Читать книгу: «Das schwarze Korps»
Dominique Manotti
DAS SCHWARZE KORPS
Aus dem Französischen
von Andrea Stephani
Ariadne Krimi 1206
Argument Verlag

Knapp, geschliffen scharf, assoziativ und direkt – so kennen wir die Erzählsprache von »La Manotti«, der französischen Historikerin, die vielleicht Europas härteste Politkrimis schreibt. Hier katapultiert sie uns ins Jahr 1944, ins besetzte Paris. Ein Sittenpolizist und Undercoveragent belauert die Drahtzieher, Intriganten und Kriegsgewinnler, die auch nach der Landung der Alliierten in der Normandie prassen, killen und absahnen, in den Pariser Salons Champagner schlürfen und sich wechselseitig protegieren oder einander ans Messer liefern.
Da sitzt du in deiner Uniform, kantiger Kiefer, kurzes Blondhaar, blaue Augen. So dermaßen germanisch. So anders als der angekettete Gefangene, den Deslauriers ins Auto geschoben hat. Unbehagen. Ein Monat und zehn Tage in den Händen von Bauer, Avenue Foch, ein Ort, den nur sehr wenige lebend verlassen haben. Bauer hat sich nicht damit begnügt, dich zu vögeln. Wen hast du verraten, dass du noch am Leben bist?
Bei Manotti liest sich die Schlussphase der deutschen Besetzung von Paris als der Krimi, der es mit Sicherheit war. Nicht aus der Distanz pädagogisch wertvoller Schicksalsberichte, sondern als rasante Verfolgung des unmittelbaren Erlebens, unzensiert, strotzend von typisch menschlichen Absichten, seien sie nun irregeleitet, harmlos, mörderisch oder illusionär. Eine Momentaufnahme im Thrillerformat, frei von narrativen Weichzeichnern. Die Protagonisten – Helden, Opfer oder Täter – sind so greifbar, dass man ihre Begierden spürt. Akteure in einer historischen Ausnahmesituation, maßlos menschlich und mitten in all dem Sterben maßlos lebendig. Akteure, die auch unsere Kultur hervorbringen kann, weil ihre Motive, ihre Triebkräfte eben keine historische Ausnahme sind. Selten hat mich ein Roman so dicht an die Stringenz gesellschaftlicher Verbrechen herangeführt.
Else Laudan
Für Interessierte: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43366355.html
Dominique Manotti, 1942 geboren, lehrte als Historikerin an verschiedenen Pariser Universitäten Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit. Sie kam erst mit fünfzig Jahren zum Schreiben und veröffentlichte seither acht zum Teil preisgekrönte Romane.
Ariadne Krimis
Herausgegeben von Else Laudan
www.ariadnekrimis.de
Titel der französischen Originalausgabe:
Le corps noir
© Éditions du Seuil, Paris, 2004
Deutsche Erstausgabe
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 2012
Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg
Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020
www.argument.de
Umschlag: Martin Grundmann
Fotomotiv: © stokkete, Fotolia.com
»Anmerkung zum historischen Kontext«
übersetzt von Iris Konopik
Lektorat: Iris Konopik & Else Laudan
Satz: Iris Konopik
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-86754-980-6
Zweite Auflage 2013
Inhalt
Cover
Titel
Vorwort
Impressum
Anmerkung zum historischen Kontext
Danksagung
Vorbemerkung
1
6. Juni 1944
2
6. Juni 1944, abends
3
Freitag, 9. Juni
4
Sonntag, 11. Juni, morgens
Montag, 12. Juni
5
Dienstag, 13. Juni
6
Mittwoch, 14. Juni
Donnerstag, 15. Juni
Freitag, 16. Juni
7
Montag, 19. Juni
Donnerstag, 22. Juni
8
Freitag, 23. Juni
Montag, 26. Juni
Mittwoch, 28. Juni
9
Donnerstag, 6. Juli
Donnerstag, 13. Juli
10
Samstag, 15. Juli
Sonntag, 16. Juli
Dienstag, 18. Juli
11
Donnerstag, 20. Juli
Freitag, 21. Juli
12
Samstag, 22. Juli
Sonntag, 23. Juli
Montag, 24. Juli
13
Dienstag, 25. Juli
Mittwoch, 26. Juli
14
Donnerstag, 27. Juli
Freitag, 28. Juli
Samstag, 29. Juli
Sonntag, 30. Juli
15
Montag, 31. Juli
Mittwoch, 2. August
16
Donnerstag, 3. August
Samstag, 5. August
Dienstag, 8. August
Mittwoch, 9. August
17
Samstag, 12. August
Sonntag, 13. August
Mittwoch, 16. August
18
Samstag, 19. August
Mittwoch, 23. August
19
Freitag, 25. August
Epilog
Anmerkung zum historischen Kontext
Im Frühsommer 1944 ist das im Juni 1940 besiegte Frankreich von der deutschen Wehrmacht besetzt. Der französische Staatschef Marschall Pétain hat einen Waffenstillstand mit dem Dritten Reich unterzeichnet, und seine von Pierre Laval geführte Regierung kollaboriert mit der Besatzungsmacht. Die französische Polizei wird von den Deutschen scharf überwacht; sie muss deren Weisungen befolgen, hat aber ihre Befugnisse behalten. Unter Federführung der französischen Regierung gewährleistet sie die Aufrechterhaltung der Ordnung, die Ausführung von Befehlen der Besatzungsmacht, die Anwendung der französischen Gesetze gegen Kommunisten, Juden und Freimaurer und macht Jagd auf »Terroristen«.
Die Besetzung Frankreichs lag zunächst in der Zuständigkeit der Wehrmacht (Heer, feldgraue Uniform) und ihres Nachrichtendiensts, der Abwehr. Doch bereits in den ersten Tagen des Sommers 1940 versuchte die SS, die Wehrmacht auf diesem Feld zu verdrängen.
In den 1920er Jahren war die SS (wegen der Farbe ihrer Uniform »schwarzes Korps« genannt) ursprünglich die Privatmiliz der NSDAP. Mit Hitlers Machtergreifung, insbesondere ab 1938, verleibte sich die SS sämtliche Inlands-Sicherheitsdienste des deutschen Staates ein, darunter die berüchtigte Gestapo. Die Verwaltung der besetzten Länder oblag allerdings zumindest theoretisch der Wehrmacht.
Faktisch übernahm die SS ab 1942 unter dem Kommando des Höheren SS- und Polizeiführers Oberg die Kontrolle über das besetzte Frankreich. Im Februar 1944 wurde die Abwehr aufgelöst, ihre Abteilungen wurden teilweise der SS eingegliedert.
Die Rivalität zwischen Wehrmacht und SS war auch eine soziale Rivalität. Die Wehrmachtsoffiziere waren noch stark vom alten preußischen Adel geprägt. Die SS hingegen war das Sammelbecken, in dem vornehmlich Mittelstand und Unterschicht auf ein nationalsozialistisches, rassistisches, klassenloses Ideal eingeschworen wurden.
In Frankreich rekrutierte der SD, der Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS, zahlreiche französische Hilfskräfte. Sie erhielten Gestapo-Ausweise, einige ihrer Vorgesetzten auch SS-Dienstgrade und -Uniformen.
1944 gab es in Frankreich 1800 deutsche Gestapo-Angehörige und 30 000 französische Gestapo-Hilfskräfte.
Das schwarze Korps ist kein »Schlüsselroman«. Die Haupt- und Nebenfiguren sind erfunden und haben keinerlei direkten Bezug zu bestimmten historischen Persönlichkeiten. Aber sie bewegen sich in einem bestens dokumentierten Kontext. Was sie tun, was sie denken, was sie sagen, das haben geschichtliche Akteure sehr wohl getan, gedacht, gesagt.
Das »Paris im Festrausch« von 1944, das die Kulisse des Romans bildet, ist bevölkert mit Schriftstellern, Theaterleuten, Damen von Welt, Schauspielerinnen und Schauspielern, Filmemachern, Halbweltdamen, Modeschöpfern, Sängerinnen, Politikern, Verbrechern, Handlangern und deutschen Offizieren. Alle diese Randfiguren (und viele andere aus denselben Zirkeln) haben existiert und treten im Roman unter ihrer wahren Identität auf.
Erzählen heißt Widerstand leisten.
Dominique Manotti
Danksagung
Alfred Eibel hat mich ermuntert, mich mit der französischen Gestapo zu befassen, und mir mein erstes Buch über die Carlingue geschenkt. Jean-Marc Berlière, Historiker mit dem Fachgebiet französische Polizei, hat mich in langen Gesprächen und Briefwechseln an seinem Wissen über diese Zeit teilhaben lassen.
Für diese maßgebliche Unterstützung sei ihnen gedankt, und es versteht sich, dass etwaige Fehler allein mir anzulasten sind. – DM
Das Fotoalbum liegt da, auf dem Tisch, in dunkelrotes Leder gebunden, flaumweich beim Drüberstreichen, etwas abgewetzt, der Falz abgenutzt, die Ecken verknickt. Auf dem Umschlagdeckel drei in Goldbuchstaben eingravierte Namen: François, Jeanne, Isabelle. Man muss es vorsichtig aufschlagen, so zerblättert ist es. Seiten aus dickem, steifem, dunkelgrauem Papier, die man einzeln umschlägt und auf die rechteckige kleine Hochglanzfotos mit gezacktem weißem Rand geklebt sind. Einige sind stärker vergilbt als andere, und bei manchen blättert die Glanzschicht. In einer schönen, festen Schrift ist hier und da mit der Feder ein Name, ein Ort, ein Datum vermerkt. Verblasste schwarze Tinte auf grauem Grund, mit der Zeit kaum mehr lesbar.
Viele Kinderfotos von jedem Alter, in der Wiege, am Strand, krank, beim Kartenspiel unter den Bäumen, im Boot, lesend oder schlafend im Sessel. Um sie herum die Mutter, die Großeltern, aufmerksam, gerührt, stolz, stets ihre Verbündeten. Manchmal, ganz selten, die schmale, sportlich-elegante Gestalt des Vaters. Chronik einer glücklichen Familie.
Auf einer der letzten Seiten vier Fotos beieinander.
März, Hochgebirgslandschaft. Strahlender Sonnenschein über einem sanft abfallenden weiten Schneefeld, in der Ferne eine dunkle Holzhütte, die Mutter, groß, schlank, das Haar unter einem Turban gebändigt, riesige weiße Sonnenbrille, schmal geschnittene kurze weiße Jacke und weite Hose aus schwarzem Wollstoff mit Knöchelbündchen, zieht einen Schlitten, auf dem das Nesthäkchen sitzt. Die beiden älteren Geschwister, François, sechzehn, und Jeanne, elf, in kurzärmeligen Hemden und Pumphosen, mit komischen schwarzen Skibrillen, die fast das ganze Gesicht verdecken, stehen sicher auf ihren Skiern, lächeln in die Kamera. François, kastanienbraunes Haar mit Bürstenschnitt, Grübchen an den Mundwinkeln und ein drittes am Kinn, sprüht vor Übermut und Charme.
Mai, Jeannes feierliche Erstkommunion. Zwei Fotos erinnern an das Ereignis. Auf dem einen steht Jeanne in langem weißem Spitzenkleid, Haube und Schleier aus weißem Tüll, ganz konzentriert allein mitten auf dem Rasen, in den ihre weißen Lackschuhe tief einsinken, und tut so, als läse sie in einem dicken Messbuch, hin- und hergerissen zwischen Andacht und Lachanfall. Auf dem anderen posiert die ganze Familie, der Vater im grauen Anzug, die Mutter in hellem kurzem Rock, Sandalen mit hohem Keilabsatz, die Verwandten, die Freunde, der Pfarrer in Soutane, zum Halbkreis aufgestellt auf den Stufen einer breiten Freitreppe aus weißem Stein mit schmiedeeisernem Geländer. Hinter zwei Geißblattsträuchern, deren schweren Duft man förmlich riechen kann, lässt sich ein imposantes rotes Backsteinhaus erahnen. Auf der untersten Stufe hält das Kommunionkind strahlend ein großes Kohlfuchspony an der Leine, das damit beschäftigt ist, den Rasen abzuweiden. Alle lächeln.
Letztes Foto, unten rechts, ein kleines Mädchen in einem Irisbeet, schulterlange blonde Locken, gesmoktes Kleid mit Puffärmeln, greift mit vollen Händen in die Blumen und riecht daran. Die Mutter hat in ihrer großen, festen Schrift vermerkt: 6. Juni, mein süßes Püppchen Isabelle mit zwei Jahren.
Vier Fotos, und oben auf der Seite eine Jahreszahl: 1944. Wir sind in Frankreich.
1
6. Juni 1944
4266 Landungsfahrzeuge begleitet von 700 Kriegsschiffen halten auf die Normandieküste zu. Drei Luftlandedivisionen starten von englischem Boden.
Mitternacht. Die ersten Fallschirmjägertruppen landen auf französischem Boden, im Hinterland der für die Landung der Alliierten vorgesehenen Strände.
3 : 14 Uhr. Beginn der systematischen Beschießung der deutschen Küstenverteidigungsstellungen in der Seine-Bucht.
6 : 30 Uhr. Bei mittlerem Seegang beginnt die Landung der englischen und kanadischen Truppen an den Strandabschnitten Gold, Juno und Sword an der Orne-Mündung. Wenig später landen die amerikanischen Truppen an den Küstenabschnitten Utah und Omaha der Halbinsel Cotentin.
Paris, 4 Uhr früh. Zwei Citroëns fahren dicht hintereinander im Schritttempo und ohne Licht durch die Avenue Henri-Martin. Die Stadt ist dunkel, verlassen, still bis auf das Rauschen der Windböen in den Kastanien, eine Stadt unter Ausgangssperre. Die beiden Wagen halten leise vor Hausnummer 50, ein vornehmes Wohnhaus, Quaderstein, hohe Fenster und schmiedeeiserne Balkone. Vier Männer steigen aus, schließen geräuschlos die Wagentüren, formieren sich, gegürtete schwarze Ledermäntel, tief in die Stirn gezogene Filzhüte, drei von ihnen tragen eine Maschinenpistole über die rechte Schulter gehängt. Im Gleichschritt überqueren sie den Bürgersteig, bleiben vor einem hohen, schweren, mit Bronzeskulpturen geschmückten Holzportal stehen. Von einem eingezäunten Nachbarvorgarten weht mit jedem Windstoß der Geruch nach Rosen und feuchter Erde herüber. Der Anführer, ein gewisser Loiseau, hochgewachsen, hager, kantiges, zerklüftetes Gesicht, drückt auf die Klingel, hält sie gedrückt. Die Türglocke hallt durch die Stille, dann undefinierbare Geräusche und eine angstvolle Frauenstimme hinter der Tür.
»Was ist denn los?«
»Deutsche Polizei. Machen Sie auf.«
Stille, kaum ein, zwei Sekunden, das Portal öffnet sich einen Spalt, der Anführer schiebt sich mit der Schulter voran hinein, drängt eine alte Frau im Morgenrock, klein, rundlich, langer, weißer geflochtener Zopf auf dem Rücken, bis in ihre Loge. Niemand da. Er reißt das Telefonkabel heraus, treibt die Alte zurück zum Hauseingang und hält ihr seinen deutschen Ausweis unter die Nase. »Wohnt hier Benezet?«
Benommen blickt sie auf das Stück gelbe Pappe. Schubs von hinten. »Ja. Im ersten.«
Loiseau dreht sich zu seinen Männern um. »Morandot, du bewachst die Hintertreppe, damit niemand kommt und uns stört. Nur zur Vorsicht. Ihr zwei kommt mit mir.« Er packt die Alte am Arm. »Komm, Oma, du begleitest uns.«
Monumentaler Treppenaufgang, Holzgeländer mit Schnitzereien, dunkle Täfelung, roter Teppich. Auf dem Treppenabsatz im ersten Stock eine einzelne, zweiflüglige Tür. Sturmklingeln. Dann eine wispernde Frauenstimme hinter der Tür: »Wer ist da?«
»Gestapo.«
Ein Aufschrei, ein lautes Klirren. Hinten in der Wohnung knallt eine Tür, Hektik, laute Stimmen. Falicon, ein unscheinbarer flinker Kerl, zerschießt auf ein Zeichen des Anführers das Schloss, die Männer drücken die Tür auf, stürzen in die Diele, die MP auf ein Mädchen im Nachthemd gerichtet, dunkelbrünett, zerzaust, entgeistert, mit nackten Füßen in den Scherben einer riesigen Porzellanvase. Morandot kommt aus dem hinteren Teil der Wohnung, er schleift den leblosen Körper eines jungen Mannes in Unterhose hinter sich her und lässt ihn mitten in der Diele mit dem Gesicht nach unten fallen.
»Wo ist Benezet?«, brüllt Loiseau und schüttelt das Mädchen.
Sie zeigt auf eine Tür. Er stößt sie auf. Ein alter Mann streift sich gerade eine Hausjacke im Schottenkaro über seinen marineblauen Pyjama. Loiseau treibt ihn in die Diele und schubst ihn in die Ecke zu den beiden Frauen, die Concierge murmelt Gebete.
Die vier Gestapomänner betrachten den leblos daliegenden Körper. Loiseau nagt an seiner Unterlippe. Er dreht sich zu dem Alten um. »Der da, wer ist das?«
»Weiß nicht.« Etwas Schaum im Mundwinkel. »Noch nie gesehen.«
Die beiden Frauen nicken.
