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INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

SINFONIE DER SCHMERZEN

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NACHTANGST

DER FAHRSTUHL

TOD IM GEMÄLDEZIMMER

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5

6

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

SINFONIE

DER

SCHMERZEN

1

Der Schmerz beginnt augenblicklich unter seiner Schädeldecke loszuhämmern, als er aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Das quälende Dröhnen, das seinen ganzen Kopf ausfüllt und jede andere Empfindung überlagert, macht jeden einzelnen Gedankengang zur Qual und reißt jede neue Überlegung in kleinste Fetzen, noch ehe er überhaupt in der Lage ist, sie gebührend zur Kenntnis zu nehmen.

Er stöhnt, doch der Laut dringt nur gedämpft an seine Ohren. Im gleichen Moment spürt er, dass etwas seine Mundhöhle ausfüllt. Er will es unwillkürlich ausspucken, doch das geht nicht, da etwas über seine Lippen gebunden ist und seinen Mund verschließt. Das Ding in seinem Mund ist nicht hart, sondern nachgiebig und außerdem nass und schleimig von seinem Speichel. Es fühlt sich an wie ein Tuch, das zu einem Ball zusammengeknüllt wurde.

Ein Knebel?

Der Gedanke, der es trotz des Hämmerns schafft, zu seinem bewussten Denken durchzudringen, erschreckt ihn so sehr, dass er die Augen aufreißt. Doch er kann noch immer nichts sehen. Er spürt, dass seine Wimpern etwas streifen, das vor seinem Gesicht hängt. Und nicht nur dort, sein ganzer Kopf wird davon umhüllt. Überall dort, wo es seine bloße Haut berührt, fühlt es sich dünn und rau an.

Ein Sack über dem Kopf?

Ein Knebel und ein Sack!

Es bedarf nicht der detektivischen Fähigkeiten eines Sherlock Holmes, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Er hebt den Kopf, der ihm während der Bewusstlosigkeit auf die Brust gesunken ist und lauscht, kann aber keinen Laut in seiner unmittelbaren Umgebung hören. Die einzigen Geräusche, die er wahrnimmt, stammen von ihm selbst. Das beschleunigte Schlagen seines Herzens, das Rauschen seines Blutes in den Schläfen, sein schnaufendes Atmen durch die Nase.

Ihm ist, als kehren seine Sinne nur nach und nach wieder, so wie bei einer komplizierten Maschinerie, die ganz vorsichtig hochgefahren wird, um die Systeme nicht zu überlasten.

Er blinzelt, wobei seine Lider erneut den rauen Stoff vor seinem Gesicht streifen, und holt durch die Nase ganz tief Luft. In diesem Augenblick, als sich seine Lungenflügel mit mehr Luft als zuvor füllen und aufblähen, spürt er erstmals die Enge um seinen Brustkorb. Obwohl er der Tatsache bisher keine besondere Bedeutung beigemessen hat, ist ihm schon seit seinem Erwachen bewusst, dass er aufrecht sitzt. Und jetzt spürt er auch den harten Holzstuhl, auf dem er sitzt, unter seinem Hintern und die Lehne hinter seinem Rücken, gegen die er gepresst wird. Er versucht, sich zu bewegen, aber der Erfolg ist enttäuschend. Lediglich seine Hände, die Finger, die Füße und den Kopf kann er bewegen. Der Rest seines Körpers ist hingegen an Ort und Stelle fixiert.

An einen Stuhl gefesselt?

Ihm ist, als habe er bislang noch im Halbschlaf vor sich hingedämmert und werde erst in diesem Moment richtig wach, in dem sein Gehirn alle Informationen, die er in den letzten zwei bis drei Minuten gesammelt hat, zu einem sinnvollen Ganzen verbindet und den einzig richtigen Schluss daraus zieht. Und vielleicht hilft ihm auch der Umstand dabei, konzentrierter nachzudenken, dass seine Kopfschmerzen ganz allmählich auf ein erträgliches Maß zurückgegangen sind und er sich, wie an ein monotones Hintergrundgeräusch, daran gewöhnt hat.

Ein Knebel plus ein Sack über dem Kopf plus an einen Stuhl gefesselt ergibt: Ich wurde das Opfer einer Entführung!

Die Schlussfolgerung versetzt ihn jäh in Panik und Entsetzen. Und nachdem er nun auch die letzten Reste der Bewusstlosigkeit überwunden hat und wieder klar denken kann, erwacht zudem seine Angst vor der Finsternis und breitet sich wellenförmig in seinem Innern aus, indem sie Adrenalin freisetzt und sämtliche Körperfunktionen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Sein Herz schlägt noch schneller als zuvor, während sich gleichzeitig seine Atemfrequenz spürbar erhöht. Plötzlich hat er das Gefühl, nicht mehr genug Luft durch die Nase einatmen zu können und ersticken zu müssen. Kalter Schweiß bricht ihm am ganzen Körper aus und durchnässt in kürzester Zeit seine Kleidung.

Ich bekomme keine Luft mehr! Ich ersticke!

Dann kommt ihm ein neuer, noch furchterregenderer Gedanke. Vielleicht ist es ja gar kein Sack aus luftdurchlässigem Material, den man ihm über den Kopf gestülpt hat, sondern eine luftdichte Plastiktüte, obwohl es sich ganz und gar nicht danach anfühlt, die ihn nun langsam und jämmerlich ersticken lässt.

Die Angst vor dem Erstickungstod steigert die Panik, in der er sich aufgrund seiner Lage ohnehin schon befindet. Er beginnt damit, seinen Körper ruckartig hin und her zu bewegen, sich nach links und rechts zu werfen, um die Fesseln zu sprengen oder wenigstens den Stuhl zum Umkippen zu bringen. Vielleicht schafft er es, das Holz beim Sturz unter seinem Gewicht zu zermalmen und sich auf diese Weise von seinen Fesseln zu befreien. Doch der Stuhl, auf dem er sitzt, lässt sich nicht bewegen. Sosehr er auch zappelt und ruckelt, der Stuhl bewegt sich keinen einzigen Millimeter, als habe man ihn in den Boden einzementiert.

