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Elissa Pustka

Französische Sprachwissenschaft

Eine Einführung

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Prof. Dr. Elissa Pustka ist Professorin für Romanische Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

DOI: https://www.doi.org/10.24053/9783823394624

© 2022 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISSN 0941-8105

ISBN 978-3-8233-8462-5 (Print)

ISBN 978-3-8233-0334-3 (ePub)

Inhalt

  Pour Amélie

  Vorwort

 1 Faszination Französisch1.1 Alltagsfranzösisch1.1.1 Gesprochene Sprache1.1.2 Langage texto1.1.3 Inszenierte Mündlichkeit1.2 Weltsprache Französisch1.2.1 L1, L2, Fremdsprache und offizielle Sprache1.2.2 Linguistic landscape

 2 Faszination Sprachwissenschaft2.1 Was ist Wissenschaft?2.1.1 Prinzipien der Wissenschaftlichkeit2.1.2 Wissenschaft als soziales System2.1.3 Wissenschaftliches Arbeiten2.2 Geschichte der Sprachwissenschaft2.2.1 Anfänge2.2.2 Frühe Neuzeit2.2.3 Das 19. Jahrhundert2.2.4 Das 20. und 21. Jahrhundert

 3 Sprachdynamik3.1 Was ist Sprache?3.1.1 Sprache als Zeichensystem3.1.2 Sprache als Ergebnis des Sprechens3.2 Funktionen des Sprechens3.2.1 Technische Kommunikation3.2.2 Sprachliche Kommunikation3.2.3 Natürliche Kommunikation3.2.4 Menschliche Kommunikation3.3 Wandel3.3.1 Innovation3.3.2 Diffusion3.3.3 Inflation3.4 Variation und Varietäten3.4.1 Sprache vs. Dialekt3.4.2 Dialekte und français régionaux3.4.3 Soziale und stilistische Variation3.4.4 Varietäten als kognitive Repräsentationen

 4 Sprachkontakt4.1 Individuum: Bilinguismus4.1.1 Konstellationen4.1.2 Sprachdominanz4.1.3 ‘Doppelte Halbsprachigkeit’4.1.4 L1-Erwerb vs. Fremdsprachenlernen4.2 Gesellschaft: Diglossie4.3 Sprechen: ‘Sprachmischungen’4.3.1 Code-Switching4.3.2 Entlehnung4.3.3 Interferenz bzw. negativer Transfer4.3.4 Substrat, Superstrat und Adstrat4.4 Sprache: ‘Mischsprachen’4.4.1 Pidgin: Lingua Franca4.4.2 Kreol: Guadeloupe-Kreol4.4.3 Mixed language: Michif

 5 Sprachgeschichte und -politik5.1 Von Rom zum Römischen Reich5.1.1 Gründung Roms5.1.2 Romanisierung Galliens5.1.3 Römisches Reich und Romania5.2 Das Vulgärlatein5.2.1 Definition5.2.2 Quellen5.2.3 Struktur5.3 Sprachkontakte in Gallien5.3.1 Kelten5.3.2 Germanen5.4 ‘Geburt’ des Französischen5.4.1 Konzil von Tours (813 n. Chr.)5.4.2 Straßburger Eide (842 n. Chr.)5.4.3 Koineisierung in Paris5.5 Verbreitung des Französischen in Frankreich und in der Welt5.5.1 Ordonnance de Villers-Cotterêts (1539)5.5.2 Französische Revolution5.5.3 Urbanisierung, Militärdienst, Schulpflicht5.5.4 Kolonisierung und Dekolonisierung

 6 Phonetik und Phonologie6.1 Phonetik6.1.1 Artikulation, Akustik und Perzeption6.1.2 Lautschrift und Transkription6.2 Phonologie6.2.1 Phonemsystem6.2.2 Phonologische Prozesse

 7 Morphologie7.1 Bausteine der Sprache7.1.1 Das Wort7.1.1 Morphem, Morph, Allomorph7.2 Wortbildung7.2.1 Typen7.2.2 Motiviertheit und Produktivität7.3 Flexion7.3.1 Deklination und Konjugation7.3.2 Wortarten7.3.3 Grammatische Kategorien7.4 Einfache vs. komplexe Sprachen7.4.1 Wissenschaftsgeschichte7.4.2 Aktuelle Diskussion

 8 Syntax8.1 Grundlagen der Grammatik8.1.1 Der Satz8.1.2 Konstituenten und ihre Funktionen8.2 Grammatiktheorien im Vergleich8.2.1 Generative Grammatik8.2.2 Gebrauchsbasierte Grammatik8.3 Charakteristika des gesprochenen Französisch8.3.1 Negation8.3.2 Subjektpronomina8.3.3 Fragekonstruktionen

 9 Semantik und Pragmatik9.1 Sprache und Denken9.1.1 Dinge, Konzepte, Bedeutungen9.1.2 Sapir-Whorf-Hypothese9.2 Semantische Theorien im Vergleich9.2.1 Strukturalistische Merkmalssemantik9.2.2 Kognitive Prototypensemantik9.3 Struktur des Wortschatzes9.3.1 Horizontale Relationen9.3.2 Taxonomien und basic level9.4 Metapher und Metonymie9.5 Manipulation9.5.1 Familienmetaphern in der US-Politik9.5.2 Newspeak in George Orwells Dystopie 19849.5.3 Gleichberechtigung durch Sprache?

 10 Variation und Varietäten10.1 Regionale Varietäten10.1.1 Südfranzösisch10.1.2 Québécois10.2 Sozio-stilistische Variation10.2.1 Français populaire10.2.2 Jugendsprache10.3 Die Frage der Norm(en)10.3.1 Geschichte der Normierung10.3.2 Plurizentrik?

  Bibliographie

  Abbildungsverzeichnis

Pour Amélie

Vorwort

Ist ein Lehrbuch noch zeitgemäß in Zeiten von YouTube-Tutorials, Podcasts und MOOCs (Massive Open Online Courses)? Wer nur liest, lernt weniger als wer auch zuhört, spricht und schreibt, nachdenkt, sich mit anderen austauscht und – vor allem – selbst forscht, unterrichtet und in der Praxis ausprobiert. Den größten Erfolg verspricht Lernen mit allen Sinnen und eine Kombination verschiedener Aktivitäten. Hierfür bleiben Lehrbücher zentral. Sie führen Anfänger*innen durch den Dschungel einer ihnen noch unbekannten wissenschaftlichen Disziplin, liefern einen ersten Überblick und schaffen Orientierung.

Aber ist ein Lehrbuch nicht ein Nürnberger Trichter, der nur Wissen in die Lernenden stopft? Nein! Ein Lehrbuch ist kein abgelesener Frontalunterricht ohne Ton. Lesen ist ein aktiver Prozess. Und Lesen aktiviert: Es ist anstrengend, es berührt, es bringt uns zum Lachen. Ein Buch verführt erst gar nicht zur Illusion, man könne durch ‘Berieselung’ ganz bequem schlauer werden. Der enorme Vorteil eines Lehrbuchs ist: Es ermöglicht differenziertes individualisiertes Lernen. Je nach Vorwissen, Interessen und Zielen kann man ein Buch von vorne bis hinten durcharbeiten oder nur einzelne Kapitel lesen, es zunächst einmal überfliegen oder in Ruhe darin schmökern, vor- und zurückspringen, Absätze bei Bedarf immer wieder lesen und dabei sein eigenes Tempo finden. Während eindimensionale Lautketten zum einen Ohr rein und zum anderen wieder herausgehen und Hin- und Herspulen in Audio- und Videomaterial mühsam ist, führen uns Texte und Graphiken mehrdimensional vor Augen, worum es geht. Es entstehen Bilder im Kopf – eine wunderbare Merkhilfe. Doch wo bleibt die Vermittlung von Kompetenzen, mit denen man sich in einer sich ständig verändernden Welt zurechtfinden kann, wo bleiben eigene Analysen und Bewertungen von Zusammenhängen? Lehrbücher bemühen sich schon lange, mit Übungsaufgaben ihre Leser*innen in unterschiedlichen Wissensdimensionen zu aktivieren. Musterlösungen ermöglichen es ihnen, durch Feedback aus ihren Fehlern zu lernen.

Das didaktische Konzept dieser neuen Einführung ist, seine Leser*innen ausgehend von ihrem Vorwissen induktiv an die französische Sprachwissenschaft heranzuführen. Das Buch ist spiralförmig aufgebaut: Es führt Beschreibungen und Begriffe in kleinen Häppchen ein und ordnet sie erst einmal in die großen Zusammenhänge ein, um sie später im Detail zu vertiefen. Die Aufgaben befinden sich nicht am Ende der Kapitel (wo sie oft weggelassen werden), sondern Fragen zum Nachdenken und kleine Übungen (mit Audio-Materialien und Musterlösungen zum Download unter www.meta.narr.de/9783823384625/Zusatzmaterial.zip) aktivieren die Leser*innen an den entscheidenden Stellen zwischendrin – wie im Präsenzunterricht.

Inhaltlich ist weniger mehr. Diese Einführung soll vor allem eines: motivieren – für die französische Sprache, für die Wissenschaft und für die französische Sprachwissenschaft. Faszinierende aktuelle Themen wie Comic-Sprache, Mehrsprachigkeit und politische Rhetorik regen die Leser*innen an, selbst zu entdecken, wie Sprachlaute, Grammatik und Bedeutung funktionieren. Daneben enthält das Buch zahlreiche Tipps für populärwissenschaftliche Podcasts, Filme und Spiele. So kann man das Gelernte auch mit Personen teilen, die nicht Französisch studieren und sich mit ihnen darüber austauschen. Wer die vorgestellten Teilgebiete vertiefen möchte, sei auf die darauf jeweils spezialisierten Einführungsbücher verwiesen (z. B. PUSTKA 22016 für die Phonologie, KAISER 2020 für die Syntax). Während die Anzahl der Fachbegriffe in diesem Buch auf diejenigen begrenzt ist, die in der aktuellen Forschung auch wirklich relevant sind, spart es nicht daran, Zusammenhänge zu anderen Sprachen (insbesondere Deutsch und Englisch) und wissenschaftlichen Disziplinen (jenseits der Französistik und der Romanistik) herzustellen. Französisch-Student*innen dürfen sich von Anfang an umfassend sprachwissenschaftlich bilden!

Auch wenn Wissenschaft nach Objektivität strebt, ist die Auswahl der Themen für ein Einführungsbuch nie neutral. Dieses Buch ist auf Basis meiner persönlichen Erfahrungen nach 23 Jahren an der Universität geschrieben. Es liefert keinen Überblick über sämtliche Theorien und Methoden, Forschungs- und Anwendungsfelder; es nimmt vielmehr die Perspektive der kognitiven (Varietäten-)Linguistik ein. Dabei ist es mir besonders wichtig, die französische Sprachwissenschaft auf ein solides wissenschaftstheoretisches Fundament zu stellen. In der Wissenschaft geht es nicht um Fakten, die richtig oder falsch sind, sondern darum zu verstehen, wie Wissen entsteht. Die Leser*innen lernen Ergebnisse von Forschung kritisch zu hinterfragen und durch eigene Forschung selbst neues Wissen zu produzieren.

Dieses Buch ist Ergebnis meines eigenen Studiums und meiner Lehrerfahrung, meiner Lektüren, Forschungsaktivitäten und Diskussionen mit vielen Kolleg*innen und Student*innen, die mich geprägt und inspiriert haben. Ihnen allen sei an dieser Stelle gedankt! Bei der Erstellung des Manuskripts und beim Korrekturlesen haben mich Cornelia Arbeithuber, Helga Auer, Linda Bäumler, Patricia de Crignis, Christoph Gabriel, Elisabeth Heiszenberger, Georg Kaiser, Thomas Krefeld, Eva Remberger, Barbara Tiefenbacher und Verena Weiland unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

Und wie immer – Daniel, Linus, Jonas und Amélie – Danke für die Inspiration!

1 Faszination Französisch

Romantisch und unbezwingbar – dem Klischee nach schreckt ein Labyrinth von Regeln und Ausnahmen Schüler*innen davor ab, Französisch zu lernen. Gleichzeitig zieht sie eine sanfte Melodie an, die die Wörter elegant aneinanderbindet. Die französische Sprachwissenschaft blickt hinter die Kulissen dieser faszinierenden Sprache: Sie beschreibt ganz genau, zwischen welchen Wörtern die liaison stattfindet und erklärt, warum auch native speaker schon seit Jahrhunderten Probleme mit dem accord haben. Während Schulbücher Sprache zu einem begreifbaren Gegenstand vereinfachen, taucht die Wissenschaft ein in das pulsierende Treiben hinter der starren Fassade. Die elitäre Schriftsprache der Literatur interessiert dabei nur am Rande; im Zentrum steht, wie Menschen im Alltag miteinander sprechen. Wir wagen daher mit diesem ersten Kapitel den Sprung ins kalte Wasser und schauen uns dieses Ihnen vielleicht noch unbekannte Alltagsfranzösisch an, das Hauptgegenstand der Sprachwissenschaft ist (Kapitel 1.1). Natürlich wird es nicht nur in Frankreich gesprochen, geschrieben, gehört und gelesen, sondern in der ganzen Welt. Entsprechend stellt Kapitel 1.2 vor, wer wo und wie Französisch als Erstsprache (L1), Zweitsprache (L2) und Fremdsprache erwirbt und lernt.

1.1 Alltagsfranzösisch

[ʃpɔmwa], <chépa>, je ne sais pas: Das Französische hat viele Gesichter. Während man im Französischunterricht je ne sais pas lernt, finden Sprachwissenschaftler*innen [ʃpɔmwa] und <chépa> interessanter. Dementsprechend geht es im Linguistik-Studium an der Universität weniger darum, was korrekt ist, sondern mehr um die Frage, wie man wirklich spricht und schreibt – also um authentische Sprache. Während Sie bislang im Fremdsprachenunterricht gelernt haben, wie man Französisch sprechen und schreiben sollte, ist für die Sprachwissenschaft besonders spannend, was von der Norm abweicht.

Im Fall von <chépa> und [ʃpɔmwa] sind das gleich eine ganze Reihe von Phänomenen. Ausgehend von der Standardform je ne sais pas [ʒənəsɛpa] kommt man wie folgt zu den Varianten der Alltagssprache:

 Die Negationspartikel ne (< lat. non ‘nicht’) fällt im gesprochenen Französisch schon seit Jahrhunderten weg.

 In der Verbalphrase je sais [ʒəsɛ], die man häufig [ʒəse] ausspricht, fällt das Schwa [ə] weg: [ʒse]. Das stimmhafte [ʒ] gleicht sich anschließend an das stimmlose [s] an, das verschwindet: [ʃe]. In Chats und Comics findet sich entsprechend die Schreibung <ché>.

 pas sprechen viele mit [ɔ] statt [a] aus. In Comics findet man daher auch die Schreibung <pô>.

 je sais pas [ʃepɔ] lässt sich zu [ʃpɔ] verkürzen.

 Das Personalpronomen je lässt sich schließlich noch durch moi verstärken.

Die große Herausforderung der Sprachwissenschaft ist, diese Dynamik in all ihren Dimensionen zu verstehen. So fällt das ne etwa nach Pronomina wie je öfters weg als nach Nominalphrasen wie mon frère (dazu mehr in Kapitel 8.3.1). Zudem findet sich die Aussprache von pas als [pɔ] besonders häufig im français populaire und im québécois (vgl. Kapitel 10.2.1 und 10.1.2). Um herauszufinden, wer wann wie spricht, reicht Intuition nicht aus, denn vieles davon läuft unbewusst ab und oft macht die Frequenz den Unterschied. Die Sprachwissenschaft sammelt daher große Mengen von Sprachdaten, bereitet diese digital auf und analysiert sie statistisch (vgl. Kapitel 2.1.1). Ein Forschungsgegenstand unter vielen kann natürlich auch das korrekte Französisch sein. So untersucht man etwa sprachsoziologisch und -politisch, warum sogar viele Franzosen und Französinnen in Bezug auf die Norm verunsichert sind und wie die Kanadier*innen ihr eigenes Standardfranzösisch entwickeln (vgl. Kapitel 10.3.2).

1.1.1 Gesprochene Sprache

Seitdem die Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert eine eigene Universitätsdisziplin geworden ist, gibt sie – zumindest theoretisch – der Mündlichkeit den Vorrang (zur Geschichte der Sprachwissenschaft vgl. Kapitel 2.2).

Das Primat der gesprochenen Sprache

Ein deutliches Bekenntnis zum sogenannten Primat der gesprochenen Sprache (d. h. Vorrang gegenüber der geschriebenen Sprache) findet sich im Cours de Linguistique Générale des Schweizers Ferdinand de Saussure (1857–1913):

Langue et écriture sont deux systèmes de signes distincts ; l’unique raison d’être du second est de représenter le premier ; l’objet linguistique n’est pas défini par la combinaison du mot écrit et du mot parlé ; ce dernier constitue à lui seul cet objet. (CLG1: 30)

Für dieses Primat der gesprochenen Sprache gibt es zwei Gründe. Erstens ist die gesprochene Sprache phylogenetisch älter als die geschriebene Sprache: Während Menschen bereits seit mindestens 40000 Jahren sprechen, schreiben sie erst seit ca. 7300 Jahren. Zweitens ist die gesprochene Sprache auch ontogenetisch primär: Alle Menschen lernen zunächst – schnell, mühelos und perfekt – sprechen (vgl. Kapitel 4.1) und erst in der Schule schreiben: langsam, mühsam, fehlerhaft – wenn überhaupt. Selbst in Deutschland gibt es schätzungsweise 15 bis 20 % funktionale Analphabet*innen2 (DOHMEN 2019: 40). Von Schrift unberührte Kulturen existieren allerdings heute nicht mehr: Der Coca Cola-Schriftzug ist auf der ganzen Welt bekannt.

Wie sieht gesprochenes Französisch aus?

Auch wenn wir täglich Sprache(n) sprechen und hören, ist den meisten Menschen nicht bewusst, was gesprochene Sprache ausmacht. Im Alltag achten wir nicht darauf. Daher bringt das Sprachwissenschaftsstudium viele Überraschungen mit sich, die Sie den Alltag mit einer ganz neuen Aufmerksamkeit erleben lassen werden! Ein Beispiel für französische Spontansprache liefert die Audio-Datei ‘Paris-Province’, die Sie unter www.meta.narr.de/9783823384625/Zusatzmaterial.zip herunterladen und anhören können. Die orthographische Transkription des Interviewausschnitts ist im folgenden Kasten abgedruckt.

Interview mit einer Brasserie-Besitzerin in Paris (*1961)

E : Et pour vous, quelles sont les différences de mentalité les plus importantes entre les Aveyronnais et les Parisiens ?

L : (…) C’est surtout euh, ben, moi je vais dans ma, dans la, dans ma belle-famille euh, les enfants, c’est comme les lapins et les poulets. On les nourrit, on leur change la cage régulièrement, donc euh la couche, mais pour le reste, pour ce qui est de jouer avec eux, de, de, de leur faire faire les devoirs, de leur euh, de les inscrire à la danse, au judo euh, de les emmener à Pétaouchnock pour faire ou pour voir tel musée ou telle euh, c’est du superflu, c’est du, c’est un truc de Parisien. <E : Hum, hum.> C’est un truc de Parisien. (…) Et puis bon, il y a des choses moi qui me, qui m’horripilent, mais qui me choquent aussi, c’est le, les garçons sont complètement euh, on se croirait retourné cinquante ans en arrière quoi. Les garçons, c’est euh ‘Ne touche pas à la vaisselle !’, on leur sort le, leur petit linge, euh, mais alors quand moi mes belles-sœurs me voient parler à mon fils euh ‘Maman, tu as pas vu mes basquets ?’ ‘Ben, tu te les cherches, elles sont où tu les as trou/, où tu les as posés.’, elles me regardent avec des grands yeux euh. (…) C’est, bon euh, des choses, bon, peut-être parce que j’ai trois enfants et que je travaille, j’ai, je suis plus rigide sur certaines choses, mais euh.

(Korpus PUSTKA; PFC-Code 75wcn1; vgl. PUSTKA 2007)

Hier besteht kein Zweifel: Es handelt sich ganz eindeutig um gesprochenes Französisch. Insbesondere finden wir die Negation ohne ne wieder („tu as pas vu“ in der Transkription oben) sowie die Verstärkung von je durch moi („moi je vais“). Daneben springen einem in der Transkription eine Reihe von Wörtern ins Auge, die man in schriftlichen Texten nicht gewohnt ist: bon, ben, quoi. In der Mündlichkeit strukturieren diese den Diskurs, da man ja ‘ohne Punkt und Komma’ redet. Beim Anhören des Tondokuments fällt außerdem auf, dass die Sprecherin oft zögert, sei es durch Dehnungen der Vokale, Pausen oder euh. Manchmal bricht sie ihre Sätze ganz ab, korrigiert sich selbst und setzt wieder neu an (z. B. „C’est surtout euh, ben, moi je vais…“). Daran erkennt man, dass das Gesprochene ganz spontan aus ihr ‘heraussprudelt’.