»Ein Engländer, würde ich meinen«, sagt Morandot. »Jedenfalls schrie er was auf Englisch. Er schlief in einem kleinen Zimmer hinten in der Wohnung. Ist riesig da, und komplett unbewohnt. Er wollte über die Hintertreppe abhauen, da hab ich ihm mit meiner MP eins übergezogen.«
Loiseau kaut nervös auf seiner Lippe. »Irgend so ’n Pennbruder, der war nicht eingeplant, versaut uns nur das Geschäft, lassen wir ihn laufen.«
Falicon tritt zwei Schritte vor, zwischen Loiseau und den Bewusstlosen. »Bin nicht dafür. Wenn er Engländer ist, bringt er eine hübsche Prämie. Und das Mädchen da stinkt vor Angst, das ist ein gutes Zeichen. Gucken wir doch erst mal, was im Tresor ist, bevor wir entscheiden.«
Loiseau verzieht das Gesicht. Falicon, dieser miese, hinterfotzige Westentaschenzuhälter. Der ist cleverer. Eines Tages wird er den Scheißkerl umlegen. Aber bis dahin … Er packt den Alten am Arm, schiebt ihn Richtung Salon, Falicon ihm auf den Fersen. Ein großer, herrschaftlicher Raum, hohe Decke, drei Fenstertüren zur Avenue Henri-Martin, sorgsam verdeckt von langen braunen Samtvorhängen. Er schaltet einen Kristalllüster in der Deckenmitte ein, bei dem die Hälfte der Glühbirnen fehlt. Louis-XV-Mobiliar, zu dicht gedrängt, viel Art-Déco-Nippes, und an den beige-seiden tapezierten Wänden sorgsam gerahmte und gehängte impressionistische Gemälde, Monet, Pissarro, Renoir, Sisley … Loiseau zählt rasch nach. Vierzehn, wie angekündigt. Er durchquert den Salon, den schlurfenden Alten weiter vor sich hertreibend, bleibt vor Boudins Regatta in Honfleur stehen, schwenkt das Bild zur Seite. In der Wand ein Tresor. Er wendet sich zu dem Alten um. »Sie sind illegal im Besitz von Gold. Wie Sie sehen, hat man Sie angezeigt. Wir sind zur Beschlagnahme hier. Öffnen Sie Ihren Tresor.«
Der Alte dreht an den Knöpfen und öffnet ihn seufzend. Ein paar von Gummibändern zusammengehaltene Bündel Briefe und Papiere. Und vier Stoffsäckchen. Nicht dick. Loiseau nimmt sie, wiegt sie in der Hand. Schätzungsweise fünf- bis sechshundert Münzen.
Falicon höhnt: »Doll ist das nicht. Zum Glück haben wir noch den Engländer.«
Zurück in die Diele. Der Mann am Boden kommt zu sich. Morandot hat ihm die Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt.
Loiseau richtet sich zu ganzer Größe auf, nagt an seiner Unterlippe. »Wir nehmen alle mit, auch die Concierge. Ab nach Hause in die Rue de la Pompe.«
Auf dem Gehweg dreht sich Morandot noch einmal um. Der große Altbau, dunkle Fenster, geschlossene Läden, sieht völlig unbewohnt aus. Er streicht zärtlich über seine Waffe, hebt den rechten Arm, stützt die MP auf den linken Unterarm und schickt eine kurze Salve zu den oberen Etagen. »Schlaft gut, ihr Lämmer.«
Eine wahrhaft spartanische Dachkammer im sechsten Stock in der Rue d’Assas. Roher Holzboden, geweißte Wände, ein schmales Eisenbett, ein Spülstein, ein Gaskocher, ein kleiner Tisch, ein Schrank, zwei Velourssessel, ein paar Bücher, nur erlaubte Literatur und eine Bibel. Einziger Luxus: eine Fenstertür, die auf einen winzigen schmiedeeisernen Balkon führt, der blassblaue Himmel, von fliehenden weißen und grauen Wolkenfetzen durchzogen, und die je nach Licht ihre Farben und Formen ändernden Dächer von Paris. Domecq, müde nach einer schlaflosen Nacht, die er damit verbracht hat, dem durch die stille Stadt fegenden Wind zu lauschen, hat seinen Sessel vor die offene Fenstertür gerückt, die Füße aufs Balkongeländer gelegt und genießt mit geschlossenen Augen die Morgensonne. Von Zeit zu Zeit trinkt er kleine Schlückchen eines vorzüglichen brühheißen Kaffees, sehr würzig, nicht bitter, konzentriert sich auf diesen Geschmack, der ihn durchströmt, sich dann langsam in seinem Mund verflüchtigt. Ein Päckchen Kaffee, das der Wirt des Capucin, auf anhaltend gutes Einvernehmen mit den Inspektoren von der Sitte bedacht, ihm gestern zugesteckt hat wie jede Woche.
Noch ein Schluck. Am Ende hat es den Krieg und die Besatzung gebraucht, damit ich guten Kaffee schätzen lerne. Plötzlich fliegen irgendwo die Fenster auf, knallen gegen die Hauswand, unbekannte Männer- und Frauenstimmen brüllen: »Die Engländer sind da …«
Domecq richtet sich auf, verschüttet seinen Kaffee, verbrennt sich, beugt sich übers Geländer. Kein Mensch zu sehen. Sechs Stockwerke tiefer liegt die Rue d’Assas ruhig im Sonnenschein.
In der Rue de la Pompe ist der Engländer Mike Owen in eine Art fensterlose Abstellkammer gesperrt, mit Handschellen unten an einen Heizkörper gekettet. Er sitzt mit vorgebeugtem Oberkörper auf dem Boden und horcht auf jedes Geräusch. Im Flur reges Kommen und Gehen, Leute betreten die Wohnung, ein Dutzend verschiedene Stimmen, auch die einer Frau. Gleich nebenan muss das Mädchen sein, von dort kein Laut. Er zerrt an seinen Handschellen – der Schmerz schießt ihm wieder die Arme hoch –, will sich nur vergegenwärtigen, dass er am Leben ist.
Deslauriers hat sich sein Büro in einem kleinen Raum am Ende des langen Flurs eingerichtet, der bestimmt einmal ein Jungmädchenzimmer war: Tapete mit Rosenstraußreihen auf weißem Grund, Fischgrätparkett, sehr wenige Möbel, zwei Metallspinde für die Akten, an einer der Wände ein paar unterschiedliche Stühle. Und auf einem gelb-blauen Teppich ein wuchtiger, kunstvoll geschnitzter Schreibtisch aus dunklem Holz, vier Karyatiden in üppiger Blöße tragen eine große, mit abgewetztem rehbraunem Leder bezogene Schreibplatte. Die Fensterläden der im ersten Stock zur Straße hin gelegenen Wohnung bleiben stets geschlossen, und an diesem Morgen ist der Raum in lichten Schatten getaucht.
Vor dem Schreibtisch aufgereiht stehen starr und stumm die vier Männer von Loiseaus Trupp. Der Boss, groß, massig, zerbeultes breites Gesicht, Nase schon mal gebrochen, Schmarre durch die rechte Braue, das braune Haar sorgfältig mit Pomade frisiert, marschiert von Wand zu Wand, das Jackett seines gut geschnittenen grauen Anzugs offen, Hände in den Hosentaschen, die Augen auf seine hellbraunen englischen Glattlederschuhe geheftet, bloß dann und wann ein kurzer Blick zu seinen Männern, die er nur von hinten sieht. Falicon, dem Fenster am nächsten, ein durchtriebener kleiner Zuhälter, der sich für besonders schlau hält und es vielleicht auch ist, tut so, als blicke er zur Straße hinaus. Neben ihm Martin, rund und wohlgenährt, tüchtiger Malocher, arbeitsloser Anstreicher, kam in die Rue de la Pompe, um die Räumlichkeiten zu reinigen und neu zu streichen, und blieb, Mann für alles, wenn nur die Bezahlung stimmt, nie eine eigene Idee, zieht den Kopf ein, wartet auf das Donnerwetter. Morandot, stämmig, dunkler Typ, bankrottgegangener Bäckermeister, aktives Mitglied der Cagoule, vor dem Krieg eine rechtsextreme Putschistengruppe, schloss sich nach dem Waffenstillstand Doriots Kollaborationspartei an, Antikommunist, scharfer Antisemit, Dienstältester in der Truppe der Rue de la Pompe, hält sich für einen geistigen Führer, Pranken hinterm Rücken verschränkt und Beine gespreizt in der Haltung des Soldaten in Rührt-euch-Stellung. Und schließlich Loiseau, nahe der Tür, der größte von allen, kahler Schädel, stramme Haltung, ewiger Traum: an Stelle vom Boss der Boss sein. Deslauriers brütet vor sich hin. Nichtsnutzige Bande. Haben mich in eine beschissene Lage gebracht, von der diese Idioten keinen blassen Schimmer haben. Und nicht haben sollen. Erst den Ungehorsam bestrafen. Dann sehen wir weiter. Er bleibt stehen, strafft sich.
»Wer hat euch in die Avenue Henri-Martin geschickt?«
Loiseau antwortet: »Der kleine Poncin hatte uns den Tipp gegeben, dass da ein großer Fang mit Goldmünzen zu machen wäre.«
»Und ihr habt von selbst die Initiative ergriffen? Das kaufe ich euch nicht ab. Wer hat euch dorthin geschickt?«
Loiseau schweigt.
»Wer?«
Immer noch nichts. Deslauriers zieht seinen Revolver aus dem Holster, das er praktisch im Rücken trägt, drückt ihn Falicon ins Genick und schießt. Die drei Männer zucken zusammen, stehen starr, Kopf geradeaus, Blicke aus den Augenwinkeln. Der Körper sackt zusammen, schlagartig geschrumpft in zu weiten Kleidern. Langsam bildet sich eine Blutlache bis hin zum Teppich. Deslauriers wirft die Geschosshülse aus, lädt nach.
»Ich frage noch einmal. Wer?«
Martin öffnet den Mund.
»Nicht du, Martin. Ich will’s von Loiseau hören.«
Ein Zittern überläuft Loiseau. »Das ist eine Aktion von Lafont. Er hat nicht mehr viele Männer in der Rue Lauriston, fast alle haben sich der Nordafrikanischen Brigade angeschlossen, um die Terroristen außerhalb von Paris zu bekämpfen. Also wendet er sich an uns.«
Lafont, Chef der Carlingue, der wichtigsten Gruppe französischer Gestapohelfer. Ein gefährlicher Rivale. Mein Revier sichern, meine Autorität gegenüber meinen Männern wiederherstellen, aber Vorsicht. Lafont ist mächtig.
»Und du hast eingewilligt, ohne mit mir zu sprechen?«
»Lafont hat Geheimhaltung verlangt. Wir sollten das Gold und den Alten mitnehmen und das Ganze bis acht Uhr früh erledigt haben. Danach sollten wir einfach wieder herkommen.«
Deslauriers deutet mit der Revolvermündung auf die Säckchen auf dem Schreibtisch. »Dafür?«
Loiseau zuckt die Achseln. »Es sollten mindestens fünftausend Goldmünzen dort sein.«
Deslauriers begibt sich hinter den Schreibtisch, setzt sich in einen hohen Lehnsessel, legt seine Waffe vor sich hin, sieht die drei mit gewohntem Unmut an. »Das Gold behalte ich. Damit ist eure Scharte ausgewetzt. Ihr bekommt eure Prämien für den Engländer, wenn er denn Engländer ist, ihr bekommt sogar die von Falicon. Der Alte gehört mir, und zwar nur mir. Für euch gibt es ihn nicht mehr.« Mit Nachdruck: »Es hat ihn nie gegeben. Ihr zwei schafft euren Kollegen raus, der wird bald unangenehm riechen, und ihr nehmt euch das Mädchen vor. Sie muss etwas über den blinden Passagier in der Avenue Henri-Martin wissen. Der Einzige, der in dieser Angelegenheit für unsere Behörde von Interesse ist, damit das ganz klar ist. Jetzt seid ihr dran. Loiseau, du bleibst hier, ich habe mit dir zu reden.«
Stumm und mit ausweichenden Blicken verlassen die beiden Männer mit dem Leichnam den Raum. Loiseau steht reglos da und wartet.
»Jetzt, wo deine Männer weg sind, sag mir, was du bei Benezet zu suchen hattest.« Nichts geschieht. Deslauriers spielt mit seinem Revolver. »Verkauf mich nicht für dumm.«
»Gemälde. Jemand hatte bei Lafont vierzehn impressionistische Gemälde bestellt, die sich bei dem Alten befanden. Wir sollten ihn und seine Haushälterin wegen illegalem Goldbesitz einbuchten, und Lafont kam und hat die Bilder geholt.«
»Prämie?«
»Eine Million.«
»Und deinen Männern hast du nichts davon gesagt. Eine Million für dich und ein bisschen Klimpergeld für sie. Bei dieser Arbeitsweise wirst du irgendwann hinterrücks abgeknallt.«
Loiseau zieht es vor zu schweigen, blickt unverwandt auf die Blutlache, die inzwischen die Teppichfransen erreicht hat.
»Immerhin habe ich dir Falicon vom Hals geschafft, das gibt dir einen Aufschub. Sieh nach, wie weit sie mit dem Mädchen sind.«
Allein. Er schließt seine Tür ab, öffnet die Klappläden, lehnt sich aus dem Fenster und blickt auf die Straße hinab. Als er sich nach draußen beugt, fällt sein Blick auf die Kastanien in der Avenue Foch, nie waren sie so schön. Dieser Benezet. Ein alter Bekannter, vor dem Krieg einer meiner besten Kunden im Perroquet bleu. Spielt den senilen Alten, der mich nicht wiedererkennt. Persönlich befreundet mit der Hälfte des kollaborierenden Unternehmertums, mit drei Vierteln der Männer der Laval-Regierung und ganz sicher mit Bauer, auch wenn er das mir gegenüber nie erwähnt hat. Und er schreit nicht Zeter und Mordio, als man ihn verhaftet … Er verhält sich unauffällig, hat was zu verbergen. Verwalter einiger amerikanischer Vermögen in Frankreich … Und die Amerikaner heute … Lafont schickt meine Leute zu ihm. Um mich zu belasten und meine Geschäfte an sich zu reißen? Denkbar.
Auf der Straße radeln zwei hübsche Mädchen vorbei. Hinter der Tür Schritte und gedämpfte Stimmen, die Bittsteller drängen sich allmählich im Flur. Das wird den ganzen Tag so bleiben. Keine Zeit, der Sache nachzugehen. Deslauriers schließt die Fensterläden wieder. Was den Engländer betrifft, erzähle ich Bauer, dass seine Festnahme ein Zufall war. Routinekontrolle in leerstehenden Wohnungen. Benezet ist unter falschem Namen eingelocht, jetzt heißt es abwarten.
Mike Owen zuckt zusammen. Im Nebenzimmer ist eine Tür zugeschlagen. Gepolter, unverständliche Worte, herrischer Ton. Ein Zischen, ein scharfer Knall. Owen zerrt an seinen Handschellen. Eine Peitsche, das sind Peitschenhiebe. Noch ein Hieb. Langgezogenes, leises Heulen. Laute Männerstimmen, immer noch unverständlich. Ein Hagel von Peitschenhieben, das Heulen hält an. Wieder ein Hieb, jemand stößt einen Schrei aus. Gepolter, prügeln die sich? Dann schlägt ein Mann unter Keuchen und schrillem Quieken rhythmisch zu. Das Heulen wird lauter, schwillt explosionsartig an, bricht dann jäh am höchsten Punkt ab. Ein Mann wimmert, schluchzt. Gepolter, dann gehen die Männer hinaus in den Flur, reden durcheinander. Mit seinem ganzen Gewicht beugt sich Owen nach vorn, hängt sich schwer in seine gespannten Handschellen, spürt einen stechenden Schmerz bis hoch in die Schultern schießen, zerrt stärker, schleichender Schwindel, und sackt bewusstlos zusammen.
Deslauriers öffnet einen der Metallspinde und streicht sich vor einem mannshohen Spiegel an der Türinnenseite das Haar glatt, steckt den Revolver zurück, knöpft das Jackett zu, überprüft den korrekten Sitz von Anzug und Krawattenknoten, runzelt die Stirn, als er den Todesschrei hört. Noch ein Fehler von Loiseau. Der mir in diesem Fall gelegen kommt, keine Spuren bezüglich Benezets Verschwinden. Ich werde mit ihm abrechnen müssen. Ein andermal. Er schließt den Spind wieder und tritt hinaus in den schwach erleuchteten Flur, wo an der Wand die Bittsteller des Tages auf Bänken sitzen und auf ihn warten.
Die erste, Geneviève Fath, hinreißend in einem weißen Kleid mit roten Blumen, Bolero mit Puffärmeln in einem dunkleren Rot, auf dem blonden, zum Chignon hochgesteckten Haar ein weißes, schräg in die Stirn gezogenes Hütchen mit Schleier aus besticktem Tüll, steht auf, tritt hastig ein Stück zurück, um Loiseau vorbeizulassen, blutbespritzter nackter Oberkörper, Jacke über die Schultern gehängt, am ganzen Körper zitternd, verstörter Blick, gestützt von seinen beiden Männern. Die Gruppe stürmt ins Badezimmer. Geneviève Fath betritt Deslauriers’ Büro, der ihr die Hand küsst, ehe er ihr einen Stuhl heranschiebt. Sie setzt sich seitlich darauf, schlägt die seidenbestrumpften Beine übereinander, um nicht mit der blutgetränkten Teppichstelle in Berührung zu kommen, streift ihre weißen Handschuhe ab und befördert gekonnt ihren Schleier auf die Hutkrempe.
