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Dirk Koch

Der Schützling

Stasi-Agent Adolf Kanter, Helmut Kohl, die Korruption

und die größte Spionageaffäre der Bundesrepublik


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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8012-7029-2 (E-Book)

ISBN 978-3-8012-0586-7 (Printausgabe)

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Erstes Kapitel

Der Unantastbare

Zweites Kapitel

Die haben bei dem gehorcht

Drittes Kapitel

Der Geheimprozess

Viertes Kapitel

Der Brandenburger

Fünftes Kapitel

Deckname »Hans«

Sechstes Kapitel

Persönliche Gefallen

Siebtes Kapitel

Bös in der Tinte

Achtes Kapitel

Befangene und Unbefangene

Neuntes Kapitel

Nichts, aber auch gar nichts

Zehntes Kapitel

Heiße Quellen

Nachwort

Das Urteil gegen Adolf Kanter in gekürzter Fassung

Bildnachweis

»Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird,

und nichts Geheimes, das nicht bekannt wird und an den Tag kommt.«

Lukas-Evangelium 8/17

Vorwort
Misstrauen als Pflicht

Man kann sagen, dieses Buch treibt journalistische Archäologie. Was soll das noch bringen? Fast alle Personen, um die es geht, sind gestorben, alles lange her, aus und vorbei, Deckel drauf und zu lassen. Man kann aber auch sagen, die Schriftstücke, die es zutage fördert, können helfen, der Wahrheit näher zu kommen. Die Wahrheit über die größte Spionageaffäre der Bundesrepublik Deutschland. Größte Spionageaffäre? Ja. Gemessen an Dauer und Umfang des Verrats. Gemessen vor allem am politischen Gewicht der kompromittierenden Erkenntnisse der Stasi über die Käuflichkeit bundesdeutscher Politiker. Adolf Kanters Berichte von der enormen Korruption beim Klassenfeind machten die Spitzenleute des westdeutschen Staates erpressbar. Die Wahrheit über den Fall des Stasi-Agenten Kanter, der auch ein Fall Helmut Kohl ist, haben die politischen und wirtschaftlichen Eliten lange und erfolgreich verborgen und vertuscht. Die Bürger einer Demokratie haben einen Anspruch darauf zu erfahren, ob sich ihre Eliten, zumal die von ihnen gewählten, an Recht und Gesetz halten oder ob sie sich, oft aus Geldgier, über das Gesetz stellen. Dieser Anspruch erlischt nicht durch Zeitablauf.

Die Presse hat als sogenannte vierte Gewalt Verantwortung für das Funktionieren der Demokratie. Die Presse hat die drei anderen – mächtigen – Gewalten zu beobachten, zu bewerten und zu kontrollieren, also die Legislative, die Exekutive und die Justiz. Die Parlamente erlassen die Gesetze, die in das Leben der Bürger eingreifen. Die Regierung fasst Beschlüsse über Wohl und Wehe wie beim Lockdown. Die Gerichte können Menschen bestrafen, ihnen die Freiheit nehmen. Missbrauch dieser Macht hat es gegeben, gibt es heute und wird es morgen geben. Deshalb hat die Presse die Pflicht zum Misstrauen, allem und jedem gegenüber. Der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ist meistens schwer, gelingt häufig nicht. Finden sich aber Dokumente, die den Machtmissbrauch von innen her belegen, sind sie ein Schatz. Ihn gilt es unbedingt zu heben.

Die Szenerie

Der Kalte Krieg hat den Planeten Erde im Würgegriff. Weltweit belauern und bedrohen sich die von Moskau und von Washington angeführten feindlichen Lager. Ihre nuklearen Waffensysteme würden in einem Dritten Weltkrieg die Menschheit vernichten. Der Jüngste Tag scheint gekommen, als 1962 die Sowjets auf Kuba, dicht vor der amerikanischen Küste, Stellungen für Atomraketen aufbauen, denen die USA ohne Vorwarnzeit ausgeliefert wären. Das US-Militär macht sich zum atomaren Erstschlag bereit. Der Atomkrieg wird knapp verhindert, als die sowjetischen Frachter mit ihrer Raketenladung vor Kuba beidrehen und zurückfahren.

Im Jahr zuvor hat der Bau der Berliner Mauer die Ost-West-Spannungen schon gefährlich verschärft. Die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik sind Feinde. Die Masse der Nuklearwaffen, die auf ihren Territorien gegeneinander gerichtet sind, machen die beiden Deutschlands zur potenziell tödlichsten Gegend der Welt. Die DDR hat Spione in allen Lebensbereichen der Bundesrepublik. Markus Wolf, Chef des Ostberliner Auslandsgeheimdienstes beim Ministerium für Staatssicherheit, schafft die Grundlage für eine der außergewöhnlichsten und erfolgreichsten Spionageunternehmung, als er einen Agenten namens Adolf Kanter aus Plaidt in der Voreifel auf die junge europäische Bewegung im westdeutschen Staat und auf einen Jungpolitiker namens Helmut Kohl ansetzt. Der Metzgersohn mit Volksschulabschluss wird zum bestvernetzten und kenntnisreichsten Stasi-Spion im Politikmilieu der Bundesrepublik aufsteigen, der mitmischt bei der Korruption westdeutscher Politik und Politiker. Er erfährt (und berichtet nach Ostberlin) so viel Kompromittierendes über die politische Führung der Bundesrepublik, dass ihn seine Mitwisserschaft vor dem Zugriff der bundesdeutschen Justiz schützt.

Kanter hat sich mit dem ebenfalls in Sachen Europa engagierten Manager Eberhard von Brauchitsch angefreundet, einem Erzkonservativen, der familiär eng mit dem milliardenschweren Flick-Industrieimperium verbunden und mit dem CDU-Politiker Kohl befreundet ist. Der Spross eines schlesischen Adelsgeschlechts wird zum Drahtzieher des bis heute größten Politikskandals im Nachkriegsdeutschland werden: der Parteispenden- und Flick-Affäre. Seinen Freund Kanter führt von Brauchitsch ein in die höchsten Kreise der westdeutschen Industrie und befördert ihn auf die Schlüsselposition eines Bonner Flick-Lobbyisten, von der aus der DDR-Spion tiefen Einblick hat in das westdeutsche Korruptionsgeflecht.

Zu vor hat Manager von Brauchitsch, versessen darauf, politische Entscheidungen zu seinen Gunsten und denen seiner Arbeitgeber zu beeinflussen, in Komplizenschaft mit Kanter ein System illegaler Schmiergeldaktionen und Steuertricksereien entwickelt und getestet, das später im Millionenstil betrieben wird. Gelegenheit dazu bietet ein von Kanter gegründetes Europa-Haus in Marienberg im Westerwald, eine internationale Informations- und Bildungsstätte für Jugendliche und Erwachsene. Die als gemeinnützig anerkannte Institution, über die Spenden steuerbegünstigt fließen, bietet Kanter mannigfache Möglichkeiten zum Ausbau seiner Beziehungen in Europa. Kanter und von Brauchitsch bedienen sich dabei der ebenfalls als gemeinnützig anerkannten »Europäischen Vereinigung für gegenseitigen Meinungsaustausch«, um Spenden einzusammeln, vorgeblich zur Unterstützung des Europa-Hauses. Tatsächlich erreichen die Gelder das Europa-Haus aber nicht, denn die »Europäische Vereinigung« hat nichts mit dem Europa-Haus zu tun. Die eingesammelten Spendengelder verschwinden in ganz anderen Richtungen, zum Beispiel in Richtung des aufstrebenden CDU-Manns Helmut Kohl und seinen Unterstützern in der Christenpartei.

So verknüpfen sich die Karrieren des Quartetts Kohl, Kanter, Wolf und von Brauchitsch. Kohl steigt in der CDU weiter auf, auch dank der Geldspritzen des Duos Kanter/von Brauchitsch. Dem Adligen gelingt dank der finanziellen »Pflege der Bonner Landschaft «, wie er seine Schmiererei nennt, der Aufstieg an die Spitze des Flick-Konzerns. Kanter gelangt in eine führende Position in der »Politischen Stabstelle der Geschäftsführung« des Milliardenkonzerns. Und Wolf festigt auch mittels der aufschlussreichen Berichte seiner Topquelle Kanter dauerhaft seine Stellung im DDR-System.

ERSTES KAPITEL
Der Unantastbare

Adolf Kanter, Direktor im »Europa-Haus e. V. Marienberg«, schreibt am 9. Juni 1965 an Dr. jur. Hanns Martin Schleyer, Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG:

»Sehr geehrter Herr Dr. Schleyer!

Auf diesem Wege nochmals sehr herzlichen Dank für den freundlichen Empfang am 26. Mai und das gute Gespräch, das ich bei dieser Gelegenheit mit Ihnen in Untertürkheim führen durfte. Besonders gefreut habe ich mich über die festgestellte Übereinstimmung mit Ihnen in der Grundkonzeption in unserer Arbeit. Solche ›moralische Spritzen‹ sind in unserem Bereich ab und zu auch sehr von Nöten. […]

Wegen unserer Wünsche an Ihr Haus wird sich Herr von Brauchitsch sicher in absehbarer Zeit mit Ihnen in Verbindung setzen.

Mit den ergebensten Wünschen verbleibe ich

Ihr Adolf Kanter«

Mit selbigem Datum unterrichtet Europa-Haus-Direktor Kanter den Herrn von Brauchitsch, Vorname Eberhard, von Beruf geschäftsführender Gesellschafter der milliardenschweren Friedrich Flick KG:

»Lieber Eberhard!

Das Gespräch mit Herrn Dr. Schleyer am 26. Mai war, glaube ich, sehr nützlich. […] Herr Dr. Schleyer hat mich mehrfach gebeten, ihm konkret unsere materiellen Wünsche vorzutragen. Ich habe darauf erklärt, […] daß Du als Vorsitzender unseres Freundes- und Fördererkreises Dich gelegentlich wieder an ihn wenden würdest.

Als Herr Dr. Schleyer dann nochmals auf die materiellen Dinge zu sprechen kam, meinte er, als von dem Jahresbeitrag von Mercedes-Benz im letzten Jahr von DM 4.000,– die Rede war, daß er es bei dem Gesamtvolumen unseres Umsatzes für möglich halten würde, daß eine stärkere Erhöhung des Zuschusses von Mercedes-Benz möglich wäre. […]

Mit den besten Grüßen von Haus zu Haus

Dein Adolf«

Am 29. Juni 1965 antwortet von Brauchitsch dem Direktor Kanter:

»Lieber Adolf,

[…] Vereinbarungsgemäß habe ich mich mit Herrn Dr. Schleyer in Verbindung gesetzt und ihm konkret die Bitte übermittelt, einen einmaligen Sonderbeitrag von DM 10.000,– und ein Kraftfahrzeug zur Verfügung zu stellen. Ich habe ihn gebeten, diese Sonderleistungen unter dem Gesichtspunkt seiner zukünftigen stärkeren personellen Beschickung der Tagungen in Marienberg zu behandeln. […] Ich habe ihm zugesagt, daß Du Dich dann direkt an ihn wendest, um ihm mitzuteilen, wer die Adressaten für die beiden Zuwendungen sein sollen.

So viel für heute.

Mit herzlichen Grüßen

Dein Eberhard«

Am 9. September 1965 schreibt Direktor Kanter dem Vorstandsmitglied Hanns Martin Schleyer, der als Vertrauensmann der Flick-Gruppe, des Daimler-Mehrheitsaktionärs, den Posten des Personalchefs hält und selbstverständlich ein offenes Ohr hat für Bitten des Flick-Gesellschafters von Brauchitsch. Kanter bedankt sich, »daß Sie bereit sind, für die Arbeit des Europa-Hauses Marienberg und der mit dieser Institution verbundenen Einrichtungen einen Mercedes-Wagen zu stiften. […]

Es ist am zweckmäßigsten, die Stiftung an unsere Vereinigung zu richten, da wir als ›Förderer-Vereinigung‹ der verschiedenen Einrichtungen tätig sind. Diese Regelung habe ich mit Herrn von Brauchitsch abgesprochen.

Bitte geben Sie uns den Wert der Stiftung an, damit wir Ihnen eine Spendenbescheinigung ausstellen können, denn bekanntlich sind wir ja als gemeinnützig anerkannt. Wann und wo dürfen wir das Fahrzeug übernehmen?« Mitte November 1965 holte Direktor Kanter persönlich den Benz, Typ 200 Limousine, in Sindelfingen ab.

Wie üblich gingen Kopien dieser Briefe per Kurier an die Zentrale des Auslandsgeheimdienstes der DDR, der Hauptabteilung Aufklärung (HVA) der Stasi, des Ministeriums für Staatssicherheit in Ostberlin.

Adolf Kanter, dem der – 1977 von der RAF ermordete – ehemalige SS-Hauptsturmführer und spätere Wirtschaftsboss Schleyer »moralische Spritzen« verpasste und einen Mercedes schenkte, jener Kanter, für den der Flick-Gesellschaft er von Brauchitsch bei den Spitzen der bundesdeutschen Industrie Spenden einwarb, er war der beste Mann des DDR-Spionagechefs Markus Wolf. Für die Machteliten der bundesdeutschen Republik war er der gefährlichste Gegner.

