Читать книгу: «Nebelmaschine»

Inhalt
Kapitel I
Der erste Akt (Laut Manuskript)
Kapitel II
Fortsetzung des Dramas (Laut Manuskript)
Kapitel III
Ende des ersten Akts (Laut Manuskript)
Kapitel IV
Der zweite Akt (Laut Manuskript)
Kapitel V
Der dritte Akt (Laut Manuskript)
Kapitel VI
Der vierte und vorletzte Akt (Laut Manuskript)
Kapitel VII
Der Schluss des Dramas (Laut Manuskript)
Kapitel VIII
I.
Ich stelle mir vor, ich könnte die ganze Aktion noch einmal durchleben, von Anfang bis Ende. Noch einmal alles sehen: mich als Beobachterin mit durchgestrecktem Rücken an der Bar, die anderen auf der Bühne, noch einmal zuschauen, wie aus nichts etwas geworden ist, beim Frieren und Teetrinken, der Argwohn Edwins, Iris und ihre Perlmuttzähne, das Streiten, Nikos Witze, Laura am Laptop, der ihren Blick gefangen hält, noch einmal das Surren der Beamer, und dazu Baugrubers oder Kattnigs Miene. Noch einmal mich mit geschlossenen Augen auf dem Rücksitz eines Autos sehen, während auf den Vordersitzen zwei streiten. Noch einmal (und noch einmal und noch einmal) mich betrachten, bei den Proben, wie ich mit Unverständnis den Kopf schüttele, Listen studiere, auf einen Bildschirm, auf eine Mauer oder in den bauchigen Nebel starre. Die Gesten noch einmal sehen: Lauras ausgestreckte Hand, Nikos Streicheln über Holz, die ausgebreiteten Arme von Iris, als sie sich ins Publikum fallen lässt.
Ich stelle mir auch vor, die Bilder von Küsten, vom Meer noch einmal zu sehen, schlammigen Boden, durchsetzt von Weidengebüsch, oder den Hinterraum mit den Matratzen, das offene Fenster, durch das vor der Premiere die sternenklare Nacht dringt. Sehen, wie ich bei der Premierenvorstellung mit geschlossenen Augen im Publikum sitze, zuhöre, am Ende klatsche mit vor Überraschung offenem Mund, während immer noch blendende Lichtspuren über die Personen flirren, die sich auf der Bühne zusammendrängen.
Es ist acht Jahre her, dass ich bei der Premierenfeier am Bretterboden herumkugelte. Genauso alt sind die Fotos von dieser Feier, die seit Kurzem wieder in den Zeitungen zu sehen sind. Das immer gleiche Foto von Iris mit ausgestreckten Armen oder die Fotos von Laura, Rosen haltend. In der digitalen Variante dann die Bilderstrecken, durch die man sich klickt, Fotogalerien, in denen man umherscrollt, vor, zurück, wieder vor: der Nebel, die Polizeiwagen, die Gruppenaufnahmen von der Bühne. Jeden Tag erreicht mich eine weitere Nachricht mit Links zu weiteren Fotos, mehr Berichten, neuen Interviews und Stellungnahmen, man druckt Spezialausgaben zum Thema. Seit die Geschichte wieder hochkommt, ist alles noch stärker geworden in meiner Erinnerung, und bei jedem erscheinenden Artikel stelle ich mir also vor, ich könnte die Ereignisse von vor acht Jahren erneut sehen, alles noch einmal fühlen, allerdings nicht aus heutiger Sicht, sondern streng der Reihenfolge des Geschehens folgend, ohne Wissen um den Ausgang, mit der damals empfundenen Anspannung und Neugierde. Wie erstmals erlebt.
Aber: Jeder Rückblick auf das »Theater auf Lager« ist bloß eine weitere Wiederaufnahme im Repertoire meiner Erinnerungen. Egal, auf welchen Moment ich da zurückschaue, ich sehe immer sofort, wie er weitergehen wird. Schlimmer sogar: Denke ich an diese Wochen zurück, kann ich sie nur von ihrem unerwarteten Ende her denken. Beim Gedanken an Iris beginne ich Edwin zu erinnern, und dann die Spalte zwischen zwei Holzbrettern, durch die ein süßlich-stickiger Nebel dringt. Beim Gedanken an Baugruber sehe ich Kattnig oder Lauras Haarzopf, sehe langstielige Rosen, achtlos in einen Eimer geworfen, und auch wieder die Polizeiwagen, mit eingeschaltetem Blaulicht, ohne Sirene. Nie, wirklich nie kann ich isoliert und für sich genommen den Moment der Überraschung am Ende der Premiere erinnern. Immer schieben sich zeitgleich die Bilder des Davor und Danach übereinander, als könnte ich meinen Blick nicht fixieren, weil er durch das nachträgliche Wissen verwischt wird. Ja, im Rückblick sieht naturgemäß vieles anders aus, als es mir damals vorkam, aber: Im Rückblick ist es auch nicht erlebt worden.
Um zu verstehen, wie sich die Ereignisse so spektakulär entwickeln konnten, dass sie noch heute, acht Jahre später, die Zeitungen füllen, muss man wissen: Die Krise war zu dem Zeitpunkt, als ich vom »Theater auf Lager« erfuhr, in unserem Land gewiss keine Abstraktion mehr. Die Platzwunden der Wirtschaft, und damit die Menschen, die im Schatten illegaler Geldgeflechte und Seilschaften existiert hatten, wurden zunehmend unübersehbar. Die Theatergruppe bekam viel Aufmerksamkeit, weil sie von nichts anderem redete als vom Bankrott unseres Landes. Mir hatte die Intendantin an meinem Stadttheater, Magda Mazur, schon zu Winterbeginn eine Lawine von aufeinanderfolgenden Nachrichten weitergeleitet, weil sie (richtigerweise) dachte, das Projekt, zu dem darin eingeladen wurde, könnte interessant für mich sein. Magda war es auch, die mir auf eine meiner Rückfragen hin einen Straßennamen zuschickte, zusammen mit der Erklärung, dass unter dieser Adresse die Lagerhalle zu finden sei, die das neue Ensemble als Proberaum bezogen hatte.
Natürlich wusste ich, dass sie mich vorschob (sie schob mich ja häufig vor). In solchen Situationen meinte sie stets zu mir, ich sei der einzige Mensch an ihrem Theater, dem sie vertraute, und ich denke nicht einmal, dass sie dabei log. Die Schieflage zwischen uns beiden, die nicht nur eine Schieflage zwischen meiner und ihrer Gehaltsstufe war, sondern eine zwischen Bühnenarbeit und Geschäftsführung, legt es nicht nahe, aber Magda mochte mich, gerade weil ich aus der Technik kam, sie respektierte mich mehr als die ständig wechselnden Dramaturgen und Regisseurinnen. Ich vertraute umgekehrt also auch ihr. Wohin ihre als Hinweise getarnten Befehle führen sollten, konnten wir damals beide nicht wissen.
Heute könnte ich die Lagerhalle nicht mit Sicherheit wiederfinden, und das, obwohl ich eine Zeit lang fast jeden Tag dort war. Ich weiß noch, dass man, um von der Stadt aus dorthin zu gelangen, die Ausfahrtsstraße in Richtung Süden nach einigen Kilometern verlassen und danach etwa zehn Minuten weiterfahren musste. Irgendwo an dieser Straße zweigte ein Feldweg ab, und von diesem später ein zweiter, dritter, vielleicht ein vierter. War man an einem Bach vorbei, endete der Weg, hier dann: ein Steilhang, der zu einem Wiesenstück mit anschließendem Wald führte, und auf der Wiese die alte Lagerhalle, in der die Gruppe sich eingerichtet hatte.
An meine erste Ankunft dort erinnere ich mich gut. Es war ein Freitag. Erste Ankunft, das hieß in dem Moment: ein Übermaß jener Neugierde, die wie so vieles, das ich damals empfand, nicht wieder aufrufbar ist (der Rückblick bleibt nüchtern, zu sicher ist man sich der retrospektiven Überlegenheit). Am Hügel oberhalb der Halle waren neben dem Feldweg nur wenige Autos geparkt, weswegen ich zunächst befürchtete, kaum Leute anzutreffen. Es war Dezember und kalt, noch war kein Schnee gefallen. Die Einsamkeit der Gegend rührte mich. Dunkle, harte Erde am Steilhang. Das wenige mattgelbe, teils braune Gras rund um das Lager war zertreten. Außerdem lagen Zigarettenstummel herum, die ich gerne eingesammelt hätte.
Mir bleibt unbegreiflich, dass das alles acht Jahre her sein soll.
Ich sehe mich in meiner Erinnerung, wie ich mich dem Lager nähere, das ich einige Wochen später zum letzten Mal betreten sollte. Unweit davon waren Reste eines Belags zu sehen, der von einer Anfahrtsstraße aus der anderen Richtung, vom Wald her, übrig geblieben war. Der Eingang zur Halle war offen, ich konnte im Näherkommen hören, dass im Inneren etwas vorging. Das gesamte Äußere des Gebäudes war Relikt: Stahlgerüst, dreckiges Mauerwerk aus Ziegeln, die Glasscheibe neben dem Eingang herausgebrochen, allesamt Anzeichen dafür, dass hier seit Längerem nichts produziert, gelagert oder verarbeitet wurde, dass es sich also um eines der vielen Lager nahe unserer Stadt handelte, die nicht mehr in Betrieb waren. Meine Annahme bestätigte sich, als ich die Halle betrat. Das Innere war nicht so groß, wie ich gedacht hatte, es wirkte auf den ersten Blick chaotisch. Der Boden betongrau, da standen ein Ohrensessel, drei Kleiderständer, zwei Schminktische mit Spiegeln, dazwischen Holzstühle und Holzbänke. Zwischen diesen Gegenständen wuselten Menschen umher. Die Trennung von Zuschauerraum und Bühnenanlage war bestenfalls angedeutet durch ein paar staubige zusammengezimmerte Bretter, und wären nicht Leute auf den Brettern gestanden, hätte ich nicht einmal diese Andeutung erkannt.
Ich sehe mich, wie ich in der Halle stehe und schaue: mit einem sofort einsetzenden Gefühl der Verbundenheit. Wahrscheinlich empfand ich mich dem schäbigen Raum, der mehr Baracke als Institution war, und den Leuten, die herumstanden, zugehörig, weil ich alles dort als meines zu erkennen glaubte. Die Abläufe waren mir bekannt, mir war, als würde ich nicht die anwesenden Menschen sehen, sondern nur mir vertraute Tätigkeiten. Es wurde geprobt: Eine ältere Frau schlug sich erst gegen die eigene Brust, dann gegen die Brust ihrer Nachbarin, beide taumelten, warfen sich aufeinander, ließen voneinander ab, eine ging in die Knie, die andere zog sie hoch, und sie wiederholten alles, mit kleinen Abweichungen – ein Stupsen statt des Schlagens oder ein Zurückreißen statt des Wegstoßens. Daneben hüpften vier andere herum, und hinter ihnen lasen zwei einander zuflüsternd etwas vor.
Ich hatte bereits gelesen, dass sie ihre offenen Proben zum Happening erklärt hatten, sie übten, arbeiteten und diskutierten in einem durch. Das wunderte mich nicht, sie hatten ohnehin keine getrennten Räume, weswegen die Lese- und Spielproben und auch die Besprechungen ineinanderfielen. Es erstaunte mich allerdings, wie viele sie waren, wie voneinander unabhängig ihr Spiel wirkte und wie wenig Abgestimmtheit ich auf den ersten Blick erkennen konnte. Die Leute, die ich zu sehen bekam (manche hörte ich nur, weil sie hinter Gegenständen oder Tüchern versteckt blieben), reagierten nicht aufeinander, wie voneinander abgekapselt. Dazu das andauernde Gemurmel, die Repetitionen und der Gesang, in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Lautstärke. Ein jüngerer Mann hatte sich ein Gebüsch aus Kabeln gebastelt – eine Pose, in der ich ihn, Edwin, später oft sehen sollte. Wenn er sein Pult bediente, gingen Lichter in der Halle an und aus oder eine rote Leuchtschrift begann zu blinken. Ich betrachtete eine Zeit lang die kleine, gebretterte Bühne. Im Grunde war es bloß ein Podium, eher für Vorträge und Reden geeignet als für Aufführungen. Mehrere Menschen drängten sich darauf, spielten und diskutierten – eine weitere Situation, die sich später häufig wiederholen sollte.
Jemand rempelte mich von hinten an und lachte auf (richtig, Nikos ständiges Lachen). Eben noch hatte die Truppe auf der Bühne debattiert, nun wurde es leise. Eine junge Frau drehte sich zu mir um, sie kam mir sogleich bekannt vor. Heute weiß ich, es war die Geste, mit der sie, mich fixierend, skeptisch, eine Strähne über ihre Schulter zog, um danach in Brusthöhe daran herumzuflechten, die mich an etwas erinnerte. Das Gewusel und Gerede hob wieder an, nachdem ich »Hallo!« und »Lasst euch nicht stören!« gerufen hatte. Nur der Blick dieser langhaarigen Frau verunsicherte mich, denn er blieb auf mir ruhen, auch als andere schon aufgehört hatten, sich für mich zu interessieren.
