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Über dieses Buch

An der Hand seines sechsjährigen Bruders fühlt sich der vierjährige Pauli sicher. Die Familie ist arm, die beiden schlagen sich wie zwei Stadtfüchse auf Nahrungssuche durchs Kleinbasel. Doch dann bricht die achtköpfige ­Familie auseinander, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf, die jüngeren ­Kinder werden «versorgt». Für Paul heisst das: ­Pflegefamilien, Kinderheim, Kinderknecht auf einem Bauernhof, schliesslich gar Jugendknast, auch wenn bis heute niemand weiss, warum.

Aus Paul Richener ist trotz allem doch etwas ­geworden, zuerst Polizist, und heute ist er Gemeindepräsident exakt jenes kleinen Baselbieter Dorfes, in dem er verdingt war. Er hat lange geschwiegen. Erst als der Umgang der Fürsorgebehörden mit be­vormundeten Kindern in den Medien und danach in der Politik zum Thema wird, steht auch Paul ­Richener auf: Das muss jetzt endlich einmal gesagt werden!

Dorothee Degen-Zimmermann hat ihm zugehört, die Akten studiert und gibt jetzt dem Verdingkind die Stimme, die es nie hatte.

Dorothee Degen-Zimmermann

Aus dir wird nie etwas!

Paul Richener – vom Verdingbub zum Gemeinde­­­prä­­si­denten

Limmat Verlag

Zürich

Namen mit einem Stern* wurden geändert.

Prolog

«Der Rhein. Ich mag den Geruch des Wassers nicht.»

Paul Richener vergräbt die Hände in den Hosentaschen. Ein trüber Oktobertag, wir stehen am Flussufer unterhalb der Autobahnbrücke und schauen auf das träge fliessende Wasser.

Der Geruch ist süsslich und etwas faulig, kaum wahrnehmbar. Bei tiefem Wasserstand vertrocknen die Algen an der Luft. In den 1960er-Jahren war er intensiv, zuweilen stank es. Damals erreichte die Gewässerverschmutzung ihren Höhepunkt, der Rhein nahm die ungeklärten Abwässer des gesamten Mittellandes auf.

Drüben im unteren Kleinbasel hat Paul seine ersten Lebensjahre verbracht, im Basler Arbeiterquartier und Armenhaus mit hohem Ausländeranteil. Das war seine Welt – nicht gerade «in Ordnung», aber vertraut und offen. Mit der Freiheit war es vorbei, als er im Grossbasel lebte, einige Hundert Meter flussabwärts von unserem Standort aus.

«Ich habe die Gegend hier lange gemieden. Wegen des Geruchs.»

Paul Richener, der Polizist, dessen Einsatzgebiet die ganze Stadt war, macht einen Bogen um das Rheinufer, das nach Kinderelend riecht, nach Verlassenheit, nach Zwängen und Hoffnungslosigkeit.

Heute werden kaum noch ungeklärte Abwässer in die Flüsse geleitet, und man kann beim Schwimmen im Rhein wieder die Steine auf dem Grund des Flusses sehen. Aber auch der Restgeruch erinnert Paul an Zwangsmassnahmen und Beamtenwillkür, an seine geraubte Kindheit. Das lässt sich nicht so einfach beseitigen.

‹Strassenkind› im Kleinbasel

Ich erinnere mich nicht, dass irgendjemand nach uns ­geschaut oder uns gesucht hat. Wir waren immer unterwegs. Wir hätten niemanden gebraucht, wir wären sogar nachts durchgekommen. Wir hatten keine Angst. Wir haben uns verpflegt, wir hatten unsere Kontakte.

An guten Tagen ist die Mamma schon wach, wenn der Milchwagen durch die Amerbachstrasse rumpelt. Brrr, der Milchmann hält das Pferd an und läutet die Glocke. Päuli zupft die Mutter am Nachthemd, bis sie ihm den Milchhafen mit dem abgeschlagenen Haken und ein paar Rappen in die Hand drückt. Damit saust der Vierjährige barfuss die zwei Stockwerke hinunter auf die Strasse und stellt sich hinter den Hausfrauen an. Der Milchmann pumpt die Milch aus der grossen Kanne in den Glas­be­hälter und giesst sie von diesem in die mitgebrachten Gefässe. Vorsichtig trägt Päuli den schweren Krug zurück ins Haus, nimmt schon mal einen Schluck, damit nichts überschwappt, bleibt auf der Treppe ein paarmal stehen, um zu trinken, und als er oben ankommt und den Krug auf den Küchentisch stellt, ist der Milchpegel deutlich gesunken.


Milch wurde in der Schweiz bis 1960 fast ausschliesslich offen verkauft. ­Milchwagen Banga vor Münsterplatz 8, 1944.

Päuli ist der Jüngste der Familie. Theo, zwei Jahre älter, geht schon in den Kindergarten – wenn er denn geht. Wenn die Mamma da ist und sagt, Theo, es ist Zeit. Und Päuli folgt dem grossen Bruder die Treppe hinunter und setzt sich auf die steinerne Stufe in der Nische vor dem Hauseingang, da, wo ihn die Mutter nicht sehen kann, und beobachtet das Treiben auf der Strasse. Im «Amerbach», der Wirtschaft, die sich im Erdgeschoss des Wohnhauses befindet, sind noch alle Läden geschlossen.

Derweil läuft Theo in den Kindergarten am Bläsi­ring, zeigt sich kurz bei Fräulein Blumenkohl – sie heisst tatsächlich so – und dann hopp zurück zu Päuli, der auf ihn wartet.

Und los geht’s, barfuss und in kurzen Hosen. Wie Füchse streifen sie durchs Kleinbasel, immer neugierig, immer auf Nahrungssuche. Sie wissen genau, wo es etwas zu holen gibt. Stellen sich erst mal vor den Ligaladen an der Hammerstrasse und schauen, was die Hausfrauen aus dem Laden tragen und was man vielleicht erbetteln könnte. «Hesch mer e Räppli?» Ein Rappen ist so wenig und die Bitte so treuherzig, dass sie oft Erfolg hat.