Kanter war »wesentlich wichtiger« für den Osten in den Zeiten des Kalten Krieges als Günter Guillaume, der Stasi-Spion bei Kanzler Willy Brandt. So urteilt Helmut Müller-Enbergs, der sich als Leiter der Spionageabwehr im Berliner Verfassungsschutzamt und als Experte der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde einen Namen gemacht hat. Zwischen 1969 und 1989 war Kanter sogar »der fleißigste IM [inoffizieller Mitarbeiter, D. K.] der HVA überhaupt. 1.727 Informationen gingen auf ihn zurück, was durchschnittlich sieben Meldungen pro Monat entspricht«. Aus langen Gesprächen mit dem einstigen HVA-Chef (der Wolf von 1952 bis 1986 war) berichtete Müller-Enbergs dem Autor: »Markus Wolf hat den Kanter bewundert«, kaltblütig, diszipliniert sei Kanter gewesen, präzise aus Ostberlin zu steuern.


Spendensammler Kanter an Daimler-Vorstand Schleyer: »Wegen unserer Wünsche an Ihr Haus wird sich Herr von Brauchitsch sicher in absehbarer Zeit mit Ihnen in Verbindung setzen.«

In den geheimen Heerscharen des Markus Wolf war Agent Kanter einzigartig. Von der Gründung der Bundesrepublik an bis zum Fall der Mauer lieferte »Fichtel«, so sein Stasi-Deckname, Informationen nach Osten. Er war einzigartig, weil unter all den Stasi-Agenten allein Kanter es gelang, westdeutsche Politiker zu schmieren, sie durch Mitwisserschaft bei Zahlungen, die in die Millionen gingen, zu verpflichten und gefügig zu machen. Einzigartig, weil er es schaffte, Politiker quer durch die bundesdeutschen Parteien nicht etwa mit Mitteln aus der kargen Devisenkasse der DDR, sondern mit dem großen Geld westdeutscher Kapitalisten zu kaufen.

Einzigartig vor allem aber, weil er so viel belastendes Wissen über die korrupten politischen und wirtschaftlichen Eliten der alten Bundesrepublik erlangt hatte, dass er unantastbar, ja unverwundbar wurde.

Kanter schadete dem System der BRD nicht allein durch Weitergabe sensibler militärischer, wirtschaftlicher oder politischer Informationen. Die lieferte er auch: über die Verfilzungen der Unionsparteien mit Großkonzernen, über Organisation und Personal der gesamten Bundesverwaltung und des Bundeskriminalamts, über die NATO-Panzer der 1990er-Jahre und das Innenleben des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, über marktnahe Forschung und Entwicklung in der Mikroelektronik, über die Einschätzungen der westdeutsch-sowjetischen Beziehungen durch das Bundeskanzleramt oder über elektrische Antriebe für Kampffahrzeuge.

Kanter fügte der Bundesreplik Deutschland, dem DDR-Hauptgegner, weit schlimmeren, weil strukturellen, Schaden zu. Der Stasi-Agent im Bonner Flick-Büro war in streng vertraulichen Zirkeln des Konzerns dabei, war Mittäter und Mitwisser, wenn der Flick-Wirtschaftsgigant durch illegale Spendenmillionen für CDU, CSU, SPD und FDP das innere Gefüge der bundesdeutschen Demokratie beschädigte. Mit seiner wirtschaftlichen Macht und seinen Schmiergeldzahlungen hat der Flick-Konzern die Ablösung und die Bildung von Bundesregierungen beeinflusst, so den Sturz des SPD-Kanzlers Helmut Schmidt und die Machtübernahme durch CDU-Kanzler Helmut Kohl.

Nicht in einem einzigen Rechenschaftsbericht der Parteien ist der Flick-Konzern als Spender aufgeführt. Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht 1979 mit einem Urteil die Gefahr bannen wollen, anonyme Großspender könnten auf längerfristige Ziele oder Einzelentscheidungen einer Partei einwirken und so Einfluss auf die staatliche Willensbildung gewinnen. Dem Verfassungsgebot, dass die Parteien über die Herkunft ihrer Mittel öffentlich Rechenschaft zu geben haben, komme zentrale Bedeutung zu: »Es zielt darauf ab, den Prozess der politischen Willensbildung für den Wähler durchschaubar zu machen und ihm offenzulegen, welche Gruppe, Verbände oder Privatpersonen durch Geldzuwendungen auf die Parteien politisch einzuwirken suchen. Der Wähler soll über die Herkunft der ins Gewicht fallenden Spenden an politische Parteien korrekt und vollständig unterrichtet werden und die Möglichkeit haben, daraus Schlüsse zu ziehen.« Stasi-Agent Kanter half im Flick-Konzern kräftig mit, die bundesdeutschen Wähler unwissend zu halten und zu täuschen.

Wolfs Topmann aber richtete noch größeres Unheil an. Mit seinem umfassenden Wissen über Schmiergeldzahlungen brachte er die westdeutsche Politikerkaste dahin, dass sie bereit war, ihre Macht durch eine umfassende Amnestie für sich und ihre Geldgeber zu missbrauchen, die Verfassung zu brechen, Ideale und Werte – konservative zumal – zu verraten, den Rechtsstaat schwer zu verletzen, ja außer Kraft zu setzen. Und alles aus lauter Angst, Kanter könnte auspacken.

Gleichheit vor dem Gesetz? Unabhängigkeit der Justiz? Nicht so wichtig, wenn es galt, die eigene Gier vor der Öffentlichkeit zu verbergen und beim Wahlvolk die eigene Käuflichkeit zu vertuschen. Wann immer ein Staatsanwalt oder ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit richterlichen Befugnissen die Krallen nach Kanter ausstreckten, sie wurden von hoher und höchster Stelle im staatlichen Machtapparat gestoppt.

Kant er war der Schützling der Bonner Republik.

ZWEITES KAPITEL
Die haben bei dem gehorcht

An einem frühen Nachmittag im Frühsommer 1985 klingelte es an der Haustür. Peter Probst öffnete, zwei Unbekannte standen vor seinem Büro im modernisierten Altbau Schumannstraße 15 in der Bonner Südstadt. Die beiden Männer stellten sich vor: Sie seien vom Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. Ob sie reinkommen dürften?

Die Verfassungsschützer wussten einiges über ihn, wie Peter Probst dem Autor berichtete: Er sei ja der Sohn des früheren Vizepostministers der DDR, Gerhard Probst, sei im Juli 1961 kurz vor dem Bau der Berliner Mauer in den Westen geflohen, arbeite jetzt als freier Journalist, spezialisiert auf DDR-Themen und Deutschlandpolitik. Die beiden hätten noch eine Weile um den eigentlichen Zweck ihres Besuchs herumgeredet. Etwa, was er ihnen über seinen Schwager Klaus Giersch sagen könne, der für die Stasi arbeite und in Dresden für die Wartung von Funktionärsautos zuständig sei, seinerzeit auch für den Dienstwagen des KGB-Manns Wladimir Putin? Ob er mit dem Schwager noch in Verbindung stehe? Probst verneinte. Die Männer kamen endlich auf den Punkt: Probst habe Kontakt zu einem gewissen Adolf Kanter.

»Ich solle mich vorsehen, haben die mich gewarnt«, so Probst heute. »Da gebe es ein Risiko für mich. Ich solle mich mit dem nicht einlassen und nicht für den arbeiten. Kanter sei auffällig geworden. Ich solle besser den Kontakt abbrechen.«

Sein Kontakt zu Kanter habe sich zufällig ergeben. 1984 von Berlin über München nach Bonn gekommen, habe er, Probst, für seine journalistische Arbeit ein Büro gesucht und im Aushang des Pressehauses I, Am Tulpenfeld, ein Angebot für die Welckerstraße, nahe bei Kanzleramt und Bundestag, entdeckt. Nach telefonischer Verabredung habe er sich dort mit dem Anbieter – dem Lobbyisten Adolf Kanter – getroffen. Der habe zwar viel Zeit für ein Gespräch gehabt, aber keinen Büroraum – der Aushang wäre wohl ein Trick gewesen, um Bonn-Neulinge kennenzulernen.

»Kanter hatte viel Interesse an meiner Biografie und meinem Themenschwerpunkt DDR, spielte den Antikommunisten, fragte nach meinen Kontakten in der DDR, ob ich ihm entsprechende Kontakte vermitteln könnte, was ich ablehnte. Er bot mir an, für seinen Info-Dienst zu schreiben, und bat um meinen Lebenslauf nebst Arbeitsproben.« Kanter habe dann Wochen später schriftlich sein Angebot zur Mitarbeit (es sei »der DDR-Sektor schon voll abgedeckt«) zurückgezogen. Seinen Kanter überlassenen Lebenslauf fand Probst nach der Wende in Kopie in seiner Stasi-Akte wieder, »den hat der sofort an das MfS weitergeleitet«.

»Wo her wussten die Kölner Abwehrleute vom Verfassungsschutz von meinem Treffen mit Kanter?«, fragt Probst. »Ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Die haben bei dem gehorcht. Ganz klar, die wussten, was der trieb, die hatten Kanters Büro verwanzt.«

Wenn stimmt, was Probst berichtet – und es gibt keinen vernünftigen Grund, an der Korrektheit seiner Aussagen zu zweifeln –, dann hätte Stasi-Agent Kanter zehn Jahre früher enttarnt und abgeurteilt werden können. Dann wäre er nicht erst 1995 nach Zufallsfunden in Stasi-Akten vor Gericht gestellt worden und in einem Geheimprozess vor dem Oberlandesgericht Koblenz mit einer auffallend milden Bewährungsstrafe von zwei Jahren davongekommen. In den Jahren des Kalten Krieges und des angespannten Verhältnisses zur DDR waren die Urteile in der BRD wegen Landesverrats wesentlich härter – Günter Guillaume, dem Spion in Willy Brandts Kanzleramt, hatten die Richter 13 Jahre, NATO-Spion Rainer Rupp zwölf Jahre Knast aufgebrummt.

1985 hätten der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heribert Hellenbroich, CDU, der für den Verfassungsschutz zuständige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, CSU, der Koordinator der bundesdeutschen Geheimdienste, Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble, CDU, und dessen Chef, CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl einen Prozess gegen Kanter nur wollen müssen. Sie wollten aber nicht, absolut nicht.

In jenen Zeiten, Mitte der 1980er-Jahre, wühlte die Parteispenden- und Flick-Affäre die Bundesrepublik auf. Auf Weisung aus Ostberlin hatte Kanter schon den aufstrebenden Jungpolitiker Helmut Kohl und dessen Unterstützertruppe in CDU und Junger Union mit Barem ausgestattet, herangeschafft mittels Spendentricksereien durch Kanter-Freund Eberhard von Brauchitsch. Der hatte dann den DDR-Agenten 1974 auf den Posten des Vizechefs der Bonner Stabsstelle der Flick KG gehievt und ihn so zum umfassend eingeweihten Mitwisser sämtlicher Schmiergeldzahlungen des Konzerns an bundesdeutsche Politiker befördert.

Kohl hatte sich im Lauf der Jahre Millionenbeträge, zum Teil in bar, illegal zustecken lassen, Schäuble war Mitwisser. So hat es der Generalbevollmächtigte der CDU-Schatzmeisterei, Uwe Lüthje, in einem im Jahr 2000 abgeschlossenen Bekenntnis aufgeschrieben. Laut Lüthje wurden 1982 in bar 4,5 bis 5 Millionen D-Mark unklarer Herkunft – »es könnten auch etwas mehr als 5 Mio. DM gewesen sein« – in schwarze Kassen verschoben, »auf Veranlassung von Helmut Kohl, in Anwesenheit von Wolfgang Schäuble«. Es war in diesen Zeiten, dass Kohl seinen Vertrauten Lüthje fragte, so dessen Niederschrift, ob er als Kanzler nicht »sicherheitshalber zurücktreten solle, ehe das Ergebnis staatsanwaltlicher Ermittlungen mich dazu zwingt«.