Laura, denke ich heute, Laura und ihre Haarsträhnen, mein erster Eindruck dieser Frau (ein irreführender).
Allgemein überraschte es niemanden, dass ich gekommen war, zu den wenig Überraschten gehörte Niko, der Lachende, der mich angerempelt hatte. Er war es, der mich ansprach, retrospektiv würde ich, da ich ihn besser kenne, sagen: aus Höflichkeit. »Erstmals zu Besuch?«, fragte er, und ich nickte. Gleich darauf nahm er mich am Arm, zog mich zur Bar, die sie in einem Eck der Halle eingerichtet hatten, auch das, so bin ich mir sicher, weil er sich gastfreundlicher zeigen wollte als die anderen, die in ihre Arbeit vertieft blieben. Niko, der, wie ich später verstehen sollte, alles auf seinen Schultern trug, ohne es jemanden merken zu lassen, Niko, der gelegentlich eingreifende, immer freundliche Gastgeber, dessen Ruhe die immer gleiche, widerständige Zähigkeit in sich verbarg.
Im Gehen versuchte ich mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Die Bar, auf die wir hinsteuerten, war ein erster Anhaltspunkt, daneben erkannte ich zwei Garderobenständer, auf denen weiße Kittel mit roten Flecken hingen, dahinter lag ein Berg Plastikknochen. Auch die zwei Schminktische und den Ohrensessel in senfgelbem Bezug sah ich im Vorbeigehen aus der Nähe und bemerkte, dass sie alt und schlecht lackiert waren (heute stehen sie in meiner Werkstatt). Es wurde weitergeprobt, während der Mann aus einem Kühlschrank, der keine Tür hatte, zwei Flaschen herausnahm. Da er sich dafür weit nach unten beugen musste, konnte ich unter dem Wollpullover, der sich verzog, seine nackten Rippen und den starken Oberkörper erkennen. Ein Arbeiter, dachte ich unwillkürlich, und ganz unrecht hatte ich damit nicht. Er erhob sich wieder, öffnete beide Flaschen, stellte sich mir vor, wieder lachend, und reichte mir eine (wie andere Menschen Visitenkarten anbieten). Das Bier schmeckte lauwarm und schlecht. Der Kühlschrank war nicht an Strom angeschlossen, alle Steckdosen in erreichbarer Nähe bereits belegt.
Ich wollte mich anstandshalber für das Getränk bedanken, aber er kam mir mit einer Frage zuvor, ganz rundheraus, wie er auch später immer sein würde. Er wollte wissen, für wen ich arbeitete. Ihn interessierten Details, welche Tätigkeit, welche Produktionen, schon waren wir in ein Gespräch verwickelt. Es dauerte nicht lange, dann stellte ich meine erste Frage, die jemand anderes in ihrer Direktheit als unhöflich hätte auffassen können, er aber nahm sie gelassen: »Wer finanziert euch?«, wollte ich wissen, weil ich nach dem begonnenen Gespräch, das sich von Anfang an so angenehm konkret anfühlte, das Gefühl hatte, ihn alles fragen zu dürfen, mehr noch, ihn gerade etwas Unpassendes fragen zu müssen, als ein Zeichen der Zugehörigkeit.
»Das zahlt genau niemand«, antwortete er ohne Zögern und ohne Spur von Gereiztheit oder Verärgerung.
Wir redeten, wie wir später oft miteinander reden sollten, kein missverständliches Aneinander-Vorbei, sondern ein zielgerichteter Informationsaustausch.
Nach einiger Zeit unterbrach uns eine junge blonde Frau, indem sie ihn von hinten anstupste: »Wir sind hier nicht Privatsphäre, gospod komandant, stell uns vor!«, und was daraufhin folgte, war ein geradezu mechanischer Vorgang, der sich in den folgenden Stunden permanent, nur mit leichten Änderungen im Ablauf, wiederholen sollte: Ich, die ich höflich lächelnd meinen eigenen Namen ausspreche: »Veronika«, meine Hand zu einem Winken gehoben, dann mein Gegenüber, das seinen Namen nennt: »Iris«, während sie bereits jemanden herbeiwinkt und uns vorstellt, der danach noch jemanden herbeiwinkt. Wieder und wieder wurde ich vorgestellt, wieder und wieder hörte ich einen Namen, freundliches Geplauder mit Fremden, die mir ihres Berufes wegen vertraut erschienen: »Schauspielerin?«, »Kostüme?«, »Regie?«, nach Technik fragte niemand. Der Abend war insofern rege, obwohl ich mich kaum bewegte und die meiste Zeit an der Bar stand. Andauernd war jemand Neues neben mir, allerdings, das sei zugegeben, nicht bloß meinetwegen, sondern auch, weil ich neben dem Kühlschrank stand, aus dem man sich das warme Bier holte. Alles in allem entstand bei mir der Eindruck einer geübten oder gewohnten Kennenlernfreude, ein schematisches Ritual der Freundschaftlichkeit: zuerst die Begrüßung, das Willkommenheißen, dann ein kurzes Gespräch oder ein Scherz, manche schlugen mir dazu auf die Schulter, mit anderen tauschte ich bereits Nummern aus, zum Schluss dann immer ein »Bis später« und das Weiterreichen an den Nächsten oder die Nächste.
Ich verließ an diesem Abend meine Position neben der Bar nur, um zur Toilette zu gehen. Und selbst diese Toilette (die keine war, sondern bloß ein gefliester Raum im hinteren Teil der Halle) wurde für mich zu einer Kontaktzone. Dort dominierte die gleiche Improvisation wie in der Halle. Die Klomuscheln: große Löcher im Boden; der Wasserhahn: ein Schlauch, der neben zwei Heizkörpern aus der Wand hing und leckte, weswegen man sich beim Spülen jedes Mal anspritzte; und die Beleuchtung: Neonröhren im Raum, die ständig zuckten. Keine der Heizungen war an. Man stand und hockte in der Kälte, in einem boshaften, staubigen Licht, an dem unhygienischen Ort, von dem man sich zwar sofort abgestoßen fühlte, zugleich führte das distanzlose Sich-Erleichtern ohne Trennwände (mit höflich abgewandtem Kopf) zu Gesprächen, die später an der Bar fortgeführt werden konnten.
Insgesamt also: ein fröhlicher Beginn, ein leichtherziges Sich-Anfreunden, wenn zwar nicht mit allen Menschen einzeln, so doch im Allgemeinen, und mit dem Raum. Diese Offenheit, die meinerseits und seitens der Gruppe den Ton bestimmte, wirkte genauso stark auf mich wie die Einsamkeit der Gegend, als hätte das eine mit dem anderen zu tun, ohne dass ich genau verstand, weshalb.
Mich irritierte an diesem Abend nur eine Person: die Langhaarige, nämlich die für mich bis dahin noch immer namenlose Laura. Sie beäugte mich immer wieder, einmal hob sie eine Schulter in meine Richtung. Das war alles, was sie mir zunächst als Begrüßung anbot. Erst nach Stunden kam sie neben mir zu stehen, aber das führte zu keinem echten Gespräch. Ihr Blick war ein flüchtiges Lächeln voller Spott, während sie ihre Hand zu mir ausstreckte. Als wolle sie sich gar nicht vorstellen, sei allerdings dazu gezwungen, seufzte sie ihren Namen in meine Richtung, wobei aus diesem Seufzen sogar ein Gähnen wurde, wie eine beabsichtigte Reaktion der Gleichgültigkeit mir gegenüber. In der Erinnerung sehe ich auch diesen Moment – wie viele andere – nicht isoliert, sondern ich sehe ihn, wie man den Inhalt übereinandergelegter Folien sieht: gedoppelt, als ob nur ein wackeliger, zweideutiger Blickkontakt mit dem Gesehenen zustande kommt. Da ist einerseits die fremde Frau, wie sie an diesem Abend unseres Kennenlernens vor mir steht, den Kopf schief gelegt, eine lange Strähne zwischen zwei Fingern, ihre nahezu herablassende Begrüßung, unsere einander wie nebenbei gereichten Hände, die beiläufige Nennung ihres Namens, dann ihr rasches Weggehen. Niemand hätte mir so nebensächlich erscheinen können in jenem Augenblick.
Und zugleich sehe ich sie, Laura, wie sie wenige Wochen später im selben Raum steht, unweit der Bar, an der sie mir so beiläufig die Hand gereicht hat, jetzt aber eine Laura, die von allen Seiten umworben, mehr noch: belagert dasteht, Interviews gibt, diese abbricht, ein anderes Gespräch wieder aufnimmt, auch dieses abbricht, weil von der nächsten Umarmung, den nächsten Gratulationen unterbrochen, oder weil jemand ihr Blumen überreicht, langstielige Rosen, rote, gelbe, weiße, Laura, die in eine Kamera lächelt, grimmig schaut, wieder lächelt, von ein paar für die Kameras posierenden Schauspielern umgeben, Laura, der man einen Eimer bringt, in den sie mit gleichgültiger Geste die Blumen hineinwirft, Laura, die Hände schüttelt, wie sie meine geschüttelt hat, von Zivilbeamten umstellt und von Mikrofonen und Aufnahmegeräten umringt, ja, keineswegs nebensächlich. Jene Laura, die heute noch, acht Jahre später, Schlagzeilen macht.
Damals aber, an meinem ersten Tag im »Theater auf Lager«, war sie nur eine kurze Irritation, vielleicht ein wenig rätselhaft, weil ihr Spott mich verwirrte. Nach der unauffälligen Begrüßung und ihrem ebenso unauffälligen Verschwinden beachtete ich sie kaum weiter.
Das war bereits gegen Ende des Abends. Edwin, ganz der beschäftigte Arbeiter, der er auch später immer sein würde, drehte gerade eine rote Leuchtschrift und die paar Scheinwerfer ab. Ich bemerkte, dass in der Halle die gleichen Neonröhren wie jene auf der Toilette installiert waren, die wegen der Bühnenbeleuchtung nicht eingeschaltet gewesen waren. Sie dienten als Arbeitslicht, das nur ein Ziel kannte: alle krank aussehen zu lassen, damit sie den Raum rascher verließen.
Natürlich hatte ich Edwin im Laufe des Abends immer wieder beobachtet, um zu vergleichen, ob er anders mit den Möglichkeiten des Lichts umging als ich. Niemand außer ihm schien etwas mit Technik am Hut zu haben, so blieb mir nichts anderes übrig, als ihn für meinen einzigen Kollegen zu halten. Er war mir als jemand aufgefallen, der sich gerne abseits hielt, immer in seine Arbeit vertieft.
Umso mehr überraschte es mich, als er sich neben mich auf einen Hocker an der Bar schwang, mir sein Bier zum Anstoßen hinhielt und meinte: »Du bist vom Stadttheater, hört man«, das Klirren unserer Flaschen, »Auf Betriebsspionage?«
Ich verzieh ihm den Scherz (später sollte ich ihm seine Beleidigungen schwerer verzeihen). Wir unterhielten uns, und er war im Gespräch genauso, wie er beim Arbeiten gewirkt hatte: konzentriert. Ich erklärte ihm, weil ich diese Ruhe für ernsthaftes Interesse hielt, offen, wie ich es Niko gegenüber gemacht hatte, dass unsere Intendantin mich und andere einen Solidaritätsbrief hatte unterschreiben lassen, der morgen in der Zeitung abgedruckt werden sollte. Aus seiner Reaktion darauf, er wirkte nicht überrascht, machte weitere ironische Bemerkungen, verstand ich, dass sie das alle längst wussten. Und ich verstand auch: Man kannte Magda hier (was ich mir hätte denken können), aber mochte sie offenbar nicht (was ich mir ebenfalls hätte denken können).
Gespräche mit Edwin, das sei gleich gesagt, waren zu Beginn wirklich kein entspanntes Unterfangen. Ich sehe uns, wie wir vom ersten Kontakt an in einem Ungleichgewicht waren: Während ich ihm bereitwillig von meiner Arbeit als Bühnentechnikerin erzählte, antwortete er auf meine Fragen nach den technischen Möglichkeiten im Raum nur knapp, unwillig. Es bestätigte sich im weiteren Gespräch immer mehr, dass es ihnen an fast allem fehlte, was ein professionelles Theater haben sollte. Darum bastelte er zum Beispiel vieles selbst, Kabel, Farbfolien, Blenden und Röhrchen, und zwar mit Entschlossenheit und großer Lust. Ich kannte das zwar von mir, aber da es im Stadttheater nie Gelegenheit gab, Selbstgebautes einzusetzen, war dieses Basteln eine Leidenschaft, die ich mir fürs Private aufhob. An diesem Abend war er gerade dabei, eine Installation aus Flaschen und Blech zu montieren. Das rührte mich. Es gab keine gut geplante Lichtgestaltung im Raum, oder nur Ansätze davon: die unfertige Installation, die rote Leuchtschrift, ein paar Scheinwerfer. Mir war klar, man bewertete hier Erfolg nach ganz anderen Kriterien als jenen, die ich gewohnt war: Um Perfektion konnte es nicht gehen, schon die bloße Durchführung war eine Leistung.
