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Jhoseph und die Villeroy-Lady
Titel: Jhoseph und die Villeroy-Lady
1.Auflage
© Doreen Brigadon 2019
Neobooks – epubli
Neopubli GmbH
Prinzessinnenstr. 20
10969 Berlin
Geschäftsführer: Dr. Florian Geuppert
Handelsregister Charlottenburg, HRB 108995
Cover: © Doreen Brigadon
Lektorat: T.W. Anderer
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Urheberrechtlich geschütztes Material
Inhaltsverzeichnis
Der neue Job
Der „ERSTE“ Tag
Montag, der echte erste Arbeitstag
Zweiter Tag
Dritter Tag
Das Genua Wochenende
Der Alltag!?
Frau Voss in Not!
Der geile Einkauf
Rudolf
Der Wunsch
Der Vertrag
Der verpatzte schöne Abend
Das neue Leben!
Weihnachtsfeier!
Kostümball!
Kate und ihr Vertrag!
Isabella
Lange Nächte in Genua!
Das Seminar!
Rollentausch
Mistress Contessa!
Der neue Butler!
Genua einmal anders!
Der Mensch denkt und … die Zeit lenkt!
DIE HOCHZEIT!
Das ganz neue Leben
Nachtrag!
JHOSEPH
Ich fuhr zu einem sehr guten Freund von mir. Bert war einer der besten Arbeitskollegen, die ich hatte, und war mir immer ein guter Freund gewesen.
Ich darf auch mit ruhigem Gewissen sagen, dass ich attraktiv bin und erfolgreich als Manager in einer großen Firma arbeitete, wo auch Bert noch arbeitet. Eine jede Frau würde sich alle zehn Finger abschlecken und von mir träumen. Doch mit den Frauen habe ich so mein Problem. Die Letzte hatte mir Liebe vorgeheuchelt und hat mich im Beruf auch noch ausgetrickst. Das lässt sich keiner gefallen. Ich kündigte und verschwand für einige Zeit. Meldete mich nur einmal kurz in den letzten drei Jahren, und jetzt stand ich vor seiner Tür. Er öffnete und war hocherfreut, mich wieder zu sehen. Nachdem wir uns begrüßt hatten, er mir etwas zum Trinken und Essen angeboten hatte, sah ich natürlich in seinen Augen die neugierige Frage:
„Was hast du die letzten drei Jahre gemacht? Du siehst ja glücklich aus.“
Da erzählte ich ihm, was ich erlebt hatte …
Der neue Job
Dazu musste ich weit ausholen. Als ich noch in meiner alten Firma gearbeitet hatte, verliebte ich mich in Kate, meine Arbeitskollegin. Doch sie war mehr hinter dem Chefsessel her als hinter mir. Sie spielte mit unfairen Mitteln. Sie schmeichelte sich bei einem jeden ein, und wenn es nötig war schlief sie auch mit jedem. Als ich das rausbekam, machte ich Schluss. Sie wollte es als Lappalie abtun. Doch das wollte ich nicht. Entweder sie ist mit mir zusammen oder mit jemandem anderen. Aber nicht mit einem jeden. Vielleicht sollte ich ihr eigentlich noch dankbar dafür sein. Damals nahm ich meinen Resturlaub und verschwand erstmal in die Karibik. Erst danach ging ich auf die Suche nach einem neuen Job. Nein, nicht wieder in die alte Branche. Ich brauchte mich nicht zu beeilen, einen anderen Job anzunehmen, ich hatte doch einige Rücklagen. So konnte ich gemütlich auf die Suche danach gehen. Ich wollte einen, der mir auch Spaß macht und ich nicht immer gestresst von einem Termin zum anderen hetzen musste. Der Zufall kam mir zu Hilfe. Eine Firma suchte für ihren Chef einen Chauffeur. Ich bewarb mich, hatte zwar wenig Hoffnung, ihn zu bekommen, da ich ja keine Referenzen dazu aufweisen konnte.
Überraschender Weise wurde ich aber zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Es waren noch zwei andere Bewerber da. Alle beide schön in Uniform gekleidet. Ich in einem schon älteren Anzug. Wollte nicht gleich mit einem neuen Anzug von Armani auftauchen.
Der eine war ein Jüngling von 25 Jahren, hatte sicher noch keine oder wenig Erfahrungen als Chauffeur. Der andere war sicher schon um die 50 Jahre. Zuerst kamen die beiden dran, kamen jedoch nach kurzer Zeit missmutig wieder heraus. Ich wurde immer neugieriger. Was war da drinnen los? Der Ältere kam ganz verärgert raus.
„Ich bin doch keine 50! Ich bin erst 41!“
Ich sah ihm überrascht nach, denn ich hatte ihn auch auf 50 geschätzt. Kam dann gar nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn ich wurde auch schon aufgerufen. Ein etwas älterer Herr bat mich zu sich rein.
„Herr Josef Vossner bitte!“
Ich gab ihm die Hand und berichtigte meinen Namen. Auf das waren nicht nur meine Eltern heikel gewesen, sondern mittlerweile auch ich.
„Tschoseph Vossner, bitte“, gab ich ihm zur Antwort.
Er sah mich überrascht an, und ging zu seinem Schreibtisch weiter.
„Georg Kauder“, stellte er sich vor.
Etwas abseits saß eine Frau. Ich begrüßte sie auch und sie quittierte es mit einem Kopfnicken. Sie dürfte in meinem Alter sein. Bei meinem Anblick hob sich eine Augenbraue und sie war anscheinend nicht mehr so gelangweilt wie vor ein paar Sekunden, blätterte aber wieder in ihrer Zeitschrift weiter. Beobachtete das ganze Gespräch trotzdem hinter ihrer Zeitschrift. War sie seine Frau, die darauf wartete, dass er bald fertig war? Sie war etwas jung für ihn, aber sehr interessant. Wenn ich nicht gerade ein Vorstellungsgespräch gehabt hätte, ich nicht von Kate so enttäuscht geworden wäre, und sie frei wäre, dann hätte man ja etwas anfangen können. Ich ignorierte sie und konzentrierte mich auf das Gespräch. Er bot mir einen Platz an.
„Was können Sie für Referenzen vorweisen? In Ihrem Bewerbungsschreiben war nichts dergleichen zu finden. Mein Mandant hat Sie aber trotzdem eingeladen. Denn ich bin nur der Anwalt und regle alle Sachen.“
Zuerst war ich etwas überrascht, dann begann ich etwas über mich zu erzählen.
„Ich war in einigen Firmen als Leiter und auch als Abteilungsleiter tätig. Bei der letzten großen Firma sogar als Manager. Durch einen privaten und betrieblichen Vorfall habe ich gekündigt und bin auf der Suche nach einem Job, nach einem etwas anderen Job. Will mich anders orientieren. Fahre seit fast 20 Jahren unfallfrei. Habe selber einen Mercedes und einen Audi. Bin früher ein wenig Autorennen gefahren.“
„Und wie sieht es privat aus? Frau? Freundin?“
„Nein, keine von beiden, ich bin derzeit auch nicht auf der Suche, und war auch noch nicht verheiratet. Ich bin gesund, und habe auch ein Attest beigelegt.“
Was mich zwar verwundert hatte, aber man sollte, wenn man viel fahren musste, doch gesund sein.
„Das habe ich gesehen. Und Sie wären gewillt, bei ihrem künftigen Chef ins Nebenhaus zu ziehen, damit Sie immer erreichbar wären? Freizeit und Urlaub gibt es nur mit Absprache. Sie müssten also hier ihre Zelte abbrechen.“
„Und wo ginge die Reise hin?“, fragte ich im Gegenzug.
„Nähe Hamburg!“
„Schöne Gegend. Habe nichts dagegen, etwas anderes zu sehen.“
„Wann könnten Sie anfangen?“
„Also, wenn ich hier noch meine Zelte abbrechen soll, leider erst in einem Monat. Muss meine Wohnung auflösen, ein Auto verkaufen und meine Sachen von der Wohnung irgendwo einlagern.“
Es störte mich ungemein, dass er ständig zu seiner Frau sah. Er versuchte, es mich nicht merken zu lassen, aber meinem geschulten Blick entging das nicht.
„Wenn Sie früher fertig wären, wären Sie bereit, auch schon früher anzufangen?“
„Wäre sicher möglich, wenn alles geregelt ist. Es würde mich hier nichts halten.“
Dann gab er mir einige Papiere zur Durchsicht.
„Das ist der Vertrag, bitte jetzt lesen, und wenn er passt, bitte auch gleich unterschreiben. Damit dann auch alles fix ist, wenn Sie anfangen.“
Ich nahm die Papiere und las sie in altgewohnter Manier durch. Die vier Seiten des Vertrags hatte ich bald durchgelesen. Es war daran nichts auszusetzen. Die gewohnte Fassung. Nur es kam mir seltsam vor, dass der Anwalt auf einmal so nervös geworden war.
„Sie fragen ja gar nicht nach dem Gehalt?“
„Ist gar nicht so wichtig. Wenn ich dort schlafen kann, erspare ich mir schon mal die Miete, zu essen schätze ich, brauche ich mir auch nichts oder nicht viel zu kaufen. Und mit meinem Auto werde ich auch nicht viel unterwegs sein, oder?“, sagte ich und lächelte ihn an.
Inzwischen hatte ich den Vertrag durchgelesen und unterschrieben.
„Sagen Sie es mir noch, wieviel ich verdiene, oder soll ich auf mein erstes Gehalt warten?“
Jetzt war er doch überrascht.
„2.500 Euro, ……netto!“
Ich pfiff durch die Zähne.
„So viel hatte ich nicht erwartet.“
Er gab mir ein Exemplar des Vertrages mit der Adresse und Telefonnummer in die Hand und verabschiedete sich fast überrumpelt bei mir. Ich war glücklich, so schnell, so einen guten Job gefunden zu haben. Und das Gehalt konnte sich auch sehen lassen. Zwar weniger als ein Managergehalt, aber dafür hatte ich ja auch kaum Ausgaben. Als ich zur Tür raus ging, hörte ich noch kurz, wie die Frau aufsprang und zum Anwalt sagte: „Hat er wirklich unterschrieben?“
Ich dachte mir noch: ‚Was geht Sie das an?‘
Danach machte ich mich gleich daran, jemanden für meine Wohnung zu finden. Das Auto kaufte mir Bert ab, und für meine Sachen fand ich auch ein günstiges Lager. Es ging alles schneller als erwartet und ich konnte schon nach 14 Tagen meine Reise antreten. Ich meldete mich bei der Nummer an, die bei der Adresse dabeistand. Was mich dort erwartete, wusste ich glücklicherweise nicht, ansonsten hätte ich die Stelle vielleicht doch nicht angenommen. Oder doch? Vielleicht schon aus Neugier? Ich war voller Tatendrang, und freute mich auf das Neue, das auf mich zukommen würde.
Der „ERSTE“ Tag
Es war schon später Freitagabend, als ich eintraf. Ein Mädchen, wahrscheinlich das Zimmermädchen, das sich als Doris vorstellte, zeigte mir mein Zimmer im Nebenhaus.
„Die gnädige Frau erwartet Sie morgen pünktlich um 8 Uhr in ihrem Büro.“
Ich bedankte mich und fiel auch bald ins Bett. Also dürfte der ‚gnädige Herr‘ derzeit nicht zu Hause sein, darum durfte ich mich bei der ‚gnädigen Frau‘ mal vorstellen. Auf dem Vertrag, bei der Adresse des Arbeitgebers stand nur ‚Firma Voss‘.
Ich wurde pünktlich um 7 Uhr wach. Holte noch einige Sachen von meinem Auto rein, duschte, zog einen guten Anzug an und ging in das Haupthaus. Doris erwartete mich schon. Sie sah mich geringschätzig an. Behielt aber ihre Meinung für sich. Was auch besser war für sie.
„Gnädige Frau! Der Chauffeur ist hier“, meldete sie mich an.
Ich trat ein und sagte laut: „Guten Morgen!“
„Nicht so laut! Oder wollen Sie Tote aufwecken?“
Ich dachte noch, was daran bitte laut gewesen sein sollte. Aber dann verschlug es mir die Sprache. Die Frau, die vom Schreibtisch aufstand, war keine andere als die Frau, die bei dem Anwalt gesessen hatte. Heute hatte sie Rock und Bluse an. Beim Anwalt einen Hosenanzug. Also waren sie und ihr Mann meine neuen Chefs.
„Guten Morgen“, sagte sie und reichte mir ihre Hand, „Ich hoffe, Sie hatten eine gute Fahrt und eine ruhige Nacht?“
„Ja, danke, es ging alles gut, und die Fahrt war angenehm, nur lang.“
Dann setzten wir uns in die Sitzecke.
„Hier ist die Adresse von meinem Schneider.“
Ich fragte mich noch, was ich mit der Adresse ihres Schneiders sollte, bis sie weitersprach!
„Dort fahren Sie heute noch hin. Sie sind schon angemeldet. Er wird Ihnen hoffentlich einen passenden Anzug geben können. Er wird dann noch Maß nehmen und einen, nein, eigentlich mehrere, für Sie nach Maß anfertigen. Dann kommen Sie wieder zurück, und Rudolf, mein Butler, wird Ihnen dann die Garage mit den Autos zeigen und Sie unterweisen. Das wäre vorläufig alles. Nach dem Mittagessen melden Sie sich wieder bei mir.“
Als wäre es ausgemacht, klopfte es an der Türe, und ein Mann trat ein. Zuerst dachte ich, es wäre der Herr des Hauses, doch er trug eine Butler Uniform.
„Rudolf, zeigen Sie bitte Herrn Vossner die Garage und wenn er vom Schneider wieder hier ist, dann auch die anderen Autos! Danke, das wäre es vorläufig.“
„Ich hätte noch eine Frage?“
Der Butler sah mich erschrocken an.
„Und die wäre?“, fragte sie überrascht.
„Wann lerne ich den Herrn des Hauses kennen?“
Der Butler hätte fast das Glas fallen gelassen. Sie schmunzelte etwas.
„Gar nicht!“, sagte sie und lächelte, „Es gibt nämlich keinen!“
Daraufhin drehte sie sich um und ging zum Schreibtisch. Ich war immer auf viel gefasst und ließ mir auch nichts anmerken, doch diesmal fiel mir fast die Kinnlade runter. Gut, dass sie es nicht mehr sah. Rudolf ging mit einem Glas und einem Teller hinter ihr her, stellte es hin und sie nahm sofort die Tablette und trank Wasser nach. Er hatte wahrscheinlich erwartet, dass sie verärgert wäre. Aber mir wurde nichts gesagt, außer dass ich den Mandanten erst hier kennen lernen würde.
‚Kopfschmerzen?‘ dachte ich mir, ‚Gestern zu viel getrunken?‘
Normalerweise hätte ich schon etwas gesagt, aber diesmal war ich in angestellter Position und nicht Chef. Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nichts zu sagen. Das war noch Neuland für mich und schon etwas ungewohnt und gewöhnungsbedürftig. Dann nahm der Butler das Geschirr sofort wieder mit und sagte zu mir, etwas von oben herab: „Folgen Sie mir bitte!“
Er stellte das Glas und den Teller auf einer Kommode ab und ging durch die Halle und einen langen Korridor entlang, bis zu einer versperrten Tür. Es war eine dicke Tür, ähnlich einer Brandschutztür.
„Hier hängt immer der Schlüssel zum Aufsperren“, sagte Rudolf und nahm den Schlüssel vom Haken runter und sperrte auf.
Wir kamen sofort in die Garage.
„Sie bekommen später für diese Tür, für die Eingangstüre und für das Nebenhaus noch die Schlüssel. Und hier muss jeder, der die Türe mit diesem Schlüssel zusperrt, ihn wieder dort aufhängen, damit man immer und zu jeder Zeit durchkann“, nahm von dem Schlüsselbord rechts einen Schlüssel und ging dann zu einem Mercedes.
„Mit diesem Auto dürfen Sie heute fahren, und immer, wenn sie es anordnet“, sagte er in einem etwas abwertenden Ton.
„Meistens werden Sie mit der Limousine fahren. Das Mercedes Cabriolet ist für Sie tabu. Wenn Sie damit fahren will, dürfen Sie es vorfahren, mehr jedoch nicht. Der Range Rover wird eher selten benutzt. Den sollten Sie hin und wieder, wenn Sie Zeit haben, bewegen, aber nur hier auf dem Gelände.“
Er sperrte die Tür vom Mercedes auf und drückte mir eine Fernbedienung in die Hand.
„Ich hoffe, Sie kennen sich mit so etwas aus. Der ist für das Eingangstor und die Garage. Die Adresse haben Sie ja und falls Sie bei privaten Fahrten einen Schaden machen, zahlen Sie dafür. Die Türe lasse ich noch offen, damit Sie nachher wieder rein können, und wieder zusperren!“
Mit diesem Satz ließ er mich stehen und verschwand. Ich sah ihm noch nach und dachte mir meinen Teil. Das war doch eine ganz andere Welt als die, die ich bisher kannte. Diesmal war ich … auf der anderen Seite.