In anderen Fällen ist die Einordnung der Kommunikationssituation und der Sprache dagegen nicht eindeutig. Überlegen Sie selbst!

À vous !

Wie würden Sie eine Vorlesung an der Universität oder eine Rede im Parlament einordnen? Hören wir dort eher gesprochene oder geschriebene Sprache? Inwiefern?

Medium und Konzeption

Vorlesungen und Parlamentsreden werden von Mund zu Ohr übermittelt. Sie sind also eigentlich mündlich. Dennoch wirken sie irgendwie ‘schriftlicher’ als Alltagssprache, selbst wenn sie weder abgelesen noch auswendig gelernt sind. Diese Beispiele zeigen uns, dass die Begriffe gesprochen und geschrieben zweideutig sind. Sie bezeichnen zum einen das Medium, das durch eine einfache Dichotomie (Zweiteilung) charakterisiert ist: Phonie vs. Graphie. Hier ist ganz einfach zu bestimmen, ob Sprache über Schallwellen von Sprecher*innen zu Hörer*innen gelangt (phonisch) oder ob Schreiber*innen sich in Textform – sei es auf Papier oder dem Smartphone-Bildschirm – an Leser*innen wenden (graphisch). Ein alltägliches Gespräch unter Freund*innen und eine Rede im Parlament sind beide eindeutig phonisch, ein Chat und ein Verwaltungsformular ganz eindeutig graphisch. Daneben bezieht sich die Opposition zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit aber auch auf die Konzeption. Hier ist die Einordnung nicht ganz so einfach, denn zwischen dem Pol der kommunikativen Nähe und dem Pol der kommunikativen Distanz besteht ein Kontinuum. Nähe bedeutet dabei neben physischer Nähe (face-to-face-Kommunikation) auch psychische Nähe (Vertrautheit). So stellt ein Gespräch unter Freund*innen einen Extremfall von Nähesprache dar, ein Verwaltungsformular einen Extremfall von Distanzsprache; Vorlesungen und Parlamentsreden dagegen können sich an unterschiedlichen Punkten dazwischen ansiedeln.

Das Schema in Tab. 1.1 bildet dies ab, indem der Strich zwischen phonischem und graphischem Medium durchgezogen ist, der zwischen Nähe- und Distanzkonzeption dagegen nur gestrichelt.


Konzeption
Nähe Distanz
Medium phonisch Alltagsgespräch: [ʃpɔmwa] Rede: [ʒənəsɛpa]
graphisch Chat: <chépa> Verwaltungsformular: <je ne sais pas>

Tab. 1.1:

Gesprochenes und geschriebenes Französisch (in Anlehnung an SÖLL [1974] (31985) und KOCH/OESTERREICHER [1990] 22011).

In diesem Vierfelderschema sind grundsätzlich alle Kombinationen möglich. Allerdings kommen einige häufiger vor als andere. So bestehen ganz klar Affinitäten zwischen dem phonischen Medium und der Nähekonzeption (z. B. Alltagsgespräch) und dem graphischen Medium und der Distanzkonzeption (z. B. Verwaltungsformular). Zur Verdeutlichung sind diese beiden Kästchen in Tab. 1.1 dunkler hinterlegt als die anderen beiden. Die zwei übrigen Kombinationen sind seltener, aber ebenfalls möglich. Dies zeigt allein schon die Möglichkeit des Medienwechsels: Jedes Gespräch lässt sich transkribieren und jeden Text kann man laut vorlesen. Manche Texte sind sogar aus mündlichen Erzählungen entstanden, zum Beispiel die Volksmärchen von Charles Perrault oder der Gebrüder Grimm. Andere wiederum werden speziell geschrieben, um vorgelesen zu werden, insbesondere Kinderbücher. Zudem können einige Menschen (speziell manche Professor*innen und Politiker*innen) auch ohne Manuskript ‘sprechen wie gedruckt’ – was Student*innen und Journalist*innen das Mitschreiben erleichtern kann. Letzten Endes lässt sich Mündlichkeit auch inszenieren, beispielsweise im Comic (vgl. Kapitel 1.1.3).

Auch wenn die Idee der Nähe- und Distanzsprache sehr intuitiv ist, so müssen in der Wissenschaft subjektiv ‘gefühlte’ Kategorien intersubjektiv nachvollziehbar gemacht werden. Dazu dienen sowohl sprachexterne als auch sprachinterne Kriterien. Sprachextern sind dies die „Kommunikationsbedingungen“ (KOCH/OESTERREICHER 22011: 6), d. h. die Charakteristika der Situationen kommunikativer Nähe und Distanz, und sprachintern die „Versprachlichungsstrategien“ (KOCH/OESTERREICHER 22011: 6), mit denen Nähe- und Distanzsprache produziert wird. Beides sehen wir uns im Folgenden genauer an.

Situationen zwischen Nähe und Distanz

Tab. 1.2 gibt einen Überblick über die wichtigsten Kriterien zur Definition von Kommunikationssituationen:


Nähe Distanz
Dialog Monolog
Vertrautheit Fremdheit
Emotionalität keine Emotionalität
Situations- und Handlungseinbindung Situations- und Handlungsentbindung
face-to-face raum-zeitliche Trennung
freie Themenentwicklung Themenfixierung
Privatheit Öffentlichkeit
Spontanität Reflektiertheit
… …

Tab. 1.2:

Kriterien von Nähe- und Distanzsituationen (vgl. KOCH/OESTERREICHER 22011).

Mit Hilfe dieser Kriterien können Kommunikationssituationen genauer bestimmt werden. So lässt sich beispielsweise eine Rede im Parlament wie folgt definieren:

Nähe-/Distanzprofil einer Rede im Parlament

 Monolog, evtl. z. T. Dialog aus Rede, Zwischenrufen und Reaktionen darauf;

 Vertrautheit z. T. mit den anderen Parlamentarier*innen und Zuschauer*innen, aber Fremdheit eines Großteils des Fernsehpublikums und der Zeitungsleser*innen;

 Emotionalität: je nach Thema unterschiedlich;

 Situations- und Handlungseinbindung: meist ohne;

 face-to-face mit dem Präsenzpublikum, dagegen nicht über die Massenmedien;

 Themenfixierung, evtl. mit spontanen Ergänzungen;

 Öffentlichkeit über die Massenmedien, aber eingeschränkter Kreis vor Ort;

 Reflektiertheit der (schriftlich vorbereiteten) Rede, aber auch spontane Ergänzungen.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass das Kontinuum zwischen Nähe und Distanz mehrdimensional ist. Fälle in der Mitte des Kontinuums können daher nicht pauschal als näher oder entfernter vom Nähe- bzw. Distanzpol eingeordnet werden. Sie sind dies möglicherweise in Bezug auf eines der Kriterien, aber nicht in Bezug auf andere. So kann beispielsweise eine Rede im Parlament sehr emotional sein, obwohl sie öffentlich ist, ein Chat mit dem Kundenservice der Bank rein sachlich, aber gleichzeitig höchst vertraulich. Außerdem ist jede Parlamentsrede verschieden, und auch innerhalb derselben Rede kann sich die Situation immer wieder ändern. Nähesprache im engeren Sinne definiert KREFELD (2015) daher nur über das folgende zentrale Merkmal: face-to-face-Situation ohne Zuhilfenahme technischer Medien.

Merkmale gesprochener Sprache

Die Verteilung der sprachinternen Charakteristika gesprochener und geschriebener Sprache ist ebenfalls vielschichtig. Der Sprachvergleich zeigt, dass sich eine Reihe von Merkmalen in allen Sprachen der Welt wiederfinden. Diese universellen Merkmale der Nähe- und Distanzsprache lassen sich aus den Kommunikationsbedingungen ableiten. Nähekommunikation findet parallel auf zahlreichen Kanälen statt: neben der Sprache auch durch Gestik und Mimik, den situativen Kontext und geteiltes Wissen. Dagegen ist Distanzkommunikation oft auf die Sprache beschränkt. Aus diesem Grund ist Distanzsprache präziser in der Wortwahl, komplexer in der Syntax und deutlicher in der Phonologie. In der Nähesprache reichen oft sogenannte passe partout-Wörter aus (die so heißen, weil man sie für alles mögliche einsetzen kann), z. B. fr. truc, machin, mec, Aneinanderreihungen von Hauptsätzen und eine reduzierte Aussprache. Im Französischen sind Formen wie <chépa> [ʃpɔ] für je ne sais pas (s. o.), <quat’> [kat] für quatre oder <t’as> [ta] für tu as allerdings komplexeren einzelsprachlichen Regelmäßigkeiten unterworfen (vgl. Kapitel 6.2.2). Zusätzlich finden sich in der Nähesprache viele Deiktika, mit denen man direkt auf die Umgebung zeigen kann: ici, là-bas, celui-ci, celui-là etc.

Da Nähesprache im Gegensatz zu Distanzsprache nicht sorgfältig vorbereitet und korrigiert ist, sondern spontan produziert wird, erscheint sie – wenn man sie als Transkription vorliegen hat – oft chaotisch, provisorisch, bruchstückhaft oder sogar falsch: Man findet hier Häsitationsphänomene wie leere und gefüllte Pausen (euh), Dehnungen und Wiederholungen, abgebrochene Sätze, Selbstkorrekturen (eingeleitet durch enfin, bon etc.) und Unsicherheitsbekundungen (z. B. durch je sais pas, je veux dire). Im Alltag fällt uns das aber gar nicht auf. Denn ganz so chaotisch ist die Nähesprache auch nicht: Statt mit Punkt und Komma ist sie durch Gliederungssignale strukturiert. Das sind Öffnungssignale wie et und alors und Schließungssignale wie hein und quoi. Zu ihrem auf den ersten Blick chaotisch wirkenden Satzbau gehören auch die sogenannten Rechts- und Linksversetzungen, d. h. Abweichungen von der üblichen Subjekt-Verb-Objekt-Reihenfolge. So findet man statt Le chat mange la souris eher il mange la souris, le chat oder le chat, il mange la souris.

À vous !

Welche sprachlichen Gliederungssignale (connecteurs) der französischen Distanzsprache kennen Sie? Wie leitet man einen Gedanken ein, wie fügt man einen hinzu, wie schließt man ab und wie stellt man Parallelen her? Erstellen Sie eine Vokabelliste, die Ihnen beim Verfassen französischer Texte hilft!

Da Nähesprache typischerweise im Dialog vorkommt, finden sich hier auch Kontaktsignale von Sprecher*in (z. B. hein, tu sais, tu vois, écoute) und Hörer*in (z. B. hum, d’accord, tiens).

Das Kriterium der Emotionalität kann sich schließlich unterschiedlich niederschlagen. Einerseits machen Emotionen sprachlos bzw. drücken sich in sprachlich marginalen Interjektionen aus, wie beurk ! für Ekel und aïe ! für Schmerz. Zu dieser direkten Ausdrucksweise gehören auch die Onomatopoetika (‘Lautmalereien’), z. B. crac, boum. Auf der anderen Seite lassen sich durch besonders aufwändige Versprachlichungsstrategien Emotionen bei den Hörer*innen wecken, u. a. durch Metaphern und Übertreibungen (vgl. Kapitel 9.4). Beim mündlichen Erzählen sorgen außerdem das Präsens und die direkte Rede für Lebendigkeit (z. B. « ‘Maman, tu as pas vu mes basquets ?’ » im Interviewausschnitt oben).

Nähe und Distanz beeinflussen jedoch nicht nur die Sprache, sondern auch die nichtsprachliche Kommunikation. So kommt man sich bei einer Umarmung näher als beim Händeschütteln. Viel ist hier allerdings auch kulturell bedingt, wie etwa in Frankreich die Anzahl der bises je nach Region.

Merkmale des gesprochenen Französisch

Neben den universellen Merkmalen der gesprochenen Sprache existieren auch einzelsprachliche Merkmale. Im Französischen ist der Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Grammatik ganz besonders groß. Vergleicht man die Konjugation der regelmäßigen Verben auf -er (z. B. chanter in Tab. 1.3), so sieht man, dass Endungen fast nur im graphischen Medium existieren; im phonischen Medium erkennt man Person und Numerus dagegen v. a. am vorangestellten Personalpronomen, das oft verdoppelt wird.


Phonie Graphie
[mwaʒəʃɑ̃t] <je chante>
[twatyʃɑ̃t] <tu chantes>
[lɥiiʃɑ̃t]/[ɛlɛlʃɑ̃t] <il/elle/on chante>
[nuɔ̃ʃɑ̃t]
[vuvuʃɑ̃te] <vous chantez>
[øiʃɑ̃t]/[ɛlɛlʃɑ̃t] <ils chantent>

Tab. 1.3:

Verbkonjugation in phonischem und graphischem Medium.

Auf Ebene der Konzeption sind die Unterschiede besonders deutlich in Morphologie und Syntax (vgl. Kapitel 7 und 8). So ist die Anzahl der Tempi und Modi in der Nähesprache geringer: Das passé simple, der imparfait du subjonctif und das futur simple kommen hier (fast) nicht vor, und häufig wird an Stelle des subjonctif der Indikativ verwendet. Bei den Pronomina kann das unpersönliche il in (il) faut und (il) y a wegfallen und nous durch on ersetzt werden (was auch die Konjugation vereinfacht; vgl. Tab. 1.3); gleichzeitig ist eine Verdoppelung möglich (z. B. nous on chante; vgl. Tab. 1.3). Typisch für das gesprochene Französisch ist außerdem die Verkürzung von cela zu ça und von qui vor Vokal zu qu’ (z. B. c’est qui qu’a fait ça ? statt qui a fait). In der Verbalphrase fällt auf, dass die Negation ohne ne erfolgt (vgl. <chépa> statt je ne sais pas; s. o.). Zudem kann der accord fehlen, beim participe passé, aber auch beim Präsentativ c’est (z. B. c’est pas des pizzas statt ce ne sont pas des pizzas). Auf Satzebene ist il y a X qui eine speziell französische Konstruktion (z. B. « il y a des choses moi qui me, qui m’horripilent » in der Transkription oben). Schließlich werden im gesprochenen Französisch Fragen üblicherweise allein durch die Intonation ausgedrückt (z. B. Tu viens ?), während in der Distanzsprache die Inversion vorherrscht (z. B. Pourriez-vous m’envoyer votre adresse ?). Wir vertiefen diese Phänomene noch in Kapitel 8.3.3.

Im Gegensatz zu den universellen Versprachlichungsstrategien ergeben sich die einzelsprachlichen Versprachlichungsstrategien nicht automatisch aus den Kommunikationsbedingungen. Im Gegenteil: Sie konstruieren diese mit. Da beispielsweise eine Negation ohne ne als mündlich eingeordnet wird, kann dieses Phänomen in einer Rede oder einer E-Mail Nähe herstellen.

1.1.2 Langage texto

In der computervermittelten Kommunikation verschwimmen die Grenzen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Auf WhatsApp sendet nicht mehr zwangsläufig ein Sender eine Nachricht, die ein Empfänger liest und erst im Anschluss beantwortet (womit sich dann die Rollen umdrehen und der Empfänger zum Sender wird). Die Kommunikationspartner können ihre Nachrichten auch häppchenweise verschicken, sich dabei ins Wort fallen, aber auch gleichzeitig tippen. Komplett synchron wie eine face-to-face-Unterhaltung ist ein Chat zwar nicht (da niemand jeden Buchstaben einzeln senden würde), aber fast. Man spricht daher von quasi-synchroner Kommunikation (vgl. DÜRSCHEID 2016) – im Gegensatz zur nicht-synchronen Kommunikation von Schriftsteller*innen, deren Werke manchmal erst mehrere Jahrhunderte später gelesen werden. Die Spontaneität, die bei der Kommunikation per Smartphone häufig vorliegt, führt dazu, dass das Geschriebene nicht genau geplant, sorgfältig elaboriert und vor der Übermittlung noch einmal gründlich Korrektur gelesen wird. Zudem ermöglichen Instant Messaging-Dienste neben reinen Sprachnachrichten auch die Übersendung von Emojis, Fotos, Audio- und Videobotschaften und Links – auf diese Weise ergibt sich eine multimediale und vielfach kontextualisierte Kommunikation. Dabei bestehen natürlich enorme Unterschiede zwischen den Nachrichten und Chats, die man austauschen kann, von der Terminerinnerung des Friseursalons bis zum Beziehungsstreit.

À vous !

Entziffern Sie die folgenden französischen SMS: « jSpR ktu va bi1 », « D-100 chuis ariV », « j’tapLdkej’pe », « C pa grav », « J’v boC », « a2m1 » (Beispiele aus SABATIER 2014).

Der französische SMS-Slang (langage texto) hat mit der Verbreitung von Handy und Internet ab Ende der 1990er Jahre schnell die Aufmerksamkeit der Sprachwissenschaft und der Massenmedien auf sich gezogen. « Parlez-vous texto ? » titeln regelmäßig Bücher, Zeitungsartikel und Blogs, um die Erwachsenenwelt in die vermeintliche Geheimsprache der digital natives einzuweihen (z. B. SABATIER 2014). Mittlerweile sind sogar mehrere Romane im Chat-Slang erschienen. Aber auch große internationale Forschungsprojekte widmen sich dem Thema, u. a. sms4science (2007–2016; www.sms4science.org) und What’s up, Switzerland? (2016–2020; www.whatsup-switzerland.ch).

Das Forschungsprojekt sms4science

Mit dem Aufruf « Faites don de vos SMS à la science ! » hat 2004 in Belgien die erste große SMS-Sammlung stattgefunden. Zwei Monate lang haben insgesamt 3300 Personen 75500 ihrer bereits geschriebenen SMS an ein Forschungsteam weitergeleitet. 2275 von ihnen haben zudem einen Fragebogen zu ihrem soziodemographischen Profil und ihrem Medienverhalten ausgefüllt. Die Teilnehmer*innen waren zwischen 12 und 73 Jahre alt, 76 % unter 25 Jahren. Im Anschluss wurde das Projekt auf La Réunion, die Schweiz, Québec und mehrere französische départements ausgeweitet (www.sms4science.org/). Auf dieser Datenbasis haben die Forscher*innen herausgefunden, welche der in den Massenmedien beschriebenen Merkmale des langage texto auch wirklich existieren, wie häufig sie sind und inwiefern sich die SMS von Jugendlichen und Erwachsenen unterscheiden (vgl. FAIRON/KLEIN/PAUMIER 2006).

Schreibstrategien

Wie die Beispiele zeigen, zeichnen sich französische Textnachrichten durch eine ganze Reihe von Schreibstrategien aus:

 Abkürzungen: Weglassen der Vokale (z. B. bcp für beaucoup), des Wortendes (z. B. dak für d’accord) oder des Wortanfangs (z. B. net für internet);

 Siglen: Reduktion auf die Anfangsbuchstaben (z. B. mdr für mort de rire);

 Expressive Längungen (z. B. ke jeu taimmmmmmeu für que je t’aime);

 Rebus-Prinzip: Verwendung von Ziffern, Buchstaben und Symbolen als Lautzeichen (z. B. a2m1 für À demain !, OKLM für au calme, A+ für À plus tard !);

 Pseudo-phonetische ‘Transkription’ (z. B. kwa für quoi);

 Anglizismen (z. B. LOL für laughing out loud);

 Emoticons (z. B. :-), xD), später auch Emojis (z. B. );

 Merkmale der konzeptionellen Nähesprache (vgl. Kapitel 1.1.1), u. a. Wegfall des ne der Negation (z. B. C pa grav für Ce n’est pas grave).

Der langage texto hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten mit der Veränderung der Technik aber auch rasant weiter- und auseinanderentwickelt. Als es noch darauf ankam, auf einem Handy mit neun Tasten SMS von maximal 160 Zeichen zu tippen, war der SMS-Slang durch extreme Abkürzungen geprägt. Durch die automatische Textergänzung sind diese zurückgegangen. Diese Abkürzungen waren keineswegs Innovationen, sondern bauten auf der Tradition handschriftlicher Notizen auf. Die wichtigsten davon lernt man in Frankreich sogar in der Schule. Für das Mitschreiben von Vorlesungen an der Universität sind sie besonders nützlich. Die Hauptstrategie dabei ist das Weglassen der Vokale (z. B. bcp für beaucoup). Tab. 1.4 gibt einen Überblick über die wichtigsten französischen Abkürzungen.


Abkürzung Vollform
bcp beaucoup
ds dans
ns nous
pb problème
pr pour
qd quand
tjs toujours
tps temps
tt tout
qqch quelque chose
cad c’est-à-dire
t° (z. B. solut°) -tion
-mt (z. B. évidemmt) -ment
m̂ même

Tab. 1.4:

Französische Abkürzungen.

