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Die Abtei von Northanger

Jane Austen


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Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Erstes Kapitel

Wer immer Catherine Morland in ihrer Kindheit kannte,hätte nie vermutet,dass sie zur Heldin geboren war. Alles stand dem entgegen: ihr Platz im Leben, die Charaktere ihre Eltern, ihrer eigene Erscheinung und Veranlagung. Ihr Vater war Geistlicher, ohne sich hintangesetzt oder arm zu fühlen; er galt sogar als ein sehr achtbarer Mann, obgleich er Richard hieß und nie hübsch gewesen war. Er besaß ein ganz beachtliches Vermögen und zwei auskömmliche Pfarrstellen, und man konnte ihm keineswegs die Neigung nachsagen, seine Töchter einzusperren. Ihre Mutter war eine Frau von praktischem, klarem Sinn, guter Laune und, was bemerkenswerter ist, kräftiger Konstitution. Bei Catherines Geburt hatte sie schon drei Söhne; und statt zu sterben, wie man bei der schweren Niederkunft befürchtete, erholte sie sich, schenkte weiteren sechs Kindern das Leben, sah sie aufwachsen und erfreute sich selbst einer ausgezeichneten Gesundheit. Eine Schar von zehn Kindern kann man wohl eine schöne Familie nennen. Darüber hinaus konnten die Morlands keinen Anspruch auf dieses Prädikat erheben, denn sie waren durchweg recht unansehnlich geraten, und zu einer gewissen Zeit ihres Lebens war Catherine ebenso unansehnlich wie alle anderen. Sie hatte eine magere, unbeholfene Gestalt, eine farblose Haut, dunkles, strähniges Haar und scharfe Züge. Soviel von ihrem Äußeren. Ihr Gemüt versprach ebensowenig Heldentum. Sie liebte es, wie ein Knabe zu spielen - vor allem Cricket. Statt sich Puppen zu widmen und den üblichen Kinderfreuden anderer Heldinnen, zog sie lieber eine Haselmaus, fütterte einen Kanarienvogel oder begoß einen Rosenbusch. Wenn sie überhaupt einmal Blumen pflückte, dann geschah es meist aus Freude an einem Streich - jedenfalls nahm man das an, weil sie immer Blumen wählte, die ihr verboten waren. Solcherart waren ihre Neigungen, und ihre Fähigkeiten glänzten ebenso außergewöhnlich. Sie lernte und behielt nichts, ehe man es sie systematisch lehrte; und manchmal nicht einmal dann, da sie häufig unaufmerksam war und sich gelegentlich sogar dumm anstellte. Drei Monate brauchte ihre Mutter, um ihr »Bettlers Bitte« beizubringen; und schließlich konnte ihre nächst jüngere Schwester Sally das Gedicht besser aufsagen als sie selbst. Zwar war Catherine keineswegs dumm; sie lernte die Fabel von dem »Hasen und den vielen Freunden« so schnell wie nur irgendein anderes Mädchen in England. Ihre Mutter wünschte, dass sie Musik pflege, und Catherine selbst glaubte, es würde ihr Freude machen, denn sie klimperte allzu gern auf dem alten Spinett. Sie zählte ungefähr acht Jahre, als sie ernsthaft zu spielen begann. Nach einem Jahr hatte sie es über; und Mrs. Morland, die nicht auf der Ausbildung ihrer Töchter, selbst in den nötigsten Dingen, bestand, erhob keine Einwendung. Die Entlassung des Musiklehrers war ein glücklicher Tag in Catherines Leben. Mit dem Zeichnen ging es nicht besser, obwohl sie jeden Papierfetzen mit Häusern, Bäumen, Hühnern und Küken bemalte, die sich alle sehr ähnlich sahen. Schreiben und Rechnen lernte sie von ihrem Vater und Französisch von ihrer Mutter. Ihre Fortschritte in diesen drei Fächern waren nicht bemerkenswert; sie drückte sich vor dem Unterricht, so gut sie nur konnte. Welch merkwürdiges, unberechenbares Wesen! Denn trotz all dieser betrüblichen Anzeichen in ihrem ersten Lebensjahrzehnt besaß sie doch weder ein schlechtes Herz noch schlechte Laune. Sie war selten halsstarrig und fast nie streitsüchtig und, abgesehen von kleinen herrschsüchtigen Anfällen, freundlich zu den Kleinen. Zudem war sie laut und wild, haßte Enge und Sauberkeit und liebte es über alles, den grünen Abhang hinter dem Haus hinabzurollen.

So war Catherine Morland mit zehn Jahren. Mit fünfzehn schien sich das zu bessern. Sie fing an, ihre Haare zu kräuseln und sehnte sich nach Bällen. Ihr Teint belebte sich, ihre Züge wurden weicher und voller, der Ausdruck ihrer Augen lebhafter und ihre Gestalt ansehnlicher. Ihr Hang zur Unsauberkeit wich einer Neigung für Putz, und sie wirkte nun reinlich und schmuck. Zu ihrer großen Freude unterhielten sich ihre Eltern über ihr verbessertes Aussehen. »Catherine entwickelt sich zu einem ganz niedlichen Mädchen; heute sieht sie fast hübsch aus« - dergleichen schnappte sie dann und wann auf. Wie freute es sie! Fast hübsch zu sein, diese Feststellung bereitet einem Mädchen, das die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens unansehnlich war, größeres Entzücken, als eine geborene Schönheit je empfinden wird.

Mrs. Morland war eine sehr gute Frau und wünschte, ihre Kinder möchten sich in der üblichen Weise entwickeln; aber ihre Zeit war derart von Wochenbetten und Unterricht der Kleinen beansprucht, dass ihre älteren Töchter sich wohl oder übel selbst überlassen blieben. So war es also weiter nicht verwunderlich, wenn die keineswegs ungewöhnliche, vierzehnjährige Catherine Cricket, Baseball, Reiten und in der Gegend umherzustreifen der Beschäftigung mit Büchern vorzog - wenigstens den belehrenden Büchern; denn, soweit sie nicht rein belehrend waren, hatte sie gegen Bücher nichts einzuwenden. Von ihrem fünfzehnten bis zum siebzehnten Lebensjahr jedoch bereitete sie sich auf ihr Heldenleben vor und las alle Bücher, deren Zitate das Gedächtnis einer Heldin anfüllen müssen und in den Wechselfällen eines ereignisreichen Lebens so nützlich und beruhigend wirken.

Nach Pope lernte sie die Menschen zu beurteilen, die »Unter der Maske des Schmerzes sich bergen.«

Nach Gray, dass »Manche Blume ungesehen blüht, Und ihren Duft in Einsamkeit verschwendet.«

Von Shakespeare empfing sie eine Menge guter Lehren - unter anderem auch, dass »Hauchfeine Nichtigkeiten Für die Eifersucht sind wie Offenbarungen der Heiligen Schrift.«

Oder: »Der kleine Käfer, den der Fuß zertritt, spürt körperlichen Schmerz genau so stark, Wie wenn der Riese stirbt.«

Und dass eine junge, verliebte Frau immer aussieht »Wie ein Denkmal der Geduld, zulächelnd grauem Kummer.«

In dieser Hinsicht genügten ihre Fortschritte ebenso wie in vielen anderen. Wenn sie auch selbst keine Sonette schrieb, so machte sie sich doch daran, solche zu lesen. Und obgleich nicht zu erwarten war, dass sie eines Tages eine Gesellschaft durch eigene KlavierKompositionen entzücken würde, lauschte sie doch unermüdlich den Vorträgen anderer. Am wenigsten begabt war sie mit dem Zeichenstift; sie besaß nicht das geringste Maltalent und konnte nicht einmal das Profil ihres Verehrers wiedergeben, um sich durch sein Konterfei zu verraten; auf diesem Gebiet blieb sie jämmerlich hinter wahrer heldischer Größe zurück. Aber im Augenblick war sie sich dieses Mangels keineswegs bewußt - es war gar kein Verehrer vorhanden, den sie hätte zeichnen können. Sie hatte ihr siebzehntes Lebensjahr erreicht, ohne einem liebenswerten Jüngling zu begegnen, der ihre Zuneigung hätte erwecken können, ohne selbst Leidenschaft erzeugt, ohne auch nur eine mehr als recht bescheidene und vergängliche Bewunderung hervorgerufen zu haben. Das war wirklich seltsam. Aber im allgemeinen lassen sich auch seltsame Dinge erklären, wenn man sorgfältig nach ihrer Ursache forscht. In der ganzen Umgebung gab es nicht einen Lord -nein, nicht einmal einen Baron. In ihrer ganzen Bekanntschaft keine Familie, die einen Findling aufgezogen hätte, nicht einen einzigen jungen Mann von dunkler Herkunft. Ihr Vater besaß kein Mündel und der Schutzherr der Gemeinde keine Kinder.

Aber wenn nun einmal eine junge Dame zur Heldin vorausbestimmt ist, kann selbst diese Absonderlichkeit von vierzig benachbarten Familien es nicht verhindern. Etwas muß und wird geschehen, um einen Helden in ihren Weg zu führen.

Mr. Allen, Besitzer der meisten Ländereien um Fullerton, einem Dorf in Wiltshire und Wohnsitz der Morlands, litt an Gicht, und ihm wurde ein Kuraufenthalt in Bath verordnet. Seine Ehefrau, eine gutmütige Dame, die Miss Morland sehr zugetan war und vielleicht auch erkannt hatte, dass eine junge Dame, der im Heimatdorf keine Abenteuer begegnen, diese anderwärts suchen muß, lud Catherine zur Begleitung ein. Mr. und Mrs. Morland stimmten zu, und Catherine zerfloß vor Glück.

Zweites Kapitel

Zur Ergänzung dessen, was bereits über Catherine Morlands persönliche und geistige Gaben zu Beginn ihres sechswöchigen Aufenthalts in Bath und seinen Schwierigkeiten und Gefahren gesagt wurde, soll zur genaueren Unterrichtung des Lesers noch erwähnt werden, dass sie ein liebevolles Herz besaß. Ihr Wesen war heiter und offen, ohne Überheblichkeit und Geziertheit und hatte soeben erst die Unbeholfenheit und Schüchternheit des Schulmädchens abgestreift. Ihr Äußeres war gefällig und an guten Tagen sogar niedlich. Sie war ebenso unwissend und unberührt, wie die weibliche Seele mit siebzehn Jahren zu sein pflegt.

