Читать книгу: «Morgen ist woanders»
Die Arbeit der Autorin an diesem Buch wurde mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium des Deutschen Literaturfonds sowie mit dem Mira-Lobe-Stipendium für Kinder- und Jugenditeratur gefördert.
Ausgezeichnet mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis des Landes Steiermark für Manuskripte | Hauptpreis 2016
Elisabeth Etz, geb. 1979 in Wien, verbrachte ihre Zeit u. a. in Berlin und Istanbul. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder in Wien und arbeitet für den Diakonie Flüchtlingsdienst.
Für ihre Jugendbücher wurde sie bereits mit mehreren Preise und Stipendien ausgezeichnet. Im Tyrolia-Verlag ist von ihr zuletzt der Jugendroman »Nach vorn« (2018) erschienen.
2019
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: Nele Steinborn
unter Verwendung einer Fotografie von 123RF.com
Satz- und Layoutgestaltung: Nele Steinborn, Wien
Schriften: Neue Swift Pro, Henriette, Heading Pro, Antiphon
Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien
ISBN 978-3-7022-3803-2 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3804-9 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Facebook: Tyrolia Verlag Kinderbuch
Gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien, Literatur

Elisabeth Etz

für Almuth, Amira und Maggie, bei denen ich immer ein Dach über dem Kopf hatte
Allen, die im Winter auf die Idee kommen abzuhauen, sage ich gleich: Lasst es bleiben. Es ist eine Schnapsidee. Sowas macht man, wenn es warm ist. Wenn überhaupt.
Leider kann man sich das aber nicht aussuchen. Ist schließlich nicht so, dass man das will. Man muss. Manchmal muss man einfach.
Inhalt
OKTOBER
Schützenweg
Sternwartestraße
Schützenweg
Sternwartestraße
Westbahnhof
Tannengasse
Laaerbergstraße
Tannengasse
Laaerbergstraße
Tannengasse
Franklinstraße
Äußere Mariahilfer Straße
Schützenweg
In der Krim
Laaerbergstraße
Filmteichstraße
Kalvarienberggasse
Flughafen
Sverigestraße
Dietrichgasse
Franzosengraben
Dietrichgasse
Schützenweg
NOVEMBER
Laaerbergstraße
Dietrichgasse
Filmteichstraße
Laaerbergstraße
Währinger Straße
Ringstraße
Karlsplatz/Argentinierstraße
Wiedner Gürtel
Laaerbergstraße
Venediger Au
Schützenweg
Venediger Au
Laaerbergstraße
Fliederweg
Laaerbergstraße
Fliederweg
Laaerbergstraße
Europaplatz
Linzer Straße
Schützenweg
Linzer Straße
Schützenweg
Linzer Straße
Laaerbergstraße
DEZEMBER
Linzer Straße
52
Laaerbergstraße
Schützenweg
Myrthengasse
Schützenweg
Wohnpark Alt Erlaa
Laaerbergstraße
Europaplatz
U6
Vivenotgasse
U6
Europaplatz
Wohnpark Alt Erlaa
Laaerbergstraße
Wohnpark Alt-Erlaa
Schützenweg
Wohnpark Alt-Erlaa
Bahnhof Meidling
Sternwartestraße
Wilhelminenberg
46B
Krongasse
Lehargasse
Krongasse
Laaerbergstraße
Schützenweg
Sternwartestraße
Krongasse
Schützenweg
Krongasse
Schützenweg
Am Hauptbahnhof
Krongasse
Rotenturmstraße
Rudolfsplatz
JÄNNER
Opernring
U1
Stadlauer Straße
Pappenheimgasse
Schützenweg
Pappenheimgasse
Klosterneuburger Straße
Pappenheimgasse
Laaerbergstraße
Urban-Loritz-Platz
Europaplatz
Stumpergasse
Europaplatz
Laaerbergstraße
Goldeggasse
Schützenweg
Goldeggasse
Laaerbergstraße
Gasometer
Laaerbergstraße
Urban-Loritz-Platz
Halbgasse
Laaerbergstraße
Urban-Loritz-Platz 309
Halbgasse
Laaerbergstraße
Tivoligasse
Columbusplatz
Schützenweg
Laaerbergstraße
Schlosspark Schönbrunn
Altmannsdorfer Straße
Laaerberggasse
Schlosspark Schönbrunn
Schönbrunnerstraße
Schlosspark Schönbrunn
Sverigestraße
24A
Laaerbergstraße
Mariahilfer Straße
Schlosspark Schönbrunn
Wilhelmstraße
Tannengasse
Schlosspark Schönbrunn
10A
Florianigasse
Stumpergasse
Am Hauptbahnhof
Schützenweg
Laaerbergstraße
Wattgasse
Europaplatz
Stumpergasse
Am Hauptbahnhof
Laaerbergstraße
Urban-Loritz-Platz
Stumpergasse
Myrthengasse
Wilhelminenberg
Wienzeile
Schützenweg
»Nein.«
»Was heißt ›nein‹? Ich hab schon alles ausgefüllt.«
Mart rührt sich nicht. Ich schiebe ihm die Formulare näher heran.
»Fehlt nur noch die Unterschrift«, sage ich nachdrücklich.
Mart sieht mich schweigend an. »Welche Unterschrift?«, fragt er schließlich.
»Deine. Hier. Und hier.« Ich zeige auf die freien Felder.
Mart schüttelt den Kopf. »Es gibt keine Unterschrift.«
Er sieht mich mit schmalen Augen an. »Was glaubst du, was das kostet?«
»Ich zahl mir das selber«, sage ich mit fester Stimme. »Ich brauch nur die Unterschrift.«
»Ha, selber. Und mit welchem Geld, wenn ich fragen darf?«
»Ich hab im Sommer gearbeitet.«
»Als Drogendealer?« Mart dreht mir den Rücken zu und geht aus dem Raum.
Meine Mutter lehnt im Türstock und sieht uns zu.
Ich weiß, dass ein Austauschjahr in Australien nicht billig ist. Auch wenn es sich um kein Jahr handelt, sondern nur um ein oder zwei Terms. Mit Flug und Unterkunft in einer Gastfamilie kommen da schon einige Tausend Euro zusammen.
Aber zuerst brauche ich die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten. Weil Mart mich adoptiert hat, als ich noch zu klein war, um etwas dagegen zu sagen, ist er das. Wenn er unterschrieben hat, lässt er sich beim Geld sicher auch umstimmen. Ist ja nicht so, dass er keins hat. Außerdem gibt es Stipendien, für die ich mich vielleicht bewerben könnte. Gut genug in der Schule wäre ich, und das außerschulische Engagement, das die da verlangen, kann ich ja zumindest mal behaupten.
Flehend sehe ich meine Mutter an. Die könnte schließlich auch unterschreiben.
Sie seufzt demonstrativ. »Mart weiß schon, was er tut. Glaub mir.«
»Mart will mich nur hierhalten, damit er jemanden kontrollieren kann«, fauche ich. »Dabei hat er doch dich.«
»Jetzt reicht’s aber!« Wenn meine Mutter wütend ist, bekommt ihr Hals lauter rote Flecken.
»Ja, mir reicht’s«, schreie ich. »Ich halt es hier nicht mehr aus! Ich geh zu meinem Vater!«
Verdammt, wo kam das jetzt her?
Mart steht wieder im Zimmer. »Wegen einer Unterschrift brauchst du den Herrn aber nicht zu fragen. Erziehungsberechtigt ist der schon lange nicht mehr.«
»Mir scheißegal«, brülle ich. »Ich zieh zu ihm.«
Mart verschränkt die Arme vor der Brust. »Das schau ich mir an.«
Meine Mutter sagt nichts mehr. Sie starrt mich nur an.
»Ihr werdet schon sehen«, fauche ich.
»Wirst viel eher du sehen«, sagt Mart spitz. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass du nach all den Jahren dort einfach so vorbeispazieren kannst?«
Ich muss hier raus. Schnell.
Mart geht sogar zur Seite, als ich mich durch den Türrahmen dränge.
»Sag ihm schöne Grüße von mir«, ruft er mir hinterher. Dann lacht er, kurz und hart.
Was jetzt? Die letzten Monate habe ich durchgehalten, weil ich Australien vor Augen hatte. Für den 2. und den 3. Term hätte ich mich auch jetzt im Oktober noch anmelden können. Mit der Aussicht auf zwei Trimester ohne Mart habe ich es ausgehalten, nicht blöd zurückzureden, sondern einfach nur zu nicken oder den Raum zu verlassen, wenn er zu sehr nervte. Weil ich mir naiverweise eingeredet hatte, er würde irgendwann doch unterschreiben. Auch wenn es im Nachhinein betrachtet nie ernsthaft danach ausgesehen hat.
Mit Lukas habe ich mich oft darüber unterhalten, wie es wäre, einfach wegzufahren. Lange hab ich gedacht, wir könnten das machen. Ich könnte das machen. So wie Henrik, den wir jetzt blöderweise in der Klasse haben.
Ein Jahr nach England. Oder Kanada. Oder Australien.
Als ich letztes Jahr Mart mit der Idee kam, dass ich ein Jahr im Ausland verbringen wollte, hätte ich gleich wissen können, dass das nie etwas wird. »Wer soll das bitte finanzieren?«, fragte er mich streng.
»Äh …«
Er sah mich mit spöttischem Grinsen an. »Ich, meinst du?«
Ich nickte vorsichtig.
Da explodierte er. »Glaubst du, mein Geld kommt einfach so von nichts?«
Er zeigte mit ausgestrecktem Arm in alle Richtungen. »Was glaubst du, woher das kommt? Das ist harte Arbeit. Lern du erst mal für dein Geld zu arbeiten, dann kannst du fahren, wohin du willst.«
Ich wusste, dass so ein Auslandsjahr Geld kostete, ich war ja nicht blöd. Aber so, wie ich es verstand, hatten wir Geld. Besser gesagt, hatte Mart Geld. Er gab es auch für mich aus. Bloß nicht unbedingt für das, was ich wollte.
Schon in der Volksschule wäre ich lieber mit den andern Kindern in den Hort gegangen, als von meinem jeweiligen Au-pair von der Schule abgeholt zu werden. Klar, nett waren die alle. Aber sie waren nur ein schlechter Ersatz für Freunde, die sich zum Fangenspielen trafen, gemeinsam an fremden Türglocken klingelten oder sich Süßigkeiten aus dem Automaten zogen.
Beneidet hatte ich sie immer, die Hortkinder mit ihren zerrissenen Ärmeln und dreckigen Hosen. Ich dagegen war schrecklich wohlerzogen. Der kleine blasse Junge mit der Geige und dem britischen Akzent, wenn er McDonald’s sagte oder Slackline oder Shopping Center. Zum Kotzen. So wohlerzogen, dass ich gar nicht in den Spiegel schauen wollte.
Die Hortkinder hatten in Wahrheit gar keine zerrissenen Ärmel oder dreckigen Hosen. Eigentlich sahen sie genauso aus wie ich und wahrscheinlich erlebten sie gar nicht jeden Nachmittag die aufregendsten Abenteuer. Wahrscheinlich saßen sie genauso wie ich vor dem Computer und spielten Moorhuhn. Trotzdem beneidete ich sie. Sie hatten einander. Ich hatte einen schönen britischen Akzent, an den ich mich abends beim Einschlafen kuscheln konnte.
»Außerdem machen die nicht den gleichen Stoff wie bei uns«, war das nächste Argument. »Du wirst das Jahr wiederholen müssen. Das kommt nicht in Frage.«
»Wenn ich mich anstrenge, kann ich den Stoff ja nachlernen.«
Mart lachte spöttisch auf. »Sicher. Wahrscheinlich wirst du sogar gleich ein Jahr überspringen.«
»Du sagst doch selbst immer, dass ich intelligent bin«, wandte ich ein. »Dann kann ich das doch schaffen.«
»Daran zweifle ich auch nicht. Aber ich zweifle daran, dass du deine Faulheit überwindest und es auch tatsächlich tust.« Seine Stimme wurde freundlicher. »Jakob, ich verstehe, dass das im Moment interessant klingt. Aber in deinem Alter hat man nur den Augenblick im Kopf, nicht das große Ganze. Ich war auch einmal jung, ich weiß, wovon ich rede. Wäre damals mein Vater nicht gewesen, der mir meine Flausen ordentlich ausgetrieben hatte, dann würde ich nicht dort stehen, wo ich jetzt bin. Und ihr auch nicht.«
Ich war verdammt froh, dass Marts Vater gestorben war, bevor wir ihn kennenlernen konnten. So wie ihn Mart beschrieb, war er wohl kein angenehmer Zeitgenosse.
»Auslandserfahrung, das ist doch, auf was es ankommt«, versuchte ich, Mart doch noch zu überzeugen.
Mart blieb hart. »Die kriegst du noch früh genug. In jedem Studium gibt es Austauschprogramme. Dann kannst du hingehen, wohin du willst.«
»Aber ich will jetzt weg«, rief ich verzweifelt, obwohl ich wusste, dass das bei Mart am wenigsten zog. »Verstehst du? Jetzt! Nicht irgendwann später, wenn ich studiere.«
Dass ich gar keine Lust hatte, auf die Uni zu gehen, brauchte ich ihm ja nicht zu erzählen.
Mart schüttelte nur den Kopf.
»Und Fremdsprachen …« Diesmal wollte ich nicht lockerlassen.
Mart verzog die Mundwinkel. »Mit deinem Englisch stellst du sowieso alle Kollegen in den Schatten.«
Er wusste, dass ich wusste, dass er recht hatte. Nachdem wir bei Mart eingezogen waren, um Ärztegattin und Stiefsohn zu spielen, war das erste, was er tat, seine alte Sprechstundenhilfe rauszuschmeißen und stattdessen meine Mutter einzustellen. Das zweite war, ein Au-pair zu uns zu holen, das sich um mich kümmern sollte. Jedes Jahr eine andere. An die erste kann ich mich nicht erinnern, sie hieß angeblich Natalia und kam aus Weißrussland. Meine Mutter sagt, ich war verrückt nach ihr. Wird schon so gewesen sein.
Nach Natalia aber hat Mart beschlossen, dass es Zeit war, etwas für meine Bildung zu tun. Weißrussisch erschien ihm nicht so wichtig, also kam Lindsay und sprach Englisch mit mir. Danach gaben sich Donna-Marie, Joy und Kendra die Klinke in die Hand. Nett waren sie alle und zu sagen hatten sie alle nichts. Ich wollte immer, dass die blieb, die gerade da war. Aber alle wollten sie nach einem Jahr wieder weg. Konnte ich auch gut verstehen.
Kendra war sogar mehr als nett. Sie hat dazu beigetragen, dass mein Akzent zu einem schottischen wurde. Danach habe ich mich erfolgreich dagegen gewehrt, ein neues Au-pair zu bekommen. Ich war alt genug, um alleine auf mich aufzupassen. Kendra war die Coolste von allen. Aber sie hat sich nie wieder bei mir gemeldet.
»Es gibt auch Plätze in China«, schwindelte ich, ohne zu wissen, warum. »Stell dir meine Chancen vor, wenn ich Chinesisch könnte. Aufstrebende Wirtschaftsmacht und so.«
»Es gibt auch chinesische Au-pairs«, sagte er trocken. »Willst du eins?« Er tat so, als ob er überlegte. »Ich glaube, du bist schon ein bisschen zu alt für so was. Aber ich kann gleich mal im Konfuzius-Institut anrufen, die machen sicher auch Jugendkurse.«
Scheiße, nicht dass ich ihn jetzt auf eine Idee gebracht hatte.
Er legte mir die Hand auf die Schulter und seine Stimme wurde wieder weich. »Ach Jakob, ich weiß, in deinem Alter sind Freunde sehr wichtig. Aber du musst doch wirklich nicht immer alles machen, was die anderen tun.«
»Das hat damit doch gar nichts zu tun«, presste ich zwischen den Zähnen hervor. Ja, Henrik aus der Klasse über uns hatte mich und Lukas damals auf die Idee gebracht. Aber Henrik war wirklich nicht das, was man als Freund bezeichnen würde.
Doch es war sinnlos. Ich hätte genauso gut gegen eine Wand sprechen können. Nein, eine Wand konnte mich niemals so wütend machen wie Mart. Ich hasste es, wenn er so tat, als wäre ich ein kleiner, verwirrter Teenager.
Ich wollte einfach weg. Sonst nichts.
»Mach dir nichts draus, ich bin auch nicht gefahren«, versucht Lukas, mich zu trösten.
»Das ist nicht dasselbe. Du wolltest gar nicht richtig.«
»Wollte ich schon«, beharrt Lukas. Aber er weiß, dass ich recht habe. Er wollte nur ›irgendwie‹ weg. Seit seine ältere Schwester ausgezogen ist, hat er doppelt so viel Platz zuhause und findet es gut dort. Ich dagegen wollte wirklich weg. Wirklich wie in wirklich wirklich. Was, wenn ich wirklich zu meinem Vater fahre?
Ich lache bitter auf. Haha, witzig. Nächster Vorschlag.
Warum aber eigentlich nicht? Zurück zu Mart und meiner Mutter gehe ich sicher nicht mehr.
Schließlich hat er mich gezeugt. Das verpflichtet doch zu etwas, oder nicht?
Sternwartestraße
Mein Vater wohnt in der Stadt. Ich weiß seine Adresse auswendig, weil die auf den Weihnachtspaketen steht, wovon jedes Jahr eines kommt. Besuchen war ich ihn auch mal. Vor zehn Jahren. Als er noch keine neue Familie hatte.
Vater ist eigentlich keine passende Bezeichnung für den letzten Menschen, den interessiert, was ich mache.
Wenn ich das Wort mehrmals hintereinander ausspreche, ergibt es überhaupt keinen Sinn mehr. Vatervatervater. Könnte Vase heißen oder Vatikan oder überhaupt nichts.
Aber das geht einem wohl bei allen Wörtern so.
Wieso fahre ich also ausgerechnet zu ihm?
Es gibt Menschen, die würden jetzt etwas von Schicksal faseln und davon, dass es unergründliche Kräfte gibt, die uns dorthin lenken, wo jemand auf uns wartet.
Mein Vater hat bestimmt nicht auf mich gewartet. Er hat mir die Tür nicht deshalb geöffnet, weil er sie öffnen wollte. Er hat mich reingelassen, weil er nicht wusste, was sonst tun.
Was macht man auch, wenn der eigene Sohn plötzlich an der Haustür klingelt?
Als ich außer Atem im dritten Stock ankomme, steht er in der Tür. »Jakob! Was führt dich hierher?«
»Hallo«, murmle ich.
Er macht keine Anstalten, mich hereinzubitten. »Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Hast du Besuch oder so? Störe ich?«
»Ah … nein.« Er macht einen Schritt zurück und ich trete ins Vorzimmer. Der Parkettboden knarrt. Es ist ruhig in der Wohnung, Gudrun und die Kinder sind anscheinend nicht da. Wir stehen uns schweigend gegenüber. Eigentlich wäre ich dran mit Erklären, aber mir fällt nichts ein. Seine Haare sind etwas länger und er hat eine neue Brille. Vielleicht aber auch nicht.
»Kann ich heute bei dir schlafen?«
Wahrscheinlich wäre es geschickter gewesen, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Aber bis vor zehn Minuten habe ich selber noch keine Ahnung gehabt, was ich hier wollte.
»Hast du den Bus verpasst?« Er sieht auf die Uhr. »Du hast den Bus verpasst.«
Ich nicke. So kann man es auch sehen.
Mein Vater runzelt die Stirn und seufzt. Ich kann die Gedanken hinter seiner Stirn lesen. ›Da ist ein Fremder in deiner Wohnung‹, denkt es da. ›Du möchtest ihn am liebsten rausschmeißen. Aber er ist dein Sohn. Söhne schmeißt man nicht raus.‹
Er sieht noch einmal auf die Uhr und überlegt. »Wenn wir schnell sind, könnte ich dich vielleicht noch nachhause fahren.«
»Das wäre toll«, lüge ich, »aber es würde nichts bringen. Ich hab nämlich meinen Schlüssel verloren. Und Mum und Mart kommen erst morgen früh wieder.«
Mein Vater seufzt noch mal. »Pass ein bisschen besser auf deine Sachen auf.«
»Ich glaub, den hat mir wer geklaut«, sage ich schnell. »Als ich aus der U-Bahn ausgestiegen bin, war meine Tasche offen.«
»Aber sonst ist noch alles da?«, fragt mein Vater besorgt.
Ich stelle meine Umhängetasche auf den Boden. »Ich glaube schon.« Es kommt mir blöd vor, einfach so herumzustehen, also beginne ich, in der Tasche herumzukramen. »Ja, alles da«, sage ich. »Nur der Schlüssel fehlt. Vielleicht ist er mir doch herausgefallen.«
»Ich glaube nicht, dass das für deine Mutter in Ordnung ist, wenn du hier schläfst.«
Es gibt wohl nichts, womit er mehr recht hat. Dass ich irgendwann mal meinem Vater verzeihe, muss sich für sie wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen. Aber sie hat mich schließlich auch nicht gefragt, wie es sich angefühlt hat, stattdessen Mart vorgesetzt zu bekommen. Und mit Verzeihen hat das hier nichts zu tun. Ich finde, wenn er mich als Kind auf die Straße gesetzt hat, hat er die Verpflichtung, das wieder gutzumachen, indem er mich jetzt bei sich schlafen lässt. Nicht, dass ich mich an damals wirklich erinnern kann.
