schwere Nachkriegszeit durchgemacht. Sie hatte mit 22 Jahren geheiratet. Die beste Zeit ihres Lebens waren die 50er- und 60er-Jahre. Eigentlich waren sie und ihr Mann zufrieden. Luxus war selten, aber sie hatten alles, was sie brauchten und haben niemanden beneidet, zumal es hier kein Westfernsehen gab und man somit keine Vergleiche anstellen konnte. Sie waren immer fleißig und sparsam und konnten sich allmählich einiges leisten. Einen Fernseher, dann eine Waschmaschine, ein Bad wurde eingebaut, sie fuhren im Urlaub in den Harz oder ins Erzgebirge, einmal sogar nach Leningrad, das war eine Auszeichnung vom Betrieb ihres Mannes. In den Siebzigern hatten sie dann endlich auch ein Auto – ein Trabbi, auf den sie lange gewartet hatten. Dann kam die Wende und ihre Welt ist wieder einmal zusammengebrochen. Sie gehörte zu den Ersten, die arbeitslos wurden und hat dann auch nie wieder eine feste Anstellung gefunden. Nur immer mal für ein paar Monate im Sommer, im Winter lebte sie vom Arbeitslosengeld, machte Umschulungen oder bekam eine ABM-Stelle zugewiesen. Richtig verdient hat sie nie wieder, auch kaum Rentenbeiträge bezahlt, sodass sie nur die Mindestrente bekam. Nach Abzug der Fixkosten blieben ihr weniger als 200 Euro im Monat. Aber sie war zufrieden mit ihrem Leben. Sie freute sich, dass ihre Kinder jetzt die Reisefreiheit genießen konnten und dass ihr Enkel zu jeder Jahreszeit Obst und frisches Gemüse bekam. Sie hat sich nie darüber beklagt, dass sie zu der Generation gehörte, die am meisten für die Schuld aller Deutschen bezahlt haben. Wer konnte nur so gemein sein, diese alte Frau in den Tod zu treiben?

Berta hört zu, hält schweigend die Hand der Trauernden und streicht ihr dann tröstend über den Rücken. Als die sich langsam wieder beruhigt und in ihr Taschentuch schnieft, sieht sie sich in der Küche um. Alles ist sauber und aufgeräumt, nichts Überflüssiges steht herum. Kein benutztes Geschirr in der Spüle, der Fußboden glänzt ebenso wie die Arbeitsflächen. Selbst wenn es den Abschiedsbrief nicht gäbe, würde Berta bei diesem Anblick von einem Selbstmord ausgehen. Es ist typisch für die alte Frau. Obwohl sie ganz andere Sorgen hatte, wollte sie alles sauber und ordentlich hinterlassen. »Guck dich doch mal um! Fällt dir irgendwas auf? Fehlt was?«

Die Angesprochene schnäuzt sich noch einmal lautstark, dann steht sie auf, öffnet eine Tür des Küchenschrankes, holt eine Zuckerdose heraus und blickt hinein. Sie ist leer. »Da hatte sie immer ihr Geld drin«, erklärt sie.

»Ja klar, wo auch sonst.« Berta seufzt.

»Sie hatte Besuch«, stellt Brigitte nach einem weiteren Blick in den Schrank fest.

Jetzt wird es interessant. »Woran siehst du das?«

»Das Geschirr hier, mit den Streublumen, das war ihr Gutes. Das stand immer in dem Glasschrank. Die Tassen hatte Lotte so gekippt, damit man den Boden sehen kann. Da sind so hübsche Blümchen drin, siehst du? Deshalb sagt man ja Blümchenkaffee, wenn der sehr dünn ist, kann man nämlich hindurchsehen und …«

»Ja, ich weiß«, unterbricht Berta. »Du meinst also, jemand anderes hat das Geschirr weggeräumt. Wahrscheinlich der letzte Besucher. Warum?«

Brigitte zuckt ratlos mit den Achseln und blickt sich weiter um. Sie gehen ins Wohnzimmer, dann ins Schlafzimmer der Toten. Alles ist sehr einfach und bescheiden eingerichtet, viele Möbel stammen noch aus der DDR. Nur ein großes modernes Fernsehgerät fällt auf. »Den haben ihre Kinder ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt«, erzählt die Nachbarin und hat wieder Tränen in den Augen.

Berta öffnet das Schreibfach in der Anbauwand und sieht flüchtig die Papiere durch, die dort ordentlich gestapelt liegen. Sie weiß selbst nicht genau, was sie sucht. Eine Lebensversicherungspolice ist jedenfalls nicht dabei. Seufzend schließt sie die Klappe, sieht sich noch einmal in dem ordentlichen, gemütlichen Zimmer um und geht dann zur Wohnungstür. »Also, wenn dir noch etwas einfällt …«, setzt sie an.