Ich wurde schon ganz neugierig, was noch so kommen würde. Hielt die Fernbedienung zur Tür und wirklich sie ging auf. Danach stieg ich ins Auto und fuhr los. Das Garagentor ließ ich offen und fuhr die Auffahrt raus. Jetzt erst sah ich, wie groß das Anwesen war. Hinter mir im Spiegel sah ich das Herrenhaus. Ich fuhr zu der Adresse, die mir gegeben wurde. Gut, dass das Auto ein Navi hatte, und die Adresse war sogar schon gespeichert.
Ich wurde wirklich schon erwartet. Der Schneider, Herr Sebastian, so stellte er sich mir vor, nahm sofort Maß und sah sofort nach. Er hatte wirklich einen fast perfekten Anzug lagernd. Mit dem durfte ich auch gleich wieder abfahren und die anderen konnte ich Mittwoch, spätestens Donnerstag abholen. Er gab mir noch seine Nummer, damit ich ihn anrufen könnte, wenn es mir meine Zeit erlaubte. Mit dem Vermerk noch: „Ich könnte ihn auch privat anrufen! Ich wäre ein toller Mann!“
Das hatte ich gleich bemerkt, dass er vom anderen Ufer ist, aber so weit war es noch lange nicht. Frauen waren mir aber immer noch lieber. Er gab mir noch eine Tasche, in die ich meine privaten Sachen einpacken konnte. Und sagte noch zum Schluss: „Na dann viel Spaß mit der neuen Chefin!“, und lachte etwas süffisant.
So fuhr ich dann wieder Richtung neuer Heimat. Jetzt konnte ich mir die Gegend erst richtig ansehen. Sie wohnte weit außerhalb der Stadt. Das Haus war von einem großen Grundstück umgeben. Das Haupthaus war in der Mitte, links war das Nebenhaus, in dem ich wohnte. Die Garage war an das Haupthaus angebaut. Ich fuhr das Auto wieder in die Garage, stellte es ab, sperrte zu und hängte den Schlüssel wieder an seinen Platz. Die Tür war wirklich offen. Ich sperrte diese auch zu und hängte den Schlüssel auch auf. Ging den Korridor entlang, stand dann wieder in der Halle und wusste nicht, wo ich jetzt hinsollte. Denn bis ich wieder bei ihr erscheinen sollte, dauerte es noch. Zum Glück kam Doris vorbei. Sie zeigte mir die Räume, in denen wir uns aufhalten durften. Die Küche, wo ich täglich mein Essen bekam, so fern ich hier war, den Aufenthaltsraum, wo ich kurz meine Kleidung deponieren konnte, und noch andere Räume, die ich kennen sollte. Der Butler wartete schon auf mich. Er sah mich etwas wütend an. Wieso sagte er nicht. Er ging mit mir wieder zur Garage und erklärte mir die Limousine. Es gab einige besondere Dinge. So wie die zwei Glasscheiben, die die Fahrerkabine vom hinteren Teil trennten. Sie konnten nur von hinten geöffnet und geschlossen werden. Wo das Navi versteckt war, sowie die Fernbedienung für die Tore.
„Und jetzt drehen wir gleich eine Runde zur Übung“, und grinste frech.
Ich stieg ein, startete und öffnete das Tor. Das Tor war noch nicht ganz offen, fing ich schon an zu fahren.
„Das Tor ist noch nicht ganz offen!“, sagte er ganz laut.
„Aber es bleibt nicht stehen und während ich zurücksetze, geht es ganz auf“, bot ich ihm Paroli.
Das konnte es ja nicht geben, dass er mich von oben herab behandelte. Ich war zwar hier auch angestellt, aber deswegen und weil ich neu war, musste er mich ja nicht so von oben herab behandeln.
Also fuhr ich mal gemächlich raus. Fuhr zum Haupthaus und blieb, so als würde ich schon auf meine Chefin warten, stehen.
„Passt das so?“, fragte ich etwas ironisch.
„Wenn Sie immer so langsam fahren, müssen Sie schon eine Stunde früher wegfahren.“
Ich nicht feig, schmiss den Gang wieder rein und zog mit einem kleinen Kavaliersstart weg und fuhr die Auffahrt raus.
„Spinnen Sie? Sie können hier nicht so wegfahren!“, sagte er ganz laut.
Inzwischen waren wir schon fast beim Tor. Ich drückte auf die Fernbedienung, damit das Tor aufgehen konnte. Weil das Tor aber langsamer aufging, als ich fuhr, musste ich stark bremsen.
„Sie werden diesen Job auch nicht lange haben, wenn Sie so weiter machen“, sagte er zynisch.
„Wieso?“, fragte ich sofort, denn ich hörte da etwas raus, das mir nicht gefiel.
„Das werden Sie schon sehen!“
Mehr sagte er nicht. Inzwischen waren wir schon auf der Straße, und ich fuhr in Richtung der nächsten Ortschaft, dort gab es einen Kreisverkehr, bei dem ich wieder ohne Probleme umdrehen konnte. Er sprach kein Wort mehr. Erst als wir wieder zur Garage kamen.
„Das Tor war auch wieder nicht zu!“
‚Wieso wieder?‘, dachte ich bei mir. Ich fuhr nicht gleich wieder rein, sondern drehte um und fuhr rückwärts in die Garage.
„Passt das so?“, fragte ich jetzt wieder ironisch.
Dazu sagte er nichts, stieg aus und sagte: „Halb 12 gibt es Mittagessen!“, und verschwand.
Ich sah auf die Uhr. Es war erst 11 Uhr. Was sollte ich machen bis dorthin? Der Range Rover gehört bewegt, meinte vorhin der Butler. Okay, also bewege ich ihn gleich. Ich holte mir vom Kästchen den Schlüssel und startete ihn. Oh je! Verstand zwar nicht viel von Motoren, aber das hörte sich nicht gut an. Ich fuhr ihn mal langsam an und wirklich vorsichtig raus. Drehte dann eine langsame Runde. Es wurde zwar etwas besser, aber eines wusste ich jetzt schon! Der gehört in eine Werkstatt! Da stimmte etwas nicht. Ich stellte ihn wieder zurück, schloss das Garagentor, hängte alle Schlüssel auf und ging zurück ins Haus. Nicht vergessend, die Türe zuzusperren und Schlüssel aufzuhängen. Die Küche fand ich dann schnell. Die Köchin freute sich, mich endlich auch kennen zu lernen. Sie war eine Köchin, wie man sie sich vorstellt: Mollig und immer gut drauf. Sie stellte sich als Herta vor und ihr Küchenmädchen war die Bina. Abkürzung von Sabine. Rudolf kannte ich schon, so wie das Zimmermädchen Doris. Der Gärtner wohnte im Südhaus mit seiner Familie. Dann setzten wir uns um den Tisch und begannen zu essen. Es sprach keiner etwas, nur Herta fragte mich aus, von wo ich komme, was ich vorher gemacht hatte usw. Ich erzählte ihr lieber nicht alles, weil sonst sicher noch mehr Fragen aufgetaucht wären. Pünktlich um 12 bekam die ‚gnädige Frau‘, wie sie hier alle ansprachen, das Essen. Um halb eins holte mich der Butler ab zur gnädigen Frau. Er klopfte wieder an und wartete, bis sie herein sagte. Dann trat er ein.
„Und haben Sie ihm alles gezeigt und erklärt, Rudolf?“
„Ja, gnädige Frau. Darf ich dazu noch etwas sagen?“
„Ja, bitte.“
„Er hat das Garagentor nicht zugemacht, wie üblich, wenn man wegfährt. Und hat die Limousine wegziehen lassen, was man nicht tut, und fast das Tor umgefahren.“
Ich hörte mir ruhig seine Anschuldigungen an. Auch die gnädige Frau hörte ruhig zu. Er war sehr enttäuscht, dass er dann gleich gehen durfte, ohne dass sie mir, vor ihm, Vorhaltungen machte.
„Danke Rudolf, ich habe es vom Fenster aus gesehen. Und ich sage es Ihnen noch einmal und Sie können das auch den anderen nochmal sagen. Der Chauffeur ist nur mir unterstellt und hat von euch nur die Anweisungen zu erledigen, die ich euch sage. Er arbeitet selbstständig, und wenn etwas ist, hat er es mit mir zu besprechen. Ist das klar?“
Sie wurde immer wütender. Der Butler ging betroffen und etwas beleidigt wieder raus. Dann wandte sie sich an mich.
„Ich muss mich für Rudolf leider entschuldigen. Er ist zwar ein guter Butler, habe ihn von meinem Vater übernommen, besser gesagt, übernehmen müssen. Er glaubt, er muss sich als Herr hier aufspielen, weil es keinen Mann an meiner Seite gibt.“
Inzwischen waren wir wieder bei der Sitzecke angelangt.
„Wie ich sehe, hat Sebastian eine Uniform für Sie gefunden. Und wann bekommen Sie die anderen?“
„Am Mittwoch oder Donnerstag. Er hat mir seine Nummer gegeben, dass ich ihn anrufen kann, wann ich dann Zeit habe, sie abzuholen. Auch wenn ich privat Interesse hätte, mich mit ihm zu treffen“, sagte ich dann noch lächelnd.
Sie lächelte diesmal auch. Wenn sie lächelte, war sie sehr hübsch. Kam es mir in den Sinn, aber dann kam es mir gleich wieder.
‚Hallo! Du bist hier angestellt! Da gibt es keine Affäre mit der Chefin!‘
Sie schob mir die auf dem Tisch liegenden Gegenstände zu. Es war ein Schlüsselbund, eine Mappe und Papiere.
„Bitte die Papiere korrekt ausfüllen, damit wir Sie am Montag auch korrekt anmelden können. In der Mappe befinden sich die Papiere für die Autos und ein Tagebuch. Was Ihre Vorgänger so gemacht haben. Die Schlüssel müssen Sie leider selber rausfinden, wo ein jeder zugehörig ist. Ich will Sie der ‚Herzlichkeit‘ des Butlers nicht noch einmal aussetzen. Ich hoffe, er hat Sie im Haus auch etwas rumgeführt.“
„Nein, das hatte Doris erledigt.“
Sie sah mich etwas böse an.
„Der ist wahrscheinlich noch verärgert, weil ich nicht seinen Neffen als Chauffeur eingestellt habe. Aber meine Leute, mit denen ich ständig zusammen bin und zusammenarbeiten muss, suche ich mir schon selber aus.“
Sie machte eine kurze Pause und sah mich an.
„Haben Sie noch Fragen?“
„Ja, danke, gnädige Frau.“
Es war mir etwas zuwider, sie so nennen zu müssen, aber sie erlöste mich sofort davon.
„Nein, Sie sagen Frau Voss zu mir. Das ‚gnädige Frau‘ überlassen Sie dem Hauspersonal. Wenn ich Sie dafür Josef nennen darf.“
Ich zwickte etwas herum und sagte dann etwas leiser: „Jhoseph bitte, wenn, dann Jhoseph. Meine Eltern waren da sehr heikel und ich bin es leider auch so gewohnt, weil sonst könnte es sein, dass ich nicht darauf reagiere.“
Sie hielt mir die Hand hin und sagte: „Gut Jhoseph! Ich bin dann Frau Voss.“
Ich schlug auch sofort ein. Ihre Hand war sehr zart, warm und weich. Ich glaube, ich hielt sie etwas zu lang in meiner. Sie lächelte nur und sagte nichts.
„Und haben Sie noch was auf dem Herzen?“
„Ja, zuerst möchte ich mich für meine Fahrweise entschuldigen. Aber der Butler brachte mich, mit seiner etwas überheblichen Art, auf die Palme.“
„Ich weis, ist entschuldigt. Und sollte wieder etwas sein, sagen Sie es mir bitte und bitte nicht selber austragen. Er wird sowieso nicht auf Sie hören. Noch etwas?“
„Ja, ich bin mit dem Range Rover kurz gefahren, der gehört in eine Werkstätte.“
Sie deutete auf die Mappe und sagte: „Da ist alles drinnen, was Sie benötigen, und wenn ein Auto in die Werkstatt gehört, vorhersagen, dann Termin ausmachen und hinstellen. Noch etwas?“
„Ja. Warum muss man das Garagentor schließen, wenn man gleich wieder da ist und im Haus sich sowieso wer befindet? Und außerdem gehört dort auch gelüftet. Ist eine total stickige Luft darin.“
Sie sah mich immer noch lächelnd an.
„Ist Ihr Arbeitsort, Sie können, vorausgesetzt Sie haben Zeit, die Autos jeden Tag rausstellen, lüften und waschen, wie es Ihnen beliebt. Die anderen haben Ihnen da nichts drein zu reden. Und würden Sie mir jetzt noch einen Gefallen tun? Bevor ich Sie in Ihre wohlverdiente Freizeit entlasse? Apropos Freizeit. In Ihrer Wohnung gibt es ein Festnetztelefon sowie ein Handy. Das Handy sollten Sie auch in Ihrer Freizeit mithaben, falls ich Sie für etwas Dringendes brauche. Darum ist auch das Gehalt etwas höher als bei einem normalen Chauffeur. Sie sollten immer erreichbar sein.“
So etwas Ähnliches hatte ich mir schon gedacht, denn inzwischen hatte ich mich auch schon erkundigt, was ein ‚normaler Chauffeur‘ bekommt. Weitaus nicht das, was ich hier bekomme. Und dazu noch freies Quartier und Essen.
„Und was für einen Gefallen soll ich Ihnen noch tun?“
Sie lächelte mich schelmisch an und sagte: „Würden Sie bitte aufstehen und dort rüber gehen, und wieder zurück? Ich würde Sie gerne in der Uniform betrachten.“
Das hat sie bis jetzt auch getan. Aber was war schon dabei? Ich machte ihr den Gefallen. Stand auf, setzte meine Kappe auf und ging um ihren Schreibtisch und dann wieder zurück.
„Schn….. Schneidig!“, sagte sie.
Wollte sie vorhin was anderes sagen?
„Danke, das sagte auch Sebastian.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen. So, wir sehen uns dann wieder Montag um halb 8 Uhr mit der Limousine vor der Tür. Falls ich Sie nicht für etwas anderes am Wochenende brauche. Dann wünsche ich uns eine gute Zusammenarbeit.“
Und hielt mir zum Abschied noch einmal die Hand hin. Ich nahm sie und freute mich auch auf eine gute Zusammenarbeit. Diesmal hielt ich ihre Hand nicht so lange. Ich schnappte mir meine Sachen und ging. Hörte ich da, bevor ich die Tür zumachte, noch einen anerkennenden Pfiff? Hab mich wahrscheinlich verhört, das war sicher nur die Tür. Bevor ich noch draußen war, sah ich den Butler zu ihr gehen. Ich probierte sofort die Schlüssel, welcher für das Haupthaus gehört. Der war Gott sei Dank einfach zu merken. Ich sah dann noch, wie der Butler mit rotem Kopf wieder rauskam. Er sah mich wütend an.
In meinem Zimmer packte ich endlich die restlichen Sachen aus. Dann suchte ich gleich die anderen Schlösser für die Schlüssel. Und merkte sie mir mit farblichen Überziehern. Später sah ich die Mappe durch, was sich darin alles befand. Die Adressen von den Werkstätten, wo ein jedes Auto hingebracht werden sollte, und auch, wann etwas am Auto gemacht wurde. Das Service vom Range Rover war schon lange her. Das wäre das erste, was ich montags dann erledigen musste. Im Nachtkästchen fand ich einen Zettel, wo darauf stand, wann gegessen wurde. Frühstück ab halb 7, Mittagessen halb 12 und Abendessen um 17 Uhr. Ich sah auf meine Uhr. Es war fünf Minuten davor. Also musste ich mich beeilen und kam gerade noch rechtzeitig.
„Freut mich, dass du rechtzeitig hergefunden hast, obwohl es dir keiner gesagt hat, dass um 17 Uhr zu Abend gegessen wird“, sagte Herta und sah Doris und Rudolf böse an.
Das Essen verlief diesmal still. Ich zog mich dann wieder in meine Räumlichkeiten zurück. Und war froh, dass die anderen woanders untergebracht waren. Frau Voss flitze mit dem Cabrio gerade an mir vorbei, als ich zurückging.
Das Haus gehörte mir allein. Es war hergerichtet, dass der Chauffeur mit seiner Familie hier wohnen konnte. Ich sah dann noch etwas fern und musste irgendwann eingeschlafen sein, als mich ein ungewöhnliches Läuten weckte. Ich musste mich zuerst zurechtfinden. Mein neues Handy klingelte wie verrückt. Ich hob ab und es meldete sich Frau Voss.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, aber ich würde Sie jetzt schon mal benötigen.“
Ich war noch schlaftrunken und kam nicht ganz mit.
„Ja, ich komme sofort rüber zu Ihnen.“
„Nein!“, schrie sie fast in das Telefon.
Das machte mich wach.
„Ich bin nicht zu Hause und es ist mir etwas peinlich, denn ich stehe hier auf der Landstraße mit dem Cabriolet und habe keinen Sprit.“
Jetzt verstand ich sofort die Situation.
