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Tarzans Tiere
Edgar Rice Burroughs
Inhaltsverzeichnis
Der Raub des Kindes
Nach Afrika entführt
Wilde Tiere in der Bucht
Sheeta, der Leopard
Mugambi, der Häuptling der Wagambi
Tarzans furchterregender Tiertrupp
In der Wildnis verraten
Der Todestanz
Janes Flucht ins Ungewisse
Von seinen Tieren befreit
Tambudza, die Alte
Von allen verlassen
Die Urwaldnacht
Allein in der Dschungel
Den Ugambi hinab
In der Schlammhöhle der Krokodile
Nachtkampf auf der »Kincaid«
Pawlowitsch
Die »Kincaid« brennt
Wieder auf der Dschungelinsel
Das Gesetz der Dschungel
Impressum
Der Raub des Kindes
Die ganze Sache bleibt eben in Dunkel gehüllt, sagte d'Arnot. Ich weiß es aus bester Quelle: Polizei und Geheimagenten haben nicht den geringsten Anhaltspunkt, wie das alles angezettelt wurde. Das einzige, was alle wissen: Nikolaus Rokoff ist flüchtig.
John Clayton, Lord Greystoke – der Affen-Tarzan – saß schweigend in der Wohnung seines Freundes, des Leutnants Paul d'Arnot, in Paris. Tief in Gedanken versunken starrte er auf die Spitze seines tadellosen Schuhs. Mehr als genug ging ihm durch den Kopf, Erinnerungen waren wach geworden durch diese Flucht seines Erzfeindes aus dem französischen Militärgefängnis, wo er ja ebenso sehr nach der Zeugenaussage des Affenmenschen und wie nach dem Richterspruch für sein ganzes Leben hingehörte.
Er dachte daran, wie Rokoff mehr als einmal ihn um jeden Preis beseitigen wollte, und war fest überzeugt, daß alles, was dieser Mann bisher getan, zweifellos nichts bedeuten könnte im Vergleich zu den Ränken, die sein Hirn jetzt schmiedete, da er wieder frei war.
Seine Frau und seinen kleinen Sohn hatte Tarzan kürzlich nach London gebracht. Wollte er ihnen doch die Unbequemlichkeiten und Gefahren der Regenzeit auf seinen ausgedehnten Besitzungen in Uziri ersparen. Uziri –, das war das Land der wilden Waziri-Krieger in Afrika, deren weite Gebiete der Affenmensch einst als Häuptling der Waziri beherrschte und in das er als reicher Lord zurückgekehrt war.
Nur zu einem kurzen Besuch war er jetzt zu seinem alten Freund über den Kanal gefahren, – da türmte die Nachricht von der Flucht des Russen auch schon schwere Schatten auf. Obwohl kaum erst in Paris angekommen, erwog er die sofortige Rückkehr nach London.
Nicht für mich selbst fürchte ich, Paul, so brach er endlich das Schweigen. Oft habe ich Rokoffs Anschläge auf mein Leben vereitelt, aber jetzt gilt es mehr. Täusche ich mich nicht in dem Menschen, so wird er es jetzt zunächst weniger auf mich als auf meine Frau und mein Kind absehen. Denn er weiß zweifellos, daß er damit die schlimmsten Qualen auf mich häufen kann. Nein, ich muß augenblicklich zu ihnen zurück, ich muß bei ihnen bleiben, bis Rokoff wieder hinter Schloß und Riegel ist. Oder – bis er nicht mehr ist.
*
Während sie in Paris mit einem Entschluß rangen, hatten zwei andere Männer in einem kleinen Londoner Vorstadthause etwas miteinander abzumachen. Finster huschten ihre Blicke hin und her. Der eine trug einen Bart, dem anderen sproßten nur einige spärliche Stoppeln, und die Blässe im Gesicht schien längere Bekanntschaft mit Kerkerluft zu verraten. Eben dieser wandte sich jetzt an seinen Helfershelfer:
Du mußt unbedingt deinen Bart abnehmen lassen, Alexei; du wirst sonst ohne weiteres erkannt. In dieser Stunde noch trennen sich unsere Wege. Treffen wir uns wieder, das heißt also an Bord der »Kincaid«, – dann haben wir hoffentlich unsere beiden verehrten Passagiere mit, die kaum ahnen, was für eine angenehme Reise wir für sie ausgedacht haben!
In zwei Stunden werde ich mit dem einen nach Dover unterwegs sein. Folgst du genau meinen Anweisungen, wirst du morgen Nacht mit dem andern nachkommen. Vorausgesetzt natürlich, daß er so schnell wieder nach London zurückfährt, wie ich vermute.
Allerlei Gewinn und Vergnügen und was sonst noch an guten Dingen möglich ist, wird unsere Mühe lohnen, lieber Alexei. Das haben wir vor allem dem dummen Franzosen zu danken. So lange hat man die Tatsache meiner Flucht glücklich geheimgehalten, daß ich reichlich Gelegenheit hatte, unser nettes Abenteuer bis ins kleinste vorzubereiten. Es ist kaum zu befürchten, daß irgendetwas schief geht! Unsere Pläne wird nichts durchkreuzen. Also: Leb wohl – und Glück zu!
Drei Stunden später kam ein Bote die Treppe zur Wohnung des Leutnants Paul d'Arnot hinauf.
Telegramm für Lord Greystoke, vermeldete er dem Bediensteten, der sofort an der Türe erschienen war. Wohnt dieser Herr hier?
Der Diener bestätigte, gab dem Boten die Empfangsbescheinigung und überreichte Tarzan, wie Lord Greystoke sich noch immer gern nannte, das Telegramm. Der war gerade bei den letzten Vorbereitungen für seine Abreise nach London.
Aufreißen und Lesen war eines. Er wurde leichenblaß – –
Da, lies Paul, fuhr er auf und gab d'Arnot das Blatt. Schon alles im Gange!
Der Freund nahm das Telegramm und las:
Jack unter Mithilfe des neuen Dieners aus dem Garten geraubt. Komm sofort.
Jane.
*
Tarzan war vom Bahnhof nach seiner Wohnung geeilt, im Sturmschritt ging es die Treppe nach oben. An der Türe traf er seine Frau; sie war tränenlos – aber verzweifelt. Rasch berichtete Jane ihrem Mann, was sie bisher über den Raub des Jungen hatte erfahren können:
Das Kindermädchen hätte ihn vor dem Hause in der Sonne spazieren gefahren; plötzlich sei an der nächsten Straßenecke eine geschlossene Autodroschke aufgetaucht. Das Mädchen hätte im Vorübergehen nur flüchtig nach dem Auto geschaut. Sonderbarerweise sei niemand ausgestiegen, das Auto habe vielmehr dicht am Prellstein mit weiterlaufendem Motor gehalten. Es hätte geschienen, als warte man auf jemanden aus dem Hause, vor dem es stand.
Fast unmittelbar nachher sei Charles, der neue Hausmeister des Greystokschen Hauses, herbeigeeilt gekommen. Er habe dem Mädchen zugerufen, die gnädige Frau wünsche das Kindermädchen auf einen Augenblick zu sprechen. Sie solle den kleinen Jack nur seiner Obhut überlassen, bis sie zurück sei.
Das Kindermädchen sagte aus, sie habe nicht den leisesten Verdacht aus den Worten des Dieners schöpfen können. Am Torweg zum Hause sei ihr dann aber eingefallen, daß sie ihn hätte darauf aufmerksam machen müssen, den Kinderwagen ja nicht so zu drehen, daß die Sonnenstrahlen unmittelbar die Augen des Kleinen träfen.
Sie habe sich umgewandt, um dies dem Manne zuzurufen, und nun mit Entsetzen gesehen, wie er in sehr raschem Tempo mit dem Kinderwagen auf die Straßenecke zugerast sei. Im gleichen Augenblick sei auch schon die Tür des Autos von innen geöffnet worden, und ein dunkles Gesicht für eine Sekunde im Rahmen der Türe aufgetaucht.
Ganz instinktiv sei es jetzt über sie gekommen, daß dem Kinde hier eine Gefahr drohe. Ein Schrei, und sie sei die Treppe hinab zur Straße gestürzt, auf die Autodroschke zu. Charles habe gerade den Kleinen der dunklen Gestalt ins Auto hineingeschoben. Kurz ehe sie das Auto erreicht habe, sei Charles zu seinem Helfershelfer hineingesprungen und habe die Tür hinter sich zugeschlagen. Inzwischen hätte der Chauffeur die Maschine in Bewegung setzen wollen. Es sei aber anscheinend irgend etwas nicht in Ordnung gewesen – gerade als ob die Maschen des schändlichen Netzes sich nicht hätten schließen wollen! Diese Verzögerung – er drückte den Hebel auf rückwärts, und das Auto rollte auch einige Meter zurück, ehe er wieder nach vorwärts umschaltete –, dieser kurze Aufenthalt habe genügt, das Kindermädchen bis neben das Auto kommen zu lassen.
Sie sei auf das Trittbrett gesprungen und habe versucht, den Kleinen dem Fremden aus den Armen zu reißen. Schreiend und ringend habe sie sich festgeklammert, als das Auto losfuhr, und – sie seien kaum am Greystokeschen Hause vorübergewesen –, da hätte Charles ihr einen schweren Schlag ins Gesicht versetzt und sie aufs Pflaster hinabgestoßen.
Dienstboten und Bewohner der Nachbarhäuser seien natürlich auf den Lärm hin auf die Straße gestürzt. Auch Jane sei Zeuge des mutigen Verhaltens des Mädchens gewesen, sie habe sogar selbst versucht, das in voller Fahrt befindliche Auto einzuholen, doch es sei schon zu spät gewesen.
Das war's, was alle wußten. Lady Greystoke hatte noch nicht einmal darüber nachdenken können, wer eigentlich der Anstifter dieser ruchlosen Tat sein mochte. Jetzt erfuhr sie durch ihren Gatten, daß Nikolaus Rokoff, den man für immer unschädlich gemacht zu haben meinte, aus dem französischen Gefängnis entflohen war – – –
Tarzan beriet mit seiner Frau, wie man nun am klügsten vorgehen könne. Da läutete das Telephon nebenan im Bibliothekzimmer. Tarzan nahm sofort den Hörer. Lord Greystoke dort? Es war eine männliche Stimme, die so fragte. Ja, hier.
Ihr Sohn ist geraubt worden, fuhr der andere fort. Ich allein kann Ihnen helfen, wenn Sie ihn wieder haben wollen. Natürlich bin ich bei der ganzen Verschwörung dabei. Die Sache liegt allerdings jetzt so, daß die andern mich um meinen Gewinn bringen wollen. Gut, ich werde das quitt machen: ich will dafür Ihnen helfen. Eine Bedingung freilich: Sie dürfen mich auf keinen Fall in eine etwaige gerichtliche Untersuchung hineinziehen. Wie stellen Sie sich zu meinem Vorschlag?
Sie brauchen absolut nichts zu fürchten, wenn Sie mir tatsächlich zeigen können, wo man mein Kind versteckt hält, erwiderte der Affenmensch.
Abgemacht, kam es von drüben. Sie müssen aber unbedingt ohne Begleitung erscheinen. Es ist genug, wenn ich mich auf Sie allein verlasse. Ich kann unmöglich dulden, daß dritte Personen mich sehen.
Wo und wann treffen wir uns? fragte Tarzan.
Der andere nannte die Straße und eine Wirtschaft im Hafenviertel von Dover, dem Tummelplatz von Matrosen, Hafenarbeitern und allerlei Gesindel.
Kommen Sie heute abend um zehn Uhr. Aber ja nicht eher! Ihr Sohn ist inzwischen gut aufgehoben; ich will Sie dann nach dem Versteck führen, ohne daß es jemand merkt. Und nochmals: Kommen Sie ja allein und lassen Sie die Kriminalpolizei aus dem Spiele. Ich kenne Sie persönlich. Ich werde Sie auch erst genau beobachten. Tauchen Sie in Begleitung auf oder müßte ich irgend so etwas Verdächtiges wie Geheimpolizisten im Gelände wittern, dann ist alles aus. Mich finden Sie dann jedenfalls nicht, und um Ihren Sohn ist es geschehen. Schluß!
Drüben wurde die Verbindung getrennt.
Tarzan wiederholte seiner Frau das Wesentliche. Sie bat flehentlich, er solle sie mitnehmen, doch er wehrte ab. Das liefe ja bloß darauf hinaus, daß jener Mann seine Drohung wahr mache und die Hilfe versage, wenn er nicht tatsächlich allein käme. So trennten sie sich. Tarzan eilte nach Dover. Sie blieb aus und wollte warten, bis er ihr die erste Nachricht über den Erfolg geben würde – –
Und sie versank in Gedanken. Was mochte ihnen beiden wohl begegnen, bis sie sich wiedersähen? Und wie würde ihre weitere Zukunft aussehen – – Doch, was konnte es jetzt noch nützen, Prophetin zu spielen?
Vor zehn Minuten hatte sie ihr Mann verlassen. Jane ging auf den weichen seidenen Teppichen der Bibliothek erregt auf und ab. Sie hatte keine Ruhe mehr, ihr Mutterherz pochte wild. Den Erstgeborenen hatte man ihr geraubt, und nun schwankte sie qualvoll zwischen Furcht und Hoffnung. Wenn sie alles rein verstandesmäßig ansah: Ja, es würde jetzt gut gehen: Tarzan kam allein, wie es jener geheimnisvolle Fremde gewünscht hatte. Doch irgendeine dunkle Stimme in ihrem Innern ließ den Verdacht nicht ruhen, daß schlimmste Gefahren beiden drohten, ganz bestimmt beiden, Mann und Kind! Je mehr sie nachdachte, um so mehr wuchs in ihr die Überzeugung, daß dieser telephonische Anruf nur ein Trick der Räuber war, um Zeit zu gewinnen und sie beide von den nötigsten Maßnahmen abzuhalten. Inzwischen würde man den Kleinen irgendwo sicher versteckt oder gar aus England weggeschleppt haben. Vielleicht war es auch eine Falle? Wurde auch Tarzan jetzt in die Hand jenes unversöhnlichen Rokoff gespielt? Sie suchte diesen Gedanken in seiner ganzen Furchtbarkeit zu fassen. Erschüttert blieb sie mit schreckensstarren Augen stehen, und blitzartig kam ihr der Entschluß. Ein Blick auf die Standuhr in der Nische. Sie fühlte die Zeit im Schlag jeder Sekunde dahineilen.
Nahm sie den Zug nach Dover, den auch Tarzan genommen hatte? Dazu war es schon zu spät.
Nein, sie würde den anderen Weg einschlagen. Es war zwar weiter; aber sie würde rechtzeitig am Kanalhafen sein, noch bevor die Uhr zum Glockenschlag der Stunde ansetzte, die der Fremde ihrem Manne bestimmt hatte.
Sie rief Mädchen und Chauffeur und gab rasch ihre Anweisungen. Schon zehn Minuten später raste sie im Auto durch belebte Straßen zum Bahnhof.
*
Es war dreiviertel zehn Uhr abends. Tarzan trat in die schmutzige Hafenkneipe in Dover ein; dumpfe Wolken von Dunst und Qualm strömten ihm entgegen. Ein Mann, stark maskiert, wies ihn nach der Straße.
Kommen Sie, Lord, tuschelte der Unbekannte.
Der Affenmensch wandte sich und folgte in die spärlich beleuchtete Gasse. Mit der sonst üblichen Bezeichnung »Straße« hätte man ihr wirklich zu viel Ehre angetan.
Sie waren am Ende. Der andere steuerte gleich dorthin, wo ihnen noch größere Finsternis entgegenstarrte. Man war am Kai. Hochaufgestapelte Ballen, Kisten und Kästen warfen weithin tiefe Schatten. Hier machte er Halt.
Wo steckt nun mein Junge? fragte Greystoke.
Dort drüben, Sie sehen die Lichter des kleinen Dampfers, erwiderte der andere.
Trotz der Finsternis suchte Tarzan die Züge seines Führers genauer zu mustern. Er glaubte, den Mann noch nie gesehen zu haben. Hätte er auch nur geahnt, daß er Alexei Pawlowitsch vor sich hatte – nichts als gemeinen Verrat und lauernde Gefahr würde er in jeder Bewegung dieses Menschen gewittert haben.
Das Kind ist jetzt unbewacht, fuhr der Fremde fort. Die Herren Räuber fühlen sich völlig sicher. Nur ein paar von den Spitzbuben sind übrigens an Bord der »Kincaid«. Aber die habe ich schon gehörig mit Schnaps bearbeitet, sie sind für ein paar Stunden versorgt, da kann sich keiner mehr rühren. Also, gehen wir. Sie nehmen ihr Kind und können verschwinden, ohne das Geringste befürchten zu müssen.