Da unterbricht Brigitte sie aufgeregt: »Der Schlüssel ist weg.« Sie zeigt auf die Haken neben der Eingangstür. »Hier hing immer ein Ersatzschlüssel für die Wohnung. Lotte hatte vier Stück. Einer war an ihrem Schlüsselbund, das sie immer bei sich hatte, einen hat ihre Tochter, einen habe ich und der vierte hat hier gehangen. Der daneben ist meiner, also von meiner Wohnung.«

»So? Na, den nimmst du jedenfalls erst mal mit«, bestimmt Berta. »Das heißt also«, überlegt sie dann, »dass ihr Besucher den Schlüssel geklaut hat. Wahrscheinlich hat Lotte das gar nicht gemerkt. Und nach ihrem Tod konnte der in die Wohnung kommen, seine Spuren beseitigen und das Geld klauen.«

»Ja, aber das war bestimmt nicht viel«, vermutet die Nachbarin. »Sie kam doch immer gerade so über die Runden. Sie hat gespart, damit sie ihrem Enkel was Schönes zu Weihnachten und zum Geburtstag schenken konnte. Das waren höchstens zweihundert Euro. Dafür treibt man doch keinen Menschen in den Selbstmord.«

»Nein, das glaube ich auch nicht. Für diese Gemeinheit muss es einen anderen Grund geben.«

Im Hausflur gibt sie der Frau die Hand und wirft schnell einen Blick auf deren Klingelschild. Jankowski steht da. ›Natürlich, Brigitte Jankowski! So heißt die!‹ Wahrscheinlich wird sie den Namen bald wieder vergessen. Aber das macht nichts. In anderen Dingen funktioniert ihr Verstand noch ausgezeichnet. »Also, pass auf!«, sagt sie leise aber eindringlich, während sie die Hand der Frau festhält. »Es ist durchaus möglich, dass derjenige, der den Schlüssel von Frau Hagemeister hat, noch einmal wiederkommt. Wenn du irgendetwas mitkriegst, mach nichts, ruf mich an oder die Polizei! Mich rufst du auch an, wenn dir noch irgendwas einfällt! Denk noch mal nach! Du kanntest sie doch gut. Wem nützt ihr Tod? Hatte sie Feinde?«

Die Nachbarin schüttelt ratlos den Kopf. »Lotte doch nicht. Die hat in ihrem ganzen Leben niemandem was getan.«

»Ja, das glaub ich auch. Aber es muss doch einen Grund geben. Also, überleg noch mal! Du wirst dich ja mit der Familie unterhalten, der Tochter und dem Schwiegersohn. Frag sie mal ein bisschen aus! Bei dir fällt das nicht auf, schließlich warst du mit der Frau befreundet. Und dann kommst du mal im Kehr wieder vorbei, wir trinken einen Kaffee und du erzählst mir alles.«

Zu Bertas Ärger sitzt Gesa bereits am Stammtisch, als sie in die Pension kommt. Sophies Gesicht ist anzusehen, dass sie davon genauso wenig begeistert ist. Sie steht hinter ihrem Tresen und poliert Gläser, sehr langsam und sehr gründlich, vermutlich, um sich nicht mit Gesa unterhalten zu müssen.

Vermutlich ahnt die das sogar, aber es ist ihr egal. Umso eifriger redet sie auf Berta ein, als die sich zu ihr setzt. »Wusstest du, dass sich die Schröders getrennt haben? Er soll schwul sein, das hab ich eigentlich schon immer gedacht, sieht man doch, so was. Ich frag mich nur, wo sie die Kinder herhat.«

»Gesa, bitte!« Berta verzieht angewidert das Gesicht. »Was geht uns das an, ist doch deren Sache.«

»Na, das musst du gerade sagen! Du mischst dich doch sonst in alles ein.«

Die Ältere will ihr gerade den Unterschied zwischen hilfreichem Einmischen und bösartigem Klatsch erklären, da stürmt Anne herein. Wütend schmeißt sie ihre Tasche auf einen Stuhl und Gesa einen ebensolchen Blick zu. Sie schluckt erst einmal, eigentlich möchte sie nicht, dass die neugierige Tratsche den Grund für ihren Ärger erfährt, aber dann kann sie es doch nicht für sich behalten. »Stellt euch vor, der Kurdirektor hat mich gerade angerufen. Er hat einen Beschwerdebrief bekommen.«

»Über dich?« Sophie hat ihr Geschirrtuch weggelegt und kommt an den Tisch. »Was stand denn drin?«

Gesa beugt sich vor und sieht Anne neugierig an. Ihre Augen blitzen und sie kann sich ein schadenfrohes Grinsen nur mühsam verkneifen.

»Dass ich … ach, das weiß ich nicht so genau.« Einerseits möchte sie ihren Ärger gern herauslassen, sie fühlt sich ungerecht behandelt, aber sie verschiebt das Gespräch dann doch lieber auf später, wenn sie ungestört mit ihrer Freundin und Tante Berta reden kann.

»Wahrscheinlich hast du irgendwelchen Blödsinn erzählt«, vermutet Gesa etwas enttäuscht.

»Das ist mein Job. Plappern gehört zum Handwerk.«

Evelins Dienst beginnt erst in einer halben Stunde, aber sie ist wieder etwas früher gekommen, das macht immer einen guten Eindruck, findet sie. Außerdem will sie dringend mit Ben reden. Sie hat ihn angerufen und er wartet schon hinter dem Haus in ihrer Raucherecke auf sie. »Ich habe eine neue Quelle erschlossen«, redet sie dann auch gleich leise auf ihn ein, nachdem sie sich gründlich umgesehen hat. »Berta hat heute Morgen etwas aus der Zeitung vorgelesen, über den Bauausschuss oder was weiß ich. Worum es da genau ging, habe ich nicht mitgekriegt, interessiert mich auch nicht. Aber jetzt weiß ich, dass der Wallner im Gemeinderat ist. Er hat sogar richtig viele Stimmen bekommen. Die Alte hat sich gewundert, dass er in diesem Jahr zum ersten Mal überhaupt kandidiert hat, wo er doch so bekannt und beliebt ist. Das hätte ich ihr erklären können. Ich weiß nämlich«, sie betont das Fürwort und hebt triumphierend die Stimme, »dass er bei der Stasi war. Der nette Mann hat seine eigenen Kollegen bespitzelt und verraten. Glaub ich jedenfalls«, schränkt sie ein.

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