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DJ Jamison
Dringende Hilfe
Hearts & Health Band 3
Aus dem Englischen von Florentina Hellmas
Impressum
© dead soft verlag, Mettingen 2021
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Orginalausgabe: Urgent Care (Hearts & Health)
Übersetzung: Florentina Hellmas
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Fred van Diem – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-435-3
ISBN 978-3-96089-436-0 (epub)
Inhalt
Zwölf Jahre zu spät …
Xavier James ist geschockt, als er ausgerechnet in die Arme des Mannes rennt, der ihm als Erster das Herz gebrochen hat. Und sein Ex-Boyfriend sieht heißer aus als früher, aber Xavier hat nicht vor, den gleichen Fehler noch einmal zu begehen.
Es ist niemals zu spät, noch einmal von vorn anzufangen …
Dr. Trent Cavendish weiß, dass er einen großen Fehler gemacht hat, als er seine große Liebe mit 18 Jahren verließ. Als er seinen Freund plötzlich nach 12 Jahren wiedersieht, wird ihm klar, wie leer sein Leben ist. Kurzerhand nimmt er eine Stelle an der Klinik in seinem Heimatort an, um Xavier nahe zu sein. Doch aus dem süßen Jungen, den er kannte, ist ein begehrenswerter Mann geworden. Und Xavier misstraut dem „neuen“ Trent Cavendish.
Kapitel 1
Juni
Xavier tauchte in die feuchte Hitze des Club Eros ein und fühlte sofort den dumpfen Bass der Musik durch seine Beine bis zu seinem Schwanz hoch vibrieren.
Er lief auf Hochtouren und hatte an diesem Abend bereits alle Register gezogen. Denn er hatte es dringend nötig, flachgelegt zu werden. Je schneller, desto besser. So gestresst wie er war, waren seine Schultern selbst jetzt noch angespannt. Er ließ sie kreisen, um sie zu lockern, und schlenderte zur Bar.
Er war sich seines Hüftschwungs sehr wohl bewusst und auch der Blicke, die er auf sich zog, und wollte das möglichst gut nutzen. Wenn er schnell einen Fick finden konnte, würde er sogar noch genug Schlaf bekommen, bevor er am nächsten Morgen um acht zur Arbeit musste. Gefolgt von Unterricht an der Krankenpflegeschule, Laborstunden und familiären Verpflichtungen. Das Böse schlief nie.
Es war immer noch Sommer und Xavier hatte sich entschlossen, seine feminine Seite zu unterstreichen. Die meisten Männer überraschte das, denn Xavier war keinesfalls zierlich. Seine Arme und Schultern waren trainiert, weil er in seinem Job als Landschaftsgärtner Dünger schleppte und Bäume pflanzte. Ganz zu schweigen davon, dass er im Alleingang alle Wartungsarbeiten am Haus seiner Familie durchführte, das um seine Großmutter herum praktisch auseinanderfiel, während sie jeden Sonntag Abendessen machte.
Er trug enge weiße Shorts, die durch den Kontrast zu seiner dunklen Haut geradezu leuchteten. Dazu ein hellblaues ärmelloses Top, das seine Muskeln zur Geltung brachte. Er hatte nur einen Hauch Makeup aufgetragen, nichts Übertriebenes. Sein Haar trug er ausnahmsweise offen. Es fiel auf seine Schultern und streifte seine nackte Haut.
Die Mischung aus Erstaunen und Erregung, mit der er gemustert wurde, ließ ihn grinsen. Die sanften, femininen Details betonten seine natürliche Männlichkeit und die Leute waren manchmal unsicher, was sie mit ihm anfangen sollten. Im Alltag tat er nichts dergleichen, dazu war sein Leben zu gewöhnlich und er war zu sehr in sozialen Normen gefangen, um das auch nur in Betracht zu ziehen. Aber es fühlte sich gut an, sich in Szene zu setzen, wenn er ausging. Eros war ein relativ sicherer Ort dafür. Wobei kein Ort wirklich sicher war. Der schwule Nachtclub war fast eine Autostunde entfernt, aber das war es wert. Anders als in einigen der schäbigeren Bars in seiner Nähe gab es im Eros eine gesunde Mischung aus jung und alt, heiß und durchschnittlich, extrem und alltäglich. Twinks mit Netzshirts und hautengen Hosen tanzten neben kräftigen Typen in normalen Jeans und T-Shirts.
Er hielt an der Bar und bestellte einen Vodka Cranberry. Eigentlich mochte er keine Cocktails. Etwas Hochprozentiges wäre ihm lieber gewesen, aber er musste am nächsten Morgen arbeiten. Außerdem war das Getränk ohnehin mehr ein Requisit, das zu seinem Image für diese Nacht passte. Es war lächerlich einfach, einen Kerl zu finden, der toppen würde. Er musste jemanden nur lange genug anstarren und sie wären sich einig. Umgekehrt war es schon schwieriger. Viele Jungs fanden ihn einschüchternd, manchmal aufgrund seiner Größe, manchmal aufgrund seiner Hautfarbe. Er war mixed race, hatte einen schwarzen und einen weißen Elternteil, aber die meisten Menschen sahen nur eine Seite von ihm und reagierten darauf. Rassismus nahm mitunter die sonderbarsten Formen an, manchmal unabsichtlich, aber er war immer noch da.
An diesem Abend wollte er passiv sein. So gut es sich auch anfühlte, jemanden durchzuficken, nichts entspannte seine Muskeln so wirkungsvoll wie das Eindringen in seine intimsten Orte. Und er brauchte das. Also hatte er seine weibliche Seite betont. Das war immer eine unterhaltsame Ablenkung und hatte den zusätzlichen Vorteil, dass es ihn für Männer, die gerne toppten, zugänglicher machte.
Xavier nippte an seinem Drink und schauderte beinahe, als sich der süße Geschmack auf seiner Zunge verteilte. Er stellte das Glas ab und rührte mit dem Strohhalm um. In dem Spiegel über der Bar konnte er beobachten, wie sich ein Mann näherte. Er war groß und schlank. Seine Jeans und sein T-Shirt brachten Brust und Schenkel genau richtig zur Geltung. Sein Haar war dunkel, was schon immer Xaviers Geschmack gewesen war. Auf den ersten Blick sah er ein bisschen wie Xaviers Mitbewohner aus. Das war etwas seltsam, aber er konnte nicht leugnen, dass Zane verdammt sexy war.
Das sieht vielversprechend aus. Vielleicht bekomme ich heute Nacht sogar noch acht Stunden Schlaf, es sei denn, er ist ein Tier im Bett.
Als der Mann näher kam, senkte Xavier den Blick. Er wollte nicht zu eifrig erscheinen. Er fühlte die Wärme eines anderen Körpers hinter sich und eine Hand, die sich auf seinen Rücken legte. Die Hand des Fremden wanderte seine Wirbelsäule entlang nach oben zu seinem Nacken und verursachte ein Prickeln. Der Typ war ganz schön anmaßend, aber es war erregend.
„Du bist ein verdammtes Juwel, weißt du das?“, flüsterte der Typ und sein Atem streifte Xaviers Ohr.
„Und du trägst ganz schön dick auf.“ Xavier konnte ein schnaubendes Lachen nicht unterdrücken.
Der Mann beugte sich näher zu ihm. „Ich hole mir nur, was ich will, und ich entschuldige mich nicht dafür.“
Die Worte hätten sexy sein sollen. Aber Xavier drehte den Kopf und sah das Gesicht des Kerls, der ihn anbaggerte. „Nein, eindeutig nicht“, antwortete er kalt.
Trent Cavendish erstarrte. Er sah überwältigt aus. Ein Ausdruck, den Xavier seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Genau genommen hatte er gar keinen Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen, seit er ihn vor so vielen Jahren verlassen hatte.
Trents Überraschung legte sich schnell und in seinen Augen schimmerte Lust, während sein Blick Xaviers Körper scannte.
„Fuck, Baby“, flüsterte Trent, seine Stimme rau.
‚Fuck‘ war der richtige Ausdruck. Er zog das Pech wirklich an, dass ihm ausgerechnet sein Exfreund von der Highschool über den Weg laufen musste. Der Typ, der ihm das Herz herausgerissen, darauf herum getrampelt war und dabei noch seine Familie und seine Prinzipien beleidigt hatte. Zwölf Jahre hatten den Schmerz gedämpft, aber nicht den Zorn.
Xavier zuckte zurück und zischte ärgerlich, als Trents Finger sich in seinem Haar verfingen und daran zogen.
„Tut mir leid“, murmelte Trent.
Sein Ex vibrierte vor Spannung, ließ seine Finger aber locker und zog sie vorsichtig zurück. Sie glitten aus Xaviers Haar und tanzten einen Moment länger als nötig über die erhitzte Haut in seinem Nacken, ehe er sie ganz wegnahm.
„Darf ich dich zu einem Drink einladen“, fragte Trent, als gäbe es da keinen Berg von Altlasten zwischen ihnen. Das machte Xavier nur wütender. Warum verhielt sich das Arschloch so, als wäre es ihm egal, dass Xavier wieder in seinem Leben aufgetaucht war? Als hätte er nicht etwas Gutes … Nein, etwas Großartiges weggeworfen, ohne sich noch einmal umzudrehen?
„Jetzt hör mir mal gut zu, du Hurensohn“, knurrte er.
Trent zog die Augenbrauen hoch und Xavier spürte einen Hauch von Schuldgefühlen. Er hatte Trents Mutter kennengelernt. Es war nicht richtig, ihn so zu nennen.
„Okay, dann nicht Hurensohn, das ist nicht wahr. Aber Scheißkerl, Vollidiot, Arschloch … Such dir etwas aus.“
„Arschloch, schätze ich?“
Xavier verdrehte die Augen, weil Trent amüsiert klang.
„Na schön, das eher nicht. Denn unter den richtigen Umständen mag ich Arschlöcher.“
Trent grinste. „Aber heute Nacht willst du keines. Richtig?“
Der Scheißkerl hatte ja sowas von recht.
Noch ehe Xavier sich eine Antwort ausdenken konnte, packte Trent ihn am Handgelenk und zog ihn zur Tanzfläche. Ihre Getränke blieben vergessen an der Bar zurück.
„Was zum Teufel soll das?“
„Tanz einfach mit mir.“
„Du kannst mich mal!“
„Gott, bitte, ja, jederzeit“, antwortete Trent und schob Xavier an den Hüften vorwärts.
So sehr Xaviers Mund auch protestierte, er konnte seinen Körper nicht dazu bringen, ihm zu gehorchen. Er bewegte sich mit Trent mit, ihre Körper verfielen in ein vertrautes Muster und ihre Hüften wiegten sich synchron. Trent war voller Gegensätze. Dunkles Haar fiel in seine Stirn und flatterte um blaue Augen, die von langen Wimpern umrahmt waren. Die Bartstoppeln an seinem markanten Kinn hoben sich von seiner blassen Haut ab. Er war Licht und Schatten und seine Augen und Lippen bildeten Farbtupfer. Xavier konnte nicht leugnen, dass er verdammt sexy war.
In den Jahren seit ihrer Trennung war Trent nur noch attraktiver geworden. In der Highschool war er dünn und schlaksig gewesen, mit einem kindlich runden Gesicht. Schlank war er immer noch, aber er hatte eindeutig an seinem Körper gearbeitet und seine Muskeln bewegten sich beim Tanzen unter seinem Shirt. Auch sein Gesicht war reifer geworden. Es ließ ihn im besten Sinn älter aussehen. Ein heißer Typ in der Blüte seines Lebens.
Sein Ex strahlte Selbstvertrauen aus, wie er es schon immer getan hatte. Selbst als Teenager war er sich seiner Zukunft so sicher gewesen. Inzwischen war er zweifellos der Chirurg, der er hatte werden wollen.
Xavier dagegen blieb zu Hause, um seine Familie zu unterstützen und Bäume zu pflanzen. Vielleicht hatte Trent damals recht gehabt, seine Prioritäten zu hinterfragen. Er war dreißig und erst jetzt in seinem letzten Jahr auf der Krankenpflegeschule.
„Ich kann es nicht glauben“, sagte Trent und deutete Xaviers Körper entlang. „Du bist so heiß.“
Ein Flattern in seinem Bauch warnte Xavier, dass es Zeit für den Rückzug war. Er wollte seinem Ex zeigen, was er verpasst hatte, statt es ihm auf einem Silbertablett zu servieren.
„Zu dumm, dass ich ein Versager ohne Ambitionen bin“, sagte Xavier, auch um sich selbst daran zu erinnern, warum es eine furchtbare Idee wäre, mit Trent ins Bett zu gehen. Es würde das letzte Bisschen Stolz zerstören, das er noch hatte.
„Ach sei doch nicht so“, sagte Trent mit einem verführerischen Lächeln.
Arschloch.