Als die Stunde der Abreise näherrückte, hätte nach herkömmlicher Gepflogenheit die mütterliche Besorgnis bei Mrs. Morland ins Ungemessene wachsen müssen. Tausend beängstigende Vorahnungen von Übeln, welche ihrer geliebten Catherine während einer solch langen Trennung zustoßen mochten hätten ihr Herz mit Traurigkeit erfüllen und die letzten beiden Tage ihres Beisammenseins in ein Meer von Tränen tauchen müssen, nicht zu vergessen die wichtigen und nützlichen Ratschläge, von denen ihre erfahrenen Lippen beim Abschied in ihrem Budoir hätten überströmen müssen, und die Hinweise auf Vorsichtsmaßregeln gegen die Gewalt von Edelleuten und Baronen, die junge Damen in abgelegene Bauernhäuser locken. Aber Mrs. Morland wußte so wenig von Lords und Baronen, dass sie keine Ahnung von ihrer üblichen Niedertracht hatte, sie war völlig arglos gegenüber der Gefahr, die ihrer Tochter von den Machenschaften jener Männer drohte. Ihre ganzen Warnungen beschränkten sich auf die folgenden Punkte: »Ich bitte dich, Catherine, wickle deinen Hals immer recht schön warm ein, wenn du des Abends einen Ballsaal verläßt. Und dann versuche, über deine Ausgaben ein wenig Buch zu führen. Zu dem Zweck gebe ich dir dieses Büchlein.« Sally - oder vielmehr Sarah, denn welche junge Dame aus gutem Hause erreicht wohl ihr sechzehntes Lebensjahr, ohne ihren Namen soweit wie nur eben möglich zu verändern? - mußte nach Lage der Dinge zu diesem Zeitpunkt die Busenfreundin und Vertraute ihrer Schwester sein. Es ist jedoch beachtenswert, dass sie von Catherine weder verlangte, ihr mit jeder Post einen Brief zu schreiben, noch ihr das Versprechen abrang, sich ausführlich über jede neue Bekanntschaft zu ergehen oder die Einzelheiten jeder aufregenden Unterhaltung in Bath wiederzugeben. Alles, was sich auf diese wichtige Reise bezog, wurde von den Morlands mit Mäßigung und Haltung erledigt und schien eher dem nüchternen Empfinden des alltäglichen Lebens anzugehören als den verfeinerten Regungen, den zärtlichen Gefühlen, die eine erste Trennung der Heldin von ihrer Familie eigentlich immer verursachen sollte. Statt eines Blankoschecks oder einer Hundertpfundnote gab ihr der Vater nur zehn Guineen und versprach ihr mehr, wenn sie es benötige.

Unter diesen nicht sehr viel versprechenden Auspizien vollzog sich der Abschied, und die Reise nahm ihren Anfang. Sie ging mit der erforderlichen Ruhe und ereignisloser Sicherheit vonstatten. Weder Räuber noch Stürme traten ihnen zu nahe, und kein glücklicher Unfall warf sie in die Arme des Helden. Nichts Aufregendes ereignete sich außer Mrs. Allens Furcht, sie habe ihre Galoschen im Gasthaus zurückgelassen, und selbst das erwies sich glücklicherweise als blinder Alarm.

Sie erreichten Bath. Catherine war entzückt, und ihre Augen wanderten hierhin und dorthin, als man sich der auffallend schönen Umgebung näherte und später durch die Straßen fuhr, die sie zu ihrem Hotel führten. Sie war hierhergekommen, um glücklich zu werden, und fühlte sich bereits glücklich.

Man lebte sich in der behaglichen Wohnung in der Pulteney Street ein. Mrs. Allen gehörte zu der weitverbreiteten Gattung von Frauen, deren Gesellschaft keine andere Empfindung erregt als Erstaunen darüber, dass es auf der Welt Männer gibt, die sie hoch genug schätzen, um sie zu heiraten. Sie besaß weder Schönheit oder Geist noch Talente oder Lebensart. Gute Herkunft, ruhige, untätige Gutmütigkeit und ein Hang zum Spielerischen konnten allein die Tatsache erklären, warum ein vernünftiger, kluger Mann wie Mr. Allen sie erwählt hatte. In einer Hinsicht war sie durchaus geeignet, eine junge Dame in die Öffentlichkeit einzuführen, denn sie war nicht weniger begeistert, überall hinzugehen und alles zu sehen, als ein junges Mädchen. Kleider waren ihre Leidenschaft. Sie liebte es über alles, sich zu putzen; deshalb konnte unsere Heldin erst einige Tage später ins Leben treten, nachdem man sich über die neueste Mode unterrichtet und ihre Anstandsdame sich mit einer entsprechenden Toilette versehen hatte. Catherine selbst machte auch einige Einkäufe; und als all diese Angelegenheiten zur Zufriedenheit erledigt waren, kam der große Abend, der Catherine die Pforten der großen Gesellschaftsräume öffnen sollte. Ihr Haar wurde von dem ersten Künstler gestutzt und gekräuselt, ihr Kleid mit besonderer Sorgfalt angelegt, und Mrs. Allen und ihre Zofe versicherten, die sehe gerade so aus, wie es sein solle. Solcherart ermutigt, hoffte Catherine sich wenigstens nicht unangenehm abzuheben. Bewunderung wäre zwar sehr willkommen, aber sie erwartete sie nicht.

Mrs. Allen machte so ausgiebig Toilette, dass sie den Ballsaal erst spät betraten. Wegen der Hochsaison war der Saal überfüllt, und man drängte sich hinein, so gut es eben ging. Mr. Allen zog sich sogleich in die Spielräume zurück und überließ es den Damen, sich an der Volksmenge zu ergötzen. Mrs. Allen war mehr um ihr neues Kleid als um ihren Schützling besorgt, als sie sich ihren Weg durch die Gruppe von Männern bahnte, die an der Tür herumstanden. Sie tat dies so schnell, wie es die notwendige Vorsicht gestattete, aber Catherine blieb dicht an ihrer Seite, denn sie hatte sich fest in den Arm der Freundin gehängt. Zu ihrem großen Erstaunen aber gelang es ihnen auf ihrem Weg durch den Saal keineswegs, sich von der wogenden Menge zu lösen; im Gegenteil, das Gewühl wurde immer dichter. Sie hatte erwartet, man könne mit Leichtigkeit Plätze finden und dem Tanze zuschauen. Aber dem war nicht so, selbst nicht, als sie mit größter Mühe das obere Ende des Saales erreicht hatten. Außer den hohen Federgestecken einiger Damen war von den tanzenden Paaren nichts zu erspähen. Sie bahnten sich weiter ihren Weg und befanden sich schließlich nach ausdauernder Kraftanstrengung und Erfindungsgabe hinter der obersten Zuschauerreihe. Hier herrschte weniger Gedränge als unten, und es bot sich ein schöner Überblick über die Menge und die Gefahren des eben zurückgelegten Weges. Ein wundervoller Anblick! Miss Morland empfand ganz den Eindruck, sich auf einem Ball zu befinden. Sie hätte zu gern getanzt, aber sie kannte niemand im ganzen Saal. Mrs. Allen tat das in einem solchen Fall Mögliche. Sie sagte immer wieder: »Ich wünschte, du könntest auch tanzen, liebes Kind -ich wünschte, du fandest einen Partner!« Eine Zeitlang war ihre junge Freundin für diese Anteilnahme dankbar, aber als diese Wünsche immer wiederholt wurden und sich doch als so völlig wirkungslos erwiesen, wurde Catherine ihrer schließlich müde und schwieg.

Sie konnten sich jedoch nicht lange des so mühsam errungenen Platzes erfreuen, denn plötzlich geriet alles in Bewegung; man suchte irgendwo den Tee einzunehmen, und es hieß, sich mit den anderen wieder hinauszuquetschen. Enttäuschung bemächtigte sich Catherines. Sie war es müde, ständig zwischen fremden Menschen erdrückt zu werden, deren meist nicht einmal anziehende Gesichter ihr alle so fremd waren. Als sie schließlich den Teeraum erreichten, empfand sie es noch peinlicher, zu keiner Gesellschaft zu gehören, keine Bekannten zu begrüßen und von keinem Herrn beschützt zu werden. Mr. Allen war nirgends zu erblicken; und nachdem sie vergeblich nach einem besseren Platz Ausschau gehalten hatten, mußten sie sich wohl oder übel am Ende eines sehr besetzten Tisches niederlassen, obwohl sie dort nichts zu suchen hatten und nur miteinander sprechen konnten.

Sobald sie Platz genommen hatte, beglückwünschte Mrs. Allen sich, ihr Kleid vor Schaden bewahrt zu haben. »Andernfalls wäre es wirklich eine Schande gewesen, nicht wahr? Es ist solch empfindlicher Musselin. Ich habe im ganzen Saal nicht noch ein zweites ebenso hübsches Kleid gesehen.«

»Wie unangenehm ist es doch«, flüsterte Catherine, »hier nicht einen einzigen Bekannten zu haben.«

»Ja, liebes Kind«, erwiderte Mrs. Allen abgeklärt, »das ist wirklich sehr unangenehm.« »Was sollen wir nur tun? An diesem Tisch scheint man sich über unsere Anwesenheit zu

wundern. Es wirkt auch, als drängten wir uns auf.«

»Das ist sehr peinlich. Ich wünschte auch, wir wären in Gesellschaft.« »Schade, dass wir niemanden kennen.«

»Das ist wahr, mein liebes Kind. Die Skinners waren im vergangenen Jahr hier. Wenn ich sie doch jetzt hier träfe!«

»Sollten wir nicht lieber wieder gehen? Hier ist ohnehin kein Gedeck für uns, sehen Sie.« »Wirklich, es ist kein Gedeck mehr übrig. Wie entsetzlich! Aber wir bleiben doch besser hier, man wird in solchem Gedränge nur umhergestoßen. Wie sehe ich am Kopf aus, liebes Kind? Gewiß ist meine Frisur ganz durcheinandergebracht.«

»Nein, sie sieht sehr hübsch aus. Aber, liebe Mrs. Allen, sind Sie ganz sicher, in dieser Menschenmenge keine Seele zu kennen? Ich meine, Sie müßten doch einen Menschen kennen.«

»Nein, auf mein Wort, niemanden! Ich wünsche mir von ganzem Herzen einen großen Bekanntenkreis hier, dann würde ich dir einen Tänzer aussuchen. Ich würde mich so freuen, wenn du tanztest. Drüben geht eine merkwürdige Frau. Welch wunderliches Kleid sie trägt! Wie altmodisch! Sieh dir den Rücken an!«

Nach einiger Zeit bot ihnen einer ihrer Nachbarn Tee an; sie nahmen dankend an, und so entstand eine kleine Unterhaltung mit dem Spender. Das war die einzige des ganzen Abends, bis Mr. Allen sich wieder zu ihnen gesellte; aber da war der Tanz schon vorüber.

»Nun, Miss Morland, hoffentlich haben Sie sich gut amüsiert.«

»Sehr, danke«, erwiderte sie und bemühte sich vergebens, ein Gähnen zu unterdrücken. »Wenn wir doch einen Tänzer für sie gefunden hätten!« meinte seine Frau. »Ich sagte schon, ich hätte es lieber gesehen, wenn die Skinners diesen Winter hier wären statt im vergangenen oder wenn die Parrys mitgekommen wären. Dann hätte sie mit George Parry tanzen können. Es tut mir so leid, dass sie keinen Tänzer hatte.«

»Das nächste mal wird’s hoffentlich besser«, tröstete Mr. Allen.