Vielleicht ist es ja tatsächlich so.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Stuhlbeine am Boden verschraubt sind. Seine Entführer haben vermutlich damit gerechnet, dass er versuchen könnte, den Stuhl umzukippen, und dem einen effektiven Riegel vorgeschoben.

Nachdem er seinen ganzen Körper noch ein paarmal mit aller Kraft hin und her geworfen hat, so gut es ihm seine eingeschränkte Bewegungsfreiheit gestattet, erkennt er schließlich die Sinnlosigkeit seines Tuns und stellt die fruchtlosen Versuche ein.

Er atmet schwer und mühsam, während ihm der Schweiß in Strömen herunterläuft und vom Stoff seiner Kleidung und dem Sack über seinem Kopf aufgesogen wird, der nun unangenehm an seiner verschwitzten Haut klebt. Immerhin hat er jetzt Gewissheit, dass es tatsächlich nur Stoff ist, den man ihm übergezogen hat und der luftdurchlässig ist.

Die größte Panik hat sich nach seinem Ausbruch wieder ein wenig gelegt. Er hat auch nicht mehr das Gefühl, zu ersticken, obwohl die Angst vor der Dunkelheit und die Ungewissheit über seine Situation und sein Schicksal noch immer in seinem Hinterkopf lauern und jederzeit wieder unkontrollierbar werden und ausbrechen können. Dennoch bemüht er sich, sich zu beruhigen und dadurch seine Körperfunktionen in den Griff zu bekommen. Da er seinen Herzschlag oder seine Schweißabsonderung nicht so leicht und direkt beeinflussen kann, konzentriert er sich stattdessen auf seine Atmung. Er atmet tief und gleichmäßig durch die Nase ein und wieder aus. Die Luft fühlt sich unter dem schweißdurchtränkten Stoff des Sacks zwar verbraucht an, als enthalte sie nicht genügend Sauerstoff, doch ihm ist bewusst, dass es sich dabei nur um eine rein subjektive Wahrnehmung handelt.

Ich kann nicht ersticken! Wäre der Sack luftdicht, oder enthielte die Luft, die ich atme, nicht mehr genügend Sauerstoff, dann wäre ich vermutlich längst erstickt.

Schließlich zeigen seine Bemühungen erste Erfolge, denn seine Atmung beruhigt sich allmählich, als seine Atemzüge flacher und gleichmäßiger werden. Gleichzeitig schlägt sein Herz langsamer, auch wenn die Frequenz noch immer höher ist als im Normalzustand.

Je mehr sich seine körperlichen Funktionen beruhigen, desto eher gelingt es ihm auch, sachlich und nüchtern über seine Lage nachzudenken.

Er ist gefesselt und sitzt auf einem Stuhl, der vermutlich am Boden festgeschraubt ist. Zusätzlich ist er geknebelt und hat einen Stoffbeutel über dem Kopf. Das sind die wenigen Fakten, die er bislang sammeln konnte.

Was noch?

Er lauscht noch einmal angestrengt, kann aber mit Ausnahme der Laute, die er selbst verursacht, noch immer nichts hören.

»Mmmmmhhhh! Mmmhhh mmhhh mmmmmhhhhh?«

Wegen des Knebels fällt es ihm schwer, laute Geräusche zu erzeugen. Die Töne, die er von sich gibt, klingen sogar in seinen eigenen Ohren dumpf. Er horcht erneut, kann jedoch keinen Widerhall hören, der ihm etwas über die Größe des Raumes verrät, in dem er sich befindet. Entweder ist der Raum zu groß, oder seine Knebellaute sind zu leise, um die Wände zu erreichen und von ihnen zurückgeworfen zu werden.

Er blinzelt mehrmals, doch die Dunkelheit vor seinen Augen lichtet sich auch dadurch nicht.

»Mmmhhh!«

Entweder ist der Stoff über seinem Kopf lichtundurchlässig, woran er nicht wirklich glaubt, oder er ist in einem stockdunklen Raum gefangen. Er tippt auf Letzteres. Daraus folgert er zudem, dass er momentan allein ist, denn wenn jemand in seiner Nähe wäre, bräuchte diese Person Licht. Und außerdem müsste die Person Geräusche verursachen, selbst wenn sie sich möglichst still verhalten würde. Trotz des Stoffes über seinem Kopf, der ihn Umgebungsgeräusche nur gedämpft wahrnehmen lässt, müsste er etwas hören können.

Erneut spürt er, wie die Furcht nach seinem Herzen greift und es rascher schlagen lässt. Es ist nicht nur die Angst vor der Dunkelheit, die er, wie ihm nun klar wird, schon immer hatte, sondern auch die Angst vor dem, was ihm hier widerfährt. Er ist ein Gefangener und den Launen seiner Kidnapper ausgeliefert. Warum hat man ihn gefesselt und geknebelt? Und was hat man noch mit ihm vor?

Um sich abzulenken und nicht erneut in im wahrsten Sinne des Wortes blinde Panik zu verfallen, führt er eine kurze Bestandsaufnahme seines eigenen Zustands durch. Abgesehen davon, dass er gefesselt und geknebelt ist und dadurch in eine unbequeme Haltung auf dem harten Holzstuhl gezwungen wird, fühlt er sich körperlich ganz gut. Der einzige Teil seines Körpers, der richtig wehtut, ist sein Kopf. Ansonsten scheint er jedoch unverletzt zu sein.

Er schlussfolgert daraus, dass er vermutlich einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, der ihn das Bewusstsein verlieren ließ, ehe er an diesem Ort wieder zu sich kam.

