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Dietrich Schulze-Marmeling

Guardiola

Der Fußball-Philosoph

VERLAG DIE WERKSTATT

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ISBN 978-3-7307-0065-5

Inhalt

Vorwort

Ein Katalane in München

1 Ein Schlaks aus Katalonien Peps Entdeckung / Leben in La Masia / Prägung durch Johan Cruyff / Der Wissbegierige

2 Der Stratege des Dream-Teams Der Aufstieg zum Führungsspieler / Gewinn der europäischen „Königsklasse“ 1992 / Olympisches Gold im Camp Nou

3 Pep, Bobby, Mou, Juanma und Louis Guardiola und die Trainer: Keine Probleme mit Mourinho / Bewunderung für Juanma Lillo / Reibereien mit van Gaal

4 Ein Fußballprofi auf Bildungsreise Ein Kicker mit intellektuellen und kulturellen Interessen / Dopingaffäre in Italien / Ein Freund Katars / Schlusspunkt in Mexiko

5 Zurück in Barcelona Gespräche mit großen Vorbildern / Trainer von Barças B-Team / Guardiola statt Mourinho als Chefcoach

6 Der Nationaltrainer Kataloniens Ein „katalanischer Idealbürger“ / Eine „Nation der Wohlerzogenen“ / Barça als katalanische Nationalmannschaft

7 „Cruyffismo“ remastered Peps Philosophie I: Kein Training ohne Ball / Spielerische Intelligenz / Demut im Sieg / Offensives Spektakel / Die Rückkehr der Kleinen

8 „Cruyffismo“ reloaded Peps Philosophie II: Catenaccio offensiv / Der „falsche Neuner“ / 4-3-3 / 3-4-3 / 3-3-4

9 Der erste „Sextuple“-Trainer Abschied von alten Stars / „Fußball wie im Paradies“ / 6:2-Erfolg im Bernabéu / Triumph in der Champions League 2009 / Die Rückkehr des „totalen Fußballs“

10 Erste blaue Flecken Das Experiment mit Ibrahimovic / Mourinho knackt den Barça-Code / Titelverteidigung in Spanien 2010 / „Mein schlechtester Trainer“

11 Spanischer Fußballkrieg Ein Glücksritter im Ferrari / Barças 5:0 in Madrid / Vier Clásicos in 17 Tagen / Mourinhos Verschwörungstheorien / Das neue Dream-Team 2011

12 Abschied aus Barcelona Zu Besuch in München / Ärger mit dem Präsidenten / Misserfolge bei der Titeljagd 2012 / „Ich fühle mich aufgezehrt“

13 Zwischen Hudson River und Isar Ein Bayer in New York / Die Liebe zum englischen Fußball / Alle wollen Pep / Die Bombe platzt / Verlierer Mourinho

14 Warum Deutschland, warum Bayern? „Ritterschlag für die Bundesliga“ / Bald Nummer eins in Europa? / Solide Finanzen und gute Jugendarbeit / Regionale Identität und politische Wünsche

15 Josef und Josep Bayerns Vorbild Real / Die Suche nach einer Spielidee / Jupp Heynckes, der unterschätzte Modernisierer / Annäherung an Barça

16 „Die Schöpfung ist niemals vollendet“ Mutmaßungen über Peps Chancen / Spielverderber Sammer? / Kann Bayern noch besser werden? / Trost von Immanuel Kant

Kurzbiografie Josep Guardiola

Bilder

Zum Autor

„Wir spielen linken Fußball. Alle machen alles.“

Pep Guardiola

„Das Geheimnis des Fußballs ist Zeit, Raum und Täuschung. Wie im Leben. Mit der Zeit umgehen, Räume finden und mit der Täuschung zurechtkommen.“

César Luis Menotti

„Die Schöpfung ist niemals vollendet. Sie hat zwar einmal angefangen, aber sie wird niemals aufhören.“

Immanuel Kant

VORWORT
Ein Katalane in München

Am 16. Januar 2013 vermeldet der FC Bayern die Verpflichtung des Trainers Josep „Pep“ Guardiola zur Saison 2013/14. Die Nachricht schlägt wie eine Bombe ein, denn der 42-jährige Katalane ist derzeit der spannendste und begehrteste Trainer des Weltfußballs.

Zweimal hat Guardiola mit dem FC Barcelona in beeindruckender Weise die Champions League gewonnen, er gilt als „Schirmherr des schönen Fußballs“ (Ronald Reng). Für den „kicker“ ist „Fußball à la Guardiola das Muster für schönes Spiel mit all seinen modernen Facetten“. Weshalb alle, die Rang, Namen und/oder viel Geld im Fußball besitzen, ihn seit seinem Rücktritt bei Barça im Sommer 2012 jagten: Manchester City, Chelsea, Paris St. Germain, die Mailänder Klubs AC und Inter sowie Katar, das steinreiche Austragungsland der WM 2022.

Das Rennen aber macht der FC Bayern München. Mit einem kolportierten Jahresgehalt von acht bis zehn Millionen Euro wird Guardiola zwar zum bestbezahlten Trainer der Bundesligageschichte. Aber verglichen mit dem, was die Konkurrenten boten, bekommt ihn der deutsche Rekordmeister für weniger als die Hälfte des handelsüblichen Preises.

In München, wo Spieler häufig größer waren als ihre Trainer, ist nun der größte Star der Trainer. Als Guardiola am 24. Juni 2013 den Medien präsentiert wird, warten im Presseraum der Allianz Arena rund 250 Journalisten auf den ersten Auftritt des Mannes aus Katalonien. Es ist die bestbesuchte Pressekonferenz in der Geschichte des Klubs.

José Mourinho, Guardiolas großer Rivale, hatte sich 2004 beim FC Chelsea mit den Worten vorgestellt: „Entschuldigen Sie, wenn das arrogant klingt: Chelsea hat jetzt einen Toptrainer. Ich bin nicht arrogant, sondern ein Topmanager. Ein ganz besonderer.“

Louis van Gaal, einer von Guardiolas Vorgängern beim FC Bayern, erzählte auf seiner ersten Pressekonferenz in München, dass er ein Trainer sei, der „überall, wo ich war, Geschichte geschrieben“ habe, und präsentierte sich als Übervater, an dessen Wesen der FC Bayern und der deutsche Fußball genesen mögen.

Während sich Mourinho als „The Special One“ vorstellte und van Gaal als Trainergott, wird Guardiola zwar wie der Heiland angekündigt. Aber dort auf dem Podium in der Allianz Arena sitzt nun – eingerahmt von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge – ein Mann, dessen Auftreten im krassen Gegensatz steht zu dem Hype, der um ihn herum betrieben wird. Der den Eindruck erweckt, als habe er bislang eher den SC Freiburg oder Mainz 05 trainiert und nicht mit dem FC Barcelona innerhalb von nur vier Jahren 14 Titel geholt. Und dessen Demut und Bescheidenheit an diesem Montagmittag auch auf die Bayern-Bosse überspringt. Normalerweise lässt sie so ein Coup, und dies ist vielleicht der größte in ihrer Amtszeit, vor Stolz platzen.

Pressesprecher Markus Hörwick pfeift erst um fünf Minuten nach zwölf an, „denn zuvor laufen ja überall noch die Nachrichten, und es passieren so wichtige Dinge auf der Welt“. Daran muss erinnert werden, denn fast hätte man vergessen, dass es auch noch die Proteste in der Türkei gibt, den Krieg in Syrien, die Jagd der USA auf den vermeintlichen Spion Edward Snowden, die Verurteilung des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zu sieben Jahren Haft oder das Dauerthema Eurokrise.

Und dann ist da noch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die stellt an diesem Montag ihr Wahlprogramm vor. Schlecht getimed von ihren Wahlkampfstrategen, denn wen interessieren schon die vielen angekündigten Geschenke, wo doch endlich das monatelange Warten auf Pep Guardiola ein Ende hat.

„Guten Tag, grüß Gott, meine Damen und Herren, verzeihen Sie mir mein Deutsch – aber ich habe ein Jahr in New York gelebt, und es ist nicht der optimale Ort, um Deutsch zu lernen“, begrüßt Pep Guardiola die Anwesenden. Es sei „ein Glück, ein Geschenk, hier zu sein.“ Er habe sich für die Bayern „wegen ihrer Geschichte“ entschieden, es gebe „wenige Vereine in der Welt, die speziell sind, und Bayern München ist einer dieser Vereine – wenn sie mich rufen, ist das eine Riesenchance für mich.“

Auch mit den Bayern möchte Guardiola „immer angreifen. Das ist meine Idee von Fußball.“ „Ich möchte immer angreifen“ – hat schon jemals ein Mensch diesen Satz in einem so schönen, freundlich klingenden Deutsch ausgesprochen wie der kultivierte Fußball-Verbesserer aus Katalonien? Zumindest noch kein Deutscher. Und wurde schon jemals mit diesem Satz, wenn er in deutscher Sprache vorgetragen wurde, so viel Positives assoziiert?

Mit Pep Guardiola bereichert ein Trainer die Bundesliga, den FC Bayern und das CSU-Land Bayern, den die Abenteurer und Offensivgeister seiner Branche inspirierten: César Luis Menotti, Marcelo Bielsa, Juanma Lillo und Johan Cruyff. Und über den der Argentinier Menotti, der Nestor eines „linken“ Fußballs, dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“ erzählt: „Er (Guardiola) hat eine Vorstellung, wie sein Orchester klingen soll. Wenn einem Trainer nur wichtig ist zu gewinnen, dann wird es schwieriger. Außerdem hat er seinen Spielern etwas in den Kopf gesetzt, was andere Mannschaften nicht haben: Aus der Ordnung heraus gibt es eine große Freiheit für das Abenteuer. (…) Ein großartiger, intelligenter Trainer, der den Fußball liebt, aber nicht nur den Fußball. Frei nach Hippokrates: Wer nur die Medizin kennt, der weiß nichts von der Medizin, und wer nur vom Fußball was versteht, der versteht nicht mal was vom Fußball. (…) Guardiola ist ein Trainer aus unserer Ecke, aus Berufung.“

Wir dürfen gespannt sein.

Dietrich Schulze-Marmeling

Juli 2013

KAPITEL 1
Ein Schlaks aus Katalonien
Peps Entdeckung / Leben in La Masia / Prägung durch Johan Cruyff / Der Wissbegierige

Die 7.500-Seelen-Gemeinde Santpedor liegt in Zentralkatalonien und ist Teil der Provinz Barcelona. Bis in die 70 Kilometer südöstlich gelegene Metropole benötigt man mit dem Auto eine knappe Stunde. Santpedor macht aus seiner katalanistischen Gesinnung keinen Hehl. Von den Balkonen hängt die Senyera, die Flagge Kataloniens, Graffiti künden vom Kampf für die Unabhängigkeit Kataloniens. Auch in den Jahren der Franco-Diktatur, als die katalanische Sprache verboten war, wurde in den Häusern und auf den Straßen des Ortes katalanisch gesprochen.

Auf dem Weg nach Barcelona passiert man das auf einem Berg liegende berühmte Benediktinerkloster Montserrat, in den Jahren der Franco-Diktatur Zufluchtsort für politisch Verfolgte und ein Hort des Widerstands. 1970 versammelten sich hier im Schutz der Klostermauern fast 300 Intellektuelle und verabschiedeten ein „Manifest von Barcelona“, das weltweit Beachtung fand. Die Unterzeichner forderten eine Generalamnestie für alle politischen Häftlinge des Regimes, die Abschaffung von Sondergerichtsverfahren und der Todesstrafe sowie die Errichtung eines „wahrhaft demokratischen Staates, der die Ausübung der demokratischen Freiheiten und Rechte der Völker und Nationalitäten, die den spanischen Staat bilden, einschließlich des Rechts auf Selbstbestimmung, gewährleistet“.

Von diesem Geist scheinen die Einwohner Santpedors noch immer beseelt; man wählt links und katalanistisch. 2013 heißt die Erste Bürgermeisterin des Ortes Laura Vilagrá i Pons und wird von der Esquerra Republicana de Catalunya (Republikanische Linke Kataloniens, ERC) gestellt. Zweitstärkste Partei ist die Partit dels Socialistes de Catalunya (PSC), eine regionale Schwesterpartei der spanischen PSOE. Die bürgerlich-konservativen Nationalisten von der Convergència i Unió (CiU) sind nur drittstärkste Kraft im Lokalparlament.

Der Balljongleur

Hier in Santpedor kommt am 18. Januar 1971 Josep „Pep“ Guardiola i Sala zur Welt. Sein Elternhaus steht an der Placa de la Generalitat (Hausnummer 15), benannt nach den autonomen Institutionen Kataloniens.

„Man darf nie vergessen, woher man kommt“, wird Pep Guardiola später oft sagen. Er wächst in bescheidenen Verhältnissen auf, sein Vater Valentí ist Maurer und besitzt ein kleines Bauunternehmen. In allen Schilderungen von Peps Jugend erscheint seine Familie als Bilderbuch-Repräsentant „katalanischer Tugenden“: Fleiß, Stolz und Leidenschaft sind die immer wiederkehrenden Begriffe, wenn es um die Familie Guardiola geht.

Der junge Guardiola besucht zunächst die örtliche Klosterschule. Im Alter von sieben Jahren wechselt er auf das Colegio La Salle de Manresa in der benachbarten Stadt Manresa, wo auf Katalanisch unterrichtet wird. Spanisch wird nur im Spanischunterricht gesprochen. Manresa zählt etwa 75.000 Einwohner und ist stolz auf seine imposante Kathedrale namens Santa Maria de la Seu.

Eine seiner Lehrerinnen ist Maria Carme Bosch, die sich gegenüber dem „kicker“ an einen Schüler erinnert, dem das Lesen und der Musikunterricht besonderen Spaß machten. Später habe ihr Guardiola erzählt, dass hier sein Interesse an Literatur und Musik geweckt worden sei. Der Schüler Guardiola sei nicht streitlustig gewesen, „aber er hatte schon Charakter, einen Führungscharakter“. Deshalb wird er „Sportbeauftragter“ der Schüler. Bei Schulturnieren muss er Mannschaften zusammenstellen, nicht nur im Fußball, sondern auch im Basketball, der zweitbeliebtesten Mannschaftssportart in Spanien.

Dass er seine Kindheit auf dem Dorf verbringt, betrachtet Guardiola später als Vorteil. Denn hier existieren noch Räume für den Straßenfußball: Im Dorf lässt sich „viel leichter eine Hauswand finden, an der man üben kann, als im Zentrum einer Stadt, wo es fast unmöglich ist, auf der Straße Fußball zu spielen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mit dem Spielen anfing. Aber solange ich denken kann, hatte ich immer einen Fußball dabei. Jeder erinnert sich an mich als das Kind, das immer mit einem Fußball unterwegs war.“

Auch auf dem Schulhof jongliert Pep mit dem Ball. Ramon Casado und Antoni Marsel, Trainer des lokalen Klubs Gimnàstic de Manresa, werden auf sein Talent und seine Leidenschaft aufmerksam und nehmen ihn unter ihre Fittiche. Guardiola: „Ohne sie wäre ich nicht geworden, was ich heute bin.“

Jahrzehnte später, 2007, wird der Verein seines Geburtsortes, der Club de Futbol Santpedor, einen drei Millionen Euro teuren neuen Sportplatz nach dem größten Sohn des Dorfes benennen. Guardiola kommt zur Einweihung. Und mit ihm eine Reihe von Spielern aus Barças legendärem Dream-Team, das 1992 den Europapokal gewann.

La Masia

Im Sommer 1971, dem Geburtsjahr Pep Guardiolas, wird der Niederländer Rinus Michels Trainer des FC Barcelona. Michels gilt als Vater des „Fußball total“, mit dem Ajax Amsterdam Anfang der 1970er Jahre Europa erobert und die niederländische Nationalelf – trainiert von Michels – bei der WM 1974 die Fußballwelt zum Staunen bringt. Michels professionalisiert die Jugendausbildung des FC Barcelona. Schon damals entsteht die Idee einer alle Altersklassen integrierenden einheitlichen Spielphilosophie. Michels ist auch der Erste seiner Zunft, der auf kleinen Spielfeldern und mit Mini-Toren trainieren lässt. Die Spieler sollen lernen, auch unter Druck sauber zu passen und schnell und richtig zu handeln. Außerdem übt Michels das Pressen, die Verengung des Raumes für den ballbesitzenden Gegner.

Ende der 1970er schlägt Johan Cruyff, der von 1973 bis 1978 für den FC Barcelona spielte, dem Barça-Präsidenten Josep Lluis Núñez den Aufbau einer Jugendakademie nach dem Vorbild von Ajax Amsterdam vor. Hauptquartier wird ein an der Avinguda Joan XXIII bzw. im Schatten des Camp-Nou-Stadions gelegenes altes Landhaus (katalanisch: Masia): La Masia. Neben dem monströsen Betonklotz wirkt das 1702 errichtete Gebäude ziemlich aus der Zeit gefallen.