Lüthje schreibt über turbulente Tage im September 1982: »Kohl hatte das ›dringende Bedürfnis‹ – so er selber –, mich zu sprechen. Er schimpfte über Eberhard von Brauchitsch – EvB –, dessen Dummheit er es zu verdanken habe, dass er ausgerechnet jetzt mit Uralt-Spenden-Geschichten konfrontiert werde. Er hatte eine Spendenliste mit vier oder fünf Positionen vor sich […] Es waren das Spenden, die er von EvB jeweils in bar erhalten hatte. Mir war das alles neu. Von Bar-Spenden von EvB – und die dann auch noch an den Parteivorsitzenden – hatte ich nie gehört. Seine dringende Bitte an mich: Ich müsste mir ein Konzept und eine glaubwürdige Argumentation einfallen lassen für die Abwicklung dieser Spenden und ihre Weiterleitung in den Bereich der Schatzmeisterei. Dass dies in jedem Fall eine Argumentation an jeglicher Wahrheit vorbei sein würde, interessierte Kohl nicht; es wurde auch gar nicht darüber gesprochen.«

Eberhard von Brauchitsch bestätigt Lüthjes Angaben in seinen Erinnerungen von 1999, Der Preis des Schweigens: »Der Betrag von 30.000 DM«, den Kohls Büroleiterin Juliane Weber »persönlich bei mir abgeholt hatte, war in den Büchern der CDU nicht aufzufinden. Die Weitergabe eines Betrages von 25.000 DM vom März 1979 ließ sich ebenfalls nicht belegen.«

Es hätte Kohl mit ziemlicher Sicherheit den Kopf gekostet, wenn dann auch noch ans Tageslicht gekommen wäre, dass die Schmiergelder für ihn über Jahrzehnte hin mit Wissen und Hilfe eines Stasi-Agenten geflossen sind. Kanter, der sieben Jahre lang, bis 1981, als Flick-Lobbyist brisantes Wissen um die Korruptheit bundesdeutscher Politik aufgehäuft hatte, durfte nicht verhaftet werden. Einen Prozess, in dem Kanter hätte auspacken können, durfte es nicht geben. Schützling Kanter.

Dabei war der westdeutschen Spionageabwehr ein ordentliches Stück Fahndungsarbeit gelungen. Am 26. September 1983 hatte sich im Westberliner Hotel »Am Tauentzien« ein Gerhard Jennrich aus Altena/Westfalen, Europaring 19, ins Gästebuch eingetragen. Es handelte sich um den Wirtschaftswissenschaftler und Stasi-Agenten Dr. Werner Krüger, Deckname »André«. Er war der Verbindungsmann und Instrukteur Kanters alias »Fichtel«.

Krüger war mit der Identität eines tatsächlich existierenden Bundesbürgers unterwegs – eine beliebte Tarnung der Ostberliner Stasi-Zentrale. Doch diesmal funktionierte der Trick nicht. Die westliche Abwehr bekam rasch spitz, dass sich der wahre Jennrich zu Hause in Altena aufhielt. Krüger wurde beschattet, in Berlin am Bahnhof Zoo, im D-Zug 246, 1. Klasse, am 27. September 1983, Abfahrt 7.58 Uhr, über Helmstedt nach Hagen. Dort kaufte er eine Fahrkarte nach Andernach. Im Hauptbahnhof Köln stieg er aus, schlenderte zweieinhalb Stunden durch die Kölner Innenstadt. Weiterfahrt im Eilzug nach Andernach, Ankunft 19.07 Uhr. Im Taxi ließ sich der falsche Jennrich durch das Rheinstädtchen zum Mehrfamilienhaus Konrad-Adenauer-Allee 25 fahren. Zwei seiner Observanten drängten sich mit in den Aufzug, im vierten Stock stieg man aus. Krüger/Jennrich holte einen Schlüssel hervor, sperrte eine Wohnungstüre auf, schloss sie hinter sich und ward nicht mehr gesehen. Der Name auf dem Schildchen über der Klingel: Adolf Kanter.

DDR-Spionagechef Markus Wolf gibt in seinen Erinnerungen (Fußnote: MW Spionagechef im Kalten Krieg, List, 1997) die Abläufe wieder: Man habe eine »Eilmeldung von einer Quelle im Verfassungsschutz« erhalten: »Unser Kontaktmann zu Kanter, Dr. Werner K., gerade auf dem Weg in die Wohnung, die Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet [falsch, Kanter hatte sie gekauft, D. K.] hatte, war enttarnt worden. Er stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung. Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung. Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff, weil sie natürlich K.s Gastgeber in flagranti überraschen wollten. In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich, und es gelang ihm eine abenteuerliche Flucht. Wir fürchteten, eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. Kanter mußte zum Verhör, dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Unser Mann beim Verfassungsschutz, Klaus Kuron, gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden.«

Markus Wolf liegt es fern, die ganze Wahrheit zu schreiben. Woher kam die »höhere Weisung«, von der Klaus Kuron berichtet hat? Kuron war beim Kölner Bundesverfassungsschutz für DDR-Spionageabwehr zuständig, wurde 1992 zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Flick-Manager von Brauchitsch hegte später, nach Kanters kurzzeitiger Verhaftung – er kam 1994 gegen eine Kaution von 150.000 DM gleich wieder frei – mehr als einen bloßen Verdacht: »Alles, was nach 1983 in Richtung Kanter lief, hätte dann faktisch unter Schutz gestanden – Naturschutzpark Kanzleramt, ein dolles Ding.« Kuron bestätigte den Verdacht. Er meldete seinem Stasi-Führungsoffizier Gunther Nels, die Ermittlungen gegen Kanter seien »auf Grund einer direkten, persönlichen Intervention« des Staatsministers im Kanzleramt, des engen Kohl-Freundes Philipp Jenninger, gestoppt worden.

Kohl hat dem Stasi -Agenten das Tor zum Kanzleramt weit geöffnet. »Der darf hier rein«, habe der Pfälzer nach seinem Einzug in die Bonner Regierungszentrale angeordnet, erinnerte sich Thomas Gundelach, der Bürochef des Staatsministers Jenninger. Kanter und Kohl waren alte Bekannte aus gemeinsamen Zeiten in den 1950er-Jahren bei der Jungen Union. Kanter war damals schon der Mann mit den Spendengeldern.

»Jenninger hat mir gesagt«, berichtete Gundelach im Gespräch mit dem Autor weiter, »der Kanzler hat mich gebeten, mich um Kanter zu kümmern.« Ihm, Gundelach, habe Jenninger dann aufgetragen: »Wenn ich keine Zeit habe, setzen Sie sich mit dem zusammen.« Von seinen »gelegentlichen« Zusammentreffen mit Kanter im Kanzleramt hat Gundelach einige Eindrücke bewahrt: »Ein unscheinbarer Mann. Leise und höflich. In Auftreten und Kleidung eher unterwürfig mit dem Gehabe eines Sachbearbeiters, das dazu einlud, ihn zu unterschätzen. Hatte etwas Lauerndes, Schleichendes an sich, ein Typ für die Hintertreppe, der die Öffentlichkeit meidet. Aber auch einer, der geduldig und beharrlich ausfragen konnte.«

Wie auch, ohne massiven Eingriff von oben, hätte die Flucht von Kanters Verbindungsmann Krüger/Jennrich aus Andernach gelingen sollen? Richter Joachim Vonnahme, der Kanter am 23. März 1995 statt zu drei Jahren Gefängnis, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, lediglich zu milden zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilte, schildert in seiner geheim gehaltenen Urteilsbegründung den Ablauf der wundersamen Rettung: »Dr. Krüger bemerkte die Beschattung jedoch. Von Andernach aus setzte er sich deshalb telefonisch mit dem Angeklagten in Verbindung, schilderte ihm den Sachverhalt und erklärte ihm, daß er unverzüglich die Heimreise antreten wolle. Dieser holte ihn darauf vereinbarungsgemäß mit dem PKW ab und brachte ihn zum Bahnhof in Koblenz, von wo aus Dr. Krüger nach Hause zurückfuhr. Zwei Versuche, ihn in der Wohnung in Andernach festzunehmen, blieben erfolglos, da sich zu den Zeitpunkten der beiden polizeilichen Durchsuchungen niemand dort aufhielt.«

So viele Ungereimtheiten, und dem Richter sollen sie entgangen sein? Da verfolgten die Staatsschützer Kanters Kontaktmann von Berlin aus quer durch die Bundesrepublik, 25 Beamte aus vier Bundesländern wechselten sich ab. Man hatte es mit einem Profi zu tun, das war ihnen klar.

Die Fahnder hielten im Protokoll über die Beschattung der Zielperson (ZP) in Köln fest: »Alias Jennrich bewegte sich mehrere Stunden in der Innenstadt, wobei er z. B. in einer menschenleeren Straße durch Umdrehen die ihm in Entfernung folgenden Observanten musterte. Dieses Verhalten wiederholte sich. Man konnte davon ausgehen, daß es sich bei der ZP um einen geschulten Inoffiziellen Mitarbeiter handelte.«

Man hatte die Zielperson abends endlich in der Konrad-Adenauer-Allee 25 in Andernach eingekesselt. Und dann soll Kanter mal eben mit dem Auto den falschen Jennrich einsammeln können und zum Bahnhof ins 19 Kilometer entfernte Koblenz chauffieren? Ohne verfolgt und in flagranti mit dem Stasi-Agenten gestoppt zu werden?

Und die Polizei kam, sogar zweimal – zu spät. Sie drang in die konspirative Wohnung ein, aber die war und blieb leer. In einem Schranksafe fand sich lediglich eine handgeschriebene Botschaft für Wohnungsinhaber Kanter. Gefragt wurde nach »wirtschaftlicher Entwicklung«, nach »Auswirkungen der Korruptionsaffäre« in Bonn – gemeint war der Flick-Skandal –, nach Verbindungen der damals regierenden Koalition aus CDU/CSU und FDP zu »führenden Industrie- und Wirtschaftskreisen«.

Richter Vonnahme hat sich offenkundig mit solchen Ungereimtheiten nicht plagen mögen. Der Autor hat ihn 2018 gefragt, ob er durch die Politik unter Druck gesetzt worden sei? Er hat die Frage nicht mit einem klaren Nein beantwortet. »Dazu sage ich nichts.«

In die Einzelheiten ging der Richter in seinem Urteilstext lieber bei Nebenaspekten: »Um dem Angeklagten im Falle der erwarteten polizeilichen Nachforschungen ein Alibi zu verschaffen, ließ Dr. Krüger ihm unter dem Datum des 19. November 1983 einen Brief zukommen, in dem ein ›Hans Frank‹ aus Basel sinngemäß erklärte, er habe überstürzt aus der ihm zur Verfügung gestellten Mansarde des Angeklagten abreisen müssen, da seine Mutter überraschend in ein Krankenhaus eingeliefert worden sei. Nach deren Tod müsse er jetzt den Nachlass regeln, so daß die geschäftliche Zusammenarbeit mit dem Angeklagten für längere Zeit unterbrochen werden müsse. Diese Ausführungen entsprechen, wie auch der Angeklagte wußte, nicht der Wahrheit.«

»Etwa zehnmal pro Jahr« sei es laut Vonnahme seit den 1970er-Jahren zu konspirativen Treffen zwischen Kanter und Krüger gekommen: »Nachdem sich Dr. Krüger über die Unannehmlichkeiten der häufigen Hotelaufenthalte beklagt hatte, einigte man sich im Jahre 1975 darauf, die Begegnungen künftig in dem Anwesen Kanters in Andernach stattfinden zu lassen. Dort betrieb die Schwester Agnes L. des Angeklagten eine Pension, während der Angeklagte einen Schlaf- und einen Büroraum im zweiten und dritten Stock nutzte, die er Dr. Krüger bei dessen Besuchen zur Verfügung stellte. Ende 1981 übertrug der Angeklagte seinen Anteil an dem Gebäude auf seine Schwester und erwarb als Nebenwohnsitz eine Eigentumswohnung in der Konrad-Adenauer-Allee in Andernach, wohin von da an auch die weiteren Zusammenkünfte verlegt wurden. Der Angeklagte händigte Dr. Krüger zu diesem Zweck einen Wohnungsschlüssel aus und stellte ihm ein Zimmer zur Verfügung, in dem er ständig persönliche Sachen deponieren konnte. Somit konnte Dr. Krüger die Wohnung auch dann jederzeit betreten, wenn der Angeklagte wie gewöhnlich tagsüber arbeitete und nur abends verfügbar war. Die Aufenthalte Dr. Krügers erstreckten sich in der Regel über drei bis vier Tage.«

Die Flucht aus Andern ach war Krüger dank Hilfe von ganz oben geglückt. Beim Grenzübertritt am nächsten Tag hätten die westdeutschen Sicherheitsbehörden den falschen Jennrich noch greifen können. Man versuchte es nicht einmal. Erst als Krüger wieder zurück in Sicherheit in der DDR war, bequemte sich der Generalbundesanwalt am 29. September 1983 unter dem Aktenzeichen 7 BJs 225/83 ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Nicht etwa gegen den Inhaber der konspirativen Wohnung und Fluchthelfer Kanter. Sondern »gegen unbekannt«.

Kanter wurde mehrfach von Beamten des Bundeskriminalamtes angehört. Er tischte den Ermittlern eine dünne Geschichte auf und kam damit durch: Ja, er kenne diesen Mann, den die Fahnder als »Jennrich« kannten. Der habe sich ihm vor langer Zeit vorgestellt als Journalist aus Basel mit dem Namen »Dr. Hans Frank«. Er habe zu ihm Vertrauen gefasst und ihm einen Schlüssel zu seiner Wohnung überlassen und ihn spät in der Nacht zum Koblenzer Bahnhof gefahren.

