Читать книгу: «Grenzgängerin»
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Wörterseh-Bestseller als Taschenbuch
Die Originalausgabe erschien im Wörterseh-Verlag
© 2017 Wörterseh, Lachen SZ
Lektorat: Andrea Leuthold
Korrektorat: Brigitte Matern
Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina
Fotos Umschlag und Bildteil: Privatarchiv Evelyne Binsack
Bildbearbeitung: Michael C. Thumm
Karten, Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate Simson
ISBN 978-3-03763-319-9 (Taschenbuch)
ISBN 978-3-03763-093-8 (Originalausgabe)
ISBN 978-3-03763-739-5 (E-Book)
www.woerterseh.ch
INHALT
Zum Buch
Die Personen hinter dem Buch
Prolog
Intro
Nach Mount Everest und Südpol
Die Vorbereitung
Etappe 1 Von Geissholz bis ans Nordkap mit dem Fahrrad
Etappe 2 Auf der Nansen-Route quer durch Grönland
Etappe 3 Spitzbergen im Alleingang, ein Versuch
Etappe 4 Auf zum Nordpol
Über den Nordpol hinaus
Bildteil
Epilog
Zum Buch

Evelyne Binsack ist die erste Schweizerin, die 2001 auf dem höchsten Punkt unseres Planeten, dem Mount Everest, stand. Schon damals war ihr klar, dass sie eines Tages auch den südlichsten Punkt der Welt erreichen wollte. Fünf Jahre später machte sie sich daher auf, die 25 000 Kilometer, die zwischen ihrer Haustür und dem Südpol liegen, zu Fuß, mit dem Fahrrad und auf Skiern zu überwinden. Dabei durchquerte sie in 484 Tagen sechzehn Länder. Fast zehn Jahre später folgte der dritte Streich, den nördlichsten Punkt unserer Erde nur mit Muskelkraft zu erreichen. Nach elf Monaten Planungsphase und 105 Tagen Expedition erreichte die charismatische Abenteurerin am 12. April 2017 den Nordpol. Und das gut einen Monat vor ihrem fünfzigsten Geburtstag.
»Führung bedeutet, Sicherheit auszustrahlen, und sie bedeutet auch, in Phasen der Entscheidung Einsamkeit aushalten zu können.«
Evelyne Binsack
Die Personen
hinter dem Buch
Evelyne Binsack, geb. 1967, verstand schon früh, dass es für das Überleben in der Steilwand essenziell ist, die Gesetze der Natur zu respektieren und die physischen sowie die mentalen Fähigkeiten unermüdlich zu trainieren. 1991 absolvierte sie als eine der ersten Frauen Europas die Ausbildung zur diplomierten Bergführerin und bestieg zehn Jahre später als erste Schweizerin den Mount Everest. Im September 2006 startete sie vor ihrer Haustür Richtung Süden, war unterwegs mit dem Fahrrad, zu Fuß, mit Skiern und dem Schlitten und kam nach 484 Tagen am Südpol an. Aber erst 2017 erfüllte sich ihr lang gehegter Traum, aus eigener Muskelkraft auch noch zum Nordpol zu gelangen. Über das Erreichen dieser drei Pole sind folgende Bücher erschienen: »Schritte an der Grenze«, »Expedition Antarctica« und »Grenzgängerin«. Evelyne Binsack, die im Berner Oberland lebt, arbeitet als Bergführerin und ist eine gefragte Referentin. In ihren Vorträgen geht es um Themen wie Risikomanagement, Selbstführung und Zielverwirklichung ebenso wie um ihr Leben und ihre Passion. Einen neuen Weg beschreitet sie, indem sie andere Menschen nicht mehr nur als Bergführerin auf Berge, sondern auch als Beraterin und Mentorin begleitet. Mehr dazu unter: binsack.ch
© Eddy Risch
Doris Büchel, geb. 1971 in Buchs SG, ist Autorin und Herausgeberin der »Edition Onepage« – eines Magazins, das auch ein Plakat ist. Sie schrieb vor allem Porträts und Reportagen für Magazine und fokussiert sich heute auf das Verfassen von Biografien. Bei Wörterseh erschien nach »Grenzgängerin«, auch der Bestseller »Game Time – Zwei Welten. Ein Weg.« (2021), eine Nahaufnahme des Schweizer Eishockey-Nationalcoaches Patrick Fischer. Doris Büchel lebt mit ihrem Mann, dem ehemaligen Skirennfahrer Marco Büchel, durch den sie die Höhen und Tiefen des Spitzensports hautnah miterlebte, in Triesenberg, Liechtenstein. sleepless-sheep.com
PROLOG
Metamorphose
Daheim bin ich Evelyne Binsack, die Bergführerin. Hier habe ich mein Haus, meine Freunde, meine Arbeit, halte Referate, gehe auf Skitouren, klettere. Manchmal bereite ich mich auf eine Expedition vor, und es kommt der Tag, an dem ich meinen Alltag und die Verpflichtungen hinter mir lasse und aufbreche. Ich bin dann zwar physisch unterwegs, in meinen Gedanken aber immer noch in meinem Haus, mit meinen Freunden, bei meiner Arbeit – alles haftet noch an mir.
Unterwegs kenne ich nur den Ausgangspunkt und das Ziel. Dazwischen lasse ich mich von meinem Gefühl leiten. Wenn ich möchte, halte ich an, betrachte, verweile, ab und zu klettere ich auf einen Berg. Oft bekomme ich unterwegs Nachrichten von Menschen, die mich fragen: »Was ist dein Plan für heute, Evelyne?« oder »Wie viele Kilometer legst du heute zurück?«. Dann habe ich ein schlechtes Gewissen, denn ich weiß es nicht. Ich weiß nichts. Ich nehme es, wie es kommt. Das bedeutet aber nicht, dass ich in den Tag hinein lebe. Es ist nur so, dass ich gern spontan entscheide. Dadurch bekomme ich ein Gefühl für das Unterwegssein.
Je weiter ich mich von daheim entferne, desto mehr bin ich den Umständen ausgesetzt, die mich auf meinen Reisen umgeben: Hitze, Kälte, Sturm, Hunger, Gefahren. Um all das zu erdulden, streife ich mein altes Leben langsam ab, Schicht um Schicht, so lange, bis nur noch meine Persönlichkeit übrig bleibt, pur. Dieser Übergang ist mit viel Schmerz verbunden. Schließlich verlasse ich jemanden, der mir lieb ist. Ich werde sehr empfindsam und empfänglich. Aber nicht nur in Zusammenhang mit Negativem, sondern vor allem in Bezug auf die Pracht dieser Welt. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich die meiste Zeit im Zelt auf dem Boden schlafe? Das ergibt eine starke Verbindung zwischen mir und Mutter Erde.
Dann bin ich diese neue Person, mehr Tier als Mensch, nehme mich nicht mehr als Individuum wahr, sondern als Teil des Ganzen. Mein Verstand ist wach, meine Sinne sind geschärft, in einer Notsituation gibt es nur noch drei Möglichkeiten: Angriff, Flucht oder mich tot stellen. Das ist der pure Instinkt. Auch die Tiere reagieren anders auf mich. Sie verstecken sich nicht mehr vor mir, sind vielmehr neugierig. So wie damals: Ich war mit dem Fahrrad unterwegs zum Nordkap – der ersten meiner vier Etappen auf dem Weg zum Nordpol –, als plötzlich eine Elchkuh und ein Elch aus dem Nichts auftauchten. Es war sehr früh am Morgen, es regnete leicht, und ich war spät dran, denn ich wollte unbedingt die nächste Fähre erwischen, weshalb ich heftig in die Pedale trat. Vermutlich hatte ich die Tiere aufgeschreckt, doch sie flüchteten nicht vor mir, sondern galoppierten eine ganze Weile neben mir her. Ihr geschmeidiger Gang, ihre reine Gegenwart ließen mich meine Eile vergessen. Es existierte nur noch das Hier und Jetzt. Die absolute Präsenz. Glück. Daran denke ich manchmal, wenn mich Menschen nach dem schönsten, dem härtesten, dem besten Moment meiner Expeditionen fragen. Nein, es war nicht nur die Ankunft auf dem Gipfel des Mount Everest und auch nicht, als ich den Südpol oder den Nordpol erreichte. Es waren die kleinen, feinen, vermeintlich gewöhnlichen Momente, die einerseits kaum der Rede wert, andererseits aber so unglaublich wertvoll sind.
Irgendwann komme ich wieder heim und durchlaufe dieselbe Phase, in umgekehrter Reihenfolge. Ich bin dann Evelyne Binsack, die Abenteurerin. Hart im Nehmen, gleichzeitig verletzlich. Ich erinnere mich an einen Abend – ich war noch nicht lange zurück von meiner 484-tägigen Expedition zum Südpol –, an dem ich nach einem meiner Referate aus dem Saal kam und den Vollmond erblickte. Er strahlte mich an, und wie ich so dastand und mich in seinem bleichen Rund verlor, fühlte ich mich, als würde man mir mein Herz aus der Brust reißen. Einfach, weil mich der Mond in jenem Moment so sehr an die prägende Zeit erinnerte, als ich allein in der endlosen Weite unterwegs war. Weil ich realisierte, wie sehr ich mich nach dieser Verbundenheit mit dem Himmel, der Erde und den Tieren zurücksehnte. Und weil ich die Stille vermisste. Die Stille in meinem Kopf. Denn hier finde ich sie nicht. Diese Welt ist laut. Und rau. Rauer als jeder Sturm in der unendlichen Weite der Arktis oder der Antarktis. Der Sturm dort ist auch rau und unerbittlich. Er zeigt mir meine Verletzlichkeit auf. Aber auf meinen Expeditionen lebe ich mit dieser Verletzlichkeit. Sie ist ein Teil von mir. Ich nehme sie an, wie sie ist. Sie ist keine Schwäche. Und wenn sich der Himmel mitten im Sturm wieder auftut und das Wetter Erbarmen mit mir zeigt, dann erzeugt das in mir eine unendliche Dankbarkeit und Demut.
