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Eduard von Keyserling

Nachbarn

Saga

NachbarnCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1911, 2020 Eduard von Keyserling und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614817

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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Nachbarn

Das kleine Bergtal füllte sich mit durchsichtiger Dämmerung. Die fetten Wiesen lagen farblos da, und der Bergbach, weiß in den sinkenden Schatten, begann lauter zu rauschen. Immer, wenn es abendlich still wurde, erhob er so die Stimme, um endlich im Schweigen der Nacht allein das Wort zu behalten. Vom See, der drüben hinter den Bäumen still und dunkel dalag, wehte es kühler herüber. Oben aber an den Berggipfeln hing noch roter Abendschein. Das Ehepaar von Bassel kehrte von seinem Spaziergange zurück, langsam, müde, die Glieder schwer von dem langen heißen Tage und dem weiten Wege. Sie gingen nicht nebeneinander, sondern hintereinander. Oskar war Dina einige Schritte voraus, dann blieb er stehen, nahm seinen Hut ab und schaute zu den Bergspitzen empor, aufmerksam wie jemand, der entschlossen ist, einen Eindruck in sich aufzunehmen. Hier auf dem Lande hatte er sich einen blonden Bart stehen lassen, auch das Haar war ziemlich lang geworden. Aus dem hübschen, sonst so diplomatenhaft gepflegten Kopf war so etwas wie ein Dichterkopf entstanden. Oskar war auch überzeugt davon, daß ein Dichter in ihm stecke. In seiner Jugend hatte er Verse in Zeitschriften veröffentlicht, und jetzt sprach er stets davon, daß er den Plan zu einem bedeutenden Werke in sich trug. Wenn nur das Leben ihm Zeit dazu lassen würde, aber da war seine Anstellung im Finanzministerium, da war die Geselligkeit, er war beliebt, er war Lebemann, er war Sportsmann, wo sollte da die Zeit zum Dichten herkommen. Aber hier auf dem Lande, hier mußte auch dem Dichter sein Recht werden. Dina war stehengeblieben und schaute auch zu den Bergen auf. »O sieh doch«, sagte sie. »Ich bin ja gerade dabei, das zu sehen«, erwiderte Oskar ärgerlich und ging weiter. Dieses kurze Zwiegespräch hatte sich manchen Abend schon wiederholt, wenn die Bergspitzen rot wurden, konnte Dina nicht umhin zu sagen: »O sieh doch!«, und das verstimmte Oskar jedesmal, als würde das Abendrot ihm dadurch verdorben. Ja es wurde ihm gewiß dadurch verdorben, dachte Dina, denn wenn sie miteinander zankten, liebte es Oskar, zu sagen: »Ich weiß nicht, durch dich wird meine Natur verfälscht.« Nun, wahrscheinlich verfälschte sie ihm auch das Abendrot. Ja, Dina war unglücklich und begriff doch nicht, warum sie es sein mußte. Sie war doch so bereit, glücklich zu sein und glücklich zu machen. Das wollte ihr jedoch nicht gelingen. Wenn das Leben Oskar keine Zeit für seine große Dichtung ließ, so ließ es ihm noch viel weniger Zeit für Dina. Alles ging vor, die Geschäfte, die Vergnügungen, die Freundinnen, und für Dina blieben nur einige Stunden eines gereizten und säuerlichen oder einsilbigen Beisammenseins übrig. Dina konnte es nicht ändern, daß sie dann weinerlich und vorwurfsvoll und eifersüchtig war. Zuweilen allerdings kamen große Versöhnungsszenen, die für Dina große Festtage waren, sie gerieten jedoch zu bald in Vergessenheit. Nach solch einer Versöhnungsszene war es gewesen, daß sie diesen Landaufenthalt beschlossen hatten. Hier in der Einsamkeit, vor der großen Natur wollten sie sich wieder finden, hier wollte Oskar ganz den beiden Vernachlässigten, seinen Gedichten und seiner Frau, leben. Anfangs war es auch hübsch gewesen, obgleich die Art, mit der Oskar seine Freundlichkeit unterstrich, ein wenig unbehaglich war und Dina befangen machte. Dann aber ging es mit dem Gedicht nicht recht vorwärts, und Dina schien daran schuld zu sein, Oskar wurde bitter und Dina weinerlich, sie stritten oder sie schwiegen miteinander, und Dina fühlte, daß das Glück, welches sie nun zu halten geglaubt hatte, ihr wieder entwischte. Alles um sie her schien ihr traurig und bedrückend, diese Berge, diese hellen Tage, der starke, süße Duft der Wiesen und die fette Behäbigkeit der Kühe und Menschen. Das melancholischste aber war stets dieses Heimkommen vom Abendspaziergang, wenn Oskar und sie so stumm hintereinanderher gingen, die Müdigkeit lag schwer auf ihren Schultern, die gepflückten Feldblumen welkten in ihrer heißen Hand, und nichts, nichts war zu erwarten, das sie ein wenig glücklich machen konnte. Drüben in der niedrigen Bauernstube würden die Abendmilch und der langweilige Aufschnitt sie erwarten, und dann würden sie auf dem Balkon sitzen, in die Nacht hinaussehen, den Tönen lauschen, und Oskars Schweigen würde Dina wie eine körperliche Qual krank machen. Dinas hübsches rundes Gesicht, das ganz auf ein glückliches Lächeln eingerichtet war, wurde, während sie langsam hinter Oskar her ging, kummervoll, und das Junge und Blühende in ihm, das es sonst hübsch machte, schien wie erloschen.

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495,27 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
16 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788726614817
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

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