Am 31. Oktober 1984 stellte die Bundesanwaltschaft das Verfahren ein, nach § 170 Strafgesetzbuch mangels »genügendem Anlass« für eine Anklage. Konkrete Gründe für die Einstellung des Verfahrens will die Bundesanwaltschaft auch heute nicht nennen; Akteneinsicht verweigerte sie. Dabei hätten Bundesverfassungsschutz und Bundesregierung 1985 eigentlich einen Erfolg der Spionageabwehr gut gebrauchen können. Der Kölner Behörde war, peinlich, peinlich, in der Abteilung »Spionageabwehr« ausgerechnet der Leiter des Referats »Nachrichtendienste der DDR«, Regierungsdirektor Hansjoachim Tiedge, abhandengekommen. Der alkoholkranke, stark übergewichtige Diabetiker war in die DDR übergelaufen. Warnzeichen – Führerscheinverlust wegen Trunkenheit, Überschuldung, Gehaltspfändungen, Verwahrlosung der Kinder – hatte die Amtsleitung nicht ernst genommen. Über einen Auftritt Tiedges bei einem Grillfest des Bundeskriminalamtes im Sommer 1984 berichtete ein Kollege aus der Abteilung Geheimschutz später, der Regierungsdirektor habe gegen 22.00 Uhr ein »jämmerliches Bild« geboten, in einem »von der Kleidung her ziemlich desolatem Zustand, die Hose offen, von oben bis unten mit Soße bekleckert«.

Wer also sorgte für die Einstellung des Ermittlungsverfahrens? Es war wohl Philipp Jenninger, der Freund Kohls und Kanters. Gleich zwei Verfassungsschützer, Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge, beide zur DDR übergelaufen, zeigten aufgrund ihrer Kenntnisse aus der Kölner Zentrale des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf Jenninger als großen Hintermann, der schützend seine Hand über Kanter gehalten habe. Dem Kanzleramtsminister konnte nicht daran gelegen sein, dass es zum Stasi-Skandal und großen Krach mit Ostberlin wegen Kanter kam. Unbehelligt machte Kanter weiter, und die westdeutsche Abwehr schaute weiter weg. Womöglich noch aus anderem Grund.

Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs hat in den sichergestellten Akten eine sonderbare Entdeckung gemacht. Auf Anraten von Markus Wolf habe sich Kanter zu Beginn der 1950er-Jahre beim rheinland-pfälzischen Verfassungsschutz beworben. So stehe es in einem Bericht, den Wolf über seinen Agenten »Fichtel« verfasst habe. Im Ostberliner Ministerium für Staatssicherheit sei damals Panik ausgebrochen, weil der Auslandsgeheimdienst HVA von Westagenten unterwandert worden sei. HVA-Chef Wolf war gehalten, über jeden seiner Kundschaft er ein detailliertes Dossier zu liefern. Kanter ein Mehrfachagent, der an die Geheimdienste der beiden Deutschlands lieferte und dazu noch, zumindest zeitweilig, an die Geheimen der Besatzungsmächte Frankreich und USA? Das könnte mancherlei erklären.

Kanter blieb nach dem Andernacher Zwischenfall unangetastet. Obwohl das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz ihn eindeutig als Stasi-Agenten enttarnt hatte. Der für den Inlandsgeheimdienst zuständige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann berichtete am 18. Dezember 1985 dem Innenausschuss des Bundestags vom »Bekanntwerden eines Spionagefalls, wonach ein illegaler eingeschleuster Agent eines östlichen Nachrichtendienstes über zehn Jahre lang unter anderem den Flick-Konzern ausgeforscht haben solle«. So ist es in der Bundestagsdrucksache 10/6584 festgehalten, dem Bericht des zweiten Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages zu Fragen der Spionageabwehr.

Der Präsident des Bunde sverfassungsschutzes, Heribert Hellenbroich, habe schon zuvor, am 19. Dezember 1984, so steht es weiter in dem Bericht des Untersuchungsausschusses, den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Carl-Dieter Spranger (CSU), gewarnt: »Er wies auf einen Namen hin, der im Zusammenhang mit einem möglichen Spionagefall im Hause Flick genannt worden war.« Auch noch im Jahre 1986 notierten die Kölner Abwehrbeamten in einem Geheimvermerk, Kanters Wohnung müsse »als Stützpunkt des MfS angesehen« werden.

Am 22. Januar 1986 veröffentlichte die Welt einen Vermerk des Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes Hellenbroich aus dem Jahre 1984. Der Chef der bundesdeutschen Spionageabwehr war vom Parlamentarischen Staatssekretär Spranger, CSU, aufgefordert worden, sich um mögliche Verstrickungen des Flick-Managers von Brauchitsch in östliche Geheimdienste zu kümmern. Hellenbroich erläuterte später, er habe dies so verstanden, dass geprüft werden solle, »ob Herr von Brauchitsch ein KGB-Agent sein könne«, also für den sowjetischen Geheimdienst tätig sei. Laut Welt hielt Hellenbroich in einer Aktennotiz fest: »Am 5. Dezember beauftragte mich Spranger, Erkenntnisse über von Brauchitsch zusammenzustellen. Gibt es in diesem Zusammenhang irgendwelche Hinweise auf active measures im Zusammenhang mit der Spendenaffäre?« Auf den Rand des Vermerks habe Hellenbroich, so die Welt weiter, von Hand einen Namen geschrieben: »Kanter«.

Schützling Kanter schlug zurück. Kaltblütig, dreist. Er zwang die Zeitung zum Widerruf. Am 8. Februar 1986 druckte die Welt ein Schreiben des Stasi-Agenten: »Nur noch als absurd empfinde ich die Unwahrheiten, die in jenem Artikel über meine Person und meine persönlichen Verhältnisse kolportiert worden sind. Als ›Spion für östliche Geheimdienste‹ sei ich vor einiger Zeit ›aufgeflogen‹, wird da behauptet. Mir ist natürlich nicht bekannt, wer sich solchen Unsinn aus den Fingern gesogen hat. Geheimdienste östlicher Provenienz kenne ich aus Filmen, Büchern und einschlägigen Fernsehserien. Mit anderen Worten: Die WELT scheint Opfer fremder Phantasien geworden zu sein.«

Die Redaktion setzte ihre Entschuldigung darunter: »Unser Leser hat recht. Sein Name ist aufgrund eines Versehens in diesen Zusammenhang gebracht worden. Die WELT bedauert das.«

Und es kam noch besser für Kanter, so Memoirenschreiber von Brauchitsch. Von CSU-Spranger verlangte der DDR-Agent eine »ehrenrechtliche Wiedergutmachung«. Aus dessen Bundesinnenministerium wären ihm schon öfters Kontakte zu Geheimdiensten nachgesagt worden; er bestehe auf Kenntnis sämtlicher Daten, die über ihn vorlägen. Spranger solle ihm mitteilen, welche Maßnahmen man ergreifen werde, »um meine durch die Verlautbarungen Ihres Hauses verletzte Ehre wiederherzustellen«. Andernfalls sehe er sich gezwungen, »die Rechtmäßigkeit Ihres behördlichen Verhaltens in diesem Punkt streitig überprüfen zu lassen«.

Kanters Ehre sollte bald wieder glänzen, auch dank des furiosen Einsatzes von Helga, der Ehefrau des Kanter-Kumpels von Brauchitsch. Sie warf sich in gleichlautenden Briefen an Bundeskanzler Kohl und Bundesinnenminister Zimmerman für ihren Gemahl ins Zeug. Unter Anspielung auf gern angenommene Spendengelder schrieb sie am 28. Januar 1986: »[…] Wie ist es möglich, dass hinter dem Rücken eines Mannes, dessen Fähigkeiten und Tatkraft Sie so oft und gern zum Wohl der Allgemeinheit und des Staates in Anspruch genommen haben, der Verdacht ausgelöst wurde, er sei ein Agent eines ausländischen Geheimdienstes? Sie müssen mir erlauben, daß sich nun meinerseits der Verdacht aufdrängt, Sie hätten bei all diesem nur politische Macht im Sinn gehabt und die Verfassung unserer Republik sowie die Grundrechte seiner Bürger nicht geachtet, wie man es von Ihnen erwartet.«

Kohl antwortete der »lieben Helga« noch am selben Tag »mit großer Betroffenheit«. Das Innenministerium habe klargestellt, »daß zu keinem Zeitpunkt irgendein Gedanke dergestalt existierte, daß gegen Deinen Mann Anhaltspunkte für Landesverrat oder Ähnliches bestanden haben«.

Der für die Verdachtsan frage verantwortliche Spranger erinnert sich: »Da ist alles ganz schnell totgemacht worden.« Nicht nur von Brauchitsch, sondern auch Kanter bekam seine Ehrenerklärung.

Der beamtete Staatssekretär des Innenministeriums, Hans Neusel, bescheinigte dem Stasi-Agenten am 11. März 1986 schriftlich, »ausnahmsweise«, denn der Verfassungsschutz gebe Privatpersonen grundsätzlich keine Auskünfte, »bin ich in Ihrem Falle jedoch bereit, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Person in den Unterlagen des Ministeriums und der Sicherheitsbehörden des Geschäftsbereichs lediglich im Zusammenhang mit Ihrer Zeugenschaft in einem auch Ihnen bekannten Ermittlungsverfahren gegen unbekannt vermerkt ist.«

»Der Brief des Staatssekretärs«, schreibt von Brauchitsch weiter in seinen Erinnerungen, »war wahrscheinlich das schönste Geschenk, das Adolf Kanter je erhalten hat.«

DRITTES KAPITEL
Der Geheimprozess

Die Bonner Redaktion des Spiegel hatte zu Zeiten des Kalten Krieges ihr Büro in einem viergeschossigen Zweckbau an der Ecke Dahlmannstraße/Welckerstraße, mitten im Regierungsviertel der Bundeshauptstadt am Rhein. Aus den Fenstern nach Westen ging der Blick auf das Nachbarhaus an der Welckerstraße, zweistöckig, gebaut in den 1950er-Jahren, die neonhellen Räume belegt von Fachverbänden und Informationsdiensten. Wer da ein- und ausging? Für uns vom Spiegel nicht interessant. Man beachtete die Leute gegenüber nicht und grüßte sich nicht.

Das war ein Fehler. Wir haben uns um die Gelegenheit gebracht, den erfolgreichsten und einflussreichsten deutschen Spion jener Jahrzehnte der Teilung Deutschlands kennenzulernen. Wir hätten die Bekanntschaft eines stets oberflächlich freundlichen, unauffälligen Mannes machen können, nicht klein, nicht groß, dicklich, stattlich, das nach hinten gekämmte Haar gelichtet, Hornbrille, Typ Sachbearbeiter im grauen Anzug, immer mit Krawatte, leise und höflich. Das war Adolf Josef Kanter, 41 Jahre lang Agent Ostberlins, vorübergehend festgenommen erst nach dem Ende der DDR, gestorben 2004 in einem Altenheim in Vallendar am Rhein als 79-jähriger Pflegefall nach einem Treppensturz, eine der wichtigsten Quellen der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), von 1974 bis 1981 Prokurist und stellvertretender Leiter der Politischen Stabsstelle der Geschäft sführung des milliardenschweren Flick-Konzerns am Sitz der Bundesregierung in Bonn, Job: vertrauliche Informationen beschaffen, Politiker schmieren, politische Entscheidungen kaufen.

Kanter gehörte zu den mächtigsten Wissenden von Bonn, er war einer der wenigen, die über sehr viele Leute in Parteien, Parlament und Regierung sehr viel wussten, das keinesfalls nach draußen dringen durfte. Er hatte viel Geld zur Verfügung. Er hatte einen guten Draht zu Helmut Kohl. Stasi-General Markus Wolf hat Kanter in den Rang Günter Guillaumes, des DDR-Spions an der Seite Willy Brandts, erhoben: »Seine Informationen waren kaum weniger wertvoll.« Und Kanter lieferte viel, viel mehr als Guillaume. Bei Enttarnung Guillaumes trat der SPD-Bundeskanzler zurück, der Stasi-Agent hatte zu viel Intimes mitbekommen, der westdeutsche Regierungschef hätte bloßgestellt werden können – für den späteren CDU-Kanzler Kohl ein abschreckendes Beispiel, ein Schicksal, das er sich in jedem Fall ersparen wollte.

Dabei hatte »Hansen« – Guillaumes Deckname – in den Jahren zwischen 1969 und 1974 lediglich 45 Berichte nach Ostberlin geschickt. Kanter brachte es in vier Jahrzehnten auf eine vierstellige Zahl Dossiers. Seine – beim DDR-Zusammenbruch vernichtete – Akte bei der Stasi füllte 36 Ordner mit mehr als 14.400 Blatt. Kanter wurde von der Stasi-Spitze als dermaßen wichtig eingestuft , dass selbst im Kriegsfall die Verbindung zu ihm aufrechterhalten bleiben sollte. Eine Bedeutung, die nur wenigen Quellen im Ausland zugemessen wurde.

