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Elin Bedelis
Pyria
II. Jagd im Schatten
Elin Bedelis
Pyria
Jagd im Schatten
High Fantasy Roman
Dieser Titel ist auch als E-Book erschienen
Vollständige Taschenbuchausgabe
Deutsche Erstausgabe
Text: © 2021 Copyright by Elin Bedelis
Cover-Illustration: © 2021 Copyright by Maren Gloger
Verantwortlich für den Inhalt:
Elin Bedelis
c/o Block Services
Stuttgarter Str. 106
70736 Fellbach
info@elinbedelis.de
Druck: epubli - ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Lektorat: Irina Siefert
Korrektorat: Ida Salingré
Für Irina,
Danke für deine liebevolle Unterstützung,
dein offenes Ohr
und dass du wie eine Schwester für mich bist.


Content Notes

Eine dunkle Ecke
Gwyn hasste Schiffe. Trotzdem hatte er sich nicht beschwert, als sie wieder in See gestochen waren. Er hatte sich in der letzten Woche über nichts beschwert. Er hatte sich auch nicht gefreut, gesorgt oder geärgert. Wenn es möglich war, schwieg der Feuerspucker. Was hätte er auch sagen sollen, nachdem er es sich mit Machairi verscherzt hatte und von seinem Gewissen heimgesucht wurde? Allein saß er im Schiffsbauch, starrte die Wand an, während sich der Raum um ihn herum unangenehm bewegte, und übte sich im Unsichtbarsein.
Das kleine Schiff schaukelte beträchtlich mehr als das Sklavenboot, mit dem sie nach Hareth gekommen waren. Es war wesentlich wendiger, schmaler und kürzer und hatte weniger Tiefgang. Eilig schnitt es durch die Wellen und wären sie erneut auf einen Sturm getroffen, hätte der das kleine Ding in einem Schlag verschlungen. Doch ein kleineres Schiff bedeutete eine kleinere Mannschaft, bedeutete unauffälligeres Reisen und die benötigte Geschwindigkeit. Nichts davon machte die Seefahrt für Gwyn angenehmer. Ohne dazu aufgefordert werden zu müssen, hatte er sich in die dunkelste Ecke verkrochen. Eine Besenkammer. Er wollte niemanden sehen und niemand, so glaubte er, würde ihn so schnell wiedersehen wollen.
Gwyn folgte Mico. Der hatte lange gebraucht, um zu entscheiden, ob er sich direkt auf den Rückweg nach Cecilia machen sollte oder den Rest der Gruppe um den legendären Schatten folgen wollte, die sich nach Osten aufmachten. Nach den Geschehnissen in Hareths Hauptstadt Om’falo, wo Gwyn das Unaussprechliche getan hatte und Machairi in den Rücken gefallen war, war der Magier verunsichert. Einerseits wollte er nach Hause eilen und nach einem Mädchen suchen. Andererseits schien sich ein Gefühl der Verantwortung eingestellt zu haben.
Vielleicht lag das auch an Gwyn. Der Gaukler hatte die schwarze und rote Tracht der Feuerspucker abgelegt und trug nun braun. Es hatte ihn niemand dazu aufgefordert, Mico am allerwenigsten, und doch war es ein unausweichlicher Schritt. Die Dinge hatten sich geändert in ihrer kleinen Runde von Sonderlingen.
Die Stunden, die Gwyn allein im Halbdunkel der Besenkammer verbrachte, waren gezeichnet von Gedanken, die ebenso düster waren wie die Schatten um ihn herum. Gwyn dachte an Om’falo, an Berge verbrannter Körper und feinen Ascheregen, der sich rau in die Atemwege legte und ihn noch für Tage bei jedem Atemzug daran erinnerte, was er getan hatte. Das sonst unabdingbare Grinsen war spurlos von seinen Zügen verschwunden und er wartete. Er wartete darauf, dass das grausige Gefühl hinter seinem Brustbein endlich aufhörte, dass die Schuld ihm nicht mehr auf der Seele lag und er sich selbst vergeben konnte. Er war dumm. So dumm.
Als es leise an der Tür klopfte, fuhr Gwyn zusammen. Er war so tief in Gedanken versunken gewesen, dass er die schaukelnden dunklen Regale und den Geruch nach Rattenurin beinahe vergessen hatte. Überrascht sah er zur Tür, sagte aber nichts. Er zögerte. Wollte er nicht am liebsten allein sein? Würde es nicht eine untragbare Last sein, mit einer weiteren Person zu interagieren, wenn er sich gerne aus seinem Kopf verbannt hätte?
Es klopfte ein zweites Mal und Gwyn drückte den Rücken gegen das Regal, als könnte er damit verschmelzen, wenn er sich nur eng genug daran schmiegte. Eigentlich hätte er nichts dagegen gehabt, jemanden bei sich zu haben, um dem endlosen Sumpf seiner Gedanken zu entkommen, aber die Kraft, die es gekostet hätte, jemanden tatsächlich sowohl psychisch als physisch einzulassen, konnte er nicht aufbringen.
Also saß er in der Dunkelheit und wartete, dass die Person wieder ging. Er lauschte und war gerade überzeugt, dass er allein war, als sich die Tür einen Spalt breit öffnete. »Gwyn?« fragte Rish leise und schob ganz langsam die Tür auf. »Bist du hier?«, flüsterte sie und schielte vorsichtig in den Raum. Vom Flur aus fiel ein Streifen Licht in die kleine Kammer und Gwyn kniff die Augen zusammen, weil sie sich erst an die Helligkeit gewöhnen mussten. Er antwortete nicht, aber das hielt sie nicht auf. Zögernd trat das Harethimädchen ein und schob die Tür hinter sich wieder zu. »Es ist wirklich furchtbar dunkel hier«, sagte sie, während sie sich zwei Schritte von ihm entfernt auf den Boden kniete, aber Gwyn hörte die Aufforderung darin.
Nein, er würde kein Feuer machen, nicht einmal in der Größe einer Kerzenflamme. Seit dem Vorfall in Om’falo hatte er nicht die kleinste Flamme entzündet und so würde es bleiben. Vielleicht würde er nie wieder mit diesem zerstörerischen Element spielen. Es war geschehen, was er sein Leben lang gefürchtet hatte: Er hatte die Kontrolle verloren und Zerstörung über unschuldige Menschen gebracht. Nichts konnte das wiedergutmachen. Das Feuer hatte ihn verraten, so wie er seine Freunde verraten hatte, als er den gemeinsamen Plan zunichtegemacht hatte. Das Schlimmste daran war, dass er nach wie vor glaubte, dass er es wieder tun würde. Er hatte nicht die nötige Härte, um ein Mädchen zurückzulassen, das er schon einmal einem grausigen Schicksal überlassen hatte. Vielleicht hätte er jedoch eine bessere Lösung finden können. Inzwischen waren ihm hunderte Möglichkeiten eingefallen, wie er das Ganze weniger dramatisch hätte gestalten können. Wie realistisch das alles war, war dabei vollkommen unerheblich. Es fraß ihn auf.
Als sie verstand, dass sie keine Antwort bekommen würde, seufzte Rish deutlich hörbar und einen Augenblick später wurde es etwas heller im Raum. Überrascht sah Gwyn in ihre Richtung und beobachtete das Mädchen. Jetzt konnte er sie erkennen. Den ordentlich geflochtenen Zopf auf ihrer linken Schulter, die saubere Bluse, das weiche rote Korsett, das sie dazu trug und ihre braune Haut, auf der nun ein leichter, fast silbriger Schimmer lag. Er konnte nicht genau sagen, wo das Licht herkam, aber es reichte gerade aus, um den Raum zu erhellen. Es war, als fiele von irgendwo Tageslicht herein, klarer als das Licht einer Kerze und doch ebenso warm und nur unwesentlich heller. Also hatte wenigstens eine mehr über ihre Fähigkeiten gelernt. Es war ebenso unheimlich wie schön. »Wie geht es dir?«, fragte sie mit angespannt sanfter Stimme. Ein konzentrierter Ausdruck lag auf ihrem Gesicht und man merkte ihr sehr deutlich an, dass ihre Aufmerksamkeit sich hauptsächlich auf das schwache Licht richtete.
Gwyn zuckte mit den Schultern und sah wieder auf den Boden. Wie sollte es ihm schon gehen? Er hätte ihr sagen können, dass es ihm schrecklich ging, dass der Gedanke, sich von Bord zu stürzen, nur von seiner Angst vor Wasser zurückgehalten wurde und dass er seit sie der Stadt den Rücken gekehrt hatten mit einem seltsamen Gefühl der Leere kämpfte. Er hätte auch so tun können, als sei alles in Ordnung, als hätte er nicht Angst vor sich selbst und der zerstörerischen Macht, die ihm durch die Venen floss und die er nie so sehr gefürchtet hatte wie jetzt. Doch er blieb still.
»Ich hab dir etwas zu Essen mitgebracht«, fuhr Rish fort, als sie keine Antwort erhielt, und schob die Schale, die sie vor sich auf den Boden gestellt hatte, etwas mehr in seine Richtung. »Du musst doch umkommen vor Hunger.« Besorgt musterte sie seine zerwühlten Haare und seine vermutlich ungesunde Gesichtsfarbe, während er auf den körnigen Brei und das Brot in der Schüssel hinabblickte. Sein Magen zurrte sich zusammen bei dem Anblick. Es war, als hätte er Watte gegessen, die nun seinen Bauch vollstopfte und es unmöglich machte, auch nur an Essen zu denken. Er konnte nicht essen, aber auch das konnte er nicht sagen. Er konnte nicht einmal begründen wieso. In den letzten Tagen hatte er fast nichts gegessen, trotzdem bekam er keinen Hunger oder auch nur Appetit. Alles war taub, aber wie sollte er das irgendjemandem begreiflich machen? »Gwyn?«, fragte Rish leise und streckte eine Hand nach ihm aus, als er noch immer nicht antwortete. »Wir machen uns Sorgen um dich«, sagte sie sanft und ihre Hand fand seinen Arm.
Ihre Berührung kribbelte leicht. Das lag wohl an der Magie, die sie aufrechterhielt, auch wenn sie jedes Mal zu flackern begann, wenn sie sprach und ihre Aufmerksamkeit teilen musste. Gwyn unterdrückte ein Schnauben. Er glaubte ihr, dass sie sich Sorgen machte. Darüber hinaus fiel ihm niemand ein, den es auch nur im Entferntesten kümmern würde, was mit ihm war. Mico hatte bestenfalls ein Eigeninteresse daran, dass er sich nicht vom Mast warf. Es war ein weiterer Grund, weshalb er es nicht ernsthaft in Betracht zog.
Rish ignorierte sein Schnauben oder hörte es nicht. »Vielleicht würde es dir helfen, darüber zu reden?«, fragte sie leise und dieses Mal flackerte das Licht so bedenklich, dass es sicher gleich zusammenbrechen würde.
Der ehemalige Feuerspucker schüttelte den Kopf. Er wollte nicht darüber reden. Es passte zu ihr, dass sie eine dünne Haut hatte, aber er glaubte nicht, dass sie wirklich etwas über die Schreie sterbender Männer hören wollte, die durch seinen Kopf dröhnten, oder über den Schnitt an seinem Oberarm oder über die gähnende Leere in seiner Brust. Der Schatten hatte die Wunde, die das Horn des Wüstenwurms hinterlassen hatte, perfekt wieder aufgetrennt, als wollte er ihn daran erinnern, dass er ihn von nun an nicht mehr retten würde, wenn alles aus dem Ruder lief. Von Machairi verstoßen zu werden – zu Recht – lastete schwerer auf ihm als alles, was er selbst verbrochen hatte, und dafür schämte Gwyn sich höchstens noch mehr.
»Bist du sicher?«, hauchte sie und löste die Hand von ihm. Mitleidig musterte sie ihn und schwieg einen Moment. »Du hast doch nur getan, was du für richtig gehalten hast«, fuhr sie dann etwas zögerlicher fort.
»Ich habe nicht absichtlich dutzende Menschen getötet!«, fuhr er sie an und erschrak vor sich selbst und das grausige Schuldgefühl schwoll noch weiter an, als sie zurückzuckte und das Licht erlosch. Warum ging sie nicht und ließ ihn allein? Das hätte alles so viel einfacher gemacht. Er wusste doch so schon nicht, wie er das alles weiter aushalten sollte. Es wurde nicht besser davon, dass sie nachbohrte. Trotzdem gab es ihm sicher nicht das Recht, sie so anzufahren. »Tut mir leid«, murmelte er und zog sich noch etwas weiter zusammen. Jetzt, wo es wieder dunkel war, schien der Sumpf in seinem Inneren noch tiefer. Am liebsten hätte er alles vergessen.
Es dauerte einen Moment, dann glomm das Licht wieder auf, noch schwächer dieses Mal. Es reichte gerade aus, um die Umrisse des Mädchens zu erkennen, das mit ihm in dem winzigen Raum saß. »Niemand denkt das«, versicherte sie vorsichtig. Wieder spürte er ihre Hand auf seinem Arm und glaubte, ihr Mitleid in Wellen durch den Raum schlagen zu fühlen. Es tat gut und gleichzeitig war es unvergleichlich schmerzhaft. Er wollte kein Verständnis, wenn er selbst keines hatte. Es gab nichts zu verzeihen und nachzuvollziehen. Alles, was er an jenem Abend getan hatte, war ein einziger großer Fehler gewesen und hatte im Tod zahlloser Menschen und einem wütenden Machairi resultiert. Die Wut, die er auf sich selbst verspürte, musste jeder teilen, der wusste, was geschehen war. Anders konnte es nicht sein. Anders durfte es nicht sein.
Gwyn merkte erst, dass er weinte, als ihm ein jämmerliches Schluchzen entfuhr. Wie konnte ein Schuldgefühl nur so wehtun? Es schnürte ihm den Brustkorb zu, drückte ihm die Kehle zusammen und ließ ihn innerlich brennen. Das Feuer war rebellischer, seit er es so weit zurückdrückte, wie er konnte. Es wartete nur darauf, wieder auszubrechen, wieder Zerstörung zu bereiten und vielleicht dieses Mal Menschen zu verletzen, die ihm wirklich wichtig waren. Dann waren sie auch noch auf einem Schiff. Selbst wenn er dem dummen Impuls nachgegeben hätte, hätte er nicht einmal weglaufen können. Das alles war eine wahnsinnige Katastrophe! Was sollte er tun und wie wollte ausgerechnet Rish, die so unbestreitbar gut war, das verstehen?
»Hey«, flüsterte Rish, als sie hörte, dass er weinte. Das Licht erlosch und er fühlte sich noch schlechter, auch wenn er nicht gedacht hätte, dass das möglich war. Sie wollte ihn umarmen, aber er schob sie fort. Das konnte er nicht ertragen. »Es sind furchtbare Dinge passiert in der Nacht, aber du kannst dir nicht an allem die Schuld geben«, versuchte sie es aus einem anderen Winkel. »Es hätten auch tausende andere Dinge schiefgehen können. Der Plan war reinster Wahnsinn!«
Gwyn schüttelte den Kopf, auch wenn sie das vermutlich nicht mehr sehen konnte. »Sein Wahnsinn funktioniert immer. Wenn ich nicht so dumm wäre, wären alle in Sicherheit gewesen.« Es war bescheuert, einen Plan des Messerdämons umzuwerfen. Hatte er nicht vorher selbst gesagt, dass es zu wahnsinnig war, um zu funktionieren? Er hatte es noch wahnsinniger gemacht und das hatte alles aus dem fragilen Gleichgewicht gebracht, auf dem der Plan basiert hatte.
»Nicht Kendra! Du hast sie gerettet.« Ihre warme Hand fasste sein Handgelenk fester, als wollte sie ihre Aussage unterstreichen. »Es war richtig, sie nicht einem so grausigen Schicksal zu überlassen«, versicherte sie und er konnte hören, dass sie lächelte.
Der Zhaki konnte nicht benennen, warum er zu zittern begonnen hatte. Es war kein wütendes Beben. Es war eine körperliche Reaktion, die vielleicht von der Enge in seiner Brust kam, oder von dem eisigen Schauer, der ihn bei der Erinnerung überlaufen hatte. »Und wenn schon. Ich hätte mich auch festnehmen lassen können, anstatt alle umzubringen!« Für ihn war es schon fragwürdig genug, für das Leben eines Mädchens zahlreiche andere zu opfern. Die Wahrheit war aber noch etwas frustrierender. Er hatte nicht sie beschützt, oder die Prinzessin, die er eigentlich hätte dabeihaben sollen. Auch nicht Vica, Mico und Machairi oder die Faust, die alle irgendwo in Reichweite hätten sein müssen. Nicht einmal den armen Harethi, der in einen Teppich verwandelt gewesen war. Nein, er hatte allein sich selbst beschützt. Es wäre nicht unmöglich gewesen, sich festnehmen zu lassen, als er in die Sackgasse gelaufen war, und vielleicht darauf zu hoffen, dass die anderen ihn befreien würden, bevor sein Kopf über den Boden rollte.
»Du hast doch selbst gesagt, dass du das nicht vorsätzlich ausgelöst hast. Das war ein Schutzreflex. Ila hat auch darüber gesprochen: Das ist normal. Außerdem hast nicht du diese Menschen getötet, sondern das Feuer.« Wie sie das sagte, klang es tatsächlich, als würde sie sich selbst glauben. Sie verstand nichts.
Es war in Ordnung, wenn sie Schutzreflexe hatte. Schließlich war sie neu im Anwenden ihrer Magie. Es war auch in Ordnung, wenn damit ein Übel abgehalten wurde, aber bei ihm war es anders. Er hatte sein Leben lang mit dem Feuer trainiert und ein Kontrollverlust wie dieser hätte ihm nicht widerfahren dürfen. Außerdem hatte er ein viel größeres Übel angerichtet als abgewendet und nichts, wirklich nichts konnte das rechtfertigen. Schon gar nicht, wenn er sich absolut sicher war, dass er es hätte aufhalten können. Zumindest hätte er den Schaden früher begrenzen können. Er war nicht ohnmächtig geworden, so wie es ihr jedes Mal passiert war, er war wie im Rausch gewesen, aber theoretisch im Vollbesitz seiner selbst. Die Tode waren unnötig gewesen und das machte es so grausam. »Wenigstens hab ich ansatzweise bekommen, was ich verdient hab«, murmelte er und merkte, wie Rish ihre Hand verschreckt zurückzog.
»Nein.« Plötzlich klang sie eher bitter als mitleidig. »Seine Reaktion war absolut überzogen und unangebracht.« Ihre Stimme bebte und etwas darin wackelte. Für einen kurzen Moment dachte Gwyn, dass sie sich selbst nicht glaubte, aber dann wurde ihm bewusst, was es wirklich war. Sie fürchtete sich. Noch etwas, woran er schuld war.
»Es gab nur eine Regel, auf die ich mich eingelassen habe, als ich mich ihm damals angeschlossen habe, anstatt zu fliehen: kein Hintergehen. Ich wusste, was passiert, wenn ich den Plan ignoriere und verändere – schon wieder – und ich habe es trotzdem getan. Das ist nicht seine Schuld. Sondern meine.« Es war wichtig, dass sie das verstand. Gwyn war sich immer absolut sicher gewesen, dass er in der Nähe des Schattens wenig zu befürchten hatte, weil er in der Lage war, sich an diese eine goldene Regel zu halten: Man durfte Machairi keinen Grund geben, wütend zu werden, und er hatte stets den Kopf geschüttelt über die dummen Idioten, die es trotzdem taten. Nun war er selbst so dumm gewesen und es war ihm unbegreiflich, wie tatsächlich irgendjemand überrascht über die Konsequenz sein konnte. Tatsächlich war er selbst nur überrascht, dass er nicht tot war. Vielleicht hatte ihre jahrelange Zusammenarbeit, die man fast als Freundschaft hätte betiteln können, ihm doch einen kleinen Gnadenbonus eingebracht … und Mico natürlich.
Rish schwieg. Jetzt hätte Gwyn gerne ihr Gesicht gesehen, um zu wissen, was sie dachte. Dankenswerterweise war sie ein offenes Buch, aber in einem dunklen Raum half das nicht weiter. Stimmte sie ihm zu? Dachte sie noch darüber nach? Wollte sie das Offensichtliche weiterhin abstreiten? Eine ganze Weile war es still. »Du hast es nicht verdient«, flüsterte sie schließlich kaum hörbar aus der Dunkelheit. »Das hier…«, er nahm an, dass sie auf den kleinen Raum oder die braunen Kleider deutete, »hast du nicht verdient.«
Für ihn fühlte es sich wohlverdient an. Dass sie das nicht sah, konnte man ihr allerdings nicht vorwerfen, schließlich kannten sie sich noch nicht lange genug, dass sie das Gesamtbild hätte sehen können. »Spielt keine Rolle«, antwortete er leise und senkte den Kopf.
»Es wird bestimmt alles wieder gut«, versuchte sie nun ihn aufzuheitern, aber er musste sich nicht einmal anstrengen, um den Zweifel zu hören, der in ihrer Stimme mitschwang. Sie war sogar im Dunkeln leicht zu lesen. Wollte er wissen, was Machairi alles sah, wenn er mit ihr sprach? »Und ich mache mir trotzdem Sorgen um dich. Du bist zu hart zu dir.« Das Licht kehrte zurück und obwohl er sie nicht ansah, fühlte er ihren besorgten, mitleidigen Blick. Vielleicht war Licht tatsächlich keine schlechte Idee. Alles schien sofort ein bisschen weniger erdrückend, was nicht viel heißen wollte angesichts der Last, die auf ihn niederpresste. Seufzend schob sie die Schale mehr in seine Richtung. »Iss wenigstens etwas«, flüsterte sie dann.
Ebenfalls seufzend gab er auf und griff nach der Schale. Um sie zufriedenzustellen nahm er sogar einen Bissen von dem Brot. Er kaute eine Ewigkeit darauf herum, während sie ihn beobachtete, als wollte sie ganz sichergehen, dass er es auch nicht wieder ausspuckte. Tatsächlich hätte er gerne genau das getan. Es schien absolut unmöglich, das Stück herunterzuwürgen, egal wie lange er darauf kaute. Als er es schließlich doch über sich brachte, würgte er, weil es sofort seinen Weg hinaussuchen wollte, aber er riss sich zusammen. »Danke«, murmelte er. Irgendwie rührte ihre Sorge ihn schließlich.
»Jederzeit«, antwortete sie leise und dann wurde es wieder still, während sie ihm seinen Freiraum ließ und er damit beschäftigt war, einen weiteren Bissen herunterzuwürgen.

Spielzeugschiffe
Die Dinge hatten sich geändert. Mit Gwyns Grinsen war auch das übliche Gruppengefüge verschwunden. Leén war es, als hätten sie sich alle mit dem Feuerspucker nach der unheimlichen Nacht in Om’falo verändert. Besonders Mico schien seine Abneigung gegen alles hintenanzustellen, um das Loch zu füllen, das der einst so fröhliche Feuerspucker hinterließ. Leén war selbst kaum an der Aktion beteiligt gewesen und trotzdem hatte die Nacht sie geprägt wie keine zweite. Ihre Angst vor Machairi war zurückgekehrt, gepaart mit einem gewissen Maß von Abscheu. Sie konnte nicht begreifen, wie irgendjemand Gwyn so etwas antun konnte. Es war klar, dass der Zhaki schlechte Entscheidungen getroffen und einige Fehler gemacht hatte, aber es hatte ihr das Herz gebrochen, ihn so verzweifelt zu sehen. Sie konnte nicht verstehen, wie der Schatten die Kälte aufgebracht hatte, ausgerechnet Gwyn zu verstoßen. Dass der Gaukler es zu verstehen schien, machte es nicht besser. Von seiner stets guten Laune, seinem unvergleichlichen Grinsen, war nichts mehr übrig. Es war nicht schwer zu sehen, dass er mit sich selbst zu kämpfen hatte, und sie wünschte sich, ihm helfen zu können. Leider war er unwillig, ihre Hilfe anzunehmen, und sie war sich nicht sicher, ob es irgendjemand konnte … abgesehen von Machairi natürlich, der ihm problemlos hätte verzeihen können.
Der Schatten hatte den Gaukler behandelt, als wäre er gar nicht da, nachdem er ihn an Mico übergeben hatte. Seit sie auf dem Schiff waren, hatte sich auch Machairi in eine Kajüte zurückgezogen und sie bekamen ihn nur selten zu Gesicht. Bisher hatte Leén nicht gewagt, zu ihm zu gehen und zu fragen, was er tat und wie es nun weitergehen sollte. Dabei interessierte es sie brennend, was für ein Plan all diesen Ärger wert sein sollte.
Nachdem Gwyn das Essen erfolgreich in sich hineingezwungen hatte, war sie davon ausgegangen, dass es sinnvoll war, ihn vorerst wieder in Ruhe zu lassen. Offensichtlich wollte er nicht mit ihr reden und sie wollte ihm ihre Aufmerksamkeit nicht aufzwingen, obwohl sie ihn am liebsten in den Arm genommen hätte, bis es ihm besser ging.
Vica saß in ihrer Koje und kümmerte sich um Spítha. Der kleine Drache rang, seit er von einem Armbrustbolzen getroffen worden war, mit dem Tod. Vica hatte ihn mit einem Greifvogel gefunden und zurückgebracht und nur Ilas Heilkünsten war es zu verdanken, dass der helle kleine Drache noch lebte. Die harte Schuppenhaut war glanzlos und der Verband um die Wunde war von Drachenblut getränkt. Reglos lag das kleine Geschöpf auf der Seite und nur an dem eindeutig gequälten Schnauben, das seine Nüstern zittern ließ, konnte man erkennen, dass das Tier noch lebte. In seiner alten Größe wäre ein Armbrustbolzen wohl nicht weiter tragisch gewesen, aber nun, da der Drache kaum so groß war wie eine Hauskatze, gab es wenig Hoffnung. Das bedeutete allerdings nicht, dass die blinde Naturistin bereit war, ihn aufzugeben. Das Mädchen und ihr wieselähnlicher Gefährte Puki verbrachten den größten Teil ihrer Zeit damit, sich um den sterbenden Drachen zu kümmern und Leén half ab und an mit den geringen Kräften, die sie entwickelt hatte, ihn im Gleichgewicht zu halten. Das Bemerkenswerte daran war, dass Vica ihre Hilfe sogar annahm – wenn auch widerwillig und mit bissigen Kommentaren. Wahrlich eine weitere unerwartete Veränderung, die sie seit Om’falo beobachten konnte.
»Wird es besser?«, fragte sie hoffnungsvoll mit einem Blick auf den kleinen Drachen und kam vor der Koje zum Stehen.
»Sieht es aus, als würde es besser?«, fauchte Vica, aber Leén hatte sich an ihren bissigen Tonfall gewöhnt. Manchmal glaubte sie, dass die Blinde vielleicht gar nicht in der Lage war, anders zu antworten. Vielleicht hatte Vica gar nicht immer ein Problem, sondern zu viel Angst, mit Freundlichkeit Menschen zu nah an sich heranzulassen. Es war eine gewagte Theorie, schließlich konnte sie dem sonderbaren Mädchen nicht hinter die Stirn schauen, aber es war immerhin eine Theorie, die dazu führte, dass Leén sich im Umgang mit ihr entspannen konnte.
»Nein«, gab sie zu. »Ich hatte es trotzdem gehofft.« Unglücklich sah sie auf die leidende Kreatur hinab. Wenn sie doch nur mehr hätte helfen können. Die Dinge wären so viel einfacher gewesen, wenn sie in der Lage wäre, ihre Magie voll auszuschöpfen. Leider hatten die wenigen Tage Übung mit der alten Ila nicht ausgereicht, um ihr auch nur eine grobe Ahnung davon zu geben, wozu sie fähig war, und sie würde wohl allein mehr darüber herausfinden müssen. Ila hatte ihr noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg gegeben und Leén versuchte, allein zu üben. Inzwischen konnte sie das Licht sicher rufen und sogar in Formen bringen, aber ihr fehlte eine Lehrerin. Nach den Vorfällen in der Stadt waren sie gezwungen gewesen, schnellstmöglich zu gehen, weil die Patrouillen schon wenige Stunden später anfingen, die Häuser nach der verschwundenen Prinzessin zu durchkämmen. Auf dem Weg zum Hafen hatten sie alle ein weiteres Mal festgestellt, wie unschlagbar Machairi in einer Stadt war. Das hatte nicht dazu geführt, dass sie es richtig fand, wie er mit Gwyn verfuhr, aber es hatte ihr auch mehr als deutlich aufgezeigt, dass sie ihn brauchten, um zu überleben. Also waren sie wieder gemeinsam auf einem Boot gelandet.
»Wenn sich dieser bescheuerte Schlossknacker nur nicht so anstellen würde«, fauchte sie. Offenbar schien es ihr zu helfen, auf alle anderen zu schimpfen, denn das tat sie schon seit sie in See gestochen waren. Es stimmte, Mico war tatsächlich nicht übermäßig hilfsbereit gewesen. Da er Mico war, hatte das Leén nicht weiter überrascht, vor allem, da der gleiche Drache den Magier selbst fast ins Jenseits befördert hätte. Er hatte nur einen Blick auf die Wunde geworfen und verkündet, dass nichts mehr zu retten war. Damit schien die Angelegenheit für ihn erledigt. Es wäre wohl töricht gewesen zu hoffen, dass seine erstaunliche Größe, die er für Gwyn bewiesen hatte, sich hier fortgesetzt hätte.
Da ihre Kommentare hier weder hilfreich noch erwünscht waren, entschied das Götterkind, lieber zu schweigen. Sie fuhr sich mit den Fingern über ihren Zopf und starrte die hölzernen Wände an, bis sie das Gefühl hatte, dass sie ihr entgegenkamen. Auch Vica ging dazu über zu schweigen und als Leén glaubte, Tränen in den blinden Augen schwimmen zu sehen, nahm sie an, dass die Naturistin in ihrem Kopf mit dem Drachen kommunizierte. Dabei wollte sie nicht stören und so verließ sie die Kajüte.
Rastlos wanderte sie über das Schiff. Schon seit sie abgelegt hatten, konnte Leén nicht recht zur Ruhe kommen. Alles schien ihr plötzlich so viel bedrohlicher und es gab noch immer zu viele Dinge, die sie nicht verstand, die sie Ila gerne noch in endloseren weiteren Stunden Unterrichts gefragt hätte. Nun war sie auf sich selbst gestellt und fühlte sich ebenso unwissend wie vor ihrer Reise nach Om’falo. Sie wusste natürlich, dass das nicht stimmte. Nicht im Entferntesten. Sie hatte viele Dinge herausgefunden, die sie lieber niemals gewusst hätte, und die Fragen, die nun durch ihren Kopf geisterten, waren ganz andere als in der Wüste. Nur das Thema war das gleiche geblieben. Was hatten ihre Eltern ihr alles verheimlicht? Was konnte sie anfangen mit diesen Fähigkeiten, die so begehrt zu sein schienen? Konnte sie wirklich Gutes damit tun? Wie sollte sie lernen, damit umzugehen und was gab es noch alles zu wissen über ihren Vater, der einst ein Gott gewesen war, und ihre Mutter, die wie ein Medium zu den Göttern gewesen war? Das alles war so abstrus und unglaublich, dass sie sich manchmal an einem anderen Mysterium festzuhalten versuchte: Machairi. Sie verstand diesen Mann nicht. Nicht seine Art, nicht seine Handlungen und nicht seine Vergangenheit. Nichts, was sie über ihn wusste, ergab ein stimmiges Bild.
Wie schon so oft landete Leén wieder auf dem Hauptdeck und wanderte gedankenverloren die Reling entlang, schaute in die weite Ferne des glitzernden Wassers, das sich in alle Richtungen um sie herum erstreckte, und hing ihren Gedanken nach. Es gab so viele Dinge, über die sie nachdenken wollte und musste, und leider führten ihre Überlegungen viel zu oft ins Nichts. Sie konnte nun einmal nichts daran ändern, dass sie nicht mehr Informationen hatte als die wenigen, die Ila ihr gegeben hatte und die sie selbst gesammelt hatte.
Seufzend blieb Leén am Heck des Schiffes stehen und starrte auf den Horizont, hinter dem sie Hareth zurückgelassen hatten. Vorher waren sie lange Zeit entlang der Küste gesegelt und sie hatte befürchtet, entdeckt zu werden, aber nichts war geschehen. Sie waren nicht einmal kontrolliert worden. Offenbar war die Crew, die sie samt Schiff angeheuert hatten, um sie sicher ans Ziel zu bringen, bekannt in diesen Gewässern und niemand ahnte, was für gefährliche Menschen sich an Bord befanden.
»Vermisst du es bereits? Dein Zuhause?«, fragte eine Stimme von hinten und Leén fuhr herum.
Kurz musterte sie ihr Gegenüber, bevor sie den Kopf senkte. »Nicht direkt«, murmelte sie, wiederholt unentschlossen, wie sie sprechen und sich verhalten sollte, auch wenn sie das bei ihrer letzten kurzen Unterhaltung geklärt hatten. Eine Hose war einfach nicht sinnvoll, um zu knicksen, aber eine Verneigung wäre ihr auch seltsam vorgekommen und eine Anrede wäre ihr auch fremd gewesen. Zum Glück schien das nicht notwendig, denn die junge Dame bestand nicht darauf.
Koryphelia Laurena Desdori Irenja Paranomo, Prinzessin von Cecilia, Tochter des Königs Thredian Détestes Echtros Paranomo von Cecilia, war ganz und gar unerwartet anders. Leén hatte ein verzogenes, arrogantes, verwöhntes Königsbalg erwartet. Viel gesprochen hatten sie bisher nicht, aber im Grunde wirkte das Mädchen, nun, nett. Sie war ein bisschen jünger als der Rest der Gruppe. Während Leén glaubte, dass sie mit ihren nicht ganz zwanzig Jahren eher eine der Jüngsten war, hatte Koryphelia den Altersschnitt gesenkt. Leén war sich nicht sicher, ob sie älter als fünfzehn war. Sie war nicht mit unendlicher Schönheit gesegnet, aber man sah ihr an, dass man sich stets nur das Beste für ihr Aussehen geleistet hatte. So war ihre Haut rein und gleichmäßig und so hell, dass sie in der Sonne augenblicklich verbrennen musste, und ihre blonden Haare glänzten wie fein gesponnenes Gold. Ihre Erziehung und ihren Status sah man ihr vor allem an der kerzengeraden Haltung an, von der sie nur selten abwich. Leén wollte gar nicht wissen, wie ermüdend kleinlich das Mädchen erzogen worden sein musste. »Es ist ein wirklich schönes Land«, sprach die Prinzessin und trat neben Leén, um ebenfalls auf die Wellen hinauszublicken.
Die Harethi schmunzelte und musterte die Prinzessin von der Seite. »Ja, das ist es«, stimmte sie dann zu und fragte sich erneut, warum sie sie aus dem Schloss geholt hatten. Inzwischen hatte sie zumindest verstanden, dass das Mädchen hatte gehen wollen, die Frage war nur, warum Machairi ihr geholfen hatte. »Warum … warum wolltet Ihr fort?«, fragte sie deshalb vorsichtig in der Hoffnung, sich nicht in der Anrede zu vergreifen. Die Formalitäten der fremden Sprache fielen ihr noch immer schwer, aber sie glaubte, dass sie richtig lag.
»Das wollte ich gar nicht. In erster Linie möchte ich nicht mit einem Mann verheiratet werden, den ich noch nie gesehen habe. Ganz sicher nicht, wenn ich damit nur das erste von 42 Puzzleteilen eines Harems werden würde.« Seufzend sah das Mädchen weiter auf den Horizont und hatte Leéns vollstes Verständnis. Obwohl sie aus Hareth stammte, hatte sie einen Harem nie als wünschenswert angesehen, auch nicht den des zukünftigen Sultans. Ihre Eltern hatten einander sehr geliebt und sie wollte lieber eine ähnliche Beziehung auf Augenhöhe führen als Teil einer Gruppe zu werden. »Mir war immer klar, dass ich nicht im eigenen Interesse heiraten würde«, fügte die Prinzessin hinzu und es war bemerkenswert, wie erwachsen das Mädchen schien. »Doch wenn es politische Gründe sein müssen, sollen es wenigstens positive sein.«
»Prinzessin, warum hat er Euch geholfen?«, fragte Leén weiter und vergrub die Finger im Geflecht ihres Zopfes. Sie verstand, warum das Mädchen fortgewollt hatte, aber sie war noch immer keinen Schritt näher am Gesamtbild. War eine Hochzeit nicht ein Friedensangebot? Wie viel positiver sollten die Gründe denn werden? Andererseits wusste die Prinzessin sicherlich besser, was ihr Vater erreichen wollte, und das war ein Thema, an das Leén sich nicht heranwagte.
Koryphelia löste den Blick von der klaren Linie des Horizonts und sah Leén aus tiefblauen Augen an. »Bitte nenn mich … Phela oder denk dir irgendeinen Namen für mich aus. Schlimmer als der echte kann es nicht werden.« Sie lächelte. »Und ich nehme an, dass er dir diese Frage sehr viel besser beantworten kann.«
Überrascht nickte Leén und drehte das Ende des Zopfes um ihren Zeigefinger, während sie nachdachte. Machairi würde nicht mehr verraten, als sie wissen musste, außer sie erwischte ihn in wirklich guter Laune, aber das schien im Grunde ausgeschlossen. Außerdem hatte sie nicht das Bedürfnis, ihm zu nahe zu kommen. Seine kalte Wut auf Gwyn hatte ihr in Erinnerung gerufen, was für ein Mensch er war – falls er denn wirklich ein Mensch war –, und sie schämte sich für die Abende und die Nacht, die sie in seinem Zimmer verbracht hatte, und für die Verlegenheit, in die er sie gebracht hatte. Für einen Moment hatte sie tatsächlich gedacht, Ila könnte recht haben mit ihrer Beobachtung, aber jetzt war der Gedanke so absurd, dass sie sich dafür hätte ohrfeigen können, das jemals in Betracht gezogen zu haben.
Als sie keine Antwort bekam, schien die Prinzessin sich gezwungen zu sehen, weiterzureden. »Ich habe meine Zofe in den Bienenstock geschickt mit einem Brief und der Bitte, mir zu helfen. Im Gegenzug habe ich eine Gegenleistung seiner Wahl, zum Beispiel Informationen aus dem Schloss, angeboten. Nachdem sie ohne Antwort zurückkam, ging ich davon aus, dass mein Angebot abgelehnt worden war.«
Das war tatsächlich mehr als interessant. Es erklärte, warum Machairi so genau gewusst hatte, dass der König nach Hareth reiste. Es erklärte auch, weshalb das Mädchen so willig mitgekommen war und gar nicht an Flucht zu denken schien, obwohl sie aus ihrem Zimmer entführt worden war. Was Machairi davon hatte, wurde daraus leider nicht klar. Es war kaum vorstellbar, dass irgendetwas in Kefa vorgehen konnte, von dem Machairi nichts wusste. Wofür brauchte er die Prinzessin also so dringend, dass er für sie vom eigentlichen Ziel abwich? Ursprünglich war die Gruppe schließlich aufgebrochen – so zumindest die Information, die Machairi suggeriert hatte – um ein sehr altes Orakel zu finden. Es sollte in der Lage sein, jede Frage zu beantworten, und seit einiger Zeit folgte die ganze Welt einer Prophezeiung nach Cecilia, um dort nach dem verschollenen Orakel zu suchen. Seit Machairi aber zu Mico gesagt hatte »Ihr hört, was ihr hören wollt«, versuchte sie, sich an den genauen Wortlaut zu erinnern, den er in den Katakomben unter Kefa verwendet hatte. Leider gelang es ihr nicht, genauso wenig wie an jede andere Unterhaltung mit Machairi. Nur der Sinn seiner Worte hatte sich in ihrem Kopf eingeprägt, nicht aber die genaue Ausdrucksweise und in den wenigen Fällen, in denen sie sich daran erinnerte, wurde sie nicht schlau daraus. Es machte ihr Angst. »Wir werden es ja sehen«, sagte sie schließlich, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie wirklich sehen wollte.
So standen die beiden Mädchen schweigend beieinander und blickten auf das glitzernde Meer und die unendliche Weite des Horizonts hinaus. Ein Schiff war dort erschienen und zeichnete sich nun hübsch vom blauen Wasser ab. Sie hatten es lange Zeit nicht sehen können, aber nun war es nah genug, dass sie sogar Segel und Masten erkennen konnten und eine Weile später wurde das Rot und Gold der harethschen Flagge sichtbar, die vollkommen überproportioniert am Hauptmast wehte. Fasziniert betrachtete Leén das Schlachtschiff in der Ferne und fragte sich, ob es wohl Kurs nach Cecilia gesetzt hatte. Aber allein? Sie kniff die Augen zusammen und suchte nach weiteren Schiffen. Tatsächlich machte sie in noch viel weiterer Ferne einen zweiten kleinen Punkt aus, der ein Schiff sein konnte, aber es war definitiv keine ganze Flotte, sondern lediglich ein einzelnes Schiff. Was sie wohl vorhatten?
Die Erkenntnis traf sie viel zu spät und als sie sich panisch zu Phela drehen wollte, bemerkte sie, dass sie allein am Heck stand. Hastig drehte sie sich um. Sie musste jemanden alarmieren, Bescheid sagen. Sie mussten sich verstecken! Aber wie versteckte man sich auf dem offenen Meer? Kaum einen Augenblick später erblickte sie Machairi. Wie üblich komplett in Schwarz bis auf einen einzelnen weißen Handschuh, der ihn als Schatten Kefas auswies, kam er mit Koryphelia auf das Achterdeck und sah ruhig wie immer auf das fremde Schiff, das hinter ihnen größer wurde. Sie fragte sich, ob er es erwartet hatte oder ob er sich nur niemals überraschen ließ. Tatsächlich nahm sie eher Ersteres an. Nicht nur, weil er so unerträglich vorausschauend war, sondern auch weil sie dieses fast selbst erwartet hatte. Nachdem sie durch das Feuer eindeutig aufgefallen waren, war es unumgänglich, dass irgendwann irgendwer die Puzzleteile zusammensetzten würde. Dass die Entführer per Schiff verschwinden würden, hätte sogar sie sich denken können und da es hier um die Sicherheit der Prinzessin ging, war es sicherlich ein unausweichlicher Schritt gewesen, die Arbeiter im Hafen am Fluss bei Om’falo zu fragen, ob eine verdächtige Truppe vorbeigekommen war. Leider hatten ihre Verfolger die Fährte schneller aufgenommen, als sie gehofft hatten. Leén hatte keine Ahnung von Schiffen, aber sie konnte sich gut vorstellen, dass, auch wenn ihr kleines Handelsschiff recht schmal und wendig war, ein Sultan und ein König gemeinsam ein schnelleres Schiff bereitstehen hatten.
Ganz davon abgesehen wirkte es nicht, als würde der Kapitän des Handelsschiffes alle Möglichkeiten ausschöpfen. Das dreieckige Hauptsegel des kleinen Kahns blähte sich gemütlich allein im Wind und es war geradezu entspannt an Bord zugegangen. Warum hatten sie sich nicht mehr beeilt? Nicht einmal jetzt schien Machairi es besonders eilig zu haben. War es einfach zwecklos, eine Flucht zu versuchen, oder hatte er es gar beabsichtigt, gefunden zu werden? Vorstellbar war es allemal, auch wenn Leén kein guter Grund für einen solchen Wahnsinn einfiel. Denn auch wenn Machairi eine Neigung hatte, das Wahnsinnige zu tun, glaubte sie doch, dass er stets einen guten Grund hatte. Ein kontrollierter Wahnsinn, wenn man so wollte.
Nachdenklich musterte die Harethi den Schatten von der Seite, seine schwarzen Haare, die klaren Gesichtszüge und die endlos schwarzen Augen, die auf das feindliche Schiff gerichtet waren. Wie konnte er nach all diesen Wochen ein noch größeres Rätsel sein als vor ihrer Abreise? Von all ihren Fragen über ihn hatte sich keine eindeutig beantwortet, aber es war eine ganze Reihe neuer hinzugekommen. Was hätte sie darum gegeben, den legendären Schatten zu verstehen. Sie wollte auf Gedeih und Verderb nicht wissen, was ihm alles durch den Kopf ging, aber die Dinge, in die er sie mit hineinzog, zu verstehen, wäre doch sehr nett gewesen.
»Hast du etwas zu sagen?« Die klare Melodik seiner Stimme riss sie aus ihren Gedanken und sie fuhr zusammen. Er hatte den Blick nicht von dem Schiff genommen, das hinter ihnen immer größer wurde. Trotzdem fühlte sie sich nicht anders, als wenn er sie mit seinem unerträglich durchdringenden Blick bedachte. Es lag an dem leicht bedrohlichen Unterton und vielleicht auch daran, dass sie noch immer nicht vergessen konnte, wie er mit Gwyn umging.
Hastig wandte sie den Blick ab und biss sich auf die Lippe. Was sollte er denn denken, wenn sie jetzt nichts sagte und sie damit eingestand, dass sie ihn hauptsächlich anstarrte, weil er so undurchschaubar war? Sie wollte nicht zugeben, dass sie die seltsame Mischung aus Furcht und Bewunderung, die sie in Kefa überall vernommen hatte, selbst noch immer – vielleicht jetzt erst recht – verspürte. »Warum … beeilen wir uns nicht?«, fragte sie schließlich zögerlich, ohne ihn nochmal anzusehen. Irgendwo befürchtete sie, dass niemand mehr sicher war, wenn er Gwyn fortschickte. Andererseits wusste sie, dass er sie noch brauchte und solange sie ihren Zweck nicht erfüllt hatte und keine große Dummheit veranstaltete, musste sie wohl vorerst nicht befürchten, über Bord geworfen oder von einem der sagenumwobenen Messer aufgespießt zu werden. Trotzdem war die Furcht in ihrem Magen sehr real und sie fragte sich, ob er das wusste.
»Sie haben das schnellere Schiff.« Noch immer blickte er auf das Schiff und klang fast amüsiert, als fände nur er eine ganz besondere Komik in dieser Situation.
»Und was machen wir, sobald sie uns eingeholt haben?«, wagte sie zu fragen und schielte nun doch wieder in seine Richtung. Es war so unfair, dass er neben seiner Unnahbarkeit und scheinbaren Unfehlbarkeit auch noch gut aussehen musste. Auch wenn Leén inzwischen ahnte, dass er lediglich sehr gut darin war, seine Schwächen zu verbergen, machte seine seltsame Perfektion ihn noch etwas unheimlicher. Die annähernde Freundschaft zwischen ihnen schien mit dem Rauch über Om’falo wieder verpufft … der Rauch, der von zerstörten Häusern und zahllosen verbrannten Körpern aufgestiegen war, die Gwyns Feuer gefressen hatte. Auch das war beängstigend. Wann war die Welt nichts als beängstigend geworden?