Nach Beendigung des Tanzes zerstreute sich die Menge, und die Nachzügler konnten bequem umherspazieren. Jetzt wäre für Catherine, die an den Ereignissen des Abends noch keinen hervorragenden Anteil gehabt hatte, der Augenblick gekommen, bemerkt und bewundert zu werden. Und mancher junge Mann, der ihr den Abend über noch nicht nahe gekommen war, erblickte sie jetzt. Aber nicht einer erspähte sie in hingerissenem Entzücken, kein Raunen huschte durch den Saal, und niemand nannte sie göttlich. Und doch sah Catherine besonders gut aus, und hätten die Anwesenden sie nur drei Jahre früher gesehen, dann hätten sie Catherine jetzt für ausnehmend schön gehalten.

Man beobachtete sie tatsächlich mit einiger Bewunderung; und sie hörte sich von zwei Herren ein hübsches Mädchen nennen. Diese Worte hatten die Wirkung, dass ihr der Abend sofort viel angenehmer erschien; ihre geringe Eitelkeit war befriedigt. Sie fühlte sich diesen beiden Herren für die gezollte Anerkennung mehr verpflichtet als eine Schönheit für fünfzehn Sonette zum Lobe ihrer Reize. Catherine ging zu ihrem Stuhl zurück, ausgesöhnt mit jedermann und völlig zufrieden mit ihrem Anteil an der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Drittes Kapitel

Jeder Morgen brachte seine regelmäßigen Pflichten. Es hieß, Läden und unbekannte Stadtteile zu besuchen und sich in der Brunnenhalle sehen zu lassen. Hier wandelte man eine Stunde lang auf und ab, blickte jeden an, aber sprach mit niemand. Immer noch sehnte Mrs. Allen sich nach einem ausgedehnten Bekanntenkreis, ein Wunsch, den sie jeden Morgen wiederholte und der bewies, dass sie keine Menschenseele kannte.

Sie hielten ihren Einzug in die kleineren Gesellschaftsräume, und diesmal war das Glück Catherine holder. Der Zeremonienmeister stellte ihr einen feinen jungen Herrn namens Tilney als Tänzer vor. Er war vier- oder fünfundzwanzig Jahre alt, ziemlich groß, von gefälligem Äußeren und wenn auch nicht gerade hübsch, so doch nicht weit davon entfernt. Er wußte sich prächtig zu unterhalten, und Catherine pries sich sehr glücklich. Während des Tanzes bot sich nicht viel Muße zu Gesprächen, aber als sie sich zum Tee niedersetzten, fand sie ihn immer noch sehr angenehm. Er sprach flüssig und geistvoll, und in seinem Benehmen lag eine anziehende Schalkhaftigkeit und Schelmerei, obgleich sie deren Sinn nicht immer verstand. Nachdem man sich einige Zeit über die nächstliegenden Dinge unterhalten hatte, sagte er unvermittelt: »Bisher, gnädiges Fräulein, bin ich meinen Pflichten als Gesellschafter nur sehr nachlässig nachgekommen. Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, wie lange Sie in Bath weilen, ob Sie schon früher hier waren, ob Sie schon in dem großen Ballsaal getanzt, das Theater oder ein Konzert besucht haben und wie es Ihnen überhaupt hier gefällt. Ich war wirklich sehr unaufmerksam; aber sind Sie jetzt noch bereit, mir diese Fragen zu beantworten? Wenn ja, will ich sogleich beginnen.«

»Sie brauchen sich nicht zu bemühen, mein Herr.«

»Es bedeutet mir nicht die geringste Mühe, gnädiges Fräulein.« Dann zwang er sein Gesicht zu einem verbindlichen Lächeln und flötete mit gezierter leiser Stimme und einfältiger Mi«16-»Sind Sie schon lange in Bath, gnädiges Fräulein?«

»Ungefähr eine Woche, mein Herr«, erwiderte Catherine und kämpfte mit dem Lachen. »Oh, wirklich?« rief er mit gespieltem Erstaunen. »Warum überrascht Sie das, mein Herr?«

Er kehrte wieder zu seinem natürlichen Ton zurück: »Irgendeine Gemütsbewegung muß doch durch Ihre Antwort erregt werden, und Überraschung läßt sich am ehesten heucheln. Aber wir wollen fortfahren. - Waren Sie früher schon einmal hier, gnädiges Fräulein?« »Nein, niemals, mein Herr.« »So, so! Und haben Sie vielleicht schon den großen Saal beehrt?«

»O ja, mein Herr, am Montag.«

»Waren Sie auch schon im Theater?«

»O ja, mein Herr. Am Dienstag im Schauspiel.«

»Und im Konzert?«

»O ja, mein Herr, am Mittwoch.«

»Und wie gefallt Ihnen Bath durchweg?«

»Oh, ich bin sehr gern hier.«

»Ich werde jetzt pflichtschuldigst lächeln, und dann dürfen wir wieder vernünftig werden.« Catherine wandte sich ab, sie wußte nicht recht, ob sie wohl lachen dürfe. »Ich merke wohl, was Sie von mir denken«, sagte er gewichtig. »Ich werde morgen in Ihr Tagebuch als eine kümmerliche Figur eingehen.«

»In mein Tagebuch?«

»Ja! Ich weiß ganz genau, was Sie schreiben werden. Freitag: Besuchten kleinen Saal; trug mein Streublumenkleid mit dem blauen Besatz - einfache, schwarze Schuhe; sah reizend aus, wurde aber in seltsamer Weise von einem komischen, halbgescheiten Menschen belästigt, der unbedingt mit mir tanzen wollte und mich mit seinem Unsinn anödete.«

»Etwas Derartiges werde ich bestimmt nicht schreiben.«

»Soll ich Ihnen auch noch sagen, was Sie eigentlich schreiben müßten?« »Bitte, wenn es Ihnen Spaß macht.«

»Ich tanzte mit einem sehr reizenden jungen Mann, den Mr. King mir vorstellte. Wir unterhielten uns sehr angeregt. Er scheint ein außergewöhnliches Genie zu sein. Hoffentlich lerne ich ihn noch genauer kennen. Das , gnädiges Fräulein, wäre nach meinem Wunsche.«

»Aber vielleicht führe ich gar kein Tagebuch.«

»Vielleicht sitzen Sie gar nicht hier in diesem Saal und ich gar nicht neben Ihnen. Ein Zweifel in diesem Punkt wäre ebenso zulässig. Sie führen kein Tagebuch? Wie sollen dann Ihre Basen jemals von Ihren Erlebnissen in Bath erfahren? Und wie sollen dann die Freuden, Aufmerksamkeiten und Höflichkeiten eines jeden Tages der Nachwelt erhalten bleiben, wenn sie nicht allabendlich ins Tagebuch eingetragen werden? Wie könnten Sie sich je Ihrer verschiedenen Toiletten erinnern? Wie den derzeitigen Zustand Ihres Teints, Ihrer Locken in all ihren Einzelheiten, wenn Sie sich nicht jederzeit auf Ihr Tagebuch berufen können? Mein liebes, gnädiges Fräulein, so völlig unwissend in den Angelegenheiten junger Damen bin ich nicht. Gerade diese reizende Gewohnheit, ein Tagebuch zu führen, trägt in großem Maße zu dem flüssigen Stil der Damen bei, den man gewöhnlich so feiert. Man ist einer Meinung über den ausgesprochen weiblichen Vorzug, angenehme Briefe zu schreiben. Die Natur mag hieran nicht ganz unschuldig sein, aber es ist vornehmlich auf die Angewohnheit des Tagebuchschreibens zurückzuführen.«

»Ich habe mir schon manchmal überlegt«, meinte Catherine etwas unsicher, »ob die Damen wirklich so viel bessere Briefe schreiben als die Herren - jedenfalls glaube ich nicht, dass wir ihnen immer überlegen sind.«

»Soweit ich mir ein Urteil bilden konnte, scheint mir der unter Frauen übliche Briefstil einwandfrei bis auf drei Kleinigkeiten.«

»Und welche?«

»Allgemeiner Mangel an Stoff, völlige Gleichgültigkeit gegen Satzzeichen und sehr oft auch grammatische Unwissenheit.«

»Ich brauchte mich also nicht zu bemühen, die Schmeichelei abzuwehren. Sie scheinen auf diesem Gebiet nicht allzu hoch von uns zu denken.«

»Ich möchte es ebensowenig zur Regel machen, dass Frauen bessere Briefe schreiben als Männer, wie sie bessere Duette singen oder Landschaften malen. Auf jedem Gebiet, wo Geschmack entscheidet, ist die Begabung ziemlich gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt.«

Sie wurden von Mrs. Allen unterbrochen. »Meine liebe Catherine, nimm doch bitte diese Nadel aus meinem Ärmel. Ich fürchte, sie hat schon ein Loch gerissen. Es täte mir sehr leid, denn es ist mein liebstes Kleid, obgleich das Meter nur drei Taler gekostet hat.«

»Gerade das hätte ich auch geschätzt, gnädige Frau«, sagte Mr. Tilney und betrachtete den Musselin.

»Verstehen Sie etwas von Musselin, mein Herr?« »Ja, besonders viel sogar. Ich kaufe meine Krawatten immer selbst, und es heißt, ich sei ein besonders guter Kenner. Auch hat mir meine Schwester oft die Wahl eines Kleides anvertraut. So kaufte ich noch vor ein paar Tagen für sie eins, und jede Dame, die das Kleid zu Gesicht bekam, nannte es einen vorzüglichen Gelegenheitskauf. Ich bezahlte für das Meter echt indischen Musselin nur anderthalb Taler.«

Mrs. Allen war von solcher Begabung ganz hingerissen. »Die Männer haben im allgemeinen so wenig Verständnis für solche Dinge. Mr. Allen kann Kleider nie voneinander unterscheiden. Sie müssen ein großer Trost für Ihre Schwester sein, mein Herr.«

»Ich hoffe es, Madam.«

»Und was halten Sie von Miss Morlands Kleid, mein Herr?«

»Es ist sehr reizend, Madam«, erwiderte er nach ernsthafter Prüfung. »Aber ich glaube, es wird sich nicht gut waschen lassen. Ich fürchte, es läuft ein.«

»Wie können Sie nur . . .«, lachte Catherine. Und beinahe hätte sie »seltsam sein« gesagt. »Ich bin ganz Ihrer Meinung«, sagte Mrs. Allen, »ich warnte Miss Morland schon beim Einkauf.«

»Aber Musselin läßt sich immer noch auf irgendeine andere Weise verwenden. Miss Morland wird noch genug für ein Taschentuch, ein Häubchen oder einen Umhang übrigbehalten. Man kann eigentlich nie behaupten, dass Musselin vergeudet wäre. Das habe ich meine Schwester wohl vierzigmal sagen hören, wenn sie zu verschwenderisch war und mehr als die benötigte Menge eingekauft oder achtlos verschnitten hatte.«

»Bath ist ein reizender Ort, mein Herr. Es gibt hier so viele gute Geschäfte. Auf dem Lande sind wir traurig dran; nicht dass wir in Salisbury keine guten Geschäfte hätten, aber es ist so entfernt. Acht Meilen ist ein weiter Weg. Mr. Allen meint sogar, es wären neun, genau gemessen neun. Aber ich bin überzeugt, dass es nur acht sind. Und es ist so anstrengend, ich komme immer todmüde heim. Hier dagegen braucht man nur vor die Tür zu treten und hat in fünf Minuten alles eingekauft.«