»Muss sie ja nicht wissen«, werfe ich also ein. »Aber wenn es so ein großes Problem ist … ich find schon was.« Ich hänge mir meine Tasche wieder über die Schulter und mache einen Schritt Richtung Tür. Aber mein Vater ist schneller. Er legt die Hand auf die Türklinke, noch bevor ich danach greifen kann.
»Jakob, das hast du völlig falsch verstanden«, sagt er schnell. »Du bist immer willkommen hier, das weißt du.«
Ich ziehe mir meine Jacke aus und sehe ihn fragend an. Er nickt und deutet auf den Garderobenständer. »Willst du was trinken?«
»M-hm.«
»Mineralwasser, Apfelsaft, Bier … äh, nein kein Bier für dich, also Mineralwasser oder Apfelsaft?«
»Egal.« Ich setze mich an den Küchentisch. Er stellt ein Glas Saft vor mich hin und setzt sich mir mit einer Flasche Bier gegenüber.
»Gudrun ist nicht da?«, frage ich.
»Die ist mit den Kleinen zu ihrer Mutter gefahren. Kommt erst am Sonntag wieder.«
»Ah.«
Er nimmt einen Schluck Bier.
»Ich hab mir das Rauchen abgewöhnt«, sagt er.
Ich nicke und verziehe die Mundwinkel nach oben. »Toll.«
Er deutet auf den Kugelschreiber, den er in der Hand hin und her dreht. »Deshalb muss ich ständig damit herumspielen.«
»Oh.«
Wir sind nicht dafür geschaffen, miteinander zu kommunizieren. Einige Minuten lang sagen wir gar nichts und halten uns an unseren Getränken fest. Ich wundere mich, dass ich so gar keine Gefühle für ihn habe. Weder bin ich sauer auf ihn noch wütend oder traurig. Es ist, als wäre das alles ausgeschaltet, wenn es um meinen Vater geht. Ich habe auch kein sonderliches Bedürfnis, ihn besser kennenzulernen. Ich will nur ein Dach über dem Kopf und im Moment fällt mir nur er ein.
Plötzlich steht er auf. »Du, ich muss jetzt weg, ich bin mit Freunden verabredet. Du kommst allein zurecht, oder?«
»Ja, klar.« Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich das gerade ausgedacht hat, weil ihm die Situation unangenehm ist. Aber es ist mir egal. Ich bin auch nicht gerade heiß auf eine Unterhaltung mit ihm. Er holt Bettzeug aus dem Schrank und wirft es auf das Sofa. »Du kennst die Wohnung.« Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Ich nicke, obwohl ich mich nicht mehr richtig erinnern kann. »Danke.«
Er lächelt gequält. »Mein Haus ist dein Haus.«
Dann ist er weg.
Ich bin froh darüber, alleine zu sein. Stelle mein leeres Saftglas in die Spüle und hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Dann wandere ich durch die Zimmer und streiche über die Einrichtungsgegenstände. Alles hier sieht teuer aus. Teuer, aber geschmackvoll. Die Küchenzeile mit den Steinplatten. Der dunkle Esstisch mit den verschnörkelten Beinen. Das Ledersofa im marokkanischen Eck, in dem alles aus Marokko ist oder zumindest so aussieht. Die Bilder an der Wand. Das ökologisch korrekte Holzspielzeug für die Kleinen.
Was zum Teufel mache ich hier? Es wäre so leicht, einfach zu Lukas zu gehen oder noch ein paar Runden zu laufen, bis ich mich wieder beruhigt habe.
Aber etwas ist anders.
Ich gehe nicht mehr zurück.
Dabei war der Streit diesmal gar nicht so besonders schlimm. Nicht schlimmer als sonst. Es gibt Menschen, die würden sagen, es war der Vollmond. Oder der Schütze, der gerade das Haus des Wassermannes durchquert hat. Man könnte auch dem Klimawandel die Schuld geben. Oder Feinstaub, Gluten und Laktose.
Als ich am nächsten Tag aufwache, steht mein Vater mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Fenster. Sobald er hört, dass ich mich bewege, dreht er sich zu mir um.
»Guten Morgen.«
»Morgn«, nuschle ich.
»Hätte ich dich aufwecken sollen?«, fragt er unsicher. »Ich wusste nicht, ob du samstags Schule hast.«
Ich schüttle den Kopf und reibe mir die Augen.
»Gut geschlafen?«
»Mhm.«
»Soll ich dir einen Kaffee machen? Oder Tee? Oder …«, er zögert, »Kakao?«
»Danke, geht schon«, murmle ich.
Ich will nicht aufstehen, denn sobald ich aufstehe, muss ich irgendetwas tun. Aber was, weiß ich nicht. Meinem Vater geht es vermutlich genauso.
»Vielleicht doch Kaffee?«, sage ich also.
Mein Vater nickt, sichtlich erleichtert, und macht sich an der Espressomaschine zu schaffen.
Weil er so ungewöhnlich freundlich ist, nehme ich all meinen Mut zusammen. Mein Herz klopft so stark, dass mir fast die Luft wegbleibt.
»Sag mal, könnte ich vielleicht eine Zeit lang bei dir wohnen?«, stoße ich schnell heraus.
Mein Vater sieht erschrocken aus. »Hier, meinst du? Bei uns?«
Ich nicke vorsichtig.
»Äh …«
»Es geht zuhause nicht mehr«, bringe ich gerade noch heraus. »Ich kann nicht mehr.«
»Du kannst nicht mehr«, wiederholt er abwesend. »Und du denkst, bei uns kannst du?«
Ich zucke die Achseln. »Du willst mich nicht.«
Er lächelt verkrampft. »Jakob, das hat nichts mit Wollen zu tun. Natürlich kannst du hier ein paar Tage übernachten. Mein Haus ist dein Haus.«
Ich verziehe mein Gesicht zu einem Grinsen, das wahrscheinlich ebenso gequält wirkt wie seines.
»Aber am Montag kommt Gudrun zurück und was glaubst du, was dann hier los ist, wenn die Kleinen hier herumturnen?«
Ich presse die Lippen aufeinander. Die Kleinen. Meine Geschwister. Irgendwie.
»Schau mal, bis morgen Abend kannst du hierbleiben. Dann hat sich sicher zuhause alles wieder beruhigt.« Er lächelt bemüht. »Ich weiß, es ist nicht leicht als Teenager. Aber das ist es woanders auch nicht. Glaub mir.«
Er steht auf und stellt seine Tasse in die Abwasch. »Ich muss in die Arbeit.«
»Am Samstag?«
»Man kann sich’s leider nicht aussuchen.« Er legt einen Schlüssel vor mich auf den Esstisch.
»Den kannst du bis morgen haben. Und nimm dir einfach aus dem Kühlschrank, was du willst. Weiß nicht, ob was für dich drin ist, aber wenn ja, bedien dich.«
Mein Haus ist dein Haus. Ein paar Tage lang.
Der Inhalt des Kühlschranks passt zum Interieur der Wohnung. Bewusste Ernährung. Teuer, aber mit echtem Wert. Kaum Produkte aus dem Supermarkt, Antipasti vom Italiener, Kürbiskernöl vom Bauern, Fair-Trade-Orangendirektsaft statt Konzentrat.
Ich kann verstehen, warum sie mich nicht wollen.
Dann eben nicht. Ich dränge mich sicher nicht auf.
Eine halbe Stunde nach meinem Vater verlasse ich die Wohnung, schmeiße die Tür hinter mir zu und den Schlüssel in den Briefkasten. Auf dem Esstisch habe ich einen Zettel hinterlassen:
Dich brauch ich eh nicht.
Nicht, dass ich wieder nachhause will. Aber wohin sonst, weiß ich auch nicht.
Mart und meine Mutter wohnen in einem Vorort außerhalb der Stadt. Inmitten von Einfamilienhäusern mit kleinen und mittleren Gärten. Die Straßen haben Namen wie Fliedergasse oder Rosenweg und jede halbe Stunde geht ein Bus in die Stadt. Am Wochenende nur einmal die Stunde.
Als ich um die Ecke zur Busstation biege, sehe ich gerade noch die Bremslichter, dann biegt der Bus um die Ecke. Muss ich also eine Stunde warten. Als wüsste die Buslinie, dass ich da eigentlich gar nicht hinwill.
Schützenweg
»Na, reumütig zurück?«, fragt Mart laut.
Ohne zu antworten, ziehe ich meine Schuhe aus und hänge die Jacke an den Garderobenhaken.
Meine Mutter kommt ins Vorzimmer.
»Schau mal, der Herr Sohn«, sagt Mart mit näselnder Stimme zu ihr. Dann wendet er sich wieder mir zu. »Ist es beim Herrn Vater doch nicht so toll gelaufen? Hat sich der Herr Sohn da ein bisschen verkalkuliert?«
Ich werfe ihm einen bösen Blick zu.
»Sprechen verlernt?«, spottet Mart. »Ich sage jetzt nicht, dass ich das gleich gewusst habe.«
»Hast du aber falsch gewusst«, fahre ich ihn an.
Mart grinst. »Ach, wo ist denn die dicke Geldtasche?«
Niemand kann mich so aufregen wie Mart, wenn er von Geld anfängt. Außer meine Mutter, wenn sie danebensteht und nichts sagt. Nichts. Gar nichts.
»Es gibt auch noch anderes im Leben als dicke Geldtaschen«, sage ich wütend.
»Mag sein«, meint Mart. »Aber wenn man von zuhause wegwill, sind sie manchmal unerlässlich.«
»Glaubst du.«
»Das glaube ich nicht, das weiß ich«, sagt Mart selbstzufrieden. »Und du bist auch gerade auf dem Weg, es herauszufinden.«
Ich ignoriere ihn und gehe die Stufen zu meinem Zimmer hinauf. »Hat er dich überhaupt noch erkannt?«, ruft er mir nach. »Wahrscheinlich weiß er gar nicht mal mehr, dass er einen Sohn hat.«
Statt einer Antwort knalle ich die Tür meines Zimmers hinter mir zu.
Gedämpft höre ich, wie meine Mutter etwas zu Mart sagt und er antwortet. Das einzige Wort, das ich verstehe, ist ›Scheißkerl‹. Ich bin mir nicht sicher, ob er damit mich meint oder meinen Vater.
Macht aber auch keinen Unterschied.
Mein Zimmer ist wie immer. Meine Mutter hat mir die saubere Wäsche aufs Bett gelegt. Der Computer läuft auf Standby. Der Baum vor dem Fenster verliert seine Blätter.
Was zum Teufel hab ich mir dabei gedacht, wieder zurückzukommen? Hab ich wirklich gedacht, dass es sich anders anfühlt, bloß weil ich eine Nacht weg war?
Wie in Trance hole ich meinen Tramperrucksack aus dem Schrank. Ziehe die Schubladen heraus. Beginne, wahllos Zeug einzupacken. Stopfe die Wäsche vom Bett hinein und schiebe meine Schulsachen irgendwo dazwischen. Hefte, Bücher, Geodreieck, Unterhosen, T-Shirts. Zum Glück hat mein Rucksack genug Seitentaschen. Die Umhängetasche, die mir Lukas mal geschenkt hat, kommt auch mit. Wer weiß, was ich alles brauche. Aus dem Badezimmer hole ich meine Zahnbürste.
Ich versuche, im Kopf durchzugehen, was ich noch benötige, kann mich aber nicht konzentrieren. Vielleicht habe ich das Wichtigste vergessen, bestimmt sogar. Wahrscheinlich muss ich noch mal zurück. Egal. Erst einmal gehe ich. Aber richtig.
Als ich voll bepackt die Stiegen hinuntersteige, sind meine Mutter und Mart nicht mehr im Vorzimmer. Ich bemühe mich, viel Lärm zu machen, huste, schlage mit dem Rucksack gegen das Geländer. Sie sollen sehen, wie ich gehe. Diese Genugtuung will ich haben.
Mein Gepolter holt meine Mutter tatsächlich wieder ins Vorzimmer. Sie sieht mich erschrocken an, sagt aber kein Wort. Damit hat sie nicht gerechnet.
»Ich hab nur meine Sachen geholt«, sage ich und versuche, ruhig zu bleiben. »Kann sein, dass ich noch mal zurückkomme, wenn ich was vergessen habe.«
Meine Mutter starrt mich an. ›Sprechen verlernt?‹, denke ich.
»Wo willst du hin?«, flüstert sie schließlich.
Betont langsam binde ich mir die Schuhe zu. »Ich hab euch doch gesagt, dass ich zu meinem Vater ziehe.«
Dort kann ich gar nicht mehr hin. Aber die Worte sind raus, bevor ich überlegen kann. Und es tut gut, sie meiner Mutter an den Kopf zu werfen.
Meine Mutter atmet hörbar ein. Man sieht ihr an, dass sie damit nicht gerechnet hat.
Ich schlüpfe in meine Jacke. »Wenn ihr mir das nicht glaubt, kann ich wirklich nichts dafür.«
Sie schüttelt den Kopf. »Jakob, bitte«, sagt sie.
»Bitte was?«, frage ich unfreundlich.
»Bleib doch da«, sagt sie hilflos.
Mart taucht hinter ihr auf. »Lass ihn«, sagt er süffisant. »Lass den jungen Herrn doch seine eigenen Erfahrungen machen.«
Meine Mutter sieht mich flehend an. Ich drehe den beiden den Rücken zu.
Als ich aus dem Haus trete, schwanke ich. Der Rucksack ist nicht besonders gut gepackt, das gesamte Gewicht hängt auf einer Seite. Egal. Ich bin draußen.
Der Kies knirscht unter meinen Füßen, als ich zum Gartentor gehe. Das Scharnier quietscht, als ich das Tor öffne und schließe. Ich spüre, dass meine Mutter noch immer in der Tür steht und mir nachsieht. Diesen Augenblick habe ich in meiner Fantasie schon oft durchgespielt. Ich gehe und sie muss mir dabei zuschauen.
Ohne mich umzudrehen, gehe ich die Straße hinunter.
Scheiße. Mein Vater ist der Letzte, zu dem ich jetzt will. Schnell gehe ich im Kopf Alternativen durch, aber so viele sind da nicht. Ich könnte versuchen, zumindest heute Nacht bei Lukas unterzukommen. Aber der wohnt nur ein paar Straßen weiter. Das ist nicht weit genug weg.
Sternwartestraße
Vor den Augen meiner Mutter das Haus zu verlassen, war eine Sache. Vor den Augen meines Vaters wieder anzutanzen, eine andere.
Ich wünschte, ich hätte einen anderen Ort, wo ich hingehen könnte. Oder dass ich zumindest die verdammte Nachricht nicht hinterlassen und den Schlüssel nicht in den Postkasten geworfen hätte. Jetzt stehe ich so blöd da, wie man es sich nur vorstellen kann. Es ist erniedrigend, noch einmal an derselben Tür zu klingeln.
Macht eh keiner auf. Na toll. Ich stehe in der Kälte und sehe meinem Atem zu, wie er in der Luft Wölkchen bildet. Was nun?
Zu meinem Glück öffnet sich immerhin nach einigen Minuten die Haustür. Ein etwa Zehnjähriger mit Spongebobrucksack verlässt das Haus. Er sieht mich seltsam an, als ich mit all meinem Gepäck das Haus betrete, bevor die Tür wieder zufällt. Aber entweder er traut sich nicht oder es ist ihm egal, denn er sagt nichts, sondern läuft eilig die Straße hinunter.
Im Haus wäre ich also. Missmutig sehe ich den Postkasten an. Da drinnen ist, was ich brauche. Nur ein paar Zentimeter von mir entfernt und doch unerreichbar. Ich leuchte mit dem Lämpchen, das sich an meinem eigenen Schlüsselbund befindet, durch die Öffnung im Blech und spähe hinein.
Das, was da so glänzt, muss der Schlüssel sein.
Ein echter Held hätte jetzt einen Draht dabei und würde den Schlüssel geschickt durch den Schlitz ziehen. Sollte ich vielleicht in meinem Rucksack nachsehen, ob ich einen finde? Blödsinn. Ich führe für gewöhnlich keine Drähte mit mir. Nachdem mir aber nichts anderes einfällt, beginne ich, meine Sachen zu durchsuchen. Wenn jetzt bloß keiner kommt.
Kommt aber jemand. Genau in solchen Momenten kommt immer jemand. Ich höre, wie die Haustür von außen aufgesperrt wird. Fuck. Wie erkläre ich jetzt, warum ich hier inmitten meiner Sachen am Boden sitze?
Das Spongebobkind von vorhin kommt mir entgegen und starrt mich entgeistert an.
»Hallo«, sage ich, bekomme aber keine Antwort. Vorsichtig geht es an mir vorbei, so als könnte ich es jeden Moment anspringen. Vielleicht sollte ich das tun. Dem Kind den Mund zuhalten und es mit vorgehaltener Pistole zwingen, mir seinen Briefkastenschlüssel auszuhändigen. Der dann zufälligerweise auch für meinen Postkasten passt.
Im Film geht das immer so einfach. In der Realität passt natürlich gar nichts und ich springe niemanden an, sondern warte, bis der Kleine an mir vorbei ist, und ich höre, wie er die Stufen hinaufläuft. Jetzt muss mir schnell etwas einfallen. Der petzt bestimmt und ich habe gleich ein besorgtes Elternteil vor mir stehen, das mich fragt, was ich hier mache.
Genervt stopfe ich meine Sachen wieder in meinen Rucksack zurück. Kein Draht weit und breit. Ich sehe noch einmal im Seitenfach nach. Saubere und gebrauchte Taschentücher, Gummiringe, Bleistiftstummel, Taschenmesser, Kaugummis …
Das Taschenmesser! Vielleicht kriege ich damit die Tür zum Postfach auf? Ist schließlich nur aus Blech. Ich bin echt ein Idiot. Wegen meiner großen Klappe muss ich jetzt einen Briefkasten aufbrechen, um in eine Wohnung zu gelangen, die mich nicht haben will.
Vandalismus war noch nie mein Ding, aber jetzt ist es einfach notwendig. Ich schiebe die Klinge in den Spalt der Postkastentür und beginne zu hebeln. Immer wieder unterbreche ich, um zu lauschen, ob jemand kommt. Zum Glück ist das nicht der Fall.
Schließlich steht der untere Teil des Türchens einen halben Zentimeter offen. Mit den Fingern komme ich da nicht rein. Ich ziehe die Pinzette aus dem Taschenmesser und stochere in den Spalt hinein. Mehrmals hole ich sie leer wieder hervor. Doch dann bekommt sie etwas Festes zu fassen. Vorsichtig drehe und ziehe ich so lange, bis ein Schlüsselring zu sehen ist, dem ein Schlüssel folgt.
Geschafft. Ich halte tatsächlich den Schlüssel zur Wohnung meines Vaters in den Händen. Meine Fingernägel sind eingerissen und mein Taschenmesser ist im Arsch. Ich fahre mit dem Finger die Klinge entlang, die nun mehrere Einbuchtungen hat. Egal. Ich habe den Schlüssel, das ist es, was zählt.
Als ich die Stiegen hinaufgehe, kommt mir ein älterer Herr entgegen. »Haben Sie diesen Lärm gehört?«, frage ich ihn. »Irgendwo waren da ganz komische Geräusche.«
Der Mann hält sich eine Hand wie einen Trichter ans Ohr. »Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden. Wenn Sie bitte wiederholen möchten …«
Ich lächle ihn an und schüttle den Kopf. »Nicht so wichtig«, schreie ich.
»Ach so.« Der Mann lächelt zurück. »Schönen Tag noch.«
Ich grüße zurück und mache, dass ich weiterkomme. Der Schlüssel sperrt genauso wie heute früh. Die Wohnung sieht auch noch so aus, wie ich sie verlassen habe. Auf dem Tisch liegt meine Nachricht. Erleichtert zerreiße ich den Zettel in kleine Schnipsel.
Noch zwei Tage, bis Gudrun kommt. Vorher muss ich hier weg. Also noch eine Nacht ein Dach über dem Kopf. Das ist nicht viel, aber es ist besser als nichts. Bis morgen muss mir schleunigst etwas einfallen.
Nachdem ich mir etwas zu Essen gemacht habe, setze ich mich aufs Sofa und suche das WLAN-Netzwerk. Der Code steht auf einem Zettel an der Pinnwand.
Ich weiß nicht genau, wonach ich suchen will, also tippe ich einfach wahllos Sätze in die Suchmaschine.
wo soll ich hin
Ein paar dramatische Youtube-Videos.
Wo soll ich hin / wenn ich nicht mehr bin / hat das alles einen Sinn / wo soll ich hin / wenn ich tot bin
Ich gehe weiter zum nächsten Eintrag.
Wo soll ich hin, während in mir Berge stürzen.
Rilke. Der hilft mir auch nicht weiter.
Das nächste.
Wo soll ich fliehen hin, weil ich beschweret bin mit vielen großen Sünden?
Ach, lasst mich doch in Ruhe.
Ich gehe die weiteren Suchergebnisse durch, die Google mir auflistet. Eines spannender als das andere. Ich schaue gar nicht genau hin.
Mein Haus ist dein Haus. Ha! Loswerden willst du mich. Ich störe hier doch nur.
Die Buchstaben von Google werden heute von bunten Tieren in die Luft gehoben. Google ist immer fröhlich.
mein haus ist dein haus du arsch, gebe ich ein.
mein haus ist dein haus.
Wieder überfliege ich die Suchergebnisse. Lauter sinnloses Zeug.