Ist das Unterwegssein nicht ein Ur-Antrieb, der in jedem von uns schlummert? Sind wir nicht alle Nomaden? Und Pilger? Kommt nicht daher diese diffuse Sehnsucht, die so viele von uns umtreibt? Weil wir vom Ur-Instinkt her Reisende sind? Wir wissen um unsere Verletzbarkeit, wenn wir unterwegs sind. Das sind die Momente, in denen wir uns nahe sind, offen und empfindsam. Nur: Wenn wir aufbrechen, um dieses Gefühl zu finden, dann kommen wir nicht in diese Empfindung hinein. Wir können nur in etwas Neues aufbrechen, wenn wir das Alte hinter uns lassen. Zu Pilgern werden und zu Nomaden. Zu dem, was wir seit Jahrtausenden sind.
INTRO
Der Schuss fällt am 11. April 2017 um 10.55 Uhr. Er hallt noch immer in mir nach. Der Eisbär zuckt zusammen, wendet sich ab, flieht in die entgegengesetzte Richtung, bleibt abrupt stehen, schüttelt seinen mächtigen Kopf und verschwindet in langen Schritten, taumelnd, hinter den Eisblöcken und damit aus unserem Blickfeld. Ich schalte die Kamera aus. Entsetzen in meinen Augen, Adrenalin in meinem Blut. Ich kann nicht glauben, dass Dixie gegen alle Regeln verstoßen und Pavel, nach nur einem einzigen Warnschuss, befohlen hat, auf den Eisbären zu schießen. Ich gehe zu den Fußspuren des Bären, sehe vereinzelte Blutstropfen im Schnee. Marin fragt Dixie, ob der Bär überleben wird, und Dixie, als könnte er dies wissen, sagt Ja. Mir ist schlecht.
NACH MOUNT EVEREST UND SÜDPOL
Seit ich 2001 den Gipfel des Mount Everest bestiegen und 2007 den südlichsten Punkt der Erde erreicht hatte, träumte ich davon, auch den dritten Pol, den Nordpol, zu begehen. Lange glaubte ich allerdings nicht mehr daran, noch einmal die mentale Kraft und die geistige Stärke aufbringen zu können, um erneut die Bereitschaft für ein Abenteuer von diesem Format zu generieren.
Bevor ich mich damals, am 10. November 2007, zu meiner letzten Etappe von Patriot Hills über Hercules Inlet bis zum Südpol aufmachte, hatte ich mich innerhalb von kurzer Zeit bewusst von 61 auf 72 Kilogramm hochgefuttert. Ich war bereits 430 Tage lang unterwegs und hatte ursprünglich geplant, für den Endspurt zum Südpol noch schwerer zu werden. Ich wusste, ich würde die zusätzlichen Pfunde benötigen, würde ich doch auf dem beschwerlichen Weg von 1200 Kilometern durch die Antarktis viel Gewicht verlieren. Mein Körper reagierte prompt auf die drastische Gewichtszunahme. Der Stoffwechsel rebellierte, meine Ausdünstung veränderte sich, ich begann zu stinken. Nein, ich mochte dieses neue Körpergefühl überhaupt nicht, wusste aber, dass mir die zusätzlichen Kilos auf meinen Hüften unter Umständen das Leben retten würden. Tatsächlich verlor ich während jener Etappe innerhalb von fünfzig Tagen rund vierzehn Kilos, sodass ich bei meiner Ankunft am Südpol, bei einer Körpergröße von 1 Meter 78, nur noch 58 Kilogramm wog. Für meinen Körper war dies ein erneuter Schock, den es zu verdauen galt. Es dauerte ungefähr ein halbes Jahr, bis er sich erholt und wieder bei seinem Wohlfühlgewicht eingependelt hatte.
Doch nicht nur der Körper rebellierte. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz stellte ich an mir weitere Veränderungen fest. Ich war auf dem Weg zum Südpol täglich zehn, manchmal zwölf Stunden unterwegs gewesen, dies unter enormen körperlichen Anstrengungen und bei unerbittlicher Kälte. Oft war ich erschöpft und hungrig, ich fror, und irgendetwas schmerzte immer. Mal war es die Achillessehne, ein anderes Mal waren es die Druckstellen an Schultern oder Hüften vom Ziehen des hundert Kilogramm schweren Schlittens. Auch die Psyche liebte es, mir unterwegs Streiche zu spielen. Sie zauberte verführerische Bilder in meinen Kopf von Erdbeertörtchen oder mit Puderzucker bestäubten Waffeln und redete mir ein, ich sei die bemitleidenswerteste Frau der Welt, weil ich dem Wind, der Kälte und der endlosen Weite der Antarktis ausgesetzt war. Hörte ich auf sie, wurde jeder Schritt noch mühsamer, der Schlitten noch schwerer und die eisige Kälte kroch noch tiefer in mich hinein.
Aus Erfahrung wusste ich: Negative Gedanken ziehen mir Energie ab, positive Gedanken wirken sich positiv auf meine mentale Verfassung und somit auch auf meine Schmerzen aus. Denn wie sehr ich mich auch selbst bemitleidete, es änderte nichts an der Tatsache, dass ich war, wo ich war: in der eisig kalten Antarktis. An dem Ort, den ich mir selber ausgesucht hatte. Der mich magisch anzog. Mich in seiner Schönheit und Anmut faszinierte. Beseelte. Paradox, ich weiß.
Ich gewöhnte mir das Beten an. Das Rezitieren einzelner Sätze half mir, in einen Geh-Rhythmus zu kommen und meine Gedanken in eine positive Richtung zu lenken. Den Rhythmus des Gebetes verband ich mit dem Rhythmus meiner Schritte. Je schneller ich ging, desto schneller rezitierte ich in Gedanken die Sätze, je langsamer ich ging, desto langsamer wiederholte ich sie.
Atme in mir, Heiliger Geist,
dass ich Heiliges denke.
Dränge mich, Heiliger Geist,
dass ich Heiliges tue.
Locke mich, Heiliger Geist,
dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, Heiliger Geist,
dass ich Heiliges hüte.
Behüte mich, Heiliger Geist,
dass ich das Heilige nie mehr verliere.
Gebete wie dieses habe ich als Kind von meiner Mutter gelernt. Sie haben mich geprägt. Und obwohl ich nicht im katholisch anerzogenen Sinn religiös bin, taten sie mir gut. Sie halfen mir auf meinem Weg ans Ziel. Denn manchmal, wenn ich lange unterwegs und in negativen Gedanken gefangen war, war alles Ewigkeit. Das Beten half. Je öfter ich die Sätze wiederholte, desto mehr gab ich Raum, Zeit und Schmerz aus meinen Händen. Ich wiederholte die Sätze so lange, bis ich daran glaubte: Alles wird gut.
Vielleicht war ich nach meiner Expedition zum Südpol in einem Stadium, in das auch Mönche mit der Zeit gelangen. Denn wieder daheim, fühlte ich mich wie gehäutet, durchgeputzt, sowohl im Geist wie auch im Körper. Die Folge war, dass ich nach dieser langen Zeit in der Einsamkeit und Stille der Antarktis schlicht überfordert war von den vielen äußeren Einflüssen, die hier auf mich einprasselten. So richtig realisierte ich diese Empfindsamkeit, als ich mit meiner Schwester Jacqueline in einem Restaurant zum Nachtessen war. Es war vielleicht drei Wochen nach meiner Rückkehr vom Südpol, wir hatten uns viel zu erzählen, doch anstatt mich auf das Gespräch zu konzentrieren, nahm ich alles andere wahr: das Rattern der Kasse, das Scheppern der Hintergrundmusik aus dem Radio, das Rauschen des Kühlschranks in der Ecke, das Gelächter der anderen Gäste. Bald wurde mir alles zu viel. Ich schloss mitten in der Unterhaltung die Augen. Wie aus der Ferne hörte ich die Stimme meiner Schwester. Sie fragte: »Evelyne, wo bist du?«, und ich antwortete ihr, dass ich einen Moment für mich brauche. Ich versuchte, mich nur auf meinen Atem zu konzentrieren, dann beruhigte ich mich wieder.
Erfahrungen dieser Art häuften sich, und es wurde mir fast unmöglich, in ein Restaurant oder überhaupt unter Menschen zu gehen. Die Blicke, Bewegungen und Emotionen der anderen schienen mich ungefiltert zu treffen. Es war, als würde ich die Absichten der Menschen erkennen, bevor sie etwas sagten oder taten. Diese Welt überforderte mich. Sie war laut. Sie war rau. Sie war hektisch. Und immer mehr beschäftigte mich die Frage: Bin ich in diesem Zustand überhaupt noch gesellschaftsfähig? Die ehrliche Antwort lautete wohl: Nein, das bin ich nicht. Trotzdem hatte ich zu funktionieren. Mein Bankkonto war leer, ich musste ein neues Referat vorbereiten, eine Vortragstour organisieren, bei Medienveranstaltungen auftreten, mein Backoffice in Ordnung bringen, zurück in den Alltag finden. Um meine diffusen Empfindungen wollte ich mich später kümmern. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr legten sich die äußeren Einflüsse darüber wie ein schwerer Teppich. Ich passte mich langsam wieder an, machte weiter. Es wurde besser. Ich funktionierte.
Gasherbrum II
Juni 2010
Der dritte Sommer nach meiner Expedition zum Südpol hielt eben erst Einzug, als ich beschloss, wieder einmal einen Achttausender zu erklimmen. Ich entschied mich für den Gasherbrum II in Pakistan, der mit seinen 8034 Metern zwar der dreizehnthöchste Berg der Welt, aber doch einer der kleineren Achttausender ist. Mit ihm wollte ich meine Höhen-Bergsteiger-Ära gebührend abschließen. Ich hatte damals den Eindruck, in meinem Leben genug Zeit in Basislagern vertan und auf gutes Wetter gehofft zu haben.
Ich flog also von der Schweiz nach Islamabad und von dort aus weiter mit einem kleineren Flugzeug nach Skardu, dem Hauptort der Region Baltistan, gelegen auf einem rund 2500 Meter hohen Plateau. Weiter ging es über den berühmt-berüchtigten Karakorum-Highway nach Askole. Ich mietete einen Jeep samt Fahrer, der mich innerhalb von zwei Tagen sicher über die ewig lange Fernstraße ruckelte, die Pakistan mit China verbindet und an den exponiertesten Stellen mit ihren senkrechten Abgründen eher der Vorhölle als einer Straße gleicht. Von Askole aus, einem kleinen Dorf im Braldu-Tal, machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum Basislager. Die Gegend war nicht etwa bunt und lieblich wie in Nepal, sondern vielmehr rau, grau, staubig, karg. Eigenwillig und ungezähmt wand sich der Fluss Shigar talabwärts. Entlang des Weges ragten schroffe Klippen imposant und mächtig in den Himmel, fast so, als würden sie für mich Spalier stehen. Vier Tage lang dauerte der eindrückliche Fußmarsch durch dieses Gebirgstal, das den Ruf genießt, das spektakulärste der Welt zu sein. Dann kam der Einstieg auf den Baltoro-Gletscher und weitere zehn Tage später, endlich, die Ankunft im Basislager.