Kanter sei sogar »wesentlich wichtiger« für den Osten in der Ära des Kalten Krieges gewesen als Guillaume. So das Urteil des Berliner Abwehrchefs Helmut Müller-Enbergs. Seine Fachkenntnis stellte der Stasi-Forscher wiederholt unter Beweis, so enttarnte er den Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras (er erschoss 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Schah-Demo) als Stasi-Agenten. Müller-Enbergs befand über den Kanzlerspion Guillaume: »Der war nicht mal Mittelklasse«, ein »Medienprodukt«, ohne hervorragende nachrichtendienstliche Qualitäten. Müller-Enbergs berichtete dem Autor aus langen Gesprächen mit dem HVA-Chef 2005, ein Jahr vor dessen Tod: Wolfs Erfahrung nach hätten seine Späher im Durchschnitt zehn Jahre durchgehalten, dann wären sie vom Doppelleben zermürbt gewesen. Kanter alias »Fichtel« aber hätte vier Jahrzehnte lang geliefert, kaltblütig, diszipliniert. Besonders geschätzt habe Wolf, wie genau dieser Agent zu steuern gewesen sei. Erst habe Ostberlin ihn als A-Quelle, als Abschöpfungsquelle, auf die sich herausbildende Europaszene in Westdeutschland angesetzt, danach dann auch noch auf die CDU um Helmut Kohl in Rheinland-Pfalz, in beiden Bereichen mit immensem Ertrag an aufschlussreichen Informationen aus seinen zielstrebig auf- und ausgebauten Netzwerken von auszuhorchenden Kontaktpersonen.

Wie aus Ostberlin aufgetragen, brachte sich Kanter in die nach Kriegsende aufblühende Europa-Bewegung ein, verschaffte sich Zugang sogar zu Walter Hallstein, dem deutschen ersten Vorsitzenden der Brüsseler Kommission der Europäischen Wirtschaft sgemeinschaft (EWG). Zugleich gelang es »Fichtel«, sich an Kohl und seinen Unterstützerkreis heranzumachen. Kohls Herz für Kanter ließ sich mit einem Wort erklären: Geld. In den frühen Kampfjahren gegen die CDU-Altvorderen im Bundesland Rheinland-Pfalz hat Kanter dem Jungmachtmenschen Spenden aus dubioser Quelle zugeschoben, auch damals schon aus Kassen, die dem neu gewonnenen Kanter-Freund Eberhard von Brauchitsch, dem späteren Flick-Generalbevollmächtigten, offenstanden. Kohl, zum Mainzer Ministerpräsidenten aufgestiegen, zeigte sich erkenntlich, bewahrte über seinen Justizminister und durch Eingriff in das Rechtssystem den Geldbeschaffer Kanter vor Ungemach, als dem Schützling ein scharfer Staatsanwalt auf den Fersen war. Erst recht galt es, den Goldjungen Kanter pfleglich zu behandeln, als der von 1974 an im Bonner Flick-Büro saß, das wesentlich beim Verteilen der Schmiergelder in Millionenhöhe – bar natürlich, ohne Quittung – mitzureden hatte. Von Anbeginn an berichtete Kanter auf das Genaueste der Stasi-Zentrale, wie und was da lief in der BRD zwischen Kapital und Politik und wie sich westdeutsche Politiker mit ihrer Käuflichkeit unter Druck setzen ließen.

Sein Haus in der Lindenstraße 19 in Hangelar nahe Bonn nutzte Kanter als Spionagehilfsmittel: Er hörte seine Mieter ab. 1970 hatte er einen ganz besonderen Fang gemacht: Egon Bahr zog bei Kanter ein. Bahr, zu jener Zeit Staatssekretär im Bundeskanzleramt, war ostpolitischer Stratege, engster Berater und Freund des SPD-Kanzlers Willy Brandt. Der setzte ihn als Chefunterhändler für die auf Verständigung zielenden Ostverträge mit der Sowjetunion und Polen ein. »Es gelang uns sogar«, berichtet Markus Wolf in seinen Memoiren, »im Privathaus Egon Bahrs Abhöranlagen zu installieren. Wir belauschten ihn dort bei ebenso geheimen wie freimütigen und oft auch fröhlichen Gesprächen mit seinen sowjetischen Partnern. So wusste ich bisweilen wahrscheinlich vor dem Bundeskanzler, mit wie viel Geschick der Unterhändler über seine konspirativen Kanäle die Verhandlungen vorantrieb. Die ›Verwanzung‹ seines Hauses, die uns im Verlauf von Reparaturarbeiten gelang, war ein seltener Glücksfall. Trotz einigem Aufwand glückten uns solche Operationen nur sehr selten. Nach einiger Zeit blieben alle Mikrofone in Bahrs Haus mit einem Schlag stumm. Ich vermute, daß unsere sowjetischen Freunde etwas gemerkt und Egon Bahr gewarnt hatten, denn Moskau paßte es gar nicht ins Konzept, daß die DDR-Führung allzuviel über die Annäherung der UdSSR an Bonn erfuhr.« Über den Vormieter Bahrs, auch eine für Ostberlin höchst interessante Zielperson, schwieg sich Wolf aus.

Bahr hatte in Kanters Haus einige Male mit Willy Brandt die Köpfe zusammengesteckt, um die nächsten Züge in der Ost- und Entspannungspolitik abzusprechen. Wolf hatte also dank Kanter den Sowjets, mit denen er laut Müller-Enbergs enger zusammenarbeitete, als er zugeben mochte, einiges an Informationsleckerbissen zu bieten. Doch auch Wolf wurde manipuliert. »Egon Bahr wusste schließlich«, erinnert sich Christiane Leonhardt, eine von Bahrs Partnerinnen in den 1970er-Jahren, »[…] dass das Haus total verwanzt war. Er hat das des Öfteren gesagt und er hat sich einen Spaß daraus gemacht, den Lauschern im Osten gezielt Infos über Absichten und Schachzüge und so zukommen zu lassen. Egon Bahr hat denen die Wanzerei nicht groß übel genommen.« Aber dass sein Vermieter hinter der Abhörerei stecken könnte, darauf sei Bahr bei all seinem Scharfsinn nicht gekommen.

Zumal der ein besonders netter Kerl zu sein schien, wie sich auch später zeigte. In Flicks Lobbybüro an der Bonner Hausdorffstraße gehörte es zu Kanters Aufgaben, für die Düsseldorfer Konzernzentrale Vorschlagslisten jener Politiker mit klebrigen Händen in Regierung, Parlament und Parteien zusammenzustellen, die ihrer industriefreundlichen oder rechtskonservativen Haltung wegen finanziell gefördert oder deren Gunst, wenn es den Interessen des Konzerns diente, durch »inoffizielle Zahlungen« gekauft werden sollte. In einer dieser Listen der Flick-Zentrale über »Inoffizielle Zahlungen« aus dem Jahre 1978 standen der Betrag 40.000 und der Name Egon Bahr, knapp vier Wochen, nachdem die Bonner SPD/FDP-Regierung dem Konzern beim Verkauf seiner Daimler-Anteile Steuerersparnisse in Höhe von Hunderten Millionen D-Mark spendiert hatte. Der Staatsanwaltschaft gegenüber wird Bahr später erklären, er könne sich das nicht erklären.

Am 3. Juli 1978 hatte sich Bahr, damals SPD-Bundesgeschäftsführer, mit von Brauchitsch getroffen. Es ging um die steuerbefreite Wiederanlage des Erlöses aus Flicks Verkauf von 29 Prozent der Daimler-Aktien nach § 6b des Einkommensteuergesetzes. Der Flick-Manager zitiert in seinem Buch Der Preis des Schweigens aus seinen Notizen über die Unterredung im Wortlaut: »Bahr nannte unsere 6b-Anträge eine ›Schummelei‹.« Aber Bahr habe das Gespräch mit ihm nicht gesucht, weil er ihn habe beschimpfen wollen. In Bahrs Bundestagswahlkreis Flensburg habe der zu Flick gehörende Feldmühle-Konzern viele Arbeitsplätze geschaffen. »Bahr will einen Teil der Feldmühle-Investitionen zur Sicherung des Werkes Flensburg. Als alter Stratege faßt er das Ganze über 6b an, um seine Scheibe Wurst sicherzustellen. – Er bekommt sie. Nur weil einige Abgeordnete in ihren Reihen so tapfer Widerstand geleistet hatten, konnte die SPD doch nicht leer ausgehen.«

Kanter war beim Flick-Konzern durch Freund von Brauchitsch in die Schlüsselstellung eines Prokuristen und Vizechefs der Politischen Stabsstelle der Geschäftsführung am Sitz der Bundesregierung geschoben worden. Firmengründer Friedrich Flick hatte im Zweiten Weltkrieg sein Industrieimperium zum größten deutschen Rüstungsunternehmen ausgebaut, von dem er wesentliche Teile über den Zusammenbruch hinüber retten konnte. Als Kriegsverbrecher verurteilt, dank seiner Beziehungen und Mittel vorzeitig aus der Haft entlassen, war der Kriegsgewinnler rasch wieder an die Spitze der westdeutschen Industrie gelangt.

Hatte Flick die Nazis und die SS, Adolf Hitler und Heinrich Himmler mit Millionenbeträgen geschmiert, um Rohstoffe aus der Kriegsbeute und Rüstungsaufträge zu ergattern, machte sich der Alte, wie später sein Sohn Friedrich Karl, auch die Bundestagsparteien und ihre Spitzenpolitiker durch Millionenzahlungen gefügig.

Gesteuert wurde der breite Fluss der Gelder zur »Pflege der politischen Landschaft«, wie von Brauchitsch das nannte, aus dem geräumigen Büro des Chefbuchhalters Rudolf Diehl im ersten Stock der Düsseldorfer Flick-Zentrale. Diehl führte penibel Buch über die Zuwendungen, die Listen fielen in die Hände von Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung. Die Flick-Affäre platzte auf, 1981 wurde das Bonner Lobbybüro geschlossen, von Brauchitsch gefeuert, ein neues Management bestellt. Diehl war es, der die Geldscheinbündel aus seinen schwarzen Kassen in Aktenkoffer gepackt hatte, Diehl waren die entsprechenden Weisungen von oben, meistens per Telefon, zugegangen, Diehl war eine Schlüsselfigur der Korruptionsunkultur des Milliardenkonzerns. Und deshalb für Markus Wolf besonders interessant. Bis dato nicht bekannt: Es gibt gewichtige Indizien, dass die Stasi Büro und Telefon Diehls mit Kanters Hilfe verwanzt hatte.

Bernd Würthener, einst Revisor und Finanzvorstand bei den Buderus-Eisenwerken, einer Tochterfirma des Flick-Imperiums, schilderte dem Autor jene turbulenten Tage um den Jahreswechsel 1982/83. Sonntags sei in den Fernsehabendnachrichten gemeldet worden, dass Hans Werner Kolb, der Vorstandsvorsitzende von Buderus, zum Nachfolger des geschassten von Brauchitsch als persönlich haftender Gesellschaft er bei Flick berufen worden sei. Am nächsten Morgen habe ihm der Chef am Telefon befohlen: »Sie kommen mit mir nach Düsseldorf, wir müssen den Sauladen reinigen.« In der ersten Vorstandssitzung in der viergeschossigen Flick-Zentrale in Düsseldorf-Oberkassel habe ihn Kolb auf den Stuhl neben sich platziert, ein Signal, welches Gewicht er dem Revisor beimesse. »Sie prüfen alle und alles durch«, sei Kolbs Vorgabe gewesen. Auf Würtheners Frage, in welchem Büro er denn tätig werden könne, habe Kolb geantwortet: »Gehen Sie durchs Haus und nehmen Sie sich, was Ihnen gefällt.« So sei er, berichtete Würthener, zu Diehls Büro gekommen, »das stand leer, der war ja im Gefängnis«.

»Als Technikfreak« habe er bald gemerkt, »da stimmt was nicht mit Diehls Telefon«. Beim Mittagessen habe er zu Kolb gesagt: »Ich glaube, wir werden abgehört. Was sollen wir tun?« Kolb habe kurz von einem seiner billigen Schmöker, die er gerne beim Essen las, aufgeblickt und gesagt: »Trauen Sie keinem hier in dem Unternehmen, holen Sie sich Hilfe von außen.« Er habe drei Spezialisten kommen lassen, und die seien bald fündig geworden: Wanzen im ersten Stock, Aufzeichnungs- und Übermittlungsgeräte im Keller. »Wir haben niemanden informiert, im Hause nicht und auch nicht den Staatsschutz.«

Wer steckte dahinter? Ihre größte Angst sei gewesen, sagte Würthener, dass es die RAF gewesen sein könne. Der Mord an Hanns Martin Schleyer sei ja nicht lange her, die Furcht vor der Roten Armee Fraktion bei den Industriebossen immer noch groß gewesen. Kolb und er hätten wegen des RAF-Verdachts dann im hessischen Steinbruch Hermannstein Schießübungen gemacht, zwecks Selbstverteidigung. Sie hätten aber auch, erinnert sich Würthener, darüber spekuliert, dass es die Steuerfahndung gewesen sein könnte, die den Flick-Laden abgehört hat. Und mit der Steuerfahndung hätte man sich ja weiß Gott nach der ganzen Flick-Affäre nicht anlegen wollen. Übrigens habe er auf Mallorca später einen der Steuerfahnder des in der Spendenaffäre zuständigen Finanzamtes St. Augustin getroffen, und der habe ihm beim Kölsch glaubhaft versichert, so etwas hätten sie nie gemacht.