»René, ich brauche dich.«
Breites Lächeln. »Sonst wärst du nicht hier. Dies ist kein vergnüglicher Ort.«
»Heute in aller Frühe hat mir mein Expedient mitgeteilt, dass meine gesamte Lieferung festgehalten wird.«
»Du weißt, dass heute Nacht einiges passiert ist …«
Sie ignoriert diese Bemerkung und fährt fort: »Ungefähr fünfzig Kleider aller großen Pariser Modehäuser mitsamt ihren Accessoires, die nach Monaco geliefert werden sollen. Kannst du nicht einen Passierschein für mich erwirken?«
Deslauriers schiebt ihr einen Block und einen Kugelschreiber hin. »Schreib Telefonnummer und Adresse deines Expedienten auf. Ich werde sehen, was ich tun kann. Versprechen kann ich nichts. Viele Strecken sind lahmgelegt, und die anderen sind voll ausgelastet mit Militärtransporten. Fünf Prozent des Warenpreises bei Lieferung.«
Geneviève Fath erhebt sich, groß und gertenschlank auf ihren hohen Absätzen, lächelt, lässt ihren Schleier mit geübter Geste wieder hinab, streift ihre Handschuhe über.
»Abgemacht. Sieht man dich heute Abend bei Dora Belle?«
»Im Prinzip ja.«
Auf ein Zeichen von Deslauriers nimmt Letœuf mit unterwürfiger Miene und Schiebermütze in der Hand Platz, nachdem er den Stuhl, auf dem vor wenigen Minuten noch Geneviève Fath saß, an einen anderen Platz gestellt hat, um sich diskret von der Blutlache zu entfernen. Deslauriers bleibt stehen, Hände in den Hosentaschen. Wie Falicon, der ihn in der Rue de la Pompe eingeführt hat, ist dieser Letœuf ein kleiner Zuhälter, verachtenswert, aber ein guter Spitzel, stets umfassend informiert und loyal.
»Ich hab da was außer der Reihe.«
»Ich höre.«
»Das kleine Château der Goulds in Maisons-Laffitte …«
Deslauriers ist sofort hellhörig. Florence Gould hält den berühmtesten literarischen Salon in Paris. Sie schläft mit allen Gästen, den französischen Schriftstellern wie den Wehrmachtsoffizieren. Aber Gould, das ist auch Franck Jay, ihr Ehemann, ein alter amerikanischer Milliardär, der an der Côte d’Azur lebt. Und die Amerikaner heute …
»Red weiter, ich höre immer noch zu.«
»Es wird nur vom Hausmeisterpaar bewohnt. Sie haben Erlaubnis erhalten, zur Hochzeit ihres Sohnes für eine Woche in den Süden zu fahren, morgen reisen sie ab, und ihre Nichte springt für sie ein, ein nettes Mädchen, das hin und wieder für mich arbeitet und mir die Schlüssel geben wird, bevor sie von der Bildfläche verschwindet. Im Keller sind hunderttausend Flaschen, ich habe sie gesehen, sie hat mich durchgeführt. Und nicht irgendwas, nur große Weine und edler Champagner. Meiner Schätzung nach ist das mindestens ein Zehn-Millionen-Geschäft.«
»Warum kommst du damit zu mir? Um Champagner auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, brauchst du mich nicht.«
»Die Sache ist zu groß. Dafür habe ich nicht die Mittel und nicht die Kundschaft. Lieber kassiere ich eine Provision auf zehn Millionen, als dass ich ein paar Dutzend Flaschen selbst verkaufe.« Letœuf rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Deslauriers wartet. Mit gesenkter Stimme: »Danach will ich heim in die Charente, Monsieur Deslauriers.«
Deslauriers dreht Letœuf den Rücken zu, lehnt sich ans Fenster. Unten die Straße, sonnig und ausgesprochen ruhig. Ein paar Fußgänger, Fahrräder, hie und da ein Trupp deutscher Soldaten, ein Auto. Wie überhaupt ganz Paris. Die Landung der Alliierten, von der heute früh im Radio die Rede war, scheint auf einem anderen Planeten stattzufinden. Scheint … Ungewisse Zukunft. Brauche Bargeld, habe aber keins. Ein großer Weinkeller, 100 000 Flaschen, da sind zehn Millionen das Mindeste. Eher schon zwanzig. Er wendet sich wieder Letœuf zu.
»Ich mach’s. Aber zehn Millionen bringt das nicht. Die Hälfte, wenn überhaupt. Die Geschäfte werden sich in den nächsten Tagen schwierig gestalten. Komm morgen wieder, dann sage ich dir, wie wir’s machen.« Letœuf steht auf. »Apropos, weißt du, wo Falicons Mädchen zu finden sind?«
Er wirkt überrascht, zögert ein wenig, dann: »Im Capucin. Rose und Angélique. Ist Falicon etwas zugestoßen?«
Deslauriers antwortet nicht und schiebt ihn zur Tür.
Der Nächste. Clerget, der Großindustrielle und Schuh-König. Schwarzhandel und illegale Lieferungen. Routine. Die Langeweile siegt.
Später Nachmittag. Mike Owen, immer noch in Unterhose, auf der Rückbank eines Citroën zwischen Loiseaus zwei Männern eingekeilt, wird zu einem unbekannten Ziel gefahren. Einschnitte an den Handgelenken und im Kopf das Bild vom flüchtig erblickten Leichnam des Mädchens, an den Füßen aufgehängt, Beine gespreizt, von der Leiste bis zur Bauchmitte ein blutiger Spalt, wie von einer Axt. Lähmende Angst. Mein Gott, hab Erbarmen mit mir. Der Wagen biegt in die Avenue Foch ein, hält vor der monumentalen Fassade des Gebäudes, in dem der Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS untergebracht ist. Dieses Gebäude kenne ich. Im Zentrum des Systems, im Zentrum des Schreckens. Die beiden Männer befördern ihn aus dem Wagen. Und vollkommen allein. Das Mädchen ist tot. Sie hat nicht geredet. Der an der Decke aufgehängte gefolterte Leichnam … nicht geredet … die Schreie … nicht geredet. Als die beiden französischen Gestapomänner an der weit geöffneten Tür des Zimmers vorbeikamen, wo sie hing, haben sie gehöhnt: Der Alte ist auch tot, aber der hat nicht so lange durchgehalten. Also sind sie beide tot, keiner hat geredet, keiner weiß mehr, wer du bist. Das eröffnet Möglichkeiten. Du bist am Zug. Spiel um dein Leben.
Im fünften Stock hat sich Otto Bauer vor der Tür seines Büros ganz am Ende des Flurs postiert und wartet auf den Gefangenen, den Deslauriers ihm schickt. Groß, breite Schultern, schmale Hüften, flacher Bauch, ebenmäßiges, ovales Gesicht mit feinen Zügen, zurückgestrichenes blondes Haar, hohe Stirn, große braune Augen, schmale Nase, markanter Mund mit hängenden Mundwinkeln, er hält sich sehr gerade in seiner bis zum Kinn geschlossenen SS-Hauptsturmführeruniform und den tadellos gewichsten Stiefeln. Ein schöner Tag. Die Landung der Alliierten, endlich. Wenn auch in gewissem Grade überraschend. Seit über einem Jahr hat man Tag um Tag so sehr darauf gewartet, so viel darüber geredet, dass schließlich niemand mehr daran geglaubt hat. Auf dem Boulevard de l’Amiral-Bruix den Panzern begegnet, die an die Front fuhren. Die jungen Besatzungen erstrahlten in vollkommener Schönheit angesichts des nahenden Todes. Erinnerungen an die Kämpfe vom September ’39 kommen wieder hoch. Im Flugzeug, eng aneinandergedrückt, bevor wir mit dem Fallschirm hinter den polnischen Linien abgesetzt wurden, tauschten wir Blicke, schwiegen miteinander. So heiter, so lebendig wie nie. Diesen Krieg habe ich geliebt. Wehmut. Gewissheit. Die entscheidende Schlacht hat begonnen, der Gefechtsgeruch kommt näher. Bei den SS-Hilfskräften spürt man die steigende Aggressivität. Nur der Führungsstab der Wehrmacht klingt ein wenig hohl, uneins, zögerlich. Aber die deutschen Soldaten werden kämpfen, wie sie zu kämpfen verstehen, tüchtig, bis in den Tod. Und das immer noch ruhige Paris gibt die teilnahmslose Schöne und geht an diesem ungetrübten Spätfrühlingstag ohne Anschlag und Alarm seinen Geschäften nach. Hass weht ihn an.
Zwischen zwei SS-Leuten erreicht der Gefangene das Ende des Flurs. Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Jung, groß, gut gebaut, zerzaustes braunes Haar, kantiges Gesicht. Eher Amerikaner als Engländer, würde ich sagen. Absolvent einer der großen Ostküsten-Universitäten? Direkter Blick, forscher Schritt, und die Andeutung eines Lächelns. Eine Beute, die noch lebt. Bauer atmet schneller, stoßweise, die Nase zuckt.
Sie stehen sich in Bauers Büro gegenüber. Blicke. Owen spricht als Erster, in perfektem Französisch.
»Sie sind Hauptsturmführer Bauer vom Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS, Abteilung wirtschaftlicher Nachrichtendienst Ausland.«
Schock. Bauer bemüht sich, ruhig und tief zu atmen.
»Und Sie?«
»Hauptmann Owen vom Geheimdienst der US-Armee. Ich mache den gleichen Job wie Sie, praktisch in der gleichen Abteilung …«
Jung, schön, beinahe mein Zwilling. Lass ihn reden, aus einem noch unbekannten Grund steht ihm der Sinn danach.
»… und ich habe die gleiche Kundschaft. Ich werde bei den französischen Unternehmern vorstellig, die von Ihnen bezuschusst werden …
Die rechte Gerade kommt mit voller Wucht, unterbricht beim Aufprall auf Kinn und Unterlippe Owens Luftzufuhr, der benommen umkippt. Es hagelt Tritte in sein Kreuz.
»Hoch mit dir, los.«
Er schafft es mit großer Mühe, sich aufzusetzen, dann hinzustellen, aufgeplatzte Lippe, Blut rinnt über seinen nackten Oberkörper. Überleben. Bauer ist hinter ihn getreten und umschließt Owens Hals mit seinen langen, knochigen Händen.
»Wir mögen den gleichen Job machen, aber wir sind nicht in der gleichen Position.«
Angespannt hält Owen still. Die Schlagader pulsiert schnell und kräftig unter Bauers Fingern, der langsam zudrückt, pulsiert immer kräftiger, in immer größeren Abständen, dann ein Krampf, und das Leben pulsiert nicht mehr, der Körper wird schlaff, sehr schwer, Bauer drückt noch einen Moment lang zu, lässt dann los. Owen sackt zu Boden.
Bauer sieht zu, wie langsam wieder Leben in ihn kommt. Geht in die Hocke, packt den Kopf an den Haaren, bringt ihn nah vor sein Gesicht, streift den blutverschmierten Mund mit seinen Lippen, flüstert: »Ich gebe dir genau eine Chance, dein Leben zu retten. Von mir aus kaufe ich dir deine Lügenmärchen ab. Aber das hat seinen Preis. Verrate mir die Organisation, die dich nach Paris gebracht hat. Jetzt.«
2
6. Juni 1944, abends
Bei Einbruch der Nacht enden die Kämpfe. Die Alliierten halten die Strände und haben 155 000 Mann mitsamt Ausrüstung an Land gebracht. Sie sind nirgends weiter als eineinhalb Kilometer auf französischen Boden vorgedrungen. Keine der als Ziel für den ersten Landungstag festgelegten Positionen wurde erreicht.
An jedem ersten Dienstag im Monat hält Dora Belle Salon in den Räumen ihres Stadtpalais an der Place des États-Unis. Ihre Gesellschaften sind nicht so literarisch und vornehm wie die von der Wehrmacht frequentierten Salons, etwa der von Florence Gould. Aber die üppigen Buffets in einer Zeit, in der quasi Hunger herrscht, die große Schönheit der Gastgeberin, einer der führenden Stars der Continental, der großen, mit deutschem Kapital betriebenen französischen Filmproduktionsfirma, die Verfügbarkeit zahlreicher junger Damen und die Anwesenheit des Pariser SS-Führungsstabs (eins seiner Mitglieder, SS-Hauptsturmführer Bauer, ist seit fast vier Jahren Doras Liebhaber) locken doch stets eine kleine Schar von Unternehmern, Journalisten, Staatsbeamten, Filmleuten und angehenden Sternchen an, die für eine Information, einen Passierschein, ein Fleischgericht oder eine kleine Nebenrolle zu allem bereit sind.
René Deslauriers trifft gegen neun bei Dora Belle ein, passiert das Portal, einen gepflasterten Hof, eine Außentreppe, und betritt das Entree, einen Rotundenraum ganz aus buntem Marmor. In der Mitte, auf einem runden weißen Steintisch mit einem Fuß aus gemeißelten Akanthusblättern, steht ein bis zur Decke reichendes Orchideengesteck, aus dem sich einige der geflochtenen Ranken gelöst haben und herunterhängen. Weiß und Blau, die Farben von Doras Kleid an diesem Abend. Wie jeden Monat ein Geschenk von Lafont. Lafont, der schon wieder. Er schenkte Dora Belle einen weißen Bentley, als Bauer sie zu seiner offiziellen Geliebten machte, und überhäufte sie bei jeder ihrer Feiern mit Orchideen, was Deslauriers wie ein protziger und geschmackloser Luxus erschien. Ein verbrecherischer Luxus. Eine sehr unliebsame Person. Unbewusst verzieht er das Gesicht. Er überlässt Hut und Handschuhe der charmanten jungen Frau, die sich um die Garderobe kümmert, und betritt den ersten der drei ineinander übergehenden Salons, Zwischentüren weit geöffnet, durch Kristalllüster hell erleuchtet, die Fensterreihe indes mit dicken grünen Vorhängen lichtundurchlässig gemacht. In jedem Salon an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand ein üppig mit Viktualien beladenes Buffet, Gänseleber, kalter Braten, Käse, Kuchen, Obst. Champagnerflaschen stapeln sich in Kühlbehältern hinter den Buffets, und auf dem nackten Boden unter den Tischen sind Cognacflaschen verstaut. Ein Orchideenstrauß auf jedem Tisch erinnert an den im Entree.
Schon jede Menge Leute da. Frauen in luftigen, farbenfrohen Kleidern, Männer in dunklen Anzügen speisen in kleinen Gruppen zu Abend, an runden Tischchen sitzend, im Stehen an den Buffets oder ins Gespräch vertieft in den Fensternischen. Im dritten, hinteren Salon sitzt Otto Bauer am Flügel und spielt Schubert, dass es vor Schmalz nur so trieft. Um ihn herum, zwischen dem Klavier und den hohen Fenstern, ein paar der höchstrangigen SS-Männer in Frankreich: Knochen, Nosek, Maulaz, ein Dutzend weitere in ihren schwarzen Uniformen, jung, groß, blond, sportlich, schön, sehr schön, und alle sprechen sie Französisch mit einem entzückenden harten Akzent, die Charme-Staffel der SS. In ihrer Mitte, älter, massiger, Botschafter Abetz, heute Abend der Einzige in Zivil. Die wogenden Schubertklänge übertönen eine lebhafte Diskussion auf Deutsch. Es gilt sich zu vergewissern, dass die Argumentation in Bezug auf die Landung der Engländer und Amerikaner stichhaltig ist, und diejenigen Gruppen von Dora Belles Gästen untereinander aufzuteilen, die man sich ideologisch zur Brust nehmen muss. Wenig Raum zum Improvisieren. Deslauriers blickt auf seine Uhr. Für gewöhnlich haben sie sich um diese Zeit schon abgestimmt. Heute scheint die Aufgabe etwas schwieriger zu sein.
Im zweiten Salon thront Dora Belle inmitten einer Horde junger Männer und Frauen in einem großen Sessel, prachtvoll, üppig, rosig und blond, naturblond, der Gipfel an Raffinesse, mit Kamille gepflegt, die Haarflut zu einem losen Knoten frisiert, aus dem sich ein Kranz von Löckchen hinausgestohlen hat, in einer tief dekolletierten Robe in abgestuften Blautönen, eine Orchidee steckt über der rechten Brust und prangt auf der nackten Haut, eine weitere an der Taille. Hinter ihrem Sessel steht der hochgewachsene Domecq, der kleine Bulle von der Sitte, eher ärmlich gekleidet, Hemd und Hose khakibraun, beigefarbene Jacke. Hübscher Kerl, das dichte schwarze Haar glatt und ungekämmt, darunter ein längliches Gesicht mit ebenmäßigen Zügen, sehr gerade schwarze Brauen quer über wachen, unruhigen blassblauen Augen, die unablässig von einer Gruppe zur anderen wandern, in dieser Welt von Schwadroneuren ist er erstaunlich zurückhaltend und still. Es heißt, er sei ein Jugendfreund der schönen Dora, inzwischen ihr ständiger Begleiter und schüchterner Verehrer. Deslauriers hält ihn für einen gewöhnlichen Schmarotzer.
Er geht zu Dora Belle, um sie zu begrüßen. Nähert sich ihr immer noch verbittert. Sie war vor dem Krieg seine Geliebte, und gemeinsam führten sie das Perroquet bleu, eins der berühmtesten Nachtlokale am Pigalle, in dem damals Bauer und ein paar andere deutsche Gäste verkehrten, die sich »geschäftehalber« in Frankreich aufhielten und denen man kein Jahr später in den verschiedenen Abteilungen der Pariser SS wiederbegegnete. Im Perroquet bleu, wegen Militärkatastrophe geschlossen, hatte Bauer ihn dann auch gleich im August 1940 aufgesucht. Zunächst, um ihn um Rat zu fragen: Er kenne doch so viele Leute … Dann, um ihn als Hilfskraft für einen wirtschaftlichen Nachrichtendienst anzuwerben, den er zwecks Ausbootung der Abwehr im Stillen aufbaute. Und um ihm Dora Belle zu nehmen. Ehrlich gesagt war er selbst, Deslauriers, es gewesen, der sie ihm angetragen hatte. Für eine kurze, harmlose Affäre, dachte er, ein Freundschaftsbeweis, sonst nichts. Eine kurze Affäre, die jetzt schon vier Jahre dauerte und die jedwedes Teilen ausschloss. Bauer hat dank seinem Einfluss auf die Continental aus Dora einen Filmstar gemacht, nicht jung und nicht begabt genug, um mit den hauseigenen Stars wie Darrieux oder Delair zu konkurrieren, aber als Nebenrolle sehr gefragt, ein unverhoffter beruflicher Erfolg, der sie überglücklich macht. Und Bauer nutzt ihre Talente als Dame des Hauses und das Renommee ihres Salons, ein Mix aus gesellschaftlicher Drehscheibe des mondänen Paris und Freudenhaus, geschickt zur Pflege seiner Beziehungen mit der französischen Geschäftswelt.