Obwohl ich aus logistischen und finanziellen Gründen mit einer internationalen Expedition zusammenarbeitete, war ich allein mit meinem pakistanischen Begleiter »Little Hussain« unterwegs, einem kleinen, knorrigen, aber sehr starken und zuverlässigen Hochträger aus dem Volk der Baltis. Mit ihm zusammen wollte ich den Gipfel erreichen. Noch hatte jeder von uns sein eigenes Zelt; ein Luxus, den ich uns in den ersten Tagen der Akklimatisationsphase gönnte. Grundsätzlich geht es für einen Muslim nicht, mit einer Frau, mit der er nicht verheiratet ist, im selben Zelt zu schlafen. Aber erstens gelten am Berg andere Regeln, und zweitens sind die Baltis in dieser Hinsicht ein unkompliziertes Volk. Sicher war auch Little Hussain froh über die Privatsphäre, schließlich würden wir noch genug Zeit zusammen verbringen. Der Plan war, nach ein paar Tagen im Basislager zur ersten Akklimatisierung ins Lager 1 aufzusteigen.
Ich hatte mich enorm auf diesen Berg gefreut, bemerkte aber schon im Basislager, dass meine innere Motivation fehlte. Ich kenne mich und weiß, dass ich zu Beginn einer Bergbesteigung am liebsten explodieren möchte vor Freude. Doch dieses Mal fehlte diese gewaltige Kraft, die mich normalerweise auf den Gipfel zieht. Stattdessen fühlte ich eine innere Unruhe, die zunehmend stärker wurde. Sie begleitete mich auch nachts im Zelt und hinderte mich am Einschlafen. Aus der inneren Unruhe wurde ein Herzrasen, meine Hände schwitzten, mir wurde heiß, dann wieder kalt. Die Situation war neu für mich und traf mich völlig unerwartet. In meiner Verzweiflung fing ich an, mir Erklärungen für diese eigenartigen Symptome auszudenken. Reagierte ich deshalb so intensiv, weil ich den Berg und die zum Gipfel führende Route noch nicht kannte? Weil ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde? Wie viele Gletscherspalten es gäbe und wo diese waren? Ob wir von den mächtigen Staub- und Schneebrettlawinen verschont bleiben würden?
Trotz einer weiteren schlaflosen Nacht stand ich wie geplant morgens um vier Uhr auf und zwang mich dazu, eine Kleinigkeit zu essen. Meinen Rucksack hatte ich schon am Vorabend gepackt. Bei Finsternis machten wir uns auf zum Lager 1. Bald erreichten wir in einem Talkessel das Hochplateau, auf dem sich die mächtigen Sieben- und Achttausender im Halbkreis aneinanderreihten wie in einem Amphitheater. Es schien, als wollten sie uns sagen: »Seht her, wie schön, stolz und mächtig wir sind!« Das war auch der Moment, als ich zum ersten Mal den Gasherbrum II sah, diesen wunderschönen Berg, ein ästhetisches Meisterwerk der Schöpfung. Einladend sah er aus, wohlgesinnt, eine ebenmäßige Pyramide, von der ich meine Augen nicht mehr abwenden wollte. Je höher wir stiegen, desto mehr entspannte ich mich. Jetzt sah ich es mit eigenen Augen: Die Verhältnisse am Berg waren größtenteils gut. Einzig in der Passage zwischen Lager 1 und Lager 3 herrschte noch Lawinengefahr. Den Rest konnte ich von den Risiken her als relativ harmlos einstufen. Nach insgesamt fünf Stunden Aufstieg erreichten wir Lager 1. Gemeinsam stellten wir unsere Zelte auf, sicherten sie gegen Sturm und machten uns nach einer kurzen Rast auf den Weg zurück ins Basislager. Die erste von drei Akklimatisationstouren war geschafft. Ich war beruhigt.
Die Akklimatisationsphase ist sehr wichtig, um den Körper langsam an einen Achttausender anzupassen. Steigt man nämlich ohne oder mit ungenügender Akklimatisation zu schnell in hohe Höhen auf, erkrankt der Körper an einem Lungen- oder Hirnödem. Diese Krankheit endet meist tödlich, wenn der Bergsteiger es nicht rechtzeitig schafft, in tiefere Lagen abzusteigen. Die Akklimatisationsphase beinhaltet in der Regel drei Zyklen, in denen man am Berg gleichzeitig das vorgeschobene Basislager und die Hochlager aufbaut.
Akklimatisationszyklus 1 von 3
– Drei oder vier Tage Aufenthalt im Basislager auf rund 5000 Meter Höhe.
– Aufsteigen zum Lager 1 (identisch mit vorgeschobenem Basislager, auch »Advanced Base Camp« oder kurz ABC genannt), Lager 1 einrichten und ohne übernachten zurück ins Basislager.
– Zwei, drei Tage zum Ausruhen im Basislager verweilen.
Akklimatisationszyklus 2 von 3
– Aufsteigen zum Lager 1, einmal übernachten, aufsteigen zum Lager 2, Lager 2 einrichten, ohne übernachten zurück zum Lager 1, zweimal im Lager 1 übernachten, absteigen ins Basislager.
– Drei, vier Tage im Basislager verweilen.
Akklimatisationszyklus 3 von 3
– Aufsteigen zum Lager 1, einmal schlafen im Lager 1, aufsteigen zum Lager 2, einmal im Lager 2 übernachten, aufsteigen zum Lager 3, Lager 3 einrichten und in der Regel einmal im Lager 3 übernachten.
– Dann entweder ins Lager 2 absteigen, noch einmal im Lager 2 übernachten oder – wenn man sich nicht so gut fühlt – Abstieg zurück ins Basislager.
Gipfelanstieg
1. Tag: Aufsteigen zum Lager 1, dort übernachten.
2. Tag: Aufsteigen zum Lager 2, dort übernachten (oder bei sehr guter physischer und mentaler Verfassung direkt Aufstieg von Lager 1 zu Lager 3).
3. Tag: Aufsteigen zum Lager 3, dort übernachten.
4. Tag: Aufsteigen auf den Gipfel und danach, wenn möglich, direkter Abstieg ins Basislager.
Bevor wir also drei Tage später für den zweiten Akklimatisationszyklus erneut zum Lager 1 aufstiegen, überkamen mich nachts wie aus dem Nichts wieder dieselben Symptome. Nun machte es absolut keinen Sinn mehr. Ich kannte ja alle möglichen Gefahren und wusste, dass ich fähig war, diesen Berg zu besteigen, sofern ich gesund blieb, das Wetter mitspielte und die Lawinensituation nicht zu gefährlich wurde. Ich versuchte zu schlafen, doch mein Herz raste. Mir war heiß, dann wieder kalt, und ich verspürte absolut keine Freude. Im Gegenteil. Ich konnte mir einfach nicht erklären, warum mein Körper derart mit Stress und Panik reagierte. Doch unterkriegen ließ ich mich nicht. Um zwei Uhr morgens machten wir uns in der Dunkelheit auf den bereits bekannten Weg über den Gletscher Richtung Lager 1, wo wir eine Nacht bleiben wollten, um am folgenden Tag weiter zum Lager 2 hochzusteigen. Der Aufstieg verlief problemlos. Als wir unser Tagesziel erreicht und unser Camp bezogen hatten, kochte ich Schnee zu heißem Wasser auf und aß eine Kleinigkeit. Kurz darauf musste ich mich heftig übergeben. Später kam Durchfall dazu, und alles fing von vorn an: Herzrasen, Schweißausbrüche, Panik.
Unabhängig von dieser Expedition geriet mir vor meiner Reise nach Pakistan das Buch »Intelligente Zellen« in die Finger. Ein Buch darüber, wie Erfahrungen unsere Gene steuern. Darin beschreibt der Zellbiologe Dr. Bruce Lipton, wie unser Denken und Fühlen bis in jede einzelne unserer Zellen hineinwirkt und wie dies auf molekularer Ebene vor sich geht. Mich faszinierte dieses Buch, weil es in einer – für Laien wie mich – verständlichen Sprache erklärt, wie unser physisches Dasein auch unsere DNS bestimmt und sich alle sieben Jahre sämtliche Zellen in unserem Körper völlig neu zusammensetzen. Ich realisierte, dass das Südpol-Erlebnis vor zwei Jahren in der Antarktis nicht spurlos an mir vorbeigegangen war, und verstand, dass jede Zelle meines Körpers aufgrund der enormen Verausgabung am Südpol traumatisiert sein musste. Ja, ich war damals dem Erschöpfungstod nahe gewesen, nahm ihn als reale Präsenz wahr. Aber ich überlebte, kam zurück in die Schweiz, in meinen Alltag, erholte mich. Das am Südpol Erlebte wurde in den Hintergrund verdrängt. Dank dem Buch, das mir jetzt wieder in den Sinn kam, sah ich plötzlich die Zusammenhänge und verknüpfte, was ich gelesen hatte, mit meiner eigenen Geschichte: Mein Körper spürte, dass aufgrund meines Plans, einen Achttausender zu besteigen, wieder eine Grenzbelastung auf ihn zukommen würde. Davor wollte er sich schützen. Deswegen reagierte das vegetative Nervensystem in dieser Intensität!
Als Little Hussain morgens um sechs Uhr wie vereinbart an mein Zelt kam, um mich abzuholen, erklärte ich ihm, wir würden erst um acht losgehen. »Geh zurück in dein Zelt und schlaf noch ein bisschen«, sagte ich.