Tarzan nickte zustimmend.
Also los, sagte er nur.
Ein Boot war am Kai festgemacht, sie stiegen ein, und Pawlowitsch ruderte rasch auf den Dampfer zu. Dicke schwarze Rauchfahnen quollen aus dem Schornstein. Tarzan beachtete dies nicht im geringsten. Seine Gedanken waren einzig und allein auf das gerichtet, was er fiebernd erwartete: Schon in wenigen Minuten würde er seinen Kleinen wieder in den Armen halten!
Vom Schiff hing eine Strickleiter herab. Vorsichtig kletterten sie fast lautlos an Deck. Oben gingen sie schnell nach achtern. Der Russe zeigte auf eine Luke.
Dort ist der Junge versteckt, sagte er. Besser, Sie holen ihn selbst. Er wird dann kaum schreien und könnte auch erschrecken, wenn ein Fremder ihn auf den Arm nimmt. Ich will dafür hier oben aufpassen.
Tarzan war völlig im Banne seiner nun fast erfüllten Hoffnung. Den Jungen sollte er wiederhaben! Und so entging ihm alles, was auf dieser »Kincaid« geheimnisvoll und verdächtig erscheinen mußte: Kein Mensch auf Deck, und dabei das Schiff unter Dampf. Mehr noch: Die gewaltige Rauchschwaden deuteten doch offensichtlich darauf hin, daß man bereit war, jeden Augenblick in See zu gehen. Nichts, rein gar nichts machte ihn stutzig. Nur der eine einzige Gedanke, daß er im nächsten Augenblick schon dies kostbare kleine Geschöpf in seinen Armen haben würde, schien in ihm Raum zu haben.
Hinab in die Finsternis schwang sich der Affenmensch, doch kaum hatte er den Rand der Lukenöffnung losgelassen, da schlug der schwere Deckel krachend über ihm zu – –
Er begriff sofort, daß er einem heimtückischen Anschlag zum Opfer gefallen war. Seinen Sohn wiederfinden? Gar nicht daran zu denken. Er selbst hatte sich in die Hände seiner Feinde gestürzt. Mit allen Kräften suchte er den Deckel der Luke zu erreichen. Vielleicht konnte er ihn noch nach oben drücken – – Doch vergeblich. Er zündete ein Streichholz an und fand sich in einem Raum, den man anscheinend vom Hauptraum besonders abgeteilt hatte. Der Lukendeckel über ihm der einzige Zugang – –; es war sonnenklar: man hatte dies hier einzig und allein für ihn als Kerker ausgedacht. Nichts und niemand waren hier weiter. Und das Kind? Wäre es wirklich an Bord der »Kincaid«, dann überall, nur nicht hier.
Vom Kind zum Manne war er herangewachsen mitten in der Wildnis und fern jedem menschlichen Wesen, über zwanzig Jahre lang. Eines hatte er da vor allem gelernt in diesen Jahren, in denen alles im Menschen so köstlich jung und empfänglich ist: Er hatte gelernt, Freud und Leid, Glück und Unglück so zu nehmen, wie die wilden Tiere sich mit ihren Geschicken abfinden. Kein Rasen also jetzt, kein Sichaufbäumen gegen diesen Schicksalsschlag. Gelassen und wachen Auges wartete er, was nun wohl folgen würde. Das Menschenmögliche sollte jedenfalls getan werden, er würde sich schon zu helfen wissen. Gewissenhaft untersuchte er sein Gefängnis. Er tastete die Planken von oben bis unten ab, diese elenden Kerkerwände, und suchte dann abzuschätzen, wie hoch der Lukendeckel eigentlich über ihm liege.
Plötzlich fühlte er das Stampfen der Maschine, das Surren der Schrauben. Man fuhr also? Wohin – –, wohin – –?
Und mitten in diesem Wirbel seiner Gedanken, in dies Zittern und den Lärm der Maschinen drang plötzlich ein Etwas, daß es ihm eiskalt den Rücken hinablief: Ein unheimlich gellender Schrei oben auf Deck, ein Kreischen, wie von einem zu Tode erschrockenen Weibe – – –
Nach Afrika entführt
Gerade als Tarzan mit seinem Begleiter im Dunkel der Kaianlagen verschwand, war eine tief in Schleier gehüllte Dame eilig in die enge Gasse eingebogen, nicht weit mehr von der Kneipe, die die beiden eben verlassen hatten.
Sie blieb stehen, sah sich um und schien befriedigt. Endlich war sie da. Sie faßte Mut und trat in die Winkelkneipe ein.
Halbbetrunkene Matrosen und »Kai-Ratten« blickten von ihren Tischen auf. Das war etwas Neues: eine vornehm gekleidete Dame hier mitten unter ihnen. Sie ging sofort auf die Kellnerin am Schanktisch zu. Die hatte bereits ihre glücklichere Schwester mit neidischem Blick aufs Korn genommen.
Haben Sie einen großen, gutgekleideten Herrn hier gesehen? fragte sie. Er muß vor einer Minute noch hier gewesen sein. Muß sich hier mit jemanden getroffen haben und dann mit ihm fort sein. Die Kellnerin bestätigte dies. Wohin sie gegangen seien, könne sie nicht sagen.
Ein Matrose hatte zugehört; er kam heran und versicherte, wie er gerade in die Kneipe hereingegangen, seien zwei Männer nach dem Kai fortgeschlendert.
In welcher Richtung? Die Dame drückte ihm rasch ein Trinkgeld in die Hand. Der Bursche zog sie sogleich auf die Straße. Sie wandten sich zum Kai und, wie sie so am Wasser entlang eilten, beobachteten sie, daß ein kleines Boot gerade in den dichten Schatten eines Dampfers untertauchte. Es schien nicht weit zu sein.
Da sind sie ja, flüsterte der Matrose ihr zu.
Zehn Pfund für ein Boot und wenn Sie mich gleich auf dies Schiff hinüberbringen! Wie ein Aufschrei klang das.
Schnell also, bestätigte er. Donnerwetter, das muß gut gehen, wenn wir die »Kincaid« noch fassen! Seit drei Stunden schon steht sie unter Dampf. Gerade auf den da haben sie noch gewartet. Ich hab's gehört, vor einer Stunde. Da erzählte einer von der Mannschaft was ...
Mit diesen Worten waren sie am Ende der Kaimauer. Ein Boot war dort festgemacht; er half ihr hinein, schwang sich nach und ruderte los. Sie jagten nur so durch die Fluten dahin.
Am Schiff forderte der Mann sein Geld.
Sie zählte gar nicht, mit einem Griff drückte sie ihm ein Bündel Banknoten in die ausgestreckte Hand. Gleich der erste Blick mochte ihn überzeugt haben, daß er mehr als genug bezahlt sei. So half er ihr die Strickleiter hinauf, und wartete mit dem Boot dicht am Schiff. Das Geschäft sollte ihm nicht entgehen! Vielleicht würde die noble Dame auch wieder an Land zurückwollen?
Aber fast im gleichen Augenblick dröhnte die Hilfsmaschine, er hörte das Klirren einer Kette und das Knarren der Winde. Kein Zweifel, die »Kincaid« lichtete den Anker. Und schon setzten sich auch die Schrauben in Bewegung. Langsam glitt der Dampfer von ihm weg. Hinaus in den Kanal.
Er wandte sich, um zum Kai zurückzurudern. Da, eine Frauenstimme, ein Schrei. Das war auf Deck. Komische Sache! murmelte er vor sich hin. Ich sollte mir genarrt vorkommen, hätt' ich nicht dieses hübsche Paketchen da. –
*
Jane war oben an Deck angelangt. Die »Kincaid« schien völlig verlassen. Keine Spur von denen, die sie suchte; einfach nichts war zu sehen. Und doch, wozu sich aufhalten! Die Hoffnung beflügelt ihre Schritte, gewiß, die bloße Hoffnung, Mann und Kind hier wiederzufinden.
Sie stürzte nach der Kajüte, die halb über das Deck herausragte. Es ging eine kleine Treppe in den Hauptraum hinab, und auf der anderen Seite lagen sicher die kleineren Offizierskabinen. Sie stutzte. Vor ihr mußte sich eben rasch eine Tür geschlossen haben, so klang es. Sie durchschritt den ganzen Hauptraum der Länge nach, dann dämpfte sie ihre Schritte. Sie horchte an jeder Tür und suchte die Klinke leise niederzudrücken. Still war es, unheimlich still. Nur ihre Nerven schienen aufs höchste gereizt. Wild pochte ihr zu Tode gemartertes Herz, und es wollte ihr vorkommen, als müsse diese wogende Stimme ihres Blutes wie ein mächtiger Alarm bis in alle Winkel dieses Schiffes dringen ...
Eine Tür nach der andern tat sich vor ihr auf, und immer wieder stand sie vor derselben unheimlichen Leere. Äußere Eindrücke schienen sie nicht mehr zu treffen. Sie merkte nicht, daß plötzlich Leben in das Schiff kam, daß die Maschinen stampften und die Schrauben das Wasser peitschten.
Die letzte Tür rechts stieß sie eben auf; da wurde sie von einem starken Männerarm gepackt. Finstere Blicke funkelten ihr entgegen, dann wurde sie in die Kabine hineingezerrt.
Bis ins Mark erschrocken über diesen plötzlichen und unerwarteten Überfall entrang sich ihrer Brust ein einziger durchdringender Schrei, dann preßte der Rohling seine Faust auf ihren Mund.
Ruhe, du liebes Ding, du, herrschte er sie an. Erst wollen wir mal ein Stückchen weiter von Land weg sein. Kannst dir dann meinetwegen dein ganzes reizendes Herz aus dem Leibe schreien.
Die Lady drehte sich um. Sie sah einem struppigen Menschen dicht in die bösen Augen. Da ließ der Druck seiner Faust langsam nach. Ein neuer Schrecken durchzitterte sie. Das war der also – –. Sie wich zurück.
Nikolaus Rokoff! Herr Thuran! Sie hier? rief sie laut.
Ihr gehorsamster Diener, erwiderte der Russe und verbeugte sich leicht.
Sie würdigte seine anzüglichen Schmeicheleien keines Wortes. Wo ist er? fragte sie kurz. Ich will ihn sehen. Nikolaus Rokoff, wie können Sie so grausam sein, eben Sie gerade? Kennen Sie keine Barmherzigkeit? Haben Sie denn nicht wenigstens ein Fünkchen Mitgefühl? Kommen Sie, sagen Sie mir, wo er ist. Ist er überhaupt hier an Bord? O, bitte, wenn Sie überhaupt noch ein Herz im Leibe haben, geben Sie mir meinen Jungen wieder!
Nichts soll Ihnen geschehen, wenn Sie meinen Befehlen folgen, entgegnete Rokoff. Übrigens: Es ist nur Ihre höchst eigene Schuld, daß Sie hier sind. Ich stelle fest. Sie sind aus freien Stücken erschienen. Die Folgen müssen Sie selbst tragen.
Er murmelte noch, ohne daß sie es hätte hören können, so etwas wie: Donnerwetter, solch verteufeltes Glück kann auch ich bloß haben ... Dann ging er an Deck, nachdem er die Tür sorgfältig verschlossen hatte. Sie war gefangen. Tagelang ließ er sich nicht wieder sehen. Der Wahrheit die Ehre: Nikolaus Rokoff konnte das Seefahren nicht vertragen, und dieweil die »Kincaid« von Anfang an sich bei schwerster See vorwärtsarbeiten mußte, lag der Russe in seiner Koje fest. Die Seekrankheit mochte ihn übel gepackt haben.
In der Zwischenzeit kam ihr nur ein und dieselbe Person zu Gesicht: Der Koch der »Kincaid«, ein ungeschlachter, wenig angenehmer Mensch, der regelmäßig das Essen brachte; er war Schwede und nannte sich Sven Anderssen. In seinen kleinen, blauen Augen lag immer ein unruhiges Flackern, das sich auch auf seine ganze Erscheinung übertrug. Katzenartig sein Gang, und dieser Eindruck verstärkte sich noch, weil er stets mit einem Küchenmesser im Schürzengurt auftauchte. Dazu war er schmutzig von oben bis unten. Das Messer schien übrigens so eine Art Abzeichen seiner Zunft zu sein. Nie konnte sie sich des Gedankens erwehren, daß es nur des geringsten Anstoßes bedurft hätte, sein noch harmloses Getue in eindeutige Bösartigkeit zu wandeln.
Obwohl er meist mürrisch daherkam, zwang sie sich doch immer zu einem leichten Lächeln. Auch ein paar Dankesworte versäumte sie nie, wenn er ihr das schlechte Essen brachte, das sie oft genug einfach durch die Lichtluke hinausbeförderte, sobald die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war. Zwei Fragen hatten die arme Jane die langen qualvollen Stunden seit ihrer Gefangennahme immer und immer wieder beschäftigt. Wo mochte ihr Tarzan sein und wo der arme Kleine? Sie war fest überzeugt, daß das Kind auf der »Kincaid« sei, wenn anders es überhaupt noch am Leben war. Aber Tarzan? Wie sollte er noch unter den Lebenden sein können, hier, wo er gleichsam in des Teufels Küche geraten?
Sie wußte ja um den abgründigen Haß des Russen gegen ihren Mann, und nur so ließ sich diese Verschleppung hierher begreifen: Hier hatte man ihn sicher. Rache, Rache, galt es, denn er hatte es ja gewagt, Rokoffs Weg zu kreuzen und seine Schandtaten zu verhindern; er allein hätte es ja in der Hand gehabt, Rokoff wieder dem französischen Kerker zuzuführen.
*
Tarzan lag in seiner finsteren Haft. Hätte er nur ahnen können, daß sein Weib das gleiche Schicksal teilte, gerade in der Kabine über ihm!
Derselbe Schwede brachte auch ihm das Essen. Es war jedoch nichts aus dem Manne herauszubringen, so oft Tarzan auch ein Gespräch anzuknüpfen suchte. Erst hatte er erfahren wollen, ob das Kind an Bord wäre; doch auf jede derartige Frage kam immer nur dieselbe Antwort: Wird sich alles früh genug finden. Nur nicht so stürmisch! –
So ließ Tarzan nach einigen Versuchen das Fragen.
Wochen schienen Monate, der kleine Dampfer stampfte immer noch im gleichen Takte vorwärts, und vor beiden Gefangenen stand stumm die große Frage: Wohin? Wie lange noch? Einmal wurden Kohlen übergenommen. Man war vor Anker gegangen. Doch nach ein paar Stunden war das Schiff schon wieder auf der Fahrt, als müsse es ewig so gehen ...
Einmal nur hatte Rokoff sich nach Jane umgesehen, seit er sie in die winzige Koje eingesperrt. Abgezehrt und hohläugig kam er angewankt. Ja, die Seekrankheit! Er wollte von ihr auch nur eine Unterschrift. Einen Scheck über eine hohe Summe heischte er, und als Entgelt bot er ihr sichere Rückkehr nach England, das heißt für ihre Person.
Nur wenn Sie dies für meinen Mann, mein Kind und für mich garantieren, entgegnete sie sofort. Das Doppelte sollen Sie dann in blankem Golde haben, sonst keinen Penny, nicht mal im Traume.
Sie geben einfach, was ich verlange, verstehen Sie! Und mit gesteigerter Wut fuhr er fort: Oder –, keines von Ihnen Dreien wird je wieder festen Boden unter die Füße bekommen, nicht einmal bei den Wilden.
Ich möchte Ihnen doch nicht trauen, erwiderte sie. Wie kann ich auch? Ich habe ja nicht die geringste Gewißheit dafür, daß Sie nicht einfach mein Geld einstecken und dann doch rücksichtslos tun, was Ihnen gerade beliebt.
Darauf sagte er nur: Ich verlange, Sie tun einfach das, was ich befehle. Er wandte sich schon zum Gehen.
Aber denken Sie daran: Ich habe Ihr Kind in meiner Gewalt. Gut: wenn Sie das Wimmern solch eines kleinen, zu Tode gemarterten Geschöpfchens mitanhören können, nur zu! Trösten Sie sich dann gefälligst damit, daß das Kind – übrigens Ihr Kind – seine Qualen Ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken hat.
Nein, niemals, schrie sie. Sie ..., Sie ...! So unsagbar roh und grausam ...!
Ich und grausam? entgegnete er. Sie sind grausam. Sie allein, weil Sie das Schicksal Ihres Kindes von einem Fetzen Geld abhängig machen.