Ein blutjunger Theaterkritiker, der gerade seinen ersten Artikel in Paris-Soir veröffentlicht hat, glaubt sich seiner Sache sicher und legt los: »Ich war in der Premiere von Andromaque. Jean Marais …«
Dora sieht ihn an, den Kopf leicht nach hinten geneigt, den zwischen den Wimpern schmelzenden Blick auf seinen Mund geheftet, als vergehe sie vor Faszination bereits unter seinen Küssen. Erregend. Ein Kurtisanentrick. Der Wirkung zeigt. Der junge Mann wird unsicher. Deslauriers sucht das Weite und stößt mit Geneviève Fath zusammen, aufsehenerregend in einem figurbetonten, von zwei hauchdünnen Trägern gehaltenen grünen Kleid, die Schultern von einem Tüllbolero bedeckt, am Arm eines kleinen Glatzkopfs, den Deslauriers nicht kennt, sie setzt einen Kuss auf ihre Handfläche und bläst ihn in seine Richtung.
»Alles läuft wie am Schnürchen, René. Du bist der Beste. Hast du Doras Robe gesehen? Sie ist von Jacques. Eine Pracht, nicht wahr?«
Hinter ihr in einem Fenstereck Continental-Boss Greven, groß, massig, kahlköpfig, Lächeln auf den Lippen, und Clouzot, sein Lieblingsregisseur, kleiner, mager, spitzes Gesicht, im Gespräch über die jungen Frauen, die immer wieder an ihnen vorbeidefilieren.
»Die Kleine in Rot, ein Polsterarsch wie ein englischer Clubsessel.«
»Der Blasemund spricht mich mehr an …«
»Perfekt. Nehmen wir beide sie uns heute Abend vor?«
»Abgemacht.«
Auf dem Boden, zu Doras Füßen, sitzt ein pummeliger Mann mit Babygesicht und Genießermund und sagt immer wieder, von seiner Formulierung entzückt: »Zwischen der Katastrophe und uns steht nur noch die Wehrmacht.« Wie einer, der an einer Zuckerstange lutscht, ganz aufgeregt beim Gedanken an die nahende Bestrafung. Literarische Bezugspunkte zuhauf. Der Untergang des Römischen Reichs, die letzten Tage von Byzanz, der außerordentliche Zauber todgeweihter Städte, Faszinosum Apokalypse.
Dora hört ihm zu und lächelt über derlei Belanglosigkeiten. Bauer hat den Schubert gerade mitten im Satz abgebrochen, und die schwarzen Offiziere steuern die Salons an.
»Da kommt das Elitebataillon«, sagt der Pummelige. »Sieh sie dir an. Groß und aufrecht, geschmeidig, der Gang energisch und bestimmt, unter der ausgesuchten Höflichkeit die rohe Gewalt, riesig kultiviert, blauer Blick. Sie wurden gleich reihenweise produziert, um uns zu verführen. Und da glaubst du, wir hätten widerstehen können?«
Dora erhebt sich. »Roland, der Flügel gehört uns. Ich möchte singen.«
Auf der Etage mit den Privaträumen über den Salons liegen zwei Jugendliche bäuchlings nebeneinander quer auf einem Bett und betrachten eine auf steife Pappe geklebte Europakarte. Die Frontlinien sind mit Stecknadeln dargestellt, rote Köpfe für die im Osten, blaue für die im Westen. Mit sehr feierlicher Geste klebt der Junge einen blau-weiß-rot angemalten Papierschnipsel auf eine ganz bestimmte Stelle an der Ärmelkanalküste, die er zuvor mit Bleistift markiert hat, neben Bayeux. Dann küssen sie sich. Das Mädchen, Ambre, fünfzehn, das halblange goldblonde Haar über den Ohren mit zwei Schildpattspangen zurückgesteckt, setzt sich auf, helles Kleidchen, schlicht, knielang. Sie ist barfuß. Das ist Dora Belles Tochter. Rasch schiebt sie die Karte mitsamt Pappe in eine an der Unterseite des Lattenrosts befestigte Halterung.
»Ich habe unten zwei Flaschen Champagner mitgehen lassen, um das Ereignis zu feiern. Wollen wir aufs Dach?«
Jetzt setzt sich auch der Junge auf. Sechzehn, kaum älter, kastanienfarbenes Haar im Bürstenschnitt, Grübchen am Kinn, kurzärmeliges beiges Hemd, dünne braune Stoffhose. Das ist François, der Sohn von Bourseul, dem Großindustriellen und Freund von Dora Belle, der nur einen Steinwurf entfernt wohnt. Die beiden jungen Leute gehen in Ambres Bad, das an ihr Zimmer angrenzt, öffnen das Dachfenster, steigen aufs Waschbecken und sind schon auf dem grauen Zinkdach, das noch warm ist von dem sonnigen Tag. François lässt routiniert den Korken knallen und füllt die beiden Zahnputzgläser, die Ambre ihm reicht. Sie setzen sich mit dem Rücken zum Dach, die Füße auf die Regenrinne gestützt, und erheben ihre Gläser gen Westen.
François scheint in Andacht zu verfallen. »Dort vor uns sind die Amerikaner.« Und plötzlich, mit Pathos, halb aufgerichtet: »Erhebt euch schnell, ersehnte Stürme, die ihr uns emportragen sollt in die Räume eines anderen Lebens …«
Ambre lacht. »Geht’s nicht etwas schlichter?«
»Doch. Beeilt euch, Jungs, wir erwarten und wir lieben euch.«
Die Gläser klingen, die Kinder trinken. Eine Flasche. Brechen die zweite an. Und schlummern, schläfrig von der Hitze und dem Champagner, auf dem Dach Seite an Seite ein, immer noch gen Westen.
Deslauriers stellt sich zu der Gruppe von Unternehmern, die sich im ersten Salon um das Buffet drängen. Die großen Namen des Champagners neben denen der nordfranzösischen Textilindustrie, der Pariser Bankenwelt, der großen Warenhäuser, dazu die Funktionäre der Arbeitgeberverbände. Die Stimmung ist angespannt. All diese Unternehmer haben die Deutschen 1940 mit offenen Armen empfangen, fanden das mit den Protesten in den Fabriken aufräumende Naziregime lange Zeit ganz wunderbar, doch heute sind sie in Sorge. Sie sind gekommen, um zu erfahren, was es Neues gibt, woher der Wind weht. Und sich nach Möglichkeit beruhigen zu lassen. Bauer und Nosek, einer seiner Stellvertreter, haben die Gruppe in die Zange genommen. Nosek erklärt: Man habe die Landung nicht nur erwartet, sondern erhofft. Die in der Normandie sei im Übrigen nur ein Scheinangriff. »Die ernstzunehmenden Operationen werden in Nordfrankreich stattfinden, und dafür sind wir gerüstet.«
Bauer, dem die strahlenden jungen Panzersoldaten auf dem Weg ins Gefecht nicht aus dem Kopf gehen, übernimmt: »Die amerikanischen Streitkräfte werden in eine großangelegte Falle gelockt, und wir zerschmelzen sie wie Blei in einem Tiegel.« Ein Moment vergeht. Dann, aus tiefster Seele: »Die Wehrmacht ist unbesiegbar.«
Es herrscht Schweigen. Deslauriers schließt die Augen, durchlebt erneut jenen Tag im Juni 1940, als er durch das menschenleere, aufgegebene Paris lief, die heruntergelassenen Rollläden an den zahllosen Geschäften, die verrammelten Zeitungskioske, die geschlossenen Fensterläden in den oberen Etagen. So gut wie keine Autos, alle stadtauswärts auf der Flucht. Er konnte seine Schritte auf den Gehwegen hören. Die wenigen Passanten, denen er hier und da begegnete, mieden seinen Blick. Er setzte sich aufs Geländer des Pont-Neuf und sah zu, wie sich unter einem riesigen Himmel die beiden Seine-Arme vereinten, zu seiner Rechten der Louvre, dessen dunkelgraue Dächer sich über den Bäumen abzeichneten, und er betrachtete den Sonnenuntergang hinter der Glaskuppel des Grand Palais, ein festliches Spiel von Rot- und Grautönen. In jeder Faser seines Körpers eine lähmende Angst. Als er jetzt an diesen Abend zurückdenkt, steigt das Gefühl erneut in ihm hoch, ungemindert, körperlich schmerzhaft. Dann lief er durch die Nacht, Richtung Nordosten, die Strecke der Invasoren, die Rue La Fayette hinauf. Auf der Brücke über die völlig verwaisten Gleise der Gare de l’Est sah er die ersten deutschen Motorradfahrer eintreffen, die einer Paris mitten ins Herz getriebenen Lanze gleich die leicht abfallende Straße auf geradem Weg bis zur Oper hinunterjagten, gefolgt von den ersten Panzern, deren Erschütterungen er im ganzen Leib gespürt hatte. Am Morgen war die Stadt unter engmaschiger Kontrolle, besetzt. Nicht ein Schuss. Eine Stadt in Schockstarre. Keine Niederlage, eine Auslöschung, die unfassbar war. Er brauchte fast einen ganzen Monat, den er eingeschlossen in seinen leeren Nachtclub verbrachte, bis seine Lebensgeister zurückkehrten und er im deutschen Paris ein Abenteuerland erkannte, wo fortan alles möglich war. Also ist die Wehrmacht heute unbesiegbar, gegen jede Logik mag Bauer da durchaus recht haben.
In vertraulichem Ton fährt Bauer fort: »In ein paar Tagen, vielleicht auch Stunden, haben wir die Wunderwaffe, die es uns ermöglicht, die alliierten Truppen gleich auf englischem Boden zu vernichten. Und im Osten die Bolschewikenaufmärsche auszulöschen, noch während sie sich formieren.« Ein Seufzer. »Der Endkampf, aus dem das Europa von morgen hervorgehen wird, hat endlich begonnen, und natürlich werden wir ihn gewinnen.« Lächeln. »Champagner, meine Herren.«
Während Nosek sich anschickt, einigen Gästen technische Details der Wunderwaffe zu liefern, nimmt Bauer Duval beiseite, den Chef eines metallverarbeitenden Unternehmens mit 800 Arbeitern in Aubervilliers, und sagt weithin hörbar: »Gute Neuigkeiten, lieber Freund. Letzte Woche haben wir zusammen mit einer Gruppe von Geiseln die fünf kommunistischen Arbeiter Ihrer Fabrik exekutiert, deren Namen Sie uns gegeben hatten. Sie können also beruhigt sein.« Ein Moment vergeht. »Der Exekutionsbericht wird im Lauf der Woche in Aubervilliers ausgehängt. Und Ihre Rolle in dieser Angelegenheit wird natürlich hervorgehoben werden.« Lächeln. »Wir sind nicht undankbar.«
Duval, dem plötzlich unwohl ist, geht in den angrenzenden Salon und setzt sich.
Dora lehnt sich an den Flügel, räuspert sich. Sie ist von sehr eigentümlicher Schönheit. Ihr Gesicht ist unebenmäßig. Breite Stirn, riesige, weit auseinanderstehende Augen von einem strahlenden, einheitlichen Blau, deren Härte sie durch das Spiel ihrer Wimpern und Brauen mildert, markante Wangenknochen, eine nicht ganz zierliche leichte Stupsnase über einem Mund, der die gesamte untere Partie des eher schmalen Gesichts einnimmt. Sie vermag jedem Mann das Gefühl zu geben, dass sie sich allein an ihn wendet. Anmutig zu dem jungen Pianisten geneigt, der sie begleitet, singt sie jetzt in traulichem Ton, richtig zwar, aber mit dünner Stimme: »Douce France, cher pays de mon enfance …«
Domecq geht an Deslauriers vorbei, zwei Champagnergläser in der einen Hand und einen Teller mit Gänseleber in der anderen. Deslauriers nimmt ihn am Arm.
»Haben Sie, der Sie schon ewig ihr Freund sind, das geliebte Land ihrer Kindheit gekannt?«
Domecq lächelt. »Wir haben in La Plaine-Saint-Denis gelebt, und dem idyllischen Namen zum Trotz gab es dort weder einen Kirchturm noch grünes Gras, Bäume oder Vögelchen. Dafür jede Menge Armut.«
»Sagen Sie ihr, sie soll diesen Unfug lassen.«
»Bauer mag das.«
»Ein Grund mehr. Na, wer kommt denn da …« Raubtiergrinsen. »Polizeipräfekt Bussière höchstselbst. Er will wissen, was es Neues gibt. Kennen Sie ihn?«
»Nein, nicht persönlich. Ich bin nur ein ganz kleiner Inspektor.«
»Ich werde mir ein kleines Späßchen erlauben.« Er zieht ihn am Ellenbogen mit sich und stellt sich Bussière in den Weg. »Herr Präfekt, gestatten Sie, dass ich Ihnen Inspecteur Domecq vorstelle.«
Domecq jongliert mit Teller und Gläsern, um eine Hand freizubekommen. Bussière, sichtlich verärgert, an einem solchen Ort einen kleinen Polizisten aus seiner Behörde zu treffen, macht ein verkniffenes Gesicht, neigt den Kopf leicht zur Seite und stürmt ohne anzuhalten auf eine Gruppe zu, die sich um Knochen drängt, die Nummer zwei der SS in Frankreich.
Deslauriers frohlockt. »Unhöflich ist dieser Saukerl … Eilen Sie, mein Lieber. Die reizende Dora wird noch verdursten.«
Suzy Solidor, eine hochgewachsene Erscheinung mit Garçonne-Frisur in einem Etuikleid aus violetter Seide, hat Dora abgelöst und singt auf Deutsch Lili Marleen. Diese raue, dunkle Stimme ist der Wahnsinn, denkt Deslauriers, tief ergriffen wie jedes Mal, wenn er sie hört. Erinnerung an ihre Konzerte im Perroquet bleu, das gehobene Bürgertum vergötterte sie, wenn sie ihre Javas sang. Bauer ist verstummt und lauscht ihr mit geschlossenen Augen. Aber im Bett taugt die Solidor wie alle Lesben wenig, dem Vergleich mit Dora hält sie nicht stand.
Brinon, der Repräsentant der französischen Regierung, stürmt herein. Ein Blick in die Runde, dann eilt er grußlos zu dem Fenster, wo Abetz, Knochen und Bussière mit konzentrierter Miene über die Aufrechterhaltung der Ordnung sprechen.
Deslauriers erspäht den Alkoholhändler Anselme, ein alter Komplize, der allein in einer Ecke sitzt und in Ruhe einen Cognac trinkt. Er zieht einen Sessel neben ihn und setzt sich. Der andere hebt zur Begrüßung sein Glas.
»Sehr guter Cognac. Keine Ahnung, wo Dora ihn herhat. Ich habe ihn ihr nicht verkauft.«
»So allein?«
»Doras hysterische kleine Höflinge töten mir den letzten Nerv, und die offizielle Ansprache deines Chefs ödet mich an. Ich glaube nicht mehr daran. Du vielleicht?«
»Paul, ich möchte dir ein hübsches Geschäft vorschlagen, plusminus zwanzig Millionen für uns zwei, abzüglich der Unkosten.«
»Just heute habe ich den Laden dichtgemacht, René. Alle meine Jungs entlassen, meine Lager geschlossen, und in zwei Tagen reise ich ab nach Monaco. Jetzt stehe ich, oder besser gesagt stehen wir, weil du an einem Gutteil der Geschäfte beteiligt bist, vor dem Problem, dass das Geld gewaschen werden muss. Man darf es nicht mehr riechen, sehen, schmecken. Dazu brauche ich etwas Zeit. Und ich hoffe, die Wehrmacht verschafft mir genug. In dem Punkt habe ich allerdings ziemliches Vertrauen in sie. Sind schon gute Jungs, diese deutschen Soldaten.«
Deslauriers angelt sich einen Stumpen, zündet ihn an, nimmt den ersten tiefen Zug, atmet aus, das beruhigt, beugt sich dann zu Anselme. »In zwei Tagen, sagst du. Mehr brauche ich nicht.«
In einer Ecke hat sich eine Pokerrunde gebildet, mit Greven und Clouzot, der Einsatz ist also sehr hoch. Knochen hat sich zwischen Jean Luchaire – den kleinen Journalisten, der sich in einer solchen Partie, denkt Bauer, nicht lange halten wird – und Bussière gesetzt. Interessant, ihm zuzusehen, Spiel und Mensch sind eins. Bauer tritt näher und stellt sich hinter ihn. Bourseul gesellt sich zu ihm, sehr aufrechte Erscheinung, schmal, elegant in seinem dunklen Anzug, Pomade im Haar, gepflegter kleiner Oberlippenbart, Lächeln auf den Lippen. In vier Jahren Besatzung ist er der vermögendste Textilfabrikant Nordfrankreichs geworden. Über die gemeinsam getätigten Geschäfte hinaus – Aufträge des deutschen Militärs, Übernahme jüdischer Unternehmen – sind die beiden Männer Freunde, haben viele gemeinsame Abende in den Pariser Luxusbordellen verbracht, und Bourseul informiert Bauer zuverlässig über die tatsächliche Lage der französischen Unternehmen. Bauer zieht ihn beiseite.