Doch an einem bleibe ich hängen.
IYH – It’s Your Home – find places to stay all around the world
Places to stay. Bingo. Das ist, wonach ich suche.
Do you love meeting people from other cultures? Do you love travelling? Do you love helping other people? Then this is the place for you to be!
Andere Kulturen sind mir im Moment ziemlich egal, trotzdem lese ich weiter.
Places to stay, denke ich.
Das sagen unsere Mitglieder, steht da. Jemand namens Cricket aus Taiwan schreibt:
IYH is an amazing network. It’s a place where people don’t just offer you a place to stay but also open their hearts.
Und dann:
1. Schritt: Account zulegen
2. Schritt: Profil vervollständigen
3. Schritt: Foto hochladen
4. Schritt: andere Mitglieder kontaktieren
Der Account geht schnell und unkompliziert. Aber: Wer bin ich? Ich kann schlecht als Jakob in meiner eigenen Stadt Urlaub machen. Die würden mich doch fragen, ob ich spinne.
Wer könnte ich also sein? Und woher?
Eine Stunde später habe ich ein vollständiges Profil von mir. Nickname: Jay. Jay wie J. J. Wie Jake oder John oder Jeremy. Jeremy ist gut. Mit Jeremy kann ich mich anfreunden. Jeremy also. Aus Glasgow. Über Google Maps kann ich mir sogar ein Haus aussuchen. Liberton Street, gleich neben der Carntyne Primary School. Hübsches Haus, hübscher Garten. Unser Nachbar mäht sicher gerade den Rasen.
Erste Frage: Warum ist Jeremy in Wien?
Urlaub, was sonst. Aber nicht so mit Hotel und Sightseeing und nach zwei Wochen wieder heim. Nein, Jeremy hat Größeres vor. Ist gerade mit der Schule fertig, hat ein bisschen gejobbt und will jetzt erst mal rumreisen. Hat in Hamburg Halt gemacht und danach in München. Jetzt sind ein paar Tage Wien dran und dann will er weiter in den Süden. Balkan und so. Balkan klingt immer gut. Klingt nach Sehnsucht und Schnaps und Soundtrack von Shantel.
Ich merke, wie sich meine Laune hebt. Es macht Spaß, mir jemanden wie Jeremy auszudenken. Einen, der nicht bloß ein zweidimensionaler Avatar bleibt, sondern real in 3D hier vom Sessel aufstehen und in die Welt hinausgehen wird. Mit meiner rechten Hand ergreife ich meine linke und schüttle sie. »Hallo Jeremy«, sage ich.
Zweite Frage: Warum spricht er deutsch?
In Glasgow gibt’s sicher eine deutsche Schule. Wenn ich ab und zu englische Wörter einwerfe, nimmt man mir das schon ab. Ist nur die Frage, ob mein Englisch gut genug ist, falls es mal drauf ankommt. Den Akzent krieg ich hin.
Vielleicht bin ich übergeschnappt. Aber ich glaube, es könnte funktionieren.
Ich fühle mich aufgeregt wie ein kleines Kind vor Weihnachten. Ich bin nicht mehr Jakob, der nicht mehr weiterweiß. Ich bin Jeremy. Jeremy der schottische Tourist, der ganz genau weiß, was er will. Jeremy macht das. Der lässt sich nicht unterkriegen.
blueballoon, 28, Programmierer, Motto: to enjoy every day
Klingt doch gut. Ich drücke auf Nachricht an blueballoon senden.
Hey blueballoon, ich bin Jeremy aus Glasgow und gerade auf meiner ersten Reise nach Wien. Ich bin erst vor kurzem auf IYH gestoßen und habe deshalb leider noch keine Bewertungen oder Freunde. Wenn ich trotzdem eine Nacht (oder ein paar Nächte) in deinem Haus verbringen könnte, wäre das toll! Ich komme morgen Nachmittag an.
Vielen Dank, Jeremy
Ist das okay so? Nicht zu förmlich? Ich habe keine Ahnung, wie man solche Anfragen schreibt. Soll ich das so abschicken? Wenn es schiefgeht, habe ich zumindest noch einen Tag Zeit, mir was anderes zu überlegen. Andere Leute anzuschreiben. Mal sehen, wie blueballoon auf mein Mail reagiert. Schließlich gibt sein Profil an, dass er Anfragen zu 100% beantwortet und sicher einen Schlafplatz hat. Also ja, abschicken.
Tatsächlich, zwei Stunden später habe ich eine Nachricht von blueballoon in meinem Posteingang.
hallo jeremy, ich hab grad IYH-gäste, ich muss sie noch fragen, wie lange sie bleiben wollen. wenn sie morgen schon fahren, kannst du gerne kommen! melde mich, sobald ich etwas weiß. andi
blueballoon heißt also Andi.
Den Rest des Tages lümmle ich in der Wohnung herum. Mein Vater arbeitet offensichtlich lange, wenn er denn tatsächlich arbeitet und nicht einfach vor mir geflüchtet ist. Alle zehn Minuten checke ich meine Inbox. Und siehe da, am Abend ist die nächste Nachricht da. Von blueballoon-Andi.
you are very welcome!, steht da. wann wirst du ankommen? soll ich dich vom flughafen oder bahnhof abholen?
Ich bin perplex. Der Typ will gar nicht wissen, wie lange ich vorhabe zu bleiben. Mein eigener Vater will mich so schnell wie möglich loswerden – dieser Typ kennt mich nicht mal und würde mich sogar abholen!?! Und ich muss nichts zahlen, um in seiner Wohnung zu wohnen!
Aber dann wird mir mulmig. Das ist doch nicht normal, wildfremde Leute einfach vom Flughafen abzuholen. Hat der nichts Besseres zu tun?
Vielleicht ist Andi gar kein Programmierer, sondern ein Massenmörder? Vielleicht lockt er unschuldige Menschen in seine Wohnung, um dort grausame Spielchen mit ihnen zu treiben? Vielleicht stapeln sich in seinem Keller die Leichen gutgläubiger Touristen?
Ich gehe noch mal auf blueballoons Profil zurück. 137 Freunde. Mitglied seit 2006. Eine nicht enden wollende Reihe an Bewertungen auf Deutsch und Englisch.
andi ist ein wunderbarer mensch … er hat uns vom bahnhof abgeholt … man muss ihn einfach mögen … er weiß wirklich, worum es bei IYH geht … der tag mit andi war der beste meiner ganzen reise …
Okay, wenn die das alle sagen, muss er einigermaßen in Ordnung sein. Ich habe wohl zu viele Gruselfilme gesehen. Wahrscheinlich ist er ein harmloser Typ ohne Freunde, der IYH dazu nutzt, sein Sozialleben aufzupeppen. Außerdem will ich nur dort schlafen. Ich will keine Stadtführung oder sonst ein Drumherum. Ich will eine Matratze, eine Dusche und ein Dach. Das scheint er zu haben.
Aber was soll ich antworten? Wo soll er mich abholen? Schließlich komme ich nirgendwo an, sondern bin bereits hier, und das seit 17 Jahren.
Doch so darf ich gar nicht denken. In IYH gibt es keinen Jakob. Jeremy wird am Sonntag ankommen und alles wird neu sein.
Hey Andi, danke, das ist super! Ich bin gerade in München und habe eine Mitfahrgelegenheit mit dem Auto nach Wien – da kann ich bis zu dir fahren (oder zumindest in deine Nähe). Wann wir genau ankommen, weiß ich nicht, vermutlich irgendwann am Nachmittag. Kann ich mich einfach melden, wenn wir eine Stunde vor Wien sind?
Bis morgen, Jeremy
Wieder frage ich mich, ob das okay ist so. Ich will nicht unhöflich sein, andererseits will ich auch nicht zu förmlich schreiben. Das könnte steif und spießig wirken und ich bin jetzt ein cooler Traveller. Aber zu flapsig geht auch nicht, schließlich kenne ich den Typen nicht und ich will unbedingt in seine Wohnung.
Doch blueballoon scheint meine Art zu schreiben ganz normal zu finden, denn kurz darauf habe ich die nächste Nachricht.
passt, kein problem. ich wohne in der tannengasse, das ist gleich beim westbahnhof. lass dich einfach dort in der nähe absetzen, ich hol dich dann ab. bis morgen!
Der schreibt mir seine Adresse! Ohne mich zu kennen! Was, wenn ich der Massenmörder bin?
Ich suche mir den Weg zur Tannengasse heraus. Von der Wohnung meines Vaters brauche ich vielleicht eine halbe Stunde dorthin. Ich werde Andi am Sonntag um vier schreiben und mich um fünf beim Westbahnhof abholen lassen.
Mein Vater kommt erst spät abends zurück. Nicht, dass ich da schon schlafe, aber als ich den Schlüssel in der Tür höre, tue ich so. Ich will ihm die Verlegenheit ersparen, mit mir reden zu müssen und es doch nicht zu können. Am nächsten Morgen halte ich die Augen geschlossen, bis er aus dem Haus ist. Wohin auch immer.
Zu Mittag beginne ich, meine Sachen zu packen. Noch habe ich genug frische Wäsche, außerdem gibt es Waschsalons. Vielleicht kann ich auch Andi blueballoons Waschmaschine benutzen. Ich verstaue meine Dinge so gut es geht in meinem Tramperrucksack. Meine Schulsachen verstecke ich im Rückenfach. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass jemand meine Sachen durchsucht, aber trotzdem. Jeremy sollte lieber nicht mit Schulsachen gesehen werden. Jeremy ist schon fertig mit der Schule. Der muss nicht lernen.
Kurz vor vier schreibe ich eine Nachricht:
Ich bin in einer Stunde am Westbahnhof. Wo treffen wir uns?
Nicht viel später kommt eine zurück:
warte bei gleis 8 – bis gleich
Ich reiße einen Zettel aus meinem Notizbuch und lege ihn mit dem Schlüssel auf den Esstisch. Dann bücke ich mich nach einer Plastikente, die auffallend unökologisch aussieht, und stelle sie daneben. Tschüs, schreibe ich diesmal.
Mehr nicht. Gibt auch nicht mehr zu sagen.
Ich drücke die Plastikente, bis sie quietscht. »Tschüs«, sage ich.
Dann gehe ich.
Westbahnhof
Ich bin eine halbe Stunde zu früh am Bahnhof. Kalter Wind weht mir ins Gesicht, als ich über die Plattformen schlendere, aber das macht mir nichts aus.
Andi erkennt mich sofort, was daran liegt, dass außer mir nicht viele junge Männer mit Tramperrucksack auf Gleis 8 herumstehen. »Hey«, sagt er und klopft mir auf die Schulter. »Herzlich willkommen in Wien.«
Ich nicke und grinse. »Hey.«
Andi enjoy-every-day-blueballoon hat ein unheimliches Redebedürfnis. Das ist mir recht, weil ich nicht genau weiß, wie sich Jeremy am unauffälligsten verhalten soll. Wie die Fahrt war, will Andi nur kurz wissen, dann beginnt er bereits, mir die Stadt zu erklären.
»Tickets für die U-Bahn und so kannst du überall kaufen oder per App, am besten du nimmst dir ein … hm, kommt drauf an, wie lange du hierbleibst … wie lang bleibst du?«
Wie lange hat Jeremy vor zu bleiben?
Ich beschließe, mich nicht festzulegen. »Das ist noch nicht sicher«, sage ich. »Ein paar Tage, aber wenn es mir gefällt, vielleicht auch länger. Aber wenn du …«
»Zu mir kommen am Mittwoch neue Leute«, unterbricht mich Andi.
»Bis Mittwoch früh kannst du also auf alle Fälle bleiben.«
»Oh, hey … thanks.« Ich darf nicht auf die englischen Einsprengsel vergessen. Schließlich bin ich Schotte.
»Du bleibst bestimmt länger«, ist Andi überzeugt. »Wirst sehen. Hier gibt es viel zu viel zu sehen, als dass du es in ein paar Tagen unterkriegst. Bei mir war mal ein Typ, der eigentlich nur auf der Durchreise war. Der ist dann sieben Monate geblieben.«
Ich lächle und nicke an den richtigen Stellen und setze einen Schritt vor den anderen. Es fühlt sich gut an. Es ist einfach.
»Wieso sprichst du eigentlich so gut Deutsch?«, will Andi wissen.
Darauf bin ich vorbereitet. »Ich war auf der deutschen Schule.«
»Und dort lernt man das so ohne Akzent?«
Ich nicke. »Ich bin ja schon in die Volksschule dorthin gegangen. Wir hatten fast alle Fächer auf Deutsch.«
Andi nickt anerkennend. »Nicht schlecht. Aber sicher voll schwierig, oder?«
»Wie man es nimmt. Sobald man sich daran gewöhnt hat, geht es eigentlich.« Kurz überlege ich, Jeremy mit einem deutschsprachigen Elternteil auszustatten. Vielleicht ist sein Vater aus Deutschland. Oder seine Mutter aus der Schweiz. Aber das würde bedeuten, dass Jeremy Familie dort hat, und die so schnell aus dem Ärmel zu ziehen, ist mir zu kompliziert.
Anscheinend gehe ich zu zielstrebig in die richtige Richtung, denn Andi sieht mich plötzlich verwundert an. »Sag mal, woher weißt du, wo wir hinmüssen?«, fragt er.
Ich zucke zusammen. Ist da ein misstrauischer Ton in seiner Stimme?
»Ich … habe es mir auf der Mappe angesehen«, stottere ich.
»Auf der Mappe?«
»Hm, on the map … also auf …«
»… dem Plan. Ach so.«
»Jaja, auf dem Plan, danke.«
Andi lacht. »Das passiert öfters, wenn man zweisprachig ist, oder?« Ich nicke, erleichtert, dass mir noch rechtzeitig eingefallen ist, einen Fehler einzubauen. Andi hat keinen Grund, misstrauisch zu sein. Es gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass ich wirklich Jay alias Jeremy bin und mir ein paar schöne Wien-Tage machen will. Warum sollte ich mich auch als jemand anderer ausgeben? Hätte gar keinen Sinn, Andi würde jeden anderen auch bei sich aufnehmen. Sich zu verstellen ist also gar nicht notwendig.
Tannengasse
Die Frage ist nur, wie ich es anstellen soll, am nächsten Tag pünktlich in der Schule zu sein. Aber Andi macht mir auch das leicht. Nachdem er mir die Couch im Wohnzimmer gezeigt hat, auf der ich schlafen werde, drückt er mir einen Schlüsselbund in die Hand. »Der hier ist für die Haustür und die beiden hier sind für die Wohnung. Der runde für oben und der eckige für unten.«
»Rund oben, eckig unten«, wiederhole ich.
»Wenn du’s durcheinanderbringst, probier einfach herum«, sagt Andi. »Da passiert auch nichts.«
Ich sehe ihn erstaunt an. »Danke.«
»Ich muss nämlich morgen echt früh raus«, sagt Andi. »Machs dir einfach gemütlich, nimm dir aus dem Kühlschrank, was du möchtest, fühl dich wie zuhause.«
Wie zuhause? Lieber nicht.
»Ich hab morgen leider einen langen Tag«, fährt er fort. »Aber am Abend können wir was trinken gehen oder so.«
Ich nicke. »Gerne.« Ich versuche, cool zu wirken, aber ich bin völlig verwirrt. Ein wildfremder Typ hat mir gerade seine Wohnungsschlüssel gegeben und mich aufgefordert, mich aus seinem Kühlschrank zu bedienen. Irgendwie ist das zu viel für mich.
Einen Moment lang muss ich ziemlich abwesend gewirkt haben, denn Andi lacht und sagt: »Fertig von der Reise, hm?«
Ich schüttle mich, wie um aufzuwachen. Dann lächle ich und nicke.
Mir fällt auf, dass Jeremy auffallend oft lächelt. Öfter als ich.
»Du willst sicher erst mal duschen.« Andi zeigt auf das Badezimmer.
»Nimm dir einfach ein Handtuch aus dem Kasten.«
»Oh, ja … thanks.« Jeremy sollte vermutlich ein eigenes Handtuch mithaben. Hat er aber nicht. Muss ich so bald wie möglich besorgen.
Im Badezimmer inspiziere ich die Pflegeprodukte, die am Badewannenrand aufgereiht sind. Andi wirkt nicht wie der Typ Mensch, den es stört, wenn ich etwas davon nehme, also frage ich nicht, bevor ich mich für ein Duschgel mit Sandelholzduft entscheide.
Nach dem Duschen überlege ich, ob ich gleich in meinen Pyjama schlüpfen soll, entscheide mich aber dagegen. Irgendwie würde ich mich komisch fühlen, vor Andi im Pyjama herumzulaufen.
Andis Wohnung ist groß für eine Person und sehr aufgeräumt. Mir fällt auf, dass alle Zimmer getrennt begehbar sind. Ob er hier mal mit anderen Leuten gewohnt hat oder immer alleine? Ich weiß nicht, ob ich sowas einfach fragen kann. So brennend interessiert es mich dann auch wieder nicht.
Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich mal leben will, später. Wenn ich die Matura in der Tasche habe. Alle gehen wohl davon aus, dass ich mit Lukas in eine WG ziehe. Lukas selbst hat mal sowas angemerkt und ich vermute, er geht einfach davon aus, dass wir das tun werden. Weil es naheliegend wäre und einfach. Ob ich das will, weiß ich gar nicht. Ich will es jedenfalls nicht nicht, aber das ist nicht dasselbe.
Andis Sofa ist bequem, als ich mich darauf ausstrecke. Ich stelle mein Handy auf lautlos und schiebe es unter den Kopfpolster, um das Vibrieren des Weckers auch wirklich zu bemerken. Darauf, von alleine rechtzeitig aufzuwachen, kann ich mich nicht verlassen. Draußen vor dem Fenster fahren mehrere Autos hupend vorbei, vermutlich hat irgendwer geheiratet. In der Nachbarwohnung höre ich jemanden husten. Ich bin viel zu aufgeregt, um gleich einschlafen zu können.
Alles klingt so anders als bei uns zuhause. Nicht, dass ich noch nie in der Stadt übernachtet hätte. Ich war schon in vielen Städten. Mit meiner Mutter und Mart. Mit Lukas. Doch das hier ist etwas anderes. Ich weiß, bei Andi bin ich nur zu Gast. Aber in der Stadt, da lebe ich jetzt. Da gehöre ich jetzt hin.
Dass Mart sich gar nicht meldet, wundert mich. Das passt nicht zu ihm. Anscheinend habe ich wirklich etwas gefunden, das ihn aus dem Konzept bringt: die Tatsache, dass mein Vater wieder eine Rolle in meinem Leben spielt. Ich lächle in mich hinein. Gut so.
Andi bemüht sich sehr, leise zu sein und mich nicht aufzuwecken, als er ins Wohnzimmer kommt, um irgendwas zu holen. Ich kuschle mich in die Bettdecke und lausche. Wasserkocher, Toaster, Zähneputzen, Klospülung. Dann endlich das erhoffte Geräusch der Wohnungstür, die ins Schloss fällt. Ich sehe auf die Uhr. Fünf vor sieben.
Vorsichtshalber bleibe ich noch einige Minuten liegen, es kann ja sein, dass Andi etwas vergessen hat und zurückkommt. Tut er aber nicht. Ich bemühe mich, die Bettwäsche auf dem Sofa so schön zusammenzulegen wie möglich, ziehe mich an, gurgle mit Andis Mundwasser und stehe innerhalb von fünf Minuten vor der Wohnungstür, um sie zuzusperren.
In die Schule brauche ich länger als sonst. Aber es ist egal, dass mir der Bus knapp vor der Nase davonfährt, denn fünf Minuten danach kommt der nächste. So ist das in der Stadt. Pünktlich zum Läuten bin ich in der Klasse.
Laaerbergstraße
Während der Brunner den Schularbeitsstoff an die Tafel schreibt, die Kreuz-Matek einen Schreianfall kriegt, David und Azra in der Ecke rumknutschen, Taisa zum tausendsten Mal im Unterricht aus der Klasse geschickt wird, Anthony meine Hausaufgabe abschreiben will, während Stunden und Pausen sich abwechseln, lächle ich in mich hinein. Ich habe ein Geheimnis, das mich von innen wärmt. Ich bin on the road und es fühlt sich ziemlich gut an.
Während ich sonst jede Gelegenheit nutze, nach der Schule noch rumzustehen, mache ich mich jetzt gleich nach dem Läuten auf den Weg in die Tannengasse. Es gefällt mir, dorthin zu fahren. Ich mache nur einen kleinen Umweg, um im Supermarkt Tiefkühlpizza zu kaufen. Andi hat zwar gesagt, dass ich mich aus seinem Kühlschrank bedienen kann, aber ich will mir nicht zu viel herausnehmen.
Tannengasse
So schnell nach dem Essen habe ich mich noch nie an meine Hausaufgaben gesetzt. Normalerweise schmeiße ich mich erst mal aufs Bett, spiele Computer oder blättere in irgendeinem Magazin, ohne es richtig zu lesen.
Aber jetzt ist es anders. Hausaufgaben gehören zu Jakob, und der ist nicht hier. Alles was Jakob ist, muss schnell erledigt werden, um Platz zu machen für Jeremy.
