Читать книгу: «Nachtreigen – erweiterte Version»
Nachtreigen
Eine Lyrikauswahl von Dietmar Wolfgang Pritzlaff
Impressum
ISNB:
978-3-9611-2104-5
Auflage 1 / v2 / September 2016

© Foto: Charly, Köln
Autor:
Dietmar Wolfgang Pritzlaff (Alle Rechte dem Autor vorbehalten.)
geb. in Altena/Westf., schreibt Romane, Kurzgeschichten,
Lyrik, Haiku, Songtexte, Theaterstücke, Hörspiele, Essays und Drehbücher
www.diwop.de
www.liesmichnet.de
Verlag:
© 2016 • dwp –Day Walker Productions
veröffentlicht von: feiyr.com
dwp-feiyr-com-Veröffentlichungen
© Cover: Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
© Titelfoto: Charly, Köln
© Text und Satz: Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
© Fotos und Bilder • Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
Inhaltsverzeichnis – Kapitel
1. Im letzten Tageslicht beginnt das Ringen der Gedanken, die Suche nach großen Worten!
2. In der Dämmerung suchen Fragen nach Antworten
3. Im Abendrot beschwert Melancholie die Romantik
4. Der frühe Abend bringt den Sandmann mit letzten Heiterkeiten für die lieben Kleinen
5. Etwas später am Abend werden Eindrücke des Tages notiert, gesammelt, konkretisiert und in Form „gegossen“
6. Schon nach halb Zehn und die Beziehungskiste fängt an zu rappeln
7. Kurz vor Mitternacht taumeln Gedanken durch die neonfarbene Stadt
8. Nach ein paar Stunden Nachtleben wird abgerechnet
9. In den frühen Morgenstunden irren wirre Gedanken umher und malen ausschweifend, ziellos trübe Bilder ins Nichts
10. So, liebe Träumer gebt fein Acht, was der Schlaf euch mitgebracht
Inhaltsverzeichnis – Einzelwerke
Impressum
Inhaltsverzeichnis – Kapitel
Abbildungsverzeichnis
Im letzten Tageslicht
Der Literat
Ich kann nichts dafür
Tötet das Kind
Rückschau
Überlebenskampf
Die Analyse einer Enttäuschung
Das Biest muss raus
Der Schnitt
In der Dämmerung...
Eine Träne fließt...
Wunder der Natur
Berechnung des Glücks mittels kaufmännischem Kettensatz
Pi
Blutiges Feuerwerk
Wege
Krankenhaus
Seelentiefen
Seelenwirtschaft
Zeitvergehen 1
Zeitvergehen 2
Zeitvergehen 3
Zeitvergehen 4
Zeitvergehen 5
Zeitvergehen 6
Europa
Verkehrs-Chaos
Vereintes Europa
Im Abendrot
Gedanken-Dimensionen
Purpurrot
Traurigkeit
Von der Vergänglichkeit
Abschied
Liebesleben
Heimat
Mit dem Wind (Teil 1)
Mit dem Wind (Teil 2)
W O H I N ?
Der frühe Abend
Auf dem Eise
Der Baum
Der Kater
Die Rinne
Die Wespe
U-Bahn, live
Das verpfuschte Zeugnis
Susanne
Schubidu
Oben auf dem Thron (Teil1)
Oben auf dem Thron (Teil2)
Der Honigtopf
Der Frosch
Plüschies
Rap dir eins
Die Hex Mistarta
Mein PC
Ene mene miste...
Mädchen sind ja so doof
Jungs sind ja so blöd
Zwillinge
Mira... Miracoli...
Immer Ärger mit den Keksen…
Bei den Doofen...
Wir-Mensch
Manche Leute kriegen nie genug (Teil 1)
Manche Leute kriegen nie genug (Teil 2)
Haben Sie schon mal Narben geleckt?
Wer den Spott hat, hat auch die Lacher!
Das ewige Liegen macht doch bekloppt...
Nie mehr wie Barbie...