Jane setzte einen hohen Betrag ein und gab Rokoff den Scheck mit der Unterschrift. Genugtuung lag in seinen Zügen, als er schmunzelnd die Koje verließ.
Am nächsten Tage wurde der Luckendeckel zu Tarzans Häupten geöffnet; Pawlowitsch erschien mit dem Kopfe in dem Ausschnitt, durch den das Licht sich nur so hereindrängte.
Marsch, heraus, befahl der Russe. Aber Achtung! Bei der geringsten Tätlichkeit mir oder einem anderen gegenüber werden Sie einfach niedergeknallt.
Behend schwang sich der Affenmensch an Deck. Ein halbes Dutzend Matrosen, mit Gewehr oder Pistole bewaffnet, bildete in einiger Entfernung einen Kreis um ihn. Pawlowitsch trat dicht an ihn heran.
Tarzans Blicke suchten Rokoff. Er mußte an Bord sein. Jedoch vergeblich, er konnte ihn nicht entdecken.
Der Russe begann: Lord Greystoke, Sie haben sich fortwährend und ohne Berechtigung in Herrn Rokoffs Angelegenheiten eingemischt. Sie dürfen sich nicht wundern, wenn Sie nunmehr dies Unheil über sich und Ihre Familie heraufbeschworen haben. Alles Ihr höchsteigenes Werk. Sie begreifen: Die ganze Sache hat Herrn Rokoff ein schweres Stück Geld gekostet. Ich meine diese ganze »Expedition« hier. Sie sind der allein Schuldige. Sie haben also für alle Kosten voll auszukommen. Nur wenn Sie Herrn Rokoffs durchaus gerechte Forderungen erfüllen, können Sie das Schlimmste von Frau und Kind abwenden und sich selbst Leben und Freiheit sichern.
Wieviel wollen Sie? fragte Tarzan. Übrigens, wer garantiert mir denn dafür, daß ich überhaupt noch am Leben bleibe, wenn man meine Unterschrift erpreßt hat? Ich dächte, ich hätte allen Grund, zwei solchen Schurken wie Ihnen und Rokoff nur mit Mißtrauen zu begegnen.
Der Russe bebte vor Wut.
Mein Herr! Ihre Lage ist wohl nicht dazu angetan, daß Sie sich derartige Bemerkungen gestatten können. Im übrigen muß Ihnen mein Wort schon als Sicherheit genügen. Andernfalls dürfen Sie glauben, daß wir ganz einfach mit Ihnen kurzen Prozeß machen, sobald Sie nicht einen Scheck mit dem von uns gewünschten Betrag ausfertigen. Ich hätte Sie übrigens nicht für so töricht gehalten. Abgesehen von unserer offensichtlichen Überzahl müßten Sie bemerken, daß es für mich kein größeres Vergnügen geben könnte als hier einfach »Feuer« zu kommandieren. Warum wir davon absehen, das liegt in unseren anderweitigen Plänen für Ihre Bestrafung begründet. Ihr Tod würde da nur vorzeitig Schluß machen.
Eine Frage! sagte Tarzan. Ist mein Kind an Bord?
Nein, gab Pawlowitsch zur Antwort. Ihr Kind ist in Sicherheit, aber nicht hier. Getötet wird es, sobald Sie unsere Forderungen verweigern. Sollten wir mit Ihnen Schluß machen müssen, läge kein Grund vor, Ihrem Kinde das Leben zu schenken. Das Kind würde nach Ihrem Tode eine neue Gefahrenquelle für uns bedeuten. Sie sehen also: Retten Sie sich, erhalten Sie auch Ihrem Kinde das Leben. Und Ihre Rettung hängt eben, wie gesagt, ganz von dem Scheck ab, den wir verlangen.
Gut, erwiderte Tarzan. Er wußte, daß Pawlowitsch mit der einmal ausgesprochenen Drohung unbedingt Ernst machen würde. Als einzige Hoffnung blieb ihm immerhin die Möglichkeit, durch Einlenken wenigstens dem Kinde das Leben zu retten.
Über sein eigenes Schicksal nach Erledigung der rein geschäftlichen Wünsche war er sich jedoch völlig im klaren. Wozu sich auch über das einzig Wahrscheinliche täuschen! Soviel stand aber fest: Es würde selbstverständlich noch einen Kampf geben, an den sie in alle Ewigkeit gedenken sollten, und, wenn nicht alles schief ginge, – – den Pawlowitsch würde er mit ins Jenseits hinübernehmen. Zu schade nur, daß Rokoff nicht an dessen Stelle da war. Er nahm Scheckheft und Füllfederhalter aus der Brusttasche.
Wieviel wird verlangt? fragte er.
Pawlowitsch nannte einen märchenhaft hohen Betrag, so daß Tarzan kaum das Lachen verbeißen konnte.
Man wollte natürlich auf diese Weise herausbekommen, wie hoch das Lösegeld mindestens bemessen werden könne. Tarzan seinerseits suchte herunterzuhandeln, aber Pawlowitsch blieb fest. Schließlich schrieb der Affenmensch den Scheck aus. Der Betrag überstieg bei weitem sein Bankguthaben, und damit wurde der Scheck ja wertlos!
Als er ihn dem Russen gab, ging sein Blick über Steuerbord. Überraschung spiegelte sich in seinem Antlitz: Land, nur einige hundert Meter weit. Tropisches Sumpfdickicht bis fast dicht ans Ufer und dahinter bewaldete Hügel.
Pawlowitsch hatte Tarzan beobachtet.
Jawohl, hier soll Ihre Freiheit wieder beginnen, sagte er. Der Gedanke, nun sofort handgreifliche Rache an dem Russen zu nehmen, schoß jäh in Tarzan hoch. Dann dachte er: Dies Land hier ist ja mein altes bekanntes Afrika. Werde ich hier der Ketten ledig, dann will ich mir schon den Weg in zivilisierte Gegenden bahnen. Ganz wahrscheinlich kam ihm das vor.
Pawlowitsch nahm den Scheck.
Kleiden Sie sich aus, befahl er dem Affenmenschen. Hier brauchen Sie so etwas nicht.
Tarzan zögerte, doch deutete Pawlowitsch sofort auf die bis an die Zähne bewaffneten Matrosen. Langsam entledigte sich der Engländer seiner Kleidung.
Ein Boot wurde hinabgelassen, und Tarzan unter schärfster Bewachung an Land gebracht. Nach einer halben Stunde war das Boot wieder zurück, und die »Kincaid« setzte sich langsam in Fahrt.
Tarzan blickte von dem schmalen Strande dem Schiffe nach. Dort war jemand an die Reling getreten und suchte sich durch lautes Rufen bemerkbar zu machen.
Ab und zu waren Tarzans Blicke auf den Zettel gefallen, den ihm ein Matrose noch zuletzt zugesteckt hatte. Aber jetzt blieben sie mit einem Male haften an dem, was auf der »Kincaid« vorging: Ein schwarzbärtiger Mann hielt ein kleines Kind hoch in die Luft; sein höhnisches Gelächter übertönte das Rauschen der See. In Tarzan zuckte es auf, schon ging er mit dem Gedanken um, sich in die Brandung zu stürzen und schwimmend das Schiff einzuholen – –; aber er empfand auch sogleich die Aussichtslosigkeit rascher undurchdachter Tat – und blieb.
Keinen Blick wandte er vom Schiffe, bis es hinten einem Küstenvorsprung verschwunden war. –
Von der Dschungel hinter ihm starrten blutunterlaufene Augen unter buschigen Brauen böse auf den Neuling.
Kleine Affen schnatterten und kreischten in den Baumkronen, und vom Waldesinnern kam das Brüllen eines Leoparden.
Aber noch immer blieb John Clayton, Lord Greystoke, gleichsam taub und blind gegen alles, was um ihn vorging. Bittere Vorwürfe mochten ihn zerwühlen. Wie hatte er auch so leichthin dem glauben können, was der Handlanger seines Erzfeindes da an Bord versichert hatte! Ein einziger Trost, dachte er, bleibt mir: Jane ist in London sicher. O wie gut, daß sie wenigstens vor den Klauen dieser Schufte geborgen ist! Wie eine Katze auf die Maus hatte inzwischen jenes zottige Untier hinter Tarzan auf der Lauer gelegen. Jetzt schlich es vorsichtig näher.
Hatte der Affenmensch seine scharfen Sinne nicht mehr? Sein feines Gehör, seine untrügliche Witterung?
Wilde Tiere in der Bucht
Langsam entfaltete Tarzan den Zettel, den ihm der Matrose noch in die Hand gedrückt hatte. Er las, fast ohne daß sich die dunklen Schatten, die der Schmerz der letzten Stunde über ihn geworfen, sonderlich verstärkten. Dann aber kam ihm der niederträchtige Racheplan in seinem ganzen Umfange zu Bewußtsein. Der Wortlaut des Schriftstückes war folgender:
Diese Zeilen sollen Ihnen Klarheit über alles geben, was ich mit Ihrem Kinde und mit Ihnen vorhabe. Sie sind als Affe geboren. Sie lebten nackt in den Dschungeln. Also, jetzt sind Sie wieder dort, wo Sie hingehören, in Ihrer Heimat. Ihr Kind aber soll schon eine Stufe höher kommen als sein Vater. Das ist unabänderliches Naturgesetz.
Der Vater ein wildes Tier, der Sohn schon ein menschliches Wesen, allerdings auf der nächsten Sprosse der Entwicklungsleiter. Kein nacktes Dschungeltier, nein, er soll Lendenschurz und kupferne Fußspangen haben, vielleicht auch einen Ring durch die Nase. Wir wollen ihn einem wilden Kannibalenstamm zur Erziehung geben.
Ich hätte Sie ja töten können, doch damit würde ich doch nur das Maß der Ihnen zugedachten und wohlverdienten Strafe vorzeitig herabgesetzt haben. Einmal tot, könnten Sie sich leider nicht mehr quälenden Gedanken über die Lage Ihres Kindes hingeben. So aber werden Sie hier in Ohnmacht dahinleben; nie werden Sie von hier entrinnen, nie werden Sie nach Ihrem Kinde suchen oder ihm helfen können. Ärgeres als den Tod werden Sie in all den Jahren Ihres Lebens erleiden, so oft Sie sich des schreckenvollen Daseins Ihres Kindes erinnern.
Dies soll ein Teil Ihrer Strafe sein, weil Sie es wagten, sich mir in den Weg zu stellen.
R. R.
Nachschrift: Was an Ihrer Bestrafung noch fehlt, wird Ihre Frau auf sich nehmen müssen, und zwar ab heute. Ich überlasse es Ihnen, sich das auszumalen.
Kaum hatte Tarzan dies gelesen, als ihn ein schwaches Geräusch hinter seinem Rücken ruckartig in die rauhe Wirklichkeit zurückversetzte. Fast im Augenblick schienen seine Sinne wiedererwacht zu sein. Er war wieder der Affen-Tarzan.
Eine Wendung, und vor ihm stand ein ungeheurer Affe, halb zitternd aus einem gewissen Instinkt heraus, sich vor dem Allbekannten zu sichern, halb bereit, jeden Augenblick über ihn herzufallen.
Zwei Jahre war es her, seit Tarzan mit der geretteten Gattin Urwald und Wildnis verlassen. Ein wenig wohl mochte von seiner furchtbaren Kraft inzwischen geschwunden sein, die ihn einst zum unbesieglichen Herrscher der Dschungel gemacht hatte. Viel Zeit und Mühen hatte er seinen Ländereien in Uziri widmen müssen, reich, ja überreich war das Arbeitsfeld gewesen, das sich dort seiner beinahe übermenschlichen Kraft eröffnet hatte. Aber nackt und waffenlos kämpfen sollen mit solch einem struppigen, stiernackigen Ungeheuer, wie es jetzt vor ihm stand: Nein, nicht einmal in den Jahren, da er nur die Wildnis gekannt, würde er über einen derartigen Gegner entzückt gewesen sein.
Doch was blieb ihm jetzt anderes, als dem rasenden Tiere mit den Waffen zu begegnen, die die Natur ihm verliehen!
Über des Ungetüms Schulter hinweg gewahrte Tarzan Köpfe und Schultern von zwölf oder noch mehr dieser furchtbaren Vettern urmenschlicher Wesen.
Doch wußte er wenigstens, daß die ganze Schar kaum geschlossen zum Angriff übergehen würde. Noch reichte ja der Verstand der Menschenaffen nicht so weit, um den Wert des »Alle gegen einen« überhaupt zu erfassen. Andererseits war er sich darüber im klaren, daß sie lange genug die Gebieter jener Landstriche sein mochten, denn schreckengewaltig schienen ihm ihre drohenden Fäuste und wildfletschenden Fangzähne.
Mit tiefem Geknurr stürzte jetzt das Ungetüm auf Tarzan los, doch der Affenmensch hatte gelernt! Nicht bloß, was allgemein im Reiche der Zivilisation auf den Neuling abfärbt. Auch Kampfmethoden waren ihm vertraut geworden, die das Dschungeltier nicht kannte.
Noch vor wenigen Jahren würde er roher Gewalt mit roher Gewalt begegnet sein. Jetzt wich er rasch dem anstürmenden Feinde aus. Ein Schritt seitwärts, das rasende Untier stürzte ihm nach, aber schon saß ihm ein Schlag der gewaltigen Rechten seines menschlichen Gegners in der Magengrube.
Ein Wutgeheul war die Antwort, und vor Schmerz gekrümmt sank der Menschenaffe zu Boden? Vergebens sein fast augenblickliches Bemühen, wieder auf die Beine zu kommen ...
Sein weißer Gegner war mit einer raschen Wendung auch schon zur Stelle; wie ein Habicht stieß er auf ihn nieder, und die letzten Spuren oberflächlicher Zivilisation waren in jenem Augenblicke wie ein Mantel von des englischen Lords Schultern herabgeglitten.
Mit einem Male war in ihm wieder das Dschungeltier gleichsam neu erwacht im Ringen mit einem von seinesgleichen. Mit einem Male war er wieder Tarzan, Sohn Kalas, der Menschenäffin. Und seine scharfen, weißen Zähne gruben sich tief in des Feindes zottigen Hals. Die Schlagader! Kraft ballte sich in seinen Fingern, die mächtigen Nägel von seinem Körper abzuwehren, und dann sausten sie wie ein Dampfhammer auf seinen wutschnaubenden Feind hernieder.
Ringsum standen die übrigen seines Stammes, voll Erwartung und nicht ohne eine gewisse Belustigung. Sie knurrten Beifall, so oft die Fetzen flogen, aber still wurden sie vor Entrüstung und Spannung, als der gewaltige weiße Affe auf den Rücken ihres Königs lossprang, mit straffgespannten Muskeln ihn unter den Achseln packte und auf seinen feisten Rücken niederriß. Da lag der Affenkönig in dichtem Dschungelgrase, hilflos, so sehr er sich auch unter wildem Gebrüll zur Wehr setzen mochte.
Und wie Tarzan damals vor Jahren, als er sich auf die Suche nach Geschöpfen seiner Art und Färbung gemacht hatte, jenen Terkop klein kriegte, so ging er jetzt mit demselben Griff, den ihm ein Zufall in jenem Kampfe offenbarte, auf dies neue gewaltige Ungeheuer los.
Schon mochte die kleine Schar wütender Menschenaffen das leise Knacken vernehmen, das sich unheimlich in ihres Königs schreckliches Jammergebrüll mischte.
Und dann gab es plötzlich einen Krach, als würde ein Baum, eben noch fest und trotzig in der Erde verwurzelt, vom rasenden Orkan geknickt wie ein Streichholz. Nach vorn sank das riesige Haupt, nieder auf die behaarte Brust. Schlaff die Halsmuskeln, zu Ende das Kreischen und Gebrüll ...
Die kleinen »Schweinsaugen« der Zuschauer wanderten unschlüssig von ihres Führers regungslosem Körper zu dem weißen Affen. Der erhob sich und trat zur Seite. Und dann bohrten sich ihre Blicke wieder in die Gestalt ihres Königs, gleich als wunderten sie sich, warum er nicht aufspränge und diesen vermessenen Fremdling niederschlüge.
Sie sahen, wie der Neuling seinen Fuß in den Nacken seines Gegners setzte, – und der zuckte sich nicht! Tarzan warf mit einem Ruck sein Haupt zurück, und unsagbar wild entquoll seiner Kehle der gewaltige Affen-Ruf. Da wußten sie: der König war tot.