Vor dem Zigarrenladen an der Ecke beraten sie, was sie mit ihrer Beute anfangen wollen. Bei der alten Tabakfrau gibt es die bunten Kaugummikugeln im grossen Glas. Es riecht seltsam süsslich, Päuli kennt das, der Vater schickt ihn manchmal Zigaretten kaufen, Parisienne in der gelben Packung oder, wenn das Geld nicht reicht, stückwei­se. Aber heute werden sie es bei der lieben Frau Dällenbach in der Bäckerei probieren.

Immer auf Nahrungssuche

Dann laufen sie zurück in den Kindergarten, Zeit für die warme Pausenmilch. Aber da heisst es höllisch aufpassen. Fräulein Blumenkohl will Theo zähmen, und es ist schon vorgekommen, dass sie ihn im Keller eingesperrt hat, damit er nicht weglaufen konnte. Der Kater Moro sei mit ihm im Keller gewesen, erzählte Theo später, und Päuli versteht, dass sogar der Kater dem Fräulein gehorchen muss. Aber bei Theo hat es wenig Erfolg.

«Scheeni Epfel, Härdepfel, Gmies! Chömet, Madamle!» Die Elsässer Gemüsefrau hört man schon von weitem. Sie schiebt ihren grossrädrigen Handwagen durch die Strassen Kleinbasels, macht da und dort Station und wartet auf die Frauen, die mit ihren Einkaufsnetzen aus den Häusern kommen, das Angebot begutachten und überlegen, was sie zu Mittag kochen wollen. Die Kinder stellen sich daneben und blicken erwartungsvoll zur Gemüsefrau auf. Sie wissen, dass sie ein weiches Herz hat, und hoffen nie vergeblich auf ein Rüebli oder Radiesli, das sie im Weitergehen verzehren.


Theo(4) und Päuli (2), zirka 1951. Als Päulis Haare geschnitten wurden, bewahrte die Mutter eine Locke auf, Paul besitzt sie heute noch.

Um die Mittagszeit laufen die Buben ein gutes Stück aus der Stadt hinaus, zur Exerziermatte bei den Langen Erlen. Schon von Weitem hört man die Kommandos. Verstehen kann man nichts, aber die Soldaten scheinen zu wissen, was sie zu tun haben, sie rennen, werfen sich auf den Boden, springen hoch, rennen weiter. Päuli und Theo setzen sich ins Gras und schauen zu. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, und der Magen knurrt vernehmlich. Ein Armeelastwagen fährt vor, und die Küchenmannschaft hebt die schweren Kochkisten herun­ter. Essensduft liegt in der Luft. Im Nu sind Theo und Päuli zur Stelle und reihen sich in die Warteschlange ein. Die Soldaten kennen die Knirpse. Sie setzen ihnen lachend den Helm oder das Käppi auf und salutieren. Die Kleinen lassen sich eine Gamelle mit Suppe und Spatz füllen, klettern auf die Bank an einem der langen Holztische, löffeln ihre Suppe und sonnen sich an den Spässen der jungen Männer. Es hat immer genug für alle.

Am Nachmittag ist Herr Zazzi, der Bananenmann, mit seinem Wagen in Kleinbasel unterwegs. Meistens folgen ihm ein paar Kinder, denn er überlässt ihnen die überreifen Bananen. Während er für die Kundschaft Ban­anen abwägt, zupft Theo unauffällig an den gestapelten Früch­ten und sorgt dafür, dass etwa mal eine zu Boden fällt, wenn Herr Zazzi den Karren über das holprige Pflaster schiebt. Die hebt man dann auf und fragt mit unschul­diger Miene: «Darf ich?», und der gutmütige Bananenmann nickt.

Auf dem Horburgmätteli trifft man häufig andere Kinder an. Mit denen spielt man Fangis oder Versteckis. Wenn dann um vier Uhr im Schulhaus bei der Drei­rosenbrücke die Pausenglocke klingelt, ist sie das Zeichen zum Aufbruch. Jetzt gehen nämlich die Kinder in den Schülerhort unter der Brücke. Bevor sie sich an die Hausaufgaben setzen, kriegen sie einen Apfel und ein Stück Brot. Die beiden Brüder stellen sich unauffällig in die Reihe, als gehörten sie dazu, um dann ebenso unauffällig mit der Beute zu verschwinden.

Im Hinterhof

Am Abend schauen sie manchmal ins «Amerbach» hinein. Ist der Papa da? Männerstimmen, Lachen und Zigarettenrauch füllen die Gaststube, Päuli kann zuerst gar nichts erkennen.

«Karli, schau, dein Kleiner sucht dich!», sagt einer.

Päuli klettert auf Vaters Schoss, hört den Grossen zu und schaut stolz in die Runde. Der Wirt mag den Päuli, stellt ihm manchmal einen Sirup hin oder an einem glücklichen Tag sogar ein Glas Vivi Kola.


Papa Karl Richener, zirka 1951.

Ist der Vater nicht da, schauen sie im Hinterhof nach. Hier ist er zwar auch nicht, aber es gibt die Kegelbahn im Säli hinter der Wirtschaft, die sich grosser Beliebtheit erfreut. Die beiden Knirpse halten den Atem an, wenn die schwere Holzkugel sanft über die Bahn rauscht, um dann mit Wucht in die Kegel zu fahren, und sie jubeln mit den Spielern über den wüsten Haufen, den ein Treffer hinterlässt. Das sieht so einfach aus, aber sie schaffen es gerade mal, die schwere Kugel in die Holzrinne zu stemmen, auf der sie zurück zu den Spielern kullert. Dann stellen sie eilig die Kegel auf. Das gibt wieder ein paar Räppler oder ein Glas Vivi Kola.

Auch einen Schwingkeller gibt es dort. Es riecht nach Schweiss, die Männer ächzen und stöhnen, die Köpfe werden rot, die Halsadern quellen hervor, zum Fürchten. Päuli und Theo machen es ihnen nach, aber es wird eher eine Katzenbalgerei daraus.

Im Hinterhof hausen auch die Italiener, in einer Holzbaracke mit winzigen Zimmerchen, die über eine Veranda zugänglich sind. Nur im hintersten wohnt eine alte Frau, sie kocht für die Männer Spaghetti oder Minestrone.