Es bestätigte sich im Gespräch auch nochmals, dass ihre gesamte Arbeit unbezahlt war, und über diesen Punkt zerstritten wir uns beinahe (ich kenne nicht viele Menschen, mit denen man sich beim ersten Gespräch zerstreiten kann, das war Edwin at his best). Ich erinnere mich nämlich, ihn ohne böse Absicht und mehr aus Bewunderung denn aus Herablassung gefragt zu haben, wovon er denn all das bezahle. Woraufhin er laut wurde, was die anderen auf uns aufmerksam machte, die sich einmischten, sobald sie mitbekamen, dass wir von Geld sprachen (oder: vom Bankrott). Es würde nicht das letzte Mal sein, dass ich sie darüber reden hören sollte. Ich kann nur die starken Sager rekonstruieren, nicht die Details der folgenden Diskussion, viele stammten von Edwin, aber es war jene Schauspielerin, die sich bei mir als Iris vorgestellt hatte, die als erste ein paar Bemerkungen über den Fetisch Kunst im Kapitalismus machte. Daraufhin argumentierten plötzlich alle wie wild geworden durcheinander: Im Zeitalter des Kapitals sei die Lohnarbeit das Schlachtfeld, auf dem die gesellschaftlichen Konflikte ausgetragen würden – es sei darum Aufgabe der Kunst, dieses Feld zu zerstören – aber ein Feld zu zerstören, hieße, sich dennoch darin zu bewegen – was wiederum – der Warencharakter der Kunst – ein Witz ohne Pointe – gerade das sei doch variabel – und die Arbeit? Die Mehrarbeit? – das Verhältnis von Wissen und Tun? – Kunst als Mehrarbeit als Anti – weshalb, es sei doch heute jeder antikapitalistisch, nur eben auf die Art, wie jeder demokratisch sei: ohne Vorstellung – Kunst als transformiertes Kapital, nicht aber transformierte Arbeitskraft – und Selbstausbeutung als vorauseilender Gehorsam jener, die aufgeben – nicht doch, als der letzte mögliche Widerstand – und noch einmal: das Verhältnis von Widerstand und Wissen?
Ich hatte das Gefühl, das sei eine schon lange währende Debatte, die sie immer wieder führten, um vor sich selbst ihren schockierenden Enthusiasmus zu legitimieren. Und da sich solche Gespräche in den folgenden Wochen häufen sollten, sind sie mir in der Erinnerung zu einer einzigen langen Diskussion verschwommen, die außerdem immer, wenn ich an sie zurückdenke, überschattet bleibt von dem Bild eines Spezialtransporters, aus dem wenige Wochen später mehrere Männer schwere, braune Kartons auf ihre breiten Rücken heben und in die Halle tragen sollten. Und auch dieses Bild ist wiederum von der Ansicht eines an die Decke des Lagers stoßenden bauchigen Nebels überdeckt, von meinem Starren in ein weißes sirrendes Loch.
An jenem Abend blieb der sich andeutende Streit jedenfalls höflich, es wurde gepfiffen und gelacht, kein echter Konflikt, im Grunde ein fröhlicher Disput unter Freunden. Man vergnügte sich, und es wurde spät. Die Letzten begannen gegen Mitternacht nach Hause aufzubrechen oder verabredeten sich in einem Nachtkaffee in der Innenstadt, ich denke, es war das »Flamingo«.
Ich stand noch eine Zeit lang da, wie ich später oft dastehen würde: an die Bar gelehnt, ein Bier in der Hand, neben jemandem, der auf mich einredete. In diesem Fall Edwin, der einer der Letzten im Raum war. Von den vielen Menschen, die ich am Anfang herumwuseln gesehen hatte, waren nur er und zwei Schauspielerinnen übrig. Die beiden unterbrachen ihn und fragten mich, ob ich mit dem Auto gekommen sei. Ich versprach, sie in die Stadt zu bringen. Edwin lehnte meinen Vorschlag ab, auch ihn mitzunehmen. Er war für den Wachdienst in der Halle eingeteilt. So lernte ich noch etwas an diesem Abend, nämlich, dass er als einziger aus der Gruppe über Nacht im Lager blieb, einerseits um auf alles, was sie bislang dort angehäuft hatten, aufzupassen, und andererseits, weil er nicht nach Hause wollte.
Draußen fiel mein Blick wieder auf die Zigarettenstummel, die vor der Halle verstreut waren. Daneben lagen jetzt ein paar zerschnittene weiße Schutzanzüge voller roter Flecken. Eine der Schauspielerinnen, die ich mitzunehmen versprochen hatte, war Iris, und sie fragte mich, während wir den Hang hinauf zu meinem Wagen kletterten: »Was bringst du uns morgen mit? Als Einstandsgeschenk?«
Sie lachte dabei laut, in hohen, sich hochschraubenden Tönen, ein Lachen, das ich später in vielen Varianten kennenlernen sollte, wobei jede dieser Varianten der vorangegangenen zum Echo wurde, das sich über Wochen hinweg zu einem zusammenzufügen schien: Da war das Kichern vor dem Anlegen des Lippenstifts oder dem Öffnen einer Puderdose, das kreischende Auflachen nach dem Zupfen der Augenbrauen mit der Pinzette, das Gelächter beim dritten Sektglas, der triumphale Jubel nach der Premiere. Das Lachen einer Frau, die mir im Rückblick zu einem noch größeren Rätsel als Laura wurde, gerade weil an ihr, Iris, wenn man sie kennenlernt, vorerst gar nichts rätselhaft zu sein scheint. Es ist kein Zufall, dass gerade diese beiden Frauen am häufigsten auf jenen Fotos zu sehen sind, die man den Berichten über das »Theater auf Lager« hinzufügt.
Ich erinnere mich: Nach diesem ersten Lachanfall, den ich erlebt hatte, folgte eine lange Atempause, und daraufhin ihre plötzlich scharf gestellte Frage: »Bringst du Blutkapseln?«
Da machte ich mir das erste Mal Gedanken über das Theaterstück, das sie aufführen wollten, und stellte fest, dass ich nichts darüber in Erfahrung gebracht hatte.
LINA UND LEOPOLD
Manuskript (Laserdruck auf Papier, s/w, einseitig, annotiert)
Ein Stück des »Theater auf Lager«
In der Regie von Michael Baugruber und Gisela Kattnig
Raumgestaltung: Niko Koschutnig
Technik und Lichtdesign: Edwin Tolmaier
Es spielen
Mateja Kippner als LINA RENDE
Iris Kertschnig als PETRA NEUHAUS
Franz Vogl als GERHARD (GERTSCHI) OBERBAUER
Roswitha Karner als MANAGEMENT 1 und
RENATE (KOLLEGIN)
Hannelore Werner als MANAGEMENT 2
Samuel Köhler als MANAGEMENT 3
Hans Gerd als HANSI (KOLLEGE)
Gustin Moll als GUSTAV (KOLLEGE)
Ludwig Malleg als LEOPOLD RENDE

DER ERSTE AKT (LAUT MANUSKRIPT)
Ort: Großraumbüro der auf Bankenberatung und Risikomanagement spezialisierten Firma International Smart Consulting Solutions. Alle Bürotische sind besetzt, an den meisten sitzen zwei bis drei Personen, nur an einem nahe der Glasfront sitzt eine Person allein. Über mehreren Tischen hängen Tafeln mit der Aufschrift: Clean Desk Policy. Man hat einen Laptop und mindestens zwei Smartphones vor sich liegen. Der konstante Geräuschpegel ist von Tippen, Gemurmel und regelmäßigem Telefonläuten bestimmt. Durch die übermäßig große Glasfront sieht man eine in der Vormittagssonne strahlende Stadt.
Tisch 1, der am weitesten von der Glasfront, die den Blick auf die Skyline der Stadt bietet, entfernt ist. LINA RENDE teilt sich den Arbeitstisch mit zwei Kollegen, nämlich HANSI und GUSTAV.
LINA (sitzt am Bürotisch, betrachtet ein Foto)
HANSI: Warum schaust du dir die ganze Zeit Fotos vom Baby an – muss das sein?
LINA: Ich muss abpumpen. Ohne Foto rinnt bei mir nichts.
HANSI: Das geht nicht zu Hause?
GUSTAV: Setz dich woanders hin, wenn es dich stört. (hebt sein läutendes Telefon ab, hört zu)
HANSI: Wohin denn? Ist ja alles voll.
GUSTAV (ins Telefon): Nein, da würde ich anders argumentieren: Das Delta zwischen Arbeitskosten und Nettolöhnen ist das Problem, es ist viel zu hoch, der Staat verdient mehr als der Mitarbeiter, und der Arbeitgeber zahlt drauf … schreibst es halt so in der Art. Passt. (legt auf, dann zu HANSI): Du sitzt zum ersten Mal mit einer Mutter bei uns am Tisch? LINA: Ich muss alle zwei Stunden pumpen. Die Milchproduktion versiegt sonst. Nach über zwölf Stunden ohne Blick auf das Baby glaubt mein Körper, ich habe kein Kind mehr.
Tisch 20, der eine privilegierte Position im Raum einnimmt, nahe an der Fensterfront, etwas erhöht. Hier sitzt PETRA NEUHAUS.
PETRA (ins Mobiltelefon): Dafür sorgen die Landeshaftungen. Solidität gesichert … Generös, kann ich sagen. … Ja, garantiert. Von zwei Landesregierungen bestehen schon Zusagen, Garantien gewährt … Nicht konservativ … Volumen zwanzig Millionen.
Tisch 1
GUSTAV: Willst du was trinken?
LINA: Wasser. (Er reicht ihr eine Wasserflasche. Nachdem sie getrunken hat, fängt sie mit Blick auf das Babyfoto an, ihre Brüste abzupumpen.)
HANSI: Flexibles Büro, flexible Arbeit, flexible Mutter. Ist das wirklich mit oben abgesprochen?
LINA: Abgesprochen. Der Geschäftsleitung ist es lieber, wenn ich hier im Büro pumpe, als wenn ich alle zwei Stunden eine Pause mache.
GUSTAV: Da macht man sich Gedanken.
LINA: Ich mache mir auch Gedanken.
Tisch 20
PETRA (ins Telefon): Fremd- oder Eurowährung, wie Sie wollen, sehr großzügig. Wir haben Ihr Bankinstitut bereits vorgeschlagen. Man will sich hier nicht mehr nur auf einheimische Institute verlassen.
Tisch 1
HANSI (sein Telefon läutet): Ja? Richtig. Schreibst rein: »International Smart Consulting Solutions, spezialisiert auf den Dialog mit der Politik« … Oder nein, schreib: »Kontaktstelle zwischen Wirtschaft und Politik«. Oder: »Spezialisiert auf innovative Planung von effizienter Interaktion zwischen Banken und Politik« … Passt. Tschautschau. (legt auf)
GUSTAV: Habt ihr Petra heute wieder gesehen? Die ist –!
LINA (Konzentration aufs Abpumpen): – wieder allein am Tisch?
Tisch 20
PETRA: Garantiert, sage ich, garantiert.
Tisch 1
GUSTAV (mit Blick auf Petra): Gestern habe ich gesehen, dass sie einen Ordner liegen gelassen hat, als ob sie ganz sicher war, dass sie heute denselben Tisch kriegt. Wie schafft sie das nur?
HANSI: Erste im Büro, Letzte draußen. Da muss dich keiner ermahnen, pünktlich zur Arbeit zu kommen, wenn die Kolleginnen täglich vor dem offiziellen Arbeitsbeginn antanzen. Keine Chance. Selbst wenn ich überpünktlich komme, ist schon jeder gute Platz weg.
GUSTAV: Ah, bei uns ist kein guter Platz?
LINA: Er meint mich, nicht dich.
HANSI: Dabei sitzt man dann ohnehin noch zwölf Stunden. Wieso tut sie sich das an?
GUSTAV: Drei erfolgreiche Missionen in den letzten zwei Monaten, deswegen. Den Bonus kannst du dir ausrechnen. Sie kriegt bald ein eigenes Büro im siebzehnten Stock. Die Beste unter den Neuen. In Zagreb und Kiew hat sie drei Kreditinstituten an einem Tag fünf Anleihen angedreht. Schon heute eine Größe am internationalen Finanzparkett.
HANSI: Mit vierundzwanzig Jahren.
Die drei schauen sich nach Petra um. LINA pumpt weiter, die anderen beiden tippen dann wieder in ihre Laptops.