Und weithin trug die Dschungel jenen schrecklichen Siegerruf. Das Schnattern der kleinen Affen in den Baumkronen verstummte, es schwiegen die Stimmen der buntgefiederten Vogelwelt, und von fern her kam eines Leoparden klagende Antwort und das tiefe Brüllen eines Löwen.
Der alte Tarzan war's, der seine Augen jetzt fragend auf diesen kleinen Affentrupp vor sich richtete. Der alte Tarzan, wie er jetzt sein Haupt schüttelte, als hätte er die Fülle seines Haares aus dem Gesichte zurückzuwerfen: Eine alte Gewohnheit aus den Tagen, da ihm das Haar in dichten schwarzen Strähnen bis auf die Schultern herabhing und ihm gar oft den freien Blick zu nehmen drohte, wenn es auf Leben und Tod ging.
Tarzan wußte, daß er mit sofortigem Angriff von einem der Überlebenden – es schien ihm, als sei dieser ganz besonders gut gebaut, ja als hielte er sich allein zum Kampfe um die Königswürde seines Stammes berufen – zu rechnen hatte. Es war ihm aber auch von früher her in der Erinnerung, daß man einen völlig Fremden bisweilen in die Stammesgemeinschaft aufnahm, ja daß dieser sich nach Erledigung des Königs sogar zum Stammesgebieter und Oberhaupt der alten königlichen Familie aufschwingen konnte.
Wenn er anderseits jetzt ihnen nicht zu folgen suchte, würden sie sich vielleicht auch wegschleichen, fort aus seinem Bereiche, und dann nur untereinander um die Führerschaft kämpfen ... Daß er ihr König sein könne, wenn er nur wollte, soviel war ihm klar; nicht aber, ob er auch die mancherlei lästigen Pflichten, die notwendig mit dieser Würde zusammenhingen, auf sich nehmen wollte. Denn darin lag ja wohl kein besonderer Vorteil.
Der Affe, noch jung, aber mit furchtbaren Muskeln gerüstet, rückte näher an ihn heran. Aus dem weitgeöffneten Munde blitzten stattliche Fangzähne, und ein tiefes, unwilliges Brummen ließ sich hören.
Wie in Stein gemeißelt stand Tarzan da. Keine Regung seines Gegenüber schien ihm zu entgehen. Einen Schritt zurückweichen? Oder sich vorstürzen? Beides würde wohl nur einen unmittelbaren Angriff auslösen, dachte er. Oder? Könnte er nicht auch so den Kampflustigen in die Flucht schlagen? Nun, das hinge eben alles von des jungen Affen Mut ab.
Ruhiges Abwarten schien ihm also der rechte Mittelweg zu sein. Brummend und zähnefletschend würde der Affe bis dicht an ihn herankommen, so fingen sie ja gewöhnlich an; er würde sich dann ganz vorsichtig um ihn herumzuschleichen suchen, immer darauf aus, seine Schulter zu packen. Und so kam es auch.
Sollte das ein besonders königlicher Trick sein, oder würde eine plötzliche Regung der immer unbeständigen Affennatur plötzlich und ohne jeden warnenden Laut den zottigen Koloß wie einen reißenden Wolf über seinen Gegner hereinbrechen lassen?
Das Ungeheuer kreiste. Tarzans Augen wichen keine Sekunde von ihm, denn, so jung es sein mochte: Es schien ihm vollauf ebenbürtig dem eben verendeten Stammeshaupt, ihm dünkte, es würde eines Tages ohnehin auch über jenen hergefallen sein. Wie wunderbar die Formen dieses Untiers, wie es so dastand und die kurzen gekrümmten Beine mit dem wuchtigen Leibe um mehr als zwei Meter überragte! Selbst in dieser Haltung reichten seine großen, dicht behaarten Arme bis zur Erde, und wie lang und scharf schienen gar die Fangzähne, als sie jetzt sich drohend Tarzans Gesicht zuwandten!
Nur wenig Unterschied glaubte Tarzan zwischen diesem Stamm hier und den Affen, bei denen er seine Jugend zugebracht, zu bemerken.
Zuerst, als Tarzan die zottigen Menschenaffen gewahrte, war es ihm wie ein Hoffnungsschimmer vorgekommen: Vielleicht hatte ihn doch die Laune irgendeines unergründlichen Schicksals nun gerade zu seinem alten Stamme zurückgeführt? Aber als er jetzt näher hinsah, war er überzeugt, daß ihm hier doch andere gegenüberstanden.
Unermüdlich kreiste das Ungetüm weiter, hartnäckig blieb es in seiner drohenden Haltung, und ab und zu schien es jetzt zu einem plötzlichen Vorstoß anzusehen. Als wären sie zwei Hunde, die einander zum ersten Male in den Weg liefen, so kam es ihm vor. Dann fiel ihm mit einem Male ein, daß er doch probieren müsse, ob eigentlich die Sprache dieses Affenstammes irgend etwas Gemeinsames mit der seiner alten Genossen aufweise. Und so wandte er sich in Kerschaks wohlbekannten Lauten an sein Gegenüber.
Wer bist du? fragte er. Wer wagt sich gegen den Affen-Tarzan?
Überraschung flammte in des struppigen Ungeheuers Augen auf.
Akut bin ich, kam die Antwort von drüben.
Wie Tarzan vermutet: Ganz die gleichen ureinfachen Laute, wie die seines alten Stammes, bei dem er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens zugebracht! So wenig entwickelt jedes Wort, daß es gar nicht anders sein konnte.
Akut bin ich, sagte der Affe. Molak ist tot, jetzt bin ich der König. Fort mit dir, oder ich werde dich töten.
Du sahst, wie leicht ich Molak tötete, erwiderte Tarzan. Verlangte ich König zu sein, ginge es dir ebenso. Aber der Affen-Tarzan will nicht über den Stamm Akuts herrschen. Nichts weiter will er als friedlich leben in seinem Lande. Wir wollen Freunde sein. Der Affen-Tarzan kann euch helfen, ihr könnt dem Affen-Tarzan helfen.
Du kannst Akut nicht töten, entgegnete der andere. Niemand ist so groß wie Akut. Hättest du Molak nicht getötet, würde Akut es getan haben, denn Akut war gerüstet, die Macht an sich zu reißen.
Der Affenmensch antwortete hierauf nur mit einem mächtigen Sprung nach dem Gegner, dessen Wachsamkeit während dieses Wortwechsels nachgelassen hatte.
Im Bruchteil eines Augenblicks hatte der Weiße den Riesenaffen am Handgelenk gepackt und, ehe der sich irgendwie zur Wehr setzen konnte, im Wirbel herumgerissen. Sogleich auch schwang er sich auf dessen breiten Nacken und begann ihn am Halse zu würgen.
Und wie er einst Terkop sich für Tod oder Leben entscheiden ließ, so bot Tarzan jetzt Akut die Wahl zwischen Sein oder Nichtsein; denn er fühlte, daß jener ihm vielleicht als mächtiger Verbündeter schließlich einmal nützen könne. Einen anderen Ausweg gab es nicht: Akut in Freundschaft mit ihm oder – tot, genau so ins Jenseits befördert wie er es eben bei seinem bisher unbesiegten König gesehen hatte.
»Ka-goda?« raunte Tarzan dem Affen zu.
Dieselbe Frage hatte er einst an Terkop gerichtet. In der Affensprache bedeutete das soviel wie: Ergibst du dich?
Akut dämmerte auf, wie er vorhin Molaks Wirbel krachen gehört, und ein eisiges Schaudern überlief ihn.
Er zögerte noch. Sollte er so auf sein Königsrecht verzichten? Doch alle Befreiungsversuche waren vergeblich. Ein plötzlich verstärkter Druck auf sein Genick zwang das »Ka-goda!« von des zu Tode Gequälten Lippen.
Tarzan lockerte ein wenig die eiserne Klammer. Akut, du sollst König sein, sagte er. Sagte Tarzan dir nicht, daß ihn nicht nach der Königswürde verlangt? So oft nur jemand dein Recht anzutasten sucht: Tarzan wird dir ein Helfer im Streite sein.
Der Affenmensch erhob sich, und Akut kam langsam wieder in die Höhe. Zornig schüttelte er sein Haupt und trottete zu seinen Stammesgenossen. Er musterte einen nach dem andern, besonders die stärkeren unter ihnen; vielleicht, daß er auch dort einen Rivalen fürchtete?
Aber keiner rührte sich, sie wichen ihm förmlich aus und verschwanden fast augenblicklich in der Richtung, aus der sie gekommen, zurück in die Dschungel ... Und Tarzan war wieder allein am Strande.
Die Wunden, die Molak ihm geschlagen, schmerzten wohl etwas, doch was kümmerte ihn das? Gelassen und tapfer ertrug er es, wie die wilden Tiere auch. Die hatten ihn gelehrt, in der Dschungel so zu leben, wie es alle taten, die dort ihre Heimat hatten.
Vor allem brauchte er jetzt freilich Waffen zu Angriff und Abwehr; das war ihm klar. Genugsam war er gewarnt: Der Zwischenfall mit den Affen und das wilde, wenn auch noch ferne Brüllen Numas, des Löwen, und Sheetas, des Leoparden! Wohlbehagen und bequeme Sicherheit würde es hier fürs erste nicht geben.
Ja, das war einfach Rückkehr zu seinem alten Leben, zu immer neuen Gefahren, zu Jagen und Gejagtwerden. Furchtbare Tiere würden sich an ihn heranschleichen, ganz wie damals, und niemals – nicht bei hellichtem Tage noch in stockdunklen Nächten – würde er jene einfachen Waffen beiseitelegen können, die er sich jetzt wieder mit bloßer Hand aus dem, was die Natur zu bieten hatte, zurechtbasteln mußte.
Am Strande stieß er auf ein halbverwittertes brüchiges Felsstück; unter unsäglichen Mühen und nach vielen Fehlschlägen gelang es ihm, ein schmales Stück gleichsam herabzusplittern: Etwa fünfundzwanzig Zentimeter lang war es und dabei nur etwa dreiviertel Zentimeter im Durchmesser. Nach dem einen Ende zu verjüngte es sich fast zu einer richtigen Spitze: kein Zweifel, er hatte ein Ding, das die Dienste eines Messers versehen konnte. Nun ging's auf die Suche in die Dschungel. Da war ein Hartholzbaum irgendwo vom Sturme zu Fall gebracht! Ein schmaler, gutgewachsener Ast wurde mit der leider recht stumpfen Waffe abgesägt. Dann bohrte er ein enges rundes Loch in den Stamm des Waldriesen und stopfte trockene Borkensplitter hinein. Rittlings auf dem Stamme sitzend, führte er nun seinen Stab mit der Spitze in die Höhlung und drehte ihn in raschem Wirbel zwischen den dicht und doch lose angelegten Handflächen hin und her.
Nicht lange, da ringelte leichter blauer Rauch aus dem Zunder hervor, und einen Augenblick später schon loderte ein helles Flämmchen. Ein paar Zweige und dürre Äste nährten das Feuer, und bald sah Tarzan, wie es sich in des Baumes morscher Höhle immer mehr entfaltete.
In diesen Flammen ließ er von seiner Messerklinge, die er hin und wieder befeuchtete, kleine Teile absplittern.
Auf solche Weise wollte er seinem allzu unfertigen Jagdmesser eine einigermaßen scharfe Schneide geben.
Nicht auf einmal würde ihm dies Kunststück gelingen, das wußte er, und so war er heilfroh, als er endlich wenigstens eine scharfe Schneidefläche von etwa zehn Zentimeter Länge geschaffen hatte. Nun konnte er das Messer besser brauchen und schnitt sich damit denn auch gleich einen langen elastischen Bogen, einen Messergriff, einen handfesten Knüttel und viele Pfeile zurecht.
In den Zweigen eines mächtigen Baumes, der in der Nähe eines kleinen Flusses gen Himmel ragte, barg er dies alles und richtete sich dort oben ein von Palmenblättern überdachtes Lager her.
Schon krochen die Schatten der Dämmerung herauf. Tarzan verspürte heftigen Hunger.
Während eines kurzen Abstechers über den Fluß entdeckte er in einiger Entfernung von seinem Baume eine Tränke, wo sich – nach den Fußspuren im schlammigen Boden zu urteilen – eine Fülle der verschiedensten Tiere regelmäßig tummelten. Dorthin trieb der Hunger den Affenmenschen.
Er schwang sich leicht und behende wie ein Äffchen durch die Baumkronen, und, so schwer auch alles, was er in den letzten Tagen und Wochen erlebt, auf seinem Inneren lastete, er empfand es doch als ein Glück, der alten Freiheit seiner Jugendjahre wiedergegeben zu sein. Augenblicklich verfiel er wieder in die tausenderlei kleinen Gewohnheiten zurück, die wohl in Wirklichkeit mehr ein Teil seiner selbst waren als jene dünne Tünche, die wenige Jahre der Zivilisation und Gemeinschaft mit der weißen Welt über ihn gezogen hatten. Ja, ein dünner Anstrich war es wohl nur gewesen, der die Ecken und Kanten dieses Tiermenschen, der sich Affen-Tarzan nannte, überdeckt hatte.
Mäuschenstill duckte er sich jetzt im unteren Geäst eines Baumriesen dicht über dem Wildpfad, seine scharfen Augen bohrten sich in das Dickicht, aus dem jeden Augenblick sein Opfer und damit das erwünschte Nachtessen hervorbrechen konnte.
Er brauchte nicht lange zu warten.
Kaum hatte er es sich auf seinem Baumsitz ein wenig bequem gemacht und die gelenkigen Beine dicht an den Körper herangezogen, da duckte sich unten auch schon der Löwe zum Sprunge, denn Bara, der Hirsch, war zur Tränke unterwegs, um endlich den Durst zu stillen.
Doch nicht Bara allein. Andere folgten ihm, von denen Bara nichts ahnte.
Tarzan aber entging von seinem erhöhten Hinterhalte aus keine Bewegung. Er wußte genau, was es mit dem auf sich hatte, der sich immer etwa hundert Meter hinter dem arglosen Tiere durch das Dschungelgestrüpp vorarbeitete: Irgendein Raubtier war es, das ebenso beutehungrig wie Tarzan dem flinken Bara nachstellte. Aber wer?
Numa vielleicht? Oder Sheeta, der Leopard?
Es könnte noch so werden, dachte Tarzan, daß ihm seine Mahlzeit entschlüpfte, wenn Bara jetzt nicht etwas schneller zur Tränke zog.
Und es kam auch so. Der Hirsch mochte irgendwie seinen Verfolger gewittert haben, denn plötzlich hielt er zitternd inne und brach dann in blitzschneller Wendung gerade auf den Fluß und auf Tarzan zu durch das Dickicht. Er wollte durch die seichte Furt das andere Ufer gewinnen; drüben würde er dann dem Verfolger entschwinden.
Kaum hundert Meter war Numa hinter ihm.
Tarzan konnte den Löwen jetzt deutlich sehen, Bara jagte gerade direkt unter dem Baumsitz vorüber.
Sollte er es wagen? Und noch hatte der hungrige Tarzan sich diese stumme Frage nicht recht beantwortet, da schwang er sich auch schon von seinem Sitz herab, direkt auf den gehetzten Hirsch. Im nächsten Augenblick würde Numa sich auf sie beide stürzen, schoß es dem Affenmenschen durch den Kopf, und wollte er heute und überhaupt je wieder etwas zu beißen bekommen, so hieß es rasch handeln.
Kaum hatte der Hirsch ihn auf seinem glatten, weichen Fell verspürt, brach er auch schon auf die Knie nieder. Tarzan aber packte ihn am Geweih und riß ihm mit einem einzigen blitzschnellen Ruck den Kopf herum, bis das Genick krachte.
Wütend brüllte der Löwe hinter ihm ... Den Hirsch gepackt und dann hinauf auf den nächsten starken Ast, das war für Tarzan das Werk weniger Augenblicke.
Gerade als Numa im Sprunge heranschnellte, konnte er sich und seine Beute aus dem Bereich der furchtbaren Tatzen retten.
Dumpf dröhnend fiel das betrogene Katzentier zu Boden. Der Affen-Tarzan aber brachte seinen »Braten« weiter nach oben ins Geäst. Da war er sicher. Und dann schaute er mit spöttischem Lächeln auf das Raubtier, das mit seinen funkelnden gelben Augen von unten heraufstarrte. Wie ein Junge konnte er sich nicht genug damit tun, die leckere Beute seinem Gegner zu zeigen. Dann ging er schmunzelnd an seine Mahlzeit, während der Löwe unten knurrend auf und ab trottete. Es schmeckte Tarzan wieder einmal ausgezeichnet.