Zu diesen Abkürzungen für das Mitschreiben kommen in der digitalen Kommunikation Abkürzungen in anderen Wortschatzbereichen hinzu. Dazu gehören insbesondere die Kommunikationssituation am Handy oder Computer (z. B. OCP für occupé) sowie der Ausdruck von Emotionen (z. B. dsl für désolé). Die Kürzungen von Wortanfängen und -enden, die man im langage texto findet, sind dagegen nichts Neues: aprem, ptit dèj etc. gab es schon vor der Verbreitung der computervermittelten Kommunikation.

Eine spezielle Form der Abkürzung ist die Siglenbildung, bei der aus den ersten Buchstaben der Wörter einer Konstruktion ein neues Wort gebildet wird. In SMS finden sich LOL (laughing out loud) und seine französische Entsprechung mdr (mort de rire). Sehr viel häufiger sind Siglen im Instant Messanger-Dienst Discord, in dem man beim Computerspielen chattet. Dort finden sich sowohl für diese Kommunikationssituation spezifische Ausdrücke (z. B. AFK für away from keyboard, GG für good game) als auch Flüche, Beleidigungen und Beschimpfungen – die sich durch die Emotionalität der Situation erklären lassen (z. B. BLC für je m’en bats les couilles !, FDP für fils de pute, TG für Ta gueule !).

Eine entgegengesetzte Versprachlichungsstrategie zu Abkürzungen sind expressive Längungen durch die Wiederholung von Buchstaben wie <ke jeu taimmmmmmeu> für que je t’aime. Diese haben keinerlei Entsprechung in der Phonie. Alternativ werden zur Unterstreichung der Relevanz des Gesagten sowie zur Imitation hoher Lautstärke auch Großbuchstaben eingesetzt, z. B. <JT ADOOOR> für je t’adore (Beispiele aus FAIRON/KLEIN/PAUMIER 2006: 40).

Platz einsparen lässt sich auch durch das Rebus-Prinzip. Hierbei stehen Ziffern und Buchstaben für die Lautkette, die ihnen beim Zählen und Buchstabieren entspricht, etwa <1> (un) für [ɛ̃] (z. B. in a2m1 für À demain !) und <C> für [se] (z. B. in C pa grav für Ce n’est pas grave !). Da die Aussprache des französischen Schwas [ə] (vgl. Kapitel 6.2.2) dem [ø] sehr ähnelt, wird <2> (deux) gerne für <de(-)> eingesetzt (z. B. in a2m1). Zur Sprachökonomie kommt hier aber auch ein spielerischer Effekt beim Lösen der Rebus-Rätsel. Auch dieses Prinzip existierte schon lange vor der computervermittelten Kommunikation.

À vous !

Entschlüsseln Sie den folgenden Rebus-Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire:


Tab. 1.5 liefert einige klassische Beispiele für das Rebus-Prinzip im langage texto. Ein neuerer Ausdruck ist OKLM [o.kalm]/[o.ka.ɛl.ɛm] für au calme, der durch den Rapper Booba popularisiert wurde.


Langage texto Orthographie Phonetische Transkription
<koi29> Quoi de neuf ? [kwadənœf]
<a2m1> À demain ! [adəmɛ̃]
<a12c4> À un de ces quatre ! [aɛ̃dəsekatʁ]
<C> c’est
<CT> c’était [setɛ]/[sete]
<G> j’ai [ʒɛ]/[ʒe]
<je t’M> je t’aime [ʒətɛm]
<NRV> énervé [enɛʁve]
<A+> À plus tard ! [aplytaʁ]

Tab. 1.5:

Das Rebus-Prinzip im langage texto (Beispiele aus SABATIER 2014).

Auch hier lässt sich ein technikbedingter Wandel beobachten. Während Zahlen auf klassischen Handys am einfachsten einzutippen waren, ist es auf dem Smartphone umständlich, von der Buchstaben- auf die Zahlentastatur umzuschalten. Entsprechend nehmen diese Rebus-Typen ab.

Bei den pseudo-phonetischen ‘Transkriptionen’ geht es ebenfalls sowohl um Sprachökonomie als auch um Expressivität. <mwa> für moi spart beispielsweise kein einziges Zeichen ein, sieht aber witzig aus, da es gerade nicht der üblichen französischen Rechtschreibung entspricht. Besonders verbreitet ist das Fehlen stummer Buchstaben (übrigens auch ein häufiger Rechtschreibfehler): z. B. das <s> in <mé> (mais) und das <e> am Ende von <malad> (malade; vgl. Tab. 1.6). Auch der Buchstabe <k> für [k] in <keske> (qu’est-ce que) ist zwar kürzer als <qu>, v. a. aber auffällig, da er ansonsten im Französischen (fast) nicht existiert (nur in Lehnwörtern wie ketchup). Schreibungen wie <chuis> und <chépa> (vgl. Kapitel 1.1.1) haben ebenfalls eine solche ‘Schockwirkung’, während die assimilierten Formen [ʃɥi] und [ʃepa] im phonischen Medium unbemerkt bleiben. Fehlende Abstände zwischen den Wörtern (z. B. <jveu> für je veux) entsprechen schließlich der typisch französischen Aussprache von Wortgruppen als sogenanntes mot phonétique ([ʒvø]) ohne Pausen oder andere Grenzsignale dazwischen. Auch die Liaison zwischen den Wörtern findet sich im langage texto wieder: z. B. <lé zétud> für les études [lezetyd] (vgl. Kapitel 6.2.2).


Langage texto Orthographie Phonetische Transkription
<keske> qu‘est-ce que [kɛskə]
<koi>/<koua>/<qwa> quoi [kwa]
<malad> malade [malad]
<mé> mais [mɛ]/[me]
<jsui>/<chui> je suis [ʃɥi]
<moi jveu bien kon srevoie> moi je veux bien qu’on se revoie [mwaʒvøbjɛ̃kɔ̃sʁəvwa]
<lé zétud> les études [lezetyd]

Tab. 1.6:

Pseudo-phonetische ‘Transkription’ im langage texto (Beispiele aus FAIRON/KLEIN/PAUMIER 2006).

Auf medialer Ebene imitiert der langage texto also einerseits in der Graphie die Phonie, andererseits besitzt er mit den Abkürzungen und Buchstabenwiederholungen, dem Rebus-Prinzip und den Emoticons bzw. Emojis auch ganz eigene Schreibstrategien.

Graphisch realisierte Nähesprache

Im langage texto finden wir außerdem zahlreiche Merkmale der konzeptionellen Nähesprache wieder (vgl. Kapitel 1.1.1): auf universeller Ebene Aneinanderreihungen von Hauptsätzen sowie Kontakt- und Gliederungssignale wie alors, bon ben und hein, auf einzelsprachlicher Ebene der Wegfall des ne der Negation (z. B. <G c pa> für je ne sais pas), die Verdoppelung des Subjekts (z. B. <moi jveu bien> für moi je veux bien) und die Form <t’> statt tu vor Vokal (z. B. <dis qd t libre à midi> für dis quand tu es libre à midi; Beispiele aus FAIRON/KLEIN/PAUMIER 2006).

Aufgrund der raum-zeitlichen Distanz finden sich hier dagegen keine Deiktika. Häsitationen entsprechen realen zeitlichen Pausen, Selbstkorrekturen lassen sich in WhatsApp auch über das Löschen bereits abgeschickter, aber noch nicht gelesener Nachrichten realisieren – wie beim Schreiben anderer Texte am Computer – und für den Ausdruck von Emotionen gibt es die mediumsspezifischen Emoticons bzw. Emojis sowie Buchstabenwiederholungen und Großschreibungen (s. o.). Eine medienspezifische Besonderheit sind Autokorrekturen bei der Eingabe von Wörtern durch das Gerät, die manchmal auch entgegen der Absichten der Schreiber*innen zu Fehlern führen.

Variation

Die aufgelisteten Charakteristika des langage texto sollten nicht suggerieren, dass französische Textnachrichten immer und durchgehend auf diese Weise geschrieben werden. Korpora wie sms4science dokumentieren vielmehr, dass hier die Variation enorm ist. Insbesondere bestehen große Unterschiede zwischen den Schreiber*innen, wie die folgenden beiden Liebes-SMS zeigen:

Putain mon amour je t aime trop j sui trop fou d toi c pa poss je ne voi k toi mon amour t la seule ke j aime je t aime+ke tt mon bébé d amour je t aime pour la vie (15-jähriger Junge; FAIRON/KLEIN/PAUMIER 2006: 63)

Michel, je ne t’ai pas oublié, bien au contraire. Comment le pourrais-je ? Je suis folle de toi… Je n’ai pas eu l’opportunité d’envoyer un sms. Je suis prudente, je ne veux pas que Jm ait des doutes en me voyant lancer des sms en pleine nuit. Tu me manques bcp. Ta voix me manque. Je t’aime. (FAIRON/KLEIN/PAUMIER 2006: 56)

Im Korpus finden sich in der Tat die meisten in den Massenmedien kolportierten SMS-Charakteristika in der Altersgruppe von 15 bis 25 Jahren. Es zeigt aber auch, dass language texto nicht mit Jugendsprache gleichzusetzen ist. Textnachrichten schreiben Menschen jeden Alters. Allerdings geht der SMS-Slang auch in die Jugendsprache ein, z. B. die Aussprache [o.ka.ɛl.ɛm] (OKLM) für au calme (s. o.). In Comics finden sich ebenfalls typische Ausdrücke des language texto wieder (mehr zur französischen Jugendsprache in Kapitel 10.2.2, mehr zur Comic-Sprache in Kapitel 1.1.3).

Eine ungeahnte Vielfalt zeigt sich auch bei der näheren Betrachtung einzelner Wörter. So erscheint das Wort aujourd‘hui allein im belgischen sms4science-Subkorpus in insgesamt 40 Varianten: Am häufigsten sind <aujourd’hui> (191/654 Okkurrenzen), <ajd> (123 Okkurrenzen) und <auj> (118 Okkurrenzen). Dabei macht die Standard-Schreibung 29 % und die drei häufigsten Varianten gemeinsam bereits 67 % der Fälle aus. Seltenere Formen sind <aujourd hui> (ohne Apostroph), <aujourdhui> (zusammengeschrieben), <ojourdui> (mit pseudo-phonetischer ‘Transkription’ des <au> als <o>), die Abkürzung <oj> und die Form <ojrd8> fast ohne Vokale und mit Rebus sowie zahlreiche seltenere Kombinationen dieser Elemente. Durch die automatische Wortergänzung und Autokorrektur auf dem Smartphone hat diese Variation inzwischen allerdings wieder abgenommen.

WhatsApp: von der SMS zum Chat

Der technische Wandel hat schließlich zu einer Zunahme der Dialogizität geführt, wie der folgende drei Minuten andauernde Chatverlauf zwischen zwei jungen Männern aus dem Korpus What‘s up, Switzerland? zeigt.

WhatsApp -Chatverlauf (2014)


À vous !

Notieren Sie alle Merkmale des langage texto im WhatsApp-Chatverlauf im Kasten!

1.1.3 Inszenierte Mündlichkeit

Die französische Nähesprache begegnet einem nicht nur im Alltagsgespräch und im texto, sondern auch in der Kunst: Literatur, Theater, Comic, Film, Fernsehen, Hörspiel und Musik imitieren und inszenieren gesprochene Sprache. Von authentischer Mündlichkeit ist diese sogenannte fingierte – d. h. vorgetäuschte bzw. erdichtete – Mündlichkeit aber weit entfernt:

Wenn Merkmale, die üblicherweise oder gelegentlich der Mündlichkeit zugeordnet werden, in Literatur auftauchen, dann verweisen sie gleichermaßen auf Mündlichkeit und Schriftlichkeit: Mündlichkeit in geschriebenen Texten ist nie mehr sie selbst, sondern stets fingiert und damit eine Komponente des Schreibstils und oft auch der bewußten Schreibstrategie des jeweiligen Autors. (GOETSCH 1985: 203)

So nehmen Leser*innen und Hörer*innen beispielsweise den Wegfall des ne der Negation oder die Verdoppelung der Pronomina in moi je als mündlich wahr – auch wenn diese Phänomene graphisch realisiert sind oder zumindest schriftlich vorbereitet wurden, etwa bei Theaterstücken und Drehbüchern.

Authentizität

Die naheliegendste Funktion fingierter Mündlichkeit ist die „Herstellung der Illusion einer Sprache der Nähe“ (GOETSCH 1985: 217). Die Nähesprache soll Authentizität transportieren, Lebendigkeit erzeugen und damit die Leser*innen tiefer in die Geschichte eintauchen lassen. Dieses Ziel war in der Epoche des Naturalismus besonders wichtig. Der französische Schriftsteller Émile Zola untersuchte sogar selbst die Sprache des Arbeitermilieus, bevor er diese in seinen Roman L’Assommoir (1877) einfließen ließ. Hierfür wurde er seiner Zeit heftig kritisiert. Im Vorwort des Buchs verteidigt er sich:

On s’est fâché contre les mots. Mon crime est d’avoir eu la langue du peuple. (…) ma volonté était de faire un travail purement philologique, que je crois d’un vif intérêt historique et social. (…) C’est une œuvre de vérité, le premier roman sur le peuple, qui ne mente pas et qui ait l’odeur du peuple. (ZOLA [1877] 1996: 47)

Während der Schriftsteller seinen Figuren – bzw. einigen davon an einigen Stellen – in der direkten Rede Alltagssprache in den Mund legt, verwendet er für den récit aus Perspektive des Erzählers die Literatursprache. Dies wird am folgenden Ausschnitt aus L’Assommoir deutlich: In der Rede des Arbeiters Coupeau findet sich die Negation ohne ne (aber auch mit), faut statt il faut, ça und moi je, im unmittelbar darauffolgenden récit das passé simple (disparut) und l’on statt on.

Direkte Rede im Roman: L’Assommoir von Zola (1877)

– Ah ! quand vous l’empêcherez de se miner, par exemple ! dit Coupeau, la bouche pleine. Si vous n’étiez pas là, je parie qu’elle se lèverait pour me couper mon pain… Tiens-toi donc sur le dos, grosse dinde ! Faut pas te démolir, autrement tu en as pour quinze jours à te remettre sur tes pattes… Il est très bon, ton ragoût. Madame va en manger avec moi. N’est-ce pas, madame ?

La sage-femme refusa ; mais elle voulut bien boire un verre de vin, parce que ça l’avait émotionnée, disait-elle, de trouver la malheureuse femme avec le bébé sur le paillasson. Coupeau partit enfin, pour annoncer la nouvelle à la famille. (…)

– Je t’amène la séquelle ! cria Coupeau. Tant pis ! ils ont voulu te voir… N’ouvre pas le bec, ça t’est défendu. Ils resteront là, à te regarder tranquillement, sans se formaliser, n’est-ce pas ?… Moi, je vais leur faire du café, et du chouette !

Il disparut dans la cuisine. Maman Coupeau, après avoir embrassé Gervaise, s’émerveillait de la grosseur de l’enfant. Les deux autres femmes avaient également appliqué de gros baisers sur les joues de l’accouchée. (ZOLA [1877] 1996: 128)

Sprachpolitisches Engagement

Im darauffolgenden Jahrhundert wagt Raymond Queneau es, einen ganzen Roman im sogenannten néofrançais zu schreiben: Zazie dans le métro (1959). Für den Autor ist das gesprochene Französisch das Französisch von morgen – so wie das Vulgärlatein, also das gesprochene Latein, das sich einst zu den romanischen Sprachen weiterentwickelte (vgl. Kapitel 5.2). Er sieht Schriftsteller als Geburtshelfer bei der Weiterentwicklung des néofrançais zur neuen Schriftsprache:

Avant d’écrire, l’écrivain choisit, autant que possible, la langue dans laquelle il va rédiger ce qui lui semble nécessaire d’être dit. […] Un problème se pose actuellement aux écrivains français, bien que la plupart d’entre eux ne s’en doutent même pas. […] il y a deux langues distinctes : l’une qui est le français qui, vers le XVe siècle, a remplacé le ‘francien’ […], l’autre, que l’on pourrait appeler le néo-français, qui n’existe pas encore et qui ne demande qu’à naître. […] L’accouchement sera laborieux. L’écrivain français doit aider à cette parturition, son travail, son œuvre doit être une maïeutique linguistique. (QUENEAU [1955] 1965: 65–67)

Sich auf die Sprachwissenschaft berufend fordert Queneau zum einen eine radikale Rechtschreibreform, damit die Orthographie der Phonie eins zu eins entspricht: <s> statt <ç> und <ss>, <k> statt <qu> etc. Zum anderen weist er darauf hin, dass morphologische Formen wie die des passé simple und des imparfait du subjonctif in der gesprochenen Sprache ausgestorben sind. Diese Ideen setzt er in mehreren Romanen um. Der bekannteste davon ist sicher Zazie dans le métro. Im folgenden Kasten ist der erste Absatz daraus abgedruckt.

Ein Roman in néofrançais: Zazie dans le métro (1959) von Queneau

Doukipudonktan, se demanda Gabriel excédé. Pas possible, ils se nettoient jamais. Dans le journal, on dit qu’il y a pas onze pour cent des appartements à Paris qui ont des salles de bain, ça m’étonne pas, mais on peut se laver sans. Tous ceux-là qui m’entourent, ils doivent pas faire de grands efforts. D’un autre côté, c’est tout de mȇme pas un choix parmi les plus crasseux de Paris. Y a pas de raison. C’est le hasard qui les a réunis. On peut pas supposer que les gens qui attendent à la gare d’Austerlitz sentent plus mauvais que ceux qu’attendent à la gare d`Lyon. Non vraiment, y a pas de raison. Tout de mȇme quelle odeur. (QUENEAU 1959: 9)

À vous !

Notieren Sie alle Merkmale des gesprochenen Französisch im ersten Absatz des Romans Zazie dans le métro!

Aus heutiger Sicht wirkt diese Art zu Schreiben vielleicht gar nicht mehr so revolutionär. Schließlich sind wir durch SMS (vgl. Kapitel 1.1.2) und Comics daran gewöhnt, Merkmale des gesprochenen Französisch graphisch realisiert zu sehen. Schreibungen wie <Doukipudonktan> für D’où qu’il(s) pue(nt) donc tant ? bleiben aber trotzdem eine Herausforderung für die Leser*innen.

Stereotypisierung

Im Comic sind wir mittlerweile fingierte Mündlichkeit gewöhnt. Frühe bandes dessinées wie Tintin oder Astérix wirken allerdings noch ziemlich schriftlich. Und genauso wenig wie eine SMS-Sprache gibt es auch nicht eine Comic-Sprache. Während manche Comics in literarischer Sprache verfasst sind, finden sich bei anderen einige (nicht immer dieselben) nähesprachliche Merkmale in den Sprechblasen, und wieder andere setzen diese auch in den Erzähltexten ein. So wie in Romanen dienen auch im Comic Merkmale der Mündlichkeit nicht nur dazu, Mündlichkeit zu imitieren. Oft sind die nähesprachlichen Merkmale auch mehr oder weniger auf unterschiedliche Figuren verteilt und inszenieren damit Unterschiede zwischen den Individuen und Gruppen. So ‘sprechen’ Eltern oft in geschriebener und Kinder in gesprochener Sprache, sozial hohe Milieus in geschriebener Sprache und sozial niedrige Milieus in gesprochener Sprache etc. Fingierte Mündlichkeit transportiert also nicht unbedingt Authentizität. Da mündliche Merkmale im graphischen Medium traditionell als unangebracht gelten, können sie auch der Stigmatisierung dienen. So inszeniert die Schweizer Comic-Serie Titeuf u. a. durch die Realisierung bzw. Nicht-Realisierung des ne der Negation Generationenunterschiede (vgl. Abb. 1.1):

Abb. 1.1:

Inszenierung von Generationenunterschieden im Comic (Titeuf 3: 8).

1.2 Weltsprache Französisch

Französisch ist eine Weltsprache. Sie ist auf allen fünf Kontinenten verbreitet:

 Europa: Frankreich, Schweiz, Belgien, Luxemburg, Monaco, das Aostatal in Italien sowie die britischen Kanalinseln Guernsey und Jersey;

 Amerika: Kanada, Haiti, die französischen départements et régions d’outre-mer (DROM) Martinique, Guadeloupe und Guyana, die collectivités d’outre-mer (COM) Saint-Martin und Saint-Barthélémy in der Karibik und Saint-Pierre-et-Miquelon vor der kanadischen Küste, in den USA (Minderheiten in Louisiana und an der Grenze zu Kanada; Franco-Americans);

 Afrika: Maghreb (Algerien, Marokko, Tunesien), Subsahara-Afrika (Republik Kongo, Kamerun etc.), Indischer Ozean (Mauritius, Seychellen, die DROM La Réunion und Mayotte);

 Ozeanien: Vanuatu, die französischen COM Französisch-Polynesien, Neukaledonien sowie Wallis und Fortuna;

 Asien: Libanon und französische Minderheiten im ehemaligen Indochina (Kambodscha, Laos, Vietnam).