Sause-Brause
Lebensantrieb
Der Schatz (Teil 1)
Der Schatz (Teil 2)
Papas Computer (Teil 1)
Papas Computer (Teil 2)
Alptraum
Krieg (Teil 1)
Krieg (Teil 2)
In der Schule
Kuriositäten
Badezeit
Speckige Geschichten
Etwas später am Abend
Haiku - zum Frühling
Haiku - zum Sommer
Haiku - zum Herbst
Haiku - zum Winter
Insel-Haiku
Schon nach halb Zehn
Seide und Leder
Der Egoist
Wie ein Adler
Alles ist nur - eine Frage der Zeit
Zwiespalt
Eine Zeit lang ...
Kurz vor Mitternacht
Freitag Nacht
Das Bistro
Zu spät
Im Kaffeehaus
Glut der Leidenschaften
Sommersonnenwende
Heiße Lebenslust
Nachtbeobachtung
Im Coffeeshop
Geil ey
Sonntags
Nach ein paar Stunden Nachtleben
Zappel-Nächte (Teil 1)
Zappel-Nächte (Teil 2)
Zappel-Nächte (Teil 3)
Der "M"
Der Ledertyp
I-bah, I-bin-bi
Der Lecker
Alles nur Show
Der Mann der 90er
...eben doch nur Menschen
Gedanken um einen Freund
Geifernde alte Männer
Ein ganzer Kerl
Gay-Song
Pro Aids?
Rechts-Marsch
Wehklage der unbefriedigten Begierde
Endlich
Männlichkeiten
Schnell
Völlig normal
Safe und geil?
Und dann gibt es welche...
Eine gewisse Furcht bleibt
Völlig normal
Ein Stricher packt aus
Wir zwei
In den frühen Morgenstunden
Begegnungen
Aufruf zur Selbstverteidigung
Einweisung in die Psychiatrische (Teil 1)
Einweisung in die Psychiatrische (Teil 2)
Erlösung
Inkognito
Schlachtfelder (Teil 1)
Schlachtfelder (Teil 2)
Taub und Tot
Vorwärts
Weltschmerz
Zeitgefühl (Teil 1)
Zeitgefühl (Teil 2)
Zur Besinnung
So, liebe Träumer
Traumdeutung
Im letzten Tageslicht
beginnt das Ringen der Gedanken
die Suche nach großen Worten!

Abb. 1
TRAPEZ – LEBEN AUF DEM HOCHSEIL
Dispersion auf Malkarton • 1987
© Bild und Foto: Dietmar Wolfgang Pritzlaff
Der Literat
Der Literat
ist ein lyrischer Mensch
voller Prosa
wälzt sich in Epik
und verliert sich in Esoterik
Er ist gnadenlos im Pamphlet
und detailliert im Essay
Er ist ausschweifend in Belletristik
und erschöpfend dramatisch
Er ist gefühlsbeladen in der Tragödie
und ausgelassen in der Komödie
Er ist ein lyrischer Mensch
voller Widersprüche
Ich kann nichts dafür
Verzeiht mir
mein Dasein
Verzeiht mir
mein Hiersein
Verzeiht mir
das ich geboren bin
Ich konnte mir nichts aussuchen
weder Ort noch Zeit
Niemand hat jemals gefragt
Ich musste leben
ob ich wollte oder nicht
so ist das Leben
Ich kann nichts dafür
Tötet das Kind
Schlagt mir die Kindheitserinnerungen aus dem Kopf
Beißt mir die Naivität aus dem Leib
Kratzt mir das Kindliche aus dem Verstand
Schüttet mich aus den Kinderschuhen
Formt mir ein starkes, gefühlloses Herz
Setzt Glas anstelle der treuen Augen ein
Schält mir die Unbeschwertheit aus der Seele
Dieses Kind
dieses verträumte
an nichts denkende Kind
Dieses verspielte
immerzu nachahmende Kind
muss getötet werden –
in mir
Denn die Realität ist grausam
und will bezwungen werden
Rückschau
Ich bin ein Kind meiner Eltern
und ein Geschöpf dieser Zeit
Ich bin einer von denen
die es bereu‘n
ein Stück von dem Leben
von dem vielfältigen Leben
ein Stück nur zu leben versucht zu haben
dabei verzweifelt
an sich selbst gescheitert
an dem Leben im Grunde vorbeigelebt
Wo ist das Kind jener Eltern
wo das Geschöpf, welcher Zeit
Geblieben ist davon nur ein Haufen Asche
Überlebenskampf
Mein Leben ist ein einziger Kampf
mit mir selbst
wie wirbeln die geballten Fäuste
durch die Luft
groteskes Winden, Hüpfen und Drehen
um die eigene Achse
sich windend, springend, tänzelnd
gebeugt, gestreckt und wieder gebeugt
immer weiter, immerfort
kein Sieg
kein Ziel
wann endlich mein KO ?