Obwohl sie ihn noch immer nur sehr vorsichtig ansah, konnte sie das Schmunzeln beobachten, dass kurz über seine Mundwinkel zuckte. Ein gefährliches Zeichen. »Hareths Prinzen Hilfe anbieten«, antwortete er und Leén legte die Stirn in Falten. Das war eine seltsame Antwort. Lügen kamen selten von Machairis Lippen. Verbogene Formulierungen, die die falschen Schlüsse nahelegten, waren dagegen scheinbar vertretener, als sie gedacht hätte.
Die Prinzessin, die sich zuletzt im Hintergrund gehalten hatte, machte nun einen Schritt vor und sah zwischen Leén und Machairi durch auf ihre Verfolger. »Warum glaubst du, dass der Prinz persönlich auf dem Schiff ist? Er war doch nicht einmal in Om’falo.« Eine Spur von Abfälligkeit und vielleicht sogar Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit, obwohl sie sich eindeutig um einen neutralen Tonfall bemühte. Leén fiel außerdem auf, dass auch die Prinzessin sich nicht mehr um Höflichkeiten bemühte.
»Er wird seine Braut nicht tatenlos einer Handvoll Dieben überlassen.« Er sagte das mit solch einer Sicherheit, dass Leén vermutete, dass er schon wieder mehr wusste als alle anderen. Wieder konnte sie den Gedanken nachvollziehen und zur Abwechslung wäre er ihr vielleicht sogar selbst gekommen. Die zukünftige Braut zurückzubringen war mit Sicherheit eine Aufgabe von zu großer Wichtigkeit, um sie ganz in die Hände einiger Bediensteter zu übergeben.
Phela antwortete nicht weiter. Sie würde wirklich einen neuen Spitznamen für das Mädchen brauchen. Phela war in der Tat nicht viel besser als Koryphelia. Vielleicht Kory? Falsche Überlegungen, Leén. Die Prinzessin sah mit einem Mal etwas verloren aus, als Machairi endlich den Blick vom Schiff des Prinzen nahm und wortlos das Achterdeck verließ. Vielleicht würde er mit dem Kapitän reden, um ihn auf royale Besucher einzustellen, während die Prinzessin dem Mann entgegensah, dem sie schon entkommen zu sein geglaubt hatte.
Beinahe reglos standen die beiden Mädchen am Heck und sahen zu, wie die dreieckigen roten Segel hinter ihnen immer größer wurden. Leén kannte Geschichten über Hareths Prinzen, aber keine davon war eine wirklich zuverlässige Quelle. Obwohl man munkelte, dass er geradezu unziemlich viel Zeit mit dem einfachen Volk verbrachte, erschienen die meisten Erzählungen unrealistisch und aus der Luft gegriffen. Der Sultan selbst zeigte sich schon selten genug in der Öffentlichkeit, aber den Prinzen, der die Stellung im militärischen Zentrum Hareths hielt, bekam man eigentlich fast niemals auf Feierlichkeiten oder bei sonstigem Vergnügen zu Gesicht. Stattdessen kümmerte er sich ehrlich um die Belange der Bürger und widmete sich tatsächlich seiner Position an der Spitze des Militärs, die er durchaus als reinen Ehrentitel hätte handhaben können, wie es viele seiner Vorgänger getan hatten. Das einfache Volk hatte eine hohe Meinung vom zukünftigen Sultan und viele würden nicht nachvollziehen können, weshalb die Prinzessin von Cecilia lieber die Flucht mit einer Horde Dieben ergriffen hatte, als ihn zu heiraten. Leén dagegen konnte gut nachvollziehen, dass eine Heirat aus rein politischen Gründen nicht erstrebenswert klang, ganz besonders in eine fremde Kultur. Die Verwirrungen kultureller Unterschiede waren ihr selbst nur zu gut bekannt.
Leise schlug das Meer gegen den Rumpf ihres Schiffes und der Wind umspielte das Boot in leichten Brisen. Friedlich schien die Sonne auf sie hinab und nichts schien von der Bedrohung zeugen zu wollen, die inzwischen so nah war, dass man erste Menschen an Bord erkennen konnte. Es war so beängstigend ruhig; verräterisch und tückisch schien die Stille zu sein. Ein dunkles Donnergrollen wäre fast angenehmer gewesen. Hätten sie nicht Machairi an Bord gehabt, hätte sie geglaubt, dass sie nun endgültig verloren waren, dass man sie kielholen würde, bevor sie auch nur einen weiteren Sonnenuntergang erlebten. Leider galt es auch im Hinterkopf zu behalten, dass Machairis Vorstellung von einem wünschenswerten Ergebnis nicht unbedingt mit einem guten Ergebnis gleichzusetzen war. Sie erschauderte und trat ein paar Schritte zurück. War es nicht besser unter Deck zu gehen und die ganze Angelegenheit dort auszustehen? Wenn sie versenkt wurden, würde sie von dort nicht rechtzeitig entkommen, aber dann war ihr Leben vermutlich sowieso vorbei. Unschlüssig trat sie auf die Treppe zum Achterdeck zu, wurde aber von einem rothaarigen Mädchen rabiat zur Seite gestoßen, das stürmisch hinaufgestampft kam.
»Hör auf dich zu beschweren und freu dich mal! Endlich passiert hier mal was Interessantes!«, fauchte die Faust über die Schulter und sprang auf die Reling, um das Verfolgerschiff zu betrachten. Ihre Locken wehten leicht im Wind und gaben den Blick auf ein freudiges Grinsen frei. Sie hatte wohl zu Mico gesprochen und schien sich überhaupt keine Sorgen zu machen, über Bord zu fallen.
Der große Cecilian hatte die Arme vor der Brust verschränkt und stand auf dem Hauptdeck, altbekannte Abfälligkeit im Gesicht, die doch in den letzten Tagen immer wieder in den Hintergrund gerückt war. Langsamer stapfte er die Treppe hinauf. »Du kannst nicht einfach in meine Kajüte rennen!« Ärgerlich kam er auf dem Deck zum Stehen und sah grimmig dem Schiff entgegen.
»Es ist auch meine Kajüte, du Ochse.« Nun mehr amüsiert als patzig sprang die Faust zurück aufs Achterdeck. Der zweite Schatten Kefas an Bord des Schiffes hatte mit Mico den einzigen verfügbaren Kajütenpartner zugewiesen bekommen. Nachdem Gwyn in der Besenkammer schlief, die Prinzessin eine Kajüte für sich bekommen hatte, Leén sich eine Kajüte mit Vica teilte und Machairi wieder mal einen Raum ohne Bett – den Kartenraum – bezogen hatte, war ihnen auch nichts anderes übriggeblieben. Für mehr Kajüten hatte das Schiff keinen Platz. Die Crew war schon in die Lagerräume ausgewichen und es war kein Geheimnis, dass die Seeleute mehr als skeptisch waren, eine so dubiose Truppe an Bord zu haben.
»Deshalb kannst du trotzdem anklopfen!« Der Anblick des fremden Schiffes schien nicht dazu zu führen, dass sie aufhören wollten zu streiten.
»Du könntest abschließen.« Vollkommen unbeeindruckt baute sich Gina vor Mico auf und sah ihm gerade ins Gesicht, auch wenn sie dafür hochschauen musste. Sie war dafür bekannt, dass sie streitsüchtig war, und auch dafür, dass sie es liebend gern – und üblicherweise sehr erfolgreich – mit ausgewachsenen Männern aufnahm.
»Es war abgeschlossen.«
»Du bist ein magischer Schlossknacker, ich bin mir sicher, dass du das besser kannst.« Sie hob bei dem Wort magisch beide Hände direkt vor Micos Gesicht und bewegte die Finger einzeln auf und ab.
»Bei allen Göttern. Ich wollte mich umziehen, nicht den Eingang zu einer Schatzkammer verschließen.« Der Magier schlug die Hände der Faust zur Seite und kassierte dafür beinahe einen heftigen Schlag. Das Mädchen hielt nur gerade noch inne, als Machairi neben ihnen auftauchte und sie so eisig strafend ansah, dass selbst die Faust klein beigab.
Leén hatte nicht gehört, wie er die Treppe hinaufgekommen war, und die veränderte Stimmung hatte sie bei all der ohnehin herrschenden Anspannung nicht bewusst wahrgenommen. Immerhin legten die beiden Cecilian nun ihren lächerlichen Streit bei und machten einen Schritt voneinander fort. Sie harmonierten wahrlich nicht miteinander. Mico mit seiner Überheblichkeit und seinem Griesgram und die streitsüchtige, stolze Faust waren definitiv eine unkluge Mischung. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich gegenseitig die Köpfe einschlugen. Allerdings hatte sie das gleiche auch immer über Vica und Mico gedacht und bisher hatten sie die Reise überstanden, ohne sich gegenseitig nennenswerten Schaden zuzufügen. Der Einfluss des Schattens war mal wieder bemerkenswert, selbst auf die Faust, die sich schon aus Prinzip von nichts und niemandem etwas sagen ließ. Sie alle kamen nicht um das Gefühl, das Leén schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen gespürt hatte: Das unangenehme Verlangen, ihn auf keinen Fall zu verärgern und lieber den eigenen Stolz hintenanzustellen. Obwohl es eine sehr eindeutige Beobachtung war und es nahezu erniedrigend werden konnte, wenn man wie Gwyn lieber auf Knien um Vergebung bitten wollte, als sich einer weiteren Auseinandersetzung zu stellen, war es der Harethi bisher nicht gelungen, genau zu sagen, woher dieser Effekt rührte.
Der Schatten trat an die Reling und sah auf das nahe Schiff. Der Wind trug Stimmen, aufgeregtes Rufen, über das Wasser an ihr Ohr. Noch waren sie nicht in Reichweite, um sie unter Beschuss zu nehmen, und vermutlich würden sie erst die Herausgabe der Prinzessin verlangen, bevor sie das kleine Schiff den Fluten überantworteten. Trotzdem erwartete Leén – und sie war sich sicher, dass die meisten anderen von einer ähnlichen Angst ergriffen waren – jeden Moment eine Kanonenkugel neben sich einschlagen zu spüren. Der Steuermann, der sichtlich sein bestes gab, sich nicht ständig umzudrehen, hatte die Finger viel stärker um das Steuer geklammert als nötig gewesen wäre. Seine Knöchel traten weiß hervor und er zitterte. Auch der Rest der Crew war in verdächtige Stille verfallen, nur der Kapitän war nirgends zu sehen. Vielleicht gab es eine Absprache mit Machairi, vielleicht wusste er aber auch noch nicht einmal von dem Ärger, der ihnen bevorstand. Gerade als sie Mico danach fragen wollte, weil sie sich nicht traute, Machairi in seinem … Schauen zu unterbrechen, trat ein Mann an Deck, den sie als den Kapitän erkannte.
Der leicht untersetzte Mann war sichtlich mehr ein Händler als ein Seebär. Sie fuhren unter Harethiflagge in den felsigen Gewässern nahe der Küste, die jeder mit einem größeren Schiff und ein wenig Verstand weitläufig umfuhr. Riffe und Felsformationen waren überall an der Küste verteilt und die Legenden erzählten sogar von Seemonstern, die sich von Zeit zu Zeit ins flachere Wasser der küstennahen Regionen verirrten. In solchen Umständen kannte der mittelalte Mann sich aus. Auf dem offenen Meer war er nicht häufig unterwegs und wenn man es genau nahm, war das Schiff nicht dafür gemacht. Ganz davon abgesehen wurde er sonst nicht von einem königlichen Schiff verfolgt und hatte keine so bedeutenden Gäste an Bord, Gäste, die ihn – sollte der Prinz sie einholen und ihrer Verbrechen überführen – mit Sicherheit mehr als nur sein Schiff kosten würden. Trotzdem hatte er sie mitgenommen. Noch ein Rätsel, das Leén nicht lösen konnte.
Gespenstisch still war es an Bord, während der Kapitän auf das Achterdeck trat und nun ebenfalls einen Blick auf das Verfolgerschiff warf. Wenn man genau hinsah, konnte man die Angst erkennen, die den Mann ergriff. Nach außen blieb er jedoch erstaunlich ruhig. »Es gibt ein Lösung für diese Problem, ja?«, fragte er schließlich in nicht gerade akzentfreiem Cizethi.
»Mach das Schiff bereit, schnell und leise fortzusegeln«, antwortete Machairi ruhig und durch die weißbehandschuhte Hand drehte sich ein silbernes Messer. Der Kapitän malmte mit dem Kiefer, nickte aber, als sei ihm der Gedanke, einem anderen das Kommando zu überlassen, äußerst unangenehm.
»Wir erwarten Zeichen«, presste er hervor und entfernte sich, um mit seiner Mannschaft zu reden. Scheinbar vertraute er immerhin darauf, dass der Schatten wusste, was er tat.
Machairi drehte sich zu der kleinen Gruppe an Deck und kurz glaubte Leén zu sehen, dass die schwarzen Augen nach etwas suchten. »Mico«, sagte er schließlich und Leén fragte sich, ob er vielleicht unwillkürlich nach Gwyn Ausschau gehalten hatte. »Bring die Prinzessin unter Deck.«
Auch Mico schien zu merken, dass er die Aufgabe bekam, die normalerweise Gwyn zufiel. Seufzend nickte er jedoch, deutete eine kleine Verneigung in Korys Richtung an und deutete auf die Treppe zum Hauptdeck. Die Prinzessin hingegen sah nicht gewillt aus, so einfach nachzugeben. »Danke, aber ich glaube, ich fühle mich an Deck wohler«, verkündete sie verbindlich und lächelte leicht, während sie fest Machairi ansah. War das etwa Abenteuerlust, die da in ihren Augen blitzte? Reichlich unvernünftig, wenn man bedachte, dass das fremde Schiff nach ihr suchte. Der Schatten machte sich nicht die Mühe, sich zu wiederholen. Er erwiderte ihren herausfordernden Blick mit seiner Kälte, bis das jüngere Mädchen aufgab. »Andererseits ist es wohl besser, wenn ich nicht zu sehen bin. Nicht, dass er wüsste, wie ich aussehe, aber man kann ja nie vorsichtig genug sein«, fügte sie schließlich hinzu, nahm mit einem gezwungenen Lächeln die Aufforderung an und ließ sich hinab in den Schiffsbauch führen.
»Was nun?«, fragte Grothia interessiert und zupfte ihren eigenen weißen Handschuh zurecht. Sie war für alles bereit. Das Gleiche konnte man von Leén leider nicht sagen. Sie hatte das seltsame Gefühl, dass irgendetwas an dieser Situation nicht stimmte. Nicht nur, dass sie plötzlich allein mit zwei Schatten auf dem Achterdeck stand, es schien auch eine ganz neue Form von Gefahr in der Luft zu liegen. Sie wusste, dass Machairi einen Plan hatte, aber ob dieser Plan ihr gefallen würde, war eine ganz andere Frage. Die Tatsache, dass er sie nicht weggeschickt hatte, legte doch die Vermutung nahe, dass er sie hier haben wollte, und das konnte nichts Gutes bedeuten. Sie hatte keine Lust, erneut als Werkzeug verwendet zu werden.
Die nächsten Minuten verstrichen in nervenaufreibender Ruhe. Entspannt stand Machairi am Heck des Schiffes nahe der Reling und schien darauf zu warten, dass das Schiff des Sultans sie erreichte. Es war kaum größer als ihr eigenes, hatte aber wesentlich mehr Tuch gesetzt und war besser bewaffnet. Soweit Leén das sehen konnte, hatten sie selbst nur eine einzige kleine Kanone und das andere Schiff … nun, sie dachte lieber nicht darüber nach, wie viel Feuerkraft sich hinter dem Rumpf verbarg. Außerdem fiel ihr Blick nun erneut auf den Horizont, weil sie sich erinnerte, ein weiteres Schiff gesehen zu haben. Tatsächlich zeichneten sich nun weiße Segel sehr deutlich in der Ferne ab. Ganz offensichtlich waren jene Verfolger wesentlich langsamer, aber auch viel größer. Es hatte die klassischen viereckigen Segel, wie sie in Cecilia zumeist verwendet wurden und hielt ihnen stetig nach. Vor ihnen konnte man mit Sicherheit davonsegeln, wenn man auf einem so viel wendigeren und leichteren Schiff war, denn schließlich war das cecilianische Schiff wohl eher für die Hochzeit als für eine Verfolgungsjagd nach Hareth gekommen. Das änderte aber nichts daran, dass Hareths Verfolgerschiff sie nun erreichte.
Leén hielt sich bewusst im Hintergrund. Sie wich ganz an die Backbordseite zurück und beobachtete, wie das rotbesegelte Boot langsamer wurde und zu ihnen aufschloss. Vorne am Bug des Schiffes stand ein junger Mann. Seine dunklen Locken kräuselten sich in seiner Stirn und er stand aufrecht, in würdevoller Pose. Obwohl seine Gesichtszüge dennoch von einer gewissen Freundlichkeit zeugten, sah er dem Handelsschiff mit ruhigem Ernst entgegen und es bestand kein Zweifel, dass dieser Mann ein zukünftiger Sultan war. Eigentlich sah er genau so aus, wie Leén ihn sich vorgestellt hatte. Er schien sich zu Recht überlegen zu fühlen und dank der Wachen links und rechts von ihm und dem Rot und Gold seiner Kleider wirkte er trotz mangelnder Bedrohlichkeit einschüchternd. Prinz Zedian war ein würdiger Kontrahent zu Machairi, der den Blick seines Verfolgers vermutlich eiskalt erwiderte. Genau konnte Leén das von ihrer Position nicht sagen, weil der Schatten mit dem Rücken zu ihr stand.
Das Schiff des Sultans wurde langsamer und sie segelten so nebeneinander, dass die beiden Männer sich gerade ansehen konnten und möglichst wenig Abstand zwischen ihnen war. Kurz fragte sich das Harethimädchen, ob sie wohl für den Schatten übersetzen musste. Das wäre in dieser Situation sicherlich noch unangenehmer als sonst, aber sie wurde von ihren Befürchtungen erlöst, als der Prinz das kurze Schweigen durchbrach und Machairi ansprach. »Ich sehe: Die Gerüchte sind wahr. Gebt mir meine Braut zurück und niemand muss zu Schaden kommen.« Eine Spur des typischen Harethiakzents schwang in seinem Cizethi mit, aber man merkte, dass der junge Mann eine hervorragende Ausbildung genossen hatte. Nur wenig holperte er über die harten Konsonanten und die fremde Betonung und Leén hätte es selbst kaum besser gekonnt. Nach Wochen in Kefa und in der Gesellschaft vieler Cecilian war ihr Cizethi inzwischen beinahe akzentfrei, aber sie hatte schließlich schon mit ihren Eltern beide Sprachen gesprochen.
Gina lehnte sich an das Geländer, das verhinderte, dass man allzu leicht vom Achterdeck fiel, und grinste. »Direkt zum Punkt… und da heißt es immer, die Südländer würden so gerne plaudern«, sinnierte sie und seufzte theatralisch. Erschrocken starrte Leén sie an und konnte nicht glauben, wie unverschämt dieses Mädchen war. Warum hatte scheinbar kein einziger Schatten irgendeine Grenze in seiner Respektlosigkeit? Machairi schnitt der Faust mit einer Geste das Wort ab, als sie Luft holte, um etwas sicherlich Impertinentes rüber zu dem anderen Schiff zu brüllen.
Der Prinz hatte die Augenbrauen leicht zusammengezogen, ließ sich aber weiterhin keine vermehrte Wut anmerken. Er wandte sich nur wieder Machairi zu und wiederholte. »Meine Braut.« Fest sah er zu ihrem Schiff hinüber, während er seine Forderung aussprach. »Sie sollte keine Gefangene sein.«
»Ich halte keine Gefangenen«, antwortete Machairi ruhig und selbst auf die Entfernung konnte man dem Prinzen einen Hauch von Überraschung ansehen. Vielleicht waren es nicht die Worte, die ihn überraschten, sondern vielmehr die Stimme des Schattens, die so unerwartet melodisch und klar war.
Nun schmunzelte Hareths Prinz und hob die Augenbrauen. »Und ich nehme an, dass ich das einfach glauben soll. Auf Euer Wort als Dieb?«, erkundigte er sich und schüttelte den Kopf.
»Nichts spricht dagegen, dass sich der Skeptiker umsieht«, antwortete der Schatten und Leén fragte sich, ob er sich so verdreht ausdrückte, um eine Anrede zu vermeiden, oder ob er noch etwas anderes damit aussagen wollte. Sie betrachtete das Messer, das sich schneller und schneller durch die weißen Finger drehte. Noch immer war sich das Mädchen nicht sicher, ob das vielleicht ein Ausdruck von Nervosität war. Ganz davon abgesehen fragte sie sich, ob er den Prinzen wirklich an Bord kommen lassen würde. Es wirkte doch eher wie das Letzte, was sie wollen konnten, oder nicht?
»Ein Angebot, das ich gern annehmen würde, wären nicht ein solch berüchtigtes Messer und ein sehr schmaler Steg zwischen uns«, bemerkte der Prinz, während tatsächlich jemand eine Planke herantrug, und musterte die tanzende Klinge in dem weißen Handschuh. Leén fand, dass das nach einer berechtigten Sorge klang, aber Grothia ließ ein Schnauben hören.
Machairi schmunzelte. »Wenn das das Problem sein soll …« Es sah aus, als verliere der Schatten die Kontrolle über die Klinge. Das Messer fiel ihm aus der Hand, schlug einmal auf der Reling auf und platschte dann leise ins Meer. Erneut war Leén überrascht. Gwyn hatte ihr einst gesagt, dass der Schatten gut auf seine Messer achtete. Der Feuerspucker war geradezu entsetzt gewesen, als Machairi ihr eine Klinge übergeben hatte, um sich besser verteidigen zu können (worin sie sich nicht besonders gut angestellt hatte). Wieso würde er eine Klinge über Bord fallen lassen? Sicher musste doch auch einem Harethiprinzen klar sein, dass der Messerdämon mehr als ein Messer trug. Vielleicht war es jedoch auch die Geste, die zählte, denn der Schatten setzte hinzu: »Die Zeiten, da ein toter Prinz eine sinnvolle Lösung wäre, sind vorüber.«
Prüfend musterte der Prinz sein Gegenüber, während einer seiner Diener ihm mit besorgtem Blick etwas zuraunte und der Steg zu ihnen herübergelegt wurde. Leén sah, wie ihr eigener Kapitän ihnen einen alarmierten Blick zuwarf und der Steuermann umklammerte das Rad nun so fest, dass man Angst haben musste, er könnte es unter seinen Fingern zerbrechen. Mit der gleichen Ruhe wie auch sonst immer ging der Schatten mit fließenden Bewegungen die Treppe zum Hauptdeck hinab und erwartete die Gäste jenseits der Planke.
Leén konnte nicht sagen, was Prinz Zedian veranlasste, auf diesen Vorschlag einzugehen, warum er nicht mit aller Gewalt entern ließ, um ihnen die Prinzessin zu entreißen. Doch der Prinz trat an die Reling, ohne weitere Bedenken zu äußern.
Ein uniformierter Vartija betrat den Überweg als Erster, den Blick skeptisch auf den Schatten gerichtet und die Hand fest um ein Schwert geschlossen. Jeder Soldat auf dem anderen Schiff schien angespannt und als der Prinz selbst den Steg hinter seinem Soldaten betrat, wurde die Stille so vollkommen, dass man die Anspannung fast in der Luft surren hören konnte. So entging niemandem das erste Grollen, das aus den Tiefen des Wassers erklang. Die Schiffe erbebten und das Wasser schien zu brodeln. Die Besatzung beider Schiffe klammerte sich fest an dem erstbesten Halt, den sie fanden, und Schreck, Überraschung und Angst lösten die Anspannung ab. Ein Messer schoss aus der Tiefe hervor wie aus einem Kanonenrohr und mit einer Sicherheit, die nur jemand haben konnte, der genau das erwartet hatte, fing Machairi es aus der Luft.
Dann geschah alles auf einmal. Die zuvor ruhige Meeresdecke brach und Machairi gab dem Kapitän ein Zeichen. Der Steg, auf dem der Prinz noch immer stand, barst, als ein gewaltiger Fangarm den Soldaten anrempelte und ihn hinabstürzte in die blaue Unendlichkeit des Wassers. Türkise Tentakel schossen aus der Tiefe hervor, wanden sich in die Luft und Leén sah den Prinzen fallen. Machairi fing den jungen Mann am Kragen auf und zerrte ihn mit nur einer Bewegung an Bord. Indes hatte der Kapitän es geschafft, seine schreckstarre Besatzung dazu zu bringen, die Segel in den Wind zu drehen und mehr Tuch zu setzen.
Leén umklammerte das Geländer der Treppe zum Achterdeck und sah mit geweiteten Augen auf die unruhige See. Auf die zahllosen dünnen Fangarme, die aus dem Wasser schossen und sich mehr und mehr um das Harethischiff zu schlingen schienen. Auch ihr eigenes Schiff wurde von wenigen Armen befallen, aber sie bewegten sich bereits weg vom Geschehen und die Männer an Bord des Verfolgerschiffes schrien so laut durcheinander, dass das Seemonster sich nur auf sie konzentrierte. Dünn wie Leéns Arm waren die einzelnen Tentakel und in alle Richtungen biegsam wie Haare. Trotzdem durchstießen sie die Bordwände und zermalmten das Schiff geradezu, während die Besatzung bestmöglich Kanonenkugeln ins Wasser feuerte. Ungläubig und schockiert sah sie zu, wie mehr und mehr Tentakel aus der Tiefe kamen und das Schiff umwoben und dann plötzlich erhob sich ein bläulicher Körper unter den Tentakeln aus den Tiefen des Wassers. Die ganze Welt schien den Atem anzuhalten, um zuzusehen, wie eine Gestalt aus dem Wasser erwuchs. Erst nach einem Augenblick wurde klar, dass es sich bei den türkisenen Tentakeln tatsächlich um Haare handelte. Schreie erfüllten die Luft, während der gewaltige Körper, zu dem dieses Haupthaar gehörte, sich bis zur Hüfte aus dem Wasser erhob.
Es war eine Frau, oder zumindest glich sie einem weiblichen Bild. Die Gesichtszüge waren breit und schauerhaft und die Haut war blau und glänzte wie das Meer selbst im Sonnenlicht. So klein wie ein Spielzeugboot hing das Schiff in ihren Haaren und mit einer gewaltigen Hand zog sie es daraus hervor. Menschen hielten sich verzweifelt an der Reling fest, um nicht ins Wasser viele dutzend Schritt unter ihnen hinabzustürzen, als sie es zur Seite kippte und betrachtete wie ein kleines Kind ein neues Spielzeug. Eine Art Lächeln verzog die unmenschlichen Gesichtszüge und dann plötzlich schoss ihr Blick zu dem zweiten Schiff in ihrer Nähe.
Kalte Furcht und Entsetzen schossen durch Leéns Magen und sie wollte schreien, aber kein Laut entrang sich ihrer Kehle. Die zweite gewaltige Hand hob sich aus dem Wasser und verdeckte die Sonne, sodass ein Schatten auf sie fiel. Sie waren schon recht weit gekommen und der Kapitän segelte nun so schnell, wie das kleine Schiff hergab, aber sie waren mit Sicherheit noch immer in Reichweite der gigantischen Gestalt. Wenn sie sie nun einfach in die Tiefe hinabdrückte … Als wäre sie unentschlossen, bewegte das Seemonster die Hand nach links und rechts und verwirrt betrachtete Leén das Wasser, das den blauen Arm hinablief und in wahren Wasserfällen zurück ins Meer fiel. Erst nach einem atemlosen Augenblick verstand Leén, dass sie winkte. Dieses riesenhafte Ungetüm einer Frau, dessen Gesicht man vielleicht am ehesten mit einem eingedrückten blauen Totenschädel vergleichen konnte, grinste breit, schaukelte das Schiffchen in einer Hand, auf dem noch immer die Besatzung schrie, und winkte ihnen nach.
Fassungslos drehte sie sich zu Machairi, die Knie weich wie selten zuvor in ihrem Leben, um ihn zu fragen, was gerade geschehen war, doch sie war erneut kaum in der Lage, sich zu rühren. Da stand der schwarzgekleidete Mann seelenruhig, mit einem triefenden Messer in der Hand, und winkte zurück.

Königskinder
Hoheit strebt nach Perfektion. Eine einfache Regel, die die Grundfeste ihrer Welt setzte. Eine ermüdende Regel zweifellos, aber Koryphelia konnte nicht behaupten, dass sie eine Wahl gehabt hätte. Sie war in eine Rolle hineingeboren worden, in der ihr nichts anderes übrig blieb, als das Beste aus ihrer Situation zu machen. Es hatte immer viele Regeln in ihrem Leben gegeben und sie hatte erst mit der Zeit gelernt, welchen sie sich fügen musste und welche sie biegen konnte.
Das Leben der Menschen, die nun um sie herum waren, war anders. Auch hier gab es einen festen Regelkodex, ob sie es nun wussten oder nicht, aber es waren gänzlich andere Paradigmen. Koryphelia versuchte, sich anzupassen, erließ dem einzig netten Mädchen in ihrem Alter gerne die Höflichkeitsfloskeln und gab sich allergrößte Mühe, nicht das verwöhnte Prinzesschen zu sein, das sie alle in ihr sahen. Die Faust war die Impertinenz in Person und die Blinde war ein Enigma der Andersartigkeit. Das Harethimädchen, das man ihr als Rish vorgestellt hatte, schien immerhin ein gewisses Maß interpersoneller Kompetenzen aufweisen zu können. Wenn es zu den Männern der Gruppe kam, hatte die Prinzessin entschieden, freundliche Vorsicht walten zu lassen. Der Pyromane, der Om’falo in Brand gesteckt hatte, hatte sich glücklicherweise zurückgezogen und der Magier, der ihr seine kultivierte Höflichkeit allzu deutlich unter die Nase rieb, war schon ob seiner Natur mit Bedachtsamkeit zu behandeln. Der Messerdämon selbst – das stand außer Frage – hatte ein solch exzessives Maß an Stolz und Arroganz, dass sie gar nicht erst versuchen wollte, dem beizukommen. Bereits bei ihrer Entführung, die kaum die Bezeichnung verdiente, hatte sie gemerkt, dass dieser Mann seinen Ruf zu Recht genoss. Es war nicht davon auszugehen, dass er seine naturgegebene Fehlbarkeit vor irgendeinem Menschen eingestehen würde. Deshalb, und nur deshalb, saß die Prinzessin von Cecilia nun in ihrer Kajüte und hörte den Schreien von draußen zu.
Koryphelia war von Natur aus mit einer gesunden Neugierde und einer gewissen Intelligenz gesegnet, die ihr Vater ihr nicht zutraute. Sie wollte wissen, was dort an Deck vorging und wollte gleichzeitig die Situation nicht noch schwieriger machen. Angestrengt hörte sie zu, versuchte zu verstehen und einzuschätzen was vorging. Es war wahrlich nicht besonders leicht, die gedämpften Geräusche durch die Bordwände hindurch zu vernehmen. Eindeutig war nur, dass Chaos ausgebrochen war und sie sich mit erhöhter Geschwindigkeit bewegten. Da hatte der Messerdämon wohl sein Zeichen gegeben. Immerhin schien der Kapitän in der Lage, Anweisungen zu befolgen. Menschen, die an ihre Rolle als Kommandant gewöhnt waren, schienen allzu häufig zu versessen, es zu behalten. Bei uneingeschränkter Aufrichtigkeit ging es ihr auch selbst so. Macht war ein Freund, dem man gar zu leicht verfiel.
Die Schreie verklangen, wurden zu einem Echo in der Ferne und es wurde ruhig an Bord. Ebenso gut hätte das Schiff nun verwaist sein können. Keine Stimme drang an ihr Ohr, keine Schritte. Vorsichtig schob die Prinzessin die Tür ihrer Kajüte auf und schritt auf leisen Sohlen auf die Treppe zum Deck zu. Zu ihrer großen Erleichterung konnte sie nun doch wieder leise Schritte vernehmen. Keine Menschenseele begegnete ihr zwischen den Kajüten und bewusst vorsichtig schob sie die Luke einen Spalt auf, um einen Blick an Deck erhaschen zu können.
Dort, unterhalb der Reling, zu Füßen des Dämons, lag ein Harethi auf dem Rücken und starrte mit Überraschung und Furcht in die Ferne und auf Machairi, der, die Hand zum Gruß gehoben, seine Aufmerksamkeit nicht auf den Prinzen gerichtet hatte. Der Mann, mit dem ihr Vater sie vermählen wollte, schien perplexer Reglosigkeit verfallen. An seiner Identität konnte allerdings kein Zweifel gehegt werden. Selbst wenn sie nie ein Porträt von ihm gesehen hätte, wäre spätestens die abenteuerlich geschnittene rote Kleidung ein eindeutiges Indiz gewesen. Was dachte sich der Verbrecher dabei, nun schon das zweite Monarchen-Kind an Bord festzuhalten? Fasziniert beobachtete Koryphelia, wie alle an Deck gebannt zurückblickten. Keine sinnvolle Erklärung wollte ihr einfallen, wie sie es geschafft hatten, dass das andere Schiff zurückblieb. Kanonen waren gefeuert worden und garstige Schreie hatten ihr Ohr erreicht. Dennoch schienen weder Schiff noch Besatzung zu Schaden gekommen zu sein, während die Verfolger fort waren. Welch seltsame Wendung.
Erst als Machairi sich ihm zuwandte kam wieder Leben in den Prinzen. Mit einer schnellen Bewegung kam er elegant auf die Füße und die Prinzessin erwischte sich dabei, ihn ganz genau zu mustern. Dieser Mann sollte also ihr Gatte werden. Äußerlich, so musste sie zugeben, hätte sie sich nicht beschweren können. Zedian war ein hübscher junger Mann, wenn er auch etwas verschreckt dreinblickte. Die Sache, die das beobachtende Mädchen spontan am ärgsten störte, war jedoch das Alter ihres Versprochenen. Zwar war er jung genug, um sich guten Gewissens als junger Mann bezeichnen zu können, doch er war mit Sicherheit älter als die Diebe und der Schatten selbst, der ihn noch immer genaustens beobachtete. Koryphelia sollte an ihrem sechzehnten Geburtstag heiraten und dieser Mann war knapp zehn Jahre älter. Vermutlich sollte sie dankbar sein, dass es nicht noch mehr waren. Angenehm wurde der Gedanke dadurch nicht.
Der Prinz zog sein Schwert und machte einen Schritt zurück. Die Klinge blitzte im hellen Licht der Sonne und richtete sich auf Machairi. Grothia ließ die Knöchel knacken und der Rest wich hastig ein ganzes Stück zurück. Nur der Messerdämon regte sich nicht. Ruhig, als bekäme er einen Blumenstrauß anstelle einer geschliffenen Klinge entgegengestreckt, stand er da und musterte Zedian.
Langsam schien der zukünftige Sultan seinen Schreck zu verarbeiten und legte ein würdevolleres Verhalten an den Tag. »Ich habe nicht geglaubt an Geschichten von Dämonen.« Die Stimme hatte er gesenkt und das verstärkte seinen Akzent. Doch rätselhafterweise machte dies seine Worte wirkungsvoller. »Es waren gute Menschen auf diesem Schiff!« Wut zeichnete die gleichmäßigen Züge des Harethi und er stieß sein Schwert erstmals in die Richtung seines Gegenübers.
Als sei es das Selbstverständlichste der Welt wich Machairi aus. Er drehte sich nur leicht zur Seite, sodass das Schwert ins Nichts traf. Keine seiner Bewegungen zeugte von Hektik oder auch nur von Eile. Eine Prinzessin sah viele Menschen kämpfen. Koryphelia hatte es sogar genossen, Trainingskämpfen zuzusehen, doch hatte sie noch nie jemanden so leichtfertig elegant ausweichen sehen. »Sie wird sie nicht töten … nicht absichtlich.« In seine Gleichgültigkeit mischte sich eine Spur von Amüsement. »Sie braucht von Zeit zu Zeit Unterhaltung.«
Koryphelia sah sich in einer unangenehmen Situation: Sie hatte nicht die geringste Vorstellung, worum es gehen konnte. Alles, was sich ihren Augen bot, war ein Prinz, dem die Wut das Blut ins Gesicht trieb. Nur schwer war es zu sehen unter der dunklen Haut, doch für jemanden, der so ungestört beobachten konnte wie die Prinzessin, die noch immer auf der Treppe stand, war es dennoch zu erkennen. »Bástardo«, presste Zedian tonlos hervor und ausnahmsweise waren sich ihre Sprachen ähnlich genug, dass es keiner Fremdsprachenkenntnis bedurft hätte, ihn zu verstehen.
»Leider nicht«, antwortete der Dämon beiläufig, weiteren Schwerthieben geschmeidig ausweichend. Es war geradezu schön anzusehen. Wie ein beeindruckender Tanz oder ein mitreißendes Schauspiel. Die sauberen und geübten Kampfschritte des Prinzen wirkten dagegen hilflos und dilettantisch.
»Wehr dich, Dämon«, forderte Zedian. Man konnte der Wut zusehen, wie sie ihn überrollte und vereinnahmte, einen Menschen aus der Ruhe brachte, der sich sonst selten aufregen ließ. Mit ihr kehrte der Leichtsinn ein und ließ den fremden Mann die Warnungen in den Wind schlagen, die seine Geschichten beinhaltet haben mussten. »Ich werde nicht der nächste Gefangene auf diesem Schiff sein!« Blankes Metall schnitt durch die Luft und verfehlte den Schatten wieder und wieder. Gelegentlich sah es gar so aus, als fahre die Klinge tatsächlich durch einen Schatten, so schnell bewegte sich ihr Ziel zur Seite.
Wie die Kämpfenden sich drehten, erhaschte die Prinzessin erstmals einen Blick auf die Züge des Cecilian und fuhr im Halbdunkel der geöffneten Luke zusammen. Abgrundtief schwarze Augen musterten den fremden Prinzen mit eisiger Kälte, die selbst Koryphelia durch Mark und Bein fuhr. Er war furchteinflößend. »Es gibt keine Gefangenen.« Ein bedrohlicher Unterton durchwob das feine Geflecht der Melodie, die er seine Stimme nannte.
»Ich … bin nicht … freiwillig hier!« Äußerst peinsam stockte der Prinz beim Sprechen, weil er nun mehr Kraft in seine Hiebe fließen ließ und gleichzeitig mit der fremden Sprache kämpfte. Koryphelia schob die Luke etwas weiter auf, um besser sehen zu können, während sie gebannt das Geschehen verfolgte.
An dieser Stelle hörte der Schatten auf, nur auszuweichen. Mit einer Geschwindigkeit, dass ein Blinzeln ausgereicht hätte, um es zu verpassen, entwand er dem Prinzen das Schwert, griff an seinen Kragen, zog ihm die Beine fort und kippte ihn über die Reling, dass der Harethi kopfüber über dem Meer hing. Fest umklammerte der weiße Handschuh den kostbaren Stoff der Gewänder des Prinzen, der sich bedenklich unter seinen Fingern spannte. »Ein Wort und ich mache deine Rettung vorm Ertrinken gerne rückgängig.«
Energisch stieß Koryphelia die Luke auf und trat an Deck. Heirat oder nicht, sie konnten Hareths Prinzen nicht einfach ins Meer werfen. Möglichst würdevoll trat sie heran und straffte die Schultern. »Bitte zieh ihn wieder hoch«, sprach sie den Schatten an. Sie hatte ihr ganzes Leben in der Nähe furchteinflößender Männer verbracht, auch wenn Machairi dem Wort eine neue Bedeutung verlieh.
»Solltest du nicht unter Deck sein?«, antwortete er ruhig, ohne die Prinzessin eines Blickes zu würdigen. Er schien nicht gewillt, ihrer Bitte nachzukommen.
»Keine Gefangene, nicht wahr?« Haltung zu bewahren, war nun entscheidend. So auffordernd, wie sie konnte, schaute sie den Schatten an. Noch immer ruhte sein Blick auf Zedian, der unruhig atmend noch mit dem Schreck zu kämpfen schien, während er äußerst hilflos über der Reling hing.
Doch nun fand auch der zukünftige Sultan seine Stimme wieder. »Schon gut!«, stieß er hervor. »Auf eine gesittetere Unterhaltung.« Wundersamerweise schien es, dass er seinen Wunsch erfüllt bekam, denn Machairi zog ihn zurück an Bord.
Hastig brachte der Prinz Abstand zwischen sich und den Schatten und richtete seine Kleider, bevor sich die haselnussbraunen Augen auf Koryphelia richteten. »Prinzessin Koryphelia?«, erkundigte sich der junge Mann nach einer kurzen Pause verbindlich und senkte den Kopf kurz, während er ihr das breiteste Lächeln, das er in dieser Situation aufbringen konnte, schenkte.
Erstmals seit sie den fremden Mann erblickt hatte, wurde ihr wirklich klar, was für eine Bedeutung dieser Mensch in ihrer Zukunft spielen sollte. Der Gedanke hatte zuvor über ihr gehangen wie ein aufziehender Sturm, doch nie hatte sie in letzter Konsequenz realisiert, was das bedeutete. Es schlug nun auf sie nieder und sie musterte den Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen sollte, ganz anders. Sich ihrer Manieren erinnernd deutete sie einen Knicks an und nickte. »Sehr erfreut, Liègi«, antwortete sie. Nur weil die Bienen beschlossen hatten, die Höflichkeit zu ignorieren, musste sie das nicht auch tun.
Er schmunzelte und erwiderte ihre Geste mit dem Hauch einer Verbeugung. »Dieser … Mann«, es machte deutlich den Anschein, als habe ihm ein anderes Wort auf der Zunge gelegen, als er auf Machairi deutete, »behauptet, Ihr wäret freiwillig hier?« Skepsis zeichnete Worte und Züge des Harethi. Einen Augenblick haderte die Prinzessin. Die Umstände entsprachen nicht unbedingt dem, was sie sich erhofft hatte, als sie Machairi um Hilfe gebeten hatte. Dennoch konnte sie nicht behaupten, dass sie ernsthaft versucht hätte, sich zur Wehr zu setzen, und im Grunde war genau erreicht, was sie wollte. Außerdem wollte sie nicht wissen, was Machairi tun würde, wenn sie ihm in den Rücken fiel. »So kann man es in der Tat ausdrücken, Liègi.« Ein verbindliches Lächeln zierte ihre Züge. In ihrem Inneren schien sich etwas verknotet zu haben wie eine ungeschickte Schlange, doch die Fassade hielt.
»Warum, Prinzessin, solltet Ihr hier sein wollen?« Echte Sorge klang aus seinen Worten. Sorge, so vermutete sie, um ihren Verstand. Oder er glaubte, dass man sie zwang, dem Schatten zuzustimmen. War doch die Realität so viel komplizierter und weniger freundlich. Sollte sie ihm sagen, dass sie versucht hatte, der Hochzeit mit ihm zu entgehen? Würde er die zahlreichen Gründe verstehen, die sie veranlasst hatten, einen Brief an einen berüchtigten Verbrecher zu schreiben? Als sie nicht direkt antwortete, wandte sich der Prinz wieder Machairi zu. »Wieso wagt Machairi, eine Prinzessin zu entführen?« Sein Tonfall war nicht so vorwurfsvoll, wie zu erwarten gewesen wäre, und er vermochte es, sich erstaunlich überzeugend zu Diplomatie durchzuringen. Möglicherweise verspürte der Fremde nicht das Bedürfnis, erneut kopfüber über dem Meer zu hängen. Tatsächlich war der Gedanke dahinter Koryphelia bereits selbst mehrfach gekommen: Was hatte Machairi davon, ihr zu helfen?
»Ich halte einen geplanten Krieg auf, solange ich kann«, antwortete der Schatten mit kalter Sachlichkeit.
»Wir planen eine Hochzeit. Eine … Friedensangebot?« Er schien Wortfindungsschwierigkeiten zu haben, ob das nun der Sprachbarriere oder der Aussage geschuldet war, blieb ungeklärt. »Ihr alle riskiert, fragilen Frieden zu brechen.« Irritiert sah der Prinz zwischen den Menschen an Deck hin und her. Jedes Auge und jedes Ohr schienen ihre Unterhaltung zu verfolgen.
»Wenn der Sultan glaubt, Thredian würde seine einzige Erbin ohne Hintergedanken an den Sohn eines verabscheuten Feindes verheiraten, ist er noch dümmer als Thredian selbst.« Sobald der Messerdämon sprach, deckte sich eine neue Stille über das Schiff. Aus gespanntem Schweigen wurde andächtige Furcht. Zedian musterte sein Gegenüber, als versuche er angespannt, etwas zu verstehen, was er unmöglich begreifen konnte. Koryphelias Vater hatte viele schlechte Eigenschaften. Kriegslust war eine davon. Für einen entfernten Prinzen konnte dies jedoch höchstens ein Gerücht sein. »Thredian gedenkt, seine Feinde in Sicherheit zu wiegen, und baut darauf, dass man ihm mehr Sorge um das Wohl seiner Tochter zutraut.« Nun musste Koryphelia den Blick abwenden. Machairis Vermutung war gut, traf aber nur einen Teil der Wahrheit.
»Das ist dumm.« Zedians Augen suchten kurz nach seinem Schwert, das zwischen ihnen lag – aus Vorsicht vor dem Wahnsinn, den er in dem Schatten sah. »Wenn Cecilia einen Krieg anfängt, verliert er seine einzige Tochter.« Er warf Koryphelia einen entschuldigenden Blick zu. »Sagtest du nicht, sie ist sein einzige Erbe?« Nun, da er angespannt unruhig war, wackelte sein Cizethi etwas mehr als zuvor. Fast hilfesuchend sah er umher.
»Das legt nahe, dass Koryphelia seit Kurzem eine große Schwester ist. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen: es ist ein Junge?« Fragend sah der Schatten in ihre Richtung, doch an der Überlegenheit in seiner Stimme und seinem Blick, sah sie, dass er wusste, dass er recht hatte. Die Nachricht über die Schwangerschaft der jungen Königin und der Geburt ihres ersten Sohnes war geheim gehalten worden. Königin Lydisia war auf einen Landsitz gefahren, um dort ihr Kind zu gebären. Eine Praxis, die man sonst nur für Bastardkinder vollführte.
Was der Schatten nicht zu wissen schien, war, dass ihr Vater durchaus einen Plan hatte, um sie rechtzeitig nach Hause zu bringen, bevor er einen vernichtenden Erstschlag ausführte. Die Prinzessin hatte nur eingewilligt, den Plan zu unterstützen, weil sie wusste, dass sie keine echte Wahl hatte. Ihr Vater hatte ohnehin das letzte Wort über ihre Heirat und seine Pläne verraten konnte sie nicht, ohne ihr Zuhause der Übermacht des Gegners auszusetzen. Den letzten Krieg hatte Hareth gewonnen und angesichts der finanziellen und militärischen Situation war für einen Realisten deutlich zu sehen, dass sie auch aus einem neuen siegreich hervorgehen würden. Außer natürlich, man verfügte über ein allwissendes Orakel, das die Antwort liefern konnte, wie man einen übermächtigen Feind ganz sicher dennoch effektiv besiegen konnte.