Natürlich könnte ich einfach drauf pfeifen. Einfach keine Hausaufgaben mehr machen, nicht mehr für Tests und Schularbeiten lernen, einfach Tourist spielen. Lust dazu hätte ich. Aber das geht nicht. Ich war immer gut in der Schule und es würde auffallen, wenn meine Noten plötzlich absacken. Man würde fragen, was los ist. Ob etwas los ist. Das will ich vermeiden. Außerdem fehlen mir nur noch eineinhalb Jahre. Zehneinhalb habe ich schon rum, und das Ganze jetzt sausen zu lassen, wäre Leichtsinn.
Ich habe keine Ahnung, was ich nach der Schule machen will. Es gibt kein Fach, das mich besonders begeistert, ich kann noch nicht mal sagen, ob ich eher der mathematische oder der Sprachen-Typ bin. Viele würden wahrscheinlich gleich auf Sprachen tippen, aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Mein Englisch ist wegen der Au-pairs akzentfrei, nicht weil ich so talentiert bin. Mein Französisch ist Durchschnitt und ich habe keinerlei Ehrgeiz, irgendwelche anderen Sprachen zu lernen. Aber auch Mathe oder Physik finde ich nicht umwerfend.
Eigentlich interessiert mich gar nichts besonders. Richtig schwer fällt mir aber auch nichts. Wenn jemand gut erklären kann, verstehe ich es. Wenn ich mich hinsetze und lerne, merke ich es mir. Kann es mir niemand erklären oder bin ich zu faul zum Lernen, dann kapiere ich auch nichts. So ist das. Wenn mich jemand nach meinen Berufswünschen fragt, weiß ich keine Antwort. Am liebsten wäre ich Synchronsprecher für Filme. Das würde mir gefallen. Nachsprechen, was andere spielen. Nicht selber spielen müssen. Nicht ich selber sein müssen. Einfach im Dunkeln sitzen und die Leben anderer Menschen spielen. Das wäre etwas für mich.
So aufgeregt war ich beim Hausaufgabenmachen noch nie. Ständig drehe ich mich zur Tür um und zucke bei jedem Knacken zusammen, obwohl ich weiß, dass Andi erst um sechs Uhr heimkommt.
Den Aufsatz müssen wir erst nächste Woche abgeben, aber ich beschließe, ihn schon heute fertig zu schreiben. Wer weiß, wie viel Zeit ich in den nächsten Tagen dazu habe.
Andi will gleich ums Eck abendessen und ich tue ihm den Gefallen. Ein indisches Lokal, von dem er meint, dass Jeremy es unbedingt probiert haben muss.
»Und, wo warst du heute?«, fragt er, nachdem der Kellner die Teller vor uns hingestellt hat.
Auf die Frage bin ich vorbereitet. »Ich habe mal mit dem klassischen Sightseeingprogramm angefangen. Innenstadt und so, Stephansdom, Oper …«
Andi nickt und schiebt sich ein Stück frittiertes Gemüse in den Mund. Pakora heißt das. Muss ich mir merken. Muss mir all diese Dinge merken, die Jeremy sicher weiß, ich aber noch nicht.
»Dann wollte ich in ein typisches Wiener Kaffeehaus, aber ich habe nur so Touristenscheiße gefunden. Ich bin dann im Café Museum gelandet …«
»Brr.« Andi schüttelt sich. »Furchtbar.«
Ich nicke. »Außer mir waren nur Japaner da.«
Andi lacht. »Ich werd dir mal sagen, welche gut sind.«
Darauf habe ich gehofft. Die nächste halbe Stunde verbringt Andi damit, mir versteckte Wiener Kaffeehäuser aufzuzählen, von denen ich tatsächlich die meisten nicht kenne und somit ganz echt und ehrlich überrascht sein kann.
»Wirst sehen, du bleibst länger als bis Mittwoch«, schließt er seinen Monolog und lehnt sich zurück. »Ich wette mit dir.«
Jeremy lächelt. »Kann gut sein.«
»Du solltest aber dein Profil updaten«, sagt Andi. »Hast echt Glück, dass es ich war, dem du deine erste Anfrage geschickt hast. Gibt nicht viele, die sich zurückmelden, wenn du weder Freunde noch Bewertungen hast und so wenig Angaben über dich selbst machst.« »Hm, ja«, sage ich verlegen. »Ich habe erst vor kurzem von IYH erfahren, deshalb kenne ich da noch niemanden.«
»Schon klar, aber einige Felder solltest du schon ausfüllen. Müssen ja nicht alle sein. Und ein Foto hochladen. Damit sich die anderen eine Vorstellung davon machen können, wer du überhaupt bist. Mach das echt so bald wie möglich. Ich schreib dir gleich mal mein WLAN-Passwort auf.«
»Ja, klar«, beeile ich mich zu sagen. »Werde ich morgen machen.«
»Ich hätte gern noch ein Mango-Lassi«, sagt Andi zum Kellner, der unsere Teller abräumt.
»Zwei«, sage ich, auch wenn ich so was vorher noch nie getrunken habe.
Als der Kellner die Rechnung bringt, wird mir mulmig. Nicht, weil die Rechnung so hoch ist, sondern weil ich nach dem Zahlen noch zwanzig Euro in der Geldbörse habe. Zwanzig Euro mitzuhaben war eigentlich immer viel. Aber ich kann nicht einschätzen, wofür ich in der nächsten Zeit noch Geld brauche. Fürs Übernachten nicht, aber dass ich auch Essen und ab und zu andere Dinge brauchen werde, daran habe ich nicht gedacht.
Auf meinem Konto ist noch ein bisschen was, aber nicht wahnsinnig viel. Das nächste Taschengeld überweist mir Mart erst wieder in ein paar Wochen.
Also. Damit sich die anderen eine Vorstellung davon machen können, wer ich überhaupt bin.
Nickname: Jay
Name: Jeremy
Age: Sagen wir 18. Ich sehe älter aus, als ich bin, aber viel mehr als achtzehn oder neunzehn nimmt man mir nicht ab. 18 passt, da fragt niemand blöd.
From: Glasgow, Scotland
Languages: English (excellent), German (excellent). French (beginner)
Lernen die Französisch in Schottland? Na ja, warum auch nicht. Andererseits, unterhalten kann ich mich nicht auf Französisch. Also weglassen. English (excellent), German (excellent)
Friends: Zero (0)
Nicht mehr lange. blueballoon stimmt meiner Freundschaftsanfrage garantiert zu, und dann habe ich einen.
About me: So, jetzt kommt’s. Wie ist Jeremy? Ich klicke mich von Profil zu Profil und schaue, was andere da so schreiben.
open-minded, easy-going, interested in getting to know people from other cultures
Mit copy & paste habe ich bald eine wunderbare Beschreibung zusammen.
What I like in other people: honesty, relaxed attitude, a good sense of humour
Nach einigem Überlegen streiche ich honesty wieder.
Current mission: on my way to the balcans
Kann ich später immer noch ändern.
References: Zero (0)
Auch hier bekomme ich hoffentlich bald eine von blueballoon.
Fehlt nur noch das Foto. Das ist das einzige Problem. Was, wenn es jemand sieht, der weiß, wer ich wirklich bin?
Ich durchsuche meine Fotos nach einem, auf dem man mich garantiert nicht erkennt. Auf dem Snowboard. Mit Kapuze und Sonnenbrille.
Das sollte erst mal genügen.
Jeremy hat Spaß in Wien. Er mag die Stadt und er mag die Leute. Ja, er wird länger bleiben. »Hab ich’s doch gesagt.« Andi grinst zufrieden.
Kartoffelstaerke meldet sich nicht auf meine Anfrage und franzfranz teilt mir mit, dass er gerade zu viel Stress im Leben hat, um jemanden bei sich aufzunehmen.
Mona Mour antwortet mit einer netten Nachricht, in der sie mir erklärt, dass sie gerade bei Freunden wohnt, weil ihre Wohnung abgebrannt ist – not really but kind of abgebrannt, schreibt sie, dass ich mich aber gerne wieder melden könne.
Tom Turbo schließlich hat ein Bett für mich. Allerdings erst ab Samstag.
»Mach dir keine Sorgen«, meint Andi. »Bis Samstag kriegen wir dich hier auch noch irgendwie unter.«
Die Mittwochsgäste sind Anat und Yossi, ein israelisches Pärchen, das gerade aus Holland kommt.
»We wanted to take the ferry home from Rotterdam, but it doesn’t run in winter«, erzählt Anat. »The season starts in march so we’ll stay in Europe until then …«
»Why don’t you just fly?«, will ich wissen.
»We don’t take planes«, sagt Yossi. »Do you know how bad that is for the environment?«
»Äh …«, stottere ich. »Äh … I didn’t fly here from Glasgow either.«
»Did you hitchhike?«, fragt Yossi.
»Äh …« Ich weiß nicht, wie ich ›Mitfahrgelegenheiten‹ auf Englisch sagen soll. »I always knew someone who gave me a lift«, erkläre ich also.
»We basically only ever hitchhike«, wirft Anat ein. »It’s cheaper.«
»Why don’t you hitchhike back to Israel then?«, will ich wissen.
Alle drei sehen mich entgeistert an. »We can’t get there overland«, sagt Anat.
»The route would go through places like Syria.«
»Oh … äh … sure«, murmele ich und sehe zu Boden. Bestimmt laufe ich gerade knallrot an. Aber weder Yossi noch Anat scheint das zu stören, und Andi macht sich daran, die erste Flasche Rotwein zu öffnen.
Andi füllt unsere Gläser. »How do you say ›cheers‹ in Hebrew?«, will er wissen.
»Le’chájim«, sagt Anat.
»Na dann le’chájim«, ruft Andi und hebt sein Glas. »To the environment! To life! To Vienna!«
Die erste Runde mache ich noch mit, aber als Andi nachschenken will, halte ich mein Glas mit der Hand zu. »Ach komm«, ruft Andi.
»Ihr Briten sauft doch sonst auch wie die Löcher.«
Ich schüttle den Kopf. »No, thanks. Wirklich nicht.«
Nicht, dass ich keine Lust hätte, mich zu betrinken. Richtiges Betrinken in einer richtigen Wohnung, nicht im Keller von Freunden, wo man immer befürchten muss, dass die Eltern die Stiege runterkommen. Ein paar Gläser noch und dann mit Andi, Yossi und Anat um die Häuser ziehen. Um richtige Häuser in der Stadt, nicht um die Einfamilienhäuschen torkeln und danach ins Tankstellenklo kotzen.
Ich möchte so gerne, aber ich traue mich nicht. Dass ich am nächsten Tag in die Schule muss, ist nicht so schlimm, das kriege ich schon irgendwie hin. Aber was, wenn ich mich verplappere?
Ganz sicher ist sich Jeremy seiner selbst noch nicht. Es gibt viele Details, die ich mir noch nicht überlegt habe. Ich weiß noch nicht mal seinen Nachnamen. Da ist es mir zu riskant weiterzutrinken.
Trotzdem genieße ich den Abend. Anat, Yossi und Andi leeren ein Glas nach dem anderen und diskutieren über alles Mögliche. Dass ich von den meisten Dingen keine Ahnung habe, ist egal. Es tut gut, sich zurückzulehnen und einfach zuzuhören.
Für einen kurzen Moment sehe ich mich von außen. Sehe mich auf der Küchenbank sitzen als Teil einer Gruppe, von der ich vor ein paar Stunden noch keine Ahnung hatte, dass es sie gibt. Mein Leben als Jakob kommt mir plötzlich unendlich weit weg vor. Als wäre ich schon seit Wochen unterwegs. Als wäre mein Abgang nicht erst zwei Tage her.
»Jeremy is drunk«, kichert Anat und stößt Yossi an. »Look, how he’s smiling all the time.«
»He is just happy«, stellt Andi fest. »Vienna makes him happy.«
Ich lächle noch breiter und nicke. So soll das Leben sein, denke ich.
Andi hat Anat und Yossi im Wohnzimmer einquartiert und mir eine Isomatte auf den Boden seines Schlafzimmers gelegt. Da ich mit Andi im gleichen Zimmer schlafe, traue ich mich nicht, den Wecker zu stellen. Das Vibrieren meines Handys würde Andi vielleicht merken, und Jeremy hätte ziemlichen Erklärungsbedarf. Ich hoffe darauf, dass Andi in die Arbeit muss, aber als ich um halb elf verschlafen durchs Zimmer blinzle, liegt er immer noch im Bett und schnarcht leise.
Er hat sich anscheinend freigenommen und ich beschließe, dasselbe zu tun. Einmal ist keinmal, und jetzt noch in die Schule zu fahren, hätte auch keinen Sinn mehr.
Eine Entschuldigung brauche ich aber für den Fehltag. Wenn ich bei meinem Vater wohne, kann er die doch unterschreiben, oder? Nachdem noch niemand in der Schule je die Unterschrift meines Vaters gesehen hat, kann ich eine erfinden, denke ich.
Warum meldet sich Mart eigentlich nicht?
Warum meldet sich meine Mutter nicht?
Soll ich mich bei ihr melden?
Sicher nicht. Darauf warten die doch bloß.
Laaerbergstraße
Die Klein hat Gangaufsicht und spaziert durch die Grüppchen, die in der Aula herumstehen.
»Good Morning, Frau Professor Klein«, ruft Henrik ihr entgegen. Die Klein runzelt die Stirn. »Morgen?!«, fragt sie mit gespielter Strenge.
»Da hat wohl jemand noch den Wochenendrhythmus drin.«
»Dann eben good noon«, sagt Henrik.
»Good afternoon, actually«, bemerke ich.
Die Klein lacht. »Ein Jahr in Amerika und trotzdem hat Jakob den besseren Akzent.«
»Der ist auch jahrelang mit britischen Au-pairs ins Bett gegangen«, grummelt Henrik.
Die Klein sieht ihn fragend an. »Was meinst du?«
Henrik lächelt und zwickt mich in die Wange. »Er ist halt ein ganz ein Begabter«, sagt er laut.
»Lass das!« Ich schüttle ihn ab.
»Oooh«, macht Lukas ironisch.
»Ich find’s super, dass ich jetzt Sie in Englisch habe«, sagt Henrik mit breitem Lächeln. »Sie sind viel netter als der Jungwirth.«
Die Klein macht ein Gesicht, das alles heißen kann. Von ›ja, super‹ bis ›ohne dich wäre die Klasse einfacher‹.
»So ein Schleimer«, murmle ich.
»Ich find’s auch super, dass wir Sie haben«, sagt Lukas laut.
Ich ramme ihm den Ellenbogen in die Seite und schüttle den Kopf.
»Die ist doch schon seit Ewigkeiten unser Klassenvorstand«, flüstere ich.
Die Klein lacht. »Ich unterrichte euch auch wirklich gerne.« Dann spaziert sie weiter.
»Siehst du«, flüstert mir Lukas zu. »Sie unterrichtet mich gerne.«
Ich verdrehe die Augen. »Du bist peinlich. Sie unterrichtet uns gerne. Nicht dich.«
Ich deute auf Henrik, der sich zu ein paar anderen aus seiner alten Klasse gesellt hat. »Siehst du, dem war’s auch peinlich, der ist abgehauen.«
Ich bin mir nicht sicher, ob Lukas wirklich in die Klein verknallt ist oder ob er nur so tut. Ich weiß auch nicht, ob er mir eine ehrliche Antwort geben würde, wenn ich ihn frage. Interessieren würde es mich schon.
»Wo warst du eigentlich gestern?«, kommt mir Lukas zuvor. Jetzt bin ich es, der sich das mit der ehrlichen Antwort überlegen muss. Sag ich’s ihm, sag ich’s ihm nicht? Schließlich ist Lukas mein bester Freund. Mein einziger richtiger Freund, eigentlich. Ist ja nicht so, dass mich alle so toll finden.
»Gestern?« Ich sag’s ihm, ich sag’s ihm nicht, ich sag’s ihm, ich sag’s ihm nicht.
»Bei Andi«, sage ich schließlich so beiläufig wie möglich.
Lukas sieht mich interessiert an. »Andi wer?«
»Ähm … Andi …«, stottere ich. Was soll ich jetzt sagen? ›Den kenn ich übers Internet?‹ Wie klingt denn das?!
»Ich muss dir was erzählen«, sage ich leise. »Aber allein.«
Lukas sieht sich um. Es hat bereits geläutet, die Aula leert sich. Henrik betrachtet sich in einer spiegelnden Glastür und zupft seine Haare zurecht. David bohrt in der Nase und streckt Henrik den Zeigefinger entgegen. »Hier, damit hält’s bestimmt.«
Henrik rümpft die Nase. »Du bist ein Grindschwein«, sagt er verächtlich. David lacht und dreht sich zu Lukas und mir um.
Ich verziehe das Gesicht. »Danke, wir wollen’s auch nicht.«
»Kannst schon vorgehen«, sagt Lukas. »Wir sehen uns in der Klasse.«
»Okay.« David macht sich auf den Weg, nicht ohne sich noch einmal zu Henrik umzudrehen. Er deutet auf seine Nase. »Du meldest dich, wenn du was brauchst?«
Henrik folgt ihm. »Da war jemand als Kind zu lang im Kasten eingesperrt«, höre ich ihn David hinterherrufen.
David und Henrik konnten einander noch nie leiden. Ich kann David gut verstehen. Ich kann Henrik auch nicht leiden. Mart im Kleinformat. Besonders, seit er sein Austauschjahr in den USA gemacht hat und glaubt, er ist der große Checker.
Obwohl er immer eine Klasse über uns war, ging er uns ständig auf die Nerven, weil er es sich zum Hobby gemacht hatte, in den Pausen ausgewählte Leute aus den unteren Klassen zu ärgern. Lukas und ich haben immer versucht, ihm aus dem Weg zu gehen, und waren heilfroh, als er letztes Jahr weg war. Ich war mir sicher, dass ich ihn so bald nicht wiedersehen würde. Wenn er aus den USA zurückkäme, wäre ich nämlich schon fort, habe ich gedacht. In Schottland, Kanada oder Australien. Tja. Pech gehabt.
Ich bin noch da.
Und Henrik sitzt jetzt in unserer Klasse.
Inzwischen sind wir alleine in der Aula.
»So«, sagt Lukas. »Wer ist Andi? Was willst du mir erzählen?«
Ich sehe auf die Uhr. Wir kommen zu spät. »Bei dem wohn ich grad«, erkläre ich, während ich langsam in Richtung unserer Klasse gehe.
»Wie, wohnst du grad? Ist Andi der Neue deiner Mutter? Hat sie Mart endlich rausgeschmissen?«
Bei dem Gedanken muss ich lachen. »Schön wär’s, aber das macht die doch nie. Ich hab mich selbst rausgeschmissen. Quasi. Und jetzt wohn ich bei Andi. Sagt dir It’s Your Home was?«
»Schon mal gehört.«
Und anstatt mich zu beeilen, um nicht allzu spät nach dem Läuten in der Klasse zu sein, erzähle ich Lukas von IYH, Jeremy und Andi blueballoon. Davon, dass ich nicht mehr nach Hause zurückgehe. Meinen Vater erwähne ich nicht. Das wäre zu umständlich. Außerdem tut es nichts zur Sache. Na ja, wahrscheinlich tut es viel zur Sache, aber darüber will ich lieber nicht nachdenken.
Wir sind vor der Klassentür angelangt, die natürlich schon längst geschlossen ist. Lukas bleibt stehen und sieht mich mit offenem Mund an. »Du verscheißerst mich.«
Ich halte zwei Finger in die Luft. »Ich schwör’s dir, es stimmt.«
»Du verscheißerst mich echt nicht?«, wiederholt Lukas.
Heftig schüttle ich den Kopf.
»Ich glaub’s nicht. Das ist sowas von genial.«
Ich grinse. »Hättest nicht gedacht, oder?«
Er schüttelt den Kopf. »Ehrlich, nie im Leben. Wie fällt einem so etwas ein?«
Das weiß ich eigentlich auch nicht. Wie fällt einem so etwas ein?
»Da muss man schon verdammt cool sein.«
Wahrscheinlich ist es das. Verdammt cool. Ich bin einfach verdammt cool.
»Wie lang willst’n das durchhalten?«, will Lukas wissen.
»Puh, frag mich das nicht. Ich schau mal, wie’s läuft. Momentan läuft’s ziemlich gut.«
Lukas sieht mich anerkennend an. »Ich hätt mir echt nicht gedacht, dass …«
»Was hättest du nicht gedacht?«
Er sieht zu Boden. »Nein, ist blöd, nichts.«
»Jetzt sag schon.« Ich weiß, was ihm auf der Zunge liegt.
»Na, dass …« Er spricht nicht weiter.
»Dass so einer wie ich so was macht«, vervollständige ich den Satz.
»Meinst du das?«
Lukas nickt verlegen. »Also nicht, dass du sonst nicht cool bist.«
Aber genau das ist es. Ich bin nicht cool. Bin nichts Besonderes. War ich nie. War immer der, der halt so mitläuft bei allem. Bis jetzt.
Lukas sieht auf die Uhr. Der Unterricht hat bereits vor sieben Minuten begonnen.
»Jetzt ist’s schon egal, wir haben sowieso schon einen Eintrag«, flüstert er. »Lassen wir einfach die Stunde sausen und du erzählst mir alles ganz genau.«
Ich stoße die Tür auf. »Kommt nicht in Frage.«
Die Kreuz-Matek starrt uns an.
»Entschuldigungentschuldigung, wir bereuen es und werden’s nie wieder tun«, sagt Lukas laut, bevor sie etwas sagen kann. »Lasst euch nicht stören.«
Die Kreuz-Matek sieht so aus, als ob sie gleich explodieren würde, sagt aber nichts und kritzelt nur etwas auf ein Blatt. Kriegen wir eben einen Eintrag im Klassenbuch. Auch egal. Sieben Minuten sind schließlich nicht die Welt.