Gesättigt verwahrte er die Reste seiner Beute auf einer hohen Astgabel seines Baumes und eilte dann, vom rachedurstigen Numa noch lange verfolgt, durch die Baumkronen zurück zu seinem Baumlager. Dort schlief er, bis die Sonne wieder hoch am Himmel stand.
Sheeta, der Leopard
Die nächsten Tage beschäftigte sich Tarzan damit, seine Waffenausrüstung zu vervollständigen und die Dschungel zu erkunden. Sehnen des Hirsches, der ihm seine erste Abendmahlzeit hier geliefert hatte, wurden auf den Bogen gespannt. Besser dazu wären Sheetas getrocknete Gedärme gewesen, aber er war doch vorerst zufrieden. Es hieß eben warten, bis ihm einmal durch glücklichen Zufall eine der großen Katzen zum Opfer fiel.
Er flocht sich auch einen langen Grasstrick – genau wie den, mit dem er vor vielen Jahren den bösen Tublat erwürgt hatte. Was hatte er als kleiner Affenjunge mit dieser wundervollen Waffe nicht alles anstellen können!
Scheide und Griff für sein Jagdmesser wurden fertig, dann auch ein Köcher für die Pfeile und aus Baras Fell Gürtel und Lendenschurz. Dann machte er sich auf die Wanderung, um endlich etwas mehr über das Land in Erfahrung zu bringen, nach dem er nun einmal verschlagen war. Er merkte wohl, daß er nicht an der ihm altbekannten Westküste Afrikas sein konnte, denn die Sonne erhob sich allmorgendlich aus dem Meere und glitt erst dann hoch über der Dschungel dahin. Das Meer im Osten!
Andrerseits war er sich darüber klar, daß er auch nicht an der Ostküste Afrikas sein könne. Es war sicher, daß die »Kincaid« nicht durch das Mittelländische Meer, den Suezkanal und das Note Meer ihren Weg genommen hatte. Auch die Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung war in dieser kurzen Zeit unmöglich. Dann war es auch undenkbar, daß man den Atlantischen Ozean durchquert und ihn auf irgendeiner unbewohnten Insel Südamerikas ausgesetzt haben sollte. Numa, der Löwe, war ja hier. Das konnte also auf keinen Fall zutreffen. Wo mochte er denn nun eigentlich sein?
Tarzan zog einsam durch die Dschungel dahin, immer in gewissem Abstand vom Strande. Wenn er nur etwas Gesellschaft gehabt hätte! Er bedauerte es allmählich, daß er sich nicht neulich den Affen angeschlossen hatte. Nichts hatte er wieder von ihnen seit jenem ersten Tage gesehen, an dem er im Grunde noch den ganzen Ballast der Kulturwelt mit sich schleppte.
Jetzt war er schon bald wieder ganz der alte Tarzan. Wenn er auch fühlte, daß er nur wenig gemeinsame Interessen mit diesen großen Menschenaffen haben könnte: Sie schienen ihm doch wenigstens besser als nichts zu sein.
Ohne zu hasten, bahnte er sich seinen Weg bald unten am Boden, bald zwischen den herabhängenden Zweigen. Da fand er Früchte, dort schob er einen Baumstamm beiseite oder stieß auf eine kleine Beute.
Eine Meile oder mehr mochte er an diesem Tage so zurückgelegt haben, als ihm der Wind Sheetas Nahen ankündigte.
Gerade Sheeta, der Leopard! Noch nie war er ihm so willkommen gewesen: Die Därme der großen Katze sollten ihm für seinen Bogen gerade recht sein und das Fell für einen Köcher und einen neuen Lendenschurz. Während er bisher beinahe gedankenlos dahergeschlendert war, verkörperte er jetzt geradezu lautlose Spannung und größte Vorsicht.
Rasch und doch leise arbeitete er sich auf der Fährte der wilden Katze durch die Büsche, und trotz all seiner edlen Abkunft schien seine ganze wildwütige Art der des wilden Raubtiers, an das er sich jetzt heranpirschte, völlig verwandt zu sein.
Tarzan überlegte noch, wie er das Tier überlisten könne, als ihm ein Windhauch von rechts neue Witterung brachte: Dem durchdringenden Geruch nach mußten mehrere große Affen in der Nähe sein.
Der Leopard hatte sich in den unteren Ästen eines Baumriesen hinter den Stamm geduckt. Er gewahrte unten in einiger Entfernung Akut mit seinen Genossen, wie sie es sich in einer Waldlichtung gut sein ließen. Einige schliefen, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, andere sprangen herum, rissen die Rinde von den Bäumen und holten sich leckere Maden und Käfer zum Schmause.
Akut war Sheeta am nächsten.
Die große Katze lag geduckt auf einem dicken Ast, dessen dichtes Laubwerk sie den Blicken des Affen verbergen mußte. Geduldig wartete sie, daß der Menschenaffe auf Sprungweite herankäme.
Vorsichtig kroch Tarzan hinüber. Jetzt war er dicht über dem Leoparden und zückte mit der Linken seine scharfe Steinklinge. Viel lieber hätte er zu seinem Fangstrick gegriffen, doch zu dicht war die Blätterwand zwischen ihm und der mächtigen Katze. Der Wurf würde wahrscheinlich sein Ziel verfehlt haben.
Akut hatte sich inzwischen direkt auf den Baum zu bewegt, in dessen Zweigen der Tod auf ihn lauerte. Der Leopard schob sich leise noch ein Stück auf dem Aste vorwärts, bis er fast genau über ihm war. Ein wütendes Rollen – und er setzte an, um sich auf den großen Affen herabzuschnellen. Allein noch den Bruchteil einer Sekunde zuvor hatte sich ein anderes Raubtier über ihn gestürzt: Unheimlich und wild übertönte dessen Kampfschrei sein Brüllen.
Als Akut, zu Tode erschrocken, aufblickte, sah er den Leoparden und auf dessen Rücken jenen weißen Affen, der ihn neulich am großen Wasser zum Kampfe herausforderte.
Die Zähne des Affenmenschen hatten sich fest in Sheetas Nacken verbissen, sein rechter Arm spannte sich eisern um die vor Wut bebende Kehle, und in der Linken schwang er einen schlanken Steindolch, holte aus und bohrte ihn mit mächtigem Stoße dicht hinter dem linken Blatt in den Leib des Leoparden.
Ein lauter Krach, und die beiden sausten auf die Erde nieder. Akut konnte gerade noch rasch zur Seite springen; er wäre sonst von der Last der kämpfenden Dschungelungeheuer erdrückt worden.
Schrecklich erklang Sheetas Knurren und Brüllen, doch zähe und ohne einen Laut von sich zu geben, klammerte sich der weiße Affe an sein Opfer.
Immer und immer wieder hatte der Steindolch rücksichtslos das blanke Fell durchbohrt, tief hatte er sich hineingesenkt – da, ein letztes verzweifeltes Sichaufbäumen, ein letztes Brüllen – – – das Raubtier überschlug sich und rollte zur Seite. Mochten seine Muskeln in stummem Krampfe noch zucken – – bald lag es still – – verendet.
Der Affenmensch aber setzte den Fuß auf seine Beute, riß sein Haupt hoch zurück – und wieder einmal hallte sein wildgewaltiger Siegerschrei über die Dschungel.
Akut und seine Stammesgenossen blickten starr vor Entsetzen und Bewunderung auf Sheeta, den Getöteten, und auf jene geschmeidige starke Mannesgestalt, die ihn bezwungen.
Tarzan brach zuerst das Schweigen.
Er hatte Akut das Leben gerettet, doch nicht umsonst. Er kannte jedoch die Grenzen des Affenverstandes nur zu gut und wußte, daß er die ganze Bedeutung dieser Tat den Menschenaffen erst einmal gehörig klar machen müsse. Sie würden ihm sonst kaum so nützen können, wie er es erhoffte.
Ich bin der Affen-Tarzan, rief er. Ein großer Jäger bin ich und ein mächtiger Kämpfer. Am großen Wasser schonte ich Akut. Hätte ich ihn getötet, wäre ich euer König. Und jetzt? Vor Sheetas reißenden Pranken habe ich Akut wieder vom Tode gerettet.
Sind Akut oder die Seinen in Gefahr, dann sollen sie Tarzan rufen ..., – und der Affenmensch erhob seine Stimme zu jenem furchtbaren Schrei, mit dem Kerschaks Stamm die fernen Genossen zurücklockte, so oft Gefahren drohten.
Und, fuhr er fort, wenn ihr vom Stamme Akuts diesen Notschrei Tarzans hört, dann sollt ihr daran denken, was er für Akut getan, und, so schnell es irgend geht, zu ihm eilen. Wollt ihr das?
Huh! kam Akuts Zustimmung, und wie in einem Chor tönte es von allen Seiten: Huh!
Dann setzten die Affen ihre Nahrungssuche fort, als sei inzwischen gar nichts weiter vorgefallen. Und John Clayton, Lord Greystoke, schmauste mit.
Es war merkwürdig, daß Akut kaum von seiner Seite wich und ihn öfters mit seinen kleinen blutunterlaufenen Augen voll eigenartiger Bewunderung ansah. Und mit einem Male tat er, was Tarzan während all der langen Jahre, die er früher unter den Affen zugebracht, niemals erlebt hatte: Akut hatte einen ganz besonderen Leckerbissen gefunden – und gab ihn Tarzan!
Wenn nun der ganze Stamm auf die Jagd auszog, war Tarzan stets dabei: Grell stach sein glänzender Körper gegen die schwarzbraunen, zottigen Felle seiner Gefährten ab. Oft kamen sie wohl einander auch ins Gehege, wenn sie die Dschungel durchstreiften, aber die Affen hielten es bereits für ausgemacht, daß er zu ihnen gehörte, ja daß er genau wie Akut zu respektieren war.
Es passierte wohl, daß er einer Äffin und ihrem Jungen zu nahe kam und daß sie dann unter Knurren ihre großen Fangzähne zeigte; oder daß ihn ein frecher Jungaffe anfuhr, weil er von Tarzan bei seiner Mahlzeit gestört zu werden glaubte. Doch so und ähnlich ging es allen anderen vom Stamme auch.
Tarzan fühlte sich also im allgemeinen bei diesen wilden Tieren wie zu Hause. Wenn eine Äffin ihm mit drohender Geste begegnete, wich er jedesmal aus. Das machten sie alle so, abgesehen von gelegentlichen stärkeren Wutausbrüchen, bei denen dann das Tierisch-Rohe die Oberhand gewann. Ab und zu knurrte er schließlich einen besonders unverschämten Jungaffen gehörig an und zeigte ihm seine Zähne, just so, wie sie es selbst gewohnt waren. So fiel er ganz wieder in seine alte gewohnte Lebensweise zurück. Leicht, geradezu selbstverständlich, vollzog sich diese Wandlung, als hätte er nie irgend etwas mit denen seines eigenen Blutes gemein gehabt.
Den größten Teil der Woche war er mit seinen neuen Freunden auf der Jagd in der Dschungel. Er freute sich, nun wieder Gefährten um sich zu haben, und außerdem hoffte er, sich so am sichersten einen Platz in ihrem reichlich kurzen Gedächtnis zu sichern. Wußte er doch aus Erfahrung, wie vorteilhaft es einmal sein konnte, auf die Hilfe dieser kraftvollen und furchtgebietenden Tiere rechnen zu dürfen.
Als er der Überzeugung war, daß sich sein Bild ihnen genugsam eingeprägt haben müsse, beschloß er, die Erkundung der Gegend wieder aufzunehmen. So zog er eines Tages in der Frühe nordwärts, immer in gewissem Abstand vom Meere. Rasch strebte er voran, bis die Nacht sich herniedersenkte.
Im Dämmern des nächsten Morgens ging er zum Strande. Doch nicht wie neulich erhob sich die Sonnenkugel heute aus den Wassern: Aus der Dschungel zu seiner Rechten kam sie emporgestiegen! Er schloß daraus, daß die Küste hier nach Westen abbog. Am zweiten Tage kam er fast ebenso schnell vorwärts, oft gar noch schneller: Wie ein Eichhörnchen kletterte er auf halber Höhe der Bäume durch die weiten Wälder.
Heute abend sank die Sonne zum Meere hinab ... Was er im stillen befürchtet, bestätigte sich: Rokoff hatte ihn auf einer Insel ausgesetzt!
Das hatte dieser Schuft natürlich gewußt! Und hätte der Russe noch irgendein grausameres Schicksal für ihn ausdenken können, er hätte es ihm bestimmt; das war gewiß. Konnte es überhaupt etwas Furchtbareres geben als für ein ganzes Leben auf diese unbewohnte Insel verbannt zu sein?
Rokoff mußte zweifellos von hier aus direkt auf den Kontinent zugesteuert sein. Dort würde er kurzerhand und ohne Schwierigkeiten den kleinen Jack wilden Pflegeeltern ausgeliefert haben ..., so lautete ja die Drohung auf jenem geheimnisvollen Zettel!
Tarzan schauderte bei dem Gedanken an die Leiden, die dem Kleinen unter grausamen Wilden beschieden sein mußten, wenn er es auch nicht für ausgeschlossen hielt, daß Jack nicht gerade den größten Rohlingen in die Hände gefallen wäre. Oft waren ihm ja auch Wilde zu Gesicht gekommen, die durchaus menschlich handelten. Aber im ganzen blieb ihr Leben doch eben nur eine Reihe von Raubzügen, Gefahren und Quälereien.
Ein Kannibale, ein wilder Menschenfresser sein kleiner Jack! Furchtbarer Gedanke!
Mit zugefeilten Zähnen, die Nase durchbohrt und das zarte Gesicht gräßlich tätowiert!
Tarzan seufzte tief. Könnte er jetzt diesen teuflischen Russen mit seinen nervigen Fingern erwürgen!
Und Jane!
Zweifel, Furcht und Ungewißheit mußten sie foltern, sie würde sich vor Qualen winden. Unendlich schlimmer ihre Lage im Vergleich zu der seinen! Er wußte eines seiner Lieben wenigstens daheim sicher geborgen, und sie? Keine Ahnung konnte sie haben über das Wo und Wie von Mann und Kind ... Für Tarzan war es immerhin gut, daß er die volle Wahrheit nicht einmal ahnte. Tausendfache Qualen wären ihm nicht erspart geblieben. –
Langsam streifte er in Gedanken versunken durch das Dickicht. Plötzlich vernahm er heftiges Scharren, doch konnte er sich nicht erklären, wovon dies Geräusch herrühre.
Vorsichtig folgte er dem Lärm und bald stieß er auf einen starken Leoparden, der sich unter einem gestürzten Baum festgeklemmt hatte.
Das Raubtier empfing Tarzan mit grimmigem Geknurr und suchte sich mit allen Kräften aus seiner üblen Lage zu befreien. Kaum eine Handbreit kam es jedoch von der Stelle: Ein starker Ast lag quer über seinem Rücken, und die Füße waren im wilden Gewirr der Zweige gefesselt.
Der Affenmensch näherte sich der hilflosen Katze und griff zum Bogen. Er wollte sie töten, ehe sie dem langsamen Hungertode verfiel. Doch eine plötzliche Laune ließ ihn innehalten, als die Sehne schon zum tödlichen Schwung ausholte.
Warum dem armen Geschöpf Leben und Freiheit rauben, wenn er ihm beides so leicht wiederschenken konnte? Er sah ja, daß der Leopard sich mit allen Vieren um seine Freiheit mühte: Sie waren also heil geblieben, und auch das Rückgrat schien unverletzt. Da war nichts gebrochen.
Er tat den Pfeil in den Köcher zurück, hing den Bogen wieder über die Schulter und trat noch näher an das eingeklemmte Tier heran. Mit seinen Lippen ahmte er das schmeichelnde Schnurren großer Katzen nach, mit dem sie einander gewöhnlich ihr Wohlbehagen bezeugen. Es schien ihm das der beste Weg, um sich mit Sheeta freundschaftlich zu verständigen.
Der Leopard ließ auch gleich sein Knurren und sah dem Affenmenschen fast fragend in die Augen.
Wenn Tarzan jetzt die wuchtige Last von Sheetas Rücken wälzen wollte, mußte er unbedingt so nahe an das Tier herangehen, daß es ihn in seine langen, scharfen Krallen bekam. Dann wäre er ihm nach vollbrachtem Werk auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ...
Doch Tarzan kannte keine Furcht. Hatte er sich einmal entschieden, schritt er immer rasch und rücksichtslos zur Tat.
Ohne zu zögern, sprang er mitten in das wirre Geäst dicht neben den Leoparden. Immer noch klang das begütigende Schnurren von seinen Lippen. Die Katze wandte den Kopf und starrte ihn fragend an. Ihre langen Pranken waren weit geöffnet, wie es ihm schien, mehr in Erwartung als zum Angriff bereit.