Prüfend blickte ihr Verlobter zu Koryphelia und sie ahnte, dass er die Wahrheit in der Schuld in ihren Augen las. »Angenommen ich würde – trotz …«, er machte eine vielsagende Geste in Richtung Heck – »… glauben, an diesen Wahnsinn. Warum erzählt mir ein Mann mit solchem Ruf davon?« Eine Frage, die Koryphelia aus der Seele sprach.
Der Schatten drehte ein Messer durch die Finger und musterte den Prinzen. »Man sagte in Om’falo, Hareths Prinz sei friedliebend. Wenn dem so ist, sind wir auf der gleichen Seite und du verschaffst mir mehr Zeit, einen sinnlosen Krieg zu verhindern.« Es klang ganz diplomatisch, wie er das so sagte. Koryphelia hörte dennoch heraus, dass er blindes Vertrauen von Hareths Prinzen forderte.
»Du hast ein Seemonster auf meine Mannschaft gejagt. Das wirkt nicht besonders friedfertig.« Zedians Hand tastete in einer Welle von Wut reflexartig nach dem Schwert, aber sie fand nur die leere Scheide. Gleichzeitig fragte sich Koryphelia, ob der Prinz vielleicht einen Übersetzungsfehler gemacht hatte. Seemonster schien recht wahrscheinlich nicht das Wort zu sein, das er gesucht hatte. Wie automatisch blickte die Prinzessin zurück und gefror an Ort und Stelle, als sie in der Ferne einen Berg aus der See ragen sah. Einen Berg, der sich zu bewegen vermochte. Ein Berg in der Form eines Körpers. Ein Schiff hing hilflos in seinen Fängen. Was konnte das sein?
»Ich habe ein Messer in den Ozean fallen lassen. Wenn sie ihren Spaß hatte, wird sie von dem Schiff ablassen.« Nur mit halbem Ohr hörte Koryphelia zu, verarbeitete nicht, was gesagt wurde. Noch immer hing ihr Blick auf der Kreatur, die das schnittige Schiff durch die Luft bewegte wie ein Kind, dem man ein Spielzeugboot ins Bad gesetzt hatte.
»Warum sollte ich den Absichten eines Mannes trauen, der sich nicht einmal zu grundlegender Höflichkeit herablässt?« Endlich schaffte Koryphelia es, sich von dem schauderhaften Anblick loszureißen und ihre Aufmerksamkeit wieder dem Gespräch zuzuwenden. Es wird sie nicht alle töten. Es wird sie nicht alle töten, dachte sie nur immer wieder, während sie die Schreie aus ihrer Erinnerung zu verbannen versuchte.
»Auch das beruht auf Gegenseitigkeit.« Auch wenn der Schatten grundsätzlich recht hatte, musste sie Zedian doch zustimmen. Die Arroganz und Überheblichkeit des Schattens waren äußerst unangebracht für einen Mann aus dem Bienenstock, der mit einem Prinzen – oder auch einer Prinzessin – sprach. Ein überlegenes Lächeln zuckte flüchtig über seine Züge. »Da ich die Person bin, die dich jederzeit ins Meer werfen kann, sehe ich mich in keiner Weise zu Respekt genötigt.«
Zedians Kiefer malmte. Man konnte ihm ansehen, dass ihm eine unfreundliche Antwort auf der Zunge lag, doch er schluckte sie herunter. »Wie soll ich irgendjemandem Zeit verschaffen – wenn ich es denn wollte –, wenn ich auf diesem Schiff festsitze?« Seine Beherrschung war bewundernswert.
»Cecilias Schiff war bereits am Horizont zu sehen. Sie werden einen zukünftigen Sultan sicher gerne aus dem Wasser ziehen.« Nun warf auch Koryphelia dem Schatten einen überraschten Blick zu. Sie erwartete ein gemeines Grinsen, stattdessen erblickte sie nur Neutralität und Sachlichkeit in seinem Blick.
»Wenn du mich töten willst, tu es selbst.« Ärger mischte sich in die zuvor beherrschte Stimme und ließ seinen Akzent härter durchklingen.
Machairi blickte über das Deck zum Kapitän, der augenscheinlich höchst bemüht war, sich seiner Crew zu widmen, anstatt das Gespräch zu verfolgen. »Vielleicht hat der Kapitän genug Patriotismus im Blut, um ein Beiboot zu erübrigen.«
»Was, wenn ich nicht das Bedürfnis habe, einem Entführer mit zweifelhaften Motiven zu helfen?« Der Prinz machte dem Dämon einen Schritt hinterher.
»Ich kann niemanden dazu zwingen, Frieden über Feindschaft zu wählen.« Unbeirrt führte er seinen Weg fort. »Du wirst dieses Schiff jetzt verlassen. Mit oder ohne Beiboot.« Damit verschwand er unter Deck.
Koryphelia blieb zurück mit ihrem Verlobten und fühlte eine neue Art von Anspannung, als die Präsenz des Schattens verschwand. Sie fühlte sich auch in Zedians Gegenwart seltsam, jedoch eher ob ihrer seltsamen Beziehung zueinander. Von konträrer Seite schien etwas Vergleichbares auszugehen. Der Prinz räusperte sich. »Ihr erwartet nicht, dass ich glaube, was dieser Dämon sagt, Prinzessin, nicht wahr?« Mit ernster Miene trat er an sie heran und Koryphelia sah sich nicht in der Lage, etwas zu antworten. Auch sie wusste nicht, was Machairi vorhatte, aber seine Vermutungen waren richtiger, als ihr lieb gewesen wäre. »Ihr habt nichts zu befürchten. Für den Augenblick scheint er sich etwas von Eurer Anwesenheit zu versprechen und so lange seid Ihr sicher.« Noch einen Schritt trat er näher. »Wir werden direkt hinter Euch sein«, versprach er dann leise, dass es nicht an die Ohren der lauschenden Schaulustigen dringen sollte. Vorsichtig griff er nach ihrer Hand. »Ich wünschte, wir hätten uns unter angenehmeren Umständen kennengelernt, aber seid unbesorgt. Ihr werdet sehr glücklich sein in Om’falo: Ich werde alles dafür tun, das verspreche ich.«
Hätte sie dem süßen Versprechen doch nur glauben können. Nichts deutete darauf hin, dass sie jemals glücklich werden würde als seine Braut. Etwas zu energisch entzog sie ihm seine Hand. »Ich denke nicht, dass mir das Leben als eine von 42 zusagen wird. Liègi.« Den Titel brachte sie so patzig hervor, dass die Augenbrauen des Prinzen nach oben zuckten.
»Wir werden darüber reden, wenn Ihr in Sicherheit seid, Prinzessin.« Er versuchte ein Lächeln. »Ich werde nicht zulassen, dass ein Verbrecher Euch … Schaden zufügt.«
Beinahe hätte sie gelacht, aber es blieb ihr im Halse stecken. Von all den vielen Befürchtungen, die ihr Gemüt plagten, war das nie auch nur einen Gedanken wert gewesen. Dahingehend fühlte sie sich absolut sicher vor dem Schatten. »Ich denke, es ist besser, wenn Ihr euch nun ein Beiboot besorgt, Liègi. Das Schiff meines Vaters wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.« Es war eine reichlich unhöfliche Art, seine Sorge abzutun, das wusste die Prinzessin. Sie glaubte ihm sogar, dass er es gut meinte. Vielleicht mochte sie ihn sogar ein wenig. Es blieb aber dabei, dass sie nicht das Bedürfnis hatte, ihn zu heiraten, und wenn die Dinge so liefen, wie Machairi sie hoffentlich plante, würde sie das auch nicht müssen.
Zedian nickte knapp und trat zurück. »Haltet durch, Prinzessin«, sagte er noch, bevor er sich abdrehte, sein Schwert aufhob und auf den Kapitän zutrat. Immerhin war er in der Lage einzusehen, wenn er keine Alternative hatte. Es machte ihn ungewollt sympathisch.

Paradies
Es gab nicht viele Dinge, die Mico als schön bezeichnete. Der Zauber, den manche Menschen in allem zu sehen schienen, ging meistens an ihm vorbei. Ein Romantiker würde sagen, dass die Schönheit mit Lia aus seinem Leben verschwunden war. Mico hingegen war eher der Ansicht, dass ihm Schönheit schon immer ziemlich egal gewesen war, spätestens jetzt, seit eine riesige Narbe sein Gesicht entstellte. Sie war noch immer recht frisch und schmerzte bei jeder Berührung, und auch die Wunden auf seiner Brust plagten ihn noch, doch es wurde mit jedem Tag besser. Spätestens jetzt konnte er nicht mehr als attraktiv bezeichnet werden, auch wenn er wohl schon vor dem Drachen wohl oder übel bestenfalls durchschnittlich aussehend gewesen war. Sein Interesse an Äußerlichkeiten stellte er hintenan.
Der Anblick, der sich ihnen nun bot, konnte aber nicht einmal Mico kalt lassen. Vor dem Schiff tat sich eine Küste auf, die die Grenze zum Paradies sein musste. Kristallklares Wasser schlug an weiße Sandstrände und saftiger grüner Wald erstreckte sich jenseits davon. Ein mächtiger Vulkan ragte über der Insel empor und man konnte sehen, dass die Natur von der fruchtbaren Erde prächtig genährt wurde. Es war kaum zu glauben, dass dieser Ort auf der gleichen Welt liegen konnte wie Hareths dürre Wüste und Cecilias karger Norden. Es war schön. Unwirklich schön. Das war kein Platz für Menschen wie die auf diesem Schiff. Sie waren Eindringlinge und sie brachten Probleme mit. Es würde sicher nicht allzu lange dauern, bis die weißen Segel des cecilianischen Verfolgerschiffes am Horizont auftauchten.
Mico hatte die Streitigkeiten mit dem Prinzen aus sicherer Entfernung beobachtet. Er musste Hareths zukünftigem Monarchen nicht sein nun unverkennbares Gesicht zeigen und er wollte nicht erneut dazu angehalten werden, trotz der Unmöglichkeit Gwyns Platz einzunehmen.
Zedian hatte ohne weiteren Protest das Beiboot bestiegen, das der Kapitän ihm gerne bereitgestellt hatte. Dass der Mann dem Prinzen nicht die Füße geküsst hatte, war wirklich alles. Man hatte ihm richtig angesehen, wie ihm die Knie weich wurden, als er vor dem Sohn und Erben seines gottgleichen Sultans niedergefallen war. Dagegen war Cails Arroganz mal wieder unbeschreiblich gewesen. Wiederholt konnte Mico sich nicht vorstellen, wie jemand komplett ohne jedes Maß an Unterwürfigkeit durchs Leben kommen konnte – selbst ein Prinz oder eine Prinzessin hatten entsprechende Gesten auszutauschen, wenn sie aufeinander oder auf ihre Eltern trafen. Absolut unmöglich war es schließlich nicht, Machairi zu töten. Trotzdem kam er wieder und wieder damit durch. Vor dem schwarzen Fürsten, vor Prinzen und Prinzessinnen und auch vor jeder anderen Autorität.
Bald würde sich zeigen, ob sich der angehende Sultan auch noch auf das Spiel des Schattens einlassen würde. Fast hoffte Mico, dass der Mann ihnen weiter folgen würde, um seine Braut zu retten. Es wäre doch ein seltsames Zeichen von Schwäche, den zweifelhaften Ausführungen eines nicht besonders vertrauenerweckenden Fremden zu glauben. Für die Gesundheit ihrer Reisegruppe wäre das allerdings sicherlich besser gewesen und für diese Insel auch.
Die Vulkaninsel konnte fast als drittes Festland in Pyria gelten. Sie war nicht so groß wie die anderen beiden Kontinente und lag östlich von Hareth, deckte aber dennoch mehr Fläche ab als eine gewöhnliche Insel. Viele Kriege waren bereits um dieses fruchtbare Stück Land geführt worden. Aktuell wurde es von Hareth beansprucht, aber die Harethi machten sich nicht die Mühe, es zu bevölkern. Im Grunde gehörte die Insel den Zhaki, oder einer Art Ursprungsvolk der Zhaki. Das bedeutete nicht, dass sich Cecilia und Hareth nicht darum streiten wollten, wem von ihnen das Vorrecht zustand, aber eigentlich musste allen klar sein, dass es keinem gehören konnte. Die Insel war so friedlich und unberührt, zumindest auf den ersten Blick, dass wohl niemand gewagt hatte, hier Wälder zu roden, Häuser zu bauen und seinen Stempel aufzudrücken. Auch deshalb war es schön. Man wollte schließlich nicht auf einer Insel bauen und investieren, auf der ein aktiver Vulkan brodelte und über die der nächste Krieg nur eine Frage der Zeit war.
Ohne einen Hafen würden sie das letzte Stück vom Schiff zum Strand mit den verbleibenden zwei Beibooten zurücklegen müssen. Seufzend trat Mico von der Reling und musterte das Deck. Die Hatschi hockte auf einer Treppe und drehte gedankenverloren das Messer in der Hand, das Cail ihr überlassen hatte, die Prinzessin stand in ihrer Nähe und blickte der wundersamen Insel entgegen und Gina hing in der Takelage und bandelte mit einem Matrosen an. Der Rest war unter Deck. Dass der Schatten kein Interesse an dem wundersamen Anblick hatte, überraschte nicht. Vica betrachtete die Schönheit vielleicht aus den Augen eines Tieres oder kümmerte sich noch immer um diesen unsäglichen Drachen und Gwyn schien ohnehin an nichts mehr Interesse zu haben. Mico seufzte ein zweites Mal und stieg die Treppe hinab, um die wenigen Sachen, die er noch hatte, aus der Kajüte zu sammeln. Das schmale Zimmerchen mit Gina zu teilen war ein Albtraum gewesen. Sie war laut, frech und dauerhaft provokant. Eigentlich hatte er sie noch nie einen Satz sagen hören, der nicht in irgendeiner Weise angriffslustig war. Hauptsache, sie verschwand bald und kehrte zu ihrer eigenen Truppe zurück. Die Zeiten, in denen sie ein fester Bestandteil von Machairis Gruppe gewesen war, waren Amila sei Dank vorbei.
Entnervt stopfte er die Ersatzkleider in den Rucksack. Beides hatte Ila ihm gegeben. Es hatte gutgetan, mal wieder in der Nähe einer Magierin zu sein, und er hätte gerne mehr Zeit in ihrer kleinen Bibliothek verbracht. Die Bücher darin waren unheimlich interessant gewesen, außerdem hatte sogar er die alte Dame gemocht und immerhin hatte sie ihn bestmöglich wieder zusammengeflickt. Er steckte ein kleines Fläschchen mit dem Rest des Schmerzmittels für die heilenden Wunden ein und seine Finger trafen kaltes Metall. Für einen Moment starrte er an die Wand der Kajüte. Seine Finger glitten über das Muster der Brosche, die in der Tasche seines Magiergewandes steckte. Er hatte noch immer nicht verstanden, was genau Cail ihm hatte suggerieren wollen, als er sie ihm zurückgegeben hatte. Mico war die letzte Person, die an die Vergangenheit erinnert werden musste.
Etwas zu energisch stieß er die Kajütentür auf und lief fast in Cail hinein, der gerade über den Flur ging und stehen blieb, ohne mit der Wimper zu zucken. Er hatte natürlich kommen sehen, dass genau in diesem Moment die Tür auffliegen würde. Nur Mico hatte nicht auf Schritte im Flur gelauscht und wäre vielleicht trotzdem darauf reingefallen, so leise wie der Schatten sich bewegen konnte. »Hol Vica«, sagte Cail, statt Micos Erschrecken zu kommentieren.
»Kann das nicht Gina machen? Ich wollte gerade Gwyn holen.« Trotzig kickte er die Tür zu und bereute es im nächsten Moment, als er merkte, dass er damit auch das Licht ausgesperrt hatte und er nun mit Machairi im Zwielicht stand.
Trotzdem konnte er sehen, wie der Blick des Schattens sich verhärtete. »Du kannst ihn meinetwegen an den Haaren durchs Wasser zerren, aber komm nicht ohne Vica zu diesem Boot.« Damit wollte er weitergehen, aber Mico hielt ihn auf.
»Du hast gesagt, dass ich für ihn verantwortlich bin«, erinnerte Mico und konnte noch immer nicht verstehen, wie Cail so nachhaltig wütend auf den Zhaki sein konnte.
»Ich habe auch gesagt, dass ich ihn nicht mitnehmen will, und trotzdem ist er hier«, erwiderte Cail mit einer Kälte, die Mico niemals hätte imitieren können. Unwillkürlich trat der Magier ihm aus dem Weg.
»Du weißt, dass er die letzte Person ist, die dich verraten wollen würde.« Mico seufzte. »Reicht das Schuldgefühl nicht als Strafe?« Es war sinnlos, an ein Gewissen zu appellieren, wenn sein Gegenüber so geübt darin war, seines zu ignorieren.
»Er hat es trotzdem getan. Was sagt das über den Wert von Vertrauen?« Eine Messerklinge blitzte in der Dunkelheit auf und Mico seufzte. Er spürte, wie der Schatten an ihm vorbeiging, und startete einen letzten Versuch.
»Hat er nicht eine zweite Chance verdient?«, fragte er ihm etwas lauter hinterher, aber Machairi verschwand nur die Treppe hinauf und würdigte seinen schwachen Versuch nicht mit einer Antwort. Mico wusste genauso gut wie er, dass Gwyn schon mehr als zwei Chancen bekommen hatte. Allein auf dieser Reise hatte er den gleichen Fehler doppelt gemacht und auch im Bienenstock hatte er sich einen ähnlichen Fehltritt erlaubt. Beide Male hatte sein gutes Verhältnis zu dem Messerdämon ihn gerettet. Dieses Mal würde es wohl nicht ausreichen. Seufzend hielt Mico auf die Besenkammer zu und klopfte. Er würde sich eben beeilen und beide Reisebegleiter mit an Deck bringen. Vica beanspruchte in einem engen Schiffsbauch mit einem verletzten Drachen sicher alle Aufmerksamkeit, aber Gwyn würde es wohl schaffen, sich selbst eine Treppe hinaufzuschleppen.
Er erhielt keine Antwort, aber er öffnete die Tür trotzdem. Es war fast unmöglich, Gwyn zum Reden zu bringen, seit er erfolglos um Vergebung gefleht hatte. »Wir steigen jetzt gleich in das Beiboot. Du solltest an Deck gehen«, informierte der Schlossknacker und ignorierte das seltsame Gefühl, das sich aufdrängte.
Mico fühlte sich unwohl. Er fühlte sich unwohl, weil Gwyn die Beine unter den Körper zog, als er die Stimme erkannte, und konzentriert auf den Boden starrte. Der kleine Zhaki kniete auf dem Boden und nickte stumm, als Mico mit ihm sprach. Immerhin verkniff er sich eine Höflichkeit. Der Magier hatte keine Ahnung, wie er mit der Situation umgehen sollte, und hatte sich entsprechend möglichst von Gwyn ferngehalten, seit sie an Bord des Schiffes waren. Er mochte die braunen Kleider nicht und den unnatürlichen Gehorsam. Keiner von ihnen hatte es ausgesprochen, aber sie waren sich leider sehr einig, dass Gwyn ein Sklave sein musste, um hier bleiben zu dürfen. Micos Sklave. So hatten sie es zumindest verstanden. Es war ein grässlicher Gedanke, zu grässlich, um es an- oder auszusprechen.
Einen Augenblick verharrte der Schlossknacker in der Tür, versuchte, sich nicht von dem seltsamen Gefühl überwältigen zu lassen, und entschied sich schließlich zu gehen. Es war ohnehin kein Durchkommen zu Gwyn möglich.
Vica an Deck zu bringen war keine dankbare Aufgabe. Die Blinde hatte nichts als den dreifach verfluchten Drachen im Sinn und hielt das kleine Wesen lieber mit beiden Armen fest, anstatt sich einen Weg zu ertasten. Sowohl das Wiesel auf ihrer Schulter als auch Mico starben tausend Tode bei dem Versuch, sie aus der Kajüte, durch den engen Flur, die Treppe hinauf, über das Deck bis zum Beiboot und in eine sichere Position zu bringen. Nicht, dass es Mico wirklich gekümmert hätte, wenn sich das Mädchen mit der großen Klappe mal ordentlich lang machte, aber er wusste auch, dass etwaige Verletzungen auf ihn zurückfallen würden, und er war schon für genug verantwortlich. Er musste sie ganze vier Mal auffangen, weil sie drohte die Treppe herunterzustürzen, und ihr zu allem Überfluss noch ihren Stab hinterhertragen. Auch in das Boot zu steigen, das noch an Seilen jenseits der Reling hing, stellte sich als ein Kunststück heraus. Selten war er so dankbar gewesen, seines Sehsinns noch mächtig zu sein.
Die Hatschi kam ihnen zu Hilfe, als sie sah, wie unbeholfen Vica sich bewegte, aber die Blinde fauchte sie so aggressiv an – »Misch dich nicht ein, Hatschi! Ich brauche deine Hilfe nicht!« – dass das Mädchen zurückzuckte und sie in Ruhe ließ. Mico hoffte auch um seinetwillen, dass Gwyn besser früher als später das verlorene Vertrauen zurückerhalten würde. Dann würde endlich wieder der Zhaki die undankbarsten Aufgaben zugeteilt bekommen und Mico konnte sich darauf konzentrieren, was er wirklich tun wollte. Nur um dem Feuerspucker einen Gefallen zu tun, war er noch hier, und weil er Gwyn nicht unbedingt mitschleppen wollte, wenn er eine Reise antrat, die für ihn selbst schon schwer genug werden würde.
Letzterer betrat das Deck und kniff die Augen zusammen. Nachdem er sich so lange im Dunkel der kleinen Kammer aufgehalten hatte, musste das helle Tageslicht ein Problem sein. Er hatte die Schultern hochgezogen und schaute auf den Boden, um den Blicken auszuweichen. Der einst so fröhliche Gaukler war nicht wiederzuerkennen. Schweigen herrschte, als sie alle gemeinsam an Deck standen (bis auf Vica, die strenggenommen bereits in dem hängenden Boot schaukelte). Seit sie aufgebrochen waren, hatte Mico darauf gewartet, dass sie endlich aufhörten zu nerven. Nachdem sie nun alle nichts mehr sagten, wünschte er sich plötzlich die alte Stimmung zurück. Da hatte er sich immerhin noch effektiv mit jemandem streiten können. Seit Om’falo schien die Gruppe mehr und mehr auseinanderzufallen und die beiden weiteren Mädchen entspannten die Situation nicht. Ihm war bewusst, dass er damit sich selbst widersprach. Besser wurde es dadurch nicht.
Zu siebt in einem elendig kleinen Boot zu schaukeln, machte das Schweigen nicht erträglicher. Es lag so tief im Wasser, dass er befürchtete, die nächste kleine Welle könnte so viel Wasser ins Boot tragen, dass sie einfach versinken würden. Er wollte nicht wissen, wie Gwyn sich damit fühlte, der nach wie vor eine gesteigerte Abneigung gegen Boote und Wasser hatte und ohnehin neben sich stand.
Unentschlossen in ihrem Schweigen saßen sie in ihrer Nussschale. Die Prinzessin und die Hatschi tauschten einen verunsicherten Blick und Gina betrachtete ihre Finger so interessiert, als habe sie gerade erst entdeckt, dass sie mehr als nur Fäuste hatte. Vica wippte vor und zurück und streichelte den sterbenden Drachen. In der Annahme, dass Machairi ohnehin nicht rudern würde, fügte sich Mico in sein Schicksal und griff nach einem der Ruder. Gwyn, der als einziger darauf zu brennen schien, seine Anwesenheit mit Nützlichkeit zu rechtfertigen, übernahm das zweite – wobei er genau darauf achtete, ja niemanden anzusehen – und sie ruderten etwas unkoordiniert auf die Küste zu. Es dauerte viel zu lange, weil das Boot so schwer und die Ruderer so wenig routiniert waren. Da er nun mit dem Rücken zur Küste saß, konnte Mico das fruchtbare Land nicht näherkommen sehen. Alles, was er sah, war ihr Schiff, das sie immer weiter zurückließen und er fragte sich, was sie in diesem Paradies suchten. Er war nicht die einzige Person.
»Was wollen wir eigentlich hier?«, wagte die Hatschi das Schweigen zu brechen, und fühlte sich am anderen Ende des Bootes wohl sicher vor Machairi. Töricht, wenn man wirklich fliegende Messer befürchtete, aber vermutlich schwebte sie in keiner Gefahr. Aus unerkenntlichen Gründen schien der Schatten sie schließlich zu mögen. »Ist das Orakel hier versteckt?«, fragte sie weiter, als ihre Frage in der Luft hängenblieb.
»Gewissermaßen«, antwortete Cail nach einer kurzen Pause und die Hatschi legte die Stirn in Falten und den Kopf etwas zur Seite, als versuche sie, ihren Blickwinkel zu ändern.
»Hat Ila nicht gesagt, dass sie dachte, dass das der letzte Ort ist, an den du gehen würdest?«, fragte sie und zitierte ihre ehemalige Gastgeberin, indem sie mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft malte. »Es sieht doch sehr freundlich aus.«
»Es ist für jeden mit Verstand der letzte Ort, an den man gehen möchte, das ändert auch ein schöner Eingang nicht.« Das war eine erstaunlich ausführliche Antwort. Warum bekam ausgerechnet die Hatschi eine Antwort von ihm, wenn sie fast das neuste Mitglied der Gruppe war? Mico konnte noch immer nicht verstehen, weshalb alle dieses Mädchen so sehr zu mögen schienen. Sie hatte noch nicht viel Gutes mit sich gebracht und er sah kommen, dass es sie alle ins Verderben schicken würde, wenn sie ihr zu nahekamen, spätestens, seit er ahnte, was für eine Fähigkeit sie verbarg. Wollte sie ihnen wirklich weismachen, sie habe nichts davon gewusst?
Es wurde wieder still im Boot. Was war der letzte Ort, an den Mico gehen wollte? Ihm fielen gleich mehrere ein, die in Frage gekommen wären: das Gefängnis, das sich Magierakademie schimpfte, der tatsächliche Kerker des Schlosses, sein Elternhaus … keines davon lag auf dieser Insel. Was würde Cail als den unangenehmsten Ort der Welt wahrnehmen? Vermutlich irgendeinen, an dem nicht einmal er um ein gewisses Maß von Unterwürfigkeit herumkam … also vielleicht ein Zylontempel? Es wirkte immerhin wie ein wirklich schöner Ort für einen Tempel.
Das Beiboot stieß in den Sand und Gwyn sprang geradezu hinaus. Er stand noch bis knapp über den Knien im Wasser, aber es schien ihm so unangenehm in dem Boot zu sein, dass nicht einmal das Wasser ihn abschrecken konnte. Es machte den Eindruck, als wollte er fliehen. Mico hatte keine Lust, ins Wasser zu steigen und in nassen Stiefeln über die Insel zu laufen, egal ob sie so nicht weiterkommen würden.
Gina verdrehte die Augen, als niemand aus dem Boot ausstieg. »Angst vor nassen Füßen, oder was?«, höhnte sie und sprang aus dem Boot. Gegen sie war Vica wirklich eine unheimlich nette Reisegefährtin. Aber mit zwei Personen weniger an Bord lag das Bötchen schon beträchtlich weniger tief im Wasser und sie konnten es noch näher an den Strand schieben. Mico musste einsehen, dass er wohl eine der nächsten Personen sein würde, die aussteigen mussten, und brachte es mit einem Augenrollen hinter sich.
Wasser drang ihm durch die Hose und in die Schuhe, machte sie schwer und unangenehm zu tragen, aber zu dritt schafften sie es, das Beiboot so nah an Land zu ziehen, dass man mit trockenen Füßen aussteigen konnte. Cail kommentierte das nicht. Elegant landete er auf dem Sand und hielt ohne Umschweife auf den Urwald zu, der sich vor ihnen erhob. Blüten in vielen Rottönen schmückten das Dickicht zu ihren Füßen und saftiges Grün erstreckte sich über ihren Köpfen. Allerlei Geräusche – Zirpen, Schnattern, Rascheln und das ein oder andere Zwitschern – drangen Mico an die Ohren und er fragte sich, ob er jemals etwas derart Friedliches gesehen hatte.
Hastig kletterte auch der Rest aus dem Boot und versenkte die Füße im unnatürlich weißen Sand, in dem sie alle ein Stückchen einsanken. Sogar Vica kletterte allein aus der Holzschale, hauptsächlich, weil ihr niemand freiwillig zu Hilfe kam. Eine weitere Aufgabe, die sonst Gwyn übernommen hätte. Eine, die Mico nicht übernehmen wollte. Die Blinde und ihre heidnische Magie sollten ihm so fern bleiben wie möglich.
Der Sand klebte ihm an den nassen Schuhen, aus denen noch bei jedem Schritt Wasser quoll, wodurch hässliche Schmatzgeräusche entstanden. Der herrlich weiße Untergrund verklebte, wurde matschig und deutlich zeichnete sich das Wasser darauf ab. Ein Fleck, den er durch seine Anwesenheit auf der Reinheit dieser Insel hinterließ. Sie gehörten nicht hierher. Keiner von ihnen, am allerwenigsten ein Schatten wie Machairi.
Natürlich störte sich Cail nicht daran. Er hatte den breiten Sandstrand bereits verlassen und der Rest der Gruppe musste sich beeilen, um ihm zu folgen. Es war nicht einfach, über Sand zu eilen. Besonders Vica hatte ihre Schwierigkeiten, stolperte immer wieder und fluchte vor sich hin, den Drachen noch immer in beiden Armen haltend und ohne ihren Stock, den Rish für sie hielt. Es wäre andersherum sicherlich sinnvoller gewesen, aber er hatte keine Lust, sich anblaffen zu lassen. Sollte sie doch durch die Gegend stolpern und stürzen so oft sie wollte. Gegen Stolz war ohnehin noch kein Kraut gewachsen.
Der Wald schlug ihnen seine ersten Äste entgegen und bis auf Cail, der auf wundersame Weise einen optimalen Weg zu finden schien, kämpften sie mit den Ranken. Die Faust schlug unwirsch einen Zweig aus ihrem Weg, der mit Wucht zurückfletschte und Vica ins Gesicht traf. Empört schrie die Blinde auf. »Wer war das?!«, schrie sie durch den Wald und in ihrer Nähe regte sich ein aufgescheuchtes Tier.
»Pass halt auf, wo du hinläufst«, knurrte Gina und duckte sich unter einem weiteren Ast her. »Hast du mir nicht neulich noch entgegengeschrien, dass du genauso gut klarkommst wie alle anderen auch?«
Vica bleckte die Zähne wie ein wütendes Tier und schloss die blinden Augen. Ganz ruhig stand sie da, eine konzentrierte Miene aufgesetzt, und kaum einen Moment später sprang eine Wildkatze aus dem Unterholz. Die Prinzessin schrie auf, stolperte zurück und wollte weglaufen. Auch Rish wich spontan zurück. Beide Mädchen wurden von Gwyn aufgehalten. Er sagte nichts, sah keine von beiden an und ließ sie sofort wieder los. Wie eine Marionette stand er da und nur kurz schienen seine Reflexe seine Melancholie durchbrochen zu haben.
Die Wildkatze warf Gina zu Boden, was auf dem dicht bewachsenen Grund kaum möglich war. Sie war ein rot-schwarz geschecktes Biest in der Größe eines Hausschweins. Krallen schlugen nach Ginas Gesicht, aber die Faust konnte kämpfen. Viel schneller als die Zuschauer überwand sie ihren Schreck und drehte sich elegant zurück auf die Beine. Als sei sie selbst eine Katze, war sie plötzlich leichtfüßig in der unwegsamen Umgebung und ein Fuß landete mitten auf der Nase der Katze.
Vicas Gesicht verzog sich zu einer wütenden Fratze und kurz blitzte auch ein Eindruck von Schmerz darüber, als sie mit dem Tier fühlte. Mico, der keine von beiden erreichen konnte, fragte sich, ob er irgendetwas Hilfreiches zaubern konnte, aber spontan fiel ihm nur eine ganze Reihe sehr unproduktiver Dinge ein. »Lasst den Mist!«, fuhr er sie beide an, während das Fauchen der Katze und das Gerangel den ganzen Urwald im Umkreis von vielen Kilometern auf sie aufmerksam machte. Nur weil es friedlich wirkte, musste es noch lange nicht ungefährlich sein!
Es war nicht weiter überraschend, dass keiner von beiden auf ihn hörte. Es wurde sogar noch schlimmer, als Gina ihre Nähe zu Vica ausnutzte, um ihr die Beine wegzuziehen, sodass sie hintenüberfiel. Da sie noch immer den Drachen hielt, der eigentlich aussah, als wäre er schon tot, konnte sie sich nicht auffangen, und ein Wutschrei durchriss den Wald.
Hätte er nicht so viel Angst gehabt, von der Katze attackiert zu werden, die vermutlich zum echten Angriff ansetzen würde, wenn Vica aufhörte, sie zu missbrauchen, wäre Mico dazwischen gegangen. So stand er noch immer am Rande des Kampfes und ärgerte sich. Hilfesuchend wollte er sich zu Cail drehen, aber der Schatten war verschwunden. Niemand außer ihm schien das bemerkt zu haben, zu sehr entlud sich die Spannung der letzten Tage in diesem Moment, während Gwyn, Rish und Koryphelia nur dastanden wie verängstigte – oder in Gwyns Fall abwesende – Statuen und Mico sich fragte, was er tun konnte. »Habt ihr den Verstand verloren?«, fuhr er die beiden Mädchen nochmal an, aber sie ignorierten ihn.
Er hob gerade die rechte Hand, um irgendein Energiefeld zu erschaffen, um sie zu trennen, als die Faust plötzlich unelegant mit den Armen ruderte und die Katze ins Unterholz flüchtete. Die Füße der Rothaarigen waren fast bis zu den Knien mit dem Boden verwachsen. Erde schloss sich wie ein Paar Stiefel darum und hatte sie mitten in der Bewegung arretiert. Auch Vica schien vom Boden gefangen und fast panisch warf Mico einen Blick nach unten. Steckten sie in einer Art Treibsand? Nein, seine Füße standen nur zwischen ein paar Pflanzen, die nicht besonders angriffslustig wirkten. Hier war Magie am Werk. Hastig drehte er sich um und suchte nach einer möglichen Ursache. Da der Kampf nun erloschen war und beide Frauen zu überrascht waren, um sich weiter anzukeifen, war es auf einmal gespenstisch still um sie herum.
»Ni feideri leat agorni aseo.« Die Stimme war freundlich und jung und das Mädchen, zu dem sie gehörte, konnte kaum älter als zwölf sein. Scheu lugte sie hinter einem Baum hervor, die Augen groß und ängstlich vor der Situation und den Fremden. Die dunklen Haare hatte ihr jemand zu vielen kleinen Zöpfen geflochten und das weiße Gewand, das sie trug, war an einigen Stellen mit kleinen roten Blüten verziert. Sie passte hierher. Ein wundersames Mädchen an einem wundersamen Ort. Die Sprache, die sie gesprochen hatte, erkannte Mico noch gerade als Silou. Die Tatsache, dass sechs Fremde sie perplex anstarrten, schien sie noch etwas unsicherer zu machen und sie verkroch sich etwas weiter hinter ihrem Baum. »A bufli tu?«, hauchte sie und Mico befürchtete, dass sie jeden Moment die Flucht ergreifen würde.
»Was sagt sie?«, fragte er Gwyn so ruhig, wie er konnte, um nicht bedrohlich oder angriffslustig zu klingen. Leider wahr Cizethi eine harte Sprache und klang eher nach scharfkantigen Steinen als nach weichem Sandstrand. Silou war definitiv die sanfteste der drei Sprachen. Hack glich immer dem Singsang eines aufgescheuchten Bienenschwarms.
Gwyns Blick zuckte zu Mico, als er angesprochen wurde, und er schluckte, bevor er sich zum Sprechen zwang. »Dass wir hier nicht streiten dürfen und wer wir sind«, antwortete er und nuschelte noch etwas, von dem Mico verstärkt hoffte, dass es keine höfliche Anrede war. Wenn er anfing, ihn Herr zu nennen, würde er etwas zerschlagen müssen.
»Gut, sag ihr, dass wir nichts Böses wollen und … sag ihr irgendwas, was sie beruhigt«, etwas hilflos sah er wieder zu dem Mädchen und versuchte ein Lächeln. Er war nicht gut mit Kindern. Ganz sicher nicht mit Kindern, die seine Sprache nicht verstanden.
»Sag ihr, dass sie mich ausgraben soll«, verlangte Gina, die ihre erfolglosen Versuche, die Erde abzuschlagen, beendete und die Arme vor der Brust verschränkte. Sie warf dem Mädchen einen so wütenden Blick zu, dass Mico schon Angst hatte, sie könnte das Kind vertreiben.
Man konnte zusehen, wie Gwyn sich zusammenriss. Er tauschte ein paar Worte mit dem Mädchen. Seine Stimme klang belegt und rauer als sonst. Man merkte ihm an, dass er länger nicht gesprochen hatte und auch, dass sich etwas geändert hatte in ihm. Er klang nicht mehr wie Gwyn und sie alle merkten es. Offenbar schaffte er es aber noch immer, einigermaßen vertrauenserweckend zu sein, denn nach einigen Wortwechseln schrumpfte der Boden zurück und gab Vicas und Ginas Füße frei. Äußerst umständlich kam die Blinde wieder hoch. Dabei verfehlte ihr Kopf einen Ast nur um Haaresbreite.
Plötzlich drehte die Fremde sich um und entfernte sich. »He!«, entfuhr es Mico. »Was ist?« Alarmiert sah er zu Gwyn. Er hasste es, die anderen Sprachen nicht zu verstehen. Wohin lief sie? Warum ging sie? War das gut? War das schlecht? Es war zum Verrücktwerden.
»Sie sagt, wir sollen ihr folgen«, murmelte Gwyn und sah wieder auf den Boden, als seien die Ranken interessanter als die Gesichter seiner Mitreisenden.
Seufzend zuckte Mico mit den Schultern. Was sollten sie sonst machen? Wo auch immer sie sie hinführen würde, wären sie vermutlich besser aufgehoben, als hier herumzustehen. Cail war verschwunden. Er würde sie schon wiederfinden, wenn er wollte. Wenn nicht, war es Mico langsam egal, zumindest sagte er sich das so. Er war sich jedenfalls sicher, dass er kein Interesse daran hatte, durch diesen Urwald zu rennen und nach einem Schatten zu suchen, der sie an nichts teilhaben ließ.
Dem Mädchen durch das Unterholz zu folgen, war fast ebenso unmöglich, wie Cail zu folgen. Besonders für die Prinzessin musste das alles hier eine Tortur sein. Sie gehörte hier noch viel weniger zwischen die Büsche und Palmen als die Bienen. Vica ließ sich inzwischen sehr unwillig von Rish führen und Gina hielt absichtlich Abstand von der Gruppe. Mico verstand noch immer nicht genau, warum sie unbedingt hatte mitkommen wollen, was sie dazu bewegt hatte, Cail zu folgen, obwohl ihre eigenen Leute doch den Heimweg angetreten hatten. Vielleicht wollte sie nichts verpassen, vielleicht wollte sie nicht zum schwarzen Fürsten zurückkehren, ohne ihren Auftrag erfüllt zu haben. Vielleicht hoffte sie auch, dass Machairi sie geradewegs zu dem Orakel führen würde und sie zwei Bienen mit einer Faust schlagen konnte. Dass sie mit Vica aneinandergeraten würde, war abzusehen gewesen. Die beiden waren sich auf unangenehme Weise ähnlich, aber nicht ähnlich genug, um sich zu verstehen. Es fiel ihm schwer das zuzugeben, aber er vermisste Gwyn. Der Zhaki hatte stets das Talent gehabt, die Spannungen in der Gruppe deutlich aufzulockern, und irgendwie war es angenehm gewesen zu wissen, dass es wenigstens eine Person gab, die einigermaßen bei Verstand war.
Mico war auf der Hut, während sie sich quälend langsam durch die saftige und summende Natur der Insel schlugen. An manchen Stellen hing ein leichter Glitzer in der Luft, der mehr war als reiner Staub, und das Summen und Schwirren, das gerade in der Nähe der Blumen fast wie eine Melodie klang, war geradezu betäubend. Hier musste man auf seine Sinne aufpassen, um sich nicht benebeln zu lassen von der wundervollen Andersartigkeit dieses Ortes. Om’falo war zwar wundersam, aber für seinen Geschmack viel zu laut, viel zu dreckig und viel zu voll gewesen – fast so schlimm wie der Bienenstock. Hier war es schön. Zu schön.
Das Dorf tauchte so plötzlich auf, dass Mico es trotz seiner gespannten Beobachtung der Umgebung erst bemerkte, als sie mitten zwischen den Hütten standen. Gewaltige Bäume erhoben sich zu allen Seiten und Häuser standen zwischen ihnen und auf ihnen. Zelte, kleine Hütten, große Hütten, Steinbauten und Holzbauten, Pavillons und Baumhäuser, ja sogar Höhlen bildeten dieses Dorf. Alles war ins warme Licht der Sonne getaucht, das auf die Lichtung fiel, und ein Bachlauf glitzerte in der Nähe. Exotische Vögel glitten von Baum zu Baum und gemütliche Feuerstellen waren hier und da zwischen den Behausungen eingerichtet.
Die Menschen, die zwischen alldem umherliefen, trugen die gleichen weiten Seidengewänder wie auch das Mädchen. Manche waren mit echten Blumen verziert, andere wurden nur von einer Kordel gehalten. Überhaupt gab es hier viel zu viele Blumen. Am Wegesrand, auf den Bäumen, auf den Kleidern, auf den Häusern, ja sogar auf Tellern und Werkbänken lagen sie. Das Leben schien sich draußen abzuspielen. Werkstätten waren unter freiem Himmel errichtet und man konnte Schreinern, Webern und Gerbern, sogar einem Schmied direkt bei der Arbeit zusehen. Es war, Mico musste es zugeben, wirklich eindrucksvoll. Die größte Besonderheit war allerdings, dass sämtliche Bewohner Zhaki waren. Nicht ein einziger Harethi stach mit seiner dunklen Haut hervor und auch kein blonder Schopf eines Cecilian war zu sehen. Das war eigenartig. Hieß es nicht, dass die letzten reinen Zhakidörfer schon vor hunderten Jahren aufgelöst worden waren? Das einst wandernde Volk hatte nie viel von Siedlungen gehalten und wenn sie doch sesshaft geworden waren, hatten sie sich einfach zu den Menschen gesellt, die sich schon ein Leben aufgebaut hatten.
Nichts an diesem Ort wollte zusammenpassen und doch schien alles eine seltsame Einheit zu bilden. Aufwendige mehrstöckige Holzhäuser standen direkt neben einfachen Zelten und doch machte das Dorf nicht den Eindruck einer starken Hierarchie. Mit offenen Mündern standen die Bienen und die Prinzessin zwischen all diesen Bauten und sahen sich um. Selbst Vica hatte innegehalten, obwohl ihre Augen den Zauber um sie herum nicht erfassen konnten. Wäre sie etwas angenehmer als Person gewesen, hätte sie einem in solchen Momenten gar leidtun können.
»Gehobait de an manathai«, sagte das Mädchen und lief in eines der Zelte hinein. Mico sah automatisch zu Gwyn, der nur nickte und die Stirn gerunzelt hatte. Immerhin sah auch er sich um und vielleicht, nur vielleicht, war ein wenig Trübsal von ihm abgefallen. In einem Dorf voller Zhaki fühlte er sich sicher wohler und da das Mädchen, so wie es den Kampf zwischen Vica und der Faust unterbrochen hatte, eindeutig eine Elementmagierin war, konnte man hoffen, dass er hier zu sich zurückfinden würde. Ein so friedlicher Ort mochte auf eine empfängliche Seele Wunder wirken.
Mico spürte die Götter an diesem Ort. Es war ein seltsames Gefühl. Sie waren natürlich allgegenwärtig, besonders für magiebegabte Menschen, aber hier war das Gefühl besonders stark. Wie ein Flimmern lag es in der Luft, ließ es in den Ohren klingen und in der Brust vibrieren. So viel Licht umgab sie und die ganzen Wunder dieses Ortes waren sicher kein Zufall. Doch viel Licht bedeutete auch, dass es nicht weit von hier viel Dunkelheit gab. Gleichgewicht war überall in der Natur und er glaubte sogar zu fühlen, wie eine unsichtbare Spannung herrschte. Wieso befürchtete er, dass sie für die Dunkelheit gekommen waren, statt um das Licht zu genießen?
Das Mädchen kam zurück und sie war nicht allein. Eine Frau trat zu ihnen. Die untere Hälfte ihres zarten Gewandes war von einem leichten Rosa. Eine braune Kordel hielt es als Gürtel an der Taille zusammen und ein Teil ihres braunen Haares war mit zahllosen Blüten zu einer Art Krone geflochten, während sich der Rest in leichten Wellen über ihre Schultern ergoss. Sie war vielleicht Ende dreißig und von so unnatürlicher Schönheit, dass Mico spontan die Flucht ergreifen wollte. Mit jeder Sekunde hatte er mehr das Gefühl, dass er nicht hierhergehörte.
»Willkommen, Reisende«, sagte sie huldvoll und in einwandfreiem Cizethi. Lächelnd musterte sie die Fremden einen nach dem anderen und schien sich besonders über Gwyns Anblick zu freuen. »Mein Name ist Reolet. Ich bin die Mutter dieses Dorfes.« Mit einer fließenden Bewegung deutete sie in die Runde der Hütten. Angesicht ihres Alters und aus purer Hoffnung, dass es nichts anderes war, ging Mico davon aus, dass es sich mehr um einen Titel als um eine wörtliche Tatsache handelte. Etwas an ihr war seltsam. Wie alles hier wirkte sie unwirklich und befremdlich. Ihre Freundlichkeit wirkte aufgesetzt und er glaubte, dahinter einen Blick voller Skepsis und vielleicht sogar Abneigung zu sehen. Vielleicht war er allerdings auch zu sehr mit Abneigung vertraut, um irgendetwas anderes zu erwarten.
Keiner von ihnen konnte sich so recht zu einer Antwort durchringen. Selbst Gina und Vica, die sich sonst beide kaum zurückhalten konnten, schienen nichts zu sagen zu haben. Der Blick, den die Faust der Frau zuwarf, war allerdings so tief von Argwohn gezeichnet, dass sie eigentlich nichts mehr sagen musste, um ihr Misstrauen zum Ausdruck zu bringen. Man merkte den Bienen doch an, dass sie sich selten in freundlichen Konversationen versuchten. Einzig die Prinzessin nickte freundlich. Mico seufzte. »Vielen Dank, Reolet«, sagte er und versuchte dabei ihren Namen ebenso zu betonen, wie sie es getan hatte. »Wir sind … nun … wir sind …« Ja, was genau waren sie eigentlich? Sie waren keine Freunde oder auch nur Kollegen. Sie wussten nicht, weshalb sie hier waren, und kaum, wo sie hinwollten. Es wollte ihm nichts einfallen, was er hätte sagen können. »Wir haben uns im Wald verloren«, sagte er schließlich. Sie hatten Machairi verloren, den Weg verloren, teilweise scheinbar den Verstand verloren und ihr Ziel verloren. Es schien ihm die beste Beschreibung zu sein.