Daneben liegt die Waschküche. Am Morgen wird im grossen Waschhafen eingeheizt, warme Dampfschwaden dringen durch die Türöffnung, in der keine Türe hängt. Es duftet nach Seife.

Am Abend ist niemand mehr da. Dann klettert Päuli in die wasserbetriebene Zentrifuge. «Theo, anstellen!» Theo dreht den Hahn auf, und das Karussell setzt sich langsam in Bewegung, dreht sich immer schneller, bis Päuli zu schreien beginnt. Theo dreht den Hahn zu und Päuli gibt sich genüsslich dem ausklingenden Schwung hin. «Noch einmal!», verlangt er.

Manchmal bleiben sie auch viel länger weg von zu Hause, treiben sich noch im Rheinhafen herum, wenn die andern Kinder längst heimgegangen sind. Sie klettern auf den Hausbooten herum, die verlassen an der Mauer vertäut liegen, bis es dunkel wird. Sie kennen sich zwar gut aus im Quartier, aber bei Nacht sehen alle Strassen gleich und fremd aus, sie sind todmüde und verloren. Zwei Polizisten auf ihrem Rundgang wundern sich, um diese Zeit noch Kinder anzutreffen. Doch, diese beiden sind ihnen bekannt. Sie nehmen sie mit auf den Horburgposten, gar nicht weit von der elterlichen Wohnung. Da riecht es einladend nach Suppe, Polizisten im Nachtdienst brauchen auch etwas Warmes. So bekommen die hungrigen, frierenden Kinder einen Teller Suppe, bevor der eine, der Tschudi, sie heimbringt.

Dort sind sie nicht vermisst worden.

Die Küche, das Herz der Wohnung

In Pauls Erinnerung ist die Küche riesengross und er noch sehr klein, vielleicht zwei, drei Jahre alt. Er hockt beim Holzherd auf dem Boden und schichtet konzentriert Zündholz auf Zündholz, zwei längs, zwei quer. Durch die Ritzen der Ofentür sieht man ein schwaches Glimmen. Aus dem Wasserschiff auf dem Herd steigt Dampf auf. Die Luft ist trüb vom Rauch.

Am langen Holztisch sitzen die Grossen, es wird geschwatzt und gelacht, geraucht, Bier getrunken, gejasst. Der Vater ist da, der eine oder andere von den grossen Brüdern, ein paar Kollegen, der Zimmerherr vielleicht, die alte Frau Weber*, die immer Erdnüsschen knabbert. Päuli sieht fast nur Beine und Füsse.

Irgendwann verdämmern die Stimmen, Nebel hüllt den Kleinen ein – «Päuli schläft», sagt jemand, hebt ihn hoch und trägt ihn ins Bettchen im Schlafzimmer der ­Eltern nebenan.

Die Zimmer sind klein. Eines ist vermietet, in den andern rückt die grosse Familie zusammen. Der Abort befindet sich ausserhalb der Wohnung auf dem Zwischengeschoss, Seite an Seite mit demjenigen von Frau Weber. Päuli getraut sich nicht allein dorthin, es ist dunkel im Treppenhaus. Vater nimmt ihn an der Hand, geht mit ihm die Treppe hinunter, setzt ihn auf den Topf und sich selber auf die Kloschüssel. Wenn Frau Weber gleichzeitig im WC nebenan sitzt, nur durch ein dünnes Holzwändchen getrennt, kann das eine längere Geschichte werden, denn dann wird palavert.

Der Vater ist ein leutseliger, gutmütiger Mensch, bei seinen Kollegen beliebt, ein begabter Fussballer und beim FC Nordstern eine feste Grösse. Mit seiner grossen Familie und seiner unsteten Frau ist er überfordert, finan­ziell und auch sonst. Was er als Isoleur in der Chemischen verdient, reicht nirgendwohin. Wenn ihn die Sorgen bedrängen, versucht er sie mit reichlich Bier auf Distanz zu halten, aber das macht die Sache auch nicht besser.

Die grossen Geschwister kommen und gehen ihre ­ei­genen Wege. Sonja, die Erstgeborene, fünfzehn Jahre älter als Paul, ist aus seiner Sicht eine erwachsene Frau und manchmal Ersatzmutter, aber auch immer wieder lange Zeit abwesend. Heinz und Carlo sind vor allem in den Ferien zu Hause, aber so genau überblickt Päuli das nicht. Am ehesten schaut noch Fritz, der Zweite in der Geschwisterreihe, zum Rechten. Er arbeitet in der Fabrik wie der Vater.

Und wo ist Mutter Virginia? Sie ist da oder nicht da. Arbeitet bis tief in die Nacht im Service – «oder was weiss ich». Päuli vermisst sie nicht. Wenn er nur Theo hat.

Ein geordneter Haushalt existiert nicht. Zu Hause wird nicht regelmässig gekocht, ausser vielleicht am Sonntag. Sonja und Fritz schälen und schneiden kiloweise Kartoffeln, erhitzen das Öl in der grossen Pfanne und hängen das Frittiernetz mit den Kartoffelschnitzen hinein, eins ums andere Mal, bis eine Riesenschüssel voll knuspriger Pommes frites auf dem Tisch steht. Oder die Mamma formt auf dem grossen Holzbrett Gnocchi, dicke, grosse, dazu gibt es eine üppige Bolo­gnesesauce, mehr als fünf oder sechs Stück schafft Päuli nicht.

Am Sonntagnachmittag kurz vor Ladenschluss lohnt sich ein Besuch in der Bäckerei Dällenbach. Päuli und Theo schlüpfen hinter den Ladentisch und schauen zu, wie Frau Dällenbach die letzten Kunden bedient. Dann packt sie in eine grosse Gugge (Tüte), was sie am Montag nicht mehr verkaufen kann, süsse Weggli, altbackenes Weissbrot, vielleicht sogar ein paar eingedrückte Stück­li. Päuli schaut mit begehrlichen Augen auf das letzte Diplo­mat, eine cremige Schleckerei im weissen, gefältel­ten Papierkörbchen, und Frau Dällenbach versteht. Er verzehrt es auf dem kurzen Heimweg, bevor ihm ein ­anderer dazwischenkommt.