Tisch 20 und Tisch 12, an dem zwei Personen sitzen
PETRA (ins Telefon): Garantiert, sage ich, garantiert. Wir raten dringend zu einem Zusammensetzen, wirklich dringend. Wer? Mit dem auch, das kann ich gerne organisieren … Warten Sie kurz … (Sie nimmt ein anderes Telefon zur Hand, wählt. Am weit entfernten Tisch 12 hebt GERTSCHI ab): Gertschi, du, den Anlegeranwalt, der Kapschi, na weißt eh, Jörg Kapscher, den hast du drin in der Datenbank, oder?
GERTSCHI: Hab ich, was willst mit ihm?
PETRA: Kriegst du mir den dran, für ein Z’ammsetzen, morgen schon, ja, ein Sit-down mit denen aus Hamburg, hab die gerade dran, tust du mir das bestätigen … fein, rufst mich gleich z’rück, bitte jetzt noch die Sekunde, ja?
GERTSCHI: Schau ich dir gleich, ob der kann.
PETRA (greift wieder zum ersten Telefon): Ja? Sind Sie noch dran? … Sit-down mit Herrn Kapscher wird mir gleich bestätigt werden. Morgen ginge? … 16:00? Bei uns im Sky-Café, Dachgeschoss, Sie kennen sich aus?
GERTSCHI (telefoniert mit dem zweiten Telefon): Herr Kapscher? Schön, Sie dranzuhaben, danke … gut, gut, und Ihnen? Nur kurz: Morgen, hätten Sie Zeit? … Für ein Sitdown mit den Hamburgern? Ja? Das ist erfreulich. Warten Sie bitte kurz … (greift zum ersten Telefon)
PETRA (ins zweite Telefon): Gertschi, ja? … Bestätigt? Kann er, na superfein. Passt, sagst du’s ihm durch, morgen Sky-Café, 16:00. Die Hamburger kommen und wollen, dass er dabei ist.
GERTSCHI (ins zweite Telefon): Um vier Uhr geht bei Ihnen, Herr Kapscher? Danke, warten Sie mir bitte kurz … (ins erste Telefon): Passt ihm.
PETRA: Ist notiert. Aber weißt was, es ist nur ihr österreichischer Anlegeranwalt. Die bringen ihre eigenen Typen aus Hamburg mit, ist nur zur Sicherheit, denk ich, sagst ihm das, dass er versteht … und dass es nicht ungut wird morgen. Danke, Gertschi, ich bestätige ihm dann noch per Mail. (Legt auf, greift wieder zum ersten Telefon): Ja? Hallo? Sind Sie noch dran? Ja, wunderbar, wunderbar, ist alles bestätigt. 16:00, Sky-Café. Meine Nummern haben Sie? Ich maile Ihnen gleich noch die Bestätigung des Termins … Ja, an den Herrn Kapscher auch. Wir freuen uns, Sie bei uns begrüßen zu dürfen! Schön, schön, ja! Tschüss, tschüss, wiederschauen. (Sie legt auf, fängt an zu tippen).
Tisch 12, GERTSCHI mit seiner Kollegin RENATE, die Kollegin telefoniert ebenfalls, sonst hört sie Gertschi aufmerksam zu, reicht ihm ab und zu Blätter oder einen Kugelschreiber oder Wasser.
GERTSCHI (spricht noch immer in sein zweites Telefon): Wunderbar, dann morgen. Alles in Ordnung, die Kollegin Neuhaus schickt Ihnen gleich noch die Bestätigung des Termins. Sky-Café, bei uns im Dachgeschoss, kann man nicht verfehlen. Schönster Ausblick über die Stadt … Ja? In der Sache Rieger? Die Berichte sind schon raus, müssten Sie eigentlich gekriegt haben. Nein, das waren ausschließlich Fremdwährungskredite. Bleiben unbetroffen von der Entscheidung der Schweizer Notenbank. … Sollte kein Problem sein. Nein.
RENATE (ins Telefon): Welche Risikoposition für die Bank hast du errechnet? Gesamtvolumen der Investitionen und Risiken? … Und das Eigenkapital?
GERTSCHI (ins Telefon): Nein, hat er nicht. Ist im Bericht vermerkt, extra. Haben Sie den nicht gekriegt? Schicke ich nach, schicke ich sofort nach. Sofort, versprochen. Das betrifft ja die Wending-Sache und die Regio Real Bank auch. … Genau. Wegen der Wending-Sache. Ja, betrifft das auch. Soll ich nachschauen? Sofort? Sofort … (klickt, öffnet eine Datei am Laptop, RENATE reicht ihm rasch ein paar Blätter) Die Regio Real International, 13 Fremdwährungsanleihen mit einem Volumen von geschätzt 1,9 Milliarden. Das meiste in Schweizer Franken. Na, warten Sie, da ist auch was in Yen und US-Dollar. Aber ja, stimmt, hauptsächlich Franken. Die Schweiz, wegen der Grenznähe.
RENATE (ins Telefon): Würdest du das Zinsänderungsrisiko extra nennen?
GERTSCHI: Die Wending-Sache wird sich ausgehen, die Regio Real ist noch immer sauber aus allem raus. Wurde nicht als Spekulation kategorisiert in unserem Bericht, nein, nein, bitte machen Sie sich keine Sorgen, das war nur ein einziger Artikel gestern in der Zeitung, ich weiß, den habe ich auch gesehen, habe ihn aber nicht fertiggelesen.
RENATE (ins Telefon): Wechselkursrisiko ist minimal, klar, habe ich auch so drin, Schweizer Franken stabil, das erwähne ich, wirkt stabilisierend. Man tauscht die Zahlungen in unterschiedlichen Währungen aus, um wieder zurückzutauschen am Ende, unbedingt risikolos.
GERTSCHI (ins Telefon): Nein, ein absolut naiver Artikel und absolut naive Zeitung, das »Kritische Wirtschaftsforum«. Die Wending-Sache, na, die Regio-Real-Sache überhaupt, alles bestens abgesichert.
RENATE: Aber was kommt bei dir da als Maximalbelastung raus?
GERTSCHI: Nanana, da braucht man, steht im Bericht, sich nicht davor fürchten, dass was passiert. Die Garantien bei der Regio International und bei den Regio Reals, tadellos, garantiert, garantiert, Landeshaftungen. Nein, keine Angst, Russland ist weg vom Fenster, dazu raten wir gerade niemandem mehr. Aber sonst in Südosteuropa, alles easy-peasy.
RENATE: Danke, dann stimmt das überein. Ich übernehme die Maximalbelastung von dir, passt? Ja, schick ich dir dann zur Überprüfung. (legt auf, hört GERTSCHI zu)
GERTSCHI: Ja? Passt das? Schicke ich Ihnen also den Bericht, den Sie eigentlich schon haben sollten. Verstehe ich nicht, weshalb der noch nicht bei Ihnen angelangt ist. Und morgen ist fixiert, 16:00, Sky-Café. Danke, danke, selbst auch, auf Wiederschauen. (legt das Handy ab)
RENATE: Hab ihm den Regio-Bericht gestern geschickt. Er müsste ihn längst haben.
GERTSCHI: Er sagt, er hat ihn nicht erhalten.
RENATE: Vielleicht besser so. (tippt weiter) Ich habe den Bericht noch einmal direkt an ihn nachgeschickt, während du telefoniert hast.
II.
Die meisten aus der Gruppe werden sich noch daran erinnern, dass ich bereits am folgenden Tag wieder bei ihnen vorbeischaute, und sie werden sich auch daran erinnern, dass an diesem Tag die Wochenendausgabe der Regionalzeitung voll war mit Artikeln über sie. Es hatte sich in der Stadt herumgesprochen, was das »Theater auf Lager« war, was es sollte und versprach, wogegen es antrat, wie es zustande gekommen war. Es hatte sich zudem einiges andere herumgesprochen. In der Provinz sammeln sich Gerüchte und Falschinformationen, Verschwörungen und Geheimnisse rasch an, es wird enthüllt, wo es nichts zu enthüllen gibt, aufgedeckt, wo bereits aufgedeckt wurde, und zum Skandal erklärt, was keiner ist. Die Berichterstattung über das, was bei uns unter der Rubrik Kulturelles läuft, bleibt davon nicht verschont, und so wurde das neue Theaterensemble, dem von seiner Gründung an etwas Umstrittenes, Undurchsichtiges anhaftete, gerne besprochen. Außerdem war Magdas Solidaritätsbrief nicht der einzige, der erschienen war. Die intellektuelle Öffentlichkeit gab sich partnerschaftlich, es gab eine Welle an Unterstützung (in Worten, nicht in Taten oder Geld).
Als ich in der Lagerhalle ankam und die gleiche Anzahl der Biere, die ich am Vortag getrunken hatte, in den Kühlschrank stellte, wurde ich freundschaftlich begrüßt und von mehreren dazu aufgefordert, in Zukunft regelmäßig vorbeizukommen. Man war in der Halle damit beschäftigt, die Presseberichte zu sortieren. Es wurde gelesen, debattiert, noch einmal nachgelesen, weiter debattiert, sogar gepfiffen und ausgebuht. Niko, der, wie ich verstanden hatte, in der Gruppe die Rolle des Gastgebers innehatte, wollte den offenen Brief, den »die Mazur«, wie sie Magda nannten, verfasst hatte, vorlesen lassen. Edwin hatte über Nacht seine Installation aus Pfandflaschen fertig montiert, die hing den Lesenden direkt über den Köpfen, als sie sich auf die Bühne stellten. Immer wieder gingen die milimetergroßen Lämpchen in dem grünen Glas an, aus, wieder an. Das Licht hinterließ farbige Spuren, nicht nur auf ihren Köpfen, sondern auch auf den aus der Zeitung kopierten Zetteln, die sie in ihren Händen hielten.
Die Stimmen der Lesenden, unterbrochen von Lachen, Klatschen und Rufen, verkündeten zunächst den Titel des offenen Briefes: »Aufruf zur Solidarität«. Den Text, der dann folgte, kannte ich fast auswendig, Magda hatte ihn mir mehrfach vorgelegt, mich zunächst um Feedback gebeten, dann mit Pflichtmiene um Unterschrift. Er enthielt die Erklärung, dass vor zwei Wochen die Landesregierung verkündet hatte, den Etat der Schauspielensembles des Bundeslandes zu kürzen. Bleibt zu sagen: Die Summe, um die es ging: ein paar Hunderttausende Euro. Vergleichsweise also nichts, wenn man bedachte, dass die Landesverschuldung zu jenem Zeitpunkt bei neunzehn Milliarden lag, und wenn man außerdem bedachte, dass dies dem Zehnfachen des jährlichen Landeshaushalts entsprach. Die damalige Situation lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Die Politik hatte für die landesweit größte Bank gebürgt, die in mehrere Spekulationsskandale verwickelt gewesen war, deren Ausmaße zum damaligen Zeitpunkt kaum jemandem klar waren (oder doch? Man weiß ja kaum, wer wann zu Wissen gelangt). Allerdings ging diese Bürgschaft bereits als ein boshaftes Zukunftsgespenst um, ein toxisches Versprechen, das aus Nichts gemacht worden war, aber keine Nichtigkeit bleiben sollte.
Im offenen Brief fehlte fast alles, was einen Zusammenhang dieser Bürgschaft und ihren Folgeschäden herstellte, obwohl gerade auf diese Folgeschäden, auf die Verwicklungen, die sie verursacht hatten, wiederum die Reform oder, wie Magda es im Brief nannte, die Abschaffung der Kulturpolitik zurückzuführen war. (Und das sieht man nicht erst retrospektiv so, das hatte dereinst auch Magda so gesehen; sie hatte es mit mir genau so besprochen, aber dann bewusst nicht in den Brief aufgenommen.) All das erhielt im Brief nur kurze Erwähnungen: die Bank als Zockerbude, Kredite als Halsbruch, Verschuldung und Milliardengrab. Stattdessen wurde ausführlich beschrieben, dass die Brauchtumsvereine beziehungsweise ihre den performativen Künsten kaum zuzurechnenden Faschingsumzüge und Volksfeste von den Kürzungen verschont geblieben seien. Ebenso verschont geblieben war als anerkannte Kulturinstitution das Stadttheater. Wogegen freilich nichts zu sagen sei, schrieb Magda, Intendantin ebendieses Stadttheaters, schlimm aber sei es, die kleineren Bühnen zu bestrafen: Der Umfang der Kürzungen sei für die von staatlicher Finanzierung übergangene freie Szene so hoch, dass er sich durch Kartenverkauf nie mehr ausgleichen ließe. Dies bedeute für kleinere Ensembles des Landes zumeist das Ende, und dies wiederum bedeute eine Kampfansage, mehr noch, einen Vernichtungsschlag der Landespolitik gegen die Landeskultur.