Er war irritiert, wir wussten beide, dass es keinen Sinn machen würde, abzuwarten. Das Wetter passte perfekt. Würden wir später starten, würde die Sonneneinstrahlung im Steilhang unterhalb vom Lager 2 stärker und damit die Gefahr eines Lawinenabgangs höher. Ich brauchte aber diese zwei Stunden, um mich definitiv zu entscheiden. Als Hussain pünktlich um acht Uhr zurückkam, sagte ich: »Etwas ist nur schwierig, solange man sich nicht entschieden hat. Ich habe mich entschieden: Ich kehre um!« Ich sagte ihm auch, dass ich ihm trotzdem das volle Honorar bezahlen würde. Er verstand die Welt nicht mehr, begann, mir Optionen aufzuzeigen. Meine Antwort fiel kurz aus: »Nein, ich breche ab.«
Wortlos stiegen wir ab ins Basislager, wo ich ihm sein Honorar für zwei Monate auszahlte, und gingen dann den langen Weg zurück nach Skardu. Dort hatte er das Glück, einen neuen Kunden zu finden, mit dem er den Gipfel doch noch besteigen konnte. So kam Little Hussain in jenem Jahr zu seinem doppelten Lohn, was ich ihm sehr gönnte. Ich hingegen flog zurück in die Schweiz. Ich konnte mir und meinem Körper eine derartige Belastung und Herausforderung nicht mehr zumuten. Und mit dieser Erkenntnis wurde mir schlagartig klar: Mein ursprüngliches Ziel, mein lang gehegter Traum, nach dem Everest und dem Südpol auch den Nordpol zu begehen, konnte ich vergessen. Mein dritter Pol war für mich Geschichte. Definitiv.
Gehirnerschütterung
April 2011
Monate später zog ich mir bei einem unverschuldeten Unfall eine Gehirnerschütterung zu. Der Sachverhalt war klar, aber die Versicherung sah es anders. Ich besorgte mir einen Anwalt, um für mein Recht zu kämpfen. Obwohl Kämpfen in meinem Fall eher »Ertragen« bedeutete. Ertragen, dass Tatsachen verdreht wurden. Ertragen, dass ich mich gegen Unwahrheiten wehren musste. Der ganze Prozess belastete mich sehr. Ich wurde in eine Welt katapultiert, in der es nicht mehr um Recht und gesunden Menschenverstand ging, sondern nur noch darum, von anderen ausgetrickst zu werden. Als ich mich so weit erholt hatte und mir meine Gesundheit erlaubte, wieder mit leichtem Joggen anzufangen, kam ich beim Training an einem alten Bauernhaus vorbei, auf dessen Fassade ein Satz aufgemalt war: »Allen, die mich kennen, geb’ Gott, was sie mir gönnen.« Dieser Schutzspruch ließ mich nicht mehr los. Ich wiederholte ihn in Gedanken fortan jedes Mal, wenn ich wieder in ein Loch zu fallen drohte. »Allen, die mich kennen, geb’ Gott, was sie mir gönnen.« So konnte ich mich jeweils ein bisschen beruhigen.
Die Erfahrung, dass mein Unfall von Anwälten anders ausgelegt wurde, als ich ihn erlebt hatte, und die Tatsache, dass mein Körper am Gasherbrum II die Bereitschaft für Extremleistungen verweigert hatte, war für mich eine völlig neue Erfahrung, die mir zu schaffen machte. Immer konnte ich mich bisher auf meinen starken Willen verlassen. Er war meine wichtigste Kraft, meine unerschöpfliche Energiequelle. Nun schwand er dahin. Die Frage »Was ist Willenskraft und woher kommt sie?« ließ mich nicht mehr los, und so reifte in mir die Idee, dem Thema einen Dokumentarfilm zu widmen. Ein Jahr lang wollte ich das Handwerk des Filmemachens erlernen und fand nach einigem Recherchieren eine Schule, die meinen Vorstellungen entsprach – in Hollywood. Ausgerechnet!
Ich leitete alles Notwendige in die Wege, musste mit meiner Reise nach Los Angeles aber noch einige Monate zuwarten, weil mein Gehirn nach meinem Unfall noch nicht genügend leistungsfähig war. Noch immer plagten mich Kopfschmerzen, sobald ich mich für längere Zeit konzentrieren musste, und jeder Druckwechsel in der Atmosphäre kündigte sich mit einem stumpfen Stechen unter der Hirnrinde an, das sich rasch von den Augen bis zum Hinterkopf ausdehnte. Der Lebenspartner einer lieben Freundin war damals überraschend verstorben. Ich kümmerte mich um sie und sie sich um mich. Sie fuhr mich zu meinen Referaten und Veranstaltungen und hielt mir den Rücken frei. So konnte ich immerhin Teilen meiner Arbeit nachgehen.
Es war Januar 2012, als ich mich von meinen Lieben verabschiedete und nach Los Angeles reiste. Die Millionenmetropole, direkt an der US-amerikanischen Pazifikküste, mag für viele eine Traum-Destination sein, für mich war sie der reine Albtraum. Nicht nur, dass ich schon wieder weit weg war von meinem Lebenspartner, meinen Freunden und meinen geliebten Bergen, nein, es war erst noch Winter, und während ich in Hollywood die Schulbank drückte und erfolglos versuchte, mein Heimweh zu verdrängen, unternahmen sie daheim die tollsten Skitouren. Aber was ich mir in den Kopf gesetzt hatte, zog ich durch. Umso mehr freute ich mich, im Mai für ein paar Tage heimzukommen, um meinen 45. Geburtstag zu feiern.
Wir richteten uns gemütlich in meiner Waldhütte ein, die ich vor ein paar Jahren gekauft hatte und in die ich mich seither gern hin und wieder zurückziehe, wir grillierten, lachten – das Leben war gut. Kaum hatten sich dann die letzten Gäste verabschiedet, überraschte mich mein Partner mit einem speziellen Geburtstagsgeschenk: »Evelyne, ich liebe eine andere Frau«, sagte er, einfach so. Sein Geständnis traf mich wie ein Faustschlag. Wir hatten in unserer zweijährigen Beziehung weder Krisen noch Streitereien gehabt. Nie zuvor war ich mir so sicher gewesen, meinen Seelenpartner gefunden zu haben. Bis dass der Tod uns scheidet, das war für mich klar. Ich finde keine Worte, um zu beschreiben, was ich damals fühlte. In Momenten wie diesen ist meine Sprache am Ende.
Die Bilanz nach meiner Geburtstagsfeier war rabenschwarz: Seit meinem Unfall funktionierte mein Gehirn nicht mehr wie früher, ich konnte mich schlecht konzentrieren, würde vermutlich die Höhe nicht mehr gut vertragen, was ich bereits bei kleineren Bergtouren in der umliegenden Region spürte, und meine Beziehung war ein Scherbenhaufen. Auch der laufende Strafprozess gegen die Unfallverursacher vor einem Jahr setzte mir nach wie vor zu. Ich kannte den Ausgang nicht, musste viel Geld investieren, es wurden Unwahrheiten verbreitet. Erst als mein ehemaliger Partner und ich uns kurz vor meiner Rückkehr nach Los Angeles dazu entschieden, uns noch einmal eine Chance zu geben, fasste ich neuen Mut. Weitere sieben Monate später beendete ich die Filmschule und kehrte hoffnungsvoll in die Schweiz zurück. Doch kaum war ich zwei Wochen daheim, hatte mein Freund erneut eine Überraschung für mich bereit: Er brauche eine Auszeit, sagte er. Das war endgültig zu viel für mich. Ich klappte wortwörtlich zusammen. Minuten fühlten sich an wie Stunden, Stunden wie Tage, und die Tage dehnten sich ins Endlose aus. Die Zeit stand still, während ich in einem Gefühl der Angst und Unsicherheit verharrte. Ich war am Tiefpunkt angelangt.
In meiner Verzweiflung rief ich meine Schwester an. Ich brauchte sie, denn ich wusste nicht, auf was für Gedanken ich in meiner Not noch kommen würde. Sie kam sofort zu mir, und wenig später fand ich mich bei einem Psychologen wieder, der mich als Notfall aufnahm. Nach ein paar Tagen hatte ich mich wieder einigermaßen aufgerappelt. Auch meine Freundinnen waren mir in jener Zeit eine wertvolle Stütze. Bei einem der unzähligen Gespräche fragte ich eine von ihnen, was ihr damals über die Trennung von ihrem Lebenspartner hinweggeholfen habe.
»Mein Entschluss, eine neue Herausforderung anzusteuern und die Bergführer-Ausbildung zu machen«, antwortete sie. Als sie für sich dieses hohe Ziel gesetzt habe, sei es mit ihr aufwärtsgegangen. In diesem Moment klopfte der Nordpol wieder an meine Tür, und zwar in einer Heftigkeit, die mir keine andere Wahl ließ, als ihn hereinzubitten. Lange hatte ich ihn ignoriert. Aber ich wollte dieses Ziel, meinen dritten Pol, trotz allem erreichen, das wurde mir schlagartig bewusst. Er war der gute Freund, den ich so lange vermisst hatte und der jetzt plötzlich wieder vor mir stand und mich herzlich umarmte.
Sofort begann es in meinem Kopf zu rotieren. Mein erster Gedanke war, dass ich von daheim aus mit dem Fahrrad nach Russland fahren und von dort aus eine wilde Tour zum Nordpol machen könnte. Ich recherchierte, merkte aber schnell, dass sich dieses Unterfangen nicht finanzieren ließe. Zusammen mit der logistischen Unterstützung, hätte mich diese Ost-Variante mindestens eine halbe Million Franken gekostet. Dieses Geld hatte ich nicht, und ich wollte es auch nicht mit der Hilfe von Sponsoren auftreiben. Außerdem war mir klar, dass ich mich nicht noch einmal so nahe am Limit bewegen wollte wie damals bei meiner Expedition zum Südpol. Ich überlegte, suchte Lösungen. Eine Alternative wäre die West-Variante via Nordkap, Grönland und Spitzbergen bis zum Nordpol. Diese wäre kürzer und ließe sich in vier einzelne Etappen aufteilen, was mir zwischendurch immer wieder Verschnaufpausen daheim ermöglichen würde.
Doch mein Ego und mein Stolz stellten sich quer. Sie wollten nicht die bequeme West-Variante – die ich innerlich als Angsthasen-Route zu bezeichnen begann, weil sie kürzer war und auf der ersten Etappe durch touristisch erschlossene Gebiete führte. Mein Ego wollte die wilde, die ursprüngliche, die coole Variante via Russland! Aber wie ich es auch drehte und wendete: Die West-Variante war die vernünftigere von beiden. Sie war meine reelle Chance, nach dem Everest und dem Südpol noch meinen dritten Pol zu erreichen. Die Entscheidung fiel mir trotzdem schwer – denn für mich bedeutete die Angsthasen-Route ein Eingestehen von Schwäche. Das Gute an der Sache aber war: Ich hatte meinen inneren Widerstand gegen den Nordpol bezwungen und einen riesigen Schritt vorwärts gemacht. Ich hatte wieder ein Ziel, endlich.