Während der Bio-Stunde schreibt mir Lukas ein Zettelchen.
Was sagt deine Mutter dazu?
Nix, schreibe ich zurück. Die glaubt, dass ich bei meinem Alten wohne.
Und das überprüft sie nicht?
Niemals. Die würde sich eher die Zunge abbeißen, als mit ihm zu reden.
GENIAL!
Erzähl das ja keinem!!!, schreibe ich auf einen neuen Zettel. Das darf echt nicht auffliegen! Das Wort ›nicht‹ unterstreiche ich dreimal.
Plötzlich steht die Kreuz-Matek vor unserem Tisch und nimmt Lukas mit spitzen Fingern das Papier aus der Hand. »Wenn ihr schon zu spät kommen müsst, würde ich mich an eurer Stelle unauffälliger benehmen.«
Lukas sieht mich betreten an. Ich kaue an meiner Unterlippe.
»Erzähl das ja keinem!«, liest sie laut vor. »Das darf echt nicht auffliegen!«
Lukas zieht hörbar die Luft zwischen den Zähnen ein.
»Jakob, würdest du im Text weiterlesen?«, fragt die Kreuz-Matek süffisant. Sie sieht genau, dass ich mein Buch gar nicht aufgeschlagen habe. Ich nicke und beginne zu blättern.
»Seite siebenundfünfzig«, wispert Azra von hinten.
»Danke, Azra«, sagt die Kreuz-Matek streng. »Wie wär’s, wenn die Herrschaften sich mit Biologie befassen würden?«
Wir nicken beide und ich beginne vorzulesen.
In der Pause stehen David und Azra vor unserem Pult. »Was bitte darf nicht auffliegen?«
Ich stöhne und verdrehe die Augen. »Nichts.«
Lukas wedelt mit den Armen. »Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.«
David grinst. »Ihr wollt euch ja nur wichtigmachen.«
Bevor Lukas oder ich noch etwas sagen können, hat Azra ihn schon weitergezogen. In die hinterste Ecke des Klassenzimmers. Zum Knutschen.
Ich atme auf, erleichtert und enttäuscht zugleich. Klar, niemand nimmt an, dass ich jemals irgendetwas Interessantes mache. Etwas, das es wert ist, mehr als fünf Sekunden an meinem Tisch stehen zu bleiben. Ich versuche, mich auf die Erleichterung zu konzentrieren, dass ich keine blöden Fragen beantworten muss.
Lukas stößt mich an. »Dem David können wir’s aber schon sagen.« Ich schüttle den Kopf. »Wir sagen hier gar nichts gar niemandem, verstanden?«, sage ich scharf. Lukas sieht mich erstaunt an, offensichtlich verwundert über meinen Tonfall.
»Das ist kein Spiel, Lukas. Das ist jetzt meine Realität.«
Lukas nickt verlegen und ich spiele meinen letzten Satz noch ein paarmal in meinem Kopf ab. Das ist jetzt meine Realität. Ich grinse. Gefällt mir.
Tannengasse
Anat und Yossi wollen nach Prag zurück, wo sie in einem Hausprojekt gewohnt haben, dessen Bewohner anscheinend in den nächsten Tagen ein Festival veranstalten.
»Join us«, schlägt Yossi vor. »There is enough space for everyone.«
»Everyone is doing music there«, erzählt Anat. »And there will be workshops for building your own instruments.«
»I’m gonna make a flute.« Yossi steckt sich einen Kugelschreiber in den Mund, um zu demonstrieren, wie er diese Flöte spielen wird.
»Music is not really my thing«, sage ich scheinbar gleichgültig. In Wahrheit überschlage ich aufgeregt alle Möglichkeiten in meinem Kopf. Ich mag die beiden, alles scheint so einfach, wenn sie da sind. Mit ihnen nach Prag zu fahren ist genau das, worauf ich Lust hätte.
Vor ein paar Jahren war ich mit meiner Mutter und Mart in Prag. Wir haben in einer Frühstückspension übernachtet, sind auf den Hradschin gestiegen und Mart hat sich auf der Karlsbrücke von einem Karikaturisten zeichnen lassen. Wir haben Schweinsbraten mit Knödel gegessen und Mart hat Pivo getrunken. Wir haben Geld dagelassen und nicht nachgefragt. Wie das gute Touristen eben tun. Mit Yossi und Anat würde ich in ein ganz anderes Prag fahren. Per Autostopp. Zu einem Festival. In einem Hausprojekt. Mit vielen Leuten von überallher.
Es kann kein Problem sein, Tom Turbo abzusagen. »Sicher«, will ich sagen. »Ich komm mit.«
Jeremy könnte das locker sagen. Aber was wird dann aus Jakob? Wenn ich tagelang nicht in der Schule auftauche, rufen sie meine Mutter an. Die wiederum würde mich zur Rede stellen, und wenn sie mich nicht erreicht, womöglich noch meinen Vater anrufen. So sehr sie ihn zum Teufel wünscht, bevor sie mich vollständig abhauen lässt, würde sie selbst das tun. Außerdem haben wir in ein paar Tagen Schularbeit.
»Ich würde echt gerne«, sage ich also, »aber ich habe einem Freund in Ungarn versprochen, dass ich ihn besuche.«
Ich weiß nicht, wieso ich einen ungarischen Freund erfinde, und an Andis Reaktion merke ich, dass ich zu kurz gedacht habe. »Ich dachte, du wolltest länger in Wien bleiben und hast schon einen nächsten host?«
Verdammt, er hat recht. Deswegen konnte ich ja länger bei ihm bleiben, obwohl Yossi und Anat auch gekommen sind.
»Äh ja, Imre hat sich ganz spontan gemeldet und da hab ich meinen nächsten host hier verschoben«, sage ich schnell. Ich weiß nicht, ob Leute in meinem Alter in Ungarn heutzutage noch Imre heißen, bin aber immerhin froh, dass mir überhaupt ein ungarischer Name eingefallen ist.
Niemand scheint meine Erklärung seltsam zu finden oder überhaupt nur meine Aufregung zu bemerken. Alle glauben mir.
»Aber du kommst zurück, oder?«, will Andi wissen.
»Auf jeden Fall«, versichere ich.
Ich packe meine Sachen, um mich gemeinsam mit den beiden anderen von Andi zu verabschieden. Andi begleitet uns zur Haustür.
»Get in touch when you’re back«, sagt er. »And then let’s go for a drink.«
Er sieht die beiden anderen an. »Same for you.«
Wir nicken alle drei. »Sure.«
Die beiden umarmen ihn herzlich. Andi und ich sehen uns verlegen an. Yossi lacht und schiebt mich vorwärts. »You Europeans are sooo complicated. Why don’t you just hug goodbye?«
Andi und ich lachen und umarmen einander ebenfalls.
»See«, sagt Yossi. »Did it hurt?«
»What?«
»Hugging.«
Wir grinsen und ich schüttle verlegen den Kopf.
Als wir mit unseren bunten Tramperrucksäcken am Rücken die Straße hinuntergehen, winkt Andi uns noch lange nach.
Die beiden wollen zu einer Autobahnauffahrt, ich muss zum anderen Bahnhof, zum Hauptbahnhof. In Wahrheit wohnt Tom Turbo ganz woanders, aber solange Yossi und Anat noch dabei sind, muss Jeremy nach Budapest.
Yossi legt mir die Hand auf die Schulter: »Promise we’ll see each other again?«
»We are travelling but Vienna will stay our homebase«, sagt Anat.
»It’s so centrally located, it doesn’t take you long, wherever you want to go.«
»Sure«, sage ich wieder.
Anat umarmt mich. »We’ll stay in touch via IYH.«
Ich nicke. Yossi umarmt mich ebenfalls. Ich sehe ihnen lange nach, bevor ich mich auf den Weg mache und in die Straßenbahn steige.
Franklinstraße
Tom Turbo hat mir seine Adresse geschrieben und nachdem ich ein paarmal falsch abgebogen bin, stehe ich vor dem richtigen Haus. An einem Klingelschild steht tatsächlich ›Turbo‹.
Ich muss grinsen, als ich klingle. Entweder der Typ heißt wirklich so, oder er identifiziert sich sehr mit dem sprechenden Fahrrad.
»In den …of rein, dann …inks, Stiege …ei, vierter …ock«, schnarrt eine Stimme aus der Gegensprechanlage.
Das kann Stiege zwei oder auch drei geheißen haben. Ich drücke die Tür auf, die mit einem Knacken nachgibt, und gehe an der ersten Stiege vorbei in den Hof. Links ist die zweite Stiege, also tippe ich darauf. Richtig, im vierten Stock streckt mir Tom Turbo schon die Hand zum Gruß entgegen. »Hi Jeremy.«
»Hallo Tom.«
Toms Wohnung ist kleiner als die von Andi, aber einigermaßen gemütlich. Ich setze mich auf das Sofa, auf dem ich vermutlich auch schlafen werde. Tom stellt mir ohne zu fragen eine Flasche Bier hin, und obwohl ich lieber etwas Alkoholfreies hätte, mache ich einen großen Schluck.
»Heißt du wirklich Turbo?«, frage ich neugierig. Jeremy kann das fragen. Auch wenn man das sprechende Fahrrad in Schottland vermutlich nicht kennt, ist Turbo ein ungewöhnlicher Nachname.
Tom setzt sich auf einen Hocker neben der Couch. »Ja, man möcht’s nicht glauben.«
»Ehrlich?«
Er nickt. »Aber ich heiße nicht wirklich Tom.«
»Nicht? Wie dann?«
»Holger.« Tom nimmt einen Schluck Bier.
»Holger Turbo«, wiederhole ich und kann mir das Grinsen nicht ganz verkneifen.
»Und wie nennen dich die anderen?«, will ich wissen. »Tom oder Holger?«
»Meine Freunde Holger. Meine Gäste Tom.«
»Also Tom für mich«, stelle ich fest.
»Für dich Tom«, bestätigt er. »Du bist also schon ein paar Tage in Wien?«, fragt er gleich darauf.
Der Schreck fährt mir in Arme und Beine. »In Wien?«, versuche ich cool zu bleiben. »Nein, ich komme gerade aus München. Vor zwanzig Minuten hat mich mein Kumpel abgesetzt.«
»Aber dein Profil zeigt an, dass du gestern in Wien warst«, bleibt Tom dabei. »Hast dich zumindest gestern Nachmittag hier eingeloggt.«
»In … Wien … eingeloggt?«, stammle ich und gleichzeitig denke ich Scheißescheiße. Dass das Profil anzeigt, wo man sich zuletzt eingeloggt hat, ist mir nicht aufgefallen. Was soll ich jetzt sagen? Bloß nicht die Nerven verlieren.
Aber Tom lacht nur. »Ach, so was kommt vor. Ein Freund von mir ist ständig in Stockholm eingeloggt, dabei war der noch nie in Schweden. Manchmal spinnt das System einfach.« Ich lache erleichtert, aber mein Herz klopft wie verrückt. Ich muss auf solche Dinge besser achtgeben. Nicht, dass mich eine Kleinigkeit verrät.
Tom Turbo ist anders als blueballoon. Er will sich mit mir unterhalten. Richtig. Über Schottland und so.
Ich erzähle ihm alles, was ich von Kendra weiß. Ja, es regnet ständig. Ja, die Highlands sind faszinierend, aber den öffentlichen Verkehr kann man vergessen. Nein, wir spielen nicht alle Dudelsack, aber ich habe tatsächlich einen Kilt zuhause. »So wie man hier ein Dirndl hat oder eine Lederhose.« Ich spreche es ›Dörndl‹ aus und ›Leyderhose‹.
Tom lacht. »Ich hab sowas nicht.«
Ich auch nicht, aber woher soll Jeremy das wissen.
Tom will ein Foto von Jeremy im Kilt sehen, aber Jeremy winkt ab. Dafür erzähle ich, was Kendra mir erzählt hat. Dass nämlich jeder Clan ein eigenes Stoffmuster hat, und wenn man nicht vor allzu kurzer Zeit eingewandert ist, weiß man auch, zu welchem Clan man gehört und welchen Stoff man hat. Nicht, dass das im Alltag noch irgendeine Rolle spielen würde. Wenn man Glück hat, gibt es mehrere Familiennamen im Stammbaum und man kann sich den Stoff mit den schöneren Farben aussuchen.
»Schau, so sehen die Kilts unserer Familie aus.« Ich halte Tom mein Handy hin, auf dem ich Kendras Familientracht ergoogelt habe. Hat sie mir damals gezeigt.
»Und welcher Clan ist das?«
Auf die Frage bin ich inzwischen vorbereitet. »Gunn. So heiße ich mit Nachnamen. Es gibt aber genug Leute im Clan, die längst nicht mehr so heißen, die haben trotzdem die Gunn-Tracht.«
Kendra zum Beispiel. Ihren Nachnamen zu klauen, käme mir zu dreist vor, aber zu ihrem Clan würde ich gerne gehören. Außerdem gefällt mir das Muster besser als so manches andere.
»Und die Frauen haben nichts?«, will Tom wissen. »So dirndlmäßig oder so?«
Ich schüttle den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste.« Das kann ich zugeben, denn das hat Kendra mir damals auch geantwortet.
»Du und sag, stimmt das, dass ihr drunter keine Unterhosen tragt?« Tom fragt tatsächlich genau die Dinge, die ich Kendra damals auch gefragt habe. Aber klar, das mit den Unterhosen wollen immer alle wissen, hat sie damals gemeint.
»Das hängt davon ab, wie ernst du es nimmst.« Ich grinse. »Und wie sehr du den Leuten in deiner Umgebung vertrauen kannst.«
Tom lacht und will danach nichts mehr über schottische Kleidungsgewohnheiten wissen. Zum Glück.
Tom ist okay, aber auch ein bisschen anstrengend. Ich habe solches Glück mit Andi gehabt, dass ich wohl etwas verwöhnt bin. Schlüssel gibt es diesmal keinen für mich.
Du hast 2 Freundschaftsanfragen steht da, als ich auf IYH einlogge.
blueballoon hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt. Bitte bestätige diesen Link oder weise ihn ab.
Ich bestätige.
blueballoon hat dir eine Bewertung hinterlassen.
Ich scrolle hinunter, um zu lesen, was Andi geschrieben hat.
Dass ich Jeremys erster Gastgeber war, hat man gar nicht gemerkt – so unkompliziert ist es selten mit einem Gast. Wir hatten so viel Spaß zusammen! Viel Glück auf deinem Weg Richtung Balkan, und melde dich auf dem Rückweg, ja?
Auch von Yossi und Anat ist was da. Freundschaftsanfrage und Bewertung.
You have to love Jeremy! steht da. In this superficial world it is rare to find people who are so much themselves. We’re sure our paths will cross again in Vienna and if you ever decide to travel with us you are more than welcome!
People who are so much themselves, denke ich. Ich weiß nicht, ob ich schockiert oder geschmeichelt sein soll. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. So much myself.
Ich mache mich daran, ebenfalls Bewertungen zu hinterlassen, als Tom mir über die Schulter schaut. Hastig drücke ich die Seite weg. Wenn er sieht, dass ich Andi eine Bewertung hinterlasse, merkt er, dass ich tatsächlich schon in Wien war.
»Wollt nur sagen, dass das Essen fertig ist. Hättest ruhig noch fertigmachen können. Die Nudeln laufen nicht davon.«
Ich stehe auf und schiebe den Stuhl auf die Seite. »Ach, das, was ich tun wollte, auch nicht«, sage ich locker, obwohl ich mich ärgere, dass ich Andi und den beiden nicht gleich eine Bewertung hinterlassen kann. »Und Nudeln werden kalt.«
Tom gabelt mir Spaghetti auf den Teller. »Soße nimm dir einfach selber.«
»Mhm.« Ich leere einen Schöpflöffel voll über meine Nudeln und greife nach dem Parmesan. »Wie hat dir München gefallen?«, will Tom wissen.
»Warst du noch nie dort?«
Er schüttelt den Kopf. »Nur einmal als ich klein war.«
›Ich auch‹, würde Jakob jetzt antworten. Es ist Ewigkeiten her, dass ich einmal mit Lukas und seinen Eltern in Bayern war. Ich kann mich nur noch an Weißwürste in einer Bierhalle erinnern, aber das erscheint mir so klischeehaft, dass ich daran zweifle, dass es wirklich passiert ist.
»Das Technische Museum dort ist sehr genial«, sage ich, denn daran habe ich auch noch vage Erinnerungen. Ich weiß noch, dass ich es toll gefunden habe und mit Lukas einen ganzen Tag lang durch die riesigen Räume gelaufen bin. Ob ich es jetzt noch immer so gut finden würde, weiß ich nicht. Aber auch sonst weiß ich wenig von München.
»Ja, das hab ich auch schon gehört. Was gibt’s denn dort?«
»Ach, alles Mögliche. Alte Flugzeuge zum Beispiel«, sage ich aufs Geratewohl. Ein technisches Museum hat so etwas sicher.
»Das in Wien ist auch nicht schlecht«, meint Tom.
»Ach, echt?« Ich tue so, als würde ich mich brennend für das Wiener Technische Museum interessieren, um Tom davon abzuhalten, mich noch mehr über das in München zu fragen.
Nachdem wir mit dem Essen fertig sind, weiß ich, dass ich am nächsten Tag ins Technische Museum fahren muss, denn ich habe Jeremy mit großem Interesse für alte Dampfmaschinen ausgestattet, und laut Tom gibt es dort eine ganze Menge davon, die noch dazu jeden Sonntag vorgeführt werden. Morgen ist Sonntag, ich muss mir das also wohl oder übel ansehen, selbst wenn ich dazu nicht die geringste Lust habe. Immerhin fragt mich Tom nicht weiter aus.
Am Montag haben wir Englischschularbeit und ich habe das Buch, zu dem wir garantiert eine Aufgabe bekommen, erst zur Hälfte gelesen.
»Was liest du da?«, will Tom wissen.
Ich halte das Buch in die Höhe, so dass er das Cover sehen kann.
»The Picture of Dorian Gray«, liest er vor. »Findest du so was spannend? Wir mussten das in der Schule lesen.«
»Geht so.«
»Warum liest du’s dann, wenn’s nicht gut ist?«
»Wenn ich ein Buch anfange, lese ich es immer fertig.«
»Auch wenn’s scheiße ist?«
»Auch dann.«
Das ist völliger Blödsinn. Ich täte nichts lieber, als das Buch in eine Ecke zu schmeißen, und mich, so wie Tom, von der Millionenshow berieseln zu lassen.
»Gibt’s so was bei euch auch?« Er deutet auf den Moderator, der einem schwitzenden Mann gerade die 200-Euro-Frage stellt.
»Millionenshow? Ja, so etwas gibt es wohl überall, oder?«
»Wie heißt’n das bei euch?«
Ach Tom, musst du diesen ganzen Scheiß fragen? Ich hab doch keine Ahnung, wie das bei uns heißt. Ich weiß nicht mal, ob wir so was überhaupt haben.
Blitzschnell lege ich mir im Kopf eine Geschichte zurecht, in der Jeremys Eltern Zeugen Jehovas sind und er somit keinen Fernseher hat. Ich weiß zwar nicht, ob Zeugen Jehovas das Fernsehen verboten ist, aber etwas Besseres fällt mir auf die Schnelle nicht ein.
Doch zum Glück stellt der Moderator gerade eine Frage, auf die Tom anscheinend die Antwort weiß.
»Ungelegte, du Dillo!«, ruft er dem Mann im Fernseher aufgeregt zu.
»Ungelegte!« Dann dreht er sich zu mir. »›Um welche Eier soll man sich nicht kümmern?‹ heißt die Frage und dieser Schwachkopf ist sich nicht sicher, ob er ›hartgekochte‹ sagen soll!«
»Wollen Sie jetzt schon Ihren Telefonjoker verbrauchen?«, fragt der Moderator süffisant.
Seine Frage an mich hat Tom anscheinend vergessen. Ich atme erleichtert auf. Gleichzeitig ärgere ich mich über mich selbst. Ich muss mir Jeremys Vergangenheit besser überlegen. Doch ich weiß, dass ich nicht auf alle Fragen vorbereitet sein kann. Wer kann damit rechnen, dass Tom den Namen der britischen Millionenshow wissen will.
»Meine kleine Nichte sagt immer ›Melonenshow‹«, erzählt er lachend.
»Süß«, sage ich, obwohl ich das nicht mal ansatzweise süß finde.
Dann klingelt mein Telefon und rettet mich vor weiteren unangenehmen Fragen. Meine Mutter. Endlich. Ich dachte schon, die meldet sich nie. Schnell mache ich die Wohnungstür auf und setze mich auf ein Fenstersims am Gang.
Tief durchatmen. »Hallo?«
»Hallo. Wo bist du?«
»Das weißt du doch.«
Schweigen.
Es ist komisch. Das Schlimmste, was ich meiner Mutter erzählen kann, ist, dass ich bei meinem Vater leben will. Gleichzeitig ist es das Einzige, das sie akzeptiert. Weil sie weiß, dass sie es akzeptieren muss.
»Ich dachte, du bist vielleicht nur bei Lukas.«
»Nein, bin ich nicht.« Das stimmt sogar.
Schweigen.