Während der Bauphase des am 24. September 1957 eröffneten Camp Nou hatte La Masia den Architekten und Ingenieuren als Büro gedient. Im September 1966 zog die Klubverwaltung in das Landhaus ein, aber mit den Jahren wurde das Gebäude für die wachsende Zahl der Angestellten zu klein. Erster Direktor der Nachwuchsakademie wird Oriol Tort. Im Landhaus sind die auswärtigen Jugendlichen untergebracht, und zu ihnen wird auch Pep gehören.

Bei Gimnàstic de Manresa ist der schlaksige Junge der Beste in seiner Altersklasse. Er spielt mit dem Team wiederholt gegen Barças Nachwuchsteams und fällt dabei den Scouts auf. Dass er im Alter von elf Jahren erstmals zu einem Sichtungstraining eingeladen wird, hat er allerdings einem Alleingang seines Vaters zu verdanken. Valentí Guardiola entdeckt in einer Sportzeitung ein Anmeldeformular für Jugendliche, die sich beim FC Barcelona zum Probetraining vorstellen möchten. Der Sohn wird ohne sein Wissen vom Vater angemeldet. Erst einige Tage später hört Pep, dass der FC Barcelona ihn sehen möchte.

Im Sichtungstraining wird Pep Guardiola zunächst als Flügelspieler geprüft, eine Position, für die ihm die Voraussetzungen fehlen und auf der er enttäuscht. Der Kandidat ist langsam und kann weder überdurchschnittlich dribbeln noch schießen. Am dritten Tag erhält Guardiola eine weitere Chance im zentralen Mittelfeld, die er zu nutzen weiß. Barça-Scout Jorge Naval, ein ehemaliger Schiedsrichter, sieht einen Jungen, dessen Spielweise „jener eines Engels“ gleicht. Für Akademieleiter Tort ist „das Geheimnis seines Spiels sein Kopf“.

So wird Guardiola ein Platz in der La Masia angeboten. Aber Vater Valentí und vor allem Mutter Dolors kommen nach gründlichen Überlegungen zu dem Schluss, dass ihr Sohn für den Umzug in die Großstadt und in das Barça-Internat noch zu jung sei. Deshalb wechselt Guardiola erst zwei Jahre später, 1984, in die La Masia. Als der nun 13-Jährige in Barcelona eintrifft, wird hier schon gute Arbeit geleistet, aber ihren überragenden Ruf erhält die Nachwuchsakademie erst Jahre später.

La Masia hat vier Schlafräume mit jeweils fünf Etagenbetten. Eines davon teilt sich Pep Guardiola mit dem zwei Jahre älteren Tito Vilanova. Der ist ebenfalls Katalane und stammt aus Bellcaire d’Empordà in der an Frankreich angrenzenden Provinz Girona. Der Ort ist ähnlich katalanistisch geprägt wie Peps Heimatdorf Santpedor.

Aus dem Fenster ihres Zimmers blicken die beiden auf das gewaltige Camp Nou. Den Rasen dieses Fußball-Heiligtums betritt Guardiola erstmals im April 1986 als 15-Jähriger. Es ist das Halbfinale im Europapokal der Landesmeister, und der FC Barcelona spielt gegen den IFK Göteborg. Das Hinspiel in Schweden endete mit einer peinlichen 0:3-Niederlage. Im Rückspiel gewinnt Barça – dank eines Hattricks von „Pichi“ Alonso – mit dem gleichen Resultat und behält auch im notwendigen Elfmeterschießen die Oberhand. 105.000 Zuschauer feiern den nicht mehr für möglich gehaltenen Einzug ins Finale. Der 15-jährige Pep Guardiola ist an diesem Abend Balljunge und stürmt nach dem Abpfiff auf den Platz. Ein Foto zeigt den englischen Barça-Coach Terry Venables, wie ihn die Spieler über den Platz tragen. Im Hintergrund sieht man Guardiola, wie er ehrfürchtig zum Trainer hochblickt.

Im Finale trifft Barça auf Steaua Bukarest. In Sevilla sehen 70.000 Zuschauer eines der schwächsten Finals der Europapokalgeschichte. Nach torlosen 120 Minuten kommt es erneut zum Elfmeterschießen. Da Barças Schützen gleich viermal versagen, verlassen die Rumänen als Sieger den Platz. Der Europapokal-Komplex der Katalanen, die bis dahin nur die kleineren europäischen Wettbewerbe, den Messepokal (1958, 1960, 1966) und den Europapokal der Pokalsieger (1979, 1982) gewinnen konnten, ist damit perfekt.

„Cruyffismo“

1988 übernimmt der ehemalige niederländische Weltklassespieler und dreimalige „Ballon d’Or“-Gewinner Johan Cruyff die 1. Mannschaft des FC Barcelona. La Masia wird reformiert, denn Cruyff bringt die niederländische Schule mit. Die technische Ausbildung spielt nun eine noch größere Rolle als bislang, und in deren Mittelpunkt steht der präzise Pass. Ausdauer und Kraft werden erst in den älteren Jahrgängen geschult. Außerdem schaut der neue Chefcoach nun verstärkt in der hauseigenen Akademie und dem B-Team nach Spielern für die 1. Mannschaft.* Die ersten Talente aus dem B-Team, die es unter Cruyff in die 1. Mannschaft schaffen, sind die Mittelfeldspieler Luis Milla und Guillermo Amor, die beide nur 1,73 Meter Körpergröße aufweisen. Milla hatte bereits am 2. Spieltag der Saison 1984/85 debütiert. Da die Vereinigung der Profispieler streikte, bot Barça gegen Real Saragossa ausschließlich Jugendspieler auf. Die folgenden Jahre verbrachte er im B-Team, bevor Cruyff den 22-Jährigen und den zwei Jahre jüngeren Amor zur Saison 1988/89 in die 1. Mannschaft beförderte. Amor, der am 3. September 1988 seinen Einstand in der Primera División gab, lief bis 1998 in 311 Liga-Spielen für die Blaugrana auf.

In seinen acht Jahren als Trainer des FC Barcelona wird Cruyff insgesamt 29 Spieler aus dem hauseigenen Nachwuchs in die 1. Mannschaft holen. Der Niederländer sucht seine Spieler in erster Linie „nach der fußballerischen, technischen Qualität“ aus. „Ich will 70 Prozent Technik, 30 Prozent Laufen. Heute wird aber zu viel gerannt, deshalb können kleine Mannschaften gegen große gewinnen, zumal den sogenannten Großen dann auch oft noch die Konzentration fehlt.“ Cruyff bevorzugt einen kleinen Kader, was der Trainer Pep Guardiola später übernehmen wird: „Sechs Spieler für drei Plätze sind zu viele, ideal sind vier, um damit den notwendigen Konkurrenzdruck aufzubauen.“ Guardiola wird in seiner Spielphilosophie nicht nur in diesem Punkt sehr stark von Cruyff geprägt werden, daher lohnt sich an dieser Stelle ein näherer Blick auf die Arbeit des niederländischen Trainers in Barcelona.

Zu einem Zeitpunkt, da noch viele ihre Defensivabteilung aus Haudegen zusammenstellen und die technisch versiertesten Akteure in den Sturm packen, sucht Cruyff auch in der hintersten Reihe Spieler, die mit dem Ball umgehen können. Cruyff: „99 Prozent der Trainer haben einen Arbeiter im Mittelfeld und einen Techniker vorne. Ich stelle einen Techniker ins Mittelfeld und einen technisch guten Läufer nach vorne. Weil man im Mittelfeld mehr Ballkontakte hat. Und in der Abwehr brauche ich Leute, die Fußball spielen und das Spiel aufbauen können.“

Cruyff lässt nicht klassisch verteidigen. Es geht nicht nur um die Abwehr eines Angriffs, sondern um Balleroberung und darum, umgehend einen Gegenangriff einzuleiten – nicht mittels wild nach vorne gekloppter Bälle, sondern durch eine Abfolge präziser und schnell gespielter kurzer Pässe. Wenn der Gegner früh und massiv presst, darf auch mal ein langer Pass in die Tiefe gespielt werden – aber präzise muss er sein.

Die beste Verteidigung ist für Cruyff der eigene Ballbesitz: „Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor schießen.“ Als Barças Abwehrarbeit einmal kritisiert wird, entgegnet Cruyff: „Es heißt immer, unsere Abwehr sei schlecht. Aber wenn wir hinten ständig den Ball hin- und herspielen und die gegnerischen Stürmer dem Ball hinterherrennen müssen, werden sie müde. Das sieht so einfach aus, wenn die Spieler den Ball querspielen. Aber jeder Fehler kann ein großer Fehler sein. Und deshalb ist absolute Konzentration nötig. Mein größter Feind ist mangelnde Konzentration.“

Der Trainer verteilt die Rückennummern nach den Positionen, die die Spieler einnehmen sollen. Dies erleichtert es ihm, während des Spiels Anweisungen zu erteilen. Der Torwart, der bei Cruyff wie ein Libero agieren muss, erhält die Nummer 1, der rechte Außenverteidiger die 2, der Innenverteidiger die 3, der linke Außenverteidiger die 5. Im zentralen Mittelfeld trägt der defensive Spieler die 4 und der offensive die 6. Die Mittelfeld-Außen spielen rechts mit der 8 und links mit der 10, die Außenstürmer rechts mit der 7 und links mit der 11, der Mittelstürmer mit der 9.

Von besonderem Interesse sind die 3 und die 4. Die 3 spielt ohne konkrete Zuordnung (die Außenverteidiger lässt Cruyff manndecken) und muss in Cruyffs 3-4-3-System über große taktische und technische Qualitäten verfügen. Die 4 muss ein Schnelldenker sein, einfache Lösungen finden und über ein präzises Passspiel verfügen. Das Trikot mit der Rückennummer 3 wird der Niederländer Ronald Koeman überstreifen, das mit der Nummer 4 Pep Guardiola.

Cruyff lässt seine Spieler kaum Flanken schlagen. Die Außenpositionen bekleiden keine Dauerläufer, sondern technisch beschlagene Spieler wie etwa der Bulgare Hristo Stoichkov. Statt den Ball hoch in den Strafraum zu dreschen, sollen sie mit Dribblings oder Doppelpässen diagonal vorstoßen. Auch Standards interessieren den Niederländer nicht. Bei Ballbesitz ist der Zweikampf weitgehend zu vermeiden und der Gegner zu umspielen. Cruyff predigt einen Fußball, der den im europäischen Vergleich kleinen Spaniern auf den Leib geschneidert ist, denn in seinem System finden auch die schmächtigen und langsameren Spieler ihren Platz.

Als Spieler verfügte Cruyff über einen „Raketenantritt“, also jenen Antritt auf den ersten Metern, der beim Fußball enorm hilfreich ist. Zugleich aber war es Cruyff, der das Spiel häufig mit dem Ball statt mit den Beinen schneller machte, indem er im richtigen Moment schnelle und präzise Pässe spielte. „Der Ball wird nicht müde“, pflegt Cruyff zu sagen. Und schneller als die Spieler ist die Kugel auch. Dies bedeutet: Auch langsame Spieler können schnellen Fußball spielen und ihre physischen Schwächen kaschieren – sofern sie über gute Technik und hohe Spielintelligenz einschließlich Handlungsschnelligkeit verfügen. Technik und Spielintelligenz sind die zentralen Bausteine des „Cruyffismo“, wie man die Philosophie des Barça-Trainers später in Spanien tauft.

Für den Journalisten Ricard Torquemada, der den FC Barcelona für den Sender Catalunya Radio seit Jahren begleitet, ist aber „das Wichtigste, das der Holländer Barcelonas Spielphilosophie eingebrannt hat, sein fester Glaube, dass die Spieler nur dann wirklich gut sein können, wenn sie verstehen und verinnerlichen, was sie tun. Und das zu jeder Zeit. Er wollte, dass die Spieler selbst spüren, welchen Sinn eine gewisse Aktion in einem bestimmten Moment hat. Es war ihm wichtig, dass die Profis selbst Fehler analysieren konnten.“

So zog Cruyff fast automatisch nicht nur technisch und taktisch versierte Spieler heran, sondern auch die nächste Generation Trainer. Der Cruyff’sche Spieler musste fast zwangsläufig so denken wie ein Trainer.

Die Suche nach dem Pivote

In La Masia macht Guardiola zunächst weniger durch sein Fußballspiel auf sich aufmerksam als durch sein ständiges Nachdenken und Reden über Fußball. Jedes Training wird von ihm analysiert, manchmal können es seine jungen Mitspieler nicht mehr ertragen. Guardiola ist nicht besser als seine Mitschüler, aber niemand ist so besessen vom Fußball wie er. Bald zeigt sich: Er versteht das Spiel besser als mancher seiner Ausbilder und glänzt vor allem bei Taktikeinheiten. Jaime Oliver, ein ehemaliger Leiter der La Masia: „Vor allem Pep fragte nach. ‚Wäre es nicht besser, wenn wir dort Überzahl schaffen?‘ Analytisch war er eine Maschine. Und abends hat er das Gelernte mit den Teamkollegen noch im Zimmer wiederholt, hat erklärt und insistiert.“

Guardiolas Stammposition ist zunächst das rechte Mittelfeld, wo er aber nur seine Schwächen offenbaren kann, nicht seine Stärken. Aufgrund seiner körperlichen Defizite bleibt Guardiola bis zu seinem 18. Lebensjahr im Juvenil-A-Team und kommt erst anschließend in Barças B-Team. Einmal darf er nun in einem Freundschaftsspiel für die 1. Mannschaft auflaufen. Im Mai 1989 ist Pep in einem Benefizspiel gegen ein Amateurteam in Banyoles dabei. „Du hast langsamer gespielt als meine Großmutter“, raunzt der Chefcoach den Nachwuchsspieler anschließend an.

Einer von Guardiolas Mitspielern im B-Team ist der Niederländer Danny Muller, Sohn der Ajax-Legende Bennie Muller und Verlobter der Cruyff-Tochter Chantal. Anders als Guardiola wird er den Sprung in Barças 1. Mannschaft nicht schaffen und nach der Saison 1988/89 in die Niederlande zurückkehren. Muller ist Guardiolas erster niederländischer Teamkollege und erzählt später: „Pep ist ruhig. Reserviert. Ich erinnere mich, dass er in der Jugend schlank und groß war. Ein schlaksiger Kerl. Er hatte ein Babygesicht.“

Cruyff kreiert beim FC Barcelona eine Position, die man Pivote nennt und die heute dem modernen „Sechser“ entspricht. Anstelle des klassischen Zehners soll ein defensiver Mittelfeldspieler das Spiel lenken. Der Spielmacher wird so nach hinten gezogen und ist auch nicht mehr ausschließlich zentral postiert. Er wirkt aus der Tiefe des Raumes, wird zur Drehachse des Spiels, baut mal von links, mal von rechts oder aus der Mitte auf. Cruyff verlangt auch von den Nachwuchsteams, dieses System zu spielen.

Cruyffs Pivote muss nicht schnell mit den Beinen und kräftig sein. Für den Trainer zählen auf dieser Position vor allem Ballsicherheit und Spielintelligenz sowie Handlungsschnelligkeit. Der Erste, der diesen Anforderungen zu genügen scheint, ist Luis Milla. Als der FC Barcelona in der Saison 1988/89 den Europapokal der Pokalsieger gewinnt, ist Milla Stammkraft. Doch im Sommer 1990 zieht es den 24-Jährigen zu Real Madrid. (Nach dem Ende seiner Karriere trainiert Milla verschiedene Auswahlmannschaften Spaniens und wird 2011 mit der U21 Europameister.) Ein Teil des Vorstands um Vizepräsident Joan Gaspart ist strikt dagegen, dass man einen kommenden Starspieler an den größten Konkurrenten verkauft. Aber Cruyff meint, dass man Reisende nicht aufhalten darf. Für die Katalanen soll nur spielen, wer sich voll und ganz mit der Sache identifiziert.

Dünn und intelligent

Cruyff interessiert sich für Liverpools Dänen Jan Molby, zumal nachdem sich Ronald Koeman verletzt hat, aber entsprechende Bemühungen verlaufen im Sande. Barça-Boss Josep Lluis Núñez ist der Spieler zu teuer. Die Mannschaft will ohnehin keinen weiteren Ausländer. Der spanische Nationalstürmer Julio Salinas: „Wir sind 22 Spieler, viele von uns sind Nationalspieler. Man würde denken, wir wären ohne Ronald nichts.“ Auf der Suche nach einem einheimischen Ersatz beobachtet Cruyff daher im Sommer 1990 Guardiola bei einem Spiel des B-Teams von Barça.