»Nach einer Weile aber wussten wir, es war die DDR.« Bei den Wanzen, das hätten die Spezialisten schließlich herausgefunden, habe es sich um umgebaute Hörgeräte aus der Bundesrepublik gehandelt, die als milde Gabe für bedürftige DDR-Bürger »nach drüben« geschickt worden seien. Die Hörhilfen seien im Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen zu Spionagezwecken hergerichtet worden. Kolb und er hätten ihr Wissen für sich behalten, die Stasi nicht warnen wollen. Wenig später seien beim Einbau einer neuen Anlage die Gerätschaften unauffällig entfernen worden. Würthener: »Heute bin ich sicher, dass Kanter die Stasi-Leute da reingelassen hat. Kanter war ja Prokurist, der hatte freien Zugang zur Zentrale.« Damals aber habe niemand Kanter verdächtigt. »Der galt viel in Düsseldorf, alle hatten Respekt vor dem. Alle wussten, der ist CDU-Mitglied, der ist der Freund von Kohl.«

Der Kohl -Freund hatte der Stasi große Mengen Herrschaftswissen geliefert. Bonns Gegner im Ost-West-Konflikt gelangten in den Besitz brisanter Informationen, die ihnen politische Macht über die Klassenfeinde im Westen gaben. Ostberlin hatte es dank des von Kanter gelieferten politischen Sprengstoffs in der Hand, die Elite des anderen Lagers mitsamt dem Bundeskanzler in die Luft zu jagen. Als Mitglied der Flick’schen Geschäftsführung wusste Kanter von allen – durchweg illegalen – Schmiergeldzahlungen. Stasi-Minister Mielke und sein General Wolf waren durch ihren Mann bei Flick umfassend, bis in alle höchst peinlichen Einzelheiten, informiert über die gekaufte Bonner Republik. Es war ein großer Schatz an »Kompromaten«, wie im östlichen Geheimdienstjargon Belastungsmaterial hieß, mittels dessen sich Personal der Gegenseite bloßstellen oder gefügig machen lässt. Die DDR-Führung besaß Beweise, dass sich die ganze illustre Gesellschaft der Bundeshauptstadt aus Flicks schwarzen Kassen bedienen ließ: Helmut Kohl, Franz Josef Strauß, Otto Graf Lambsdorff, Hans-Dietrich Genscher, Walter Scheel, Hans Friderichs, Hans Matthöfer, Alfred Nau. Willy Brandt auch, behauptete von Brauchitsch. Ihm habe er »persönlich« das Geld – mal 40.000 D-Mark, mal 50.000 D-Mark – übergeben. Bis hoch zu Regierungschefs und Parteivorsitzenden – die Spitzenleute der Bonner Demokratie waren erpressbar.

Otto Schily, ab 1984 für die Grünen im Flick-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags, hat in seinem Buch Politik in bar (1986) zusammengerechnet, welche Beträge in welche Taschen gesteckt wurden. Von 1969 bis 1980 habe der Flick-Konzern für den Politikerkauf die stattliche Summe von 26 Millionen D-Mark ausgegeben. Davon gingen 15 Millionen D-Mark an Politiker der CDU/CSU. 6,5 Millionen Mark sackten Politiker der FDP ein. 4,5 Millionen D-Mark nahmen Politiker der SPD vom Flick-Konzern an. Allein das CSU-Oberhaupt Franz Josef Strauß habe 1,16 Millionen D-Mark in bar erhalten, dazu »Sonderzahlungen« in unbekannter Höhe. An den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl gingen, Sonderzahlungen wiederum nicht gerechnet, 665.000 D-Mark, ebenfalls in großen Scheinen. Der FDP-Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff kassierte, so steht es in den Akten des Untersuchungsausschusses, 1,1 Millionen, eventuelle Sonderzahlungen blieben unbekannt. Es ging dem Konzern und seinem Chef Friedrich Karl Flick im Wesentlichen darum, mithilfe geschmierter Politiker die bei Aktienverkäufen und Wiederanlage des Erlöses fälligen Steuern von knapp unter einer Milliarde D-Mark nicht zu zahlen. Das klappte. Die DDR-Führung war dank Kanter und Wolf dabei stets auf dem letzten Stand.

Wie das lief, schildert der Vorsitzende Richter des Oberlandesgerichtes Koblenz, Joachim Vonnahme, 1995 in der Begründung seines auffallend milden Urteils gegen den Spitzenspion. Kanter, im Bonner Flick-Büro von 1974 bis zu dessen Schließung im Jahre 1981 an vorderster Front im Einsatz, war erst lange nach dem Ende der DDR im Jahre 1994 festgenommen und gleich wieder auf freien Fuß gesetzt worden. »Während der gesamten Dauer seiner Tätigkeit im Bonner Büro der Flick-Gruppe«, so der Text des weggeschlossenen Urteils, »hatte der Angeklagte ferner Einblick in die Vergabe von Geldern an Politiker und Parteien, insbesondere zur Wahlkampfunterstützung. An Spenden des Unternehmens bis zu einer Höhe von 10.000 DM wirkte er unmittelbar dergestalt mit, daß er zu Anfang eines Jahre eine Vorschlagsliste mit einem Gesamtvolumen zwischen 100.000 und 200.000 DM erstellte und sie der Konzernspitze vorlegte. Soweit diese die Vorschläge genehmigte, nahm der Angeklagte die entsprechenden Einzelanweisungen vor. Wenngleich er an der Zuteilung größerer Spendenbeträge, die sich die Konzernleitung in Düsseldorf allein vorbehalten hatte, nicht selbst mitwirkte, hatte er gleichwohl gesprächsweise auch davon Kenntnis. Von letzteren, später als die ›Flick-Affäre‹ bekanntgewordenen Vorgängen wußte er auch, daß die ›Spendenbeträge‹ teilweise nach außen verschleiert über gemeinnützige Einrichtungen an die Parteien und Politiker flossen und der Flick-Konzern so unrechtmäßig einen Großteil der Gelder als Steuererstattungen zurückerhielt.«

Vonnahme weiter: »Über die im Rahmen der beschriebenen Tätigkeit erlangten Kontakte und Erkenntnisse berichtete der Angeklagte der HVA. Mündlich informierte er seinen Instrukteur Dr. Krüger etwa über Kontakte zu Beamten und Politikern – vornehmlich aus CDU und FDP – und deren Einschätzungen zu politischen und wirtschaftspolitischen Themen, über Verbindungen zu Journalisten, Organisationen und Institutionen sowie über berufliche und politische Probleme, über Vorkommnisse in dem Bonner Büro der Flick KG und über die von ihm persönlich sowie von der Konzernspitze vorgenommenen Spendenaktionen an Politiker und Parteien. […] Von besonderer Bedeutung erschien ihm [dem MfS, D. K.] dabei die Spendentätigkeit des Flick-Konzerns, über die der Angeklagte bereits vor den Veröffentlichungen in westlichen Medien berichtete. Aufgrund der nachrichtendienstlichen Informationen des Angeklagten, ergänzt durch entsprechende Veröffentlichungen im Nachrichtenmagazin ›Der Spiegel‹, vermochte es sich schon früh ein Gesamtbild von Entstehung und Entwicklung der ›Flick-Affäre‹ zu verschaffen. Gerade dieser Komplex schien die Einflußnahme der Wirtschaft auf politische Entscheidungsprozesse in besonderem Maße zu bestätigen. Die Berichte hierüber wurden denn auch innerhalb der HVA nicht, wie das vom Angeklagten zuvor gelieferte Material, an die für die Auswertung üblicherweise zuständige Abteilung VII, sondern direkt an die Leitungsebene der HVA gegeben. Der hohe Stellenwert, den der Operativvorgang in dieser Zeit hatte, wird auch dadurch deutlich, daß sich Leitende Mitarbeiter der HVA mehrfach mit dem Angeklagten trafen.«

Kanter blieb Stasi-Spitzenquelle, selbst als er 1981 den Posten in der Flick-Stabsstelle verlor; der Konzern machte das Lobbybüro an der Bonner Hausdorffstraße beim Aufplatzen der Spendenaffäre dicht. Eine Flick-Abfindung von 320.000 D-Mark in der Tasche, zog Kanter einen Hintergrundinformationsdienst für Topleute in Wirtschaft und Politik auf und quartierte sich im Haus neben der Spiegel-Redaktion an der Welckerstraße ein. Nachrichtendienstliche Delikatessen bekam Ostberlin von »Fichtel« auch aus dessen neuem Büro geliefert, zum Beispiel dieser Güte: Wolfgang Schäuble, der spätere Innen- und Finanzminister, der als Bundestagspräsident an die protokollarisch zweithöchste Stelle in der Bundesrepublik aufstieg, habe durch Zeugenmanipulation und Anstiftung zur Falschaussage massiv gegen Recht und Gesetz verstoßen. Jedenfalls bezeugt dies der 1981 ebenfalls entlassene Flick-Manager von Brauchitsch. Vor seiner ersten Vernehmung durch den Flick-Untersuchungsausschuss des Bundestags habe ihn Anfang 1984 Schäuble, damals in seiner Funktion eines Geschäftsführers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, um ein persönliches Gespräch gebeten. »Wir sollten uns möglichst an einem vertraulichen Ort treffen«, berichtet von Brauchitsch in seinem Buch Der Preis des Schweigens, seiner Rechtfertigungsschrift. »[…] das Büro Kanter schien mir für diesen Zweck bestens geeignet. Schäuble redete auf mich ein: Der Kanzler bitte mich inständig, jetzt keinen Fehler zu machen und Michael Kohlhaas zu spielen. Ich brauchte mich doch gar nicht so genau zu erinnern. Wir stünden unmittelbar vor einer Amnestie, dann sei ohnehin Schluss mit dem ganzen Zirkus. Ich habe meine Verteidigung daraufhin in einigen Punkten zurückgenommen.«

Im Büro Kanter, ausgerechnet. Auf Abhören und Mitschnitt vertraulicher Gespräche verstand sich »Fichtel« ja. Schäuble, mutmaßlich von unheilvollen Ahnungen über Ostberliner Mitwisserschaft seiner mannigfachen Aktivitäten am Rande oder neben der Legalität getrieben, hatte also Gründe, gleich nach der Wiedervereinigung die Vernichtung sämtlicher Stasi-Unterlagen zu fordern. Bürgerrechtler der DDR stoppten Schäuble; Kanter landete aufgrund der so gesicherten Akten vor Gericht. Das bekam kaum einer mit. Das Verfahren in Koblenz, in vier Wochen durchgezogen, fand als Geheimprozess statt, in seinen wesentlichen Teilen war Publikum nicht zugelassen. Das Machtkartell der geschmierten Politiker und Parteien der alten Bundesrepublik, also CDU/CSU, SPD und FDP, schaffte es auch nach der deutschen Einheit, den Fall Kanter vor den Wählern klein zu halten. Ein meisterliches Gemeinschaftswerk der Vertuschung.

Spionagechef Wolf zollte professionellen Respekt. »Als Adolf Kanter im Frühjahr 1994 dann doch verhaftet wurde, blieben die in solchen Fällen üblichen Triumphmeldungen über die Enttarnung eines weiteren ›Topspions‹ aus«, merkt er in seinen Memoiren an. »Die sonst so auf Öffentlichkeit bedachte Bundesanwaltschaft hielt sich zurück. Die Behandlung dieses Falls unterschied sich bemerkenswert von vergleichbaren Verfahren, etwa dem endlosen Spektakel des Prozesses gegen Karl Wienand. Das Hauptverfahren wurde binnen eines Monats durchgezogen. Es fand praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Einige Journalisten wurden erst später auf den Fall aufmerksam und wunderten sich, mit welcher Diskretion er über die Bühne gebracht worden war. Während des Verfahrens wurde Kanter nie in die Verlegenheit gebracht, sein umfangreiches Wissen über Interna der Regierungsparteien und ihre Verbindungen zur Industrie, über ihre Tarnfirmen und Geldwaschanlagen preisgeben zu sollen.«

Hätte Kanter vor Gericht ausgepackt, es wäre schrecklich peinlich, ja gefährlich für Kohl und Konsorten geworden. Seine Aufgabe in der Bonner Stabsstelle an der Hausdorffstraße sei es gewesen, so Wolf, für Flick bei Parteien und Regierung Informationen zu sammeln und politisch im Sinne des Konzerns Einfluss zu nehmen. »Ähnliches erwarteten auch wir von ihm. […] Dem Vertreter des Flick-Konzerns vertrauten Politiker Geheimnisse an, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.«

Kanter durfte darauf setzen, dass ihn sein Wissen schützen würde. Kurz vor Eröffnung der Hauptverhandlung vor dem Koblenzer Oberlandesgericht legte von Brauchitsch im Preis des Schweigens dar, »besaß Kanter die Stirn, mich in Zürich anzurufen. Ich war perplex und drängte darauf, das Gespräch sofort abzubrechen. Er wolle mir doch nur sagen, daß ich mir keine Sorgen zu machen brauchte. ›Ich habe zwei Eisen im Feuer. Ich werde auspacken, und dann müssen die sehen, wie sie damit fertigwerden.‹«

Kanters Drohung zeigte Wirkung, er konnte seine Eisen im Feuer belassen. Richter Vonnahme hütete sich, in seiner Urteilsbegründung das Treiben Kanters bis in die Einzelheiten zu schildern. Ein Geheimprozess, so Richter Vonnahme, sei es »aber nicht so ganz gewesen«. Presse und Publikum hätten allerdings des Öfteren ausgeschlossen werden müssen, »wenn es um VS-Sachen ging«, um vertrauliche Verschlusssachen. Also fast immer. Denn während des ganzen Verfahrens ging es ja um Geheimdienstliches, also Verschlusssachen. Man hatte es darauf angelegt, dass bei den Journalisten, die häufig bei geschlossener Gerichtssitzung draußen warten mussten, nach einer Weile das Interesse erlahmen würde. Die Rechnung ging auf. Als das Urteil verlesen wurde, war keine Presse im Raum.