„Wo sind Sie?“
Sie erklärte es mir und ich sagte: „Ich komme so schnell als möglich zu Ihnen.“
„Danke sehr.“
Und hängte auf. Ich rieb mir noch den Rest Schlaf aus den Augen und überlegte, was ich machen sollte. Sprit, Sprit! Wo sollte ich jetzt einen Sprit herbekommen? Außerdem: Was brauchte sie denn? Diesel oder Super?
Mein Blick fiel auf die Mappe. Ich schnappte sie mir und blätterte rasch durch. Zuerst fand ich die Limousine, Diesel stand dabei, dann fand ich den Mercedes, Benzin stand auch dabei. Nach einigem Suchen fand ich den Range Rover, der war auch ein Diesel. Und das Cabrio? Das fand ich erst auf der letzten Seite: Ein Benziner. Okay das wäre mal geschafft. Aber wie bringe ich Benzin zu ihrem Auto? Und womit? Ich schnappte mir die Schlüssel, meine Börse, das Handy, und setzte mir die Kappe auf. Wieso, das wusste ich da auch nicht, es war ein Reflex. Ich lief zur Garage und sperrte die Tür auf. Holte mir die Schlüssel von den Autos und sah in jedem Kofferraum nach, ob wo ein Reservekanister war. In der Limousine war mal keiner. Notieren: Einen kaufen! Im Mercedes war zwar einer, aber leer. Im Range Rover stand ein fast voller Kanister. Der fasste sogar 10 Liter. Ich roch daran. Ja, es war Benzin. Momentan wunderte es mich nicht das Benzin im Range Rover stand. Damit sollte ich auskommen. Ich schnappte mir den Mercedes, öffnete das Garagentor und fuhr los. Eine halbe Stunde später - plus zwei Anrufe - hatte ich sie gefunden. Es war doch nicht so leicht, wenn man sich nicht auskannte, und bei Nacht noch schlimmer.
„Oh danke, dass Sie so nett sind und mir aus der Patsche helfen“, lallte sie daher.
War sie vorher auch schon so? Hatte ich es nicht gehört, weil ich noch halb geschlafen hatte? Sie saß im Auto, die Türe offen und die Füße auf der Straße.
„Bitte würden Sie den Tankdeckel öffnen?“, fragte ich sie.
Sie beugte sich vor und sah zu mir.
„Sie stehen ja davor, wieso soll ich aufstehen und den Tankdeckel öffnen?“, sagte sie etwas bissig.
Anscheinend hatte sie noch nie getankt. Ich ging zu ihr, sagte: „Entschuldigung“, und griff in das Auto.
Der Öffner war gerade unter ihren Beinen. Sie hatte wundervolle Beine, die in einem Minirock steckten, und die Füße in hohen Schuhen. Ich musste mich zusammenreißen. Während ich ihren Wagen tankte, überlegte ich, wie ich sie, ihr Auto und den Mercedes heil nach Hause bringen konnte. Sie stand auf und kam auf mich zu.
„Du bist so lieb zu mir!“, nahm meine Kappe runter und setzte sie sich selber auf.
Strich mir übers Haar und sagte: „Du solltest öfter die Haare so lassen.“
‚Hoppla! Was war da jetzt? Sie würde doch nicht etwas von mir wollen?‘
Ich hatte Naturlocken. Und die bändigte ich durch Föhnen oder mit ein wenig Gel. Dann nahm sie aus ihrer Tasche eine Flasche und machte einen Schluck. Auch das noch! Ich war endlich fertig und wagte einen Vorstoß.
„Frau Voss, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich bringe Sie jetzt nach Hause und hole Ihr Auto morgen ab.“
„Wenn, dann Valerie, bitte!“, und schmiegte sich an mich.
Sie war, wenn sie betrunken war, anscheinend sehr anlehnungsdürftig.
„Frau Valerie, ich bringe Sie jetzt nach Hause und hole das Cabrio morgen dann ab.“
Jetzt schlug sie auf einmal voll um.
„Ihr Männer seid alle gleich! Ich kann noch Auto fahren! Ich werde es dir beweisen!“, torkelte zum Auto zurück und fiel buchstäblich hinein.
Beim zweiten Starten schaffte sie es endlich. Bevor sie die Türe zuschlug, sagte sie noch: „Ich zeig es dir schon, dass ich noch Auto fahren kann, auch wenn ich etwas getrunken habe!“, schlug die Türe zu und fuhr an.
Ich setzte mich sofort in den Mercedes und folgte ihr. Zuerst fuhr sie rasanter. Aber als sie in einer Kurve fast die Beherrschung über den Wagen verloren hätte, wieder langsamer. Mir blieb fast das Herz stehen. Wir kamen heil und ganz zu Hause an. Sie parkte den Wagen, wenn auch etwas schief, und ging zur Tür und brauchte eine Weile, bis sie die Türe offen hatte. Ich wollte ihr schon helfen, da ging die Tür auch schon auf. Ich schloss noch alle Tore und ging zum Haus zurück. Dort erst sah ich auf die Uhr. Es war jetzt 3 Uhr morgens.
Leider konnte ich nicht gleich einschlafen. Ich ging die Nacht noch einmal durch und machte mir Notizen, was ich alles nachsehen und erledigen sollte. Dass sie vom Sie zum Du kam, war mir dort gar nicht aufgefallen. Ich schob es dem Alkohol zu. Irgendwann musste ich dann doch eingeschlafen sein und wachte erst nach 8 Uhr auf. Ich duschte mich rasch, nahm meine Schlüssel, das Handy, nur meine Kappe fand ich nicht. Da fiel mir ein, die hatte sie ja noch aufgehabt, als sie weggefahren war. Ich ging direkt auf dem Weg zur Garage, denn ob ich jetzt noch ein Frühstück bekommen würde. Ich holte mir das Cabrio und fuhr zur nächsten Tankstelle. Dort fiel mir erst ein, dass ich das jetzt selber zahlen musste. Ich fand zwar die Tankkarte, doch kannte ich den PIN nicht. Und die Mappe lag zu Hause, wo ich nachsehen hätte können. Aber es war jetzt schon egal. Ich kaufte mir auch gleich etwas zu essen, ließ das Auto durch die Waschstraße und fuhr dann gemütlich zurück. Ich ließ das Auto gleich heraußen stehen und suchte sofort nach Putzutensilien. Diese fand ich in einem Abstellraum. Auch einen Wasserschlauch. Ich polierte den Wagen nach und stellte ihn auf die Seite. Den Mercedes stellte ich auch etwas abseits und öffnete alle Türen zum Durchlüften. Denn der stank etwas nach Benzin. Woher wohl? Die Limo stellte ich auf den Waschplatz und fing an, sie zu waschen. Den konnte ich schwer in einer Waschstraße waschen lassen. Ich war so in meine Arbeit vertieft, dass ich erschrocken zusammenfuhr, als mich von hinten jemand ansprach.
„Sie sind ja schon wieder in Ihrer Freizeit fleißig.“
Ich drehte mich erschrocken um. Hinter mir stand Frau Valerie oder besser Frau Voss in einem leichten Sommerkleid.
„Ich habe Sie schon einige Male versucht anzurufen.“
Sofort suchte ich das Handy. Da ich weder Taschen im Leibchen noch in der kurzen Hose hatte, hatte ich es wo hingelegt. Ach ja, ich hatte es in der Limousine geparkt, aber das Radio laut aufgedreht. Ich sah darauf: Fünf Anrufe in Abwesenheit. Das war mir jetzt etwas peinlich.
„Tut mir leid, wird nicht wieder vorkommen“, sagte ich entschuldigend.
„Das macht doch nichts. Eigentlich haben Sie ja auch noch frei und morgen wäre eigentlich Ihr erster Arbeitstag. Und Sie arbeiten jetzt schon, und das noch an einem Sonntag?“
Sie war wieder ganz anders.
„Naja. Ich musste ja noch das Cabrio tanken fahren, was ich leider aus meiner Tasche zahlen habe müssen, da ich den PIN nicht wusste. Den Mercedes musste ich lüften, weil er sonst ständig nach Benzin riecht. Und wenn ich Morgen anfange zu arbeiten, sollte das Auto doch sauber sein, oder?“
Ich kannte in meinem alten Job selten Sonn- und Feiertage. Da ich da die beste Zeit hatte, um zu arbeiten und mich keiner störte.
Sie lächelte mich nur an.
„Ich hätte da wieder eine Frage, aber diesmal sieht mich der Butler nicht so erschrocken an, wie das letzte Mal.“
„Ja, dem habe ich leider letztens eine Rüge verpassen müssen, weil er mir zu großkotzig geworden ist. Er glaubt, er kann dich auch so herumkommandieren wie die anderen. Nur bei Herta beißt er sich die Zähne aus. Ich habe ihm erklärt, dass du eigenständig arbeitest und du nicht auf seine Anweisungen warten musst. Und außerdem hat er schon gepetzt, dass du eigenmächtig mit dem Cabrio gefahren bist und jetzt wie ein Böser die Autos putzt.“
Jetzt wurde ich sogar noch rot dabei. Aber ich durfte ja eigenmächtig handeln, oder nicht? Und zum Du war sie auch wieder übergesprungen.
„Aber als ich ganz wach war und mich gefangen hatte, gab ich ihm zur Antwort, dass ich das angeschafft hatte, dann war er zwar überrascht, aber ruhig.“
Sie ging ein paar Schritte auf mich zu. Diesmal hatte sie nur Ballerinas an, und war um einen guten Kopf kleiner als ich.
„Und was wolltest du noch von mir?“
Ich sah sie überrascht an und musste überlegen, was ich fragen wollte.
„Ach ja, wissen Sie, ob es eine Maschine gibt, mit der man die Garage aufwaschen kann? Oder muss man die mit der Hand aufwaschen?“
Sie sah zurück und fragte: „Wieso?“
„Naja, weil die auch staubig ist und mal aufgewaschen gehört.“
„Ich werde Rudolf fragen, ob es so etwas gibt und wer das macht. Aber du musst das heute nicht mehr tun. Ruh dich noch aus. Die Woche wird noch stressig genug werden.“
„Und ich dachte, dem bin ich entkommen!“, rutschte es mir raus.
„Wem wolltest du entkommen?“
„Dem Stress!“
Sie lächelte und meinte: „Wie du siehst, hast du genug Stress mit mir. Und das noch in deiner Freizeit! Aber geht dir denn nichts ab?“
Ich zuckte nur mit den Achseln. Und wusste nicht, durfte ich sie jetzt auch duzen? Oder durfte nur sie das?
„Ich wüsste nicht was?“
Sie kam ganz auf mich zu und sagte, in dem sie meine Kappe hinter ihrem Rücken vorzog: „Das?“, und setzte sie mir wieder auf, so wie sie die Kappe abgenommen hatte.
Ich roch ihr Parfum und sah auch in ihren Ausschnitt. Und versuchte, nur in ihre Augen zu sehen, obwohl diese Messer scharfen grünen Augen mir fast den Atem raubten. Mir wurde heiß, aber nicht von der Sonne. Machte sie das absichtlich?
„Und ich hasse es, wenn Männer ihre Haare mit Gel glätten, nur damit sie elegant aussehen. Im Gegenteil, sie sehen glitschig und kitschig aus“, drehte sich um und im Gehen sagte sie noch: „Danke für die Hilfe und Rudolf sagte ich, dass Du einem Bekannten heute Nacht hast helfen müssen. Der hatte keinen Sprit“, lächelte sie und verschwand.
Ich stand da und sah ihr nach. Dass sie meine Haare so mochte, freute mich. Die Mittagsglocken holten mich aus meinen Gedanken. Essen! Ich ging rasch in die Küche. Dort saßen schon alle und aßen. Herta stand sofort auf und brachte mir mein Essen. Der Butler wollte etwas erwidern, doch Herta fuhr ihm sofort drüber: „Die gnädige Frau hat mich angerufen und gesagt, dass Herr Vossner später zum Essen kommt. Und er am Wochenende, wenn er in der Nacht einen ‚Einsatz‘ hat, auch später ein Frühstück bekommt.“
„Ja, ja, einen Einsatz! Das kennen wir schon. Aber die Kappe könnte er schon abnehmen beim Essen!“
Das war mir gar nicht aufgefallen, dass ich sie noch aufhatte. Ich nahm sie sofort ab und entschuldigte mich und ging gar nicht erst auf den ‚Einsatz‘ ein, den er spöttisch erwähnte. Das ging ihn gar nichts an, was ich in der Nacht mit der gnädigen Frau machte. Es musste reichen, was sie ihm erzählte. Ja, ja, das Getratsche unter den Angestellten, das kannte ich auch. Da wurde etwas vermutet, was gar nicht stimmte und sich später anders herausstellte. Ich bedankte mich für das Essen und wollte wieder zu meiner Arbeit gehen und fertig machen.
„Und die Nachspeise und der Kaffee?“, fragte da Herta enttäuscht.
„Den würde ich gerne später trinken. So gegen 15 Uhr? Ich möchte die Autos noch fertig machen.“
„Ausnahmen gibt es nicht!“, sagte Rudolf gehässig.
Herta wandte dann ein: „Erstens ist das meine Sache, zweitens ich trinke am Sonntag den Kaffee auch gerne erst um 15 Uhr, und die gnädige Frau bekommt ihn auch um diese Zeit und du danach, also ist es mit keiner zusätzlichen Arbeit verbunden. Und außerdem arbeitet er in seiner Freizeit, er müsste das jetzt gar nicht tun.“
So konnte Rudolf gar nichts mehr einwenden. Ich bedankte mich, machte die Autos noch fertig und stellte sie wieder schön gereiht in die Garage. Ich hatte noch Zeit zu duschen, und wollte gerade losgehen, als das Handy klingelte. Dieser Klingelton brachte mich noch um. Ich musste sehen, ob ich einen anderen auf dem Handy hatte.
„Ja, bitte sehr?“
„Hallo! Ich hoffe, du hast noch etwas zu essen bekommen. Ich habe es Herta gesagt, dass du heute später kommst.“
„Ja danke, Herta war sehr freundlich, im Gegensatz zum Butler.“
Ich mochte ihn nicht Rudolf nennen, er war eben nur ein Butler für mich. Ich hörte sie sogar durch das Telefon lächeln.
„Gib nichts auf sein Geschwätz. Wenn etwas ist, machen wir uns das aus. Du musst aber dann schon einen großen Hunger gehabt haben, da du ja nicht beim Frühstück warst, wie mir Herta sagte.“
„Ich habe mir etwas an der Tankstelle gekauft, als ich tanken war.“
„Das hättest du nicht müssen. Herta hat den Auftrag, dass du auch später was bekommst, da wir uns, wenn Arbeitszeit ist, nicht immer an die Zeiten halten können. Auch wenn heute Sonntag ist und du trotzdem arbeitest. Die Tankrechnung hast du noch?“
Sie duzte mich immer. Ich sagte nichts dazu. Das war ihre Sache, sie war die gnädige Frau, die Chefin.
„Ja, die habe ich noch.“
„Die gibst du mir morgen, wenn wir zur Arbeit fahren. Ich werde sie weiter leiten, damit du dein Geld bekommst.“
„Okay, danke!“
Und sie hängte wieder auf, ohne sich zu verabschieden. Ich ging duschen und kam frisch angezogen zu Herta in die Küche. Vom Butler war weit und breit nichts zu sehen. Als hätte sie meine Blicke gesehen, sagte sie: „Der hat schon Kaffee und Kuchen bekommen und bringt jetzt der gnädigen Frau ihre Nachspeise. Er braucht sich nicht aufzuregen. Er isst seinen Kuchen, bevor er zur gnädigen Frau geht! Also keine Mehrarbeit für mich. So komm, setz dich her zu mir und jetzt trinken wir zwei gemütlich Kaffee.“
Sie stellte den Kaffee auf den Tisch und ein großes Stück Kuchen für mich!
„Das wäre aber nicht nötig gewesen.“
„Oh doch! So fleißig wie du heute schon warst! Und ‚Nachtdienst‘ hattest auch schon, noch bevor du richtig angefangen hast zu arbeiten. Da hast du schon einen Stein im Brett bei der gnädigen Frau.“
„Aber keinen beim Butler!“, und grinste sie an, „Was hat der gegen mich?“, fragte ich nach einem Schluck Kaffee.
„Der hat gegen alle Chauffeure etwas. Nachdem sie ihren Freund, er war auch Chauffeur hier, entlassen musste, weil er sich eine andere gefunden hatte, wollte er seinen Neffen hier reinbringen. 14 Tage lang war er Chauffeur, dann hatte sie ihn schon gefeuert. Er spielte sich schon als Chef auf. Denn er dachte, er könne bei ihr landen, so wie ihr Ex. Aber das hat er falsch angefangen und so war er schneller wieder weg, als er glaubte. Und seitdem hat sie die Chauffeure gewechselt wie die Unterwäsche! Du bist mittlerweile der Elfte in zwei Jahren. Ich hoffe, du bleibst länger! Denn du bist nett, adrett und fleißig. Wenn ich ein paar Jährchen jünger wäre, würde ich dich umgarnen“, und sie grinste breit.
Dann sprach sie weiter.