Die Analyse einer Enttäuschung
Große Erwartung, hoffend und glaubend.
Dann der Augenblick des Geschehens.
Das, was wirklich ist, übertrifft dann jegliche Erwartung.
Man steht vor den Trümmern der Hoffnung.
Niederschmetternd das Ergebnis, den Tatsachen ins Auge sehend.
Zu Hilfe eilend, den letzten Möglichkeiten Kraft gebend.
Doch manchmal ist alles verloren.
Wut und Ärger steigern sich ins Unermessliche.
Diese werden beim Abflauen der Gefühle von Resignation ersetzt.
Dann nur noch Ruhe. Bitte Ruhe bewahren!
Sich fassen, überlegen - was nun?
Mit neuer Kraft voraus?
War ja doch nicht so schlimm.
Weiter geht’s - oder - oder doch nicht?
Die Enttäuschungsrückstandssubstanzen bleiben für immer.
Für immer???
Das Biest muss raus
Das Biest muss raus
sonst frisst es sich durch Mark und Bein
höhlt den Kopf aus
verschlingt die Eingeweide
saugt die Adern leer
knabbert an den Knochen
zerreißt die Nerven
zerfleischt die Muskeln
nimmt den Verstand
kratzt am Gerechtigkeitssinn
zerschlägt den Stolz
zersplittert das Selbstwertgefühl
schlürft den Mut heraus
beißt sich durch die innere Zufriedenheit
besudelt Menschenfreundlichkeit mit Einsamkeitserbrochenem
beschmutzt Ausgeglichenheit mit Depressionskot
bespuckt Glücksgefühl mit Trauereiter
belädt Freiheitsgefühl mit Angstgeschwüren
und dann -
bleibt nur noch ein großer Haufen zurück
ein großer Haufen stinkender Scheiße
den man Leben nennt
Der Schnitt
Stahlglatt
und glänzend poliert
hängt
über der Versäumnis
das Messer.
Millimetergenau angepasst
die Führungsleisten
links und rechts
im Holzrahmen.
Das blitzblanke Messer
gehalten von kluger Technik
saust nach unten
auf Knopfdruck.
Ein sauberer Schnitt
durch Adern und Blutgefäße
durch Luft- und Speiseröhre
durch Nerven, Muskeln und Fett
durch rohes Fleisch
durch Wirbel und Knochen
trennt Kopf vom Rumpf
trennt Leid vom Glück
trennt Erinnerung von Vorahnung
trennt Vergangenheit von Gegenwart.
Nur ein einziger Schnitt.
In der Dämmerung...
suchen Fragen nach Antworten

Abb. 2
FRÜHLING IM ALL
Acryl- und Dispersionsfarbe mit lumineszierenden Zusätzen,
Acrylglas und Sand auf Holz • 1989
© Bild und Foto: Dietmar Wolfgang Pritzlaff
Eine Träne fließt...