Wie nutzte Ostberlin seinen von Kanter gelieferten Wissensschatz? »Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flick-Konzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde, waren wir bis in die Details informiert«, schreibt Wolf. »Was ›Fichtel‹ uns an Informationen über die Verbindung von Kapital und Politik lieferte, illustrierte die marxistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus recht deutlich. Schon um unsere Quelle zu schützen, widerstanden wir der Versuchung, das Material westdeutschen Medien zuzuspielen. Zur Aufdeckung des Parteispendenskandals im Jahr 1981 hat mein Dienst nicht beigetragen. Allerdings wurde auch damals nur die Spitze eines Eisbergs bekannt.«

Nur die Spitze des Eisbergs. Stimmt. Der Chef der Auslandsspionage der DDR wusste sehr viel mehr über diesen Bundeskanzler und seine beileibe nicht makellose Vergangenheit, als je in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Hatte Wolf den Pfälzer Kohl doch schon seit dessen Zeiten in der Jungen Union aus dem Dunkel heraus begleitet, gesteuert, finanziell fördern lassen. Über Kanter alias »Fichtel«. Was nicht sehr schwierig war. Kohl hatte früh kapiert: Für Aufstieg in der Politik und Erfolge auf dem Weg nach oben braucht es Geld. Um sich davon viel zu verschaffen, ließ er sich mit den Zwielichtigen Kanter und von Brauchitsch ein, und als Viertem im Bunde, wenn auch unwissentlich, mit Markus Wolf. Der saß bestens informiert unsichtbar mit am Tisch, wenn Kanter und von Brauchitsch ihre Pläne ausheckten, wie sich über vorgeblich gemeinnützige Einrichtungen wie die »Europäische Vereinigung für gegenseitigen Meinungsaustausch« Spenden beschaffen und waschen ließen.

Wolf lügt nicht, wenn er schreibt, die DDR hätte beim Aufdecken des Flick-Skandals nicht mitgefingert. Von Brauchitsch sah sich ja gerne als Opfer Ostberliner Durchstecherei. Er irrte. Der Autor weiß, wie die Parteispendenaffäre ins Rollen kam, er hat sie ja als Spiegel-Mann in Bonn mit seinen Kollegen angeschoben. Die allerersten Unterlagen sind ihm in der Tiefgarage unter der Kölner Domplatte in sein Auto hineingereicht worden. Von einem Unbekannten. Dass die DDR uns das Material hat unterjubeln wollen, war der erste Verdacht, als wir in unserer Redaktion die Papiere prüften. Waren sie gefälscht? Recherchen ergaben, das Material war echt, seinem Inhalt und seiner Beschaffenheit nach konnte es nur entweder von der Steuerfahndung oder der Staatsanwaltschaft oder teils, teils von beiden stammen. Beide Institutionen hatten dasselbe Motiv, sich hilfesuchend an die Öffentlichkeit zu wenden: Sie wurden massiv von den Regierungen und Parteizentralen in Bonn und Düsseldorf, wo die Nutznießer der Flick-Gelder saßen, in ihrer Arbeit behindert. Dass wir auf den Komplex Flick stießen, hat sich erst Zug um Zug bei den recht mühsamen weiteren Recherchen ergeben.

Dass Wolf seine Quelle »Fichtel« nicht gefährden wollte, mag so gewesen sein. Doch es gab noch einen gewichtigeren Grund für die Zurückhaltung der Stasi. Aus dem Herrschaftswissen ließ sich anders Kapital schlagen, viel lohnender für die DDR. Werner Großmann, der Nachfolger Wolfs an der Spitze der HVA, deutete nach der Wende an, wie und was da lief: »Aus politischer Rücksichtnahme« habe man auf die Weitergabe von Informationen über Flicks Politikerkauf an die westdeutsche Presse verzichtet. »Politische Rücksichtnahme«? Was sollte die Roten in Ostberlin zu »politischer Rücksichtnahme« auf die schwarze Kohl-Regierung getrieben haben? Der Grund ist einfach: Weil man Geld aus Bonn brauchte, in rauen Mengen. Der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden stand kurz vor der Pleite.

Helmut Schmidt und Erich Honecker hatten Ende der 1970er-Jahre hinter dem Rücken ihrer jeweiligen Vormacht – USA und Sowjetunion – eine Politik der Annäherung betrieben, bei der es erst einmal um wirtschaftliche Hilfen aus dem Westen gegen Ostberliner Erleichterungen im deutsch-deutschen Reiseverkehr ging. Seit Helmut Schmidts Zeiten und später, nach dem Regierungswechsel zu Kohl, tauschten sich die beiden deutschen Regierungen streng vertraulich über Möglichkeiten einer großzügigen Finanzhilfe und einer weiteren deutsch-deutschen Annäherung bis hin zu einer Konföderation der beiden Staaten aus. Nicht außerhalb jeder Realität: Die Mauer hätte schon in den frühen 1980er-Jahren fallen können. Die Chance zerrann, auch wegen Kanter.

Geheimprojekt »Zürcher Modell«. Jürgen Nitz, als DDR-Wirtschaftswissenschaftler in Ost-West-Kontakten eingesetzt, auch bei Gesprächen mit Vertretern des Bundeskanzleramts, umriss 1995 in einem Vortrag in Pankow, was unter diesem Code lief: »Der Büroleiter von CDU-Kanzleramtsminister Jenninger, Dr. Gundelach, schilderte retrospektiv das Vorhaben [vor einem Bundestagsuntersuchungsausschuss, D. K.] richtig: eine Art deutsch-deutscher Bank mit Sitz in der Schweiz; bei der sich die DDR so in einer Größenordnung von drei bis vier Milliarden DM hätte bedienen können, also im Sinne von Kreditgewährung; wenn es dafür im Gegenzug wirklich substantielle Verbesserungen im Bereich menschlicher Erleichterungen gegeben hätte; zum Beispiel das Rentnerreisealter um fünf Jahre zu senken und im Mindestaustausch für bundesdeutsche Besucher bei DDR-Reisen etwas zu tun. In die Bank sollte die milliardenschwere Kreditanstalt für Wiederaufbau eintreten, eine Finanzinstitution im Eigentum des Bundes, potent, um Milliarden für die DDR zu beschaffen.« Gundelach habe ferner erklärt: »Soweit ich weiß, hat Herr Jenninger auch den Bundeskanzler in der Regel mündlich informiert, vielleicht mal mit einem handgeschriebenen Blatt mit den entscheidenden Punkten.«

Über ein vertrauliches Treffen in der Schweiz mit einem Abgesandten des Bundeskanzleramtes trug Nitz in Pankow weiter vor: »Wie sah Jenninger damals die Chancen? Ich zitiere aus meinem Stenogramm beim Gespräch in Zürich: ›Wenn die DDR zum freien Reiseverkehr übergehen will und dies anbietet, könnte sich der Kanzler dem nicht verschließen. Er müßte die Frage einer Grundgesetzänderung durch den Bundestag neu beantworten lassen. Der Kanzler würde sich nicht der Realisierung einer Position, der zufolge sich die Deutschen nach so langer Trennung an jedem beliebigen Ort wieder zusammenfinden könnten, entgegenstellen.« In jenem engen Beziehungsgeflecht Bonn/Ostberlin außerhalb von Protokoll und Propaganda hatte sich auch die Idee eines Staatenbundes der beiden Deutschlands nach voller völkerrechtlicher Anerkennung der DDR ergeben, einer deutschdeutschen Konföderation. Codename: »Länderspiel«. Der Preis, Fall der Mauer und Freizügigkeit, schien Honecker nicht unter allen Umständen zu hoch. Doch es war ein zähes Gezerre, auch in den jeweils eigenen Lagern zwischen Betonschädeln und Reformern. Die CDU/CSU tat sich schwer mit der finanziellen Rettung der DDR, die DDR tat sich schwer mit den geforderten menschlichen Erleichterungen, die Breschen in ihre Grenze zur BRD reißen würden.

Beim Bonner Regierungswechsel hatte Kanzler Kohl vom Vorgänger Schmidt das deutsch-deutsche Geheimprojekt übernommen, ohne sich groß um das Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes zu scheren. Einer seiner Beauftragten für den vertraulichen Draht zum DDR-Regime wurde Philipp Jenninger als Staatsminister im Kanzleramt. Der war aus alten Oppositionszeiten gut Freund mit diesem spendablen Flick-Manager Kanter, dem er sich auch weiterhin eng verbunden fühlte, als der bei Flick ausschied und sich in Bonn als Politikberater und Publizist selbstständig machte. Jenninger und Kanter trafen sich wiederholt in Kanters konspirativer Wohnung in der Konrad-Adenauer-Allee im Rheinstädtchen Andernach. Für Stasi-Mann »Fichtel« war es ein Leichtes, den ebenso vertrauens- wie redseligen Kohl-Vertrauten über den jeweiligen Stand der deutsch-deutschen Geheimgespräche auszuhorchen. So hatte Wolf, keineswegs der engagierte Reformer, als er sich nach der Wiedervereinigung ausgab, den Hardlinern in Moskau und Ostberlin stets frische Nachrichten über die deutsch-deutsche Affäre zu bieten und ihnen die Obstruktion zu erleichtern.

Doch plötzlich, Andeutungen aus Ostberlin über die Flick-Schmierereien genügten, waren humanitäre Gegenleistungen der DDR nicht mehr nötig. Franz Josef Strauß und Helmut Kohl schoben, ohne Bedingungen, Erich Honecker zwei Milliarden D-Mark an Krediten hin. Einfach so? Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt schrieb nach einem Besuch im September 1983 beim DDR-Staatsratsvorsitzenden, der habe ihm erklärt, man sei an den Milliardenkredit »wie die Jungfrau zum Kind« gekommen. Oder vielleicht doch nicht in aller Unschuld? Sondern weil der SED-Chef so viel wusste vom Klassenfeind, dank Kanter, und sich »politische Rücksichtnahme« auf die geschmierten westdeutschen Politiker abkaufen ließ?

VIERTES KAPITEL
Der Brandenburger


»Führung: sehr gut«: Frühe Werdejahre eines Topspions.

»Mein Lebenslauf!

Als Sohn der Eheleute Josef Kanter und Maria geborene Hartung, wurde ich am 27. März 1925 in Plaidt (Kreis Mayen) geboren. Nach der Volksschulzeit (8 Jahre Marienschule Andernach) absolvierte ich eine dreijährige kaufmännische Lehre bei der Pirma Photodrogerie Heinrich Neuhaus, Andernach, die durch den Besuch der Drogistenfachschule in Bonn ergänzt wurde. Im März 1942 legte ich mit Erfolg die Kaufmannsgehilfenprüfung ab. Vom 1. April 1942 bis zu meiner Einberufung im Juni 1943 war ich als kaufm. Angestellter bei der Pirma Eisen- und Hüttenwerke A.G. in Andernach. Nach einer zweijährigen Dienstzeit bei der ehem. Deutschen Wehrmacht, und einer dreimonatigen amerikanischen Gefangenschaft, wurde ich im Juli 1945 entlassen. Seit dem 3. März 1946 bin ich bei der Regierung Koblenz, Dezernat I. – Verkehr, angestellt. Adolf Kanter«

Der kleine Parkplatz mitten in Plaidt, dort wo die Mühlenstraße auf die Hauptstraße trifft, ist für die älteren Bürger des Städtchens über dem Rheintal immer noch »Kanter’s Eck«. Dort stand das Haus samt Schlachterei des aus Niederzibelle im Regierungsbezirk Liegnitz zugezogenen Metzgers Theodor Julius Kanter, der sich im Ort mit seinen vorzüglichen schlesischen Wurstwaren einen Namen gemacht hatte. Sein Sohn Julius Adolf erlernte ebenfalls den Metzgerberuf, übernahm das Geschäft, fand in der Nachbargemeinde Wolken seine Ehefrau Maria Anna, die ihm 1925 den Sohn Adolf Josef Kanter gebar.

Das Jahr 1941 brachte schwere Prüfungen für die streng katholische Familie: Julius Adolf Kanter fiel im Zweiten Weltkrieg; das Haus der Kanters sackte ab wegen eines Stolleneinsturzes im Tuffuntergrund, es musste abgerissen werden. Der 16-jährige Adolf, die verwitwete Mutter und Schwester Agnes zogen um ins nahe Andernach.