Ich weiß noch, dass mir der Text, an dem ich mitgearbeitet hatte, während er öffentlich vorgelesen wurde, bissig und fremd erschien. Zudem wurde das Vorlesen zu einem Desaster: Man kam durcheinander, wiederholte zu oft, las unterschiedlich schnell, stolperte über die erste Formulierung, dann die zweite und dritte, fand keinen gemeinsamen Rhythmus, keine gemeinsame Linie. Da hieß es sechsmal, die Sparbeschlüsse seien eine Verrohung und Bedrohung des Landes, es hieß dreimal, sie gefährdeten die Existenz und die Freiheit von Kultur, fünfmal, sie beschmutzten das Ansehen des Landes. Dabei passte die Körperhaltung der Menschen auf der Bühne nicht zum Gesprochenen, als ob sie sich dagegen zu wehren versuchten. Ein Mann zum Beispiel, den ich bei den Bargesprächen des Vorabends als still und aufmerksam erlebt hatte (er sollte später den Gerhard Oberbauer spielen, diese unglückselige Gertschi-Figur), ein Mann jedenfalls, dessen feste Schultern ich erinnere, ohne dass mir sein Namen einfällt, krümmte sich beim Lesen übermäßig stark, und was an diesen Schultern zunächst zuverlässig gewirkt hatte, wurde mit jedem ausgestoßenen Ruf weniger und weniger kräftig, er nahm sich zurück, versteckte sich fast, obwohl das Vorgelesene gerade das Gegenteil verlangt hätte. Auch die Jüngste unter ihnen, jene Mateja oder Marjeta, die mir bei den Proben später als schüchtern gespielte Lina immer wieder auffallen sollte, verrenkte sich unbeholfen, während sie vorlas. Als wären ihr die Sätze peinlich oder als stünde sie nicht hinter dem Gesagten: »Retten wir die freien Schauspielhäuser, denn wir Freundinnen und Freunde der Kunst sind fassungslos, dass so etwas in unserem Land möglich sein soll.«
Am ärgerlichsten war Laura, die mit halb geschlossenen Augen vom Blatt las, ungerührt lächelnd, ironisch wohl (natürlich ironisch, ja sarkastisch sogar, denke ich heute, und es wundert mich, dass sie beim Vorlesen überhaupt mitgemacht hatte), genau wie bei unserer ersten Begegnung, als sie mir ihren Namen hingeworfen hatte, ihr übertriebener Tonfall war schwer auszuhalten, sie dehnte die Laute, leierte mehr, als sie las, ihr Blick drückte Herablassung aus: »Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass einige der innovativsten jungen Theater so massive Einschnitte durch eine kurzsichtige Sparpolitik erfahren, und werden daher mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen diesen Kulturabbau vorgehen.«
Das Dumme daran: In dem Raum gab es plötzlich einen Überschuss an Protest, der lächerlich wirkte. Tonfall und Syntax waren, wie es so heißt, völlig daneben, eine Inszenierung für die Katz. Es dauerte seine Zeit, bis sie einen einheitlicheren Rhythmus fanden. Erst, als die Leute jene Passagen vortrugen, in denen erklärt wurde, dass einige Wochen nach Bekanntwerden der Sparbeschlüsse sich eine Bewegung formiert und zum »Theater auf Lager« zusammengeschlossen hatte, sprich: erst, als von ihnen selbst die Rede war, hörten sie sich wieder einstimmig und überzeugt an, ohne Wiederholung, ohne Überlappung, ohne Übertreibung: »Das Ensemble hat seit dem letzten Wochenende angekündigt, sein Lagertor und die Proben offen zu halten. Es lädt alle Interessierten ein, vorbeizuschauen. Wir werden da sein. Kommen auch Sie!«
Ich war froh, als das Ganze vorbei war und alle die Bühne wieder verließen. Wie erwartet wurde der Brief an dem Abend zum meistdiskutierten Thema. Es war das erste Mal, dass jemand in einem größeren Medium auf das Theater und seinen Protest hingewiesen hatte. Kein anderer Artikel, keine andere Nachricht oder Wortmeldung in der Presse berichtete genauer über die Sache. Das löste Freude, sogar Begeisterung bei manchen aus. Andererseits habe ich Uneinigkeiten und böse Witze in Erinnerung. Ein paar Szenen empfand ich sogar als angespannt, obwohl ich damals nicht verstand, weshalb. Ich sehe zum Beispiel: wieder die Bar, an der ich stehe und mit einem mir zugeneigten Niko rede, der Whisky oder Wodka trinkt. Die Kommentare, die er abgibt, sind aufmerksam, im Grunde sind wir uns zwar politisch einig, aber ich formuliere meine Meinung ernsthaft, er nur in beschwichtigenden Witzen, mit einem Lachen, das mich beruhigt. Oder ich sehe: noch einmal die Bar, vollgeräumt, der Kühlschrank, leergeräumt, eine Frau grinst mich an, fragt, ob ich alles alleine getrunken hätte und ob ich das am Stadttheater gelernt hätte. Ich sehe auch: Niko, der zu später Stunde auf die Bühne springt, sich bei mir bedankt, Zwischenrufe ignorierend, aber ein Niko, der (was mir bloß aus heutiger Sicht auffällt) weder das Stadttheater noch Magda erwähnt. Ich sehe: Laura, die von einem zum anderen eilt (ich wusste damals nicht, dass sie wie ich zu dem Zeitpunkt erst das zweite Mal im Lager gewesen war). Ich sehe: Iris und zwei Schauspielerinnen, wie sie ihre Köpfe zusammenstecken, während Niko auf der Bühne meinen Namen nennt und auf mich deutet, derweil steht ein Fotograf neben mir und fragt, ob er mich abbilden darf und ob ich ihm mein Einverständnis gebe, die Fotografie an seine Redaktion weiterzuleiten. Ich sehe: mich, die damit einverstanden ist, die Niko zu sich winkt, und ein paar andere, sehe uns umstellt von Leuten, die sich über den Fotografen, oder über uns, die Fotografierten, lustig machen. In dieser Stimmung entstand das Foto, das im Internet manchmal aufploppt, wenn rückblickend über die frühe Phase des »Theaters auf Lager« geschrieben wird. Aber das geschieht selten: Das Ende interessiert, nicht der Anfang.
Wenn ich an weitere Eindrücke zurückdenke, die diese Stunden bei mir hinterlassen haben, sehe ich indessen vor allem eines: mich, als Technikerin, die den gesamten Abend nur eines im Kopf hat: das Licht. Ich sehe, wie die Halle ständig ihre Farbe wechselt, was sonst kaum jemandem auffällt, sehe, wie immer neue Zonen im Raum entstehen, sobald sie ausgeleuchtet werden, einmal die Bühne, dann die Bar, dann der Zuschauerraum. Ich sehe mich, wie ich Edwin beobachte, der sich hinter seinem Lichtpult versteckt, dann hervorkommt, um etwas zu verkabeln, umzustecken, an Dimmern zu drehen und wieder zu verschwinden. Ich weiß noch, dass ich es interessant fand, welche Effekte er trotz des Mangels an echtem Gerät und Material erzeugte, und dass ich darüber nachdachte, was ihm mit seinem Talent alles möglich wäre, wenn er die volle Ausrüstung und den gesamte Apparat unseres Stadttheaters zur Verfügung hätte.
Ich sehe mich außerdem nach Stunden des Beobachtens und Beurteilens die Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihm ergreifen: Als er versuchte, einen Beamer aufzuhängen, und ein Lichtkegel halb an einer Seitenwand, halb am Boden aufleuchtete, schmuggelte ich mich zu ihm hinter das Pult und begann ihm Ratschläge zu geben. Er fragte nur einmal etwas nach, ich erklärte, er arbeitete wortlos weiter, und bevor es zu leidigem Schweigen kommen konnte, fragte ich ihn nach seiner Ausbildung, ein wenig aufdringlich, aber es interessierte mich, ob er unseren Beruf erlernt oder ihn sich selbst beigebracht hatte. Seine Antworten blieben ausweichend, die Stimme bitter, »Beleuchter bei Messen«, er schaute mich an, »Aushilfe bei Events«. Er hatte also, so nahm ich an, seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen. Danach arbeitete er, in die Hocke gegangen, weiter an lose gewordenen Kontakten, und ich verstand, dass er nicht gestört, nicht in ein Gespräch verwickelt, nicht von seiner Tätigkeit abgelenkt werden wollte, obwohl er noch zweimal zu mir hochsah.
Weitere Erinnerungen an den Abend: Ich sehe mich mit Iris reden, die mir bereits wie ein Schatten zu folgen begann, was ich als Freundschaftsbeweis verstand, obwohl es mich schon nach kurzer Zeit störte. Sie fand erstaunlich viele Gründe, sich wieder und wieder an mich zu wenden. Mal war es, dass sie sich einen Lippenstift leihen wollte, dann ein Taschentuch, später ein Parfum – nichts davon konnte ich ihr geben, aber das war egal, sie benutzte es ohnehin nur als Ausrede, um mit mir zu reden. Später, da ich mehrmals erklärt hatte, weder Lippenstift, Taschentuch oder Parfum zu haben, fragte sie nach Kugelschreibern oder Aspirin. Als auch das nicht mehr glaubhaft war, änderte sie ihre Strategie: Nun war sie es, die von ihrem Lieblingsplatz, dem senfgelben Ohrensessel zwischen den zwei Schminktischen, aufstand und mir etwas brachte, einen Keks, einen Kamm, ein Glas. In einem Moment nahm sie mein Telefon, tippte ihre Nummer ein und rief sich selbst danach an. Hemmungslosigkeit der Jugend. Ich erfuhr in den Gesprächen, die sie so häufig initiierte, viel über sie: Sie war keine Schauspielerin, sondern Kindergärtnerin, in Ausbildung zur Theaterpädagogin, seit Jahren leitete sie ehrenamtlich eine eigene Kindertheatergruppe, und zwar eine in Pfarrbibliotheken oder in einem Altersheim auftretende. Ausgiebig erzählte sie von den Kindern, unglaublich, wie sie spielten, wie gerne sie sich schminkten, sich verkleideten, welche Freude sie an Perücken hatten – das sei etwas anderes als mit Erwachsenen.
Seit ich von ihrer Kindergruppe wusste, beobachtete ich Iris besonders. Sie fiel mir immer stärker auf, weil ich, ihr bei den ersten Proben zuschauend, gemerkt hatte, dass sie Talent besaß. Eine zweifellos angeborene Begabung, sie hatte sich nie im Schauspiel schulen lassen. Aber sofern sie nicht auf der Bühne stand und spielte, wirkte sie kindlich, was mit ihrer Begeisterung für den ohnehin verspielten Beruf einherzugehen schien. Den Traum von den Brettern, die die Welt bedeuten, hatte sie sich auf erzieherische Maßnahmen zurechtgestutzt. Gerade weil sie begabt war, gerade weil ihre Begeisterung echt war, rührte mich das. Sie war auch die Einzige, von der ich nie ein bitteres Wort über ihr schlechtes Einkommen gehört hatte, oder über die Tatsache, dass sie ihre Leidenschaft als Nebenberuf, vielleicht weniger noch, als bloßen Zeitvertreib ausüben konnte, den sie unter dem Deckmantel einer Weiterbildungsmaßnahme vor sich selbst legitimieren musste. Dazu ihre fröhliche Verträglichkeit mit allem, was sie milde lächelnd als schwierige Umstände bezeichnete. Als passte sie ihre Worte und ihren Charakter dem rundlichen Gesicht an, immerzu satte Zufriedenheit ausstrahlend. Ihr mädchenhaftes Getue, das sie nur auf der Bühne ablegte: Sie umgab sich ständig mit den Dingen, um die sie bat, als seien diese Requisiten ihre Aufenthaltsgenehmigung für die Lagerhalle: Lippenstift (braun), Puderdose (blauer Glitzer), Kamm, Pinzette, ein Sektglas, Parfum, noch eine Puderdose (goldener Glitzer) und noch ein Lippenstift (rot), ein zweites, ein drittes Sektglas, alles in allem: ladylike, selbst die leichte Trunkenheit, so gelebt, wie es sich für eine exzentrische Filmschauspielerin gehört, oder besser gesagt, wie sie dachte, dass es sich für solch eine Filmschauspielerin gehört. Es fehlten bloß: Pelz, Federhut, Spitzendessous, und sie hätte im Atelier eines Malers Modell stehen können.
Außerdem war sie anhänglich. Sie sagte mehrmals, wenn ich ihr den Rücken zuwandte, zu mir: »Bleib da!« Und wenn ich fragte: »Weshalb?«, meinte sie: »Um zu reden.« Es gab kaum etwas zu reden, oder vielmehr meinte sie mit »Reden« Palavern über Alkohol, über Lippenstifte, über ihre Flirts und love interests. Die Gespräche mit ihr waren durchsetzt von Koseformen und Diminutiven, ein dragi moj, ein moja draga hier, ein nobl možej dort, die fremde Sprache (und Zärtlichkeit) einer Zwanzigjährigen, die ich erst mit der Zeit zu verstehen lernte. Dazwischen sprach sie über den Kapitalismus, zu dem sie immer einen stichhaltigen Spruch einstudiert hatte. Mit vertrauensvoller Begeisterung platzte sie auch in fremde Gespräche, immerzu vergnügt, mit allumfassender Neugierde auf alles und jeden. Ja, sie rührte mich. Ich musste an mich selbst in meiner Jugend denken, vor der Abhärtung und Anpassung, vor der Gewöhnung an die Tatsachen, an mich auch als Kind, dem das Theater noch als Abenteuer erschien.