»Ist das jetzt deine Rache, oder was?«
»Das hat nichts mit Rache zu tun«, sage ich, so ruhig ich kann. »Ich will einfach ein bisschen Zeit mit meinem Erzeuger verbringen. Das ist mein gutes Recht.«
»Und er will das auch?« Ihre Stimme klingt belegt.
»Ja«, sage ich und bemühe mich, meine Stimme fest klingen zu lassen. »Ja, das will er.«
»Na dann«, sagt sie. Und gleich darauf: »Morgen ist Sonntag.«
»Ich weiß.«
»Willst du morgen zum Mittagessen kommen?«
»Ähm … Mama … also …«
»Es gibt Gulasch.«
»Aha.«
»Ich würd mich wirklich freuen«
Sie tut mir leid. Dabei habe ich mir doch geschworen, dass sie mir nie wieder leidtun wird. Ich seufze. »In Ordnung.«
Komme ich eben zum Sonntagsessen. Das macht man doch so, oder? Es gibt genug Kinder, die manchmal hier, manchmal dort wohnen. Mal bei Mama, mal bei Papa. Ich weiß auch nicht, wieso ich nicht früher auf diese Idee gekommen bin.
Natürlich weiß ich, warum ich nicht auf diese Idee gekommen bin. Weil es nicht geht. Aber das muss meine Mutter nicht wissen.
Bevor ich wieder reingehe, checke ich noch schnell den Namen der britischen Millionenshow.
» Who wants to be a millionaire? heißt die übrigens bei uns«, sage ich beiläufig zu Tom und setze mich neben ihn auf die Couch. »Die Sendung wurde aber 2014 eingestellt.«
»Warum denn das?«
Ich zucke die Achseln. »Keine Ahnung. Schlechte Quoten vielleicht oder wieder irgendein Skandal. 2001 gab es schon einmal einen.« Und dann erzähle ich ihm die Geschichte, wie einem Kandidaten der Hauptgewinn nachträglich aberkannt wurde, weil er sich mit Freunden im Publikum Signale ausgemacht hatte, die ihm die richtige Antwort zeigten.
»Krass«, sagt Tom.
Ich nicke wissend. Danke Wikipedia.
Äußere Mariahilfer Straße
Am nächsten Tag stehe ich vor dem Technischen Museum. Von außen sieht es gar nicht so schlecht aus. Hier war ich noch nie. Gefällt mir irgendwie. Jugendliche unter 19 zahlen keinen Eintritt. Super. Sonst wäre ich wieder gegangen.
Kurz sehe ich mir die Dampfmaschinen an und mache eine Runde in jedem Stockwerk des Museums, damit ich Tom ausreichend davon erzählen kann. Dann setze ich mich in eine Ecke und packe Dorian Gray aus. Bis morgen muss ich das durchhaben.
Schützenweg
Zum Mittagessen bin ich bei meiner Mutter. Später als üblich, weil ich es vom Museum nicht schnell genug her geschafft habe. Viel später als üblich, eigentlich ist es schon längst nicht mehr Mittag. Ich wundere mich, dass Mart sich deswegen nicht aufregt. Wir essen Gulasch und schweigen uns an.
»Dann brauchen wir dir also kein Taschengeld mehr zu geben«, sagt Mart schließlich. »Das bekommst du ja jetzt von deinem Vater.«
Ich wusste es. Wusste es wusste es wusste es. Dass ihm das als Erstes einfällt. Verdammt.
»Darüber haben wir noch gar nicht geredet«, sage ich.
Mart lacht auf. »Das sieht ihm ähnlich. Ein Kind in die Welt setzen kann er, aber zahlen darf ich.«
»Wir haben noch nicht darüber geredet«, wiederhole ich. »Werden wir schon noch tun.«
Meine Mutter verschränkt die Arme vor der Brust und sieht mich lange an. Ich spüre einen Stich in der Brust und sehe zur Seite. Ich könnte nicht sagen, was sie denkt.
»Mach das«, sagt sie nur.
Es ist nicht so, dass Mart mich nicht mag. Er mag mich und er mag meine Mutter und ich kann mir auch nicht vorstellen, wie wir ohne ihn gelebt hätten, schließlich hat er uns aus dem Übergangswohnheim rausgeholt.
Mart ist kein schlechter Mensch. Schlechte Menschen schlagen ihre Familie, sperren sie in den Keller oder verlassen sie dann, wenn sie am dringendsten gebraucht werden. So wie mein Vater. Dem man nur zugutehalten kann, dass er uns weder geschlagen noch in den Keller gesperrt hat, sondern sich damit begnügte, abzuhauen und uns im Regen stehen zu lassen.
Ich weiß auch nicht, ob mein Vater ein schlechter Mensch ist. Vielleicht hat er einfach nicht nachgedacht, was sein mehrjähriger Selbstfindungstrip nach Südostasien für meine Mutter bedeutete. Nämlich, dass ihr Geld für die Miete nicht mehr reichte.
Und irgendwann drückt keiner mehr ein Auge zu. Irgendwann stehen sie vor deiner Tür und delogieren dich. Wir hatten riesiges Glück, denn das Ganze hätte uns schließlich auch im Winter passieren können.
Was genau passiert ist, weiß ich nicht, weil meine Mutter nicht viel erzählt. Erinnern kann ich mich nicht, und Bilder gibt es auch keine. Von so etwas machst du keine Fotos. Du willst auch nie wieder mit demjenigen sprechen, der das Ganze verursacht hat. Verständlicherweise wollte sie nicht warten, bis er sich selbst gefunden hat. Stattdessen suchte sie sich einen anderen. Leider war das Mart.
Aber nein, Mart ist kein schlechter Mensch. Er hat uns ein Dach über dem Kopf gegeben, meiner Mutter Arbeit und mir eine Familie. Wir können uns nicht beklagen.
Aber es ist sein Dach, seine Arbeit, seine Familie. Wir können uns nicht beklagen. Keine Chance.
Er muss es nicht sagen, weil es von Anfang an klar war: Wenn wir uns falsch verhalten, sind wir draußen.
Meine Mutter hat ihr Leben daraufhin ausgerichtet, nicht mehr draußen zu sein.
Ich bin da anders.
Nach dem Essen laufe ich die Stufen hinauf in mein Zimmer. Stopfe frische Unterwäsche und ein paar T-Shirts in meinen Rucksack. Zu viel kann ich nicht tragen und Tom hat gesagt, dass ich bei ihm waschen kann.
Jetzt noch das Handtuch aus dem Badezimmer und wieder raus hier.
In der Krim
Die Englischschularbeit schreibe ich mit links, meine Wäsche wird bei Tom Turbo sauber und dann trocken und ab Mittwoch kann ich für einige Tage bei HulaHoop wohnen, die in Wirklichkeit Barbara und Vera heißen.
Ich bin ein bisschen nervös, als ich auf den Platz zusteuere, an dem die beiden wohnen. In diesem Teil Wiens war ich noch nie und die Adresse klingt fremd für einen wie mich, der Tannengassen und Kastanienalleen gewöhnt ist.
Ich sehe mich um. Eine Schule, ein kleiner Park mit Kinderspielplatz und die angrenzende Weinbergstraße führt im Frühling wohl ins Grüne. Es gibt nichts zu fürchten hier. Auch nicht die Tatsache, dass ich nicht weiß, wie ich mich in dieser WG verhalten soll, in die ich hier gleich für ein paar Tage einziehen werde. Denn Jeremy hat solche Sorgen nicht. Der streckt einfach die Hand aus und läutet an dem Klingelschild, an dem kein Name steht.
Vera holt mich unten ab und bietet mir an, meinen Rucksack hinaufzutragen.
»Das geht schon, thanks«, wehre ich ab.
Als ich die Wohnung betrete, muss ich niesen. Vera hält sich erschrocken die Hand vor den Mund. »Oh nein, wir haben dir gar nicht gesagt, dass wir Meerschweinchen haben. Bist du allergisch?« »I don’t think so. Ich muss wegen was anderem geniest haben.«
Vera atmet erleichtert auf. »Sorry. Also es steht eh auf unserem Profil, aber wir haben’s in der Nachricht an dich dann nicht nochmal erwähnt. Vergess ich immer. Wir hatten schon mal einen Allergiker hier, der musste sich dann was anderes suchen.«
»Deshalb sollte man sich die Profile auch gut durchlesen. Schließlich schreibt man ja nicht irgendwen an, sondern nur Leute, zu denen man auch irgendwie passt, oder?« Das habe ich in den FAQ gelesen. Dass man versuchen soll, den Leuten zu erklären, warum man ausgerechnet zu ihnen will. Dazu sollte man ziemlich genau wissen, was sie so über sich schreiben. Nicht, dass ich das gemacht habe.
Noch nie war ich so froh, bloß eine Allergie auf Hausstaub zu haben, die so leicht ist, dass ich sie meistens nur daran merke, dass sich mir im Liegen ein Nasenloch verlegt, wenn länger nicht gesaugt wurde. Der Staub ist es hier wohl auch, der mich noch einmal zum Niesen bringt. HulaHoop scheinen nicht die größten Putzfans zu sein.
Vera öffnet mir die Tür zu meinem Zimmer. »Wenn du unser Profil gelesen hast, dann weißt du ja eh, dass du im Meerschweinchenzimmer schläfst.
Ich nicke. »Of course weiß ich das«, lüge ich.
Ich gebe diesmal ganz ehrlich zu, schon länger in Wien zu sein, und erzähle keine München-Autostopp-Geschichte. Den Fehler mache ich nicht nochmal. Können ja alle sehen, bei wem ich davor gewohnt habe.
Es ist seltsam, das Zimmer mit Meerschweinchen zu teilen. Ständig raschelt es und manchmal ertönt leises Quieken. Nicht, dass es mich stört, ich habe einen ziemlich guten Schlaf. Aber komisch ist es schon. Was die wohl denken, wer ich bin? Ob die überhaupt denken? Keine Ahnung, wie das bei Meerschweinchen so ist.
Vera macht eine Ausbildung in einer Bank und Barbara jobbt gerade beim McDonald’s im McCafé. Spätabends bringt sie immer Kuchen und Donuts mit, die übrig geblieben sind.
»Greif zu«, sagt sie. »Morgen gibt es neue.«
Ich habe schon lange nicht mehr so viel Süßes auf einmal gegessen.
Es ist nicht schwer, Zeit zu finden, um unbemerkt meine Hausaufgaben zu machen. Vera ist untertags nie da und Barbara meistens auch schon weg, wenn ich heimkomme. Außerdem scheint es den beiden ziemlich egal zu sein, was ich mache. Sie haben nicht viele Fragen gestellt.
Jeden Abend lüfte ich lange, auch auf die Gefahr hin, dass die Meerschweinchen frieren. Ich stehe mit Jacke und Haube am offenen Fenster und sehe zum Kinderspielplatz, auf dem bei dieser Kälte keine Kinder spielen. Betrachte den Wohnungsschlüssel, der silbern glänzend in meiner Hand liegt. Kurz durchfährt mich die Angst, er könnte mir aus der Hand rutschen und aus dem Fenster fallen. Schnell stecke ich ihn in die Hosentasche.
Mit meiner Mutter habe ich ausgemacht, dass ich jeden Sonntag zum Essen komme. Ist okay für mich.
Von HulaHoops Wohnung aus habe ich verschiedene Möglichkeiten, in die Schule zu fahren. Am liebsten ist mir die, bei der ich für einige Haltestellen die Vorortelinie benutze, von der ich bislang nicht wusste, dass es sie gibt. Einmal kurz nachschlagen sagt mir, dass die meisten Bahnhöfe dieser Linie unter Denkmalschutz stehen, was Jeremy dazu bringt, einmal die gesamte Strecke abzufahren und Fotos zu machen.
Vielleicht sollte ich einen Fotokurs machen. Irgendwann, wenn ich mehr Zeit habe.
Laaerbergstraße
Mit beschwingten Schritten mache ich mich auf den Schulweg, aber sobald ich durchs Schultor gehe, bin ich wieder Jakob. Jakob und sonst niemand.
»Anthony macht ’ne Party«, sagt Lukas und schmeißt seinen Rucksack auf den Sessel neben mir.
»Gehst du hin?«
»Wann?«
»Diesen Samstag.«
»Diesen Samstag?« Diese zwei Wörter reichen, um Jeremy in mir zumindest kurz aufflackern zu lassen.
Lukas sieht mich verwundert an. »Was grinst du denn so?«
Mir war nicht bewusst, dass mein inneres Grinsen tatsächlich bis in meine Mundwinkel gewandert ist. »Ach nichts«, sage ich schnell und bemühe mich, wieder ernst dreinzuschauen.
Jeremy. Ist. Ein. Glückspilz. Bei HulaHoop muss ich am Samstag raus und Gustavo hat erst ab Sonntag Zeit. Für die Nacht von Samstag auf Sonntag habe ich zwar schon Anfragen geschickt, aber noch keine Zusagen erhalten. Hat sich dieses Problem also quasi von selbst gelöst. Nach der Party kann ich sicher bei Anthony schlafen.
»Ich komm fix«, sage ich also.
Filmteichstraße
Am Samstag bin ich schon um sieben bei Anthony.
»Stell dein Zeugs einfach zu meinen Eltern ins Zimmer«, bietet er mir an. »Da kotzt dir sicher niemand drauf.«
Ich hieve meinen Rucksack von den Schultern und stelle ihn neben das Doppelbett auf den Boden, dann folge ich Anthony in die Küche. Er grinst. »Erzähl mal!«
»Gibt nix zu erzählen.«
»Natürlich«, sagt Anthony ironisch. »Wenn du schon zu früh auf meiner Party auftauchst, dann musst du mir auch die Zeit vertreiben, bis die Bowle fertig ist.«
»Ich wollt ja gar nicht so früh kommen«, verteidige ich mich.
»Aber?« Anthony sieht mich fragend an.
Ich zucke mit den Schultern. »Nix aber.«
»Hm.« Anthony dreht mir den Rücken zu und schnippelt Apfelstücke. »Lukas hat da so was erwähnt.«
»Lukas? Was hat der denn erzählt?« Ich versuche, ruhig zu klingen, aber mein Herz beginnt zu klopfen und meine Handflächen zu schwitzen. Was zum Teufel hat Lukas erzählt?
Anthony dreht sich zu mir und grinst mich an. »Willst du?« Er hält mir eine Apfelspalte entgegen, die ich geistesabwesend nehme und mir in den Mund schiebe. »Sag schon, was hat Lukas gesagt?«
Anthony grinst noch breiter. »Eh nix«, sagt er. »Aber so, wie du reagierst, gibt es irgendwas, das er erzählen hätte sollen.«
Ich atme hörbar aus. Anthony weiß gar nichts. Mein Herzschlag beruhigt sich. Gleichzeitig bin ich enttäuscht. In Anthonys Augen bin ich wohl tatsächlich nur der kleine Jakob, der zwei Stunden zu früh bei einer Party auftaucht und nicht besonders interessant ist. Ich beginne wortlos, Bananen und Orangen in kleine Stücke zu schneiden und in die Bowlenschüssel zu werfen. Auch Anthony sagt nichts mehr.
Mir fällt ein, dass ich meiner Mutter für morgen absagen muss. Ganz wohl fühle ich mich dabei nicht. Wäre schließlich gerade erst das zweite Sonntagsessen mit ihr. Aber ich nehme an, dass die Party lange dauern wird und ich danach erst mal ausschlafen muss. Da schaffe ich es vermutlich nicht, zu Mittag zum Essen zu kommen.
Wir machen morgen einen Ausflug, Sonntagsessen also diesmal ohne mich, schreibe ich. Wer ›wir‹ sind, lasse ich offen.
Schade, kommt gleich darauf zurück. Ich wünsch dir aber einen schönen Ausflug mein Großer.
Mein Großer. So hat sie mich noch nie genannt. Fühlt sich komisch an. Schnell packe ich mein Handy wieder weg.
Ich bin froh, als Lukas da ist. Er ist nach mir der Erste, der kommt. Mit dem letzten Bus, der aus unserer Siedlung in die Stadt fährt.
Bei uns draußen gibt es nur ein Lokal, das ›Malibu‹. Dort kannst du Darts spielen oder einarmiger Bandit und dir die Birne wegsaufen. Am Nebentisch sitzt wahrscheinlich deine Nachbarin, und der Opa deines Volksschulfreundes greift der Kellnerin an den Hintern. Das Malibu verbindet die Generationen.
Lukas und ich, wir waren die von der Tankstelle. Trostlos, ich weiß. Aber bevor wir uns ins Malibu setzen, stehen wir lieber vor den Zapfsäulen und trinken Dosenbier. Die Abende an der Tankstelle waren zwar nicht der Hammer, aber besser als nichts. Marcel hat die Schule abgebrochen und jobbt jetzt dort. Marcel ist okay. Zwar nicht der Hellste, aber noch immer besser als die Typen im Malibu.
Langsam trudeln weitere Leute ein und bald ist es ziemlich voll. Anthony mag alle und alle mögen Anthony. Er ist gut darin, Leute zusammenzubringen. Egal welche.
Anthony ist der perfekte Gastgeber und ständig woanders. Ich stehe mit Lukas im Türrahmen zum Wohnzimmer und fische die Früchte aus meinem Bowlenglas. Eigentlich mag ich Bowle nicht. Ist mir zu süß. Ich suche nach einem Ort, wo ich den vollen Becher unauffällig abstellen kann. Dann überlege ich es mir anders und kippe den Inhalt in einem runter. Wohin ich den Becher stellen soll, weiß ich dann aber immer noch nicht.
Ich fühle mich komisch. Habe das Gefühl, meine Arme und Beine sind viel zu lang, und ich weiß nicht, wohin mit ihnen. Auf Partys ist es immer so, dass ich mit Lukas rumstehe und die anderen beobachte. Manchmal habe ich auch den Eindruck, als würden die anderen mich beobachten. Wie ich dastehe mit dem leeren Becher und nicht weiß, was tun. Vielleicht bilde ich mir das aber nur ein. Vielleicht schaut gar niemand. Vielleicht ist es nur die Bowle.
Und dann reicht es mir. Mit dem Becherhalten und dem Komischfühlen und dem Nicht-wissen-wohin. Wieso steht Jakob einfach nur herum und lässt alles um sich geschehen? Jeremy würde sich was zu trinken holen, ein paar lockere Worte mit irgendwem wechseln und dann ab auf die Tanzfläche.
Und er macht das jetzt einfach. Jeremy geht in die Küche, holt sich ein Cola aus dem Kühlschrank, schlendert dann gemächlich ins Wohnzimmer, wo schon relativ viele Leute herumstehen und sich unterhalten, aber niemand tanzt, weil nur leise Musik aus den Boxen kommt. Jeremy steckt eine Hand in die Hosentasche, mit der anderen setzt er die Flasche an den Mund und macht einen Schluck. Schaut sich um. Jeremy kann ganz anders schauen als Jakob. Jakob schaut, als würde er gleich den nächsten Fluchtweg suchen. Jeremy schaut, als wollte er herausfinden, wen er als nächstes zum Tanzen auffordern soll.
Jeremys Arme und Beine haben genau die richtige Länge.
Ich tippe einen Typen neben mir an, den ich definitiv noch nie gesehen habe. »Why is no one dancing?«, frage ich.
»Everybody wait for Karaoke.« Er scheint sich nicht zu wundern, dass ich Englisch mit ihm spreche.
»Ah, thanks.« Ich hebe meine Colaflasche.
Heute Abend werde ich nur noch Englisch reden. Sollen die anderen doch denken, was sie wollen. Ich mache noch einen Schluck und wippe im Takt der Musik.
Plötzlich dreht sich das Mädchen um, das bisher mit dem Rücken zu mir gestanden ist, und ich sehe, dass es Nadine ist. Nadine. Aus der Parallelklasse. Sie ist mir schon in der Unterstufe aufgefallen. Nicht, weil sie besonders hübsch wäre oder witzig oder besonders beeindruckend auf sonst irgendeine Art. Sie ist mir einfach aufgefallen. Und mit auffallen meine ich auffallen. Nicht gefallen. Auffallen.
Weil wir nicht in dieselbe Klasse gehen, hatte ich bisher nie viel mit ihr zu tun. Die paar Male, die wir uns über den Weg gelaufen sind, habe ich ihr nachgesehen, bis sie weg war. Aber damit ist sie keine Ausnahme. Es gibt viele Menschen, denen ich nachschaue. Ich sehe Menschen gerne an. Das ist einfacher, als mit ihnen zu reden.
Jetzt sieht sie mir direkt in die Augen und drückt mir ein Bier in die Hand. »Halt mal«, sagt sie und ich tue, was sie sagt. Halte ihr Bier und sehe ihr schon wieder nach. Sie schiebt sich an ein paar Herumstehenden vorbei und springt zu einem Mädchen auf die Bühne, die Anthony aus zusammengeschobenen Tischen gebaut hat.
Anthony hat die größte Auswahl an Karaoke-Liedern, die ich kenne. Ich kann Karaoke nichts abgewinnen, aber die meisten drehen total durch, wenn sie Anthonys Bühne sehen, und tragen sich reihenweise in Listen ein.
Anthony selbst verbringt einen großen Teil seiner Partys hinter dem Laptop, aber das scheint ihn nicht zu stören. Er schaltet die Musik zu und Nadines Freundin beginnt, ins Mikrofon zu grölen. Nadine macht Background Vocals. Ich kenne das Lied nicht, aber es klingt nicht so, als wären im Original Background Vocals vorgesehen. Die Freundin springt wild herum und brüllt ins Mikro, Nadine bekommt einen Lachanfall und kann nicht weitersingen. Sie hüpft nur noch kichernd auf der Bühne herum.