DIE VORBEREITUNG
2013 bis 2016
Abenteuer wie die bevorstehende Expedition zum Nordpol oder auch die Expedition zwischen 2006 und 2007 zum Südpol benötigen nebst aufwendigen Vorbereitungen und großen physischen Grundvoraussetzungen vor allem eines: die Bereitwilligkeit im Kopf. Eine absolute mentale und geistige Zusage für das Ziel. Für das Ziel, von dem man weiß, dass es einen in seiner Härte an die Grenzen und zeitweise darüber hinaus fordern wird. Eine solche innere Bereitschaft entsteht nicht über Nacht. Sie ist das jahrelange, langsame Heranwachsen einer Energie, die nach außen unsichtbar ist, von der aber alles abhängt. Vor allem das Überleben. Deswegen wähle ich für meine Nordpolexpedition den Namen »90° North – 100 % Commitment«. Neunzig Grad nördliche Breite beschreibt den geografischen Nordpol. Um dieses Ziel aus eigener Muskelkraft zu erreichen, braucht es ein hundertprozentiges Commitment, eine hundertprozentige innere Verpflichtung gegenüber dem bevorstehenden Ziel. Es ist das Bejahen von Ängsten und Zweifeln, von Mängeln und Unsicherheiten. Es ist das Eintauchen in eine bedrohliche Welt, die alles von einem fordert, alles von einem nimmt, in der man nichts mehr verlieren kann und das Überleben das Einzige ist, das übrig bleibt.
Reinhold Messner spricht in diesem Zusammenhang in einem Interview, das ich mit ihm für meinen Dokumentarfilm führte, von »Wiedergeburt«. Er sagte: »Diese Wiedergeburt, also dieses Gefühl, wiedergeboren zu sein, ist nur möglich, wenn ich aus einer lebensgefährlichen Welt komme. Die Kunst ist, nicht umzukommen. Aber ich gehe los und weiß, es könnte etwas passieren. Denn wenn ich allein unterwegs bin, muss nur eine Kleinigkeit passieren, dann bin ich tot. Aber ich will nicht umkommen. Und ich habe zum Glück einen Überlebensinstinkt, der mich wahrscheinlich rechtzeitig vor dem Risiko warnt. Nur so kommen die Ängste zum Tragen, die Zweifel und die Hoffnungslosigkeit. Ich werde zurückgeworfen auf meine Beschränktheit und auf meine Mängel. Und obwohl ich also umkommen könnte, gehe ich dorthin, um nicht umzukommen. Dann komme ich zurück, und mir ist nichts passiert. Ich schnaufe durch, vor allem wegen dieses Gefühls: Ich bin wiedergeboren.«
Nebst der mentalen ist auch die praktische Vorbereitung für den Nordpol eine Expedition für sich. Selbst wenn ich mich dazu entschieden habe, den Gang zum Nordpol in vier Einzeletappen aufzuteilen, bleibt die Beschaffung des Materials anspruchsvoll. Alles ist sehr individuell, kaum etwas lässt sich delegieren. Es gibt in der Schweiz zwar unzählige Bergsportläden, aber keinen einzigen Shop für polare Expeditionen. Ich muss deshalb in verschiedene Länder reisen, um die erforderliche Spezialausrüstung zusammenzutragen, und mit Gleichgesinnten reden, die ebenfalls schon polare Erfahrungen gemacht haben. Nur, der eine macht es so, und die andere macht es anders. Ich muss also selbst herausfinden, was für mich das Beste ist.
Ich brauche zum Beispiel Spezialnahrung, die täglich 6000 bis 7000 Kalorien abdecken muss, ein Kochbrennersystem, mit dem ich mein arktistaugliches Zelt während des Vorwärmprozesses des Benzinkochers nicht schon am ersten Tag abfackle, Ski mit passender Laufbindung, damit sich die Achillessehnen unter der Zuglast des Hundert-Kilogramm-Schlittens nicht bereits nach einer Woche entzünden oder – noch schlimmer – abreißen, eine Schusswaffe mit entsprechender Bewilligung, ohne die Grönland und Spitzbergen keine Expeditionsbewilligungen erteilen, alle notwendigen Dokumente für die Einreise, Versicherungen, ein Satellitentelefon samt Notsender, eine taugliche Foto- und Filmausrüstung, die bei minus 55 Grad nicht den Geist aufgibt, Solargeräte zum Füttern der Akkus und Batterien und vieles mehr. Ganz zu schweigen vom Backoffice daheim, das von Dritten betreut werden muss. Zum Vergleich: Eine Expedition auf einen Achttausender im Himalaja stelle ich innerhalb einer Woche auf die Beine. Ich muss im Grunde nur den Entschluss fassen, die Formalitäten erledigen, mich mit den richtigen Menschen in Nepal, Tibet oder Pakistan zusammentun, packen und aufbrechen. That’s it.
Natürlich helfen mir meine Erfahrungen aus bisherigen Expeditionen bei den Vorbereitungen. Sowohl der Gang zum Südpol wie auch die Trainings zuvor in den Jahren 2003 und 2004 in den Nordwest-Territorien und auf der Baffin-Insel im arktischen Kanada haben mir viel Know-how verschafft. Und doch werden in der Arktis ganz andere Themen auf mich warten als in der Antarktis.
Am Nordpol herrscht zum Beispiel eine andere Kälte als überall sonst auf der Welt. Man geht dort auf gefrorenem Wasser und nicht auf solidem Untergrund. Deshalb muss man auch das Gelände anders »lesen«. Sieht man etwa dunkle Wolken am Horizont, kann das ein Zeichen einer Schlechtwetterfront sein. Es kann aber auch bedeuten, dass sich eine offene Wasserspalte am Himmel spiegelt und die Wolken deswegen dunkler aussehen. Oder: Am Südpol ist die gefühlte Temperatur aufgrund des permanenten Windes oft kälter als am Nordpol. Aber die Antarktis ist der trockenste Kontinent der Welt, weshalb man den Schlafsack tagsüber auf den Schlitten binden und die Feuchtigkeit, die sich in der Nacht aufgrund der kondensierenden Körperwärme darin gesammelt hat, verdunsten kann. Auf dem Weg zum Nordpol geht das aber nicht – das Gelände lässt es nicht zu. Man muss immer wieder Presseis, hoch aufgetürmte Eisbrocken, überwinden, sodass der Schlitten oft seitwärts in den Schnee kippt, sich überschlägt und man ihn mühsam wieder aufrichten muss. Würde man den Schlafsack also zum Trocknen auf den Schlitten binden, wäre er abends nicht nur von innen, sondern auch von außen nass. Die Kunst ist deshalb, herauszufinden, wie man den Schlafsack in der Arktis trocken hält.
Auch die Ernährung ist ein Thema für sich. In der Antarktis habe ich zwar dehydrierte, aber immerhin richtige Mahlzeiten gekocht. In der Arktis geht das nicht, weil der Geruch von Essen die Eisbären anlocken würde. Deshalb gießt man dort nur aufgekochtes Schneewasser über gefriergetrocknete Menüs, wartet ein paar Minuten, bis sie aufgeweicht sind, und isst sie dann direkt aus dem geruchsneutralen Aluminiumbeutel.
Für meine Nordpolexpedition stellten sich mir also tausend neue Fragen:
Welche Skier wähle ich? Mit welchem Fell? Und welche Bindung passt zu meinen speziellen Expeditionsschuhen?
Die passenden Schuhe sind immens wichtig und eine Welt für sich. Ich werde schwitzen, aber der Innenschuh muss trocken bleiben. Welches Material nehme ich besser? Simple Plastiksäcke? Oder speziell angefertigte Dampfsperren?
Welches Material nehme ich bei den Socken? Wähle ich Unterwäsche aus Synthetik oder Merinowolle? Der BH muss gut stützen, aber so bequem sein, dass er nicht drückt und ich ihn Tag und Nacht anbehalten kann.
Dann kommen die Schichten. Und die Überschichten. Und die Über-Überschichten. Welches Material taugt am besten? Und welche Größen?
Wähle ich Daunenjacken? Oder Primaloft? Wie dick sollen die Jacken sein? Wichtig: Daunenjacken dürfen nicht nass werden, sonst fallen die darin enthaltenen Daunen, genauso wie im Schlafsack, in sich zusammen und isolieren nicht mehr.
Welche Handschuhe halten meine Finger warm und isolieren, auch wenn sie nass werden? Welches Material trocknet nachts im Zelt? Welche Über-Handschuhe wähle ich? Goretex? Windstopper?
Extrem der Kälte ausgesetzt ist das Gesicht. Also: Welche Gesichtsmaske taugt am besten? Welches Material hinterlässt keine Druckstellen? Druckstellen begünstigen Frostbeulen. Welches Material fühlt sich trotz gefrorener Atemluft, die sich als Eiszapfen unter der Sturmmaske ablagert, einigermaßen angenehm auf der Haut an?
Welche Kapuze schützt mich richtig, und welche Art Fell nähe ich als zusätzlichen Gesichtswindschutz an? Nehme ich Fellstreifen vom Vielfraß? Das wäre das Beste. Doch wo komme ich an ein Vielfraß-Fell? Also doch besser Fuchsfell. Ich habe noch die Fuchsfellstreifen, die ich vor zehn Jahren an die Kapuze meiner Südpol-Jacke genäht hatte. Dieses Fell gehörte meiner Großmutter. Bevor sie starb, schenkte sie es meiner Mutter. Und später schenkte es meine Mutter mir für meine Südpolexpedition. Jetzt könnte ich das Fell meiner damaligen Kapuze abtrennen und an die neue Kapuze nähen. Die Kapuze muss groß genug sein, um mein Gesicht zu schützen. Sie darf aber nicht zu groß sein, damit sie mir nicht die Sicht verdeckt und die Sturmbrille nicht anläuft. Sie darf aber auch nicht zu locker sitzen, weil sie sonst vom Wind nach hinten geweht wird.