Tarzan schob seine rechte Schulter unter den Stamm, eines seiner nackten Beine dicht gegen das seidige Fell der Katze gepreßt.
Langsam streckten sich seine gewaltigen Muskeln, und immer mehr hoben sich Baumstamm und wirres Gezweig. Sowie der Leopard nicht mehr den vollen Druck der Last verspürte, kroch er schleunigst darunter hervor. Tarzan ließ den Stamm zur Erde zurückfallen, und die beiden wilden Tiere standen sich Auge in Auge gegenüber.
Ein grimmiges Lächeln lag aus den Lippen des Affenmenschen, denn er wußte, daß er nun sein Leben ganz in die Hand jenes furchtbaren Dschungeltieres gegeben hatte. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sich die Katze im gleichen Augenblick, in dem sie ihre Freiheit wiederfühlte, über ihn gestürzt hätte.
Doch sie tat es nicht; sie stand in einiger Entfernung und schien zu warten, bis der Affenmensch wieder aus dem wilden Durcheinander der Zweige herauskam.
Jetzt war Tarzan draußen, nur drei Schritte vom Leoparden. Sollte er in die Bäume hinter sich bis in die höchsten Kronen hinaufklimmen, weil Sheeta ihm dahin nicht folgen konnte?
Irgendeine Eingebung – fast war es Tollkühnheit zu nennen – bestimmte ihn, sich dem Tiere freundlich zu nähern und zu sehen, ob in ihm so etwas wie Dankbarkeit stecke. Dann konnten sie sich ja miteinander vertragen.
Er ging näher: Die große Katze wich seitlich aus, und der Affenmensch folgte ihrer Fährte, nur einen Fußbreit hinter ihr. Als er dann durch den Wald davonschritt, kam der Leopard ihm nach, wie ein Hund sich zu seinem Herrn hält.
Tarzan konnte sich erst lange nicht klar darüber werden, ob das Tier ihm aus einer gewissen dankbaren Anhänglichkeit folgte oder um sich doch noch auf ihn zu stürzen, sobald der Hunger sich meldete.
Schließlich aber wurde er von der Richtigkeit seiner ersten Vermutung überzeugt.
Am Nachmittag schwang Tarzan sich hinaus in das Geäst der Bäume: Er hatte einen Hirsch bemerkt, und schon sauste seine Schlinge um des Tieres Nacken. Dann rief er Sheeta, mit demselben schnurrenden Laut, mit dem er heute den Argwohn dieses wilden Tieres besänftigt hatte. Nur etwas schriller klang es, so etwa, wie er es gehört hatte, wenn Leoparden nach gemeinsamer Jagd sich in ihre Beute teilen.
Unmittelbar darauf krachte es im Unterholz, und der schlanke, geschmeidige Leib seines so eigenartigen Wandergefährten zwängte sich hindurch.
Wie er Bara erblickte, und ihm die Witterung frischen Blutes in die Nase stieg, gab er einen schrillen Laut von sich, und schon im nächsten Augenblick stürzten sich beide zu wildem Schmause über die zarte Fleischbeute.
Einige Tage streiften die sonderbaren Jagdgenossen zusammen durch die Dschungel. Einer teilte des anderen Beute, und so »speisten« sie oft und reichlich.
Sie waren eines Tages gerade dabei, einen von Sheeta erlegten Eber zu verzehren, als plötzlich Numa der Löwe, schrecklich und furchtbar durch das hohe Gras nahte.
Mit Gebrüll sprang er hervor. Er schien es vor allem auf die saftige Beute seiner Nachbarn abgesehen zu haben. Sheeta flüchtete in das nahe Dickicht, während Tarzan mit einem Satz in den unteren Ästen eines Baumes verschwunden war.
Hier nahm er sein Grasseil von der Schulter und machte sich zum Wurf bereit. Numa stand stolz und herausfordernd auf den Resten des Ebers, doch da wand sich auch schon das feste Wurffeil um Mähne und Hals. Tarzan zog mit einem heftigen Ruck die Schlinge straff zu und riß den Löwen, trotzdem er sich verzweifelt zu wehren suchte, mit aller Gewalt nach oben, bis er kaum noch mit seinen Hinterpranken den Boden berührte.
Rasch das Seil an einem starken Aste festgemacht – und schon war Sheeta unten zur Stelle, den er inzwischen mit schrillem Schrei zurückgerufen. Tarzan sprang zur Erde und sogleich auf Ruma, den Wütenden, um ihm mit seinem langen Steindolch den Garaus zu machen. Sheeta kam von der anderen Seite zu Hilfe; seine Tatzen gruben sich tief in die Weichen des Löwen.
Und noch ehe der König der Tiere mit seinen mächtigen Krallen die Fesseln zerfetzen konnte, hing er tot in der Schlinge.
Wie aus einer Kehle erhob sich das Siegergebrüll des Affenmenschen und des Leoparden über die Dschungel.
Und als es in einem langgezogenen fürchterlichen Klageschrei erstarb, da horchte eine buntbemalte Kriegerschar unten am Strande auf: Sie hatten eben das lange Boot ans Land gezogen und wollten in die Dschungel rücken – –
Mugambi, der Häuptling der Wagambi
So oft Tarzan bisher das ganze Küstengebiet der Insel durchstreift hatte und dann an einigen Stellen auch ins Innere vorgedrungen war, wurde es ihm immer wieder zur Gewißheit, daß hier kein menschliches Wesen wohnte.
Ein Irrtum schien ihm ausgeschlossen, denn nie konnte er auch nur die geringste Spur entdecken, die wenigstens auf einen vorübergehenden Aufenthalt von Menschen an diesen Gestaden hätten schließen lassen. Er wußte allerdings auch, daß die üppige Tropenvegetation allzu rasch alles und jedes unter sich begräbt, was nicht als festgegründetes und hochragendes Wahrzeichen schaffender Menschenhand längere Lebensdauer verspricht.
Am Tage nach Numas Tod stießen Tarzan und Sheeta auf Akut und dessen Stamm. Als diese den Leoparden erblickten, nahmen sie Reißaus, doch kamen sie nach einiger Zeit auf Tarzans Zureden zurück.
Es war ihm eingefallen, daß er schließlich den Versuch machen könne, die alten Erbfeinde miteinander zu versöhnen. Er begrüßte überhaupt jede Ablenkung von seinen oft trüben Gedanken, die ihm besonders in Stunden der Untätigkeit immer mehr zu schaffen machten.
Die Mitteilung seines Planes an die Affen schien ihm keineswegs besonders schwierig, wenn ihr ganzer Sprachschatz auch nur mit dem Allernötigsten und Einfachsten rechnete. Anders stand es da mit dem kleinen und auf heimtückische Überfälle eingestellten Hirn Sheetas! Ihm begreiflich zu machen, daß er von jetzt an statt Jäger Jagdgenosse seiner natürlichen Erbfeinde sein sollte, das schien selbst über die Kraft des Affenmenschen zu gehen.
Tarzan hatte unter seinen bekannten Waffen einen handfesten Knüttel; den nahm er jetzt und bearbeitete mit ihm das knurrende Katzentier, nachdem er ihm zur Sicherung seine Schlinge um den Hals geworfen hatte. Er wollte so dem Tiere gleichsam einhämmern, daß es die großen zottigen, menschenähnlichen Geschöpfe auf keinen Fall angreifen dürfe. Diese rückten noch näher heran, als sie die Bedeutung der Schlinge um Sheetas Nacken erfaßt hatten.
Es war wie ein Wunder, daß die Katze sich nicht mit rascher Wendung auf Tarzan stürzte und ihn zerriß; doch lag das wohl daran, daß der Affenmensch zweimal ihr drohendes Geknurr mit einem mächtigen Schlag auf ihre empfindliche Nase beantwortet hatte. Er rechnete damit, ihr so am besten nachhaltigen Respekt vor dem Knüttel und den Affentieren, die hinter ihm standen, einzuflößen.
Fraglich scheint es jedoch, ob die ursprüngliche Veranlassung der Anhänglichkeit des Tieres an Tarzan auch hier noch dem Leoparden deutlich bewußt war, wenn auch zweifellos hierbei unterbewußte Strömungen – durch das gemeinsame Leben erhalten und gefördert – eine große Rolle spielten. Denn jedem anderen würde Sheeta an den Hals gesprungen sein, wenn er ihm zugemutet hätte, sich durch Züchtigung mit bloßer Hand einschüchtern zu lassen.
Dann mochte auch die unheimliche Macht menschlichen Verstandes ihre unsichtbaren Fesseln dieser Kreatur aufgezwungen haben; in ihr lag letzten Endes überhaupt der Schlüssel zu der einzigartigen Überlegenheit Tarzans über Sheeta wie über all die anderen wilden Tiere der Dschungel, die in ihm ihren unüberwindlichen Beherrscher erkennen mußten. –
Sei dem wie ihm wolle: Leopard und Großaffen durchstreiften ihre Jagdgründe Seite an Seite, griffen gemeinsam ihre Opfer und teilten sich in die Beute. Und keiner von dem ganzen wilden Trupp tat schrecklicher in allem mit, als dieses glatthäutige, mächtige Tier, das noch vor einigen Monaten eine bekannte und beliebte Erscheinung in der Londoner Gesellschaft gewesen.
Bisweilen trennten sich die Tiere auch für ein paar Stunden oder einen Tag, wenn sie irgend etwas Besonderes vorhatten. So war der Affenmensch einmal auf halber Höhe der Bäume durch den Wald nach dem Strande geklettert und hatte sich dort in der heißen Mittagssonne in den Sand gestreckt.
Zwei scharfe Augen lugten von einem niedrigen Hügel am Wasser auf ihn herab ...
Fürs Erste füllten diese Augen sich mit einem Ausdruck des Erstaunens: Was sollte dieser starkknochige weiße Mensch hier in der glühenden Tropensonne? Warum war er nackend und ging wie ein Wilder daher? Dann wurde ein Zeichen nach rückwärts gemacht; sogleich richteten sich zwei andere Augen hinunter auf den Affenmenschen, und immer mehr und mehr tauchten auf, bis ein ganzer Trupp bunt aufgeputzter Krieger auf dem Bauche liegend den Kamm des Hügels säumte. Kampflüstern machten sie sich an den weißhäutigen Fremdling heran.
Der Wind kam ihnen entgegen und trug Tarzan deshalb ihren Geruch nicht zu. Er lag halb mit dem Rücken gegen sie, merkte es also nicht, als sie vom Hügel herab und durch das hoch emporgewucherte Gras auf sein Strandlager zu schlichen. Es waren alles zusammen wilde, ungeschlachte Burschen: Ihr fremdartiger Kopfputz, die grotesk bemalten Gesichter und das ganze Drum und Dran von Metallschmuck und buntschillernden Federn verstärkten diesen Eindruck noch.
Als sie den Hügel hinter sich hatten, rückten sie vorsichtig Schritt für Schritt in geduckter Haltung näher und näher an den weißen Mann heran, der sich so ahnungslos im Sande sonnte. Drohend schwangen sie ihre schweren Kampfkeulen.
Tarzan litt wieder einmal sehr unter seiner ihn tief bedrückenden Schwermut, die in den Sorgen um sein und der Seinen Schicksal ihre Nahrung fand und seine sonst so scharfen Sinne gleichsam umschleierte. Daher hatte er es auch gar nicht bemerkt, daß er nicht mehr allein am Strande war; ja um ein Haar wären die Wilden unbemerkt über ihn hergefallen ... Er war jedoch sofort auf den Beinen, als er mit einem Male merkte, daß irgend etwas hinter seinem Rücken vorging; denn etwas Verdächtiges hören und im Bruchteil einer Sekunde mit allen Fasern zum Handeln bereit sein, das steckte ihm in Fleisch und Blut. Mit gellendem Geschrei und geschwungenen Keulen stürmten die Wilden heran, doch gleich den vordersten erledigte er mit einem gewaltigen Schlag. Schon umringten sie den hochragenden sehnigen Gegner, doch dessen wuchtiger Knüttel sauste rechts und links und überall auf sie nieder und warf ihre Reihen in wilder Panik zurück.
In einiger Entfernung berieten die Überlebenden, was nun zu tun sei. Der Affenmensch erwartete jedoch ruhig und mit verschränkten Armen ihren neuen Angriff. Diesmal rückten sie mit ihren verderbenbringenden Speeren an, und bald hatten sie Tarzan in einem engen Halbkreis von der Dschungel her umzingelt.
Wenn sie ihn jetzt alle auf einmal mit einem Hagel von Speeren überschüttet hätten, wäre er kaum lebend davongekommen. Wollte er also nicht die Kette der Wilden in rasendem Ansturm durchbrechen, so blieb ihm nur das Meer in seinem Rücken als einziger Rettungsweg.
Seine Lage war geradezu verzweifelt. Doch plötzlich verzog sich das Lächeln, das immer noch nicht von seinem Gesicht gewichen war, zu einem breiten Lachen.
Die Schwarzen hielten sich immer noch zurück: Mit großem Getöse und unter gellendem Geheul sprangen sie in wildem Kriegstanze auf und nieder; man hörte dazwischen deutlich, wie die nackten Füße klatschend den Boden berührten. Ein seltsames Schauspiel!
Doch mit einem Male erhob der Affenmensch seine Stimme zu einem langanhaltenden unheimlichen Kampfruf. Wie vom Schlage gerührt brachen die Schwarzen ihre Tanzerei ab, und ängstlich fragend suchte einer des andern Blick. Das war ein Brüllen, wie sie es bisher noch nie vernommen hatten, ein Brüllen, dem selbst ihr wütendes Kampfgeheul nicht gleichkam. Keiner Menschenkehle konnte solch furchtbarer Ruf sich entringen, das mußte ein Raubtier gewesen sein –, und doch sahen sie es mit eigenen Augen, wie der weiße Mann immer noch aus weitgeöffnetem Munde den schreckengebietenden Kampfruf über die Dschungel jagte.
Nach ein paar Sekunden freilich wich die Erstarrung, und in geschlossener Kette tanzten sie ihrem Opfer immer näher und näher. Ein plötzliches Brechen im Dschungelgestrüpp rückwärts hemmte von neuem ihre Schritte. Was da auftauchte, ließ ihnen vor Entsetzen fast die Augen aus ihren Höhlen treten, und wohl manch mutigeres Herz, als es den Wagambi in der Brust schlug, würde bei diesem Anblick auch gezittert haben.
Ein stattlicher Leopard sprang mit funkelnden Augen und kampfwütigen Pranken vom Dschungelrande herab, und hinter ihm polternd eine Horde riesiger Menschenaffen, halbgebückt über ihren kurzen krummen Beinen, mit den langen Armen die Erde berührend. Schwer lastete ihr wuchtiger Oberkörper auf dem kantigen Unterbau, und unbeholfen kamen sie von der Dschungel herüber.
Tarzans Tiere waren dem Rufe ihres mächtigen Gefährten gefolgt!
Und noch ehe sich die Wagambi von ihrer Bestürzung erholen konnten, war ihr Schicksal besiegelt: Von beiden Seiten brach das Unheil über sie herein, hier die zähnefletschenden Tiere und dort der Affen-Tarzan. Zwar empfing diese ein Hagel von Speeren und mächtigen Keulen, zwar mußten auch einige Affen ihr Leben lassen, aber – die Krieger von Ugambi waren nicht mehr.
Nur ein einziger Krieger war nach jenem grasüberwucherten Hügel entkommen ...
Dieser eine war Mugambi, der Häuptling der Wagambi aus dem Lande Ugambi. Als er in dem üppigen Pflanzendickicht verschwand, folgten ihm nur die scharfen Augen des Affenmenschen, der vom Hügelkamm genau die eingeschlagene Richtung erkennen konnte.
Er nahm unverzüglich die Verfolgung des einzigen Überlebenden auf. Kaum war er am jenseitigen Abhang der Hügelkuppe, als ihm auch schon die Gestalt des Flüchtenden wieder in Sicht kam. Mit raschen Sprüngen suchte jener das lange Kanu zu erreichen, das an den Strand gezogen und so gegen die gischtende Brandung gesichert war.
Lautlos wie dessen eigener Schatten sprang der Affenmensch dem von Entsetzen gefolterten Schwarzen näher. Ein neuer Plan war bei dem Anblick des Bootes jäh in ihm aufgeschossen: Waren diese Leute von einer anderen Insel oder gar vom Festland hierher gekommen, warum sollte er da nicht alles nutzen, was in ihren Kräften stand, mit ihnen den gleichen Weg zurück einzuschlagen? Kamen sie von einer Insel, so würden sie ohne Zweifel ab und zu sicher einen Beutezug nach dem Festland unternehmen. Vielleicht aber hatten sie überhaupt festen afrikanischen Boden unter den Füßen.