Gina schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie die Locken nach hinten schüttelte. Es reichte noch immer nicht für einen Kommentar, aber sie war offenbar schon wieder kurz davor. Reolet ließ sich davon nicht beeindrucken. »Dann ist es ein wahres Glück, das Katyre euch gefunden hat, bevor ihr noch mehr verloren gehen konntet.« Sie warf einen liebevollen Blick auf das Mädchen, das einen halben Schritt hinter ihr stand und die Fremden noch immer neugierig musterte. Ihre Scheu war verständlich und ein Zeichen von Intelligenz.
Mico zwang sich zu einem Lächeln und nickte. »Wahrlich«, antwortete er so verbindlich, wie er konnte, und wollte am liebsten gehen. Etwas stimmte hier nicht. Dieser Ort brummte vor Magie und doch, oder vielleicht gerade deswegen, fühlte er sich unwohl.
Reolets dunkle Augen musterten ihn wissend und er fühlte sich fast bedroht, obwohl sie lächelte. Es jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken, ein Effekt, den sonst nur Machairi hervorrief. »Bizarr, so verloren könnt ihr doch nicht gewesen sein, wenn ihr so zuverlässig hergefunden habt.« Hatte sie nicht eben selbst noch gesagt, dass das Mädchen mit dem seltsamen Namen sie gefunden hatte? Warum hatte er das Gefühl, dass sie eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte? »Kommt«, fügte sie dann nach einem weiteren Moment, in dem sie ihn nur bohrend musterte, hinzu und drehte sich um. Mico schielte nach links und rechts. Fand noch jemand, dass irgendetwas komisch war? Es war schwer zu sagen. Schweigend und mürrisch folgten sie der Frau in das Zelt, aus dem sie gekommen war. Sie schob die Zeltplane zur Seite und hielt sie fest, während ihre Gäste sich einer nach dem anderen in das Zelt schoben. Tatsächlich waren sie inzwischen eine große Gruppe, das wurde spätestens jetzt deutlich, weil das Zelt unangenehm voll wurde, obwohl es recht geräumig war. Als Gwyn eintrat, schmunzelte Reolet wieder. »Du hättest erwähnen sollen, dass du einen so außergewöhnlichen Jungen bei dir hast. Ich wäre wesentlich leichter zu überzeugen gewesen.«
Gwyn fuhr zusammen, als er verstand, dass es um ihn ging, und zog den Kopf ein, als schwarze Augen ihn trafen und eisig musterten. Machairi stand mitten im Zelt und schien gewartet zu haben. Ausgestattet war das Zelt für Micos Geschmack etwas zu blumig. Der Boden war hölzern und es standen Bänke im Kreis vor einem bedeutend gemütlicher aussehenden Stuhl - vielleicht war es eine Art Thron. Cail stand direkt daneben und er wollte so gar nicht hierher passen in seinen schwarzen Kleidern. »Ich hätte eher verzichtet.« Der Schatten hatte die Augen nicht länger auf Gwyn gerichtet, sondern musterte nun die ganze Runde.
Reolet lächelte wissend. »Es muss schon ein Wunder geschehen, dass meine Hilfe überhaupt einen Unterschied macht.« Mit einer Geste deutete sie auf die Bänke. »Du kannst sie aber unmöglich alle mitnehmen wollen.« Fragend sah sie Machairi an, während sie endlich die Zeltplane losließ und zwischen gestreuten Blütenblättern hindurch weiter in den Raum trat.
Bevor Machairi dazu kam zu antworten, platzte Ginas Geduldblase und sie fuhr dazwischen. »Ich glaub’s nicht! Jetzt weiß schon die verrückte Urwaldtante, was hier läuft?« Wütend funkelte sie Machairi an und schob den Unterkiefer vor. »Du erklärst mir jetzt, was hier vorgeht, oder ich nehme deine dumme Nussschale und fahre nach Hause!«
»Niemand hat dich gebeten, mitzukommen, Gina«, erinnerte Cail ruhig und musterte sie gleichgültig. »Das Schiff bleibt hier«, fügte er jedoch hinzu und schien die Diskussion damit beenden zu wollen.
Die Faust stampfte in den Kreis der Bänke, auf dem sich der Rest von ihnen stillschweigend niedergelassen hatte, und trat direkt vor den Messerdämon. Das wütende Funkeln in ihren Augen hätte jeden anderen mit Verstand wenigstens ein paar Schritte zurückweichen lassen, aber natürlich begegnete Machairi ihr mit kalter Ruhe. Sie griff nach seinem Kragen. »Du bist ein unglaubliches Arschloch, weißt du das?«, fauchte sie und schien sehr bereit, auf ihn einzuschlagen.
Er reagierte nicht, wich nicht einmal aus und ließ zu, dass sie die Finger im dunklen Stoff vergrub. Eisig und strafend sah er auf den kleineren Schatten hinab und plötzlich wirkte es wesentlich dunkler im eigentlich so übertrieben freundlichen Raum. Mico sah das Blitzen einer silbernen Messerklinge in beiden Handschuhen, aber Machairi regte sich nicht.
Einen Moment war die Szene wie gefroren, dann löste die Faust den eigenen weißen Handschuh aus dem dunklen Stoff und trat einen halben Schritt zurück. »Wohin geht diese bescheuerte Reise?«, fragte sie noch einmal, weiterhin wütend, aber nicht mehr kochend genug, um sich noch ein zweites Mal so weit vorzuwagen. »Du kannst nicht erwarten, dass dir alle weiterhin blind hinterherrennen.«
Die Faust sprach Mico aus der Seele und nicht nur ihm, das konnte er sehen. Seufzend stützte er die Arme auf die Knie und musterte die Runde. »Sie hat recht«, sagte er so ruhig und verbindlich er konnte. »Wir sind immer noch hier und viel schlimmer kann die Reise eigentlich nicht werden. Es ist kaum jemand hier, an den wir dich verraten könnten. Was schadet es dir, uns einfach zu sagen, was wir hier tun?«, fragte er vorsichtig und hoffte, dass er im Zweifel den Rückhalt der Gruppe hatte. Bei dem Wort verraten, schienen alle Blicke kurz zu Gwyn zu zucken, der möglichst unauffällig am äußersten Ende der Bank hockte und den Boden anstarrte.
Die Hatschi räusperte sich, als es still wurde und Mico Machairis eisige Stille kaum noch ertragen konnte, obwohl seine schwarzen Augen weiterhin die Faust ansahen. »Suchen wir noch nach diesem Orakel?«, fragte die Hatschi ganz leise, die Schultern hochgezogen und scheu, als befürchte sie, dass im nächsten Moment ein Messer auf sie fliegen würde.
Kurz war es still. Das geschäftige Treiben des Dorfes drang durch die Zeltwand und durchbrach die angespannte Stille im Inneren auf unwirkliche Art. »Er weiß, wo es ist«, sagte Vica, die Hände um den Drachen gelegt und die leeren Augen in die Richtung des Schattens gerichtet.
»Wo ist es?«, fragte Koryphelia, die sich etwas unbeholfen in die Gruppe einfügte, aber genauso von der Spannung beeinträchtigt war. Alle Blicke lagen nun erwartungsvoll auf dem Schatten und vielleicht fühlte zur Abwechslung einmal er sich bohrend gemustert.
Seine klare Stimme durchschnitt die Spannung in der Luft und fuhr durch Mark und Bein, als er endlich antwortete und damit doch nichts besser machte. »Es ist in der Unterwelt.«

Ein Funke Menschlichkeit
Bleischwer hing die Antwort in der Luft. Unterwelt. Für einen Moment fragte sich Leén erneut, ob sie wirklich daran glaubte. Es klang noch immer so … unglaublich. Konnte sich tatsächlich ein sagenumwobenes Artefakt in den grausigsten Tiefen aller Welten verstecken? Wie war es dort hingelangt? War es dort nicht vielleicht sogar … sicher?
Am Anfang ihrer Reise – es schien Jahre her zu sein – hatte Gwyn ihr erklärt, dass sie das Orakel suchten, damit es niemand sonst fand und einen neuen Krieg damit anfangen konnte. Die Könige dieser Welt hätten die Beantwortung einer Frage genutzt, um einander zu zerstören. Das hatte einleuchtend geklungen. Auch, dass der Zustand der Bienen ein guter Indikator dafür war, wie es dem Land oder der Welt ging, hatte irgendwie Sinn ergeben. Doch nun? Wenn das allwissende Orakel in der Unterwelt verborgen war, war es doch keine Gefahr, oder etwa doch? Wenn Ebos selbst es hätte benutzen können, wäre es doch längst so weit gekommen, und für die Menschen war es vollkommen außer Reichweite. Nein, sie konnte keinen guten Grund sehen, wieso sie es zurück in die sterbliche Welt bringen sollten.
Zurückbringen. Das klang zuversichtlich, dabei war Leén alles andere als zuversichtlich. Eigentlich schüttelte sich ihr Innerstes allein bei der Vorstellung eines Ortes, der der Inbegriff des Leidens und der Schlechtigkeit war. Der Gedanke, hinabzugehen, wenn es denn einen Weg gab, nur um ein Artefakt zu holen, das besser aufgehoben war, wo es jetzt war … das Licht selbst schien sich zusammenzukrampfen. So wahnsinnig konnte doch nicht einmal der Messerdämon sein, oder?
Da war sie wieder: die Furcht, dass die Gerüchte über Machairi vielleicht doch der Wahrheit entsprachen. Was, wenn er wirklich dunklen Mächten entstiegen war? Gerade erschien nichts unmöglich.
»Ich bin nicht sicher, ob ich lachen oder dich erschlagen möchte«, sagte Gina und warf die roten Locken zurück. »Wenn es da ist, ist es ohnehin verloren. Wir können in aller Seelenruhe nach Hause fahren und den Bienenstock wieder einigermaßen unter Kontrolle bringen. Ich wette, es läuft längst alles aus dem Ruder.«
Vica schnaubte und wiegte Spítha in ihren Händen. » Sind die Tore nicht ohnehin schon seit ein paar hundert Jahren zu?«, fragte sie und schob sich weiter unter ihre Kapuze. Von der Seite konnte Leén ihr Gesicht dadurch nicht sehen, aber sie glaubte, Angst in der Stimme der Naturistin mitschwingen zu hören. Das war viel wert, weil sich ihr eigenes Herz noch immer nicht beruhigen konnte. Immerhin verstand sie nun, weshalb der Schatten nichts gesagt hatte. Er hatte kaum mit Zuspruch rechnen können und unwissend beleidigt war die Gruppe bestimmt einfacher zu manipulieren als wissend und von Angst geplagt.
Korys Blick war ins Nichts geschweift und sie saß stocksteif auf der Bank, was nicht nur ihrer unnatürlich geraden Haltung geschuldet war. Es machte die grausige Angst ertragbarer, wenn man sah, wie auch die anderen erschauderten bei dem Gedanken. Micos abgrundtiefe Abscheu war auf seine Züge zurückgekehrt und Leén erinnerte sich daran, dass er als Magier und als Cecilian vermutlich der Gläubigste von ihnen war. »Ungeachtet der Sage, dass es noch offene Tore geben soll … selbst wenn sich hier eines befindet, hast du nicht vor, uns alle da runter zu zwingen, oder?« Der Cecilian hatte die Hände aneinander festgehalten, aber sie zitterten trotzdem und er schob sie in die weiten Ärmel, um es zu verbergen.
Plötzlich schien sich die ganze Gruppe recht einig zu sein. Nicht weiter überraschend, dass keiner von ihnen auf einen Trip in die Unterwelt brannte. Der Einzige, der eher nachdenklich als verschreckt aussah, war Gwyn und der blickte hauptsächlich weiterhin abwesend auf den Boden. Trotzdem konnte Leén es in seinem Kopf rattern sehen. Vielleicht sah er darin eine Chance, seinen zerstörten Ruf wiederherzustellen und wenn dem so war, hätte sie ihm gerne auf den Kopf gehauen.
Wieder starrten sie alle Machairi an, hoffend, dass er etwas anderes vorhatte, vielleicht sogar einen wild-willkürlichen Plan, um irgendwie anders des Orakels habhaft zu werden. Doch plötzlich fiel Leén wieder ein, was Machairi zu Ila gesagt hatte, und ihr wurde so flau im Magen, dass sie beinahe zwischen die Blüten gekotzt hätte. Ich brauche nur einen Weg zurück. Die Worte erwartend kniff sie die Augen zusammen, als würde das irgendetwas aufhalten, wenn sie es nur nicht länger sehen konnte.
»Nein«, sagte der Schatten schließlich und die schwarzen Augen streiften einmal durch die Runde. »Wir gehen zu dritt«, sagte er und die Harethi musste nicht sehen, um zu wissen, dass seine Augen auf ihr lagen.
»Geht es für die Blinden unter uns vielleicht etwas genauer?«, fragte Vica, die Stimme so triefend vor Sarkasmus, dass man die Befürchtung dahinter deutlich hörte. Beinahe hätte Leén verzweifelt aufgelacht.
»Ich weiß, dass es eine unnötige Frage ist, aber hast du den Verstand verloren?«, fragte Gina und schüttelte den Kopf. »Das ist tatsächlich die unlogischste Wahl überhaupt!« Leén blinzelte und sah, wie die Faust die Hände in die Luft warf und fassungslos den Kopf schüttelte. »Da komm ich ja lieber selbst mit. Willst du dich umbringen?«
Gwyn hatte den Kopf gehoben, er sah vielleicht noch verletzter aus als vorher, weil er nicht einmal für eine Todesmission ausgesucht worden war. Auch Mico hatte sich zwar erleichtert zurückgelehnt, aber die Stirn in Falten gelegt.
Koryphelia selbst sah überrascht und schockiert aus, dass die Wahl auf sie gefallen war, und das erste Mal überhaupt hatte Leén das Gefühl, zu verstehen, was keiner außer Machairi sonst verstand. Sie hatte diese Wahl vollkommen vorausgesehen. Koryphelia und Leén waren die einzigen Personen, die er nicht mitgenommen hatte, weil er sie als Personen schätze oder geschätzt hatte oder sie in Om’falo gebraucht hatte. Für die Prinzessin war er in einen fremden Palast eingebrochen und damit war eigentlich schon klar gewesen, dass er sie für etwas Entscheidendes brauchte, und Leén selbst hatte er von vornherein als Werkzeug benutzen wollen. Sie sah sogar ein, dass Magie, die Licht und Gleichgewicht spenden sollte, in der Unterwelt sehr hilfreich sein konnte. Deshalb biss sie sich nur auf die Lippe und versuchte, das kalte Schaudern zu unterdrücken. Für einen Moment war sie versucht, den Kommentar abzuwerfen, den sonst Gwyn an dieser Stelle gebracht hätte: Ihr wisst doch, wie er ist, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken.
»Hallo?«, fauchte Vica, als alle sich nur ansahen und Sorge, Angst und Fassungslosigkeit ihre Züge zeichneten. Leén presste die Lippen aufeinander. Die seltsame Genugtuung, die Ungläubigkeit mal einmal nicht zu teilen, verschwand binnen kürzester Zeit wieder vollständig und wich grauenvoller Angst. Es fehlte eigentlich nur noch, dass die Dunkelheit sie wieder erschlug, wie so oft, wenn die Angst in ihren Knochen etwas zu groß wurde. Auf dem Schiff, als das gewaltige Seemonster aus den Tiefen gestoßen war, hatte sie sie für einen kurzen Moment zu spüren geglaubt, aber sie war so gebannt gewesen, dass sie sich kaum mehr sicher war, ob es tatsächlich so gewesen war, oder ob sie sich das nur eingebildet hatte.
Wieder musste jemand die Lücke füllen, die Gwyn hinterließ, obwohl er mitten in ihrer Runde saß. Leén schluckte und hoffte, dass ihre Stimme normal klingen würde. »Koryphelia und ich«, krächzte sie und als sie Machairis Blick begegnete, erschauderte sie. Prüfend musterte er sie und sie wollte wissen, was er wohl dachte.
Vica lachte auf, aber es war ein frustriertes Lachen. Puki sprang vor Schreck unter ihrer Kapuze hervor und rollte als kleiner Zylinder über den Boden und aus Spíthas bebenden Nüstern rauchte es. »Natürlich. Ich nehme an, dass wir keine Erklärung bekommen, warum du genau die Fähigsten ausgesucht hast?« Ihr Sarkasmus schlug in Wellen durch den Raum und Gina schnaubte. Vermutlich war sie nicht damit einverstanden, dem Mädchen zuzustimmen, das ihr kaum vor einer halben Stunde eine Waldkatze auf den Hals gejagt hatte. Tatsächlich waren sich die beiden wohl ähnlicher, als sie verkraften konnten.
Leén konnte ihnen den Gedanken allerdings nicht einmal übelnehmen. Von der Gruppe waren Koryphelia und Leén vermutlich tatsächlich die am wenigsten geeigneten Kämpfer und Abenteurer. Interessanterweise war es wieder Mico, der plötzlich einlenken konnte. »Naja. Ich weiß nicht, ob man davon ausgehen kann, dass Vicas Fähigkeiten in der Unterwelt überhaupt nutzbar sind, ebenso wie meine. Und Gina ist zu … impulsiv.« Einen nach dem anderen musterte der Cecilian sie. Zuletzt blieb sein Blick an Gwyn hängen, aber bevor er etwas zu dem Feuerspucker sagen konnte, erfüllte wieder Machairis kalte Melodik den Raum.
»Wenn sie nicht beide notwendige Attribute hätten, würde ich niemanden mitnehmen«, stellte er klar und musterte die beiden Mädchen genau. Koryphelia straffte die Schultern unter diesem Blick noch mehr. Sie hatte sich noch immer nicht geäußert. Vielleicht war ihre Kehle ebenso trocken wie Leéns. Natürlich wollten sie nicht in die Unterwelt hinabsteigen, aber wenn Machairi das so beschlossen hatte, gab es vermutlich kaum einen Weg darum herum. Immerhin standen die Chancen gut, dass nicht einmal der Messerdämon ohne unumstößliche Notwendigkeit in die Unterwelt hinabstieg.
Gina verdrehte die Augen. »Du hast überhaupt keine kampffähige Unterstützung und willst drei Personen beschützen?« Sie schnaubte. »Das klingt sinnvoll.« Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. »Das ist bescheuert. Ich komme mit!« Überraschte Blicke trafen sie und ein abfälliges Schnauben kam aus Vicas Richtung. Der Schatten sah sie strafend an und sie alle wussten, was er von der Aussage hielt. Dabei wusste Leén nicht wirklich, was ihn daran so sehr störte. Eigentlich schienen sich die beiden doch ganz gut zu verstehen und vielleicht würde sogar die Faust ihr loses Mundwerk zügeln können, wenn sie an einen solch gefährlichen Ort gingen. Leén hätte jedenfalls nichts dagegen gehabt, eine weitere kampffähige Person bei sich zu haben. Das schien auch Gina so zu sehen. »Du musst weder deine Künste noch deine Männlichkeit unter Beweis stellen.« Sie versuchte, ebenso strafend zurückzusehen – natürlich ohne Erfolg. »Lass mich einfach helfen«, knurrte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Du hilfst, indem du hier aufpasst«, vertröstete der Schatten sie und die Harethi fand es schon beachtlich, dass er ihr überhaupt eine Alternative bot. Gleichzeitig fragte sie sich, warum Vica, Mico und Gwyn die Faust als Kindermädchen brauchten und konnte sich gut vorstellen, dass keiner von denen das gut fand.
»Die sind erwachsen, die können ganz allein auf sich aufpassen«, schnaubte sie und warf die Haare zurück. Erneut nahm sie ein Blickduell mit dem Dämon auf und eine Weile war es still, während alle beobachteten, wie lange es dauerte, bis Gina verlor. »Verdammt, na gut!«, stieß sie schließlich hervor und wandte sich ab, beleidigt und gedemütigt. »Dann bekommt eine von euch beiden jetzt einen Selbstverteidigungsschnellkurs von mir!«, beschloss sie und sah zu Kory und Leén.
Letztere zog instinktiv den Kopf ein, weil sie sich an ihre letzte Kampfstunde erinnerte und überhaupt nicht das Bedürfnis hatte, sich vor der Faust auch noch zu blamieren. Sie war leider ein hoffnungsloser Fall und das würde sich nicht in kürzester Zeit ändern lassen. Die Prinzessin hingegen schmunzelte. »Das klingt in der Tat nicht nach einer schlechten Idee«, sagte sie. »Bevor ich mich auf diese fragwürdige Mission einlasse, wüsste ich allerdings gerne genauer, was uns dort unten erwartet.« Fragend sah sie zu Machairi, die blauen Augen funkelnd und das Kinn gestreckt, in dem Versuch, ihre Unterlegenheit zu verbergen.
»Dunkelheit«, antwortete der Schatten, aber sein Blick traf Leén statt Koryphelia. Ein Schauer schüttelte die Harethi und das Licht selbst schien zu erzittern. Dunkelheit war ein gefährliches Thema mit ihr. »Wir gehen morgen früh. Rish, komm.« Damit schien er die Runde auflösen zu wollen, auch wenn mit Sicherheit noch lange nicht alle Fragen beantwortet waren.
»Bevor ihr geht«, Reolet, die wie eine Statue am Zelteingang gestanden hatte, trat zu ihnen und blickte in die Runde, »möchte ich euch bitten, in diesem Dorf keine Magie zu üben und keine Kämpfe auszutragen. Es ist ein heiliger Ort.« Mahnend sah sie besonders zu Vica und Gina, die diese Reglung bereits gebrochen hatten. »Es gibt eine Übungsfläche jenseits des Baches, wo ihr jede Abstrusität ausüben könnt, wie es euch beliebt, solange es sich nicht um schwarze Magie handelt. Ansonsten könnt ihr in einem der Häuser unterkommen.« Lächelnd sah sie in die Runde. Irgendetwas an dieser Frau war sonderbar. Ihr Gesicht glänzte leicht, als habe sie besonders stark geschwitzt oder als sei es aus weichem Wachs geformt und sie wirkte auf seltsame Weise unecht. Sie war Leén trotz ihrer Freundlichkeit unheimlich.
»Abstrusität«, wiederholte Vica und es klang, als schmecke das Wort ekelhaft bitter auf der Zunge. Der Spott, den sie hervorbringen wollte, ging darin unter und man musste sich spontan fragen, wie oft Vica sich schon aufgrund eines Urteils über ihre Fähigkeiten geärgert hatte. Dabei war Leén sich nicht einmal sicher, dass Reolet tatsächlich hatte ausdrücken wollen, dass sie abnormale Magie wirkten. Vielleicht hatte die Frau auch einfach sagen wollen, dass ihr egal war, was sie taten, solange sie es nicht im Dorf taten.
»Du kannst mit mir kommen«, sagte die Frau ungerührt freundlich und warf einen Blick auf den Drachen, als habe sie den Kommentar der Blinden gar nicht gehört. »Wir werden deinem Drachen sicher helfen können.« Ein schlauer Zug. Für Spíthas Wohl würde sogar Vica ihren Stolz vergessen, so verzweifelt, wie sie zuletzt über seinen Zustand gewesen war. »Katyre wird dem Rest zeigen, wo ihr unterkommen könnt.« Katyre war der Name des kleinen Mädchens gewesen, das sie im Wald gefunden hatte. Hoffentlich wusste das Kind auch, dass es ihnen helfen würde, denn außer Gwyn schien niemand ihre Sprache zu sprechen.
Vicas Kiefer malmte, aber sie stand auf und hielt den kleinen Drachen sanft fest. »Wo ist mein Stock, Hatschi?«, fragte sie mühsam beherrscht und klang trotzdem noch immer patziger, als Leén es je zustande gebracht hätte.
Wortlos hob sie den Stock vom Boden auf, reichte ihn Vica und sah zu, wie die Blinde etwas unbeholfen Reolet folgte, während Puki sich aus seiner Rolle löste und ihr hinterherhüpfte. Ob er wohl eifersüchtig war auf den neuen Begleiter, der so viel mehr Aufmerksamkeit bekam als er?
Damit war die Runde aufgelöst. Die Prinzessin verkündete, dass sie zunächst Quartier beziehen wollte, bevor sie sich irgendeiner Form von Training hingab, und Gina war einverstanden. Obwohl sie nur vom Schiff hierhergekommen waren, schien schrecklich viel passiert und auch Leén hatte das Bedürfnis, sich irgendwo hinzusetzen und die verstörenden Neuigkeiten zu verarbeiten. Leider war sie wohl die Einzige, der das nicht vergönnt war, denn sie hatte nicht vor, ausgerechnet Machairi zu erklären, dass sie erst eine Pause brauchte, bevor sie ihm irgendwohin folgen wollte.
So fand sie sich wenig später erneut durch den Wald stolpernd wieder, während die anderen von dem kleinen Mädchen in eines der Holzhäuser geführt wurden. Palmwedel hingen ihr ins Gesicht und exotische Pflanzen wanden sich ihren Weg an Bäumen hinauf und umeinander herum. Allerlei sonderbares Getier tummelte sich hier: Erstaunlich große Bienen schwirrten umher, Vögel mit langen Schnäbeln tranken aus Blumenkelchen und einmal glaubte sie sogar ein winziges menschenähnliches Wesen zu sehen, das fast durchsichtig und mit Flügeln ausgestattet hastig davonschwirrte. Vermutlich floh es vor allen Menschen, aber selbst weniger scheue Wesen ergriffen wohl die Flucht vor Machairi. Der Schatten passte nicht hierher. Das Dunkel seiner Kleider und seiner Haare hob sich deutlich von der bunten Umgebung ab und schien doch zwischenzeitlich mit den Schatten zwischen den Pflanzen zu verschmelzen. Die dicken Stämme gewaltiger Bäume führten hinauf zu dichten Blätterkronen und an manchen Stellen drang kaum ein Sonnenstrahl zu ihnen hinab.
Irgendwann trafen sie auf einen größeren Wasserlauf. Es war hier schon mehr ein Fluss als ein Bach und in vielen kleinen Wasserfällen stürzte er eine Felswand hinab. Es sah hübsch aus und für einen kurzen Moment dachte sie daran, dass man auf der Wiese am Fuße der Fälle ein hervorragendes Picknick hätte veranstalten können. Eine innere Stimme sagte ihr allerdings, dass Machairi kein Picknick mit ihr machen wollte. »Was tun wir hier?«, fragte sie, als Machairi endlich stehen blieb.
»Du kannst nicht weiter bei Dunkelheit in Ohnmacht fallen«, antwortete er und drehte sich zu ihr. »Ich habe wenig Interesse daran, dich durch die Unterwelt zu tragen.« Spontan wurde sie verlegen. Tatsächlich wäre es ihr unheimlich peinlich gewesen, wenn es so weit käme. Leider wusste sie auch nicht, was sie dagegen tun sollte. Ein Ort, den die Dunkelheit regierte, war sicherlich nicht der beste Aufenthaltsort für jemanden, der beim kleinsten Kontakt das Bewusstsein zu verlieren drohte. »Da Ila es dir nicht rechtzeitig beibringen konnte, wirst du es jetzt üben«, erklärte er dann weiter.
»Und wie?«, fragte Leén vorsichtig und bekämpfte das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen. Vermutlich hätte sie nicht einmal den Weg zurück zu dem kleinen Dorf gefunden durch das Dickicht des Waldes. Vielleicht war das der Sinn der Sache gewesen, sonst sah sie nämlich keinen Grund hierherzukommen, wenn es doch eine Übungswiese gab. Das Problem, das Leén mit jener Fläche gehabt hätte, wäre höchstens die Möglichkeit, dass Gina und Kory dort auftauchen würden, um selbst zu trainieren, und sie konnte auf Zuschauer verzichten. Besonders wenn die eine ihre spöttischen Bemerkungen kaum zurückhalten würde und die andere bisher noch eine recht gute Meinung von ihr hatte, die man leicht ruinieren konnte.
»Fall nicht um«, erwiderte Machairi nicht besonders hilfreich und trat auf die Felswand zu. Er schob einige Ranken zur Seite und bevor Leén fragen konnte, riss es sie von den Füßen.
Finsternis erhob sich über ihr wie eine Decke, drückte auf ihr Gemüt und engte sie ein. Ihr Kopf begann zu schwirren und es pfiff in ihren Ohren, während sie kaum mitbekam, dass sie auf den Boden sank. Drückend und kalt war das Schwarz, das über ihr schwebte, und wie von selbst stieg in ihr das Licht auf, um sich zu wehren. Vertraut war der Schein inzwischen und es wurde hell vor ihren Augen, obwohl sie sie geschlossen hatte. Ebenso plötzlich wie es gekommen war, hörte es auch wieder auf und Leén kauerte keuchend am Boden und versuchte, das taube Gefühl zu vertreiben, das zurückgeblieben war.
Machairi stand noch immer bei der Wand und musterte sie mit undurchdringlicher Miene. Vermutlich war er enttäuscht, aber er ließ es sich ebenso wenig anmerken wie irgendein anderes Gefühl. Es trug nicht dazu bei, dass Leén sich weniger schämte. »Du kontrollierst deine Magie. Nicht andersherum«, erinnerte er sie und musterte sie genau, als könnte er sie damit zwingen, sich geschickter anzustellen.
Kurz wollte sie ihm sagen, dass erst die Dunkelheit sie übermannte und dann erst das Licht kam, dass sie keine Kontrolle über die Dunkelheit hatte und dass sie nicht wusste, wie sie gegen etwas stehen konnte, worauf sie keinen Einfluss hatte. Doch sie nahm an, dass er wusste, wovon er sprach, und sie hatte keine Lust, wieder dumm zu sein. Deshalb schluckte sie, nickte und versuchte, sich besser zu wappnen, als er die Ranken ein zweites Mal zur Seite schob.
Wieder deckte sich die Finsternis über sie und verschleierte ihren Blick. Sie versuchte, die Augen geöffnet zu halten und sich an der Realität festzuhalten, aber ihr wurde buchstäblich schwarz vor Augen. Die Dunkelheit schien in ihren Kopf einzudringen, durch ihre Gedanken zu sickern und alles, was sie versuchen konnte, war das Licht zurückzuhalten, das in ihr aufsteigen und die Schwärze bekämpfen wollte. Ihre Bemühungen blieben fruchtlos. Zwar schaffte sie es eine ganze Weile, das Licht zu deckeln, aber die Dunkelheit wurde nur pressender und sie konnte nichts dagegen tun. Schließlich verlor sie den Kampf gegen das empordrückende Licht und was sich angefühlt hatte wie eine Viertelstunde, konnte kaum mehr als ein paar Sekunden gedauert haben. Sie gab ihren Widerstand auf und Helligkeit stieg auf, um die Dunkelheit fortzudrücken. Es half gegen die Benommenheit in ihrem Kopf, aber die unkontrollierte Magie hielt sie nun voll in ihren Fängen. Wie ein eigener lebendiger Organismus nahm es ihr die Selbstbestimmung und als die Dunkelheit endlich verflog, übergab sie sich ins saftige Gras der Wiese vor ihr.
Tief durchatmend stützte sie sich im Gras ab und fühlte sich plötzlich schrecklich müde. Krampfhaft hielt sie sich davon ab, zu dem Schatten zu sehen und spuckte noch einmal aus, um den widerlichen Geschmack loszuwerden. »Kann ich es nicht irgendwie davon abhalten, in erster Linie in meinen Kopf zu kommen?«, fragte sie zu wehleidig und setzte sich etwas zurück. Jetzt sah sie doch auf, aber nicht in die bohrenden schwarzen Augen, sondern auf die Ranken, die wieder über dem Stein hingen. »Was ist hinter diesen Ranken?«, wollte sie dann wissen. Was konnte da sein, das so düster war, sich aber von ein paar Ranken aufhalten ließ? Und woher hatte der Dämon gewusst, dass es hier war?
»Das musst du. Wenn deine Verteidigung ausgelöst wird, ist es längst zu spät.« Die zweite Frage beantwortete er nicht und irgendwie war sich das Mädchen nicht sicher, ob sie es überhaupt wissen wollte.
»Wie soll ich denn etwas aussperren, was ich weder kommen sehen noch physisch wahrnehmen kann?«, fragte sie etwas verzweifelt und wollte sich am liebsten irgendwo verkriechen. Warum war sie immer so unfähig? Nachdem sie nun schon zweimal der Dunkelheit erlegen war, schien die Verzweiflung greifbarer als zuvor. Es hatte sie ausgelaugt und müde gemacht und sie schämte sich für ihre Kindlichkeit.
»Was da ist, muss dich nicht überwältigen.« Er machte ein paar Schritte auf sie zu und hielt ihr die weiß behandschuhte Hand hin. »Es ist wie Angst.« War er sich bewusst, dass das nicht beruhigend war? Nur sehr zögerlich schob sie die Finger in das weiße Leder und ließ sich auf die Füße ziehen. Sie kannte Angst sehr gut. Seit er in ihrem Leben war, hatte sie eine Menge davon gehabt. Wenn die Angst einen überwältigte, konnte man entweder darin versinken und jeden Mut verlieren oder sie überwinden und sich ihr stellen. Das war zwar schön und gut, wirkte aber geradezu unmöglich.
»Was ist hinter diesen Ranken?«, fragte sie nochmal, musterte die Wand skeptisch und spannte sich unwillkürlich stärker an. Konnte es ein Monster sein? Eines wie das, was er aus den Tiefen des Meeres gelockt hatte, mit nichts als einem Messer?
»Finde es heraus«, antwortete er ruhig und sie schluckte. Leider hatte er recht. Sie konnte sich nicht weiterhin bei jedem kleinsten Kontakt mit dieser Dunkelheit aus ihrem Kopf verdrängen lassen – egal, ob sie nun in die Unterwelt ging oder nicht. Wenn es funktionierte wie Angst, dann war wohl der beste Weg, sich der Dunkelheit zu stellen. Ohne ein weiteres Wort hielt sie auf die Ranken zu. Sie spürte, wie die Augen des Schattens ihr folgten und er sie genau musterte, aber zur Abwechslung hatte sie vor ihm wesentlich weniger Angst als vor dem, was vor ihr lag. Leén atmete tief ein, streckte die zitternde Hand aus und schob sie in die Ranken. Jeden Moment erwartete sie, dass die Schwärze ihr entgegenschlagen würde und hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne, bevor sie die Blätter beiseiteschob.
Hinter den weichen grünen Schlingen lagen die nackte Felswand und eine Höhle, kaum mehr als ein Spalt klaffte dahinter. Vermutlich war er gerade groß genug, dass sie sich hätte hineinquetschen können, ohne steckenzubleiben. Es war dunkel darin, aber es war eine andere Form von Dunkelheit als die, die es vermochte sie niederzudrücken. Das war wohl kaum der Eingang zur Unterwelt, oder? Nervös kaute das Mädchen auf der Unterlippe und fragte sich, warum nichts geschah. Die Tatsache, dass sie sich dem willentlich stellte, konnte doch nicht schon ausreichen, um den sonst so schwerwiegenden Effekt zu umgehen, oder? »Warum passiert nichts?«, fragte sie und drehte sich zu dem Schatten um.
Vielsagend erwiderte Machairi ihren Blick. Als ihr so gar kein Licht aufgehen wollte und er weiterhin nichts sagte, riss sie sich zusammen und steckte langsam einen Arm und ihren Kopf in den Spalt. Keine drückende Dunkelheit. Nur eine Felswand und ein sich immer weiter verjüngender Riss im Stein und etwas, was sich unangenehm nach einem Spinnennetz anfühlte. Dann schlug die Dunkelheit wieder ein. Sie drückte ihr in den Nacken und ließ sie fast im kleinen Spalt zusammensinken. Sie kam nicht aus diesem Riss. Sie kam von draußen.
Mit schwirrendem Kopf zog Leén sich wieder hinaus, versuchte nicht einzuknicken und so gut sie konnte gegen das Gefühl anzukämpfen. Ihr Blick verschleierte, aber sie versuchte, die Dunkelheit fortzudrücken, und ballte die Hände zu Fäusten. Heftig blinzelnd, in der Hoffnung, die Sicht wieder klären zu können, sah sie umher und versuchte zu bestimmen, wo die Dunkelheit herkam. Sie hörte das Rauschen des Wasserfalls und des kleinen Flüsschens, das sich mit dem Rauschen ihres Blutes vermischte. Sie fühlte warmes Sonnenlicht auf der Haut, das ihr half, die Finsternis zu bekämpfen, und sie sah die Lichtung vor sich. Saftiges Grün und blühendes Leben und einen Schatten, der wie von schwarzen Schwaden umgeben schien. Schwarze Augen stachen ihr entgegen und die Dunkelheit wurde so überwältigend, dass sie sich beinahe schon wieder übergeben hätte. Angst schnürte ihren Magen zu und sie stolperte zurück. Der Wasserfall sprühte ihr Tropfen in den Nacken, die sich auf ihren Kleidern und ihrem Haar niedersetzten und sie zitterte. »Du bist das!«, stieß sie hervor und endlich fügten sich die Puzzleteile zusammen.
In einem kurzen Augenblick flackerten all die Situationen vor ihrem inneren Auge wieder auf, in denen sie dieses grausige Gefühl gehabt hatte. Sie hatten eines gemeinsam: einen wütenden, bedrängten, unkontrollierten Machairi.
Ihre Gedanken überschlugen sich und sie konnte gar nicht genug Abstand zu dem Dämon vor ihr halten. Ekelhaft ruhig sah er sie an und die Dunkelheit kam zum Erliegen. »Besser«, befand er und sie verstand erst nach einem Augenblick, dass er ihre Leistung bewertet hatte, der Dunkelheit zu widerstehen. Wäre sie nicht sprachlos vor Fassungslosigkeit gewesen, hätte sie ihm entgegengeschrien, dass seine Meinung sie nicht interessierte. Was wollte er von ihr? Konnte es sein, dass er nur einen Vorwand brauchte, um sie hinab in die Unterwelt zu zerren, um dann die Vorteile ihrer Abstammung für sich oder Ebos zu nutzen? Sie hatte so etwas schon die ganze Zeit befürchtet, aber sie hatte es nicht glauben wollen. Schließlich waren auch Gwyn und die anderen überzeugt gewesen, dass er ein Mensch sei, aber eigentlich war sein Charakter sehr viel besser zu erklären, wenn man der Realität ins Auge blickte.
Sie sollte flüchten, aber wohin? Er war schnell, unmenschlich schnell, wie sie sich erinnerte, und selbst wenn nicht, konnte er blind ein Messer auf sie werfen, das sie aufhielt, ohne sie zu töten, und er hatte sie so weit vom Dorf weggeführt, dass sie keine Chance hatte, irgendjemanden dort zu alarmieren. Sie hätte heulen können. Auch weil sie gehofft hatte, dass er irgendwo doch einen guten Kern hatte, und weil sie vielleicht doch ganz leicht Schmetterlinge im Bauch gehabt hatte.
Das Einzige, was ihr einfiel, um vielleicht entkommen zu können, war, das Licht zu verwenden, das ihn vielleicht so abstieß wie seine Dunkelheit sie. Leider befürchtete sie, dass er wesentlich geübter als sie darin war, den Effekt zu umgehen, und erschwerend kam hinzu, dass sie sich nach wie vor nicht in der Lage sah, sich zu bewegen. Stocksteif stand Leén da, während es in ihrem Kopf ratterte und sie versuchte zu erfassen, was sie gerade herausgefunden hatte. Er unterbrach sie nicht dabei, hatte alle Zeit der Welt, um ihr dabei zuzusehen, wie sie mehr und mehr verzweifelte.
»Warum die Prinzessin?«, war dummerweise die erste Frage, die sie herausbrachte. Es war der Punkt, auf den sie sich am wenigsten einen Reim machen konnte. Sie konnte sich vorstellen, dass ein Dämon diese seltsame unmenschliche Perfektion haben konnte, auch wenn die manchmal bröckelte. Es war auch klar, dass er ein Schatten hatte werden können und dass er damit durchkam, sich jeder Form von Höflichkeiten zu entziehen, und sogar, weshalb er ein Seemonster kannte. Das Einzige, was sie nicht verstehen konnte, war, wozu er die Prinzessin brauchte. Der Herr der Unterwelt konnte es doch kaum nötig haben, Geiseln zu nehmen, oder? Außerdem hatte doch Koryphelia ihn um Hilfe gebeten und nicht umgekehrt.
Er sah ein wenig amüsiert aus. »Sie hat das Blut ihres Vaters«, antwortete er ruhig, als sei das ein ganz normaler Satz, der überhaupt nicht wahnsinnig klang. »Es ist gut möglich, dass wir es brauchen.« Das war eine sehr absonderliche, aber erstaunlich klare Antwort.
»Ist dir klar, wie wahnsinnig das klingt?«, fragte sie mit viel zu hoher Stimme und wich noch etwas weiter zurück, sodass sie Angst haben musste, in den Bach zu fallen. Was konnte sie nur tun? Was konnte sie nur tun?! Ihre Atmung hatte sich beschleunigt und sie versuchte, irgendwie einen kühlen Kopf zu bewahren, aber bis auf das kalte Wasser, das ihr in den Nacken sprühte, war nichts an dieser Situation abkühlend.
»Wir sprechen von einem Tropfen Blut, nicht vom Kehle durchschneiden«, stellte er klar und sah abermals belustigt aus, als sie fast ins Wasser fiel. Er machte auch keine Anstalten, sie anzugreifen. Nicht einmal ein Messer kreiste durch seine Finger, was schon fast unheimlich wirkte, weil es sonst so oft geschah.
Leén fand, dass sie eigentlich erstaunlich beherrscht war, dafür, dass sie gerade aus allen Wolken gefallen war. Vielleicht lag das auch daran, dass ihr Kopf noch nicht damit klarkam und dass sie das Gefühl hatte, ihr Todesurteil zu unterschreiben, wenn sie einen falschen Schritt tat. »Was machst du jetzt mit mir?«, fragte sie und ihre Stimme war kaum mehr als das Fiepsen eines verängstigten Tieres. Sie schämte sich kaum dafür – es war immerhin berechtigt. Die einzige Hoffnung, die noch in ihr keimte, war, dass er sie noch brauchte.
»Du solltest die Zeit bis morgen nutzen, um zu üben.« Sein Blick glitt zu seinem Messer an ihrem Gürtel und sie dachte kurz an die seltsame Trainingsstunde in der Wüste. Die ergab tatsächlich keinen Sinn, genauso wenig wie das Geld, das er ihr gegeben hatte, um sich im Zweifelsfall in Sicherheit bringen zu können. Überhaupt hatte er sich erstaunlich viel Mühe gegeben, wenn er sie einfach nur entführen wollte.
»Ich will nicht in die Unterwelt«, wisperte sie und ihre zitternden Hände gruben sich in den Stein unter dem Wasserfall, in dem sie inzwischen so weit drinstand, dass er ihr auf den Kopf prasselte und sie kaum noch verstand, was der Dämon sagte. »Schon gar nicht mit einem Dämon.« Warum schluchzte sie? Warum musste sie nun doch weinen, wo sie doch zuvor so überraschend gut Haltung bewahrt hatte? Leén wünschte sich, mit dem Wasser zu verschmelzen, dachte sogar darüber nach, ganz in den Wasserlauf zu springen und sich von der hoffentlich seichten Strömung forttragen zu lassen … falls er tief genug war. Vielleicht führte der Lauf ja sogar zu dem Bach, der hinter dem Dorf verlief. Dann konnte sie sich vielleicht doch in Sicherheit bringen.
Machairi hob eine Augenbraue und musterte das Harethimädchen, das immer weiter in den kleinen Wasserfall zurückwich. »Voreilige Schlussfolgerungen sind die größte Fehlerquelle menschlichen Denkens.« Das klang wie ein typischer Satz von Machairi: irgendwie einleuchtend und trotzdem seltsam kryptisch. Es erinnerte sie an die Nacht, in der sie zu ihm geflüchtet war, wie sie sich sicher gewesen war, einen Dämon in ihrem Zimmer stehen zu sehen. Ob er das gewesen war? Was wollte er ihr damit sagen? Überhaupt fragte sie sich, wie viel von seinen Worten gelogen gewesen waren und ob er wirklich dieses blöde Orakel suchte. Es klang mehr wie ein Vorwand, aber sie konnte auch nicht wissen, ob der Dämon nicht vielleicht doch irgendeine wichtige Frage hatte. Und was war mit Ila? Schließlich schien die Frau den Schatten recht gut zu kennen. Wenn er der Unterwelt entsprang, konnte das immerhin erklären, wie sie sich vielleicht getroffen haben konnten, trotz des horrenden Altersunterschieds. Zunächst hatte sie gedacht, dass jetzt alles klar sei, aber leider waren die Dinge doch nicht so eindeutig, wie sie zunächst gedacht hatte.
Machairi seufzte. »Was genau denkst du, was ich dir jetzt hier tun könnte, was ich nicht schon längst hätte tun können?« Etwas genervt wirkte er allmählich schon und das vertraute Messer tanzte wieder durch den Handschuh. Es war fast beruhigend. Außerdem hatte er recht. Einen Fluchtweg gab es nicht und wenn er sie morgen – ob sie wollte oder nicht – in die Unterwelt hinabzerren würde, konnte es nicht schaden sich vorzubereiten.
Leén schluckte und riss sich zusammen. Vorsichtig kam sie wieder vor, hinaus aus dem Wasserfall, und trat etwas steif auf die Wiese. Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt, stand noch immer ganz ruhig dort, wo er sie auf die Füße gezogen hatte, und das Messer war wieder verschwunden. Ganz genau beobachteten die schwarzen Augen sie und sie stellte die einzige Frage, die für sie wirklich entscheidend war. Wenn er die nicht beantwortete, würde sie sich so querstellen, wie sie konnte, bevor sie sich in die Unterwelt hinabbringen ließ. »Wozu brauchst du mich?«, fragte sie und sah ihn direkt an, auch wenn sie noch immer gerne vor ihm davongelaufen wäre. Sie hatte beschlossen mutig zu sein.
Einen Moment lang war es still auf der Lichtung. Dann ließ sich Machairi mal einmal dazu herab, seine melodische Stimme zu benutzen, um eine Antwort zu geben, die er eigentlich für sich behalten wollte. »Du bist unser Weg zurück. Ich habe hier noch zu viel zu tun, um zu riskieren, dort festzusitzen.« Es klang ehrlich. Ehrlicher als das meiste, was er je gesagt hatte. Einzig seine Meinung über den Schwertkampf hatte einst das gleiche Maß an Ehrlichkeit gehabt. Es war für einen kurzen Moment, als würde man durch die schwarzen Augen durch ein Fenster sehen, wo sonst nur undurchdringliche Mauern aufragten. Es war ein Funke Menschlichkeit, der den Dämon weniger furchteinflößend wirken ließ. Sie glaubte ihm. Das konnte sie nicht verhindern und es drückte ihre Angst zurück.