Inzwischen ist mir Lukas gefolgt. Er stößt mich an und verdreht die Augen. »Die spinnen echt.« Dann greift er nach der Bierflasche in meiner Hand.
Ich halte sie fest. »Geht nicht. Die gehört Nadine.« Auch wenn ich mir vorgenommen habe, heute nur Englisch zu reden, mit Lukas kann ich das nicht. Englisch ist sein wunder Punkt. Besser gesagt ist die Klein sein wunder Punkt und die ist blöderweise unsere Englischlehrerin.
»Ach komm. Die hat doch schon längst drauf vergessen.«
Ich schüttle den Kopf und lasse die Flasche nicht los. Lukas zuckt die Achseln und macht sich auf Richtung Küche, um sich eine eigene zu holen. Als er zurückkommt, ist Jeremy fast schon verschwunden. Mit Lukas zusammen funktioniert Jeremy nicht.
Das Letzte, was von Jeremy noch da ist, ist Nadines Bierflasche. Es tut gut, sie zu halten und Nadine zuzusehen. Es ist eine schöne, einfache Aufgabe. Immer wieder nehme ich einen Schluck davon. Eigentlich will ich gar nicht mehr, als schauen, aber als Nadine fertig gesungen hat, kommt sie zu mir. Das will ich gar nicht. Sie soll da oben bleiben, auf der Bühne. Oder sich von mir aus mit jemandem neben mir unterhalten. Irgendetwas tun, wobei ich ihr zuschauen kann. Aber nicht mit mir reden. Doch sie steuert zielstrebig auf mich zu.
»Ist nichts mehr drin«, sage ich entschuldigend, als sie bei mir angelangt ist. »Tut mir leid. Ich hol dir ein neues.«
Mit dem frischen Bier in der Hand versuche ich, einen Weg zu Nadine zu finden, ohne wieder an Lukas vorbeizumüssen. Ich würde jetzt gerne mit ihr reden. Was auch immer, Jeremy würde schon etwas einfallen. Er würde sie in ein Gespräch verwickeln, über Background Vocals, über Biersorten, über Anthony oder auch nur übers Wetter. Whatever.
Aber Lukas lässt mich nicht. Lukas fühlt sich auf Partys genauso komisch wie Jakob und passt mich an der Wohnzimmertür ab. Mit Lukas an der Seite schafft es Jakob gerade noch, Nadine das Bier in die Hand zu drücken und auf ihr Lächeln ein bisschen den Mund zu verziehen, bevor er sich umdreht und den Raum verlässt.
Ich versuche mir einzureden, dass es mir egal ist.
Gegen drei gehen auch die Letzten und ich lasse mich auf die Couch fallen. In meinem Rucksack ist mein Pyjama, aber ich bin zu müde, um ihn auszupacken. In Jeans und Pulli wickle ich mich in die Decke, die Anthony mir zugeworfen hat.
Lukas ist schon eine Zeit lang weg, seine Mutter hat ihn mit dem Auto abgeholt. Macht sie oft. Sie ist eine Nachteule, meint sie, und es stört sie nicht, um zwei Uhr früh durch die Gegend zu fahren. Bis jetzt hat sie mich immer mitgenommen. Aber ich muss da nicht mehr hinaus. Ich wohne jetzt in der Stadt. Ich ziehe die Decke enger um mich, drehe mich zur Seite und lächle ins Sofa hinein.
Ich muss da nicht mehr hin.
Ich wache davon auf, dass Anthony rund um die Couch Sachen einsammelt.
»Sorry«, flüstert er, als er merkt, dass er mich geweckt hat. »Irgendwann muss ich damit anfangen.«
»Schon okay«, murmle ich verschlafen.
Anthony grinst. »Mit dem Staubsaugen warte ich noch, keine Sorge.«
Ich döse nochmal ein, schrecke aber gleich wieder hoch, als die Türklingel läutet. Wenig später höre ich Nadines Stimme im Vorzimmer. »Die muss irgendwo hier liegen.«
»Hast du Nadines Geldbörse gesehen?«, ruft Anthony.
Ich antworte nicht, denn ich bin offiziell wieder eingeschlafen. Gesehen habe ich sie so oder so nicht.
Anthony und Nadine kommen ins Wohnzimmer. »So ein Scheiß«, flucht Nadine.
»War da viel drin?«
»Geld nicht, aber Schülerausweis und so.«
»Liegt bestimmt hier irgendwo«, sagt Anthony. »Du hast den ganzen Nachmittag Zeit zum Suchen.«
Ich höre, wie Nadine Türen öffnet und schließt, Mäntel an der Garderobe durchsucht und Gläser auf die Seite schiebt. Lange geht das so. Anthonys Haus ist groß.
Dann beugt sie sich über mich und kramt hinter der Couch herum, auf der ich liege. Ich halte die Augen geschlossen und bemühe mich, gleichmäßig zu atmen. Schließlich schlafe ich und wache nicht auf, nur weil Nadines Arm über meinem Gesicht ist. Nadine riecht nach Gewürzen, die ich nicht kenne. Ich weiß nicht, ob das ihr Shampoo ist oder ihr Deo. Ich weiß nur, es bringt mich völlig durcheinander.
Ich stelle mir vor, wie sie den Arm einfach auf meine Brust fallen lässt und sich neben mich legt, und dann versuche ich schnell, mir etwas anderes vorzustellen, weil das mit dem gleichmäßigen Atmen nun überhaupt nicht mehr funktioniert und ich mir nicht vorstellen will, wie Nadine reagiert, wenn sie das merkt.
Schließlich sucht sie bloß ihre Geldbörse und stellt viel zu schnell fest, dass sich diese definitiv nicht hinter der Couch befindet.
Ich muss nochmal eingeschlafen sein, denn das Nächste, was ich sehe, sind die Rücken von Nadine und Anthony. An meine Couch gelehnt sitzen sie vor dem Bildschirm und spielen Autorennen ohne Ton.
Nadine dreht sich zu mir um. »Guten Morgen!«
»Endlich!« Anthony dreht den Ton auf. »So machts doch gleich viel mehr Spaß.«
Mein Rücken tut weh und ich habe einen komischen Geschmack im Mund. Außerdem muss ich aufs Klo. »Ich geh mal duschen«, sage ich.
Das ist etwas, was ich von Jeremy schnell gelernt habe. Mich immer gleich zuhause zu fühlen oder zumindest so zu tun, als ob.
In der Dusche fällt mir auf, dass jemand in Anthoys Haushalt das gleiche Duschgel benutzt wie Andi blueballoon. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Musik düdeln und Nadine fluchen. Dann drehe ich den Duschstrahl auf.
Mit Sandelholzduft im Haar fühle ich mich gleich ein bisschen mutiger. Zurück im Wohnzimmer tippe ich Anthony auf die Schulter. »Kann ich auch mal?«
»Sicher.« Ohne zu zögern drückt er mir den Controller in die Hand, woraufhin sein Fahrzeug prompt von der Strecke fällt und von einer lächelnden Wolke wieder nach oben gebracht wird.
»Doch nicht mitten im Spiel!« Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen, kriege aber den Wagen nicht mehr auf eine gerade Spur, so sehr ich mich auch bemühe. Egal, es gibt noch eine Runde. Und eine nächste. Und übernächste.
Nach diesem Nachmittag weiß ich noch immer nicht viel über Nadine. Ich weiß, dass sie nicht singen kann und verdammt gut Mario Kart spielt. Weiß, dass sie ihre linke Augenbraue heben kann, ohne mit der rechten dasselbe zu tun. Und weil ich Sandelholz im Haar habe, habe ich sie gefragt, ob sie das auch umgekehrt vormachen kann. Rechts heben, links nicht. Konnte sie nicht.
»Und jetzt du«, hat sie mich aufgefordert und mich mit ihrer linken Augenbraue zum Lachen gebracht.
Aber bei mir ist da keine Chance. Nicht mal Jeremy kriegt die Brauen zu unterschiedlichen Zeitpunkten hoch. Da heben sich immer beide.
Kalvarienberggasse
Gustavo ist aus Spanien und der erste, der tatsächlich so heißt, wie er angegeben hat. Wenn er es ausspricht, klingt es wie ›Gustabo‹. Seine Mitbewohnerin ist gerade nicht da und so darf ich fast eine Woche in ihrem Hochbett schlafen. Dem wahrscheinlich höchsten Hochbett der Stadt, zu dem eine lange Sprossenwand hinaufführt. »You shouldn’t climb up there when you’re drunk«, warnt mich Gustavo scherzhaft.
Schnell schüttle ich den Kopf. »I know I’m Scottish but I don’t drink much.«
»Oh, but a bit you drink, right?«
Ich nicke. »A bit.« Gustavos Englisch klingt lustig, aber soweit ich verstanden habe, spricht er fast überhaupt kein Deutsch.
Gustavo ist erst seit einem halben Jahr hier, dennoch hat er ständig Besuch von unterschiedlichen Leuten, die alle Spanisch sprechen. Sie sind total nett zu mir und laden mich ein, mit ihnen in der Küche zu sitzen und zu trinken. Aber nach zwei Sätzen Englisch wechseln sie wieder ins Spanische.
»I’m sorry«, sage ich, als ich aufstehe, um in mein Zimmer zu gehen.
»I don’t understand a thing.«
»Ah, we are sorry!« Bestürzte Gesichter. »But we don’t manage not to speak Spanish. We’re really sorry!«
»It’s okay«, wehre ich ab. Gustavos Freunde wirken zwar alle sehr sympathisch, aber ich muss sowieso meine Hausaufgaben machen und für die Stundenwiederholung lernen. Da kommt es mir nur gelegen, eine gute Ausrede zu haben.
»When I get home to Glasgow I will do a Spanish course and next time I come here we can talk«, verspreche ich der Gruppe. »Okay?« »You definitely have to come another time«, sagt Gustavo erfreut. »And if not here then you must come to visit me in Spain, promise?« »Promise«, sage ich und verschwinde Richtung Zimmer mit dem höchsten Hochbett der Stadt.
Freitagfrüh fliegt Gustavo auf Urlaub nach Bilbao, wo er herkommt. »You can choose«, sagt er. »You can stay until Thursday. Or you stay until Friday but then you have to leave the flat together with me at five o’clock in the morning. I have an early flight.«
Am Freitagabend kann ich bei OMG it’s me vorbeikommen. Ich bin zu faul, nur für eine Nacht Leute anzuschreiben. Seit HulaHoop bemühe ich mich, wirklich alle Profile genau durchzulesen, und das ist mir gerade zu mühsam.
Also stehe ich am Freitag um halb fünf auf, damit ich eine halbe Stunde später mit Gustavo das Haus verlassen kann.
»Sorry«, sagt er. »I’m really sorry you have to get up so early because of me.«
»No problem«, versichere ich ihm.
»Where are you going now?«, will er wissen.
»Not sure. Can I take you to the airport?«
Flughafen
Ich begleite Gustavo zum Check-in und zum Eingang zur Security und winke ihm nach, bis ich ihn nicht mehr sehe.
Tue genau das Gleiche wie die Leute neben mir auch.
An jedem anderen Freitag müsste ich jetzt in die Schule fahren. Heute nicht, unsere Schule hat uns einen schulautonomen Tag spendiert. An jedem anderen Freitag hätte ich mich darüber gefreut. Hätte lang geschlafen, wäre rüber zu Lukas, irgendwelche Games spielen.
Diesmal fühlt es sich anders an. Der ganze Tag liegt vor mir und will gefüllt werden. Nur womit?
In der Schule hätte ich wenigstens etwas zu tun und warm wäre es auch.
Egal, Jeremy findet sich schon was. Ich spaziere durch das Flughafengebäude und beschließe, mir ein Frühstück zu gönnen. Im Terminal 1 setze ich mich in ein Café und studiere die Karte, in der der Unterschied zwischen den verschiedenen Wiener Kaffeesorten genau erklärt wird. Das meiste davon ist auch für mich neu. Schließlich entscheide ich mich für einen Franziskaner, einen kleinen schwarzen Kaffee mit viel Milch, Schlagobershaube und Schokopulver.
Danach streife wieder durch das Flughafengelände, aber irgendwann wird das langweilig. Mit einem Seufzer lasse ich mich auf eine der Sitzgelegenheiten sinken, so richtig bequem sind die jedoch nicht. Ich könnte wieder nach Wien reinfahren, überlege ich. Aber dann wohin? Wenn es warm wäre, könnte ich mich in einen Park legen, aber obwohl die Sonne scheint, merkt man der Luft an, dass es Ende Oktober ist. Ich sehe auf die Uhr. Noch sieben Stunden, bis ich zu OMG it’s me kann.
Ich merke, wie ich langsam grantig werde. Ich bin müde und meine linke Schulter tut weh, vermutlich vom langen Rucksackschleppen. Was für eine blöde Idee, die Nacht auf heute noch bei Gustavo zu bleiben. Das habe ich jetzt davon, dass ich zu faul war, mir einen host für eine Nacht zu organisieren. Ich schaue auf die Uhr. Noch immer sieben Stunden, die Zeit zieht sich wie in der schlimmsten Schulstunde nicht.
So soll es nicht sein, so war das nicht gedacht. Jeremy soll Spaß haben in dieser fremden Stadt und nicht blöd herumwarten an Orten wie diesen.
Ein kleines Kind stellt sich vor mich und sieht mich mit offenem Mund und großen Augen an. Genervt drehe ich mich weg. Nur weil es süß schauen kann, braucht es nicht zu glauben, dass ich jetzt lächle.
Aber plötzlich ist mein Grant wie weggeblasen und es hat nichts mit dem Kind zu tun. Sondern damit, dass ich eine Idee habe, wo ich den Nachmittag verbringen könnte. An einem Ort, der mich an meine Kindheit erinnert. Wo es Betten gibt, in die ich mich legen kann. Und Fleischbällchen. Und Kartoffelpüree. Und Mandeltorte.
Sverigestraße
Eineinhalb Stunden später sperre ich meinen Rucksack in das Schließfach beim Ikea-Eingang und strecke mich. Tut gut, dieses schwere Ding endlich los zu sein. Ich gehe die Stiege hinauf und lächle. Sofas ohne Ende. Aber ich kann mich nicht einfach aufs erstbeste werfen und laut zu schnarchen beginnen. An einem Freitag wie heute laufen hier zu viele Leute rum.
Langsam schlendere ich durch die Abteilungen und versuche, eine versteckte Liegegelegenheit auszumachen. Die meisten Betten und Sofas stehen in der Mitte des Raums und eine Jungfamilie nach der anderen schmeißt sich auf sie, um zu testen, ob sie bequem genug sind. Nichts für mich.
Die Pfeile auf dem Boden leiten mich durch die Abteilungen. Immer wieder kann man durch Türen in kleine Wohneinheiten gehen.
Unser Zuhause auf 35 m2.
Bett, Fernseher, Küche, Bad. Alles. Klar, wenn man so hohe Räume hat wie Ikea, kann man einfach alles in die Höhe schachteln und kommt locker mit wenig Grundfläche aus.
Ich schlendere weiter.
Unser Zuhause auf 25 m2.
Auch hier geht sich alles aus. Mit Hochbett allerdings. Das sehe ich mir genauer an. Kann ja sein, dass ich es kaufen will. Die Sprossen der Leiter sind mit einem Plastikschild verhängt.
Da sich in der Decke Stromleitungen befinden, bitten wir dich, dein Kind nicht im oberen Bett spielen zu lassen.
Ich will nicht spielen, ich will schlafen. Das Schild gilt also nicht für mich.
Eine Matratze ist da. Die unterste Sprosse ist nicht vom Schild verdeckt und wenn ich mich draufstelle, kann ich sehen, dass auf der Matratze sogar Bettwäsche liegt.
Ich blicke mich um. Im Moment will niemand wissen, wie man toll auf 25 Quadratmetern wohnen kann. Soll ich …?
Einfach nicht nachdenken. Einfach machen. Mit einem Ruck hieve ich mich hinauf und rolle mich auf die Seite. Wenn ich mich ganz an die Wand lege, sieht mich von unten bestimmt niemand. Sicherheitshalber schichte ich die Bettdecke so neben mir auf, dass sie einen Sichtschutz bildet.
Mein Herz klopft wie wahnsinnig, aber es beruhigt sich nach und nach. Nur wenige Leute gehen in der 25 m2-Box ein und aus. Niemand von ihnen scheint sich dafür zu interessieren, was sich auf dem Hochbett befindet.
»Da ist mal ein Kind von oben runtergefallen und war tot«, sagt einer. »Seitdem darf man da nicht mehr rauf.«
Irgendwann schlafe ich tatsächlich ein.
Ich wache davon auf, dass unter mir ein Kind quengelt. »Mach nicht so ein Gesicht«, höre ich ein genervtes Elternteil. »Irgendjemand in dieser Familie macht immer ein Gesicht, das reicht mir schön langsam.«
Meine Uhr zeigt mir, dass ich drei Stunden geschlafen habe. Ich bin von mir selbst beeindruckt.
Als ich weder das Kind mit dem Gesicht noch das genervte Elternteil mehr höre, beuge ich mich vorsichtig vor und spähe hinunter. Niemand da. So schnell ich kann, klettere ich vom Bett und verschwinde in der Badeeinheit. Fast vergesse ich, dass die Toilette hier nicht ans Kanalsystem angeschlossen ist. Rechtzeitig klappe ich den Klodeckel wieder zu und grinse mich selbst im Spiegel an. Noch zweieinhalb Stunden bis OMG it’s me zuhause ist. Ich gähne und strecke mich, dann mache ich mich auf den Weg ins Restaurant.
Fleischbällchen mit Kartoffelpüree. Und Mandeltorte. Vor dem Fenster rauscht die Stadtautobahn. Nach der Torte ist mir schlecht. Wie früher.
Ich lächle dem Verkehr zu. Dann rufe ich OMG it’s me an.
Dietrichgasse
OMG it’s me heißt Peter und wohnt direkt gegenüber vom Verkehrsamt, das ein langgezogener, hässlicher Block ist. Die Wohnung selbst ist aber recht gemütlich und ich kriege sogar ein eigenes Zimmer, in dem ich mich gleich auf dem Sofa ausstrecke. Meine Schulter tut noch immer weh.
Lange kann ich mich nicht ausruhen, denn Peter will mich auf ein Konzert schleppen. Eigentlich sind es sogar mehrere Konzerte, ein Festival, von dem ich noch nie gehört habe. Auch die Bandnamen sagen mir nichts.
»Dafür habe ich kein Geld«, sage ich entschuldigend. »Leider.« Das stimmt zwar nicht so ganz, aber nach dem Ikea-Essen habe ich mir vorgenommen, etwas mehr auf mein Geld zu schauen.
Peter lacht. »Ach komm, glaubst du, ich? Wir kommen da schon irgendwie rein.«
»Meinst du?« Wie sollen wir da ›einfach so‹ reinkommen?
Aber Jeremy zweifelt nicht. Jeremy macht einfach. Also komme ich mit.
Franzosengraben
Gemeinsam mit Peter reihe ich mich in die Schlange ein, um unser nichtvorhandenes Ticket herzuzeigen. Als wir dran sind, reckt Peter das Kinn in die Höhe. »Wir müssen zu Tom.«
›Irgendeiner heißt immer Tom‹, hat er mir davor erklärt.
»Welcher Tom?«, will der Kartenabreißer wissen.
»Tom Tom«, sagt Peter mit unfreundlichem Tonfall. »Tom organisiert hier das Ganze.«
Ein bulliger Typ, der an der Nachbarschlange die Tickets kontrolliert, wirft einen misstrauischen Blick auf uns. »Ich organisierte hier das Ganze.«
»Das ist ein Bluff«, flüstert mir Peter zu. »Wer immer das organisiert, hat jetzt gerade Besseres zu tun, als Karten abzureißen.« Dann wird er wieder laut: »Ich muss Tom was geben.«
Hinter uns beginnen die Leute zu maulen. »Jetzt macht endlich weiter.«
Der bullige Typ verlässt seine Schlange und baut sich vor uns auf. »Es gibt keinen Tom und ohne Ticket kommt ihr hier nicht rein. Haut ab.«
»Sonst funktioniert das immer«, meint Peter niedergeschlagen, als wir wieder vor dem Gebäude stehen. »Keine Ahnung, was der wollte.«
»Ist doch egal«, meine ich. »Wir haben es zumindest versucht.«
Peter schüttelt den Kopf. »Wir kommen rein. Ich komm immer rein. Das wäre doch gelacht.«
Das Gebäude sieht aus wie eine alte Fabrik. Wir gehen außen an der Mauer entlang bis zur Kreuzung, an der sich zwei mehrspurige Straßen treffen. Peter zeigt auf drei Verkehrsschilder, auf dem vierten darunter steht ›Ende‹. »Da kann man rauf«, sagt er. Ich blicke nach oben. Die Mauer, die neben uns mit ihren Graffiti weit in die Höhe ragt, hat tatsächlich einen kleinen Vorsprung. Eine Art metallener Sims oberhalb der Werbetafeln, die unten angebracht sind. Breit genug, um darauf zu balancieren. Aber auch hoch genug, um sich ziemlich sicher zu verletzen, wenn man da runterfällt.
Ich schiebe diese Gedanken beiseite. Jeremy hat keine Angst. Jeremy macht sowas bestimmt auch nicht zum ersten Mal. Er steigt, ohne zu zögern, in Peters verschränkte Hände, als der ihm Räuberleiter macht.