Mr. Tilney war höflich genug, um Teilnahme an allem Vorgebrachten zu heucheln, und sie hielt ihn bei dem Musselinthema bis zum nächsten Tanz. Der Unterhaltung lauschend, fürchtete Catherine, er widme sich zu eingehend den Schwächen seiner Mitmenschen. »Worüber denken Sie so ernsthaft nach?« fragte er, als sie in den Ballsaal zurückkehrten. »Doch hoffentlich nicht über Ihren Tänzer, denn nach Ihrem Kopfschütteln zu urteilen, sind die Gedanken nicht sehr erfreulich.« Catherine erwiderte errötend: »Ich dachte eigentlich an nichts Besonderes.«

»Das ist gewiß sehr tiefsinnig; aber es wäre hübscher, gleich zu sagen, dass Sie es mir nicht gestehen wollen.«

»Also gut, ich will nicht.«

»Schönen Dank! Wir werden uns bald gut kennen, denn jetzt darf ich Sie deswegen bei jedem Zusammentreffen necken, und nichts fördert eine Freundschaft mehr.«

Sie tanzten wieder, und als man sich nach beendetem Ball trennte, bestand wenigstens auf Seiten der Dame Neigung, die Bekanntschaft fortzusetzen. Ob sie, ihren warmen Wein mit Wasser trinkend und sich auskleidend, soviel an ihn dachte, dass et bis in ihre Träume folgte, ist nicht sicher festzustellen. Jedenfalls hoffe ich aber, dass es nur im Einschlummern oder im morgendlichen Hindämmern geschah; denn wenn eine junge Dame nach dem Ausspruch eines berühmten Schriftstellers nicht berechtigt ist, sich zu verlieben, ehe der junge Mann seine Liebe erklärt hat, so muß es ebenso unpassend sein, von einem Herrn zu träumen, ehe es nicht ganz gewiß feststeht, dass dieser von ihr geträumt hat. Wie schicklich Mr. Tilney als Träumer oder auch als Liebhaber sein mochte, kam Mr. Allen vielleicht gar nicht in den Sinn; aber dass gegen ihn als alltägliche Bekanntschaft für seinen Schützling nichts einzuwenden war, erfuhr er auf seine Erkundigungen hin bald; denn er hatte sich gleich zu Beginn des Abends zu erfahren bemüht, wer Catherines Tänzer sei. Es hieß, Mr. Tilney sei Geistlicher und stamme aus einer wohlachtbaren Familie in Gloucestershire.

Viertes Kapitel

Eifriger als sonst eilte Catherine am nächsten Morgen zur Brunnenhalle. Sie war ganz sicher, Mr. Tilney noch im Laufe des Vormittags zu begegnen, und bereit, ihn mit einem Lächeln zu empfangen. Aber es bedurfte keines Lächelns. Mr. Tilney erschien nicht. Jedes Lebewesen in Bath war während der Promenadenstunden am Brunnen zu treffen, nur er nicht. Eine Unzahl Menschen ging jeden Augenblick aus und ein, die Treppen hinauf und hinunter, Menschen, um die sich niemand kümmerte, die niemand erwartete - nur er war nicht dabei. »Wie reizend doch Bath ist!« sagte Mrs. Allen, sich in der Nähe der großen Uhr niederlassend, nachdem man die Halle bis zur Ermüdung hinauf- und hinabgebummelt war, »und wie schön es erst wäre, wenn wir hier Bekannte hätten!«

Dieser Wunsch war nun schon so oft vergebens geäußert worden, dass Mrs. Allen keinen triftigen Grund zu der Hoffnung hatte, es möchte sich noch einmal zu ihren Gunsten ändern; aber es heißt bekanntlich, man soll an der Erfüllung eines Wunsches niemals verzweifeln, da unerschütterliche Ausdauer schließlich doch zum Ziele führt. Und die unerschütterliche Ausdauer, mit der sie sich jeden Tag das gleiche gewünscht hatte, fand endlich ihre gerechte Belohnung; denn sie saßen noch kaum zehn Minuten, als eine fast gleichaltrige, neben ihr sitzende Dame, sie nach aufmerksamer Betrachtung freundlich ansprach: »Ich glaube mich nicht zu irren, Madam. Es ist zwar lange her, seit ich das Vergnügen hatte, Sie kennenzulernen - aber heißen Sie nicht Mrs. Allen?« Auf die bereitwillige Antwort nannte die Fremde ihren Namen: Mrs. Thorpe. Mrs. Allen erkannte unverzüglich die Züge ihrer früheren Schulkameradin und Busenfreundin, die sie seit ihrer beider Heirat nur noch einmal wiedergesehen hatte, und das lag viele Jahre zurück. Beider Freude über diese Begegnung war groß, da sie während der letzten fünfzehn Jahre nichts voneinander gehört hatten. Man tauschte Komplimente über das gute Aussehen; und nachdem man festgestellt hatte, wie schnell die Jahre seit dem letzten Beisammensein verflogen waren, wie wenig man eine Begegnung in Bath erwartet hatte und welche Freude es sei, einer alten Freundin wieder zu begegnen, fragten sie nach ihren beiderseitigen Familien, Schwestern und Basen. Sie sprachen beide gleichzeitig, und jede gab viel lieber Auskunft, als zuzuhören, so dass die eine nur sehr wenig von den Worten der anderen verstand. Mrs. Thorpe hatte jedoch einen großen Vorteil vor Mrs. Allen, da sie eine ganze Reihe Kinder besaß. Und als sie sich über die Begabung ihrer Söhne und die Schönheit ihrer Töchter verbreitete, als sie von ihren verschiedenen Stellungen berichtete - über John in Oxford und Edward bei einem Tuchgroßhändler, und dass William zur See fahre und einer bei seinen Vorgesetzten beliebter sei als der andere -, da hatte Mrs. Allen nichts dagegenzusetzen und keine ähnlichen Triumphe dem unwilligen und ungläubigen Ohr ihrer Freundin aufzuzwingen. Sie war dazu verurteilt, mit freundlichem Lächeln vorzugehen, als lausche sie aufmerksam den Ergüssen der stolzen Mutter. Aber sie tröstete sich derweilen mit der Entdeckung, dass die Spitze auf Mrs. Thorpes Umhang nicht annähernd so hübsch wie ihre eigene war.

»Hier kommen meine lieben Töchter«, rief Mrs. Thorpe und wies auf drei hübsche Mädchen, die sich Arm in Arm näherten. »Meine liebe Mrs. Allen, ich brenne darauf, sie Ihnen vorzustellen. Alle drei werden entzückt sein, Sie kennenzulernen. Die größte ist Isabella, meine Älteste. Ist sie nicht eine hübsche junge Dame? Aber auch die anderen werden ziemlich bewundert. Ich halte jedoch Isabella für die Schönste.«

Die Damen Thorpe wurden vorgestellt und Miss Morland, die man für kurze Zeit ganz vergessen hatte, ebenfalls präsentiert. Der Name schien allen

aufzufallen, und nach einigen getauschten Höflichkeiten bemerkte die älteste der jungen Damen: »Wie sehr Miss Morland ihrem Bruder ähnelt!« »Ganz sein Ebenbild, wirklich!« rief die Mutter aus. »Ich hätte überall sogleich erkannt, dass sie seine Schwester ist«, wiederholten alle einige Male. Im Augenblick war Catherine überrascht. Aber Mrs. Thorpe und ihre Töchter berichteten kaum über die Geschichte iher Bekanntschaft mit Mr. James Morland, als sie sich entsann, ihr ältester Bruder habe sich unlängst mit einem jungen Mann seines Colleges, namens Thorpe, befreundet und die letzten acht Tage der Weihnachtsferien bei seiner Familie in der Nähe Londons verbracht.

Als alles erklärt war, drückten die Damen Thorpe den Wunsch aus, einander näher kennenzulernen, zumal man sich durch die Freundschaft der Brüder bereits jetzt als Freundinnen betrachtete. Catherine hörte erfreut zu und antwortete mit all den zierlichen Sprüchen, die ihr zu Gebote standen. Als ersten Beweis ihrer Freundschaft schlug die älteste Miss Thorpe einen gemeinsamen Rundgang durch die Halle vor. Catherine war über diese Erweiterung ihrer Bekanntschaften in Bath entzückt und vergaß während der Unterhaltung mit Miss Thorpe beinahe Mr. Tilney. Freundschaft ist ein vorzüglicher Balsam auf die Wunden enttäuschter Liebe. Ihre Unterhaltung wandte sich jenen Themen zu, deren Erörterung viel zur Vertrautheit zwischen zwei jungen Damen beiträgt: nämlich Bälle, Kleider, Liebeleien und Lästereien. Miss Thorpe, vier Jahre älter und mindestens um vier Jahre erfahrener als Catherine, verfügte über einen entschiedenen Vorteil auf diesen Gebieten. Sie konnte die Bälle von Bath mit denen von Tunbridge vergleichen, die Moden von dort mit denen von London; sie vermochte die Ansichten ihrer neuen Freundin hinsichtlich geschmackvoller Kleidung zu berichtigen; konnte aus dem Lächeln zwischen irgendeinem Herrn und einer beliebigen Dame den Grad der Tändelei feststellen und verstand es, im dichtesten Gewühl zu lästern. Catherine waren solche Fähigkeiten völlig neu, und sie zollte ihnen die gebührende Bewunderung. Die so hervorgerufene Achtung hätte eine Vertrautheit kaum zugelassen, wenn nicht die leichte Heiterkeit in Miss Thorpes Benehmen und die häufigen Versicherungen ihres Entzückens über diese Bekanntschaft jede Ehrfurcht gemildert und nur zärtliche Liebe zurückgelassen hätten. Ihre wachsende Zuneigung war nicht mit ein paar Runden um die Brunnenhalle befriedigt, sondern veranlaßte Miss Thorpe, ihre Freundin Miss Morland bis zu Mr. Allens Wohnung zu begleiten, wo sie sich mit einem liebevollen und ausgedehnten Händedruck verabschiedeten. Es diente zur beiderseitigen Erleichterung, dass man sich noch am gleichen Abend im Theater von einer Loge zur anderen begrüßen und am nächsten Morgen die Andacht in der gleichen Kirche verrichten werde. Catherine rannte sofort hinauf und verfolgte vom Wohnzimmerfenster aus Miss Thorpes Weg die Straße hinab. Sie bewunderte die Grazie ihres Ganges, ihre vornehme Haltung, ihre geschmackvolle Kleidung und empfand gebührenden Dank für den Zufall, der ihr eine solche Freundin beschert hatte.