Zudem ist Französisch neben dem Englischen die wichtigste Sprache der internationalen Kommunikation. So sind beispielsweise die Arbeitssprachen der Vereinten Nationen (UNO) Englisch und Französisch und die der Organe der Europäischen Union (EU) v. a. Deutsch, Englisch und Französisch.

1.2.1 L1, L2, Fremdsprache und offizielle Sprache

Die Organisation Internationale de la Francophonie (OIF) zählt 300 Millionen Frankophone in der Welt (2018). Nach dieser Zählung steht Französisch auf Platz 5 der Liste der meistgesprochenen Sprachen der Welt: nach Chinesisch, Englisch, Spanisch und Arabisch. Die meisten Frankophonen (59 %) leben laut OIF in Afrika – Tendenz steigend. Für 2070 prognostiziert die OIF zwischen 477 und 747 Millionen Frankophone weltweit (www.francophonie.org). Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Die OIF verwendet nämlich eine sehr weite Definition von frankophon:

Revenons-donc au sens commun, qui entend par ‘francophone’ une personne capable de s’exprimer en français, quel que soit son niveau ou sa maîtrise d’autres compétences comme l’écriture ou la lecture. (WOLFF 2014: 3)

So zählt die OIF auch in Deutschland 12,2 Millionen Frankophone (15 % der Bevölkerung), in Österreich 1,1 Millionen (13 %) und in der Schweiz 5,7 Millionen (67 %). Dagegen sind nach der Schweizer Volkszählung von 2014 nur 22,5 % der Schweizer*innen frankophon (vgl. REUTNER 2017).

L1

Konzentriert man sich auf die Erstsprache (L1), dann kommt man nur mehr auf 75,9 Millionen Sprecher*innen des Französischen – und damit auf Platz 14 der meist gesprochenen Sprachen der Welt (2020, Ethnologue1). Diese leben in erster Linie in Frankreich (mit seinen DROM), Québec (vgl. Kapitel 10.1.2), den französischsprachigen Gebieten Belgiens (Fédération Wallonie-Bruxelles) und der Schweiz (Suisse romande) sowie in Monaco, in geringerem Maße auch in Luxemburg, im Libanon und den kanadischen Provinzen Ontario und New Brunswick (WOLFF 2014; vgl. Abb. 1.2 und 1.3). Dazu kommen gebildete urbane Milieus in einigen afrikanischen Staaten (z. B. Kamerun, Republik Kongo) sowie Auswanderer (fr. expats) in allen Ländern der Welt (z. B. französische und deutsch-französische Familien in Deutschland). Auch in einzelnen Staaten können die Zahlen beträchtlich variieren: So sind etwa in Luxemburg laut OIF 92 % der Bevölkerung frankophon, nach der Volkszählung von 2011 bezeichnen aber nur 12 % das Französische als ihre Hauptsprache; die Mehrheit der Bevölkerung spricht Luxemburgisch als L1 (vgl. REUTNER 2017).

Abb. 1.2:

Französisch in Europa.

L2

Von einer Zweitsprache (L2) – und nicht von einer Fremdsprache – spricht man, wenn die Sprache in einer Region auch im Alltag verwendet wird, beispielsweise zur Kommunikation zwischen Personen mit unterschiedlichen L1 oder als Unterrichtssprache an Schule und Universität (français langue de scolarisation: FLSco). Diese Rolle des Französischen in der Welt ist nicht zu vernachlässigen: Insgesamt besuchen 81 Millionen Schüler*innen weltweit eine französischsprachige Schule. Im Alltag wird L2-Französisch in folgenden Staaten am häufigsten verwendet: auf Mauritius von 73 % der Bevölkerung, in der Republik Kongo von 59 % und in Tunesien von 52 %.

Fremdsprache

Die Situation ist anders im Fall des Französischen als Fremdsprache (français langue étrangère, FLE). Hier sind die Lerner*innen im Alltag nicht von der gelernten Sprache umgeben. In Europa ist Französisch die nach dem Englischen (96 %) am zweithäufigsten gelernte Fremdsprache (26 %); in englischsprachigen Ländern rangiert es sogar auf Platz 1. Weltweit lernen ca. 51 Millionen Menschen Französisch als Fremdsprache (vgl. auch Kapitel 4.1.4). Ein besonderer Fall ist Französischunterricht für Migrant*innen in Frankreich selbst: Hier spricht man vom français langue d’intégration (FLI). Um die französische Staatsbürgerschaft zu bekommen, muss man das Niveau B1 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GERS) vorweisen.

Abb. 1.3:

Französisch in Amerika.

Offizielle Sprache

Offizielle Sprache ist das Französische nicht nur in den Staaten, in denen es als L1 gesprochen wird, sondern auch in vielen Staaten, in denen es als L2 mehr oder weniger verbreitet ist. Auch hier ist die Zählung nicht ganz so einfach, denn in vielen Staaten gibt es keine offizielle Staatssprache. So enthält selbst die französische Verfassung erst seit 1992 den Satz « La langue de la République est le français » (Art. 2). Französisch ist in 13 Staaten alleinige offizielle Sprache und in 16 Staaten ko-offizielle Sprache, also insgesamt in 29 Staaten (vgl. Tab. 1.7).

In Belgien, der Schweiz und Kanada ist die Lage etwas komplizierter, da man hier zwischen dem Status des Französischen auf Ebene des gesamten Staates und seinem Status in den frankophonen Gebieten unterscheiden muss. Belgien hat drei Amtssprachen: Niederländisch, Französisch und Deutsch. Es gilt das Territorialitätsprinzip, d. h. in Flandern funktionieren Schule und Verwaltung auf Niederländisch, in der Wallonie auf Französisch und in der deutschsprachigen Gemeinschaft auf Deutsch. Nur die Hauptstadt Brüssel ist zweisprachig Französisch/Niederländisch. Die Schweiz besitzt sogar vier Amtssprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Auch hier gilt das Territorialitätsprinzip: Vier Kantone sind einsprachig französisch (Genève, Jura, Neuchâtel, Vaud; Suisse romande), drei sind zweisprachig deutsch-französisch (Bern, Fribourg und Valais). In Kanada schließlich sind Englisch und Französisch Amtssprachen auf Bundesebene. In der Provinz Québec dagegen ist Französisch die einzige Amtssprache. Einen ko-offiziellen Status hat es in New Brunswick (fr. Nouveau-Brunswick) sowie den drei nord-östlichen kaum bewohnten Provinzen Territoires du Nord-Ouest, Yukon und Nunavut.


Einzige offizielle Sprache Ko-offizielle Sprache
Benin Burkina Faso Demokratische Republik Kongo Elfenbeinküste Frankreich Gabun Guinea Mali Monaco Niger Republik Kongo Senegal Togo Belgien Burundi Kamerun Kanada Zentralafrikanische Republik Komoren Djibouti Äquatorialguinea Haiti Luxemburg Madagaskar Rwanda Schweiz Seychellen Tschad Vanuatu

Tab. 1.7:

Französisch als offizielle Sprache (OIF 2019).

In der Liste in Tab. 1.7 fällt auf, dass das Französische einzige offizielle Sprache in vielen Staaten Subsahara-Afrikas ist, in denen es kaum gesprochen wird (vgl. Abb. 1.4). So gebrauchen etwa in Mali nur 17 % und im Niger nur 13 % der Bevölkerung laut OIF täglich das Französische. In einigen Ländern, in denen das Französische ko-offizielle Sprache ist, sind die Zahlen noch niedriger (Burundi: 8 %, Ruanda: 6 %). Dagegen hat das Französische in anderen Staaten, in denen es sehr präsent ist, gar keinen offiziellen Status. Mauritius steht beispielsweise nicht auf der Liste, da in der Mauritianischen Verfassung keine offizielle Sprache festgelegt ist. Englisch gilt dort de facto als offizielle Sprache, Französisch zumindest als semi-offizielle Sprache: Beide werden im Parlament gesprochen und sind Unterrichtssprachen in der Schule (vgl. dazu auch Kapitel 4.2). Auch im Maghreb (Algerien, Marokko, Tunesien) und im Libanon hat das Französische keinen offiziellen Status.

Abb. 1.4:

Französisch in Afrika.

Zu dieser Liste kommen das Aoastatal in Italien und die britischen Kanalinseln Jersey und Guernsey hinzu (vgl. Abb. 1.2). Hier ist das Französische ebenfalls Amtssprache (neben Italienisch bzw. Englisch), im Gegensatz zu Belgien, der Schweiz und Kanada aber nicht auf nationaler Ebene. Allerdings sprechen die Menschen im Aostatal und auf den Kanalinseln kein Standardfranzösisch (zur Frage der Norm vgl. Kapitel 10.3). Im Aostatal spricht eine Minderheit Frankoprovenzalisch – eine romanische Sprache, die typologisch zwischen dem Französischen und dem Okzitanischen angesiedelt ist. Auf den Kanalinseln spricht eine Minderheit einen normannischen Dialekt des Französischen. Ko-offizielle Sprache ist Französisch schließlich auch in der Stadt Pondichéry in Indien, die von 1673 bis 1954 die Hauptstadt der französischen Niederlassungen in Indien war.

Im Gegensatz zu Europa, Amerika und Afrika ist die Verbreitung und der Status des Französischen auf den übrigen beiden Kontinenten weniger bekannt. In Ozeanien ist Französisch Amtssprache der Republik Vanuatu, die 1980 von ihren beiden Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien unabhängig wurde. Von den 282200 Einwohnern sind der OIF zufolge 31 % frankophon. Daneben gibt es in diesem Gebiet noch drei collectivités d’outre mer (COM), in denen der Anteil der Frankophonen laut OIF sehr hoch ist: Französisch-Polynesien (98 %), Neukaledonien (99 %) sowie Wallis und Fortuna (83 %). In Asien gab es in der französischen Kolonie Indochina (1887–1954) frankophone Eliten, die in der Schule Französisch lernten. Einer Schätzung zufolge waren 1935/36 von 12 Millionen Einwohnern 930000 zweisprachig mit einer autochthonen Sprache und Französisch (7,6 %); dazu kamen 30000 Französinnen und Franzosen. Heute gibt es dort nur noch wenige Frankophone. Es handelt sich um ältere Personen, die eine zweisprachige Schule besucht haben (vgl. NOLL 2017).

Sprachen Frankreichs

Die Tatsache, dass sich das Französische durch die Kolonialisierung auf der ganzen Welt verbreitet hat, sollte nicht vergessen lassen, dass man in Frankreich selbst größtenteils noch gar nicht so lange französisch spricht. Zur Zeit der Französischen Revolution (1789) ergab eine Umfrage, dass nur 3 von 15 Millionen Bewohnern Frankreichs die Nationalsprache sprachen (20 %). Dabei handelte es sich um die Bewohner von Paris und den umgebenden Regionen sowie im übrigen Territorium um die Eliten (vgl. Kapitel 5.5). Die Mehrheit der Landbevölkerung sprach dagegen einen Dialekt oder eine Regionalsprache. Diese Idiome sind heute größtenteils ausgestorben oder kurz davor auszusterben. Gleichzeitig sind zahlreiche andere Sprachen durch Migration nach Frankreich dazugekommen. Die Délégation générale à la langue française et aux langues de France (DGLFLF) des französischen Kulturministeriums beschäftigt sich seit 2001 nicht mehr nur mit den regional verwurzelten Sprachen und Dialekten, sondern auch mit den nicht-territorialen langues de France wie z. B. den arabischen Dialekten. Nicht dazu gehören allerdings Immigrationssprachen, die in ihren Herkunftsländern Amtssprachen sind, wie das Chinesische und Portugiesische.

Sprachenvielfalt in Frankreich

 Dialekte des Französischen: bourguignon-morvandiau, champenois, franc-comtois, gallo, lorrain, normand, picard, poitevin-saintongeais (vgl. dazu auch Kapitel 3.4.2);

 Regionalsprachen: Elsässisch, Baskisch, Bretonisch, Flämisch, Frankoprovenzalisch, Katalanisch, Korsisch, Ligurisch, Moselfränkisch, Okzitanisch;

 Sprachen der Überseegebiete: französisch basierte Kreolsprachen: Guadeloupe-Kreol, Réunion-Kreol, Martinique-Kreol, Guyana-Kreol; Guyana: saramaka, aluku, njuka, paramaka, kali’na, wayana, palikur, arawak, wayampi, teko, hmong; Mayotte: shimaoré, shibushi; Neukaledonien: 28 Kanak2-Sprachen; Französisch-Polynesien: tahitien, marquisien, langue des Tuamotu, mangarévien, langues des Îles Australes; Wallis und Futuna: wallisien, futunien;

 Nicht-territoriale Sprachen: arabische Dialekte, Armenisch, Berberisch, Judenspanisch, Romani, Jiddisch; französische Gebärdensprache;

 Immigrationssprachen: Chinesisch, Portugiesisch, Spanisch, Türkisch, Wolof etc.

À vous !

Welche der in Frankreich gesprochenen Regionalsprachen sind das?

1 Oh! principellu, l’aghju capita cusì, à pocu à pocu, a to vitarella malin-conica. S’ella ùn era a dulcezza di i ciuttà di u sole, tù distrazzione ùn ne cunniscii ed era durata assai cusì. Aghju amparatu istu particulare novu u quartu ghjornu da mane quand’è tù m’ai dettu: À mè mi piacenu assai i ciuttà di u sole.

2 Ai printze txikia! Horrela zure bizitza tristea poliki poliki ulertu nuen. Ez zenuen beste gozabiderik eguzkiaren sartzeen goxotasuna besterik. Gauza berri hau laugarren eguneko goizean jakin nuen zuk zera esan zenidanean: Eguzkiaren sartzeak gustatzen zaizkit.

3 A! priñs bihan, komprenet ’m eus, tamm-ha-tamm, da vuhezig velkonius. E-pad pell ne ’z poa bet evel didu nemet c’hwekted ar c’huzh-heol. Desket ’m eus ar munud nevez-se d’ar pevare deiz, d’ar beure, pa ’c’h eus lavaret din: Me ’blij.

1999 hatten 26 % der Erwachsenen, die in Frankreich leben (ohne Überseegebiete) – z. T. neben dem Französischen – in der Familie ein anderes Idiom als das Französische erworben. Die am häufigsten gesprochenen Idiome neben dem Französischen in Frankreich waren damals arabische Dialekte (3–4 Millionen Sprecher*innen), das Berberische und die französisch-basierten Kreolsprachen (ca. 2 Millionen), das Elsässische (548000), das Okzitanische (526000), das Bretonische (304000), französische Dialekte (204000), das Moselfränkische (78000), das Korsische (60000) und das Baskische (44000) (vgl. DLGLF 2016). Da die meisten Sprecher*innen der Regionalsprachen zum Befragungszeitpunkt bereits sehr alt waren, dürften die Zahlen seitdem deutlich abgenommen haben (vgl. auch Kapitel 5.3.3). Gleichzeitig entstehen durch den fakultativen Schulunterricht der Regionalsprachen und v. a. in den Regionalsprachen auch einige néolocuteurs. Dieses Phänomen ist insbesondere für das Bretonische und Okzitanische relevant. Seit 2011 haben die Regionalsprachen Eingang in die französische Verfassung gefunden: « Les langues régionales appartiennent au patrimoine de la France » (Art. 75.1). Dagegen bleiben die Herkunftssprachen von Migrant*innen weiterhin außen vor.

Kreolunterricht in der Île-de-France

Seit den 1960er Jahren sind so viele Menschen aus Martinique und Guadeloupe nach Frankreich ausgewandert (v. a. in die région parisienne), dass man die Île-de-France auch als « troisième île » der Antillen bezeichnet (vgl. ANSELIN 1990). Mit den Migrant*innen aus den Überseedepartements kam auch das Kreolische nach Paris. Doch als Regionalsprache gilt es nur in den Regionen, aus denen es stammt: Daher konnten zunächst nur Schüler*innen in den DROM Kreolisch in der Schule lernen. Dies wollte der Verein Eritaj (vgl. fr. héritage ‘Erbe’) ändern, der das Kreol aufgrund der Bedeutung für die Identität in der région parisienne fördert. 2007 startete er eine Petition – mit Erfolg: Seit 2008 können Schüler*innen in zwei Lycées der Pariser banlieue Kreol wählen. Neben Jugendlichen mit Wurzeln in den DROM lernen dort auch Haitianer*innen ihre Herkunftssprache; für andere wiederum ist Kreolisch eine Fremdsprache.

1.2.2 Linguistic landscape

Das Französische ist weltweit präsent – auch dort, wo man im Alltag nicht Französisch spricht. Selbst wenn man nicht überall wie Gott in Frankreich isst, so findet sich doch immer, egal, wohin man reist, ein Restaurant: dt. Restaurant, engl. restaurant, sp. restaurante, it. ristorante, schwed. restaurang, türk. restoran, serb. restoran, russ. ресторaн etc. (< fr. restaurant). Auch an anderen Ladenschildern, Werbeplakaten, Straßennamen und Graffitis trifft man häufig auf das Französische (z. B. Café, prêt-à-porter). Diese Sprachlandschaft nennt man in der Forschung linguistic landscape:

The language of public road signs, advertising billboards, street names, place names, commercial shop signs, and public signs on government buildings combines to form the linguistic landscape of a given territory, region, or urban agglomeration. (LANDRY/BOURHIS 1997: 25)

Da die linguistic landscape in Großstädten besonders mehrsprachig ist, spricht man auch von „multilingual cityscape“ (GORTER 2006).

Sprachen in Kontakt und Konflikt

Die unterschiedlichen Texte, an denen man nicht vorbeisehen kann, repräsentieren und inszenieren das Prestige der jeweiligen Sprachen an einem Ort. Die offizielle(n) Sprache(n) eines Staates oder einer Region sieht man auf den Orts- und Straßenschildern sowie den Beschriftungen und Aushängen der Amtsgebäude; manchmal findet sich auf den Ortsschildern zusätzlich eine Minderheitensprache. Manche Migrationssprachen sind auf Ladenschildern und Speisekarten zu sehen, andere bleiben dagegen unsichtbar. Omnipräsent ist daneben fast überall das Global English.

Wenn sich Sprachen im Kontakt befinden, herrscht fast nie Harmonie. Sprachen ‘kämpfen’ vielmehr um Prestige, ihre Verwendung im Alltag, die Weitergabe an die nächste Generation und damit ums Überleben. Die linguistic landscape kann ein Indikator dafür sein – aber auch im Kampf um Prestige bewusst eingesetzt werden. So ist bei einer Fahrt durch Kanada unübersehbar, wenn man vom englischsprachigen Ontario ins französischsprachige Québec kommt. In Südfrankreich hört man in der Regel kein Okzitanisch mehr, jedoch würdigen heute zweisprachige Ortsschilder die Regionalsprache als Teil des patrimoine (vgl. Kapitel 1.2.1). Während chinesische Schriftzeichen von Montréal bis Genf zu sehen sind, bleiben die Roma sprachlich im Verborgenen. Gegen das Englische wehren sich französischsprachige Staaten ganz aktiv: In Frankreich schreibt die Loi Bas-Lauriol seit 1975 (seit 1994 die Loi Toubon) die Verwendung der französischen Sprache in der Öffentlichkeit, insbesondere in der Werbung vor (vgl. auch Kapitel 4.3.2). Andere Sprachen sind zwar nicht verboten, müssen aber gut sichtbar auf Französisch übersetzt sein. Selbst wenn eine Sprachenschule mit „Do you speak English?“ für sich wirbt, ist eine Übersetzung in einer Fußnote nötig. In Québec steht auf den Stoppschildern nicht wie in Frankreich Stop, sondern Arrêt. Dort, wo indigene Sprachen verbreitet sind, finden sich auf den an Form und Farbe gut wiedererkennbaren Verkehrsschildern auch diverse Entsprechungen. Abb. 1.5 liefert das Beispiel „Ngaabzan“ in der Sprache der Ojibwe. Diese war u. a. im Südwesten Québecs, in Ontario und bis in die USA verbreitet und hat heute nur mehr ca. 33300 Sprecher*innen.



Abb. 1.5:

Stoppschilder in Kanada: Französisch und Ojibwe (© Pustka 2017).