»Ich habe einen amerikanischen Nachrichtenoffizier festgenommen.« Er hält einen Moment inne. Bourseul zeigt keine Reaktion. »Er sagt, einige deiner Freunde hätten bereits Kontakt zum amerikanischen Generalstab aufgenommen.«
»Derzeit wird viel geredet.«
Bauer versteht: Du bist nicht Herr der Lage.
Bauer versteht: Ich schulde dir nichts. Und bebt vor Zorn.
»Erinnere deine Freunde daran, dass sie an zwei Wahrheiten nicht vorbeikommen, Maurice: In dieser Stadt liegt die Macht über Leben und Tod, vor allem den Tod, immer noch bei mir. Und sollten die Amerikaner siegen, werden nicht sie das Sagen haben. Sollten wir abziehen, werden die Kommunisten die Macht übernehmen.«
Bourseul registriert die verzerrten Mundwinkel, den beinahe irren Blick. Schließt für einen Moment die Augen. »Wollen wir uns morgen treffen? Mir reicht’s für heute Abend. Wir hatten alle einen vollen Tag.«
Im hinteren Salon tanzen einige Paare zur Klaviermusik. Die Sperrstunde naht. Die Salons leeren sich allmählich, als Galey, der Filmbeauftragte der Regierung, aufgeregt und voller Mitteilungsdrang hereinschneit. Er eilt auf Dora zu, beide sind schnell umringt.
»Ich komme gerade aus Vichy …« Ein Raunen. »Wir sollten dem Marschall Carmen vorführen. Heute in aller Frühe sind wir mit dem Wagen aufgebrochen. Um zehn machen wir Halt bei einem Landgasthof und hören dort von der Landung der Engländer und Amerikaner. Ich wollte nach Paris zurück, in Vichy wird jetzt alles in Aufruhr sein, die haben jetzt anderes im Kopf als eine Filmvorführung, bringt doch nichts, die ganze Reise umsonst zu machen. Aber Christian-Jaque besteht darauf, wir kommen also nach Vichy, und dort ist alles vollkommen ruhig. Die Leute scheinen der Ansicht zu sein, dass die Landung vermutlich eine Falschmeldung ist, oder aber eine Nachricht ohne Belang. Oder jedenfalls nicht so sehr von Belang wie die Vorpremiere von Carmen. Die Vorführung fand im Beisein des Marschalls statt …«
»Hat es ihm gefallen?«
»Er hat die ganze Zeit geschlafen, und es hat ihm sehr gefallen.« Gelächter. »Ich wollte, dass Sie es als Erste erfahren.«
Der Kreis löst sich auf. Greven und Clouzot steigen, begleitet von einem Dutzend Mädchen, zur unterhalb der Salons im Gartengeschoss errichteten Orangerie hinab. Inmitten der Bäumchen und Blumen stehen, durch Paravents voneinander abgetrennt oder auch nicht, Betten für jene bereit, die zur Sperrstunde nicht den Heimweg antreten möchten. Dieser nächtliche Ausklang, bei dem potenzielle Filmsternchen für Stimmung sorgen, steht für gewöhnlich hoch im Kurs. Heute Abend ist die Zahl der Gäste rückläufig. Alle gehen heim, um den englischen Sender zu hören, sagt Jocelyne Gaël, eine Schauspielerin, die sich auf zahlreiche Liebschaften mit Gestapomännern eingelassen hat, halblaut und mit verstecktem Lächeln.
Deslauriers legt Geneviève Fath, die zusammen mit ihrem Mann gerade aufbrechen will, die Hand auf die Schulter. »Lass ihn allein nach Hause gehen. Treib ein weiteres Mädchen für mich auf und kommt dann beide zu mir runter.«
Galey nimmt Dora beiseite. »Ich brauche Sie, Dora. Ich habe große Mühe, den Film in Paris auf die Leinwand zu bringen. Er wurde von den Italienern finanziert, die bei der deutschen Zensur nicht mehr gut angeschrieben sind. Wenn Sie mir Ihre Anwesenheit bei der Premiere zusagen könnten«, Blick zu Bauer, »Sie verstehen, würde mir das helfen, meine Genehmigung zu bekommen …«
»Aber sicher. Sie können ganz auf mich zählen.«
3
Freitag, 9. Juni
Die Alliierten haben zwei künstliche Häfen errichtet, eine Pipeline durch den Ärmelkanal gelegt, die Stadt Bayeux genommen und einen 50 Kilometer langen Landstreifen erobert, der 10 bis 15 Kilometer weit ins Landesinnere reicht. Die deutschen Truppen leisten überall sehr starken Widerstand, insbesondere in der Gegend um Caen. Die für den ersten Landungstag gesteckten Ziele sind immer noch nicht erreicht.
Von den für den Tag der Landung geplanten 1050 Sabotageakten (Telefonleitungen, Eisenbahnschienen, Brücken usw.) hat der innerfranzösische Widerstand 950 ausgeführt. Sabotageakte und Bombardierungen behindern das Vorankommen deutscher Truppen- und Munitionstransporte erheblich. Die 11. Panzerdivision, die innerhalb von acht Tagen von der Ostfront nach Straßburg verlegt wurde, wird 23 Tage brauchen, um die Normandiefront zu erreichen. Die SS-Panzerdivision »Das Reich« benötigt 17 Tage, um aus dem Raum Toulouse an die Normandiefront zu gelangen.
Loiseau sitzt in kurzärmeligem Hemd und Drillichhose zwischen zwei Sträuchern auf der grasbewachsenen Böschung. Er beißt auf seiner Lippe herum, bis sie blutet. Die Nacht ist mild. Zu seinen Füßen laufen zwei schmal zwischen den Hochebenen liegende Täler zusammen. An jedem der Talflüsse verläuft eine Straße, und wo sie sich treffen, ist ein Dorf. Kaum fünfzig Bauernhäuser, weißer Stein und schräge Ziegeldächer, reihen sich mitsamt ihren rückwärtigen Gärten entlang der Straße. In dem Garten, der ihm am nächsten ist, erkennt Loiseau deutlich Bohnenstangen, ein Tomatenbeet, ein Dutzend Obstbäume. Der Geschmack von mittags in praller Sonne vom Baum gepflückten Kirschen steigt ihm in den Mund. Er bekommt eine Erektion. Reibt sich die Augen, die Wangen, wie um wach zu werden. Tief in den Tälern ist es finster und still. Morandot und Martin werden von Norden und Nordwesten her kommen, auf den Straßen von Méru und Gisors. Und Genet von Süden her, auf der Straße von Paris. Genet, der kleine Neue, der diesen Vollidioten Falicon ersetzt, lebloser Haufen vor dem mit Schnitzereien verzierten Schreibtisch. Deslauriers … Trockene Kehle. Hinter ihm auf der Hochebene schreit ein Nachtvogel. Er steht auf. Zieht seine Hose zurecht, um Platz zu schaffen für seinen zusammengedrückten Sack, sein erigiertes Glied. Vertritt sich die Beine. Feuchte Hände. Blickt auf die Uhr. Zwei Minuten vor Mitternacht. Im Norden wird eine Fackel entzündet, eine weitere im Süden. Jetzt.
Mit festem Schritt stürmt Loiseau den Hang hinab, auf den runden Dorfplatz zu, wo die Straßen sich treffen und das Kriegerdenkmal steht, auf der einen Seite das Rathaus, auf der anderen die Schule. Loiseau hat sich die Schule ausbedungen.
Bewaffnete Männer holen eilig die Bewohner aus ihren Häusern, mit Fußtritten, Kolbenhieben, Schüssen, und treiben sie unter strenger Bewachung auf den Dorfplatz. Kaum Schreie, kein Aufbegehren, panisches Entsetzen.
Loiseau ist durch den Klassenraum im Erdgeschoss in die Schule eingedrungen, ordentlich aufgeräumt, schwarze Tafel. Er steigt mit der Pistole in der Hand in großen Sätzen etwas kurzatmig in den ersten Stock, trifft oben an der Treppe auf einen Mann im Schlafanzug, erschießt ihn, läuft ins Schlafzimmer, eine Frauengestalt sitzt auf dem Bett, weit aufgerissene Augen, offener Mund, stumm, reglos, wirft sich auf sie, schlägt sie mit einem Kolbenhieb bewusstlos, presst ihr mit einem Arm das Kopfkissen aufs Gesicht, öffnet mit der anderen Hand hastig den Reißverschluss seiner Hose und kommt, noch während er in sie eindringt. Im Nebenzimmer weint ein Baby, unerträgliches Geschrei. Verstört bringt Loiseau seine Kleider in Ordnung, packt das Baby am Bein und schleudert es aus dem Fenster, das Geschrei hört auf. Jetzt fühlt er sich klarer im Kopf. Steigt in den Keller hinab, macht Licht. Eine Reihe Benzinkanister, wie von Morandot angekündigt. Er verteilt die Kanister, kippt sie aus, wickelt Zündschnur ab bis hoch ins Erdgeschoss, steckt sie an, kehrt dann zu den gefangenen Dorfbewohnern und ihren Bewachern auf den Platz zurück.
Morandot führt die Gruppe der Möbelpacker an, die von Méru her kommt, gefolgt von zwei Planenlastwagen. Er zeigt zuerst auf das Haus von Lanternier, dem stellvertretenden Bürgermeister, praktisch ein Analphabet und Besitzer der größten Herde im Dorf, und lotst seine Männer direkt zum Keller. Hinter einer von leeren Lattenkisten verdeckten Tür die in Fässern gelagerten Buttervorräte, Kanister mit Milch, Käselaibe in Regalen. Binnen Minuten ist alles in die Lastwagen verladen. Oben im Haus schleppen die Männer Leinenwäsche weg, kippen Schubladen aus, lassen ein paar edle Tropfen mitgehen. Man kann sich nicht lange aufhalten. Schon dirigiert Morandot sie zum Haus der alten Blanchot, das kleinste im Dorf, ganz mit wildem Wein bewachsen. Er hat den Hühnerstall entdeckt, rund dreißig Hühner, die geköpft werden wollen, im Halbdunkel, inmitten von Federn und schrillem Gegacker. Die Männer lachen und drängen mit hochgekrempelten Ärmeln heran, Kindheitserinnerungen werden wach. Und in der Anrichte im Esszimmer stehen etwa fünfzig Flaschen Obstler, die in Paris ein Vermögen wert sind. Dann das Haus von Vauvert und das der Petitots. Die Laster immer hinterher.
Schließlich gelangt Morandots Kolonne auf den Dorfplatz, wo sie sich mit der von Martin zusammenschließt, die die Straße von Gisors heruntergekommen ist. Als die auf dem Platz zusammengepferchte kleine Schar in Schlafanzügen und Nachthemden sie eintreffen sieht, macht sich Unruhe breit. Die beiden da kennen wir doch. Den einen mit den schwarzen Knopfaugen, den muskelbepackten Armen, den kräftigen Arbeiterhänden, und den anderen, etwas rundlich, beginnende Glatze, rötlicher Schnauzer, ein netter Kerl, etwas einfältig, beide angeblich Arbeiter in einer Metallfabrik in Aubervilliers, kamen zwecks kleiner Schiebergeschäfte hergeradelt, um ihre Werkskantine mit Lebensmitteln zu versorgen, zweitägige Geheimverhandlungen, hier ein Gläschen, da ein Gläschen. Und jetzt Gestapo, sagt einer der Dorfbewohner, der die Ausweise an den Windschutzscheiben der Lkws erkannt hat. Waren bloß als Maquisards verkleidet, bestätigt die alte Blanchot. Ruhe, brüllt einer der Bewaffneten und feuert eine Salve in die Luft.
Jetzt trifft auch der dritte Trupp ein. Loiseau steht auf den Stufen des Rathauses und überwacht das Ganze. Die Operation ist beendet. Die Lastwagen ordnen sich zu Kolonnen, Fahrtrichtung Paris. In der brennenden Schule kommt es zur Explosion, die Flammen schlagen tosend bis zum Dach empor. Die Männer drängen in die Lastwagen. Die drei Truppführer geben ihnen Deckung, indem sie ihre Maschinenpistolen auf die Menge richten, die grollt und zittert. Morandot eröffnet das Feuer, Martin, gegen ein Lkw-Rad gelehnt, die Hand um den Kolben der Waffe geklammert, betrachtet die Szene, schießt aber nicht. Hat noch nie getötet. Eiskalt die MP in seiner feuchten Hand. Gebannt sieht er zu. Die Kugeln bohren sich in die Menge, die Wucht der Einschläge spritzt sie auseinander. Menschen rennen auf die Häuser zu, Körper brechen im Zeitlupentempo zusammen, in zu Einzelbildern aufgelösten Bewegungen. Schreie, tosendes Feuer, durchsetzt mit dem Lärm der MP-Salven. Dann gleitet seine Hand zum Abzug, drückt ab. Zu voller Größe aufgerichtet und breitbeinig hat er die ruckende Waffe im Griff, auf den Lippen ein unbestimmtes Lächeln, erleichtert, befreit. Oben im Dorf bricht ein zweiter Brand aus. Morandot und Martin hören auf zu schießen und springen in die anfahrenden Lkws. Beim Verlassen des Dorfs nimmt ein Mann, der eben den ersten Schluck aus einer Flasche der alten Blanchot getrunken hat, das Ortsschild unter Beschuss: Mortemart.
Als Loiseau bei Deslauriers erscheint, ist er gewaschen, umgezogen und sorgfältig gekämmt. Er wirkt fast entspannt, und das ist selten.
»Wie das Dorf heißt, wussten wir nicht, aber anhand der Angaben von Hauptsturmführer Bauer haben wir die Organisation, die die Fallschirmspringer aus England und ihre Ausrüstung in Empfang genommen hat, identifiziert und zerschlagen.«
Schweigen. Ende des Berichts? Deslauriers, ans Fenster gelehnt, lächelt. »Kann ich ein bisschen mehr erfahren?«
»Das Gebiet, das Hauptsturmführer Bauer im Visier hatte, war der südliche Vexin français.« Deslauriers nickt. »Wir haben die Hochebenen abgesucht und ziemlich schnell ein Fallschirmabsprunggelände entdeckt. Daraufhin haben wir unter dem Vorwand von Schwarzmarktgeschäften Agenten in die drei nächstgelegenen Dörfer eingeschleust. Und dank der Schwatzhaftigkeit einiger Personen haben wir die Namen der Anführer der Organisation erfahren.«
»All das in zwei Tagen?«
Gelassen: »Es war das Lehrerehepaar im Dorf Mortemart.« Er hält einen Moment inne. Deslauriers verdreht die Augen, Loiseau, aus dem Dienst entfernter Grundschullehrer, hat auf ewig eine Rechnung mit seinem Berufsstand offen, aber er sagt nichts. »Also haben wir letzte Nacht eine Razzia in dem Dorf veranstaltet. Bei den Lehrern fanden wir die Signallichter, englische Zigaretten und ein Radiofunkgerät. Wir haben das Ehepaar vor den Augen des gesamten Dorfes erschossen, und ihr Haus wurde niedergebrannt. Die Informationen von Hauptsturmführer Bauer haben sich bestätigt, und das ist ein Sieg über die Terroristen, den errungen zu haben wir stolz sind.«
»Hast du deinen Bericht auswendig gelernt?«
Loiseau, merkwürdig ruhig und selbstsicher, streichelt mit den Fingerspitzen die Brust einer der Schreibtischkaryatiden und antwortet nicht.
Deslauriers blickt zur Straße hinaus. Sonne, Ruhe. Ein Satz will ihm nicht aus dem Kopf: Ich glaube kein Wort, und ich pfeif drauf. Ich glaube kein Wort, und ich pfeif drauf.
Bauer wird entzückt sein. Er kann weiter mit seinem Amerikaner spielen, und mehr verlangt er nicht. Dann: Dieser Frühling ist der schönste, den ich in Paris erlebt habe … Stopp. Dreht sich um.
»Sehr gut. Ich werde deinen Bericht noch etwas ausschmücken und ihn dann an Hauptsturmführer Bauer weiterleiten, der hochzufrieden sein wird. Mach mir eine Liste der Männer, die bei der Expedition dabei waren, ich sorge dafür, dass sie bezahlt werden.«
Gegen Mittag geht Domecq ins Capucin in der Rue Blanche. Die Bar ist noch geschlossen, und im Keller ist man mit Saubermachen beschäftigt. Der Wirt steht hinter der Theke und ist dabei, seine Flaschen zu zählen und die Kasse zu kontrollieren.
»Tag, Inspecteur. Was darf ’s sein?«
»Kaffee, danke.«
»Doch wohl mit einem Schuss Cognac …«
»Von mir aus auch mit Cognac.«
»Ich trink einen mit, aber ohne Kaffee.«
Der Wirt unterbricht das Schweigen nicht, trinkt in kleinen Schlucken und wirft hin und wieder einen Blick zu Domecq, der nicht von seiner Tasse aufsieht. Dann: »Angélique ist nicht mehr hier.« Domecq zeigt keine Reaktion. »Letzten Sonntag war Deslauriers da und hat Falicons Mädchen abgeholt, Angélique und Rose. Kein Wort der Erklärung, keine Entschädigung. Und ich sitze in der Scheiße, wenn die Kunden kommen.« Beugt sich zu Domecq, halb spöttisch: »Wenn du zum Schuss kommen willst, musst du noch mal wiederkommen, Inspecteur.«
Das Wetter ist sehr schön, schon ein wenig heiß. Der Tisch ist im Sommer-Esszimmer im Gartengeschoss gedeckt, die Türen zu Terrasse und Garten stehen weit offen. Ein runder Tisch, weißes Tischtuch, drei Gedecke, rot-weißes Porzellangeschirr, Kristallgläser, Silberbesteck. In der Mitte ein Strauß roter und weißer Orchideen. Auf der Anrichte steht unter schützenden Glasglocken ein kaltes Mahl für drei Personen bereit. Im Garten betätigt sich Dora Belle im Schatten einer Linde. Mit Gummihandschuhen und einer großen Gartenschere gerüstet, schneidet sie hier und da eine verwelkte Rose ab, liest ein paar vertrocknete Blätter auf. Sie ist ganz in Weiß, trägt eine Bluse, die einen großen Teil der Schultern unbedeckt lässt, eine weite Leinenhose, flache Sandalen und auf dem Haar einen großen Strohhut.