Barfuss im Sommer

Da gibt es diese helle Erinnerung an einen Ostermorgen. Päuli schläft jetzt mit den Brüdern im andern Zimmer. Beim ersten Sonnenstrahl wacht er auf, da steht schon der grosse Carlo, der dritte Bruder, an seinem Bett.

«Ich weiss, wo dein Osternestchen ist!»

Er lacht triumphierend. Päuli springt aus dem Bett, und Carlo führt ihn zum Versteck unter der Kommode, er hat schon alles ausgekundschaftet. Ein paar Schoggieili sind drin und ein Häschen aus rotem Zucker wie die Schleckstengel, innen hohl. Das schmeckt Päuli am besten.

Das Schöne am Sommer ist, dass man barfuss gehen kann. Dazu in kurzen Hosen und immer dreckig.

Zu Päulis Sommervergnügen gehört das Flüsschen Wiese, das, vom Schwarzwald her kommend, auf Schweizer Boden nahe der Landesgrenze dem Rhein zufliesst. Nach dem Mittagessen auf der Exerziermatte machen die zwei Buben oft einen Abstecher an die Wiese. Sie waten mit nackten Füssen hinein, das Wasser ist nicht tief. Aber die Steine sind glitschig, man muss höllisch aufpassen, dass man nicht hinfällt. Wenn noch andere Kinder da sind, setzt es etwa eine Wasserschlacht ab. Dann werden die Hosen nass, aber was soll’s, die trocknen wieder.

Von dem unreifen Obst und dem ungewaschenen Gemüse, das die beiden auf ihren Streifzügen essen, hat Päuli oft Bauchweh und manchmal auch den Dünnpfiff. Und nicht immer schafft er es rechtzeitig, die Hosen run­terzulassen. Einmal bemerkt eine wildfremde Frau, dass es ihm braun die Beine hinabläuft. Der Kleine tut ihr leid. Sie wäscht ihn und seine verdreckte Hose mit kaltem Wasser, und er zieht sie gleich nass wieder an. Ein andermal sagen sie zu Hause, der hat ja die Hosen voll!, und Sonja, die grosse Schwester, muss ihn wohl oder übel sauber machen. Verärgert über den kleinen Stinker, setzt sie ihn in einen Zuber mit viel zu warmem Wasser und schrubbt seinen nackten Po, bis er krebsrot ist.


An der Wiese 1952.

Holzschuhe im Winter

Die kurzen Hosen tragen sie auch im Winter, aber mit Woll­strümpfen, die kratzen, und Holzschuhen. Die Strümp­fe sind mit je zwei Bändern und Knöpfen an der Unterhose befestigt und ziehen diese nach unten, man muss sie immer wieder hochziehen, das ist lästig. Zwischen Strumpf und Hosenbein klafft eine Lücke, da beisst die Kälte in die nackte Haut. Trotzdem sind die Kinder auch winters draussen auf ihren Streifzügen, frierend halt.

Die Holzschuhe klappern laut auf dem Pflaster. Sie sind an der Spitze und am Absatz mit Eisenplättchen versehen, damit sie sich nicht so schnell abnützen. Mit diesen kann man Funken schlagen, wenn man den Schuh hart gegen die Pflastersteine stösst. Allerdings brauchen sich die Eisen schnell ab, dann müssen neue her. Päuli geht zum Schuhmacher an der Hammerstrasse. Der zieht die Augenbrauen hoch: «Schon wieder?», und nagelt dann gutmütig neue Eisen auf, ohne etwas dafür zu verlangen.

Beim Güterbahnhof treiben sie sich gern herum. Dort riecht es von der Thomi-Franck-Fabrik herüber so heimelig nach Kaffeezusatz. Päuli kennt das dunkelbraune Pulver, das man auf dem Küchentisch auf einer offenen Zeitung unter den gemahlenen Kaffee mischt, um ihn zu strecken. Auf den Abstellgleisen stehen oft offene, mit Kohle beladene Güterwagen. Manchmal kullern Kohlestücke herunter. Was unten an der Böschung liegt, darf man einsammeln, arme Leute, von denen es im Kleinbasel viele gibt, wissen das. Auch Theo und Päuli stopfen sich die Hosensäcke voll. Viel hat nicht Platz darin, aber der Vater freut sich und lobt sie dafür. Wenn gar wenig zu finden ist, helfen sie dem Glück nach. Sie klettern über den Zaun und blicken sich um, ob die Luft rein ist. Dann klettern sie flink wie Äffchen auf einen der offe­nen Wagen und schieben mit den nackten Füssen Kohle hinunter. Nicht mit den Händen, das wäre gestohlen. So viel können sie nicht in den Hosensäcken verstauen. Wenn sie abends dem Vater von ihrer Heldentat erzählen, reibt er sich erfreut die Hände, und zusammen gehen sie in der Dunkelheit mit einem Sack die Kohlen einsammeln.

Auch altes Bauholz schleppen sie nach Hause. Das zersägt der Papa im Keller, und Päuli hilft ihm, indem er das Holz festhält. Er mag den Geruch von Holz, und er mag den Gesang der Säge und singt mit.

Einmal hat Päuli eine Scheibe zerbrochen und muss den Fensterrahmen festhalten, während der Vater mit einem Messer den Kitt aus den Sprossen kratzt. Das Messer rutscht aus und fährt in Päulis Daumen, der heftig blutet. Vater heisst ihn, die Hand unter dem Wasserhahn abzuspülen, und wickelt einen notdürftigen Verband da­rum. So regelt man das unter Männern. Die Narbe sieht man heute noch, Paul zeigt sie nicht ohne Stolz.

Das Beste am Winter ist das Zwanzgerli. Immer am Sonntagnachmittag werden im Kirchgemeindehaus bei der Josephskirche Kinderfilme gezeigt, Charlie Chap­lin und Dick und Doof. Der Saal ist immer voller Kinder, es ist laut und lärmig – und warm ist es auch, man muss für eine oder zwei Stunden nicht frieren. Der Eintritt kostet zwanzig Rappen, das ist ein Problem. Die Buben probieren es zuerst beim Vater, aber sie haben nicht immer Glück. Mal ist der Papa nicht zu Hause, mal will er einfach nicht. – Aber Päuli hat noch ein paar von den erbettelten Kupfermünzen. Dem Pfarrer, der am Eingang Kontrolle macht, gibt er nie alles. Ich habe nur das, sagt er, und natürlich lässt der Pfarrer ihn ein, manchmal auch gratis, er kennt doch die beiden Brüder. Aber nicht zu oft, der andern Kinder wegen. Wenn auch das nicht geht, gibt es noch die Möglichkeit, dass man einen Kollegen bittet, von innen den Notausgang zu öffnen. Auf gar keinen Fall lassen sich Päuli und Theo das Zwanzgerli entgehen.