Xavier fand die Kraft, sich loszureißen. Er drehte sich um und drängte sich durch die tanzenden Körper und an den Paaren an der Bar vorbei zum Ausgang. Er war nicht länger in der Stimmung, jemanden abzuschleppen. Sein Ex hatte ihm die ganze Nacht versaut.
Verdammt, ich hätte dringend etwas Stressabbau gebraucht. Jetzt bin ich noch angespannter als vorher.
Beim Ausgang holte Trent ihn ein. „Warte, Xav!“
„Was?“, fragte er zornig und brauchte seine ganze Selbstbeherrschung, um nicht zu schreien. Oder Trent eine zu scheuern. Aber er war knapp davor.
„Komm mit zu mir.“
„Verpiss dich.“
„Dann auf einen Kaffee. Wie wäre es mit Kaffee?“
Trents Stimme klang nicht mehr sexy und seine Augen sahen Xavier fast flehend an. Aber das konnte nicht sein. Er wollte Xavier nur in seine Sexfalle locken.
„Wir können uns austauschen. Ich weiß gar nichts mehr von dir.“
Xavier schnaubte. „Ich bin kein Arzt und ich werde nie einer sein. Das war alles, was dich interessiert hat, als wir achtzehn waren, das ist auch alles, was du jetzt wissen musst.“
„Komm schon, Xav. Sein ein bisschen nachsichtig mit mir.“
Wohl kaum. Trent hatte auch keine Nachsicht mit ihm gehabt, als Xavier seinen Verpflichtungen gegenüber seiner Familie den Vorzug vor einem gemeinsamen Studium mit seinem Freund gegeben hatte. Nein, er war gegangen und genau das hatte Xavier jetzt auch vor.
Er drückte die Tür auf und trat in die frische Abendluft, die sich nach dem stickigen Inneren des Clubs angenehm kühl anfühlte. Er holte tief Luft und der Geruch von Abgasen und Alkohol ersetzte den Dunst aus Schweiß und Pheromonen, die ihm das Gehirn vernebelt hatten. Mit einem freieren Kopf machte er sich auf den Weg zu seinem verbeulten 1998er Honda Accord, mit Rost an den Kotflügeln und einer andersfarbig lackierten Tür auf der Fahrerseite. Kein Zweifel, Trent würde sein Auto ebenso mangelhaft finden wie seinen Lebenslauf. Scheiß auf ihn.
Er stieg ein, steckte den Zündschlüssel ein und zuckte zusammen, als Trent ans Fenster klopfte. Er drehte den Schlüssel so weit, dass er das Fenster gerade ein paar Zentimeter öffnen konnte.
„Entwickelst du dich zum Stalker? Muss ich mir Sorgen machen?“
Trent lächelte. Ein wenig schief und viel zu charmant für einen Typen, den Xavier so viele Jahre gehasst hatte.
„So, wie unsere Beziehung geendet hat, das war …“ Er brach ab, weil er scheinbar nicht die passenden Worte fand. „Ich möchte es wieder gut machen. Besser sogar.“
Xavier startete den Motor. „Du verschwendest deine Zeit.“
„Ich habe einen Job in Ashe angenommen. Was glaubst du, warum ich zurückgekommen bin?“, sprach Trent lauter, um den Motor zu übertönen. „Wegen des Geldes jedenfalls nicht.“
„Du hast eine Familie in Ashe.“
„Meine Eltern sind vor drei Jahren nach Florida gezogen.“
Xavier starrte leer vor sich hin, bis Trent leise fluchte.
„Deinetwegen, Xavier. Ich bin zurückgekommen, um zu sehen, ob wir es noch einmal miteinander versuchen könnten. Oder uns wenigstens versöhnen, weißt du?“
Es war zu viel. Xavier war sauer, traurig, gestresst und so verdammt müde. Die Krankenpflegeschule mit dem Unterricht, den Laborstunden und dem Praktikum an der Klinik war auch ohne einen Teilzeitjob und eine Familie, die seine Unterstützung brauchte, kein Zuckerschlecken. Selbst wenn er Trent hätte zuhören wollen, hätte er nicht die nötige emotionale Energie. Und er wollte nicht.
Die Emotionen zogen seine Brust zusammen und er war entschlossen, es Trent nicht zu zeigen. Er brachte die leise, zweifelnde Stimme in seinem Kopf zum Schweigen, die vielleicht sagte. Vielleicht hatte Trent sich geändert. Vielleicht war er jetzt ein besserer Mensch.
Vielleicht wäre er toll im Bett. Nein, das war kein Vielleicht. Das wusste er aus Erfahrung und damals war Trent eine unerfahrene Jungfrau gewesen.
Nein. Xavier schob diesen Gedanken weg. Wenn Trent wirklich seinetwegen zurückgekommen war, dann gab es keinen Grund, warum sie einander zufällig in einem schwulen Nachtclub über den Weg laufen würden. Trent hatte vielleicht nicht seine Adresse oder Telefonnummer, aber er wusste, wo Xaviers Großmutter lebte. Er war in ihrer Schulzeit oft genug zu Besuch gewesen. Xavier kaufte Trent die Geschichte nicht ab, die er ihm da auftischte.
Er wollte nur einen Fickpartner. Womöglich auch in Erinnerungen schwelgen. Keinesfalls war Trent Cavendish, Doktor Trent Cavendish inzwischen, nach Ashe in Kansas zurückgekehrt, um wieder mit seiner ersten Liebe zusammen zu sein. Sowas passierte nicht.
Xavier legte den Gang ein. „Wie gesagt, verschwende nicht deine Zeit.“
Er drückte das Gaspedal durch, düste aus dem Parkplatz und ließ den ersten Mann, den einzigen Mann, den er je geliebt hatte, zurück.
Kapitel 2
November
Ach du Scheiße.
Xavier stoppte seinen Laufschritt und starrte geradeaus. Er war ohnehin spät dran. Nur mit Mühe war er seinem Gärtnereijob entkommen und die Beschwerden seines Vorarbeiters, dass sein Stundenplan so begrenzt war, klangen noch in seinen Ohren nach. Aber er erstarrte, als er am anderen Ende des Flurs Dr. Trent Cavendish sah, wie er mit der Krankenschwester sprach, die für Xavier verantwortlich sein würde, während er an der Poliklinik sein Praktikum absolvierte. Der weiße Mantel stand ihm gut.
Trent entdeckte ihn und drehte sich mit einem erstaunten Ausdruck in seine Richtung.
„Hi“, sagte er, als Xavier zögernd näherkam. „Bist du hier, um mit mir zu reden? Ich ziehe hier noch ein paar Stunden meine Runden.“
Xavier war sprachlos. Er hatte nie im Leben damit gerechnet, seinen Ex im Ambulatorium zu treffen. Ihm war klar gewesen, dass Trent ihm irgendwann über den Weg laufen würde, wenn er Praxisstunden in den diversen Abteilungen des Krankenhauses leistete. Er hatte angenommen, dass diese unangenehme Begegnung in der Chirurgie passieren würde, nicht hier.
„Arbeitest du hier oder ist das eine Konsultation?“, fragte Xavier.
Er ist sicher nur für eine chirurgische Konsultation hier …
„Ich bin als Allgemeinmediziner hier tätig.“
„Aber …“
Als Trent sein Medizinstudium begonnen hatte, war er Feuer und Flamme gewesen, Chirurg zu werden. Er war ehrgeizig und entschlossen. Die frei zugängliche Ambulanz, die das Krankenhaus vor einem Jahr eröffnet hatte, nachdem das Hauptambulatorium der Gemeinde wegen des Verdachts auf Versicherungsbetrug in Misskredit geraten war, war so ziemlich der letzte Ort, an dem Xavier ihn erwartet hätte.
„Hast du hier einen Termin, Xavier?“, fragte Trent, der seine Verwirrung falsch interpretierte. „Dann musst du am Empfang einchecken.“
„Oh, du bist Xavier!“ Die Krankenschwester mit dem Namensschild Hayleigh lächelte ihn an. „Ich habe dich erwartet. Das Schwesternzimmer ist gleich da hinten“, sagte sie und deutete über ihre Schulter.
„Du arbeitest hier?“, fragte Trent überrascht.
Xavier hatte nicht genug Zeit gehabt, um seine Jeans und seine Jacke gegen den Kittel zu tauschen, den er im Krankenhaus trug. Dazu schleppte er einen Rucksack mit seinem Laptop und einem Haufen Bücher herum, die er am Abend für den Unterricht brauchen würde. Also konnte er Trent keinen Vorwurf für das Missverständnis machen, aber der ganze Groll der Vergangenheit kam wieder hoch und brachte ihn auf die Palme.
„Xavier ist unser Azubi“, sagte Hayleigh. „Ich glaube, ich habe erwähnt, dass wir heute einen erwarten.“
„Ja richtig.“
„Ich kann ja nicht immer als Landschaftsgärtner arbeiten“, sagte Xavier angespannt. Du wirst am Ende für den Rest deines Lebens Rasen mähen. Trents zornige Worte bei ihrer Trennung vor all den Jahren hallten aus Xaviers Erinnerung.
Trent zuckte zusammen. Er erinnerte sich offenbar auch an die Worte, die er Xavier entgegen geschleudert hatte, als sie beide achtzehn waren.
Hayleigh bemerkte die Spannung zwischen ihnen nicht. „Hast du dort solche Arme bekommen? Solche Muskeln sieht man nicht an vielen Krankenpflegern oder auch bei Ärzten. Die werden sicher gut ankommen.“
Xavier musste über Trents entrüsteten Blick beinahe lachen. Er wusste nicht, ob es daran lag, dass Hayleigh unterschwellig mit ihm flirtete, oder daran, dass sie angedeutet hatte, der Rest der Belegschaft, Trent eingeschlossen, wäre irgendwie mangelhaft ausgestattet. In jedem Fall genoss er es, Trent zu ärgern.
„Ich sollte meine Sachen verstauen, damit ich anfangen kann“, sagte Xavier. Er streckte Trent die Hand hin, als würden sie einander zum ersten Mal begegnen. „Ich freue mich darauf, mit Ihnen zu arbeiten, Doktor Cavendish.“
Xavier war stolz auf sich, weil er so cool geblieben war. Er war vielleicht kühl und distanziert, aber er war wenigstens nicht leicht rumzukriegen. Seine Freunde behaupteten, er sei übertrieben nachgiebig. Aber wenn Trent seine Vergebung wollte, würde er dafür arbeiten müssen.
Trent spielte mit und ergriff seine Hand. Xaviers Arm kribbelte von der Berührung. Die Chemie zwischen ihnen war noch da, aber das hatte er schon gewusst, als Trent ihn im Sommer in dem Nachtclub berührt hatte.
„Es ist gut, dich zu sehen, Xavier. Lass mich wissen, wenn ich etwas tun kann, um deine Zeit bei uns angenehmer zu gestalten.“
Sein Ton war neutral, aber Xavier konnte nicht umhin, zwischen den Zeilen zu lesen. Er senkte den Blick und kämpfte dagegen an, rot zu werden. Er war noch nie so dankbar gewesen, dass sein Hautton wenig davon zeigte.
„Danke“, murmelte er, bevor er sich verdrückte, um seine Sachen wegzupacken und danach mit Hayleigh Patienten aufzusuchen.
Trents Reaktion auf sein abweisendes Verhalten verwirrte und verunsicherte ihn. Statt den Köder zu schlucken, hatte er seltsam aufrichtig geklungen, als er Xavier seine Hilfe angeboten hatte. Das war nicht der Trent von vor zwölf Jahren, an den er sich erinnerte.
Am Tag ihrer Abschlussfeier war es unter der Sonne von Kansas sengend heiß gewesen. Und unter ihren akademischen Hüten und Umhängen ihrer Highschool. Xavier und Trent stahlen sich vom Sportplatz davon, auf dem die Feier stattgefunden hatte, um einen Moment allein sein zu können. Trent wollte ihn küssen, aber Xavier hielt es kurz. Sie mussten reden und das würde nicht passieren, wenn sie zu knutschen anfingen.
„Ich muss dir etwas sagen“, stellte Xavier nachdrücklich fest.
„Was?“, fragte Trent mit einem Lächeln. In Gedanken war er offenbar schon ein paar Schritte weiter, als er eine Hand auf Xaviers Taille legte.