„Ja das fing an, als ihr Vater vor drei Jahren starb. Sie musste die Firma übernehmen und leiten, und hatte dann wenig Zeit für ihren Hans. Der suchte sich eine Neue und sie ist, glaube ich, noch nicht darüber hinweg.“
Herta machte einen kräftigen Atemzug und sprach weiter.
„Ich glaube, sie ist auf der Suche nach einem passenden Mann, hat ihn aber bis jetzt noch nirgends gefunden. Sie führt, wenn man es sagen kann und darf, ein Lotterleben. Ist sehr hin und hergerissen. Bräuchte einen festen, standhaften Mann, der ihr auch mal Paroli bieten kann. Aber so was ist ihr noch nicht untergekommen. Und in den Neffen von Rudolf ist Doris verschossen. Sie sollte ihn stehen lassen. Er spielt nur mit ihr und verspricht ihr alles. Ein Haus, Kinder usw. Und sie soll dafür die Geliebte spielen, wenn er die gnädige Frau geheiratet hat. Der Chauffeurs Posten würde ihr schon gefallen, aber das andere nicht.“
Inzwischen war ich auch mit Kaffee und Kuchen fertig. Ich bedankte mich und ging wieder zurück in mein Quartier. Jetzt verstand ich auch so einiges. Dass sie mich ständig anfing zu duzen, wenn wir alleine waren, dass sie die Männer hasste und kein Gel im Haar mochte! Hatte er welches? Mochte sie es darum nicht? Ich sah mir noch die Unterlagen durch und fand endlich auch den PIN für die Tankkarte. Ich musste mir das alles neu ordnen. Also kam auf die Liste auch ‚Ein neuer Ordner‘ oder besser gleich mehrere. Wann ich alles erledigen konnte, wusste ich nicht. Aber es würde sich schon ergeben. Nachdem ich einen anderen Klingelton für mein Hany gefunden hatte, ging ich dann noch etwas spazieren und kam dann leider zum Abendessen zu spät. Der Butler wollte noch was sagen, aber als ihn Herta böse ansah, sagte er nichts und verschwand.
„Das wäre geregelt!“, sagte sie und lächelte mich wieder an.
Ich aß gemütlich und dann tranken wir noch einen Kaffee mit dem Rest vom Kuchen. Sie erzählte mir ein bisschen was von früher, wie hier alles gewesen war. Bei 15 Jahren hier in dem Haus hatte sie schon einiges erlebt. Ich ging dann wieder in mein Reich zurück und legte mir für morgen alles zurecht. Dann sah ich noch etwas fern und ging dann schlafen.
Montag, der echte erste Arbeitstag
Pünktlich um 6 Uhr wurde ich wach, noch bevor der Wecker klingelte. Ich duschte mich, zog mich an und nahm meine ganzen Papiere mit. Holte die Limousine, stellte sie vor das Haus und ging dann frühstücken. Nach dem Frühstück, als ich zum Auto ging, kam auch sie schon daher. Ich hielt ihr, wie es sich gehörte, die Tür auf.
„Danke Jhoseph“, und setzte sich hinein.
Ich ging herum und fuhr langsam die Auffahrt raus. Sie ließ die Trennfenster runter.
„Hast du die Papiere ausgefüllt, die ich dir gegeben habe?“
„Ja, habe ich mit. Auch die Mappe von meinen Vorgängern. Denn ich habe heute noch einiges zu erledigen.“
„Du gehst in der Firma zuerst zum Personalchef und meldest dich an. Er weis Bescheid, dass du kommst. Falls du irgendetwas brauchst, gehst du zur Empfangsdame und fragst sie. Sie wird dir sicher weiterhelfen. Wenn nicht, kann sie ja wen anderen fragen. Und die Tankrechnung gibst du ihr auch. Das wäre es mal von der Firma. Jetzt noch zum Auto. Was hat dir Rudolf alles erklärt?“
„Nur, wo das Navi ist, die Fernbedienung für die Tore, und dass es zwei Trennfenster gibt.“
„Okay. Dann erkläre ich dir den Rest, den er nicht weis. Die eine Scheibe, die auf meiner Seite ist, da kann ich zwar durchsehen, du aber nicht, bei der anderen ist es umgekehrt. Da kannst du durchsehen, ich aber nicht. Und je nachdem, welche Scheibe oben ist, musst du reagieren. Bei beiden sehe ich dich nicht und du mich nicht. Du hast vorne zwei Lichter, wo angezeigt wird, welches Fenster oben ist. Denn ich muss öfter jemanden mitnehmen, bei manchen will ich nicht gestört werden, bei anderen musst du auf meine Zeichen achten. Die gehen wir dann bei der Heimfahrt durch. Dann gibt es vorne noch einen Bildschirm und hier hinten eine Kamera. Auch ein Mikro gibt es. Das ist alles für meine Sicherheit. Ich kann alles hier hinten steuern. Wenn ich mich nicht wohlfühle, kann ich es einschalten, dass du jederzeit alles mitbekommst und mir dann zu Hilfe eilst. Dazu bekommst du auch noch nähere Anweisungen. Und wenn gar nichts an ist, bist du stumm und nicht hier. Du bist sozusagen mein Chauffeur, Bodyguard und … „
Sie machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach.
„… und Begleiter.“
Mir schwirrte schon der Kopf. Und fahren musste ich ja auch noch. Gut, dass mir das Navi alles sagte, wo ich hinmusste. Die wichtigsten Dinge wie Firma, Haus, Werkstatt und noch ein paar Kleinigkeiten waren alle eingespeichert.
„Das wäre mal vorläufig alles. Der Rest kommt später oder nebenbei.“
Dann fuhr sie das Glas hoch. An der Anzeige vorne konnte ich sehen, ihres. Da konnte sie mich sehen, ich sie aber nicht. Es dauerte dann noch etwas und wir waren kurz vor halb 9 Uhr vor der Firma. Als ich den Firmennamen las, dachte ich, ich werde nicht mehr. Wo arbeitet sie? Ich hielt vor dem Gebäude, stieg aus und öffnete ihr die Tür.
„Hier arbeiten Sie?“, fragte ich neugierig.
„Nicht nur das, die Firma gehört mir.“
„Sie sind die Villeroy-Lady?“, entfuhr es mir.
Das ‚geile‘ behielt ich zurück. Gott sei Dank. Sie sah mich überrascht an.
„Wie nennen Sie mich?“, fragte sie jetzt neugierig.
„Die Villeroy-Lady“, sagte ich zerknirscht, „Aber nicht nur ich, viele kennen Sie nur so“, und zauberte ein zaghaftes bestes Lächeln auf meine Lippen. Hoffentlich war sie mir jetzt nicht böse.
„Aha, Villeroy-Lady. So kennen Sie mich, aber nicht, wer ich wirklich bin. So Josef. Sie können da hinten parken, der Parkplatz ist angeschrieben und reserviert. Und dann können Sie alles erledigen, was Sie benötigen. Bis später.“
Das tat weh! Josef! Das war die Retourkutsche von der ‚Villeroy-Lady‘. Ich machte die Tür zu, steuerte den Parkplatz an, stieg aus, nahm meine Sachen und sperrte zu. Dann begab ich mich ins Gebäude. Am Empfang fragte ich nach dem Personalchef. Die Dame, sie hieß Silvia, gab mir freundlich Auskunft und sagte: „Frau Voss hat schon gesagt, dass Sie kommen werden. Wenn Sie etwas benötigen, kommen Sie einfach zu mir. Wenn möglich, helfe ich Ihnen weiter.“
So begab ich mich zum Personalchef. Der empfing mich auch freundlich. Ich gab ihm die ausgefüllten Papiere und dafür bekam ich vorläufig einen Besucherausweis, den ich im Haus immer zu tragen hatte. Später bekomme ich einen normalen, damit ich fast überall Zugang habe.
„Denn als Chauffeur unserer Chefin müssen Sie schon überall Zugang haben“, grinste mich an und zwinkerte mir zu.
Ich fand das etwas provokant. Bedankte mich und ging. Ich schlenderte wieder zum Empfang, um zu fragen, wo das nächste Büroartikelgeschäft wäre.
„Wieso?“, fragte sie mich.
„Na, weil ich einige Ordner brauche, Papier, Bleistift, Kugelschreiber, Spitzer usw. da ich ja alles notieren und ordnen muss, was die Autos anging.“
„Das haben wir gleich.“
Sie rief bei jemandem an und sagte, was ich brauchte, eben alles für ein Büro.
„Ok, passt. Ja, bitte bis spätestens 17 Uhr hier beim Empfang. Danke sehr“, und hängte auf.
„Noch etwas?“, fragte sie mich freundlich.
„Ja, ich würde noch Reservekanister brauchen für die Autos. Wo bekomme ich so etwas her?“
Und wieder griff sie zum Telefon und rief wieder jemanden an.
„Das wird auch bis 16 Uhr geliefert. Sie brauchen es nur mehr hier abzuholen. Noch etwas?“
Ich sah sie nur unverwandt an. Eine solche Sekretärin hätte ich früher auch gebraucht. Bei ihr war alles so leicht. Meine hatte immer Probleme.
„Hallo! Noch etwas?“, holte sie mich aus meinen Gedanken zurück.
„Ja. Einen Termin bei der Autowerkstätte, für den Range Rover.“
Ich dachte nicht daran, dass sie das machen würde. Sie sah in einer Liste nach und telefonierte gleich wieder. Ich war sprachlos.
„Was macht er für Probleme?“, fragte sie mich wieder in meine Gedanken hinein.
„Er ruckt beim Fahren und die Plakette ist schon seit einem Jahr überfällig.“
Sie gab das weiter.
„Ok, passt. Danke sehr“, und zu mir gewandt, sagte sie: „Der Wagen wird heute nachmittags um 13 Uhr abgeholt.“
„So schnell?“, fragte ich überrascht, „Ich dachte, erst im Laufe der Woche.“
„Na sehen Sie, was ich ausrichten kann. Außerdem, wenn es schnell gehen soll, immer hier von der Firma anrufen oder anrufen lassen. Denn keiner will es sich mit der Firma Villeroy verscherzen.“
Ja, das hatte ich gemerkt. Ich bedankte mich recht herzlich bei ihr und sah noch auf meiner Liste nach, was ich noch machen sollte.
„So, jetzt bin ich arbeitslos!“, meinte ich noch, als mein Handy ging.
Die Nummer kannte ich mittlerweile schon. Es war Frau Voss.
„Ja bitte sehr, Frau Voss.“
„Sie können schon nach Hause fahren oder Ihre Sachen erledigen. Mich holen Sie wieder pünktlich um 17 Uhr von hier wieder ab.“
Sie wartete gar keine Antwort ab und hängte schon wieder auf. Die Kanister konnte ich erst füllen, wenn ich sie hatte. Und das andere kann ich erst machen, wenn ich mein Zeug habe und zu Hause alles ordnen. So ging ich zum Wagen und fuhr wieder Richtung Villa Voss. Es überraschte keinen, dass ich schon hier war, ohne die gnädige Frau. Ich unterhielt mich etwas mit Herta, bis es Zeit war für das Essen. Dann wartete ich auf die Firma, die den Wagen holen sollte. Pünktlich um 13 Uhr waren sie hier. Der eine Mechaniker begrüßte mich und besah sich gleich den Range Rover.
„Das hört sich nicht gut an!“, meinte er.
„Fred, bringst du mir bitte den Kanister mit Diesel?“
Der andere kam sofort mit einem vollen Kanister daher. Da fiel mir ein, ich musste den anderen ja auch noch mitnehmen zum Befüllen. Während die Mechaniker beim Rover arbeiteten, gab ich den Kanister in die Limousine. Ich hörte, wie sie den Wagen durchputzten. Der Mechaniker kam dann auch schon mit dem Wagen raus.
„Das erste Problem wäre gelöst. Irgendjemand hat wahrscheinlich aus Versehen Benzin in den Dieseltank getan.“
Ich war überrascht. Nicht nur, dass er das sofort erkannt hatte, auch dass er gleich Diesel mithatte. Das muss wirklich eine gute Werkstätte sein.
„Wenn nichts dazwischenkommt, haben Sie den Wagen bis morgen Abend wieder. Die Telefonnummer ist immer noch dieselbe?“
„Ich denke schon.“
Ich wusste jetzt zwar nicht, welche er meinte, aber er griff schon zu seinem Handy und rief eine Nummer an. Mein Handy klingelte.
„Einen Moment“, meinte ich.
„Ja, hallo“, sagte ich.
Dann hörte ich noch: „Ok, die Nummer ist dieselbe!“, und schon war er weg.
Ich ging wieder zu Herta in die Küche zurück. Jetzt hatten wir Zeit für einen schönen Kaffeeplausch. Das Zimmermädchen ging meistens nach dem Essen nach Hause. Bina kam erst wieder vor dem Abendessen. Und der Butler? Der machte sein Mittagsschläfchen. So blieben wir beide übrig. Herta erzählte mir von früher als der gnädigen Frau ihr Vater noch lebte, der dann überraschend an einem Herzinfarkt gestorben war. Und sie wäre auch auf dem besten Wege dazu.
„Vielleicht könntest du etwas Einfluss auf sie haben?“, fragte sie zutraulich.
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
„Wie soll ich Einfluss auf sie haben? Ich bin doch nur der Chauffeur“, wandte ich ein.
„Wenn du es geschickt anstellst, kannst du viel. Nur so viel: Du hast jetzt schon mehr Einfluss auf sie als die anderen. Das habe ich schon in der kurzen Zeit bemerkt.“
„Und wie kommst du darauf?“, fragte ich sie verwundert.
„Ich schlafe schlecht in der Nacht und dann sehe ich oft aus dem Fenster. Und dass sie dich schon am ersten Tag anruft, weil sie Probleme hat und nicht Rudolf, der alles organisieren muss. Das heißt schon viel. Wenn etwas war, hat sie immer zuerst Rudolf angerufen. Der hat dann den Chauffeur oder wen anders organisieren müssen. Und dass du eigenständig handeln kannst und darfst, sogar mit ihrem Baby fahren darfst, ohne viel zu fragen, das heißt schon was! Reicht dir das fürs erste?“
Ich sah sie nur verwundert an und nickte. Das musste ich mir erst durch den Kopf gehen lassen.
„Was ist ihr Baby?“
„Das Cabrio! Das durfte bis jetzt keiner ungeschoren fahren! Und du fährst einfach weg damit!“
„Musste ja tanken fahren. Ihr war ja der Sprit ausgegangen!“
Hoppla! Das wollte ich nicht ausplaudern, aber Herta hatte es ja sowieso mitbekommen, wo ich war.
„Eine andere Frage hätte ich da noch.“
„Und welche?“
„Wer und wie wurde die Garage geputzt? Also aufgewaschen?“
„Der Gärtner macht das mit. Der hat auch die Maschine dazu irgendwo. Er muss ja auch den Tennisplatz putzen, der aber selten genutzt wird. Aber sauber sollte er sein.“
„Und wie erreiche ich den Gärtner?“
„Es gibt eine Liste von den ganzen Telefonnummern vom Haus, dort steht auch seine darauf.“
„Eine solche habe ich leider keine gefunden.“
„Dann frag Rudolf danach, oder gleich unsere gnädige Frau.“
Da es schon fast 3 Uhr war, ging ich in die Garage, um die Limousine zu holen. Ich machte noch einen Kontrollblick überall hin. Und fand dann ganz versteckt ein benutztes Kondom. Das musste jemandem rausgefallen sein. Ich dachte lieber nicht genauer darüber nach.
Dann fuhr ich gemütlich wieder zurück in die Stadt. Ich drehte um und stellte mich vor den Eingang, um auf sie zu warten und wollte gerade hineingehen, um zu fragen, ob meine Sachen schon hier waren. Da kamen schon einige Männer mit Schachteln und einer mit meinen Kanistern raus. Ich brauchte nur mehr den Kofferraum aufzumachen. Den leeren vom Rover hatte ich auch schon hineingegeben, damit ich heute noch alles betanken konnte. Auch die Limousine! Nur musste ich es ihr sagen. Hoffentlich hat sie nichts dagegen!? Oder hätte ich das inzwischen schon machen sollen? Aber die Kanister wären trotzdem leer geblieben und ich müsste es morgen machen. So genaue Anweisungen hatte ich noch nicht bekommen. Apropos Anweisungen! Solche sollte ich auf der Heimfahrt auch noch bekommen. Was für welche? Auf das war ich schon neugierig. Ich wollte mich gerade noch einmal bei Silvia bedanken, da kam auch schon Frau Voss raus. Hatte sie schon gewartet? Ich öffnete ihr die Tür und fragte auch sofort: „Ist es erlaubt, wenn ich auf der Heimfahrt die Limousine tanke und auch die Reservekanister für die anderen Autos?“
„Ja. Machen Sie nur!“, war ihre kurze Antwort und sie stieg ein.
Ich klemmte mich auch hinter mein Steuer und fuhr die Tankstelle an, die ich bei der Herfahrt gesehen hatte, und die nicht teuer war. Den einen Tankschlauch hängte ich in die Tanköffnung von der Limo. Und bei der anderen Zapfsäule befüllte ich die Kanister. Ich erhaschte einen kurzen Blick zum Auto. Sie hatte das Fenster runter gelassen und sah mir zu.