All das und vieles mehr geht mir während der Vorbereitungsphase durch den Kopf, mit Vorliebe morgens um zwei Uhr. Ich schrecke auf, Adrenalin pumpt in mein Blut, und an ein Weiterschlafen ist nicht mehr zu denken. Ich bin hellwach, und die Gedanken fangen an zu rotieren: Was muss ich noch erledigen, welche Probleme stehen mir noch im Weg, an was habe ich vergessen zu denken? Schließlich muss ich auch das Administrative daheim erledigen, die Rechnungen bezahlen und – Mist, das Satellitentelefon darf ich nicht vergessen zu organisieren. Apropos Kommunikation und Navigation: Welches GPS wähle ich? Auf welchem Längengrad und somit in welcher Zeitzone werde ich zum Nordpol unterwegs sein?
Besser, wenn ich mich gar nicht erst zum Weiterschlafen zwinge, denn das zieht mir nur noch mehr Energie ab. So stehe ich häufig mitten in der Nacht auf, um mich an die Arbeit zu machen, mit dem Ergebnis, dass ich wochenlang mit Augenringen durch die Gegend wandle. Kurze und intensive Trainingseinheiten sind in dieser wichtigen Phase das Einzige, was ich mir nicht nehmen lasse. Freunde, Familie, ausgedehnte Klettertouren – fast alles andere muss ich der Reise opfern. Und das, lange bevor sie überhaupt losgeht.
Aber: Die Entscheidung, zum Nordpol zu gehen, wenn auch in vier Etappen, hilft mir, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die erste Etappe wird mich von daheim aus mit dem Fahrrad zum Nordkap führen, in der zweiten Etappe werde ich in einem Team Grönland traversieren, die dritte Etappe wird eine anspruchsvolle Durchquerung Spitzbergens im Alleingang werden, und in der vierten Etappe werde ich allein von der russischen Station Barneo aus zum Nordpol marschieren. Der Vorbereitungsprozess ist zwar sehr fordernd, aber auch wertvoll. Das Ziel zeigt mir wieder eine Richtung an. Es gibt mir eine Struktur in meinem Alltag und lenkt meine Gedanken, die in der Vergangenheit lange genug von Kummer geprägt waren, in eine positive Richtung. Wenn ich abends ins Bett gehe, weiß ich wieder, wozu ich am Morgen aufstehe. Denn der erste Besucher, den ich bis vor kurzem jeden Morgen begrüßte, war der Stein in meiner Brust, dieses dumpfe Gefühl von tiefer Traurigkeit. Dieser Stein ist zwar immer noch da, aber er ist längst nicht mehr so dominant. Dass ich mich dazu entschlossen habe, die Nordpol-Expedition fast gänzlich ohne Sponsorengelder zu finanzieren, und diesen Entschluss auch durchziehen kann, gibt mir Selbstvertrauen und macht mich zusätzlich frei.

ETAPPE 1 | Geissholz (Schweiz) >> Frankfurt am Main, Lübeck-Travemünde (Deutschland) >> Malmö (Schweden) >> Drevsjø, Trondheim, Bodø, Lofoten, Tromsø, Nordkap (Norwegen) | Rund 5000 km

Von Geissholz bis ans Nordkap mit dem Fahrrad
21. Mai bis 2. Juli 2016
Am 21. Mai steige ich endlich daheim auf mein Fahrrad. Insgesamt habe ich 35 Kilogramm Gepäck auf vier Satteltaschen und einen Rucksack verteilt: Mein Zelt samt Schlafsack und Liegematte, meine kleine mobile Küche, meinen Computer, leichtere Sachen wie Ersatzwäsche, Stirnlampe, Taschenlampe und Sackmesser, Essen für die ersten zwei, drei Tage und – nicht zu vergessen – meine Fotoausrüstung. Im Gegensatz zu den intensiven Vorbereitungen in der jüngsten Vergangenheit wird meine nahe Zukunft wunderbar simpel sein: Mein Ausgangspunkt heißt Geissholz, mein erstes Etappenziel Nordkap. Dazwischen liegen rund 5000 Kilometer, in denen ich in die Pedale treten werde. Das ist alles. Keine Termine. Keine Verpflichtungen. Nur Fahrrad fahren, essen, schlafen. Doch zuerst gilt es, jenen Kloß in meinem Hals loszuwerden, der mich heute, wie bei all meinen Abschieden, begleitet. Er wird sich, das weiß ich aus Erfahrung, erst langsam aufzulösen beginnen, wenn meine Freunde, die mir zum Abschied winken, aus meinem Blickfeld verschwunden sind.
Ich verlasse die Schweiz östlich von Basel und folge dem Rhein nordwärts. Bald werde ich bei schlechtem Wetter fahren müssen, denn ich durchquere Deutschland genau während der Zeit der vielen Überschwemmungen, die unseren nördlichen Nachbarn im Jahr 2016 heimgesucht haben. Im Grunde bin ich von Anfang an auf der Flucht Richtung Norden, wo das Wetter besser zu werden verspricht. Die Landschaften in Deutschland präsentieren sich schöner als erwartet, die ersten 1300 Kilometer aber härter. Zwar habe ich auf die Unwetter meistens einen Vorsprung von ein, zwei Tagen, es fühlt sich aber trotzdem an, als hätten sie sich an mein Hinterrad geheftet. So flüchte ich vor den immensen Regengüssen, werde von ihnen eingeholt, flüchte erneut und werde Zeugin der immer höher anschwellenden Flüsse, die über die Ufer treten, Dörfer verwüsten und sogar Menschen töten. So muss sich ein verfolgtes Tier auf der Treibjagd fühlen.
Als Alpinistin und Berufsbergführerin bin ich sommers wie winters mit drastischen Wetterwechseln konfrontiert, sei es auf Gletschertouren, im Eis oder an Felswänden. Die Natur in den Bergen ist gefährlich und bedrohlich, ja. Aber die Gefahren sind Teil des Alltags, keine Überraschungen. Mein Feingespür und meine langjährige Erfahrung sind darauf ausgerichtet, im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dass ich schon zu Beginn meiner ersten und einfachsten Etappe mit derart garstigem Wetter zu kämpfen habe, damit habe ich allerdings nicht gerechnet.
Durch die Klimaveränderung wird der Jetstream abgebremst. Wenn der Jetstream verlangsamt wird, wird das Wetter gestaut, so wie Autos auf der Autobahn vor einer Baustelle. Wenn das Wetter staut, bleibt es länger dort sitzen, wo es gerade ist. Dadurch gibt es zwar längere Schönwetterphasen, aber eben auch längere Schlechtwetterphasen. Das bedeutet lang anhaltende, verheerende Dürren in den einen Teilen und lang anhaltende, verheerende Niederschläge in anderen Teilen unserer Welt. Aber nicht nur der Wind, auch das Wasser spielt verrückt. Die große Umwälzströmung im Atlantik, die sogenannte Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC), hat sich im 20. Jahrhundert deutlich abgeschwächt. Der Golfstrom ist Teil dieser Umwälzströmung.
Sogar meine Planung der Nordpolexpedition hat sich wegen der Klimaveränderung dauernd verändert. Schon 2002 hatte ich zum ersten Mal die Idee, den Nordpol vom letzten kanadischen Festland aus zu erreichen. Doch in den vergangenen Jahren ist dort das Meer in Landnähe gar nicht mehr zugefroren, und wenn doch, war die Eisdecke für eine Begehung zu dünn. Kenn Borek Air, eine kanadische Fluggesellschaft, hat deswegen sämtliche Aktivitäten auf der Nordpolarmeer-Eiskappe eingestellt, weil ihr bei der Landung auf dem arktischen Meer-Eispanzer beinahe zwei Flugzeuge samt Piloten und Crew abgesoffen wären. Für Expeditionen zum Nordpol von der kanadischen Festlandseite her bedeutet das, dass die einst einzige mögliche Rettung bei Problemen nicht mehr verfügbar ist. Kenn Borek Air war für Expeditionen von 1970 bis 2014 die letzte Hoffnung – dann, wenn alle Stricke auf dem Eis gerissen waren und dringend Hilfe benötigt wurde. Ich ließ die Idee, diese Route zu wählen, deshalb rasch wieder fallen.
Natürlich mache auch ich mir Sorgen um unseren Globus. Doch auf meiner Expedition richten sich die unmittelbaren und pragmatischen Fragen auf das Hier und Jetzt: Wo finde ich etwas zu essen? Wo trinkbares Wasser? Wie trockne ich das durchnässte Zelt, wenn es weiterhin regnet? Wie schlafe ich im durchnässten Schlafsack? Wie erkälte ich mich nicht bei diesen garstigen Wetterbedingungen? Es sind die immer gleichen Fragen, die ich mir jeden Tag aufs Neue stelle.

Obwohl meine Beine von unzähligen Trainings und Skitouren-Höhenmetern kräftig sind, ist das Fahrradfahren für sie eine ungewohnte Disziplin. Am Anfang mochte ich deshalb noch nicht so viel aus meinen Muskeln herausholen. Erst mit der Zeit spüre ich, dass ich jeden Tag ein bisschen mehr zu leisten vermag. Und je stärker meine Füße in die Pedale treten, desto leichter werden meine Gedanken. Ich pfeife Melodien, die längst vergessen schienen, lasse mich verführen von hübschen, kleinen Cafés am Straßenrand, zelte neben Kühen auf sattgrünen Weiden und teile flüchtige Augenblicke mit Menschen, denen ich wohl nie wieder begegnen werde. Niemals hätte mich mein Bergführer-Beruf zu Städten wie Straßburg geführt. Mit dem Cellospieler vor dem Wahrzeichen der wunderschönen Stadt, dem beeindruckenden Münster, fühle ich mich sofort verbunden. Beide sind wir Figuren, die schwierig in einen Rahmen passen. Eine Art Lebenskünstler, jeder auf seine Weise. Und beide stellen wir uns vermutlich oft die Frage: »Wie weiter?« Eine Frage, in der viel Kreativität, Mut und Antrieb, aber auch viel Verletzlichkeit steckt. Eine Empfindsamkeit, von der ich überzeugt bin, dass sie uns weniger wertend gegenüber anderen Menschen macht.