»Na gut«, sagte sie, auch wenn sie sich selbst nicht verstand. Sie konnte sich nicht wehren, wenn seine Entscheidung feststand, und trotz allem spürte sie, dass sich ein Teil von ihr daran festhalten wollte, dass sie den falschen Schluss gezogen haben konnte. Also blieb sie stehen, dachte nicht länger an Flucht und fügte sich untypisch mutig in seine Pläne. Sie musste ihre Beherrschung verbessern. »Dann hilf mir trainieren.«

Rennen
Gwyn konnte sich nicht entscheiden, ob er sich heimisch oder fremd fühlte an diesem Ort. Er war noch nie in einem reinen Zhakidorf gewesen und er wurde als einziger mit Ehrlichkeit willkommen geheißen. Das seltsam dumpfe Gefühl in seiner Brust war dadurch nicht gewichen. Es war noch immer so stark wie auf dem Schiff und die Anwesenheit der anderen machte es eher noch schwieriger zu ertragen. Sie führten ihm immer wieder vor Augen, dass irgendetwas in ihm nicht mehr so funktionierte, wie es sollte. Auf der einen Seite blieb das Gefühl, dass er es verdient hatte, sich schlecht zu fühlen. Auf der anderen Seite wurde es noch schlimmer dadurch, dass er wusste, dass er nicht funktionierte.
Er hatte sich einen müden Dank abgerungen, als Katyre ihm sein Zimmer gezeigt hatte. Seither saß er nun also in der Ecke und lauschte seinem Gedankenchaos, das ihn beinahe in den Wahnsinn trieb.
Dann war da noch das Endziel der Reise und die Tatsache, dass niemand ihn erwähnt hatte, auch wenn Mico deutlich dazu angesetzt hatte. Er fragte sich, ob Machairi ihn wohl mitgenommen hätte, wenn er nicht so versagt hätte. In dem Zusammenhang fragte er sich auch, ob er das wollte. Jeder bei Verstand würde ihm sagen, dass er sich freuen sollte, dem Schicksal entgangen zu sein, aber ein seltsamer Teil von ihm wünschte sich, mitkommen zu dürfen. Es war schließlich eine ganz besondere Form von Vertrauen, auf eine solch gefährliche Mission mitgenommen zu werden, und er war mehr als einmal versucht gewesen zu sagen, dass er sogar als Köder, Opfergabe oder Zahlungsmittel mitgekommen wäre. Eigentlich gab es nur eine Sache, die er wirklich wollte, die sein verzweifelter Kopf nicht verzerrt hatte. Gwyn wollte, dass Machairi ihm verzieh. Wenn ihn das sein Leben kostete, war es ihm das wert.
Es war ein waghalsiger, wahnsinniger und geradezu dummer Gedanke und irgendwo in seinem Inneren beschwerte sich seine Vernunft, dass krankhafter Todeswunsch zwar eine gute Voraussetzung für Jobzufriedenheit bei Machairi war, aber trotzdem viel zu oft im Sterben endete.
Gwyn blickte durch das helle Zimmer, in dem ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Tisch standen. Es sah aus wie ein Zimmer in einer gemütlichen Gaststätte: nett, aber austauschbar. Das Holzhaus, in dem sie einquartiert worden waren, kam einem Gästehaus gleich, dabei hätte er nicht gedacht, dass sich irgendjemand hierher verirrte, schließlich gab es nicht einmal einen Hafen.
Wenn er ehrlich war, wusste Gwyn selbst nicht so recht, weshalb er sich am liebsten von allen fernhalten wollte. Schließlich hatte ihm keiner der anderen etwas getan und er hatte keinen echten Grund, um sich auch zurückzuhalten, wenn Machairi nicht dabei war. Trotzdem fühlte es sich an, als würde er irgendein Verbot brechen, sobald er den Mund aufmachte, und dann wurde plötzlich alles noch schwieriger auszuhalten. Er war zu viel für sich selbst und sobald er sich nach außen präsentieren musste, drohte das fragile Gebilde, das er seine Psyche nannte, zusammenzubrechen. Kaum hatte er den Gedanken beendet, fühlte er sich nur noch schlechter. Gwyn schämte sich. Er schämte sich für alles, was er tat, dachte und getan hatte. Nichts schien er richtig machen zu können. Nicht vor sich selbst und nicht vor anderen und diese Tatsache wollte ihn schier in den Wahnsinn treiben. Wie konnte man sich nur selbst so sehr im Wege stehen? Manchmal war es ihm, als stünde sein altes Ich belustigt über ihm, um ihm zu sagen, dass er sich mal zusammenreißen sollte. Doch dann erinnerte er sich wieder, dass sein altes Ich mehrere sehr dumme Entscheidungen auf einmal getroffen hatte und es für notwendig gehalten hatte, hunderte Menschen zu verbrennen, und der Kreislauf begann von vorne.
Stöhnend vergrub er das Gesicht in den Armen, während die Vögel vor dem Fenster zwitscherten und die zauberhafte Andersartigkeit dieses Ortes durch das Fenster hereingetragen wurde. Aus einem sicherlich völlig bescheuerten Grund machte dieser perfekte Ort seine Melancholie noch etwas schlimmer. Hauptsächlich, weil er wusste, dass er sich hier unter normalen Umständen unheimlich wohl gefühlt hätte, unter Zhaki und an einem Ort, der vor Magie nur so zu vibrieren schien. Die ganze Zeit wollte er sagen, dass er sich leer fühlte, aber eigentlich fühlte er sich nicht leer – eher im Gegenteil. Er schien geradezu zu platzen vor Gefühlen, die er nicht zu fassen bekommen konnte und die ihn nur noch wahnsinniger machten. Das Chaos war so vollkommen, dass er dem nicht standhalten konnte.
Drückende Kopfschmerzen zogen dem Feuerspucker durch den Schädel und er ließ die Stirn auf seine Arme sinken. Zusammengekauert saß er mit geschlossenen Augen da und versuchte, wie schon in den Tagen zuvor die Kraft zu finden, sich gegen das Chaos aufzulehnen. Hätte es doch nur einen Weg gegeben, alles wiedergutzumachen, wenigstens das verwirkte Vertrauen zurückzuerhalten. Er wusste, dass er sich falsch entschieden hatte in Om’falo. Eigentlich hatte er es schon in dem Moment gewusst, in dem er die Entscheidung gefällt hatte. Es war schließlich nicht so, als hätte er Kendra nicht dort lassen können. Es war nicht Gwyns Verantwortung gewesen; die Leben seiner Freunde dagegen hatte er willentlich aufs Spiel gesetzt. Also musste er entweder Machairis Vertrauen zurückgewinnen, oder er konnte sich bei nächster Gelegenheit irgendwo runterstürzen. Man konnte also quasi sagen, dass er nichts zu verlieren hatte. Was wäre eine bessere Voraussetzung, um sich auf eine Todesmission zu begeben?
Je länger er den Gedanken im Kopf drehte, desto sicherer wurde er, dass sich ihm hier eine Chance bot, die er gerne nutzen wollte. Das Problem daran war nur, dass er Machairi davon überzeugen musste.
Eine der hervorstechendsten Eigenschaften von Machairi war, dass er sich nicht bequatschen ließ. Ihn zu überreden war nie von Erfolg gekrönt. Allerdings hätte Gwyn sich vorstellen können, dass Rish es vielleicht schaffen konnte. Sie hatte einen seltsamen Einfluss auf den Schatten und für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie um Hilfe zu bitten. Er wusste allerdings, was sie von der Idee halten würde und dass sie sich noch immer vor Machairi fürchtete und dass seine Chancen vermutlich nicht besser standen, wenn er jemand anderen vorschickte, und so verwarf er den Gedanken wieder.
Lange saß Gwyn in seinem Zimmer und versuchte, einen Plan auszuhecken, während seine Gedanken sich überschlugen und das Tageslicht der Dämmerung wich. Lange Schatten warf das sterbende Tageslicht nun in den Raum und der Feuerspucker spürte, wie es noch enger in seiner Brust wurde. Mit der Nacht und der Dunkelheit wurden die Selbstvorwürfe stärker und hätte er nicht bereits zu einem kleinen Paket gerollt in der Ecke gekauert, hätte er sich noch weiter zusammengezogen. So konnte es nicht weitergehen. Er war müde. Müde vom Traurigsein und dem grausamen Gefühl in seinem Inneren. Es machte ihn wahnsinnig – schon wieder, oder vielmehr immer noch.
So konnte es nicht bleiben. Bevor er wirklich wusste, was er tat, war er auf den Beinen. Wenn es etwas gab, was ihn aus diesem Grauen befreien konnte, das sein Herz und seinen Kopf einfing, dann war er bereit, alles dafür zu tun.
Mutiger als er sich fühlte, trat Gwyn auf den Flur hinaus und stolperte fast augenblicklich zurück in den Raum. Rish betrat in diesem Moment den offenen Flur und er ging davon aus, dass sie nicht allein war. Wie wild zappelte ihm das Herz in der Brust und er hätte sich selbst dafür schlagen können. Wann war es so weit gekommen, dass er nicht mal mehr im gleichen Flur sein konnte wie seine Freunde, ohne buchstäblich die Flucht zu ergreifen? Sein Herz stolperte noch mehr, als es kaum eine Sekunde später an der Türe klopfte. Wie automatisch zurrte sich seine Kehle zu und er hätte alles darum gegeben, sich in Luft auflösen zu können.
Unschlüssig stand er da und musterte die Tür, fragte sich, ob es nur Rish oder gar der Schatten selbst war, wobei die Wahrscheinlichkeit, dass der klopfte, recht gering war. Sein Anflug von Mut war verfolgen und es kostete ihn alles an Selbstbeherrschung, die Tür zu öffnen und hinauszuschielen.
Mit gerunzelter Stirn stand Rish vor der Tür – allein – und musterte ihn forschend, als er scheu hindurchblickte. Warum war sie nass? Trotz des Zwielichts in dem offenen Flur konnte man gut erkennen, dass ihre Haare feucht waren, und auch ihre Bluse und das rötliche Korsett wiesen dunkle Flächen auf, die eindeutig von einer Flüssigkeit stammten. Was wollte sie von ihm und warum wusste sie, in welchem Zimmer er war?
»Ist alles in Ordnung?«, fragte die Harethi, noch immer mit gerunzelter Stirn und klang sehr skeptisch.
Gwyns Zunge wog sicher mehrere Tonnen. Schwer und ungelenk wie ein Stein lag sie ihm im Mund und er traute sich nicht zu, sie zu benutzen. Die Vorstellung, nur unverständliche Laute hervorzubringen, war zwar unrealistisch, machte seine Angst jedoch nur größer. Was war nur los mit ihm?
»Du sitzt nicht in einer Ecke«, stellte sie dann fest und verbannte den skeptischen Ausdruck von ihren Zügen. Eigentlich wollte er sich veralbert vorkommen, aber erstens war nicht viel Amüsement in ihrer Stimme und zweitens hatte sie recht. Davon abgesehen, dass er bis vor wenigen Augenblicken in einer Ecke gesessen hatte. »Wohin wolltest du gehen?«, fragte sie dann und endlich begriff der Gaukler, dass sie ihn gesehen hatte, als er auf lächerliche Weise in sein Zimmer zurückgeflüchtet war. Da er sich dankenswerterweise daran erinnerte, dass er zuvor festgestellt hatte, dass es keine gute Idee war, sie um Hilfe zu bitten oder einzuweihen (und weil die unrealistische Angst, nicht sprechen zu können, nicht verflogen war) zuckte er nur mit den Schultern und wich ihrem Blick aus.
»Gwyn«, murmelte sie und klang plötzlich viel mitleidiger. »Es wird schon alles wieder gut. Erstmal hast du doch jetzt etwas Ruhe und er ist nicht in der Nähe. Dann kannst du dich vielleicht etwas sammeln?«, schlug sie vorsichtig vor und musterte ihn besorgt.
Er wusste nicht, was er sagen sollte. Am liebsten hätte er die Tür einfach wieder zugeschlagen. Wie genau gedachte er, ausgerechnet mit Machairi zu reden, wenn er selbst vor Rish keinen Ton herausbrachte? »Wo ist er?«, fragte er ohne jeden Zusammenhang. Seine Stimme klang furchtbar. Kratzig, belegt und fremd drang sie an seine Ohren und schon wieder wollte er die Tür lieber zuschlagen, als weiter einer netten Person voller Mitleid gegenüberzustehen.
Jetzt zog das Mädchen die Augenbrauen so hoch, dass sie bald mit dem Haaransatz kollidieren würden. »Das ist so ungefähr das Gegenteil von dem, was ich dir gerade empfohlen habe«, stellte sie fest und sah ihn prüfend an, als wollte sie sichergehen, dass er nicht endgültig den Verstand verloren hatte. Vielleicht hatte er das ja. Wie sollte er das wissen? Rish seufzte und nickte zu einer Tür am anderen Ende des Flures. »Mach dich nicht verrückt«, sagte sie dann trotzdem und musterte ihn noch immer, als sei er plötzlich an irgendeiner unheilbaren Krankheit erkrankt. »Kein normaler Mensch würde dir einen Vorwurf machen.«
Das war nicht wahr. Was ihn aber viel mehr irritierte, war die Art und Weise wie sie normaler Mensch aussprach, als fasse das Machairi nicht mit ein. Das Thema hatten sie doch schon zur Genüge durchgekaut, oder? »Danke«, presste er hervor und seine Stimme raspelte über die Laute. Dann schob er sich an ihr vorbei, weil er nicht unhöflich genug war, ihr die Tür vor der Nase zuzuschlagen, und auch gleichzeitig nicht glaubte, dass er auch nur eine weitere Minute dieser Unterhaltung ertragen wollte. Verstand sie nicht, dass sie alles nur schlimmer machte, wenn sie ihn auch noch Mitleid zuteilwerden ließ in seiner bescheuerten Verzweiflung? Ja, er war in Ungnade gefallen, aber er hatte es mit heiler Haut wieder aus dem Palast hinausgeschafft. Gleiches konnte man von so vielen anderen nicht behaupten. Seine dumme Entscheidung, die er viel zu bewusst getroffen hatte, war so einmalig bescheuert gewesen, dass sie eine ganze Reihe von Schäden ausgelöst hatte. Er war sicherlich nicht die Person, die hier das Mitleid verdient hatte, nur weil er sich selbst seither viel zu leidtat. Schon wieder etwas, wofür er sich hätte schlagen können. Er war so wütend auf sich selbst, dass er nicht wusste, wohin mit all seiner Wut, und schon viel zu oft wäre das beinahe an anderen explodiert und er wollte nicht wissen, wie er sich danach gefühlt hätte. Außerdem fürchtete er das Feuer, das sich irgendwo in seinem Inneren mehr und mehr auflehnte.
Um Rish vor diesem Schicksal zu bewahren, ließ er sie stehen und ging den Flur hinab. Er hatte keinen besseren Plan, also würde er den nehmen, den er hatte. Einfach um irgendetwas zu versuchen. »Viel Glück«, rief die Harethi ihm nach und er hörte die Sorge und das Unverständnis heraus. Dann drehte auch sie ihm den Rücken zu und verschwand in ein anderes Zimmer. Vermutlich ahnte sie sogar, was er fragen würde, und er wusste es zu schätzen, dass sie sich da raushielt.
Im Tunnelblick fokussierte Gwyn die Tür. Bedrohlich ragte das Holz vor ihm auf und wieder schnürte sich seine Kehle zusammen, die sich doch gerade etwas entspannt hatte. Er hatte sich keine Worte zurechtgelegt. Aus Erfahrung wusste er, dass Machairi ohnehin jede geplante Konversation über den Haufen warf, und er befürchtete, dass er die Flucht ergreifen würde, wenn er sich tatsächlich damit auseinandersetze, was er hier gerade tat. Es war ein Akt der Verzweiflung, der aussichtslose Versuch, sich irgendwie aus dem Loch zu ziehen – oder ziehen zu lassen –, das er seit Om’falo nicht mehr verlassen konnte.
Als er die Hand hob, um zu klopfen, hatte er das seltsame Gefühl, einer anderen Person dabei zuzusehen. Irgendwie schien das unbestreitbare Angstgefühl dazu geführt zu haben, dass sein Verstand ihm vorgaukelte, er sei nicht mehr er selbst. Das war zwar vermutlich eigentlich ein schlechtes Zeichen, aber es führte dazu, dass er die Angst besser ertragen konnte. Außerdem ging ein plötzliches Gefühl von Gleichgültigkeit damit einher, Gwyn wusste schließlich, dass diese Aktion vermutlich damit enden würde, dass ihm ein Messer irgendwo aus dem Körper ragte.
Trotzdem hallte das zaghafte Klopfen von Fingerknöcheln auf Holz durch den Flur und vermischte sich mit seinem Herzschlag. Das »Ja«, das kaum einen Moment später erklang, war selbst durch das Holz hindurch noch melodisch und klar. Es brachte Gwyns Knie fast zum Einknicken, während er die bebenden Finger um den Türknauf schloss. Noch einen Moment zögerte er, körperlich so angespannt, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Dann riss er sich ein letztes Mal zusammen und schob vorsichtig die Tür auf. Leise knirschte das Holz, als es den Weg freigab, und nur sehr vorsichtig schob Gwyn sich durch die Tür. Er fühlte den gnadenlosen Blick der schwarzen Augen und konnte es nicht über sich bringen, den Blick zu erwidern. Als sei er ein Soldat oder ein Diener in einem Schloss stand er gerade und neigte den Kopf, auch wenn alles in ihm am liebsten niederknien wollte. Leider brachte er unter dem eisigen Blick kein Wort heraus. Das war allerdings auch gar nicht nötig, denn erneut durchschnitt klare Melodik den Raum und fuhr Gwyn direkt in den Magen. »Schickt Mico dich?«, fragte der Schatten mit grausiger Kälte in der klaren Stimme und an seinem Tonfall hörte Gwyn, dass er die Antwort längst kannte.
Vorsichtig schüttelte er den Kopf. »Nein«, wollte er sagen, aber es war kaum mehr als ein Flüstern. Kurz überlegte er, sogar eine förmliche Anrede hinterherzuschicken, aber er wusste, dass Machairi bei diesen Dingen sehr empfindlich reagieren konnte. Im Grunde konnte er dahingehend nur die falsche Entscheidung treffen.
»Dann geh«, befahl Machairi und wandte sich ab. Er trat auf das Fenster zu, wie er es so oft tat, anstatt sich mit dem Geschehen im Raum zu befassen. Vielleicht, weil er sich der Wirkung seines Blickes so sehr bewusst war und das lieber sparsam einsetzte, aber in diesem Fall war Gwyn sich sicher, dass er ihm einfach signalisierte, wie unerwünscht er war.
Für einen Moment verschlug es Gwyn erneut die Sprache. Er stand da und öffnete den Mund, ohne dass ein Wort herauskommen wollte. Der Drang, einfach zu gehen, war gewaltig. Überhaupt war stehen zu bleiben und sich einer direkten Aufforderung zu widersetzen genau das, was er gerade schwören wollte, nie wieder zu tun. Doch würde er keine andere Gelegenheit bekommen, bevor der Schatten in die Unterwelt verschwand, und dann war ohnehin alles so anders, dass der Feuerspucker nicht auf Normalität zu hoffen brauchte. Bevor er noch länger einfach nur schweigend hier stand, musste er also etwas unternehmen. »Nimm mich mit in die Unterwelt«, brachte er hervor, bevor er dazu kam, sich die Worte zurechtzulegen. »Bitte«, schickte er hastig hinterher und nur kurz zuckte sein Blick zu dem Mann am Fenster, bevor ihm der Anblick der schwarzen Kleider und des weißen Handschuhs erneut das Fürchten lehrte, besonders als ein Messer sich durch besagten Handschuh bewegte und Machairi sich zurückdrehte.
Gwyn senkte den Kopf noch etwas weiter unter dem Blick, der ihn traf. Er spürte die Wut und die aufkommende Dunkelheit im Raum und seine Knie zitterten nun so sehr, dass man es mit Sicherheit sehen konnte und dass er sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Nichts als diese bodenlose kalte Wut schlug ihm entgegen und das war schlimmer, als erneut fortgeschickt zu werden.
Die Angst wand sich in seiner Brust und schnürte ihm den Atem ab. Umso erstaunter war er, dass er trotz allem weitersprechen konnte, auch wenn er in dieser Situation nicht in der Lage war, zu reflektieren, ob jene Worte eine gute Idee waren, oder ob sie nicht vielleicht genau das Gegenteil bewirken würden. »Bitte«, wiederholte er. »Ich werde tun, was immer du sagst. Egal was es ist. Ich werde nicht noch einmal versagen wie in Om’falo.« Noch immer keine Antwort. »Ich habe mich von meinem schlechten Gewissen überwältigen lassen«, fuhr er fort und für einen kurzen Augenblick knickten seine Knie ein und er fing sich nur äußerst unelegant ab. Machairi ließ sich nicht von Betteln beeindrucken, da war es nicht sinnvoll, es trotzdem zu tun. Das hatte schon beim ersten Mal nicht funktioniert. Das tatsächlich Beeindruckende war, dass Gwyn noch immer seine Stimme hatte, ja, dass die Worte geradezu hervorsprudelten, als hätten sich seit Om’falo zu viele angestaut, die er zuvor gar nicht bemerkt hatte. »Das wird nicht noch einmal passieren«, versprach er und musste plötzlich gegen ein Schluchzen kämpfen. »Bitte lass mich mitkommen und es beweisen.« Nun flehte er doch. Seine Stimme war so weinerlich, dass er sich kaum selbst ernst nehmen konnte. Die Verzweiflung der letzten Tage erschlug ihn förmlich und die Vorstellung zu gehen, hier zu scheitern und in sein dunkles Zimmer zurückzukehren, wo nichts als noch mehr Verzweiflung wartete, war absurderweise noch furchteinflößender als Machairi.
Der sah ihn etwas spöttisch an, aber es war nicht die übliche Form von Amüsement, die er früher häufiger gezeigt hatte, sondern Abfälligkeit. »Du verlässt nicht einmal das Zimmer, wenn ich es sage.« Das war ein gemeiner Einwand, weil es wahr war. Gwyn hatte es schließlich auch schon gedacht, aber was sollte er sonst tun?
»Nur weil es die einzige Chance ist, dich zu überzeugen«, murmelte er und sah nun auch noch schuldbewusst auf den Boden. Niemals glaubte er, dass Machairi ihn von sich aus zurücknehmen würde. Er musste schon einiges leisten, um seine Fehltritte auszuradieren, und irgendetwas musste er doch tun.
»Sehe ich überzeugt aus?« Es fühlte sich an, als blickten die schwarzen Augen ihm direkt in den Schädel und fast hätte Gwyn geglaubt, dass dieser Blick sogar schmerzhaft war. Außerdem sah er die blanke Messerklinge im weißen Stoff liegen, die sich ruhig auf ihn richtete. Nein, der Schatten sah nicht überzeugt aus. Natürlich nicht. Das hatte er vorher gewusst, aber es war sicherlich vielversprechender gewesen, es zumindest zu versuchen, als zu warten. Es führte allerdings auch dazu, dass ihm sein einziges Argument unter den Fingern zusammenfiel.
Du konntest dich immer auf mich verlassen, wollte er sagen, aber sogar er wusste, dass das eine Lüge war. Eigentlich war es eher umgekehrt gewesen. Egal wie groß die Krise, Machairi konnte sie bewältigen. Egal wie groß der Ärger, Machairi konnte ihn beseitigen. Und egal wie groß der Fehler, Machairi konnte ihn ausbügeln. Man konnte sich nicht darauf verlassen, dass der Messerdämon gute Absichten hatte oder das moralisch Richtige tat, aber man konnte sich darauf verlassen, dass er wusste, was er tat, und dass er niemanden von seinen Leuten freiwillig opferte. »Nein«, flüsterte Gwyn und nun hatte seine Stimme ihn wieder verlassen.
»Wenn du mir das nächste Mal ungefragt auf die Nerven gehst, landest du unwiederbringlich in der Unterwelt.« Dieses Mal war die Drohung so konkret und eisig, dass sie Gwyn beinahe den Magen umdrehte. Schockiert sah er auf in Machairis Gesicht und fand so bodenlose Kälte, dass alles in ihm erfror. Da half auch die schönste Stimme nicht, eher im Gegenteil. »Raus«, sagte Machairi in leicht gesenktem Tonfall und bevor er wusste, was er tat, floh Gwyn.
Er dachte nicht darüber nach, wo er hinrannte, aber selbst, wenn er es getan hätte, wäre die Wahl wohl nicht auf sein Zimmer gefallen. Die näherkommenden Wände konnte er jetzt nicht ertragen und so trugen seine Beine ihn aus dem Haus hinaus und durch das Dorf. Es war, als hätte sein Körper nur darauf gewartet, dass er endlich wegrannte. Es war seltsam befreiend zu laufen und er konnte nicht stehen bleiben. Eilig trugen seine bloßen Füße ihn durch den Urwald, immer weiter fort vom kleinen Dorf. Zweige schlugen ihm ins Gesicht und Bäume streckten ihre düsteren Äste nach ihm aus. Allerlei Kreaturen flohen vor ihm oder fauchten ihn an und kaum etwas davon drang zu ihm durch. Wie von Sinnen rannte er durch den Wald, sah nur immer wieder die eiskalte Drohung auf den Zügen des Dämons und fühlte, wie ihn Furcht, Verzweiflung und Schuld verfolgten.
Gwyn würde sich nie daran erinnern, wie lange er gerannt war oder wann seine Beine einfach nachgaben. Er würde niemals verstehen können, welchen Weg er gerannt war und ob ihn eine innere Stimme hierhergezogen hatte oder ob es reiner Zufall war, dass er genau hier zusammenbrach. Alles, was er später wusste, war, dass er an einem Ort aufwachte, der nichts gleichkam, was er je gesehen hatte.

Fallen
Als die Prinzessin sich im Stande sah, wieder aus dem Holzhaus, in dem man sie untergebracht hatte, zu treten, war es bereits erschreckend spät. Das sanfte Sonnenlicht des Abends war wahrlich viel angenehmer als die stechende Hitze des Tages. Koryphelia hatte mit ihrer hellen Haut große Probleme gehabt. Es war ihr ein Rätsel, wie die anderen Cecilian es aushielten, sich durch diese Hitze zu schlagen. Es war schlimmer als in Hareth und hier kam auch noch hinzu, dass es sich um eine garstig verwilderte Umgebung handelte. Sie musste zugeben, dass es sehr hübsch anzusehen war, doch war der positive Anblick von schwirrenden Insekten, weglosem Wald und natürlich beißendem Sonnenlicht überlagert. Wenigstens einen Hut hätte man ihr doch beschaffen können, oder etwa nicht?
Ihre Gedanken an angemessene Kopfbedeckungen und über den primitiven Zustand des Dorfes waren durch die Aussicht, in die Unterwelt zu müssen, stark in den Hintergrund gerückt. Hätte ihr noch beim letzten Sonnenaufgang jemand gesagt, er wollte sie in die Unterwelt bringen, hätte sie vielleicht gelacht, vielleicht hätte sie die Flucht ergriffen und vielleicht hätte sie diese Person über Bord geworfen. Unter keinen Umständen hätte sie erwartet, dass sie ohne jede Widerrede zustimmen würde. Fast interessiert war sie nun an den infernalischen Tiefen aller Welten. Wie maliziös war jener Ort tatsächlich? Niemals hatte die Prinzessin mit jemandem gesprochen, der sich hinabgewagt hatte. Nicht die ältesten Werke der Bibliothek hatten eindeutige Belege aufzuweisen gehabt, nicht die arriviertesten Schriften vermochten Beweise für ihre Theorien über die Unterwelt zu liefern. Die Hoffnung, all die grausamen Dinge könnten allzu sehr pointiert sein, bestand immerhin. Koryphelia hatte in ihrer kurzen Zeit in Machairis Gegenwart bereits gelernt, dass Entscheidungen des Schattens unumstößlich feststanden. Freiwillig war sie hergekommen und wenn sie nun für diese Reise designiert war, würde sie sich dem stellen. Zudem fühlte sie sich verpflichtet, unter Beweis zu stellen, dass sie eminent nützlich sein konnte. Auch wenn ihr bisher nicht bis ins letzte Detail klar war, wie sie jenen Nutzen selbst erkennen sollte.
Unter anderem deshalb hatte sie die Aufforderung der insolenten Faust angenommen. Ein marginales Grundwissen in diversen Verteidigungstechniken hatte sie bereits über die Jahre akquiriert. Sogar ihr Privatlehrer hatte sich dazu hinreißen lassen, ihr nach langem, höchst unköniglichen Drängeln einige tradierte Kampfstile vorzustellen. Die Umsetzung jener alten Überlieferungen war allerdings sowohl beim Lehrer selbst als auch bei Koryphelia am Talent gescheitert. Ein anderes Mal hatte sie einen jungen Soldaten überzeugen können, ihr ein paar wichtige Kampfschritte zu zeigen. Leider hatte ein doppelzüngiger Diener ihrem Vater davon berichtet und dem Soldaten waren infolgedessen Respektlosigkeit und unhaltbares Verhalten vorgeworfen worden. Die Strafe war so grausam ausgefallen, dass jeder Kontakt mit der Prinzessin von da an unter Soldaten gefürchtet war. So war die Prinzessin nun geradezu erleichtert, dieses Angebot des anderen Mädchens erhalten zu haben, weil sie endlich die Gelegenheit bekam, zumindest ein kleines Maß an Selbstverteidigung in der Praxis zu erlernen. Bedauerlich war nur, dass die Zeit dafür so gering ausfiel.
Es galt also, keine Zeit mehr zu verlieren. Sicherlich würde es schwierig werden, wenn die Sonne erst vollends der Nacht Raum gegeben hatte. Das rothaarige Mädchen lehnte an einem mächtigen Baumstamm. Sie beobachtete eine Gruppe junger Zhaki-Männer dabei, wie sie unter Anleitung einer mittelalten Dame eine höchst skurrile Gerätschaft aufbauten. Der Nutzen der vielen Balken und Seile blieb der Prinzessin verborgen, aber da es sich vermutlich um eine profane Alltagsarbeit handelte, hielt sich die Neugierde des Monarchenkindes in Grenzen. Aufrecht und möglichst würdevoll trat sie auf das andere Mädchen zu. »Ich wäre dann bereit«, erklärte sie und lächelte verbindlich. Ein wenig grauste es ihr doch davor, die nächsten Stunden mit dieser impertinenten Person zu verbringen, aber der Aufenthalt an einem vermutlich garstigen Ort wollte ordentlich vorbereitet sein.
»Ich hoffe, du hast dir nicht allzu viel Mühe gegeben, als du dir die Nase gepudert hast«, spottete die Faust, während sie voranschritt, um den Weg zum Übungsfeld zu weisen. »Es wird mir gehörig Spaß machen, dich in den Dreck zu werfen.«
Das bezweifelte Koryphelia nicht. Ein Schatten wie die Faust empfand gewiss ein absonderliches Maß an Genugtuung, wenn sie die Möglichkeit bekam, ein Mitglied des Königshauses bloßzustellen. In diesem Zuge nahm die Prinzessin sich vor, es ihr nicht allzu leicht zu machen. Haltung zu bewahren war stets von allerhöchster Wichtigkeit. Trotzdem honorierte sie eine solch provokante Aussage nicht mit einer Antwort und folgte dem roten Wirbelwind über ein schmales Brett, das als Brücke über den Fluss fungierte. Eine wackelige Angelegenheit, fraglos. Dennoch schaffte es die Prinzessin, die mit einem guten Gleichgewicht gesegnet war, problemlos trocken auf die andere Seite. Die Sonne versank gerade jenseits des Dorfes und tauchte die Welt mehr und mehr in Zwielicht. Die sogenannte Trainingsfläche war allerdings weiter nichts als eine sehr zertrampelte erdige Wiese.
»Nun gut.« Die Faust nahm eine militärisch anmutende Haltung ein und musterte ihre Schülerin streng. Ein Blick, den auch Koryphelias Lehrer gemeistert hatten. »Grundsätzlich musst du immer davon ausgehen, dass niemand dir etwas Gutes will. Wenn ich so an das Reiseziel denke, kann man denk ich sogar mit Sicherheit sagen: Alles will dich töten!«
Das wagte Koryphelia in Frage zu stellen. Schließlich war man technisch gesehen im Normalfall bereits tot, wenn man in die Unterwelt gelangte. Außerdem empfand die Prinzessin es als reichlich kleingeistig, aus Prinzip nicht an ehrenhafte Absichten zu glauben. Möglicherweise war alles unter Generalverdacht zu stellen ein Nebeneffekt, wenn man unter dem Abschaum des Bienenstocks aufwuchs, auch wenn eine Prinzessin sich nicht selten mit linkischen Personen und pelzigen Zungen konfrontiert sah. Nichts davon sprach die Hochwohlgeborene aus.
»Wir als Frauen müssen uns unseren Respekt meistens härter erkämpfen als die Mistkerle.« Grimmig grinsend warf die Faust die roten Locken zurück. »Deshalb schlage ich immer zuerst.« Etwas herablassend musterten die grünen Augen dann die Prinzessin und sie runzelte die Stirn. »Allerdings wirst du wohl keine Zeit haben, dir dort unten einen Ruf aufzubauen, aber es ist trotzdem ein gut gemeinter Rat, wenn ich so an die Schnösel denke, die dir unter den Rock kriechen wollen.«
Bei allen Göttern, die Frivolität dieser Person war wirklich unglaublich. Mit jedem Wort hatte Koryphelia das Bedürfnis, sich zu verteidigen. Sie stellte sogar die Theorie auf, dass dies das eigentliche Ziel der Faust war: Sie so sehr zu beleidigen, dass sie sich wehrte. Nun, da konnte der Schatten lange warten. Wenn man als Thredians Tochter eines lernte, war es, herabwertende Tiraden über die eigene Person zu ignorieren, und Koryphelia würde ganz sicher nicht dazu übergehen, bei jeder Kleinigkeit mit Gewalt zu reagieren.
Wieder musterte die Faust sie und seufzte schließlich. »Im Grunde geht es nur darum, die nächsten Schritte des Gegners vorauszusehen und selbst möglichst unberechenbar zu sein. Im Zweifelsfall musst du immer mehr austeilen als einstecken, im Idealfall wirst du gar nicht erst getroffen.« Sie stellte sich etwas breitbeiniger hin und federte auf und ab. Möglicherweise war die Hose, die das Mädchen trug, tendenziell besser geeignet als das Kleid, das Koryphelias zarte Figur einhüllte. Außerdem war sich die Prinzessin sicher, dass es Situationen gab, in denen beides unmöglich war. Wenn sie beispielsweise an den Dämon dachte, schien es wahrscheinlicher, dass sie überhaupt nicht dazu kommen würde, irgendetwas auszuteilen, aber gehörig einstecken würde. Selbstverständlich galt selbiges auch für die Faust selbst. Das rothaarige Mädchen konnte nicht behaupten, dass sie irgendeine Chance gegen den Dämon hatte. Nicht einmal Zedian, der die exzellente Ausbildung eines Prinzen erhalten hatte, hatte auch nur einen einzigen erfolgreichen Angriff gestartet.
Die nächsten Stunden waren vielleicht die anstrengendsten ihres Lebens. Alles an dieser Situation war befremdlich. Niemals ließ die Faust eine Gelegenheit verstreichen, um diverse Sticheleien auszuteilen und auch Korys Schwachstellen nutzte sie gnadenlos aus. War die Prinzessin zu Anfang noch steif und darauf bedacht, sich dieser Übung würdevoll zu stellen, merkte sie selbst, wie ihr eigenes Verhalten ihr immer fremder wurde. Je häufiger der Schatten sie zu Boden warf, desto ehrgeiziger wurde sie, und in diesem Zuge legte sie auch ihre gewohnten Verhaltensmuster ab. Bald schmerzten ihr der Rücken und die Beine von unzähligen Stürzen und ihre Hände waren wund. Die Anstrengung trieb das Blut in ihren Kopf und Schweiß verklebte ihre blonden Haare, die inzwischen wirr und zerzaust in alle Richtungen standen. Niemals hätte ihr Vater sie so sehen dürfen. Doch trotz allem, trotz der ermüdenden Erniedrigungen und der nervenaufreibenden Langwierigkeit, machte es Spaß, mit der Faust zu trainieren. Zum ersten Mal hatte die Prinzessin das Gefühl, dass ihr Titel ihr nicht im Wege zu einer ganz gewöhnlichen Beziehung zu einem anderen Menschen stand. Schließlich war die Faust zu jedem so und hinter ruppigen Gesten und genervten Kommentaren glaubte Koryphelia, eine aufrichtige und gutherzige Person zu erkennen. Es war erfrischend.
Außerdem war die Faust überraschenderweise eine gute Lehrerin. Sie zeigte Koryphelia, wie sie bestimmten Schlägen am besten ausweichen konnte, verriet ihr Tricks, wie sie ihre mangelnde Stärke ausgleichen konnte, und brachte ihr bei, Angriffe abzuwehren. Viel zu oft machte die Prinzessin Fehler, ärgerte sich darüber und hatte das unfassbare Bedürfnis, in dieser Disziplin Talent zu beweisen. Generell fand sie selbst, dass sie sich für eine allererste Kampferfahrung gar nicht schlecht schlug. Natürlich war sie der Faust hinterher noch immer horrend unterlegen und würde vermutlich auch gegen die meisten anderen Gegner verlieren, was nennenswert an ihrem Selbstvertrauen kratzte. Dennoch musste sie sich auch dafür loben, dass sie es später zumindest schaffte, einigen Schlägen auszuweichen, sich gefährlichen Situationen vorerst zu entwinden und zumindest dazu zu kommen, den ein oder anderen Angriff zu setzen, auch wenn die stets ins Leere trafen. Im Endeffekt hatte Koryphelia das Gefühl, wirklich etwas gelernt zu haben, ob es nun ausreichend war oder nicht.
Erst als sie einander nicht mehr erkennen konnten, weil sich das dunkle Tuch der Nacht endgültig über die Trainingsfläche gedeckt hatte, hielt die Faust inne. Jenseits des Baches schien das Licht zahlreicher Leuchten vom Dorfe herüber und ließ das dunkle Wasser glitzern. »Gut, das reicht.« Die Silhouette der Faust streckte sich und strich sich den weißen Handschuh wieder über, den sie während der Übung abgelegt hatte. Immerhin war auch sie angestrengt. Ein kleines Gefühl von Triumph erfüllte die Prinzessin, während sie sich aufrichtete und den Dreck aus ihrem Kleid schlug, der sich notgedrungen darin verfangen hatte. Ein Bad wäre nun eine angenehme Abwechslung gewesen. Außerdem war Koryphelia so müde, dass sie sich sehnlichst ein Bett wünschte. Schließlich würde sie ihre Kraft am nächsten Tage wohl brauchen.
Ein wenig mutete die Stimmung an, als sei sie gerade aus einem höchst skurrilen Traum erwacht, und die Prinzessin schämte sich, so bereitwillig aus ihrer Rolle gefallen zu sein. Diese Menschen sollten kein Umgang für sie sein und ganz sicher sollte sie keine Sympathien für sie hegen. Es änderte nichts daran, dass es ihr gefallen hatte. Was ein unheimlich schlechtes Zeichen hätte sein sollen, fühlte sich nicht wie eines an. Möglichst schnell versuchte sie, in ihre Rolle zurückzufinden, was nur halbwegs gelang. »Nun, vielen Dank für den Unterricht.« Koryphelia straffte die Schultern. Dummerweise war es so dunkel, dass man keine Gesichtsausdrücke mehr ausmachen konnte.
»Du hast dich gar nicht so dumm angestellt, wie ich erwartet hatte.« Amüsiert schlug die Faust ihr gegen die Schulter, was vermutlich eine freundliche Geste darstellen sollte, allerdings einen dumpfen Schmerz durch ihren Oberarm jagte. Koryphelia war zufrieden mit sich, dass sie die Erwartungen übertroffen hatte. »Vielleicht wäre es trotzdem besser, wenn du vorerst doch nur im Notfall darauf zurückgreifst«, relativierte die Faust dann sogleich.
»Ich bin ohnehin eine Freundin der Diplomatie anstelle von Gewalt«, versicherte die Prinzessin, während sie über das Brett zurückbalancierten und auf das erleuchtete Dorf zuhielten. Nun in den Abendstunden saßen die Menschen um offene Feuerstellen herum oder tanzten sogar zu sehr rhythmischer Musik. Es war ein fröhliches Bild. Auch wenn alles hier primitiv wirkte, war es doch sehr harmonisch und geradezu makellos. Ein seltsamer Gedanke, besonders wenn sie die Situation vor sich mit Festlichkeiten und feierlichen Anlässen zuhause verglich, das so weit entfernt war und dem sie sich mehr und mehr entfremdete, obwohl sie doch noch gar nicht so lange fort war. Unsinnigerweise war das die größte Angst, die sie mit der Reise verband, die noch vor ihnen lag. Eines nicht allzu fernen Tages würde sie in ihr Leben als Prinzessin zurückkehren und wenn sie sich bis dahin so sehr verändert hatte, wie diese ersten Tage suggerierten, dann würde niemand sie wiedererkennen und es war nicht gesagt, dass sie ihren Weg zurück in ihre Rolle überhaupt selbst finden würde. Alles wehleidige Klagen würde da jedoch keinen Unterschied machen und niemand konnte sie davor bewahren, Machairi in die Unterwelt folgen zu müssen. Wozu verschwendete sie also ihre Zeit?
Ein offener Flur säumte das Haus, in dem man sie untergebracht hatte, wie eine Veranda und die einzelnen Räume glichen einem Gasthaus. Die Prinzessin fragte sich, ob vielleicht Pilger und Reisende hierherkamen, um den Frieden und die eindeutige Nähe der Götter zu genießen, die hier an jedem Blatt zu haften schien. Eine andere Erklärung hatte sie nicht für ein Gebäude, das eindeutig für Besucher eingerichtet worden war. Nun, da sie wieder im Fackelschein standen, betrachtete das junge Mädchen die Faust genauer. Liebend gern wollte sie fragen, wie sie dazu gekommen war, zu sein, wer sie heute war. Auch wenn man im Schloss nicht viel über den schwarzen Fürsten und seine Schatten herauszufinden vermochte, war ihr klar, dass man nicht einfach so diesen gefürchteten Titel erhielt. Was konnte ein Mädchen, das nicht viel älter war als Koryphelia selbst, dazu gebracht haben, dass sie bereits seit einiger Zeit unter diesen brutalen Menschen waltete? Es war nicht die einzige Frage, die ihr auf der Zunge brannte. Alle ihre Reisebegleiter waren auf ihre eigene Weise von Rätseln umwoben und auch wenn sie nicht alles voneinander zu wissen schienen, fühlte sie sich noch mehr wie ein Außenseiter, weil sie nichts von dem verstand, was sie verband. Schließlich war sie noch nicht dabei gewesen, als sich die Gruppe durch die gnadenlose Wüste von Hareth geschlagen hatte, um sie zu retten. Wie gerne hätte sie sich etwas effektiver angepasst, anstatt diese Menschen in ihren Annahmen zu unterstützen.
»Nun, ich denke, ich werde mich nun zurückziehen«, sagte sie stattdessen und schenkte der Faust ein verbindliches Lächeln. Etwas auffordernd musterte sie ihr Gegenüber, versuchte noch immer verzweifelt zurückzufinden zum richtigen Verhalten.
»Was schaust du so?«, fragte die andere skeptisch und ihr Tonfall wurde wieder bissiger. »Du erwartest jetzt nicht ernsthaft einen Knicks von mir, oder?« Etwas bedrohlich funkelte sie sie an und in ihren Augen spiegelte sich das flackernde Licht der Fackel, die am Haus hing.
Es sah so einschüchternd aus, dass Koryphelia große Probleme hatte, den Kopf gerade zu halten und die Schultern zu straffen. »Ein ›Gute Nacht, Prinzessin‹ würde schon reichen«, gab sie möglich selbstbewusst zurück und schmunzelte. Sie hatte bereits bei ihrer ersten Begegnung im Palast des Sultans von dem Gedanken Abstand genommen, jemals Respekt von einer der Bienen zu erwarten. So waren diese Leute nicht erzogen und sie tat gut daran, sich dessen zu erinnern.
Schnaubend schüttelte die Faust den Kopf. »Du hast Nerven! Ich hoffe, dass du morgen schrecklichen Muskelkater hast.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, musste allerdings selbst grinsen. »Marsch ins Bett, Prinzessin.« Mit einem letzten Augenrollen wandte sie sich ab und hielt auf eine der Feuerstellen zu. Offenbar war sie noch nicht gewillt, selbst ins Bett zu gehen, aber sie musste ja auch am nächsten Tag nicht in die Unterwelt.
Doch etwas beleidigt, aber auch ein Stück weit amüsiert, hielt Koryphelia auf ihre Tür zu und verschwand in ihrem Zimmer. Ein richtiges Bad hätte ihr besser gefallen, als sich nur in der Waschschüssel vom Dreck zu befreien. Die Vorstellung, jemanden nach einer Wanne fragen und dafür ihr schrecklich schlechtes Silou verwenden zu müssen, war allerdings so abstoßend, dass sie sich lieber mit den Gegebenheiten arrangierte. Als Prinzessin eines Reiches, in dem sowohl Cizethi als auch Silou gesprochen wurde, hatte sie natürlich auch Unterricht in der Sprache der Zhaki erhalten. Da allerdings selbst die meisten Zhaki mehr und mehr dazu übergingen, die Sprache ihres Heimatkontinents zu sprechen, und ihr Vater die Sprache der Gegner als wichtiger ansah, hatte der Fokus häufiger auf Hack gelegen. Infolgedessen sprach sie das nun so gut, dass sie sich auch über komplexe Themen einigermaßen eloquent unterhalten konnte. In Silou dagegen hatte sie nie die Grundlagen überschritten und war entsprechend nicht besonders erpicht darauf, es anwenden zu müssen. Wie hätte sie auch voraussehen sollen, dass sie jemals an einem Ort wie diesem sein würde, wo insgesamt weder Cizethi noch Hack gesprochen wurde?