Im Erdgeschoss klingelt es. Dora entledigt sich des Huts und der Gartenhandschuhe, legt alles in der Orangerie ab, aus der die Betten wieder entfernt sind, mit der sie beim Fest am 6. Juni vollgestellt war, und geht hinauf, um ihren Gast Pierre Laval zu empfangen. Dora kennt ihn seit langem. Vor dem Krieg war er Stammkunde im Perroquet bleu, und sie mochte ihn nicht. Er hielt sich stets viel auf seine Eleganz zugute, aber Dora fand ihn immer vulgär in seinen Anzügen mit den gepolsterten Schultern, den weißen Hemden und weißen Krawatten, gedrungene Gestalt und verschlagenes Lächeln. Doch sie geht mit einem professionellen Strahlen auf ihn zu. Er küsst ihre Hand.
»Herr Präsident, es ist mir eine Ehre, Sie hier zu empfangen …«
»Gnädige Frau, ich bin es, der sich geehrt fühlen darf, eine große Schauspielerin wie Sie zu begrüßen.« Sie nimmt ihm Hut, Stock und Handschuhe ab. »Sie wissen, welch großes Interesse ich unserem Film entgegenbringe.« Sie geleitet ihn zur Treppe. »Und folglich Ihnen, deren glühender Bewunderer ich bin.« Sie führt ihn hinunter ins Esszimmer. »Wann haben wir das Vergnügen, Sie wieder in unseren Kinos zu sehen?«
»Ich drehe zurzeit nicht. Es herrscht eine gewisse Flaute … Champagner, Herr Präsident?«
»Gern.«
Dora füllt zwei Gläser. Sie gehen ein paar Schritte im Garten, Dora spricht über ihre Blumen. Erneutes Klingeln. Deslauriers, der wie immer gelangweilt wirkt. Laval und er geben sich reserviert die Hand. Dora lässt sie allein auf der Terrasse stehen, nebeneinander, dem Garten zugewandt, und macht sich im Esszimmer zu schaffen, überprüft den gedeckten Tisch, füllt das Wasser in den Vasen auf, richtet eine Blume. Hin und wieder wirft sie einen Blick zu den beiden Männern, Deslauriers, groß, breit, aufrecht, und der kleinere Laval, leicht gebeugt, vorgereckter Kopf.
»Vor zwei oder drei Tagen wurde Monsieur Benezet verhaftet.« Deslauriers verzieht keine Miene. »Einer meiner allerbesten Freunde.« Immer noch keine Reaktion. »Ich bin hier, um Sie zu bitten, Ihr Möglichstes zu tun, damit er freigelassen wird.«
»Warum wenden Sie sich an mich? Wir kennen uns doch kaum …«
»Bei den französischen Polizeibehörden weiß niemand, wo er gefangen gehalten wird.« Ein Moment vergeht. »Ich habe Henri Lafont davon erzählt …«
Rückblende: Laval und Lafont, der Regierungschef und der Gestapomann, essen gemeinsam, duzen sich, sind dicke Freunde, Spießgesellen, Komplizen. Eine Falle?
»Der Lafont, mit dem Sie befreundet sind.«
»Genau. Und er hat mir geraten, Sie aufzusuchen. Er meint, nur Sie wüssten, wo sich Benezet befindet. Ich bin zu einem Handel bereit.«
Konstatiere: Der große Lafont, der glaubte, über Paris zu herrschen, hat die Lage immer weniger im Griff. War klug, Benezet vorsorglich unter falschem Namen einzusperren. Jetzt, mit Loiseaus Bericht, hat Bauer freie Hand. Du wirst zahlen, du armseliges Würstchen.
»Fünf Millionen.«
Laval zuckt zusammen. »Das ist eine … enorme Summe. Ich dachte, dass unter Franzosen …«
Deslauriers, nunmehr belustigt: »Mal im Ernst, Herr Präsident. Ihr Freund hat einen amerikanischen Offizier in seiner Wohnung versteckt. Das ist in Zeiten wie diesen sehr kompromittierend. Ich habe Hauptsturmführer Bauer nichts davon gesagt, was Ihrem Freund vermutlich das Leben gerettet hat. Ihnen liegt an ihm. Und ich kann mir ziemlich gut vorstellen, warum. Amerikaner stehen dieser Tage hoch im Kurs.« Eine Pause. »Aber natürlich nicht bei Hauptsturmführer Bauer.« Erneute Pause. »Kurz: Fünf Millionen, und Sie bekommen ihn von mir in aller Diskretion zurück. Wenn nicht, übergebe ich ihn Bauer.«
Laval macht ein paar Schritte in den Garten, schleudert sein Champagnerglas in ein Blumenbeet, kehrt in Richtung Deslauriers zurück und stößt im Vorbeigehen hervor: »Morgen haben Sie das Geld.« Dann betritt er das Esszimmer. »Ich kann unmöglich bleiben, gnädige Frau … Meine Tage in Paris sind derart ausgefüllt … Nehmen Sie es mir nicht übel …«
Dora schenkt ihm ein breites Lächeln und geleitet ihn ins Erdgeschoss zur Tür. Geht wieder hinunter. Deslauriers steht immer noch reglos auf der Terrasse.
»Den wären wir los.«
»Ich verschwinde auch, Dora. Für ein Tête-à-tête bist du mir eine zu gefährliche Frau.«
Dora hat sich nicht umgezogen. Sie hat sich lediglich eine sehr weitmaschige Baumwollstrickjacke über die Schultern geworfen. Im Boudoir im ersten Stock, ein ganz in Rosa und Weiß gehaltenes Schmuckkästchen, Louis-XV-Sessel und Klavier, spielt sie mit Domecq Dame. Dessen klarer blauer Blick unter den dichten schwarzen Brauen fixiert das Spielbrett, dann Doras Gesicht, als entschlüssele er dort seine Strategie. Vergeblich. Das zur Straße hin gelegene Fenster ist geöffnet, der späte Nachmittag ist drückend heiß, und die Tür des kleinen Boudoirs, die zur Treppe und zum Flur führt, steht ebenfalls offen, um Durchzug zu machen.
Neben dem Spielbrett eine Flasche Champagner und zwei halbvolle Gläser sowie ein Tablett mit Petits Fours, vor Zucker blitzenden Fruits déguisés, Makronen, Törtchen, bei denen Domecq munter zulangt.
»Der Konditor vom Ritz lässt sie mir bringen. Vermutlich, um sich Bauer warmzuhalten, als hätte ich irgendwelchen Einfluss auf ihn.« Im Takt ihrer Worte putzt sie in einem vernichtenden Spielzug alle Domecq noch verbliebenen Steine weg und lacht. »Drei Partien zu null, Fortschritte machst du keine.«
Domecq steht auf, Hemd und Hose khakibraun, ziemlich zerknittert, reckt und streckt sich. Sie betrachtet ihn erstaunt.
»Wie stellst du es an, bei dem, was du verdrückst, so schlank zu bleiben?«
Domecq muss laut lachen. »Ganz einfach, wie jeder hier in der Stadt komme ich vor Hunger fast um, wenn ich mich nicht gerade bei dir vollstopfe.«
»Laval war heute zum Mittagessen hier.« Der vor ihr stehende Domecq stockt in seiner Bewegung. Sie nimmt eine Zwetschge mit Marzipanfüllung, beißt langsam hinein, leckt sich die Fingerspitzen. Kostet diesen Moment aus, in dem sie ihn in der Hand hat. Und er lässt sie das Tempo bestimmen, den Augenblick genießen, das ist seine Art, sie zu achten. »Er wird René fünf Millionen zahlen, um einen gewissen Benezet freizubekommen, ein Freund von ihm, der verhaftet wurde, weil er einen amerikanischen Offizier bei sich einquartiert hatte.« Unschlüssig, dann Erdbeertörtchen. »Benezet, das sagt mir irgendwie was. Er muss vor dem Krieg häufiger im Perroquet bleu gewesen sein.«
Auf der Straße Schreie, Tumult. Domecq tritt ans Fenster. Auf dem Gehweg eine Gruppe von vier Männern, die einen sich heftig zur Wehr setzenden Mann in Handschellen und mit blutverschmiertem Gesicht prügeln, schleppen, mit sich schleifen. Ein letzter Revolverhieb schlägt ihn bewusstlos, und die Gruppe verschwindet eilig ein paar Häuser weiter im Eingang von Nummer 3a an der Place des États-Unis.
Domecq wendet sich wieder Dora zu. »Stört es dich nicht, so dicht bei Lafonts Gefängniszellen zu wohnen und regelmäßig zu sehen, wie unter deinen Fenstern Menschen in den sicheren Tod gehen?«
Dora steht auf, schließt das Fenster. Das Spiel der weiten Baumwollmaschen auf ihren Schultern, ihren Armen, der Schattenwurf auf ihrer Haut, perlrosa, perlgrau.
»Manchmal verstehe ich dich nicht.« Die weit geöffneten emailleblauen Augen wirken riesig in ihrem Gesicht, nehmen ihm das Runde, machen die Züge hart. »Findest du deine Bemerkung in diesem Haus nicht deplatziert? Und unnötig aggressiv mir gegenüber?«
Die Haustür fällt ins Schloss, Fußtrappeln auf der Treppe, Ambre in der Uniform der Klosterschülerin des Couvent des Oiseaux, marineblauer Plisseerock, hellblaue Hemdbluse, weiße Kniestrümpfe, bleibt auf der Schwelle zum Boudoir ruckartig stehen. Schön. In gewisser Weise das Abbild ihrer Mutter. Das goldene Haar, die riesigen tiefblauen Augen, die markanten Wangenknochen, das dreieckige Gesicht. Der unbekannte Vater hat nicht viele Spuren hinterlassen. Aber ihre Züge sind feiner, ebenmäßiger als Doras, die Nase gerade, der Mund unauffällig, das Gesamtbild deutlich kühler. Er liegt genau darin, Doras unumschränkter Charme, in der Summe ihrer unvollkommenen kleinen Asymmetrien und anrührenden Rundungen.
»Sieh an, der neue Liebhaber meiner Mutter. Wenigstens ist der da Franzose. Bulle, aber Franzose.«
Sie verschwindet in den Flur, und man hört ihre Zimmertür knallen. Dora nimmt es wortlos hin, steht da, rührt sich nicht. Dann: »Urteile nicht schlecht über sie. Es ist nicht leicht, die Tochter einer ehemaligen Hure zu sein.«
Noch weniger leicht ist es, wenn die ehemalige Hure ein neues Leben beginnt, indem sie die offizielle Mätresse eines Pariser SS-Führers wird. Aber das kann ich ihr nicht sagen.
Domecq fühlt sich hoffnungslos allein.
Langer Marsch durch Paris, um das Unbehagen loszuwerden, das sein Nachmittag mit Dora und die kurze Begegnung mit ihrer Tochter hinterlassen haben. Außerdem muss er die Zeit herumbringen. Läuft hinunter zur Place de l’Alma, dann gemächlich am Ufer entlang. Die Atmosphäre in der Stadt wandelt sich kaum merklich. Unverändert das schöne Wetter und die augenscheinliche Unbekümmertheit all der Menschen, die hin und her laufen, als wären sie sehr beschäftigt. Aber die Männer und die Lkws der Wehrmacht, die auf dem Platz vor dem Invalidendom Halt gemacht haben, kehren vielleicht gerade von der Normandiefront zurück, sie wirken verbraucht. Der Krieg rückt näher. Erste Risse im Erscheinungsbild der Sieger. Ein Stück weiter, nahe der Place de la Concorde, immer noch unvermindert viele Straßensperren, bewaffnete Soldaten, Hakenkreuzfahnen. Aber weniger, deutlich weniger Touristen in Uniform.
Um kurz vor 18 Uhr erreicht er das Inspektorenzimmer des Sittendezernats. Ein relativ langgezogener, nicht sehr hoher Raum, dessen Fenster auf einen Innenhof gehen und fahles Licht spenden. Die Farbe an den Wänden ist schmutzig und grau, die Schreibtische stehen dicht gedrängt und etwas planlos im Raum, und nur im Slalom gelangt man ganz nach hinten zu den beiden Milchglastüren der Büros vom Chef und seinem Stellvertreter. Hinter diesen Scheiben ist immer Licht, aber wenig Leben, und man weiß nie, ob der Chef da ist oder nicht. Das Inspektorenzimmer betritt er ziemlich selten.
Auf den nicht eben vollen Schreibtischen keine zwei gleichen Lampen und dahinter altersschwache Stühle. Heute sind nur wenig Leute da. Ein paar vereinzelte Inspektoren arbeiten an einem Bericht, lesen Zeitung, unterhalten sich. Bordelle, Nachtclubs, Glücksspiel, Drogen, Prostitution, alles in Händen der französischen Gestapo unter Aufsicht von Lafont, und das Leben im Sittendezernat spielt sich in einer höchst eigentümlichen Atmosphäre ab, eine Art Konservierungskammer für Tätigkeiten und Gebräuche aus der Zeit, in der das Dezernat tatsächlich eine Funktion hatte.
Domecq setzt sich an seinen Schreibtisch etwa in der Raummitte und macht sich an einen Bericht über den Vorabend im Bagatelle. Bereits seit Tagen kursierte das Gerücht, dass dort im Lauf des Abends eine Lieferung Kokain eintreffen würde. Folglich war der Nachtclub schon um 21 Uhr gerammelt voll. Die übliche Pariser Schickeria …
Blickt auf. Nur noch zwei Inspektoren im Raum. Die anderen sind wohl einen trinken gegangen, übungshalber, bevor sie reihum die Nachtclubs und Bordelle abklappern, die sie überwachen sollen. Doch diese zwei scheinen sich hier einnisten zu wollen. Also muss er sich weiter beschäftigen.
Vertieft sich wieder in seinen Bericht, listet auf: Sacha Guitry, Cocteau, Jean Marais, Serge Lifar, Drieu … Schreibt dann weiter: Um zehn Uhr abends betreten Villaplana und Clavié, zwei von Lafonts Männern, das Bagatelle. Marthe Richard, die sich ebenfalls in der kleinen Schar tummelt, erkennt in Villaplana den ehemaligen Torwart der französischen Fußballnationalmannschaft und küsst ihn. Die Gäste jubeln ihm zu, es kommt zu einem wahren Tumult, um neben dem Kokain auch ein Autogramm von Villaplana zu ergattern, der seinen Schriftzug gleich auf die Tütchen setzt, während Clavié die Geldscheine entgegennimmt.
Domecq hält inne. Sieht sich nach allen Seiten um. Endlich allein. Es ist 19 : 30 Uhr. Er ist in der Zeit. Er schreibt einen abschließenden Satz: Wie soll ich in Anbetracht dessen, dass das Bagatelle unter Lafonts Schutz steht, in der Angelegenheit weiter vorgehen? Lässt den Bericht gut sichtbar auf seinem Schreibtisch liegen und eilt zu den Toiletten.
Hinterste Kabine. Nicht verriegeln. Er steigt auf den Toilettensitz, packt den Rand des Dachfensters, Klimmzug, macht über einem Innenhof zwei Schritte auf der Dachkante, lässt sich dann durch die nächste Luke in einen Abstellraum voll Eimer und Besen hinab, die die Putzfrauen morgens vor dem Eintreffen der Polizisten benutzen. Er nimmt einen Karton vom obersten Regal, holt ein sperriges Radiogerät heraus, wickelt das Antennenkabel ab und legt es in der Dachrinne aus, nimmt Kartons und Lappen zu Hilfe, um die Geräusche zu dämpfen, und setzt sich auf einen Hocker. Er macht sehr bedächtige, sehr verhaltene Bewegungen, um den Kokon aus Stille und innerem Frieden nicht zum Platzen zu bringen, der ihn im Herzen der Polizeipräfektur umgibt, dem sichersten Ort von Paris. Dies ist ein Augenblick des Glücks. Dann wartet er, 20 : 07 Uhr, der Zeitpunkt seiner Verabredung mit London. Der Kontakt ist hergestellt. Die Gestapo verhaftet (den mir unbekannten) Benezet in seiner Wohnung und mit ihm einen amerikanischen Offizier, den er beherbergt hat. Laval zahlt Deslauriers fünf Millionen für Benezets Freilassung. Instruktionen? Hockt auf seinem Schemel und wartet, während er versonnen an London denkt und an jene unbekannten Stimmen, die laut durch die Rue d’Assas hallten: Die Engländer sind da … Da kommt die Antwort: Nachricht empfangen. Höchste Priorität. Wir wollen alles über den amerikanischen Offizier, Benezet und die Kontakte zu Laval wissen.
Auf dem Rückweg ein etwas kitzliger Moment: sich beim Balancieren auf der Dachkante vergewissern, dass die Toilettenkabinen leer sind. Dann, allein im Inspektorenzimmer, überfliegt er nochmals seinen Bericht und legt ihn auf den Stapel für den Chef. Rückblende: Dora in ihrem Boudoir, ihre Tochter, es ist hart, die Tochter einer ehemaligen Hure zu sein. Irgendwie könnte er kotzen. Oder liegen ihm die Petits Fours schwer im Magen? Er geht ohne Umwege nach Hause.