Eine mächtige Hand legte sich schwer auf die Schulter des flüchtenden Mugambi, noch ehe er gewahr wurde, daß ihn jemand verfolgte. Er wandte sich und wollte sich mit geballter Faust zur Wehr setzen. Doch im Augenblick, in dem er zum Verteidigungsschlag weit ausholte, wurde er von seinem riesigen Verfolger zu Boden geworfen.
Tarzan redete ihn in der Sprache der Westafrikaner an. Wer bist du? fragte er.
Mugambi, der Häuptling der Wagambi, erwiderte der Schwarze.
Ich will dich am Leben lassen, fuhr Tarzan fort, wenn du mir hilfst, von dieser Insel wegzukommen. Wie stellt du dich dazu?
Helfen will ich schon, entgegnete Mugambi, aber jetzt habt ihr mich um alle meine Krieger gebracht ... Ich weiß nicht einmal, ob ich selbst je dies Land verlassen kann. Wer soll denn rudern? Und ohne viele kräftige Ruderer bringen wir das Kanu niemals über das große Wasser ...
Tarzan erhob sich und bedeutete dem Schwarzen, das gleiche zu tun. Der Schwarze war ein wohlgebauter stattlicher Mann in voller Kraft, äußerlich so recht das Gegenstück zu der glänzenden Erscheinung des Weißen vor ihm.
Komm mit, sagte der Affenmensch. Er schlug die Richtung ein, aus der das Knurren und Schreien zu hören war. Mugambi fuhr zurück ...
Sie werden uns zerreißen, sagte er.
Das denke ich nicht, erwiderte Tarzan. Die Tiere gehören mir ...
Noch immer zögerte der Schwarze in der Vorstellung des Entsetzens, das ihn erwarten mußte, wenn er sich in die Reichweite jener schrecklichen Bestien begäbe. Aber Tarzan zwang ihn zum Mitgehen, und bald hatten sie vom Dschungelsaum aus das ganze Schauspiel am Meeresstrande vor sich. Erst begrüßten die Tiere die beiden mit drohendem Geknurr, doch Tarzan ging unerschrocken an sie heran, den zitternden Wagambihäuptling nach sich zerrend.
Wie er die Affen mit Sheeta versöhnt hatte, so sollten sie auch Mugambi in ihre Reihen aufnehmen. Er brachte ihnen das viel leichter bei. Nur Sheeta schien absolut nicht begreifen zu können, daß man ihn herbeigerufen hatte, um Mugambis Krieger zu zerfleischen, und daß es jetzt nicht erlaubt sein sollte, mit Mugambi auf gleiche Weise kurzen Prozeß zu machen. Er war jedoch gerade satt und begnügte sich damit, den vor Entsetzen an die Stelle gebannten Wilden zu umkreisen. Sein tiefes, drohendes Geknurr und die funkelnden, fast enttäuschten Augen, die kaum einen Moment von dem Schwarzen abließen, sagten aber genug.
Als Mugambi dann sah, wie der Riesenmensch mit bloßer Hand dem wütenden und unbarmherzigsten Dschungeltier einen Schlag versetzte, traten ihm seine Augen förmlich aus den Höhlen, und das Mißtrauen, das er bisher diesem starken weißen Manne im stillen entgegengebracht hatte, wandelte sich in fast göttliche Verehrung.
Die Dressur Sheetas machte so gute Fortschritte, daß Mugambi ihm bald nicht mehr zu den Geschöpfen zu gehören schien, die ihm zur Befriedigung seines Hungers bestimmt waren. Auch der Schwarze fühlte sich jetzt in seiner Gesellschaft ein wenig sicherer.
Daß Mugambi freilich in dieser neuen Umgebung sich besonders wohl gefühlt hätte, davon konnte nicht die Rede sein. So oft nur das eine oder andere von diesen wilden Tieren Anstalten machte, ihn etwas näher zu betrachten, ließ er seine Augen angsterfüllt in der Runde herumwandern, so daß man fast immer nur das Weiße in ihnen sah.
Und jedesmal, wenn Tarzan mit Mugambi, Sheeta und Akut einem Hirsche auflauerten und die vier sich gemeinsam auf den Wink des Affenmenschen über das zu Tode gehetzte Wild hermachten, meinte der Schwarze wieder, das arme Opfer sei nur vor lauter Schreck tot zusammengebrochen, noch ehe eine der großen Bestien zugepackt hatte.
Mugambi röstete sich das Beutefleisch unter offenem Feuer, während Tarzan, Sheeta und Akut mit ihrem scharfen Gebiß über die rohen Stücke herfielen und sich gehörig anknurrten, wenn einer den Anteil des anderen zu schmälern suchte.
Es darf nach alledem auch nicht Wunder nehmen, daß in dem ganzen Verhalten des weißen Mannes weit mehr Gemeinsames mit den Raubtiernaturen als mit dem wilden schwarzen Krieger zutage trat. Wir alle zusammen stehen ja unter der Macht der Gewohnheit: und würde der scheinbare Zwang, der uns zu immer veränderten Bahnen und Formen treibt, einmal nicht mehr in uns wohnen, so würden wir naturnotwendig und leicht in Sitten und Gebräuche zurückfallen, die früheres Herkommen und frühere lange Gewohnheit uns gleichsam wie einen untilgbaren Stempel aufgedrückt haben. Mugambi hatte von Kind auf kein Stückchen rohes Fleisch über die Zähne gebracht, während Tarzan jede irgendwie zubereitete Nahrung bis fast zum Eintritt ins Mannesalter nicht angerührt hatte. Erst in den letzten Jahren hatte er gekochtes oder gebratenes Fleisch zu sich nehmen müssen. Jetzt aber hatte ihn nicht allein die Gewohnheit seiner früheren Lebenszeit zum Genuß rohen Fleisches getrieben, nein, eine richtige heiße Gier danach war über ihn gekommen. Fleisch, irgendwie zubereitet, war für ihn soviel wie verdorbenes Fleisch, nicht zu vergleichen mit der warmen, saftigen Fülle, die ihm aus dem Fleische einer eben erlegten Beute entgegendampfte.
Daß ihm rohes Fleisch schmeckte, das er noch vor Wochen einfach verscharrt hätte, und daß er sogar kleine Nagetiere und Kerbtiere mit Behagen verzehrte, ist gewiß für uns, die wir immer als »zivilisierte Menschen« gelebt haben, so etwas wie eine Revolution des Geschmackes. Hätten wir aber als Kinder gelernt derlei zu essen und es überall in unserer Umgebung nicht anders gesehen, so würde diese Kost uns zum mindesten nicht schlechter bekommen sein als viele unserer feinsten Leckerbissen, über die ein Wilder in Afrika die Nase rümpft.
Unweit vom Rudolf-See lebt z. B. ein Stamm, der im Gegensatz zu seiner nächsten Nachbarschaft Hammel- und Rindfleisch gar nicht anrührt. Und nicht weit von dort ergötzt sich wieder ein anderer Stamm besonders gern an Eselfleisch; man stellt mit diesem sonst allgemein dort verachteten Brauche geradezu die Anschauungen aller anderen auf den Kopf. Wer möchte also nun behaupten, daß Schnecken, Froschschenkel oder rohe Austern weniger ekelerregend sind als Kerbtiere, oder daß der Appetit auf rohe Austern etwas Normales, der Genuß einer sauberen blutwarmen Hirschkeule etwas Ungeheuerliches sei?
In den nächsten Tagen webte sich Tarzan aus allerlei Pflanzenfasern des Waldes ein Segel für das Boot, denn er hatte wenig Hoffnung, den Affen das Rudern beizubringen. Zwar war es ihm gelungen, einige wenigstens zum Besteigen des Bootes zu bewegen und dann mit Mugambi in der durch Riffe und Klippen fast abgeschlossenen und ruhigen Bucht ein paar kleine Probefahrten zu veranstalten. Als sie dann ihm und Mugambi die Ruderbewegungen mit den Armen nachmachten, gab er ihnen die Ruder in die Hand. Doch scheiterte alles an der mangelnden Ausdauer der Neulinge, man hätte es schon auf eine wochenlange Geduldsprobe ankommen lassen müssen, um sie mit dem neuen Gerät vertraut zu machen. Und dabei war es noch fraglich, ob sie dann im Ernstfalle überhaupt mitgemacht und auf die Dauer durchgehalten hätten.
Nur Akut bildete eine rühmliche Ausnahme. Seine Intelligenz entpuppte sich auch hier als der seiner Stammesgenossen völlig überlegen, ja er legte von Anfang an ein verblüffendes Interesse für diesen neuen »Sport« an den Tag. Er schien den Sinn des Ganzen sogleich zu erfassen, und als Tarzan dies merkte, scheute er die Mühe nicht, ihn über den vorteilhaftesten Gebrauch der Ruder aufzuklären, wiewohl in der so unentwickelten Menschenaffensprache die passenden Worte schlecht zu finden waren.
Von Mugambi erfuhr Tarzan, daß das Festland gar nicht weit von dieser Insel entfernt sei. Die Wagambi-Krieger waren durch Sturm vom Land her und infolge hohen Seegangs abgetrieben worden. Sie waren die ganze Nacht gerudert, in der Meinung, das Boot halte den Kurs auf ihr Heimatgestade. Mit Freudengeschrei hatten sie dann bei Sonnenaufgang das Land begrüßt, in dem sie ihr Ziel, das Festland, vermuteten. Erst allmählich sei ihnen klar geworden, daß sie auf eine Insel verschlagen worden seien. Sie hatten aber noch nicht den Mut gehabt, sich abermals dem wilden Meere anzuvertrauen.
Dem Segel traute der Wagambihäuptling gar nicht recht, denn er hatte noch nie etwas Derartiges gesehen. Sein Land lag der Beschreibung nach ziemlich weit oberhalb der Mündung des breiten Ugambi-Stromes, auf dessen Fluten er sich als erster seines Volkes bis zum Meere vorgewagt hatte.
Tarzan war gleichwohl fest überzeugt, mit guter Westbrise auch in dem kleinen Boot das Festland zu erreichen. Schließlich schien es ihm besser, unterwegs zugrundezugehen als ewig auf dieser Insel bleiben zu müssen. Hier konnte man mit der Landung eines Schiffes überhaupt nicht rechnen, denn sicher war die Insel nicht einmal auf irgendeiner Karte eingezeichnet. Bei dem ersten günstigen Wind machte er das Kanu flott. Noch niemals aber war ein Boot mit solch eigenartigen und schreckengebietenden Insassen unter Segel gegangen: Der wilde »Kapitän« nahm Mugambi, Akut, Sheeta, den Leoparden, und ein Dutzend riesiger Affenmänner vom Stamme Akuts mit sich!
Tarzans furchterregender Tiertrupp
Langsam bewegte sich das schwerbelastete Boot auf die Brandung zu, die zwischen den Felsriffen den Weg nach der offenen See versperrte. Der Westwind kam in der Nähe des Landes noch nicht voll zur Geltung, und so mußten Tarzan, Mugambi und Akut kräftig in die Ruder greifen.
Sheeta schmiegte sich an Tarzans Füße, und es war dem Affenmenschen auch am liebsten, das gefährliche Tier so von den anderen Insassen möglichst fernzuhalten, denn gerade jetzt hätte die geringste Neckerei genügt, um Sheetas reißende Pranken sofort in Bewegung zu sehen. Tarzan selbst fühlte sich völlig sicher, da Sheeta zu ihm immer wie ein Hund zu seinem Herrn aufblickte.
Am Heck saß Mugambi und ihm gegenüber Akut; zwischen diesem und Tarzan hockten die zwölf haarigen Affen; sie blickten mißtrauisch drein und wünschten sich sicher mehr als einmal an ihren sicheren Strand zurück.
Alles ging gut, bis man über die schützenden Klippen hinaus war. Der Wind spannte das Segel, und das Boot, das kaum für solche Fahrt geeignet schien, wurde von den Wogen, die sich immer höher und höher türmten, je weiter man sich vom Lande entfernte, heftig hin und her geworfen.
Die erste schlingernde Bewegung des Bootes war das Zeichen zur Panik, von angsterfüllten Gebärden gesteigert bis zu wildem Kreischen und verzweifeltem Gewimmer. Akut gelang es mit großer Mühe, seine Stammesgenossen für einige Zeit zu beruhigen. Aber als nach einem heftigen Windstoß eine riesige Welle über das Boot hereinzustürzen drohte, da waren alle Bande gelöst: Sie sprangen von ihren Sitzen auf und wären beinahe alle elend ertrunken, ohne daß Akut und Tarzan hätten helfen können. Schließlich brachte man sie aber doch wieder zur Ruhe, und es schien, als hätten sie sich nun auch an das Schaukeln und Schwanken des Bootes gewöhnt, denn eine neue Panik blieb aus.
Es kam auch sonst nichts Besonderes vor, der Wind hielt an, und nach zehnstündiger Fahrt konnten die scharfen Augen des Affenmenschen die ersten schwachen Umrisse der Küste erkennen. Ob sie sich gerade der Mündung des Ugambi näherten oder nicht, das ließ sich jetzt in der Dunkelheit nicht feststellen. Tarzan steuerte also durch die Brandung auf die nächstgelegene Landzunge zu. Dort wollte er bis zum Morgen abwarten.
Das Boot fuhr jedoch mit dem Bug auf den Sand der vorgelagerten Untiefe auf, wurde von einer mächtigen Woge an der Breitseite gefaßt und kenterte. Alle Insassen lagen natürlich im gleichen Augenblick im flachen Wasser und suchten in wirrem Durcheinander das rettende Ufer zu erreichen, was auch gelang. Die nächste Sturzwelle brandete über das Boot und hätte es um ein Haar ins Meer zurückgerissen.
Die nassen Affen froren und verbrachten dicht aneinandergekauert den Rest der Nacht. Später krochen sie an Mugambis Lagerfeuer. Da war es doch noch wärmer. Tarzan und Sheeta fürchteten die Dschungel nicht, mochte sie auch noch so sehr in Nacht getaucht sein: Ihr Magen meldete sich schon lange, und so machten sie sich sofort auf die Jagd, mitten hinein in den stockdunklen Wald, der sich vor ihnen breitete.
Wo es möglich war, gingen sie nebeneinander, sonst auch im »Gänsemarsch«, bald der eine, bald der andere voran. Tarzan witterte endlich einen Büffel, und bald hatten sie sich auch an ihr im dichtesten Dschungelgestrüpp schlafendes Opfer herangeschlichen. Ein Fluß war ganz in der Nähe.
Näher und immer näher krochen sie an das ahnungslose Tier, Sheeta von rechts und Tarzan von der anderen Seite, damit er es möglichst gleich mit dem ersten Messerstich ins Herz treffen konnte. Nur durch ganz leises Knurren und Brummen brauchten sich die beiden jetzt miteinander zu verständigen; es ging alles so vor sich, als kenne einer des anderen nächste Bewegung im voraus; wie oft hatten sie in letzter Zeit auch miteinander gejagt.
Einen Augenblick lagen sie noch ganz ruhig im Hinterhalt. Dann sprang Sheeta auf einen leisen Wink des Affenmenschen dem riesigen Büffel auf den Rücken und grub ihm seine Zähne tief in den Nacken. Von Schmerz und Wut gepeitscht, sprang das Tier vom Lager auf, gerade als Tarzan ihm mit ein paar blitzschnellen Messerstichen mehrere tiefe Wunden beigebracht hatte.
Noch konnte der Affenmensch die dicken Haarbüschel seines Opfers packen, da raste es auch schon los, den starken, festgeklammerten Gegner halb mit sich fortschleifend. Auch Sheeta ließ nicht locker: Er verlor keinen Augenblick sein Gleichgewicht auf dem hohen Nackensitz, und immer mehr wühlte sich sein Gebiß dem Rückgrat des Büffels entgegen.
Ungefähr zweihundert Meter trug das Tier unter peinvollem Brüllen seine Doppellast: Da traf ihn der Steindolch tief ins Herz und mit einem letzten schon halb ersterbenden Gebrüll stürzte er kopfüber zu Boden. Nun gab's für Tarzan und Sheeta ein überreiches Mahl. –
Gesättigt zogen sich beide zur Ruhe ins Dickicht zurück: Tarzan schlief, seinen Kopf mit dem dunklen schönen Haar auf Sheetas seidenweiches Fell gebettet.