Der schlaksige Brillenträger kannte sich gut aus in dem verwinkelten, über 2.000 Jahre alten Ort am linken Rheinufer. Hier hatte er es bei der Hitlerjugend (HJ) zum Oberrottenführer gebracht. Sein bester Kamerad war Werner Spurzem, Drogerielehrbub wie er, gefallen 1944. Hier war Kanter auf die Volksschule gegangen, hatte ihm Schulleiter Rausch 1939 zum Abschluss ein vorzeigbares Zeugnis ausgestellt: Führung: sehr gut, Fleiss: gut, Religion-Katechismus: gut, – Bibl. Geschichte: gut, Deutsch, a) mündlich: gut b) schriftlich: gut, Geschichte: gut, Erdkunde: gut, Naturkunde: gut, Rechnen: gut, Raumlehre: gut, Handschrift: gut, Zeichnen: gut, Musik: gut, Turnen: befriedigend, Schwimmen: ./., Werkunterricht: gut.

Lob für den braven Jungen kam ebenfalls vom Lehrherrn. Der Drogist Heinrich Neuhaus schrieb ihm 1942 ins Lehrlingszeugnis: »Adolf Kanter wurde beschäftigt im Laden, Lager, Büro und Dunkelkammer. Die ihm übertragenen Arbeiten hat er zu meiner vollen Zufriedenheit ausgeführt, […] (er) verband Treue und Fleiss bei sehr gutem Betragen. Für sein ferneres Wohlergehen wünsche ich ihm das Beste.«

»Sein Betragen war jederzeit einwandfrei«, testierten ihm 1943 vor Antritt des Militärdienstes auch die Eisen- und Hüttenwerke Andernach. Er hatte dort seine erste Stelle erhalten, für 1.000 Reichsmark im Monat. »Er war als kaufm. Angestellter auf dem Lohnbüro beschäftigt, wo er zuletzt die Lohnabrechnungen verschiedener Betriebsabteilungen selbständig erledigte. Herr Kanter war fleissig und gewissenhaft und hat die ihm übertragenen Arbeiten zu unserer größten Zufriedenheit ausgeführt.«

Wie gut sich Kanter darauf verstand, dunkle Wesenszüge zu verbergen, belegt auch das »Dienstleitungszeugnis« des Koblenzer Regierungspräsidenten, ausgestellt am 10. Oktober 1947. Über den ersten Nachkriegsjob des Heimkehrers steht dort: »Der Reg.-Angestellte Adolf Kanter ist seit dem 3. März 1946 beim Dezernat I Verkehr beschäftigt. Sein Tätigkeitsgebiet erstreckt sich auf die Bearbeitung von Kassenangelegenheiten, Führung der Registratur und Erledigung der allgemeinen Büroarbeiten. Kanter verfügt über eine gute Allgemeinbildung und seine schnelle Auffassungsgabe ermöglicht es ihm, sich schnell in neue Aufgabengebiete einzuarbeiten. Die ihm übertragenen Arbeiten hat er bisher zur vollsten Zufriedenheit erledigt. Seine Bescheidenheit und sein Fleiß verdienen besonders hervorgehoben zu werden. Auch sein sonstiges Verhalten war stets einwandfrei.«

Fleißig, bescheiden, bestes Benehmen – den Eindruck wusste Kanter auch später stets bei den Leuten zu hinterlassen. Auch Ingeborg Smith, seine langjährige Sekretärin in Bonn, lobte ihn: »Freundlich, hilfsbereit, fleißig, ein ganz normaler Mann.«

Über den anderen Kanter verbreitete sich der Vorsitzende Richter beim Oberlandesgericht Koblenz, Joachim Vonnahme, in der geheim gehaltenen Begründung seines milden Bewährungsurteils. Er schrieb 1995: »Zumindest in der Anfangszeit übte vordergründig die nachrichtendienstliche Verbindung mit der Vorstellung, einen funktionsfähigen fremden Geheimdienst hinter sich zu haben, schon als solche auf den Angeklagten als jungen Menschen einen gewissen Reiz aus. Eigenem Bekunden zufolge fühlte er sich dabei selbst wie eine Art ›James Bond‹.« Richter Vonnahme wusste offenkundig nicht: Vor ihm stand ein kriegsgehärteter Profi, dem Spezialisten der Nazi-Zeit das Tarnen, die Geheimoperationen, das Töten beigebracht hatten.

Über seine Zeit bei der Wehrmacht hatte es Kanter stets bei kargen Angaben belassen. In den Fragebogen der alliierten Militärregierung zwecks Entnazifizierung der Deutschen tippte er am 14. Oktober 1947 in die Antwortzeilen zur Waffengattung: »Heer«; zur Frage, wo er gedient habe: »Frankr.«; über den Dienstrang: »Gefr.«. In die Rubrik »Militäranschrift« trug er handschriftlich ein: »Pz.Rgt. Brandenburg«, als vorgesetzten Offizier: »Maj. Waldeck« und als Grund für die Beendigung des Dienstverhältnisses: »Kriegsende«. Kanter durfte seinen Nachkriegsposten in der Koblenzer Verwaltung behalten. »Belassung im Amt«, stand auf dem Bescheid vom 19. März 1947, ausgestellt von den »Bereinigungskommissionen für Politische Überprüfung« beim Regierungspräsidenten Koblenz.

Er hatte bei Weitem nicht die ganze Wahrheit über sich geschrieben. Den Hitlerjungen Kanter dürften die Heldentaten der »Brandenburger« fasziniert haben, Freiwilligenwerber der Wehrmacht ergingen sich, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, in Andeutungen über die »Gespenstersoldaten« der Division »Brandenburg« und ihre waghalsigen Kommandounternehmen. Einer der kolportierten Tricks: In gegnerischen Uniformen eskortierten »Brandenburger« angebliche deutsche Gefangene, die Waffen und Munition unter ihren deutschen Uniformen verbargen, durch feindliche Stellungen, um dann im Handstreich strategisch wichtige Brücken in Belgien oder Russland zu erobern.

Kant er meldete sich am 25. Juni 1943 als Freiwilliger zur Division »Brandenburg«, gegründet als Sonderverband des deutschen Militärgeheimdienstes, des Amtes Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht. Spezialität der »Brandenburger«: Kommandooperationen hinter feindlichen Linien, oft völkerrechtswidrig in Uniform und mit Ausrüstung der Feindkräfte. Die Division wurde bis kurz vor Kriegsende nie geschlossen eingesetzt, sondern in einzelnen Spezialeinheiten bei diversen Heeresgruppen.

»Ein großer Teil der Kommandoeinsätze der ›Brandenburger‹ erfolgte in ›Halb-‹ oder ›Volltarnung‹«, berichtet das Bundesarchiv. »›Halbtarnung‹ bedeutete die Annäherung an ein Objekt im gegnerischen Hinterland unter oberflächlicher Maskierung als Zivilisten oder als Soldaten der Gegenseite […] Vor Beginn feindlicher Auseinandersetzungen war die Halbtarnung abzustreifen und eine deutliche Selbstkennzeichnung als deutsche Soldaten zu gewährleisten. Befand sich dieses Verhalten bestenfalls noch am Rande der Haager Landkriegs-Ordnung, so stellte die ›Volltarnung‹ klar einen Verstoß dar. Ausgestattet mit feindlichen Uniformen, perfekt einstudiertem Verhalten und Beherrschung der entsprechenden Sprache sickerten derart getarnte Kommandos in das Hinterland, zum Teil in gegnerische Garnisonen und Stäbe ein und erfüllten bis zuletzt in ›Volltarnung‹ ihre Aufklärungs-, Verwirrungs- und Sabotage-Aufträge.«

Das 2007 veröffentlichte Buch Geheime Krieger – Co-Autoren sind der Ex-»Brandenburger« Regimentskommandeur Wilhelm Walther, GSG-9-Grenzschutzkommandeur Ulrich Wegener und Brigadegeneral Reinhard Günzel, ehemals Kommandeur der Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr – pries die Verbände der »Brandenburger« und ihren Korpsgeist als legendäre Vorbilder für das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr. Die LINKE im Bundestag protestierte: Bei den »Brandenburgern« handele es sich um eine »verbrecherische Wehrmachtsdivision«, eine »terroristische Sondereinheit«.

Autor Walther über seine alte Truppe: »Unsere Kampfweise war von den Elementen List und Tücke geprägt. Unsere Operationen waren so geheim, dass sie weder in der Presse noch in den täglichen Wehrmachtsberichten Erwähnung fanden. Von ›normalen‹ Stoßtruppeinsätzen unterschieden sich die Kommandounternehmungen der deutschen Abwehr durch die Anwendung geheimdienstlicher Methoden und Mittel. Die meisten unsere Einsätze (waren) nicht von dem damaligen Kriegsvölkerrecht gedeckt. Es war wichtig, dass der ›Brandenburger‹ absolute Bescheidenheit an den Tag legte. Denn es war klar, dass aufgrund der hohen Geheimhaltungsstufe die eigenen verwegenen Einsätze nicht an die Öffentlichkeit getragen werden durften. Maulheldentum galt bei uns als unsoldatisch und war in höchstem Maße verpönt. Deswegen galt für uns mehr als für alle anderen Soldaten der alte preußische Grundsatz ›Mehr Sein als Schein‹.«

Die »Brandenburger« hatten offenkundig Interesse an einem Fotodrogisten, der sich auf das Entwickeln von Filmen und Bildern, auf das Vergrößern von Fotoausschnitten verstand – wichtige Mittel der Feindaufklärung. So geriet der junge Kanter in der Hitler-Armee in die Welt der Geheimoperationen, des Ausspähens, der Heimtücke, der Decknamen, der Nachrichtendienste, der Sabotage, der Spionage. Auch wenn die Division »Brandenburg« nach Kriegswende 1943 nach Stalingrad mehr und mehr als gewöhnliche Panzertruppe gegen die Rote Armee eingesetzt wurde, so »starb jedoch«, schrieb Ex-Brandenburger Walter, »der Kommandogeist keineswegs. Denn die Abwehrtrupps und -kommandos blieben bei ihren Armeen und Heeresgruppen.«

Laut in Berlin verwahrten Akten der Wehrmachtauskunftsstelle stieß Kanter am 24. Juni 1943 im besetzten Frankreich zur »1. Kompanie Panzer Ersatz- und Ausbildungs-Abteilung 100«, stationiert in Versailles, unterstellt dem »Kommandeur der Schnellen Panzertruppen«. Sechs Monate später wechselte er zur »2. Panzer Kompanie zur besonderen Verwendung 12, Unterstellung: Heerestruppe«.

Im Fragebogen der Siegermächte hatte er als Einsatzgebiet lediglich Frankreich angegeben. Was er verschwieg und verbarg: Mit seiner Spezialeinheit, die zum Panzerregiment »Brandenburg« gehörte, wurde er auf den Balkan verlegt. Die Bezeichnung seiner Panzerkompanie 12 »zur besonderen Verwendung« weist auf sogenannte Spezialoperationen hin; es waren gepanzerte Killerkommandos. Kanter und seine 2. Panzerkompanie z. b. V. 12 waren 1944 in Serbien im Einsatz, im erbarmungslosen, von Kriegsverbrechen auf beiden Seiten geprägten Kampf mit Partisanen. Eintrag im Lexikon der Wehrmacht: »Die Panzer-Abteilung 12 wurde im März 1944 in Serbien aufgestellt. Die Abteilung wurde durch das Höhere Kommando LXV mit 3 Kompanien als Heerestruppe aufgestellt. Als Stamm wurde die 1942 errichtete Panzer-Kompanie z. b. V. 12 verwendet. Die Abteilung wurde in Serbien eingesetzt. Im Dezember 1944 wurde die Abteilung zur II. Abteilung beim Panzer-Regiment Brandenburg und damit der Panzer-Grenadier-Division Brandenburg unterstellt.« Ausgerüstet war Kanters Panzerkompanie mit schweren Beutepanzern aus Frankreich vom Typ B2, Bewaffnung: Maschinengewehr, 4,7-cm-Kanone und 7,5-cm-Haubitze.

Unter Historikern gilt es als »wahrscheinlich«, dass »Brandenburg«-Verbände bei der Partisanenbekämpfung zahlreiche Kriegsverbrechen gegen Zivilisten verübten. Die Quellenlage sei schlecht. Über viele Einsätze der »Brandenburger« gebe es keine Akten, und falls doch, sei eine Zuordnung wegen der Verwendung von Decknamen kaum möglich.

Hitler hatte beim Balkanfeldzug der Wehrmacht seine Generale aufgefordert, im Partisanenkampf »brutal« durchzugreifen, »alle europäischen Hemmungen« abzulegen. Gefangene Partisanen waren zu liquidieren, als Vergeltung für erschossene oder verwundete deutsche Soldaten zivile Geiseln hinzurichten, Häuser und Gehöfte, ganze Ortschaften in Schutt und Asche zu legen. Im überfallenen Jugoslawien haben die Deutschen mehr als 80.000 Geiseln umgebracht.

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25 мая 2021
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9783801270292
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