„Sie sollten lieber das Fenster schließen. Weil sonst haben Sie den Dieselgeruch im Auto“, rief ich ihr zu.
Sie winkte ab und rief zurück: „Nein das passt schon!“, und sah mir weiter zu.
Als ich zahlte, fragte mich der Kassier: „Was verschafft mir die Ehre, dass die Villeroy-Lady hier tankt?“
Ich sah ihn überrascht an. Ich hatte eine Gegenfrage.
„Wieso nicht? Außerdem fahre und tanke ich und ihr seid die bessere und günstigere hier in der Gegend.“
„Weil die anderen Chauffeure immer an den teuren Tankstellen tanken. Oder glaubst du, wir bekommen das nicht mit?“
Zuerst sah ich ihn ungläubig und überrascht an und antwortete: „Ich bin nicht die anderen Chauffeure. Und ich tanke immer dort, wo es gut und günstig ist. Die ganz billigen mag ich auch nicht. Und sie hat nichts gesagt, wo ich tanken muss. Also wenn der Preis und die Leistung stimmen, werden Sie mich hier öfter sehen. Auch wenn sie reich ist, kann man ja trotzdem sparen, oder nicht?“, drehte mich um und verschwand.
Die anderen glaubten wohl, weil sie reich ist, konnte man den teuersten Diesel tanken. Oder sie bekamen eine Provision, wenn sie dort tankten. Ich setzte mich wieder hinter das Steuer und fuhr weiter. Ich merkte gar nicht, dass ich so angespannt weiterfuhr. Ich zuckte zusammen, als sie mich ansprach. Die Fenster hatte sie ganz runtergelassen.
„Über was grübelst du so nach?“
„Ist es egal, wo ich tanke? Oder gibt es Tankstellen, bei denen ich tanken muss?“
„Es ist mir egal, bei welcher. Hauptsache keinen Billigtreibstoff. Mit dem hatten wir schon mal Probleme, weil einer glaubte, er müsse über drüber sparen. Und die Reparatur kostete mich dann weitaus mehr. Es muss auch nicht immer der Teuerste sein. Das ist dir überlassen.“
„Okay, das passt dann schon“, gab ich ihr zur Antwort.
Sie ließ aber nicht nach.
„Wieso?“
Was sollte ich ihr antworten?
„Na ja, weil die Villeroy-Limousine auffällt, wo sie zum Tanken hinfährt.“
„Und da musst du auch gleich Reservekanister befüllen für die Limo?“
„Nur einen! Die anderen gehören zu den anderen Autos. Apropos Auto! Der Range Rover wurde heute zu Mittag schon abgeholt. Irgendwer hat Benzin statt Diesel in den Tank gefüllt.“
„Scheißkerl!“, entfuhr es ihr.
„Nicht du. Wahrscheinlich dein Vorgänger oder Marten. Er hatte angedroht, dass er etwas anstellt, das mich viel Geld kosten würde. Hauptsache, nicht das Cabrio.“
Dann war es kurz still.
„Bevor wir zur Einfahrt kommen, gibt es einen Parkplatz, dort hältst du dann an.“
„Ja, Frau Voss“, oder hätte ich Valerie sagen sollen?
Sie hatte mich schon wieder geduzt. Ich überließ es ihr, wie sie mich nennen wollte. Sie war ja die Chefin, auch wenn das hieß, dass sie mich Josef nennt. Dann fuhr sie beide Fenster hoch. Auf dem Parkplatz blieb ich stehen, wie sie wollte. Sie fuhr dann auch wieder die Scheiben hinunter.
„Ich hoffe, du kannst dir jetzt alles merken, denn aufschreiben darfst du nichts. Wenn jetzt dein Fenster oben ist, kannst du durchsehen. Und wenn ich dieses Zeichen mache…“ Sie hielt die Hand so, als würde sie schießen wollen, „…dann darfst du stören. Oder ich halte meinen Kopf so …“ Sie stützte sich mit der Hand ihren Kopf ab. „… so gebe ich vor, Kopfschmerzen zu haben. Dann musst du dir etwas einfallen lassen. Genauso bei der Kamera. Wenn das Mikro an ist, sage ich, ‚Der Chauffeur ist sicher müde und muss morgen wieder fit sein‘ Dann steigst du aus und machst die Türe einfach auf. Dann will ich ihn unbedingt loswerden. Sind beide Fenster oben und ich sage ‚Fahren Sie‘, ohne Angabe wohin, dann fährst du spazieren und siehst zu, dass wir nach einer Stunde wieder am Ausgangspunkt sind oder an dem Ort, den ich gesagt habe. Okay?“
„Ich hoffe!“
Mir schwirrte der Kopf bei so vielen neuen Dingen. Und ich dachte lieber nicht genau darüber nach, was das alles zu bedeuten hatte.
„So jetzt darfst du wieder weiterfahren. Wir werden das demnächst üben.“
„Ja, Frau Voss.“
Was sollte ich sonst sagen? Ich fuhr in die Auffahrt und ließ sie vor der Eingangstür aussteigen. Fuhr zum Nebenhaus, stellte die Schachteln in den Vorraum, parkte dann die Limousine in der Garage, deponierte in jedem Auto einen der vollen Kanister. Damit so etwas nicht mehr so schnell passiert, außer sie kann nicht selber tanken. Dann ging ich in die Küche, wo Herta mit dem Essen schon auf mich wartete.
„Die gnädige Frau hat auch gerade ihr Essen bekommen.“
Sie stellte mir mein Essen hin und ich aß in Ruhe. Richtigen Hunger hatte ich zwar nicht, aber bevor mir später der Magen knurrte, aß ich lieber. Auf die Nachspeise wollte ich verzichten.
„Und weißt du, was wir dann machen?“
Ich sah sie an.
„Nein.“
„Wir stoßen auf du und du an.“
„Aber nur ein Gläschen, als Fahrer dürfte ich gar keinen Alkohol trinken. Aber ich hoffe, ich muss heute nicht mehr ausfahren.“
„Nein. Montags sicher nicht“, und sie holte schon zwei Gläser und eine Flasche Wein.
Als sie beides auf den Tisch gestellt hatte, läutete das Telefon.
„Wer kann das jetzt noch sein?“, fragte Herta mehr sich als mich.
„Ja, bitte.“
Stille.
„Ja, gnädige Frau. Mache ich, gnädige Frau.“
Stille.
„Ja, der ist noch da.“
Stille.
„Ja, sage ich ihm, und schicke ihn zu Ihnen ins Empfangszimmer“, dann legte sie auf.
„So, nichts wird es mit unserem Du und Du. Du sollst nämlich zur gnädigen Frau gehen, mit zwei Gläsern und einem roten Wein.“
Den musste sie erst vom Lager holen. Sie stellte alles auf ein Tablett.
„Herta, das macht doch nichts. Wir duzen uns ja schon. Aber wir können das auch ohne Wein.“
Nahm sie in den Arm und drückte ihr links und rechts einen Kuss auf die Wange.
„So Herta, ich bin der Jhoseph!“
Gerade in dem Moment kam der Butler rein. Sah uns beieinanderstehen und den Wein auf dem Tisch.
„Was macht ihr hier? Der gnädigen Frau ihren Wein trinken und knutschen!“
„Ach, was weißt du schon!“, sagte sie unwirsch.
„Er muss mit dem Wein zu ihr gehen und wir duzen uns jetzt! So basta, und du hast jetzt Sendepause.“
Er verschwand sofort grimmig in den hinteren Räumen, wo ihre Zimmer lagen.
Ich schnappte mir das Tablett, doch Kellner war ich keiner und so hielt ich es mit beiden Händen fest und die Gläser wackelten trotzdem. Herta amüsierte sich köstlich, als ich noch versuchte, die Türe zu öffnen.
„Komm, ich helfe dir!“, und machte mir die Tür auf.
„Und wo muss ich hin? Ich weis nicht, wo das Empfangszimmer ist.“
„Hat dir Rudolf nicht alle Räume im Haus gezeigt? Zumindest die wichtigsten?“
„Nein, Doris hat mich kurz rumgeführt.“
„Auch das noch! Wir werden das demnächst nachholen.“
Schon wieder demnächst! Demnächst üben! Demnächst nachholen! Wow! Das Leben eines Chauffeurs habe ich mir wahrlich anders vorgestellt. Und jetzt durfte ich auch noch Kellner spielen. Warum brachte der Butler das nicht hin? Das ‚Warum‘ sollte ich bald erfahren. Herta ging mir voraus. Es war das Zimmer gleich neben dem Büro. Sie klopfte für mich an und öffnete nach dem „Herein“ die Tür und schloss sie auch gleich wieder hinter mir. Ich stellte das Tablett auf den Tisch. Sie saß im Ohrensessel und las eine Zeitschrift. Als sie mich sah, fing sie an zu lachen.
„Gut, dass ich Sie nicht als Kellner einstellen habe müssen. Denn da sind Sie eine Niete. Ich hoffe, Sie können, ohne viel zu verschütten, den Wein einschenken.“
Das brachte ich gerade noch hin. Das eine Glas gab ich ihr und wollte mich schon zurückziehen, als sie sagte: „So jetzt stoßen wir mal auf eine gute Zusammenarbeit an. Ich hoffe, Sie bleiben länger als meine letzten Chauffeure. Denn besser stellen Sie sich schon allemal an.“
„Als Chauffeur sollte ich gar keinen Alkohol trinken, nicht mal in meiner Freizeit.“
„Nichts da! Das ist ein Befehl.“
So nahm ich das andere Glas und stieß mit ihr an.
„Auf gute Zusammenarbeit“, sagte ich auch und wir tranken einen Schluck.
„Setz dich und erzähle mir mal, wie dir das Haus, die Angestellten und die Firma gefallen, für die du arbeitest. Nach dem einen oder besser gesagt drei Arbeitstagen.“
Ich setzte mich und erzählte ihr von meinen paar Tagen. Dass nur Herta mich freundlich aufgenommen hatte. Dass, wie sie schon vernommen hatte, der Butler mir nicht wohlgesonnen war. Ja und dass ich rausgefunden hatte, dass der Gärtner eine Maschine hatte, mit der man die Garage aufwaschen konnte. Das wusste ich von Herta.
„Ich glaube, ich sollte mich mehr an Herta halten als an den Butler. Sie erzählt mir mehr von dem, was ich eigentlich wissen sollte. Auch macht sie mit mir demnächst eine Führung durch das Haus, weil der Butler die Führung an Doris abgeschoben hat und die mir nur die „Diensträume“ zeigte.“
„Rudolf!“, sagte sie leise wütend.
„Ich glaube auch, dass es besser ist für dich, wenn du dich an Herta hältst. Falls du es noch nicht weist oder der Tratsch noch nicht bis zu dir vorgedrungen ist, Rudolf wollte mich mit seinem Neffen Marten verkuppeln. Ich hatte ihn kurz als Chauffeur eingestellt. Doch der meinte, weil mein Ex-Freund hier einmal Chauffeur war, dass er das auch als Anlass nehmen kann und sich hier schon als Chef fühlte. Ich schmiss ihn hochkantig raus. Leider kann ich ihm nicht verbieten, seinen Onkel zu besuchen. Außer er benimmt sich noch einmal ordentlich daneben, dann kann ich ihm Hausverbot erteilen. Bis jetzt hält er sich geflissentlich zurück.“
Dann nahm sie einen kleinen Schluck, bevor sie weitersprach.
„Jetzt erzähle mir etwas über die Villeroy-Lady. Ich bekomme ja davon nichts mit in meiner Firma und auch außerhalb.“
Ich wurde sofort rot und hoffte, sie würde es nicht merken. Was sollte ich ihr erzählen? Die Wahrheit war sogar mir etwas peinlich. Und das meiner Chefin auch noch brühwarm erzählen? Ich musste mir eine Notlüge ausdenken und die Wahrheit umschiffen.
„Die meisten Leute kennen ja nicht Ihren Familiennamen. Nur die Werke, und so werden Sie die Villeroy-Lady genannt.“
Ich hoffte, sie nahm mir das ab. Sie sah mir direkt in die Augen, nahm wieder einen Schluck und sagte: „Ich sehe es dir an, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Aber ich belasse es so, dafür …“, sie machte eine Pause.
Trank ihr Glas leer und hielt es mir hin, damit ich nachschenken konnte. Dann fuhr sie fort.
„… dafür trinken wir jetzt auf du und du!“
Ich hätte mich bald verschluckt. Zuerst wollte Herta mit mir auf du und du anstoßen, jetzt sie!
„Das geht aber nicht. Sie sind meine Chefin. Und ich kann Sie doch nicht vor den anderen duzen!“
„Nein, vor den anderen nicht, aber wenn wir beide alleine sind. Und es nicht firmenmäßig ist. So wie jetzt zum Beispiel. Ich heiße Valerie.“
Sie hielt mir ihr Glas entgegen. Was sollte ich jetzt tun? Ich wollte und versuchte Abstand zu halten, und sie suchte die Nähe. Hatte das was mit ihrem Ex zu tun?
„Muss ich es Ihnen erst befehlen?“, fragte sie ungeduldig.
Ich riss mich zusammen und sagte: „Jhoseph.“
„Es geht ja. Valerie“, sagte sie.
Dann stießen wir an und ich hoffte, dass ich sie jetzt nicht auch noch küssen musste. Aber wenn schon, dann schon … oder?“
„Und was ist mit meinem Kuss?“, fragte sie da auch schon keck.
Ich stand auf und wollte ihr einen Kuss auf die Wange geben, so wie bei Herta. Aber das misslang mir sofort. Sie drehte den Kopf sofort und meine Lippen landeten auf ihren. Ich ruckte erschrocken zurück.
„So schüchtern? Das gefällt mir.“
Dann wechselte sie das Thema.
„Morgen und den Rest der Woche fahren wir mit dem Mercedes. Dort, wo wir hinmüssen, ist erstens die Limo deplatziert, und zweitens zu groß.“
Dann stieß sie mit mir noch einmal auf gute Zusammenarbeit an. Ich trank den Rest Wein aus und dann durfte ich mich zurückziehen. Es war erst 20 Uhr. Also hatte ich noch Zeit etwas zu tun. Stellte die Kartons ins Wohnzimmer und fing an, den ersten auszupacken. Ich fand wirklich alles, was man für ein Büro brauchte. Angefangen vom Radiergummi, Schreibutensilien, Hefte, Blöcke, Locher, Klammermaschine usw. Im zweiten waren nur Ordner und im dritten Folien, andere Mappen und noch etliches. Ich holte mir die Ordner und Folien raus und fing an, die Papiere, die unordentlich in der Mappe waren, zu sortieren. Da fand ich heraus, dass beim Cabrio auch bald die Plakette fällig war. Und die von der Limo bis spätestens Ende des Jahres noch gemacht werden musste. Das notierte ich mir, damit ich es ihr morgen sagen konnte. Dann beschriftete ich alle Ordner. Aber wo sollte ich sie hinstellen? Das Wohnzimmer war dafür nicht der richtige Platz. Ich hatte mir noch nicht mal richtig Zeit genommen, das Haus genauer anzusehen. Nur Küche, Wohnzimmer, Bad und Schlafzimmer. Jetzt ging ich die anderen Räume mal durch. Es gab noch zwei Schlafzimmer und am Ende des Korridors einen Raum, der aussah, als wäre es ein Büro. Wenn ich Zeit habe, muss ich es diese Woche putzen. Sollte nur Herta fragen, ob ich mir Putzutensilien von ihr ausborgen kann oder ob es hier vielleicht so etwas gab. Ansonsten kaufe ich mir etwas. Ich räumte noch etwas auf und ging dann schlafen, denn um 6 Uhr klingelte wieder der Wecker.
Zweiter Tag
In der Früh wurde ich wieder pünktlich wach, duschte und ging zum Frühstück. Herta war noch alleine, und da konnte ich sie gleich fragen, ohne dass der Butler gleich wieder etwas zu murren hatte.
„Herta, könntest du mir heute oder diese Woche was zum Putzen borgen?“
„Was brauchst du und für was?“
„Ich möchte das Büro putzen, damit ich dort arbeiten kann.“
„Für was brauchst du ein Büro?“
„Ich habe die Papiere von den Autos geordnet und will sie wo hinstellen. Damit ich alles parat habe, wenn ich etwas brauche. Ansonsten muss ich immer eine halbe Stunde suchen, wenn ich etwas benötige.“
„Das ist bis jetzt keinem eingefallen! Nein, ich gebe dir nichts zum Putzen!“
Ich war überrascht und wollte schon fragen wieso, da sagte sie auch schon: „Ich werde dir Doris rüber schicken. Es gehört sowieso mal wieder grundgereinigt. Dann kann sie gleich alles putzen. Rudolf wird zwar etwas murren, aber wenn es die gnädige Frau anschafft, kann nicht mal er was dagegen tun. Das erledige ich für dich.“
„Danke, du bist ein Schatz“, und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Und wieder kam der Butler dazwischen. Er sah sehr grimmig drein und konnte sich nicht verkneifen zu sagen:
„Die gnädige Frau wartet!“
Ich sah auf die Uhr, es war erst 7 Uhr vorbei. Und um halb 8 Uhr sollten wir erst starten. Ich sagte nichts dazu, drehte mich um und ging in die Garage, um den Mercedes zu holen. Als ich vor dem Haus stand, kam der Butler dahergelaufen und sagte: „Was nehmen Sie sich heraus und fahren mit dem Mercedes vor!“
Was er nicht sah, war, dass Frau Voss schon hinter ihm herkam. Ich brauchte auch gar nichts zu antworten, das erledigte sie schon.