Kurz nach Tagesanbruch erwachten sie zu neuem Schmausen und kehrten dann zu dem Lagerplatz der anderen an den Strand zurück, um sie zu den Überresten der nächtlichen Beute zu führen.
Man ließ es sich allseits gut schmecken und hockte hernach schlafend beisammen. Tarzan und Mugambi wollten jedoch unterdessen auf jeden Fall den Ugambi-Fluß ausfindig machen. Sie waren auch kaum ein paar hundert Meter vorgedrungen, als sie plötzlich einen breiten Strom gewahrten, in dem der Neger sofort dieselbe Wasserstraße wiedererkannte, die ihn und seine Krieger zu jener unglückseligen Erkundungsfahrt getragen hatte.
Die beiden folgten dem Wasser bis zu seiner Mündung ins Meer. Es stellte sich heraus, daß ihr erster Landungsplatz kaum eine Meile davon entfernt war.
Tarzans Stimmung war wie umgewandelt: Sicher mußte er im Bereiche dieses mächtigen Stromes auf Eingeborene stoßen, ja vielleicht konnte er sogar irgendetwas über Rokoff oder sein Kind in Erfahrung bringen. Denn Rokoff würde sich ja, nachdem er Tarzan auf der Insel seinem Schicksal überlassen hatte, so schnell als irgend möglich das Kind vom Halse geschafft haben.
Er brachte also sofort mit Mugambis Hilfe das Boot zu Wasser – keine Kleinigkeit bei der hohen Brandung, die unablässig in unverminderter Stärke gegen den Strand heranschoß. Doch man rang sich durch und hielt dann gleich auf die Ugambimündung zu, ohne sich erst allzuweit von der Küste abtreiben zu lassen.
Ein neues Hindernis tauchte auf: Es galt die wild aufeinanderprallenden Strömungen von Strom und stetig anrollender See zu durchqueren, was ihnen auch unter geschickter Benutzung der Wasserwirbel in der Nähe des Ufers gelang. Die Dunkelheit brach schon herein, als sie unweit der Schlafstätte ihrer Genossen landeten.
Das Boot wurde an einem überhängenden Ast festgebunden, und dann ging es in die Dschungel, wo sie bald einigen ihrer Affen begegneten, die sich an Früchten gütlich taten; der Büffel mußte nicht weit davon liegen.
Von Sheeta war nichts zu sehen, er kam auch die ganze Nacht nicht zurück. Tarzan dachte sich gleich, daß der Leopard auf die Suche nach Artgenossen war.
Früh am nächsten Morgen führte der Affenmensch seine ganze Horde an den Strom; schrille Rufe jagte er über die Dschungel, als er dem seltsamen Gefolge voranschritt. Gleich darauf vernahm er schon eine schwache Antwort, von weit, weit her schien sie zu kommen. Nach einer halben Stunde tauchte mit einem Male Sheetas geschmeidiger Leib aus der Dschungel auf, gerade als die anderen ziemlich unsicher in das leicht auf den Wellen schaukelnde Kanu kletterten.
Das große Raubtier schmiegte sich mit wohlig gekrümmtem Rücken und unter zufriedenem Schnurren wie ein Kätzchen an den Affenmenschen. Auf einen Wink seines Herrn sprang es behend an seinen alten Platz ins Boot.
Endlich waren alle Insassen verstaut. Zwei Affen fehlten indessen, doch verhallten Tarzans und Akuts Rufe ohne jede Antwort. Nach einer ganzen Stunde vergeblichen Wartens setzte sich das Boot endlich in Fahrt. Tarzan war überzeugt, daß die beiden sich absichtlich gedrückt hatten, zumal sie sich schon drüben auf der Insel am meisten gegen die Beteiligung an der Fahrt sträubten und von den Schrecken und Ängsten der Seereise am meisten mitgenommen worden waren.
*
Als man gegen Abend an Land ging, um die nötige Nahrung auszutreiben, hatte ein nackter Wilder für ein paar Minuten aus dem dichten Ufergebüsch den seltsamen Ankömmlingen zugeschaut. Noch ehe ihn jemand vom Boot aus entdeckt haben konnte, hatte er sich stromaufwärts aus dem Staube gemacht.
Wie ein gehetztes Wild folgte er seinem schmalen Pfad und zitternd vor Erregung über das, was er gesehen, stürzte er zu den Seinen, deren Dorf nur einige Meilen von dem neuen Landungs- und Jagdplatz der Tarzan-Horde entfernt war.
Es kommt wieder ein Weißer, schrie er sofort dem Häuptling zu, der vor dem Eingang zu seiner Rundhütte hockte. Wieder ein Weißer und mit ihm viele, viele Krieger. Sie kommen in einem großen Boot, sie werden morden und plündern wie der mit dem schwarzen Bart, der neulich erst über uns herfiel.
Kaviri stand auf. Er hatte noch unter einem bösen Denkzettel des Weißen zu leiden und sein wildes Herz schlug sofort Flammen.
Trommelwirbel hallte durch das Dorf, zu den Jägern in die Wälder und zu den Frauen auf den Feldern. Alarm!
Bemalte und mit Federn geschmückte Krieger füllten bald darauf sieben stattliche Boote, lange Speere starrten über die Fluten, es ging zum Kampf.
Fast lautlos glitten die Boote dahin, die Ruder geführt von starken Armen prächtiger ebenholzschwarzer Gesellen.
Kein Tamtam, kein Hornruf. Denn Kaviri war ein kluger Kämpfer, nichts sollte den großen Plan zerstören. Wie ein Dieb in der Nacht wollte er mit seinen sieben Booten über den weißen Mann hereinbrechen, und, noch ehe der Weiße mit seinen unheimlichen »Feuerspritzen« die Reihen der Schwarzen gelichtet haben konnte, mußte er der Übermacht bereits unterlegen sein.
Kaviris Boot war an der Spitze. In einer scharfen Biegung des Stromes wurde es plötzlich von der wilden Strömung gefaßt und noch ehe man sich recht versah, war man auf den verhaßten Feind gestoßen.
Den weißen Mann im Bug des entgegenkommenden Bootes sehen und der Zusammenstoß, das war eins. Seine Krieger sprangen auf, Geschrei gellte über die Fluten, und ein Hagel von langen Speeren überschüttete die Insassen des feindlichen Bootes.
Doch schon im nächsten Augenblick hätte Kaviri alles, was er an Perlen und Schmuck und sonst noch besaß, darangegeben, wenn er sicher in seinem Dorfe fern vom Schuß hätte sitzen können. Was war das für eine furchtbare Meute da drüben? Gleich nach dem Zusammenprall der Boote war Akuts wilde Affenhorde unter lautem Gebrüll emporgeschnellt und hatte mit weit ausgestreckten zottigen Armen Kaviris Kriegern die drohenden Speere aus den Händen gerissen.
Entsetzen packte die Schar der Schwarzen, doch blieb kein anderer Ausweg als Kampf bis zum Äußersten.
Die anderen Boote nahten, alles brannte darauf, den Feind zu vernichten, denn sie vermuteten nur einen Weißen und seine Träger.
Sie umzingelten Tarzans Boot – – Doch als sie die wahre Natur des Feindes erkannten, wendeten sie rasch ihre Boote und suchten das andere Ufer zu gewinnen. Die Insassen eines Bootes hatten jedoch anscheinend nicht erkannt, daß man es statt mit Menschen mit Raubtieren zu tun bekommen würde: Sie drehten bei. Nur ein unmerklicher Laut von Tarzans Lippen, und Sheeta und Akut sprangen mit markerschütterndem Gebrüll hinüber. Der Irrtum war nicht mehr gut zu machen: Der Leopard räumte fürchterlich unter ihnen auf und Akut nicht minder.
Kaviri hatte selbst mit den in sein Boot eingedrungenen Tierriesen genug zu tun und konnte seinen Leuten keinerlei Hilfe bringen: Ein riesenhafter, fast dämonischer Weißer hatte ihm, dem mächtigen Kaviri, wie einem neugeborenen Kind den Speer aus der Hand gerissen, und nun mußte er gar noch sehen, wie die zottigen Ungeheuer mit seinen tapfer kämpfenden Kriegern fertig wurden.
Kaviri wehrte sich mit allen Kräften, denn er fühlte, daß es hier auf Tod und Leben ging: Sie sollten es teuer erkaufen! Doch nur zu bald mußte er begreifen, daß auch seine äußersten Anstrengungen in Nichts zerrannen angesichts der übermenschlichen Muskelgewalt und katzenartigen Behendigkeit jener unheimlichen Kreatur, die ihn auf die Sohle des Bootes niederzwang.
Mit einem rasenden Wirbel in Kaviris Kopfe begann es, ringsum schien sich alles in unbegreiflichem Durcheinander zu drehen, es wurde ihm schwarz vor den Augen, in qualvollen Krümmungen rang er nach Atem, und es schien, als müßte er für immer erledigt sein. Ohnmächtig rollte er zu Boden ... Als er seine Augen zum ersten Male wieder ausschlug, flackerte ein Ausdruck höchsten Erstaunens über sein Antlitz. Also nicht tot? dachte er. Wie er gleich bemerkte, hatte man ihn auf dem Boden seines eigenen Kampfbootes festgebunden. Ein großer Leopard in hockender Stellung starrte zu ihm nieder.
Kaviri schloß vor Entsetzen die Augen; in der nächsten Sekunde schon würde dies grimmige Tier über ihn herstürzen und so wenigstens dieser qualvollen Schreckensfahrt ein Ende machen.
Und als sich die scharfen Krallen und Zähne des Raubtieres nun doch nicht erlösend in seinen todbereiten zitternden Leib eingruben, wagte er zögernd, noch einmal die Augen zu öffnen.
Neben dem Leoparden kauerte jetzt der weiße Riese, der ihn vorhin gepackt hatte. Er hielt ein Ruder in seiner starken Hand. Hinter ihm saßen einige Krieger Kaviris. Sie mußten sich ordentlich ins Zeug legen, um das schwerbeladene Boot voranzubringen. Außerdem hockte am Boden noch eine Reihe zottiger Affen.
Als Tarzan bemerkte, daß der Häuptling wieder bei Bewußtsein war, sprach er ihn sofort an:
Deine Krieger erzählen mir, du seiest der Häuptling eines großen Stammes. Du heißt Kaviri?
Ja, erwiderte der Schwarze
Warum hast du uns angegriffen? Ich kam als Freund und in Frieden.
Vor drei Monaten war es, da kaum auch ein weißer Mann »in friedlicher Absicht«. Und kaum hatten wir ihn mit einer Ziege, mit Früchten und Milch beschenkt, als er mit seinen Feuerbüchsen schrecklich unter meinem Stamm aufräumte. Nicht genug damit, schleppte er auch noch alle unsere Ziegen und viele junge Männer und Weiber mit fort.
Ich bin nicht wie dieser andere, entgegnete Tarzan. Hättest du uns nicht überfallen, wäre euch kein Haar gekrümmt worden. Nun beschreibe mir, wie jener ruchlose Weiße aussah. Ich suche nach einem, der mir Böses getan hat. Vielleicht ist es derselbe.
Er hatte ein finsteres Gesicht mit einem großen schwarzen Bart und er war ein Schuft, – ja ein ganz durchtriebener Schurke!
Hatte er ein kleines weißes Kind bei sich? fragte Tarzan weiter.
Der Herzschlag schien ihm bei dieser bangen Frage zu stocken. Was würde der Schwarze jetzt antworten?
Nein, Bwana, erwiderte Kaviri, das weiße Kind war nicht bei diesem Mann –, es kam mit den anderen – ...
Den anderen? Welchen anderen? schrie Tarzan ihn an.
Mit denen, die der Schurke verfolgte. Das waren ein weißer Mann, eine Frau mit dem Kinde und sechs Mosula als Träger.
Sie zogen stromaufwärts, etwa drei Tage, bevor jener weiße Schuft erschien. Ich glaube, er verfolgte sie.
Ein weißer Mann, eine Frau, ein Kind? Tarzan zerbrach sich förmlich den Kopf. Das Kind, das mußte der kleine Jack sein. Aber die Frau – und der Mann? Sollte sich einer von Rokoffs Handlangern mit irgendeinem Weibe, das doch den Russen auf seiner Fahrt übers Meer begleitet haben mußte, zusammengetan haben, um das Kind Rokoffs Rache zu entziehen?
Lagen die Dinge so, dann kam das Kind wohl wieder in zivilisierte Länder. Man forderte dann den Lohn für die Rettung oder man würde den Kleinen bei sich behalten, bis das Lösegeld irgend woher aufgetrieben war.
Nun hatte Rokoff sie aber offenbar weit ins Land hinein vor sich hergejagt. Tarzan war überzeugt, daß er sie irgendwo im Bereiche des großen wilden Stromes noch einholen könnte, es sei denn ... – und das kam ihm wahrscheinlicher vor – die Kannibalen weiter oben am Ugambi würden die Flüchtenden gefangen und gemordet haben. Dieses Ergebnis entsprach dann auch ganz Rokoffs Wünschen.
Während der Unterhaltung mit Kaviri schossen die Boote schnell durch die Fluten dahin, dem Heimatdorf der Schwarzen entgegen. Die überlebenden Krieger Kaviris füllten drei Boote. Ab und zu nur wagte man von dort ein paar angsterfüllte Seitenblicke nach dem führenden Boot mit seinen unheimlichen Insassen: Akut und dessen im Kampfe auf acht Affen zusammengeschmolzene Horde, Sheeta, der Leopard, Tarzan und Mugambi. Nie im Leben war man solch furchtbarer Schar begegnet, ja man rechnete jeden Augenblick damit, daß ein paar von diesen Ungeheuern sich herüberstürzten und alles in Fetzen rissen. Und in der Tat konnten Tarzan, Mugambi und Akut die brummenden und knurrenden Tiere kaum soweit bändigen, daß nicht der eine oder andere plötzlich nach den nackten glänzenden Leibern in den Nachbarbooten mit langem Arm ausschlug.
Überdies waren die Tiere durch die ihnen unangenehmen Ruderbewegungen und die allzu offensichtliche Angst der Schwarzen an sich schon besonders gereizt.
Man wollte die Fahrt nur kurz unterbrechen, um in Kaviris Dorf die von den Schwarzen herbeizuschaffenden Nahrungsmittel einzunehmen. Außerdem sollte der Häuptling etwa ein Dutzend Männer zum Rudern des Tarzan-Bootes bestimmen. Kaviri war heilfroh, daß der Affenmensch anscheinend sich mit der Erfüllung dieses einen Wunsches begnügen wollte. Je schneller er also zum Ziele kam, um so eher mußte er diese furchtbare Gesellschaft los werden. Doch sein Versprechen war leichter gemacht als erfüllt! Kaum hatten nämlich seine Leute beim Landen erfaßt, um was es sich handelte, da waren sie auch schon alle wie weggeblasen: Wer sich nicht gleich gedrückt hatte, machte sich mit einer geradezu erstaunlichen Fixigkeit in der Richtung der Dschungel aus dem Staube! Und als Kaviri die Begleiter Tarzans endlich aussuchen wollte, sah er sich von allen seinen Stammesgenossen verlassen. Das ganze Dorf war leer.
Tarzan konnte sich eines belustigten Lächelns nicht erwehren. Man scheint hier etwas Angst zu haben, uns zu begleiten, sagte er spottend. Bleib' aber ruhig hier, Kaviri. Du sollst sehen, deine Leute werden bald in Scharen herbeiströmen!
Der Affenmensch rief seine Horde heran, befahl Mugambi, mit Kaviri im Dorfe zurückzubleiben, und machte sich mit Sheeta und den Affen auf den Weg in die nahe Dschungel.
Eine halbe Stunde verging, und nur all die Geräusche, die tagaus, tagein gleichsam als Zeugen der üppigen Lebensfülle aus den wilden Wäldern ringsum herüberhallten, brachen die ungewöhnliche Stille, die jetzt über dem Dorfe lag. Ja es schien, als würde die Einsamkeit der Zurückgebliebenen eben dadurch nur noch gesteigert. Mugambi und Kaviri harrten also gespannt der Dinge, die da kommen sollten ...
Mit einem Male drang ein furchtbarer, gewaltiger Schrei an ihr Ohr. Mugambi erkannte trotz der immerhin weiten Entfernung, daß der Affenmensch zum Kampfe rief. Und fast unmittelbar darauf erscholl aus allen Ecken und Enden im weiten Halbkreis um die zaungesicherte Siedlung der gleiche wilde Kampfschrei, hier und da vermischt mit dem Gebrüll eines hungrigen Leoparden.
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