Aber wie konnte das geschehen?

Er versucht sich daran zu erinnern, was passiert ist, bevor er erwachte, doch als seine Gedanken an den Ort in seinem Bewusstsein vordringen, wo seine Erinnerungen verwahrt werden, stoßen sie nur auf gespenstische Leere. Er fühlt sich wie ein Astronaut, der im luftleeren Raum des Weltalls schwebt, oder wie jemand, der in sein Zuhause zurückkehrt und feststellen muss, dass in seiner Abwesenheit die ganze Wohnung leergeräumt wurde.

Seine tastenden Gedanken suchen in allen Richtungen, stoßen jedoch nirgends auf Widerstand. Alle Erinnerungen, so scheint es, sind so spurlos verschwunden wie die Daten auf einer Festplatte, die gelöscht und neu formatiert wurde. Er überlegt fieberhaft, kann sich aber nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern. Aber wie kann das sein? Wie kann man etwas so Elementares wie den eigenen Namen vergessen?

»Hhmm!«

Das Stöhnen, das er in seiner Frustration ausstößt, klingt wegen des Knebels noch verzweifelter. Er schüttelt den Kopf, weil er nicht glauben kann, dass er tatsächlich alles vergessen haben soll. Die Bewegung löst intensive, schmerzhafte Stiche an der rechten Seite seines Kopfes aus. Vermutlich hat ihn dort der Schlag erwischt.

Als habe dieser Gedanke ihn ausgelöst, erhascht er plötzlich einen Erinnerungsfetzen, der wie ein einsamer Stern im grenzenlosen Weltall vor ihm schwebt. Seine Gedanken greifen danach, bevor er sich ebenfalls in Nichts auflösen kann.

Es handelt sich tatsächlich um eine isolierte Erinnerung, die wie ein einzelnes Puzzlestück Teil eines größeren Bildes ist. Doch als er sie betrachtet, entsinnt er sich plötzlich auch einer ganzen Reihe weiterer Dinge, die damit in unmittelbarem Zusammenhang stehen.

2

Nachdem er das Parkticket aus dem Schlitz gezogen hatte, öffnete sich die Schranke vor der Motorhaube des Audi. Er warf das Ticket achtlos auf den Beifahrersitz und fuhr ins Parkhaus.

Er war pünktlich, denn es war genau zwei Minuten vor 22 Uhr. Ab 22 Uhr war es nicht mehr möglich, ins Parkhaus zu fahren. Dann konnte man nur noch hinausfahren. Er fuhr langsam, um sich zu orientieren, da er zuvor noch nie hier gewesen war. Sein Ziel lag auf Parkebene 3, und momentan befand er sich auf Ebene 1. Also musste er noch weiter nach oben.

Er folgte den weißen Pfeilen auf der Fahrbahn und kam an zahlreichen leeren Parkplätzen vorbei. Am Ende der Geraden kam eine halbkreisförmige Auffahrt zum nächsthöheren Stockwerk. Er fuhr hinauf und musste erst wieder durch die ganze Parkebene fahren, ehe er noch weiter nach oben fahren konnte.

Parkebene 3 stand in weißer Schrift auf dem blauen Schild. Hier war er richtig. Jetzt musste er nur noch das Treppenhaus am Ausgang Ost finden und dort seinen Wagen parken. Er folgte erneut den Pfeilen und sah schließlich eine rot gestrichene Stahltür mit einem Schild, auf dem Ausgang Ost stand. Da alle Stellplätze auf dieser Ebene leer waren, hatte er freie Auswahl. Er wählte einen Parkplatz, der etwa zehn Meter von der Tür zum Treppenhaus entfernt war, und stellte den Audi dort ab. Dann löschte er die Scheinwerfer und stieg aus.

Nachdem er den Wagen verriegelt hatte, verharrte er ein paar Sekunden und horchte auf Geräusche. Doch alles, was er hören konnte, war das leise Rauschen vorbeifahrender Autos auf der Straße vor dem Parkhaus. Hier drinnen war es hingegen geradezu gespenstisch still.

Er seufzte leise, ehe er sich in Bewegung setzte und die Treppenhaustür ansteuerte. Seine Schritte auf dem schmutzig grauen Beton hörten sich in der leeren Parkebene unnatürlich laut an und hallten von den kahlen Wänden wider. Als er die Tür erreichte, griff er mit der rechten Hand unter seine Jacke und umfasste den Griff des Jagdmessers, das er in einer Lederscheide am Gürtel trug. Sein Herz schlug schmerzhaft schnell in seiner Brust, und sein Mund war ganz trocken.

Doch er durfte weder umkehren noch zögern, sondern musste durch diese Tür. Also legte er die freie Hand auf den kühlen Stahl des Türblatts und stieß sie auf. Er schlüpfte durch die Öffnung und versuchte, sich in aller Eile zu orientieren und einen Überblick zu verschaffen. Vor ihm führten Stufen nach oben und nach unten. Links befanden sich die Türen eines Fahrstuhls, die geschlossen waren.

In diesem Augenblick spürte er, dass er nicht allein war und jemand hinter ihm stand. Er wollte herumwirbeln und dabei das Messer ziehen, doch noch ehe er zu einer dieser Bewegungen ansetzen konnte, hörte er ein Pfeifen und spürte er einen Luftzug. Dann prallte etwas so schmerzhaft gegen seinen Kopf, dass er unwillkürlich aufstöhnte. Seine Knie wurden weich und gaben unter ihm nach. Seine letzte Wahrnehmung war der schmutzige Betonboden, der in rasender Geschwindigkeit auf ihn zukam. Dann wurde alles pechschwarz.

3

Er stöhnt, als spüre er den Schlag, der ihn bewusstlos werden ließ, noch einmal.