Nichts zu essen. Da muss er eben bis morgen früh mit Doras Törtchen auskommen. Domecq macht sich einen Kaffee mit einer neapolitanischen Kaffeekanne, wie die Kaffeepäckchen ein Geschenk vom Wirt des Capucin, dann setzt er sich, Füße auf dem Balkongeländer, Blick auf Paris, das grau in grau im Zwielicht liegt.
Zehn Monate arbeitet er jetzt beim Sittendezernat. Kommissar Nohant hat ihn letzten August auf Wunsch des gaullistischen Geheimdiensts als Inspektorenanwärter eingeschleust, unter falscher Identität, mit falschem Lebenslauf. Nohant, eine beleibte bäuerliche Gestalt mit Filzhut auf dem Kopf, ein guter Polizist und Widerstandskämpfer der ersten Stunde. Im November ’43 zusammen mit drei anderen Kommissaren während einer geheimen Zusammenkunft in einem Kellerraum des Café Zimmer von Lafont und seinen Freunden verhaftet. Wer hatte sie denunziert? Brigadiers, die keine Kommissare mochten? Kommunistische Brigadiers, die keine nicht-kommunistischen Kommissare mochten? Kellner des Cafés, die auf eine Prämie aus waren? Ein pflichteifriger Polizist, der keine Widerstandskämpfer mochte? Ausgeliefert an die Deutschen, gefoltert, deportiert. Zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich tot.
Und er stand bei der Sitte schlagartig auf einsamem Posten. Er solle bleiben, hatte London verfügt, er sei hier ideal platziert, um die Kreise der Kollaboration zu beobachten. Er sei niemals Polizist gewesen und habe auch nie den Wunsch danach verspürt? Nebensächlich. Vor dem Krieg sei er Ägyptologe gewesen, einsames Arbeiten und genaues Hinsehen also gewohnt. Während seines zehnjährigen Aufenthalts in Kairo sei er regelmäßiger Gast am ägyptischen Hof und bei Botschaftsempfängen gewesen, eine hervorragende Annäherung an das Leben der High Society, dabei aber schön weit weg von den entsprechenden Kreisen in Paris, was das Wiedererkennungsrisiko in Grenzen halte. Er musste sich an totale Einsamkeit gewöhnen, und sein einziger Kontakt zur Résistance war allabendlich zwischen 20 Uhr und 20 : 10 Uhr die Funkverbindung nach London. Ohne je zur Aktion überzugehen, was noch frustrierender wurde, als die Kämpfe näher rückten. Und er hat Nohants Spitzel geerbt.
Darunter zwei Topleute. Chaves, einer von Lafonts Handlangern. Domecq hat viel nachgedacht. Hinter der Razzia im Café Zimmer kann auch er gesteckt haben. Deshalb hat er ihn noch nicht kontaktiert, aber ein paar von Nohants Aufzeichnungen gut verwahrt.
Und Dora Belle, die offizielle Geliebte eines der wichtigsten SS-Hauptsturmführer in Frankreich. Dora Belle, ein Star der Continental. Dora Belle, eine schmutzige Geschichte, in einem heruntergekommenen Viertel am Pariser Stadtrand auf der Straße geboren, Eltern unbekannt, mit zwölf Jahren Prostituierte, mit vierzehn Mutter und mit sechzehn Mörderin. Nohant wirbt sie an, legt die Mordsache ad acta und lenkt behutsam ihre Schritte. Er lehrt sie lesen und schreiben, sich zu kleiden, als Edelnutte zu arbeiten. Er hält die Zuhälter von ihr fern und hat ein Auge auf die Erziehung ihrer Tochter. Dora begleicht ihre Schuld, indem sie gewissenhaft den Spitzel gibt. Auch als Deslauriers sie zu sich ins Perroquet bleu holt, macht sie weiter. Sie ist zu diesem Zeitpunkt der beste Spitzel, über den die Sitte in Paris verfügt. Nach 1940 ändert sich die Lage. Dora, fasziniert von der virilen Schönheit und dem Charme der siegreichen SS-Hauptleute wie auch von der materiellen und moralischen Sicherheit, die das Naziregime ihr verschafft, hat nichts übrig für die Terroristenlümmel der Résistance, und Nohant geht vorsichtshalber auf Distanz zu ihr. Als Domecq an ihre Akte gelangt, beschließt er, den Kontakt zu erneuern. Er stellt sich als der geistige Sohn von Nohant vor, der leider Gottes an einer unheilbaren Krankheit leide und sich zum Sterben in die Charente-Maritime zurückgezogen habe. Mimt den Hingerissenen, was ihm umso leichter fällt, als er hingerissen ist, erwähnt nebenher, welche Unannehmlichkeiten es mit sich brächte, sollte Deslauriers von ihrem Verhältnis zu Nohant erfahren, wär doch schade, wo das Leben gerade so angenehm ist, und schlägt ihr vor, die französische Polizei auch weiterhin über das Tun und Treiben von Deslauriers und seinen Freunden zu informieren. Sie lässt sich darauf ein, denn ist man erst Teil des Räderwerks, kann man nicht mehr aufhören, zudem ist dies ein Spiel, das einiges Vergnügen bereitet. Gemeinsam erarbeiten sie eine Geschichte von Kindheitsfreunden, die sich zufällig begegnen, ein Wiedersehen, das sie mit viel Gefühl in Szene setzen. Und inzwischen zählt Doras Salon zu Domecqs Hauptwirkungsstätten. Bilanz: ausgesprochen positiv. Jede Menge Informationen über die Kollaboration französischer Unternehmer mit den deutschen Besatzungsstellen, über den tatsächlichen Zustand der französischen Wirtschaft, über die kleine Welt der Kollaborateure aus Kultur und Politik …
Doch heute Abend hat ihn der Ekel gepackt. Dora, die schöne Dora, die bezaubernde Dora ist gefangen in einer Scheinwelt, die auf eine Katastrophe zusteuert. Ist sie sich dessen bewusst? Oder nicht? Wie auch immer. Nicht nur unternehme ich nichts, um sie davon abzuhalten, ich ermuntere sie sogar zum Weitermachen, ich treibe sie weiter auf ihrer schiefen Bahn. Ich verhalte mich wie ein Zuhälter. Ein schrecklich kluger zwar, aber ein Zuhälter. Nicht viel anders als Nohant oder Deslauriers. Lass das Grübeln sein. Es herrscht Krieg. Trinkt seinen Kaffee aus. Kalt. Steht auf. Hebt mit der Messerspitze ein Dielenbrett an, holt ein paar akkurat gefaltete Zettel hervor. Nohants Aufzeichnungen über Dora Belle. Hat er nicht im Büro lassen wollen, es kann immer jemand neugierig sein, zu riskant. Nimmt ein Päckchen Streichhölzer und verbrennt die Blätter eins nach dem andern über dem Spülstein. Einer Freilassung gleich. Rein symbolisch. Und geht schlafen.
Die Tür zu seiner Zelle wird geöffnet. Mike Owen unterdrückt den Impuls zurückzuweichen. Wie viele Stunden oder Tage in dieser Zwei-mal-zwei-Meter-Zelle, ständig hell erleuchtet, die Handgelenke an einen Ring in der Wand gekettet, gerade so in der Lage, aufrecht zu stehen oder sich auf dem nackten Boden auszustrecken? Er kann es nicht sagen. Ohne ein Wort macht der SS-Mann ihn los und treibt ihn im Flur vor sich her. Owen bewegt Hände, Arme, schmerzhaft, schwankt. Der SS-Mann öffnet eine Tür. Owen bleibt reglos auf der Schwelle stehen. Sieht zunächst nur die festliche Tafel in der Mitte des Raums, weißes Tischtuch, Porzellan, Silberbesteck, verschiedene Kristallgläser, vier Gedecke. Der SS-Mann stößt ihn hinein, schließt die Tür hinter ihm, dreht den Schlüssel, einmal, zweimal, dreimal, wie in der Zelle. Vorm Fenster sind Gitter. Aus dem Nichts taucht Bauer auf, in Uniform, ein Mädchen an jedem Arm, eine Dunkle, eine Blonde, in roten Miedern und schwarzen Netzstrümpfen, Brüste, Geschlecht, Gesäß entblößt. Ihm schwindelt. Bauer packt ihn am Arm.
»Mein lieber Mike, der Name des Dorfs, in dessen Nähe du mit dem Fallschirm abgesetzt wurdest und an den du dich nicht erinnern konntest, ist Mortemart. Die Organisation, die dich in Empfang genommen hat, wurde zerschlagen, die Anführer exekutiert und das Dorf niedergebrannt. Eigentlich eine gute Nachricht, oder?« Er reicht ihm eine Champagnerschale. »Du hast für dein Recht zu leben bezahlt, zumindest vorerst.« Er hebt sein Glas. »Auf unsere Kollaboration, um einen sehr französischen Terminus aufzugreifen.«
Weiter, mach weiter. Was kannst du anderes tun? Mortemart, diesen Namen kennst du nicht, hast ihn nie ausgesprochen. Hör nicht auf das, was er sagt. Wiederhole: Kohle, Unternehmer, Banken – das, und nur das, ist deine Welt. Er leert sein Glas auf einen Zug.
Später sitzt er nackt auf einem Stuhl, eins der Mädchen auf den Knien, die ihn löffelchenweise mit Kaviar füttert und ihm aus Bordeauxgläsern Wodka einflößt. Klammert sich an das quadratische Stück Nacht jenseits des Fensters, an den Schmerz, den er spürt, wenn er sein Knie gegen die Tischkante schlägt. Und er trinkt. Sehr wenig getrunken, sehr wenig gegessen seit seiner Verhaftung, seit wann? Schwindelgefühl. Tournedos Rossini, schwere Feinschmeckerkost. Das Mädchen verschwindet unter dem Tisch und fängt an, ihm einen zu blasen. Er verschluckt sich und erstickt fast, kommt ohne Lust, verliert das Bewusstsein, Kopf auf dem Tisch.
Jemand hat ihn geweckt, indem er ihm eine eiskalte Flüssigkeit in die Nase gesprüht hat. Ein Brennen, regenbogenfarbener Funkenregen. Er fühlt sich wie ein Berg in einer klaren Winternacht. Eins der Mädchen tanzt Cancan und summt dazu. Sie hat ein riesiges blauviolettes Geschlecht. Wo ist Bauer?
Das Mädchen sitzt auf der Tischkante. Er nimmt sie, forschend, leicht distanziert, sein Geschlecht dringt in ihres ein, keinerlei Empfindung. Kalte Hände. Bauer, hinter ihm, an ihn gepresst, über seine Schulter gebeugt: Nichts ist schöner als der Arsch eines virilen jungen Mannes. Er packt seine Hüften und dringt in ihn ein, während er ihm in die Schulter beißt. Owen brüllt auf, stürzt das Mädchen, den Tisch, eine randvolle Schüssel Erdbeer-Burgunder-Bowle um. Bauer zerschießt die Lampen mit zwei Schuss. Die Mädchen verstecken sich hinter dem umgekippten Tisch, die Dunkle ist durch Glassplitter verletzt und blutet stark am Oberschenkel. Vier SS-Männer kommen herein, nehmen Bauer mit, jagen die Mädchen mit Tritten davon und lassen Owen auf dem Teppich liegen, inmitten von zerbrochenem Geschirr, mit Wein und Sperma besudelt, zwischen mehrfach verriegelten Schlössern und vergitterten Fenstern längst weggedriftet.
4
Sonntag, 11. Juni, morgens
An der Normandiefront wird auf der Linie Caen-Cherbourg der Brückenkopf auf 80 Kilometern Länge und etwa 10 Kilometern Tiefe gehalten.
Rund um Caen geht die Schlacht weiter.
In einem bürgerlichen Wohnhaus am Boulevard Haussmann steigt Domecq vier Stockwerke hoch, roter Teppich auf den Stufen, klingelt an einer Tür. Angélique öffnet ihm im Schlafanzug, unfrisiertes blondes Haar, mürrisch und mit bedrückter Miene.
»Ach, du bist es. Wie hast du mich gefunden? Hat dir der Wirt vom Capucin meine Adresse gegeben?«
»Nein. War nicht einfach …«
»Komm rein, Hübscher, wo du schon mal da bist, biete ich dir ein Gläschen an, aber nicht mehr.«
Die mahagonigetäfelte Diele ist düster. Eine Glastür führt ins Wohnzimmer, hell und geräumig, möbliert mit einfachen, bequemen Sesseln und einem Sofa mit großgeblümtem Stoffbezug. Ein paar Grünpflanzen, an einer Wand ein gut gefüllter Bücherschrank, und vor dem Marmorkamin ein Couchtisch mit Flaschen und Gläsern darin. Ein ziemlich luxuriöses und einladendes Interieur, tipptopp aufgeräumt, das nicht zu Angélique passt.
Er setzt sich neben den Kamin. Sie greift nach einer Flasche Cognac.
»Kannst du mir nicht lieber einen Kaffee machen?«
Träger Blick, Seufzer, dann verschwindet sie Richtung Küche und kommt wenige Minuten später mit einer Tasse zurück, die sie vor ihn hinstellt. Domecq betrachtet die dünne braune, nicht mal lauwarme Flüssigkeit.
»Siehst nicht gerade fit aus, Ange, was ist los mit dir?«
Sie rollt sich in einem Sessel zusammen, ihre Miene wird bitter. »Falicon ist offenbar tot. Das sagt jedenfalls Deslauriers, der Rose und mich Sonntagabend aus dem Capucin weggeholt und uns hier einquartiert hat.«
»Hübsche Wohnung.«
»Ist seine. Uns gefällt sie nicht. Wir fühlen uns hier nicht wohl. Und er hat uns ins One Two Two gesteckt.«
Das bekannteste Luxusbordell von Paris. Domecq pfeift bewundernd. »Toller Aufstieg.«
»Hast du ’ne Ahnung … Freitagabend, kleine Sexparty bei der SS in der Avenue Foch. Ein Hauptsturmführer fordert zwei Mädchen an. Wir waren als Letzte ins One gekommen, also mussten wir natürlich ran. Der Hauptsturmführer hat mit einem Amerikaner eine Party gefeiert. Hat sich total gehen lassen. Zum Schluss hat er wild um sich geballert, und Rose hat ’ne Kugel in den Oberschenkel gekriegt.« Domecq öffnet den Mund. »Es geht noch weiter. Gestern kommt Deslauriers vorbei, um Rose zu besuchen, fragt, wie die Wunde heilt. Danach trinkt er ein Glas mit mir, sitzt friedlich in dem Sessel, wo du jetzt sitzt. Ich sage ihm, dass ich keine Extranummern bei deutschen Militärs mehr machen will, dass ich zu große Angst hatte. Ohne ein Wort steht er auf, geht ins Bad, ich höre Wasser laufen, er kommt mit einem nassen Handtuch zurück, reißt mir den Morgenrock runter und verpasst mir die Tracht Prügel meines Lebens, immer noch ohne ein Wort.« Als sie Domecqs verdutzte Miene sieht: »Mensch, ein nasses Handtuch hinterlässt keine Spuren, du bist Polizist und weißt das nicht?« Sie fährt fort: »Ich lag dort neben dem Kamin auf dem Boden. Ich habe versucht stillzuhalten und nicht zu weinen. Als er mit Prügeln fertig war, hat er zu mir gesagt: ›Seit wann sucht sich eine Nutte ihre Kunden selbst aus?‹ Er brachte das Handtuch zurück ins Bad. Ich lag da neben dem Kamin, hab mich unauffällig verhalten. Als er ging, hat er die Wohnzimmertür noch mal aufgemacht und gesagt: ›Zwei Tage Auszeit. Montagmittag erwartet man dich im One. Kümmere dich um Rose.‹ Dann fiel die Tür ins Schloss. Mir tut noch alles weh.« Ein Moment vergeht. »Gut möglich, dass ich Falicon am Ende vermisse.«
»Wer ist dieser schießwütige Hauptsturmführer?«
»Nach dem, was die Mädchen im One sagen, die ihn gut kennen, ist das Hauptsturmführer Bauer, ein Stammkunde. Nicht sonderlich übergeschnappt oder schwierig.«
»Und was machte der Amerikaner dort?«
»Darüber weiß ich nichts. Er war ein Gefangener, du weißt schon. Wir waren in einer Zelle, mit Wachen vor der Tür und Gittern vorm Fenster. Champagner, Kaviar, alles da, aber eben eine Zelle. Bauer nannte ihn Mike, sagte, er würde den Beginn ihrer Verbindung feiern. Und er hat ihn in den Arsch gefickt, bevor er dann rumgeballert hat.«
Domecq schiebt die Tasse zurück, die er nicht angerührt hat, steht auf, beugt sich zu Angélique hinab, die klein und elend in ihrem Sessel hockt, nimmt ihre Hand, küsst ihre Fingerspitzen. »Liebe Ange, was kann ich für dich tun?«
»Versuch wenigstens rauszukriegen, was Falicon zugestoßen ist.«
Mike Owen betritt unter höflichem Geleit eines SS-Wachsoldaten Bauers Büro im fünften Stock, auf Höhe der Baumkronen der Avenue Foch. Kleiner Raum, sehr hell, auf dem Bücherregal tanzen grüne Schatten, die Bände stehen dicht gedrängt, zuweilen doppelreihig, streng alphabetisch sortiert, ausschließlich französische Autoren, Brasillach, Céline, Chardonne, Cocteau … Bauer steht hinter einem sehr eleganten Louis-XV-Sekretär und erwartet ihn. Er lächelt ihm zu, seltsames Lächeln, Lippen geschlossen, horizontal.