In der linguistic landscape sieht man unterschiedliche Sprachen, aber nicht nur nebeneinander. Manchmal ändert sich die Sprache auch mitten im Satz. In der Sprachwissenschaft spricht man in diesem Fall von Code-Switching (vgl. Kapitel 4.3.1). So wirbt das Pariser Outlet-Center Paddock etwa mit dem Slogan « Be stylé not ruiné » (vgl. Abb. 1.6). Hier finden sich französische Adjektive in englischer Syntax. Das Modewort fr. stylé kommt dabei selbst aus dem Englischen und bedeutet neben ‘todschick’ in der Jugendsprache einfach nur ‘geil’.

Abb. 1.6:

Werbeplakat in einer Pariser Metrostation (© Pustka 2019).

Die App Lingscape

Wer die linguistic landscape systematisch erforschen möchte, kann dies mittlerweile ganz en passant mit dem Smartphone tun: Fotos aufnehmen, die darauf sichtbaren Sprachen annotieren (taggen), mit Kommentaren versehen und schließlich GPS-georeferenziert auf eine Google Maps-Karte mit angeschlossener Datenbank ins Internet hochladen. Die User*innen sehen ihren Eintrag unmittelbar im Netz und können ihn per Facebook oder Twitter mit ihren Freund*innen teilen. Durch solche Techniken, die großen Spaß machen, können Sprachwissenschaftler*innen die breite Bevölkerung dafür motivieren, sich an der Datensammlung zu beteiligen (citizen science). Wenn das in großem Stil passiert, spricht man von Crowdsourcing. Man kann die App auch sehr gut im Fremdsprachenunterricht einsetzen, um Schüler*innen für die (Omni-)Präsenz der gelernten Sprache in ihrer alltäglichen Umwelt zu sensibilisieren (vgl. PURSCHKE 2017, 2018 sowie PUSTKA 2021b zum Französischen in Wien).

Französisch weltweit

Französisch ist in der weltweiten linguistic landscape zwar bei Weitem nicht so präsent wie Englisch, dennoch findet man es immer wieder – auch wenn es weder Regional- noch Herkunftssprache ist. In deutschsprachigen Ländern prägen Cafés und Restaurants das Straßenbild, und beim Blick in die Speisekarten wimmelt es nur von Lehnwörtern aus dem Französischen – vom Aperitif bis zum Dessert. Dies gilt nicht nur für die Haute Cuisine, sondern auch für Pommes Frites mit Mayonnaise. Aus der Parfüm-Werbung ist die französische Sprache ebenfalls kaum wegzudenken. Der Grund dafür: Frankreich gilt als Land der Gourmets, Paris als Hauptstadt der Schönheit und Mode (v. a. der Haute Couture):

[…] [D]as Französische [transportiert], namentlich in den Bereichen Parfum, Mode, Wein und Käse, einen Image-Mix aus Raffinesse, Eleganz und Savoir-vivre […]. (PLATEN 1997: 58)

Da müssen die Rezepte nicht immer original französisch sein, wie die Käsemarke Fol Épi zeigt: Den deutschen Essgewohnheiten entsprechenden Scheibenkäse gibt es mittlerweile auch „À la pesto“. Daneben verweisen auch beim Bäcker Komposita wie Laugencroissant auf kulinarische Mischungen (vgl. Abb. 1.7).

Abb. 1.7:

« C’est quoi, ces Viennoiseries ? ».

Lesetipps

GRUTSCHUS, Anke / KERN, Beate (2021): „L’oralité mise en scène dans la bande dessinée: marques phonologiques et (morpho)syntaxiques dans Astérix et Titeuf“, in: Journal of French Language Studies 31(2), 192–215.

KOCH, Peter / OESTERREICHER, Wulf [1990] (22011): Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch, Berlin: De Gruyter.

REUTNER, Ursula (2017) (Hrsg.): Manuel des francophonies, Berlin/Boston: De Gruyter.

Spieltipp

BLANCHET, Philippe / CLERC-CONAN, Stephanie / LEDEGEN, Gudrun (2019): Francophonies: Le grand jeu de toutes les langues françaises, Assimil.

2 Faszination Sprachwissenschaft

Sprache ist alltäglich, alle sprechen sie und jeder hat eine Meinung dazu. In Frankreich ist Sprache ein besonders beliebtes Thema – bei Partys, in Talkshows und Internet-Foren. Die Massenmedien beschwören dabei oft den Untergang des Französischen herbei: « les enfants bilingues n’apprennent aucune langue correctement », « l’anglais menace la langue française », « les ‘djeuns’ ne savent plus écrire ».1 Häufig beruhen solche Behauptungen auf kulturellen Vorurteilen und haben keinerlei wissenschaftliche Fundierung. In anderen Fällen liefern unterschiedliche Methoden unterschiedliche Ergebnisse, die mit Vorsicht zu interpretieren sind. An der Universität lernen Sie, welche Fragen man stellen muss, um nicht auf Fake News hereinzufallen, denn Sprache ist der Gegenstand einer darauf spezialisierten wissenschaftlichen Disziplin: der Sprachwissenschaft oder Linguistik. Um zu verstehen, was Sprachwissenschaft ist, widmen wir uns zunächst der Frage, was Wissenschaft ist (Kapitel 2.1) und überfliegen dann die Geschichte der Sprachwissenschaft (Kapitel 2.2). Ziel dieses Kapitels ist zunächst, Sie zu kritischen Rezipient*innen von Wissenschaft und damit mündigeren Bürger*innen zu machen. Gleichzeitig lernen Sie dabei selbst wissenschaftlich zu arbeiten.

2.1 Was ist Wissenschaft?

Wissenschaftliches Wissen unterscheidet sich von Alltagswissen wie folgt: Es ergibt sich nicht aus zufälligen Erlebnissen und subjektiven Einschätzungen von Privatpersonen. Stattdessen machen Wissenschafler*innen nach transparenten Methoden systematische Beobachtungen und entwickeln Theorien, um diese zu erklären. Für die Qualitätskontrolle im komplexen System Wissenschaft spielen die Universitäten eine zentrale Rolle: Die dort ansässigen Wissenschaftler*innen bestimmen, was sie unterrichten, wer Prüfungen besteht und wen sie in ihren Kreis aufnehmen, um wiederum mitzubeeinflussen, wie sich ihre Disziplin weiterentwickelt.

Man kann Wissenschaft also aus zwei Perspektiven betrachten. Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit der präskriptiven Frage ‘Wie sollten gute wissenschaftliche Methoden und Theorien beschaffen sein?’ Die Wissenschaftssoziologie interessiert sich dagegen für die deskriptive Frage ‘Wie interagieren Menschen und Institutionen in der Wissenschaft?’. Kapitel 2.1.1 präsentiert zunächst aus erkenntnistheoretischer Perspektive die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit, Kapitel 2.1.2 dann aus wissenschaftssoziologischer Perspektive das System Wissenschaft.

2.1.1 Prinzipien der Wissenschaftlichkeit

Wissenschaftliches Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es auf einem wissenschaftlichen Weg zustande gekommen ist: auf Basis wissenschaftlicher Methoden und Theorien. Wissenschaftliche Methoden, die den meisten aus der Schule und den Massenmedien bekannt sein dürften, sind chemische Experimente und Meinungsumfragen. Die sicherlich bekanntesten wissenschaftlichen Theorien sind die Evolutionstheorie von Charles Darwin (1838) und die Relativitätstheorie von Albert Einstein (1905).

Methoden

Was ist eine gute Methode? Die wichtigsten Gütekriterien für empirische Methoden sind fächerübergreifend Objektivität, Reliabilität und Validität (vgl. DIEKMANN [1995] 272016):

 Objektivität meint, dass eine Methode zu denselben Ergebnissen führt, egal welche Person sie anwendet. In der Forschung von Menschen an Menschen ist 100 %-ige Objektivität allerdings oft nicht erreichbar. Wissenschaftler*innen sollten ihr Vorgehen jedoch zumindest werturteilsfrei gestalten und intersubjektiv nachvollziehbar machen.

 Reliabilität meint, dass eine Methode zu denselben Ergebnissen führt, egal, zu welchem Zeitpunkt man sie anwendet. Wenn man eine Messung unter denselben Bedingungen wiederholt, sollten die Ergebnisse reproduzierbar und die Messfehler möglichst gering sein. Die Methode sollte also zuverlässig sein.

 Validität meint, dass eine Methode tatsächlich misst, was sie messen soll und dass die Ergebnisse der Testsituation mit der Realität übereinstimmen. Die Methode sollte also zu gültigen Ergebnissen führen.

Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag liefert das Fieberthermometer als Messinstrument: Würde man beim Aufstehen 39,3°C messen, kurz später der Arzt aber nur noch 36,8°C, wüsste niemand, ob man nun krank ist oder nicht und sich zu Hause ausruhen sollte oder zur Arbeit gehen müsste.

Besondere methodische Herausforderungen ergeben sich durch das Beobachterparadoxon (engl. Observer’s Paradox). Aus der Physik ist schon lange bekannt, dass das Beobachtete die Beobachtung beeinflussen kann. In der Sprachwissenschaft hat der amerikanische Soziolinguist William Labov (*1927) das Problem wie folgt formuliert:

Observer’s Paradox: the aim of linguistic research in the community must be to find out how people talk when they are not being systematically observed; yet we can only obtain these data by systematic observation. (LABOV 1972: 209)

Er schlägt vor, das Problem mit der sogenannten Todesangstfrage zu lösen. Die Feldforscher*innen sollten ihre Informant*innen fragen, ob sie jemals in einer Situation waren, in der sie in ernsthafter Gefahr schwebten, getötet zu werden. Da Labov in den 1960er Jahren über New Yorker Ghettos arbeitete, war das eine Situation, in der sich viele seiner Informant*innen tatsächlich schon einmal befunden hatten. Seine Idee war, dass die Erinnerung an diese Situation bei den Sprecher*innen die damaligen Emotionen wiederhervorrufen würde und sie damit die Kontrolle über ihr Sprechen verlieren würden („amount of attention paid to speech“ bzw. „audio-monitoring“; LABOV 1972: 208). Aus heutiger Sicht gilt eine solche Manipulation von Menschen zu Forschungszwecken allerdings als unethisch und ist daher auch nicht mehr erlaubt: Die Teilnehmer*innen müssen vor Sprachaufnahmen über die Ziele des Forschungsprojekts aufgeklärt werden und freiwillig ihre schriftliche Einwilligung geben (DFG 2013). Wenn man dem Soziologen Erving Goffman (1922–1982) folgt, dann sind Sprecher*innen sowieso nie unbeobachtet und spielen quasi immer Theater (vgl. GOFFMAN [1969] 102003). Der Soziolinguist Allan Bell (*1947) entwickelte entsprechend die Theorie des „audience design“: Wir richten unser Sprechen immer auf die Hörer*innen aus. Insofern ist es nicht mehr Ziel der Sprachwissenschaft, gänzlich unbeobachtetes Sprechen aufzunehmen, sondern die Selbstinszenierung als zentralen Faktor der Variation zu verstehen.

Die Forschung entwickelt also immer wieder neue Methoden, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Daher muss die Wahl der Methode bei jeder wissenschaftlichen Studie reflektiert sein. In Publikationen sollten Wissenschaftler*innen die Gründe für ihre Auswahl transparent darstellen. So können die Leser*innen die Ergebnisse besser einschätzen. Eine sinnvolle Lösung ist oft ein Methodenmix. Egal wie gut die Methodenwahl vorab durchdacht ist, man sollte sie immer in einem Pre-Test ausprobieren und danach noch einmal überarbeiten.

Was in der Forschungspraxis umsetzbar ist, ist aber immer auch eine Frage der finanziellen, personellen und zeitlichen Ressourcen: Student*innen können in einer Bachelorarbeit nicht leisten, was ein 20-köpfiges Team aus Wissenschaftler*innen in einem Sonderforschungsbereich in einem Jahrzehnt stemmt. Es gilt daher auch das Prinzip der Forschungsökonomie. Zudem müssen Forscher*innen die rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen respektieren (z. B. Datenschutz).

À vous !

Sie wollen untersuchen, wer mehr Schimpfwörter verwendet: Männer oder Frauen. Welche Methode wählen Sie? Vergleichen Sie die teilnehmende Beobachtung, das Interview und den Online-Fragebogen hinsichtlich der drei Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität!

Neben den Methoden der Datensammlung haben sich auch die Methoden der Datenauswertung in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge der Digitalisierung stetig weiterentwickelt. Durch den Fortschritt in der Computertechnik haben sich nicht nur die Speicherkapazitäten, sondern auch die Rechengeschwindigkeiten enorm verbessert. Daher sind mittlerweile in vielen Subdiziplinen statistische Analysen üblich, z. B. mit Computerprogrammen wie R (www.r-project.org). Sie können explorativ eingesetzt werden, um Regelmäßigkeiten in großen Datenmengen zu entdecken (z. B. mit Entscheidungsbäumen oder Clustering-Methoden) oder testen, ob ein Unterschied signifikant ist. Dies bedeutet, dass der Unterschied zwischen zwei Gruppen (z. B. Frauen vs. Männer) wahrscheinlich nicht auf reinen Zufall zurückzuführen ist, sondern von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit geschlossen werden kann (vgl. z. B. BAAYEN 2008, MEINDL 2011).

Theorien

Das zweite Standbein der Wissenschaft sind neben den Methoden die Theorien. Viele Menschen außerhalb der Wissenschaft halten davon jedoch nicht viel: Theorien gelten als weltfremd und nicht praxistauglich für das ‘echte Leben’ – eben ‘nur graue Theorie’. Diese Auffassung beruht jedoch auf einem Missverständnis: Wissenschaftliche Theorien sind alles andere als wilde Spekulationen. Sie basieren vielmehr auf einer großen Menge systematisch und nach transparenten Methoden gesammelten Beobachtungen in ebendiesem ‘echten Leben’ (daneben aber auch im Labor) und müssen sich an diesem auch immer wieder messen. Aus wissenschaftlichen Theorien lassen sich zudem sehr wohl Tipps für die Praxis ableiten: zur Verbesserung von Produkten, Dienstleistungen und sogar der Gesellschaft. Und die Praxis schließlich steht vor Problemen und offenen Fragen, die die Wissenschaft inspirieren können, und auf die die Wissenschaft eventuell Antworten findet. Weder Theorie und Empirie noch Theorie und Praxis stellen also einen Widerspruch dar; sie gehören vielmehr zusammen (vgl. Abb. 2.1)!

Abb. 2.1:

Theorie, Empirie und Praxis.

Zur wissenschaftlichen Erkenntnis gibt es unterschiedliche Wege. Vereinfacht gesprochen kann man entweder zunächst konkrete Daten untersuchen, daraus Hypothesen abstrahieren und dann eine Theorie aufbauen (bottom up) – oder aber man entwickelt aus einer Theorie Hypothesen und testet diese dann empirisch (top down). In der Realität der Forschung sind diese beiden Richtungen des Vorgehens keine Alternativen, sondern finden nacheinander oder sogar parallel statt. Selbst explorative Studien, die erste Informationen zu einem wenig bekannten Gebiet sammeln, können nicht vollkommen theoriefrei designt werden, und bei der Überprüfung von Hypothesen ergeben sich immer wieder Überraschungen.

Was ist nun eine Theorie genau? Eine Theorie besteht zunächst einmal aus Modellen, die eine Auswahl von Elementen der Welt und die Beziehungen zwischen ihnen vereinfacht darstellen. Diese Modelle braucht man für die Formulierung von Hypothesen. Ziel von Theorien ist es, die Beobachtungen in der Welt zu erklären. Die Modelle und Hypothesen können entweder sprachlich formuliert oder in Graphiken und/oder Formeln dargestellt werden. Bekannte Beispiele sind die Graphik des Bohrschen Atommodells (vgl. Abb. 2.2a) und Einsteins Formel E = mc2.


(a) Bohrsches Atommodell: Wasserstoff (H) (b) Kugelwolkenmodell: Sauerstoff (H2O)

Abb. 2.2:

Atommodelle.

Das Bohrsche Atommodell hat sich für die Forschung als sehr ergiebig erwiesen; allerdings gibt es auch zahlreiche Phänomene, die es nicht erklären konnte. Deswegen haben Wissenschaftler*innen weitere Modelle entwickelt, insbesondere das aus der Schule bekannte Kugelwolkenmodell (vgl. Abb. 2.2b). Modelle sind also nicht richtig oder falsch, sondern mehr oder weniger fruchtbar für bestimmte Fragestellungen.

Um über Theorien und Hypothesen zu kommunizieren, verwenden Wissenschaftler*innen natürlich auch die Sprache. Während in der Alltagssprache viele Wörter auf sehr vage Konzepte verweisen (z. B. fr. truc; vgl. Kapitel 1.1.1), ist in der Wissenschaft Präzision gefragt. Aus diesem Grund zeichnet sich die Wissenschaftssprache insbesondere durch ihre Fachterminologie aus. Dabei handelt es sich häufig um Wörter aus der Alltagssprache, die als Fachbegriffe klar definiert werden, z. B. in der Physik Energie und Masse. Besonders verbreitet sind Metaphern. So stellt man sich etwa ein Atom wie eine Frucht mit einem Kern in der Mitte vor (vgl. Abb. 2.2). In manchen Fällen schaffen Wissenschaftler*innen auch neue Wörter, sogenannte Neologismen. So hat Marie Curie beispielsweise das Element Polonium nach ihrer polnischen Heimat benannt.

Grundsätzlich ist Wissenschaftssprache natürlich keine eigene Sprache, sondern ganz normales Deutsch, Französisch, Englisch etc. Sie zeichnet sich lediglich durch eigene Wörter und Wortbedeutungen aus sowie durch einen bestimmten Stil (vgl. dazu auch Kapitel 2.1.3).

À vous !

Was haben die Begriffe Röntgenstrahlen, pasteurisieren und Ampere gemeinsam?

Wenn Theorien also keine reinen Spekulationen sind, könnte man sich fragen, ob denn zum Beispiel mittlerweile bewiesen ist, dass die Relativitätstheorie wahr ist. Das ist aber nicht möglich. Beweise gibt es nur in der Mathematik, nicht in empirischen Wissenschaften. Empirisch kann man Hypothesen nach dem Wissenschaftstheoretiker Karl Popper (1902–1994) nur falsifizieren und nicht verifizieren (vgl. POPPER 1935). Nehmen wir die Hypothese „Alle Schwäne sind weiß.“. Wenn man sein Leben lang nur weiße Schwäne sieht, erhärtet sich diese Hypothese immer mehr. Findet man einen schwarzen Schwan, dann ist sie falsifiziert. Entsprechend können sich Theorien auch nur bewähren oder als mehr oder weniger fruchtbar erweisen, nicht jedoch als wahr. Niemand hat die Möglichkeit, alle Schwäne anzusehen, die es gibt, jemals gab und geben wird. Eine Theorie muss also immer so operationalisierbar sein, dass man sie empirisch überprüfen kann.

Was macht nun eine gute Theorie aus? Sie…

 …ist einfach formuliert,

 …ist in sich widerspruchsfrei,

 …erklärt viel,

 …befriedigt die Neugier der Menschen und/oder bringt praktischen Nutzen.

In der Realität finden sich natürlich auch kompliziert formulierte und nutzlose Theorien. Sie gelten dennoch als wissenschaftlich, wenn sie von Wissenschaftler*innen verfasst sind. Damit kommen wir zur zweiten Perspektive auf die Wissenschaft: der wissenschaftssoziologischen Perspektive.

2.1.2 Wissenschaft als soziales System

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ – so lautet vereinfacht ein berühmtes Zitat von Aristoteles (384–322 v. Chr.).1 Entsprechend bestehen nach der Systemtheorie soziale Systeme nicht aus Menschen, sondern aus deren sozialen Rollen, mit denen sie im jeweiligen System handeln (z. B. Marie Curie als Wissenschaftlerin, als Ausländerin, als Mutter). Systeme grenzen sich nach außen gegenüber ihrer Umwelt ab (z. B. die Wissenschaft von der Gesellschaft) und bestehen innerlich wiederum aus Subsystemen (z. B. Universitäten, Fachzeitschriften). Das System Wissenschaft kann eine Zeitlang stabil funktionieren, aber auch gelegentlich durch sogenannte ‘wissenschaftliche Revolutionen’ umgestürzt werden. All diese Aspekte des Systems Wissenschaft schauen wir uns im Folgenden genauer an.

Wissenschaftler*innen

Dem Klischee nach sind Menschen, die in der Wissenschaft arbeiten, verrückte Genies: von Professor Higgins im Musical My Fair Lady (1956) über ‘Doc’ Brown im Film Zurück in die Zukunft (1985–1990) bis Sheldon Cooper in der Serie The Big Bang Theory (2007–2019). Oft sind es alte bärtige Männer in weißen Kitteln, die in den Naturwissenschaften mit gefährlichen Instrumenten und Substanzen arbeiten. Ihre Ideen sind unerwartete Geistesblitze: Der griechische Mathematiker Archimedes (ca. 287–212 v. Chr.) nahm der Legende nach ein Bad, als ihm seine wichtigste Erkenntnis kam. Als er in die Wanne stieg, lief genau das Volumen an Wasser über, das er mit seinem Körper verdrängte. Dies brachte ihn dazu, den Zusammenhang zwischen dem Gewicht schwimmender Körper und ihrem Auftrieb zu entdecken. Angeblich soll er überglücklich nackt auf die Straße gelaufen sein und „Heureka!“ gerufen haben: ‘Ich habe es gefunden!’.