Es gibt praktischerweise einen kleinen Vorsprung, auf den ich steigen kann, als ich mich zwischen Schildern und Mauer hinaufhangle, bis ich auf dem Sims stehe. Er ist schmäler, als es von unten ausgesehen hat, und leicht schräg. Ich merke, wie meine Knie zittern. Keuche und warte, bis sich mein Atem beruhigt. Peter kommt mir scheinbar ohne Mühe nach. »Los, schnell weiter«, zischt er, weil ich planlos und nervös herumstehe.
Also stütze ich mich mit der linken Hand an der Mauer neben mir ab. Die rechte ausgestreckt, um die Balance zu halten.
Ich spüre Peters Hand zwischen meinen Schulterblättern. »Da vorne, wo der Efeu ist, geht’s runter.«
Vorsichtig schiebe ich einen Fuß vor den anderen. Irgendwie schaffe ich es tatsächlich, bis dorthin zu gelangen, wo der Efeu beginnt, die Wand entlangzuwachsen. Hier hört die hohe Mauer auf und man kann in den Innenhof des Gebäudekomplexes springen. Ohne Knochenbruch.
»Na los!« Peter sieht sich schnell um. »Grad schaut niemand.«
Einfach nicht denken. Einfach Jeremy sein. Einfach machen.
Kurz befürchte ich, dass meine Armmuskeln zu schwach sind, um mich langsam an der Innenseite herunterzulassen, und dass ich ungebremst die Wand runterrutschen werde. Doch Jeremy hat Muskeln. Jeremy kann das.
Unten angekommen klopfen wir uns den Dreck von Hosen und Jacken. Mein Herz rast und meine Muskeln zittern. Ich will mir vor Peter nichts anmerken lassen und versuche, lässig auszusehen, als ich mich auf eine der Holzbänke sinken lasse.
»Letztes Mal, als ich das versucht hab, hat mich die Security rausgeschmissen.«
Ich sehe ihn mit großen Augen an. »Und du probierst es trotzdem noch einmal?«
Peter grinst. »Ich wollt mir beweisen, dass ich das kann«, sagt er.
»Und dir.«
Ich schüttle den Kopf. »Mir hättest du nichts beweisen müssen.«
Peter grinst noch breiter. »Aber du findest schon gut, dass wir drin sind, oder?«
Ich sehe mich um. Er hat recht. Jeremy findet es sehr gut hier. Jeremy lässt sich auch von keiner Security erwischen.
Und ich, Jakob, bin auch drin.
Die erste Band hat einen lateinischen Namen und ist hauptsächlich laut. Peter wirbelt seine Haare durch die Luft. Ich trete von einem Bein aufs andere und grinse. Ab und zu nehme ich einen Schluck von seinem Getränk, das sowieso ich in der Hand halte, weil Peter mit wildem Zucken beschäftigt ist.
In der Umbaupause zwischen zwei Bands stößt Peter mich an und deutet auf die Armbänder, die außer uns alle tragen. »Komm, wir holen uns auch eins.«
Peters Hobby scheint es zu sein, verbotene Dinge zu tun. Ein Armband zu besorgen hat nämlich überhaupt keinen Sinn, schließlich sind wir schon auf dem Festivalgelände. Es ist auch unmöglich, eines zu ergattern. Die Leute vom Einlass halten die gut unter Verschluss und binden sie nur den Leuten ums Handgelenk, die ein Ticket vorweisen können.
»Das ist doch verschwendete Zeit«, protestiere ich.
Peter scheint das einzusehen. »Dann lass uns zum Merchandise-Stand gehen.«
Ich folge ihm zum Stand im Vorraum, an dem bereits einige Leute stehen und sich durch T-Shirts, Schlüsselanhänger, Taschen und CDs wühlen, die auf dem Tisch liegen.
»Ich hol mir ein T-Shirt«, lässt mich Peter wissen.
Ich finde es eigentlich nicht okay, hier vom Merch-Stand Sachen mitgehen zu lassen. Aber ich will Peter nicht enttäuschen. Warum muss Jakob auch ständig so korrekt sein?
Trotzdem, ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen keinen Eintritt zahlen und einfach einer Band etwas stehlen. Keine Ahnung, wie viel man als Teil einer Metal-Band so verdient, vielleicht ist es denen auch egal, wenn was fehlt. Aber ich habe im Moment selbst so eine beschränkte Anzahl an Dingen, dass ich mir nicht vorstellen will, wie es wäre, wenn sich da jemand einfach so bedient.
Aber Jeremy denkt nicht so. Jeremy macht einfach.
Ein Schlüsselband hat bestimmt nicht viel gekostet, rede ich mir ein, als ich das Ding von der Tischfläche ziehe, während Peter die beiden Verkäufer in ein Ablenkungsgespräch verwickelt.
Draußen vergleichen wir unsere Schätze. »Mager«, kommentiert er meine Beute und präsentiert mir seine: ein T-Shirt mit dem Logo einer der Bands.
»Ich brauche sonst nichts«, behaupte ich, obwohl ich frische T-Shirts durchaus gebrauchen könnte, nur keine mit Heavy-Metal-Aufdruck drauf. Einen Schlüsselanhänger an einer Hundeleine brauche ich definitiv nicht, aber das muss Peter nicht wissen. »Ich habe immer die Panik, dass ich die Schlüssel meiner hosts verliere, da ist so etwas praktisch.« Das ist sogar nicht mal gelogen. Nur die Totenköpfe, die das Band zieren, finde ich ein bisschen kindisch.
Dietrichgasse
Das Wochenende verschlafen wir größtenteils. Oder dösen auf dem Sofa. Oder spielen Computer. Auch Peter scheint der Freitag gereicht zu haben und er macht Samstagabend keine Anstalten, die Wohnung verlassen zu wollen. Ist mir auch recht. Wir bestellen Pizza und machen sonst nicht viel.
Am Sonntag gebe ich vor, eine kleine Sightseeing-Runde machen zu wollen. Peter hat mir den Friedhof der Namenlosen empfohlen und ich spekuliere darauf, dass er mich nicht begleiten will, weil die Welt draußen irgendwo zwischen grauen Wolken und Nieselregen stehen geblieben zu sein scheint. Mein Plan geht auf, Peter bleibt auf der Couch.
»Grüß mir die Namenlosen«, ruft er mir nach.
Schützenweg
Auch diesmal fühlt es sich komisch an, irgendwie als Gast das eigene Haus zu betreten. Vertraut und fremd zugleich. Aber nicht schlecht. Definitiv kein schlechtes Gefühl. Hier nicht sein zu müssen, sondern zu können.
Trotzdem gibt es mir einen kleinen Stich, als meine Mutter Lasagne auf den Tisch stellt. Ich liebe Lasagne. Aber wahrscheinlich ist es nur der Hunger, denn das Gefühl ist sofort wieder vorbei, als ich mir den ersten Bissen in den Mund schiebe.
Beim Verabschieden lächle ich.
Laaerbergstraße
Am Montag in der Schule trage ich das Schlüsselband mehrmals ums Handgelenk gewickelt. Ich will gefragt werden, was ich am Wochenende erlebt habe.
»Seit wann stehst du auf Totenköpfe?«, fragt David in der Pause auch tatsächlich.
Plötzlich habe ich Lust, irgendeinen Blödsinn zu erzählen. Wenn Jeremy das kann, kann Jakob das auch.
»Voll die Scheiße«, sage ich also leise.
David sieht mich irritiert an. »Wieso Scheiße?«
»Elektronische Handfessel«, erkläre ich.
»Handfessel, genau.« David grinst spöttisch. »Wo soll denn da die Elektronik sein?«
Ich sehe ihn ernst an. »Spezialgewebe«, sage ich. »Nanotechnologie.« David grinst noch immer, aber ich merke, dass er nicht mehr zu hundert Prozent sicher ist, dass ich nur einen Scherz mache.
»Sie haben mich beim Schwänzen erwischt«, fahre ich mit Grabesstimme fort. »Ich darf mich nicht mehr als einen Kilometer von der Schule entfernen.«
»Sonst piepst es?«, fragt Azra. Ich kann nicht sagen, ob sie es ernst oder ironisch meint.
»Elektroschock«, flüstere ich. »Deshalb die Totenköpfe.«
Lukas schlägt mir mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.
»Idiot«, sagt er lachend. »Du schwänzt doch überhaupt nie. Du hast dir einfach einen pseudo-goth Scheiß umgebunden. Wo auch immer du den herhast.«
Ich versuche ernst zu bleiben, aber als ich die Gesichter von David und Azra sehe, pruste ich los.
»Normalerweise hätt ich dir das eh nicht geglaubt, aber jetzt …« David sieht mich lange an.
»Was meinst du mit ›aber jetzt‹?«
»Na ja, jetzt, wo du irgendwie wirklich schwänzt.«
Ich sehe, wie Lukas David einen warnenden Blick zuwirft, den David nicht sieht.
»Also halt zuhause und nicht in der Schule.«
Lukas zupft an dem Band an meinem Arm. »Kann ich das haben? Ich möcht unbedingt meiner Mum die Handfessel-Story erzählen. Dass ich das gekriegt hab, weil ich zu oft geschwänzt habe. Möcht wissen, was für ein Gesicht die macht.« Seine Stimme klingt nervös. Ich merke, dass er von etwas ablenken will. Ich weiß auch, von was. Sehe ihn scharf an. »Du hast was erzählt.«
Lukas zieht den Kopf zwischen die Schultern und sagt nichts mehr.
»Du hast David davon erzählt«, wiederhole ich.
»Jakob, entspann dich.« David legt mir die Hand auf die Schulter.
»Ist doch voll cool. Musst du doch nicht so ein Geheimnis drum machen.«
»Stimmt«, mischt sich Azra ein. »Musst echt kein Geheimnis drum machen. Wenn du mal irgendwas machst, das …« Sie spricht nicht weiter. Will mir wohl nicht noch extra unter die Nase reiben, wie stinknormal und langweilig ich eigentlich bin.
War.
Vielleicht finde ich es gar nicht so schlecht, dass Lukas den Mund nicht halten kann?
»Tut mir voll leid«, flüstert er. »Ist mir so rausgerutscht.«
»Rausgerutscht, mausgerutscht«, knurre ich, weil er nicht glauben soll, dass es okay ist, einfach so alles weiterzutratschen. Dabei genieße ich die Art und Weise, wie David und Azra mich plötzlich ansehen.
»Was hat er denn erzählt?«, will ich wissen.
David hebt dramatisch seine Hände, wie um eine Schlagzeile in die Luft zu schreiben.
»Geheimes Doppelleben – Schüler trickst mit zweiter Identität Eltern und Gastgeber aus.«
»Ja, genau«, sage ich trocken. »So stellt ihr euch das vor.«
»Wieso, wie ist es denn sonst?«, fragt Azra.
Ja, wie ist es sonst? Ich überlege. Dann nicke ich. »Hast schon recht. Stimmt schon so, irgendwie.«
Ich muss grinsen. Stimmt schon so. Genau. Stimmt schon so.
»Kann ich das Band jetzt haben?« Lukas sieht mich erwartungsvoll an. Sicher ist er erleichtert, dass ich nicht wirklich sauer bin. Ich wickle mir das Band vom Handgelenk und halte es Lukas hin.
»Eigentlich hat man doch eher Fußfesseln, oder?« David nimmt mir das Band aus der Hand und versucht, es Lukas ans Fußgelenk zu binden. Der lacht. »Sehr realistisch.« Er knotet das Band wieder auf und schnappt sich Azra, um es ihr umzuwickeln.
Ich grinse. Mir hätten sie es fast geglaubt.
Die Fußfessel wird zum Witz des Tages. Ständig versucht irgendwer, sie jemand anderem unbemerkt irgendwohin zu binden.
In der Mathestunde stößt Lukas mich an und deutet auf Taisas Platz. Vielmehr auf den Platz, wo Taisa normalerweise sitzt. Jetzt ist sie verschwunden, aber ihr Sessel wackelt ein bisschen. Als mein Blick nach unten wandert, sehe ich, wie sie unter dem Tisch hockt und sich an den Beinen von Henriks Stuhl zu schaffen macht.
Henrik wippt mit dem linken Fuß auf und ab, das rechte Bein steht still. Zu still. Taisa versucht langsam und vorsichtig, das Band daran zu befestigen.
»Das muss der doch merken«, flüstert Azra hinter mir. Ich sehe mich um. Wir sind nicht die Einzigen, die Taisa beobachten. Der Großteil der Klasse starrt gebannt auf sie. Nur Henrik merkt nichts und auch nicht der Brunner, der Gleichungen an die Tafel schreibt und sich wahrscheinlich freut, dass es so ruhig ist.
Doch dann ist er am Ende der Tafel angelangt und dreht sich um. Er muss nur unseren Blicken folgen, um Taisa zu entdecken.
»Taisa, was machst du schon wieder unter dem Tisch?«, dröhnt er.
»Herr Professor, was heißt ›schon wieder‹?«, fragt Azra. »Taisa war doch noch nie unter dem Tisch.«
»Jetzt gerade ist sie aber dort und sie kommt schleunigst wieder hervor«, sagt der Brunner streng.
»Trotzdem, warum ›schon wieder‹?«, beharrt Azra.
»Du setzt dich jetzt sofort wieder anständig hin«, ruft der Brunner. Ein dumpfes Geräusch ertönt, gefolgt von Wörtern, die ich nicht verstehe. Dem Tonfall nach sind es Flüche. Taisa ist mit dem Kopf von unten gegen den Tisch gedonnert. Gelächter bricht aus. Henrik, der anscheinend erst jetzt mitbekommen hat, dass etwas los ist, dreht sich um. Dabei merkt er, dass bei ihm rechts etwas nicht stimmt. Taisa hat es tatsächlich geschafft, sein Bein an den Stuhl zu fesseln. Henrik springt auf.
»Das hätte er mal besser lassen sollen«, flüstert Lukas.
Der Stuhl kippt und landet polternd auf dem Boden. Henrik kann sich nicht halten und fällt mit um. Die gesamte Klasse brüllt vor Lachen. Der Brunner weiß für einen Moment offensichtlich nicht, ob er grinsen oder schreien soll. Schließlich entscheidet er sich, den Autoritären raushängen zu lassen. Bloß kann er das nicht besonders gut.
»Henrik, nimm den Sessel und steh auf«, schreit er.
»Ich kann nicht«, jammert Henrik.
»Er ist festgebunden, Herr Professor«, sagt Azra mit wichtiger Miene. »Sie müssen ihn befreien.«
»Kann ich machen«, bietet Taisa an.
»Ich werd dir zeigen, was befreien heißt«, fährt sie Henrik an. Er hat seinen Fuß losgebunden, liegt aber immer noch am Boden.
»Taisa, du verlässt die Klasse, bis du dich wieder beruhigt hast«, befiehlt der Brunner.
Taisa grinst, als sie Richtung Tür geht. »Ich bin die Ruhigste von allen«, stellt sie fest. Im Moment hat sie sogar recht damit. Sie ist die Einzige, die weder lacht noch flucht noch schreit.
Als es wenig später zur Pause klingelt, reißt Taisa die Tür auf. »Kann ich wieder rein?«
Der Brunner ignoriert sie und geht wortlos an ihr vorbei.
»Du machst echt nur Scheiß«, sagt Azra kopfschüttelnd.
Taisa streicht sich Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Sag bloß, du hast nicht gelacht.«
Henrik steht auf und geht langsam zur Tür. Er sieht Taisa fest in die Augen. »Du bist so was von tot.«
Ich stelle mich ihm in den Weg. »Gibst du mir bitte mein Band wieder?«
Er sieht mich böse an. »Dein Band, ja?« Er holt ein Feuerzeug aus der Hosentasche und versucht, das Band anzuzünden. Aber es ist aus irgendwelchen Fasern, die nicht brennen. Es stinkt nur. Henrik wirft mir das angesengte Band gegen die Brust.
»Ey, Henrik, nimm das Leben doch ein bisschen mit Humor«, ruft Anthony aus der letzten Reihe. Aber Henrik ignoriert ihn. Stattdessen baut er sich vor meinem Tisch auf.
»Du glaubst, du bist jetzt der große Checker, hm?«
»Was bitte?« Ich habe keine Lust, mich mit Henrik anzulegen. »Ich glaube gar nichts. Schon gar nichts Großes.«
»Brauchst du auch gar nicht«, sagt Henrik verächtlich. »Das schaffst du nie.«
Ich sehe ihn stirnrunzelnd an. Wovon spricht der?
Dann sehe ich Lukas, dessen Kopf schon wieder zwischen seinen Schultern verschwindet, und verstehe, dass David und Azra nicht die Einzigen sind, die mehr über mich wissen, als ich dachte.
Henrik macht sich größer, als er ohnehin schon ist. »Diese Ich-hau-ab-aber-nicht-richtig-Masche, die kannst du nicht durchziehen.«
Und plötzlich bin ich nicht mehr der kleine Jakob, den Henrik sich vor Jahren am Gang rausgesucht hat, um ihn zu piesacken. Ich spüre die Blicke von David, Azra und Lukas auf mir ruhen. Ich habe keine Lust mehr, mich vor Leuten wie Henrik zu verstecken.
»Ach? Und wieso glaubst du, du weißt das besser als ich selbst? Weil du in Amerika warst und jetzt denkst, du weißt, was läuft auf dieser Welt?«
Henrik sieht mich verblüfft an. Er ist es nicht gewohnt, dass irgendjemand dagegenredet, wenn er etwas sagt.
»Nur weil deine Eltern was weiß ich wie viele tausend Euro hingeblättert haben, damit ihr Söhnchen über das große Meer fahren kann?«, fahre ich wütend fort.
Es ist still um uns geworden. Alle Augen sind auf uns gerichtet. Henrik ist das gewohnt. Ich nicht. Aber ich höre nicht auf. »Glaubst du, da kann man stolz drauf sein, sich von Mama und Papa Geld in den Arsch schieben zu lassen?«
Henriks Nasenflügel werden weit. Ich spüre, wie er sich zurückhalten muss, um mir keine zu kleben. Er kneift die Augen zusammen. »Na, dann versuch’s doch«, sagt er spöttisch. »Versuch’s doch mal. Bis zum Sommer schaffst du das nie.«
Ich versuche, Henrik ebenso anzufunkeln wie er mich. »Und ob ich das schaffe«, sage ich laut.
Henrik lacht auf, kurz und trocken. »Ich wette, nach drei Wochen kommst du angekrochen und bettelst, dass sie dich wieder zurücklassen in dein Heiabettchen.«
»Und ob er das schafft«, ruft Azra dazwischen. »Locker.«
Am anderen Ende des Klassenraums beginnt Melisa zu kichern. »So ein Poser«, ruft sie. »Der schafft das nicht mal zwei Wochen lang.«
Ich sehe, wie Henrik ihr über meinen Kopf hinweg zulächelt.
»Bis zum Sommer«, beharrt Azra.
»Sicher bis zum Sommer«, sagt David.
Henrik starrt mich an. »Ich sage, in zwei Wochen ist es vorbei.«
»Ich glaub auch, dass er das bis zum Sommer durchziehen kann«, meint Lukas.
Ich verziehe mein Gesicht und hoffe, dass es aussieht wie ein herablassendes Lächeln.
»Werden wir ja sehen«, sage ich betont ruhig.
Mein Herz rast. Bis zum Sommer. Das ist eine verdammt lange Zeit. Gleichzeitig fühle ich mich so stark wie noch nie. Warum eigentlich nicht?
Mart kann vielleicht verhindern, dass ich in Australien zur Schule gehe. Aber gegen das hier kann er nichts ausrichten.
Um Australien ging es mir sowieso nie. Ich wollte einfach weg. Offenbar kann ich das auch so.
Eigentlich dachte ich, dass Henrik es bei blöden Kommentaren belassen würde. Aber ich scheine ihn tatsächlich in irgendeiner Ehre gekränkt zu haben, denn schon am nächsten Tag kommt er in der Pause wieder zu mir.
»Alles klar?«, frage ich betont ruhig, als er sich vor meinem Tisch aufbaut.
Er antwortet nicht, sondern verzieht nur einen Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. Jemand wie Henrik hat es nicht notwendig zu antworten. »Es gibt Regeln, nur dass du das weißt«, sagt er und sieht mir in die Augen, als würde er darauf warten, dass ich sofort den Blick senke.
Tue ich aber nicht. Sicher nicht.
»Regeln?« Ich versuche, spöttisch zu klingen. »Worum geht’s, bitte?« Wir reden nicht laut, aber ich kann spüren, dass alle Blicke der Klasse auf uns gerichtet sind. Ich überlege, ob ich aufstehen soll, damit Henrik nicht so von oben herab mit mir reden kann. Beschließe aber sitzen zu bleiben. Er soll bloß nicht glauben, dass er es mir wert ist, auch nur eine Arschbacke zu heben.
Henriks Mundwinkel bleibt, wo er ist. Ich wette, er steht jeden Abend vor dem Spiegel und trainiert diesen Blick. Diesen herablassenden, abschätzigen Blick. »Bei deinem Spiel«, sagt er schließlich. »Mein Spiel?«
»Dein Spiel.« Henrik tut so, als würde er einem Gänseblümchen in seiner Hand die Blütenblätter auszupfen. »Bis zum Sommer – nicht bis zum Sommer – bis zum Sommer – nicht bis zum Sommer.«
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