Nun erinnert er sich wenigstens wieder, was vor seinem Erwachen geschehen ist und warum sein Kopf schmerzt. Alles andere ist jedoch noch immer weg und damit seinem Zugriff entzogen. So weiß er beispielsweise noch immer nicht, warum er überhaupt in dem Parkhaus war und ein Messer bei sich hatte. Auch sein Name und alle anderen persönlichen Daten sind ihm noch immer ein Rätsel.

Immerhin weiß er jetzt, wann er ins Parkhaus gefahren und den Schlag auf den Kopf bekommen hat. Das war um kurz nach 22 Uhr gewesen. Seine innere Uhr, die trotz seiner Bewusstlosigkeit nicht in Mitleidenschaft gezogen zu sein scheint und einen zuverlässigen Eindruck erweckt, sagt ihm, dass er vermutlich nur wenige Stunden bewusstlos war. Daher geht er davon aus, dass es noch immer Nacht ist, etwa zwischen drei und vier Uhr morgens.

Er runzelt die Stirn so sehr, dass er spüren kann, wie sich der frische Wundschorf auf seiner Kopfhaut spannt, wo ihn der Schlag getroffen hat, als er krampfhaft überlegt, wie er heißt, was er beruflich macht und ob er verheiratet ist und Kinder hat. Doch bevor er noch einmal in die mentale Leere hinabtauchen kann, in der sich eigentlich seine Erinnerungen befinden müssten, hört er einen Laut, der ihn jäh innehalten und seinen Körper vor Schreck erstarren lässt.

Knarrend öffnet sich irgendwo ganz in der Nähe eine Tür.

»Mmmhhh! Mmh mh mhmmhh?«

Er bekommt keine Antwort. Das Knarren verstummt allerdings. Dann wird es plötzlich hell. Er kneift die Augen zusammen und blinzelt mehrmals, als ihn die Helligkeit blendet, obwohl das Licht durch den Stoff über seinem Kopf nur gedämpft an seine geweiteten Pupillen dringt.

»Mmmhhh, mmh mh! Mmmhh …«

Die einzige Reaktion auf seine unverständlichen Laute sind weitere Geräusche. Er verstummt, horcht aufmerksam und versucht gleichzeitig, die Laute zu analysieren und zu identifizieren. Es hört sich so an, als würden mehrere Personen den Raum durch die Tür links von ihm betreten, an ihm vorbeimarschieren und sich auf seiner rechten Seite versammeln. Obwohl sie sich verstohlen und nahezu geräuschlos bewegen, kann er dennoch vereinzelte schlurfende Schritte, das Rascheln von Kleidungsstücken, das Aneinanderreiben von Stoff, unterdrücktes Hüsteln und leises Schnaufen hören. Außerdem kann er feine Duftnuancen verschiedener Parfums und Rasierwasser und Schweißgeruch riechen. Er schätzt, dass sich nun mindestens ein halbes Dutzend Menschen in seiner Nähe aufhalten. Das Rascheln und Füßescharren, das rechts von ihm noch immer andauert, deutet zudem darauf hin, dass sich dort Stühle oder Bänke befinden, auf denen die Personen Platz genommen haben. Dann verstummen die Geräusche ganz allmählich wieder. Er zuckt erschrocken zusammen und wendet rasch den Kopf, denn die Tür knarrt erneut laut, als sie geschlossen wird. Eine weitere Person befindet sich nun links von ihm. Und obwohl er angestrengt lauscht, kann er nicht hören, dass sie ebenfalls an ihm vorbeigeht und sich zu den anderen gesellt.

»Mmmhhh! Mmh mmmhh mmh mmh mmhh?«

Die Ankunft der Leute und das Lauschen auf die Geräusche, die sie verursacht haben, hat ihn abgelenkt. Doch als nun wieder Stille herrscht, obwohl er weiß, dass er nicht länger allein ist, kehrt die Angst zurück. Wenigstens sitzt er nicht länger in absoluter Finsternis. Allerdings ist er noch immer gefangen und kann seine Umgebung nicht erkennen. Außerdem weiß er auch noch immer nicht, warum er überhaupt gekidnappt wurde. Was wollen die Leute von ihm, die ihn in diesem Moment vermutlich beobachten, ohne dass er sie sehen kann? Sind sie seine Kidnapper? Aber warum?

Da in seiner Umgebung momentan ohnehin nichts geschieht – zumindest kann er nichts davon hören – und er keine Antwort auf seine erstickten Laute erhält, kehrt er gedanklich zu den einzigen Erinnerungen zurück, die ihm momentan zur Verfügung stehen. Er lässt noch einmal seine Fahrt durchs Parkhaus auf die 3. Parkebene Revue passieren und achtet dieses Mal auch auf die Details, die er vorher nur beiläufig registriert hat. An der Stelle, als er aus dem Wagen steigen will, stoppt er den mentalen Film, als würde er die Stopptaste eines Videorekorders drücken, denn sein herumschweifender Blick hat ein Objekt gestreift, das in der Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen liegt. Als er sich darauf konzentriert, sieht er, dass es sich um einen weißen Notizzettel handelt, der einmal in der Mitte gefaltet wurde. Instinktiv ahnt er, dass dieses Stück Papier von Bedeutung ist und vermutlich auch der Grund war, weswegen er in das Parkhaus gefahren ist.

Und genau in dem Moment, als ihm dies bewusst wird, überwältigt ihn eine weitere Erinnerung und entführt ihn in seine Vergangenheit, die für ihn zum größten Teil noch immer ein Mysterium ist.

4

»Schönen Feierabend, Herr Heitzer.«

Er erwiderte den Abschiedsgruß der Dame am Empfang, deren Namen er nicht kannte, und verließ das Gebäude, in dem die Zentralverwaltung des Versicherungskonzerns ihren Sitz hatte, in dem er arbeitete, durch die Drehtür. Vor dem eindrucksvollen, turmhohen Gebäude wandte er sich nach links und ging mit flotten, energischen Schritten zum Parkplatz.