Das Ende

Laute Stimmen, mitten in der Nacht. Päuli erwacht, steht auf, tappt in die Küche, geblendet vom Licht. Vater, Mutter, der grosse Bruder streiten, streiten, schimpfen, ein Rie­senkrach. Die Mutter geht ins Elternschlafzimmer, knallt die Tür hinter sich zu. Päuli drückt zaghaft die Türfalle und folgt ihr.

Da liegt der offene Koffer auf dem Bett, wütend schmeisst sie Kleidungsstücke hinein, schluchzt, stösst italienische Schimpfwörter aus. Päuli, verängstigt und verstört, begreift: Jetzt geht sie weg. Er holt sein Sparschwein aus rosa Porzellan aus dem Versteck. Viel ist nicht drin – was er eben da und dort geschenkt bekommen oder erbettelt hat. Man kann die Münzen nur mit einem Messer herausangeln. Oder das Sparschwein zerbrechen. Seinen ganzen Besitz legt er in Mutters Koffer.

Kurz darauf klappt sie den Deckel zu, schlüpft in den Mantel, stürmt aus der Wohnung. Er hört ihre schnellen Schritte auf der Holztreppe, dann fällt die Haustür ins Schloss. Noch ist ihr Geruch da, eine Mischung von Körperschweiss und billigem Parfüm. Das Sparschwein hat sie verschmäht, es liegt auf ihrem Bett.

Es ist das Ende seiner Kindheit, er ist gerade mal fünf Jahre alt.

Pflegkind

Vom Fürsorgeamt ist vielleicht alle zwei Jahre mal ­jemand aufgetaucht. Die haben nur mit der Pflegmutter geredet. Mit mir nie.

Päuli sitzt auf dem Gepäckträger von Vaters Velo, hält sich mit beiden Armen am Vater fest, spürt die Wärme seines breiten Rückens. Eine holprige Fahrt über Pflaster­steine, er lässt die Stimme mitschwingen, «a-a-a-a-a-a-a». An der Lenkstange baumelt eine Tasche mit seinen Kleidern, viele sind es nicht. Sie fahren nach Riehen hinaus, einen Vorort von Basel, immer der Tramlinie nach. Päuli ist auf seinen Streifzügen noch nie so weit gekommen. Er ist traurig. Aber es ist gut, so nahe beim Papa zu sein, «a-a-a-a».

Bei einem kleinen Mehrfamilienhaus an der Rauracherstrasse am Ortsrand von Riehen sind sie am Ziel. Der Vater nimmt ihn an der Hand und klingelt. Eine mür­rische Frau mit strähnigem, aschblondem Haar öffnet die Tür. Päuli versteckt sich hinter dem Vater. Nein, ihr Mann sei nicht da. Widerwillig lässt Frau Grübler* sie eintreten. Es riecht nach Kohl im engen Hausgang. Ein rotznasiger Bub, etwas älter als Paul, schaut neugierig um die Ecke, verschwindet gleich wieder, um bald darauf mit dem grösseren Bruder zurückzukommen. Sie schneiden Grimassen, lachen und laufen davon.

Ist ja klar, dass der Päuli nicht daheimbleiben kann, Karl Richener hat das eingesehen und nach einem Platz für seinen Jüngsten gesucht. Sonst stecken die vom Amt auch den Päuli in ein Kinderheim, wie den Theo, wie die Grossen. Karl hat den Grübler gefragt, seinen Arbeitskollegen, ohne zu wissen, wie es bei dem zu Hause aussieht. Vielleicht hat er ihn sogar bedrängt: «Nimm ihn doch, der Päuli ist ein Lieber, es ist nur für kurze Zeit.»

Es ist unordentlich und schmutzig hier, aber das ist es zu Hause auch, man kann nicht wählerisch sein. Wenn er nur erst jemanden gefunden hat, der ihm den Haushalt macht – oder wenn Virginia zurückkommt –, holt er den Päuli wieder heim.

Widerwillige Pflegeltern

Der Grübler hat wohl nicht Nein sagen können. Aus Kinderliebe hat er jedenfalls bestimmt nicht eingewilligt. Er kann den Kleinen von Anfang an nicht riechen: «Der stinkt.» Das Kostgeld wird den Ausschlag gegeben haben. Neunzig Franken im Monat, das deckt mehr als den halben Mietzins. Die Frau hat er gar nicht erst gefragt. Sie ist verärgert, dass man ihr ein weiteres Kind aufbürdet, sie ist mit ihren zwei Buben schon überfordert.

Der kleine, wendige Päuli, der sich auf den Strassen Kleinbasels im Kielwasser von Theo so gut durchzuschlagen wusste! Zuerst ist die Mutter gegangen. Die war zwar schon vorher nicht immer da, man wusste eigentlich nie, ob sie zu Hause war oder nicht. Aber dann haben sie ihm den Theo weggenommen und ins Kinderheim in Hemberg gesteckt, seither hat Päuli keinen Boden mehr unter den Füssen. Und jetzt verliert er auch noch den Papa.

Bericht über erstmaligen Besuch

Pflegekind: Richener Paul

Pflegeeltern: G.-H.