Das war also mein Eindruck von Iris. Ich sagte bereits: An ihr haftet nichts Rätselhaftes. Wenn man sie kennenlernt, glaubt man bereits, sie zu kennen, so typisch ist sie, man urteilt, man spottet, man ahnt nicht, dass ihr Elan und ihre Leichtigkeit, ihre unbedarfte Fröhlichkeit auch Widerstandsfähigkeit sind.
Noch eine Erinnerung: An dem Abend entstand die Antwortnotiz auf Magdas offenen Brief, die mir gegen Mitternacht jemand in die Hand gab, ich glaube, es war der Mann mit den festen Schultern, dessen Namen ich nicht mehr weiß.
Der Text war nicht lang: »Wir danken allen Kulturschaffenden«, so begann er, »die so schnell und deutlich ihre Bereitschaft zur Unterstützung demonstriert haben. Allen voran den Kolleginnen und Kollegen, die während unserer Gespräche bei der Solidaritätsfeier einmal mehr unter Beweis gestellt haben, dass der Kampf um die Kultur nicht verloren ist.«
Der Mann überreichte mir diese Nachricht, damit ich sie, wie er meinte »zur Mazur« trug, aber ich war angesichts der Knappheit der Antwort in dem Moment nicht einmal sicher, ob ich die Notiz überhaupt an Magda weiterreichen sollte.
Ich wundere mich jedenfalls, dass meine Aufmerksamkeit an jenem Abend nicht den Debatten um Briefe und Presse und Streit galt und dass ich nichts mitbekam davon, was sonst im Raum vor sich ging. Ich hatte mich von den wesentlichen Dingen ablenken lassen durch den Wodka mit Niko, die leeren Gespräche mit Edwin, das Fröhliche an Iris, die Kürze einer Notiz.
Erst am darauffolgenden Morgen, als Niko mich anrief, erfuhr ich von ihm, dass es an diesem Abend innerhalb der Gruppe zunächst zu einem Streit über Magdas Solidaritätsbrief und danach zum Beschluss gekommen war, sich nicht mehr für das sichere Alte (ein Begriff, den Niko in unserem Telefonat mehrmals wiederholte) im Repertoire zu entscheiden, sondern etwas selbstsicheres Neues einzustudieren (Worte, die er später gerne verwendete). Genauer gesagt: Ich erfuhr übers Telefon von ihm, dass sie planten, ein nigelnagelneues Stück (auch das Nikos Wort) zu verwirklichen. Seine Stimme war heiser vor Anspannung. Er hatte große Erwartungen: Ein Stück mit Bodenqualität sollte das werden, gut gewachsen und goldrichtig, hackende Schärfe in der Sprache, brutale Kargheit in der Inszenierung, Furche um Furche, die Zeitlosigkeit, die Zähigkeit und vor allem die Fruchtbarkeit des Themas, dazu das Demonstrative des Theaterstandorts (so redete Niko grundsätzlich von Kunst, aber es hörte sich bei ihm immer an, als rede er über Ackerbau).
Ich verstand nicht sofort alles. Ein flauer Sonntagmorgen, ich war gerade erst aufgewacht, noch nicht geduscht, nicht angekleidet, ungekämmt und müde, mit dem Telefon in der Hand am Rande meines Bettes sitzend. Ich erinnere mich, den Hörer sogar von meinem Ohr weggehalten zu haben. Kurz darauf Nikos Stimme wieder an meinem Ohr, etwas gefasster, weil ich ihn gebeten hatte, langsamer zu reden, danach seine vertraute, ruhigere Stimme, zwar immer noch aufgeregt, jedoch deutlich entspannter: Ja, Bodenqualität, wiederholte er, Bodenqualität hat dieses Stück, es wird zweckmäßig sein und über die Lage, die Verhältnisse, über unsere Tage berichten, über die unübersehbare Gegenwart, nicht nur die des Theaters, sondern auch die größere Gegenwart, nämlich die des Landes.
Ich erinnere mich, dass mir seine Aufregung zu viel war in dem Moment, es fiel mir schwer, etwas dazu zu sagen, so benommen war ich von seiner Begeisterung. Erst im Rückblick verstehe ich die Freude des Anfangs: Hier deutete sich tatsächlich neuer Boden an, es entstand etwas auf Brachland, und zwar etwas, das bis heute Folgen haben würde. Doch meiner Ansicht nach konnte nicht einmal er damals ahnen, wie weitreichend ihre Entscheidung sein würde.
Ich legte auf, blieb am Bett sitzen, das Telefon auf der Bettdecke, und stellte, während ich gähnend über alles, was Niko mir aufgezählt hatte, nachdachte, fest, dass mich eine Information am meisten überraschte, obwohl er diese wie nebenbei hatte fallen lassen: dass nämlich Laura das Stück geschrieben und ihnen auf Drängen eines Regisseurs zur Inszenierung überlassen hatte.
Ich sehe mich aufstehen und ins Bad gehen. Jetzt glaubte ich mir den allumfassenden Spott, mit dem sie mich und andere beäugt hatte, erklären zu können, denn mir war bis dahin in meinem Leben als Bühnentechnikerin keine einzige Theaterautorin begegnet, die nicht überheblich war. Ich sehe mich zähneputzend vor dem Spiegel über Laura als Autorin nachdenken, mit gemischten Gefühlen, die mir heute naiv vorkommen. Ich erinnere die Spiegelung der schmutzigen Bettwäsche vor meinen Augen. Zwei Eindrücke, die sich zu einem vereinen: die auf blauen Bodenfliesen zerstreute Wäsche und das Wissen um eine Laura, die Stücke schreibt. Ich konnte nicht ahnen, dass sie im Grunde keine echte Autorin war, ganz wie ihr Stück, retrospektiv gesehen, kein echtes Stück war (falls es so etwas wie echte Autorschaft überhaupt gibt, und echte Stücke).
Rückblickend kann ich jedenfalls sagen: Ich hatte nicht einmal den mindesten Verdacht, dass mir Niko in dem Telefonat irgendetwas hätte verschweigen wollen.
Seine Stimme lag mir noch im Ohr, als Iris anrief und mir ebenfalls die Neuigkeiten mitteilte. Mittlerweile war ich fertig angezogen. Sie redete zuerst von sich, von einer alten Liebschaft, dann von einem neuen Flirt, von ihrer Anfälligkeit für solche und solche Kerle, »immer das Gleiche«, lachte sie, »immer, immer, immer das Gleiche mit mir und den Männern«, ich wunderte mich, dass mir jemand, den ich kaum kannte, so viel von sich erzählte. Danach berichtete endlich auch sie vom Stück, und zwar im gleichen Tonfall wie davor von der Liebschaft. Von nun an, so meinte sie, werde das Theater von Unnötigem befreit bleiben: Dieses Stück würde mit wenigen Requisiten, nein, nicht mit wenigen, so holte sie aus, sondern fast ohne produziert werden. Das hatte mir bereits Niko erzählt, und es kam mir (obwohl ich es den beiden gegenüber nicht erwähnte) weniger als eine freie Entscheidung vor, sondern vielmehr als die notwendige Konsequenz aus dem Mangel an Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung standen.
Iris lud mich, wie auch Niko es getan hatte, für denselben Nachmittag noch ins Lager ein. Es sei wichtig. Und zwar erstens wichtig, weil sie mir den Flirt zeigen wollte, der da sein würde, weil zweitens eine Pressekonferenz geplant war und weil drittens die erste offene Probe zum neuen Stück abgehalten werden sollte.
»Jetzt kannst du deine Solidarität zeigen«, sagte sie (was ich nicht kommentierte).
Sie berichtete mir auch, und das überraschte mich dann doch, dass sie von nun an ihren gesamten Jahresurlaub in Anspruch nehmen würde, um die nächsten Wochen am neuen Stück arbeiten zu können. Ich fehlte ihr, fügte sie danach hinzu, und zwar wieder in dem Tonfall, den sie mir gegenüber seit unserem Kennenlernen angeschlagen hatte. An jeden Satz hängte sie auch diesmal ein meine Süße an, oder meine Liebe, und wenn sie unkonzentriert war, wurde daraus ein draga moja, ljubica moja, weil sie vergessen hatte, dass ich sie nicht verstand. Ich frage mich, ob sie mich wirklich mochte oder ob sie mit allen so redete, weil sie auch das als charakteristisch für die Art von Schauspielerinnen empfand, zu denen sie gezählt werden wollte.
Ich zögerte lange, ob ich in die Halle fahren sollte. Schuld daran war nicht Iris, sondern das Wetter. Es zog Nebel auf, er durchfeuchtete die Erde, und ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie er den durchlässigen Boden des alten Lagers verwandeln würde.
Ich sehe mich durch meine Wohnung gehen, zunächst in die Küche, von der Küche zum Bett zurück, von dort wieder zurück in die Küche, an den Tisch, den ersten Kaffee trinkend, dann den zweiten. Ich weiß noch, dass ich lange auf den Topf Sauerkrautsuppe starrte, den ich spätabends aus dem Tiefkühler gestellt hatte, damit er über Nacht auftaute. Es schwammen Eisbrocken darin. Nur schwer entschloss ich mich nach dem dritten Kaffee, zu ihnen zu fahren, durch eine Landschaft, die mich deprimierte. Ich hatte aber abgewogen: Alleine zu Hause zu bleiben, noch dazu nach solchen Meldungen, erschien mir letztendlich nicht besser. Ich wollte wissen, was das für ein Stück sein sollte, das Niko und Iris so sehr in Begeisterung versetzt hatte. Ich muss auch zugeben: Neue Dramen, noch dazu von Frauen verfasste – davon gab es nicht viele an meinem Theater, daran hatte auch Magda, seit hundertfünfzig Jahren die erste Frau an der Spitze unseres Hauses, nichts geändert.
FORTSETZUNG DES DRAMAS (LAUT MANUSKRIPT)
Tisch 1, LINA RENDE hat abgepumpt und die volle Flasche sowie die Pumpmaschine verräumt, sie greift zum Laptop.
HANSI: Da war ein Artikel im »Kritischen Wirtschaftsforum«.
LINA: Ich weiß.
GUSTAV: Die haben uns beim Namen genannt.
LINA: Ich weiß.
HANSI: Vorwürfe wegen der Wending-Sache und der Regio Bank.
LINA: Ich weiß es!
GUSTAV: Wie haben die unseren Bericht in die Hände gekriegt?
LINA: Keine Ahnung. Wir haben es nur an Interne verschickt.
HANSI: Könnte es jemand von uns gewesen sein?
(Alle drei hören kurz auf zu tippen und sehen sich im Raum um.)
Tisch 20
PETRA (hebt das Telefon ab): Russland? Raten wir nicht zu, nein, schon länger nicht mehr, nur in Einzelfällen, der Rubelverfall ist nicht zuträglich fürs Geschäft, außerdem die Russlandsanktionen, man weiß nie, weißt eh.
Tisch 1
LINA: Schreiben die denn die Wahrheit, die Pressefuzzis?
HANSI: Armselige Revoltenversuche. Wirtschaftsjournalisten sind Verlierer, die in keiner echten Firma untergekommen sind. Da werden sie dann aus Frustration zu Schreibtischrebellen.
LINA: Ich war auch Wirtschaftsjournalistin, bevor ich hier angefangen habe.
GUSTAV: Wirklich?
HANSI: Bei einem linken Blatt?
LINA (zuckt mit den Schultern)
GUSTAV: Warum schreibt man so was? Die wissen doch gar nicht, ob es schlecht ausgehen wird.
HANSI: Investment ist Risiko – man weiß nie, was kommt.
GUSTAV: Geht doch oft gut aus.
Tisch 20
PETRA (ins Telefon): Die ganze Expertise holst du dir besser bei denen im dreizehnten Stock, die kennen sich mit dem Osten aus, manchmal geben die immer noch Pro aus: selbst wenn die Verluste beim Rubel gerade groß sind, kannst dich sicher erinnern, Postbank: 493 Millionen Euro verloren, die First Group rechnet mit 1,6 Milliarden Euro Verlust, fast so hoch wie die Kreditbank mit den Nettoverlusten, als sie die Ost-Beteiligungen auf Null abgeschrieben haben. (lacht)
Tisch 1
LINA: Wir schreiben aus Freude, aus Rache, als Warnung für die Zukunft.
HANSI: Aha?
LINA: Das war unser Motto bei der Zeitung.
GUSTAV: Und warum bist du zu uns gewechselt?
LINA: Das Kind.
HANSI: Wo war’s besser, in der Rebellenredaktion oder hier?