Mrs. Thorpe war Witwe, und nicht einmal eine reiche; sie war eine gutmütige und wohlwollende Frau und eine sehr nachsichtige Mutter. Ihre älteste Tochter zeichnete sich wirklich durch große Schönheit aus, und die jüngeren wirkten auch gut, sie täuschten sich vor, ebenso hübsch zu sein, ahmten ihre Haltung nach und kleideten sich im gleichen Stil.>Dieser kurze Bericht über die Familie Thorpe soll die Notwendigkeit einer langen und eingehenden Schilderung von Mrs. Thorpe, ihren früheren Abenteuern und Leiden ersetzen, die leicht einige Kapitel ausfüllen könnte über die Unwürdigkeit von Lords und Rechtsanwälten sowie über die unzähligen Unterhaltungen, die vor zwanzig Jahren stattgefunden hatten.

Fünftes Kapitel

Catherine war am Abend im Theater von Miss Thorpes Kopfnicken und Lächeln doch nicht so sehr in Anspruch genommen,um nicht in jeder ihrem Auge erreichbaren Loge nach Mr. Tilney auszuspähen. Aber sie schaute vergebens umher.

Mr. Tilney schien für das Theater nicht mehr Neigung zu verspüren als für die Brunnenhalle. Sie hoffte, am nächsten Tag erfolgreicher zu sein; und als dann herrliches Wetter herrschte hegte sie keinen Zweifel mehr, denn ein strahlender Sonntag lockt in Bath alle Welt hervor.

Gleich nach dem Gottesdienst gesellten sich die Thorpes und Allens zueinander; und als man nach längerem Aufenthalt in der Brunnenhalle festgestellt hatte, dass die Menschenmenge unerträglich und nicht ein vornehmes Gesicht anwesend sei -eine Entdeckung, die jedermann während der ganzen Saison an jedem Sonntag aufs neue machte -, eilten sie zum Crescent, um die frische Luft besserer Gesellschaft zu genießen. Catherine und Isabella gingen Arm in Arm und schwelgten unter rückhaltloser Vertraulichkeit in der Süßigkeit ihrer Freundschaft. Aber Catherines Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Tanzpartner wurde erneut enttäuscht. Nirgendwo war er aufzuspüren, alles Suchen blieb gleich erfolglos, sei es morgens in den Salons oder bei den abendlichen Veranstaltungen. Ebensowenig befand er sich unter den Fußgängern, den Reitern oder den Herren, die morgens ihre Kabriolets kutschierten. Sein Name war in der Kurliste nicht verzeichnet. Mehr konnte die Neugier nicht erreichen. Er mußte Bath verlassen haben, obgleich er nichts davon hatte verlauten lassen, dass sein Aufenthalt so begrenzt sein würde. Diese Art von Geheimnis, die einem Helden so wohl ansteht, warf eine Gloriole um seine Gestalt und sein Wesen und verstärkte Catherines Wunsch, mehr über ihn zu erfahren. Zwar war von den Thorpes, die erst zwei Tage vor der Begegnung mit Mrs. Allen in Bath angekommen waren, nichts zu erwarten. Aber es war wenigstens ein Gesprächsstoff, der sie immer wieder an ihn denken ließ. Auf diese Weise erlitt ihre Erinnerung keine Einbuße. Isabella war bald überzeugt, dass er ein reizender junger Mann und sehr entzückt von ihrer lieben Catherine sei. Darum würde er wahrscheinlich auch bald zurückkehren. Es gefiel ihr, dass er Geistlicher war, denn sie habe eine besondere Schwäche für diesen Stand, wie sie mit einem Seufzer gestand. Vielleicht hätte Catherine nach der Ursache dieser zarten Empfindung fragen sollen; aber sie war in den Abstufungen von Liebes- und Freundespflichten noch nicht bewandert genug, um zu wissen, wann ein Scherz am Platze war oder man auf der Enthüllung eines Geheimnisses bestehen mußte.

Auch Mrs. Allen war jetzt recht zufrieden mit Bath. Endlich hatte sie die heiß erwünschten Bekannten und mit ihrer würdigen Freundin eine ganze Familie gefunden, die obendrein keineswegs so kostbar gekleidet war wie sie selbst. Statt des beständigen Wunsches: »Hätten wir doch Bekannte in Bath!« hieß es jetzt: »Wie froh bin ich, dass wir Mrs. Thorpe begegnet sind!« Sie pflegte diese Freundschaft ebenso wie Catherine und Isabella. Den größten Teil des Tages verbrachte sie mit Mrs. Thorpe, um, wie sie es nannte, Konversation zu treiben. Aber es war kaum ein Meinungsaustausch, da Mrs. Thorpe sich hauptsächlich über ihre Kinder und Mrs. Allen über ihre Toiletten verbreitete.

Catherines und Isabellas warme Freundschaft entwickelte sich schnell. Sie nannten einander beim Vornamen, gingen immer Arm in Arm, steckten sich beim Tanzen gegenseitig die Schleppe auf und waren immer unzertrennlich. An regnerischen Tagen besuchten sie einander, trotz Schmutz und Nässe. Dann schlössen sie sich mit ihren Romanen ein. Ja, mit Romanen; denn ich will nicht in den kleinlichen und ungeschickten Fehler der meisten Romanschriftsteller verfallen, die sich durch die verächtliche Kritik der Werke, deren Zahl sie mit ihren eigenen Schöpfungen vermehren, ihren ärgsten Feinden anschließen. Nicht einmal ihrer eigenen Heldin gestatten sie, Romane zu lesen; nimmt sie aber zufällig einen solchen in die Hände, wird sie seine geschmacklosen Seiten sicherlich voll Abscheu umwenden. Ach, wenn die Heldin des einen Romans nicht von der Heldin eines anderen in Schutz genommen würde, wer sollte sich dann wohl ihrer annehmen und sie beschützen? Da kann ich nicht mitmachen! Überlassen wir es doch den Kritikern, die Früchte der Phantasie nach Belieben zu tadeln und sich über jeden neuen Roman in jenen fadenscheinigen Tiraden zu ergehen, unter denen jetzt die Presse stöhnt. Wir aber wollen einander nicht im Stich lassen, denn man greift uns als Gesamtheit an. Obgleich unsere Werke ausgedehntere und natürlichere Freude ausgelöst haben als andere literarische Schöpfungen, sind sie doch mehr verunglimpft worden als jede andere Art des Schrifttums. Wir besitzen mindestens ebensoviel Feinde wie Freunde. Während die Fähigkeiten des neunhundertsten Bearbeiters der Geschichte von England oder des Mannes, der in einem Sammelband etliche Verse von Milton, Pope und Prior, einige Spalten aus dem »Spectator« und ein Kapitel von Sterne veröffentlicht, von tausend Federn gepriesen werden, unterschätzt und verspottet man die Leistungen eines Romanschreibers und schmälert den Wert von Arbeiten, die sich nur durch Geist, Witz und Geschmack empfehlen. »Ich gehöre nicht zu den Romanlesern. - Ich schaue selten in Romane hinein. - Bitte, stellen Sie sich nicht vor, dass ich häufig Romane lese. - Für einen Roman ist das Buch eigentlich ganz nett.« So lautet das übliche Urteil. »Und was lesen Sie gerade, Miss . .?« »Oh, nur einen Roman!« erwidert die junge Dame und legt mit gezwungener Gleichgültigkeit oder plötzlicher Scham das Buch auf den Tisch. »Es ist nur >Cecilia< oder >Camilla< oder >Belinda<, kurz, ein Werk, das die größten Geisteskräfte und beste Menschenkenntnis verrät, die treffendste Abwandlung menschlicher Eigenart, lebhaften Witz und gute Laune in der gewähltesten Sprache vermittelt. Wenn aber die gleiche junge Dame soeben in einen Band des »Spectator« vertieft gewesen wäre, wie stolz würde sie das Buch vorzeigen und seinen Titel nennen! Obgleich es für sie nachteilig wäre, sich mit irgendeiner dieser umfangreichen Veröffentlichungen zu beschäftigen, die entweder im Gegenstand oder in der Art ihrer Wiedergabe einen jungen Menschen von Geschmack entsetzen müßten - denn sie handeln so häufig von unwahrscheinlichen Umständen, unnatürlichen Charakteren und Gesprächsstoffen, sind für keinen Lebenden mehr interessant, und ihre Sprache ist obendrein oft so grob, dass sie keinen allzu guten Eindruck von dem Zeitalter vermitteln, das dergleichen duldete.

Sechstes Kapitel

Die nun folgende Unterhaltung führten die beiden Freundinnen eines Morgens in der Brunnenhalle, nach ungefähr acht -oder neuntägiger Freundschaft. Wir wiederholen sie als Beweis ihrer warmen Zuneigung und ihres Taktgefühls, der Eigenart ihrer Gedanken und des literarischen Geschmacks, der ihre vernünftige Zuneigung auszeichnete. Sie hatten sich verabredet; und Isabella war fünf Minuten vor ihrer Freundin eingetroffen.

»Was hat dich nur so lang aufgehalten? Ich warte schon eine Ewigkeit auf dich!« sagte sie. »Wirklich? Das tut mir leid. Aber ich habe tatsächlich geglaubt, ich käme rechtzeitig. Es ist eben erst eins. Hoffentlich wartest du nicht schon lange!«

»Oh, eine Ewigkeit! Ich bin mindestens eine halbe Stunde hier. Aber komm, wir lassen uns am anderen Ende der Halle nieder. Ich habe dir eine Menge zu erzählen. Gerade als ich heute morgen fortgehen wollte, sah es nach Regen aus. Das wäre mir bitter gewesen, denn ich hatte in einem Schaufenster in der Milsom Street den entzückendsten Hut gesehen, den du dir vorstellen kannst. Er ist deinem sehr ähnlich, nur mit mohnroten statt mit grünen Bändern. Ich wollte ihn zu gern haben. Aber, liebste Catherine, was hast denn du den ganzen Morgen getrieben? Hast du in >Udolpho< weitergelesen? «

»Ja, seit dem Aufwachen habe ich es nicht mehr aus der gelegt. Bis zu dem schwarzen Schleier bin ich gekommen.«

»So weit schon? Wie schön! Aber ich verrate dir nicht, was sich hinter dem schwarzen Schleier verbirgt. Bist du nicht schrecklich gespannt?«

»O ja, entsetzlich! Was kann es nur sein? Aber verrate mir nichts! Ich möchte es unter keinen Umständen vorher wissen. Es muß ein Skelett sein, ich weiß, es ist Laurentias Skelett. Wenn ich nicht mit dir verabredet gewesen wäre, hätte ich das Buch nicht aus der Hand gelegt.«

»Wie nett von dir! Und wenn du >Udolpho< beendet hast, lesen wir den Italiener gemeinsam. Und ich habe dir noch weitere zehn oder zwölf lesenswerte Bücher aufgeschrieben.« »Wirklich? Wie freu ich mich! Wie heißen sie denn?« »Ich lese dir die Titel gleich vor. Hier in meinem Notizbuch stehen sie: >Schloß Wolfenbach<, >Clermont<, >Geheimnisvolle Warnung<, >Der Geisterbeschwörer vom Schwarzwald<, >Mitternachtsglocken<, >Die Waise vom Rhein<, und zuletzt die >Mysterien des Grauens<. Das wird einige Zeit vorhalten.«