»Schönen Feierabend, Christian.«

Er wandte den Kopf und sah einen Kollegen aus dem Aktuariat, wo er als Mathematiker finanzielle Risiken und Unsicherheiten des Versicherungsgeschäfts analysierte und zu minimieren versuchte. Er konnte sich gerade nicht an den Vornamen des Mannes erinnern, deshalb hob er nur die Hand und rief: »Wünsch ich dir auch. Bis morgen dann.«

Der andere nickte und stieg in einen silbernen BMW, während er selbst noch ein paar Meter zu gehen hatte, bevor er den schwarzen Audi erreichte. Er entriegelte die Türen, öffnete die Fahrertür, legte nach dem Einsteigen seine Aktentasche auf den Beifahrersitz und schob den Schlüssel ins Schloss. Er wollte gerade die Tür schließen, als sein Blick durch die Windschutzscheibe auf ein Stück Papier fiel, das jemand hinter das Scheibenwischerblatt geklemmt hatte. Er brummte verärgert, weil er jetzt noch einmal aussteigen und den Fetzen entfernen musste. Vermutlich war es ohnehin nur die Karte eines ausländischen Gebrauchtwagenkäufers, der versprach, er würde jedes Auto kaufen.

Er stieg aus, umrundete die Fahrertür und griff nach dem Papier. Eigentlich hatte er es sofort zerknüllen und zu Boden werfen wollen, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, doch dann sah er es sich doch an und bemerkte, dass er sich getäuscht hatte. Es war gar nicht die Karte eines Autohändlers, sondern ein dünnes, viereckiges Stück Papier, wie man es von Notizzettelblocks kannte, das einmal in der Mitte gefaltet war. Nun wurde er doch neugierig, was auf dem Zettel stand. Schickte ihm etwa jemand einen Liebesbrief? Das hielt er eher für unwahrscheinlich. Aber vielleicht teilte ihm ja jemand auf diese Weise mit, dass er beim Ein- oder Ausparken versehentlich den Audi gerammt und keine Zeit gehabt hatte, auf den Fahrer zu warten.

Während er das Papier entfaltete, ließ er seinen Blick rasch über den Teil seines Autos wandern, den er sehen konnte. Er konnte allerdings keine Delle und keinen Kratzer entdecken. Vielleicht auf der anderen Seite.

Dann sah er wieder auf den Zettel, las, was dort geschrieben stand, und erbleichte.

WIR WISSEN ALLES!

Komm um 22:00 Uhr ins Parkhaus in der Innenstadt!

Stell deinen Wagen in der Parkebene 3 ab und begib dich zum Treppenhaus am Ausgang Ost!

Wir warten auf dich!

Marie, Sabrina, Antonia, Melanie & Ella.

5

Selbst jetzt, als er die Namen nur in seiner Erinnerung vor sich sieht, jagen sie ihm einen eisigen Schauer über den Rücken. Dabei weiß er noch nicht einmal, woher er die Namen kennt und welche Bedeutung sie für ihn haben. Sie klingen allerdings vertraut und erzeugen tief in ihm einen Widerhall, der ein angenehmes Gefühl in ihm hervorruft, so wie die verblasste Erinnerung an ein schönes Erlebnis.

Er versucht, diesem Widerspruch zwischen seiner Reaktion auf die Namen auf dem Papier und seinen innersten Empfindungen auf den Grund zu gehen, doch dazu reichen die Informationen, über die er momentan verfügt, nicht aus. Noch sind seine Erinnerungen zu spärlich, als dass er daraus Rückschlüsse ziehen könnte, die über die beiden Erinnerungsfetzen hinausgehen, die er bislang zurückerlangt hat.

Zumindest kennt er jetzt wieder seinen Namen und seinen Beruf und weiß, wo er arbeitet. Christian Heitzer. Der Name klingt vertraut, allerdings nicht in einer Weise, die er von seinem ureigenen Namen erwartet hat. Und irgendwie ist er wohl auch davon ausgegangen, dass die Erinnerung an seinen Namen ein Feuerwerk weiterer Reminiszenzen auslösen wird. Doch weit gefehlt. Neben der Vertrautheit, die zumindest auf einen ständigen Gebrauch schließen lässt, enthält der Name gleichzeitig auch eine vage Fremdheit, die vermutlich auch die Ursache dafür ist, dass ihm sein Name überhaupt entfallen konnte. Aber wieso? Handelt es sich etwa gar nicht um seinen Namen? Und ist dann etwa auch die Erinnerung fehlerhaft, in der er von der Empfangsmitarbeiterin und dem Arbeitskollegen angesprochen wurde? Aber wie ist es dann überhaupt möglich, dass er sich dennoch daran erinnert, als wäre es seine eigene Erinnerung?

Während der letzten Minuten war er so auf sich selbst und seine Erinnerung konzentriert, dass er gar nicht mehr bewusst auf seine Umgebung und die anderen Leute geachtet hat, die sich in seiner Nähe aufhalten. Das ändert sich jedoch, als er plötzlich Schritte hört, die von links kommen, wo sich die Tür befindet, und sich ihm nähern. Die Person, die die Geräusche verursacht, bemüht sich im Gegensatz zu den anderen Leuten auch nicht, sich möglichst leise und verstohlen zu bewegen.

Unmittelbar hinter ihm verstummen die Schritte. Wer auch immer sich ihm genähert hat, steht nun direkt hinter dem Stuhl. Ein Schauer läuft ihm über den Rücken. Das Gefühl, beobachtet und von mehreren Augenpaaren gemustert zu werden, wird überwältigend und macht ihm Angst.