Wohnung: Rauracherstrasse …, Riehen

besucht am: 9. Dezember 1954

Der Pflegeort macht mir keinen guten Eindruck. Die Wohnung ist ärmlich ausgestattet. Im Bubenzimmer stehen nur die drei Betten, welche eher verwahrlost aussehen. Ich erlaube mir, das Bett von Paul aufzudecken. Es ist mit einem zerrissenen Leintuch versehen. Frau G., welche an sich auch «hotschig» aussieht, meint, der Vater habe dieses Bett gegeben und bringe eben nie die nötige Bettwäsche. G.s selbst besitzen für sich kaum das Nötigste (die Betten der eigenen Buben sehen womöglich noch armseliger aus). – Als die Pflegemut­ter merkt, dass wir es mit der Kontrolle genau nehmen, ­begehrt sie auf, indem sie sagt, wenn man ihr zuviele Geschichten mache, so gebe sie den Knaben sofort wieder her. Ueberhaupt sei er nur vorübergehend hier, sobald der Kindsvater eine Haushälterin gefunden habe, nehme er den Paul wieder zu sich.

A.K..

12.1.55. Herr G. hat bereits Feierabend und zeigt sich viel umgänglicher, als ihn seine schnippische Frau geschildert hat. Mein Eindruck ist diesmal besser. Auf alle Fälle scheinen die Ehegatten gut miteinander auszukommen. Herr G. ist ein gutmütiger Typ, der offenbar mit der mangelhaften Haushaltführung seiner Frau zufrieden ist, weil er wahrscheinlich von Haus aus nichts anders gewöhnt ist.

A. K.

Mit Päuli hat die Fürsorgerin nicht gesprochen. Wahrscheinlich hätte er nicht gewagt zu erzählen, was ihm jeden Abend widerfuhr. Hätte sie ihm geglaubt?

Ausgeschlossen, gedemütigt

Abends, wenn die andern Kinder noch draussen spielen dürfen, ruft Frau Grübler den Bub ins Haus. Sie stellt ihm Reste vom Mittag auf den Küchentisch, er muss allein essen, während sie daneben die Kartoffeln für die Familie brät. Er darf nicht mit den andern an den Stubentisch und bekommt nicht, was sie bekommen. Er soll sich gleich den Pyjama anziehen und – barfuss steht er vor der Stubentür und zögert, hört das Klappern des Geschirrs, das Gezänk der beiden Brüder, hört Grüblers ärgerlich erhobene Stimme: «Wird’s bald, Päuli!»

Abend für Abend ist es dasselbe Ritual der Beschämung: Antreten zur Unterhosenkontrolle. Zwischen gespreizten Daumen und Zeigefingern aufgespannt, präsentiert er dem Pflegvater das Stück. Der beugt sich angewidert darüber – und wehe, wenn darin eine gelbliche oder gar braune Spur zu sehen ist! Dann muss Paul um den Tisch laufen und zum Gaudi der Pflegbrüder allen seine Unterhose zeigen, und schliesslich schlägt sie ihm der Grübler um die Ohren und versohlt ihm den Hintern, während die Buben am Tisch in plötzlicher Einigkeit quietschen vor Vergnügen.

Manchmal fahren sie am Sonntag mit dem Tram an die Birs in die Reinacher Heid zum Fischen, nehmen Picknick mit, machen ein Feuer und braten Würste. Ein- oder zweimal darf Paul mit. Aber die Frau Grübler ist schon am Samstag hässig, weil sie eine zusätzliche Wurst kaufen muss. So lässt man eben den Paul allein zu Hause.

Wenn aber der Grübler einen Helfer braucht, wird Paul bevorzugt. An manchen Samstagen nimmt er den Kleinen auf dem Velo mit nach Basel zu den Herrschaften an der Rittergasse. Dort gibt es Berge von Kohlen wegzuschaufeln. Die Kohlenmänner haben den Inhalt ihrer Säcke von der Strasse her durch die kleine Luke in den Kellerschacht geleert. Unten im Keller muss die Kohle in den Verschlag oder auch direkt in den Ofen geschaufelt werden. Die Schaufel ist für den Sechsjährigen viel zu gross und zu schwer. Manchmal verschwindet der Grübler, lässt den Paul allein schuften, und wenn er nach einer Weile zurückkommt, meckert er, weil dieser noch nicht fertig ist. Seine eigenen Buben kommen nie mit.

Atempause im Kinderspital

Zum Glück holt der Vater den Päuli hin und wieder am Wochenende heim an die Amerbachstrasse. Wenn er am Samstagnachmittag auf dem Gepäckträger des Velos sitzt und sich am Papa festklammert, ist das der schönste Moment der Woche. Einmal wird er von Fritz, dem ältes­ten Bruder, abgeholt. Vater wird auf dem Fussballplatz sein. Päuli johlt übermütig auf dem Gepäckträger und macht Kapriolen. Dabei gerät er mit dem nackten Fuss in die Speichen des Hinterrads, sie stürzen beide, es blutet und tut wahnsinnig weh. Er wird ins Kinderspital gebracht, der Knöchel ist gebrochen und die Wunde geht tief, bis auf den Knochen.

«Den kennen wir doch», sagen die Schwestern lachend und freuen sich, den kleinen Charmeur mit den goldbraunen Locken wieder bei sich zu haben. Es ist nicht allzu lange her, da war er wegen einer kleinen Operation auf derselben Abteilung. Der lädierte Fuss wird stillgelegt, ein Gestell sorgt dafür, dass die Decke nicht auf den Fuss drückt. Es sieht aus wie ein Veloständer.

Paul ist der Liebling der Schwestern, er macht Faxen, um sie zum Lachen zu bringen und sonnt sich in ihrer Zuneigung. Noch nie ist er so umsorgt worden. Wie gerne wäre er länger geblieben! Eine Narbe am Knöchel erinnert ihn bis heute an den Schmerz und an die Geborgenheit im weissen Spitalbett.

Päuli muss zurück zur Pflegfamilie

Bei den Grüblers hat sich nichts geändert, er ist genauso unwillkommen wie am ersten Tag. Nur das Heimweh ist noch grösser geworden, vor allem abends und nachts.

Am Tag hat die Rauracherstrasse auch erfreuliche Sei­ten. Das Ruthli zum Beispiel, seine liebste Freundin, es wohnt im selben Haus auf der gleichen Etage, gleich ge­genüber. Täglich klingelt er an seiner Wohnungstür und holt es zum Spielen. Einmal sagt seine Mutter, es kann nicht kommen, es ist krank, willst du es besuchen? Ja, klar. Wie er die kleine Patientin im Bett liegen sieht, tut sie ihm so leid, dass er zu ihr unter die Decke schlüpft und sich tröstend neben sie legt.