LINA (zuckt mit den Schultern)
Tisch 20
PETRA (ins Telefon): Wie gesagt, sie geben manchmal doch wieder ein Pro aus, die Gewinne waren in der Vergangenheit groß, da zahlt sich das Risiko vielleicht aus … zwölfter Stock, ja, Ostrovsky zum Beispiel, oder Schramm, oder die Liska in letzter Zeit, die sind da stark mit den Einschätzungen. (legt auf, tippt weiter, schaut Papiere durch)
Tisch 1
LINA: Ich finde es hier sehr anstrengend. Man kann sich kaum entscheiden, ob man den Chef mehr hasst oder die Kollegen oder die Arbeit.
HANSI: Die Kollegen.
LINA: Ein trauriger Job jedenfalls
GUSTAV: Den Chef, wenn du mich fragst. Und die Chefin vom Chef.
HANSI: Warum traurig?
GUSTAV: Na, ich finde ihn schon auch traurig. Mir hat noch keiner erklären können, wie man hier richtig Karriere macht: Ich bin der Risk Evaluation Consultant und du der Risk Information Consultant, wir verdienen ganz das Gleiche. Die da drüben sind alle drei Risk Regulation Consultants, verdienen weniger als ich, haben aber viele Boni. Vor einem Monat war ich noch Risk Coaching Consultant, halbes Gehalt.
HANSI (ins Telefon, das geläutet hat): Der Mindestkurs? Ich glaube 1,20 Franken pro Euro … nein, das hat da nichts … schreib das nicht rein … Absolut nicht, keine Wertminderung dadurch möglich … (legt auf). Immerhin verdienen wir mehr als die in den unteren Stockwerken.
GUSTAV: Aber die haben wenigstens deutsche Bezeichnungen, Beratung für Veränderungsprozesse im Bankwesen, für digitalen Kapitalvertrieb, für Wertpapier und Handel. Was ich daheim an Erklärungsaufwand habe, wenn mich meine Frau fragt, was ich eigentlich mache.
LINA: Ich vermisse das Leben. Schau dir die Fenster an, schau dir unsere Entfernung von diesen Fenstern an, schau dir das langweilige Licht an, schau dir die Tische an und welche Entfernung die Tische voneinander haben, wie regelmäßig sie angeordnet sind, und wir werden dann auch regelmäßig mit ihnen angeordnet.
GUSTAV: Musst aber schon dazusagen: Wir verdienen zwar mehr als die in den unteren Stockwerken. Aber andererseits: Petra ist vom Risk Regulation Consultant zum Financial Jurisdiction Consultant aufgestiegen, und in drei Wochen wird sie dann zum Risk Management Consultant befördert. Sitzt dann auch immer noch im selben Stock wie wir, aber dreifaches Gehalt.
LINA: Ich vermisse echte Gegenstände. Alles, was wir hier haben, sind Telefon, Laptop, Maus, Tablet, Bürotisch, Bürosessel, alle identisch, vom selben Produkthersteller, da kriegt man den Eindruck, als hätte man uns und die Gegenstände einfach unendlich oft kopiert.
HANSI: Vierfaches Gehalt, habe ich gehört.
LINA: Alles austauschbar und nichts gehört uns: Die Laptops sind Firmenlaptops, die man nicht nach Hause mitnehmen darf, die Telefone sind Firmentelefone, die man nicht nach Hause mitnehmen will, und die Tablets sind Firmentablets, die keiner braucht.
GUSTAV: Ich finde den Ausblick sehr schön, schau, wie nah wir dem Himmel sind.
HANSI (ins Telefon, das geläutet hat): Aha? Wer behauptet das? Das ist ein Widerspruch: Die Schweiz hat hohe Sparüberschüsse, immer ein attraktiver Emissionsmarkt für uns, ja, das Risiko ist immer gut abgefedert. (legt auf) Den Tisch und den Laptop finde ich auch sehr schön.
GUSTAV: Und zum Beispiel: Papierkorb haben wir nur einen einzigen, der ist ein Unikat, hergestellt von einem japanischen Künstler, nix Kopie, in jedem Stock steht ein anderer, original handgefertigter Papierkorb.
LINA: Wir haben zwanzig mal drei Papierkörbe auf den Desktops der Laptops, noch einmal zwanzig mal drei auf den Desktops der Tablets, dann noch einmal zwanzig mal drei auf den Telefonen. Und das nur auf unserem Stock.
HANSI (hebt am Telefon ab, das geläutet hat): Der Berger? Hat keine Eigentümerfunktion, nein, nein. Den kannst du angeben als pro, er ist pro, er war 2014 Manager of the Year, kannst ja hinzufügen. (legt auf) Ich mag unser Büro.
GUSTAV: Ich auch. Richtig clean.
HANSI: Ein Büro ohne Grenze. Das Nirwana des räumlichen Selbstmanagements.
GUSTAV: Ich bin ja dankbar, dass sie uns nicht in so Mini-Zellen stecken. Das hier ist im Vergleich zu meinem letzten Büro die totale Selbstbefreiung.
LINA: Oder die totale Selbstauflösung.
HANSI (ins Telefon, das geläutet hat): Ja? Die Liste der anderen in der Landesholding, außer Berger? Schick ich dir gleich. (legt auf, zu LINA): Lina, Lina, hast Hormone heute, eindeutig. Wenn du nicht hier arbeiten willst, kannst ja zurück zum früheren Job.
LINA: Sagt sich so leicht. Mit dem Kind.
GUSTAV: Und der Vater?
HANSI (ruft an, spricht ins Telefon): Hab noch vergessen zu sagen: Die Empfehlung vom Berger ist in der Wending-Sache und für die Regio Real Bank unverfänglich, weil er eben keine Eigentümerfunktion hat, er sitzt nur im Vorstand der Landesholding, nicht der Bank. Kannst es mit reinnehmen, ist stabilisierend.
LINA (ihr Telefon läutet, es ist PETRA von Tisch 20, die anruft. Bevor LINA abhebt, zu GUSTAV): Wir leben getrennt.
Tisch 20 und Tisch 1, PETRA NEUHAUS telefoniert mit LINA RENDE, anfangs ist noch leises Gemurmel und Tippen zu hören, während das Telefonat andauert, wird es immer stiller im Großraumbüro, alle hören den beiden Frauen zu, die über mehrere Tische hinweg miteinander telefonieren, ohne sich zu sehen. Als gegen Ende des Telefonats Stille eintritt, läuten mehrere Telefone, aber niemand hebt mehr ab.
LINA: Ja?
PETRA: Wegen der Wending-Sache, dem Rieger-Bericht, der Regio Bank.
LINA: Ja?
PETRA. Bist du da dran gesessen?
LINA: Woran?
PETRA: Am Abschlussbericht, der rausgegangen ist.
LINA: Nicht ich allein. Der Wolfi und die Mira, und der Oberwarter haben mit …
PETRA: Aber du kennst dich aus?
LINA: Ja.
PETRA: Hast du den Artikel im »Kritischen Wirtschaftsforum« gestern gelesen?
LINA: Ja.
PETRA: Denkst du dir was?
LINA: Nein.
PETRA: Ich habe ein Clearing mit denen vom Wending um 18:00, die wollten das. Aber weil ich nicht am Bericht gesessen bin, brauche ich ein kurzes Update von einem von euch. Hast du kurz Zeit?
LINA: Ja.
PETRA: Mir ist unklar, wieso die Finanzaufsicht zitiert wird.
LINA: Ging nicht anders.
PETRA: Daran hängen sie sich auf.
LINA: Wer?
PETRA: Die Zeitungen.
LINA: Eine Zeitung.
PETRA: Heute sind noch drei ähnliche Artikel erschienen. In mehreren großen Journalen.
LINA (schweigt)
PETRA: Die Finanzaufsicht hat bei der Regio Bank doch jahrelang nie interveniert.
LINA: Das steht ja im Bericht.
PETRA: Warum schreibt ihr das bitte extra rein, dass sie nicht interveniert hat? Ist doch unnötig.
LINA: Als Argument. Um zu betonen, dass alles stabil ist.
PETRA: Warum? Das ist, als ob man sagt: Keine Angst, wir haben alles desinfiziert. Sinnlos, da denkt jeder: Aha, wenn etwas desinfiziert werden musste, war es davor ja wohl kontaminiert.
LINA (schweigt)
PETRA: Kapiert ihr nicht, dass gerade ein Untersuchungsausschuss läuft? Egal, jedenfalls: Wir haben immer nur solide Rankings ausgegeben?
LINA: Ja.
PETRA: Und bei der Regio, genauso wie bei der Regio International, da haben die vom Ministerium, von der Finanzmarktaufsicht und von der Nationalbank immer positiv –
LINA: Alles picobello. Positiv. Steht so im Bericht. Die Regio Real wurde bislang nie kritisiert, auch keine Sanktionen.
PETRA: Aber die Regio-International-Geschäfte, also, weil das schon alle wissen, dass die nicht ordnungsgemäß verbucht wurden. Das steht im Bericht?
LINA: Nicht so.
PETRA: Sondern?
LINA: Geäußerte Zweifel an der Zuverlässigkeit des Vorstands stehen drin und dass es aber absolut keine Gründe dafür gibt.
PETRA: Nichts weiter?
LINA: Nichts weiter.
PETRA: Warum gibt’s dann heute drei weitere Zeitungsartikel über genau die Frage, warum und wie nicht verbucht wurde und dass schon ein Abberufungsverfahren läuft? Das habt ihr nicht geschrieben?
LINA: Nein. Es gibt ein Abberufungsverfahren? Gegen wen?
PETRA: Hast du dir mal die Kurse angeschaut? Wenn ihr so was wie die Finanzmarktaufsicht hineinnehmt in den Bericht, das ist –
LINA: Wir haben es nur negiert. Der Bericht war für Interne, für die Anleger, für die –
PETRA: Negieren ist Lancieren. Man schreibt nichts rein in so einem Fall. Und ich möchte von euch bis um 17:30 wissen, wie der Bericht an die Medien gelangt ist.
LINA: Ich –
PETRA: Oder weißt du was, du kannst gleich selbst um sechs mitkommen und alles erklären. Das gesamte Management kommt. (legt auf)
Auch LINA legt auf und schaut sich um.
HANSI (an ihrem Tisch): Schau, und ich denk mir, mein Leben ist langweilig, immer nur zwischen Joggen und Großraumbüro. Die ist ja ordentlich sauer auf dich.
LINA: Ich will keine Probleme, mit niemandem und nichts.
HANSI: Lina, Lina, das heißt erst mal Retourgang für dich.
GUSTAV: Musst aufpassen bei Abschlussberichten.
HANSI: Gegen wen läuft ein Abberufungsverfahren? Wending? Rieger?
LINA: Ich weiß es nicht.
GUSTAV (beugt sich zu ihr vor, zärtlich): Es tut mir leid.
LINA: Was?
GUSTAV (noch zärtlicher): Dass ihr getrennt lebt. (hebt am läutenden Telefon ab) Die Kosten bei der Schmoll-Investition? Das sind Kosten im Osten … Dafür ist der zwölfte Stock zuständig. Doswidanja! (legt auf, tippt weiter)
III.
Die Veränderung war sogleich spürbar, als ich in die Halle kam. Man hatte die Bühne vergrößert (sie war allerdings immer noch klein). Auf dem nun in frischem Schwarz lackierten, um einige Quadratmeter verbreiterten Holzpodest standen drei ebenfalls schwarz angemalte Holzstühle, ähnliche waren im Zuschauerraum aufgestellt. Das Halleninnere war gleichmäßiger angeordnet, die rot gefleckten weißen Schutzanzüge sorgfältig in einer Ecke gestapelt. Auffällig blieb der Berg aus Plastikknochen, den man in die Nähe des Eingangstores verschoben hatte. Das sichere Alte hatte sich nicht sofort abstreifen und entsorgen lassen, ein vor Jahrzehnten geschriebenes und damals als provokativ aufgefasstes Stück über Schlachthöfe. Aber das einst Radikale war harmlos geworden angesichts der gegenwärtigen Krise.
Der dritte Tag also: Ich sehe mich die mitgebrachten Getränke in den Kühlschrank stellen und dann meinen Platz auf einem Barhocker einnehmen, als wäre dies bereits eine alte Gewohnheit. Nach der Fahrt über die neblige Landstraße war ich froh, im Warmen zu sitzen und unter Leuten zu sein. Pizzen in Kartons wurden herumgereicht, ich hatte keinerlei Appetit. Es dauerte nicht lange, bis Niko bei mir stand, um seine Flasche an meine zu stoßen, wieder ganz der jeden stützende, alle Stimmungen und Menschen aufnehmende Gastgeber, stolz auf den Umbau der Bühne, als hätte er selbst die Bäume gefällt, die es dafür gebraucht hatte. Er hatte nicht viel Zeit zu plaudern (das Verantwortungsgefühl). Ich saß an der Bar, schaute, grüßte, dachte mir: Hoffentlich erwartet jemand wie Laura nicht, dass man zu ihr geht und gratuliert. Es waren aber alle beschäftigt.