Vielleicht erkennt eine Träne den Schmerz
vielleicht weiß sie warum sie beim Abschied
zu rinnen beginnt
vielleicht erahnt sie auch die Freude
vielleicht weiß sie, warum sie salzig schmeckt
warum sie so schnell vergänglich ist
warum sie durchsichtig ist
Aber was sie bestimmt nicht ahnt
es tut gut mal zu weinen
mal alles rauszulassen
so befreiend
Weinen wir also zusammen
Mir kommen schon die Tränen
Ich lauf aus
Ich werde dicke Tränen um dich weinen
„Es geht eine Träne auf Reisen...“ - la, la, la...
Wunder der Natur
Töne von Leben
dringen durch die Wand
laute Geräusche
schwirren über das Land
Die Luft ist erfüllt
von Atmosphärenklang
Radiowellen schwingen
zu unserem Lebensdrang
Und wir überhören
des Windes Melodien
achten nicht auf
Meeressymphonien
Berechnung des Glücks mittels
kaufmännischem Kettensatz
Wie viel Glück entspricht ein Leben?
Ein Leben – entspricht – mindestens drei Jahre Leid
ein Leiden – entspricht – meistens nur Mitleid
Mitleid – entspricht – oftmals drei Tage Gram
Gram – entspricht – lange Zeit der Unzufriedenheit
Unzufriedenheit – entspricht – mehrere Wochen Hoffnungslosigkeit
Hoffnungslosigkeit – entspricht – monatelanger Depression
Depression – entspricht – viele Stunden Ärger
Ärger – entspricht – schlaflose Nächte voller Wut
Wut – entspricht – zu viel Zeit der Sinnlosigkeit
Sinnlosigkeit – entspricht – jahrelanger Trauer
Trauer – entspricht – kein bisschen Glück
Also wie viel Glück entspricht ein Leben?
Pi
Politik ist wie Pi
Man braucht Pi bei
jeder Kreisberechnung
Politik dreht sich im Kreis,
wer auch immer sie macht
Und Pi ist immer dabei
Pi ist immer gleich;
bei jedem Kreis,
egal ob groß oder klein
Pi aufgerundet ist 3,14
Mathematisch gesehen ist 3,14
Natürlich “absolut” ungenau,
aber wie in der Politik
lässt man gern die vielen
Nachkommastellen einfach weg
Über Kleinigkeiten wie Pi
spricht man eben nicht
Pi ist Pi
sonst nichts
Blutiges Feuerwerk
Feuerwerk
Die Nacht erhellend,
die Dunkelheit durchbrechend
Feuerwerk
Nicht aus Freude am Leben im neuen Jahr,
sondern aus Hass, der das Leben auslöscht und vernichtet.
Blutiges Feuerwerk
Jeder den Atem anhält, der an dich denkt.
Feuerwerk
Auch wenn am Ende für “Einen” steht der Sieg,
ist es doch nichts weiter als ein schmutziger, grausamer Krieg.
Krieg
Du machst Städte dem Erdboden gleich.
Du vergießt Tränen und Blut ganzer Nationen.
Du zerstörst Leben und versetzt so manchen Berg,
du - blutiges Feuerwerk.
Wege
Deswegen – gewichtig
Wegfahren – der Sonne entgegen
auf Abwegen – wandeln
den Weg abkürzen – die Zeit eilt
vom Weg abkommen – bedrohte Sicherheiten
dunkle Wege – in das Nichts
jemanden bewegen – etwas zu sagen
Wegbereiter – mit besten Beziehungen
beweg dich – dann ist Leben
Wegweiser – Hinweis auf ein Ziel
Ausweg – Rettung
am Wegesrand – ein Blümlein stand
Wegkreuzung – geheiligte Straßen
beleuchtete Wege – im Labyrinth
Wegbeschreibung – Zielanvisierung
unbekannte Wege – Faszination des Fremden
wegbleiben – dableiben
den Weg ebnen – Planierraupen dröhnen
Rückweg – nach Hause
den Weg beschreiten – herrschaftlich
Waldweg – ein Käuzchen ruft
den Weg bestreiten – Kampf der Giganten
von wegen – das Leben ist lang
geh deiner Wege – auf Wiedersehen
den Weg abschneiden – Schnipp, schnapp
den Weg gehen – so oder so
verbotene Wege – Vorsicht, bissiger Hund
Zuwege – zum Nirgendwo
breiter Weg – viele Menschen
schmaler Weg – Bedrängnis
gar kein Weg – und jetzt?
weggehen – wohin
Krankenhaus
Müde steife Gebeine schleppen sich Gänge hin und her.