Jede*r Wissenschaftler*in wird bestätigen, dass man nach langem Lesen und Auswertungen oft in einer Sackgasse landet und sich der ‘Knoten im Hirn’ oft erst löst, wenn man etwas ganz anderes tut. Damit wissenschaftliches Wissen entsteht, reicht jedoch die Kreativität einzelner Persönlichkeiten nicht aus. Wissenschaft ist ein Subsystem der Gesellschaft und besteht selbst aus einer Vielfalt von Institutionen und sozialen Rollen.

Wissenschaft in der Gesellschaft

Aufgrund ihrer Bedeutung für die Demokratie steht die Wissenschaft in Deutschland unter besonderem Schutz. Die Freiheit von Forschung und Wissenschaft sind Grundrechte:

Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung. (DEUTSCHES GRUNDGESETZ, Art. 5.3)

Professor*innen haben auch ein relativ gutes Ansehen in der Gesellschaft – weit besser als Lehrer*innen (Studienrät*innen in Abb. 2.3), Journalist*innen und Politiker*innen, aber deutlich hinter den Menschen, die Leben retten, sei es bei der Feuerwehr, im Krankenhaus oder bei der Polizei (vgl. Abb. 2.3).

Abb. 2.3:

Image von Berufsgruppen in Deutschland (forsa 2019).2

Über die Rolle, die Wissenschaftler*innen in der Gesellschaft spielen sollten, herrscht allerdings kein Konsens: Manche fordern eine größere Präsenz von Wissenschaftler*innen in der öffentlichen Diskussion und sähen Wissenschaft sogar gerne als ‘Fünfte Gewalt’. Andere befürchten, dass eine Vermischung der Rollen die Qualität der Wissenschaft, aber auch die Demokratie beeinträchtigen könnte. Natürlich sind Wissenschaftler*innen in erster Linie Wissenschaftler*innen und keine Journalist*innen oder Politiker*innen. Dennoch wird derzeit an den Universitäten die sogenannte Third Mission immer wichtiger: Neben ihren ersten beiden ‘Missionen’ – Forschung und Lehre – sollen sich Wissenschaftler*innen auch dem Wissenstransfer in Gesellschaft und Industrie widmen.

Wissenschaftliche Institutionen und Rollen

Neben dieser Interaktion zwischen den gesellschaftlichen Teilsystemen Wissenschaft, Massenmedien und Politik interessiert sich die Wissenschaftssoziologie auch für das interne Funktionieren des Teilsystems Wissenschaft selbst. Zu diesem System gehören natürlich die Wissenschaftler*innen – in ihren Rollen als Professor*innen oder Doktorand*innen, als Laborleiter*innen oder Lehrende, als Autor*innen und Gutachter*innen etc. Es beinhaltet auch wissenschaftliche Institutionen wie Universitäten und andere Forschungseinrichtungen, Förderinstitutionen, Fachverbände, Kongresse und Fachzeitschriften.

À vous !

Recherchieren Sie im Internet: Welche Universitäten sind die ältesten Europas?

Während Universitäten lokal verankert sind, haben für die internationale Forschung die Fachzeitschriften eine zentrale Bedeutung. Zu diesen Publikationsorganen gehört jeweils ein Team von Herausgeber*innen, die Gutachter*innen anfragen, um im Rahmen eines peer review-Verfahrens (‘Begutachtung unter Gleichrangigen’) die Qualität der eingereichten Artikel zu kontrollieren. Damit dies möglichst objektiv geschieht, erfahren die Gutachter*innen nicht die Namen der Autor*innen und die Autor*innen nicht die Namen der Gutachter*innen (double blind peer review). Artikel können entweder komplett angenommen (accepted) oder abgelehnt (rejected) werden, oder aber die Gutachter*innen fordern mehr oder weniger umfangreiche Überarbeitungen ein (major oder minor revisions). Dadurch kann es bis zu mehreren Jahren dauern, bis ein Artikel publiziert wird. In vielen Disziplinen erscheinen daher zunächst Vorversionen der Artikel auf sogenannten preprint-Servern, um technischen oder medizinischen Fortschritt schneller voranzutreiben. Damit Forschungsergebnisse weltweit diskutiert werden können, setzt sich mittlerweile auch in der Sprachwissenschaft zunehmend die Weltsprache Englisch als Wissenschaftssprache durch (vor einem Jahrhundert dominierten noch Deutsch und Französisch). Ein weiterer aktueller Trend ist, dass die Artikel wie auch die dazugehörigen Daten der Forschungsgemeinschaft kostenlos zur Verfügung gestellt werden (open access).

Die peer review-Praxis hat allerdings auch Nachteile. So führt die Kontrolle durch die scientific community dazu, dass Forscher*innen im mainstream bleiben, um ihre Publikationschancen zu erhöhen. Zudem haben es sprachwissenschaftliche Forschungen zum Englischen einfacher, international Gehör zu finden als zu anderen Sprachen. Zwar existieren auch immer noch Publikationsformen ohne jegliche Qualitätskontrolle, bei der Vergabe von Forschungsgeldern und der Besetzung von Stellen wird dies aber ein immer wichtigeres Kriterium. Student*innen sollten sich bei Seminar- und Abschlussarbeiten daher am Musterbeispiel von Artikeln in internationalen Fachzeitschriften mit peer review-Verfahren orientieren.

Wissenschaftliche Paradigmen und Revolutionen

Wie in diesem System von Rollen und Institutionen Wissenschaft funktioniert, hat der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn (1922–1996) analysiert. Er hat hierzu die Hypothese aufgestellt, dass sich Wissenschaft in Paradigmen organisiert (vgl. KUHN 1962). Diese Paradigmen werden von berühmten Wissenschaftler*innen und Gruppen von Wissenschaftler*innen vertreten, die eine breite gesellschaftliche Anerkennung genießen. Sie beinhalten nicht nur Theorien und Methoden, nach denen Wissenschaft betrieben wird, sondern geben auch vor, welche Fragen und Probleme als relevant gelten. Bestimmte Publikationen gelten als Musterbeispiele, an denen sich künftige Forschung zu orientieren hat.

Nach dieser Theorie entsteht eine wissenschaftliche Disziplin nach einer vorparadigmatischen Phase von Beobachtungen, sobald sich ein Paradigma herausbildet. Besteht Konsens über dieses Paradima, beginnt die normale wissenschaftliche Arbeit. Wissenschaftler*innen arbeiten die als relevant erachteten Fragen und Probleme in einem anerkannten theoretischen Rahmen mit anerkannten wissenschaftlichen Methoden ab. Auf diese Weise lässt sich mit den vorhandenen finanziellen, zeitlichen und technischen Ressourcen am effizientesten Fortschritt erzielen. Dadurch baut ein Fach kumulatives Wissen auf. Das Paradigma wird dabei nicht in Frage gestellt. Erweist sich ein Paradigma über längere Zeit an zentralen Stellen als problematisch oder bringen neue Entdeckungen es an seine Grenzen, kommt die Wissenschaft in eine Krise. Jetzt beginnt eine außerordentliche Phase: In dieser konkurrieren diverse mögliche neue Paradigmen darum, sich zu etablieren. Dann kommt es zur Wissenschaftlichen Revolution, d. h. einem Paradigmenwechsel. Danach ist wieder normales wissenschaftliches Arbeiten möglich. Der Kreis schließt sich also (vgl. Abb. 2.4).

Abb. 2.4:

Zyklische Entwicklung der Wissenschaft nach KUHN 1962 (Graphik nach KORNMESSER/BÜTTEMEYER 2020: 91).

Auch wenn KUHN 1962 seine Theorie auf Basis der Naturwissenschaften entwickelt hat, kann man sie mit einigen Modifikationen auch auf Geistes- und Sozialwissenschaften übertragen. Der wichtigste Unterschied ist sicherlich, dass in Disziplinen wie der Sprachwissenschaft mehrere Paradigmen nebeneinander existieren können (z. B. aktuell das generative und das kognitive Paradigma; vgl. Kapitel 2.2.4). Diese Paradigmen können miteinander konkurrieren, sich nebeneinander ignorieren oder sich ergänzen; trotzdem befindet sich die Wissenschaft nicht unbedingt kurz vor einer Revolution, sondern in der Phase des normalen wissenschaftlichen Arbeitens.

2.1.3 Wissenschaftliches Arbeiten

Student*innen lernen an der Universität von Anfang an wissenschaftliches Arbeiten. Darunter versteht man aber in der Regel nicht die Methodik der Datensammlung und -analyse, sondern das Schreiben wissenschaftlicher Texte. Bereits als Schüler*innen haben Sie meist im Rahmen einer Facharbeit, Seminararbeit oder vorwissenschaftlichen Arbeit erste Erfahrungen damit gesammelt. Verwirrend für Studienanfänger*innen ist dabei jedoch, dass sie in der Regel zunächst einmal gar nicht mit wissenschaftlichen Artikeln konfontiert werden, sondern nur mit didaktischen Werken wie Einführungsbüchern und Handbüchern. Diese sollen ganz besonders gut lesbar sein, weswegen die Zahl der Literaturverweise im Text auf ein Minimum reduziert ist (wie auch in diesem Buch). Es ist wichtig zu wissen, dass das eine vollkommen andere Textsorte ist als eine wissenschaftliche Publikation. Das Modell für eine wissenschaftliche Arbeit im Studium ist aber ein Artikel in einer Fachzeitschrift (und nicht ein Einführungsbuch).

Stand der Forschung

Bevor Sie sich an Ihr erstes eigenes Forschungsprojekt machen, lernen Sie den korrekten Umgang mit wissenschaftlicher Literatur. Denn Wissenschaftler*innen müssen zunächst einmal sehr gut den Stand der Forschung zu ihrem Thema kennen. Es ist nicht sinnvoll, Zeit mit der Beantwortung von Fragen zu verschwenden, die bereits beantwortet sind, oder Fehler, die andere schon gemacht haben, zu wiederholen. Wissenschaft ist kumulativ, d. h. sie baut auf dem Wissensschatz auf, der bereits da ist, um Fortschritte zu erzielen.

Daher beginnt jede wissenschaftliche Arbeit mit einer ausführlichen Literaturrecherche in Bibliotheken und Online-Datenbanken. Die gefundenen wissenschaftlichen Texte liest man in der Regel nicht von vorne bis hinten durch wie Romane, sondern überfliegt sie erst und sieht sich dann die relevanten Stellen genauer an, oft auch mehrmals. Einen schnellen Überblick kann man sich verschaffen, indem man das Abstract sowie Einleitung und Schluss liest – daher sollte man auch bei Seminararbeiten besonders viel Energie in diese Kapitel stecken. Beim Lesen wissenschaftlicher Texte sollte man besonders sorgfältig und kritisch vorgehen. Es ist extrem wichtig, dass man die Inhalte gut verstanden hat und in seiner eigenen Arbeit korrekt wiedergibt. Wie im Journalismus gilt das ‘Zwei Quellen-Prinzip’: Man sollte jede Information stets in mindestens einer weiteren Publikation noch einmal überprüfen. Wenn man dabei auf Widersprüche stößt, ist das nicht schlimm. Im Gegenteil: Das ist ein interessanter Ausgangspunkt für künftige wissenschaftliche Studien! In jedem Fall sollte man Widersprüche in der Forschungsliteratur explizit thematisieren. Zudem sollte man sich immer selbst fragen, ob man für plausibel hält, was man gelesen hat, und ob einem dazu Gegenargumente einfallen. Der wissenschaftliche Text, den man danach schreibt, sollte keine Aneinanderreihung von fiches de lecture oder eine Zitate-Collage sein. Ziel ist eine eigenständige Argumentation.

Tipp:

Drucken Sie die für Ihre Arbeit wichtigsten Publikationen aus! Auf dem Papier sieht man einiges mehr als am Computer. Man kann es auf das Sofa, in den Park oder in den Zug mitnehmen und dort oft konzentrierter lesen als wenn alle paar Minuten eine Mail hereinkommt. Unterstreichen Sie sich beim Lesen Wichtiges und machen Sie sich am Rand Notizen. Legen Sie danach erst einmal ein paar Tage Pause ein. Schreiben Sie dann ihre Argumentation aus dem Kopf auf: Manche sammeln lieber erst in einer Mindmap Ideen, andere schreiben lieber gleich drauf los. Anschließend suchen Sie aus Ihren Unterlagen Detailinformationen, Zitate, Seitenangaben etc. sorgfältig heraus und vervollständigen und verfeinern ihren Text. Drucken Sie sich am Ende Ihre Arbeit aus und lesen Sie sie sich laut vor! Geben Sie sie mindestens einer weiteren Person zum Lesen.

Wenn man den Stand der Forschung zum Thema zusammenfasst, muss man immer sehr sorgfältig dokumentieren, woher man seine Informationen hat: Der Nachname der Autor*innen, die Jahreszahl und die Seitenzahl ermöglichen es den Leser*innen, die Information wiederzufinden. Dabei unterscheidet man direkte Zitate in Anführungzeichen von der Wiedergabe in eigenen Worten, die man auf Deutsch mit vgl. und auf Englisch und Französisch mit cf. markiert (in manchen Fachzeitschriften wird dies auch weggelassen). Dagegen ist es ein schweres Vergehen in der Wissenschaft – bei Student*innen genauso wie bei erfahrenen Wissenschaftler*innen – ein Plagiat zu begehen. Darunter versteht man sowohl copy&paste ohne Anführungszeichen, vergessene Literaturreferenzen als auch Übersetzungsplagiate und Ghostwriting. Plagiate können sehr schwerwiegende Konsequenzen haben, bis hin zum Verweis von der Universität und der Aberkennung von Studienabschlüssen und Doktortiteln.

Fragen beantworten und Ziele erreichen

Genauso wie wissenschaftliche Artikel in internationalen Fachzeitschriften sollten Seminar- und Abschlussarbeiten eine originelle Fragestellung haben, die für Wissenschaft, Gesellschaft und/oder Berufspraxis relevant ist. In Ihrer Forschungsfrage erklären Sie, was Sie erforschen (z. B. ob sich das Sprachverhalten bestimmer Gruppen von Sprecher*innen in Bezug auf eine bestimmte Variable unterscheidet), in den Zielen Ihrer Arbeit, warum Sie dies erforschen (z. B. um größere Zusammenhänge zu verstehen und die Theorieentwicklung weiterzubringen).

Auch die Gliederung sieht ähnlich aus wie bei einem wissenschaftlichen Artikel (siehe Kasten). In der Einleitung führt man zur Fragestellung thematisch hin und erläutert ihre Relevanz. Dann stellt man kurz den theoretischen Rahmen und die empirische Methode vor und skizziert den Gang der Argumentation. Handelt es sich um eine Arbeit mit theoretischer Relevanz, ist es wichtig, zunächst die Theorie vorzustellen und am Schluss den Beitrag der Arbeit dazu zu verdeutlichen. Oft sind studentische Arbeiten aber auch rein deskriptiv oder basieren auf einem im Unterricht gemeinsam erarbeiteten theoretischen Fundament; dann kann dieses Kapitel wegfallen. Unverzichtbar ist dagegen ein ausführlicher Stand der Forschung. Aus diesem lassen sich Forschungslücken, offene Fragen und/oder Hypothesen ableiten. Im Methodenkapitel begründet man die Auswahl der Methode und stellt das Vorgehen bei der Datensammlung und -analyse transparent und kritisch reflektiert dar. Im Anschluss präsentiert man die Ergebnisse seiner eigenen Studie und stellt diese in den Zusammenhang mit dem Stand der Forschung. Dies kann in zwei getrennten Kapiteln zu Ergebnissen und Diskussion erfolgen oder auch in einem kombinierten Kapitel. Jede Arbeit endet mit einem Schlusskapitel, das ein Fazit zieht und im Ausblick Desiderata für die künftige Forschung formuliert. Wichtig ist, dass an jedem Punkt der Arbeit der Bezug zur Fragestellung klar ist. Auf diese Weise ergibt sich ein roter Faden.

Typische Gliederung empirischer Arbeiten

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen

3. Stand der Forschung

4. Methode

5. Ergebnisse

6. Diskussion

7. Schluss

Referenzen

Die in der Arbeit direkt oder indirekt zitierte wissenschaftliche Literatur sowie Quellen (z. B. Korpora) listet man in den Referenzen auf. Jedes zitierte Werk muss hier erscheinen und jedes Werk, das hier aufgeführt ist, muss in der Arbeit zitiert worden sein. Es handelt sich also nicht um eine Liste der konsultierten Literatur und auch nicht um eine Bibliographie aller oder wichtiger Publikationen zum Thema.

Wissenschaftlicher Schreibstil

Wenn man über komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge spricht oder schreibt, muss das dann besonders kompliziert klingen? Nein, im Gegenteil! Abgesehen von den notwendigen Fachbegriffen (vgl. Kapitel 2.1.1) sollten wissenschaftliche Texte möglichst verständlich sein. Verständlichkeit – das bedeutet dem Psychologen SCHULZ VON THUN [1981] (482010) zufolge: Einfachheit, Ordnung, Prägnanz und Stimulanz. Damit ist Folgendes gemeint:

 Einfachheit: kurze Hauptsätze (max. 25 Wörter) mit wenig Nebensätzen, kein Passiv, keine Pseudo-Synonyme, konkrete Substantive, keine überflüssigen Fremdwörter;

 Ordnung: symmetrische Gliederung, aussagekräftige Überschriften und Unterüberschriften, ca. 10 Zeilen lange Absätze, Zwischenfazits und Überleitungen, roter Faden mit Bezug zur Fragestellung, Visualisierungen (Infographiken, Tabellen, Diagramme);

 Prägnanz: kurz, auf das Wesentliche beschränkt, keine überflüssigen Wiederholungen, keine Exkurse;

 Stimulanz: Zitate, Metaphern, interessante Beispiele, rhetorische Fragen.

Das wichtigste Prinzip der Verständlichkeit ist die Einfachheit. SCHULZ VON THUN [1981] (482010) lässt sie selbst sprechen (vgl. Abb. 2.5). Danach ist die personifizierte Kompliziertheit dran:

Abb. 2.5:

Die personifizierte Einfachheit und Kompliziertheit (nach SCHULZ VON THUN [1981] 482010: 164).

2.2 Geschichte der Sprachwissenschaft

Die Sprachwissenschaft ist als wissenschaftliche Disziplin schwer einzuordnen: Theoretisch und methodisch siedeln sich manche ihrer Subdisziplinen in den Naturwissenschaften, andere in den Geistes- oder Kulturwissenschaften und andere wiederum in den Sozialwissenschaften an. Ihr Gegenstand ist mal sehr eng gefasst als abstraktes System, mal sehr weit in Verbindung zur nicht-sprachlichen Kommunikation, zur Physik, Physiologie und Psychologie des Sprechens sowie den Kulturen der Sprachgemeinschaften.

Um die aktuelle Sprachwissenschaft besser zu verstehen, holen wir daher etwas aus und betrachten zunächst einmal die Geschichte der Sprachwissenschaft. Wir werden sehen, mit welchen Theorien und Methoden man Sprache beschreiben und erklären kann und in welchen institutionellen Kontexten dies stattfindet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der wissenschaftlichen Erforschung der französischen Sprache und der Sprachwissenschaft in frankophonen Ländern. Um das komplexe Geflecht an Paradigmen nicht zu sehr zu vereinfachen, gehen wir chronologisch vor: Kapitel 2.2.1 behandelt die Zeit vom Beginn der Geschichtsschreibung bis zum Mittelalter, Kapitel 2.2.2 die Frühe Neuzeit, Kapitel 2.2.3 das 19. Jahrhundert und Kapitel 2.2.4 das 20. und 21. Jahrhundert.

2.2.1 Anfänge

Seit vermutlich 40000 Jahren spricht der Mensch, seit ca. 7700 Jahren schreibt er – und seit mindestens 4400 Jahren denkt er über Sprache nach. So alt ist nämlich die Alphabetschrift, die als erstes sprachwissenschaftliches Meisterwerk gelten kann.