„Ich kann in diesem Herbst nicht mit dir aufs College gehen.“
Trent trat zurück. „Was? Warum?“
„Meine Familie braucht mich. Twaylas Mann hat sich abgesetzt und du weißt doch, dass sie zwei kleine Kinder hat. Und Großmutter hat nach einem Ohnmachtsanfall gerade erst die Diagnose bekommen, dass sie Diabetes hat. Vielleicht nächstes Jahr …“
„Soll das ein Witz sein, Xavier? Wir reden hier über dein Leben! Dass deine Schwester mit irgendeinem Arschloch zwei Kinder in die Welt gesetzt hat, ist nicht dein Problem. Was ist mit deiner Zukunft? Was ist mit mir?“
„Mit dir?“
Trent schubste ihn. „Ja, mit mir, deinem Freund? Ich dachte, wir ziehen das zusammen durch. Ich dachte, wir wollen dasselbe.“
„Das tun wir auch!“, sagte Xavier und fühlte sich schuldig. „Es ist ja nicht für immer, Trent. Aber ich kann jetzt gerade nicht weg. Sie brauchen mich.“
„Ich brauche dich auch, aber ich schätze, das ist nicht so wichtig wie die falschen Entscheidungen deiner Schwester.“
„Lass meine Schwester aus dem Spiel.“
„Verdammt, Xavier! Du wirfst deine Zukunft weg und wirst am Ende für den Rest deines Lebens Rasen mähen. Wenn du das willst, dann bleibt für uns nicht viel übrig, nicht wahr? Du bist einfach nur ein weiterer Kleinstadtersager, der keine Ambitionen hat. Und ich date keine Verlierer.“
„Das glaube ich jetzt nicht …“ Xaviers Stimme versagte. Er biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen die Emotionen an, die aus ihm heraussprudeln wollten. „Ich liebe meine Familie und sie brauchen mich. Was hat das alles für einen Sinn, wenn man die Menschen, die man liebt, einfach im Stich lässt?“
„Aber du lässt mich im Stich, nicht wahr? Du lässt all deine Pläne im Stich. Unsere ganze Beziehung war eine Lüge. Alles, was wir einander versprochen hatten.“ Trent brach ab und fuhr sich frustriert durch die Haare. „Vergiss es einfach. Wenn du aussteigst, bin ich auch draußen.“
„Komm schon, Trent, wir können doch für ein Jahr eine Fernbeziehung führen. Und dann vielleicht …“
„Vielleicht?“, fauchte Trent. „Du stellst auch schon das nächste Jahr in Frage? Nein, Xavier. Genau so kommen Leute nie aus Kleinstädten raus. Ich werde nicht warten. Es ist jetzt oder nie.“
„Ich schätze, dann ist es nie“, flüsterte Xavier.
„Sieht so aus.“
Xavier schüttelte die Erinnerung ab und steckte seine Sachen in einen Spind. Er musste sich auf wichtigere Dinge als Trents Verhalten konzentrieren. Er konnte immer schon sehr charmant sein, wenn er etwas wollte. Und er hatte sehr direkt gesagt, dass er mit Xavier Sex wollte, als er ihn vor Monaten in dem Nachtclub erkannt hatte. Aber Xavier würde sich nicht als bequemer Fick zur Verfügung stellen. Sich auf die Chance zu stürzen, wieder mit Trent zusammen zu sein, war unter seiner Würde.
Der Mann war seine erste Liebe und seine längste, ernsthafteste Beziehung gewesen. Er hatte Xavier auch mehr verletzt als all die Typen, die danach gekommen waren und ihn fallengelassen hatten.
Er hatte einfach verdammtes Pech mit Männern. Es war besser, sich auf die Krankenpflege zu konzentrieren.
***
Trent beobachte, wie Xavier James davon ging. Ein Muster, das sich scheinbar wiederholte. Er hielt sich an der Geschichte fest, dass Xavier gegangen war. Aber Trent musste zugeben, dass er es war, der ihre Beziehung in einem Anfall von Zorn über Bord geworfen hatte. Er hatte sich betrogen gefühlt, als Xavier ihre Pläne, gemeinsam aufs College zu gehen, durcheinander gebracht hatte. Er war zu dieser Zeit bis zur Besessenheit auf seine Zukunft ausgerichtet gewesen und im Rückblick war ihm selbst das Aufrechthalten einer Beziehung mit jemandem zu Hause unmöglich erschienen.
Er war achtzehn und unreif gewesen. Er hatte Prioritäten wie Familie nicht verstanden, weil sein Elternhaus eine kalte, leere Hülle gewesen war. Mit Eltern, die lieber reisten, als ihre Zeit mit einem Teenager zu verbringen. Sie waren schon Nestflüchter gewesen, als er das Nest noch gar nicht verlassen hatte.
Xavier sah gut aus. Er war viel konservativer gekleidet als er es im Club gewesen war, und er hatte eine andere Frisur. Statt Locken, die beinahe schon ein Afro waren, hatte er nun Dreadlocks. Wenn man bedachte, wie dicht sein Haar gewesen war, hatte er es in kurzer Zeit auf eine ganz beachtliche Länge gebracht. Auch mit dem veränderten Aussehen und ohne Spitze und Lippgloss fand Trent ihn verdammt attraktiv.
Insofern Xavier nicht ein wenig auftaute, würde es die reine Folter sein, Woche für Woche neben ihm arbeiten zu müssen. Wenn er ihn nur dazu überreden könnte …
„Doktor?“, unterbrach Hayleigh seine Gedanken. „Der Patient in Untersuchungsraum 2 ist dran.“
Er nickte und kam wieder in die Gänge. „Ich bin gleich da.“
Er schob seine Bedenken in Hinblick auf Xavier vorsichtig zur Seite und konzentriere sich auf seine Arbeit. Denn sie war wichtig. Die Patienten, die in die Poliklinik kamen, hatten oft keine regelmäßige medizinische Versorgung. Deshalb war es unbedingt nötig, dass Trent bei den Untersuchungen besonders aufmerksam war. Denn ohne Vorsorgeuntersuchungen, konnte er leicht tiefer liegende gesundheitliche Probleme übersehen.
Wenn er ehrlich war, hatte er nicht gedacht, dass ihm der Job besonders Spaß machen würde. Er hatte ihn als Ausweg aus einem Leben gesehen, in dem er sich auf die ganz falschen Dinge konzentriert hatte. Aber die Arbeit im Ambulatorium ließ ihn mit einer ganz neuen Wertschätzung an die Zeiten denken, als Xavier über seine Träume gesprochen hatte, mehr weitreichende Versorgungsarbeit in die Gemeinde zu bringen. Selbst mit ‚Medicaid‘ und anderen staatlichen Gesundheitskonzepten, gab es Lücken in Flächendeckung und Erreichbarkeit. Es würde immer Leute geben, die durch das Raster fielen.
Trent schob den Vorhang zur Seite, betrat Untersuchungsraum 2 und lächelte die Frau mittleren Alters an, die an dem Tisch saß.
„Wo liegt denn das …“
Ein heftiges, rasselndes Husten unterbrach ihn.
„Ah, ich sehe schon“, sagte er sanft. „Wie lange geht das schon so?“ Er schnappte sich einen Hocker mit Rädern und rollte herüber, während er Hayleighs Aufzeichnungen über die Symptome checkte. Dann machte er sich an die Arbeit, die ebenso bedeutend war wie Chirurgie.
Manchmal juckte es ihn in den Fingern, weil er es vermisste, ein Skalpell zu halten, aber damit konnte er leben. Seelisch ging es ihm so viel besser damit, Leuten zu helfen, ohne die Belohnung eines sechsstelligen Einkommens und die Anerkennung für eine neue Operationstechnik.
Die Rückkehr nach Ashe hatte ihm noch nicht annähernd alles gebracht, was er wollte. Aber es war die richtige Entscheidung gewesen, dessen war er sich sicher.
***
Hayleigh hielt Xavier auf Trab. Sie wogen Patienten ab, überprüften ihren Puls und ihren Blutdruck. Sie machten Notizen über ihre gesundheitlichen Sorgen und gaben sich Mühe, ein wenig gründlicher zu sein, als Xavier es von seinen eigenen Arztbesuchen in Erinnerung hatte. Als er sie darauf ansprach, betonte Hayleigh, dass ihre Patienten keinen Hausarzt hatten. Da sie keinen regelmäßigen Zugang zu medizinischer Versorgung hatten, mussten auch die schwächsten Symptome sorgfältig notiert werden.
Das war einleuchtend. Es machte Xavier ein wenig traurig, dass Menschen in Zeiten wie diesen ohne Vorsorge auskommen mussten, von der ihr Überleben abhängen konnte. Für viele von ihnen würde eine ernste Diagnose wie Krebs viel zu spät kommen, um ihr Leben noch retten zu können. Er hatte das bei seinem eigenen Vater erlebt, was einer der Gründe war, warum er in dieser Klinik arbeiten wollte. Gemeindevorsorge war sein Schwerpunkt geworden, weil sein Vater nur drei Monate nach einer Krebsdiagnose gestorben war, als Xavier acht Jahre alt war. Tyrel James hatte es immer aufgeschoben, zum Arzt zu gehen, bis er in einem wirklich schlimmen Zustand war. Doch da war es schon zu spät. Das war einer der Gründe, warum Xavier ursprünglich Arzt werden wollte. Damit er dieses Schicksal dem Vater eines anderen kleinen Jungen vielleicht ersparen könnte.
Nach seinem Schulabschluss hatte seine Familie ihn gebraucht und sie brauchte ihn immer noch. Er hatte ohnehin nicht die finanziellen Mittel, um Medizin zu studieren. Seine Oma hatte zwar ein wenig Geld für seinen Collegebesuch angespart, aber es war nicht annähernd genug. Er hatte nicht geschafft, sich für das Stipendium zu qualifizieren, das er unbedingt gebraucht hätte, und er war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt so viel an Darlehen hätte auftreiben können, um ein Studium zu finanzieren.
Er hatte diese Bedenken damals aber nicht mit Trent geteilt, denn als sein Ex damit begonnen hatte, Xaviers Familie zu beleidigen, hatte er ihm nicht noch mehr Munition liefern wollen. Geld hin oder her, Xavier hätte sich immer für seine Familie entschieden.
Er brachte auf Hayleighs Anweisung noch eine Urinprobe ins Labor und beendete seine Schicht, ohne Trent noch einmal über den Weg zu laufen.
Ein Glück, denn er würde eine Zusammenarbeit mit Trent sehr viel besser bewältigen, wenn ihre Interaktion auf ein Minimum beschränkt blieb.
Ihre erste Begegnung im Club hatte ihn bereits aus der Bahn geworfen. Er war so durch den Wind gewesen, dass er eine Woche später sogar versucht hatte, bei seinem Mitbewohner zu landen, weil er gehofft hatte, Trent so aus dem Kopf zu bekommen. Dabei hatte er fast seine Freundschaft mit Zane aufs Spiel gesetzt, und er würde Trent keinesfalls noch einmal erlauben, ihn so durcheinander zu bringen.
In seiner Freitagnachmittagsschicht geriet er doch in die Zwangslage, sich mit Trent unter vier Augen auseinandersetzen zu müssen. Er hatte wie üblich seine Praxisstunden absolviert, sich abgemeldet und war noch rasch zur Toilette gegangen, ehe er seine Sachen holen wollte.
Trent stand an einem der Pinkelbecken mit seinem Schwanz in der Hand. Er hatte sich aber ein wenig von der Tür weggedreht, sodass Xavier nichts sehen konnte. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass der Mann vor ihm stand und seinen Schwanz in der Hand hielt.
Xaviers Schuh quietschte auf dem Fliesenboden. Sein Schuh, nicht seine Stimme. Er würde bis zu seinem Lebensende an dieser Version der Geschichte festhalten.
Trent sah auf und ihre Blicke begegneten sich im Spiegel.
Verdammt. Mir ist einfach keine Pause vergönnt.
Trent hatte den weißen Mantel abgelegt und sich umgezogen. Nun trug er Jeans, die seinen Hintern betonten und ein Henley-Shirt, das sich vorteilhaft an seinen Oberkörper schmiegte. Er sah verdammt gut aus. Eigentlich genauso gut wie im letzten Sommer in dem Nachtclub. Xavier fragte sich für einen Moment, ob Trent vorhatte, auszugehen. Es war ein Wochentag, aber davon ließen sich manche Leute nicht abhalten. Zum Teufel, vielleicht hatte Trent ja jede Nacht einen anderen Kerl. Bei dem Gedanken verkrampfte sich Xaviers Magen.
Das Geräusch eines Reißverschlusses holte ihn aus der Abwärtsspirale seiner Gedanken, die er ohnehin nicht allzu genau erforschen wollte.
„Ich wollte nur …“ Xavier deutete auf die Kabinen, drehte sich am Absatz um und eilte auf eine zu.
Kaum dass er drinnen war, schlug er sich auf die Stirn. „Ich bin so dämlich“, flüsterte er, weil er nicht wollte, dass sein Ex dachte, er wäre verrückt genug, auf dem Klo Selbstgespräche zu führen. Er verdrehte die Augen, ermahnte sich in Gedanken, öffnete rasch seinen Reißverschluss und erledigte das Geschäft, das ihn hergeführt hatte.
Als er die Tür öffnete, stand Trent direkt vor ihm.
„Bist du für heute fertig?“, erkundigte er sich.