»Ich glaube auch. Aber sind sie wirklich alle gruselig? Bist du sicher, dass sie alle recht gruselig sind?«

»Ja, bestimmt. Denn Miss Andrews, eine besondere Freundin von mir und ein ganz reizendes Mädchen, eines der süßesten Wesen auf Erden, hat sie alle gelesen. Ach, hättest du doch Miss Andrews kennengelernt! Auch du wärest von ihr entzückt. Sie strickt sich den entzückendsten Umhang, den du dir vorstellen kannst. Ich finde sie schön wie einen Engel. Und es ärgert mich immer wieder, dass die Männer sie nicht bewundern.«

»Du tadelst sie, weil sie deine Freundin nicht bewundern?« »Ja, das tue ich. Für meine engsten Freundinnen wage ich alles. Für liebevolle Menschen tue ich nichts halb. Das liegt mir nicht. Meine Zuneigung ist immer besonders stark. Bei einer unserer Gesellschaften im vergangenen Winter sagte ich Kapitän Hunt, selbst wenn er mich den ganzen Abend um einen Tanz quälen würde, sei es vergebens, wenn er nicht eingestände, dass Miss Andrews so hübsch wie ein Engel sei. Die Männer halten uns einer wirklichen Freundschaft für unfähig, weißt du; und ich will ihnen das Gegenteil beweisen. Würde ich einmal jemand abfällig von dir sprechen hören, so würde ich für dich in die Bresche springen. Aber dazu wird es nie kommen, denn du bist ganz nach dem Wunsch der Männer.«

»O Liebes«, rief Catherine errötend, »wie kannst du nur so etwas sagen!« »Ich kenne dich sehr gut! Du bist so lebhaft, und gerade das fehlt Miss Andrews; denn, ich muß schon zugeben, sie hat etwas furchtbar Farbloses. Oh! ich muß dir noch etwas erzählen. Als wir uns gestern getrennt hatten, sah ich einen jungen Mann dir ernsthaft nachblicken. Er hat sich sicher in dich verliebt.« Errötend wehrte Catherine wieder ab. Isabella lachte. »Es ist wirklich wahr, auf meine Ehre! Aber ich sehe schon, du bist gleichgültig gegen jede Bewunderung, solange sie nicht von dem einen Herrn kommt, dessen Namen ich nicht nennen will. Nein, ich tadele dich nicht«, sagte sie ernsthafter. »Ich verstehe deine Gefühle vollkommen. Wo wirklich das Herz spricht, bedeutet, wie ich weiß, die Bewunderung aller anderen wenig. Alles wird dagegen so bedeutungslos, so unwesentlich. Ich habe vollstes Verständnis für deine Gefühle.« »Aber du solltest mir nicht noch einreden, dass ich so viel an Mr. Tilney denke, denn vielleicht sehe ich ihn nie wieder.«

»Ihn nicht wiedersehen? Liebstes Herz, sprich nicht davon. Wie unglücklich wärst du dann.« »Nein, das wäre ich nicht! Ich behaupte nicht, dass er mir nicht sehr gut gefallen hat. Aber solange es noch ein Buch wie >Udolpho< gibt, kann mich niemand unglücklich machen. Oh, dieser entsetzliche schwarze Schleier! Isabella, es steckt doch bestimmt Laurentias Skelett dahinter!« Eigenartig, dass du nie >Udolpho< gelesen hast; aber ich nehme an, deine Mutter ist gegen Romane.«.

»Nein, gar nicht. Sie liest sehr oft >Sir Charles Grandison<; aber neue Bücher sind bei uns nicht zu haben.«

»>Sir Charles Grandison<! Das ist ein außerordentlich gruseliges Buch, nicht wahr? Ich entsinne mich, Miss Andrews kam nicht einmal durch den ersten Band.«

»Es ist ganz anders als >Udolpho<, aber ich finde es trotzdem sehr unterhaltend.« »Meinst du wirklich? Das überrascht mich. Ich glaubte, man könnte es gar nicht lesen. Aber, liebste Catherine, hast du schon einen Kopfputz für den heutigen Abend gewählt? Ich will den gleichen tragen wie du. Manchmal fällt das den Männern auf, weißt du?«

»Aber das hat doch gar nichts zu bedeuten«, erwiderte Catherine ganz unschuldig. »Bedeuten? Du lieber Himmel! Oh, ich habe mir vorgenommen, dass mir ihre Ansicht nie etwas bedeuten soll. Sie sind oft schrecklich unverschämt, wenn man sie nicht mit Geist behandelt und sie sich vom Leibe hält.«

»Wirklich? Ach, das habe ich nie bemerkt. Mir gegenüber benehmen sie sich immer recht gut.«

»Ach! Sie tun so. Sie sind aber die eingebildetsten Kreaturen auf Erden und halten sich für so schrecklich wichtig. Übrigens, ich wollte dich schon so oft fragen und habe es immer wieder vergessen: Welcher Typ gefällt dir am besten? Magst du lieber dunkle oder blonde Männer?«

»Ich weiß nicht recht. Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich glaube so zwischen beidem: braun - nicht hell und nicht zu dunkel.«

»Das ist großartig, Catherine. Genau so ist er . Ich habe deine Beschreibung von Mr. Tilney nicht vergessen. Nun, ich habe einen anderen Geschmack. Ich ziehe helle Augen vor. Und die Hautfarbe, weißt du, da gefallt mir eine blasse am besten. Du darfst mich nie im Stich lassen, wenn du jemals einem Mann in deiner Bekanntschaft begegnest, auf den diese Beschreibung paßt.«

»Dich im Stich lassen! Was meinst du damit?« »Nun mach mir aber keinen Kummer! Ich habe wohl schon zuviel gesagt? Wir wollen von etwas anderem sprechen.«

Catherine gehorchte einigermaßen verwundert und wollte, nach einigen Minuten des Schweigens, eben zu dem übergehen, was sie im Augenblick am meisten fesselte - zu Laurentias Skelett, als ihre Freundin sie mit den Worten daran hinderte: »Um des Himmels willen, laß uns aus dieser Ecke fortgehen. Weißt du, die zwei entsetzlichen jungen Männer dort starren mich seit einer geschlagenen Stunde an. Ich befürchte, meine ganze Haltung zu verlieren. Komm, wir wollen sehen, wer neu angekommen ist. Sie werden uns kaum folgen.«

Sie schlenderten also zu dem Gästebuch. Während Isabella die Namen überflog, fiel es Catherine zu, die weiteren Bewegungen der beiden aufregenden jungen Leute zu beobachten. »Sie kommen doch nicht hierher, nicht wahr? Sie sind hoffentlich nicht so unverschämt, uns zu folgen. Bitte, sage mir, wenn sie kommen. Ich will nicht aufblicken.«

Nach einigen Augenblicken versicherte ihr Catherine mit natürlicher Freude, sie brauche sich nun nicht länger zu beunruhigen, die Herren hätten soeben die Brunnenhalle verlassen. »Und in welcher Richtung entfernten sie sich?« fragte Isabella und wandte sich hastig um. »Der eine sah hübsch aus.« »Sie gingen zum Friedhof hinüber.«

»Na, ich bin wenigstens schrecklich froh, dass ich sie losgeworden bin! Was hältst du davon, wenn du mich nun zu den Edgar Villen begleitetest und dir meinen neuen Hut ansähest? Das wolltest du doch so gern.«

Catherine willigte ein; aber sie fügte hinzu: »Vielleicht holen wir dann die beiden jungen Herren ein.«

»Ach, das macht nichts. Wir gehen schnell an ihnen vorbei. Ich brenne doch darauf, dir meinen neuen Hut zu zeigen.« »Wenn wir aber noch ein paar Minuten warten, laufen wir keine Gefahr mehr, sie überhaupt wiederzusehen.«

»So viel Rücksicht will ich gar nicht auf sie nehmen. Ich beabsichtige nicht, solche Männer mit Achtung zu behandeln. Das hieße sie verwöhnen.«

Gegen solche Gründe hatte Catherine nichts einzuwenden. Um Miss Thorpes Unabhängigkeit zu beweisen und das andere Geschlecht zu demütigen, machten sie sich sogleich auf den Weg und schritten schnellen Schrittes davon, um den beiden jungen Leuten zu folgen.

Siebentes Kapitel

In einer halben Minute hatten sie den Brunnenhof durchquert und den Bogengang gegenüber der Union-Passage erreicht. Dort wurden sie aufgehalten. Wer schon einmal in Bath war, wird sich der Schwierigkeiten erinnern, die das Überqueren der Cheap Street an dieser Stelle bietet. Diese Straße ist tatsächlich so heimtückisch und in so unglücklicher Weise mit den Durchgangsstraßen von London und Oxford verbunden -und hier liegt auch der größte Gasthof des Ortes -, dass kein Tag vergeht, an dem nicht ganze Gruppen von Damen durch Kutschen, Reiter und Wagen in ihren wichtigsten Besorgungen aufgehalten werden, die darin bestehen, noch einiges Gebäck einzukaufen, nach einer Putzmacherin oder - wie in diesem Falle - nach zwei jungen Männern auszuschauen. Diesen Übelstand beklagte Isabella täglich wiederholt und heute erneut; denn als sie die Union Street erreichten und die Herren wieder sichteten, die sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnten, wurden sie am Übergang durch ein herannahendes Gig gehindert, das auf dem schlechten Pflaster von einem höchst verwegen aussehenden Kutscher in einer Geschwindigkeit gelenkt wurde, die sein und seiner Gefährten Leben sowie das des Pferdes aufs stärkste gefährdete.

»Oh, diese entsetzlichen Gigs!« rief Isabella aufblickend, »Wie ich sie hasse!« Aber diese gerechte Abneigung dauerte nur kurze Zeit, denn nach einem zweiten Blick rief sie: »Entzückend! Mr. Morland und mein Bruder!«

»Guter Gott! Es ist James!« stammelte Catherine. Aber im gleichen Augenblick hatten die jungen Leute sie auch schon entdeckt und das Pferd mit einer Heftigkeit zum Stehen gebracht, dass es fast auf die Hinterhand niederging. Die Herren sprangen heraus, der Diener eilte herbei, und sie übergaben den Wagen seiner Aufsicht.

Catherine kam diese Begegnung völlig unerwartet, und sie begrüßte ihren Bruder mit lebhafter Freude; da er seinerseits auch ein freundlicher Mensch und seiner Schwester herzlich zugetan war, äußerte er die gleiche Freude. Währenddes forderten die blitzenden Augen von Miss Thorpe seine Aufmerksamkeit ständig für sich. Er kam dieser Forderung mit einer Freude und Verlegenheit nach, die Catherine hätte zeigen müssen, dass ihr Bruder Miss Thorpe mindestens ebenso hübsch fand, wie sie es tat, hätte sie sich nur in den Gefühlen anderer Menschen besser ausgekannt.