Weißgekleidete hetzen umher.
Dann der Schlachttag, rot und schwer.
Für die, die dran sind um so mehr.
Visiten danach, ist alles gut?
Trauer wenn nicht, Verlierer verlieren den Mut.
Glück, wenn Freunde und Verwandte,
beste Wünsche bringen und Langeweile vertreiben.
In der Nacht aufgeschreckt, aber bekannte
Notfälle, Aufregung, Stücke fallen aus den Lebensscheiben.
Dann immer wieder warten und hoffen,
auf Genesung, manche auch fast besoffen.
Immer wieder Tag aus Tag ein,
Fieberthermometer, Essen und Trinken geben sich ein Stelldichein.
Auch wenn absolut mal nichts passiert,
die fortlaufende Arbeit die Schwestern doch desodoriert.
Nichtsdestotrotz, ein Lächeln im Leben immer hilft,
Patienten, Ärzte und Schwestern auch nur Menschen sind.
Und weiter geht’s` mit der Wissenschaft am menschlichen Körperbau,
ja, ja, du Krankenhaus,
du bist krank und schlau.
Seelentiefen
Im Verborgenen schlummert das Unbekannte
In dunklen Gängen und Höhlen,
macht uns das Angst, was wir nicht enträtseln können.
Im Versteckten liegt das Unterdrückte
Umgeben von wallenden Nebelschwaden und Rauchwolken
Nicht Materie und doch vorhanden, quält es unser Unterbewusstsein
Im Verdeckten warten die Träume
In grellem Sonnenlicht oder fahlem Sternenschein
durchqueren sie Dimensionen und Sphären
Im Verhüllten liegt die Hoffnung, sind Wünsche
Eingeschlagen in den wehenden Tüchern
der Lüge und der Enttäuschung
Seele,
gegeben mit der Geburt,
hin- und hergeworfen, zerrissen und wieder zusammengefügt im Leben,
genommen und entflogen im Tode
Die Tiefen der Seelen sind unergründbar
Einer lässt niemanden an sie heran - verschlossene Seele
Andere Lassen mit ihr spielen - bedrückte Seele
Einer schüttet seine im Überfluss aus - zu kleine Seele
Andere fressen alles in ihre hinein - brodelnde Seele
Einer behauptet er hätte keine - unterdrückte Seele
Andere hofften sie Hätten eine - verborgene Seele
Einer spürt ihr Gewicht - beschwerte Seele
Andere tragen ihre im Gesicht - entblößte Seele
Einer würde seiner am liebsten einen Tempel bauen - vergoldete Seele
Andere ziehen ihre in den Schmutz - befleckte Seele
Einer behütet, pflegt und umhegt seine - reine Seele
Andere bekämpfen ihre - gestrauchelte Seele
Einer trauert seiner nach - tote Seele
Andere finden ihre in sich wieder - entdeckte Seele
Wir werden sie nie in Händen halten und betrachten können.
Sie nie durchqueren und bewerten können
Nie ihre Tiefen erforschen können
Halte sie, spüre und fühle sie in Dir
Lebe mit ihr, stirb mit ihr
Seelenwirtschaft
Der Teufel holt sich welche
Die Kirche will sie alle für sich
Der Arzt weiß nicht wo sie im Körper zu finden ist
Der Mörder hat keine
Oder doch?
Der Soldat steht mit seiner auf Kriegsfuß
Die Verliebten glauben ihre im siebenten Himmel
Der Reiche schließt seine in einen Tresor ein
Auf Nimmer-Wiedersehen!