Xavier nickte, weil ihm die Worte fehlten, als sein Blick über Trents Körper wanderte. Seine breiten Schultern und die starke Brust unterschieden sich so sehr von der Vergangenheit. Trents Shirt betonte seine Oberarme und Brustmuskeln und brachte seinen schlanken aber trainierten Körper gut zur Geltung.
Sein selbstzufriedenes Lächeln machte deutlich, dass Xavier ihn nicht besonders unauffällig gemustert hatte.
Er wartete darauf, dass Trent sich zur Seite bewegte, aber das tat er nicht. Ihre Blicke trafen sich und er betrachtete Xavier aufmerksam.
„Kann ich etwas für Sie tun, Doktor?“, fragte er in seinem besten professionellen Tonfall.
„Oh ja“, antwortete Trent, legte eine Hand in Xaviers Nacken und zog ihn zu sich. Xavier gelang es nicht, sich zu wehren. Er überließ Trent seinen Mund und atmete scharf ein, als dessen Lippen seine eigenen nach mehr als zehn Jahren zum ersten Mal wieder berührten. Es war neu, aber auch vertraut. Trent schmeckte noch genauso wie früher. Eine Erinnerung an Stunden, die sie nach dem gemeinsamen Lernen bei ihm oder bei Trent zu Hause küssend verbracht hatten, drängte an die Oberfläche. Meist war es Trents Haus gewesen, denn seine Eltern waren nicht oft da, und sie konnten ungehindert knutschen.
Dieses flüchtige Bild von ihnen, umschlungen in Trents Kindezimmer, reichte aus, um Xavier wieder zur Vernunft zu bringen.
Er zog sich zurück, obwohl seine Lippen vor Sehnsucht nach mehr Kontakt brannten.
„Geh mit mir etwas trinken“, sagte Trent.
„Ich kann nicht.“
„Bitte, Xav. Gib mir eine Chance, es wiedergutzumachen.“
Xavier unterdrückte ein Lachen. „Geht es darum? Für mich hat es eher danach ausgesehen, als wolltest du mir an meine Krankenpflegerwäsche gehen, Doktor.“
Trent kicherte und sah selbst dann noch verlegen aus, als er Xavier von Kopf bis Fuß musterte. „Sogar dieses Zeug sieht an dir gut aus. Ich hätte es nicht für möglich gehalten.“
Xavier lachte. „Tut es nicht. Der Kuss hat dir nur das Hirn vernebelt.“
„Das kann ich nicht leugnen“, sagte er und der Klang seiner Stimme wurde tiefer und intimer. „Verdammt, du würdest jeden schwulen Mann durcheinanderbringen. Wie kommt es, dass du noch Single bist, Xavier?“
Xavier verspannte sich. Er hatte sich von Trents Aussehen und seiner rauen Stimme ablenken lassen. Aber er würde nicht zulassen, dass das so weiterging.
„Es liegt jedenfalls nicht daran, dass ich es nicht versuche“, erklärte er direkt. „Ich war seit dir mit vielen Männern zusammen, Trent. Und es werden noch mehr werden. Aber du und ich? Das ist vorbei.“
Trents Augen blitzten auf und auch an diesen Blick erinnerte er sich von ihrem letzten Schultag. Trent war sauer.
„Der Kuss hat etwas anderes gesagt.“
„Wir müssen zusammen arbeiten“, sagte Xavier steif. „Ich schlage vor, du bleibst professionell, Doktor Cavendish. Wenn du auf der Suche nach einem Fickpartner bist, dann such ihn dir woanders.“
„Ich bin nicht …“ Er brach ab, als Xavier endlich den Versuch aufgab, auf Abstand zu bleiben, und sich an Trent vorbeizwängte. „Verdammt, Xav! Es ist nicht fair, dass du unsere Jobs ins Spiel bringst.“
„Das klingt nach Karma, oder?“, sagte Xavier, als er das Wasser anstellte und seine Hände unter den Strahl hielt. „Du hast mich deiner Karriere wegen verlassen und jetzt kannst du mich aus demselben Grund nicht zurückhaben.“
„Ich glaube nicht, dass das auch nur ansatzweise der Grund ist.“
„Glaub, was du willst, aber bleib professionell, okay? Ich will keine Beschwerde einreichen müssen.“
Trent trat einen Schritt zurück und sah verletzt aus. Xavier beobachtete ihn im Spiegel, aber er drehte sich nicht zu ihm, um Blickkontakt herzustellen. Er seifte sich die Hände ein, spülte sie ab und trat zur Seite, um sie mit einem Papierhandtuch zu trocknen, als Trent wieder das Wort ergriff.
„Das würdest du wirklich tun?“, fragte Trent und klang hilflos. „Ich versuche doch nur, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.“
„Das behauptest du die ganze Zeit“, sagte Xavier und sah ihn endlich an. Er nahm all seine Selbstsicherheit zusammen und zuckte so beiläufig mit den Schultern, als würde ihn diese Unterhaltung nicht gerade innerlich zerreißen. „Du wirst einen Weg finden müssen, wie du das tun kannst, ohne mit mir zu schlafen.“
***
Trent stand ausgehfertig in einer öffentlichen Toilette und sah Xavier hilflos nach. Sein Ex hatte ihn heftig abblitzen lasse. Er hatte ihn nicht nur zurückgewiesen, er hatte ihm verboten, auch nur zu versuchen, ihn zurückzugewinnen.
Vielleicht war es ein Fehler gewesen, nach Ashe zu kommen. Er hatte auf einen Neubeginn mit Xavier gehofft. Ihm war klar, dass sie vielleicht nicht an die Liebesbeziehung anknüpfen konnten, die sie zwölf Jahre zuvor gehabt hatten, aber er hatte gehofft, wenigstens wieder gut mit ihm auszukommen.
Xavier war nicht sein einziges Ziel gewesen, als er die Chirurgie verlassen und neu angefangen hatte, aber er war ein wesentlicher Anreiz. Was, wenn er den Operationssaal hinter sich gelassen hatte, ausgeglichener und weniger egoistisch geworden war, und am Ende doch allein blieb?
Er konnte den Nachgeschmack von Xaviers Kuss noch immer auf seinen Lippen fühlen.
Zu aufdringlich. Du warst wieder mal größenwahnsinnig, Cavendish.
Nachdem er sich auch die Hände gewaschen hatte, verließ Trent den Waschraum. Er kam sich komisch vor, als er durch die Klinik ging und sich von den Mitarbeitern, die noch da waren, verabschiedete. Er konnte fühlen, wie sie seine lässige Kleidung musterten, die er sonst nie zur Arbeit trug.
Die Schwester am Empfang kicherte. „Haben Sie heute Abend ein heißes Date, Doc? Sie sehen gut aus.“
Trent blieb am Schalter stehen, um nicht unhöflich zu sein. Er überlegte, was er sagen sollte. Auf keinen Fall würde er dazu beitragen, Gerüchte in die Welt zu setzten, die Xavier dann vielleicht zu hören bekam.
„Nein, ich sehe mich nur ein bisschen in Ashe um. Ich bin immer noch neu hier. Vielleicht sehe ich mich in der Buchhandlung um oder gehe ins Kino.“
„Sie führen ja ein aufregendes Leben.“
Trent lachte. „Na ja, ich bin ein genesender Workaholic. Geben Sie mir ein bisschen Zeit, um mich einzuleben.“
Rachel lächelte. „Das werde ich. lassen Sie mich wissen, wenn sie irgendwann was essen gehen wollen.“
„Oh, ähm …“
„Nur als Freunde!“, rief sie und wurde rot. Sie senkte ihre Stimme. „Ich weiß, dass sie mehr auf den neuen Pflegeschüler stehen.“
Trent zuckte zusammen. „Ist das so offensichtlich?“
Sie nickte. „Sie müssen sich keine Sorgen machen, weil wir wissen, dass Sie schwul sind. Ich weiß schon, dass Ashe eine kleine Stadt ist, aber so rückständig sind wir auch nicht. Obwohl manche der Patienten, die hier reinkommen …“
Trent winkte ab. „Ich verberge es nicht. Aber ich möchte nicht, dass irgendjemand denkt, zwischen mir und Xavier würde etwas laufen. Wir haben nur eine gemeinsame Vergangenheit.“
„Oh?“
Toll gemacht, Trent. Jetzt hast du eine ganz neue Runde Gerüchte in Umlauf gebracht. Xavier wird begeistert sein.
„Eine weit zurückliegende Vergangenheit“ fügte er hinzu. „Behalten Sie das bitte für sich. Ich möchte, dass alles professionell bleibt.“ Sie nickte und deutete an, dass ihre Lippen versiegelt wären. Er hoffte, sie würde ihr Wort halten, aber er wusste, wie viel unter den Mitarbeitern getratscht wurde. Er konnte nur die Daumen drücken und hoffen, dass er Xavier nicht noch einen weiteren Grund geliefert hatte, um auf ihn sauer zu sein.
Er schaffte es endlich nach draußen. Seine Nerven vibrierten immer noch von all dem Adrenalin, das in den letzten zwanzig Minuten durch seinen Körper geflossen war, als Xavier seinen Puls erst zum Rasen gebracht und er sich selbst dann zum Narren gemacht hatte.
Trent war unsicher, was er als Nächstes tun sollte. Er überlegte kurz, seine Hoffnungen auf Xavier zur Seite zu schieben und tatsächlich auszugehen. Er war schon dafür angezogen und er hatte es satt, seine Nächte allein zu verbringen.
Die gleiche Einsamkeit hatte ihn im Juni in den Eros getrieben. Er war mit realistischen Erwartungen bezüglich seines Ex nach Ashe gezogen. Er hatte viel wiedergutzumachen und ihm war klar gewesen, dass das nicht über Nacht passieren würde. Dass es vielleicht nie passieren würde. Deshalb hatte er Xavier nicht sofort aufgesucht. Bei dem Umzug war es nicht nur um Xav gegangen, sondern auch um Trents mentales und emotionales Wohlbefinden.
Er hatte vorgehabt, sich erst in seinem neuen Job einzuleben, sein Gleichgewicht zu finden und erst danach Xavier aufzusuchen.
Allerdings war er in einer Sommeracht einfach durchgedreht und in alte Gewohnheiten verfallen. Er hatte überlegt, sich über Grindr eine schnelle Affäre zu suchen, war dann aber zum Schluss gekommen, dass er nach Wichita fahren müsste, um jemanden zu finden. Außerdem war es ihm lieber, Männer persönlich zu treffen. Wenn man unangenehme Überraschungen vermeiden wollte, war es leichter, jemanden richtig einzuschätzen, der einem in einer Bar gegenüberstand, als ein Foto auf einem Bildschirm.
Also hatte er im Internet nach schwulen Nachtclubs gesucht und Club Eros ausgewählt. Dort hatte er einen Typen gesehen, der alle seine Knöpfe drückte. Sogar Knöpfe, von denen ihm nicht mal bewusst gewesen war, dass er sie hatte. Xavier war aber auch so verdammt sexy. Im Vergleich zu dem braven Basketballspieler, mit dem er in der Highschool zusammen gewesen war, hatte sein Ex sich ganz schön entwickelt. Und doch hatte er immer noch etwas von dieser gutmütigen Ausstrahlung. Als er ihn in Krankenhauskleidung und mit Patienten gesehen hatte, war Trent klar geworden, dass Xavier genau die richtige Haltung für einen Krankenpfleger hatte. Er war von Natur aus fürsorglich und hatte sich jahrelang um seine Familie gekümmert. Er hatte einfach immer ein großes Herz gehabt.
Xavier in dem Club zufällig über den Weg zu laufen, war ihm wie Schicksal erschienen. Trent war zu forsch aufgetreten und es hatte sich bitter gerächt. Genau wie heute.
Nein, er konnte Xavier nicht zurückgewinnen, indem er ihn nach Hause abschleppen wollte, oder indem er ihn in einer Toilette küsste.
Großer Gott, du könntest ein bisschen mehr Stil an den Tag legen.
Die letzten Worte, die er mit Xavier ausgetauscht hatte, fielen ihm wieder ein. Weil er sich nun auf mehr als nur auf die Enttäuschung der Zurückweisung konzentrieren konnte, gelang es ihm, zwischen den Zeilen zu lesen.
Ich versuche doch nur, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, hatte Trent gesagt.
Du wirst einen Weg finden müssen, wie du das tun kannst, ohne mit mir zu schlafen, hatte Xavier gesagt.
Da hatte er seine Antwort. Xavier hatte nicht gesagt, es wäre unmöglich, die Dinge in Ordnung zu bringen. Vielleicht wollte er sehen, dass es Trent um mehr als um Sex ging. Denn er hatte ihn beide Male, als sie allein gewesen waren, heftig angebaggert.
Es war Zeit für eine neue Taktik. Er musste einen Weg finden, mit Xavier auf eine bedeutungsvollere Weise wieder in Kontakt zu kommen. Er musste sich seine Vergebung verdienen.