Die Erfindung der Alphabetschrift

Warum kann man die Erfindung der Alphabetschrift als erste überlieferte sprachwissenschaftliche Analyse interpretieren? Aus dem Lautstrom haben Menschen das isoliert und abstrahiert, was bedeutungsunterscheidend ist: Wir unterscheiden mit <p> und <b> Wörter wie packen und backen, aber haben nur einen Buchstaben <r>, egal ob jemand es ‘rollt’ oder nicht. Die ersten solchen Buchstaben entstanden ausgehend von Hieroglyphen im Alten Ägypten. Die erste reine Alphabetschrift war dann die semitische Schrift. Daraus entstanden das phönizische, das griechische und das lateinische Alphabet, mit dem wir heute schreiben. Auf diese Weise haben Menschen zum ersten Mal intuitiv Phonologie und Graphematik praktiziert.

Antike

Die ersten metasprachlichen Schriften stammen aus dem alten Indien und dem alten Griechenland. Man kann hier zwei Typen unterscheiden: zum einen sprachphilosophische Überlegungen, zum anderen Beschreibungen der Grammatik (inklusive der Aussprache). Im Kratylos des griechischen Philosophen Platon (428/427–348/347 v. Chr.) findet sich beides. Es geht hier einerseits um Fragen wie die Natürlichkeit oder Konventionalität des sprachlichen Zeichens, also ob „jedes Ding einen ihm von Natur zukommenden richtigen Namen“ hat oder „das, was irgendwelche Leute unter sich festgelegt hätten“ (PLATON 2014: 7). Andererseits enthält diese Schrift bereits zahlreiche sprachwissenschaftliche Begriffe wie Vokal, Konsonant, Silbe, Buchstabe, Wort, Hauptwort, Zeitwort und Satz. In derselben Epoche verfasste der Inder Panini (4./5. Jh. v. Chr.) die erste erhaltene Grammatik der Welt: 4400 Grammatikregeln für das klassische Sanskrit. Die erste griechische Grammatik ist die Technē grammatikē (‘grammatisches Handwerk’) von Dionysios Thrax (2. Jh. v. Chr.). In der griechischen und römischen Antike entstanden eine Vielzahl von Grammatiken. Der Ursprung unserer heutigen Schulgrammatik ist die lateinische Grammatik Ars grammatica von Donat (310–380 n. Chr.).

Exkurs: Was die Bibel zur Sprache sagt

Die Frage nach dem Ursprung der Sprache thematisiert auch die Bibel – und liefert darauf zwei Antworten: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ (Joh 1,1 EU). Es folgt die babylonische Sprachverwirrung:

Die ganze Erde hatte eine Sprache und ein und dieselben Worte. Als sie ostwärts aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der HERR herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, wenn sie es sich zu tun vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der HERR zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darum gab man der Stadt den Namen Babel, Wirrsal, denn dort hat der HERR die Sprache der ganzen Erde verwirrt und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut. (Gen 11,1–9 EU)

Im Gegensatz zur Wissenschaft liefert die Religion also klare einfache Antworten: Die Sprachfähigkeit sei etwas Göttliches und die unterschiedlichen Sprachen seien von Gott geschaffen. Die Präsentation der Sprachenvielfalt als Strafe deutet darauf hin, dass als einzige Funktion des Sprechens der Informationsaustausch gesehen wurde (zu weiteren Funktionen vgl. Kapitel 3.2).

Nachdem Menschen bereits mehrere Jahrtausende über Sprache nachgedacht und sprachwissenschaftlich gearbeitet hatten, drang die Beschäftigung mit Sprache in der Spätantike in die wissenschaftlichen Institutionen ein. Damals entstand der Studienkanon der sieben freien Künste (lat. septem artes liberales). Hierzu gehörten mit der Grammatik und der Rhetorik zwei Fächer, die wir aus heutiger Perspektive als sprachwissenschaftlich bezeichnen können.

À vous !

Recherchieren Sie im Internet: Welche anderen Fächer gehörten neben Grammatik und Rhetorik noch zu den sieben freien Künsten?

Mittelalter

Die wissenschaftliche Institution der Universität entstand im Mittelalter. Als älteste Universität der Welt gilt die Universität Bologna (gegründet 1088). Frankreich bekam 1200 seine erste Universität, in Paris. Ein Teil dieser Universität war im Gebäude der Sorbonne im Quartier Latin untergebracht. Heute teilen sich unterschiedliche Universitäten den Namen und das Gebäude. Im deutschsprachigen Raum stehen die ältesten Universitäten in Wien (1365) und Heidelberg (1386). Im Mittelalter entwickelte sich aus den sieben freien Künsten (s. o.) das allgemeinbildende Grundstudium. Auf dieser Basis konnte man sich später auf Medizin, Jura oder Theologie spezialisieren.

2.2.2 Frühe Neuzeit

Die Frühe Neuzeit führte sowohl die sprachphilosophischen Reflexionen als auch die Grammatikschreibung der Antike fort. Dazu kam eine bahnbrechende Entdeckung eines jungen Franzosen: die Entzifferung der Hieroglyphen. Dazu später mehr.

Die erste französische Grammatik

Die erste Grammatik der französischen Sprache stammt von einem Engländer: John Palsgrave (1480–1554). Der Hauslehrer von Prinzessin Mary Tudor und spätere Schuldirektor, der in Cambridge und Paris studiert hatte, veröffentlichte 1530 das Buch L’esclarcissement de la langue françoyse (trotz französischen Titels in englischer Sprache). Es wandte sich an Engländer*innen, die Französisch lernen wollten. Palsgrave weist darin insbesondere auf das enchaînement und den finalen Phrasenakzent hin (vgl. dazu auch Kapitel 6) und stellt dies in Beispielen graphisch dar:

Generally there is no worde of one syllable in thé frenche tonge that hath any accent, except the comyng next unto a poynt be the cause of it (…). (…) if it happe that all the wordes in a sentence be of one syllable, than shall they be all reed shortely togyder, tyll the redar come to that worde of one syllable that cometh next unto the poynt, and there shall he lifte up his voyce and pause (…) je ne scay pas que cést, quil vault de moy (…). And al suche other shalbe sounded in redyng and spekyng: (…) jenesaypaquecét quiueudemoy (…). And this is an other great cause why the frenche tong semeth so brefe and so-dayne in pronounciation, and so harde to be perceyved by a lernar. (PALSGRAVE [1530] 1852: 47)

Die Idee einer Universalgrammatik

Ein theoretisches Highlight der frühen Neuzeit ist die Grammaire de Port-Royal (1660) der Franzosen Antoine Arnauld (1612–1694) und Claude Lancelot (1515–1695). Beide waren Jansenisten: Der Priester Arnauld lehrte an der Sorbonne, der Mönch Lancelot war als Erzieher und Lehrer tätig. Auf Basis von Decartes’ Logik schlagen sie eine Art Universalgrammatik der menschlichen Sprache vor, auf die sich später Noam Chomsky beruft (s. u.). Diese illustrieren sie u. a. mit französischen Beispielen. Dabei führen Sie insbesondere den phonologischen Fachbegriff des Schwa (vgl. Kapitel 6.2.2) ein:

Il reste l’e muet ou féminin, qui n’est dans son origine qu’un son sourd, conjoint aux consonnes lorsqu’on les veut prononcer sans voyelle […] ce que les Hébreux appellent scheva, surtout lorsqu’il commence la syllabe. Et ce scheva se trouve nécessairement en toutes les langues, quoiqu’on n’y prenne pas garde, parce qu’il n’y a point de caractère pour le marquer. Mais quelques langues vulgaires, comme l’allemand ou le français, l’ont marqué par la voyelle e, ajoutant ce son aux autres qu’elles avaient déjà: et de plus ils ont fait que cet e féminin fait une syllabe avec sa consonne, comme est la seconde dans netteté, j’aimerai, donnerai, ce que ne faisait pas le scheva dans les autres langues, quoique plusieurs fassent cette faute en prononçant le scheva des Hébreux. (ARNAULD/LANCELOT 1660: 8–9).

Die Frage nach dem Ursprung der Sprache

Die vieldiskutierte Frage nach dem Ursprung der Sprache greift auch der in Genf geborene Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) wieder auf: In seinem 1781 postum (d. h. nach seinem Tode) publizierten Essai sur l’origine des langues stellt er die Hypothese auf, dass Sprache auf den Ausdruck von Emotionen zurückgeht:

[…] l’origine des langues n’est point düe aux prémiers besoins des hommes ; il seroit absurde que de la cause qui les écarte vint le moyen qui les unit. D’où peut donc venir cette origine ? Des besoins moraux, des passions. […] Ce n’est ni la faim ni la soif, mais l’amour, la haine, la pitié, la colére qui leur ont arraché les premiéres voix. (ROUSSEAU 1990: 67)

Entzifferung der Hieroglyphen

Eine weltberühmte sprachwissenschaftliche Entdeckung machte schließlich der Franzose Jean-François Champollion: Er entzifferte die Hieroglyphen. Seine Datenbasis waren zahlreiche Papyri sowie eine Abschrift des berühmten Steins von Rosette (ca. 196 v. Chr.), der 1799 während der Ägyptischen Expedition Napoleons gefunden wurde: Der Legende nach wurde der Stein entdeckt, nachdem ein Pferd darüber gestolpert war! Auf diesem Stein steht derselbe Text in Hieroglyphen, auf Demotisch (eine Art neuägyptischer Dialekt mit eigener Schrift) und auf Altgriechisch. Der Vergleich ermöglichte es, die Hieroglyphen zu entziffern.


Jean-François Champollion (1790–1832) Jean-François Champollion wird 1790 in Figeac als Sohn eines Buchhändlers geboren. Sein Interesse an Ägypten weckt der berühmte Mathematiker Joseph Fourier (dessen Fourier-Analyse bis heute für die akustische Phonetik von Bedeutung ist). Dieser war mit Napoleon auf Expedition nach Ägypten gefahren. 1802 zeigt Fourier dem damals 12-jährigen Champollion Fundstücke der Exkursion und erklärt ihm, dass man ägyptische Texte nicht verstehen konnte, da die Schriftzeichen nicht entziffert waren. Champollion will dieses Problem lösen. Dazu lernt er zahlreiche alte Sprachen. Bereits im Alter von 18 Jahren ist er Professor an der Universität Grenoble – allerdings nicht für Sprachwissenschaft, sondern für Alte Geschichte. Mit 22 Jahren entziffert er die Hieroglyphen, mit 26 Jahren wird er Konservator der Ägyptischen Sammlung im Louvre. Erst danach reist er zum ersten Mal selbst nach Ägypten! 1832 stirbt er mit nur 42 Jahren an einem Schlaganfall. Abb. 2.6: Jean-François Champollion. Porträt von Léon Cogniet – Musée du Louvre.

2.2.3 Das 19. Jahrhundert

Nachdem Jahrhunderte lang Lehrer und Professoren (es waren damals nur Männer) sprachwissenschaftlich geforscht und publiziert hatten, entstanden im 19. Jahrhundert erste Professuren und Institute für Sprachwissenschaft an Universitäten. Dabei fand die wissenschaftliche Beschäftigung mit der französischen Sprache in Frankreich und Deutschland von Beginn an in einem unterschiedlichen institutionellen Rahmen statt. Das ist bis heute so (siehe Kasten).

Französische Sprachwissenschaft in Frankreich und Deutschland

Wer französische Sprachwissenschaft studieren möchte, findet sich in Deutschland und Frankreich in ganz unterschiedlichen instutionellen Kontexten wieder, die auch die Inhalte stark beeinflussen. In Deutschland kann man Französisch nur als Fremdsprache studieren. Das bedeutet, dass man neben französischer Sprachwissenschaft noch viele Sprachkurse belegen muss. Dies geschieht in der Regel an Instituten für Romanistik. Sprachwissenschaft kann man dort (zumindest zu Beginn) nur in Kombination mit Literaturwissenschaft, Französisch häufig nur in Kombination mit Spanisch oder Italienisch studieren. Im Lehramtsstudium kommen noch Bildungswissenschaft und Didaktik dazu sowie mindestens ein weiteres Fach (z. B. Deutsch oder Englisch). In Frankreich dagegen ist französische Sprachwissenschaft entweder in die Universitätsdisziplin sciences du langage eingebettet, wo man wie in der allgemeinen Sprachwissenschaft auch viel zu anderen Sprachen erfährt. Oder aber man entscheidet sich für das didaktisch orientierte Fach français langue étrangère (FLE), das v. a. darauf vorbereitet, Migrant*innen in Frankreich Französisch beizubringen. Während Professor*innen in Frankreich in der Regel sehr spezialisiert sind (z. B. auf Phonologie oder Soziolinguistik), decken sie in Deutschland ein sehr breites Spektrum mehrerer Sprachen, Epochen und Subdisziplinen ab.

Professuren für Sprachwissenschaft gab es als erstes an deutschen Universitäten. In Frankreich spielten im 19. Jahrhundert zunächst außeruniversitäre Einrichtungen wie das Collège de France (1530 gegründet), die École des Chartes (seit 1821) und die École Pratique des Hautes Études EPHE (seit 1868) eine wichtige Rolle. Alle drei sind in Paris angesiedelt.

Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft

Der erste deutsche Professor für Sprachwissenschaft war Franz Bopp (1791–1867), der 1821 eine Professur an der Humboldt-Universität in Berlin erhielt. Er gilt als Begründer der Indogermanistik (fr. études indo-européennes), da er das Sanskrit mit dem Griechischen, Lateinischen und den germanischen Sprachen verglich. Entdeckt hatte die Sprachverwandtschaft zwischen dem indischen Sanskrit und den europäischen Sprachen jedoch schon lange davor – im Jahre 1767 – der Engländer William Jones (1746–1794), der als Richter in Kalkutta (Indien) arbeitete. Weitere wichtige Vorarbeiten hatte der Schriftsteller Friedrich Schlegel (1772–1829) mit seinem Werk Über die Sprache und Weisheit der Indier (1808) geleistet. Es ist in der Tat auffällig, wie etwa sanskrit (nákti ‘Nacht’) dem lateinischen nox, noctem und dem griechischen νύχτα (nýchta) ähnelt.

Der Vergleich der Sprachen diente der Rekonstruktion der Sprachgeschichte. Daher nennt man dieses sprachwissenschaftliche Paradigma historisch-vergleichende Sprachwissenschaft. Aus der typologischen Ähnlichkeit der Sprachen schloss August Schleicher (1821–1868) auf den Grad der Sprach-‘Verwandtschaft’ und nahm entsprechend 1861 einen ‘Stammbaum’ der indogermanischen Sprach-‘Familie’ und eine rekonstruierte indogermanische Ursprache an (vgl. Abb. 2.7). Zu dem, was er in diesem Stammbaum als italisch bezeichnet, gehört auch das Lateinische, aus dem die romanischen Sprachen entstanden (vgl. dazu auch Kapitel 5).

Abb. 2.7:

Stammbaummodell nach SCHLEICHER (1861).

Selbst wenn dieses Modell auch außerhalb der Sprachwissenschaft bis heute bekannt ist, darf man nicht vergessen, dass es sich lediglich um eine Metapher handelt. Sprachen sind keine Lebewesen, die Vorfahren und Nachkommen haben. Wir können uns bestimmte komplexe Zusammenhänge allerdings einfacher vorstellen, wenn wir sie als solche betrachten (zu wissenschaftlichen Modellen vgl. Kapitel 2.1.1, zur Metapherntheorie vgl. Kapitel 9.4).

À vous !

Suchen Sie im Internet einen aktuellen Überblick über die Sprachfamilien der Welt!

Die Metapher SPRACHEN SIND LEBEWESEN ist nicht zufällig entstanden. Sie erklärt sich dadurch, dass die Epoche stark von der Evolutionstheorie des Briten Charles Darwin geprägt war (On the Origin of Species, 1859). So schrieb der erste amerikanische Professor für Sprachwissenschaft William Dwight Whitney (1827–1894) ein Buch zum Thema The Life and Growth of Language (1875), das übrigens gleichzeitig auch auf Französisch und ein Jahr später auf Deutsch erschien. Whitney hatte in Berlin bei Bopp Sanskrit studiert und wurde dann selbst Professor für Sanskrit in Yale. Wie alle Modelle (vgl. Kapitel 2.1.1) ist auch diese Metapher für manche Zwecke nützlich, für andere dagegen nicht brauchbar. So sagt man heute noch, dass das Lateinische eine ‘tote’ Sprache sei – im Gegensatz zu ‘lebenden’ Fremdsprachen wie das Französische –, und dass viele Minderheitensprachen vom ‘Aussterben’ bedroht seien (vgl. Kapitel 1.2.1). Wir werden aber in Kapitel 5.4 sehen, dass es höchst problematisch ist, nach der ‘Geburtsstunde’ des Französischen zu suchen.

Nicht nur theoretisch, auch methodisch orientierte sich die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts an den Naturwissenschaften: Entsprechend der Naturgesetze suchten Sprachwissenschaftler nach Lautgesetzen, mit denen sich aus älteren Formen jüngere ableiten bzw. umgekehrt nicht-belegte Formen rekonstruieren ließen. Mit diesen Gesetzen arbeiten Sprachwissenschaftler*innen bis heute. Neben den Regelmäßigkeiten gibt es aber auch viele Unregelmäßigkeiten, die sich u. a. durch Sprachkontakt und die Frequenz der Wörter im Sprachgebrauch erklären lassen (vgl. Kapitel 2.2.4).

Romanistik

Bald weitete sich das Interesse der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft auch auf die lebenden Sprachen aus: Unter anderem entstand die Romanistik. Als ihr Begründer gilt der Deutsche Friedrich Diez (1794–1876), der ab 1830 eine Professur für mittelalterliche und moderne Sprachen und Literaturen in Bonn innehatte. Er war also gleichzeitig Professor für Sprach- und Literaturwissenschaft. Da sich diese beiden Disziplinen theoretisch und methodisch sehr weit auseinanderentwickelt haben, spezialisieren sich Student*innen und Nachwuchswissenschaftler*innen heute oft schon sehr früh auf eine von beiden, und die Professuren sind klar getrennt. Übrig geblieben ist aus dieser Zeit, dass an den meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum die beiden Disziplinen an Instituten für Romanistik vereint sind. Dies hat auch praktische Gründe, denn Lehramtsstudiengänge kombinieren meist beide Disziplinen in Bezug auf eine Sprache.

Diez interessierte sich in literaturwissenschaftlicher Perspektive insbesondere für die okzitanische Troubadourlyrik (zum Okzitanischen vgl. Kapitel 1.2.1 und 5.5.1). Im Bereich der Sprachwissenschaft bestand seine Leistung darin, die Bopp’sche Methodik auf die romanischen Sprachen zu übertragen. Er schrieb zunächst eine Grammatik der romanischen Sprachen (1836–38), dann ein Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen (1853). Dabei erforschte er auch die ‘Mutter’ der romanischen Sprachen, das Vulgärlatein (vgl. Kapitel 5.2). Viele Fragen des historisch-vergleichenden Paradigmas leiten bis heute die romanistische Forschung (siehe Kasten).

Fragestellungen der historisch-vergleichenden Romanistik

 „Woher stammen die romanischen Sprachen?“

 „Warum hat sich das Lateinische in so viele sich so stark unterscheidende Sprachen aufgespaltet?“

 „Worauf beruht die Verwandtschaft zwischen Latein und romanischen Sprachen?“

 „Wie erklärt man den Übergang vom Lateinischen zum Romanischen?“

 „Welche Rolle spielt der Kontakt zu anderen Sprachen bei der Ausbildung der romanischen Sprachen?“

 „Was ist der eigentliche Motor des Sprachwandels?“

(Fragen aus PIRAZZINI 2013: 11)

Nationalphilologie

Während deutsche Sprachwissenschaftler aus der Außenperspektive die romanischen Sprachen betrachteten, fokussierte man in den einzelnen romanischsprachigen Ländern v. a. die eigene(n) Sprache(n). In Frankreich war das das Französische und in gewissem Maße auch das Okzitanische. Man spricht daher von Nationalphilologie. Im Zentrum standen dabei die schriftlichen Überlieferungen der älteren Sprachstufen, d. h. das Altfranzösische und Altokzitanische. Sprachwissenschaft war also keine Disziplin um ihrer selbst Willen, sondern eine Hilfswissenschaft für die Literaturwissenschaft – die den praktischen Zweck hatte, mittelalterliche Texte zu verstehen.

Der erste Lehrstuhl für „Langues et littératures françaises au Moyen Âge“ wurde 1853 am Collège de France geschaffen. Sein Inhaber war Michel Bréal (1832–1915), der u. a. bei Bopp in Berlin studiert hatte. Mit dem Essai de Sémantique (1897) gilt er als Begründer der Semantik (vgl. Kapitel 9). Er war ebenfalls an der EPHE tätig. Sein Kollege dort war Gaston Paris (1839–1903). Dieser hatte u. a. bei Diez in Bonn studiert und dessen Grammatik der romanischen Sprachen ins Französische übersetzt. Daneben hatte er auch an der École des Chartes studiert und promoviert. Er wurde 1868 „répétiteur de philologie française“ an der eben gegründeten EPHE, 1872 übernahm er den Lehrstuhl seines Vaters am Collège de France und 1896 wurde er Mitglied der Académie Française, deren Aufgabe es (seit 1634) ist, über die französische Sprache zu wachen. Er war übrigens der einzige Sprachwissenschaftler, der jemals Mitglied der Académie Française wurde – weswegen diese Institution auch in der Sprachwissenschaft so umstritten ist.