Edwin bekam ich anfangs überhaupt nicht zu sehen, er war hinter seinem Pult in Deckung gegangen. Ich bemerkte seine Anwesenheit nur daran, dass es im Zuschauerbereich nach einiger Zeit dunkel wurde, und es gefiel mir, zu wissen, dass er es war, der alles in dem Raum sichtbar oder unsichtbar machen konnte. Ich fühlte wie immer bei Lichtwechsel eine innere Spannung, ganz der Kapitän beim Erklingen des Schiffhorns.
Die Halle war bereits gut gefüllt und füllte sich noch weiter, einige Leute betraten sie mit Zigaretten in der Hand, als wären sie unter freiem Himmel. Im Dunkel, in dem die Halle mittlerweile lag, sah man sie zwar nicht gut, dafür das glühende Rot ihrer Zigaretten. Jedes Mal, wenn das Hallentor aufging, kamen mehr Menschen herein, und man konnte hören, dass vor dem Lager weitere versammelt waren. Der kalte Luftzug von draußen war unangenehm, und ich dachte unwillig an den Heimweg, der vor mir lag.
Auf der Bühne standen Niko, Laura und Iris, daneben noch zwei andere, die ich nicht kannte. Sie hatten sich nebeneinander aufgestellt, mit nah an ihren Mündern befestigen Mikrofonen, die Gesichter hell angestrahlt, Hals, Schultern und Brust stark abgedunkelt.
Obwohl Niko mit seiner Ankündigung begann, wurde es im Raum nicht und nicht still. Er sagte: Diesmal keine Proben, kein Spektakel, sondern ein Manifest. Er sprach hastig, ohne Einleitung, ohne viele Beiwörter, runzelte die Stirn, kratzte sich am Kopf, als spielte er einen Nervösen. Ich hatte ihn bislang nie öffentlich reden gehört und war erstaunt, dass er es gar nicht konnte. Im persönlichen Gespräch war er souverän, entspannt und überzeugend, ohne zu übertreiben. Auf der Bühne aber wirkte alles, was er sagte, jedes Wort und jede Geste, als wären sie zu viel, als ob er sich jemandem aufdrängte und nicht von ihm ablassen wollte.
Ich war erleichtert, als Iris übernahm, denn die war auf der Bühne ebenfalls nicht sie selbst, und das nur zu ihrem Besten (den Effekt kannte ich bereits). Ihre rundlichen Wangen schimmerten unter dem Lichtkegel goldbraun, als trüge sie eine Maske, sie hatte sich Glitzerpuder aufs Gesicht gemalt, dazu die Zähne – groß, weiß, wie Perlmutt. Ihre Puppenhaftigkeit war verflogen, sie wirkte schön und gealtert, selbst das Senken ihrer Lider blieb kontrolliert und ernsthaft, ein blendender Racheengel, eine sich in Wut, in Empörung steigernde Person. Edwin verstärkte ihr Mikrofon, dimmte zusätzlich die Scheinwerfer, die auf die anderen gerichtet waren, während er die auf Iris gerichteten weiter aufdrehte. Mir fiel dieser Wechsel sofort auf, einige im Publikum aber fragten sich gewiss in dem Moment, weshalb sie den Blick nicht von dieser jungen wütenden Frau auf der Bühne wenden konnten. Es war nicht bloß der zielgerichtet auf sie fallende Strahl, es war auch sie selbst, die diesen stärker einzufangen schien als die anderen. Von allen Leuten auf der Bühne nahm man sie nicht nur als Erste wahr, sondern: Was sie sagte, blieb haften. Das »Theater auf Lager«, so erklärte sie, jetzt ganz Aktivistin, habe sich aus einer Krise heraus gegründet, über die endlich Zeugenschaft abzulegen sei. Obwohl das Publikum vereinzelt klatschte, blieb sie ungerührt, streng: Zeugenschaft vor Gericht, sagte sie, Zeugenschaft als Prozess, der endlich gemacht werden müsse, Zeugenschaft als Befehl zur Hoffnung, als künstlerische Haftanweisung. Ich erinnere mich, bei diesem Auftritt ständig an Magda gedacht zu haben, genauer: daran, wie schade ich es fand, dass sie nicht gekommen war.
Die Menschen drängten sich bereits im Eingangsbereich, es wurde eng. Man ließ das Tor eine Zeit lang offen stehen, damit auch die Leute draußen gut hören konnten. Der nasse Nebel schummelte sich herein, während Iris, energisch, überzeugt, dennoch ruhig von der Bühne her, die warm und weich wirkte, erklärte, dass das Ensemble das herkömmliche Programm hiermit absage, um sich in Zukunft der Entwicklung eines neuen Dramas, nämlich jenem von Laura Skok widmen zu können.
Hier dann das Deuten auf Laura, die neben ihr stand, die wieder mit spöttischem Blick, wieder gleichgültig wirkend oder allzu gelassen, kurz angebunden ihre ersten Überlegungen zum Stück darlegte. Ich sah sie im Profil, sah die langen Haare über der mir zugewandten Schulter, ihre Hand, die diese Haare hinters Ohr strich, schon war sie fertig. Viel hatte sie nicht verraten.
Danach wieder Iris, mit einer Stimme, als stürze sie sich in die letzte Schlacht: Es gebe kein Geld für diese neue Produktion, daher könne das, was von nun an im Lager gezeigt werde, nur als menschliche, nicht jedoch als technische Leistungsschau verstanden werden. Der Kampf um die Fördermittel sei verloren, weshalb der Kampf ums Theater beginne.
Solche vehement vorgetragenen Sätze irritierten mich aus dem Mund der jungen Frau, die ein vorberechnetes Leben als Kindergärtnerin akzeptiert hatte, welches sie, wie ich in den ersten beiden Tagen angenommen hatte, mit Theaterpädagogik, Männergeschichten und ihrem allabendlichen Schwips aufzuwerten versuchte. Die fröhliche Freundlichkeit, die Leichtigkeit, die Iris im Alltag auf alles um sich herum übertrug, passte nicht zu diesem knalligen Auftritt. Dieselbe Iris, die Kusshände warf beim Schminken, die mir davon erzählt hatte, dass sie immer fixiert war auf einen häufig wechselnden dragi moj, rief jetzt, ganz Tatkraft, Vorstoß, Aktion und Haltung, plötzlich ihre Warnungen aus: Man habe die Menschen in diesem Land genug getäuscht, das sei vorbei. Auf dieser Bühne werde es solche Täuschungen nicht geben, nein, hier nicht mehr, denn in diesem Theater, in diesem Lager werde man in Zukunft nur den strengen Spiegel einer Realität vorfinden, der dieselbe ebenso karg zurückwarf, wie sie war.
Für diesen Satz erhielt sie langen Applaus.
Niko war längst mit erleichtertem Gesichtsausdruck von der Bühne verschwunden. Später wurden Textauszüge des neuen Dramas präsentiert. Man diskutierte, mal ging es um inhaltliche Fragen zum Stück, mal um Arbeitsbedingungen in der freien Szene. Mit der Zeit drehte sich alles um die Krise und um die Frage, wie man sie auf der Bühne darstellen könnte. Ich erinnere mich, dass Laura, Autorität und Autorin, mittlerweile auf einem Stuhl in der ersten Reihe im Publikum sitzend, aktiv mitdebattierte, da es nicht mehr um das Stück selbst ging (zu dem sie sich nicht äußern wollte), sondern um Faktisches: »Benennen wir es: Plünderbanken, Bankenbosse, Kreditmärchen!«
Jetzt, in der immer heftiger werdenden Diskussion, stellte sich heraus, was das Herz ihres Stückes war: ein Laptop, auf dem sie Hunderte mit Dateien gefüllte Ordner abgespeichert hatte, die sie als Verstärkung von Konsistenz, als Realitätspartikel, als Garant für Information bei allen Szenenübergängen als Projektionen auf eine Leinwand zu werfen plante.
Im Laufe dieser Debatte kam, von Iris mit Wangenküssen begrüßt, ein riesiger Mann auf die Bühne, groß, breit, rosafarbene Wangen, zottiger Bart wie das Fell eines Tiers, die Bewegungen langsam und schwer. Insgesamt wirkte er patzig und bärig, dabei kräftig. Iris bezeichnete ihn als Regisseur, den man für die Produktion bestellt habe. Obwohl ich den Begriff des Bestellens gerade in Bezug auf diesen Regisseur nur in Anführungszeichen wiedergeben mag, so belasse ich es dabei, denn Iris benutzte das Wort mit solcher Freude, dass ich noch heute kein anderes als passender empfinde.
Ich kannte ihn, er war ein Phänomen. Man nannte ihn Baugruber, auch in der Presse wurde er als solcher geführt (immer ohne Vornamen). Er hatte mich jedes Mal, wenn wir uns bei Veranstaltungen getroffen hatten, begrüßt, auch wenn sich nie ein Gespräch mit ihm ergeben hatte, er schien einfach grundsätzlich davon auszugehen, dass man von ihm wusste. Ganz unrecht hatte er nicht damit, obwohl sein Bekanntheitsgrad in den letzten Jahren gesunken war. Lange Zeit hatte er in einem Dorf sein Bauerntheater geleitet, ein schräger Ausdruck, aber er war es, der ihn geprägt hatte, genauso wie er selbst für sich die Bezeichnungen Drei-Groschen-Goethe und Bauern-Balzac in Umlauf gebracht hatte, bevor er als Moderator für ein miserables Radio in die Stadt gezogen war. Sein unter »Heimatvereinigung« laufender Theaterverein war das Feindbild für Liebhaber von Kirchtagen oder Faschingsumzügen. Schuld daran waren seine als Straßenfeste konzipierten Theatertreffen, antifolkloristische Exzesse, zu denen die intellektuelle Elite aus dem ganzen Land anreiste. Diese experimentelle Volksbühne war eine der ersten gewesen, der man im Zuge der groß angelegten Reform alle Förderungen gekürzt hatte, natürlich ohne Angabe von Gründen.
Ich beobachtete ihn und erfuhr: Er war es, der Niko im Anschluss an die Kürzungen zur Gründung des »Theaters auf Lager« angetrieben hatte, er war es, der Laura an die Gruppe vermittelt und vorgeschlagen hatte, ihr Stück zu adaptieren, und er war es, den Iris am Telefon als ihren Flirt bezeichnet hatte.
Ich sehe also vor mir einen Baugruber, wie ich ihn in den folgenden Wochen oft sehen sollte: ein zotteliger Ausbund an Drolligkeit, der sich in der Diskussion genau so verhielt, wie man mir erzählt hatte, dass er sich immer bei Proben verhielt: Er teilte kurz angebunden Textpassagen oder Anweisungen aus, ließ sie ausführen, ging nicht auf Lob ein, dafür immer auf Kritik, die er zunächst wiederholte, bevor er ihr etwas entgegenschmetterte. Fragen kommentierte er trocken und boshaft, was gar nicht zu seinem patzig-lieblichen Aussehen passte. Und wenn er mit etwas unzufrieden war, blieb nichts Bäriges mehr an ihm, zumindest nichts Kuschelbäriges, dann verwandelte er sich zur Bestie, wurde laut, forderte ein, spreizte seine Finger, als schlüge er Krallen in ein wehrloses Opfer, nur um diese kurz darauf wieder einzuziehen und das erlegte Tier mit weichen Tatzen zu tätscheln.
Dieser Eindruck von Baugruber ist überlagert von einer anderen Erinnerung. Laura hatte nämlich ihren Laptop ausgepackt und sich damit zu Niko gestellt, der wiederum Edwin herbeiwinkte. Zu dritt begannen sie die Dateien durchzusehen.
»Kann man das projizieren?«
»Alles?«
»Wie viele Apparate brauchen wir dafür?«
Sie standen zwischen mir und der Bühne. Ich sehe mich hinter ihnen sitzen, die von Baugruber dominierte Bühne im Blick, wo geprobt wurde, und zugleich den Desktop, auf dem Laura einen Ordner öffnete.
»Das ist wirklich viel.«
Ich sehe mich ihnen also zusehen, ohne dass sie es merken, sehe ihre Hinterköpfe und den nervösen Pfeil auf dem Desktop, sehe den ersten Ordner mit Fotodateien, der aufploppt.
»Mit nur einem Beamer?«
Ich sehe das erste Foto, das mir in der Erinnerung wie das Hundertste vorkommt, denn ich habe viele ähnliche später gesehen:
Das Foto also, das einen Mann zeigt, oder vielmehr seinen Nacken und Hinterkopf, graues, kurz geschnittenes Haar, kleine Gestalt, beide Hände in den Taschen seines Jacketts, Blick zum Fenster eines Büros hinaus, neben ihm ein anderer Mann, weißes Haar, Schattenbart, die Hand erhoben, den Zeigefinger ausgestreckt, mit dem strengen Blick eines Menschen, der zu Hause ist in der Welt. In den Nacken dieses Mannes sehe ich Laura eine Bildunterschrift tippen: »Wending und Rieger im Büro von Hans Groschner, siehe Protokoll Nr. 34«, und heute ist mir, als wäre mit dieser (oder einer ähnlichen) Bildunterschrift alles Wichtige schon vorweggenommen –
Бесплатный фрагмент закончился.