»Mmmhhh! Mmh mmmhh mmh mh?«

Noch immer keine Reaktion. Stattdessen herrscht wieder Stille. Da ihm das eigene hektische Schnaufen durch die Nase und der Schlag seines Herzens unnatürlich laut vorkommen, kann er die leisen Geräusche, die die anderen Personen unter Umständen verursachen, nicht hören. Ihm kommt es vor, als würden die Leute auf etwas warten, so wie die Zuschauer einer Theateraufführung darauf warten, dass sich endlich der Vorhang hebt und das Schauspiel beginnt.

Aber worauf warten sie? Und – um zur entscheidenden Frage zurückzukehren, die er sich schon vorher gestellt hat – warum haben sie ihn überhaupt niedergeschlagen, hierher gebracht, gefesselt und geknebelt? Was wollen Sie von ihm? Lösegeld etwa? Da er nun wieder weiß – sofern er seinen Erinnerungen trauen kann –, dass er als Mathematiker bei einer Versicherung arbeitet, wird ihm klar, dass er vermutlich ganz gut verdient. Allerdings ist er deshalb noch lange nicht reich. Und wen wollen sie dazu erpressen, das Lösegeld für ihn zu bezahlen? Die Versicherung? Unwahrscheinlich, denn er ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe, jederzeit ersetzbar und kennt keine wichtigen Firmengeheimnisse. Dann schon eher die Familie. Aber hat er überhaupt eine Familie?

Der Gedanke führt dazu, dass sein Verstand wie ein fingerfertiger Zauberkünstler die nächste Erinnerung aus dem bodenlosen Zylinder seines Bewusstseins holt.

6

Es war am Morgen des Tages, an dem er die merkwürdige Nachricht an seinem Scheibenwischer finden und im Treppenhaus des Parkhauses niedergeschlagen werden sollte. Doch noch ahnte er nicht, was ihm dieser Tag bringen würde. Und so saß er wie an jedem Werktag am Frühstückstisch, aß ein mit Erdbeermarmelade bestrichenes Brot, trank ungesüßten Kaffee mit Milch und las die Tageszeitung.

Marius, sein dreizehnjähriger Sohn, lümmelte auf seinem Stuhl, schlang sein Müsli hinunter, nachdem er den Kakao in wenigen Schlucken hinuntergeschüttet hatte, und hatte die Nase in seinem Physikbuch vergraben.

Seine Tochter Mara, die vor drei Wochen fünfzehn geworden war, hielt sich noch immer im Bad oben auf. Sie würde erst später, nur wenige Augenblicke, bevor sie aus dem Haus musste, herunterkommen und sich eine Scheibe Knäckebrot für unterwegs schnappen. Werktags morgens begegneten sich Vater und Tochter eigentlich nie, da er schon aus dem Haus war, wenn sie auf der Bildfläche erschien.

»Schatz, du musst los!«, sagte seine Frau Monika, die neben dem offenen Kühlschrank stand und die Pausenbrote für die Kinder zubereitete, so wie sie es jeden Morgen tat.

Er faltete die Zeitung ordentlich zusammen und legte sie neben seinen Teller, ehe er einen raschen Blick auf seine Armbanduhr warf. »Du hast recht, Liebling«, sagte er dann ebenfalls wie immer und trank die Tasse leer. Er erhob sich vom Tisch und drückte seiner Frau im Vorbeigehen einen Kuss in den Nacken, worauf sie unwillkürlich erschauderte, den Kopf einzog und leise kicherte. Im Flur zog er sich Schuhe und Jacke an und schnappte sich seine Aktentasche, die neben dem Schuhschrank an der Wand lehnte.

»Tschüss«, rief er laut, damit auch seine Tochter oben im Bad ihn hörte und wusste, dass sie sich beeilen musste, und verließ dann das Einfamilienhaus, um zur Arbeit zu fahren.

7

Also hat er tatsächlich eine Familie. Er beschwört ihre Abbilder noch einmal in seinem Kopf herauf und betrachtet sie der Reihe nach liebevoll. Und obwohl er seine Tochter heute Morgen gar nicht gesehen hat, kann er ihr Bild jetzt dennoch ebenso leicht abrufen wie das seiner Frau und seines Sohnes. Der Anblick seiner Lieben spendet ihm ein wenig Trost. Außerdem weiß er auch, dass Monika alles dafür tun wird, dass die Bedingungen der Entführer erfüllt werden, damit er wieder wohlbehalten freigelassen wird.

Bei den tröstenden Gedanken an seine Familie hat er beinahe vergessen, dass noch immer einer der Entführer hinter ihm steht und sich wie die anderen Anwesenden mucksmäuschenstill verhält. Doch in diesem Augenblick ruft sich ihm dieser von sich aus in Erinnerung, indem er nach dem Stoffsack greift und ihn ruckartig von seinem Kopf reißt.

»Mmmmmhhhhh …«

Das grelle Licht, das ihm jetzt ungehindert direkt in die Augen scheint, blendet ihn so stark, dass seine Augen zu tränen beginnen. Er senkt den Kopf, kneift die Augen zusammen und öffnet sie dann vorsichtig wieder, um sie an die Helligkeit zu gewöhnen. Die Tränen verschleiern allerdings seinen Blick.

»Na, Heitzer, wie geht es Ihnen jetzt?«

Er wendet den Kopf so abrupt nach links, als ihn von dort unvermittelt eine männliche Stimme anspricht, dass ein stechender Schmerz, ausgehend von der kaum verheilten Kopfwunde, wie ein glühender Kugelblitz durch jede einzelne Gehirnzelle saust.

»Mmhh!«

Er stöhnt vor Schmerz, schließt kurz die Augen, öffnet sie aber rasch wieder, um sie auf das Gesicht des Mannes zu richten, der ihn angesprochen hat. Der Mann kommt ihm vage bekannt vor, allerdings kann er nicht sagen, woher. Außerdem liefert sein Namensgedächtnis keinen passenden Namen zu dem Gesicht, weil seine Erinnerung noch immer zum größten Teil wie leergefegt ist. Der Mann ist schätzungsweise Mitte bis Ende fünfzig, hat mausgraues, kurz geschorenes Haar und trägt eine Brille mit dünner, silberner Fassung.