Als Cruyff auf dem Platz erscheint, drückt Guardiola jedoch nur die Bank und wird nicht einmal zum Aufwärmen geschickt. Cruyff: „Die Leute erzählten mir: ‚Er ist einer der Besten.‘ So besuchte ich die Spiele des B-Teams, aber er spielte dort nicht. Ich sagte den Trainern: ‚Ihr habt mir gesagt, er ist einer der Besten.‘ Sie antworteten: ‚Ja, aber er ist körperlich zu schwach. Wir werden mit ihm verlieren.‘ Ich sagte ihnen: ‚Wenn wir verlieren, dann verlieren wir halt. Wir müssen Spieler entwickeln.‘“

Danny Muller über Guardiolas „Entdeckung“: „Johan und Tony Bruins Slot (Cruyffs ebenfalls aus Amsterdam stammender Co-Trainer, Anm. d. A.) suchten einen defensiven Spieler. Einen Innenverteidiger oder eine Nummer 4. Pep spielte einfach. Nur einen Ballkontakt. Ganz eng. Genau das, was Johan benötigte. Carles Rexach war zu dieser Zeit Nachwuchscoach bei Barça und wollte Guardiola nicht gehen lassen. Er hat ihn niemals gedrängt. Ich denke, dass alle glaubten, dass Pep zu verletzlich sei. (…) Andere Spieler waren auffälliger. Dribblings oder lange Pässe mit großartigen Toren.“

Carles Rexach ist wie sein Schützling Katalane. Sein Vater war ein Aktivist der politischen Linken Kataloniens und kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republikaner. Rexach junior: „Barça war seine Fahne. Meine Unterstützung für Barça kommt von meinem Vater, der mir beibrachte, was es bedeutet, aus Barcelona zu sein. Es war eine politische Angelegenheit. Für meinen Sohn ist es nur Sport. Obwohl ich ihm die Geschichte erkläre. Aber wenn du mit meinem Sohn über Franco sprechen würdest, wüsste er nicht, wer das ist.“

Der langjährige Flügelspieler der 1. Mannschaft spricht Spanisch mit katalanischem Akzent. Wenn Rexach redet, vermischt er das Spanische häufig mit dem Katalanischen. Rexach kam als Zwölfjähriger zum FC Barcelona und ist dort – mit der Ausnahme eines zweijährigen Intermezzos als Trainer in der japanischen J-League – immer geblieben: als Spieler (an der Seite von Cruyff), als Scout, als Co-Trainer (u.a. bei Cruyff) und Chefcoach. Eines Tages wird Rexach beim FC Barcelona wie ein Löwe für die Verpflichtung eines gewissen Lionel Messi kämpfen.

Seinen Jugendspieler Pep Guardiola nennt Rexach ein „muy poca cosa“ (ganz kleines Ding) – aber intelligent. „Obwohl er wirklich klein und dünn war, spielte er mit nur einem Ballkontakt oder meistens auch zwei Ballkontakten. Dies hob ihn über alle anderen in seiner Altersgruppe.“ Guardiola habe weniger selber gespielt, als dass er durch seine Spielweise andere zum Spielen gebracht habe. Und mental sei er noch schneller gewesen als später sein Nachfolger Xavi Hernandez.

Ohne Cruyff nur dritte Liga

Als Guardiola Profi wird, ist er mit etwas über 1,80 Metern für spanische Verhältnisse zwar recht groß, aber er bringt nur 70 Kilo auf die Waage. Er ist ein Schlaks mit dünnen Beinen. Seine Mitspieler können kaum glauben, dass er es schaffen wird. Der damalige Keeper und heutige Barça-Sportdirektor Andoni Zubizarreta: „Es war von ihm viel geredet worden. Doch als ich ihn sah, dünn wie er war, dachte ich: Selbst mit noch so viel Muskelaufbau wird er wenig spielen.“ Und Guillermo Amor, ein weiterer Mitspieler Guardiolas: „Man hatte Zweifel, ob er es körperlich schaffen würde. Aber als Fußballer war er so gut, dass man ihm Zeit zur Entwicklung gab.“

Für Cruyff ist Guardiolas Physis nicht wichtig. Wesentlich sind ihm dessen Spielintelligenz und Technik: „Er erinnerte mich an mich selbst. Wer physisch schwach ist, muss intelligent sein. Man benötigt jede Menge Technik, man muss den Ball schnell bewegen können und Körperkontakt vermeiden. Um diesen zu vermeiden, benötigt man einen Blick für das Spiel. (…) Guardiola hatte ein gutes Auge und eine phantastische Technik. Einen wie ihn musst du als Trainer speziell vorbereiten. Du musst ihm sagen: Du bist nicht laufstark. Also organisiere dich, damit du nicht so viel rennen musst. Die wichtigsten Spieler sind die, die den Ball gut kontrollieren können.“

Eines der bekanntesten Cruyff’schen Bonmots lautet: „Jeder Nachteil hat einen Vorteil.“ Im Fall von Guardiola bedeutet dies: Weil er langsam und körperlich schwach ist, muss er schneller handeln als andere. Seine Defizite fördern Spielintelligenz und Technik. So lernt Guardiola, einen Fußball zu spielen, der nur seine Stärken zum Vorschein bringt. Rückblickend schreibt Ronald Reng im Sommer 2008 in der „Frankfurter Rundschau“: „Nur in diesem Verein konnte einer wie Guardiola zum Idol werden. (…) Er triumphierte als Mittelfeldspieler mit den Werten Barças: schneller denken, sauberer passen.“

Fußballkarrieren basieren nicht selten auch auf Zufällen. In den unteren Klassen des Fußballs trifft man immer wieder auf Spieler, die das Zeug zum Profi gehabt hätten, wären sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Manchmal kommt es auf den unmittelbaren Eindruck eines Trainers an. Er sieht bei einem Spieler gewisse Qualitäten, die er schätzt und für sein Team benötigt. Manche Kollegen würden diesen Spieler nicht berücksichtigen, weil für sie seine Schwächen schwerer wiegen als seine Stärken. Ein Trainer, für den ein Spieler vor allem schnell und physisch stark sein muss, hätte in Guardiola nie einen Kandidaten für die höchste Etage des Profifußballs gesehen.

Guardiolas Rettung und Glück heißt Johan Cruyff, was seine anhaltende tiefe Dankbarkeit gegenüber dem Niederländer erklärt. Für Guardiola war Cruyff, was der Engländer Vic Buckingham und Rinus Michels einst für den Nachwuchsspieler Cruyff gewesen waren. Ein Trainer, der das Talent des Spielers klar identifiziert. Und sich nicht von leicht korrigierbaren oder kompensierbaren Schwächen, konkret: einem Mangel an Kraft und Tempo, irritieren lässt. Cruyff betrachtet Guardiola als Individuum und perspektivisch. Nicht im Kontext eines zum Erfolg verpflichteten Teams, für das Guardiola zum Zeitpunkt seiner Entdeckung eher ein Risiko darstellt.

Ohne Cruyff wäre das weitere Leben von Pep Guardiola wohl anders verlaufen. Guardiola: „Cruyff hat mich nicht erfunden. Aber er setzte auf mich, glaubte an mich, deutete mit dem Finger auf mich und sagte: ‚Du bist es, den ich will.‘“ Natürlich hätten ihm die Umstände geholfen, habe er Glück gehabt: „Im Team war ein Loch, das gefüllt werden musste. Koeman war verletzt und Guillermo Amor war gesperrt, weil er zu viele Karten kassiert hatte. Und Milla hatte den Klub verlassen. Aber Cruyff glaubte, dass ich es schaffen könnte, und gab mir die Chance. Ich denke, dass eine Menge talentierter Leute es allein deshalb nicht schaffen, weil man ihnen keine Chance gibt. Ich verdanke meine Chance Cruyff. Ohne Cruyff wäre ich ein durchschnittlicher Drittliga-Spieler geworden.“

Einen auch jenseits des Fußballs interessierten und gebildeten Spieler wie Guardiola wäre dies womöglich zu wenig gewesen, weshalb er seine Schwerpunkte anders gesetzt hätte. Mit der Folge, dass es auch den Startrainer Guardiola nie gegeben hätte. Barça-Biograf Jimmy Burns: „Guardiola verdankte sein Talent der Straße und seinen Ruhm Johan Cruyff.“ Der Profi Guardiola habe ein Buch mit Cruyff-Weisheiten neben seinem Bett liegen gehabt – wie eine Bibel.

Der Wissbegierige

In der Saison 1990/91 ist Pep Guardiola fest im Kader der 1. Mannschaft des FC Barcelona integriert. Sein Kumpel Tito Vilanova indes wird den Sprung aus dem B-Team nicht schaffen. Vilanova wechselt 1990 zum Zweitligisten UE Figueres und spielt anschließend, von 1992 bis 1995, für den Erstligisten Celta Vigo, kommt aber in drei Jahren nur auf 26 Einsätze in der Meisterschaft. Anschließend tritt er noch für den RCD Mallorca, UE Lleida und den FC Elche vor den Ball, aber eine erinnerungswürdige Profikarriere ist ihm nicht beschieden. 1998 wird er für Lleida gegen seinen alten Klub auflaufen. Im katalanischen Pokal gewinnt Barça 2:1, für den Underdog trifft Vilanova.

Während der Zeit als Spieler von Barça-B hat Guardiola sein Abitur bestanden. Thema seiner Abschlussarbeit war der deutsche Philosoph und Aufklärer Immanuel Kant. Cathrin Gilbert in einem Porträt des „Philosophen“ Guardiola in der „Zeit“: „Er erläuterte, warum ihn die Rolle der Vaterfigur, die von der reinen Vernunft infrage gestellt wird, so sehr interessiere. ‚Sehr gut‘, befanden die Prüfer.“ Anschließend begann Guardiola zunächst, Jura zu studieren: „Ich möchte mein Hirn nicht nur in den Füßen haben.“ Nun aber, als Profi, schmeißt er das Studium.

Auf Geheiß von Cruyff nimmt Ronald Koeman den Neuling unter seine Fittiche. Koeman: „Als Cruyff Pep in die Mannschaft brachte, sagte er zu mir: ‚Du wirst dich um den Jungen kümmern. Du wirst sein Tutor sein. Du wirst ihn entwickeln und ihm den niederländischen Fußballstil beibringen. Von jetzt an ist er dein Zimmergenosse.‘“ Eine gute Entscheidung, denn Guardiola bewundert den fast acht Jahre älteren Niederländer, der 1988 mit dem PSV Eindhoven den Europapokal der Landesmeister und anschließend mit der Elftal die Europameisterschaft gewonnen hat: „Er war einer der ersten Zentralverteidiger, die mehr als nur Abwehrspieler waren. Und er konnte Finals spielen, als ob es Freundschaftsspiele seien. Er konnte Drucksituationen großartig überwinden.“

Koeman schwärmt vom Wissensdurst des jungen Mitspielers: „Pep war fantastisch. Er war begierig zu lernen, er wollte alles wissen. Von Anfang an fragte er mich alles über Ajax und die Ajax-Jugendakademie. Er sagte: ‚Ronald, wie trainieren sie? Was machen sie? Wie spielen sie?‘ Er wollte alles über die niederländische Fußballschule wissen. Mehr als irgendein anderer Spieler wollte er über den One-touch-Fußball erfahren und über das Positionsspiel. Er hatte einen unstillbaren Hunger nach Informationen und ein massives Interesse am Spiel. Wir verbrachten viele Stunden damit, über Fußball zu reden.“

Ähnliche Eindrücke hat Ronald de Boer, der mit Guardiola in Barcelona und in Katar spielte: „Pep liebte den niederländischen Fußball. Er sprach ständig über totaal voetbal, über Angriffspressing, über das, was Johan ihn gelehrt hatte, und über niederländische Spieler.“ Guardiola bekennt später: „Ajax ist das Team gewesen, von dem ich am meisten gelernt habe. Sie spielten großen Fußball im Kollektiv. Ballbesitz war ihr Mantra.“ Ajax-Fußball ist die perfekte Mischung aus Einfachheit und technischer Brillanz.

Auch der Baske José Marí Bakero erinnert sich an einen extrem neugierigen Mitspieler, der seinen erfahreneren Kollegen Löcher in den Bauch fragt: „Obwohl noch so jung, versprühte er schon bald eine natürliche Autorität. Seine Begeisterung war echt, er saugte alles auf und wertete es aus. Im Grunde war er schon auf dem Spielfeld ein Trainer.“

Guardiola hat das Glück, dass Cruyff und Rexach mit ihren Spielern gerne diskutieren. Rexach: „Er hatte die Persönlichkeit, mit uns in Dialog zu treten, er hinterfragte die Entscheidungen. Wenn ein Spieler so strukturiert denkt, dann stört das nicht. Niemals.“ Manchmal sei es aber auch ihm und Cruyff zu viel gewesen: „Viele Haken, nur um am Ende so weit zu sein wie am Anfang. Manchmal fragte er Cruyff und mich so oft ‚warum‘, dass uns nichts anderes übrig blieb, als ‚deshalb‘ zu antworten.“

Auch einigen Mitspielern geht Guardiolas Wissbegierde auf die Nerven. So etwa Frankreichs Weltmeister Emmanuel Petit, der im Sommer 2000 zum FC Barcelona kommt, wo er sich von der katalanischen Gemeinschaft um Guardiola ausgeschlossen und schlechtgeredet fühlt. „Dieser Typ macht mir echt Kopfschmerzen, weil er ständig nach dem Warum fragt.“

Als Persönlichkeit ist der junge Guardiola ein Prototyp seiner späteren Spieler. Ronald Koeman: „Er war freundlich, normal, ohne jeden Hauch von Arroganz. Er benahm sich nicht wie ein Star. Ich erinnere mich, dass er einen gebrauchten VW Golf fuhr, als er zur 1. Mannschaft stieß. Drei Jahre später fuhr er noch immer einen VW Golf.“

In der Saison 1990/91 kommt Guardiola auf vier Einsätze in der Primera División, für Barça-Präsident Núñez nur ein „kindischer Scherz“. Sein Debüt feierte er 19-jährig am 16. Dezember 1990 beim Heimspiel gegen Cadiz. Im April 1991 läuft er gegen CD Castellón, FC Sevilla und RCD Mallorca auf. Der FC Barcelona wird erstmals seit fünf Jahren wieder Meister – mit zehn Punkten Vorsprung auf „Vize“ Atlético Madrid.

(*) Bis 1991 hieß die 2. Mannschaft des FC Barcelona noch Barcelona Atlètic, seither FC Barcelona B.

KAPITEL 2
Der Stratege des Dream-Teams
Der Aufstieg zum Führungsspieler / Gewinn der europäischen „Königsklasse“ 1992 / Olympisches Gold im Camp Nou

Seine erfolgreichsten Jahre verbringt der Spieler Pep Guardiola unter dem Trainer Johan Cruyff. Viermal gewinnt er in diesen acht Jahren die spanische Meisterschaft und dreimal den spanischen Supercup. Der größte Triumph seiner gesamten Spielerkarriere ist aber der Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1992.

Es ist der erste Sieg der Katalanen im prestigeträchtigsten der europäischen Klubwettbewerbe, den der Rivale aus Madrid zuvor bereits sechsmal gewonnen hat. Für Günter Netzer ist das Barça-Team dieser Jahre ein Idealfall: „Eine erstklassige Mannschaft darf nicht nur erfolgreich sein. Ich möchte schon auf dem Platz etwas Besonderes sehen. Schöner Fußball darf das Scheitern riskieren. Es darf nur kein Dauerzustand sein. Mit Spielsystemen hat Schönheit im Fußball nichts zu tun. Das Ideal war der FC Barcelona unter Johan Cruyff. Das war Schönheit, Dominanz, Tempo und große Klasse. Da waren physische Fitness und technische Fertigkeiten, mit denen man gar nicht erst darüber nachdenken muss, was mit dem Ball passiert. Das geht, anders als zu meiner Zeit, schon in der Abwehr los. Jeder einzelne Spieler ist dafür verantwortlich. Bei Cruyff mussten die Abwehrspieler stürmen, die Mittelfeldspieler arbeiten und Tore schießen und die Stürmer notfalls auch mal im Mittelfeld aushelfen.“

Der Sieger von 1992 geht als Dream-Team in die europäische Fußballgeschichte ein. Ein Poster der Mannschaft schmückt noch heute die Wände vieler Kneipen und Cafés Kataloniens. Guardiola, Zubizarreta, Koeman, Stoichkov, Laudrup und Co. werden noch immer fast mehr verehrt als die nicht weniger brillanten Champions-League-Sieger von 2006, 2009 und 2011. Das Dream-Team markiert eine zweite Geburt des FC Barcelona, denn es begründet eine bis heute gültige Spielphilosophie.

Der verlängerte Arm des Trainers

In der Saison 1991/92, Cruyffs erfolgreichstem Jahr als Trainer des FC Barcelona, wird Guardiola Stammspieler. Nach 38 Spieltagen der Primera División stehen 26 Einsätze zu Buche. Im Europapokal der Landesmeister ist er bei allen elf Auftritten dabei.