Er lächelte grimmig, als er seinen Audi startete. Er würde einen Weg finden, Xavier zu beweisen, dass er ein anderer Mensch war, was auch immer dazu nötig wäre.
Ein Teil dessen war natürlich, sich auch wirklich zu ändern.
Keine Affären mehr, Cavendish. Du solltest dich mal besser wieder mit deiner rechten Hand anfreunden.
Kapitel 3
Xavier sank im Wohnzimmer auf einen Stuhl und legte die Hände um die Tasse mit heißem Tee, die seine Oma ihm anbot. Er lächelte müde. „Danke.“
Er schloss die Augen und sein Körper saugte die Wärme der Tasse auf, nachdem er in der eisigen Kälte die Auffahrt vor dem Haus seiner Großmutter freigeschaufelt und mit Salz bestreut hatte. Es hatte einen Schneesturm gegeben. Keinen großen, aber das Letzte, was seine Oma brauchte, war ein Sturz auf glattem Boden. Er hatte gesehen, wie das bei Leuten ihres Alters endete, und es ging selten gut aus.
Seine Großmutter schüttelte den Kopf. „Du arbeitest zu hart, Liebling.“
Er sah auf und bemerkte die fleckige Schürze, die sie immer trug, wenn sie am Sonntag das Essen kochte. Ihr blondes Haar war elegant silbrig ergraut. Nicht wie die melierte Mischung, gegen die viele Frauen ankämpften, indem sie ihr Haar färbten. Ihre blauen Augen waren vielleicht ein wenig trüber geworden, aber ihr Verstand und ihre Zunge waren so scharf wie immer.
„Da redet die Richtige“, neckte er sie. „Du kochst da drinnen wahrscheinlich wieder auf wie für ein Fest. Du weißt, dass es Twyla und mir nichts ausmache würde, wenn du mal einen Sonntag auslässt.“
„Ach was“, winkte sie ab. „Es ist eine Tradition. Eine Familie braucht gute Traditionen, die sie zusammenhält. Vergiss das nicht.“
„Du sagst das, als ob ich je eine eigene Familie haben würde. Ich bin dreißig, Oma. Der Zug ist vor einer langen Zeit abgefahren.“
Nämlich etwa, als ich achtzehn war.
Der Gedanke beunruhigte ihn und er schob ihn zur Seite. Er hatte seine Familie nicht derjenigen vorgezogen, die er vielleicht mit Trent gegründet hätte. Es war überhaupt nie als eine Wahl zwischen zwei Dingen gedacht gewesen. Trent hatte eine erzwungen.
Seine Oma verpasste ihm eine Kopfnuss.
Er zuckte zusammen. „Autsch.“
„Sag sowas nicht, Xavier. Du bist doch noch jung. Und jetzt geh dich waschen. Das Essen ist gleich fertig.“
„Ja, Oma“, sagte er leise und fühlte sich augenblicklich in seine Kindheit versetzt. Xaviers Eltern hatten jung geheiratet. Seine Mutter, Omas Tochter, war eines Tages mit einem anderen Mann abgehauen und hatte ihren Mann und die Kinder zurückgelassen. Sie hatte nie auch nur eine Geburtstagskarte geschickt. Aber seine Oma war auch schon der Mittelpunkt der Familie gewesen, bevor sein Vater an Krebs gestorben war.
Tyrel James hatte sein Leben lang hart gearbeitet. Er hatte seine Kinder geliebt und unterstützt, auch nachdem ihre Mutter sie verlassen hatte. Und er hatte seiner Schwiegermutter erlaubt, ein Teil ihres Lebens zu sein, obwohl ihre Tochter ihn betrogen hatte.
Als er gestorben war, war es nur natürlich gewesen, dass seine Oma sie aufgezog. Er war im Laufe der Jahre oft damit aufgezogen und dafür kritisiert worden, dass er bei einer weißen Frau aufwuchs. Ihm war gesagt worden, er würde sich zu sehr wie ein weißer Junge anhören und verhalten. Man hatte ihm vorgeworfen, er würde wie irgendein reicher Yuppy klingen, weil er seine Oma ‚Großmutter‘ nannte. Sie sagten ihm, er könne sich gar nicht vorstellen, was es heißt, ein echter Schwarzer Mann zu sein, obwohl jeder Mensch, dem er begegnete, zuerst den Schwarzen in ihm sah. Je nachdem, welche Vorurteile die Leute hatten, behandelten sie ihn dann entsprechend.
Letztlich war er mit all dem Mist vor allem deshalb klargekommen, weil seine Oma die einzige Mutter war, die er je hatte. Er würde zu ihr stehen, solange sie lebte.
Er trank seinen Tee aus und ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Auf dem Rückweg zog er seinem Neffen Beau die Ohrstöpsel aus den Ohren.
„Essen ist fertig. Mach, dass du da reinkommst, bevor Großmutter mit dem Kochlöffel hinter dir her ist.“
Beau zog die Mütze von seinem braunen Haar. Er war groß und schlaksig und geriet mehr nach seinem Vater als nach seiner Mutter. Dann packte Xavier die dreizehnjährige Maggie, warf sie über seine Schulter und lief mit ihr ins Esszimmer, während sie quietschte und auf seinen Rücken trommelte. Als er den Tisch erreichte, warfen seine Großmutter und Twyla ihm tadelnde Blicke zu.
Xavier ließ Maggie hinunter und setzte sich. Beau sah grinsend zu, wie seine Mutter Xavier in die Rippen boxte.
„Du könntest ein besseres Beispiel geben.“
Xavier zuckte mit den Schultern. „Es sind Kids. Lass sie ein bisschen Spaß haben.“
Sie nahmen ihre Plätze ein und reichten Bratkartoffeln, fritierte Hühnchenschnitzel mit weißer Sauce und Brötchen herum. Die Mahlzeiten seiner Oma waren nicht die gesündesten, aber dafür sehr lecker.
„Wie läuft es in der Schule?“, fragte Twyla. „Du machst jetzt Praxisstunden an den einzelnen Abteilungen des Krankenhauses, richtig?“
Er schluckte ein Stück Brot und nickte. „Ja.“
„Was ist denn los?“, erkundigte sich seine Oma sofort. „Ich höre doch an deinem Tonfall, dass etwas nicht stimmt.“
Xavier wich ihrem Blick aus und fühlte sich plötzlich wie ein Schulkind, das bei einer Lüge ertappt wird. Er war an sich nicht der Typ, der Dinge vor anderen verbarg, und er war nie gut darin gewesen, etwas vor seiner Familie geheim zu halten. „Nichts, ich arbeite nur viel.“
„Xavier James, wag es ja nicht, mich anzulügen!“
„Oh oh“, sagte Beau. „Da steckt jemand in Schwierigkeiten.“
„Sei still“, mahnten Twyla und seine Großmutter gleichzeitig. Der Junge senkte den Kopf und schaufelte mehr Kartoffeln in sich hinein. Xavier wünschte, er könnte dasselbe tun.
Seine Oma hob den Kopf und las in seinem Ausdruck offenbar etwas, das ihren Ton sanfter werden ließ. „Was ist denn passiert, Liebling?“
Es grenzte schon an ein Wunder, dass er es geschafft hatte, es so lange für sich zu behalten, das war Xavier klar. Er war wirklich durcheinander gewesen, nachdem er Trent vor ein paar Monaten in dem Club gesehen hatte. Er räusperte sich nervös. „Trent ist zurück.“
„O Scheibe!“, rief Twyla. Seit Beau alt genug war, um ihre Flüche nachzuahmen und frech zu sein, wenn sie ihn ermahnte, griff sie zu alternativen Ausdrücken. Das klang immer ziemlich lahm und ein Lächeln schlich sich auf Xaviers Lippen.
Seine Oma war nicht amüsiert. Sie schien auch nicht überrascht zu sein.
„Das hatte ich angenommen, als er hier war und nach dir gefragt hat“, sagte sie sachlich.
Xavier schnappte nach Luft. „Wann war das?“
Seine Oma neigte den Kopf und dachte nach. „Oh, vor ein paar Monaten. Mindestens.“
„Oma“, stöhnte Xavier. „Warum hast du mir das nicht gesagt?“
Ihre Lippen wurden schmal. „Weil ich dich kenne, Xavier. Du bist zu nachgiebig. Ich habe dem Jungen gesagt, er soll vorsichtig mit dir sein. Du warst seinetwegen den ganzen Sommer nach der Highschool am Boden zerstört.“
Beau sah auf und beobachtete Xavier neugierig, war aber klug genug, keine Bemerkung zu machen. Maggie war zu sehr drauf konzentriert, auf den Fernseher im Nebenzimmer zu schielen, um ihm Beachtung zu schenken.
„So schlimm war es nicht“, murmelte Xavier.
Seine Großmutter und Twyla schnaubten. Offensichtlich war kein besserer Lügner aus ihm geworden.
„Kommst du wieder mit ihm zusammen?“, fragte Twyla plump.
„Nein!“ Großer Gott, warum fühlte er sich wieder wie ein Achtjähriger? „Er ist Arzt. Wir begegnen uns an der Klinik. Es war seltsam“, erklärte er. „Als ich ihn gesehen habe, sind eine Menge alter Erinnerungen hochgekommen, das ist alles.“
Der Blick seiner Großmutter wurde sanfter. „Trent schien so ein netter Junge zu sein, als ihr zusammen wart, aber er ist vom Weg abgekommen. Sei bloß vorsichtig. Ich erinnere mich noch, wie fertig du warst, auch wenn du etwas anderes behauptest.“
Xavier stocherte in seinen Kartoffeln. „Ich weiß.“
„Er ist einfach ein privilegierter weißer Typ, der zu dumm war, etwas Gutes zu schätzen, als er es hatte“, sagte Twyla und der Zorn in ihrer Stimme ging über ihre Gefühle für Trent und Xavier hinaus. Er war ziemlich sicher, dass sie sich auch auf ihren Exmann Justin bezog, der sie verlassen und wieder geheiratet hatte. „Ich hoffe, du hast ihm wenigstens die Meinung gesagt.“
„Habe ich“, sagte Xavier rasch und hoffte, dass die Unterhaltung nicht in eine Schimpftirade ausarten würde. Auch nach all den Jahren hegte Twyla noch immer einen gewaltigen Groll auf ihren Mann. Darüber stand Xavier kein Urteil zu, denn er und Trent waren nur ein jugendliches Pärchen gewesen, und er war auch noch mächtig sauer auf Trent.
Maggie lehnte sich vor, um einen besseren Blick auf den Fernseher zu haben und stieß ihr Milchglas um, dessen Inhalt sich über den Tisch ergoss.
Twyla sprang auf. „So eine Schande! Pass doch auf, Maggie.“
„Tut mir leid!“
Twyla holte ein Tuch und bemühte sich, die Milch aufzuwischen, während Xavier sich ein wenig entspannte.
„Also, dieser Trent war dein Lover oder wie?“, fragte Beau.
Die Kinder wussten, dass er schwul war, seit sie ganz klein waren. Es war eine Tatsache, die sie einfach akzeptierten.
Xavier nickte und schob einen großen Bissen in den Mund, um nicht weiterreden zu müssen. Er betete, dass sie das Thema wechseln würden, und seine Oma begann, von den Damen zu erzählen, mit denen sie jede Woche Karten spielte. Dann erzählte sie von ihren Ausflügen zum YMCA, wo sie Wasseraerobic machte. Und als Twyla mit dem Saubermachen fertig war, hatte auch sie sich wieder beruhigt.
Xavier konnte es ihr wirklich nicht übelnehmen, dass sie verbittert war. Justin war ein übler Bursche gewesen, hatte zu viel getrunken und sie auch zuvor schon betrogen, ehe er sie wegen einer anderen Frau verlassen hatte.
Seine Situation mit Trent war zwar auch beschissen gewesen, aber anders. Er hatte Trent wirklich etwas bedeutet. Daran hatte er auch in all den Jahren, die er zornig und verletzt gewesen war, nie gezweifelt.
***
Trent verbrachte das Wochenende allein. In Jogginghosen. Vor dem Fernseher.
Ja, du hast definitiv ein neues Kapitel aufgeschlagen. Kein sehr aufregendes Kapitel …
In gewisser Weise unterschied sich sein Leben in Ashe massiv von dem in Kansas City, in anderer Hinsicht war es beängstigend ähnlich.
Vor dem Umzug wäre er mit Freunden etwas trinken und danach in einen Club gegangen. Danach hätte er in einer schwulen Bar jemanden abgeschleppt. Er war geoutet, aber seine Freunde hatten kein besonderes Interesse an der Szene und er keine Lust, ihnen in seinem Liebesleben einen Logenplatz zu geben.