Als der Mann ihn gerade eben ansprach, glaubte er, Mitgefühl oder Sorge in seiner Stimme zu hören, und schöpfte Hoffnung, doch als er jetzt den feindseligen Blick und das böse Grinsen des anderen sieht, erkennt er seinen Irrtum. Es war gar kein Mitleid, sondern Häme, die er gehört hat.

»Wissen Sie, wo wir hier sind, Heitzer?«

»Mmh.« Der Laut, der ein Nein werden sollte, entschlüpft ihm automatisch, ehe er sich entsinnt, dass man ihn ohnehin nicht verstehen kann. Also schüttelt er zusätzlich den Kopf.

»Woher auch?«, fragt der Mann. »Aber ich will es Ihnen verraten: Wir sind im Keller meines Hauses. Sie sind also gewissermaßen mein Gast.«

»Mmh mmhh mhh?«

»Tut mir leid, aber ich kann Sie wegen des Knebels nicht verstehen«, sagt der Mann und verzieht das Gesicht zu einem eisigen Lächeln, das ohne jede Spur von Fröhlichkeit ist. »Aber vermutlich fragen Sie sich, wer ich bin und warum Sie hier sind. Habe ich recht?«

»Mh!« Er nickte vorsichtig, um keine neue Schmerzwelle auszulösen.

»Na gut. Wenn Sie nicht von allein draufkommen, will ich es Ihnen verraten. Mein Name ist Klaus Schmidt. Ich bin Maries Vater!«

Marie …

Der Name hallt wie der Schlag einer riesigen Glocke durch seinen Verstand, wird von den Innenwänden seiner Schädeldecke zurückgeworfen und dabei tausendfach verstärkt, bis er kaum noch einen anderen vernünftigen Gedanken fassen kann.

Marie – Marie – Marie – Marie – Ma … – … rie – Ma … – … rie – … rie …

Er erinnert sich daran, dass das auch der erste Name auf dem Zettel war, der ihn ins Parkhaus lockte.

WIR WISSEN ALLES!

Was meinten Sie damit? Wer ist Marie? Und wieso löst ihr Name eine so starke Reaktion in ihm aus?

Die Antworten auf seine Fragen erhält er postwendend, als eine weitere Welle von Erinnerungen über ihn hinwegrauscht wie ein mentaler Tsunami und ihn aus der Gegenwart in die Vergangenheit spült.

8

Für einen kleinen Moment hielt er inne und betrachtete liebevoll das große Jagdmesser in seiner Hand. Die 21 Zentimeter lange Klinge bestand aus 440er Edelstahl, und die Griffschalen waren aus braunem Pakkaholz. In der frisch geschliffenen und polierten Klinge konnte er sein eigenes lächelndes Gesicht widergespiegelt sehen. Die Vorfreude ließ ihn erzittern, und so senkte er das Messer und wandte sich um.

Die Jagdhütte befand sich in einem entlegenen Waldstück, das zu dieser Jahreszeit und um diese Uhrzeit verlassen war. Der Eigentümer würde vermutlich erst zu Beginn der Jagdsaison hierherkommen. Also würde ihn bei dem, was er vorhatte, auch niemand stören. Und auch sonst war kein Mensch weit und breit, der die Schreie der jungen Frau hören konnte.

Sein Blick fiel auf das alte Bett mit dem metallenen Rahmen, auf dem nur eine fleckige Matratze lag. Die junge Frau auf der Matratze war nackt. Ihre Arme und Beine waren abgespreizt und an den Rahmen gebunden. Sie war noch immer bewusstlos. Nach seiner Berechnung musste sie jedoch demnächst erwachen. Er konnte sehen, dass sie im Schlaf leicht die Stirn runzelte, als würde sie im Traum über eine komplizierte Frage nachdenken.

Marie!, erinnerte er sich an ihren Vornamen. Was für ein schöner Name.

Er hatte sie vor drei Wochen beim Einkaufen in einem Supermarkt gesehen und sofort gewusst, dass sie die Nächste war. Sie erinnerte ihn an seine Tochter Mara, so wie sie das Haar trug und sich bewegte. Sobald er sie sah, war der eigentliche Grund, weswegen er in den Supermarkt gegangen war, vergessen. Stattdessen beobachtete er die junge Frau unauffällig, wie sie ihre Einkäufe in den Wagen legte, zur Kasse ging und bezahlte. Er folgte ihr nach draußen und sah ihr aus den Augenwinkeln dabei zu, wie sie die Einkäufe in den Korb ihres Fahrrads lud. Dann fuhr er ihr mit seinem Wagen bis zu ihr nach Hause hinterher.

Die nächsten zwei Wochen verbrachte er damit, mehr über sie, ihre Gewohnheiten und ihr Umfeld in Erfahrung zu bringen. Da er wegen seiner Arbeit und seiner Familie nur gelegentlich nach Feierabend und am Wochenende Zeit erübrigen konnte, dauerte es eine Weile, bis er alles über sie erfahren hatte, was er wissen wollte: Sie hieß Marie Schmidt, war 22 Jahre alt, lebte noch bei ihren Eltern – Klaus, 48 Jahre alt und bei einem Sicherheitsunternehmen tätig, und Astrid, 44 Jahre –, hatte eine jüngere Schwester – Ivonne, 17 Jahre – und studierte an der Universität Jura. Er besorgte sich ihren Vorlesungsplan und nahm sich schließlich sogar zwei Tage Urlaub, ohne seiner Frau davon zu erzählen, um sie zwei ganze Tage lang verfolgen und ihren Tagesablauf studieren zu können.