Cruyff sieht in ihm den Spieler, der seine Ideen auf dem Spielfeld perfekt umsetzen kann. Guardiola wird zum Musterschüler des „Königs“. Mit ihm verbessern sich Cruyffs Chancen, Barça einen Fußball nach seinen Vorstellungen spielen zu lassen. „Der einfache Fußball (ist) häufig der schwierigste“, lautet Cruyffs Credo. Guardiola ist der Spieler, der diesen einfachen und zugleich schwierigen Fußball beherrscht und aufs Feld zaubern kann wie kaum ein anderer. „Er konnte den Ball schnell unter Kontrolle bringen und ihn schnell weiterpassen“, erkennt Cruyff. „In einer Weise, dass ein anderer Spieler mit dem Ball etwas anfangen konnte.“

Guardiola agiert als tiefer Spielmacher vor einer Dreierkette oder als Halbspieler vor einer Viererkette. Guardiola ist die Umschaltstation in Barças Spiel – ein „Standspieler“, der den gegnerischen Angriff bremst, um dann schnell den Gegenangriff einzuleiten. Nicht durch schnelles Laufen, sondern durch schnelles, präzises und strategisch kluges Passen, wodurch er die Struktur des Angriffs seines Teams vorgibt. Sein Nachfolger Xavi wird unter dem Trainer Guardiola die Position des „Quarterbacks“ erheblich höher spielen.

Guardiola wird zum Denker und Lenker des Spiels und verlängerten Arm des Trainers auf dem Platz. Cruyff-Assistent Carles Rexach: „Als Cruyff und ich Trainer waren, dachten wir über eine Strategie nach und erklärten sie den Spielern.“ Wenn die Mannschaft die Kabine verließ, hätten sie Guardiola zurückgehalten, um ihm mitzuteilen: „‚Wir werden so und so spielen, aber in der 20. Minute werde ich dir ein Zeichen geben, und du wirst unsere Strategie ändern.‘ (…) Wenn wir die Taktik ändern mussten, dann ging das immer über Ronald Koeman mit seiner Erfahrung und Guardiola mit seiner Vision.“

Der Trainer Cruyff will, dass die Spieler seine taktischen Anweisungen verstehen. Nur wenn sie deren Sinn erkennen, sind sie fähig, die taktische Marschroute optimal umzusetzen. Cruyff ermutigt die Spieler zum Nachdenken über das Spiel, zur Diskussion und zur eigenständigen Analyse ihrer Fehler. So ist es kein Wunder, dass der Trainer und der wissbegierige und diskussionsfreudige Spieler Guardiola bestens zueinanderfinden.

Seine Position im defensiven Mittelfeld ist eine gute Schule für Guardiolas spätere Trainertätigkeit. Wer hier spielt, muss ein Spiel lesen können und ist taktisch wie strategisch permanent gefordert. Wie einst im Spieler Cruyff steckt auch im Spieler Guardiola bereits ein Trainer. Cruyffs Nummer 4 coacht seine Mitspieler – allerdings leiser und weniger gestenreich als einst der „König“.

Juan Manuel „Juanma“ Lillo, Guardiolas späterer Mentor, sieht eine direkte Verbindung zwischen dem Mittelfeldspieler und dem späteren Trainer. In einem Interview mit Dino Reisner und Daniel Martinez erklärt er Guardiolas Wissbegierde und Ehrgeiz zur „logischen Folge seiner Position auf dem Feld. Fast alle Mittelfeldspieler tendieren dazu, das Spiel aus einer globalen Perspektive zu betrachten und zu verstehen. Rein geometrisch müssen sie das ganze Spielfeld erfassen, sie dürfen ihr Gehirn nicht ausschalten, im Gegenteil: Diese Spieler müssen nicht nur ständig denken und überlegen, sondern gedanklich auch stets einen Schritt schneller und weiter sein als alle anderen. Und das alles nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für die Mannschaft, die immer oberste Priorität hat.“

Auch Guardiolas niederländische Mannschaftskameraden beim FC Barcelona sehen einen Zusammenhang zwischen seiner Position im Barça-System und seiner späteren Trainerkarriere. Michael Reiziger: „Er spielte immer vor der Abwehr, und er sah die folgenden drei Spielzüge voraus. Eine typisch niederländische Sache.“ Frank de Boer: „Pep war in Wirklichkeit der Schnellste von uns. Nicht im Rennen, aber im Denken.“ Für de Boer war klar, dass Guardiola mal Trainer werden würde: „Er war schon ein Trainer, als er noch spielte. Er redete ständig, schubste – aber in einer positiven Weise. Er war ein stiller Leader. Einige Spieler waren lautstark, wie ich. Aber Guardiola und Philip Cocu waren leise Anführer. Louis van Gaal und Pep benötigten nur Augenkontakt.“ Und Marc Overmars: „Du wusstest, dass er ein guter Trainer wird. Als Spieler sah er die Lösung immer vor allen anderen. Er geriet niemals in Panik. (…) Ich habe nur wenige Spieler wie ihn gesehen. Ronald Koeman hatte das auch. Barça entwickelt solche Spieler. Ich bin mir sicher, dass auch Iniesta und Xavi wunderbare Trainer werden. (…) Es ist auffallend, dass die meisten dieser Spieler eher langsam sind. Aufgrund dieses Defizits müssen sie vorausdenkend spielen. Sie sind Großmeister, wenn es um taktische Dinge geht.“ Auch der Bundesligatrainer Lucien Favre erinnert sich an Guardiola als einen „sehr langsamen Spieler, aber mit großer Spielintelligenz“.

Als Guardiola 2008 Trainer der Blaugrana wird, mutmaßt er, dass er heute als 21-Jähriger beim FC Barcelona keine Chance mehr besäße. Der Fußball habe sich weiter verändert, heute werde mit einem erheblich höheren Tempo gespielt. Außerdem habe der Mittelfeldspieler vor der Abwehrkette heute Bälle zu erobern und anschließend nach vorne zu stürmen, wie etwa Liverpools Steven Gerrard oder Chelseas Frank Lampard. Eben das habe nicht zu seinen Qualitäten gezählt: „Ich würde niemals Profi werden, es höchstens bis in die dritte Liga bringen. Ich bin nicht schnell, ich habe nicht die Kondition, um 90 Minuten über das Feld zu rennen, wie es die heutigen Mittelfeldspieler tun. Ich bin nicht gut in der Luft, ich bin nicht kräftig. Alles, was ich kann, das ist Passen.“ Aber Passen ist noch heute der Kern des Barça-Spiels.

Teambuilding

Nach seinem Amtsantritt hatte Cruyff den Kader von Barças 1. Mannschaft kräftig umgebaut. 13 Spieler mussten gehen, elf neue kamen. Das Team, das Cruyff nun zusammenstellt, ist eine ideale Mischung. Es besteht aus jungen Akteuren, die der Trainer aus dem B-Team in die 1. Mannschaft hochgezogen hat (Guardiola, Albert Ferrer, Guillermo Amor und zunächst auch Luis Milla), zähen Basken (José Marí Bakero, Andoni Goikoetxea und Txiki Begiristain), ausländischen Superstars (Ronald Koeman, Michael Laudrup und Hristo Stoichkov) und erfahrenen Akteuren (Andoni Zubizarreta, Eusebio Sacristán, Julio Salinas und José Ramón Alexanco). Das Team ist nicht gerade groß gewachsen: Ferrer und Eusebio messen nur 1,70 Meter, Begiristain 1,72, Amor 1,73, Bakero 1,76. Nur Keeper Zubizarreta (1,87), Nando (1,87) und Salinas (1,88) haben Gardemaß, Laudrup und Guardiola stellen den Mittelbau.

Cruyff beweist bei der Spielerauswahl einen guten Instinkt – sportlich wie politisch. In den fünf Jahren vor seinem Amtsantritt haben mit Lattek, Menotti und Venables drei Ausländer den FC Barcelona trainiert. Das Schicksal des Klubs lag auf den Schultern ausländischer Akteure wie Bernd Schuster, Diego Maradona, Steve Archibald, Mark Hughes und Gary Lineker. Nicht nur war deren sportliche Bilanz eher mager, auch die Identifikation der Mitglieder und Fans mit dem Team nahm ab. Immer weniger Zuschauer besuchten die Heimspiele im Camp Nou. Cruyff zieht daraus seine Schlüsse: „Überall auf der Welt möchten die Fans Spieler sehen, die ihre Mentalität teilen – vorzugsweise Spieler aus ihrem eigenen Land. Wenn ein Trainer die Wahl zwischen einem ausländischen Akteur und einem heimischen hat und die Qualität der beiden identisch ist, sollte er den heimischen verpflichten. Die Fans pfeifen dann nicht so schnell, wenn es nicht so gut läuft.“

Jungprofi Guardiola bewundert vor allem seine sieben bzw. zehn Jahre älteren Mannschaftskameraden Laudrup und Zubizarreta. Laut Barça-Biograf Jimmy Burns liefern sie ihm ein Beispiel dafür, „was gut und nobel im Fußball ist – in der Kabine und draußen auf dem Feld“. Der intelligente Däne Laudrup ist ein torgefährlicher Mittelfeldspieler, den Cruyff 1989 von Juventus Turin geholt hat. Der Baske Zubizarreta ist auf dem Weg zum spanischen Torwartdenkmal. Bis 1998 wird er 126-mal das Tor der Selección hüten.

Laudrup und Zubizarreta sind – wie Guardiola – kulturbeflissene Profis. Der Däne spielt Klavier und ist ein Kenner des edlen Tropfens. Noch als Profi baut er in Kopenhagen einen Importhandel mit spanischen Weinen auf. Mit Zubizarreta verbindet Guardiola das Interesse an Literatur. Guardiola liest gerne Hermann Hesse. Beispielsweise „Das Glasperlenspiel“, „weil er das Zusammenspiel von sich und der Welt, vom Ich und Du und von sich mit sich selbst verstehen wollte“ (Cathrin Gilbert). Zu Zubizarretas bevorzugten Autoren gehört der deutsche Nobelpreisträger Heinrich Böll. Das Lieblingsbuch des Torwarts ist Bölls „Ansichten eines Clowns“. Nach dem Ende seiner Karriere wird Zubizarreta auf einer Konferenz einen Vortrag über Böll halten.

Krönung in Wembley

In der Saison 1991/92 gewinnt der FC Barcelona erneut die Meisterschaft, dieses Mal allerdings nur äußerst knapp. Die Krönung des Cruyff’schen Schaffens erfolgt im Europapokal der Landesmeister. Es ist die 37. und letzte Auflage des Wettbewerbs, der eine Spielzeit später von der Champions League abgelöst wird – einem Kompromiss zwischen einer europäischen Liga und dem alten, klassischen K.o.-Wettbewerb.

In seiner letzten Saison nähert sich der Landesmeistercup bereits dem neuen Format an. So wird nach zwei K.o.-Runden erstmals in zwei Vierergruppen gespielt, deren Sieger anschließend das Finale austragen. Guardiola und Barça treffen in der frühen K.o.-Phase auf zwei deutsche Mannschaften; zunächst wird Hansa Rostock ausgeschaltet, der letzte Meister der DDR-Oberliga. Nach dem ostdeutschen wartet in der zweiten Runde der westdeutsche Meister auf die Katalanen. Der 1. FC Kaiserslautern hatte in der Liga überraschend den FC Bayern München auf Platz zwei verwiesen, doch auf europäischer Bühne traut man den Pfälzern nicht viel zu. Das Hinspiel gewinnt Barça mit 2:0, aber im Rückspiel wird der Betzenberg um ein Haar zum Stolperstein auf dem Weg zum Titel. Bis zur 90. Minute führen die Pfälzer mit 3:0, dann trifft Bakero mit dem letzten Angriff, und Barça kommt aufgrund des auswärts erzielten Tores doch noch weiter. Die 90 Minuten vom Betzenberg stecken Guardiola noch 17 Jahre später in den Knochen. In der Saison 2008/09 schlägt Barça den FC Bayern München im Hinspiel des Viertelfinales der Champions League souverän mit 4:0. Aber der Chefcoach Guardiola warnt vor dem Rückspiel in München: „Ich war damals in Kaiserslautern dabei. Wir müssen verhindern, dass sich eine ähnliche Dynamik entwickelt.“

In der Gruppenphase muss sich der FC Barcelona nun mit Sparta Prag, Benfica Lissabon und Dynamo Kiew messen. Es scheint ein souveräner Durchgang für Barça zu werden, bis die Katalanen nach einer 0:1-Niederlage in Prag noch einmal zittern müssen. Doch am letzten Spieltag schlägt man Benfica mit 2:1, während Sparta in Kiew 0:1 unterliegt. Damit steht der FC Barcelona zum zweiten Mal nach 1986 im Finale des europäischen Meisterwettbewerbs, wo im Londoner Wembley-Stadion Italiens Champion Sampdoria Genua wartet.

Sampdoria wird vom Jugoslawen Vujadin Boskov trainiert, der wenige Tage vor dem Showdown seinen 61. Geburtstag feiert und zu den erfahrensten Trainern Europas zählt. Von 1974 bis 1978 hatte er in den Niederlanden gearbeitet (ADO Den Haag, Feyenoord), anschließend in Spanien (Real Saragossa, Real Madrid, Sporting Gijon) und in Italien (Ascoli Calcio, Sampdoria Genua). Mit den Genuesen gewann er 1990 bereits den Europapokal der Pokalsieger. Der Jugoslawe ist ein Disziplinfanatiker und wie Cruyff ein Verfechter des offensiven Fußballs, der für ihn aber – anders als für den Niederländer – in erster Linie ein Laufspiel ist.

35.000 Genuesen und 30.000 Katalanen sorgen im mit 75.000 Zuschauern ausverkauften Wembley-Stadion für eine fantastische Stimmung. Für Cruyff ist es keine Frage, wer gewinnen wird: „Wir gewinnen, weil wir den besseren Fußball spielen.“ Dabei setzt der Trainer auf die Aufstellung: Zubizarreta – Koeman – Ferrer, Nando – Eusebio, Guardiola, Juan Carlos – Laudrup, Bakero – Salinas, Stoichkov. Auch Sampdoria kann einige bekannte Spieler aufbieten: Gianluca Pagliuca hütet das Tor, den Sturm bilden Gianluca Vialli und Roberto Mancini, der spätere Inter-Mailand- und Manchester-City-Trainer.

Cruyff, dem der Spaß am Spiel wichtig ist, gibt seiner Mannschaft als letzte Anweisung auf den Weg: „Geht raus und genießt.“ Was die Zuschauer in der ersten Halbzeit von beiden Teams geboten bekommen, ist allerdings vornehmlich Rasenschach. Erst nach der Pause entledigt man sich der taktischen Fesseln und riskiert mehr. Barça entwickelt aus dem Mittelfeld heraus viel Druck und Tempo, aber Pagliuca und einmal der Pfosten (nach einem Schuss von Stoichkov) verhindern die Führung. Mit der Zeit werden die Konter der Italiener immer gefährlicher. Zu Barças Glück versemmelt Vialli drei gute Möglichkeiten. Trotz des offenen Schlagabtauschs bleibt das Spiel auch nach 90 Minuten torlos und muss in die Verlängerung.

Cruyff interessierte sich nie für den ruhenden Ball, Standards wurden unter ihm kaum trainiert. Umso kurioser, dass es die erfolgreiche Ausführung einer Standardsituation ist, die dem Trainer Cruyff den größten Triumph beschert. Denn in der 110. Minute schenkt der deutsche Schiedsrichter Aron Schmidhuber aus Ottobrunn Barça einen Freistoß, den der überragende Antreiber Ronald Koeman, einer der besten Freistoßschützen der Fußballgeschichte, zum 1:0 in die Maschen donnert. Eine Minute später kommt für Guardiola der 36-jährige Zentralverteidiger José Ramón Alexanko auf das Spielfeld, der bereits im zwölften Jahr bei Barça spielt und dem Cruyff nun noch einige Minuten schenkt.

Nicht nur rein sportlich betrachtet ist der FC Barcelona der Saison 1991/92 ein Dream-Team. Andoni Zubizaretta: „Barça spielte damals auf einem außerordentlich hohen Niveau, aber gleichzeitig gab es unter den Spielern starke menschliche Beziehungen, die von gegenseitigem Respekt und Bewunderung gekennzeichnet waren. Gemeinsam bildeten wir ein ganz besonderes Team, in dem es weder einzelne Stars noch Hauptdarsteller gab.“ Auch in dieser Beziehung wird der 1992er Europapokalsieger dem späteren Trainer Guardiola als Blaupause dienen.

„Ja la tenui aqui“

Nach der Ausrufung der Zweiten Republik 1931 war Katalonien innerhalb des spanischen Staates eine Selbstverwaltung gewährt worden. Die autonomen Institutionen wurden in der Generalitat zusammengefasst. Unter dem Franco-Regime wurde Kataloniens Autonomie zerschlagen, von 1939 bis 1977 existierte die Generalitat nur im französischen Exil. Ihr Präsident war seit 1954 der Linksrepublikaner Josep Tarradellas von der ERC, die in Spanien nach dem Bürgerkrieg verboten worden war. Erst am 2. August 1977 wurde die ERC im Zuge der Demokratisierung Spaniens wieder als Partei zugelassen. Einige Wochen später, am 29. September 1977, war auch die Generalitat wiederhergestellt, allerdings zunächst nur provisorisch.