Dialektologie

Unter den ersten Professoren für Sprachwissenschaft in Deutschland waren auch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm: Jakob Grimm (1785–1863) wurde 1830 Professor in Göttingen, Wilhelm Grimm (1786–1859) erhielt dort 1835 eine außerordentliche Professur. Die beiden sammelten nicht nur Märchen, sondern begannen auch gemeinsam die Arbeit am monumentalen Deutschen Wörterbuch (auch Der Grimm genannt), das erst nach 123 Jahren Arbeit fertig gestellt wurde. Dieses berücksichtigt umfassend die Dialekte. Zudem stellte Jakob Grimm 1822 das erste Lautgesetz (s. o.) für die germanischen Sprachen auf: die sog. Erste Lautverschiebung oder engl. Grimm’s Law bzw. fr. loi de Grimm.

Einige Jahrzehnte später entstand fast zeitgleich in Deutschland und Frankreich die Sprachgeographie. Einer ihrer Pioniere war der deutsche Bibliothekar Georg Wenker (1852–1911). Ab 1875 überlegte er sich Sätze, die er per Post an Lehrer*innen verschickte, damit diese sie in die jeweilige Ortsmundart übersetzten. 1878 entstand daraus eine erste Publikation: der Sprach-Atlas der Rheinprovinz nördlich der Mosel sowie des Kreises Siegen. 1880 nahm Wenker ein größeres – das bis heute weltweit größte – Atlasprojekt in die Hand: den Sprachatlas des Deutschen Reichs (auch Wenkeratlas genannt). Dafür ließ er 40 Sätze (heute Wenkersätze genannt) von 40 000 Lehrer*innen im deutschsprachigen Raum übersetzen. Daraus entstanden von 1888 bis 1923 handgezeichnete Karten, die 1927–1956 publiziert werden. Die digitale Version dieses Wenkeratlasses findet sich unter regionalsprache.de.

Währenddessen entstanden auch die ersten französischen Sprachatlanten: Der Schweizer Jules Gilliéron (1854–1926), der u. a. an der EPHE in Paris studiert hatte und dort ab 1883 auch unterrichtete, publizierte nur drei Jahre nach Wenker den Petit atlas phonétique du Valais roman (1881). Anschließend nahm er ein umfassendes Projekt in Angriff: den Atlas Linguistique de la France (ALF). Nach einer Feldforschungsphase von 1897 bis 1901 wird dieser zwischen 1902 und 1910 publiziert. Der Atlas beinhaltet nicht nur das Französische – das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in ganz Frankreich gesprochen wurde (vgl. Kapitel 1.2.1 und 5.5) –, sondern auch die nordfranzösischen Dialekte, das Okzitanische, das Frankoprovenzalische und das Katalanische, und dies über die Grenzen Frankreichs hinaus (Schweiz, Italien, Belgien, anglo-normannische Inseln). Die nicht-romanischen Sprachen (Bretonisch, Baskisch, Elsässisch etc.) wie auch die Sprachen von Migrant*innen bleiben dagegen unberücksichtigt. Auch Paris bildet auf den Karten nur einen weißen Fleck, da man sich zu der Zeit lediglich für die regionale Variation auf dem Land interessierte.

Als Explorator setzte Gilliéron den französischen Kaufmann Edmond Edmont (1849–1926) ein. Dieser gab seinen Beruf auf, um mit Zug, Auto und Fahrrad sowie zu Fuß 639 Untersuchungspunkte zu besuchen und dort 735 Informant*innen persönlich zu befragen. Die Aufgabe war: 1 400 Übersetzungen vom Französischen in die Ortsmundart. Mit der Dialektologie beginnt also die Erhebung mündlicher Sprachdaten. In der Regel repräsentierte dabei eine einzige Person einen Ort. Wer waren die Informant*innen der Sprachatlanten? Die Soziolinguistik hat sie im Nachhinein als NORMs bezeichnet, d. h. „nonmobile, older, rural males“ (CHAMBERS/TRUDGILL [1980] 2004: 29). Heute kann man den ALF unter http://lig-tdcge.imag.fr/cartodialect5/#/ im Internet konsultieren.

Auch die Sprachgeographie knüpft an die Metapher SPRACHEN SIND LEBEWESEN an, denn Lebewesen lassen sich in geographischen Räumen lokalisieren. Entsprechend spricht man auch heute noch von Sprach- und Dialektgrenzen. Auch hier muss man sich immer wieder bewusst machen, dass es sich nur um Metaphern handelt: Sprachen sind nicht an Räume gebunden, sondern werden von Sprecher*innen gesprochen, die sich frei im Raum bewegen. Lediglich offizielle Sprachen sind an politische Nationen oder Regionen gebunden (vgl. Kapitel 1.2.1). Gleichzeitig hat diese Modellierung neue Aspekte sichtbar gemacht. So besagt die Wellentheorie, die erstmals 1868 von Hugo Schuchardt (1842–1927) formuliert wurde, dass sich Ähnlichkeiten von Sprachen nicht nur durch Verwandtschaft erklären, sondern auch durch Kontakt. Die Metapher der Welle soll dabei veranschaulichen, dass sich Innovationen kreisförmig im Raum ausbreiten, wie wenn man einen Stein in einen Teich wirft.

Phonetik

Wissenschaftlicher Fortschritt wird häufig durch technischen Fortschritt angestoßen. Eine für die Sprachwissenschaft grundlegende Erfindung war der Phonograph (bzw. sein Vorgänger der Phonautograph). Der US-Amerikaner Thomas Edison (1847–1931), der auch als Erfinder der Glühbirne gilt, reichte am 24. Dezember 1877 seine Patentanmeldung für eine Maschine ein, die Schall aufnehmen und wieder abspielen konnte. Dies geschah mit Hilfe von Walzen. Zehn Jahre später wurden Grammophon und Schallplatte erfunden. Mit diesen Instrumenten konnte man erstmals Sprache dauerhaft konservieren und für Analysezwecke immer wieder anhören.

Ein weiterer Motor der Wissenschaft ist ihre Anwendungspraxis (vgl. Kapitel 2.1.1). In den Naturwissenschaften ist das oft die Industrie, in der Sprachwissenschaft der Schulunterricht. Für die französische Sprachwissenschaft ergab sich ein großer Sprung, als im 19. Jahrhundert die modernen Fremdsprachen in die Schulen einzogen. Schnell zeigte sich, dass die in den klassischen Sprachen übliche Grammatik-Übersetzungsmethode keine befriedigenden Ergebnisse brachte. Wer lebende Sprachen sprechen möchte, muss diese anders lernen. Mit seiner Streitschrift „Der Sprachunterricht muss umkehren!“ (1882) leitete der deutsche Anglistik-Professor Wilhelm Viëtor (1850–1918) die sogenannte Reformbewegung ein.

In deren Rahmen entstand auch das Internationale Phonetische Alphabet (IPA). Dieses ist einfacher zu lernen als die bereits existierenden Lautschriften, da es auf dem lateinischen Alphabet basiert und zudem für alle Sprachen einsetzbar ist. Entwickelt wurde es von einer Gruppe von Lehrern und Wissenschaftlern um den französischen Englischlehrer Paul Passy (1859–1940). Diese hatten sich 1886 im Verein Dhi Fonètik Tîcerz’ Asóciécon bzw. The Phonetic Teachers Association zusammengeschlossen, der seit 1897 L’Association phonétique internationale hieß. Das IPA wird seitdem regelmäßig reformiert (zum letzten Mal 2020) und ist bis heute ein wichtiges Werkzeug für den Fremdsprachenunterricht. 1894 wurde Passy Directeur d’études für „Phonétique générale et comparée“ an der EPHE (s. o.).

Der erste Professor für Phonetik (vgl. Kapitel 6.1) war aber bereits der Priester Jean-Pierre Rousselot (1846–1924), genannt Abbé Rousselot. Dieser war seit 1889 am Institut Catholique de Paris tätig und hatte dort das weltweit erste Labor für Experimentalphonetik aufgebaut. Als Schüler von Gaston Paris und Jules Gilliéron (s. o.) richtete er 1897 ein weiteres Labor am Lehrstuhl von Bréal (s. o.) am Collège de France ein. 1923 erhielt er dort schließlich selbst einen Lehrstuhl. In diesen Labors untersuchte Rousselot nicht nur die Dialekte Frankreichs, sondern auch mit zahlreichen internationalen Gästen die Sprachen der Welt (z. B. Maya, Guaraní).

2.2.4 Das 20. und 21. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert nahm die Zahl der Sprachwissenschaftler*innen zu und damit auch ihre Spezialisierung. Manche betrachteten nun Sprache oder eines ihrer Teilsysteme (z. B. Phonologie oder Syntax; vgl. Kapitel 6 und 8) isoliert. Dies geschah zunächst im Paradigma des Strukturalismus, dann der Generativen Grammatik. Gleichzeitig weitete sich der Blick von der geographischen Variation auf andere Dimensionen, insbesondere die soziale und die stilistische Variation. Die Variations- und Varietätenlinguistik (s. u.) wurde eine Zeit lang als ‘quer’ zur ‘internen’ Systemlinguistik angesehen, d. h. man untersuchte Phonologie, Syntax, Semantik etc. entweder ohne Variation oder man wählte bewusst den Fokus auf der Variation. In den vergangenen Jahrzehnten hat das kognitive Paradigma vorgemacht, dass sich Systeme auch ganzheitlich in ihrer Dynamik betrachten lassen.

Strukturalismus

Während im 20. Jahrhundert die Naturwissenschaften Substanzen in immer kleinere Bestandteile zerlegen (vgl. die Atommodelle in Kapitel 2.1.1), lenkt auch die Sprachwissenschaft ihren Blick zunehmend auf die innere Zusammensetzung des Systems Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die federführende Subdisziplin im Strukturalismus war die Phonologie, die nach den kleinsten lautlichen Einheiten sucht (vgl. Kapitel 6.2). Häufig wird diese Perspektive als radikaler Bruch präsentiert oder gar als eigentlicher Beginn der modernen Sprachwissenschaft. Sieht man sich die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung jedoch genauer an, so stellt man fest, dass die Übergänge zwischen der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts und dem Strukturalismus fließend waren – sowohl was die Personen als auch was die Ideen betrifft.

Als Hauptwerk des europäischen Strukturalismus gilt der Cours de Linguistique Générale des Schweizers Ferdinand de Saussure. Dabei handelt es sich um die 1916 postum publizierten Vorlesungsmitschriften seiner Schüler.


Ferdinand de Saussure (1857–1913) Ferdinand de Saussure wird 1857 in eine Genfer Intellektuellenfamilie geboren. Sein Vater ist Insektenforscher, sein Großvater Chemiker und Botaniker. Zum Studieren geht er nach Leipzig, Berlin und Paris. Er ist u. a. Schüler von Bréal und besonders inspiriert von Whitney. In Leipzig schreibt er seine Doktorarbeit zum Sanskrit. Anschließend unterrichtet er zunächst an der EPHE in Paris, 1891 erhält er dann einen Ruf auf eine Professur für indogermanische Sprachwissenschaft an der Universität Genf. Abb. 2.8: Ferdinand de Saussure.

Saussure unterscheidet systematisch verschiedene Perspektiven auf die Sprache: u. a. Synchronie (das Sprachsystem zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt) vs. Diachronie (Sprachwandel), langue (Sprache) vs. parole (Sprechen) (vgl. dazu auch Kapitel 3.1.1). Als Gegenstand der strukturalistischen Sprachwissenschaft gilt dabei die synchrone Betrachtung der langue.

À vous !

Zeichnen Sie einen geistigen ‘Stammbaum’ der Sprachwissenschaft vom 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts! Welcher der erwähnten Sprachwissenschaftler hat bei wem studiert? Wer fühlte sich durch wen besonders inspiriert? Welche Sprachwissenschaftler waren Kollegen, wer hat an wessen Lehrstuhl gearbeitet?

Generative Grammatik

Der Übergang vom Strukturalismus zur Generativen Grammatik wird häufig als Paradigmenwechsel in der Sprachwissenschaft bezeichnet. Begründer und Hauptvertreter der Generativen Grammatik ist der US-Amerikaner Noam Chomsky (*1928). Er publizierte 1957 das Werk Syntactic Structures, und bis heute noch dominieren in diesem Rahmen Arbeiten zur Syntax (vgl. dazu Kapitel 8.2.1). Wie ihr Name bereits andeutet, versucht die Generative Grammatik alle Regeln zu finden, die man braucht, um – wie mit einem Computerprogramm – alle möglichen Sätze einer Sprache zu generieren. In seinem Minimalist Programm (1995) postuliert Chomsky, dass Prinzipien und Parameter universell und angeboren sind und die Parameterwerte beim Spracherwerb gesetzt werden. Man nennt dies die Nativismus-Hypothese. Der Nachweis eines entsprechenden Sprachgens steht allerdings bis heute aus.

Methodisch hat dieses Paradigma in seinen Anfängen mit Introspektion gearbeitet, d. h. auf Basis der Intuitionen der Sprachwissenschaftler*innen selbst in Bezug auf ihre L1. Die nächste Etappe war die systematische Befragung von Sprecher*innen zur Akzeptabilität konstruierter Sätze (Akzeptabilitätstests). Zusätzlich arbeitet die Generative Grammatik heute auch mit Korpora. Korpora können allerdings nur einen Ausschnitt dessen dokumentieren, was man sagen bzw. schreiben kann, aber keine Auskunft darüber geben, was inakzeptabel ist.

Variations- und Varietätenlinguistik

Die Konzentration auf das Sprachsystem in der strukturalistischen und generativen Linguistik führte dazu, dass Variation und Wandel in andere Paradigmen ‘ausgelagert’ und unabhängig davon untersucht wurden. In den USA bildete sich parallel zur Generativen Grammatik von Noam Chomsky (s. o.) die Variationslinguistik von William Labov (*1927) aus. In der deutschsprachigen Romanistik entstand die Varietätenlinguistik als ‘Nebenprodukt’ des Strukturalismus: Der Rumäne Eugenio Coseriu (1921–2002) suchte Systeme an den Schnittstellen der Variationsachsen: Er ging davon aus, dass das, was an einem bestimmten Ort in einer bestimmten sozialen Schicht in einem bestimmten Stil gesprochen wird, homogen ist. Auf dieser Basis entwickelten die deutschen Romanisten Peter Koch (1951–2014) und Wulf Oesterreicher (1942–2015) ab 1985 die Varietätenlinguistik. In Frankreich wurden beide Ansätze rezipiert (vgl. GADET 2007).

Bei der Labov’schen Variationslinguistik handelt es sich im Wesentlichen um quantitative Soziophonetik. In seinen umfangreichen empirischen Studien misst Labov beispielsweise akustisch die Qualität verschiedener Vokale und korreliert diese mit nicht-sprachlichen Charakteristika der Sprecher*innen (z. B. Alter, Geschlecht). So fand er beispielsweise schon in seiner berühmten Masterarbeit heraus, dass die Bewohner der Insel Martha’s Vineyard, die stärker an ihrer Heimat hängen, ihre Vokale deutlich anders artikulieren als die übrigen, die sich den Touristen vom Festland anpassen (vgl. LABOV 1972). Auf Basis seiner Studien konnte er zahlreiche Hypothesen aufstellen, die in Folge immer wieder empirisch erhärtet und z. T. auch modifiziert wurden. Eine bekannte Hypothese lautet: „Frauen führen den Sprachwandel an.“ (vgl. dazu auch Kapitel 3.4.3). Labov konzentriert sich auf die soziale und stilistische Variation, die seiner Theorie zufolge zusammenhängen: Merkmale, die bei Sprecher*innen aus sozial niedrigeren Schichten öfter auftauchen, finden sich auch häufiger in der Spontansprache als beim Vorlesen.

Die von KOCH/OESTERREICHER (1985 und 1990/22011) vorgeschlagene Varietätenlinguistik geht dagegen von theoretischen Überlegungen aus und illustriert diese lediglich an bereits bekannten sprachlichen Beispielen. Sie berücksichtigt gleich vier Varietätendimensionen: Diatopik (Raum), Diastratik (soziales Milieu), Diaphasik (Stil) und Nähe/Distanz (Situation; vgl. Kapitel 1.1.1). Hier ist allerdings nicht ganz klar, ob sich diese Dimensionen wie bei Labov über Korrelationen mit nicht-sprachlichen Merkmalen definieren (diastratisch niedrig ist, was Sprecher*innen aus niedrigen sozialen Schichten sprechen) oder durch die Wahrnehmung der Hörer*innen (diastratisch niedrig ist, was als sozial niedrig wahrgenommen wird).

Nachdem sich diese beiden Paradigmen lange ignoriert haben, kann man mittlerweile eine Annäherung beobachten. KREFELD/PUSTKA (2010) schlagen in ihrer Perzeptiven Varietätenlinguistik vor, aus (meta-)sprachlichen Produktions- und Wahrnehmungsdaten – die man empirisch erheben kann – (meta-)sprachliche Repräsentationen (Vorstellungen) in den Köpfen der Sprecher*innen abzuleiten (vgl. Kapitel 3.4.4). Unabhängig davon hat sich im anglo-amerikanischen Raum die Cognitive Sociolinguistics (KRISTIANSEN/DIRVEN 2008) und der Third Wave Variationism (ECKERT 2012) herausgebildet. Auch diese Ansätze gehen über Korrelationen von sprachlichen und nicht-sprachlichen Daten hinaus und zielen darauf ab, die Repräsentationen der Sprecher*innen zu modellieren. All diese neuen Ansätze verstehen sich als Teil der Kognitiven Linguistik.

Kognitive Linguistik

Dieses weitere Paradigma, die Kognitive Linguistik, stammt ebenfalls aus den USA. Sie ist in unmittelbarer Abgrenzung zur Generativen Grammatik entstanden: Ihre Begründer Eleanor Rosch (*1938) und George Lakoff (*1941) hatten an der Ostküste studiert (u. a. bei Chomsky) und haben dann an der Westküste ihre neue Theorie entwickelt. Federführend war dieses Mal die Semantik (vgl. Kapitel 9). Die Kognitive Linguistik unterscheidet sich von der Generativen Linguistik durch einige grundlegende Hypothesen. So geht sie insbesondere davon aus, dass es kein angeborenes spezielles Sprachgen gibt, sondern sich die Sprachsysteme in den Köpfen der Menschen aus ihren allgemeinen kognitiven Fähigkeiten (Wahrnehmung, Erinnerung etc.) und ihrer Erfahrung in der Welt ergeben. Im Zentrum des Interesses steht daher der Sprachgebrauch (usage-based linguistics).

Durch Fortschritte in Gehirnforschung und Computertechnik hat es zwischenzeitlich eine Wende zur quantitativen Forschung gegeben: Auf der einen Seite wissen wir heute, dass das menschliche Gehirn über enorme Speicher- und Verarbeitungskapazitäten verfügt. Auf der anderen Seite können wir mittlerweile große Datenmengen erforschen. Daher sucht man heute nicht mehr ein möglichst ökonomisches Modell der menschlichen Sprache, sondern ein möglichst plausibles. Durch die Empirie lassen sich immer mehr lexikalische ‘Ausnahmen’ von grammatischen und phonologischen Regelmäßigkeiten dokumentieren, auf die Sprachwissenschaftler bereits seit dem 19. Jahrhundert intuitiv hingewiesen hatten. So stellte beispielsweise die Theorie der Lexikalischen Diffusion (SCHUCHARDT 1885, WANG 1969, LABOV 1981) die Hypothese auf, dass häufig verwendete Wörter bestimmte Sprachwandelprozesse anführen (mehr dazu in Kapitel 3.3.2).

Lesetipps

KORNMEIER, Martin [2008] (82018): Wissenschaftlich schreiben leicht gemacht für Bachelor, Master und Dissertation, Bern etc.: Haupt.

KORNMESSER, Stephan / BÜTTEMEYER, Wilhelm (2020): Wissenschaftstheorie: Eine Einführung, Stuttgart: J.B. Metzler.

SCHNEIDER, Wolf [1982] (272001): Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil, München: Goldmann.

WERDER, Lutz von (1995): Grundkurs des wissenschaftlichen Lesens, Berlin/Milow: Schibri.

Hörtipp

In ihrem Podcast « Parler comme jamais » räumen die Sprachwissenschaftlerinnen Maria Candea und Laélia Véron mit medialen Mythen über die französische Sprache auf: https://www.binge.audio/podcast/parler-comme-jamais.

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