Das Wasser in der Schüssel war kalt. Eine weitere Unannehmlichkeit, mit der sie nicht gerechnet hatte. An Bord des Schiffes war sie schon allzu sehr verwahrlost, da es in diesen Kreisen scheinbar unüblich war, ordentliche Körperpflege zu betreiben. Nach langem Drängen hatte der Kapitän sich jedoch dazu durchgerungen, ihr jeden Tag einen Eimer mit Frischwasser zukommen zu lassen, was von der Besatzung mit einem großen Stirnrunzeln quittiert worden war. Dabei war sie sich fast sicher, dass der Schatten etwas Ähnliches in Anspruch genommen hatte, ob seines tadellosen Aussehens. Machairi war ohnehin eine höchst rätselhafte Person. Stets schien er sehr genau zu wissen, was er tat, doch das führte auch dazu, dass er niemandem sonst Fehltritte durchgehen ließ. Alles hatte so zu laufen, wie er es geplant hatte. Niemals hätte sie ihm das sagen dürfen, aber es erinnerte sie stark an ihren Vater. Starrsinn war eine Eigenheit, die viele Mitglieder der Königsfamilie, teils auch Koryphelia selbst, an den Tag legten. Dabei waren Flexibilität und Nachsicht wichtige Tugenden. Zudem wirkte es, als habe gerade Machairi die nötigen Ressourcen und Talente, um Fehltritte ohne großes Risiko auszugleichen. Warum also war er so kleinlich mit denen, die ihm folgten?
Unendliche Gedankenströme hielten die Prinzessin wach, als sie sich endlich in ihr Bett gekuschelt hatte. Auch wenn sie vom Training und der Reise müde war, konnte sie in Anbetracht des kommenden Tages nicht zur Ruhe kommen. Ständig sann sie wieder über die Unterwelt nach, jenen furchtbaren Ort, an dem ihre Götter ihr nicht zu helfen vermochten. Sie dachte an die Angst, die sie verspürte, und an den Messerdämon, über den sie eigentlich zu wenig wusste, um ihm an einen solchen Ort zu folgen. Auch über das Harethimädchen dachte sie nach, das noch mit ihnen kommen würde. Ihre eigenen Veränderungen trieben sie um und als sie es im Bett nicht länger aushielt, weil sie sich nicht nur schlecht vorbereitet, sondern auch uninformiert fühlte, stieg sie aus dem Bett, trat ans Fenster und blickte hinaus in die Nacht. Friedliches Zirpen klang aus dem nahen Wald und noch immer drangen leise Stimmen und Musik durch die Nacht bis an ihr Ohr. Ob Rish ebenso wach lag wie sie? Das andere Mädchen wirkte stets überfordert, vielleicht gar ängstlich und keiner der anderen schien eine besonders hohe Meinung von ihr zu haben. Trotzdem hatte sie etwas bei oder an sich, was sie für diese Reise qualifizierte. Gegen wie viele Wesen der Unterwelt konnte Machairi kämpfen? Man brauchte keine allzu hohen Kompetenzen im logischen Denken, um zu wissen, dass ihre Reise in beunruhigend vielen Fällen zum Tod führen konnte.
Von neuer Angst ergriffen ließ sich die Prinzessin von Cecilia auf die Knie sinken und begann zu beten. Wenn die Götter sie hörten, dann wohl an einem Ort wie diesem. Sie betete zu Zylon, dass er seinen Schutz über sie legen und sie mit den Kräften seiner Welt lenken möge. Sie betete zu Amila, dass ihr Verstand dort unten nicht vernebeln und zu Jico, dass ihr Körper der Belastung standhalten möge. Sie betete zu Mella, dass ihr Herz nicht verzagen und zu Bico, dass die Dunkelheit ihre Seele nicht korrumpieren möge. Koryphelia betete. Sie betete und betete, bis ihr die Augenlider schwer wurden und sie die Angst nicht mehr so sehr spürte. Die Götter waren nah an diesem Ort und irgendwann senkten sie sie sanft in ruhigen Schlaf.
Es war nicht die Sonne, die das Mädchen mit dem ersten Licht des Tages wachkitzelte. Ein lautes Hämmern an der Tür ließ Koryphelia hochfahren. In einer äußerst unbequemen Position lag sie auf dem Boden und hatte für einen Moment das Gefühl, jeder Muskel in ihrem Körper sei verspannt. Stöhnend setzte sie sich auf und fuhr sich durch den Nacken.
Erneut hämmerte jemand gegen die Tür. »Prinzessin?« Die Stimme des Magiers trug durch das unebene Holz der Tür. »Seid Ihr wach?« Immerhin einer, der ihren Titel anerkannte. Leider übertrieb er es zeitweise, sodass sie sich veralbert vorkam. Seufzend stand sie auf und streckte sich.
»Ja!«, sagte sie laut und versuchte das Gewand zu ordnen, in dem sie geschlafen hatte. »Ich bin allerdings noch nicht fertig.« Es fehlte noch, dass er auf die Idee kam, hereinzukommen und sie in diesem Zustand zu sehen. Waren die Kleider, die man ihr gegeben hatte, auch leicht schmutzig vom Kampftraining und nicht besonders fein, waren sie doch besser als das Unterkleid, das sie in diesem Moment trug. Leider würde das orange Ding ihr in der Unterwelt im Wege stehen, aber eine Alternative hatte sie wohl nicht. Einzig das blaue Kleid, mit dem sie aus dem Palast geflüchtet war, befand sich noch in ihrem Besitz. Das eignete sich wohl noch weniger. Man musste sich zu behelfen wissen.
Als habe er ihre Gedanken gelesen, erklang die Stimme erneut. »Darf ich eintreten? Ich habe neue Kleider für Euch!«
Mit einem leisen Seufzen griff Koryphelia nach der Decke, die noch auf dem Bett lag und wickelte sich hinein wie in einen Morgenmantel. »Na gut«, antwortete sie und straffte sich, als die Tür sich öffnete. Der Cecilian wurde schrecklich entstellt von einer Narbe, die sich quer über sein Gesicht zog. So frisch wie sie noch war, konnte er immerhin hoffen, dass sie verblassen würde, wenn mehr Zeit verging, doch sie würde stets auf den ersten Blick auffallen. Er trat ein und verneigte sich angemessen. Über einem Arm trug er einige Bahnen Stoff, von denen ein Ärmel hinabhing. Jemand hatte die Gewänder schwarz gefärbt und Koryphelia spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Händler trugen schwarz, Adlige und reiche Männer und jeder, der mit Toten arbeitete. Eine Dame trug Farben und aufwändige Schnitte – je extravaganter desto besser und das nicht nur in Hareth. Das letzte Mal, das Koryphelia schwarz getragen hatte, war zur Beisetzung und Trauerzeit ihrer Mutter gewesen. Der Tod der Königin hatte das Leben der Prinzessin stark verändert und sie dachte noch oft mit Sehnsucht an die liebevolle Frau zurück, die ihre Mutter gewesen war. Ob sie vielleicht dort war? Welch absonderlicher Gedanke. Selbstverständlich war eine rechtschaffene Frau wie Königin Laurena an Zylons Tafel aufgenommen worden. Sie hatte ein Leben voller Ehrfurcht vor den Göttern gelebt und all ihre Pflichten erfüllt. Wie konnte ihre Tochter das anzweifeln?
»Bitte beeilt Euch, Hoheit.« Der Magier riss sie aus ihren Gedanken und legte die Kleider auf das Bett. »Wir erwarten Euch draußen.« Kurz blieb er noch stehen, wie ein Diener, der weitere Befehle erwartete, und Koryphelia schloss erneut, dass man ihn in einem reichen Haushalt zum Diener erzogen hatte oder er anders mit der Oberschicht in Berührung gekommen war. Ein solches Verhalten gehörte bedauerlicherweise nicht zum Grundwissen eines Bürgers.
»Danke«, sagte sie und der Cecilian verschwand mit einer weiteren Verneigung. Es hatte den willkommenen Nebeneffekt, dass sie sich wieder etwas mehr fühlte wie sie selbst. Vielleicht fehlte ihr der Respekt sogar, auch wenn es furchtbar nervenaufreibend sein konnte, niemandem in die Augen blicken zu können. Das Gefühl schwand, als sie sich in die Kleider zwängte. Sie sonderten einen ausgesprochen abstoßenden Geruch nach Färbemitteln ab und fühlten sich hart und schwer auf der Haut an. Außerdem war es kein Kleid, sondern nur eine Tunika, und entriss sie damit erneut der behaglichen Gewohnheit. Eine Hose mochte praktisch sein, war aber keineswegs damenhaft. Wenigstens war das Oberteil lang genug, um ihr fast bis zu den Knien zu reichen. Es war überraschend, dass die Zhaki solche Kleidung bereitliegen hatten, schließlich mussten sie diese gestellt haben. Sie bezweifelte, dass Machairi einen Satz Ersatzkleider für alle Beteiligten in seinen Manteltaschen hatte. Doch lange Ärmel und Schwarz schienen etwa das Gegenteil dessen zu sein, was in diesem Klima angebracht war.
Eine unwillkommene Nervosität überkam die Prinzessin und paarte sich mit einer tiefen ruhelosen Anspannung, als sie aus dem Holzhaus trat und sah, dass sie bereits erwartet wurde. Die Harethi war in ähnliche Kleider gehüllt wie die Prinzessin selbst, auch wenn sie noch eine Tasche bei sich trug. Der Magier und die Faust standen wartend bei ihnen und der Messerdämon sprach in der Nähe mit Reolet, die heute weit weniger lächelte. Schweigen hüllte den Rest der Gruppe ein und die dunkle Haut der Harethi wirkte gräulich, weil sie so blass war. Koryphelia selbst gab sich Mühe, ihre Gedanken nun so weit wie möglich von ihrem Reiseziel fernzuhalten. So hatte sie es schon immer gemacht, wenn das Lampenfieber ihr sonst den Verstand geraubt hätte. Natürlich war dies kein Ball und die Palette an Fehlern, die sie machen konnte, viel größer, doch das Gefühl war sich dennoch ähnlich, auch wenn es albern wirkte.
Als Machairi wieder zu ihnen trat, waren selbst die beiden, die sie nicht begleiten würden, blasser als gewöhnlich, und eine unheimliche Ernsthaftigkeit lag ihnen auf den Zügen. Noch einmal musterte der Messerdämon die beiden Mädchen genau. Ob er nach etwas Bestimmtem suchte? Es war schwer zu sagen, ob er es gefunden hatte, als er sich nach einem nervenaufreibenden Augenblick abwandte. »Wenn wir in drei Tagen nicht zurück sind, macht ihr euch auf den Weg zurück nach Kefa«, sagte er zu den beiden Cecilian, die das Glück hatten, nicht mit ihnen kommen zu müssen.
»Humbug, wenn ihr nach drei Tagen nicht zurück seid, kommen wir euch holen!« Entschieden funkelte die Faust ihn an. »Du glaubst doch nicht, dass ich ohne dich nach Kefa zurückkehre und dem Fürsten erkläre, dass du in der Unterwelt verloren gegangen bist, oder?« Trotzig wie ein Kind schob sie das Kinn vor.
»Ich gehe nicht verloren«, antwortete der Schatten scharf. Es war interessant, dass die Faust erneut so besorgt um Machairis Gesundheit schien, auch wenn der das nicht zu schätzen wusste.
»Das sagst du jetzt«, fauchte die Faust und man konnte ein Flackern von Angst darin hören.
»Gina.« Die klare Stimme wurde noch eisiger und Koryphelia verfolgte die Situation etwas pikiert. »Du gehst nicht in die Unterwelt.« Der Befehl hatte so viel Nachdruck, dass mehr dahinterstecken musste als reines Prinzip. Vielleicht hatte er noch eine Aufgabe in Kefa für sie, wer wusste schon, wie weit ein Verbrecher wie er plante.
»Wehe, du kommst nicht zurück«, knurrte sie und die Prinzessin wunderte sich, ob das wirklich eine Zustimmung gewesen sein konnte. Was sie allerdings viel mehr beschäftigte, war die Aussage, dass sie drei Tage brauchen konnten, um zurückzukehren. Ohne echten Grund hatte sie geglaubt, dass sie vielleicht einen Tag fort sein mochten. Wie groß konnten die Hallen von Ebos‘ Reich schon sein, auch wenn zahlreiche gequälte Seelen dort unten vegetierten?
Es gab keinen echten Abschied, keine großen Worte, keine Umarmungen. Von dem Magier kam ein knappes »Viel Glück« und die Faust nickte ihnen mit bitterem Gesichtsausdruck zu. Dann begann ihre Reise und die Prinzessin hätte, ebenso wie die Harethi, alles darum gegeben hierbleiben zu können.
Die Vulkaninsel war ein wundervoller Ort oder vielmehr eine Ansammlung wundervoller Orte. Die Natur wusste eine solche Vielfalt aufzuweisen, das Koryphelia sie niemals hätte erträumen können. Schon die Farben waren atemberaubend. Abertausende von Blüten und einzigartigen Pflanzen berührten ihren Weg zwischen saftigen Bäumen und exotischen Tieren. Ein süßer Duft lag in der Luft und bizarre Wesen tummelten sich hier. Die meisten von ihnen waren kaum mehr als ein Schatten oder ein Rascheln im Gebüsch, doch manche schienen in keiner Weise menschenscheu. Ein kleiner schwarzgelber Affe schwang sich durch die Bäume über ihnen und ein pelziges Flughörnchen streifte Koryphelias Schulter, bevor es zu einem neuen Baum sprang. Kunterbunte Vögel glitten durch die Luft oder saßen zwischen den Sträuchern und alles brummte vor Leben. Immer weiter hielten sie auf den Vulkan zu und die Erde unter ihnen wurde steiniger. Faszinierend roter Fels lag unter der ergrauten Haut und glasklare Wasserläufe suchten sich ihren Weg durch Ritzen und Fugen. Bald stiegen auch Wolken warmen Wasserdampfes aus Löchern im Gestein auf und dampfende Wasserbecken waren in der Ferne zu erkennen. Hier und da erstreckten sich noch immer saftige Grünstriche und in der Ferne konnte man das Meer glitzern sehen. Nichts an dieser Schönheit ließ vermuten, welchem Ziel sie sich näherten, und Koryphelia konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wo der ominöse Eingang liegen mochte.
Sie sprachen nicht. Machairi wählte seine Worte ohnehin sparsam, die beiden Mädchen waren zu eingenommen von der Schönheit um sie herum und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, hätten sie wohl nicht gewusst, worüber sie reden sollten. Koryphelia konnte die Harethi dabei beobachten, wie sie ab und an den Blick von der atemberaubenden Natur um sie herum losriss, um nachdenklich den Schatten zu mustern, der ihnen unermüdlich voranschritt. Ob er wohl wirklich kein Interesse an dem Paradies hier hatte? Anspannung ging von ihm aus, ergriff auch das Herz der Prinzessin, und je weiter sie gingen, desto weniger konnte sie die Schönheit genießen. Ihr Ziel drängte sich mit belastender Vehemenz wieder in ihren Kopf und schließlich erdrückte das Schweigen sie zu sehr. »Welch bittere Ironie, dass ein Tor zur Unterwelt inmitten solcher Schönheit liegt.«
Machairi ignorierte sie, aber Rish löste den Blick vom Krater des Vulkans über ihnen und wandte sich stattdessen der Prinzessin zu. »Stimmt. Auch wenn ich das gar nicht so überraschend finde… ganz im Sinne des Gleichgewichts.«
Schmunzelnd nickte Koryphelia. »Ein Hort der Dunkelheit, weit ab jeder Zivilisation und umgeben von schier unwirklicher Schönheit.« Noch einmal sah sie sich um und beobachtete einen kleinen Vogel, der eine Nuss gegen den roten Stein schlug. Jeden Moment erwartete sie, alles um sie herum könnte zerfallen. Es wirkte nicht unwahrscheinlich, dass es sich um nichts als ein Trugbild handelte, das mit einem Wimpernschlag vergehen könnte.
»Was meinst du, wie es aussehen wird?«, fragte die Harethi dann und ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Inzwischen hatten sie einen echten Aufstieg angetreten und das Gehen wurde anstrengender.
Gerade für eine Prinzessin mit Muskelkater, der sich nun mehr und mehr bemerkbar machte, war langes Gehen äußerst gewöhnungsbedürftig und neu. So wurde der Anstieg zum Problem und ihre Atmung beschleunigte sich, während sie sich bemühte, über die Frage nachzudenken. Daran gedacht hatte auch sie schon, aber eine wirkliche Vorstellung hatte sie nicht. Zunächst hatte sie sich einen schwarzen Strudel vorgestellt, hinter dem sich endlose Schwärze erstreckte, dann eine düstere Höhle im Boden, aus dem Ungeziefer gekrochen kam. Beides erschien ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich und brachte sie daher nicht weiter. »Düster«, antwortete sie deshalb, um sich einer würdelosen Spekulation zu entziehen.
Das andere Mädchen nickte und entfernte sich ein paar Schritte, um einem Felsen auszuweichen, der mitten in ihrem Weg stand. »Wie weit ist es noch?«, fragte sie dann an den Schatten gerichtet, der bisher vorgeben hatte, sie nicht zu hören. Mit unwahrscheinlicher Leichtigkeit schritt er über den steil ansteigenden Untergrund und fand stets sicheren Halt, während die beiden Mädchen mehr und mehr stolperten und ins Straucheln gerieten.
Eine Antwort erhielten sie nicht. So deckte sich wieder Schweigen über ihre kleine Reisegemeinschaft, während Koryphelia versuchte, sich einigermaßen elegant den Vulkan hinaufzubegeben, und die Harethi damit fortfuhr, zwischen Stolpern und Stürzen den Schatten zu mustern. Worüber mochte sie nachdenken? Was sah sie in ihm?
Schließlich endete der Aufstieg abrupt. Gerade als die Prinzessin befürchtet hatte, würdelos keuchend nach einer Pause bitten zu müssen, verschwand der Schatten einfach hinter einem Felsen. Niemand hätte die Höhle sehen können, bevor sie direkt davorstanden. Vollkommen unauffällig durchbrach sie die zerklüfteten Hänge des Vulkans. Obwohl sie Ausschau gehalten hatte, wäre sie einfach daran vorbeigelaufen, obschon das gähnende Loch doch recht breit war. Man hätte bequem eine Kutsche hineinfahren können. Machairi war zielstrebig hineingetreten und bereits um eine Ecke verschwunden und die beiden Mädchen tauschten einen Blick, bevor sie ihm zögerlich folgten. Koryphelia warf einen sehnsüchtigen Blick zurück, sah die Schönheit der Insel, die sich nun weit unter ihnen erstreckte und einen atemberaubenden Anblick bot, und fragte sich, ob sie jemals wieder Tageslicht erblicken würde. Vielleicht würden sie auf ewig gefangen sein in den dunklen Hallen der Unterwelt.
Fast enttäuscht war die Prinzessin, dass sie nur durch eine gewöhnliche Höhle liefen. Nichts mutete verdorben oder verflucht an. Es war dunkel und unwegsam und man konnte die Hand vor Augen kaum sehen, aber es fühlte sich nicht bedrohlich an. Zuvor hatte sie die Präsenz der Götter eindeutig spüren können und sie vernahm noch immer den verblassenden Schimmer ihrer Macht um sich herum. Dies konnte nicht schon jenes Tor sein, oder etwa doch? Weil sie große Schwierigkeiten hatte, nicht gegen eine Wand zu laufen, fragte sie jedoch nicht, bis es vor ihnen wieder hell wurde. Tageslicht fiel ihnen vom Ende des Tunnels entgegen. Sie waren nur wenige Minuten gelaufen und verwirrt blickte sie zu Rish, um zu sehen, was die dachte. Auch die Harethi blickte dem Tageslicht skeptisch entgegen und warf einen noch verwirrteren Blick auf den Schatten, der mit unverändertem Tempo die letzten Meter durch die Höhle schritt. Er wandte sich nicht um, überprüfte nicht, ob seine Reisegefährtinnen noch hinter ihm waren, und hatte die Höhle schneller wieder verlassen, als sie es begreifen konnten.
Hastig eilten Koryphelia und Rish ihm nach, verwirrt und überrascht, und blieben am Ausgang des Tunnels noch verblüffter stehen. Vor ihnen ging es steil nach unten und sie befanden sich in schwindelerregender Höhe über einer rußschwarzen Steinschicht. Über ihnen thronte der Krater des Vulkans und Tageslicht fiel hinein. Staunend betrachteten sie die Muster, die flüssiges Magma in das Gestein des Berges gegraben hatte und das unter jener Steinschicht brodeln musste. Selbst auf die Entfernung glaubte Koryphelia, feurig schimmernde Risse im Schwarz zu sehen, und erschauderte. Dies war doch wohl nicht das Tor zur Unterwelt, oder etwa doch? Einen Sprung dort hinab würden sie ganz sicher nicht überleben. Der Weg in die Unterwelt konnte damit offen sein, wenn man ein entsprechendes Leben gelebt hatte, doch der Weg zurück musste ein Problem darstellen.
Dann folgte ihr Blick dem Schatten, der bereits mit alter Zielstrebigkeit einen schmalen Pfad entlanglief, der sich vom Ende des Tunnels hinabwand. Kaum zwei Meter konnte er breit sein und an manchen Stellen waren Stücke hinausgebrochen. Jeder mit Verstand hätte diesen Abstieg nicht angetreten. Der Weg endete auf einer Plattform, die zu einer weiteren Höhle führen mochte, denn ein Durchgang schien sich dort zu befinden. Man konnte beobachten, wie die Harethi schluckte, und ein leichtes Zittern ergriff das Mädchen, bevor sie dem Schatten den Abstieg hinabfolgte. Die Kehle der Prinzessin war trocken, doch sie trat den Weg dennoch an. Immerhin passte ein Tor zur Unterwelt hier besser hin als in die Vollkommenheit der Welt außerhalb des Vulkans.
Im Endeffekt musste Koryphelia einsehen, dass der Weg nicht halb so gefährlich war, wie er ausgesehen hatte. Man musste sich nur nah genug an der warmen Wand halten und seine Schritte vorsichtig setzen. Wenn man musste, konnte man vielleicht sogar auf einem Pferd hinabreiten. Es war recht warm im Inneren des Vulkans. Als Mädchen aus Cecilia war es ihr, schon seit sie den ersten Fuß nach Hareth gesetzt hatte, dauerhaft zu heiß. So fiel ihr der Hitzeunterschied kaum mehr auf. Unangenehm war es dennoch und sie begann, unter den langen schwarzen Kleidern zu schwitzen. Am liebsten hätte sie eine Pause gemacht und dann schlug ihr das Adrenalin in den Magen.
Sie waren nur noch wenige Meter vom Ende des Weges entfernt und die Mädchen hatten erfolgreich zu Machairi aufgeschlossen. Jetzt plötzlich spürte sie Dunkelheit und einen weiteren Schritt später konnte sie den gemeißelten Bogen sehen, der in den Stein um den Eingang der Höhle geschlagen war, auf die sie nun zuhielten. Der Torbogen wölbte sich in feiner Meißelarbeit aus dem Stein über den Eingang und Schriftzeichen waren hineingraviert. Sie waren Koryphelia nicht fremd, aber die Könige von Cecilia hatten irgendwann in den letzten hundert Jahren aufgehört, über sie zu lernen, und so hatte die Prinzessin nicht das nötige Wissen, um die Worte im Zusammenhang zu entziffern, die dort in den Stein gebannt standen.
Mit einem unruhigen Gefühl im Magen stand sie direkt vor jenem Torbogen und blickte in die gähnende Leere, die sich dahinter erstreckte. Dunkelheit schlug ihnen entgegen und plötzlich schienen die Geräusche der Höhle um sie herum mehr wie ein weit entferntes Echo. Aus dem Augenwinkel sah sie wie Rish strauchelte, Halt suchte und mit einer unsanften Geste von Machairi davon abgehalten wurde, sich am Tor abzufangen. »Kontrolle, Rish«, knurrte er leise und die Melodik der klaren Stimme wackelte. Mit Abfälligkeit betrachtete der Messerdämon das Tor und ein Ausdruck von Hass zierte seine Züge. Eine solch starke Emotion hatte die Prinzessin noch nie bei ihm gesehen und sie war so furchteinflößend, dass sie beinahe einige Schritte zurückgewichen und in den Abgrund gestürzt wäre.
Mühsam und äußerst wackelig stand Rish, als der Schatten ihren Oberarm wieder losließ, an dem er sie aufgehalten hatte, und man musste sich Sorgen machen, dass sie vielleicht über die Kante stolpern könnte. Koryphelia straffte sich und versuchte, die Angst fortzudrücken, die ihr Herz in kalten Klauen umklammert hielt. »Du bist absolut sicher, dass es keine Alternative gibt, als hier hindurchzugehen?«, erkundigte sie sich ein letztes Mal und musterte Machairi so forschend sie konnte. Sah sie da etwa ein Zögern?
Panik ergriff sie und beinahe wäre sie fortgelaufen. Wenn nicht einmal er sich sicher war, dass er die Situation im Griff hatte, konnte sie nicht aus… Bevor sie den Gedanken beenden konnte, schloss sich ein weißer Handschuh fest um ihr Handgelenk und sie wurde durch das Tor gezerrt. Mit der anderen Hand zog er Rish in gleicher Manier hinter sich her und Koryphelia konnte nur empört aufquietschen, bevor Dunkelheit sie umgab.
Es war, als hätte sich plötzlich Druck auf ihre Ohren gelegt. Es gab kein Geräusch, nicht einmal ihren eigenen panischen Aufschrei konnte sie hören, als sie begriff, dass sie fiel. Sie fiel und fiel und fiel durch die Schwärze. Sah nichts, hörte nichts. Alles, was sie spürte, war ein eiserner Griff um ihr Handgelenk und das grausame Gefühl in ihrem Bauch, das nur entstand, wenn man mit rasanter Geschwindigkeit irgendwo hinabraste.
Sie würden sterben. Egal was am Ende dieses Falls lag, wenn es denn ein Ende gab, den Aufprall würden sie nicht überleben. Die Prinzessin erwartete, in Tränen auszubrechen, aber nicht einmal das konnte sie. Erstarrt fiel sie durch die Dunkelheit und erwartete den Aufprall. Der Dämon hatte sie alle getötet. Konnte man trotzdem an Zylons Tafel landen, wenn man beim Aufprall in der Unterwelt starb? Oder war sie vielleicht in dem Moment gestorben, als Machairi sie durch das Tor gezerrt hatte? Immerhin war es dann schmerzfrei gewesen. Doch sie konnte doch nicht für den Rest der Unendlichkeit durchs Nichts fallen.
Je weiter sie fielen, desto kälter wurde die Angst um ihr Herz und sie war sich schrecklich sicher, das Sterben noch vor sich zu haben. Sie verlor das Gefühl von Zeit und Raum und wurde wahnsinnig in der anonymen Schwärze. Wäre Machairis Griff nicht so spürbar gewesen, hätte sie sicherlich den Verstand verloren. Es war so furchtbar leer.
Der Aufprall war ähnlich unerwartet wie der Fall. Plötzlich war der Boden einfach da. Es war nicht schmerzhaft. Sie spürte kein Bremsen, als sie plötzlich aufhörte hinabzurasen. Stockstarr lag sie auf steinigem und sandigem Untergrund, der zuvor schlicht nicht dort gewesen war, und konnte ihr eigenes Keuchen wieder hören.
Unheimliche Schwermut fing sie ein und erst langsam kehrte das Gefühl, die Gewalt über ihre Gedanken und ihren Körper zu haben, zurück. Jede Faser ihrer physischen Form schien überreizt zu sein und zu schmerzen. In einem unheimlichen Kraftakt öffnete sie die Augen einen Spalt und fühlte sich so schrecklich schwer. Ganz langsam kehrte das Leben in sie zurück. War sie tot? Nein. Hatte sie sich alle Knochen gebrochen? Vermutlich. Es fühlte sich jedenfalls unmöglich an, sich zu bewegen.
Es dauerte einen Augenblick, aber sie schaffte es, die Augen ganz zu öffnen. Ihre Hand lag direkt neben ihrem Gesicht und sie betrachtete die Haut an ihren Fingern. Sie wirkte farblos und grau. Vorsichtig versuchte sie, einen Finger zu bewegen, und zu ihrer Überraschung war es überhaupt kein Problem. Tatsächlich kam mit dieser Bewegung die Wahrnehmung ihres eigenen Körpers fast schlagartig zurück und Koryphelia sah sich in der Lage, vorsichtig die Extremitäten zu bewegen und sich dann langsam auf die Seite zu drehen, damit ihr Gesicht nicht weiter auf einer Seite in den Dreck am Boden drückte.
Langsam und bedacht setzte sie sich auf und betrachtete sich. Die schwarzen Kleider waren noch da und sie saß auf einem vollkommen grauen Boden voller kleiner Steinchen. Ein graues Grasbüschel wuchs neben ihrem Fuß und langsam drehte sie den Kopf. Das Erste, was sie sah, war Machairi, der neben einem Körper am Boden hockte und auf das Mädchen einredete. Rish bebte. Ihr Körper zitterte, als schüttle jemand sie unkontrolliert und schnell, und ihre Körperteile zuckten willkürlich. Die Augen hatte sie weit aufgerissen und Panik lag darin. Hatte sie einen Anfall irgendeiner Art?
Mühselig kam die Prinzessin auf die Beine. Es war, als würde man hier stärker an den Boden gezerrt. Erst als sie die graue Haut der beiden anderen sah, fiel ihr ihre eigene Hautfarbe wieder ein, und sie sah erneut an sich herab und danach panisch in die Umgebung. Alles war grau. Es war, wie durch einen Trauerschleier zu blicken. Sie standen in einer dürren Steppe aus grauem Sand und sogar robuste Pflanzen wuchsen aus dem kargen Boden. Nirgends war auch nur der kleinste Fleck Farbe zu sehen. Es war beängstigender, als es hätte sein sollen. Auch die seltsame Verzweiflung war nicht gewichen. Alles an diesem Ort war frustrierend und machte ihr Herz schwer. Unkoordiniert, als müsse sie das Laufen erst neu lernen, stolperte sie zu dem Harethimädchen und fiel neben ihr wieder zu Boden. »Was ist mit ihr?«, fragte sie ängstlich und schrie aus Versehen viel lauter als beabsichtigt. Waren die Farben verschwunden, schienen Klänge hier ganz neue Nuancen zu bekommen und ihre Stimme war ein hässliches Knarren, das durch viele Schichten gleichzeitig gedrückt zu werden schien.
Das Schwarz der Augen des Dämons war fast beruhigend, weil sich nichts daran geändert hatte. Er musterte sie kurz und warf dann einen Blick hinab auf das Mädchen. »Leén«, sagte er sanft und Koryphelia starrte ihn perplex an. Nicht wegen des Namens, sondern weil seine Stimme hier noch eindrucksvoller war als zuvor. In der seltsamen Feinheit des Klanges an diesem Ort trug seine Melodie perfekt durch die Ödnis. »Erinnerst du dich an gestern?« Der beinahe weiße Handschuh legte sich an ihr Kinn und er zwang das zitternde Mädchen ihn anzusehen. »Kontrolle.«
Es war ein nicht zu verleugnendes Maß an Zärtlichkeit in der Art, wie er mit ihr umging, auch wenn es unter der Grobheit der Aufforderung fast verloren ging. Koryphelia erinnerte sich, dass er Rish am Vortag nach der unseligen Offenbarung des Reiseziels mitgenommen hatte. Noch immer zitterte die Harethi, aber ihre sonst braunen Augen hafteten an dem Schatten und die Panik wich tiefergehender Angst. Trotzdem wurde das Zittern etwas weniger und Koryphelia konnte sich gleich mit beruhigen. Ihr war noch immer unwohl und immer wieder sah sie über die Schulter, weil sie sich schrecklich beobachtet fühlte und erwartete, jeden Moment irgendwelche Monster auftauchen zu sehen. Sie hatte mit steinernen Hallen gerechnet. Nicht mit farbloser Steppe. Irgendwie hatte sie nie in Betracht gezogen, dass die Unterwelt tatsächlich eine Welt sein mochte. Wie groß war dieser Ort wohl?
Zögernd sah sie zurück zu Rish, die sich langsam entspannte und dann von Machairi in eine sitzende Position gezogen wurde. Noch immer schüttelte sie von Zeit zu Zeit ein Zittern, aber langsam kam sie dazu, sich auch einmal umzusehen. Dann sah sie noch unglücklicher aus. Ihre Lippen bebten. Koryphelia zog instinktiv auch die Knie an und schweigend saßen sie beide im Dreck und fragten sich, was nun geschehen sollte. Schwermut übertrug sich von einem zum anderen und zusammen mit ihren schweren Körpern und der hoffnungslosen Taubheit dieses Ortes gab es keinen Grund mehr für Zuversicht.
Machairi dagegen stand auf und drehte ein Messer durch die Hand. Kurz sah er sich um und schien nach etwas zu suchen. »Los«, sagte er schließlich, die Stimme so unnatürlich perfekt, dass sie nicht an diesen Ort passen wollte – was es noch schrecklicher machte, hier festzusitzen. Es gab nicht einmal einen Torbogen wie auf der anderen Seite, durch den sie hätten gehen können. Wohin sollten sie also los?
Machairi sah das anders. »Aufstehen«, forderte er in einem etwas schärferen Tonfall. Der war hier noch durchdringender als in der echten Welt, in der sie besser geblieben wären.
»Warum?«, murmelte die Prinzessin und starrte auf den grauen Boden zwischen ihren Füßen. »Wir sitzen hier fest.« Es war eine grausame Wahrheit und sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie es längst gewusst hatte, bevor sie durch die Unendlichkeit gefallen war. Sie hatten die Welt der Sterblichen verlassen. Es gab keinen Weg zurück. »Niemand ist je zurückgekehrt. Es gibt kein Tor von dieser Seite. Also können wir genauso gut hier sitzen bleiben.« Es war nicht üblich für die Prinzessin so schnell aufzugeben, doch dieser Ort wollte nichts anderes zulassen. Er drückte ihr aufs Gemüt und machte jedes Hoffen überflüssig und selbst ihre Stimme monoton.
»Auf die Füße. Jetzt!«, befahl Machairi und der Griff um das Messer verstärkte sich sichtlich. »Das ist kein Ort zum Sterben.« Hart sah er auf beide hinab und war dabei nicht halb so furchteinflößend für Koryphelia, wie er es sonst gewesen wäre.
»Wir sind doch schon tot.« Sie schüttelte den Kopf. Warum war ausgerechnet er derjenige, der törichte Hoffnung hegte? Rish sagte nichts. Sie saß starr da und war bereits weit abwesend. Vielleicht war es besser so. Früher oder später verlor man ohnehin den Verstand hier. Je früher man nichts mehr mitbekam von dem Elend, desto besser.
Der Schatten stieß ein wütendes Geräusch aus und plötzlich saß der weiße Handschuh in Koryphelias Tunika und er riss sie äußerst unsanft auf die Füße. Die Klinge blitzte sogar in der grauen Welt um sie herum. »Muss ich dir ein Muster in die Haut ritzen, oder glaubst du mir, dass du noch sehr lebendig bist?« Der eisige Tonfall hallte durch die vielschichtige Klangwelt dieses Ortes. Eine Spur von Wahnsinn blitzte in den schwarzen Augen und vielleicht hatte sogar er Angst an diesem Ort. Koryphelia schluckte vorsichtig und schüttelte den Kopf. Wer wusste schon, wie viel sie hier fühlen würde? Und wenn er sie zwingen wollte, hatte sie keinen Grund, ihm nicht zu folgen. Viel zu verlieren gab es schließlich nicht, auch wenn sie sich schrecklich träge und mutlos fühlte. Noch einen Augenblick hielt er ihren Blick, bevor er sie losließ und dann wandte er sich an Rish. Wortlos hielt er ihr eine Hand hin und sah sie auffordernd an. Kommentarlos und etwas unwillig ließ auch das andere Mädchen sich auf die Füße ziehen und wirkte fast zu müde, um zu stehen. »Da oben ist unser Tor.« Er deutete gen Himmel. »Je schneller wir hier fertig sind, desto schneller können wir zurück.«
Zögernd legten beide Mädchen den Kopf in den Nacken. Der Himmel war ebenso farblos wie der Rest der Welt. Fünfzehn Monde hingen über ihren Köpfen mit blassem Licht am Firmament. Bis auf drei waren diese Monde alle verdunkelt, als habe sich ein Schleier über sie gedeckt. Kaum zu erkennen waren sie vor dem grauen Himmel, aber der, auf den Machairi deutete, war erleuchtet und so schön, dass es sich schon fast wie ein Hoffnungsschimmer anfühlte. Natürlich war ein Mond unerreichbar. Wenn die Monde tatsächlich die Tore waren, was angesichts der Anzahl nahelag, war es nicht weiter verwunderlich, dass niemand sie je erreicht hatte.
»Wie sollen wir die erreichen?«, fragte auch die Harethi leise. Ihre Stimme war ebenfalls viel schöner an diesem Ort, auch wenn sie rau klang. Warum war nur Koryphelias Stimme so eine Katastrophe?
»Zuerst das Orakel«, war die einzige Antwort. Bestimmt wusste er es selbst nicht. Es war doch ohnehin Zeitverschwendung. Sie sollten sich hier hinsetzen und es nicht versuchen. So würden sie sich wenigstens die Enttäuschung sparen. Hätte Rish sich nicht in Bewegung gesetzt, als der Schatten sich in eine Richtung drehte, um ihm zu folgen, wäre Koryphelia einfach zurück auf den Boden gesunken. Sie wollte allerdings noch viel weniger allein sein, als enttäuscht zu werden. So stapfte sie Machairi hinterher, während Traurigkeit wie Blei an ihren Füßen hing. Verloren …

Verfolgt
Die Dinge standen nicht gut. Zwar hatte die bescheuerte Dorfmutter Hilfe für Spítha versprochen, aber es sah leider aus, als sei dem kleinen Drachen nicht mehr zu helfen. Seit Tagen schien er kaum mehr einen klaren Gedanken fassen zu können und wann immer Vica versuchte, dem einst so mächtigen Wesen in den Kopf zu blicken, empfing sie nichts als Chaos. Natürlich lag das auch an der Unfähigkeit aller, die sich als Heiler bezeichneten. Vicas Wut richtete sich auf jeden, der dem kleinen Drachen vergeblich zu helfen versuchte. Sie wusste, dass es ungerecht war, doch sie teilte ein so tiefes Verständnis mit der nicht länger gewaltigen Echse, dass sie es nicht ertragen konnte, dass er ihr unter den Fingern wegstarb. Nun war auch noch Puki bockig und sie fühlte sich schrecklich allein. Man hatte sie in irgendein Zimmer gepfercht und seither lag Puki eingerollt auf dem Kopfkissen und sprang davon, wann immer Vica ihn streicheln wollte. Er nahm ihr übel, dass sie ihn beinahe in dem Besprechungszelt vergessen hatte und ihn dann auch noch äußerst unwirsch fortgescheucht hatte, während sich eine Zhakifrau ohne Stimme um Spítha gekümmert hatte. Stumme waren ein besonderes Rätsel für Vica. Als Blinde charakterisierte sie Menschen hauptsächlich über die Geräusche, die sie machten. Die Stimme war dabei besonders wichtig. Da Stumme offensichtlich keine Stimme hatten, fehlte ihr ein unheimlich entscheidendes Merkmal. Anhand der Ausstrahlung hatte sie noch so gerade schließen können, dass es sich um eine Frau handelte. Im Endeffekt hatte sie es bereut, dass sie Puki vom Tisch geschubst hatte, auf dem Spítha gebettet war, weil sie seine Augen gut hätte gebrauchen können.
Nun saß sie in diesem verfluchten Zimmer, streichelte den sterbenden Drachen und hatte Streit mit ihrem besten Freund. Als wäre das nicht schon schlimm genug, hatte nun auch noch M vor, sich davonzumachen. Nicht, dass sie Interesse daran gehabt hätte, mit ihm in die Unterwelt zu gehen, aber sie fühlte sich dennoch verraten, dass er sie erst mit auf diese Reise zerrte, um sie dann für den entscheidenden Teil zurückzulassen. Natürlich hatte er hauptsächlich von ihren Fähigkeiten profitieren können, als sie in Om’falo dringend Karten gebraucht hatten, aber es war frustrierend, plötzlich ausrangiert zu sein. Wenn sie sich doch nur hätte einreden können, dass er sie nicht mitnahm, weil er Rücksicht auf ihre Sorge um Spítha nahm, aber so war M leider nicht.
Missmutig versuchte Vica sich zu beruhigen und zu verstehen, in was für einem Raum sie hier saß. Es war noch immer so ekelhaft warm, aber die wunderbar unberührte Natur direkt in der Nähe war eine herrliche Abwechslung. Theoretisch war auch die Wüste unberührte Natur, aber sie war so leblos gewesen, dass Vica darin keine Schönheit hatte finden können. Die wenigen Tiere, die dort trotzdem lebten, waren ihr entweder nicht begegnet oder so schrecklich unsympathisch gewesen, dass sie sich nicht über sie gefreut hatte. Hier war das anders. Das brummende Leben der Insel hätte die Blinde unter normalen Umständen unheimlich glücklich gemacht. Es war lange her, dass sie einen Fuß in einen Wald gesetzt hatte und noch nie hatte sie einen so vollkommenen Ort wie diesen erlebt. Ganz leicht war es gewesen, die Katze zu finden, die Gina für sie angegriffen hatte. Vielleicht lag es daran, dass die Tiere hier weniger scheu waren. Sie hatten weniger schlechte Erfahrungen mit den Menschen gemacht, schon weil es hier nicht so viele Menschen gab und sie die Natur außerdem zu achten schienen.
Die Sorge um Spítha, die Wut auf M und die seltsame Stimmung an diesem Ort beeinträchtigten ihre Aufmerksamkeit. Sie konnte sich kaum durch den Raum bewegen, ohne gegen eine Wand oder ein Möbelstück zu laufen. Es war zum Verrücktwerden. Seit sie ihr Augenlicht verloren hatte, war sie nicht mehr so hilflos gewesen. Stöhnend ließ sie sich zu Boden sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Kühl drückten ihre kalten Handflächen gegen ihre pochend heiße Stirn und ein grässlicher Kopfschmerz zog durch ihren Schädel. Was war nur los mit ihr? Es schien mit jeder Sekunde etwas schlimmer zu werden. Desorientiert und erschöpft kauerte sie am Boden und traute sich nicht einmal zu, ihr Bett wiederzufinden. Verzweifelt wartete sie darauf, dass das Gefühl schwinden möge, aber es wurde eher noch schlimmer.
Wäre doch nur die Angst nicht gewesen. Angst um Spítha, Angst um M und sogar Angst um Gwyn, dessen Anwesenheit man als Blinde leicht vergessen konnte, so leise wie er sich zurückzog. Ganz egal woher es kam, so grausig wie jetzt hatte sie sich lange nicht gefühlt. Auf allen vieren krabbelte sie schließlich an der Wand entlang, bis sie das Bett fand. Wie gut, dass sie niemand dabei beobachtete. Einzig M konnte so lautlos sein, dass sie ihn nicht bemerkte, aber selbst er konnte nicht durch Wände gehen und er hätte auch keinen Grund gehabt sie aufzusuchen. Schließlich war er mit seiner herzallerliebsten Hatschi unterwegs.
So sehr Vica sich auch bemühte, sie konnte ihre Abfälligkeit für dieses Mädchen nicht verdrängen. Alles an ihr regte sie auf. Ihre Naivität und ihre dummen Fragen, ihre Hilflosigkeit und Inkompetenz für einfache Sachen und dass M ausgerechnet auf sie Rücksicht nahm, dass die meisten anderen sie unglaublich zu mögen schienen und sie wohl auch noch hübsch war. Die Kleine hatte doch gar keine Ahnung vom Leben oder den Privilegien, die sie genoss, und zu allem Überfluss hatte sie scheinbar auch noch eine ach so besondere Magie, die sie unverzichtbar für die gefährlichste aller Reisen machte. Vica drückte das Gesicht in ihr Kissen und spürte, wie Puki schon wieder empört flüchtete. Ein meckerndes Keckern drang ihr an die Ohren, aber sie hatte keine Energie, um sich noch weiter zu streiten. Am liebsten hätte sie ins Kissen geschrien. Warum war sie … so?
Lange Jahre war es her, dass sie so geweint hatte. Vica konnte es selbst kaum glauben, als das Kissen an ihrem Gesicht plötzlich ganz feucht wurde und ihr ein Schluchzen entfuhr. Seit Machairi sie von der Straße gesammelt hatte, hatte sie nicht mehr so bitterlich geweint. Als sie geglaubt hatte, sie hätte ihre Kräfte verloren, hatte sie ein paar wenige Tränen nicht verhindern können, aber niemals wäre sie auf die Idee gekommen, sich dem Weinen so sehr hinzugeben wie jetzt. Es war zu viel. Viel zu viel. Weinend und schluchzend lag Vica auf dem Bauch, konnte kaum atmen durch das Kissen. Furchtbar lächerlich hätte sie sich fühlen müssen und normalerweise hätte sie sich innerlich gescholten für ihr endloses Selbstmitleid, aber es war so eng in ihrer Brust und sie fühlte sich so seltsam alleingelassen, dass es sich anfühlte, als könnten nur Tränen Abhilfe schaffen. Immer wieder hoffte sie, dass M hereinkommen und sie vor sich selbst retten würde, so wie er es immer getan hatte. Wie konnte er sie nur zurücklassen und an einen Ort gehen, wo sie ihm nicht einmal durch die Augen eines Tieres folgen konnte? Nicht nur das. Er ließ sie allein mit ihrer Angst um den kleinen Drachen und er ließ sie allein mit Menschen, die sie nicht ausstehen konnten. Wie konnte er nur? Du erinnerst mich an jemanden, hallte seine melodische Stimme durch ihren Kopf und sie weinte nur noch etwas bitterlicher. Jemanden, den er auch zurückgelassen hatte? Auch wenn er das erst in Om’falo gesagt hatte, schien es lange her und vieles war passiert in der Zwischenzeit. Der Gedanke, dass sie ersetzt worden war, war schmerzhafter, als es hätte sein sollen. Plötzlich war sie nicht mehr diejenige mit der unabdingbaren Fähigkeit, sondern die Hatschi. Warum musste es ausgerechnet sie sein?
Eifersucht schlug die Klauen in ihr Herz und ihre blinden Augen taten weh vom Weinen. Noch immer unregelmäßig atmend hob sie den Kopf aus dem Kissen und versuchte, in der warmen Luft durchzuatmen. Ein weiteres Schluchzen entfuhr ihr und dann spürte sie etwas Weiches an ihrer Wange. Es schmiegte sich warm an sie und nach kurzem Zögern folgte das Schlecken einer kleinen Zunge. Puki tröstete sie. Schniefend setzte sie sich auf und kuschelte sich etwas fester an das kleine Fellknäul. Sie spürte, dass er noch immer verletzt war, aber sie teilten die gleiche Angst, ersetzt zu werden, und vielleicht stellte er ihren Streit deshalb hintenan. Wusste er nicht, dass sie ihn immer liebhaben würde? Dass Spítha ihre Aufmerksamkeit nur brauchte, weil er verletzt und dem Tode nah war, und dass sie sich mit dem Drachen verbunden fühlte? Sie würde ihn doch niemals ersetzen, ihren treuen kleinen Begleiter, der nie gezögert hatte, ihr nach Kräften zu helfen. Das Gleiche gilt für M doch auch, schien er sagen zu wollen und Vica schniefte noch einmal. »Tut mir leid«, hauchte sie Puki zu und fuhr ihm sacht durchs Fell. Kurz glaubte sie, dass er wieder fortspringen würde, aber er ließ zu, dass ihre Finger über den im Fell verborgenen Panzer strichen, in den er sich einrollen konnte, wenn er sich in Gefahr wähnte.