Am 23. Oktober kehrte Josep Tarradellas aus dem französischen Exil nach Barcelona zurück, begeistert empfangen von einer 300.000-köpfigen Menschenmenge auf der Placa de Sant Jaume, dem politischen Herzen Barcelonas, wo sich der Palau de la Generalitat und das Rathaus gegenüberstehen. Vom Balkon rief Tarradellas seinen Anhängern zu: „Ciutadans de Catalunya, ja sóc acqui!“ („Bürger Kataloniens, ich bin wieder da!“) Tarradellas wurde Präsident einer provisorischen katalanischen Einheitsregierung, die nun ein neues Autonomiestatut für Katalonien erarbeitete.

Wenige Tage nach seiner Rückkehr wurde das Idol des katalanischen Widerstands von Barça-Generalsekretär Joan Granados aufgesucht, der Tarradellas zum nächsten Heimspiel der Blaugrana einlud. Vor dem Anpfiff wurde zu Ehren Tarradellas eine gigantische katalanische Fahne auf dem Spielfeld ausgebreitet. Über 90.000 Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen, applaudierten und brachen in ekstatischen Jubel aus. Auf der Ehrentribüne stand Josep Tarradellas neben Barça-Präsident Augustin Montal, hinter ihm verkündete ein großes Schild: „BENVINGUT A CASA, PRESIDENTE!“ („Willkommen daheim, Präsident!“)

In seiner Begrüßung sprach Montal von einem „großen Tag für die Tausende von Barça-Fans, die das Unmögliche getan haben, um den Geist Kataloniens wachzuhalten“. Tarradellas erinnerte an die Jahre 1911 bis 1921, in denen er als junger Fan Barças Spiele besucht habe, an die Jahre des aus der Schweiz stammenden Barça-Gründers und Präsidenten Joan Gamper, an die Starspieler Samitier und Alcantara. „Damals waren wir nur wenige, aber wir besaßen denselben Glauben wie ihr heute. Es war das Barça, das ihr geerbt habt – ein Barça, das im Katalanismus verwurzelt ist. Ganz Katalonien hat für die Freiheit gekämpft, die wir nun endlich erreicht haben. Ich bin mir sicher, dass ihr dem Katalanismus treu bleiben werdet, um Katalonien für ewig reich, für ewig stark, für ewig frei zu machen. Lang lebe Barça! Lang lebe Katalonien!“

Knapp 15 Jahre später steht der 21-jährige Barça-Spieler Pep Guardiola mit dem „Henkelpott“ auf dem Balkon des Palau de la Generalitat und ruft der jubelnden Menge in Anlehnung an Tarradellas zu: „Ciutadans de Catalunya, ja la tenui aqui!“ („Bürger Kataloniens, hier habt ihr ihn!“)

Olympiasieg und Supercup

Nach dem Gewinn des Europapokals wird der 21-jährige Guardiola als „vielversprechendster Nachwuchsspieler der Europapokalsaison“ ausgezeichnet. Und die Saison ist für den Shootingstar noch nicht zu Ende.

1986 hat Barcelona den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 1992 erhalten. Seit der Verleihung des Autonomiestatuts 1979 hat sich die Stadt in einen Erneuerungsrausch gestürzt und sich radikal der architektonischen Relikte der Franco-Jahre entledigt. Im Vorfeld der Spiele erfährt die katalanische Metropole unter dem visionären und dynamischen sozialistischen Bürgermeister Pasqual Maragall eine kulturelle und soziale Renaissance und avanciert zum Mekka der Kreativen.

Erstmals ist das olympische Fußballturnier ein U23-Wettbewerb. Ob die Spieler Profis oder Amateure sind, spielt keine Rolle. Trainer des spanischen Nachwuchsteams ist Vicente Miera, ein ehemaliger Spieler von Real Madrid. Vom FC Barcelona steht neben Guardiola auch der einige Monate ältere Albert Ferrer in der Startformation, mit Luis Enrique (Real Madrid) und Abelardo Fernandéz (Sporting Gijon) sind noch zwei spätere Barça-Akteure dabei. Ein weiterer Mitspieler ist der Stürmer Kiko von Atlético Madrid, der später behauptet: „Pep wurde geboren, um den Leuten zu erzählen, was sie tun sollen.“ Er könne sich vorstellen, dass Guardiola nach seiner Geburt den anderen Babys auf der Station erklärt habe: „Du gehst in dieses Bettchen und du in dieses.“

Guardiola wird Kapitän der Olympia-Auswahl, die das Endspiel erreicht. Finalort ist das heimische Camp Nou, um das die A-Nationalmannschaft einen weiten Bogen macht, da die Katalanen sie nicht sehen wollen. Gegner sind die überraschend starken Polen. 95.000 Zuschauer kommen in die Barça-Arena, ansonsten ist das Zuschauerinteresse am reformierten Turnier mit einem Schnitt von unter 15.000 erbärmlich. Nach dramatischen 90 Minuten gewinnt Spanien mit 3:2, und Guardiola darf sich auch noch eine olympische Goldmedaille um den Hals hängen.

Während der Olympischen Spiele schließt Guardiola Freundschaft mit dem neun Jahre älteren Wasserballspieler Manel Estiarte, der als „Michael Jordan des Waterpolo“ firmiert und auf 578 Länderspiele für Spanien kommen wird. Olympisches Gold gewinnt Estiarte allerdings erst vier Jahre später in Atlanta. Er stammt aus Manresa, wo Guardiola zur Schule gegangen ist und seinen ersten Vereinsfußball gespielt hat. Der Wasserballer wird zum engsten Freund Guardiolas. Als Estiarte seine Autobiografie veröffentlicht („Todos mis hermanos“ – „Alle meine Brüder“), schreibt Guardiola das Vorwort. Dem Trainer Guardiola dient Estiarte später als rechte Hand und persönlicher Berater.

Dem Gewinn des Europapokals und des olympischen Fußballturniers folgt schon bald die nächste Trophäe. Im Frühjahr 1993 spielt der FC Barcelona als Gewinner des Europapokals der Landesmeister gegen Werder Bremen, dem Sieger im europäischen Pokalsieger-Wettbewerb, um den UEFA-Supercup. Bei der ersten Begegnung im Bremer Weserstadion, die unentschieden (1:1) endet, ist Guardiola nicht dabei. Im Rückspiel vor 75.000 Zuschauern im Camp Nou (in Bremen interessierten sich nur 22.096 für das Spiel) liegt Barça nach 48 Minuten durch Tore von Stoichkov und Goikoetxea mit 2:1 in Front, wobei es bis zum Abpfiff bleibt. Guardiola wirkt bis zur 79. Minute mit, dann betritt Salinas für ihn das Feld.

Zusätzlich veredelt wird diese Phase für Guardiola, als er erstmals in die A-Nationalmannschaft berufen wird. Im September 1992 empfängt Spanien England zum Freundschaftsspiel (1:0), aber die Nachwuchshoffnung darf nur auf der Bank Platz nehmen. Einen guten Monat später, am 14. Oktober 1992, kommt es zum Debüt: In der Qualifikation zur WM 1994 reist Spanien nach Belfast. Die Begegnung mit den Nordiren endet torlos. Bis 2001 werden weitere 46 Einsätze bei Länderspielen folgen.

Untergang in Athen

Cruyffs Barça erreicht in der Saison 1993/94 ein zweites Mal das Finale der europäischen Königsklasse. Gegner ist der AC Mailand, und nicht nur der „kicker“ spricht vom „Duell der Giganten“ und „Traumfinale“: „Im Olympiastadion von Athen prallen am Mittwoch zwei verschiedene Systeme und Spielauffassungen aufeinander. Barça-Trainer Johan Cruyff ist ein glühender Verfechter des Offensivstils, seine Mannschaft spielt wohl den attraktivsten Fußball in Europa, die Abwehr um den langsam gewordenen Holländer Ronald Koeman aber gilt als Achillesferse. Umgekehrt hat sich Milan nach dem Ausfall der niederländischen Achse Gullit/Van Basten/Rijkaard zu einem Minimalisten-Team entwickelt.“

Unter Arrigo Sacchi, einem der ersten „Systemtrainer“, hatte der AC Mailand einen für italienische Verhältnisse überraschend offensiven und unterhaltsamen Fußball gespielt und 1989 und 1990 den Europapokal der Landesmeister gewonnen. 1991 übernimmt Sacchi Italiens Nationalmannschaft, aber für den Fußball, mit dem er in Mailand die Welt begeistert hat, fehlen ihm fortan seine drei niederländischen Stars.

In Mailand folgt ihm Fabio Capello als Trainer, unter dem die Rossoneri zum alten Defensivstil zurückkehren. In der Saison 1993/94 gewinnt die Mannschaft die italienische Meisterschaft mit nur 36 Toren in 34 Spielen, kassiert aber auch nur 15. Was bedeutet, dass bei einem Spiel mit Beteiligung des Capello-Teams im Schnitt nicht mehr als 1,5 Tore zu erwarten sind. Noch nie zuvor war in Italien mit so wenigen Toren und Gegentoren eine Meisterschaft gewonnen worden.

Cruyff erhebt das Finale zu einem ideologischen Gefecht und giftet gegen den Gegner: „Milan ist eine vulgäre Mannschaft, die in die Zeiten des Catenaccios zurückgefallen ist. Unter Sacchi spielte Mailand attraktiv und erfolgreich, unter Capello nur noch erfolgreichen 1:0-Fußball.“

Aber in Athen kommt dann alles ganz anders. Vor 65.000 Zuschauern glänzt nicht der FC Barcelona, sondern der AC Mailand durch ideenreiche Angriffe. Barças so häufig gerühmtes Kombinationsspiel wird durch Milans Pressing bereits im Keim erstickt, wodurch Romario und Stoichkov, von den Medien als gefährlichstes Angriffsduo der Welt gerühmt, meistens in der Luft hängen bleiben. Das Spiel demonstriert, in welchem Ausmaß Barças Spiel von technisch brillanten, wendigen und handlungsschnellen Akteuren abhängt. Ronald Koeman zeigt sich im Finale ziemlich hüftsteif, ebenso sein Nebenmann Nadal. So wird Barças Mittelfeld mit Guardiola, Guillermo Amor und José Maria Bakero von Milan überrannt. Das Spiel liefert eine weitere Blaupause für den späteren Coach Guardiola, der mit seinem Team an diesem Abend maßlos enttäuscht. Der AC Mailand gewinnt völlig verdient – nicht mit 1:0, sondern mit 4:0.

Nach diesem Fiasko und dem Ende der Saison 1993/94 schickt Johan Cruyff Guardiolas „großen Bruder“ Zubizarreta weg. Guardiola ist verstört und deprimiert. Weinend sitzt er allein in einer Ecke, als die Mannschaft den langjährigen Keeper mit einem Dinner verabschiedet.

Zubizarreta wird noch vier Jahre für den FC Valencia spielen und an den WM-Turnieren 1994 und 1998 sowie der EM 1994 teilnehmen. Nebenbei erwirbt er an der Universität in Valencia einen Abschluss in Geschichte. Durch den Weggang von „Zubi“ steigt Guardiola in der Teamhierarchie nach oben. Nun ist er der neue Anführer.

Das Fußballhirn

Ein großer Fan Guardiolas ist Jorge Valdano, der als Spieler 1986 mit Argentinien Weltmeister wurde, von 1994 bis 1996 Real Madrid trainierte und danach für einige Jahre dort als Sportdirektor amtierte. In Spanien und Lateinamerika firmiert Valdano, der auch feuilletonistische Betrachtungen zum Spiel verfasst, als „Philosoph des Fußballs“. Über Guardiola schreibt er: „Der Fußball kreist um Pep. In diesem Fußball von unterwürfigen und vorhersehbaren Fußballspielern bleibt er immer noch ein Subversiver, der originelle Standpunkte vertritt. Schon seit Langem haben wir uns damit abgefunden, dass die Mannschaften von hinten nach vorne aufgestellt werden. Guardiola analysiert das Spiel von seinem Platz (dem Mittelkreis) aus und kommt zu einem anderen Schluss: ‚Fußball beginnt auf zwei Flügeln.‘ Das heißt, er analysiert den Fußball mit dem Ball am Fuß, mit dem Blick auf das gegnerische Tor und im Wissen, dass man im Angriff die ganze Breite des Spielfelds ausnutzen muss. Der Fußball ist Täuschung: eine Sache auslassen, um etwas anderes zu Ende zu führen. Er brachte diese trügerische Logik ins Spiel seiner Mannschaft ein: Er fing an, auf einer Seite zu suchen (um abzulenken), und tauchte überraschend auf der anderen Seite auf. Könnte der Ball denken, würde er in dem Moment, wenn er zu Guardiola käme, drei Dinge wissen: dass er sofort wieder losgeschickt würde (Pep hat viele Ballkontakte, behält den Ball aber nur kurz), dass sein Weg von Guardiola zum Fuß eines Mitspielers kurz sein wird (er tritt ihn flach, stark und hart) und dass er ihn von einer gesicherten Position aus spielen wird, denn seine Spezialität sind die freien Räume.“

Gianluca Vialli, der Guardiola im Europapokalfinale 1992 begegnete, erinnert sich an ihn als einen der „einflussreichsten Mittelfeldspieler im Weltfußball. Er besaß ein überragendes Fußballhirn und die Fähigkeiten, seine Gedanken in die Tat umzusetzen. Aber er war weder kräftig noch beweglich. Und ich kann mir vorstellen, wie ihn die heutigen Scouts und Juniorentrainer betrachten würden. Da sie sein Hirn und seine Füße nicht auf einen anderen Spieler übertragen können, wäre für Guardiola kein Platz unter den Topfußballern.“ Vieles von dem, was über Guardiolas Spielweise geschrieben wird, trifft auch auf seinen Nachfolger Xavi zu. Und beschreibt exakt den Fußball, den der Trainer Guardiola später bevorzugt.

Aber noch spielen nicht alle so beim FC Barcelona. Cruyffs Entdeckung Guardiola ist ein Vorgriff auf die Spieler, die das Barça der Jahre 2008 bis 2012 prägen werden. Und es wird noch einige Jahre dauern, bis der Cruyff’sche Fußball auch im restlichen Spanien und der spanischen Nationalmannschaft Fuß fasst.

„Fußballkrieger“ kontra „Schönspieler“

Für den spanischen Mainstream dieser Jahre steht Cruyffs Kritiker Javier Clemente, ein Fan des „harten und gearbeiteten Fußballs“. Der Baske behauptet, Cruyff sei lediglich in der Lage, sich Teams „zusammenzupflücken“. Seine taktischen Vorstellungen seien „selbstmörderisch“ und nur aufgrund der Klasse seiner Spieler erfolgreich.

Clementes Verhältnis zum FC Barcelona ist bereits seit Längerem gestört. In den Jahren, in denen der Baske Athletic Bilbao trainierte, entwickelte sich eine bittere Rivalität zwischen den katalanischen „Schönspielern“ und den baskischen „Fußballkriegern“. Am 24. September 1983 brachte ein brutales Foul des Athletic-Verteidigers Andoni Goikoetxea an Barças Diego Maradona, begangen vor 120.000 Zuschauern im Camp Nou, das Fass zum Überlaufen. Der uruguayische Schriftsteller, Journalist und Essayist Eduardo Galeano bezichtigte den Übeltäter des „vorsätzlichen Totschlags“. Für den damaligen Barça-Coach César Luis Menotti gehörte Goikoetxea zur „Rasse der Antifußballer“, und Barça-Präsident Núñez zog Vergleiche zum Bombenterror der ETA.

1992 wird ausgerechnet Clemente Trainer der spanischen Nationalelf, verhilft Guardiola zu seinem Debüt und nimmt ihn auch zur WM 1994 in die USA mit. Das Auftaktspiel gegen Südkorea endet 2:2, Guardiola ist nicht dabei. Gegen Deutschland steht Guardiola 77 Minuten auf dem Feld. Die Begegnung endet erneut unentschieden. Im letzten Gruppenspiel gegen das ersatzgeschwächte Bolivien sichert sich Clementes Selección durch einen 3:1-Sieg einen Platz im Achtelfinale. Guardiola erzielt in der 19. Minute per Elfmeter die 1:0-Führung. In der 68. Minute verlässt er für seinen Klubkameraden Bakero das Feld. In den folgenden K.o.-Spielen gegen die Schweiz (3:0 und Italien (1:2) wird er nicht eingesetzt.