„Weil ich es ihm gestern schon gesagt habe! Und wenn etwas nicht stimmt oder passt, werde ich ihn selber rügen. Und außerdem, sollte nicht Doris das Nebenhaus schon gründlich geputzt haben?“
„Ich habe es ihr diese Woche anschaffen wollen, aber der neue Chauffeur hat ja schon früher kommen müssen!“, sagte er etwas spitz.
„Es war so ausgemacht, wenn es sich ausgeht, dass er früher kommt. Und ich habe es Ihnen gleich gesagt, dass das Haus geputzt gehört, wenn er kommt, damit es sauber ist! Ich will, dass das Haus bis am Abend ganz sauber ist!“
„Aber …“
„Nichts aber! Wenn sie es nicht alleine schafft, soll ihr das Küchenmädchen helfen, oder sonst müssen Sie mit Hand anlegen.“
Stieg ein und schmiss die Türe zu. Ich war gar nicht dazu gekommen, ihr aufzumachen. Ich setzte mich auch ans Steuer, fuhr los und überlegte nur, wieso sie es wusste. Ich hatte es erst vorhin Herta gesagt. Ich sah ständig zu ihr zurück. Sie musste meine Blicke bemerkt haben.
„Was ist, Jhoseph, dass du ständig zu mir zurück blickst? Ist es wegen gestern Abend?“
„Nein, wegen gerade vorhin, das mit dem Butler. Wieso wussten Sie es?“
„Herta kam zu mir ins Büro und fragte, ob es möglich wäre, dass Doris das Haus putzen würde. Dabei dachte ich, dass es schon geputzt wäre.“
„Ja geputzt könnte es schon sein, aber nicht alle Räume. Ich bin leider keine Frau, dass ich das sagen könnte, aber das Büro war schon sehr staubig.“
„Wozu benötigst du das Büro?“
„Für die Papiere von den Autos und eventuell Korrespondenz mit Werkstatt und Versicherung. Oder geht das durch Ihre Hand?“
Sie sah mich kurz böse an, aber sprach ruhig weiter.
„Ich weis nicht genau, wo alle Papiere von den Autos landen. Nach meiner Durchsicht und dem Okay wird es an meinen Verwalter geschickt. Wo es nachher hinkommt, weis ich nicht. Die Chauffeure mussten sich immer bei ihm melden, wenn sie etwas benötigten. Sonst ging es sowieso über die Anwälte, wenn irgendein Schaden war.“
Jetzt wusste ich auch, wieso so wenige Papiere da waren. Mir fehlten aber mehr als die Hälfte.
„Jetzt habe ich mal eine Frage an dich“, sagte sie.
„Ja, bitte?“
„Wieso sagst du immer Butler zu Rudolf?“
„Weil ich ihn nicht mag und er mich auch nicht. Und ich kann mich nicht überwinden, „Rudolf“ zu sagen.“
Sie lachte herzlich. So hatte ich sie noch nicht lachen gehört.
„Das kann ich verstehen. Ich kenne ihn schon fast mein ganzes Leben lang. Aber jetzt wird es mir auch schon zu viel, wie er sich manchmal benimmt. Gut, dass er nur mehr zwei Jahre zur Pensionierung hat. Dann kann ich mir endlich einen neuen suchen. Eigentlich hätte ich ihn gerne nach dem Tod meines Vaters entlassen wollen, aber im Testament stand, dass ich ihn bis zur Pensionierung behalten muss!“
„OH“, konnte ich nur sagen.
Jetzt wusste ich auch, wieso sie ihn ‚duldete‘. Dann war es eine Weile still.
„Ich werde veranlassen, dass dich heute jemand in der Firma herumführt. Ich hoffe, besser als zu Hause. Damit du auch weist, was wir alles machen.“
Ich wusste etwas mehr, als sie ahnte, sagte aber nichts. So fuhren wir weiter in die Firma. Dort angekommen, stieg sie wie gewohnt aus, und ich stellte das Auto auf den Parkplatz. Dann ging ich wieder hinein. Silvia, die Empfangsdame, wartete schon auf mich.
„Das ist Herr Hermann. Er wird mit dir eine Führung machen.“
„Och schade! Warum kannst du das nicht machen?“
„Weil ich dazu nicht berechtigt bin“, lächelte sie mich lieb an.
Ich begrüßte ihn, und schon ging es los. Ich durfte mich in die Höhle des Löwen wagen. Denn nicht jeder, der mit der Firma zu tun hatte, durfte auch hinein. Meistens nur in die Besprechungszimmer. Mehr wurde nicht gezeigt. Ich genoss die Führung und zum Schluss gingen wir wieder zum Personalchef, wo ich meine Karte bekam, die mich berechtigte, fast überall hinzugehen. Herr Hermann zeigte mir dann auch noch die Kantine, wo ich jeden Tag zu Mittag essen konnte, falls die Chefin nicht auswärts aß. Nachmittags konnte ich, wenn es sich ausginge, noch gratis Kaffee und Kuchen holen. Wir gingen dann auch gleich essen und er erklärte mir, wie alles funktionierte. Da ich der Chauffeur von der Chefin war, hatte ich Essen und Trinken frei. Bevor ich noch fertig war, klingelte mein Telefon.
„Ja, bitte Frau Voss.“
„Bitte um 15 Uhr mit dem Wagen vor der Firma warten. Danke!“, und hängte wieder wie gewohnt auf.
Sie wartete gar keine Antwort ab. Ich trank dann doch noch Kaffee und aß einen Kuchen dazu. Das wollte ich eigentlich erst später machen, aber später war dann schon zu spät.
Ich suchte noch die Toilette auf. Dort musste ich mich in eine Kabine verziehen, so bekam ich ungewollt ein Gespräch mit. Zwei Männer kamen rein und sprachen über die Chefin. Zuerst wusste ich nicht, um welche es ginge. Es gibt ja verschiedene Abteilungen.
Der eine sagte:
„Die Chefin ist heute wieder schlecht drauf.“
Der andere:
„Ja wahrscheinlich hatte sie am Wochenende keinen Sex. Da ist sie immer so mies drauf.“
Der erste:
„Weißt du schon was, ob sie schon einen neuen Chauffeur hat?“
Der andere:
„Ich habe schon etwas munkeln gehört, aber gesehen habe ich ihn noch nicht. Der Arme tut mir leid, bei so einer Chefin!“
Der erste:
„Mir auch.“
Dann kam jemand rein und sie verstummten und bald darauf gingen sie auch schon wieder. Ich wartete noch, bis der Mann auch verschwand. Also so wurde über die Chefin gesprochen. Nicht sehr fein. Denn das Privatleben kann ihnen Wurst sein. Aber es wird leider in jeder Firma gerne getratscht und gemunkelt. So auch hier. Und wieso tat ihnen der Chauffeur leid? Das verstand ich nicht. Ich ging zurück zur Empfangshalle und bedankte mich noch für die prompte und schnelle Hilfe bei Silvia.
Dann ging ich zum Auto. Ich hatte noch etwas Zeit und beschäftigte mich mit dem Armaturenbrett, was wie funktionierte. Hatte noch nicht Zeit und die Möglichkeit, alles anzusehen. Kurz vor 15 Uhr fuhr ich vor und keine Sekunde zu spät. Denn sie kam auch schon mit zwei Männern heraus. Ich hielt die Türe auf und sie gab mir einen Zettel in die Hand.
„Bitte die erste Adresse anfahren.“
Ich stieg ein und tippte die Adresse ins Navi. Es dauerte kurz, dann schrie es schon, wie ich fahren musste. Dieses Navi war etwas lauter als das in der Limo. Ich versuchte es während der Fahrt leiser zu drehen. Heute hatte ich schon kein Navi mehr gebraucht, um in die Firma zu kommen. Gut, dass die Fahrt nicht lange dauerte und das Navi nicht viel sprechen musste. Dafür redeten sie hinten umso mehr. Während sie ausstiegen, versuchte ich das Navi leiser zu stellen. Dann stieg ich auch aus und sah mir das Gebäude an, vor dem wir standen. Ich kratzte mich am Kopf, dadurch rutschte meine Kappe zurück und ich konnte nur den Kopf schütteln. Denn im Mercedes habe ich so einiges aufgeschnappt. Und das wollte sie kaufen? Ich rückte die Mütze wieder zurecht und sah in dem Moment zu ihr. Sie sah mich an und dann machte sie mit dem Kopf einen Ruck zum Gebäude. Ich sah sie entsetzt an und schüttelte den Kopf und die Hände. Dann sprach sie noch mit den Männern und kam wieder zum Auto zurück.
„Bitte zum nächsten Ziel“, sagte sie und stieg ein.
Ich fuhr weiter und hörte so einige Sprachfetzen. Es ging darum, dass sie ein Gebäude brauchte und dieses wollten sie ihr um eine Million Euro verkaufen. Ich glaube, sie sah meinen Blick im Spiegel, leider musste ich mich auf die Fahrt konzentrieren. Sie hatte recht, hier hätte ich mit der Limo kaum fahren können. Bei der ersten Kurve wäre ich schon stecken geblieben. Der Mercedes war zwar auch groß, aber nicht so lang. Das andere Gebäude sah zwar besser aus, war aber auch kleiner. Sie verhandelten einige Meter weiter von mir. Mich würde das Gebäude von innen interessieren und wofür es genützt werden sollte. Sie stand so, dass sie zu mir rüber sehen konnte und die Männer mir den Rücken zu kehrten. Frau Voss sah zu mir, so als würde sie meine Meinung wissen wollen. Ich zuckte mit den Schultern und mit der Hand drückte ich zu Boden. Ich hoffte, sie wusste, was ich damit sagen wollte. Sie redeten weiter, danach kamen sie zurück und stiegen ins Auto. Es wurde noch weiter diskutiert, während ich sie zur Firma zurückbrachte. Die Männer stiegen aus und verabschiedeten sich von ihr. Wir fuhren wieder nach Hause. Vorher musste ich wieder tanken fahren. Da fielen mir die zwei anderen Autos ein.
„Frau Voss?“
„Ja bitte?“
„Gestern bei der Durchsicht der Papiere und ich habe es heute in der Früh auch nochmal kontrolliert, bin ich draufgekommen, dass wir bald beim Cabrio die Plakette machen lassen müssen und bei der Limo bis spätestens Ende des Jahres.“
Sie sah mich verwirrt an.
„Und was habe ich damit zu tun? Das ist doch deine Aufgabe.“
„Ich wollte Sie nur informieren darüber, nicht dass dann das Auto in der Werkstatt ist und Sie gerade dann damit fahren wollen.“
Jetzt wusste sie auch, worauf ich hinauswollte. Sie war anscheinend mit ihren Gedanken nicht anwesend gewesen.
„Okay, lass dir von der Firma einen Termin machen. Das geht, wie du weißt, viel schneller, als wenn du selber anrufst. Und mir sagst du dann, wann und wie lange das Auto nicht verfügbar ist.“
„Danke, das werde ich machen.“
Der Tank war auch voll und ich ging bezahlen. Auf der Autobahn, wo es leichter war zu fahren, fragte sie mich dann: „Wieso war das erste Gebäude nichts, deiner Meinung nach?“
„Es war zu alt, zu brüchig und zu teuer.“
„Das hast du nach einem Blick gesehen?“
„Ja. Ich würde es nicht mal geschenkt nehmen. Weil man zu viel reinstecken müsste.“
„Du weißt ja gar nicht, wofür ich das Gebäude brauche“, sagte sie etwas beleidigt.
„Das ist egal. Es ist für alles zu teuer.“
„Und das andere?“
„Von außen sieht es ziemlich gut aus. Mich würde das Innenleben interessieren. Und wie viel sollten Sie für das Gebäude bezahlen?“
„900 000 Euro“
„Viel zu teuer! Die wollen von Ihnen abkassieren und das alte Gebäude weghaben wollen. Nicht einmal der Grund alleine wäre es wert. Besser alles abreißen und neu bauen.“
„Meine Manager sagen, neu bauen würde teurer kommen.“
„Wofür brauchen Sie es eigentlich?“
„Wir müssen einige Zweigstellen vom Gebäude ausquartieren. Für die würde ich das brauchen.“
„Ehrlich gesagt würde ich dort nicht einmal Tiere nach der Renovierung unterbringen.“
„Wieso?“
„Ich würde mich fürchten, dass irgendwann alles zusammenfällt. Trotz Renovierung.“
„Und was würdest du mir vorschlagen?“, fragte sie jetzt ganz neugierig.
„Entweder würde ich nebenan neu dazu bauen oder Zweigstellen mit gleicher Richtung zusammenlegen. Ich habe heute beim Rundgang gesehen, dass sehr viele Plätze frei sind und nicht genutzt werden.“
„Und was würde dir da vorschweben?“
„Bei manchen Räumen würde es reichen, Trennwände aufzustellen. Und man könnte aus einem großen Raum zwei kleinere Räume machen. Das käme sicher um vieles billiger.“
Ich sah, wie es bei ihr arbeitete.
„An so etwas haben meine Manager nicht gedacht.“
„Ja, die denken mehr in ihre Tasche!“
Sie lächelte und dann grübelte sie die weitere Fahrt darüber nach. Zu Hause angekommen, ging sie ins Haupthaus. Nachdem ich das Auto in die Garage gestellt hatte, ging ich in die Küche. Der Range Rover war auch schon wie versprochen hier. Es war wie gestern, nur Herta da. Ich bekam mein Abendessen und wir redeten, was heute so los gewesen war. Das wichtigste hatte sie mir nicht gesagt und ich dachte auch nicht daran. Erst als ich in das Nebenhaus ging, fiel mir zuerst der Duft auf. Dann ging ich durch alle Räume. Es war alles ganz frisch geputzt. Sogar meine Bettwäsche war frisch überzogen. Alle Achtung! Die spurten ja direkt, wenn sie was sagte. Ich brachte noch meine Ordner in das Büro und auch die restlichen Utensilien und schlichtete alles ein. Dann ging ich wieder zur Garage und testete den Range Rover. Der spurte nun wie eine Eins! Kaum war ich wieder im Haus, läutete das Telefon. Frau Voss rief an.
„Und wie geht es dem Range Rover?“
„Der schnurrt wie eine Katze. Aber wieso wissen Sie es?“
Zuerst dachte ich, sie hat aus dem Fenster gesehen.
„Rudolf“, sagte sie nur.
„Ach herrje! Habe ich ihn nicht gefragt, ob ich damit fahren darf?“
Sie lachte wieder laut.
„Ja, er ist ganz erbost gekommen und hat dich verpetzt, dass du ohne Erlaubnis gefahren bist. Ich musste es ihm wiedersagen, dass du keine Erlaubnis dafür brauchst, das gehört zu deiner Arbeit. Ihn wurmt es nur, dass ich nichts mehr über ihn ausrichten lasse und dass du nicht über ihn fragen lässt, ob du etwas erledigen musst, sollst oder darfst. Geschieht ihm ganz recht. Denn ich bin mittlerweile draufgekommen, dass er manches falsch weitergibt. Dass die anderen dann immer die schlimmen und dummen gewesen sind. Speziell die Chauffeure, und den Grund kennst du ja. Also, gute Nacht, bis morgen.“
Ich kam gar nicht dazu, auch noch „Gute Nacht“ zu sagen, denn sie hatte schon wieder aufgehängt. Aber diesmal hatte sie sich verabschiedet.
Eigentlich wollte ich danach noch etwas arbeiten, aber ich war schon so müde, dass ich nach dem Duschen sofort ins Bett fiel.
Dritter Tag
Am nächsten Morgen fing das gleiche Spiel wieder an. Duschen, frühstücken, Auto vors Haus fahren, in die Firma. Heute sagte sie gar nichts während der Fahrt. Erst als wir vor der Firma standen.
„Ich werde mich melden, wenn ich dich brauche.“
So stellte ich das Auto wieder auf seinen Platz und holte mir noch einen Kaffee. Diesmal kam der Anruf schon früher.
„Bitte um halb 11 vor der Firma warten.“
Ich fuhr dann wieder zu der angegebenen Adresse. Diesmal war es ein Restaurant, dort warteten schon einige Männer auf sie. Ich wollte mir gerade einen Parkplatz suchen, als ein Kellner zu mir kam und sagte: „Das Auto können Sie dort drüben parken, wo steht ‚reserviert‘. Und dann sollen Sie auch reinkommen und bekommen ein Mittagessen.“
Ich musste ihn überrascht angesehen haben, denn dann sagte er noch: „Befehl von Frau Voss“, drehte sich um und verschwand.