John Thorpe hatte derweil dem Kutscher Anweisungen wegen des Pferdes gegeben. Er gesellte sich nun zu ihnen, und während er Isabellas Hand nur oberflächlich und nachlässig berührte, zollte er Catherine sogleich die schuldige Aufmerksamkeit und brachte es zu einem tiefen Kratzfuß und einer halben Verbeugung. Er war ein untersetzter, mittelgroßer junger Mann, der wegen seines unansehnlichen Gesichtes und seiner ungelenken Figur zu fürchten schien, man könne ihn für zu schön halten, wenn er nicht den Anzug eines Stallknechtes trüge, und er sehe einem Edelmann zu ähnlich, wenn er nicht nonchalant wäre, wo Höflichkeit angebracht war, oder unverschämt, wo er vielleicht nonchalant sein durfte. Er zog seine Uhr aus der Tasche: »Schätzen Sie einmal, Miss Morland, wie lange haben wir wohl von Tetbury hierher gebraucht?« »Ich kenne die Entfernung nicht.« Ihr Bruder bemerkte, es seien dreiundzwanzig Meilen.

»Dreiundzwanzig Meilen?« rief Thorpe, »fünfundzwanzig auf den Zoll.« Morland wehrte ab und berief sich auf die Autorität von Landkarten, Gastwirten und Meilensteinen; aber sein Freund spottete ihrer aller. »Ich weiß, es müssen .fünfundzwanzig sein«, bekräftigte er, »nach der Zeit, die wir gebraucht haben. Es ist jetzt halb zwei, und als wir aus dem Hof des Gasthauses in Tetbury fuhren, schlug die Rathausuhr gerade elf. Das macht genau fünfundzwanzig Meilen.«

»Du hast dich um eine Stunde geirrt«, sagte Morland; »wir fuhren um zehn von Tetbury ab.« »Zehn Uhr? Nein, es war elf! Ich habe doch die Schläge gezählt. Ihr Bruder möchte mich am liebsten um den Verstand reden, Miss Morland. Sehen Sie sich nur mein Pferd an. Haben Sie je in Ihrem Leben ein Tier gesehen, das mehr für Geschwindigkeit geboren ist? (Der Diener war gerade aufgestiegen und fuhr von dannen.) Reines Vollblut! Drei und eine halbe Stunde und nur dreiundzwanzig Meilen! Sehen Sie sich das Tier an, und glauben Sie es, wenn Sie können!« »Es sieht zumindest sehr erhitzt aus.«

»Erhitzt? Es hatte bis zur Kirche von Walcot kein feuchtes Haar. Aber sehen Sie sich seine Vorderhand an, seine Weichen, seinen Gang; das Pferd kann einfach nicht langsamer traben als zehn Meilen die Stunde. Binden Sie ihm die Beine zusammen, es wird dennoch vorwärtskommen. Und was halten Sie von meinem Gig, Miss Morland? Hübsch, nicht wahr? Hängt gut; für die Stadt gebaut. Ich habe es noch keinen Monat. Es war für einen Studenten vom Christ Church College gebaut, er ist ein Freund von mir, ein sehr netter Bursche. Er fuhr den Wagen nur ein paar Wochen und wollte ihn dann wieder loswerden. Ich suchte gerade nach irgendeinem leichten Gefährt, obgleich ich mich eigentlich schon für ein Kabriolet entschlossen hatte. Zufällig traf ich ihn an der Magdalenenbrücke, als er nach Oxford hineinfuhr. >Ach, Thorpe<, sagte er, >möchtest du nicht so ein leichtes Ding wie dieses? Es ist einzig in seiner Art, aber ich habe es verflucht satt.< - >Oh, verdammt sagte ich, >da mach ich mit. Was verlangst du dafür?< Und wieviel glauben Sie, Miss Morland, forderte er?«

»Das kann ich nicht erraten.«

»Gefedert wie ein Kabriolet, sehen Sie; Sitz, Koffer, Degenkasten, Spritzleisten, Lampen, Silberbeschlag, alles dran; das Eisenwerk ist so gut wie neu oder noch besser. Er verlangte fünfzig Guineen. Wir wurden sofort handelseinig. Ich legte das Geld auf den Tisch, und der Wagen war mein.«

»Und ich bin gewiß so unerfahren«, erwiderte Catherine, »dass ich nicht einmal sagen kann, ob es billig war oder teuer.«

»Keins von beiden. Wahrscheinlich hätte ich ihn auch billiger bekommen können; aber ich hasse das Feilschen, und der gute Freeman brauchte Moneten.«

»Das war aber freundlich von Ihnen«, sagte Catherine beifällig.

»Verdammt noch mal, wenn man die Mittel hat, einem Freund etwas Gutes zu tun, bin ich nicht kleinlich.«

Bei dieser Gelegenheit wurden die Damen nach ihren weiteren Plänen gefragt, und als man von ihrer Absicht erfuhr, beschloß man, sie zu den Edgarvillen zu begleiten und Mrs. Thorpe aufzuwarten. James und Isabella gingen voran. Die junge Dame war zufrieden mit ihrem Los und sehr darauf bedacht, einem jungen Mann den Weg so angenehm wie möglich zu machen, der den großen Vorzug genoß, gleichzeitig der Freund ihres Bruders und der Bruder ihrer Freundin zu sein. Ihre Gefühle waren so rein und bar jeder Koketterie, dass ihr beim Überholen der beiden aufdringlichen jungen Leute in der Milsom Street nichts daran lag, deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und sie sich nur dreimal nach ihnen umsah.

John Thorpe hielt sich selbstverständlich neben Catherine und nahm nach kurzem Schweigen seine Unterhaltung über sein Gig wieder auf. »Auch andere Leute halten den Wagen für billig, wie Sie daraus ersehen, dass ich ihn am nächsten Tage zehn Guineen teurer wieder hätte verkaufen können. Jackson vom Oriel College bot mir sogleich sechzig. Morland war damals gerade dabei.«

»Ja«, warf Morland ein; »aber du vergißt, dass der Gaul einbegriffen war.«

»Mein Pferd! Oh, verdammt noch mal! Mein Pferd gäbe ich nicht für hundert her. – Fahren Sie gern im offenen Wagen, Miss Morland?«

»Ja, sehr! Ich habe so selten Gelegenheit dazu; aber ich tue es für mein Leben gern.«

»Das freut mich. Ich will Sie jeden Tag spazierenfahren.«

»Vielen Dank!« entgegnete Catherine ziemlich betrübt, da sie nicht genau wußte, ob die Annahme eines solchen Angebotes schicklich war.

»Morgen fahre ich Sie den Landsdown-Weg hinauf.«

»Vielen Dank, aber Ihr Pferd braucht doch ein wenig Ruhe.«

»Ruhe! Es ist heute doch nur dreiundzwanzig Meilen gelaufen. Unsinn! Gerade die Ruhe schadet den Pferden; nichts gibt ihnen so schnell den Rest. Nein, nein, ich werde meines während des hiesigen Aufenthaltes wenigstens vier Stunden lang täglich bewegen.«

»Wirklich?« fragte Catherine ernsthaft, »Das wären vierzig Meilen jeden Tag.« »Vierzig, ja, oder auch fünfzig. Was macht mir das aus! Ich werde Sie morgen nach Landsdown hinauffahren. Also denken Sie daran. Ich habe mir das vorgenommen.« »Wie reizend wird das sein«, rief Isabella und wandte sich zurück. »Meine liebste Catherine,

ich beneide dich ordentlich. Aber ich fürchte, dass für drei der Platz nicht reicht.« »Für drei? Nein, unter keinen Umständen. Ich bin auch nicht nach Bath gekommen, um meine

Schwestern spazierenzufahren. Das wäre ein netter Spaß! Für dich muß Morland sorgen.« Darauf tauschte das andere Paar einige Höflichkeiten; aber Catherine konnte weder Einzelheiten noch das Ergebnis erhaschen. Die Unterhaltung ihres Begleiters änderte sich jetzt. Von der vorherigen Lebhaftigkeit wechselte er zu kurzen, bestimmten Ausrufen des Wohlgefallens oder der Ablehnung über das Gesicht jeder ihnen entgegenkommenden Frau. Catherine hörte beipflichtend zu, solange sie es vermochte; denn sie fürchtete, eine eigene Meinung auszusprechen, die womöglich der eines selbstbewußten jungen Mannes widerspräche, zumal in Fragen der Schönheit des eigenen Geschlechtes. Schließlich aber wagte sie doch, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken durch eine Frage, die ihr schon geraume Zeit auf der Seele gebrannt hatte: »Haben Sie auch >Udolpho< gelesen, Mr. Thorpe?«

»>Udolpho<? Oh, ich, nein! Ich lese niemals Romane! Ich habe Besseres zu tun.« Catherine war gedemütigt und schämte sich. Sie setzte schon zu einer Entschuldigung an, als er sagte: »Romane sind so flach und ohne jeden Sinn. Seit >Tom Jones< ist kein anständiger mehr geschrieben worden, außer dem >Mönch<, wie ich neulich las. Aber alle anderen sind der größte Blödsinn der gesamten Schöpfung.«

»Ich glaube, >Udolpho< würde Ihnen aber doch gefallen, wenn Sie ihn läsen. Es ist so interessant.«

»Nein, mir nicht! Bestimmt nicht! Wenn ich überhaupt Romane lese, dann nur die von Mrs. Radcliffe. Ihre Romane sind ganz lustig. Sie sind noch lesenswert; sie machen wenigstens ein bißchen Spaß und sind obendrein natürlich.« . »Aber >Udolpho< ist ja von Mrs. Radcliffe«, meinte Catherine zögernd, in der Furcht, ihn zu beschämen. »Nein, wirklich? Ach ja, ich entsinne mich, das stimmt ja auch. Ich dachte an das andere alberne Buch von der Frau, um die man so viel Wesens macht. Wissen Sie, die den französischen Emigranten geheiratet hat.« »Oh, meinen Sie >Camilla<?«

»Ja, das ist es. Solch unnatürliches Zeug! Ein alter Mann, der auf die Schaukel geht. Ich blätterte einmal im ersten Band, aber ich erkannte schnell, dass es nichts taugt; ich wußte eigentlich schon vorher, was es für ein Unsinn war, ehe ich es wirklich gesehen hatte. Als ich nur hörte, sie habe einen Emigranten geheiratet, war ich vollkommen sicher, dass ich es nie zu Ende bringen würde.« »Ich habe es nie gelesen.«

»Das ist auch kein Verlust! Es ist das größte Gewäsch, das Sie sich vorstellen können. Es kommt nichts anderes drin vor, als dass ein alter Mann sich auf die Schaukel setzt und Latein lernt. Wirklich, so ist es.«

Unter solchen kritischen Betrachtungen langten sie vor Mrs. Thorpes Wohnung an, und die Gefühle des selbstbewußten, unvoreingenommenen Lesers der »Camilla« wichen denen des liebevollen und pflichtbewußten Sohnes. Sie begegneten Mrs. Thorpe auf dem Korridor, die sie schon von oben recht lebhaft begrüßt hatte. »Ah! Mutter! Wie geht es?« fragte er und schüttelte ihr herzhaft die Hand. »Wo hast du diesen scheußlichen Hut erstanden? Du siehst damit aus wie eine alte Hexe. Hier ist auch Morland. Wir wollen ein paar Tage bei euch bleiben. Du mußt dich also irgendwo nach ein paar guten Betten umsehen.« Diese Art der Begrüßung schien alle liebevollen Wünsche der Mutter zu befriedigen, denn sie hieß ihn mit begeisterter und überschwenglicher Liebe willkommen. Darauf schenkte er seinen beiden jüngeren Schwestern ähnliche Zärtlichkeit und stellte gelassen fest, sie seien beide außerordentlich häßlich.