Zwei Jahre später, bei der Europameisterschaft 1996 in England, verzichtet Clemente sogar ganz auf Guardiola und lässt ihn zu Hause. Kritiker werfen dem Basken eine Bevorzugung baskischer Spieler vor. Auf jeden Fall frönt Clemente einer anderen Fußballphilosophie als Guardiola. Der Trainer Guardiola wird Clemente später attestieren, dass seine Vereinsteams schwer zu besiegen seien, weil sie „aggressiv und direkt“ spielen und Charakter besitzen würden. Clemente mag keinen Ballbesitzfußball. Seine Teams sind auf Konterfußball getrimmt und halten sich nur wenig im Mittelfeld auf. Deshalb wird er auch später den Fußball José Mourinhos der Spielweise Guardiolas und seiner Barça-Teams vorziehen.

Ein letzter großer Auftritt

1995/96 ist Cruyffs letzte Saison bei Barça. Der Klub hat sich mit dem 22-jährigen Portugiesen Luís Figo von Sporting Lissabon verstärkt, mit dem Guardiola Freundschaft schließt. Wie schon in der Vorsaison bleibt der FC Barcelona ohne Titel.

Immerhin erreichen Guardiola und Co. im UEFA-Cup das Halbfinale, in dem man auf den FC Bayern München trifft. An das Hinspiel im Münchner Olympiastadion erinnert sich Guardiola noch Jahre später gerne. Es ist eine weitere Begegnung, die dem späteren Trainer bleibende Aufschlüsse liefert. Zumindest in den ersten 45 Minuten.

In München stehen in Cruyffs Anfangself sieben Spieler, die aus La Masia stammen. Das Tor hütet Carles Busquets, dessen Sohn Sergio später unter dem Trainer Guardiola spielen wird, in der Abwehr lässt Cruyff mit einer Dreierkette aus Popescu, Guardiola und Ferrer agieren. Da bei den Katalanen die gesperrten Defensivkräfte Nadal, Sergi und Abelardo fehlen, hat Cruyff Guardiola auf eine Linie mit Popescu (gegen Klinsmann) und Ferrer (gegen Papin) zurückgezogen. Nur einer der elf Akteure, die in München auflaufen, ist ein gelernter Verteidiger, der Rest sind Mittelfeldspieler. Der Trainer Guardiola wird diese Vorliebe für gelernte Mittelfeldspieler, die flexibel in anderen Mannschaftsteilen eingesetzt werden können, übernehmen.

Mit Barças gekonntem Direktspiel und der variablen Spielweise, für die man keine Zuordnungen findet, kommen die Bayern zunächst überhaupt nicht zurecht. Der „kicker“ spricht später von einer „Lehrvorführung für die Münchner in Sachen Technik und vor allem Taktik durch die Katalanen“.

Beim Halbzeitpfiff führt Barça durch ein Tor von Oscar aus der 14. Minute mit 1:0, womit die Bayern bestens bedient sind. Im zweiten Durchgang setzt Bayern-Coach Otto Rehhagel mehr auf Offensive. Für Herzog und Kreuzer, den auf der linken Seite das permanente Wechselspiel zwischen Oscar und Bakero überfordert, kommen Sforza und Witeczek. Letzterer spielt nun als dritte Spitze neben Klinsmann und Papin, wodurch Barças Dreierkette die Absicherung fehlt und unter Druck gerät. In der 52. Minute kann Witeczek ausgleichen, fünf Minuten später gelingt Scholl sogar die 2:1-Führung. Hagi schießt in der 77. Minute das 2:2 für die Gäste, was auch der Endstand ist. Die erste Halbzeit von München war der letzte spektakuläre Auftritt von Cruyffs Barça. Auch deshalb nimmt dieses Spiel wohl in Guardiolas Erinnerungen einen besonderen Platz ein.

Für das Rückspiel in Barcelona ändert Cruyff seine Formation gleich auf fünf Positionen. Guardiola fehlt ebenso wie die Torschützen von München, Oscar und Hagi. Was dann im mit 115.000 Zuschauern ausverkauften Camp Nou aufläuft, hat für Udo Lattek nur den Charakter einer „besseren spanischen Junioren-Auswahl“ und ist „alles andere als ein europäisches Klasseteam“. Für Lattek geht es Cruyff „nur noch um die Demonstration seiner Macht im Verein, nicht mehr um die Entwicklung der Mannschaft“. Im Gegensatz zum flexiblen Vortrag von München spielt Barça nun ziemlich starr. Die drei Spitzen halten ihre Positionen, auch im Mittelfeld und in der Dreierabwehr findet kein Wechselspiel statt, was den Bayern die Zuordnung erleichtert.

Die Münchner gewinnen mit 2:1 und ziehen ins Finale ein. Die Tore erzielen Babbel (40.) und Witeczek (84.), beide Male leistet Mehmet Scholl die Vorarbeit. Scholl zeigt an diesem Abend das vielleicht beste Spiel seiner langjährigen Karriere im Bayern-Trikot. Das Ergebnis wirkt knapper, als das Spiel verlaufen ist, denn Barça kommt erst in der 89. Minute zum Anschlusstreffer, erzielt vom viel zu spät eingewechselten Iván de la Peña, einem nur 1,71 m großen La-Masia-Absolventen, der als neuer Maradona gehandelt wird.

Während der „kicker“ vom „Wunder von Barcelona“ titelt, mahnt Udo Lattek zur Nüchternheit: „Der FC Barcelona von heute ist nicht mehr die große Mannschaft, sondern absoluter Durchschnitt. Viele haben sich von der ersten Halbzeit in München blenden lassen. Sicher, damals war ein echter Klassenunterschied erkennbar, aber so stark wie in diesen 45 Minuten hat Barça seit drei Jahren nicht mehr gespielt.“

Nur wenig später ist Schluss für Guardiolas Ziehvater Cruyff. Am 18. Mai 1996 setzt der FC Barcelona den Niederländer vor die Tür. Guardiola ist enttäuscht: „Er war der beste Trainer, den ich je hatte.“

KAPITEL 3
Pep, Bobby, Mou, Juanma und Louis
Guardiola und die Trainer: Keine Probleme mit Mourinho / Bewunderung für Juanma Lillo / Reibereien mit van Gaal

Im Sommer 1996 begegnet Pep Guardiola zum ersten Mal seinem späteren großen Antipoden, José Mourinho. Der junge Portugiese kommt als Hilfskraft des Engländers Robert „Bobby“ William Robson, der in Barcelona Cruyffs Nachfolge antritt und somit Guardiolas zweiter Profitrainer wird. Robson bleibt nur ein Jahr bei Barça und wird Pep nicht weiter prägen. Für den Trainer Guardiola werden die späteren Übungsleiter bedeutender: Louis van Gaal, vor allem aber Juan Manuel „Juanma“ Lillo. Und vielleicht sogar ein wenig José Mourinho, der vom Robson-Nachfolger van Gaal übernommen wird. So verbringt der Spieler Pep Guardiola beim FC Barcelona insgesamt vier Jahre mit jenem Mann, der einmal sein härtester und unangenehmster Konkurrent wird.

Der Übersetzer

Mourinho zählte schon länger zum Stab von Robson. Der hatte 1982 bis 1990 Englands Nationalelf betreut. Nach der WM 1990 in Italien – wo die Three Lions das Halbfinale erreichten und sich dort dem späteren Weltmeister Deutschland erst nach Elfmeterschießen beugen mussten – war er in die niederländische Eredivisie zum PSV Eindhoven gegangen. Dort sollte er einem schwierigen Kader Disziplin einimpfen. Für den Sohn eines Bergarbeiters aus Sacriston in der Grafschaft Durham war der Wechsel auf den Kontinent ein Kulturschock. Als besonders gewöhnungsbedürftig empfand er den Wunsch der Spieler, mit dem Trainer über die Taktik zu diskutieren. Aber die niederländischen Jahre waren eine gute Vorbereitung auf die spätere Begegnung mit Pep Guardiola.

Nach zwei Landesmeisterschaften mit Eindhoven zog es Robson im Sommer 1992 auf die iberische Halbinsel, zunächst zu Sporting Lissabon. Dort wurde dem Engländer der 29-jährige Sportwissenschaftler und Lehrer José Mourinho zur Seite gestellt, der Robson auf dem Flughafen in akzentfreiem Englisch begrüßte. Schon bald diente Mourinho seinem Coach nicht nur als Übersetzer, sondern auch als Informant. Was immer die Spieler in der Kabine besprachen: Mourinho hatte es dem Chef mitzuteilen. Als Vermittler zwischen Englisch und Portugiesisch unterhielt Mourinho zu Robson bald ein engeres Verhältnis als dessen offizielle rechte Hand Manuel Fernandes.

Bei Sporting herrschten chaotische Arbeitsbedingungen. Der Präsident verpflichtete Spieler am Trainer vorbei. In der Saison 1992/93 wurde Sporting Dritter, aber im Dezember 1993 wurde Robson gefeuert, nachdem sein Team im UEFA-Cup gegen Casino Salzburg ausgeschieden war. Der Engländer ging zum FC Porto, begleitet von Mourinho. In Porto wurde aus dem Übersetzer ein Assistenztrainer, wenngleich Robson ihm weder hier noch bei seiner folgenden Station die Verantwortung für das Training übergab. Aber Mourinho brachte nun in die Planung des Trainings seine eigenen Ideen ein, besorgte das Scouting und schrieb Berichte über kommende Gegner. (Sein erstes ausführliches Scouting-Dossier verfasste Mourinho bereits als 15-Jähriger für seinen Vater Felix, einen ehemaligen Profifußballer, der einer der besten Keeper in der Geschichte von Vitória Setúbal war und auch acht Minuten lang das Tor der portugiesischen Nationalelf hüten durfte. Als Trainer wurde er mit Rio Ave Fünfter in der 1. Liga und zog in das spanische Pokalfinale ein, verbrachte aber nur eine Saison komplett im Oberhaus.)

Robson war beeindruckt: Der Portugiese konnte ein Spiel exzellent lesen. Noch wichtiger war für ihn, dass er nahe bei den Spielern war und „ihre Psychologie verstand“. Die Zusammenarbeit zahlte sich rasch aus. Als Robson und Mourinho in Porto ankamen, befand sich der Klub in einem armseligen Zustand. Doch 1995 und 1996 wird Porto mit dem englisch-portugiesischen Duo Meister.

„José und Pep hatten ein gutes Verhältnis“

Beim FC Barcelona unterschreibt Robson nur unter der Bedingung, dass Mourinho ihn begleiten darf. Dessen Status ist deutlich gewachsen. In Porto musste „Mou“ sich mit einer Jahresgage von 35.000 Pfund begnügen, was bereits deutlich mehr war, als ihm bei Sporting gezahlt wurde. In Barcelona kassiert er nun jährlich 300.000 Pfund, mehr als das Achtfache. Spötter bezeichnen den Portugiesen als bestbezahlten Übersetzer im Weltfußball.

Da er keine Meriten als Profikicker mitbringt, stößt der Assistent bei den Barça-Spielern zunächst auf Skepsis. Denn mehr als einige Einsätze in der 2. Liga hat Mourinho als Spieler nicht absolviert, in der Regel als Zentralverteidiger, manchmal auch im defensiven Mittelfeld. Höhepunkt der kurzen Karriere war ein Hattrick für den von Mourinhos Vater Felix trainierten Lissaboner Traditionsverein Belenenses, hinter Benfica und Sporting die Nr. 3 in der portugiesischen Metropole. Die drei Treffer erzielte „Mou“ allerdings gegen einen ziemlich schwachen Gegner, der an diesem Tag 17 Tore kassierte.

Aber nach und nach kann Mourinho die Barça-Kabine überzeugen – durch geschickte Videoanalysen und gute Vorbereitung auf die Stärken und Schwächen des Gegners. Auch sein Chef Bobby Robson hat zunächst einen schweren Stand bei den Spielern. Der Schatten seines Vorgängers Cruyff ist lang. Dass der Engländer trotzdem überlebt, hat er möglicherweise seinem Übersetzer zu verdanken. Robson ist bei Amtsantritt bereits 63, sein Assistent 30 Jahre jünger, weshalb er einen besseren Zugang zu den Spielern hat. Außerdem begnügt sich Mourinho nicht damit, die Ausführungen seines Chefs einfach zu übersetzen, sondern ergänzt sie durch eigene und dezidiertere taktische Anweisungen. Vor allem die Spieler, die etwas mehr über den Fußball nachdenken, sind bald vom Portugiesen angetan.

Zu ihnen gehört zuvörderst Pep Guardiola, der seine eigene Meinung vom Spiel hat und diese auch kundtut. Robson: „José sah, dass er (Guardiola, Anm. d. A.) eine wichtige Figur im Klub war, und sagte sich: ‚Ich muss ihn kennenlernen, ich muss mit diesem Burschen klarkommen.‘ Und es gelang ihm. José und Pep hatten ein gutes Verhältnis. Sie respektierten einander.“ Ein Vorteil sei gewesen, dass sich beide problemlos verständigen konnten: „Auf Spanisch, mitunter auch auf Katalanisch.“ Nach seiner Ankunft in Barcelona hatte das Sprachgenie Mourinho Katalanisch gelernt. Für Robson hatte er sich dadurch unersetzlich macht – und bei den Katalanen im Team mächtig gepunktet.

Sowohl Mourinho wie Guardiola hegen Jahre später nur positive Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit in Barcelona. Mourinho: „Ich hatte seinerzeit eine gute Beziehung zu ihm.“ Der höfliche Guardiola reiht Mourinho sogar in die Riege seiner ersten Mentoren ein. Im April 2011 – die Rivalität zwischen ihm und Mourinho strebt gerade ihrem Höhepunkt entgegen – erklärt Guardiola auf einer Pressekonferenz, der FC Barcelona habe Mourinho in seiner Ausbildung zum Trainer „ebenso geholfen, wie er mir geholfen hat, Trainer zu werden“.

Der Sohn des Maurers und der Privatschüler

Von ihrer jeweiligen Herkunft her können die Unterschiede zwischen Guardiola und Mourinho kaum größer sein: Guardiola ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und in einem politischen und kulturellen Milieu, das vom Widerstand gegen das Franco-Regime geprägt war. Mourinho verbrachte seine Jugend in einem großzügigen Haus, das auf dem riesigen Anwesen seines wohlhabenden Großonkels Mário Ascensão Ledo stand. Der Besitzer von Fabriken für Sardinen-Konserven in Setúbal, Oporto und an der Algarve gehörte zu den Profiteuren des autoritären Salazar-Regimes, Portugals Entsprechung zu Franco. Salazar starb 1970, fünf Jahre vor Franco. Sein Estado Novo wurde 1974 von der Nelkenrevolution hinweggefegt, und die Familie von Mário Ascensão Ledo verlor ihr Sardinen-Imperium an „die Kommunisten“, wie es ein Onkel Mourinhos formulierte. Natürlich verarmte die Familie dadurch nicht. Während der Maurersohn Guardiola das Fußballspiel auf den staubigen Straßen Santpedors erlernte, kickte der Privatschüler Mourinho im gepflegten heimischen Garten unter schattenspendenden Bäumen.

Aber zwischen Pep und „Mou“ gibt es Gemeinsamkeiten. Auch Mourinho beschäftigte sich bereits als Spieler intensiv mit Trainingslehre und Taktik des Fußballspiels. Auch Mourinho pflegte die Eindrücke, die er als Spieler beim Training gewann, detailliert zu notieren. Beide waren als Spieler schnelle Denker – mit dem erheblichen Unterschied, dass Mourinho technisch zu limitiert war, um seine Gedanken auf dem Spielfeld umzusetzen. Joao Malheiro, ein mit Mourinho befreundeter Schriftsteller: „Man sah früh, dass sein Kopf schneller war als seine Füße.“

Sowohl Guardiola wie Mourinho sind an fremden Sprachen interessiert und lernen sie rasch. Mourinho spricht sechs Sprachen fließend: Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Englisch, Französisch und Italienisch. Als er 2008 Trainer von Inter Mailand wird, genügen ihm drei Wochen Sprachunterricht, um seine erste Pressekonferenz bei den Nerazurri ausschließlich in Italienisch zu bestreiten. Pep Guardiola wird als Trainer die Fragen der Journalisten häufig in deren Landessprache beantworten – auf Englisch, Italienisch, Französisch, Katalanisch oder Spanisch. Außerdem teilen beide ein Interesse an Philosophie und Literatur. Als Student besuchte Mourinho gern die Vorlesungen des Philosophen Manuel Sérgio, der ihn lehrte, dass Sport keine rein physische Aktivität sei. Weshalb es wichtig sei zu verstehen, wie Menschen funktionieren.

Begegnung mit Juanma Lillo

Auch beim FC Barcelona ist Mourinho seinem Chef Robson näher als der offizielle zweite Mann José Ramón Alexanko, ein ehemaliger Barça-Mannschaftskapitän. Längst ist Mourinho nicht mehr nur der bestbezahlte Übersetzer, sondern, so Robson, auch der „bestbezahlte Scout der Welt“.