Also gehorchte ich dem Befehl. Ich dachte, ich würde irgendwo hinten sitzen, doch weit gefehlt: Ich durfte vorne in ihrer Nähe sitzen.
„Frau Voss möchte, dass Sie in ihrer Nähe sind, falls sie Sie schnell benötigt“, sagte mir der Kellner, weil ich meinte, das wäre sicher der falsche Tisch.
Also hieß es sie beobachten, ohne dass es auffällt. Und noch vorm Nachtisch war es so weit. Sie stützte ständig den Kopf auf ihre Hand. War das auch hier ein Zeichen? Während ich zu ihnen hinüber ging, überlegte ich, wie ich sie hier wegbringen könnte, ohne dass es auffällt. Mir fiel nichts Besseres ein als: „Frau Voss, wir müssen leider schon fahren. Ihr 14 Uhr Termin. Und wir brauchen von hier noch eine Stunde.“
Sie sah auf die Uhr.
„Oh ja danke! Den hätte ich fast vergessen.“
Rasch verabschiedete sie sich noch von ihnen und wir gingen. Als wir so einfach raus gingen, fragte ich noch: „Müssen wir nicht noch bezahlen?“
„Nein, das machen die Herren.“
Kurze Pause.
„Aber danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Und danke, dass du mich gerettet hast. Es funktioniert doch, trotz kurzer Einschulung!“
Im Auto fragte ich dann: „Wo geht es jetzt hin? Wieder zur Firma?“
„Nein, fahre bitte zum Hafen.“
Ich sah sie überrascht an. Aber sie sah nicht mehr her. So fuhr ich zum Hafen und parkte mich wohin, wo ich nicht stören konnte. Sie stieg aus, blieb kurz stehen und sog die Luft ein. Ich stieg ebenfalls aus. Die Luft roch salzig. Sie ging zum Geländer. Ich hoffte nur, dass sie nichts anstellen würde, so wie sie momentan drauf war. Sie stand nur da, hielt die Augen geschlossen und sog die Luft ein. Ich wusste nicht, sollte ich näherkommen oder sie doch lieber alleine lassen. Darum wartete ich ab. Nach einer Weile drehte sie sich um.
„Komm näher! Du musst nicht wie angewurzelt dort stehen und mich beobachten.“
Ich ging langsam näher und hielt mich auch am Geländer an. Sie fing dann von ganz alleine an zu sprechen.
„Ich habe sie gerne, die salzige Luft. War oft mit meinem Vater hier, oder wenn es möglich war, am Strand. Aber der ist zu weit weg, um mal kurz dort hin zu fahren. Darum komme ich gerne hier her. Dann ist mir, als wäre mein Vater neben mir und würde mir Kraft geben. Leider kenne ich mich nicht so gut in der Firma aus. Auch wenn ich sie schon zwei Jahre leite. Er hat mir zwar einiges beigebracht, aber zu den Tricks und Kniffen sind wir nie gekommen. Sie wollen mich immer wieder übers Ohr hauen. Ich habe dann die Arbeit, alles auszurechnen und gut abzuwägen.“
„Und warum suchen Sie sich keinen Mann, der Ihnen hilft dabei?“, fragte ich dazwischen.
„Das ist das nächste Problem. Ich dachte, ich hätte einen, der mit mir durch Dick und Dünn geht, und der sich besser auskennt in der Branche. Aber weit gefehlt. Er hatte es doch nur auf mein Geld abgesehen. Sobald Vater unter der Erde lag, wollte er so weiter machen wie bisher. Ich konnte viel unternehmen mit ihm. Er war ja mein Chauffeur. Aber als ich weniger bis keine Zeit mehr für ihn hatte, änderte sich alles. Auf einmal war ich nicht mehr lieb und nett, nur mehr gestresst. Und statt mir zu helfen, trieb er noch an, die Firma zu verkaufen, denn dann könnten wir das Leben genießen. Von da an zeigte er sein wahres Gesicht. Ein halbes Jahr später hatte er eine andere, und ich keinen Chauffeur mehr. Und auch keine Zukunft mit einem Mann. Darum bin ich so enttäuscht von den Männern und nutze sie auch aus, wo es geht. Sie machen dasselbe ja auch mit mir.“
Dann sah sie wieder auf das Meer. Jetzt konnte ich so einiges verstehen.
„So jetzt haben wir genug salzige Luft getankt! Jetzt fahren wir wieder in mein Büro.“
Ich blieb noch kurz stehen. Da ich mich nicht bewegte, sah sie zurück.
„Darf ich etwas Persönliches fragen?“
Sie sah mich zuerst ernst an, dann sagte sie: „Ja, bitte.“
„Sind Sie deswegen so zwiespältig? Einmal Abstand, dann Nähe, einmal sehr vertraut, dann zugeknöpft?“
Zuerst sah sie mich scharf an, dann kam sie wieder auf mich zu.
„Als ich dich das erste Mal im Büro vom Anwalt sah, dachte ich mir: ‚Das wäre der Mann fürs Leben!‘, Aber leider brauche ich einen, der sich auch auskennt und vielleicht noch besser ist, als ich in der Branche. Aber irgendetwas zieht mich immer bei dir an. Und dann kommt die Vernunft. Aber auf der einen Seite brauche ich einen Chauffeur, aber auch einen Berater und Vertrauten. Und in den paar Tagen habe ich schon gesehen, du hast sehr viel Hausverstand und Intuition. Was ich bei vielen anderen nicht mal ansatzweise gefunden habe, in der Zeit, wo sie bei mir waren. Darum habe ich dir auch so schnell das Du angeboten. Ich hoffe, du nimmst es mal an und nutzt es nicht aus. Aber so viel habe ich auch schon gesehen, du bist nicht schüchtern, sondern stark. Innerlich stark“, und klopfte mit dem Finger auf meine Brust.
Aber was mich innerlich diese Stärke kostete, wusste sie nicht. Gott sei Dank nicht. Hätte ich sie als Manager früher getroffen, hätte ich sie unverschämt genommen und nach dem Abschluss wäre sie weggewesen und ich auch. Und ich wäre ihr eigentlich ebenbürtig, aber wie sollte ich ihr das verdeutlichen, ohne dass es unvorteilhaft rüberkommt. Nicht dass sie noch glaubt, ich würde sie ausspionieren. Oder es auch nur auf ihr Geld und ihre Firma absehen. Also besser nichts sagen, dass ich mich bei ihrer Arbeit fast besser auskenne als sie. Kommt Zeit, kommt Rat. Sie ist schon so genug verletzt worden. Dann gingen wir beide still zum Auto und stiegen ein. Nur das Navi sprach in die Stille hinein.
„17 Uhr wie immer“, sagte sie nur, als wir vor der Firma stehen blieben.
Ich konnte mir noch einen Kaffee und Kuchen holen, bevor ich wieder vorfahren musste. Ich sah einige Leute die mich schief oder süß lächelnd ansahen. Konnte mir aber denken, was sie so dachten. Und es störte mich überhaupt nicht. Früher hätte ich sie sofort angesprochen darauf. Ich hätte mich bald mit Kaffee bekleckert, da fiel mir ein, ich musste ja noch den Schneider anrufen. Das tat ich sofort. Ich konnte mir morgen meine anderen Anzüge holen.
Wir waren dann schon auf halbem Wege wieder nach Hause zurück, als sie mich bat, irgendwo zu halten. Auf der Autobahn wollte ich nicht direkt, aber nach der Abfahrt war eine Park-and-Ride-Anlage. Dort wollte ich parken. Sie wurde immer unruhiger und als ich nach der Abfahrt mich dort hinstellte, stieg sie auch sofort aus. Sollte ich ihr folgen? Meine Gefühle waren widersprüchlich. Auf der einen Seite „Ja“, auf der anderen Seite „Nein“. Ich wartete. Aber nach einer bestimmten Zeit wurde ich unruhig. Ich ging langsam zu ihr.
„Frau Voss?“, sprach ich sie an.
Sie drehte sich um und ich sah in ihre roten Augen. Sie sah mich damit ganz traurig an und dann war es um sie geschehen. Sie fing laut an zu heulen. Gut, dass ich diesen Parkplatz gewählt hatte. Er war etwas abgeschirmt. Intuitiv umarmte ich sie und sie schmiegte sich an mich. Ich wartete, bis sie sich beruhigt hatte, und verlor auch jegliches Zeitgefühl. Traute mich nicht einmal auf die Uhr zu sehen. Bis irgendetwas brummelte. Wir sahen uns an und dann fing sie laut an zu lachen.
„Tut mir leid, aber ich glaube, das ist mein Magen.“
Sie wischte sich die letzten Tränen fort. Dann besah sie sich meinen Anzug.
„Oh! Tut mir leid. Jetzt hat er leider Flecken.“
„Macht nichts, es ist ja nur Wasser. Morgen bekomm ich schon meine anderen Anzüge. Falls es sich ausgeht, dass ich sie vormittags oder nachmittags holen kann.“
„Ja sicher geht sich das aus.“
Sie machte noch keine Anstalten, sich von mir zu entfernen, und ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen und sie wegdrücken.
„Kannst du dir vorstellen, außer mein Chauffeur auch mein Berater, Begleiter und Vertrauter zu sein?“
Ich sah ihr in die Augen und wusste nicht, was ich sagen sollte. Am liebsten hätte ich sie an mich gedrückt und geküsst, aber ich war hier als Chauffeur angestellt und nicht als Liebhaber. So wie ihr Ex es war, und der Neffe vom Butler es sich vorgestellt hatte. Ich wollte sie nicht auch so verletzen. Darum sagte ich: „Als Chauffeur bin ich ja eingestellt, das ist ja kein Problem. Als Berater fungiere ich gerne. Begleiten muss ich Sie ja fast überall hin und als Vertrauter kann ich schweigen.“
Ich hoffte, dass reichte ihr. Sie legte den Kopf wieder auf meine Schulter.
„Frau V …“
Sie ruckte hoch und legte sofort einen Finger auf meinen Mund.
„Ich möchte, dass der Vertraute spricht, nicht der Chauffeur.“
Das hieß wohl …?
„Valerie?“
„Ja, Jhoseph?“
„Ich glaube, wir sollten fahren.“
Sie sah auf die Uhr.
„Ja, du hast Recht.“
Sie versuchte noch den Fleck zu trocknen.
„Das funktioniert nicht. Er trocknet von alleine.“
„Aber …“
„Nichts aber …er trocknet von alleine“, und sah sie zuversichtlich an.
Ich half ihr dann, sich noch etwas frisch zu machen. Dann stiegen wir ins Auto und fuhren still nach Hause. Ja nach Hause, denn es wurde ja jetzt auch zu meinem neuen Zuhause. Ich stellte wie gewohnt das Auto zurück und ging in die Küche. Herta wartete schon auf mich. Sie sah mich gespannt an.
„Wie war der heutige Tag?“, fragte sie mich zuerst, bevor sie mir das Essen brachte.
„Wieso? Wie sollte er gewesen sein? Vielleicht etwas komisch, aber sonst normal.“
Sie sah mich genau an und tippte mir auf die Schulter, wo noch der Fleck zu sehen war.
„Heute ist der Sterbetag vom Vater der gnädigen Frau“, dann drehte sie sich um und holte die Nachspeise und den Kaffee.
Das war das Geheimnis von heute! Als Vertrauter durfte und sollte ich nichts sagen. Aber dem geschulten Auge von Herta konnte man nichts vormachen.
„Ja, er war anders als sonst.“
Mehr sagte ich nicht. Aber das reichte Herta.
„Ist gut, dass sie wen hat zum Ausweinen, der eine breite Schulter hat.“
Dann genossen wir Kaffee und Kuchen. Der Butler kam dann und holte eine Flasche Wein und zwei Gläser. Ich dachte mir nichts dabei. Bis er es auf den Tisch stellte und verärgert meinte: „Ich bin ihr nicht mehr gut genug! Der Herr hier darf den Wein ins Kaminzimmer bringen“, drehte sich um und verschwand.
Wir sahen uns an und Herta nickte ermutigend mit dem Kopf. Ich stand auf und nahm vorsichtig das Tablett. Ich wollte gerade fragen: „Wo ist das Kaminzimmer?“
Da sagte auch schon Herta: „Gleich neben dem Empfangszimmer, rechts davon.“
Ich beeilte mich so gut es ging. Konnte sogar das Tablett mit einer Hand halten und anklopfen. Ich musste gleich die Türe öffnen, damit ich das Tablett nicht fallen ließ. So wartete ich gar kein „Herein“ ab. Sie stand am Fenster und sah raus. Das Tablett stellte ich auf dem Tisch ab und wartete. Ich musste mich erst laut räuspern, damit sie mitbekam, dass ich hier war. Sie drehte sich erschrocken um.
„Entschuldigung, aber ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.“
„Ja das kann ich verstehen“, antwortete ich ihr.
Sie sah mich an und fragte etwas traurig: „Hat Herta etwas gesagt?“
„Ja.“
Dann setzte sie sich und bot mir auch Platz an. Ich schenkte wie letztens wieder den Wein ein. Dann nahm sie das Glas und sagte: „Auf meinen Vater.“
„Auf Ihren Vater“, sagte ich auch.
Danach sagte sie: „Bitte erzähl mir von deinem Vater.“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen.“
„Aber sicher, bitte.“
„Er war ein strenger und harter Mann. Der keine Nachlässigkeiten duldete. Ich hörte selten ein liebes Wort. Das machte dafür Mutter öfter, aber nur, wenn es Vater nicht hören konnte. Er meinte: „Sonst wird der Junge verwöhnt.“ Ich wurde ziemlich streng erzogen. Er hatte sich erhofft, dass ich seine Firma übernehmen werde, aber ich wollte etwas anderes machen und nicht jeden Tag um Mitternacht anfangen zu arbeiten und mittags schlafen gehen.“
Sie sah mich erstaunt an.
„Er war Bäcker, und das wollte ich sicher nicht werden. Ich wollte einen Beruf, wo ich mehr verdiene und auch frei habe. Mein Vater hatte nie frei. Gerade mal, dass wir hin und wieder sonntags einen Ausflug machten. Aber je älter ich wurde, desto weniger gab es Ausflüge und desto mehr sollte ich in der Bäckerei arbeiten. Ich war gerade mit meiner Matura fertig, da starb er. Der Arzt meinte: „Überarbeitung“, was ja nicht verwunderlich war. Mutter starb ein Jahr später an gebrochenem Herzen. Ich verkaufte die Bäckerei und zog in die Stadt. Dort bekam ich dann einen guten Job. Das hier ist jetzt mein vierter Job und unterscheidet sich von den anderen total. Bis jetzt habe ich immer in einem Büro gearbeitet, mit oder ohne Sekretärin.“
„Freundinnen?“
„Ja, da waren welche, aber keine richtige feste Beziehung. Die letzte Freundin hat mich ausgenutzt. Dann war ich meines Jobs überdrüssig und kündigte. So sitze ich jetzt hier und warte auf Befehle, und gebe keine mehr. War am Anfang eine Umstellung, aber ich denke, ich habe mich schon daran gewöhnt.“
Wir waren jetzt beide still. Jeder hing seinen Gedanken nach. Nebenbei tranken wir unseren Wein.
„Hast du am Grab deines Vaters geweint?“
„Nein, keine Träne. Mutter hatte das ausreichend getan. Als sie starb, vergoss ich ein paar Tränen. Aber das Leben geht weiter.“
„Ich war noch so geschockt, dass ich keine Tränen hatte. Die kamen erst später und manchmal wollen sie nicht versiegen.“
Ich schenkte nochmal nach, da ihr Glas leer war. Sie deutet mir auch, dass ich mir nachschenken sollte.
„Ich muss morgen wieder fit sein!“
„Nein, das geht schon. Erstens genehmige ich den Wein und morgen fahren wir erst um halb 9 Uhr weg. Also noch eine Stunde mehr zum Schlafen.“
Sie prostete mir wieder zu.
„Auf alle Väter der Welt!“
Ich stieß mit ihr an.
„Darf ich eine Frage stellen?“
„Ja, sicher darfst du. Wieso fragst du immer, ob du fragen darfst?“
„Der Höflichkeit willen. Und ich weis nicht, ob ich so einfach darf.“
„Ja sicher darfst du, und wenn ich keine Antwort geben will, merkst du es sicher“, und lächelte mich etwas gequält an.
„Sie sagen ja gar nichts über Ihre Mutter.“
Sie sah mich ganz böse an.
„Wenn wir alleine sind und du sagst noch mal „Sie“ zu mir, muss ich mir eine Strafe ausdenken. Also wie war die Frage nochmal?“
Ich musste kurz schlucken. So schnell konnte ich da nicht umschalten. Ich sollte mehr auf das aufpassen, was sie gerade sagte. Beim Du darf ich auch du sagen.
„Du sagst ja gar nichts über deine Mutter.“
Das war ein kleiner harter Brocken.