Überhaupt wohnen viele Kinder in der Nachbarschaft. Hinter dem Haus gibt es reichlich Platz zum Spielen. Unter den Kindern lebt Paul auf, er ist einer von vielen, niemand sagt zu ihm: «Geh weg» oder «Du bist blöd» oder «Den wollen wir nicht». Da weicht der Druck von ihm, er ist anders, lebhaft, wagemutig, übermütig. Bis zum Abend, als er lange vor den andern Kindern gerufen wird und mit hängendem Kopf ins Haus trottet. Er weiss, was ihn erwartet.

Was als Überbrückung gedacht war, zieht sich hin. In den spärlichen Besuchsprotokollen der Fürsorgerin H. F.-B. ist die Ungeduld der Frau Grübler zu spüren.

4.3.1955

Frau G. empfängt mich mit den Worten, dass sie Paul kein Jahr behalte.

19.12.1955

Frau G. erklärt mir sofort, dass Päuli immer noch bei ihnen sei, doch nächsten Monat gehe er bestimmt heim. Sie sei froh, denn das Kind lüge und sei nicht mehr so brav, die Kindergärtnerin bestätige dies auch. Wenn man bedenke, wie die Eltern seien, sei es nicht verwunderlich, dass das Kind schwierig sei.

Ob die Frau Grübler die Kindergärtnerin zitiert, um ihrer eigenen Meinung mehr Nachdruck zu verleihen? Paul geht jedenfalls gern in den Kindergarten und später auch in die Schule, zusammen mit den Nachbarskindern, ein ganzes Trüppchen wandert auf dem Rauracherweglein zwischen Schrebergärten dem dunkelrot gestrichenen Holzbau zu. Der Kindergarten liegt am Ende einer Ba­rackensiedlung von Reihenhäuschen auf Pfählen, ebenfalls aus rot gestrichenem Holz.

Etwa nach der Hälfte des Wegs zweigt rechts das Strässchen zu den Schulhäusern ab. Es unterquert die die Bahnlinie Basel – Lörrach. Dort in der Unterführung hat sich einer eine Bleibe eingerichtet, einen Bretter­ver­schlag, darin liegen zerknüllte, schmutzige Decken auf einer alten Matratze. Ganz verwegene Kindergärtler ha­ben sich schon erdreistet, einen Blick darauf zu werfen. Das ist hochgefährlich, man weiss nie, ob der Böse Mann dort ist. Einige behaupten, ihn schon gesehen zu haben, einen struppigen Kerl mit roter Nase und wildem Bart.

Vaters Fäuste

Mehr als zwei Jahre wohnt Paul bei den Grüblers, bis er sich dem Vater anvertraut und von der allabendlichen Demütigung zu erzählen wagt. Wutentbrannt stellt dieser den Grübler zur Rede, es kommt zu einem wüsten Wortwechsel, der Vater gebraucht seine Fäuste, wie es seine Art ist, sehr zur Genugtuung von Paul. Sie packen seine wenigen Sachen und gehen nach Hause.

Nur, da ist auch keine Bleibe. Der Vater ist den ganzen Tag weg, an der Arbeit. Sonja ist zwar wieder einmal da. Inzwischen hat sie ein Kind – dass es bereits das zweite ist, wird Paul erst viel später erfahren –, sie hat sich im Schwingkeller in den flotten Eduard verguckt, den Gewichtheber. Die Wohnung ist dreckig, Wäsche liegt ­her­um, auf dem Tisch stehen volle Aschenbecher und schmutziges Geschirr, auf dem Herd stapeln sich gebrauchte Pfannen. Und Paul müsste doch in die ­Schule. Schon vor einem Jahr hat die Fürsorgerin H. F.-B. vom Gesundheitsamt, Abteilung Pflegkinderwesen ihre Bedenken angemeldet:

Ist es richtig, dass das Kind nun heim kommt, wo seine 20-jährige Schwester, die zwei Kinder hat und auch schon vor Jugendgericht war, den Haushalt führen wird?

So dauert es denn nicht lange, bis die Vormundschaftsbehörde, Abteilung Jugendamt, in der Person von Fräulein Wiedmer vor der Tür steht. Kräftige Statur, das graue Haar am Hinterkopf zur Rolle eingeschlagen, randlose Brille, harter Mund, machtbewusst. Sie kennt die Familie Richener seit geraumer Zeit, Kategorie «asozial». Die Eltern wurden mehrmals beim Jugendamt wegen Vernachlässigung der Kinder angezeigt. Nach und nach hat Fräulein Wiedmer fast alle Richenerkinder für kürzere oder längere Zeit in Kinderheimen versorgt. Aus diesem Grund hat Paul nur bruchstückhafte Erinnerungen an die Jugendzeit seiner Geschwister.

Zwischenspiel

Und nun also auch Paul? Hat Fräulein Wiedmer versucht, ihn im Kinderheim in Hemberg zu platzieren, in dem Theo schon seit zwei oder drei Jahren untergebracht ist? Akten gibt es nicht darüber, aber eine Erinnerung. Eine lange Fahrt im Zug, dann im gelben Postauto, Päuli allein mit der Mutter. In Hemberg steigen sie aus. Die Mamma nimmt ihn an der Hand, und zusammen betreten sie unter Türgebimmel den kleinen Konsumladen, in dem sich die Gerüche so merkwürdig vermischen, Äpfel, Dauerwurst, Seife und vieles mehr. Die Mutter kauft Päulis Lieblingsgutzi, längliche, flache, braune Waffeln mit Schokofüllung, im Waffelmuster ist der Schriftzug «Wernli» eingeprägt. Sie sind köstlich knusprig zum Abbeissen und angenehm süss auf der Zunge. Ein ganzes Pack für Päuli allein. Noch nie – und nie wieder – hat die Mutter das gemacht.

Dann besuchen sie Theo im Kinderheim. Paul muss im Heim bleiben, die Waffeln sollten ihn wohl über den Abschied hinwegtrösten. Wie lange bleibt er dort? Ein paar Wochen? Monate? Vom Jahreswechsel, vermutlich 1956/57, hat sich eine Erinnerung gehalten: Theo, knapp zehnjährig, darf am Silvester mit dem Seil die Glocke läuten und Päuli ist dabei, voller Bewunderung für den grossen Bruder.