Robson und Guardiola haben häufig Differenzen. Der Führungsspieler ist enttäuscht, dass Robson ihn nicht zum Kapitän ernennt. Vor allem aber haben der Trainer und Guardiola unterschiedliche Ansichten über die Taktik. Diese kontroversen Taktikdebatten sind noch Jahre später Robsons hartnäckigste Erinnerung, wenn der Name Guardiola fällt. Guardiola will Cruyffs 4-3-3 bzw. 3-4-3 spielen, Robson bevorzugt indes das „englische“ 4-4-2. Dennoch prägt gegenseitige Wertschätzung die spätere Sichtweise. Guardiola versichert, er habe mit Robson ein „fantastisches Jahr“ verlebt: „Er war ein sehr erfahrener Trainer, mit klaren Ideen.“ Und Robson ist beeindruckt, „mit welcher Geschwindigkeit Pep Dinge lernte. Als Mensch und Fußballer ist Pep sehr intelligent. Taktisch ist er Weltklasse.“ Vor dem Champions-League-Finale 2009 mutmaßt der todkranke Robson über Guardiola: „Wenn er als Trainer auch nur halb so gut ist wie als Spieler, wird er gewinnen.“

Weitaus mehr wird Guardiola allerdings von einem anderen Primera-División-Trainer geprägt. Am 1. Spieltag der Saison 1996/97 empfängt Barça Real Oviedo. Die Kicker aus dem Fürstentum Asturien spielen mutig und gut, unterliegen aber mit 2:4. Trainer der Gäste ist der 30-jährige Baske Juan Manuel „Juanma“ Lillo, dem im Alter von 16 Jahren mitgeteilt wurde, dass er als Spieler nichts tauge – weshalb er schon im Juniorenalter ins Trainergewerbe wechselte. Mit nur 26 Jahren übernahm Lillo den Drittligisten DU Salamanca, den er innerhalb von drei Jahren in die Erstklassigkeit führte. Der Baske ist ein Intellektueller und Fußballphilosoph, dessen Denken über das Spiel von César Menotti, Jorge Valdano, Francisco Maturana und Angel Cappa beeinflusst wird.* Lillo gilt als Erfinder des 4-2-3-1-Systems mit zwei defensiven Mittelfeldspielern („Doppelsechs“) und ist überzeugt, dass „wir uns im Fußball von Begriffen wie Angriff und Verteidigung lösen müssen. Angriff und Verteidigung existieren nicht. Das sind Hilfsbegriffe, die wir uns aus kollektiven Sportarten entlehnt haben, die mit der Hand gespielt werden. Aber im Fußball kannst du den Ball eben nicht festhalten.“

Kurz nach Ende des Spiels im Camp Nou klopft es an der Tür der Gästekabine. Lillo: „Es war Pep Guardiola, der sich noch gar nicht umgezogen hatte und mich fragte, ob er sich eine Minute mit mir unterhalten könnte. Als ob ich mich nicht gern mit dem besten Mittelfeldspieler der Fußballgeschichte unterhalten würde! Er erklärte mir, dass ihm die Spielweise meiner Mannschaft sehr gut gefalle und dass er gern mit mir in Kontakt bleiben wolle. Und was als kleine berufliche Begegnung begann, entwickelte sich dann zu viel mehr.“ Juanma Lillo teilt noch Jahre später mit Johan Cruyff die Überzeugung, dass es keinen mannschaftsdienlicheren Mittelfeldspieler gegeben habe als Pep Guardiola.

Zweiter Europapokal

In der Meisterschaft muss Barça Real den Vortritt lassen. Die Blaugrana schießen zwar 17 Tore mehr als der Meister (und 45 mehr als der Dritte La Coruña), aber nach 42 Spieltagen hat Real trotzdem zwei Punkte mehr auf dem Konto. Guardiola bestreitet mit 38 Saisoneinsätzen so viele wie nie zuvor und nie wieder danach.

Erfolgreicher ist Robsons Team in den Pokalwettbewerben. Im Finale um die Copa del Rey, den spanischen Vereinspokal, spielt Barça gegen Real Betis. Zur Halbzeit steht es im Madrider Bernabéu-Stadion 1:1. In der Kabine beraten die Spieler mit Mourinhos Hilfe, wie man die Schwächen des Gegners auf der linken Abwehrseite besser ausnutzen kann. Robson ist nur Zuhörer. Am Ende gewinnt Barça mit 3:2.

Im Europapokal der Pokalsieger räumt Barça nacheinander AEK Larnaka, Roter Stern Belgrad, AIK Solna und den AC Florenz souverän aus dem Weg. Im Finale trifft Barça auf den Titelverteidiger Paris Saint-Germain. Spielort ist am 14. Mai 1997 das mit 52.000 Zuschauern ausverkaufte Feyenoord-Stadion De Kuip in Rotterdam. Wie im Finale von 1992 amtiert mit dem 35-jährigen Markus Merk ein Deutscher als Schiedsrichter.

Der „kicker“ verspricht eine „Samba in Rotterdam“, denn in den Kadern der Finalisten stehen insgesamt fünf Brasilianer: bei den Katalanen der erst 20-jährige Ronaldo und Giovanni, bei den Franzosen Ricardo Gomes, Rai und Leonardo. Allerdings empfiehlt das Fachblatt, auch noch zwei andere Akteure zu beachten: „Barça hat mit den beiden Spaniern und Mittelfeldspielern Josep Guardiola und Iván de la Peña Supertalente in seinen Reihen, die zuletzt sogar Ronaldo in den Schatten stellten. Kein Wunder, dass diesmal nicht der Titelverteidiger Paris Saint-Germain, sondern sein Herausforderer als Favorit für den Gewinn des Europacups gilt.“

Aus dem Dream-Team von 1992 stehen in Rotterdam nur noch Guardiola und Albert Ferrer in der Anfangsformation. Stoichkov wird erst in der 85. Minute eingewechselt, Guillermo Amor (der im Finale 1992 aber nicht spielte) kommt nach der Halbzeitpause auf den Platz. Das Tor hütet der Portugiese Vitor Baia, die Abwehr wird vom Portugiesen Fernando Couto organisiert, das defensive Mittelfeld bilden Guardiola und der rumänische Kapitän Gheorge Popescu. Vorne stürmt neben dem Brasilianer Ronaldo der Portugiese Luís Figo.

In der 37. Minute überwindet Ronaldo Saint-Germain-Keeper Bernard Lama vom Elfmeterpunkt, und dieses 1:0 hält bis zum Schlusspfiff. Guardiola erhält vom „kicker“ die Note 3,5, der Korrespondent resümiert: „In spieltechnischer Hinsicht übertraf es das erste UEFA-Cup-Endspiel zwischen Schalke und Inter deutlich. Von der erhofften brasilianischen Fußball-Samba aber waren nur Spurenelemente erkennbar.“

Der Zauber, den Cruyff mit dem FC Barcelona und Sacchi mit dem AC Mailand veranstaltet hatten, war Vergangenheit. Aus heutiger Sicht ist es fast unglaublich, wie defensiv damals noch (bzw. wieder) in Europa gespielt wurde. In derselben Saison bestreitet Schalke 04 sein zweites UEFA-Cup-Finalspiel bei Inter Mailand fast ausschließlich mit Defensivspielern und der Vorgabe: „Die Null muss stehen.“ Der technisch beste Mann des Teams, Olaf Thon, spielt Libero.

Da der FC Barcelona nicht bereit ist, dem nun 26-jährigen Guardiola einen neuen Vertrag zu verbesserten Konditionen zu geben, will Pep zum AC Parma in die italienische Serie A wechseln. Auch der AC Mailand, AS Rom und der AC Florenz interessieren sich für den Katalanen. Zwischen Guardiola und Parma ist bereits alles klar, und der Spieler hat sogar schon unterschrieben, da erhebt Präsident Núñez Einspruch. Der FC Barcelona verliert bereits Ronaldo an Inter Mailand. Im Kampf um seine Wiederwahl will der Barça-Boss nicht auch noch den Wechsel der Identifikationsfigur Guardiola bekanntgeben müssen. Nun erhält Guardiola einen neuen Vierjahresvertrag. Sein damaliger Berater Josep Maria Minguella: „Letztlich wurde es für Barça teurer als eine sofortige Verlängerung. Wir hatten ja schon einen fertigen Vertrag mit Parma, und den toppte Barça dann noch einmal.“

Van Gaal kommt

Beim Finale in Rotterdam saß auch Louis van Gaal auf der Tribüne, der 1995 mit Ajax Amsterdam die Champions League gewonnen hatte. Guardiola ist ein großer Fan dieses Ajax-Teams: „Mir fiel die Kinnlade herunter, als ich van Gaals Ajax spielen sah. Das Tempo des Passspiels und der Bewegungen, die Flügelstürmer. (…) Spieler mit der Mentalität Johan Neeskens’ und den technischen Fähigkeiten Johan Cruyffs. Sie gingen totales Risiko ein. Dieses Ajax überwältigte mich. Die Disziplin des Teams, der Ballbesitz. Es sah so einfach aus und war so zerstörerisch. Für Madrid, AC Milan, Bayern … erstaunlich. Ajax erteilte allen eine Fußball-Lektion.“

Längst pfeifen die Spatzen vom Dach, dass der Niederländer Robson ablösen wird, obwohl dieser noch einen Vertrag bis 1998 hat. Angeblich ist van Gaal nur als Direktor für die Nachwuchsakademie vorgesehen. Aber wenig später wird Robson auf den Posten des Sportdirektors abgeschoben, und der Niederländer übernimmt die Profimannschaft.

Robson, der im Sommer 1998 zum PSV Eindhoven zurückkehren wird, empfiehlt van Gaal die Weiterbeschäftigung Mourinhos: „Ich erzählte ihm: Louis, er kennt die Stadt, er kennt den Klub, er kennt die Spieler. Er spricht ein fantastisches Spanisch und kann für dich das Gleiche tun wie für mich. Er ist ein Aktivposten.“

So übernimmt van Gaal den Portugiesen – nicht zur ungeteilten Begeisterung. Für die Medien ist José Mourinho weiterhin nur El Traductor, der Übersetzer, und auch die Barça-Spitze nennt ihn zum Zeitpunkt der Ankunft van Gaals noch immer so. Van Gaal: „Manchmal glaube ich, dass ich der Einzige war, der an José glaubte. Ich sprach über José immer als einen Fußballmann. Mit der Zeit begannen auch die Funktionäre, ihn mit dem Respekt zu behandeln, der einem Assistenztrainer gebührt. Ich nahm ihn ernster als die meisten Leute im Klub, weil ich in einer Position war, ihn beurteilen zu können.“

Mourinho ist anfangs nur dritter Assistent hinter Gerard van der Lem und Torwarttrainer Frans Hoek, die van Gaal aus den Niederlanden mitgebracht hat. Van Gaal: „Mourinho sollte erst nur ein Jahr bleiben. Anfangs war er nur Übersetzer, aber mit der Zeit wurde er genauso wertvoll wie meine anderen Assistenten. Er konnte ein Spiel so gut lesen und den Gegner so gut analysieren, dass ich nach dem ersten Jahr mit dem Gewinn der Meisterschaft und des Pokals froh war, dass er drei weitere Jahre blieb.“

Die Mannschaft trainiert nun in drei Gruppen: Die Torhüter üben mit Frans Hoek, die Feldspieler teilen sich van der Lem und Mourinho. Bei den Spielern genießt Mourinho längst ungeteilte Anerkennung. Van Gaal: „Wenn die Spieler das Gefühl haben, dass der Trainer das Spiel besser lesen kann als sie, dann hören sie ihm zu.“

Der neue Trainer ist anders gestrickt als Robson. Während Robson immer alles unter seiner Kontrolle haben musste und jede Trainingseinheit selber leitete, steht van Gaal schon mal im Hintergrund und beobachtet lediglich das Treiben. Mourinho darf zudem das B-Team übernehmen, damit er seinen eigenen Stil finden kann. Bei einigen Freundschaftsspielen und im katalanischen Pokal (Copa Catalunya), dort auch im Finale 2000, wird Mourinho sogar die volle Verantwortung für die 1. Mannschaft übertragen. Der Gewinn der Copa Catalunya 2000 mit dem FC Barcelona ist Mourinhos erster Titel als Trainer.

„Er konnte wie ein Trainer reden“

Zur Saison 1997/98 übernimmt Pep Guardiola die Kapitänsbinde, auch weil van Gaal mit den arrivierten und alternden Stars aneinandergerät. Van Gaal: „Da kam ein Trainer dahergelaufen, der ihnen sagte: ‚Hier ist deine Position, und dort draußen hast du nichts zu suchen.‘ Das eckte an. Sie folgten mir, doch sie taten es ohne Hingabe. Und die ist notwendig. Es geht um die Identifikation, die man zeigen muss. Die jungen Spieler hatten sie, die wollten etwas lernen und wachsen. Xavi, Puyol, diese Jungs. Sie fingen auch keine langwierigen Diskussionen an. Ich brach mit der Gewohnheit und machte Guardiola zum Kapitän. Vor meiner Ankunft war die Hierarchie: 1. Popescu, 2. Nadal, 3. Amor – nach Alter gestaffelt. (…) Pep war nicht der Älteste und ein Stück weiter unten in der Hierarchie – hinter Popescu, Nadal und Amor. Aber Pep verstand das Spiel und besaß die kommunikativen Fähigkeiten, um das Team zu strukturieren – auf dem Feld wie in der Kabine.“ Guardiola sei ein „taktischer Spieler“ gewesen, der Einzige im Team, mit dem er sich über taktische Dinge auf Augenhöhe habe austauschen können. Van Gaal: „Er konnte wie ein Trainer reden.“ Guardiola erinnert sich an van Gaal als den Trainer, „mit dem ich am meisten über Fußball diskutierte“. Vielleicht äußert sich Guardiola hier etwas zu höflich, wie er ja generell kein schlechtes Wort über einen ehemaligen Trainer verliert. Denn der zu Selbstherrlichkeit und autoritärem Verhalten neigende „Tulpengeneral“ führt den Dialog mit den Spielern anders als Cruyff und Rexach. Auch ist er weniger als diese (und später auch der Trainer Guardiola) bereit, die Eigeninitiative der Spieler zu stärken. Auf dem Spielfeld hat sich alles in dem vom Trainer diktierten engen Rahmen zu bewegen.

Allerdings schätzt van Gaal Guardiolas emotionale Intelligenz: „Ich habe niemals den ältesten Spieler oder den besten Spieler oder den Spieler mit dem größten Mundwerk gewählt. Ich wählte den Intelligentesten in der sozialen Dynamik.“ Guardiola ist mit 26 Jahren kein junger Spieler mehr, aber auch noch nicht alt und satt.

Van Gaal denkt defensiver als sein Landsmann und lebenslanger Rivale Cruyff, wovon auch Guardiolas Position betroffen ist. Der neue Barça-Coach präferiert einen defensiven Mittelfeldspieler, der stärker verteidigen kann. Van Gaal: „Bei Barcelona hatte ich anfänglich Guardiola auf der Vier. Am Ende habe ich mich doch wieder für einen verteidigenden Typen im Zentrum entschieden. Weniger riskant.“

Zunächst kann Guardiola van Gaal ohnehin nicht helfen. Im August 1997 erleidet er in einem Champions-League-Qualifikationsspiel gegen den litauischen Klub Skonto FC eine Muskelverletzung, die den frischgebackenen Kapitän für den Rest der Saison fast komplett lahmlegt. Der FC Barcelona wird Meister, aber Guardiolas Beitrag fällt nur gering aus. In der Liga kommt er auf gerade mal sechs Einsätze.

Die Verletzung verhindert auch eine Teilnahme an der WM 1998. Zum großen Bedauern von Guardiola-Fan Jorge Valdano: „Das Fehlen des einzigen Mannes im spanischen Fußball, der es schafft, dass sich eine Mannschaft um ihn dreht, ist eine sehr schlechte Nachricht, wenn wir es vom Gesichtspunkt der Schönheit und dem Gesichtspunkt von Pep selbst betrachten, der als jemand, der den Fußball liebt, das größte Fest verpasst. Vor jedem Spiel werde ich an sein Fehlen denken, als Würdigung seiner Intelligenz und seines Engagements, die ich von meinen Lieblingstugenden am meisten bewundere.“ Ohne Guardiola fährt Spanien bereits nach der Vorrunde wieder nach Hause.

Auch 1998/99 heißt Spaniens Meister FC Barcelona. In dieser Saison kann Guardiola immerhin 22 Meisterschaftsspiele bestreiten. Die Konkurrenz im Kader ist gewachsen. Unter van Gaal verpflichtet der FC Barcelona ausländische Akteure in einem nie gekannten Ausmaß, vornehmlich Niederländer, von denen van Gaal einige bereits aus seiner Zeit als Ajax-Trainer kennt. In der Saison 1999/2000 besteht die Hälfte des 28-köpfigen Kaders aus Ausländern. Acht von ihnen – der Torwart Ruud Hesp, die Abwehrspieler Vincent Bogarde, Frank de Boer und Michael Reizinger, die Mittelfeldspieler Philipp Cocu und Ronald de Boer und die Stürmer Patrick Kluivert und Jari Litmanen – sind Landsleute van Gaals.