Jeden Abend, bevor ich in meinem Zelt die Stirnlampe ausknipse, lege ich mir die ungefähre Etappe für den kommenden Tag zurecht. Jeden Morgen starte ich voller Energie in den Tag hinein und freue mich auf die neuen Eindrücke, die mir das Unterwegssein bescheren wird. Ich verlasse den Rhein weiter nördlich und radle der Fulda entlang, wechsle erneut den Fluss und folge der Weser, die inzwischen so hoch angestiegen ist, dass Teile des Radweges unter Wasser stehen. Nachdem ich nördlich der Weser eine schöne Route durch die Lüneburger Heide bis Lübeck gefunden und mich dort auf die Fähre nach Malmö begeben habe, genieße ich jetzt die Überfahrt nach Schweden in meiner kleinen und vor allem trockenen Kajüte. Ich bin dankbar, dass ich mich – im Gegensatz zu den Menschen, deren Keller zuhauf überflutet werden und die teilweise aufgrund der Unwetter ihr ganzes Hab und Gut verlieren – in diesem Moment nur mit einem Luxusproblem zu befassen habe. Vom vielen Regen hatte ich nämlich ständig nasse Haarsträhnen im Gesicht. Und weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe, schneide ich sie mir in meinem Mini-Badezimmer kurzerhand mit meinem Sackmesser ab. Das Resultat sieht schrecklich aus. Aber immerhin kommen mir die lästigen Haare jetzt nicht mehr in die Quere.
1300 Kilometer habe ich seit meinem Aufbruch auf dem Fahrrad zurückgelegt. Nun erreiche ich nach einer kurzen Überfahrt schwedisches Festland. Trotz Vorfreude überfordert mich das Land in seiner Größe ein wenig. Welche Route soll ich wählen? Eher die bergige Variante Oslo–Trondheim–Tromsø–Nordkap? Oder fahre ich doch lieber durch das flache, aber fahrradtechnisch etwas langweilige Schweden? Ich entscheide mich für die goldene Mitte. Zuerst werde ich ein Stück durch Schweden radeln und dann, nördlich von Oslo, zur bergigen Küste Norwegens wechseln.
Seit ich Norwegens Grenze durch das schwedische Hinterland erreicht habe, kämpfe ich mit massivem Gegenwind. Dieser ist so stark, dass ich sogar auf flachen Strecken in die niedrigen Gänge schalten muss. Gut, dass es kaum Verkehr gibt, denn die Windböen drücken mich oft aus dem Nichts heraus mitten auf die Straße und in die Gegenspur hinein. Nach drei Tagen Kämpfen und Strampeln und trotzdem täglich über hundert zurückgelegten Kilometern mit über dreißig Kilogramm Gepäck bin ich, mit sehr müden Beinen, in einem kleinen Dorf namens Drevsjø angelangt. Als es nach einer kühlen Nacht am Morgen sogar weiße Flocken schneit, scheint mir der Zeitpunkt perfekt, einen Tag Pause einzulegen. Im nahe gelegenen Dorfladen besorge ich frische Lebensmittel und entdecke dabei einen hübschen Coiffeursalon. Spontan frage ich nach einem Termin und finde mich schon kurze Zeit später mit einem Frottiertuch um den Hals auf einem modernen Friseurstuhl wieder.
Während die zierliche Friseurin, eine Japanerin, das Dilemma mit meinen Haaren in Ordnung bringt, erfahre ich ihre bemerkenswerte Geschichte. Offen erzählt sie mir davon, wie sie vor ihrem gewalttätigen Exmann von Japan nach London flüchtete, dort eine Ausbildung zur Hairstylistin machte, sich über eine Kontaktanzeige im Internet in einen norwegischen Bauern verliebte, zu ihm nach Norwegen zog und sich hier, in diesem abgelegenen Dorf, mit einem eigenen Friseursalon selbständig machte. Heute, erzählt sie weiter, kommen Frauen und Männer von weit her, um sich von ihr beraten und die Haare schneiden und färben zu lassen, während sie Hochglanzmagazine auf der Suche nach Neuigkeiten über die Prominenz durchblättern. Ich mag es, wenn Welten aufeinandertreffen. Mit hübscher Frisur und neuem Elan steige ich nach einer erholsamen Nacht wieder auf mein Fahrrad. Der Wind hat sich zurückgezogen.

Ich bin nun seit drei Wochen unterwegs und habe es in dieser Zeit von daheim bis ins 2000 Kilometer entfernte Trondheim geschafft. Noch einmal ungefähr dieselbe Distanz, und ich werde am Nordkap und damit am Ende der ersten meiner insgesamt vier Etappen zum Nordpol angelangt sein. Gegen Abend finde ich einen hübschen Campingplatz in der Nähe von Trondheim. Für einmal verzichte ich darauf, mein Zelt aufzubauen, und miete zur Feier des Tages eine »hytta«, eine kleine Hütte, die zwar auch spartanisch, aber immerhin mit einem richtigen Bett ausgestattet ist.
Ich bin in Stadtnähe. Das merke ich an der Geschäftigkeit der Menschen, die hier viel ausgeprägter ist als bei jenen, denen ich während meiner Fahrt übers Land begegnete, als ich mich in stetigem Rauf und Runter, bei Gegenwind und Sturm durch das karge Bergland kämpfte. Seit ich meine Füße nach dem schrecklich nassen Deutschland auf trockenen, schwedischen Boden gesetzt habe, hatte ich viel Wetterglück, abgesehen von den Tagen mit starkem Gegenwind. Zehn Tage am Stück genoss ich Sonnenschein. Ich bin dankbar für diese guten Tage, denn ich weiß: Der nächste Wetterwechsel kommt bestimmt, und mit ihm wird auch der Frust zurückkommen und die Unsicherheit, die eine derartige Reise immer mit sich bringt. Die Unsicherheit zum Beispiel, wo ich die kommende Nacht verbringen oder wann ich das nächste Mal feste Nahrung zu mir nehmen werde. Manchmal ernähre ich mich tagelang nur von Früchtemüesli und Nüssen, weil es weit und breit kein Restaurant und keinen Dorfladen gibt. Und wenn, dann sind sie oft geschlossen. Die Industrie hat den Kleinhandel verdrängt, die Supermärkte haben die Dorfläden weggefegt.
Die Auflagen in der Lebensmittelbranche und die Agrarpolitik haben ein Überleben der Kleinbauern nahezu verunmöglicht. Heutzutage werden ohne nachzudenken fünfzig Kilometer mit dem Auto zurückgelegt, um in einem Supermarkt einzukaufen. Und das nicht nur in Skandinavien. Mit dem Tourenvelo samt Gepäck bedeutet dies eine halbe Tagesetappe – bei Gegenwind und vielen Steigungen ein unglaublicher Kraftaufwand. Auch deshalb reise ich so, wie ich reise. Ich werde feinfühlig für Dinge, die Menschen und die Zusammenhänge.
Trolle, Naturgeister, Energien
Ich bin im südlichen Teil Nord-Norwegens angelangt, einer schönen Gegend, wären da bloß nicht diese vielen Tunnels. Die norwegischen Tunnels sind bei Fahrrad-Tourenfahrern ein großes Thema, denn sie sind nicht etwa fachmännisch betoniert und beleuchtet wie bei uns in der Schweiz, sondern mehr schlecht als recht aus dem Felsen geschlagen. In ihrem Innern sind sie nicht nur stockfinster, sondern auch bitterkalt. Ihre Dunkelheit schluckt jegliches Licht, auch das meiner Stirnlampe. Zudem sind sie eng und schmal. So schmal, dass ich nur hoffen kann, dass sich nicht zwei Lastwagen oder Wohnmobile auf meiner Höhe kreuzen. Sollte dies trotzdem der Fall sein, steigt man am besten so schnell wie möglich vom Sattel, presst sich mitsamt Fahrrad an die Tunnelwand, kneift die Augen zusammen und hofft, dass der Spuk bald vorbei sein möge. Noch schlimmer als Enge, Dunkelheit und Kälte ist der monströse Lärm. Kurzum: Norwegische Tunnels sind der reine Horror für jeden Fahrradfahrer. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber diese schwarzen Löcher bedeuten für mich puren Stress. In ihnen wohnt der Teufel, dessen bin ich mir sicher.
Aber nicht nur der Teufel haust in den Tunnels, sondern auch die Trolle, diese kleinen, frechen Naturgeister, die normalerweise in den Wäldern und Dörfern hocken oder an den Wegrändern sitzen. Sie sind nicht böse, nur etwas hinterlistig. Man sieht sie nicht, aber man spürt sie dafür umso mehr. So wie neulich: Es hatte den ganzen Tag geregnet, und meine Beine waren müde, weshalb ich mir auf dem nächstbesten Campingplatz wieder eine »hytta« leistete. Zuvor kaufte ich mir im nahe gelegenen Supermarkt ein Stück Lachs und etwas Rohschinken. Meinem Gefühl nach hatte ich mir diesen kleinen Luxus verdient. Ich freute mich über das feudale Nachtessen und packte die Reste in den Kühlschrank in meiner Hütte. Sie würden mir am kommenden Tag ein willkommenes Znüni sein. Wie immer überprüfte ich alles akribisch, bevor ich am nächsten Morgen weiterfuhr. Schließlich wollte ich nicht viele Kilometer zurückfahren, weil ich beim Packen meinen Kopf nicht bei der Sache und etwas vergessen hatte. Nach ein paar Stunden machte ich eine Pause und freute mich auf meinen Snack. Doch so sehr ich in den Satteltaschen und meinem Rucksack auch suchte, da waren weder Lachs noch Rohschinken.