Er hatte auf eine große Veränderung gehofft, als er nach Ashe gekommen war, und er hatte sie bekommen. Statt in Clubs zu gehen, sah er nun meistens fern, las und aß allein langweilige Mahlzeiten. Für eine Person zu kochen, war verdammt deprimierend. Als er kein Single-Menü mit Hühnerbrust mehr sehen konnte, flüchtete er sich in ungesunde Snacks.
Auch in Ashe war er immer noch allein und sein Leben leer. Das hatte sich nicht geändert. Und seit er Xavier gesehen hatte – nicht nur sexy zurechtgemacht in dem Club, sondern den echten, alltäglichen Krankenpfleger – war ihm die Leere noch schmerzlicher bewusstgeworden.
Trent schüttelte die Melancholie ab und ging in die Küche, um sich eine Cola und eine Tüte Jalapeno-Chips zu holen. Er warf einen Blick auf seine nackte Brust und entschied sich für einen kleinen Umweg ins Schlafzimmer, um ein T-Shirt anzuziehen. Allein zu wohnen, bedeutete, dass er so schlampig angezogen sein konnte, wie er wollte, oder auch gar nicht, wenn ihm danach war. Aber Kartoffelchips und eine behaarte Brust waren keine gute Kombination.
Fünfzehn Minuten und zu viele fettige Chips später, mitten in einer verstörenden, aber recht erheiternden Reality-Show über zwanghafte Sammler (Hey, immerhin ging er nicht in den Folgen einer zwanghaften Kaufwut unter) klingelte sein Telefon.
Er griff danach, warf einen Blick auf das Display und zuckte zusammen. Das würde kein angenehmes Gespräch werden, aber er wies niemals einen Anruf von Helen ab.
Trent und Helen verband die Trauer um seinen besten Freund und ihren Ehemann, Byron Ritter. Er hatte nie wirklich darüber nachgedacht, wie sehr sich in seinem Leben alles um seine Karriere drehte – ohne eine Beziehung und ohne eine Verbindung zu seiner Familie –, bis Byron starb. Ein Chirurg wie er, aber einer, der alles hatte, was Trent fehlte. Byron hatte eine Frau und zwei Kinder hinterlassen. Ein ganzes Leben außerhalb des Operationssaals. Und er hatte sich dieses Leben selbst genommen. Im Abschiedsbrief, den er vor seinem Selbstmord hinterlassen hatte, stand zwar, dass er mit den Schuldgefühlen wegen eines Patienten, den er verloren hatte, nicht leben konnte, aber Trent wusste, dass mehr dahinter war als das. Byron war schon eine lange Zeit ausgebrannt gewesen und hatte es nicht über sich gebracht, mit der Arbeit aufzuhören.
„Die Leute würden sagen, dass ich egoistisch bin, weil ich meine Fähigkeiten nicht dazu einsetzten will, um Leben zu retten“, hatte er eines Abends nach mehreren Drinks zu Trent gesagt. „Und wie sollte ich es Helen erklären? Sie hat während meines Medizinstudiums so große Opfer gebracht. Sie hat ihre eigene Ausbildung aufgegeben, in zwei Jobs gearbeitet und wir haben einander kaum gesehen. Ich kann nicht weg. Ich kann einfach nicht …“
Bis er es eines Tages doch schaffte, nur auf eine Weise, die sich niemand gewünscht hatte.
Sein Tod war schockierend und traurig gewesen und er hatte Trent die Augen geöffnet.
Wenn Byrons Leben, das so voller Dinge war, für die es sich zu leben lohnte, nicht genügt hatte, was sagte das dann über Trents Leben aus? Er hatte den Mann, den er liebte, zurückgelassen und nie versucht, ihn zu ersetzen. Er hatte die Kluft zwischen sich und seinen Eltern von Jahr zu Jahr größer werden lassen. Wenn Trent sein Leben nüchtern betrachtete, dann mangelte es an allem. Deshalb auch sein überhasteter Umzug nach Ashe, um wieder mit Xavier in Kontakt zu kommen, und sich ein neues, erfüllteres Leben aufzubauen. Es war vielleicht ein bisschen früh für eine Midlife-Crisis, aber Trent war den Gleichaltrigen immer voraus gewesen.
Er drückte die Stummtaste auf der Fernbedienung und nahm den Anruf an. „Helen, hi. Wie geht es dir?“
„Es tut mir leid, dass ich dich störe, Trent“, sagte sie und klang traurig und erschöpft. „Ich musste nur einfach mal eine freundliche Stimme hören.“
Wie immer, wenn sie miteinander sprachen, kamen bei Trent Schuldgefühle auf. Er hatte die Stadt verlassen, als sie jede Unterstützung gebraucht hatte, die sie nur kriegen konnte. Byron, Helen und die Kids waren viele Jahre lang Freunde und eine Art Ersatzfamilie für ihn gewesen. Nun, da Byron nicht mehr da war, fühlte er sich für sie verantwortlich.
„Du störst nicht“, sagte er sanft. „Sind die Kinder okay?“
„Es war schwer“, sagte sie. „Katy fragt mich immer noch, wann er nach Hause kommt. Ich habe es so oft erklärt …“
Ihre Stimme versagte und Trent fühlte, wie sich sein Herz zusammenzog.
„Es tut mir leid“, sagte er rau. „Ich hätte nicht einfach so abhauen sollen.“
„Nein, da gibt es nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest. Hätte Byron seinen Job verlassen, hätte es ihm vielleicht das Leben gerettet. Wenn eine Veränderung in deinem Leben dich vor dem Schmerz bewahrt, den er empfunden haben muss, dann musst du das tun. Kümmere dich zuerst um dich.“
Ihre freundlichen Worte bewirkten nur, dass er sich noch egoistischer fühlte. Byron war gestorben und was hatte Trent getan? Er war wegen seines eigenen Lebens ausgeflippt. Ganz schön egozentrisch, Cavendish, nicht wahr?
„Ich wünschte, ich könnte für dich da sein“, sagte er. „Ich bin nämlich nicht sicher, was ich hier mache. Ich jage hinter einem Ex her, der sich wahrscheinlich wünscht, ich würde einfach wieder aus seinem Leben verschwinden. Aber du hast mich nicht angerufen, um meine Geschichten zu hören.“
Er konnte ein Lächeln in ihrer Stimme hören, als sie wieder sprach. „Das hätte Byron gefallen. Hätte er es gewusst, hätte er dich ermutigt, deiner ersten Liebe zu folgen.“
„Genau deshalb wusste er es nicht.“
Sie lachte. „Ja, er konnte ein bisschen aufdringlich sein.“
Trent hatte Helen nur deshalb von seiner Vergangenheit mit Xavier erzählt, weil er wollte, dass sie verstand, warum er in einer so schwierigen Zeit wegging. Sie war bemerkenswert unterstützend gewesen, wenn man bedachte, dass sie um ihren Mann trauerte und mit zwei schwer erschütterten Kindern umgehen musste.
„Wie ist es, nicht mehr im OP zu sein?“, fragte sie nach einer Minute.
„Ehrlich? Irgendwie ist es toll. Ich bekomme meine Patienten zu sehen, wenn sie bei Bewusstsein sind“, scherzte er. „Es hat sich herausgestellt, dass es echte Menschen sind, stell dir das vor.“
Tatsächlich vermisste er den OP, aber das würde er Helen nicht sagen. Vor allem vermisste er das Gefühl, etwas reparieren zu können. Jetzt verlangte sein Job, dass er Probleme diagnostizierte. Das war auch wichtig, aber Chirurgie war aktiver. Außerdem fehlte ihm das Gefühl von Stolz und Macht, das sie ihm verliehen hatte. Obwohl er sich nicht sicher war, ob das so gut für ihn gewesen war. Es war dieses Bedürfnis, sich zu beweisen, das ihn dazu gebracht hatte, seinen Ehrgeiz über alles zu stellen, sogar über sein eigenes Glück.
Er hatte sich betrogen gefühlt, als Xavier ihre Pläne eines gemeinsamen Studiums aufgab, weil seine Familie ihn brauchte. Nun sah er, dass Xavier geerdet und in einer Weise mit dem Leben verbunden war, die Trent nie erfahren hatte.
„Du sagst mir, wenn du etwas brauchst?“, fragte er Helen.
„Das werde ich. Es hilft mir schon, nur mit dir zu reden und zu wissen, dass du ihn auch vermisst.“
„Er hat dich geliebt“, sagte Trent. „Das weiß ich.“
„Es ist nur schwer. Ich schwanke zwischen Trauer und Zorn. Wie konnte er uns nur so im Stich lassen, Trent? Wie konnte er das den Kindern antun?“
„Ich weiß es nicht“, gab Trent zu. „Ich wünschte, ich hätte die Anzeichen gesehen.“
Sie lachte bitter. „Ich bin seine Frau und ich habe die Anzeichen nicht gesehen. Mach dir keine Vorwürfe. Er hat offenbar viele seiner Gefühle verborgen.“
Sie hatten diese Unterhaltung schon oft geführt, als sie versucht hatten zu verstehen, wie Byron an diesen Punkt kommen konnte, ohne dass sie es bemerkt hatten.
„Ich versuche mir nicht die Schuld daran zu geben, wenn du es auch versuchst“, sagte Helen.
„Abgemacht.“
Lange, nachdem sie das Gespräch beendet hatten, starrte Trent noch immer auf den stummen Fernseher. In vielerlei Hinsicht hatten seine und Byrons Situation nichts gemeinsam. Und doch hatte der Tod seines Freundes Trent zutiefst erschüttert. Er hatte zusammen mit seinem Gott-Komplex offenbar ein Allmächtigkeitsgefühl entwickelt. Was der Grund dafür war, warum er in Ashe nicht als Chirurg, sondern als Allgemeinmediziner in der neuen Poliklinik angefangen hatte.
Die Chirurgie machte ihn süchtig. Er fühlte sich wie ein Gott, wenn ein Leben rettete. Er fühlte sich wie ein Rockstar, wenn die Angehörigen seiner Patienten ihn mit Lob überschütteten. Aber es nagte auch an ihm und fraß all seine Energie auf.
Obwohl Byron nicht etwa einem Unfall zum Opfer gefallen war, sondern sich das Leben genommen hatte, war Trent plötzlich überzeugt, dass ihm die Zeit davonlief. Er wollte mehr als eine erfolgreiche Karriere und das Lob von Fremden.
Er wollte jemanden, der ihn so sehr liebte, wie Helen Byron geliebt hatte.
Kapitel 4
Dezember
Xavier rauchte vor dem Klinikeingang gerade seine dritte Zigarette, als Trent auf dem Weg hinein stehen blieb und zweimal hinschaute.
Es war halb acht und die gesamte Belegschaft war gebeten worden, morgens zu einer Besprechung zu kommen, bevor die Klinik öffnete. Zum Glück wurde Xavier in seinem Gärtnerjob nicht gebraucht. Zu seiner Erleichterung gab es im Winter weniger Arbeit, aber außerhalb der Saison bot die Firma Schneeräumung und Aufräumarbeiten nach Stürmen an.
„Was zum Teufel soll das, Xavier? Dein Vater ist an Krebs gestorben.“
Es ärgerte Xavier, dass Trent so viel von seiner Vergangenheit wusste. Er hob die Zigarette, nahm gemächlich einen Zug und blies den Rauch durch den Mundwinkel aus. „Du weißt, dass er den Krebs nicht vom Rauchen hatte.“
„Okay. Du bist ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens und stehst vor einer Klinik. Wie wäre es damit? Du siehst aus wie eine lebende Zigarettenwerbung.“
Xavier rauchte nicht immer und war nur mehr selten der Kettenraucher von früher. Er hatte etwas gebraucht, um seine Nerven zu beruhigen, bevor er seinem Ex in der Klinik wieder begegnete. Seit Trent ihn in dem Waschraum angebaggert und Xavier die leere Drohung in den Raum gestellt hatte, er würde sich beschweren, war Trent weitgehend auf Distanz geblieben. Wann immer sie miteinander zu tun hatten, war die Atmosphäre ziemlich frostig gewesen.
Das machte es auch nicht gerade leichter, ihn zu sehen. Wenn überhaupt, dann trug die Spannung zwischen ihnen höchstens zu seinem Stress bei. Er fühlte sich mies, weil er Trents Karriere bedroht hatte. Er wusste, dass der Freund eines Mitbewohners, Doktor Paul Johnston, durch die Hölle gegangen war, als man ihn wegen einer laufenden Untersuchung beurlaubt hatte. Das hatte ihn überhaupt erst auf die Idee gebracht. Aber es war gemein gewesen, es zu sagen. Besonders, weil die Erinnerung an Trents Kuss immer noch manchmal ein prickelndes Gefühl in ihm auslöste. Wie jetzt zum Beispiel.
Er sah Trent ein wenig zu lange an und seine Gedanken schweiften ab. Vielleicht hätte ich einfach mit ihm ficken und es damit abschließen sollen.