Van Gaals Teambuilding unterscheidet sich fundamental von dem Johan Cruyffs, der in der Presse schimpft: „Die Kabine mit acht Holländern zu füllen, ist gleichbedeutend damit, eine Zeitbombe zu legen. Ich glaube, dass ein Ajax-Fan sich mehr mit dem heutigen FC Barcelona verbunden fühlt als die Socios“ – also die Barça-Mitglieder.

Was die Fans des Klubs wollen, tun sie im März 1999 kund. Im Jahr des 100-jährigen Klubjubiläums tritt das aktuelle Barça gegen das einstige Dream-Team an. Van Gaals Elf schlägt die Veteranen mit 2:0, aber die fast 100.000 Zuschauer im Camp Nou feiern die Champions von 1992 und Johan Cruyff.

Schließlich will van Gaal auch das Urgestein Guardiola wegschicken, die letzte personelle Verbindung im Team zur Ära Cruyff. Dennoch kommt Pep in der Saison 1999/2000 auf 25 Einsätze in der Primera División, wo der FC Barcelona hinter Deportivo La Coruña nur Zweiter wird. In der Champions League ist Guardiola zwölfmal dabei, so häufig wie nie zuvor – allerdings dank eines um eine weitere Gruppenphase aufgeblähten Champions-League-Betriebs, in dem die Finalisten nun auf 17 Spiele kommen.

Für den FC Barcelona allerdings ist nach 16 Spielen Schluss. In der ersten Gruppenphase der Champions League lässt Barça den AC Florenz, Arsenal London und AIK Solna hinter sich. Auch die zweite Gruppenphase beenden die Katalanen als Erste – vor dem FC Porto, Sparta Prag und Hertha BSC Berlin. Im Viertelfinale wird Chelsea London ausgeschaltet (1:3, 5:1), aber im Halbfinale scheitert man an einem Team aus der heimischen Liga. Der FC Valencia gewinnt zu Hause mit 4:1 und kann sich im Camp Nou eine 1:2-Niederlage leisten. Guardiola ist in beiden Spielen dabei.

„Einer der größten Spieler seiner Generation“

Als Guardiola-Nachfolger will van Gaal den 20-jährigen Xavi Hernández aufbauen. Xavi wurde im Alter von elf Jahren in La Masia aufgenommen und gehört seit der Saison 1998/99 fest zum Kader der 1. Mannschaft. Er ist ein Spieler wie Guardiola. Sein Vater Joaquim, der eine von Xavi besuchte Fußballschule eröffnete: „Alle Jungs wollten nur nach vorne stürmen und selber ein Tor schießen – mit der Ausnahme von Xavi. Der hat Zuspiele aus der zweiten Reihe geliefert und Gegenangriffe schon weit vorne gestoppt.“ In puncto Spielintelligenz, Ballsicherheit und Passgenauigkeit wird Xavi noch besser werden als Guardiola.

Seinen ersten Einsatz in der 1. Mannschaft hatte Xavi Mourinho zu verdanken, der ihn im März 1998 in der Copa Catalunya gegen das unterklassige Team aus Lleida auflaufen ließ. In der Saison 1999/2000 bestreitet Xavi bereits 24 Meisterschaftsspiele, nur eines weniger als Guardiola. In der Champions League darf er dreimal mitwirken. Guardiola und Xavi spielen häufig nebeneinander – der Kapitän unverändert mit der Nummer 4, der Youngster mit der 26, aus der eine Spielzeit später die 16 wird und mit der Saison 2005/06 schließlich die 6.

Xavi leidet zunächst unter der Bürde der hohen Erwartungen, obwohl ihn Guardiola wie einen Freund behandelt und seinen Konkurrenten und Nachfolger mit Ratschlägen unterstützt. Xavi: „Für die Zuschauer war es schwierig. Obwohl ich aus La Masia kam, wurde ich als Außenseiter und als jemand betrachtet, der Pep hinausdrängen will.“ Dass er die Nachfolge Guardiolas antreten soll, bedrückt ihn so sehr, dass er sogar über einen Wechsel nachdenkt, u.a. liegt ihm eine Anfrage von Manchester United vor. Ironie der Geschichte: Erst unter dem Trainer Guardiola wird Xavi sein komplettes Potenzial entfalten.

United-Coach Alex Ferguson war zunächst an Guardiola interessiert. Für den Schotten ist Guardiola „einer der größten Spieler seiner Generation“. Der Manager der Red Devils sucht nach einem Anführer für sein Team – einen technisch versierten Spielmacher, der das Tempo eines Spiels diktieren kann. Ferguson: „Er war der Typ von Spieler, der dann Paul Scholes wurde.“ Aber Guardiola bleibt in Barcelona – wohl auch in der Annahme, er habe noch eine Zukunft bei „seinem“ Verein.

Im Sommer 2000 geht es zur Europameisterschaft nach Belgien und in die Niederlande. Spaniens Selección wird von José Antonio Camacho trainiert, der viele Jahre in der Abwehr von Real Madrid gespielt hat. Camacho bevorzugt einen „gearbeiteten“ Fußball. Trotzdem kann der nun 29-jährige Guardiola zum ersten und einzigen Mal bei einem großen Turnier im Trikot Spaniens glänzen. Das Auftaktspiel endet allerdings mit einer Blamage. Spanien unterliegt Norwegen mit 0:1, und daheim höhnt „Marca“: „Ein zweitklassiges Spanien.“ Die Madrider Presse, allen voran die konservative Zeitung „AS“, identifiziert Guardiola als Sündenbock für die schwache Vorstellung. Der englische „Daily Telegraph“ vermutet, die Kampagne der Hauptstadtblätter gegen Guardiola und andere Barça-Akteure habe mehr politische als sportliche Motive. Camacho verteidigt den Angegriffenen.

Gegen Slowenien behält Spanien mit 2:1 die Oberhand. Dennoch droht im letzten Gruppenspiel gegen Rest-Jugoslawien nach 90 Minuten eine vorzeitige Heimreise. Nach Ablauf der regulären Spielzeit liegt Spanien mit 2:3 hinten, schlägt aber in der Nachspielzeit noch zweimal zu und erreicht mit einem 4:3-Sieg das Viertelfinale. Dort trifft Spanien auf Frankreich und unterliegt dem späteren Europameister nach einem offenen Schlagabtausch mit 1:2. In diesen letzten beiden Spielen, gegen Jugoslawien und Frankreich, trägt Guardiola für den verletzten Fernando Hierro die Kapitänsbinde.

Guardiola darf sich nach dem Turnier mit einem Platz in der All-Star-Elf trösten, in die außer ihm noch drei Franzosen (Blanc, Henry, Zidane), drei Italiener (Toldo, Cannavaro, Nesta), zwei Niederländer (Frank de Boer, Kluivert) und zwei Portugiesen (Figo, Nunu Gomes) berufen werden. Er ist somit der einzige Spanier, der bei der EURO 2000 diese Ehrung erhält.

(*) Der Kolumbianer Maturana, ein ausgebildeter Zahnarzt, führte 1990 die Nationalmannschaft seines Heimatlandes erstmals seit 28 Jahren wieder zu einer WM-Endrunde. Als Vereinstrainer gewann er 1989 mit Atlético Nacional Medellín die Copa Libertadores. Später wurde er Mitglied der FIFA-Kommission für Technik und Entwicklung. Der Argentinier Angel Cappa war 1983/84 Co-Trainer von César Luis Menotti beim FC Barcelona und 1992-94 bzw. 1994-96 von Jorge Valdano bei Real Madrid. Anschließend übernahm er als Cheftrainer in seiner Heimat u.a. den Racing Club de Avellaneda und Club Atlético River Plate in Buenos Aires.

KAPITEL 4
Ein Fußballprofi auf Bildungsreise
Ein Kicker mit intellektuellen und kulturellen Interessen / Dopingaffäre in Italien / Ein Freund Katars / Schlusspunkt in Mexiko

Zwischen Pep Guardiola und dem FC Barcelona stehen die Zeichen immer mehr auf Trennung. Nach der titellosen Saison 1999/2000 entlässt der FC Barcelona Louis van Gaal, der zwar bei den Medien und Teilen der Fans unbeliebt ist, aber von Guardiola stets verteidigt wird: „Vor allem taktisch gehört Louis van Gaal zur Weltspitze. Und er ist ein äußerst professioneller Coach, der auf wirklich jedes Detail achtet. Bedenkt man, dass auf diesem Niveau alles von Details abhängt, ist es ein erheblicher Vorteil, wenn der Zufall so weit wie möglich ausgeschlossen wird.“

Ronald de Boer glaubt sogar, dass Guardiola van Gaal in gewisser Hinsicht näherstand als Cruyff. Für Cruyff seien Spielstil und Spielidentität wichtiger als Resultate gewesen, mit van Gaal habe Guardiola ein unstillbares Verlangen nach Erfolg geteilt: „Pep hat ein bisschen seiner Siegermentalität von van Gaal.“

Van Gaals Nachfolger Llorenc Serra Ferrer hat acht Jahre den RCD Mallorca trainiert und seit 1997 mit der Barça-Jugend gearbeitet. Auch Serra Ferrer erkennt: „Pep wurde schon als Trainer geboren.“ Denn weiterhin hinterfragt Guardiola alles und jedes. Nicht, um die Autorität des Trainers anzugreifen, sondern einfach, weil er wissen will, welche Überlegungen hinter dessen Vorgaben stecken.

Guardiola kommt in der Saison 2000/01 zu 24 Einsätzen in der Primera División, doch die Mannschaft bleibt erfolglos. In der Champions League scheidet sie bereits in der Gruppenphase aus. Als Barça am 31. Spieltag CA Osasuna mit 1:3 unterliegt und auf Platz fünf abrutscht, feuert der Vorstand Serra Ferrer und übergibt die Verantwortung an Carles Rexach.

Abschied aus Barcelona

Der letzte „Überlebende“ aus dem Dream-Team fühlt sich zusehends fremder in Barcelona. Bereits seit einiger Zeit beklagt er die geringe Wertschätzung für Spieler aus dem eigenen Stall. Ihnen zahlt Barça deutlich weniger Gehalt als den eingekauften Stars. Die Klubführung geht davon aus, dass die Eigengewächse den Klub ohnehin nicht verlassen wollen, und beutet ihre Loyalität aus. Zudem vermisst Guardiola das Vertrauen der Vereinsspitze. Anfang 2001 schreibt „El País“: „Barça kann Guardiola nicht länger am Morgen als Symbol für den Klub strapazieren und am Abend als Sündenbock.“ Irritierend findet er auch den Hass, der seinem Freund Luís Figo entgegenschlägt, seit er im Sommer 2000 zu Real Madrid wechselte.

Schließlich erfolgt in diesen Jahren eine Abkehr vom defensiven Mittelfeldspieler Cruyff‘’scher Prägung. Die Taktikexperten von der Internetseite „Spielverlagerung“: „Spieler wie Fernando Redondo und Pep Guardiola wurden langsam zur Ausnahme, die Zeit der Makélélé und Dungas sollte beginnen. Eine Zeit von Spielern, die technisch nicht zwingend schwach waren, sich aber auf die simplen Sachen konzentrierten – simpler noch als Guardiola, der diese Einfachheit an sich am meisten wertschätzte. Hier befand sich aber eine neue Bedeutung des Wortes Einfachheit, und so begannen Guardiolas Abwanderungsgedanken.“

Am 11. April 2001 verkündet Guardiola auf einer Pressekonferenz, dass er seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde: „Ich kam mit 13, jetzt bin ich 30 und Familienvater. Meine Karriere gleitet mir durch die Finger, und bevor ich sie beende, möchte ich neue Länder erleben, neue Kulturen, neue Fußballstile und eine neue Sprache lernen. (…) Ich habe die Vor- und Nachteile meiner Entscheidung sorgfältig abgewogen, und ich sehe mehr Vorteile als Nachteile.“

Von der Vereinsführung ist auf der Pressekonferenz niemand zugegen. Präsident Joan Gaspart hat offensichtlich wichtigere Verpflichtungen, als dem Abschied seines Kapitäns beizuwohnen.

Im Sommer 2001 verlässt Guardiola den FC Barcelona – nach 17 Jahren im Trikot der Blaugrana, in denen er mit dem Klub 16 Titel gewann. Torgefährlich war der Profi Guardiola nie. In 263 Meisterschaftsspielen für den FC Barcelona traf er nur sechsmal, bei seinen 70 Auftritten auf Europas Bühne (47 EC1/CL, 15 UEFA-Pokal, 7 ECII, 1 Supercup) nur dreimal. Guardiola bringt es auf stattliche 72 Gelbe Karten in seinen 263 Primera-División-Spielen. Auch Folge seiner Langsamkeit: Er kam halt manchmal zu spät und sah sich zum Foul genötigt.

Eine offizielle Verabschiedung lehnt Guardiola ab. „Ich fühle mich befreit“, teilt er den Journalisten mit. Mit ihm verschwindet auch die letzte personelle Verbindung zur Ära von Johan Cruyff.

„Ein infames Spiel“

Seit seinem 18. Lebensjahr ist Pep Guardiola mit Cristina Serra liiert, Tochter eines Besitzers von exklusiven Modegeschäften (Serra Claret) in Manresa und Barcelona. Der Laden des seit 1933 bestehenden Familienunternehmens in Manresa war der erste Ort, an dem sich der modebewusste Kicker und seine spätere Ehefrau trafen. Cristina Serra teilt mit dem Fußballprofi das Interesse an Musik, Literatur, Kino, Architektur, Fotografie, Reisen und Mode. So betritt der Spieler Guardiola für den katalanischen Designer Antonio Miró den Laufsteg – auf eigenen Wunsch. Miró stammt aus Sabadell, einer ca. 20 Kilometer nordwestlich gelegenen Industriestadt, in der auch die Wiege zahlreicher Barça-Fußballer wie Sergio Busquets, Oleguer Presas und Cristian Tello stand.

Für die archaische Fraktion in der Fußball-Männerwelt reicht Guardiolas individueller Stil – seine Beschäftigung mit intellektuellen Fragen und kulturellen Dingen, sein kultiviertes Auftreten, seine Vorliebe für elegante und modische Kleidung – bereits aus, um ihn als „weibisch“ zu denunzieren und der Homosexualität zu verdächtigen. So kursiert das Gerücht, dass sich hinter seinen mysteriösen Verletzungen in Wirklichkeit eine Aids-Infektion verbergen würde. Josep Maria Minguella, sein damaliger Berater, erzählt dem „kicker“ im Juni 2013: „Er war wirklich überrascht, als diese Andeutungen aufkamen, es tat ihm weh. Natürlich. Es tat uns beiden weh. Obwohl für uns alle, die wir ihn kannten, ja klar war, dass es eine Lüge war. Er war ja schon lange mit Cristina zusammen. Das war ein infames Spiel von Leuten mit krankem Geist. Aber weil Guardiola so bekannt war, bekam das Gerücht schnell Füße.“ Auf die Frage, wer die Gerüchte gestreut habe, antwortet Minguella: „Hier verdächtigte jeder jeden. Es hieß, Leute aus dem Barça-Direktorium, denen die Vertragsverlängerung Jahre zuvor nicht gefallen hätte. Ich weiß es nicht. Aber natürlich war alles eine Lüge. Es gab keinerlei Basis für dieses Gerücht.“

Als Trainer wird Guardiola von gegnerischen Fans mit Schmährufen wie „Guardiola uriniert Eau de Cologne“ übergossen. Und er wird die homophobe Fraktion um ein weiteres „Beweisstück“ bereichern: eine ästhetische Spielphilosophie, die mehr auf feine Technik denn auf Kampf setzt, auf kurze, präzise Pässe statt auf wild durch die Gegend gedroschene Bälle, die den Zweikampf (also den Körperkontakt mit dem Gegner) zu vermeiden trachtet, wo er überflüssig ist und den Spielfluss stört. Das alles auf dem Spielfeld vorgetragen von Spielern wie Xavi und Iniesta, die keine archaische Männlichkeit ausstrahlen. „Schwul“ wird somit in der Männerwelt des Fußballs zur Chiffre für eine ästhetische (= „verweichlichte“) Fußballphilosophie sowie für kultivierte Formen der Kommunikation. Auch der deutsche Bundestrainer Joachim Löw sieht sich mit dieser Sichtweise konfrontiert.

Hingegen wird den ebenfalls kulturell interessierten und modebewussten Guardiola-Widersacher José Mourinho dieser Verdacht nie ereilen. Dafür ist sein Auftreten hinreichend rüpel- und machohaft, pflegt er oft genug verbale Angriffslust und bevorzugt einen Fußball, der ausschließlich dem Sieg verpflichtet ist und deshalb auch mal zerstörerisch und hart sein darf.

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Дата выхода на Литрес:
12 декабря 2025
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324 стр. 25 иллюстраций
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9783730700655
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