Nun ist es so, dass dich die Trolle nicht einfach beklauen, sie gehen viel subtiler vor: Sie machen dich vergesslich. Diesen feinen Lachs, den wollten sie wohl unbedingt für sich behalten. Ich konnte nicht fassen, dass mir das passiert war, ärgerte mich und schimpfte innerlich, dann schlug ich den frechen Geistern einen Deal vor: »Dafür, dass ihr meinen guten Lachs und Schinken behalten habt, müsst ihr mich nun sicher durch diese fürchterlichen Tunnels führen.«
Das taten sie dann auch, ziemlich gut sogar. Fortan fuhren die Lastwagen und Wohnmobile erst in einen Tunnel hinein, wenn ich gerade wieder hinausfuhr. Ich kam sicher und heil durch. Das Leben war wieder in Ordnung. Ein paar Tage später entdeckte ich in einem kleinen Supermarkt Schweizer Schokolade, die mit den Nüssen, die ich so gern mag. Für umgerechnet sechs Franken! Ich überlegte: Alles auf dieser Reise kostete viel Geld, und ich war noch weit weg vom Nordpol. Brauchte ich diese Schokolade wirklich? Natürlich kaufte ich sie, genoss ein paar Stückchen und legte den Rest zur Seite. Am nächsten Tag ging ich wieder akribisch vor. Ich überprüfte alles doppelt und dreifach, bevor ich meine Satteltaschen auf das Fahrrad hievte und weiterzog. Bei der ersten Pause realisierte ich: Ich hatte tatsächlich meine teure Schokolade vergessen. Mist! Es war Sonntag, die wenigen Tankstellen und Shops, die sowieso nur alle Dutzend Kilometer vorhanden waren, hatten geschlossen. Langsam ging mir die Energie aus, und weit und breit war kein Café in Sicht. Ich stieg vom Fahrrad und fluchte leise: »Ihr Trolle nehmt mir meine guten Sachen weg, während ich im roten Bereich laufe und langsam, aber sicher in eine Unterzuckerung komme!« Ich sagte ihnen, dass sie diese Sache nun irgendwie wiedergutmachen müssten, dann fuhr ich entnervt weiter.
Schon nach zwei, drei Kurven sah ich eine kleine Tankstelle. Sie hatte tatsächlich geöffnet. Erleichtert stieg ich vom Rad, bestellte einen Kaffee mit viel Milchschaum und dazu eine mit Puderzucker bestäubte Waffel. Und das Beste? Die freundliche Frau von der Tankstelle schenkte mir eine zusätzliche Waffel.
Meine Begegnungen mit den Trollen waren witzig. Manchmal fühlte es sich an, als würden sie mir hinten am Velo hängen. Dann rief ich ihnen zu: »Schieben! Schieben! Nicht ziehen!« Oder ich wollte unbedingt die nächste Fähre erwischen und rief: »Schieben, schieben! Helft mir!«, und radelte dann gleich ein bisschen schneller. Ich weiß, es war nur eine Vorstellung, eine mentale Hilfe. Aber je länger ich allein unterwegs bin, desto empfindsamer werde ich und desto stärker trete ich in Dialog mit der Natur und ihren übersinnlichen Wesen. Egal, ob Trolle, Elfen, Feen oder Zwerge – die Fantasiewesen waren für mich in diesen Momenten absolut real. So real wie die Tatsache, dass auch Berge Wächter sein können.

Ich habe das schon auf meinem Weg zum Südpol gelernt, am Fuß des Berges Ampato in den Anden, im südlichen Peru: Die Indios sagen, dieser Berg sei der Wächter über das ganze Tal, auf ihm würden die Götter thronen. So kletterten die Inkas – lange bevor bei uns der Alpinismus erfunden wurde – auf den über 6000 Meter hohen Gipfel, um Schnee und Eis ins Tal zu bringen. Mit dem heiligen Wasser konnten sich dann die Dorfbewohner reinigen. Diese Reinigungszeremonie muss den Inkas sehr wichtig gewesen sein, denn es wird die Geschichte erzählt, dass die Welt untergeht, sobald der Ampato kein Eis mehr auf seinem Haupt trägt.
Auch in Nepal und Tibet sind die Berge von jeher heilig. Man kann die Geister entweder erzürnen oder sie gut stimmen. Ich spüre, dass darin viel Wahrheit steckt, auch wenn es für unseren westlichen Verstand wenig Sinn ergibt. Es war 2003, als ich für eine kleine Vortragsreihe mit Tashi Tenzing und Reinhold Messner unterwegs war. Tashi Tenzing ist ein Enkel des legendären Sherpa Tenzing Norgay, der 1953, gemeinsam mit dem Neuseeländer Edmund Hillary, Erstbesteiger des Mount Everest war. 1996 wollte Tashi Tenzing, damals 31-jährig, seinen ersten Gipfelversuch wagen und ließ sich vorher von einem Lama, einem buddhistischen Priester, für den Berg segnen. Der Lama sagte, er müsse sehr vorsichtig sein, es sei kein gutes Jahr an der Chomolungma – so der tibetische Name des Mount Everest. Tashi Tenzing verschob darauf sein Vorhaben und stieg erst 1997 zum ersten Mal auf den höchsten Gipfel der Welt. Eine weise Entscheidung, denn am 10. und 11. Mai 1996 wurden mehr als dreißig Bergsteiger beim Versuch, den Gipfel des Everest zu erreichen, von einem heftigen Wetterwechsel überrascht. Acht von ihnen kamen dabei ums Leben. Der Lama hatte das Unglück erahnt. Auch ich spüre, wenn ich sehr lang unterwegs bin, ob sich etwas tendenziell eher in eine gute oder in eine schlechte Richtung entwickelt; ahne, ob sich eine Gefahr anbahnt oder ob etwas gut bleibt. Einzelne Lamas haben diese Fähigkeit sehr viel ausgeprägter. Sie spüren vermutlich nicht nur Tendenzen, sondern haben reale Vorahnungen.
Von verschiedenen spirituellen Quellen hört man, ein Geist namens »Vista« throne über dem Mount Everest. Dieser Geist sei ein Erderschaffungswesen, dem die Kraft der Reinigung innewohne. Die Reinigung geschehe, so wird erzählt, indem negative Emotionen wie Ehrgeiz, Stolz, Übermut, Ungeduld oder Wut, die in niedriger Energie schwingen und bewusst oder unbewusst von Menschen ausgehen, von den höher schwingenden Energien am Mount Everest zurückgesandt werden. Wie der Schall eines Rufs, der an einer Felswand abprallt und als Echo zurückkommt, wird der Mensch auf seine eigenen Schwächen und Schatten zurückgeworfen und mit diesen am Berg konfrontiert.
Ich war insgesamt dreimal am Mount Everest – 2001, 2005 und zuletzt 2013. Im Jahr 2001 erreichte ich als erste Schweizerin den Gipfel, und dies, obwohl ich mich während der Akklimatisationsphase überforderte und zu früh und zu schnell zu hoch aufstieg. Zum Glück warnte mich die Höhenkrankheit in jener Nacht im Lager 2 auf einer Höhe von rund 7600 Metern. Sobald ich ins vorgeschobene Basislager zurückstieg, klang sie wieder ab. Ich erkannte, dass sich am Everest die eigenen Schwächen spiegeln. Und zwar in einer ungeschminkten Art und Weise. Mir wurde klar, dass mein Thema der Ehrgeiz und die Ungeduld waren. Zu früh, zu schnell, zu hoch.
Ich empfinde es wohl wie die Sherpas und die Tibeter, nämlich, dass der Everest eine vollkommen reine Energie in sich trägt. Nicht umsonst nennt man den höchsten Berg der Welt Muttergöttin der Erde. Sie wird verehrt und gepriesen. Deshalb findet vor jedem Aufbruch eine sogenannte Puja statt, eine Zeremonie der Ehrerweisung, um die Muttergöttin um Nachsicht zu bitten, dass wir mit Steigeisen an den Füßen auf ihrem Haupt herumtrampeln. Wie in meinem Buch »Schritte an der Grenze« beschrieben, bauen die Sherpas für diese Zeremonie einen kleinen Altar aus Steinen und schmücken ihn mit Gebetsfahnen – kleinen, quadratischen Tüchern, auf denen Gebete und Pferde aufgedruckt sind. In der tibetischen Sprache werden diese »Lung-ta« genannt, was übersetzt »Windpferde« bedeutet. Flattern die Fahnen im Wind, galoppieren die Pferde mit den Segenswünschen zum Wohle aller lebenden Wesen in das Universum hinaus.
Kein Sherpa würde ohne die Puja-Zeremonie auf den Berg steigen und nicht ohne vorher links am Altar vorbeizugehen und sich mit dem Reis zu segnen, den er aus einem Schälchen nimmt und dreimal in die Luft wirft. Mich erinnert dieses Ritual an den christlichen Segen der Heiligen Dreifaltigkeit. Wobei es meiner Meinung nach bei diesen Riten nicht darum geht, einen erzürnten Gott oder eine erzürnte Göttin zu besänftigen, sondern vielmehr darum, die eigenen Emotionen, Gedanken und Absichten ins Lot zu bringen, sodass sie nicht von einer egozentrischen Natur geprägt sein mögen und sich im Einklang mit einer höheren Kraft befinden.
Noch bewusster wurde mir dieses Phänomen, als ich 2005 zum Everest zurückkehrte. Das Wetter war schlecht, das Team nicht homogen, innerhalb der Expeditionen am Berg gab es Konflikte, und Mitglieder aus der eigenen Gruppe hatten mich sehr enttäuscht. Kurzum, es war mir unter diesen Umständen nicht möglich, auf den Gipfel zu steigen. Ich war sehr wütend, packte meine Sachen zusammen, machte mich auf den Heimweg durch das Khumbu-Tal und knickte unterwegs mit einem Fuß so unglücklich ein, dass drei von fünf Bändern rissen. Dazu kam, wie sich später herausstellen sollte, ein Knorpelschaden am vorderen Mittelfußknochen. Glücklicherweise kam mir damals ein Junge entgegen, der mir – gegen eine Belohnung – sein Pferd auslieh, auf dem ich ins nächste Dorf ritt, von wo ich mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus nach Kathmandu ausgeflogen wurde.
Der Spezialarzt in der Schweiz, der später meinen Fuß untersuchte, mochte es kaum glauben, dass man sich einen Fuß lediglich durch Einknicken dermaßen verletzen kann. Etwas später erzählte ich die Geschichte einem Bekannten, der sich mit den Phänomenen von Energien und Mystik auskennt. Er grinste nur und sagte, ihm sei klar, warum ich mir den Fuß so schlimm verletzt habe. Zum ersten Mal hörte ich nun von einem Nichtbergsteiger, dass die Energie am Everest dermaßen stark schwinge, dass niedrige Emotionen wie Ehrgeiz, Wut, Eifersucht, aber auch Gier oder Neid wie ein Bumerang auf einen zurückgeworfen würden. Die Wut-Energie, die ich in mir getragen hätte, sei in dem Moment, als ich mich verletzte, explosionsartig aufgelöst und durch den Vorfall neutralisiert worden. Mein Verstand dachte: So ein Quatsch! Aber das Gefühl wusste: Genau so ist es.
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