Für Theo ist das Heim ein schlimmer Ort. Und die Mutter besucht ihn in all den Jahren, die er dort verbringt, nur zweimal, das eine Mal, als sie den Päuli hinbringt.

Vom Regen in die Traufe

Warum er schon bald wieder nach Basel, genauer: nach Riehen, kommt, ist nicht bekannt. Fräulein K., die Für­sor­gerin vom Pflegkinderwesen, ist verärgert über die mangelhaften Informationen von Fräulein Wiedmer. Der erste Bericht über den Pflegplatz bei Familie Blaser* klingt gedämpft zufriedenstellend:

18.6.1957

Frl. Wiedmer, Jugendamt, meldete uns das Pflege­ver­hält­nis verspätet an. Päuli befindet sich seit einigen Monaten in Familie B. (…) Bei meinem Besuch treffe ich leider den Knaben nicht an, doch habe ich einen recht guten Eindruck von der Pflegemutter. Frau B. hat es nicht leicht mit Päuli, denn er wurde durch das Hin und Her in seinem Leben ziemlich verwahrlost. Anfangs hat er Geld stibiezt, doch jetzt bekommt er ein kleines Taschengeld und lernt mit diesem haushalten. Päuli sei auch ein Nimmersatt im Essen. Solange noch etwas auf der Platte ist, meint er, er müsse es in sich hineinstopfen. Auf Wurst und Fleisch ist er besonders scharf.

Nun, die Pflegeeltern scheinen geduldig und wohlwollend zu sein und verlangen von Päuli vorläufig nichts Unmögliches.

Die zweigeschossigen Reihenhäuschen in der Habermat­te in Riehen sind schmal, die Zimmer klein. Im Erdgeschoss Küche und Wohnzimmer, im ersten Stock die Schlafzimmer, das eine für die Eltern, das andere für die beiden grossen Mädchen und das dritte, kleinste für den Jüngsten, den etwa 15-jährigen Willy*.

Der Ort im Hause Blaser, den Paul am besten kennt, ist der Estrich. Man muss durch Willys Zimmer hindurchgehen und gelangt durch eine zweite Tür und über eine enge, steile Treppe unters Dach. Paul muss den Kopf einziehen, damit er nicht an die Dachbalken stösst. Nur unter dem Firstbalken kann der Achtjährige aufrecht stehen. Fräulein K. hat es versäumt, bei ihrem Besuch an der Habermatte Pauls Bett zu inspizieren. «Bett» ist beschönigend, eine alte Wolldecke als Unterlage, ein paar lumpige Decken darüber müssen genügen. Hunde haben es besser.

Allerlei Gerümpel steht herum, eine alte Kommode, ein Schaukelpferd, eine kaputte Ständerlampe, leere Kartonschachteln, ein alter Koffer. Es gibt nur ein Dachfensterchen, durch das man ein viereckiges Stück Himmel sieht, getrübt von altem Schmutz und Staub. Im Sommer ist es drückend heiss und im Winter bitterkalt. Wenn Schnee auf dem Dach liegt, glitzert drinnen der Frost an den Ziegeln. Bei Tauwetter und bei Regen tropft es da und dort, es ist schwierig, einen trockenen Schlafplatz zu finden.

Meistens steht Willy vor Paul auf, er geht schon in die Lehre. Aber am Sonntagmorgen, wenn Paul das Zimmer durchqueren will, liegt der Grosse noch im Bett – in ei­nem richtigen, warmen Bett! – und macht sich einen Spass daraus, den Kleinen zu sich hineinzuziehen. Paul lässt sich sogar das Kitzeln und Betatschen gefallen, so wohlig fühlt sich Bettwärme an. Es kommt ihm nicht im Traum in den Sinn, sich über Willy zu beklagen. Er würde ja doch nur als Lügner hingestellt, er ist gewohnt, dass man ihm nicht glaubt.

Vater Blaser ist streng, sehr streng, jedenfalls mit Paul. Genau das Richtige, wird Fräulein K. wohl gedacht haben, und dass Paul eine starke Hand braucht. Die grossen Blaserkinder nicht? Mit Paul redet er in harschem Befehlston. Besonders an den Samstagnachmittagen, dann braucht er einen Laufburschen. Blaser verkauft im Materialschuppen der Schrebergärten an der Äusseren Baselstrasse Samen, Dünger, Schneckengift und die grossen, unförmigen Torfballen. Letztere muss Paul auf den Leiterwagen laden und den Käufern in ihren Hobbygarten bringen. Aber dalli!

Weggesperrt …

Auf hunderterlei Weisen sagen ihm die Blasers: Du gehörst nicht zu uns. Am Morgen vor der Schule hockt er in der Küche, kaut ein trockenes Stück Brot und schaut zu, wie sich die grosse Pflegschwester genüsslich Kon­fitüre aufs Butterbrot schmiert und im Abreisskalender den Tagesspruch liest. Das Schlimmste ist, wenn sie am Sonntagnachmittag ohne ihn wegfahren. Dann sperren sie ihn zu Hause in den Estrich. Weil er stören würde beim Verwandtenbesuch? Damit er nichts Dummes macht im Haus? Als Strafe für irgendetwas?

Dann liegt er auf seinen Lumpen und schluchzt, dass ihm fast die Luft wegbleibt, immer in der vergeblichen Hoffnung, dass ihn jemand hört. Er weint und weint, bis er keine Tränen mehr hat, dann lauscht er auf die Geräusche von draussen, auf die spielenden Kinder, die vor­beifahrenden Autos. Sehen kann er nichts, das Dachfens­terchen gibt nur den Blick nach oben frei, man kann den Kopf nicht hinausstrecken, selbst wenn man es öffnet. Er legt sich wieder hin und starrt ins Gebälk und denkt nach, Stunde um Stunde, ganze öde Sonntagnachmit­tage lang. Er kennt jedes Astloch in den Dachsparren, jeden Nagel, jeden Ziegel, jede Stelle, wo einer verrutscht ist und das Sonnenlicht hereinfällt. Oder der Regen.

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