„Xav?“
Nur Trent benutzte diese Kurzform seines Namens. Die meisten Leute nannten ihn Xavier, ein paar enge Freunde X. Aber Xav sagte nur Trent und es von ihm zu hören, wärmte ihn von innen und löste gleichzeitig Panik aus. Er konnte Trent nicht erlauben, seine magische Wirkung auf ihn zu entfalten.
Er ließ die Kippe fallen, trat sie aus, hob sie auf und trug sie zum nächsten Mülleimer.
Trent verfolgte jede seiner Bewegungen.
„Jetzt zufrieden, Doktor?“, fragte er und klang wesentlich sarkastischer, als er sonst je mit einem Arzt gesprochen hätte. Er war immer noch Student und seine berufliche Zukunft lag in den Händen der Leute, die ihn für einen Job empfehlen konnten. Gewöhnlich erinnerte er sich daran und verhielt sich entsprechend.
„Danke“, sagte Trent. „Wann hast du dir denn dieses grausige Laster angewöhnt? In der Schule hast du nicht geraucht.“
„Muss ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als du mir gesagt hast, dass ich es nie zu was bringen werde“, erwiderte Xavier.
Trent zuckte zusammen. „Ich schätze, das habe ich verdient.“
„Ich gehe besser rein.“
„Xavier, bitte. Können wir wenigstens normal miteinander reden? Wir arbeiten zusammen.“
Autsch. Trent spielte die Professionalitätskarte aus. Das konnte Xavier schlecht ignorieren. Ihm war durchaus bewusst, dass er Trent respektlos behandelt hatte. Er blieb stehen. „Es tut mir leid. Ich war unhöflich. Ich werde hier draußen nicht mehr rauchen.“
„Das weiß ich zu schätzen. Denkst du, wir könnten einander vielleicht in der Aula grüßen? Oder ein bisschen Smalltalk machen, wenn wir uns draußen über den Weg laufen? Ich kann über das Wetter, Golf und schlechte Realityshows im Fernsehen reden, denn viel mehr habe ich im Moment nicht.“
Xavier grinste trotz der Alarmglocken, die in seinem Kopf schrillten. Warnung, Warnung, Objekte sind möglicherweise näher, als es scheint …
„Wetter ist ein Klassiker. Ich kann dir zum Beispiel sagen, dass es hier draußen eiskalt ist. Deshalb gehe ich jetzt rein.“
Trent griff nach der Tür. „Nach dir.“
Xavier warf ihm einen Seitenblick zu. „Da sage noch einer, es gäbe keine Kavaliere mehr.“
Trent lächelte, aber er sah ein wenig verlegen aus. „Das hat nichts zu bedeuten.“
Die verdammte Drohung mit der Beschwerde machte ihn offenbar nervös.
Sie durchquerten die Lobby und gingen durch den langen Korridor, der zum Konferenzraum führte. Xavier legte eine Hand auf Trents Arm, um ihn zu kurz stoppen, solange sie noch etwas Privatsphäre hatten. „Warte.“
„Was ist denn?“ Trent zückte sein Handy und sah auf die Uhr. „Das Meeting beginnt gleich. Wir planen eine Präventionsoffensive in West Kansas. Ich glaube, das wird dir gefallen.“
Trent redete zu viel und fühlte sich offensichtlich unwohl. Xavier hatte seinen Ex auf Distanz halten wollen. Aber er wollte nicht, dass Trent sich unnötige Sorgen wegen einer leeren Drohung machte, die er in einem Moment der Feindseligkeit ausgestoßen hatte. Xavier musste die innere Stärke finden, der Versuchung zu widerstehen, ohne zu unfairen Mitteln zu greifen.
„Hör mal, was ich wegen der Beschwerde gesagt habe, die ich einreichen würde …“
Trent hob die Hände, von denen eine immer noch sein Telefon umklammerte, und trat einen Schritt zurück. „Ich respektiere deine Grenzen, Xavier.“
„Es tut mir leid.“
Trent blinzelte. „Es tut dir leid?“
Xavier strich sich ein paar lose Dreadlocks aus dem Gesicht. Er war auch nervös. Sein Haar war zusammen gebunden und zu einem Knoten gedreht. Das alles wurde unsicher von einem einzigen Haargummi zusammengehalten. Er nahm ihn ab und ließ seine Dreadlocks über seine Schultern fallen, bevor er alles wieder ordentlich zusammenband. Gelichzeitig redete er, weil ihm die Bewegung seiner Hände half, die unangenehme Entschuldigung hinter sich zu bringen. Es entging ihm aber nicht, dass sein Ex ihn mit großen Augen beobachtet hatte, als er sein Haar öffnete. Ihm wurde klar, dass Trent ihn noch nie mit offenen Haaren gesehen hatte, seit sie länger geworden waren. In der Schule hatte er eine glatte, konservative Frisur gehabt und als sie einander im Sommer in dem Club begegnet waren, hatte er noch keine Dreadlocks gehabt.
„Ich hätte dich nicht bedrohen sollen“, sagte Xavier. „Ich würde so etwas nie tun. Ich weiß doch, wie wichtig deine Karriere für dich ist.“
Trents Blick folgte der Bewegung von Xaviers Händen, als er sein Haar in Ordnung brachte. „Es gibt wichtigere Dinge als meine Karriere“, sagte Trent.
Xavier ließ die Hände sinken und sah ihn überrascht an. Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Trent war immer der getriebene, ehrgeizige Typ gewesen. Xavier wusste, dass er damit teilweise seine Eltern beeindrucken wollte, weil ihre häufige Abwesenheit und ihr mangelndes Interesse ihn störten. Vermutlich hatte er sich um Anerkennung und Lob seiner Lehrer bemüht, um diese Lücke zu füllen. Das war verständlich. Aber er war auch wütend auf Xavier gewesen, weil er andere Prioritäten hatte. Er hatte ihn kritisiert und einen Versager genannt, was weniger leicht zu verzeihen war. Hatte er sich wirklich verändert?
Xavier fragte sich wieder, warum Trent in der Tagesklinik und nicht in der Chirurgie arbeitete. Er wollte danach fragen, gleichzeitig aber nicht zu viel Interesse zeigen. Wenn er fragte und Trent antwortete, würde er ihn ein wenig näher an sich heranlassen.
„Schön, dass du das herausgefunden hast.“, sagte er, statt seiner Neugier nachzugeben. „Aber deshalb hätte ich dich trotzdem nicht bedrohen dürfen. Es tut mir leid. Ich wollte nur …“
„Die Krallen ausfahren“, ergänzte Trent mit einem Lächeln.
„Mistkerl, ich bin doch kein Kätzchen. Für Leute, die sich mit mir anlegen, habe ich mehr auf Lager.“ Er biss sich auf die Lippe, als ihm klar wurde, wie unprofessionell er sich anhörte. Normalerweise redete er in seinem Arbeitsumfeld nie so.
Aber Trent lachte nur. Da bin ich mir sicher“, sagte er und legte eine Hand auf Xaviers Rücken. „Komm, wir müssen zu diesem Meeting.“
Xavier ging neben ihm und beschleunigte etwas, damit Trent seine Hand wegnahm. Er hatte sich mit Trent vielleicht darauf geeinigt, dass sie friedlich miteinander auskamen, aber er konnte keine Berührungen zulassen. Berührungen führten zu Küssen und Küsse führten zu Sex.
O Mann, es war viel zu lange her, dass er das letzte Mal Sex hatte. Das Semester war voll im Gang und er kam selten dazu, auch nur genug zu schlafen. An Sex war kaum zu denken. So ein Mist. So praktisch Trent auch wäre, das würde in einem Desaster enden.
Also trat er zur Seite, bis gut ein halber Meter Abstand zwischen ihnen war. Als sie den Konferenzraum betraten, ging er in die entgegengesetzte Richtung von Trent und wählte einen Sitzplatz an der anderen Seite des Tisches.
***
Trent betrat den Konferenzraum, der mit Personal aus der Verwaltung des Krankenhauses und Freiwilligen gefüllt war, und suchte nach einem freien Sitzplatz. Er ging auf zwei freie Stühle am Ende des Tisches zu und drehte sich um, weil er Xavier etwas sagen wollte.
Aber er war verschwunden. Ein rascher Rundblick zeigte, dass Xavier den Tisch in die Gegenrichtung umrundet hatte, weg von ihm.
So viel zu seiner Hoffnung, Xavier könnte bereit für Freundschaft sein. Er hatte sich für seine Drohung entschuldigt, weil er glaubte, seine Karriere wäre Trent wichtiger als alles andere. Aber er hatte sich entschuldigt. Es war ein Schritt in die richtige Richtung. Nun musste Trent diese Tür nur weiter öffnen und Xavier beweisen, dass es ihm wichtig war, das zu reparieren, was zwischen ihnen kaputtgegangen war.
Nach Xaviers Drohung war er auf Distanz geblieben, aber er konnte nicht vermeiden, ihn zu beobachten, wann immer sie im selben Raum waren. Er war ganz entzückt gewesen, als Xavier im Korridor sein Haar geöffnet hatte. Sein Ex war so verdammt attraktiv, teils auf eine ganz unerwartete Weise. Er hatte starke, maskuline Züge, aber durch sein Haar erschien alles ein bisschen sanfter.
Xavier setzte sich an die andere Seite des Tisches, schräg gegenüber von Trent. Dadurch war zwar viel Abstand zwischen ihnen, aber zumindest hatte Trent einen netten Anblick. Jetzt, wo sie sich halbwegs ausgesöhnt hatten, versuchte er, nicht mehr wegzusehen.
„Doktor Cavendish, sind Sie bereit, mit einer alten Frau, die schon aus dem letzten Loch pfeift, hunderte von Meilen zu reisen?“, sagte eine heisere Stimme neben ihm, gefolgt von einem blechernen Lachen.
Er drehte sich mit einem höflichen Lächeln zu Schwester Marge Belvins. „Ich kann es nicht erwarten.“
Sie tätschelte seinen Arm. „Da bin ich mir sicher.“
Trent und Marge waren beide Teil eines Programms, das eine Serie von Vorsorgeuntersuchungen in den ländlichen Regionen von West Kansas anbieten sollte. Deshalb hatten sie bereits an mehreren Treffen teilgenommen. Einige Mitarbeiter waren für die Bereitstellung des Materials zuständig, andere mussten sie während ihrer Abwesenheit in der Klinik ersetzen. Die füllige Marge ließ sich neben ihm auf einen Stuhl fallen. Sie hatte schon an diesem Krankenhaus gearbeitet, als Trent noch ein Kleinkind war, und es war kein Witz, dass sie schon auf dem Zahnfleisch ging. Es ging das Gerücht um, dass sie bald aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand gehen würde. Sie arbeitete jetzt schon in Teilzeit.
Marge war nicht von der dezenten Sorte. Sie sagte immer ganz direkt ihre Meinung. Sie hatte schon viele Patienten verärgert, indem sie ihnen gesagt hatte, sie würden sich umbringen, wenn sie ihre Gewohnheiten nicht änderten. Übermäßiges Essen, Rauchen, Trinken oder was auch immer. Aber es waren Wahrheiten, die gerade jene Patienten hören mussten, die sich nur wenig um ihre Gesundheit kümmerten.
„Diese Fahrt ist schon lange überfällig. Diese Poliklinik zu eröffnen, war überhaupt schon lange überfällig.
Marge sprach weiter über die Geschichte des Krankenhauses und der Ambulatorien von Ashe, und Trent hörte mit einem halben Ohr zu, während er beobachtete, wie Xavier mit einem der Hilfskräfte lachte, der neben ihm saß. Sein Ex sah gut aber müde aus. Natürlich hatte er mit Makeup und enger, kurzer Kleidung noch besser ausgesehen. Trent holte sich immer noch einen runter zu Erinnerungen an Xavier in diesem Club. Er hatte keine Ahnung, dass er einen Fetisch hatte, einen Mann in weiblicher Aufmachung zu sehen, aber Xavier war verdammt heiß gewesen.
Er ist außerdem klug, großzügig und liebevoll, weißt du noch? Oder hatte Xavier recht, dass du nur Sex von ihm willst?
Xaviers Blick wanderte zu ihm und Trent sah hinunter auf seinen Notizblock. Er musste dringend aufhören, Xavier begierig anzustarren, und anfangen, ihm zu zeigen, warum sie sich ursprünglich verliebt hatten. Wegen der Freundschaft, nicht dem Ficken. Der Sex würde warten müssen, was bedeutete, dass er seine Lust in den Griff bekommen musste, wenn er je Fortschritte machen wollte.
Marge stubste ihn an und flüsterte laut. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie hinter Krankenpflegern her sind.“
Er verschluckte sich. „Das bin ich nicht“, antwortete er, als seine Augen endlich nicht mehr tränten.