Sie war erleichtert; auch wenn ihre Augen wehtaten und sie sich seltsam zittrig fühlte, war sie doch etwas ruhiger als zuvor. Schweigend hockte sie im Bett und kam zur Ruhe. Dadurch legte sich bleierne Müdigkeit in ihre Knochen und machte sie schläfrig. Vorsichtig hob sie Spítha von seinem Platz am Fußende und bettete ihn auf ein zweites Kissen, bevor sie das vollgeheulte umdrehte und sich einfach ins Bett rollte. Puki kuschelte sich direkt an ihren Oberkörper und rollte sich zum kleinen Knäul. Müde und erschöpft von ihrem Nervenzusammenbruch schlief Vica ein.
Sie verschlief die Abreise der drei Unterweltler am nächsten Morgen und wäre am liebsten einfach liegen geblieben, als sie schließlich unwiederbringlich wach war. Puki war längst fort und scheinbar aus dem Fenster geklettert, um zu jagen. Immerhin einer, der sich sein Essen ganz allein besorgen konnte. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte das kleine Wiesel mit ihr gehungert. Damals auf der Irreninsel war Nahrung stets Mangelware gewesen. Mäuse für Puki hatte es meistens gegeben, aber nicht immer hatte der pelzige Kavalier sie allein lassen wollen, um auf die Jagd zu gehen, während sie selbst nichts essen konnte. Vögel hatten Vica Essen von den Märkten gestohlen und es bis auf die Irreninsel getragen, aber ständig konnte sie das nicht machen, ohne aufzufallen. Ab und an schickte sogar der schwarze Fürst Vorräte auf die Insel und M hatte dafür gesorgt, dass sie nicht verhungerte. Das Leben dort war trotzdem nie gut gewesen und sie wusste auch, dass sie nicht mehr lange zu leben gehabt hätte. Vielleicht wäre es trotzdem besser gewesen als die Strapazen dieser Reise.
Jetzt hatte sie keinen Hunger. Obwohl die Tränen in der vergangenen Nacht hätten helfen sollen, war ihr Magen wie zugeschnürt. Als hätte sie eine aufgedunsene Masse gegessen, die ihren Bauch nun füllte, ohne sie tatsächlich mit Nährstoffen und Energie zu versorgen, fühlte sie sich voll und nicht in der Lage, überhaupt irgendetwas zu essen. Nur ihr Hals brannte. Einen Schluck Wasser hätte sie vertragen können, um das elendige Brennen in ihrem Rachen zu stillen.
Beim Schlafen war ihr wohl die Kapuze vom Kopf gerutscht. Noch mehr als sonst fielen ihr die Haare ins Gesicht und ihre Ohren waren ungewöhnlich frei. Mühselig setzte sie sich auf. Ihre Glieder fühlten sich noch seltsam schwer an, obwohl sie definitiv genug Schlaf bekommen hatte. Eigentlich hatte sie sogar verhältnismäßig gut geschlafen. Angesichts ihres aktuellen Zustandes hatte sie damit gerechnet, von Albträumen geplagt zu werden oder gar nicht erst einschlafen zu können. Stattdessen schien auch guter Schlaf nicht dazu geführt zu haben, dass sie ihre Ängste vergaß. Jetzt, mit kühlerem Kopf, hatte sie allerdings immerhin das Gefühl, dass sie sich wieder im Zimmer zurechtfinden konnte. Was auch immer sie da am Vorabend überkommen hatte, war nicht zum Dauerzustand geworden. Vica schämte sich, so zusammengebrochen zu sein. Zum Glück hatten nur Puki und Spítha mitbekommen, wie sie in ihr Kissen geheult hatte.
Spítha. Das Geräusch seines Atems, das zuvor dauerhaft an ihre Ohren gedrungen war, war nicht zu hören. War sie doch noch eingeschränkt in ihren Sinnen? Sie spitzte die Ohren und tastete auf dem Kissen neben ihr nach dem kleinen Drachen. Die kleine Spitze eines dünnen Schwanzes stieß gegen ihren Zeigefinger. Erschreckend kalt war die glatte Schuppenhaut und noch immer versuchte sie den mühsamen Atem des Drachen zu hören. Ganz vorsichtig tastete sie nach dem kleinen Kopf. Spítha?, dachte sie und versuchte in den Kopf des mächtigen Wesens einzudringen. Ihre Finger fuhren über die Narben in der Schuppenhaut. Er war zum kleinen Nest gerollt und reglos … und viel zu starr. Spítha?, fragte sie nochmal, dieses Mal panischer. Der Drache hatte auch schon in den vergangenen Tagen nicht oder nur unkoordiniert geantwortet, bestimmt schlief er nur. Gedanken hatten nicht wirklich eine Sprache und er hatte so starke Schmerzen, dass Chaos in seinem Kopf herrschte. Jetzt aber vernahm sie nicht einmal sinnlose Gedankenfetzen.
Vorsichtig strich sie über die reglosen Nüstern, während schon wieder Tränen über ihr Gesicht rannen. Sie konnte und wollte nicht glauben, was ihre Finger eindeutig spürten. »Puki!«, rief sie verzweifelt und ihre Stimme klang schrill und verzerrt. Zitternd streichelte sie weiter über den reglosen Drachenkörper, suchte nach Körperwärme, nach einem Zeichen von Atem oder einem Herzschlag. Nichts. Vorsichtig hob sie das kleine Tier hoch und hielt ihn sich direkt ans Ohr, in der Hoffnung, vielleicht doch etwas zu hören. »Puki!«, rief sie nochmal. Sie brauchte seine Augen, seine Sinne und seine tröstende Nähe, denn die Kälte des kleinen Körpers schien in sie einzudringen und sich um ihr Herz zu legen. Schniefend drückte sie den leblosen Spítha an sich und schluchzte schon wieder. Noch lächerlicher erschienen ihr ihre Tränen der vergangenen Nacht nun. Sie hatte geschlafen, als er sie gebraucht hatte. Allein war er gestorben, während sie direkt neben ihm gelegen und geschlafen hatte.
Weinend wippte sie auf dem Bett, den toten Drachen an sich gepresst, und schluchzte. Wie hatte das passieren können? Wie hatten sie das zulassen können! Alle hatten sie im Stich gelassen und endlose Wut kochte auf. Auf sie alle! Gwyn war schuld, dass der kleine Drache qualvoll verendet war, und die bescheuerte Dorfmutter mit ihren leeren Versprechen hatte ihre Zeit verschwendet. Die Hatschi und ihre sinnlose Magie waren mit ihrer geheuchelten Sorge eine Katastrophe, genauso wie Mico, der sich geweigert hatte, ihr zu helfen. Er war ein verfluchter Magier! Sicher hätte er es gekonnt. Hätte Gina ihre bescheuerten Späße gelassen, wäre sie nicht mit Spítha hingefallen und vielleicht hatte ihm das den Rest gegeben. Sie war auch sauer auf Puki, der mit seinem Theater das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, sodass sie sich nicht um Spítha gekümmert hatte, als er sie gebraucht hatte, und natürlich war sie sauer auf M. Der Messerdämon, der doch sonst jedes Problem lösen konnte, war nur auf seine eigenen Vorhaben fokussiert und darauf, die verzogene Prinzessin zu entführen. Spítha hatte für seinen bescheuerten Plan sein Leben gelassen und es interessierte den Dämon nicht einmal! Schluchzend und zitternd vor Angst, Wut und Schmerz hockte Vica auf dem Bett und nahm gar keine Notiz von dem Ding, das gegen ihr Bein kullerte. Sie weinte und verfluchte alle, die sie im Stich gelassen hatten. Wut kochte in ihr, auf alle, die sie ihre Freunde schimpfen sollte. Am meisten jedoch war sie wütend auf sich selbst.
Als Puki endlich wiederkam, saß sie noch immer auf dem Bett und klammerte Spítha an ihre Brust. Wie eine ausgeleierte Puppe hing er in ihren Armen und obwohl der taube Schmerz nicht weichen wollte, waren die Tränen einfach plötzlich fort gewesen. Wie eingefroren hockte sie auf dem Bett und hatte sich dem Rauschen in ihren Ohren hingegeben. Alles war taub. Ohne etwas sehen zu können, konnte sie sich nicht einmal damit aus ihrer Starre ziehen. Der Horror, der sich gleichzeitig vor ihrem inneren Auge abspielte, war kaum auszuhalten und es gab nichts, was sie dagegen hätte tun können. Immer wieder malte sie sich die letzten Momente in Spíthas Leben aus, wie er verzweifelt ein letztes bisschen Rauch ausstieß oder ein gequältes Geräusch von sich gab, bevor seine Augen leer wurden und er die Welt der Lebenden verließ. Sie bemerkte das Wiesel kaum, das nichtsahnend und satt auf dem Fensterbrett hockte und sie überrascht musterte. Ekelhaft abfällige Gedanken drängten sich in Vicas Kopf. Dass er sicher froh war, seinen Nebenbuhler los zu sein, und dass er den Drachen ohnehin nie gemocht hatte. »Wo bist du gewesen?«, fauchte sie und schnitt sich damit selbst noch schlimmer ins Herz. »Bist du jetzt zufrieden?«, schrie sie, bevor sie es verhindern konnte. Was war nur in sie gefahren? Das Schuldgefühl, dass sich ohnehin schon in ihr aufbäumte, wurde noch etwas grausamer und sie wollte sich entschuldigen.
Wäre Puki ein Mensch gewesen, hätte er vielleicht verstanden, dass sich ihr Schmerz nur an ihm entlud, weil sie verzweifelt war, nicht, weil sie ihn wirklich für schuldig gehalten hätte. Vielleicht wäre er zu ihr gegangen, hätte sie in den Arm genommen und trotzdem mit ihr getrauert. Dann hätte sie sich in einer späteren ruhigen Minute entschuldigen können und er hätte gesagt, dass er ihr nicht böse war und selbst vielleicht genauso reagiert hätte. Leider war Puki kein Mensch. Puki war ein Wiesel, das direkt nachdem sie sich endlich vertragen hatten von ihr angeschrien wurde und nur sah, wie sie einen kleinen Drachen gegen die Brust drückte. Wie sollte er verstehen, was geschehen war und warum Vica ihn so gnadenlos anfauchte? Sie konnte durch den ganzen Raum spüren, dass er verschreckt und verletzt war und bevor sie etwas sagen konnte, war er wieder in den Urwald verschwunden.
Vica gab ein gurgelndes Geräusch von sich, weil kein echter Aufschrei herauskommen wollte. Wimmernd, fast jaulend hockte sie auf dem Bett und wusste weder ein noch aus. Als wäre das nicht schon schlimm genug gewesen, vernahmen ihre Ohren einen Augenblick später ein Klopfen an der Tür. Ihre Finger zitterten so sehr, dass sie es kaum schaffte, sich die Kapuze wieder auf den Kopf zu zerren, die noch immer auf ihren Schultern lag. Es hätte ihr unter diesen Umständen egal sein können, aber gerade war das Bedürfnis, sich zu verstecken, noch größer als sonst und so kauerte sie sich weiter zusammen und rang kläglich um ein wenig Fassung.
Natürlich öffnete sich die Tür, obwohl sie niemanden hereingebeten hatte. Es war nicht M. Seine einzigartig leise und düstere Art hätte sie sofort erkannt. Außerdem war der wohl schon fort und hatte sie hier zurückgelassen. »Was bei allen Göttern ist hier denn los?«, fragte Micos Stimme etwas verdutzt und erneut ballte sich die Wut in Vica.
»Verschwinde!«, schrie sie ihn an und wollte etwas nach ihm werfen. Er hatte ihr wirklich gerade noch gefehlt. Sie konnte ihn nicht ausstehen und er hatte seine Hilfe verwehrt. Um alles in der Welt konnte er ihr gestohlen bleiben! Am liebsten hätte sie ihm das Gesicht zerkratzt und mit einem kleinen Anflug Genugtuung erinnerte sie sich daran, dass Spítha das bereits getan hatte.
»Heilige«, murmelte er und sie hörte, dass er noch einen Schritt näherkam. Dieser Magier wusste wahrlich nicht, was gut für ihn war.
»Hörst du schlecht?!«, fuhr sie ihn an und ihre ohnehin schon schrille Stimme überschlug sich auch noch. Sie wollte gar nicht wissen, was sie für einen Anblick bot, und ihm gönnte sie die Genugtuung, sie so am Boden zu sehen, garantiert nicht.
»Vica, pass auf, du zerquetscht es noch«, knurrte er und blieb direkt neben dem Bett stehen. Vielleicht klang sogar eine Spur von Sorge in seiner Stimme mit.
Zu spät! Viel zu spät. Ein freudloses Lachen mischte sich mit einem Knurren. Der Laut, der dabei rauskam, war nur noch lächerlich. »Sein Name ist Spítha und auch du bist schuld, dass er tot ist!«, wollte sie schreien, aber es wurde mehr und mehr zu einem weinerlichen Flüstern. Verzweifelt klammerte sie sich noch etwas fester an den leblosen Körper.
Mico seufzte. »Erstens hat er mich verunstaltet, nicht umgekehrt, zweitens war jedem klar, dass er nicht mehr lange hat und drittens sprach ich nicht von dem Drachen.« Ganz konnte er seinen genervten Tonfall nicht verbergen, aber er klang immerhin, als würde er sich Mühe geben. Vielleicht hatte er auch ernsthaft Angst, sie könnte ihn sonst erwürgen, denn sie war kurz davor. Trotzdem beugte er sich vor und sie spürte ihn in ihrer Nähe.
»Hau ab.« Sie schlug nach ihm und sie traf, wo genau wusste sie nicht, aber es war auch egal. Er würde seine Greifer nicht an Spítha legen, aber er griff gar nicht nach dem leblosen Drachen. »Was wird das?«, quietschte sie, als seine Finger ganz kurz ihr Bein streiften.
Erstarrt hockte Vica da und verstand nicht, was er tat. »Bevor du verdammtes Spiegelei machst, weil du eine Leiche zerquetschen willst … Wer weiß, wie stabil das Ding ist.« Musste er sich selbst jetzt noch über sie lustig machen? Besaß dieser Kerl Taktgefühl?
»Spiegelei?!« Was wollte er von ihr? Ein Gedanke nahm in ihrem vernebelten Kopf Form an, aber sie war ob der Situation wesentlich langsamer als sonst.
»Drachen haben zwei Herzen. Das zweite übernimmt, wenn das erste durchstochen ist und der Drache im Sterben liegt. Es hält sie lange genug am Leben, um ein Ei zu legen. Was hast du denn geglaubt, wo es ist?«, fragte er spitz und vertrieb den Nebel aus Vicas Gedanken ein wenig.
Das hatte sie nicht gewusst. Spítha hatte nichts davon erzählt. Er hatte nicht einmal erwähnt, dass der Armbrustbolzen sein Herz durchstochen hatte, auch wenn er zwischenzeitlich erstaunlich klar gewesen war und sie ein paar Worte hatten wechseln können. Was passierte, wenn ein Drache an etwas anderem starb? Warum hatte er ihr nicht gesagt, dass er ein Ei legen würde? Warum hatte sie nicht gemerkt, dass es ihr buchstäblich in den Schoß gefallen war? »Gib es mir!«, forderte sie und streckte die Hand in seine Richtung. Dafür musste sie erstmals einen Arm von Spítha lösen, der sofort hinabhing.
»Erst wenn du wieder bei Verstand bist«, antwortete der Magier und sie fühlte sich unangenehm gemustert. Manchmal konnten Blicke penetrant wie eine tatsächliche Berührung sein. Dies war ein solcher Moment. Selbst Vicas trauerschweres Gemüt erkannte, dass ein nicht ganz unberechtigter befremdeter Blick auf ihr lag.
»Ich bin bei Verstand«, stellte sie klar und klaubte endlich genug Fassung zusammen, um zumindest zu einer natürlichen Stimmlage zurückzukehren. »Was kümmert es dich, wenn ich es kaputt mache? Spítha war dir doch ohnehin egal!« Endlich schaffte sie es, einen bissigen weniger weinerlichen Tonfall zustande zu bringen.
»Vica, dein toller Freund hat uns alle fast getötet und nicht nur mich nachhaltig verletzt. Du erwartest doch nicht ernsthaft von mir, dass ich Freundschaft mit sowas schließe.« Erstaunlich ruhig blieb der Magier. Vielleicht war er gezwungen, sich mehr zusammenzureißen, seit ihnen allen Gwyn als Puffer fehlte. Zuvor hatte man sich darauf verlassen können, dass der Gaukler Streit in der Gruppe zuverlässig abfing oder minderte. Scheinbar hatte sich der Griesgram davon beeindrucken lassen, sodass er sich nun nicht mehr so bescheuert verhalten konnte wie zuvor.
»Ihr habt ihm Angst gemacht.« Sacht strich Vica über die kalte Schuppenhaut. Die Erinnerung an den chaotischen Kampf in der Drachenhöhle war präsent und sie hatte auch den Seitenhieb verstanden, weil M in Kauf genommen hatte, von dem damals gigantischen Spítha gebissen zu werden, anstatt sie seinen Zähnen zu überlassen.
»Gwyn hat sich nur bewegt!«, knurrte Mico und sie konnte sich bildlich vorstellen, wie er die Arme verschränkte.
»Erstens hat er nicht verstanden was ihr von ihm wolltet und zweitens hat er sehr schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht«, verteidigte sie ihren Freund. »Er konnte doch nicht sehen, dass er nicht nach einer Waffe gegriffen hat.« Es war schon schlimm genug, dass sie nicht gewusst hatte, dass Drachen ein Reserveherz hatten. Sie musste sich nicht noch weiter belehren lassen.
Ihr Gegenüber schnaubte. Natürlich verstand er das nicht, obwohl sie sich gut vorstellen konnte, dass Mico an Spíthas Stelle nicht anders gehandelt hätte. »Jedenfalls«, beendete er das Thema, »sind Drachen mächtige magische Wesen. Wenn ich nicht zerfleischt werde, habe ich nichts gegen sie einzuwenden, und anhand der Größe dieses Eis ist wohl davon auszugehen, dass der Nachkomme mitgeschrumpft ist. Es wäre Frevel, es zu zerstören.« Vielleicht klang gar etwas Bewunderung in der Stimme des Magiers mit. Manchmal vergaß Vica, dass er vielleicht doch eine ganze Menge über Magie wusste und trotz seines abstoßenden Charakters ein echter Magier war.
»Du hättest einfach Spítha retten können.« Fast drängten sich wieder Tränen auf, als sie darüber nachdachte, wie alle ihn im Stich gelassen hatten.
»Er war nicht mehr zu retten! Das zweite Herz kann das erste nicht ersetzen«, erklärte er mit einem genervten Seufzen, als sei das Allgemeinwissen, das jeder haben musste.
»Und du bist jetzt Drachenexperte, oder was?« Sie wollte nicht zugeben, dass sie keine Vorstellung davon hatte, warum ein Drache ausgerechnet zwei Herzen hatte. Warum nicht zwei Lungen oder zwei Leben generell? Und was sollte ein zweites Herz, mit dem man nicht leben konnte? Warum hatte er nicht einfach eine starke Selbstheilung?
Mico stöhnte ein zweites Mal und sie spürte, wie das Bett wippte, als er sich setzte. Sah er sie an oder betrachtete er das Ei oder gar Spítha? »Drachenherzen haben einzigartige und unersetzliche magische Eigenschaften. Wird ihnen das erste gestohlen oder durchstochen, sind sie dem Tode geweiht. Sie haben aber noch ein zweites Organ, das das Herz für kurze Zeit ersetzen kann, bis sie es schaffen, ein Ei zu legen, um den Fortbestand der wenigen existierenden Drachen zu sichern.«
Vicas Kiefer malmte und sie verdrückte schon wieder eine Träne, als sie daran dachte, wie Spítha sein Herz verloren hatte. Sie war immer davon ausgegangen, dass Spítha ein Männchen war, aber vielleicht gab es bei Drachen keine zwei Geschlechter. Micos Erklärung klang eher, als wäre sie für Drachen im Allgemeinen gültig. »Was soll die Nachhilfe?«, knurrte sie. Die Blinde ärgerte sich, dass sie nichts davon gewusst hatte. Normalerweise wusste sie mehr über die Tierwelt als alle anderen, aber nur, weil sie eine tiefe Verbundenheit mit den Tieren hatte. Wenn es um Magie oder Bildung ging, hatte sie kaum Wissen oder Erfahrungen.
»Damit du verstehst, dass es wichtig ist, dass ich sein Herz an mich nehme.« Sie schlug ihn so schnell, dass er keine Chance hatte, ihr auszuweichen. Laut schallte die Ohrfeige durch den Raum und sie hoffte, dass sie die Narbe, die Spíthas Kralle hinterlassen hatte, getroffen hatte.
Mico zischte einen äußerst rüden Fluch und stand auf, um sich aus ihrer Reichweite zu bringen. »Es ist nicht so, als würde es ihn stören!« Ärgerlich murmelte er eine weitere Verwünschung.
»Du legst keinen Finger an ihn.« Wieder drückte Vica den toten Drachen an ihre Brust. Das kam überhaupt nicht in Frage! Spítha würde nicht als Zutat für einen bescheuerten Magier herhalten. Magie, die über die Organe eines anderen Lebewesens wirkte, konnte ohnehin nichts Gutes bedeuten.
»Es könnte uns allen den Arsch retten! Was kümmert es dich, ob du ihn mit oder ohne Herz begräbst?« Völliges Unverständnis schlug ihr von ihm entgegen und sie hätte ihn am liebsten noch einmal geschlagen, hätte er nicht so weit außerhalb ihrer Reichweite gestanden.
»Es kümmert mich, weil du ihm erst nicht hilfst und ihn dann für deine dreckigen Spielchen missbrauchen willst«, fauchte sie ihn an und spürte Ekel in sich aufwallen. Was für Menschen waren nur um sie herum?
»Nichts daran ist dreckig! Es ist göttergegebene Kraft, im Gegensatz zu deiner heidnischen Absonderlichkeit!« Schnaubend plusterte er sich weiter auf. Er glaubte doch tatsächlich, dass seine Magie wertvoller sei als ihre. Sie hatte fast vergessen, wie unausstehlich arrogant er war.
»Immerhin konnte ich mit meiner Absonderlichkeit dein beschissenes Leben retten, ohne einem unschuldigen Wesen das Herz rauszureißen«, schrie sie ihm entgegen. Sie hatte ihn zwar in Om’falo nicht direkt gerettet, aber ohne ihre Karten wäre er im Kerker oder am Galgen geendet.
»Unschuldig?!« Sarkastisch lachte er auf. »Ja, geradezu harmlos!« Vermutlich deutete er auf sein entstelltes Gesicht. Das hatte er definitiv mit jeder Minute mehr verdient. »Er ist schon tot, Vica!« Ärgerlich fuhr auch er sie an.
»Wenn du jetzt nicht aufhörst, sein Herz zu verlangen, jage ich dir eine giftige Schlange auf den Hals!« Es war die beste Drohung, die ihr einfiel. Aktuell war sie sich nicht sicher, ob sie ihn im direkten Kampf hätte besiegen können. »Gib mir das Ei und verschwinde!«
Mico machte ein spöttisches Geräusch. »So viel zu dreckiger Magie«, murmelte er. Laut sagte er: »Kein Herz, kein Ei. Das taugt im Notfall sicher auch.« Dann ging er und Vica explodierte. Was nahm er sich heraus? Dieses Ei stand ihr zu und sie würde es nicht seinen dreckigen Fingern überlassen.
Wütend stürmte sie ihm hinterher. Sie fand sogar auf Anhieb ihren Stock auf dem Boden. Der Ärger schärfte ihre Sinne wieder genug, um sich zurechtzufinden. Spítha ließ sie auf dem Bett liegen und rannte dem Magier hinterher. »Mico«, schrie sie und lauschte auf seine Schritte. »Das wirst du bereuen!« Das erste Tier, das ihr über den Weg lief, war ein kleiner Gecko. Ohne zu zögern, packte sie ihn, setzte ihn auf ihre Schulter und nutzte seine Augen, um Mico auszumachen, der geradezu vorsichtig auf den Wald zuhielt. Was auch immer er da wollte.
Hastig rannte sie ihm nach. Sie würde ihm den Schädel spalten, wenn sie musste. Dieses Ei gehörte ihr und nichts in der Welt konnte sie dazu bringen, davon abzulassen. Der Magier kümmerte sich nicht weiter darum und sie musste rennen. Das Dorf blieb schon nach wenigen Schritten hinter ihr und sie musste sich durch den Wald schlagen. Es forderte zu viel von ihrer Konzentration, um die Verbindung mit dem Gecko zu halten. Verstört und hektisch huschte das kleine Reptil von ihrer Schulter und verschwand im Wald. Es war egal. Sie hatte ihn gefunden. Hier im Wald reichte das Rascheln seiner Schritte im Unterholz, um ihn anzugreifen. Gerade als sie ihm einen kräftigen Schlag überziehen wollte, blieb er stehen. »Nicht!«
Sie erstarrte. Ja, sie hatte es auch gehört. Jetzt verstand sie auch, weshalb er in den Wald gegangen war: Er hatte etwas Verdächtiges gesehen oder gehört und wollte nachsehen. Den Stab über den Kopf gehoben war sie erstarrt und ihr Ohr zuckte, als sie etwas rechts von sich vernahm. Sie wollte in defensive Haltung gehen, aber jemand oder etwas hielt ihren Stab fest und hinderte sie daran. Ehe sie sich versah, war überall um sie herum eindeutig menschliche Bewegung, und als sie den Ersten angreifen wollte, hielten Männerhände sie fest und eine wahre Pranke drückte ihr den Mund zu. Von Mico war nichts zu hören.
Hektisch wand sie sich im Griff der Person und spürte hartes Metall zwischen sich und dem Angreifer. Eine Panzerung, zweifellos. Gepanzerte Soldaten. Viele davon. Und niemand hatte sie kommen sehen. Das konnte nur eines bedeuten: Cecilias Schiff hatte sie gefunden.

Stadt der Lügen
Die Unterwelt war so unwirklich, dass Leén beinahe geglaubt hätte, durch einen besonders finsteren Traum zu laufen. Noch immer war sie benommen und es kostete sie einiges an Kraft, auf den Beinen zu bleiben. Machairis Dunkelheit war stets nur temporär gewesen. Überwältigend und plötzlich hatte sie sie erdrückt und dann nach kurzer Zeit wieder losgelassen. Hier war es anders. Die Finsternis war allgegenwärtig. Von allen Seiten drückte sie auf Leén ein und ihr Licht focht tief in ihrem Inneren einen unaufhörlichen Kampf dagegen, den es nicht gewinnen konnte. Es war ihr am Vortag kaum gelungen, das Licht zurückzuhalten, und sie hatten viel zu schnell aufhören müssen. Nun konnte sie es kaum erreichen, spürte nur einen Schatten der üblichen Kraft und wünschte sich, Machairi hätte sie gezwungen, weiterzuüben. Hätte sie echte Kontrolle gelernt, hätte sie es vielleicht festhalten können.
Schon im Fall hatte sie die Kontrolle verloren. Die plötzliche Dunkelheit und Leere waren so allgegenwärtig und unendlich gewesen, dass sie keine Chance gehabt hatte, dagegen zu stehen. Als das Licht nicht hatte ausbrechen können, hatte die Panik sie überkommen und für viel zu lange Zeit war sie in einen unangenehmen Zustand verfallen, in dem ihr Körper trotz ihrer Ohnmacht gezuckt hatte und versucht hatte, sie in Sicherheit zu bringen. Es war ihm natürlich nicht gelungen. Ironischerweise war es ausgerechnet Machairis Stimme gewesen, die sie zurückgebracht hatte. Sie würde wohl nie ganz verstehen, was dieser Dämon an sich hatte, dass er sie in beiden Extremen beeinflussen konnte.
Wie durch ein Wunder hatte sie trotzdem genug Hoffnung schöpfen können, um aufzustehen und dem Dämon durch seine Heimat zu folgen. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie irgendetwas Lebendiges von hier kommen sollte. Erst recht nicht etwas so Perfektes wie Machairi. Doch was sollte er anderes sein als ein Dämon oder eine andere Kreatur aus der Unterwelt, wenn die Dunkelheit ihm so anhaftete wie ihr das Licht? Vielleicht war er ihr Gegenstück, oder sie sein Gegenstück. Wenn immer Gleichgewicht herrschen musste, konnte es doch sein, dass einem Götterkind ein Dämonenkind folgte, oder? Der Gedanke, dass Ebos persönlich sein Vater sein könnte, drängte sich unweigerlich auf und ließ ihr jedes Mal wieder beinahe die Beine einknicken. Ihn fürchtete sie am meisten. Es war hier schließlich nicht ausgeschlossen, dem Herrn der Unterwelt persönlich zu begegnen.
Sie hätte kotzen können, aber glücklicherweise war ihr Magen leer. Immerhin schien auch Machairi diesen Ort nicht zu mögen. Sie hatte trotz ihres Schwindelanfalls mitbekommen, dass er eindeutig gezögert hatte, bevor er sie hier hinabgezerrt hatte, und er hatte auch schon zuvor mit Bitterkeit von der Unterwelt gesprochen. Vielleicht hatte er Streit mit seiner Familie oder gar mit Ebos selbst und wollte deshalb nicht hierher zurück. In dem Fall waren sie sicher dazu verdammt, hier ihr Ende zu finden. Stöhnend rieb Leén sich die Stirn. Es war schwierig, hier klare Gedanken zu fassen, so sehr wie ihr die Dunkelheit aufs Gemüt drückte. Trotzdem war es der einzige Weg, um bei Verstand zu bleiben.
Es war fast ermutigend zu sehen, dass es Koryphelia noch schlechter ging als ihr. Die Prinzessin schien durch die Mutlosigkeit, die hier sogar in der Atemluft hing, so eingenommen, dass sie dort an Ort und Stelle sitzen geblieben wäre, hätte Machairi sie nicht gezwungen weiterzugehen. So einfach hätte nicht einmal Leén aufgegeben, auch wenn sie die Versuchung gespürt hatte. Inzwischen drehte sich Leén immer wieder um, um zu überprüfen, ob das jüngere Mädchen überhaupt noch da war oder ob sie sich einfach irgendwo hatte zu Boden sinken lassen. Wieder wirkte es, als würde Machairi sie ausblenden und sich gar nicht darum kümmern, dass es gut passieren konnte, dass sie aus Versehen einen von ihnen verloren. Immerhin war die Landschaft hier so eben, dass man sie noch eine ganze Weile hätte sehen können, bevor sie für immer verloren war. Überhaupt war es Leén ein Rätsel, wie der Schatten wusste, in welche Richtung er sich halten musste. Es gab keine Sonne, keine Sterne und die Monde waren im gleichen Abstand als Kreis im Himmel über ihnen verteilt. Wie sollten sie überhaupt wieder entkommen, wenn sich die Portale in solcher Höhe befanden? Es war schön und gut, dass ihr Licht, falls es denn erreichbar sein würde – denn gerade fühlte es sich weit fort und unerreichbar an –, das Tor vielleicht öffnen konnte, aber dafür waren sie noch lange nicht nah genug dran, um es überhaupt zu versuchen. Sie hoffte, dass Machairi diese Frage bedacht hatte. Sie tröstete sich damit, dass er vermutlich schon einmal hinausgegangen war – außer er war wie sie unter den Menschen geboren, dann waren sie vielleicht doch verloren. Der Gedanke, dass er sie anhand einer Vermutung hier hinabgezerrt hatte, die ihn hoffen ließ, dass sie es auch zurückschaffen würden, war beängstigend. Der Gedanke war leider nicht besonders abwegig, schließlich schien er stets überzeugt, dass er genau die richtigen Schlüsse zog. Doch was, wenn er nicht unfehlbar war? Es war nutzlos, sich darüber jetzt Sorgen zu machen. Das hielt sie nicht davon ab, es trotzdem zu tun.
Je länger sie sich durch die Steppe schlugen, desto verwirrter war Leén davon. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es eine so große leere Fläche in der Unterwelt geben würde. Überhaupt war es komisch, dass es sogar Pflanzen gab. Wovon lebten die hier, wenn es weder Wasser noch Sonnenlicht gab? Es war zwar nicht ausgeschlossen, dass es Nacht war und die Sonne bald aufgehen würde, aber besonders wahrscheinlich kam das Leén nicht vor. Kein Ort von solcher Trostlosigkeit konnte jemals von einem Sonnenstrahl berührt worden sein. Seltsam war auch, dass es keine Geräusche gab. Ihre Stimmen hatten unheimlich seltsam und viel feiner geklungen, aber von der Umgebung drang kein Laut an ihr Ohr. Schon nach kurzer Zeit fühlte es sich an, als habe sich Druck auf ihre Ohren gelegt. Zwischendurch glaubte sie gar, es wäre noch schlimmer als unter Wasser, aber dann schnippte sie mit den Fingern neben ihrem Ohr und hörte, wie das Schnalzgeräusch die Stille durchdrang. Es war viel leiser, als es oben gewesen wäre, und auch ihre Schritte auf dem teils sehr steinigen Boden waren kaum zu hören. »Weißt du, wo du hinmusst?«, fragte sie schließlich laut an Machairi gewandt, um endlich wieder etwas zu hören und die Stille zu durchbrechen und die Gedämpftheit zu überwinden. Wenn sie ehrlich war, wollte sie auch gerne noch einmal hören, wie seine wundervolle Stimme hier klang. Es war ein lächerlicher Gedanke, aber seine feine Melodik fuhr ihr hier noch mehr in den Magen als vorher. In der Taubheit dieser Welt war das beinahe angenehm und inzwischen brauchte sie dringend etwas neue Motivation, sonst würde sie bald die sein, die sich auf den Boden sinken ließ und nicht weiterlief.
»Nicht so laut, Rish. Wir wollen keine ungewollte Aufmerksamkeit«, antwortete er mit alter Ruhe und in perfekter Harmonie. Diese Stimme war ebenso unnormal wie die Präzision, mit der er seine Messer warf. Sie wollte mehr davon hören, außerdem hatte er ihre Frage nicht beantwortet. Nebenbei fragte sie sich, wer oder was ihnen hier Aufmerksamkeit schenken sollte. Bis auf das farblose Gras gab es hier nichts, dem sie irgendeine Lebendigkeit zugeschrieben hätte.
Etwas leiser versuchte sie es noch einmal. »Weißt du, wo es ist?«, fragte sie. Ihre Stimme war zwar unangenehm fremd, aber tatsächlich überraschend wohlklingend. Es klang, als würde sie in der Luft in ihre Bestandteile zersetzt und in ihrem Ohr neu und besser wieder zusammengefügt.
»Ja.« Er wandte sich nicht zu ihr um, aber immerhin antwortete er ihr. Seit sie ihn kannte, hatte sie eine Antwort ernsthaft zu schätzen gelernt.
»Weißt du auch, wie wir dahin kommen?« Die Faszination über die Präzision der Töne rückte hinter ihrer Sorge zurück. Wissen, wo es war, konnte er auch über irgendwelche Überlieferungen oder Reolet, schließlich musste auch jemand das Orakel hier hinabgebracht haben. Vielleicht war jene Person erfolgreich in die Welt der Lebenden zurückgekehrt?
Dieses Mal ließ die Antwort länger auf sich warten. Ein wenig hoffte sie, dass er einfach nur genervt von ihren Fragen und nicht wirklich unsicher war. »Theoretisch«, sagte er schließlich und das klang überhaupt nicht verheißungsvoll.
Etwas schockiert starrte sie seinen Rücken an und ballte die zitternden Finger zu Fäusten. Auch die Prinzessin schien aufgehorcht zu haben. Sie hatte dunkle Schatten unter den Augen, die selbst in der Farblosigkeit hier zu sehen waren. Sah Leén selbst etwa auch jetzt schon so aus, als habe sie tagelang nicht geschlafen? Vielleicht, so fühlen tat sie sich allemal. »Was soll das denn heißen?«, fragte die Königstochter alarmiert und beide Mädchen erwarteten bangend eine Antwort.
Machairi blieb stehen und drehte sich zu ihnen um. Es hätten ebenso gut Funken von den schwarzen Augen stieben können. »Ich bin nie dort gewesen. Hört auf mit der Panik. Beide! Das zieht den Ärger an.« Der scharfe Unterton klang hier ebenfalls stärker aus seiner Stimme als sonst. Es war wahrlich faszinierend und in diesem Falle geradezu furchteinflößend. Kurz machten sie sich klein unter dem tadelnden Blick, den er ihnen zuwarf, dann drehte er sich um und ging weiter.
Korys Lippen bebten und sie sah aus, als würde sie im nächsten Moment in Tränen ausbrechen. Ihre Augen schwammen und Leén sah gerade noch rechtzeitig, dass sie Anstalten machte, sich hinzusetzen. Hastig griff sie nach dem Arm der Prinzessin und zog sie weiter. Sie mussten weitergehen, das hatte sie in der Wüste gelernt. Es war bezeichnend, dass Hareths Wüste gegen diesen Ort geradezu einladend wirkte, obwohl sie gedacht hatte, dass es keine unangenehmeren Voraussetzungen geben konnte. Sie war nicht bereit herauszufinden, wie viel schlimmer die Unterwelt werden konnte, denn Machairis Anspannung war zwar subtil, aber trotzdem vorhanden. Er versteckte sie noch besser als damals, als er den Drachenbiss zu verbergen versucht hatte, aber seit sie hier waren, war er noch wachsamer und wirkte fast besorgt. Vielleicht äußerte sich dieser Zustand darin, dass er Antworten gab, wo er sonst geschwiegen hätte. Er war eben doch nicht vollkommen. Dämon oder nicht, er hatte zumindest ein wesentliches Maß Menschlichkeit und damit musste es möglich sein, ebenso stark zu sein, wie er es war.
Leén beschloss, dass sie ihm wohl oder übel vertrauen mussten, wenn sie nun schon hier waren. Das Einzige, was sie tun konnten, war, ihm kein Klotz am Bein zu sein. Es konnte doch nicht so schwierig sein, sich ebenso zusammenzureißen wie er. Schließlich musste er die niederdrückende Schwere hier ebenso fühlen. Mit diesem Beschluss zog sie Kory mit sich und brachte sich selbst neuen Antrieb.
Diese neue Motivation aufrechtzuerhalten, war anstrengend und wurde hart auf die Probe gestellt, doch irgendwann tauchten vor ihnen dunkle Schatten auf, die zuvor nicht dort gewesen waren. In einer Welt aus Graustufen war das schwer festzumachen, aber je näher sie kamen, desto mehr glaubte sie, dass es sich um eine Art Dorf handeln mochte. Lebten Dämonen in Dörfern? Wie viele Dämonen gab es überhaupt?
Leén wusste nicht, worauf sie da zusteuerten. Klar war nur, dass Befestigungen bedeuteten, dass dieser Ort bevölkert war oder es zumindest gewesen war. Das war unvorstellbar. Sie hatte sich die Unterwelt als eine einzige große Folterkammer mit Lavaflüssen und einer Menge Feuer vorgestellt. Dämonen als entstellte Menschen oder unwirklich perfekte Menschen wie Machairi würden die Folter ausführen und über alldem hätte ein Thron gestanden, von dem der Herr der Unterwelt das Leiden überwachte. Ein Dorf passte in dieses Bild nicht hinein.
Bald schon konnte man die ersten Häuser von den anderen abgrenzen und als sie noch etwas näherkamen, konnten sie hinter jenen Gebäuden eine gewaltige Mauer emporragen sehen. Bedrohlich erhob sich das Bauwerk über die Ebene und schon von Weitem wollte man am liebsten die Flucht ergreifen. Andererseits wollte Leén ohnehin schon die ganze Zeit die Flucht ergreifen und immerhin sah es aus, als kämen sie ihrem Ziel so näher. Kory wimmerte leise und stemmte sich mehr und mehr gegen Leén, sodass sie bald Schwierigkeiten hatte, die Prinzessin zum Weitergehen zu bewegen. Der Anstrengung war Leén nicht gewachsen und als das Mädchen sich schließlich endgültig auf den Boden sinken lassen wollte, konnte sie sie nicht daran hindern. »Komm schon«, bat Leén sie flehend. »Mach es uns doch nicht noch schwerer.« Aufzugeben war keine Lösung, das musste ihr doch klar sein.
»Was immer hinter dieser Mauer liegt, ist nichts für mich«, hauchte die Prinzessin, starrte angstvoll auf die Mauer und kauerte sich weiter am Boden zusammen. »Es ist furchtbar hier«, wimmerte das Mädchen und von ihrem Stolz war nichts mehr übrig.
Leén seufzte und hockte sich vor ihr hin. »Die Ewigkeit hier zu verbringen ist doch auch keine Lösung, oder?« Sie streckte eine Hand aus. »Wenn wir wieder zurückwollen, müssen wir jetzt weitergehen.« Es kostete sie ein riesiges Maß an Beherrschung, sich ein Lächeln abzuringen, aber ihr Überlebenswille hatte endlich wieder angeschlagen. Sie wollte nicht für alle Ewigkeit in dieser grausigen Melancholie feststecken und es würde ihr gelingen, einen Weg zu finden. Machairi hatte zumindest einen Plan und wenn der nicht funktionierte, würde sie eben auf etwas anderes zurückgreifen müssen. »Wirklich etwas zu verlieren haben wir nicht, oder?«
Koryphelia schniefte und sah erneut der Mauer entgegen und zu Machairi, der immerhin stehen geblieben war und auf sie wartete. Interessiert musterten seine schwarzen Augen die beiden Mädchen und wie so oft fragte sich Leén, was er wohl dachte. Korys Tränen fielen auf den staubigen Untergrund und wurden sofort davon verschlungen. Kein feuchter Fleck blieb zurück und nichts zeugte davon, dass vor wenigen Sekunden ein Tropfen zu Boden gefallen war. Nicht einmal Fußspuren hatten sie hinterlassen. Was ein verfluchter Ort. Vielleicht war es innerhalb befestigter Mauern besser als in dieser trostlosen Endlosigkeit. Zögernd schob Kory die Finger in Leéns Hand und ließ sich auf die Füße ziehen. Noch immer unglücklich, aber vielleicht etwas weniger entmutigt ging sie weiter und immerhin dieses Hindernis war für den Moment überwunden.
Die Häuser entpuppten sich aus der Nähe als Ruinen. Manche waren einfach leerstehend, ohne Türen in den Angeln und mit gähnend leeren Fenstern. Bei anderen war der Dachstuhl eingefallen und ins Innere gebrochen und bei wieder anderen stand nicht mehr als das Fundament und kleine Umrisse ließen erahnen, dass dort mal ein Haus gewesen sein mochte. Direkt vor der Mauer lag das kleine Dorf und als sie zwischen den Häusern entlangschlichen, fühlte Leén sich unangenehm beobachtet von den leblosen Ruinen und dunklen Ecken. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht zu fragen, wer hier gelebt hatte. Jedes Geräusch, so wunderschön es auch durch die Luft getragen werden mochte, konnte sie verraten. Wer wusste schon, was in diesen alten Gemäuern lauerte? Ein eiskalter Schauer nach dem anderen rann ihr über den Rücken und auch Koryphelia ging nun wieder von sich aus schnell genug. Sie konnte es wohl genauso wenig abwarten wie Leén, endlich dieses Nichts zu verlassen, und sie wollte sicher nicht allein zurückbleiben.
Aus der Nähe war die Mauer noch höher, als sie aus der Ferne ausgesehen hatte. Bestimmt hundert Schritt ragte das Bollwerk vor ihnen in die Höhe, aus so ebenem Stein erbaut, dass es aussah, als wäre sie aus einer einzigen Felsmasse geschliffen worden. Dunkle Mächte mussten am Werk gewesen sein, um dieses Ungetüm zu schaffen. Welche Seite sollte diese Mauer wohl vor der anderen schützen? Widerwillig beeindruckt legte Leén den Kopf in den Nacken und blickte den schwarzen Stein empor. Es machte ihr erst richtig bewusst, dass es hier Dinge gab, die in ihrer Welt undenkbar gewesen wären, obwohl es auch dort Magie und Unglaubliches gab. Das Beunruhigende daran war, dass sie den Bedrohungen der Unterwelt so vollkommen unvorbereitet gegenüberstanden. Warum hatte sie nicht wenigstens mehr Zeit gehabt, um ihr Licht zu trainieren? Das wiederum schien weiter fort denn je. Je näher sie der Mauer gekommen waren, desto dunkler war es geworden, und anstatt sie geradewegs in die Ohnmacht zu schicken, lähmte es Leén.
In Sichtweite eines Tores, das ebenso düster wie das Gestein vor ihnen lag, blieb Machairi stehen. Leén trat neben ihn, um sein Gesicht sehen zu können. Grimmige Entschlossenheit lag auf seinen Zügen und leider schien sich auch ein Hauch von Sorge dazuzugesellen. Wenn selbst er seine Besorgnis nicht verbergen konnte, war etwas im Argen. Ihre Sorge wuchs noch weiter an, als der Schatten nun endlich das Wort an seine Begleiterinnen richtete, denn es klang die Anspannung in der wundervollen Vielschichtigkeit seiner Stimme mit. »Die Stadt jenseits dieser Mauer ist trügerisch. Lasst euch nicht ansprechen, antwortet nicht und lasst euch nicht auf Versprechungen, Drohungen oder Bitten ein. Es ist eine Stadt der Lügen, die sich nicht um Wahrheit schert.« So eindringlich und vor allem ausführlich hatte sie Machairi niemals sprechen hören. Er hatte sich zu ihnen gedreht und sah sie beide so ernst mit seinen schwarzen Augen an, dass Leén erschauderte. Sie würde die Schönheit darin niemals ganz verstehen. Selbst hier war sie noch da, wo es doch nichts zu geben können schien, was in irgendeiner Form Schönheit versprechen mochte. »Vertraut niemandem«, fügte er noch einmal hinzu, als beide Frauen ihn nur anstarrten.
Leén nickte mit einem dicken Kloß im Hals und versuchte, sich diese Worte ins Gedächtnis zu brennen. Auch Kory nickte zögernd und die Angst in ihren Augen hatte nur noch zugenommen. Die Harethi selbst ballte eine Hand zur Faust, um sie am Zittern zu hindern. »Wieso gibt es hier eine Stadt? Leben dort Dämonen?« Das Wort allein reichte aus, dass ihr das Herz in die Kniekehlen rutschte. Erneut erinnerte sie sich an die dunkle Gestalt in ihrem Schlafzimmer und dass Machairi behauptet hatte, es habe sich nicht um einen Dämon gehandelt.