Seine Art sagte Catherine gar nicht zu; immerhin, er war James’ Freund und Isabellas Bruder. Ihr Urteil milderte sich durch Isabellas Versicherung, John hielte sie für ein äußerst reizendes Mädchen, wie ihr berichtet wurde, als sie sich zurückzogen und den neuen Hut bewunderten. Auch bat John sie, mit ihm zu tanzen. Diese Angriffe hätten wenig bedeutet, wenn sie älter oder eitler gewesen wäre. Aber wo sich Jugend mit Schüchternheit paart, bedarf es einer ungewöhnlichen Festigkeit, um dergleichen Schmeicheleien zu widerstehen. Nach dieser bei den Thorpes verbrachten erfolgreichen Stunde begaben sich die beiden Morlands zu Mr. und Mrs. Allen. Sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, meinte James: »Nun, Catherine, wie gefällt dir mein Freund Thorpe?« Worauf sie sogleich erwiderte: »Er gefällt mir sehr gut, er ist sehr angenehm«, anstatt zu sagen: »Ich mag ihn gar nicht«, was sie wohl getan hätte, wenn sie nicht sowohl Freundschaft wie Schmeichelei erlegen wäre.

»Er ist der gutmütigste Kerl, der je gelebt hat; ein wenig prahlerisch; aber das liebt ihr Frauen ja! Und wie gefällt dir die übrige Familie?«

»Sehr, sehr gut, wirklich - und Isabella ganz besonders.«

»Das höre ich gerne, sie ist die geeignete Freundin für dich, so vernünftig, natürlich und liebenswürdig. Ich hatte schon immer gewünscht, ihr möchtet einander kennenlernen. Und sie scheint dich auch sehr zu schätzen. Sie lobte dich in den höchsten Tönen. Und auf ein Lob von Miss Thorpe kannst sogar du, Catherine, stolz sein.« Dabei nahm er ihre Hand liebevoll in die seine.

»Das bin ich auch«, erwiderte sie. »Ich mag sie sehr und bin entzückt, dass du sie auch schätzt. Als du mir seinerzeit über deinen Besuch bei den Thorpes schriebst, hast du sie kaum erwähnt.« :»Weil ich glaubte, dich bald selbst zu sehen! Hoffentlich kommt ihr in Bath recht oft zusammen. Sie ist ein liebenswürdiges Mädchen - und so klug! Sie scheint der Abgott der Familie zu sein. Und hier wird man sie wohl auch sehr bewundern, ist es nicht so?«

»Ja, sehr sogar! Mr. Allen hält sie für das hübscheste Mädchen in Bath.« »Das glaube ich auch! Und Mr. Allen kennt sich in weiblicher Schönheit aus. Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob du hier glücklich bist, meine liebe Catherine. Mit einer solchen Gefährtin wie Isabella Thorpe kann es gar nicht anders sein; und die Allens sind gewiß auch sehr freundlich zu dir.«

»Ja, sehr freundlich. Ich war noch nie so glücklich. Und jetzt, wo du da bist, wird es noch reizender. Wie nett von dir, dass du den weiten Weg nicht gescheut hast, nur um mich zu sehen!« James nahm diese Dankbarkeitsbezeigung ruhig entgegen und sprach auch sein Gewissen für deren Annahme frei, indem er mit völliger Aufrichtigkeit sagte: »Wirklich, Catherine, ich habe dich sehr lieb.«

Darauf tauschten sie Fragen und Berichte über das Ergehen ihrer Geschwister aus, und außer James kleiner lobender Abschweifung zu Miss Thorpe unterhielten sie sich auf diese Weise, bis sie die Pulteney Street erreichten, wo James mit großer Freundlichkeit von Mr. und Mrs. Allen empfangen, zum Essen eingeladen und von Mrs. Allen fast im gleichen Atemzug aufgefordert wurde, den Preis und die Vorzüge eines neuen Muffs und Pelzkragens zu erraten. Seine Verabredung in den Edgar-Villen gestattete ihm nicht, Mr. Allens Einladung anzunehmen, und er mußte bald wieder davoneilen, nachdem die Anforderungen von Mrs. Allen befriedigt waren. Die Zeit, zu der sich die beiden Familien treffen wollten, war festgelegt, und so konnte sich Catherine ganz dem Genuß ihrer erregten, ruhelosen und erschreckten Phantasie über den Seiten von »Udolpho« hingeben, so dass sie für alle Kleider und Essenssorgen unempfindlich war und auch Mrs. Allen nicht über das Ausbleiben einer erwarteten Schneiderin trösten konnte. Von sechzig Minuten blieb ihr kaum eine für ihr eigenes Glück, nämlich, dass sie für den Abend bereits vergeben war. »Udolpho« und der Schneiderin zum Trotz erreichte die Familie aus der Pulteney Street die großen Gesellschaftsräume rechtzeitig. Die Thorpes und James Morland waren nur wenig früher eingetroffen, und nachdem Isabella die übliche Begrüßungszeremonie in lächelnder und liebevoller Hast hinter sich gebracht, den Sitz ihres Kleides gebührend bewundert und ihre Locken voll Neid betrachtet hatte, folgten die beiden jungen Mädchen ihren Beschützerinnen Arm in Arm in den Ballsaal. Wenn ihnen ein Gedanke kam, raunten sie einander zu, aber noch häufiger verständigten sie sich durch einen Händedruck oder ein verständnisinniges Lächeln. Der Tanz begann fast sofort. Und James, der mindestens ebensolange schon vergeben war wie seine Schwester, hatte es erschreckend eilig, sich mit Isabella einzureihen; John jedoch fehlte. Er hatte in Gesellschaft eines Freundes das Spielzimmer aufgesucht; und so war Isabella durch nichts eher zum Tanzen zu bewegen, bevor ihre liebe Catherine sich nicht ebenfalls unter die Paare mische.

»Nicht um alles in der Welt tanze ich ohne Ihre liebe Schwester. Es würde uns wahrscheinlich für den ganzen Abend trennen.« Catherine war über diese Freundlichkeit gerührt, und so blieb alles für einige Minuten in der Schwebe, bis Isabella ihre Unterhaltung mit James unterbrach und Catherine zuflüsterte: »Liebstes, ich werde dich doch verlassen müssen; dein Bruder ist so ungeduldig, er drängt zum Tanzen. Du nimmst es mir nicht übel, nicht wahr, und John wird wohl auch im Augenblick zurückkommen, dann kannst du mich leicht finden.« Catherine war zwar ein wenig enttäuscht, aber viel zu gutmütig, um Einwände zu erheben; und da James sich erhob, hatte Isabella nur noch Zeit, ihrer Freundin die Hand zu drücken und zu sagen: »Auf Wiedersehen, Liebes!« Dann eilten sie davon. Da auch die jüngeren Damen Thorpe tanzten, war Catherine jetzt der Gnade von Mrs. Thorpe und Mrs. Allen überlassen, zwischen denen sie Platz genommen hatte. Wie ärgerlich, dass Mr. Thorpe nicht wiederkam! Nicht nur, dass sie sich auf das Tanzen gefreut hatte, sie teilte nun auch mit mancher anderen jungen Dame die Schande, ohne Tänzer zu sein, denn die ihr bereits widerfahrene Ehre war ihr nicht anzusehen. In den Augen der Welt gedemütigt zu sein, äußerlich Schande zu tragen, während das Herz rein und unschuldig und nur das schlechte Benehmen eines anderen die Ursache der Erniedrigung ist, gehört zu den dem Leben einer Heldin eigentümlichen Umständen, und standhafte Haltung ist ihrem Charakter vor allem eigen. Auch Catherine besaß diese Standhaftigkeit; sie litt, aber keine Klage drang über ihre Lippen.

Aus dieser Demütigung wurde sie nach zehn Minuten zu angenehmeren Empfindungen erweckt, zwar nicht durch Mr. Thorpes, sondern durch Mr. Tilneys Anblick. Leider schien es nur so, als ob er sich ihr nähere, und deshalb verflog das Lächeln wie das Erröten, welches Catherines Wangen bei seinem plötzlichen Erscheinen übergoß, ohne ihre heldische Bedeutung zu schmälern. Er sah so hübsch und lebhaft aus wie je und sprach angeregt mit einer eleganten, freundlich aussehenden jungen Dame an seinem Arm, seiner Schwester, wie Catherine sogleich erkannte. So hatte sie keine Gelegenheit, den Helden für alle Zeiten verloren zu halten, weil er schon einer anderen gehörte. Da sie sich immer nur vom Wahrscheinlichsten leiten ließ, kam es ihr gar nicht in den Sinn, Mr. Tilney könne schon verheiratet sein. Er erinnerte auch nicht in Benehmen oder Unterhaltung an die verheirateten Männer ihres Bekanntenkreises, hatte nie seine Frau erwähnt, aber von einer Schwester gesprochen. Hieraus schloß sie sofort, dass die Dame an seiner Seite diese Schwester sei. Daher saß Catherine aufrecht da, blieb all ihrer Sinne mächtig, anstatt erbleichend an Mrs. Allens Busen zu sinken. Nur ihre Wangen glühten ein wenig.

Mr. Tilney und seine Gefährtin näherten sich zwar nur langsam, aber sie folgten im Kielwasser einer Dame, die mit Mrs. Thorpe befreundet war. Diese Dame begrüßte Mrs. Thorpe und die beiden taten ein gleiches, da sie zu ihr gehörten. Nun erblickte Mr. Tilney Catherine und schenkte ihr ein Lächeln des Wiedererkennens, das sie freudig erwiderte. Er kam noch dichter heran und sprach sie und Mrs. Allen an, die ihn höchst freundlich mit den Worten begrüßte: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen; ich fürchtete schon, Sie hätten Bath verlassen.« Man erfuhr, er sei eine Woche verreist gewesen, und zwar gleich an dem Morgen nach ihrer Bekanntschaft.

»Die Rückkehr wird Sie hoffentlich nicht reuen, denn Bath ist so recht der Ort für junge wie für ältere Leute. Wenn mein Mann einmal äußert, er sei seiner überdrüssig, dann rate ich ihm jedesmal, nicht zu klagen, denn Bath sei wirklich der angenehmste Badeort. In dieser langweiligen Jahreszeit ist es hier doch viel schöner als zu Hause. Ich halte ihm immer wieder das Glück vor Augen, dass ihm gerade dieses Bad verordnet würde.«

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
07 ноября 2025
Объем:
260 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783958496637
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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