Sie nickte in Xaviers Richtung. „Sie können aber nicht wegsehen.“
„Das bilden Sie sich ein.“
„Nein, ich habe diesen Blick schon früher gesehen und ich weiß, dass Sie schwul sind. Jeder hat in ihrer ersten Woche hier über den hübschen schwulen Doktor geredet. Also schätze ich, Sie würden den Azubi gerne anknabbern …“
„Großer Gott, seien Sie nicht so laut“, flüsterte er zischend. In seiner Verzweiflung, sie zum Schweigen zu bringen, und weil er Angst hatte, dass sie viel zu ahnungslos war, um sich bewusst zu sein, wie sehr sie ihn in Verlegenheit bringen konnte, gab er die Wahrheit zu.
„Er ist mein Ex.“
Sie musterte ihn und ihr Blick war trotz ihres Alters scharf. „Oh, tut mir leid, das zu hören.“ Marge sah wieder zu Xavier. „Und Sie lieben Ihren Ex noch?“
Trent seufzte. „Ja, sicher. Warum erzähle ich Ihnen nicht gleich meine ganze Lebensgeschichte in der einen Minute, bevor der Direktor seine Präsentation beginnt?“
„Genau, warum tun Sie das nicht?“, fragte sie grinsend. „Klingt, als ob es eine gute wäre.“
„Ich habe es versaut. Ich habe ihn verloren. Ende.“
„Das Ende?“ Sie kniff ihn und er jaulte kurz auf. Mehrere Köpfe drehten sich zu ihm. Er räusperte sich und begann rasch, auf seinem Notizblock herum zu kritzeln, um ihren neugierigen Blicken zu entgehen. „Wenn es das Ende wäre, würden Sie ihn nicht so ansehen.“
„Okay, es ist hoffentlich nicht das Ende. Aber ich muss sein Vertrauen zurückgewinnen und er macht es mir nicht leicht. Habe ich Ihre Neugier befriedigt?“
Marge lachte. „Aber sicher, und ich werde mir etwas ausdenken, wie ich Ihnen helfen kann.“
„O Gott, bitte nicht.“
Sie lächelte. „Nein, nein. Das wird gut. Sie werden schon sehen.“
Trent seufzte erleichtert, als der Direktor den Raum betrat.
Eric Holtz trug einen guten Anzug mit Krawatte und man sah ihm den Verwaltungsleiter an. Er war ein sehr direkter Typ, der sicher rasch zum Punkt kommen würde. Je schneller er das tat, desto eher konnte er Marges guten Absichten entkommen.
„Gut, sieht so aus, als wären alle hier. Ich möchte über das Projekt zur aufsuchenden Vorsorge in den ländlichen Regionen sprechen. Wie Sie wissen, gibt es im ländlichen Kansas viele Städte, die keinen Zugang zu qualitativ hochwertiger Gesundheitsvorsorge haben. Wir werden mobile Untersuchungen anbieten …“
Trent versuchte, sich zu konzentrieren, aber er kannte das alles schon. Er war weniger gefragt als aufgefordert worden, sich freiwillig für die Woche der mobilen Untersuchungen zu melden. Offenbar wurde von Leuten, die in der frei zugänglichen Poliklinik arbeiteten, angenommen, sie hätten einen Hang zur Wohltätigkeit. Das war neu für Trent, aber er wollte ja ein neues Kapitel beginnen, also hatte er zugestimmt.
Etwa bei der Hälfte des Vortrags schreckte er hoch, als Marge sich zu Wort meldete.
„Ach, Doktor Holtz, wenn es möglich ist, würde ich gerne auch den Pflegeschüler mitnehmen. Das wird so viel Arbeit, da könnte ein altes Mädchen wie ich einen motivierten jungen Mann gut brauchen.“
„Oh.“ Der Direktor stockte einen Moment.
„Ich weiß, das ist sehr kurzfristig …“
Er lächelte Marge nachsichtig an. „Ich bin sicher, das lässt sich einrichten.“ Er setzte seinen Vortrag fort und erklärte die näheren Details, während Trent einen raschen Blick zu Xavier riskierte. War er eine Spur blasser als sonst? Seine Augen waren weit aufgerissen und er biss sich auf die Unterlippe. Xavier hatte das immer getan, wenn er versuchte, Emotionen zu unterdrücken. Jetzt, wo er ihn wieder vor sich hatte, erinnerte Trent sich an so viele kleine Details seines Ex, dass es ihn erschreckte.
Als Azubi konnte Xavier seine Teilnahme an der Vorsorge-Woche nicht ablehnen. Jedenfalls nicht, wenn er die Personalleitung mit seinem Engagement beeindrucken wollte. Marge würde auf der Fahrt die offiziellen Aufgaben einer Krankenschwester erfüllen, aber Xavier könnte eine Menge praktische Erfahrung sammeln und wäre für die administrativen und organisatorischen Aufgaben eine große Hilfe. Sie hatten immer vorgehabt, eine Hilfskraft mitzunehmen, aber dass Marge um Xavier gebeten hatte, kam überraschend.
Nun würde er sich vermutlich damit herumschlagen müssen, dass sie versuchte, die Kupplerin zu spielen. Er hoffte nur, dass es nicht in einem Desaster enden würde und Xavier dann noch schlechter auf ihn zu sprechen wäre.
Trents Herz hüpfte bei der Vorstellung, dass er eine Woche mit Xavier auf engstem Raum verbringen würde. Sie arbeiteten jetzt zwar zusammen, begegneten einander aber fast nie in den Korridoren. Dann wären sie zusammen auf Achse und würden auch in einem viel kleineren Rahmen arbeiten. Er hätte viel mehr Gelegenheiten, mit Xavier zu reden. Das könnte seine Chance sein, Xavier zu zeigen, dass er nicht mehr derselbe Mann war, der ihm das Herz gebrochen hatte.
***
Xavier verließ den Konferenzraum wie in einem Nebel. Offenbar würde er mit Trent quer durch halb Kansas reisen. Wie hatte das nur passieren können? Zum Glück war er noch kein fertig ausgebildeter Pfleger und sie würden so eine Art Anstandsdame haben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie in Begleitung der fast siebzigjährigen Marge viel anstellen würden. Seine Schultern verspannten sich, als er an all die Arbeit dachte, die er über die Winterferien hatte aufholen wollen. Er hatte die Reparaturarbeiten am Haus seiner Oma das ganze Semester aufgeschoben, weil er zwischen dem Studium und den Praxisstunden viel zu beschäftigt war. Ihre Fenster mussten abgedichtet werden, denn sie ließen viel zu viel kalte Luft ins Haus. Und die Brüstung der Veranda würde demnächst abbrechen. Er hatte gehofft, ihr Haus endlich auf den schlimmsten Teil des Winters vorzubereiten, der sich gewöhnlich im Januar und Februar in Form von Eisstürmen einstellte.
„Nicht gerade ein Skiausflug in die Alpen“, sagte Trent.
Xavier sah auf und bemerkte, dass Trent ihn aufmerksam beobachtete. Das Eis zwischen ihnen war seit dem Gespräch vor der Konferenz gebrochen. Es war also nicht überraschend, dass Trent versuchte, wieder mit ihm zu reden. Aber ein Skiausflug?
„Was zum T…“ Xavier bremste sich gerade noch, um nicht am Arbeitsplatz ausfallend zu werden. „Wovon redest du?“
„Ein Skiausflug in den Winterferien, weißt du?“
Xavier schüttelte den Kopf.
„Statt einer Fahrt durchs ländliche Kansas?“ Trent winkte ab. „Vergiss es. Ich wollte nur sagen, du hättest über die Winterferien wahrscheinlich etwas Interessanteres vorgehabt.“
Xavier schnaubte. „Ja, zum Beispiel Omas Haus vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Jetzt werde ich all die Arbeiten, die ich aufholen wollte in dasselbe Zeitfenster pressen müssen, indem ich für meine Abschlussprüfung lernen muss. Skiausflug? Es ist, als würdest du mich kein bisschen kennen.“
Er wandte sich ab ins wollte gehen, aber Trent legte eine Hand auf seinen Arm. „Doch, ich kenne dich.“
Xavier musterte ihn skeptisch.
„Es war ein Scherz, Xav. Dass es nicht besonders viel Spaß machen wird, dafür dass es Ferien sind. Ich kann dir beim Lernen für die Abschlussprüfung helfen, weißt du? Das war doch mal unsere Spezialität.“ Er zwinkerte und Xavier erinnerte sich nur allzu gut an ihre Lerneinheiten, die oft kein jugendfreies Ende hatten. Sowas konnte höchst motivierend sein und in diesem Fall höchst unpassend.
„Lieber nicht“, sagte Xavier.
„Wir müssen ja nicht unser altes Belohnungssystem nutzen, obwohl es unglaublich lohnend war“, sagte Trent mit einem flirtenden Lächeln. „Oder ich könnte dir auch helfen, etwas von den Arbeiten am Haus deiner Oma fertig zu bekommen. Vielleicht dieses Wochenende?“
Das Nein lag Xavier schon auf der Zunge. Dann dachte er an den Empfang, den seine Großmutter und Twyla, die ihm gegenüber beide starke Beschützerinstinkte hatten, Trent bereiten würden. Wenn schon sonst nichts, so würde es Trents Bereitschaft auf die Probe stellen und es wäre witzig, mit anzusehen, wie er sich wand. Und Xavier konnte ein paar zusätzliche Hände gut gebrauchen. Zur Instandsetzung, ermahnte er sein Gehirn, das ihm eine Reihe schmutziger Bilder mit Vorschlägen lieferte, wie er diese Hände am besten einsetzen könnte.
„Es ist nicht so, als ob ich viel vorhätte“, fügte Trent hinzu. „Darf ich dir helfen? Bitte.“
Trent sah so hoffnungsvoll aus, dass Xavier sich fast ein wenig schuldig fühlte, ihn so auf Distanz zu halten. Trent war nach mehr als zehn Jahren nach Ashe zurückgekehrt, aber seine Eltern lebten nicht mehr hier. Konnte es sein, dass er einsam war? Und wenn er es war, sollte es Xavier überhaupt kümmern? Aber es lag nicht in seiner Natur, herzlos zu sein.
„Möchtest du dich wirklich Omas Zorn stellen?“ Noch einmal, da er ja offenbar schon mal dort war, um nach mir zu fragen, das aber nie erwähnt hat. „Sie ist nicht unbedingt dein größter Fan.“
Trent strahlte trotz der Warnung. „Ich werde meine Strafe wie ein großer Junge hinnehmen.“
Großer Gott. Xaviers Schwanz zuckte unter seinem Krankenhauskittel und er musste dieser Unterhaltung entkommen, bevor er zu viel Begeisterung für Trents Flirten zeigte.
„Wenn du dir sicher bist“, sagte er, ohne den Flirt-Köder zu schlucken.
„Ich verdiene es“, sagte Trent mit einem Schulterzucken. „Und ich würde gerne etwas davon wiedergutmachen.“
Xavier lächelte verhalten. „Wie du immer wieder betonst. Ich schätze, das ist deine Chance. Bist du dir ganz sicher? Ich könnte nämlich auch Zane fragen.“
„Zane?“ Die Frage in Trents Blick war ziemlich offensichtlich.
Xavier war sich nicht sicher, warum, aber er wollte es ihm nicht leichter machen. „Ja, der Typ, mit dem ich zusammenlebe.“
„Zusammenlebe wie in …“
Xavier zog die Augenbrauen hoch und Trent sah zur Seite. Sein Kiefer spannte sich an. „Ich dachte, du wärst Single.“
Verdammt, in Trents Gesicht spiegelte sich so viel Schmerz, dass er sich schuldig fühlte. Aber das geschah ihm recht, oder?
„Xavier lenkte ein. „Er ist nur ein Mitbewohner.“
Trent hob den Kopf und musterte Xavier. „Ja?“
„Er hat einen Freund“, sagte Xavier, obwohl er sich nicht sicher war, warum er die Bedenken eines Mannes zerstreute, mit dem er nichts anfangen wollte. „Der ist Arzt in der Notaufnahme. Doktor Paul Johnston?“
Trents Lächeln wurde breit und frech. Xavier bereute schon wieder, dass er so nett gewesen war. Er verdrehte die Augen. „Das ändert zwischen uns nichts, weißt du.“
„Ah ja. Aber es verbessert zweifellos meine Chancen, nicht wahr?“
„Nein.“
Trents Lächeln verblasste nicht. „Ich sehe dich dann am Samstag bei deiner Oma. Sagen wir um zehn?“
Xavier spielte mit dem Gedanken, das Angebot zurückzuziehen, aber er brauchte Hilfe. Und seine Oma und Twyla würden viel eher dafür sorgen, dass Trent das Grinsen verging, als er es je könnte.
Er stimmte zu und lächelte im Weggehen bei dem Gedanken, was alles seine Familie zu sagen hätte, dass Trent es wagte, bei ihnen aufzutauchen.
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