Als er schließlich genug Informationen gesammelt hatte, konnte er zu Phase 2 seines Vorhabens übergehen. Diese bestand im Wesentlichen darin, ihre Entführung minutiös zu planen und einen geeigneten Ort zu finden und vorzubereiten, an den er sie anschließend bringen konnte. Da ihm bereits vor ein paar Monaten bei einem sonntäglichen Familienausflug die abgeschiedene Jagdhütte aufgefallen war, war er vor drei Tagen nach Feierabend unter dem Vorwand einer Fortbildungsveranstaltung hierher gefahren, hatte die Umgebung ausgekundschaftet und, nachdem er den Ort für geeignet befunden hatte, alles vorbereitet.

Die Entführung selbst war dann dank seiner hervorragenden Planung problemlos und ohne Zeugen vonstattengegangen. Da Marie jeden Mittwochabend ihren Zumba-Kurs besuchte, fuhr sie mit dem Auto ihrer Mutter zum Fitnessstudio, das in einem Industriegebiet lag. Da sie zudem meistens zu spät dran war, gab es keine freien Parkplätze mehr in unmittelbarer Nähe des Studios. Sie musste den Wagen etwas weiter weg abstellen und etwa 200 Meter zu Fuß gehen, was sie auch an einer finsteren Stelle im Schatten eines dichten Gehölzes vorbeiführte. Und genau dort lauerte er ihr auf. Neben seiner guten Planung hatte er auch Glück, dass gerade niemand anderes in der Nähe war. Die angrenzenden Betriebe hatten um diese Zeit allerdings längst geschlossen, und die anderen Teilnehmer des Zumba-Kurses waren schon im Studio. Als Marie nichtsahnend das Gehölz passierte, so wie sie es immer tat, sprang er hinter ihr auf den Weg, packte sie hinterrücks und presste ihr seine Handfläche auf den Mund, in der sich ein mit Chloroform getränktes Tuch befand. Sie versteifte sich in seinem Griff und begann sich zu wehren, doch sobald sie die betäubenden Chloroformdämpfe eingeatmet hatte, erlahmten ihre Bewegungen, bis sie das Bewusstsein verlor. Er sah sich rasch um, ob nicht doch jemand aus einem benachbarten Gebäude gekommen oder um eine Ecke gebogen war. Dann hätte er den Zustand des Mädchens irgendwie erklären und sich ohne Beute aus dem Staub machen müssen. Doch das Glück blieb ihm weiterhin treu, denn es war niemand zu sehen. Er warf sich das leblose Bündel Mensch über die linke Schulter und lief zu seinem unverschlossenen Wagen, den er frühzeitig ganz in der Nähe geparkt hatte. Er öffnete den Kofferraum und ließ die junge Frau hineinplumpsen. Eilig schob er auch noch ihre Füße hinein, sodass sie verkrümmt auf der Plastikfolie lag, die er dort ausgebreitet hatte, und schloss dann den Kofferraumdeckel. Ein letzter Blick in die Runde überzeugte ihn davon, dass er auch dabei unbeobachtet geblieben war. Er grinste zufrieden, als er ins Auto stieg und losfuhr, um sein jüngstes Opfer zur Jagdhütte zu bringen.

Und nun lag sie hier, und alles war für den letzten Akt vorbereitet. Jetzt musste sie nur noch aufwachen, um auch ja mitzubekommen, was mit ihr geschah, und es ebenso genießen zu können wie er. Er trat näher ans Bett und sah auf sie hinunter. Wie sie so dalag, das haselnussbraune, lange Haar ausgebreitet auf der Matratze, sah sie seiner Tochter Mara noch ähnlicher.

Und natürlich Caroline!, dachte er grimmig und lächelte kalt.

Er hob die rechte Hand, die das Heft des Jagdmessers so fest umklammert hielt, dass die Knöchel ganz weiß waren. Er konnte es kaum noch erwarten. Eine Schweißperle löste sich von seiner verschwitzten Stirn und lief an seinem nervös zuckenden Auge vorbei über seine Wange. Er hob die freie Hand und wischte den Schweiß weg.

Im gleichen Moment sah er, dass ihre Augenlider zuckten. Sie erwachte! Endlich!

Erst zuckten nur ihre Lider, dann bewegten sich die Augäpfel dahinter hektisch hin und her, als würde sie träumen. Doch dies war kein Traum, sondern bitterer Ernst. Sie öffnete die Augen, schloss sie sofort wieder, als das Licht sie blendete, und öffnete sie erneut. Ihr Blick war noch ein wenig umnebelt. Kein Wunder nach der stundenlangen Bewusstlosigkeit. Wahrscheinlich hatte sie auch Kopfschmerzen vom Chloroform. Diese Schmerzen waren allerdings nichts gegen das, was noch kommen würde, und sie würde sie deshalb schnell vergessen.

Ihr Blick war anfangs noch nach oben zur Decke gerichtet und unfokussiert. Dann sah er, wie sich ihre Pupillen verengten und zur Seite bewegten, wo er stand und auf sie heruntersah.

»Hallo Caroline«, sagte er mit einem Lächeln, das sich allerdings nicht in seinen eiskalten, berechnenden Augen widerspiegelte. »Wir werden viel Spaß miteinander haben. Und diesmal wirst du mich nicht bei Mama verpetzen!«

Ihre Augen weiteten sich, als ihr Blick auf das Messer in seiner Hand fiel. Dann riss sie den Mund auf und schrie schrill und markerschütternd. Doch das störte ihn nicht, denn niemand würde sie hören. Ganz im Gegenteil, ihr Schreien gehörte dazu und war wie Musik in seinen Ohren. Und er liebte diese Sinfonie der Schmerzen, mit der seine Opfer seine Arbeit akustisch begleiteten.

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193 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783847655817
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