„Sie starb, als ich noch klein war. Vater hat dann keine Frau mehr angesehen. Ich habe ihn mal gefragt, da antwortete er mir: „So eine Frau wie deine Mutter gibt es nicht mehr und irgendeine Stiefmutter will ich dir nicht vorsetzen.“ So zog er mich, so gut es ging, alleine groß. Ich hatte viele Freiheiten. Zu viele! Die rächen sich jetzt! Wenn er mich nur etwas strenger, so wie dein Vater erzogen hätte, hätte es wahrscheinlich ausgereicht. So stehe ich jetzt da und kämpfe! Kämpfe ums Überleben.“
„Haben Sie …“
Sie sah mich schon böse an und ich hatte es auch schon bemerkt.
„Äh hast du keinen vertrauten Berater oder Manager, auf den du dich 100-prozentig verlassen kannst?“
„Nein das ist es ja. Zuerst dachte ich, Hans wäre so einer, aber der hat mich schmählich in Stich gelassen! Und hat sich eine verwöhnte Göre gesucht, die nichts arbeiten braucht und ständig Zeit hat zum Verreisen.“
Jetzt sah sie wieder böse drein oder eher traurig? Das machte ihr anscheinend sehr zu schaffen. Sie trank das Glas leer und hielt es mir wieder her, zum Nachschenken.
„Und was ist mit deinem Wein? Dein Glas ist ja noch gar nicht leer!“
„Ich genieße lieber den Wein, als dass ich …“
Das sagte ich jetzt lieber nicht.
„… ihn runter schütte.“
Sie sah mich schon wieder böse, oder enttäuscht an?
„Sag es gleich: Runter schütte wie Wasser! Ich weis, ich sollte weniger trinken, aber es hilft mir manchmal zu vergessen, wenn es in meinem Kopf nur rotiert. Und sag jetzt nicht: ‚Das bringt gar nichts!‘ “
Ich machte ein Zeichen, so als würde ich meinen Mund mit einem Reißverschluss verschließen. Sie sah mich eigentümlich an.
„Du bist ein seltsamer Mann!“
Sie fing schon an etwas zu lallen. Hatte sie überhaupt etwas gegessen? Sie trank den Rest Wein aus und sagte: „Gehen wir schlafen, bevor mir noch etwas Taktloses einfällt.“
Ich wollte den Wein stehen lassen, aber sie meinte: „Der ist viel zu gut, um ihn stehen zu lassen … oder muss ich mich opfern?“
Ich schnappte mir das Glas und trank es mit einem Schluck aus. Sie sah mich überrascht und entgeistert an. Wahrscheinlich hatte sie erwartete, dass sie ihn austrinken müsse. Drehte sich dann um, sagte: „Gute Nacht!“, und verschwand.
Was war das? Ich hatte nicht mal ihr Gesicht gesehen, ob sie jetzt böse, traurig oder enttäuscht war. Ich nahm das Tablett mit der leeren Flasche und den Gläsern und trug es wieder in die Küche zurück. Herta war noch auf.
„Das hättest du nicht müssen, das hätte morgen Rudolf auch machen können.“
„Ist eine alte Angewohnheit. Denn wenn ich Freunde eingeladen hatte, trug ich auch immer alles gleich weg. So blieb dann für später weniger zum Wegräumen.“
Herta sah mich von der Seite her an.
„Was siehst du mich so an?“
„War irgend etwas?“
„Nein, nur das übliche.“
Mehr sagte ich ihr nicht. Wenn sie auch viel weis, aber alles musste ich ihr doch nicht gleich auf die Nase binden.
„Wie war sie drauf?“
„Besser als nachmittags.“
„Ich sehe schon, du kannst, wenn es sein muss, verschwiegen sein. Das gefällt mir“, und lächelte mich an.
„Gute Nacht“, sagte sie noch und ging.
Ich ging auch meiner Wege, nämlich in meine Räumlichkeiten. Was ich da vorfand, überraschte mich. Drei Kartons erwarteten mich im Vorraum. Ich sah in den ersten rein, lauter Papiere. Ich holte etwas raus und sah sie mir genauer an. Es waren alles Papiere von den Autos. Das ging aber schnell, das musste sie heute gleich erledigt haben. Aber jetzt mochte ich auch nicht mehr alles durchsehen. Es war schon spät und nach dem Duschen ging ich auch schlafen.
Das Genua-Wochenende
Am nächsten Morgen wurde ich wie gewöhnlich wach. Duschte und ging frühstücken. Da ich ja noch Zeit hatte, ging ich mal einen Karton durch. Das meiste konnte ich sofort wieder wegwerfen. Alles alt und abgelaufen. Da bekam ich einen Anruf von ihr.
„Guten Morgen. Planänderung! Wir müssen sofort fahren.“
„Okay. Ich komme sofort.“
Ließ alles stehen und liegen, nahm meine Sachen und fuhr den Wagen vor. Sie wartete schon vor dem Haus. Der Butler machte ihr die Türe auf und wartete, ob sie vielleicht etwas sagte, weil ich ‚zu spät‘ kam.
Als ich los fuhr, sagte sie: „Tut mir leid, aber ich bekam vorhin einen wichtigen Anruf. Ein Geschäftspartner ist früher gekommen als geplant. Und heute darfst du sogar schneller fahren als sonst. Die Strafe, sollte eine kommen, zahle selbstverständlich ich.“
Also durfte ich heute auf die Tube drücken und mal sehen, was der Mercedes hergibt. Wir waren fast wie gewohnt bei der Firma. Ich parkte wie gewöhnlich und wollte mir gerade einen Kaffee in der Kantine holen, da bekam ich wieder einen Anruf.
„Bitte das Auto vorfahren.“
Also wieder zurück und Auto vor das Haus stellen. Es ging sich gerade mal so aus. Sie stiegen ein und sie gab mir wieder eine Adresse, wo ich hinfahren sollte. Während der gesamten Fahrt sprachen sie nur Englisch. Der eine Herr fragte, wieso sie heute nicht mit der Limousine unterwegs war. Sie antwortete ihm, weil die Limousine dort nicht hinfahren kann, wo sie hinfahren. Wir fuhren zu einem Gewerbegebiet, in der Nähe des Hafens. Und dort wäre ich mit der Limousine sicher nicht um die Ecken gekommen. Diesmal wollte sie ein Gebäude loswerden. Also hier kannte sie sich anscheinend aus, denn da war sie jetzt die harte Managerin. So hatte ich sie noch nicht erlebt. Wir fuhren dann wieder zurück.
„Brauchen Sie mich noch in nächster Zeit?“, fragte ich sie noch, bevor sie ausstieg.
Sie sah mich überrascht an.
„Ich müsste noch meine Anzüge holen.“
„Ja, kannst du, ich brauche dich erst wieder nachmittags“, stieg aus und war fort.
So fuhr ich wieder zum Schneider. Der empfing mich herzlich, etwas zu herzlich. Aber ich ließ ihn, was konnte ich schon dagegen tun. Ich probierte die Anzüge, sie passten wie angegossen. Also, als Schneider war er perfekt. So einen passenden Anzug hatte ich noch nie getragen. Natürlich war er auch neugierig.
„Wie geht es Frau Voss?“
„Gut, danke der Nachfrage.“
„Und fürs Wochenende schon was vor?“
„Ja, Kartons durchsehen.“
Er wurde mir ein bisschen zu neugierig und zu persönlich.
„Nein, ich meinte, hat Frau Voss schon was vor?“
Das kam mir jetzt etwas komisch vor. Wieso fragte er das?
„Keine Ahnung, ob Frau Voss was vor hat. Sie wird es mir schon rechtzeitig sagen, wenn etwas ist.“
„Du siehst sehr schnuckelig aus. Mich würde es nicht überraschen, wenn dich Frau Voss am Wochenende vernascht. Ich würde es tun!“
Ich sah ihn wütend an und sagte: „Ich bin ihr Chauffeur und nicht ihr Freund oder Liebhaber, also bitte unterlassen Sie solche Kommentare!“
„Genau deswegen“, sagte er noch.
Ich bedankte mich noch und verschwand mit meinen neuen Anzügen. Was bildete der sich ein? Ich kam gerade zum Essen zurecht, bevor sie wieder anrief.
Kaffee konnte ich mir denken. Wir fuhren mit den Männern wieder in ein Restaurant, diesmal brauchte ich mich nicht in ihre Nähe zu setzen, aber dafür konnte ich mir einen Kaffee holen. Ich brauchte wieder nichts zu bezahlen. Mann, war das super! Als Chef hätte ich das jetzt alles zahlen müssen. Ich sollte mal zusammenschreiben, was ich mir so erspare.
Es wurde später, bis wir weiterfuhren. Wir brachten die Gäste noch zum Flughafen, fuhren dann noch kurz in die Firma und schon ging es wieder nach Hause.
„Jhoseph, ich hoffe, du hast einen gültigen Reisepass“, fragte sie mich während der Fahrt.
„Ja sicher. Wieso?“
Oh, als Angestellter sollte man nicht fragen! Oder doch? Ich durfte ja, wenn sie nicht wollte, antwortete sie mir ja sowieso nicht.
„Wir fliegen morgen nachmittags nach Genua. Also pack dir auch was Privates ein, und eine Badehose.“
Da kam mir die Frage vom Schneider in den Sinn. ‚Und fürs Wochenende schon was vor?‘
Was wissen die, was ich schon wieder nicht wusste?
„Wir fliegen um 17 Uhr ab. Also den Koffer heute noch packen und gleich in der Früh mitnehmen.“
Bis ich wieder in der Küche war, wusste es auch schon Herta.
„Also ihr macht euch ein schönes Wochenende in Genua?“
„Woher weißt du das schon wieder?“
„Na von Rudolf, der hat es von der gnädigen Frau erfahren. Wir haben das Wochenende frei. Also wenn ihr morgen wegfährt, brauchen wir auch nicht hier zu sein. Erst wieder Sonntagnachmittag, bevor ihr zurückkommt.“
Ich sah meinen Sack mit den Uniformen.
„Herta, wo kann ich die Wäsche reinigen und waschen lassen?“
„Die Wäsche kannst du mir geben. Die Uniformen bringst du in der Stadt in eine Reinigung. Da darfst du dir eine aussuchen.“
Sie stellte mir mein Essen hin und freute sich sichtlich auf das freie Wochenende. Aber was sollte ich mit? Dort konnte und durfte ich sowieso nicht Auto fahren. Also? Aber ich sollte mit! Das bekam ich noch am nächsten Tag mit.
Wir fuhren wie gewöhnlich weg. Meinen Koffer hatte ich am Abend noch gepackt. Eine frische Uniform zog ich noch an. Einen schönen Anzug mit Hemd und Krawatte, etwas Bequemes und leichte Schuhe. Und natürlich eine Badehose. Und die üblichen Utensilien. So fuhren wir in die Firma. Dort angekommen ging ich wieder zu der Empfangsdame, diesmal war eine andere dort, und fragte diese nach einer Putzerei.
„Wofür benötigen Sie diese?“
„Für meine Uniform zum Reinigen.“
„Haben Sie diese hier?“
„Ja sicher“, und sah sich hinter mir um.
„Hier schon, aber noch im Auto.“
„Wenn Sie die Uniform herbringen, kann ich sie zur Reinigung schicken.“
Ich sah sie verwundert an. Das wurde hier auch erledigt?
„Kann ich noch was für Sie tun?“
„Ja, ich bräuchte einen Termin für Frau Voss Cabriolet. Das Service wäre überfällig.“
Ich gab ihr die Nummer, doch die benötigte sie nicht. Während ich den Anzug holte, machte sie den Termin. Als ich zurückkam, sagte sie mir schon: „Wenn möglich, wird das Auto heute noch abgeholt, spätestens morgen oder anfangs der Woche wieder gebracht.“
„Könnten Sie denen sagen, dass sie es heute noch abholen, denn es ist ab 12 Uhr keiner mehr im Haus.“
„Okay, mache ich“, und schon telefonierte sie wieder.
Gestern hatte ich auch kaum mehr Lust, die Kartons zu durchstöbern. Das wollte ich eigentlich das Wochenende über machen Aber das musste ich dann nächste Woche erst erledigen. Es läuft mir ja nicht davon. Ich hörte dann den ganzen Tag nichts von ihr und holte sie dann wie besprochen um 16 Uhr ab, und wir fuhren zum Flughafen. Als ich abbiegen wollte, rief sie, so dass ich mich erschreckte: „Nicht hier abbiegen! Weiterfahren! Sonst machen wir einen Umweg.“
Ich lenkte erschrocken den Wagen wieder auf die Autobahn und wusste nicht, was das sollte.
„Entschuldigung, ich hatte vergessen zu sagen: Zum Privatflughafen. Ich bin das schon so gewohnt, dass ich vergesse, dass du neu bist.“
So fuhr ich weiter zum Privatflughafen. Konnte das Auto in der „Bewachten Zone“ abstellen und wir gingen, geführt vom Steward, der schon auf uns wartete, zum Flugzeug. Wir stiegen ein und es ging bald auch schon los. Als wir die Flughöhe erreicht hatten, musste ich wieder mal etwas fragen.
„Ich möchte gerne wissen, wieso muss ich mitfliegen?“
Sie sah mich fragend und belustigend an.
„Weil ich jemanden brauche zum Reden, der mir meinen Einkauf trägt, der mir Gesellschaft leistet, usw.“
Der Steward brachte uns ein Glas Sekt zum Trinken.
„Prost auf deinen ersten Flug in meinem Privatjet.“
„Prost.“
„Ich sage dir mal kurz, was auf dich zukommt. Heute essen wir im Hotelrestaurant, vielleicht haben sie auch noch Musik, dann gehen wir tanzen. Morgen gehen wir bummeln und machen Genua und die Umgebung unsicher. Das Hoteltaxi bringt uns überall hin. Also du brauchst nicht zu fahren, kannst auch etwas trinken. Vielleicht gehen wir nachmittags schwimmen im Pool und am Abend gut essen im Ristorante San Giorgio. Später werden wir sehen, was uns dann noch einfällt. Am Sonntag schlafen wir aus, gehen spät frühstücken, Mittag essen fällt vielleicht aus. Und spätestens um 17 Uhr fliegen wir wieder nach Hause.“
Sie sah mich an und fragte: „Einverstanden? Oder irgendwelche Einwände?“
Ich sah sie genauso an und sagte: „Wenn ich nicht einverstanden wäre, würde es dann etwas ändern?“
„Nein.“
„Warst du schon mal in Genua?“
„In Genua noch nicht, aber ein paar Mal in Italien schon.“
„Du wirst sehen, Genua ist schön. Ich komme gerne hier her. Nur nicht so oft wie ich will.“
Dann sah sie wieder aus dem Fenster. Mir schien es als wäre sie traurig. Hing das mit ihrem Vater zusammen? Diesmal fragte ich nicht nach. Wir waren aber auch bald schon im Landeanflug. Auf dem Flughafen holte uns ein Hoteltaxi ab und brachte uns ins Hotel. Ich nahm unsere Koffer, die wurden mir aber abgenommen und ein Page brachte sie zu unserem Zimmer. Ich kam mir so unnütz und überflüssig vor. Ich brauchte nicht zu fahren, keine Koffer zu schleppen. Und dann stand ich im Zimmer und sah mich um. Sie gab dem Pagen ein Trinkgeld und der verschwand. Zimmer war es ja eigentlich keines. Es war ein Wohnzimmer, links und rechts gab es eine Tür. Sie sah mich an und ich zuckte mit den Schultern.
„Der Page hat jetzt was vergessen. Wo soll ich schlafen?“
Sie lachte wieder hell auf. Das machte sie viel zu wenig, und es stand ihr gut. Dann ging sie zur Tür auf meiner rechten Seite und machte sie auf.
„Das ist dein Reich! Mit Schlafzimmer und eigenem Bad. Auf der anderen Seite ist mein Zimmer mit Bad. Falls du es nicht mitbekommen hast, das ist eine Suite.“
Dann ging sie zu ihrem Zimmer und machte auf.
„Bringst du mir bitte meine Koffer?“
Na wenigsten etwas Arbeit! Ich brachte sie ihr ins Zimmer und stellte sie auf die Kiste vor dem Bett. Sie hatte ein hellblaues Himmelbett. Meines war in braun und rot gehalten, ohne Himmel!
„So, ich gehe mich mal ausgiebig baden.“
Das hieß für mich: Verschwinden!
„Ich glaube, das werde ich auch machen“, und ging in mein Zimmer.
Ich hatte zwar keine Badewanne, aber eine riesige Dusche. Duschte mich ausgiebig und kam dann erfrischt aus dem Badezimmer. Von irgendwoher hörte ich eine Stimme und ging ihr nach. Diese führte mich in ihr Zimmer. Sie sang ein Lied. Ich spähte um die Ecke und sah, dass sie Kopfhörer im Ohr hatte. Ich schlich mich sofort wieder. Im Bad fand ich einen Föhn und trocknete mir damit die Haare. Ich sollte mal wieder zum Frisör, die Haare waren schon ziemlich lang. So gut es ging, brachte ich sie ziemlich gerade hin. Den Anzug wollte ich noch nicht anziehen, so nahm ich mir den Bademantel und zog ihn mir über. Da hörte ich sie schon: „Jhoseph! Jhoseph! Hättest du bitte kurz Zeit?“
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