»Hier gibt es nichts, was die Bezeichnung ‚Leben‘ verdienen würde.« Da. Da war eine Emotion auf seinen Zügen. Nur für einen Bruchteil einer Sekunde und doch eindeutig flatterte Abscheu über sein Gesicht, bevor die glatte kalte Entschlossenheit zurückkehrte. »Die Stadt ist für die Toten. Die Verdammten und Verlorenen gehen hier ihren Aufgaben nach.« Dieses Mal schlich sich keine Emotion in Machairis Kälte, aber sie glaubte ihm trotzdem anzusehen, wie sehr ihm dieser Ort missfiel. Er sah nicht aus wie ein Heimkommender. Es wirkte mehr, als wolle er in den Kampf ziehen.
»Aufgaben?«, fragte Kory überrascht und es war das erste Mal, dass sie tatsächlich etwas sagte, was die Grenzen ihrer Schwermütigkeit überschritt. »Jene, die nicht in der Gnade der Götter stehen, sollen doch hier gefoltert werden, oder nicht?« Das hörte sich schon wieder mehr nach der geschwollenen Ausdrucksweise der Prinzessin an oder aber als habe sie es geradewegs aus einem Text der Zylonkirche zitiert.
»Nicht jede Folter wird in einer Folterkammer mit Peitschen und Streckbänken ausgeführt«, antwortete Machairi und blickte erneut der Stadtmauer entgegen. »Unendlichkeit in eintöniger Ausführung einer verhassten Arbeit ohne Ausweg, Ablenkung oder Amüsement ist eine ganz eigene Art von Folter.«
Das klang tatsächlich grausam, auch wenn Leén ebenfalls erwartet hatte, dass die Strafe mit dem Vergehen zusammenhing. Doch vielleicht war der Sinn der Unterwelt gar nicht, zu vergelten, sondern einfach nur zu strafen. »Was passiert, wenn man sich weigert oder doch irgendeine Form von Vergnügen sucht?«, fragte sie, obwohl sie nicht sicher war, ob sie die Antwort hören wollte.
»Die Konsequenzen für Verweigerung willst du hier ebenso wenig tragen wie oben und was dich erwartet, wenn du wegläufst, hast du ja gesehen.« Er deutete auf die leere Weite, aus der sie gekommen waren. Die Frage nach der Freude ließ er unbeantwortet, aber vielleicht konnte sie sich das auch selbst denken. Schließlich wirkte es unmöglich, die drückende Verzweiflung abzuschütteln. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man sich je daran gewöhnte, und es war gut möglich, dass sich jede gefundene Freude augenblicklich ins Gegenteil kehrte. Die Stadt machte ihr Angst, aber skurrilerweise war sie fast neugierig zu sehen, wie die Dinge hier liefen. Wenn sie die Wahl gehabt hätte, hätte das niemals ausgereicht, um sie in diese Stadt zu bringen, aber es reichte jetzt, um sie nicht zur vollen Verzweiflung zu bringen. Deshalb nickte sie und straffte sich, allen Mut zusammenklaubend, den sie noch hatte, und bereitete sich darauf vor, Machairi in die Stadt der Lügen zu folgen.
Kory sagte nichts weiter, aber auch sie schien in der Lage, sich zusammenzureißen, als sich ihre beiden Reisegefährten wieder in Bewegung setzten. Leén beschloss, weiterhin ein Auge auf das Mädchen zu haben. Sie war schließlich erst fünfzehn. Es war sicher leichter, sie mit gesäuselten Worten und falschen Versprechungen hinters Licht zu führen. Leén selbst hatte sich vorgenommen, einfach nicht zuzuhören, egal was gesagt wurde.
Sicheren Schrittes trat Machairi auf das Tor zu. Er hatte nicht erwähnt, wie sie hindurchkommen sollten. Beinahe glaube sie, schon am Tor auf den ersten Ärger zu treffen, aber er schritt unbeirrt weiter auf die geschlossene Pforte zu. Ohne dass er auch nur klopfen musste, schwangen die Flügel des Tores auf und gaben den Weg frei. Völlig unverhofft hallte ihr plötzlich eine fast vergessene Stimme durch den Kopf. Kratzig und rau war sie gewesen und die alte Frau hatte mehr Sinnlosigkeiten von sich gegeben, als dass sie tatsächlich etwas Zielführendes gesagt hatte, aber trotzdem echote Leén in diesem Moment eines von Guras Worten durch den Kopf. Schattenprinz.
Tatsächlich schien sich die Dunkelheit nach ihm auszustrecken, ein Effekt, den sie schon häufiger beobachtet hatte. Er verschmolz mit dem Schwarz der farblosen Welt um sie herum und für einen kurzen Moment war sie doch wieder sicher, dass er Ebos‘ Sohn sein musste. Es klang wie ein dummes, abergläubiges Gerücht, aber sie waren in der Unterwelt und Gerüchte enthielten doch auch immer einen wahren Kern. So kostete es mehr Überwindung als erwartet, sich wieder in Bewegung zu setzten und dem Schatten durch das Tor der Stadt zu folgen.
Leén hatte noch nie einen vergleichbaren Ort erlebt. Wie schwerer Regen hingen Niedergeschlagenheit und Gram in der Luft. Es deckte sich über die ganze Stadt und ließ die grauen Häuser noch trister erscheinen. Die geraden Straßen, die sich gesäumt von gleichförmigen Häusern vor ihnen erstreckten, erinnerten an Kefa. Doch selbst die enge Hauptstadt Cecilias, die für Leén eindrucksvoll, aber auch beängstigend gewesen war, war mit ihren grauen Steinen freundlicher als diese Stadt. Noch immer gab es keinen einzigen Farbklecks. In der Ödnis hatte sich das Auge an die vielen Graustufen gewöhnt, aber hier, wo es hätte Farben geben müssen, war es zum Verrücktwerden. Außerdem war es schrecklich still für so eine große Stadt. Die seltsame Akustik der Unterwelt blieb ungenutzt und nur selten trug der Hauch eines Flüsterns an ihre Ohren. Es war windstill wie schon in der Steppe und obwohl gelegentlich die ein oder andere Person über die Straßen eilte, hätte es sich ebenso gut um eine Geisterstadt handeln können. Hier wohnte Traurigkeit. Es löste seltsame Beklemmung in ihr aus, diese bedrückten Menschen zu sehen. Die Harethi hatte sich gefragt, ob sie nicht auffallen würden, wenn sie mitten durch eine Stadt liefen. Sie hatte gedacht, dass die Menschen sie erblicken und in wildes Getuschel ausbrechen oder sie gar direkt ansprechen würden, aber sie wurden kaum eines Blickes gewürdigt. Den meisten Leuten schien ihre Anwesenheit geradezu egal zu sein.
Taube Niedergeschlagenheit schloss sich noch fester als zuvor um Leéns Herz und sie fühlte sich, als könnte sie augenblicklich in Tränen ausbrechen. Die Ängste, die sie auf dieser Reise mit sich trug, waren nur noch gewachsen und ihre vorher aufgekommene Neugierde war zerbröckelt. Sie konnte sich kaum mehr dazu motivieren, sich umzusehen, anstatt einfach auf die Kopfsteinpflasterstraße hinabzublicken. Das Tor hatte sich hinter ihnen geschlossen und weckte zusätzlich zur tiefen Traurigkeit ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Leén glaubte nicht, dass sich das Tor wieder so leicht für sie öffnen würde, wenn sie die Stadt verlassen wollten. In der Ferne, ähnlich wie in Kefa, erhob sich eine gewaltige Festung, die noch erdrückender über ihnen thronte als die Mauer. Schwarze Fahnen wehten an den Türmen, auch wenn es kein Lüftchen zu geben schien, und kalter schwarzer Stein bildete Wände und Zinnen. Wie Wolken oder Schwaden umfing die Dunkelheit jene Festung und ließ keinen Zweifel daran, wer dort residieren mochte. Leén wusste, dass ihr diese Finsternis sonst schrecklich auf den Magen geschlagen wäre und sie das Licht niemals hätte zurückhalten können. Doch Licht schien so fern an diesem Ort, dass nicht einmal die stärkste Finsternis es zu rufen vermochte.
Mit schwerem Herzen und Trauer in den Augen schleppte sie sich durch die Straßen, achtete kaum mehr auf Koryphelia, der die Tränen über die fahlen Wangen rannen. Während sie durch diese lieblose Welt voller Unheil und Gram liefen, verstand Leén, weshalb niemand hier Freude zu spüren vermochte. Noch nie hatte sie etwas derartig Niederschmetterndes erlebt und je länger sie hier waren, desto mehr drängten sich Erinnerungen auf. Sie wirbelten durch ihren Kopf und zwangen sie unaufhörlich, sich an Dinge zu erinnern, die sie lieber in sich verschloss. Der Tod ihrer Mutter. Die Gefangennahme ihres Vaters. Der Hunger im Bienenstock. Der Hass, der ihr so oft wegen ihrer Herkunft entgegenschlug und die Angst, die sie seit einiger Zeit kaum mehr ablegen konnte. So gut sie konnte, verbannte sie jeden Gedanken, drückte sie dahin zurück, wo sie hergekommen waren. Mehr und mehr wühlte sie selbst ihr Inneres auf und doch schien es nichts zu geben, was sie dagegen tun konnte. Sie reihte sich ein in den schwermütigen Reigen, der diese Stadt in seinen Bann riss. Endlos und schwer, gezeichnet von dem Horror, den hunderte Menschen in ihrem Leben erlebt hatten und jeden Tag aufs Neue rekapitulierten, während die Erinnerungen an glückliche Zeiten verblassten, das Grau der Stadt annahmen und zu nichts als Rauch wurden.
Die Menschen, an denen sie vorbleiliefen, während Machairi sie zielsicher durch die farblosen Straßen führte, blickten sie mit der gleichen Traurigkeit an. Verzweiflung und Schmerz hatte tiefe Furchen auf alle Gesichter gezeichnet. Es machte die Leute älter und keiner hielt sich mehr aufrecht. Sie alle bückten sich unter dem Joch, das diese Welt ihnen aufbürdete. Nichts ließ einen Schluss darüber zu, wer diese Menschen im Leben gewesen waren. In der Farblosigkeit verschwammen die Grenzen, die Kleider hätten ziehen können, und es schien keine Rolle zu spielen, in welcher eintönigen Tätigkeit man für immer festsaß. Obwohl es echte Berufe zu geben schien, war es kaum vorstellbar, dass irgendjemand hier eine Arbeit verrichten durfte, die ihm gefiel. Endlos schien die Stadt, wenn auch nicht groß genug, um all die Menschen zu fassen, die im Laufe der Geschichte in die Unterwelt verbannt worden sein mussten. Für einen kurzen Moment flammte die Hoffnung auf, dass es vielleicht doch eines Tages einen Ausweg geben konnte für die unglücklichen Seelen an diesem Ort. Dann fiel Leén ein, dass sie nicht sagen konnte, wie groß das Ausmaß dieser Stadt war, und dass Ebos sicher niemanden freiwillig aus seinen Fängen entließ.
Als Machairi einen schnellen Schritt in einen der Schatten machte, konnten die beiden Mädchen gar nicht schnell genug reagieren. Von einer Sekunde auf die nächste war er verschwunden und einen Augenblick später bogen zwei Gestalten in die Straße ein, auf der sie sich gerade befanden. Wie automatisch wich Leén an den Rand der Gasse zurück und senkte den Kopf. Furcht durchschlug die Traurigkeit wie eine Faust eine dünne Membran und sie hielt den Atem an. Die Gestalten hatten keine feste Masse oder erkennbare Züge. Es war, als spiele man ein Daumenkino mit einer anderen schwarzen Gestalt auf jeder Seite ab. Eine nicht enden wollende Ansammlung düsterer Silhouetten umwoben von leichten Schlieren dunkler Masse.
Kory und Leén wichen den Gestalten aus, so gut sie konnten, versuchten, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und hielten es so wie alle anderen Menschen auch. Machairi war nirgends zu sehen und Leén fragte sich, ob er nicht gesehen werden wollte oder ob er von dem gleichen Gefühl, diesen Wesen aus dem Weg gehen zu müssen, ergriffen worden war. Waren dies nun Dämonen? Ihre flüssige und doch menschliche Gestalt war jedenfalls, wie Leén es sich vorgestellt hatte. Es musste sich um Kreaturen handeln, die ohne Gutes geschaffen worden waren. Furcht, dass sie sie angreifen mochten, weil sie erkannten, dass sie sich hergeschlichen hatten, ergriff Leén und plötzlich hätte sie alles darum gegeben, ebenso in den Schatten verschwinden zu können wie Machairi. Wo war er hin? Warum ließ er sie hier allein? War dies der Moment, in dem Korys Blut von Bedeutung war? Warum hatte sie Tränen in den Augen, obwohl sie an nichts denken konnte als die lähmende Angst, die ihr Herz zerfleischte?
Doch die Schattenwesen beachteten sie nicht. Sie blieben vor einem nahen Haus stehen, das sich äußerlich nicht von den anderen unterschied. Die Tür dieses Hauses war verschlossen und die Fenster waren dunkel. Bekamen die Toten Schlaf? Oder durchbrach nicht einmal die Nachtruhe ihre unendliche Eintönigkeit? »Kedrick.« Vielschichtig und wie von hunderten Stimmen gleichzeitig gesprochen echote das Wort durch die Luft. Es ließ Leén das Blut in den Adern gefrieren. »Kedrick Wellentriel«, sprachen die Schattenkreaturen und es hallte durch die graue Straße. »Todestag.« Wieder und wieder wurden die drei Worte zurückgeworfen, echoten von überall her und schienen nicht verstummen zu wollen. Es war nicht auszumachen, ob die Wesen noch sprachen, oder ob es sich tatsächlich um ein Echo handelte.
Der Mann, der die Tür öffnete, musste von Sinnen sein vor Angst. Leén wäre es gewesen. Sie wusste nicht sicher, was am Todestag geschehen mochte, aber es konnte nur ebenso grauenvoll sein, wie alles an diesem Ort vermuten ließ. In seinen unnatürlich blassen Augen lag der gleiche Ausdruck von besiegter Niedergeschlagenheit, wie ihn auch der Rest der Menschen hier trug, und es mischte sich Resignation hinzu. Auch wenn Leén Furcht in den Augen des Mannes zu sehen glaubte, wirkte er doch, als habe er sich auf abstruse Weise mit seinem Schicksal abgefunden. Was auch immer ihn nun erwartete, musste wahrlich grausig sein, und doch stellte er sich dem. Es mochte an scharfen hohen Wangenknochen liegen, doch sein Gesicht wirkte noch etwas fahler als die Haut anderer Cecilian. Eine Welle von Mitleid überrollte Leén, als sie beobachtete, wie Kedrick Wellentriel sich von den beiden Schattenkreaturen in die Mitte nehmen ließ und mit ihnen ging. Für einen kurzen Moment streifte ein besiegter Blick aus blassen Augen über tiefen Augenringen Leén und die Prinzessin, bevor er ihn auf den Boden richtete und von den Kreaturen um eine Ecke aus Leéns Blickfeld geführt wurde.
Noch einen Moment sah Leén dem Mann hinterher. Erstarrt und schockiert von der Resignation, die sicher nicht nur er hier angenommen hatte. Es machte ihr die Wirkung der Unterwelt auf ganz neue abscheuliche Weise bewusst und sie konnte nicht aufhören zu denken, dass kaum etwas im Leben schlimm genug sein konnte, dass ein normaler Mensch etwas Derartiges verdient haben mochte.
»Rish.« Kalte vielschichtige Melodik riss sie aus ihren Gedanken und sie fuhr zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. »Je weniger du darüber nachdenkst, desto besser.« Er war aus der Dunkelheit hinter ihr aufgetaucht. Eigentlich war dort eine Wand, aber er stand so selbstverständlich neben ihr, als sei dort eine Gasse oder wenigstens eine Tür, durch die er hätte kommen können. Sie bezweifelte, dass er durch das nahe Fenster geklettert war.
»Was passiert am Todestag?«, fragte sie und ihre Stimme zitterte noch immer vor Angst und dem Schauer, der einfach nicht aufhören wollte, sie zu erschüttern, weil sie nicht aufhören konnte, sich vorzustellen, was für Grauen den Mann erwarten mochte.
»Konkrete Strafen für konkrete Vergehen im Leben.« Jetzt erst nahm er die Hand von ihrer Schulter, weil sie sich endlich aus ihrer Starre löste und die dunkle Jacke enger um sich zog.
»Für immer?«, hauchte sie und konnte sich den Horror nicht vorstellen, den das bedeuten musste, wenn man jedes Jahr aufs Neue wusste, dass der Tag kommen würde und dass es kein Entrinnen gab. Sicher wie der Tod und nicht weniger angsteinflößend, aber wiederkehrend und vorhersehbar. Allein das war Strafe genug, wie sie fand. Wie diese Strafen am Todestag dann aussehen mochten, überschritt die Grenzen dessen, was sie sich vorstellen konnte und wollte.
»Denk nicht darüber nach«, riet Machairi ihr noch ein zweites Mal und dann ging er weiter. Sie folgten nicht der Straße, die die Dämonen genommen hatten. Leén war damit beschäftigt, verzweifelt zu versuchen, seinem Rat zu folgen und nicht weiter über die Unterwelt, ihre Strafen und das Grauen nachzudenken, das jeden hier ereilte. Sie versuchte, die drückende Trauer und die aufblitzenden Erinnerungen fortzudrücken, doch sie konnte an nichts anderes denken. Jeder schöne Gedanke, mit dem sie sich abzulenken versuchte, zerfiel unter ihren Fingern, bevor sie ihn zu fassen bekommen und seine süße Wohltat in diesem Schrecken fühlen konnte.
Schließlich zwang Leén sich, sich umzusehen. Wenn sie sich nicht mit dem ablenken konnte, was in ihrem Kopf war, musste sie versuchen, sich auf das zu konzentrieren, was sie sah, ohne anzufangen, darüber nachzudenken, wie grausam das war. Kory schlurfte mit gesenktem Kopf hinter ihr her, vermutlich ebenso in bösen Gedanken gefangen. Leén betrachtete die Menschen und die Häuser und versuchte zu raten, wo sich das Orakel befinden mochte. War es vielleicht möglich, dass es sich um einen Menschen gehandelt hatte? Eine Wahrsagerin vielleicht oder eine andere magische Person, die nie tatsächlich herabgebracht worden war, weil sie sterblich und nicht in der Gunst der Götter gewesen war? Wieder überrollten die Befürchtungen sie und Bilder von der Beerdigung ihrer Mutter blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Was, wenn sie auch hier war? Früher hätte sie gedacht, dass ihre Mutter eine so sanfte und wundervolle Person gewesen war, dass sie unmöglich in die Unterwelt geschickt worden sein konnte. Aber es gab so viele Dinge, die sie nicht über ihre Eltern gewusst hatte, und vielleicht waren die anderen Götter wütend auf die Frau, die der Grund war, dass Jico seine Göttlichkeit aufgegeben hatte. Was geschah mit den Menschen, die eigentlich in der Gunst ihres Vaters gestanden und deshalb nicht hierher gemusst hätten nach ihrem Tod? Vertraten die anderen Götter ihn oder hatte er seine Anhänger dazu verdammt, die Ewigkeit in diesem Hort der Grausamkeit zu verbringen? Der Gedanke schmerzte fast so sehr wie der, hier ihrer Mutter zu begegnen. Jede Harethifrau, die ihnen entgegenkam, jagte Leén einen Adrenalinschub von Angst durch den Magen und jedes Mal war sie erleichtert zu sehen, dass das eingefallene Gesicht nicht ihrer Mutter gehörte.
Gerade als sie glaubte, dass sie nicht mehr lange würde weitergehen können, ohne den Verstand zu verlieren, erreichten sie eine schwarze Wand. Stunden musste es her sein, dass sie das riesige Tor durchschritten hatten. Wie hatte ihr nicht auffallen können, dass sie inzwischen fast direkt vor der Festung standen? Leén fühlte sich schrecklich klein und verletzbar zu Füßen dieses Kolosses. Drohend bohrten sich die Türme den Monden entgegen und der glänzende schwarze Stein schien dunkler als die Dunkelheit selbst. Ihre Kehle schnürte sich zusammen und der Gedanke, dass Machairi sie offenbar geradewegs hineinführen wollte, war so einmalig abstoßend, dass sie sich nicht im Stande sah, ihm zu folgen. Das war keine Frage von mangelndem Vertrauen. Sie konnte einfach nicht. Ganz davon abgesehen war nirgends ein Eingang in Sicht.
»Oh nein«, hauchte Kory plötzlich und Leén fuhr zusammen und sah sich panisch in alle Richtungen um. Waren sie nun doch entdeckt worden? Sie suchte nach weiteren dieser teerartigen Wesen, die sich auf keine Gestalt festzulegen vermochten. Fast glaubte sie, bereits die dunklen Schwaden zu sehen, die sie umgaben.
»Was ist?«, quietschte Leén, als sie keine direkte weitere Bedrohung erkennen konnte, und fragte sich, ob die Prinzessin vielleicht noch später als Leén gemerkt hatte, wohin ihr Weg sie führen würde.
»In einer Übersetzung einer Nietali-Schrift habe ich gelesen, dass …« Sie brach ab, als Machairi ihr ins Wort fiel.
»Die Übersetzung ist schlecht«, knurrte der Schatten. »Hätte dein Großvater nicht beschlossen, dass die Königsfamilie kein Nietali mehr lernt, hättest du das Original gelesen und wüsstest das selbst.« Der Kommentar war erstaunlich scharf, wenn man bedachte, dass Kory nichts dafür konnte. Außerdem drängte sich die Frage auf, was Nietali sein konnte. Offenbar handelte es sich um eine Sprache oder eine Schrift, aber Leén hatte noch nie davon gehört.
»Woher weißt du das?«, fragte die Prinzessin und obwohl sie noch immer kaum Stimme hatte, klang sie nun eher skeptisch als angsterfüllt. Dass die Prinzessin von Cecilia Zugriff auf alte Schriften und Bücher hatte, konnte Leén sich vorstellen. Sie wusste sogar, dass Machairi in die Bibliotheken von Kefa eingebrochen war, um etwas über eine Person zu recherchieren. Vielleicht war er dabei auf den gleichen Text gestoßen – wobei sie auch nicht verstand, weshalb mit der Erwähnung der Sprache sofort klar war, um welchen Text es sich handelte. Woher er dann wusste, dass die Übersetzung fehlerhaft war, oder auch nur, dass der König erlassen hatte, diese Sprache nicht zu unterrichten, war dagegen unklar. Trotzdem wäre das nicht ihre erste Frage gewesen. Sie wollte viel lieber wissen, was denn überhaupt dort gestanden hatte, was die Prinzessin so erschreckt hatte.
»Ich habe das Original gelesen.« Er war hier wirklich gesprächiger. Vielleicht wollte er sie so dazu bringen, möglichst schnell keine weiteren Fragen mehr zu stellen. Eines seiner sagenumwobenen Messer tauchte in seiner Hand auf. Er stieß es direkt in den glatten Stein. Die Frage, die eines der beiden Mädchen zweifellos als nächstes gestellt hätte, blieb ihnen im Hals stecken und sie sahen zu, wie er das Messer ruckartig nach unten zog. Wie eine so kleine Klinge in solch massiven Stein schneiden konnte, war nicht mit den Regeln einer Welt, wie sie sie kannten, erklärbar. Doch dies war schließlich nicht mehr ihr Pyria. Dies war die Unterwelt und in der Unterwelt hinterließ Machairis Messer einen Schnitt im Stein, der ebenso gut in einer Zeltplane hätte sein können. Er klaffte auf wie eine Fleischwunde und dahinter lag völlige Dunkelheit. Es erinnerte Leén an den Riss in der Felswand am Vortag, nur dass dieser tatsächlich bedrohlich war und wohl leider nicht nur von harmlosen kleinen Spinnen bewohnt wurde. Obwohl sie keine Spinnen mochte, hätte sie eine ganze Horde davon in diesem Moment vorgezogen. »Alles ist eine Lüge«, sagte der Schatten und Leén fragte sich, ob das eine Erinnerung oder eine Erklärung war.
Fragen konnte sie nicht, denn er griff Leén und Kory je an einem Handgelenk, wie er es schon vor ihrem Sturz in die Unterwelt getan hatte, und zog sie durch den Schnitt, bevor sie ihren Unwillen auch nur äußern konnten.
Dunkelheit umfing sie und für einen schrecklichen Augenblick fürchtete Leén, dass sie wieder fallen würden. Doch dann gewöhnten ihre Augen sich langsam an die Lichtverhältnisse (wenn man sie denn so nennen konnte) und sie konnte Umrisse erkennen. Machairi zog sie eine Treppe hinab und es war kaum möglich, die nächste Stufe zu erkennen. Sie spürte jemanden hinter sich. Das musste bedeuten, dass er Kory nicht mehr an einem Arm durch die Finsternis zog, sondern sie allein laufen durfte. Vielleicht fürchtete er, dass Leén der Dunkelheit erliegen würde, wenn er sie losließ. Tatsächlich fühlte sie die drückende Schwärze hier stärker gegen ihr naturgegebenes Licht drücken, aber wie vermutet war dieser Ort zu düster, als dass ihr Licht sich hervorgewagt hätte. Sie versuchte, gar nicht erst an die Frage zu denken, ob die Treppe erschienen war, weil er ein Loch in die Wand geschnitten hatte, oder ob er genau gewusst hatte, wo er schneiden musste, um perfekt auf die Treppe zu treffen. Endlos führten die Stufen hinab. Die Wände waren nah und Leén spürte, dass sie zu zittern begonnen hatte. Alles hier war beklemmend. Es war eng in ihrer Brust und ihr Hals war wie zugeschnürt, während sie verzweifelt versuchte, ihren Körper am Zittern zu hindern und das Klappern ihrer Zähne zu unterdrücken.
Die Treppe nahm ein so abruptes Ende, dass Leén viel zu fest auf den Boden trat. Kurz knickte ihr Knie ein und sie stolperte, weil Machairi ihren Arm noch immer festhielt. Der Raum hatte sich geöffnet, sodass die Wände nicht länger in Reichweite waren, und man konnte etwas mehr erkennen. Die Gewölbe, die sich vor ihnen erstreckten, glichen schon viel mehr dem, was sie sich unter der Unterwelt vorgestellt hatte. Der kalte Stein bildete lange dunkle Gänge, die sich teilten und in gähnende Unendlichkeit zu erstrecken schienen, und Leén ahnte, dass es leicht war, hier verloren zu gehen. Sie mussten sich unter dem Palast befinden und wenn sie an die Größe der Stadt und der Festung dachte, würde sich dieses Labyrinth schier endlos ziehen.
Nach einer Leidensgenossin suchend traf ihr Blick automatisch Kory. Sie war auf Machairis anderer Seite. Er hielt auch ihr Handgelenk weiter fest und ihre helle Haut war selbst in den wesentlich dunkleren Graustufen dieses Ganges bleich. Ihre Blicke trafen sich und blanke Angst stand der Prinzessin ins Gesicht geschrieben. Leider fühlte sich Leén davon nicht nur bestätigt, sondern angestachelt. Sie fühlte es also auch. Hier fühlte sie sich direkt beobachtet und bedroht und das Einzige, was zumindest einen Hauch von Sicherheit versprach, war ausgerechnet Machairis Nähe. Während sie die Angst fast wie einen Griff zu fühlen glaubte, die sich wie eine kalte Hand in ihren Nacken legte und die Kälte durch ihren ganzen Körper jagte, rückte sie näher an ihn und griff mit der freien Hand ganz freiwillig nach seinem Arm.
Schweigend gingen sie weiter und sie starrte in die Finsternis vor sich, jeden Moment ein Ungetüm erwartend, das ihnen entgegenspringen würde, während sie die Finger in den schwarzen Stoff von Machairis Ärmel grub und sich auf Korys fast unhörbare Schritte hinter ihr konzentrierte, um sich irgendwie zu beruhigen. Sie versuchte, sich zu sagen, dass er auch in der Unterwelt unschlagbar mit einem Messer war und sie bei ihm so sicher war, wie sie eben sein konnte. Langsam löste Machairi den Griff um ihr Handgelenk und ihr vor Angst rasendes Herz geriet ins Flattern, als sich das weiche Leder des Handschuhs stattdessen richtig um ihre Hand schloss.
Das beruhigte sie so lange, bis sie Korys Blick auf Machairis anderer Seite begegnete, die noch immer nur am Handgelenk gehalten wurde und sie peinlich berührt hoffte, dass die Prinzessin nichts von der Hand des Schattens in ihrer mitbekam. Die siedend heiße Erkenntnis traf sie einen winzigen Augenblick später: Die Gestalt hinter ihr konnte nicht Kory sein.

Feen
Die Welt, die sich um ihn herum erhob, war wie aus tausenden kleinen Kristallen geschaffen. Als Gwyn die Augen wieder aufschlug und sich zwischen Blumen und hohen Gräsern aufsetzte, fiel sein Blick auf diese glitzernden Gebilde, die in den Bäumen hingen. Sonnenstrahlen des ersten Tageslichts tasteten sich durch das Blätterdach und trafen auf die milchigen Konstrukte. Wie kleine Pavillons oder kunstvolle Gebäude sahen sie aus, mit glitzernden Säulen und Details, die so winzig waren, dass der beste Bildhauer sie nicht hätte kreieren können. Zehn dieser kleinen Verschnörkelungen hätten problemlos auf dem Nagel von Gwyns kleinem Finger Platz gefunden, hätte er den Frevel begangen, sie abzubrechen. Die Gebilde selbst waren alle winzig genug, dass Gwyn sie in beiden Händen hätte tragen können. Das größte glich in seinen Maßen in etwa seinem Oberkörper. Sie glitzerten in allen Farben des Regenbogens und warfen ein Lichtspiel zwischen die Bäume, in denen sie hingen wie besonders schöne Bienenstöcke.
Noch faszinierender als die Nester waren jedoch die Wesen, die sie bewohnten. Aus allen Ecken schielten sie hervor, beäugten ihn stumm, wie er völlig baff in ihrer Mitte saß und ihre kleinen Gesichter betrachtete. Sie trugen ein menschliches Antlitz und doch war ihre Haut wie aus Glas. Glatt und durchsichtig, wie sie waren, wirkte es unmöglich, dass sie sich bewegen konnten. Zarte Libellenflügel trugen die winzigen Wesen lautlos in der Luft und ihre Glieder wirkten so zart und filigran, dass man bei der kleinsten Berührung Angst haben musste, sie zu zerbrechen. Der ganze Körper war durchsichtig, sodass Gwyn die Blätter hinter ihnen erkennen und man sie sicher leicht übersehen konnte. Einzig ein leichter Hauch von Rosa war erkennbar, wenn man sie genau betrachtete. Es erinnerte ihn an Rosenquarz, nur schöner und subtiler.
Noch nie hatte Gwyn solche Idylle erlebt. Selbst der Rest der Insel erschien dagegen durchschnittlich und trüb. Dieser Ort war der Inbegriff der Schönheit. Ein winziger Bachlauf plätscherte überwucherte Felsen hinab und die Bäume streckten dichte Kronen neckisch in den Himmel. Saftiges Grün und prachtvolle Blütenkelche umgaben den Feuerspucker und überall schwirrten diese kleinen Feenwesen. Jedes ihrer kleinen Augen ruhte auf ihm, wie er völlig hingerissen und reglos dasaß und die Augen nicht von den Wundern abwenden konnte, die ihn umgaben. Das aufgeregte Tuscheln ihrer hohen Stimmchen war sanft wie das Flüstern des Windes und als sich das erste zögerlich und scheu auf sein Knie sinken ließ, wurde ihm klar, dass er erstmals seit Om’falo etwas wie Frieden verspürte.
Mit einem zaghaften Lächeln betrachtete er die winzige Gestalt, die auf seinem Knie saß und ihn mindestens ebenso fasziniert musterte wie er sie. Selbst ihre langen Haare schienen gläsern, doch sie bewegten sich, wie normales Haar es getan hätte, und als sie mit ihrer winzigen vierfingrigen Hand hindurchfuhr, fiel es in fließenden Strähnen zurück. Insgesamt war die Fee etwas kleiner als Gwyns Hand und er wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, sie dann zu verscheuchen. Er wagte nicht mal zu sprechen, weil der Klang seiner Stimme die herrliche Ruhe dieses Ortes sicher zerstört hätte. Das ferne Zwitschern einzelner Vögel klang schon ungewöhnlich laut. Ganz ruhig saß Gwyn da und beobachtete die Feenstadt um ihn herum, die kleinen, kunstvollen Häuser und die zierlichen Bewohnerinnen. Es war so unwirklich schön, dass er es für einen Traum gehalten hätte, hätte er nicht gewusst, dass sein trauerschwerer Kopf schon lange nichts als Albträume mehr zustande brachte.
Wie viel Zeit verging, in der Gwyn einfach nur still und stumm dasaß und das Lichtspiel in den Bäumen beobachtete, vermochte niemand zu sagen. Doch je länger ihn die Feen beobachteten, desto mehr schienen sie zu glauben, dass er sich nicht im nächsten Moment auf sie stürzen würde. Vorsichtig und zögernd folgten sie dem Beispiel ihrer Schwester und ließen sich langsam bei ihm nieder. Winzige Füßchen trafen seine Schultern und Hände. Sie saßen auf seinen Beinen und seinen Füßen und waren dabei so leicht, dass er ihr Gewicht kaum spüren konnte. Doch jedes der kleinen Wesen schien den Knoten aus Verzweiflung und Schuld in seiner Brust etwas zu lösen. Federleicht waren ihre Berührungen, doch sie brachten gewichtigen Frieden und Trost und für einen Moment fühlte sich alles ein bisschen weniger hoffnungslos an.
Gwyn kannte sich nicht aus mit Magie, hatte stets nur das Feuer gekannt und das mehr als Talent gesehen und weniger als magische Begabung. Es hatte sich nie angefühlt wie Magie, weil es einfach ein Teil von ihm gewesen war und den Umgang zu erlernen sich nicht anders anfühlte, als einen Radschlag zu üben. Jetzt fühlte er, wie diese Wesen, die reine Magie sein mussten, mit ihren hauchzarten Berührungen winzige Impulse direkt in das Magiezentrum in seiner Brust schickten. Das Feuer, das seit seinem Ausbruch in Om’falo jeden Tag stärker gegen die Unterdrückung rebelliert hatte, kam zur Ruhe, ebenso wie Gwyns aufgewühlter Geist. Es vermochte ihn nicht von seiner schwermütigen Stimmung zu befreien, aber es gewährte ihm einen Moment der Ruhe und des Friedens in all der Verzweiflung.
Wenn es nach Gwyn gegangen wäre, hätte es ewig so bleiben können. Leider hatte das Leben eine Neigung, sich nicht dafür zu interessieren, was Gwyn wollte. Viel zu spät hörte er die Angreifer kommen. Er hatte in seiner Trance am Vorabend nicht darauf geachtet, ob er Spuren hinterließ, und es hätte ihn wohl auch nicht gekümmert, wenn er es bemerkt hätte. Fünf cecilianische Soldaten standen zwischen den Feenbäumen, bevor Gwyns Hirn ganz verarbeitet hatte, was die Geräusche im Unterholz jenseits des Dorfes bedeuten mochten. Erschrocken stoben die Feen auf, hätten vielleicht sogar den Neuankömmlingen eine Chance gegeben, wären die nicht in fester Erwartung eines Kampfes gekommen.
Sie brauchten nicht halb so lange wie Gwyn, um ihre Überraschung und Faszination zu überwinden. »Feen«, stieß einer ungläubig hervor. Ein dicker rötlicher Bart wand sich unter seinem Helm hervor und versteckte teilweise das Grinsen, das sich über seine Züge legte.
Gwyn sprang auf die Füße und wünschte sich eine Waffe, irgendetwas, was er benutzen konnte, um diese Männer von diesem Ort fortzuscheuchen. Der einzige Soldat mit Abzeichen am Helm, das im Volksmund nur als Wedel geschimpft wurde, anstatt es als ranghebende Auszeichnung anzusehen, griff nach Gwyn und der Feuerspucker versuchte auszuweichen. Leider war Gwyn ein miserabler Nahkämpfer und weil er sich nicht überwinden konnte, das Feuer freizulassen, war er leider deutlich unterlegen.
»Ich habe gehört, es sind lebendige Glücksbringer!«, sagte ein jüngerer Soldat, der nicht aussah, als habe er überhaupt schon Bartwuchs, während der Anführer Gwyn mit Hilfe eines grobschlächtigen weiteren Gardisten zu Boden rang und fesselte. Es war wahrlich aussichtslos, sich zu wehren, und Wut flammte in Gwyn auf. Sie stachelte das Feuer an, das bereits gefährlich nah vor dem Ausbruch stand. Nur der Gedanke, dass dieser wundervolle Ort danach aussehen würde wie die Altstadt von Om’falo, hielt ihn davon ab, es einfach freizulassen.
Der Letzte machte einen zustimmenden Laut. »Denk an das Vermögen, das Leute mit dem gleichen Aberglauben für ein so‘n Ding blechen würden.« Ältere Soldaten waren häufiger nicht die hellsten Sterne am Himmel. Es hatte einen Grund, dass sie nicht längst in höhere Positionen aufgestiegen waren, aber dieses Exemplar hatte einen ganz besonders dümmlichen Ton. Gerne hätte Gwyn ihm für diese respektlose frevelhafte Aussage kräftig ins Gesicht geschlagen. Leider lag er auf dem Bauch und gefesselt am Boden.
Der Wedel drehte Gwyn auf den Rücken, was seine gefesselten Hände mit einem stechenden Schmerz quittierten. So konnte Gwyn beobachten, wie der Jungspund erstaunlich flink nach einem der schwirrenden Geschöpfe griff und es beim zweiten Mal schaffte, die Hand um den zarten Körper zu schlingen. Alles in Gwyn zog sich zusammen bei dem Anblick, als die Fee ein leises, empörtes Quietschen von sich gab und sich dann verzweifelt gegen die Hand zu stemmen begann. Um sich selbst kümmerte er sich in diesem Moment am allerwenigsten. Er war sich geradezu egal geworden in den letzten Tagen.
»Lasst sie in Ruhe!«, rief er, auch wenn er wusste, dass es nichts bringen würde. »Was seid ihr denn für Menschen?!« Der Junge warf Gwyn einen völlig irritierten Blick zu. War der so blöd, oder tat der nur so? Sein bärtiger Kollege stieß dagegen ein kurzes Lachen aus und wie ein kleiner Junge, der hinter einem Schmetterling herlief, sprang er los und griff nach den Feen. Die stoben auseinander, versuchten, sich in die Höhen zu retten, in denen die Soldaten sie nicht erreichen konnten, während nun schon drei Gepanzerte nach ihnen durch die Luft langten. Der junge Soldat wurde mit kleinen Steinen beworfen und das leise Gezeter der zarten Stimmen schwebte durch die Luft. Gwyn, der unbedingt helfen wollte, begann sich umherzuwerfen und an den Fesseln zu zerren und japste im nächsten Moment nach Luft, als ihm ein schwerer Stiefel auf die Brust trat und ihn am Boden fixierte.
Der Wedel beugte sich etwas vor, sodass er Gwyn direkt ansehen konnte und sein Gewicht noch fester auf den Brustkorb des Zhaki verlagerte. »Wo sind der Messerdämon und die Prinzessin?«, fragte er mit leicht gesenkter Stimme und tat, als würden seine Kollegen nicht wie Wildgewordene hinter ein paar harmlosen Feen her hüpfen oder – wie im Fall des Schrankes – Büsche durchwühlen, als erwartete er ernsthaft, Machairi könnte im Unterholz hocken.
»Weiß ich nicht«, stieß Gwyn hervor und erwiderte den Blick des Mannes mit Wut. Technisch gesehen hätte Gwyn ruhig die Wahrheit sagen können. Geglaubt hätten sie ihm ohnehin nicht. Natürlich kam Machairi zu verraten trotzdem nicht in Frage. Nicht schon wieder.
»Ist es nicht deine Aufgabe, zu wissen, wo dein Herr sich aufhält?«, fragte der Soldat und der drohende Tonfall verschärfte sich. Gwyn erinnerte sich an die braunen Kleider und mit jeder Sekunde schwand der Frieden, den die Feen noch eine Weile hinterlassen hatten, rapide weiter.
Gwyn schob das Kinn vor und weigerte sich, diesem Mann den Respekt entgegenzubringen, den er offensichtlich erwartete. »Wo der ist, weiß ich. Er ist aber nicht Machairi.« Er sah dem Wedel direkt in die Augen und musste nicht mal lügen.
»Ach?« Der Mann nahm den Stiefel von Gwyns Brust und zog stattdessen sein Schwert. Die blitzende Klinge fing das gebrochene Licht der vielen kleinen Gebäude auf und reflektierte die Spektren. Es hätte schön aussehen können, aber kein Schwert, das sich auf seinen Hals richtete, konnte Gwyn aufrichtig als schön bezeichnen. »Mit wessen Unmut muss ich denn dann rechnen, wenn ich dir einfach die Kehle durchschneide?«
Der Feuerspucker fragte sich, ob die Soldaten Mico, Vica und Gina wohl gefasst hatten. Sie mussten seiner Spur schließlich vom Zhakidorf aus gefolgt sein. Am liebsten hätte Gwyn einfach behauptet, dass er in jenem Dorf lebte, aber das hätte ihm früher einfallen müssen. Er zuckte mit den Schultern. Fast war es ihm egal, ob der Wedel seine Drohung wahrmachte. Nur den Feen wollte er so gerne helfen, dass es frustrierend gewesen wäre, jetzt zu sterben. Wenn sie diesen wundervollen Ort seinetwegen nun zerstörten, gab es erneut etwas, wofür er sich Vorwürfe machen konnte, und nach wie vor nichts, was er tun konnte, um es wiedergutzumachen. »Mit meinem nicht«, sagte er deshalb und wich der Frage damit effektiv aus. Sein Überlebenswille war dank der Feen anfänglich zurückgekehrt, aber mit noch mehr Schuld wollte er nicht leben. Die Fee, die zuvor auf seinem Knie gesessen hatte, schwirrte kurz darauf über ihm her und ließ ihm einen Kiesel auf die Stirn fallen. Es war wohl kaum als Angriff zu verstehen, aber er war sich sicher, dass das kein Zufall gewesen war.
Der Wedel dagegen schien mehr als unzufrieden mit Gwyns Antwort. Es war nicht einmal ungewöhnlich, dass Sklaven sich früher oder später in ihr Schicksal fügten, und bevor sie Kefa verlassen hatten, war die Selbstmordrate aufgrund einer neuen Mode für Strafen deutlich gestiegen. Immerhin schien der Wedel zu denken, dass er so nicht weiterkommen würde, und nahm das Schwert zur Seite. Er hatte eine Prinzessin zu finden und keine Sklaven zu erschlagen. Tatsächlich beobachtete Gwyn sich dabei, dass er erleichtert aufatmete. Vielleicht, so dachte er, war ihm sein Leben doch nicht so egal, wie er sich selbst eingeredet hatte.
Die kurze Genugtuung über diese Erkenntnis verblasste, als Gwyn aufsah und beobachten konnte, dass der Bärtige, der Jungspund und der Dumme inzwischen einen der kleinen Pavillons von seinem Baum geschnitten hatten. Wie eine Frucht musste er daran gehangen haben, denn der Baum hatte eine harzende Wunde an der Stelle. Der Dümmliche hielt das filigrane Gebilde in den Händen und drehte es interessiert, während Gwyn es ihm am liebsten entrissen hätte. Es tat ihm in der Seele weh, mitanzusehen, wie diese Männer mit diesem wundersamen Ort und seinen Bewohnerinnen umgingen. Die anderen beiden Soldaten hatten indes zusammen sieben Feen gefangen und drückten die kleinen Wesen mit dem einen Arm gegen die gepanzerte Brust, während sie mit dem anderen weiter durch die Luft fischten, in der Hoffnung, vielleicht doch noch eine weitere zu erwischen.
»Es ist niemand sonst hier«, grunzte der Schrank und beendete seine Suche in den Büschen. So eine Überraschung.
Kurz ließ der Wedel den Blick über die kleine Lichtung schweifen und nickte schließlich, als hätte er sich noch selbst davon überzeugen müssen, dass niemand sonst hier Spuren hinterlassen hatte. Gwyn versuchte indes, sich von den Fesseln zu befreien, wurde allerdings auf die Beine gerissen, bevor er es auch nur schaffte, den Knoten zu ertasten. Auch wenn es mit dem Feuer ein Leichtes gewesen wäre, ein Seil durchzubrennen, wagte er es nicht einmal, eine kleine Stichflamme zu rufen. Abgesehen davon, dass er dabei vermutlich seine Kleider ver- oder zumindest angebrannt hätte. Der Wedel befahl, dass sie gehen würden, und Gwyn sah nur noch eine Chance, den Feen zu helfen. »Lasst die Feen lieber hier!« Er sprach vor allem an den Jungen, weil er auf dessen Aberglauben baute. »Wisst ihr es nicht? Es bringt fünfundzwanzig Jahre Unglück, eine Fee zu fangen.«
»So‘n Quatsch«, schnauzte der Dumme und man musste sich Sorgen machen, dass er das geraubte Feenhaus nun auch noch fallen lassen würde. Sicherlich würde es in tausend Stücke zerspringen. »Die können ja nich mal sprechen. Dann können se auch kein Pech bringen.« Es hätte viele logische Dinge gegeben, die man auf Gwyns Behauptung hätte sagen können. Dies war keines davon. Das Frustrierende daran war nur, dass es dem Rest zu reichen schien.
Der Wedel hatte scheinbar Profit gerochen und schmunzelte. »Nehmt die Viecher und kommt«, bellte er und trat den Rückweg an. Mit sieben entführten Feen, einem geklauten Kristallhaus und einem wütenden Gwyn, der von dem Schrank durch den Wald geschubst wurde, verließen die Soldaten die wundersame Lichtung. Sie hinterließen Chaos und Leid, aber immerhin keine vollständige Zerstörung.
Den Moment, das Feuer einzusetzen, hatte er verpasst, so sagte er sich, und allein einen Kampf aufzunehmen, war dumm. Vielleicht konnte er es schaffen zu entkommen, wenn sie erst irgendwo ankamen und er wusste, ob die anderen ebenfalls gefangen genommen worden waren. Da sie gründlich genug in ihrer Suche gewesen waren, um ihn zu finden, befürchtete der Feuerspucker, dass zumindest Vica, die im Moment nicht ganz sie selbst zu sein schien, ihnen in die Hände gefallen sein könnte. Ein Windhauch fuhr Gwyn unter das Hemd und kurz darauf folgte ein sanfter, warmer Magieimpuls und etwas klammerte sich von Innen in das Kleidungsstück. Überrascht sah Gwyn an sich hinab und hoffte, dass niemand die kleine Ausbeulung bemerken würde, die sich nun an seiner Seite erhob.
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