»Ich versuche mich auf dem Laufenden zu halten, was die Männer, denen ich in den Salons begegne, geschrieben haben. Wie es scheint, sind sie in Frankreich meinungsbildend …« Er verzieht zweifelnd das Gesicht. »Besiegtenliteratur.«
Bauer bedeutet ihm, sich auf das Ledersofa zu setzen, das unter vier Dürer-Zeichnungen an der Wand steht, nimmt eine Flasche Cognac, schenkt zwei bauchige Gläser halbvoll, reicht ihm eins und lässt sich ihm gegenüber in einem Lehnsessel nieder. Owen stellt das Glas auf den Boden und rührt es nicht mehr an. Bauer wärmt seins, indem er es mit den Händen umschließt, schwenkt die Flüssigkeit langsam, beugt sich über den Cognac, um in kurzen Zügen sein Aroma zu atmen.
»Warum warst du bereit, mir zu antworten?«
»Weil du alles, was ich weiß, schon weißt. Muss man kein Drama draus machen.«
»Ich bin nicht sicher, dass die Bewohner von Mortemart das auch so sehen.«
Mortemart. Er erinnert sich so undeutlich daran wie an den Rest des Abends. Vermeide unbedingt jeden Gedanken an Mortemart, wenn du überleben willst. Er zuckt die Achseln. »Wir sind im Krieg.«
»Jetzt musst du mir noch die Organisation verraten, die dich in Paris aufgenommen hat.«
Owen, Ellbogen auf die Schenkel gestützt, beugt sich mit ernster Miene vor. »So läuft das nicht. In Paris gibt es keine Organisation. Ich bin allein. Mein Auftrag ist es, ein paar einflussreiche Männer zu treffen und ihnen klarzumachen, dass die Amerikaner ein besseres Bollwerk gegen den Kommunismus darstellen als die Deutschen und dass wir durchaus in der Lage sind, den gaullistischen Widerstand auszuschalten. In der Regel hören sie mir zu. Und ich werde meinen Vorgesetzten Bericht erstatten, wenn sie in Paris eintreffen.« Ein Lächeln. »In wenigen Tagen. Bis dahin habe ich mich auf gut Glück in leerstehenden Wohnungen der feineren Viertel einquartiert, wo deine Polizei mich dann entdeckt hat.«
»Ich will die Namen dieser Kontakte.«
»Aber die gebe ich dir ja, kein Problem. Dassonville, zum Beispiel. Eine deiner treuesten Stützen. Du hast ihn damit betraut, dir Informationen über die französischen Wirtschaftskreise zu liefern, die den Amerikanern nahestehen. Das tut er und sucht bei der Gelegenheit unsere Nähe.«
Mit geschlossenen Augen trinkt Bauer seinen ersten Schluck Cognac. Bourseul hat ihm schon davon erzählt.
Owen wendet nicht den Blick von ihm. »Und sag mir nicht, du hast das nicht geahnt. Willst du weitere Namen? Bourseul und Patenôtre, deine persönlichen Freunde, zwei Mitglieder der Familie Gillet, Ardant, euer Fels in der Bankenwelt, Tiberghien, der Vorsitzende im Organisationskomitee Textilindustrie. Selbst der Champagner wankt. Allerdings glauben sie, dass wir nicht so gute Kunden sein werden wie ihr. Aber vielleicht lernen wir ja, wie die Franzosen zu trinken.«
Er weiß viel. Der kriegt mich noch dahin, wo er mich haben will. Muss nachdenken. »Du wirst gleich zurück in deine Zelle gebracht, bekommst Zettel und Stift und machst mir eine Liste der Leute, die du in Paris getroffen hast, mit Ort und Zeitpunkt dieser Treffen.«
Bleib dran. Schnell. »Jetzt habe ich aber noch eine Frage. Wieso hast du mich nicht längst abgeknallt? Ich habe da eine Vermutung. Du bist korrupt bis ins Mark, Bauer.« Ausdruckslose Miene, starrer Blick, leg nach. »Gemeinsam mit deinen Handlangern, mit deinem Kumpan Bourseul hast du in Frankreich ein Riesenvermögen angehäuft, und jetzt fragst du dich, wie du deine Kohle über die Niederlage rettest. Du denkst, ich bin vielleicht deine Chance.«
Bauer nimmt einen Schluck Cognac, behält ihn im Mund, lässt ihn langsam durch seine Kehle rinnen, herabgezogene Mundwinkel, undurchdringlicher Blick. »Du verstehst gar nichts, Amerikaner. Ja, ich habe viel Geld angehäuft. In einem besiegten Land ist das eine Methode der Kriegsführung, weiter nichts. Ich frage mich nicht, wie ich dieses Geld über die Niederlage rette, weil ich es mir verbiete, die Niederlage in Betracht zu ziehen. Es gibt nur Sieg oder Tod. Ich lasse dich am Leben, in meinem Zugriff, weil ich dich um dieses Leben zappeln sehen will. Eines Tages werde ich dich abknallen.« Und nach einem letzten Schluck Cognac: »Ich bin stolz darauf, dass ich so anders bin als du.«
Montag, 12. Juni
General Montgomery verkündet: »Die Schlacht um die Strände ist gewonnen.« Aber die für den ersten Landungstag gesteckten Ziele sind immer noch nicht erreicht. Die Alliierten haben binnen einer Woche 326 000 Mann und 54 000 Fahrzeuge an Land gebracht, haben aber nicht genug Raum zum Ausschwärmen.
Domecq liegt auf dem Rücken, den leeren Blick zur Decke gerichtet, und lässt langsam die Beklommenheit entweichen, die der letzte Traum der Nacht hinterlassen hat: Er versinkt bis zur Taille in einer Düne aus tiefem, brennend heißem, nahezu weißem Sand und löst sich auf. Erst die Füße, dann Beine und Geschlecht, er spürt ein unerträgliches Brennen im Unterbauch, schweißgebadet wacht er auf. Und wartet jetzt, dass ihm der Mut kommen möge, sich für einen neuen Arbeitstag im Sittendezernat von dem durchnässten Bett loszureißen.
Er geht die Rue d’Assas hinunter, am Jardin, dann am Palais du Luxembourg entlang. Verschanzte deutsche Truppen, Bunker und Sandsäcke. Die Blicke der Soldaten unter den Helmen, lange Zeit unbeteiligt und gelangweilt, sind jetzt wachsamer.
Im Inspektorenzimmer vergeht der Vormittag schleppend. Hier und da ein paar vorsichtige Bemerkungen über die Normandiefront. Die Engländer und Amerikaner wurden nicht ins Meer zurückgeworfen … Aber sie kommen nicht voran … Oder nur so langsam … Und nach jedem Satz ein ausgedehntes Schweigen.
Ricout stürmt herein, Domecq sieht ihn schnurstracks auf seinen Schreibtisch zusteuern. Ganz junger Inspektor, gerade mal vierundzwanzig, vor zwei Jahren in den Polizeidienst eingetreten, aus Berufung und Familientradition. Der Vater Kommissar im Ruhestand und ein älterer Bruder Inspecteur beim 1. Sonderdezernat der Renseignements Généraux, des Zentralen Nachrichtendiensts, wo er gut angeschrieben ist und mit Feuereifer auf alles einprügelt, was nach kommunistischem Terroristen riecht. Zudem ist der Kollege ein tüchtiger junger Mann, lebensfroh, nicht groß schwierig, mit dem Domecq regelmäßig zusammenarbeitet, ohne dass er klagen könnte.
Ricout nimmt einen Stuhl und setzt sich vor Domecqs Schreibtisch. »Ich bin gestern Abend im Schéhérazade zufällig an einen ziemlich kuriosen Tipp gekommen.«
»Schieß los.«
»Erst zeigte mir jemand eine Flasche Champagner der Marke Mumm Cordon Rouge, Jahrgang 1933.«
Domecq verzieht das Gesicht. »Von Wein verstehe ich nichts. Kein Fall für mich.«
»Lass mich zu Ende erzählen. In einer Ecke des Etiketts war in einem Medaillonrahmen das Foto einer ziemlich hübschen, lächelnden Frau aufgedruckt, und handgeschrieben stand da: Als Hommage für Florence, mit einem Namenszug, der von einem Mitglied der Familie Mumm stammen könnte.«
Höflich, uninteressiert: »Und diese Florence?«
»Laut meiner Quelle aus dem Schéhérazade, die sie sehr gut kennt, handelt es sich um Florence Gould, kein Zweifel möglich.«
Domecq springt immer noch nicht darauf an. Ricout lässt nicht locker.
»Florence Gould, die Frau des amerikanischen Milliardärs, in deren Salon die Hälfte der französischen Schriftsteller und drei Viertel der Wehrmachtsoffiziere verkehren.«
»Lass mich raten. Sie verkauft ihre Sammlerflaschen, um irgendwie über die Runden zu kommen, und du schlägst jetzt vor, dass wir eine Spendenaktion veranstalten, um sie zu unterstützen.«
Ricout fährt unbeirrt fort. »Die Flasche ist in der Nacht vom 9. zum 10. im Schéhérazade aufgetaucht. Aber nicht allein. Sondern mit 800 weiteren, verschiedene Weine, allesamt von sehr hoher Qualität. War mehr oder weniger ein Zwangskauf. Trotzdem waren es Flaschen für über 200 000 Franc.«
»Allerhand. Und? Was geht uns das an?«
»Wie! Diebstahl, möglicherweise Schutzgelderpressung, mit Sicherheit Schwarzhandel, in unserem Revier, und das soll uns nichts angehen?«
Domecq brummt etwas. Zweihundert Kilometer weiter der Krieg. Aber du bist nun mal Inspektor bei der Sitte, bleib glaubwürdig. Schneller Blick zu Ricout. »Was schlägst du vor?«
»Wir könnten zunächst den Umfang des Geschäfts überprüfen, indem wir in unserem Revier ein bisschen herumfragen. Sind es 800 schwarz gehandelte Flaschen, lassen wir die Sache auf sich beruhen. Sind es mehr, fangen wir an zu graben.«
Bereits am Nachmittag haben Domecq und Ricout an die 20 000 Flaschen gezählt, die innerhalb von vierundzwanzig Stunden an rund die Hälfte der Nachtclubs am Pigalle verkauft worden sind. Die Sache nimmt hübsche Ausmaße an. Sie beschließen daher, dass es an der Zeit ist, Madame Gould kennenzulernen.
Die beiden Polizisten gehen zu Fuß vom Pigalle zu den »Reichenvierteln« rund um die Place de l’Étoile. Florence Gould wohnt in der Avenue de Malakoff, wo sie auch Salon hält, nur einen Katzensprung von den Champs-Élysées, wo jeden Tag die deutschen Truppen marschieren, nur einen Katzensprung von der Avenue Foch, wo der Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS seinen Sitz hat, von der Rue Lauriston und der Place des États-Unis, dem Reich von Lafont und seiner Bande, der gefürchteten Carlingue, von der Avenue Kléber und dem Hôtel Majestic, wo die Militärverwaltung der Wehrmacht untergebracht ist. Die Viertel der Reichen: breite, gerade Prachtstraßen, wuchtige Quadersteinbauten, zur Hälfte unbewohnt, strotzend vor Luxus, und überall Hakenkreuzfahnen, bewaffnete Wachsoldaten, feldgraue oder schwarze Uniformen, die zu Fuß oder im Wagen unterwegs sind. Hier sind die Deutschen keine Besatzer, hier sind sie zu Hause.
Ein junges Zimmermädchen, schwarzes Kleid, weiße Schürze und Spitzenhäubchen, macht ihnen auf. Ricout zeigt seinen Ausweis. »Polizei.« Ein Moment vergeht. »Französische Polizei.« Sie scheint unbeeindruckt, studiert gründlich den Ausweis, mustert dann ihn. Er ist jung, freundlich und bemüht sich um eine treuherzige Miene. »Wir würden gerne mit Madame Gould sprechen.«
»Madame Gould ist nicht in Paris. Sie ist an der Côte d’Azur, bei ihrem Mann. Sie beabsichtigt, am Donnerstag zurückzukommen.«
»Vielleicht können Sie uns weiterhelfen.« Erneut freundlich-aufmunternder Blick. »Madame Gould besitzt einen berühmten Weinkeller …«
Zögernd: »Ich glaube schon …«
»Es ist dieser Keller, der uns interessiert. Wir möchten lediglich einen kurzen Blick hineinwerfen. Befindet er sich hier im Haus?«
»Nein, hier lagern wir nur einige wenige Flaschen für den täglichen Bedarf.«
»Wo ist er dann?«
»In Maisons-Laffitte. Im Château. Na ja, ein richtiges Château ist es nicht … Aber die Weinkeller sind erstklassig. Sie können hinfahren, es gibt einen Hausmeister. Wenn Sie ihm sympathisch sind …«
Die beiden Männer gehen Seite an Seite, Domecq vermeidet es, die unzähligen Hakenkreuzfahnen anzusehen. »Für Maisons-Laffitte ist es heute zu spät. Ich hole dich morgen früh ab, gegen zehn?«
Ricout nickt zustimmend.
»Sag mal, Bernard, ist dein Bruder immer noch bei den RG? Ich würde ihn gern um Informationen über einen meiner Kunden bitten. Meinst du, ich könnte morgen mal bei ihm vorbeischauen?«
»Kein Problem, ich sage ihm, dass du kommst.«
Deslauriers betritt das Deux Cocottes immer mit dem gleichen Behagen. Ein Gefühl, als schlüpfe man in bequeme, vertraute Kleider. Ein ganz schlichter, großer Raum, Fenster mit halbhohen weißen Gardinen, wenig Dekor, die Wände zum Teil holzgetäfelt, Fliesenboden, auf den Tischen kleinkarierte rotweiße Decken, in den Gläsern dazu passende fächerförmig gefaltete Servietten, Stühle mit geflochtener Sitzfläche, kupferne Deckenlampen, die immer brennen. Hinten neben der Küche eine kleine Bar und die Kasse, wo die Wirtin thront, eine kräftige Vierzigerin mit blond gefärbtem Kraushaar, die Aperitifs und Kaffee ausschenkt und, alles im Blick, die Rechnungen schreibt. Neben der Bar zwei Schwingtüren zur Küche, das Reich von Wirt Gégène und Hochburg der traditionellen gutbürgerlichen Küche nach Art der Pariser Auvergner. Gégènes Kochkunst ist Glück pur.
»Tagesgericht ist Bœuf Carottes«, verkündet die Kellnerin.
»Bestens. Das nehme ich zweimal. Mit einer guten Flasche Burgunder, die Wahl überlasse ich dem Wirt. Bring mir bis dahin einen Teller Hartwurst.«
Deslauriers setzt sich an seinen gewohnten Tisch in der Ecke neben dem Fenster. Sieht sich geistesabwesend um, halb voll, es ist noch früh. Ganz hinten, im Halbdunkel, das kreideweiße Gesicht von Dita Parlo. Leiser Stich ins Herz, die Erinnerung an die rührende Bäuerin in Die große Illusion ist noch wach. Heute halb Nutte, halb Geschäftsfrau. Der Krieg ist ihr nicht bekommen. Bauer sitzt an ihrem Tisch, neigt sich zu ihr, küsst ihre Hand. Feixen. Er macht sich an sie ran. Da wäre er von der SS-Führung der Einzige, der noch nicht über sie rüber ist. Der Kommissar des 18. Arrondissements sitzt allein an einem großen Achtertisch. Er erwartet eine größere Runde. Deslauriers grüßt ihn von fern.
Lafont stößt die Eingangstür auf, manövriert sich zwischen den Tischen hindurch, drückt hier eine Hand, verliert da ein paar Sätze, schaukelt dann auf Deslauriers zu. Vertraute Erscheinung. Seit die Besatzer Paris in den Wilden Westen verwandelt haben, herrscht zwischen ihnen ständige Rivalität, mitunter auch Krieg, zwei Kaimanmännchen im selben toten Flussarm. Messerscharfer Blick. Deslauriers registriert den plumpen, gebeugten Körper, das leichte Hinken. Es heißt, die Nordafrikanische Brigade, jene kleine Privatarmee, die der in seinen Träumen verfangene Lafont gegen den Maquis aufgestellt hatte, sei in die Flucht geschlagen und er selbst bei dem Fiasko verletzt worden. Verbraucht, gedemütigt, ich habe ihn in der Hand. Lafont lässt sich schwer auf einen Stuhl fallen. Die Kellnerin bringt die Bœuf Carottes. Deslauriers füllt die Gläser mit Wein. Schweigend beginnen die beiden Männer zu essen, Lafont mit langsamen, ungenauen Bewegungen.
Als sie Lafont eintreten sieht, beugt sich Dita über ihren Teller hinweg zu Bauer und erzählt lebhaft und schmunzelnd: »Weißt du, vor ein paar Monaten wollte ich mit Henri einen Film drehen. Ich kenne ihn gut, wir haben ein paar Geschäfte miteinander gemacht. Er ist ein aufregender Mann, aufregender als die Schauspieler jedenfalls. Ich hatte einen Produzenten gefunden, einen Regisseur, die Einzelheiten erspare ich dir. Schließlich standen wir beide für einen kurzen Probedreh auf einer Bühne. Eine Liebesszene. Film ab! Er beugt sich zu mir runter«, sie spielt die Szene nach, »schließt mich in seine kräftigen Arme und sagt etwas wie«, jetzt fistelnd, »›Ich liebe Sie seit dem Tag, an dem ich Sie zum ersten Mal sah‹, mit seiner Eunuchenstimme. Der Tonmeister, der ihn nicht kannte, war so überrascht, dass er anfing zu lachen, sein Lachanfall hat die ganzen Techniker angesteckt, und auch ich habe in seinen Armen Tränen gelacht und konnte nicht aufhören.«
Бесплатный фрагмент закончился.