Der Arme begräbt seine unter einer Brücke
Wie gut, dass sie nicht sichtbar ist
Wie gut, dass sie nicht zu verschenken ist
Wie gut, dass sie nicht mit Gold aufzuwiegen ist
Sonst gäbe es genauso ein wildes Gerangel um sie
wie um Herzen und Nieren für Transplantationen
Zeitvergehen 1
Einst war’s mir gleich
Umweltverschmutzung, Atomversuche und Ozon
Wichtig war etwas ganz anderes
Schreit eine Schnecke, wenn man sie mit einem Stein zermatscht?
Was macht eine Maus, wenn man sie bespuckt?
Kann eine Spinne mit nur einem Bein noch gehen?
Sehr wichtige Fragen
für einen Jungen
der nahe dem Wald lebt
Zeitvergehen 2
Vor Jahren war’s mir echt egal
das Asylanten in Deutschland leben
das der Paragraph 175 nichts zum Essen ist
das Bosnien in Jugoslawien war
und das Mercedesaktien gewaltig fallen können
Viel wichtiger
war mir meine Freundin Doris
waren mir die Spiele mit ihr im Garten
war mir mein Bauch der nicht hungern sollte
viel Wichtiger
als Lesen und Schreiben
als aufpassen und gerade sitzen
als Tests und Schulaufgaben
viel wichtiger für einen Jungen
der was im Schädel hat
sich aber fragt - was?
Zeitvergehen 3
Solange her, ist es, als es noch unwichtig war
ob jemand in Vietnam stirbt oder nicht
ob irgendein Herr Schleyer entführt wird und warum
ob Mogadischu eine neue Pralinensorte ist oder nicht
ob Papa Überstunden kloppen muss und Oma Heimarbeit
Aber interessiert war ich
an 40 cm weiten Hosenbeinen
an orangefarbenen, großgemusterten Tapeten
an „unsere“ Königin Silvia
an ABBA-Musik und Disco-La-la-la
an Alkohol, Zigaretten, und Hasch
und natürlich an Flower-Power-pop-up-Cola
denn alles war in Afri-Cola
Das alles war von großem Interesse
für einen Jugendlichen
der in Kinderdiscos rumhing
Zeitvergehen 4
Schon eine Ewigkeit her, ist die Zeit,
in der vieles für mich undurchschaubar war
als unsere buntbekleckste Mauer noch stand
als ein Herr Schmidt noch freundlich Pfeife im Fernsehen rauchte
als man noch Angst vor Russland hatte
als man noch kaum etwas von chinesischer Menschenwürde gehört hatte
als man noch zu Friedensdemos und Antifa-Treffen ging
Da habe ich voll auf Lustig gemacht
da lag ich voll auf der „Neuen Deutschen Welle“
ein „Da-Da-Da“ riss alle mit
Nena war keine Schokolade, aber trotzdem unheimlich süß
Das alles war absolut in
für einen jungen Mann
der noch rätselte
ob er schwul oder Hetero sei
Zeitvergehen 5
Erst gestern geschehen und schon vergessen
der Golfkrieg
der Krieg in Bosnien
die Ölplattformversenkungs-Verhinderung
die französischen Atomversuche
die Filme: Schindlers Liste und Der Priester
das Kondom und AIDS
Da mach ich wieder auf ganz Lustig
sehe mir Batman 3 und Casper im Kino an
rave auf Mayday-Partys zu Techno-Tracks
dröhn mich zu mit Extacy und Speed
und will immer gut drauf sein...
Das ist jetzt angesagt
für einen Mann Anfang 30
der schon in Midlifecrisis-Gefühlen
der Jugend nachweint
Zeitvergehen 6
Erst morgen setz ich mich hin und denk`
warum Kohl immer noch Kanzler ist
warum mir das Ozon Krebs beschert hat
warum es keine Wale mehr gibt
warum keine Ausländer mehr in Deutschland leben
warum die Nordsee – Öl-See heißt
warum die Chinesen Russland überrennen konnten
warum Australien unterging
warum bald wieder Dinos statt Menschen auf der Erde leben werden
Aber das ist ja erst morgen
Im nächsten Jahrtausend
Europa
Noch immer gibt es
die Spaghettifresser
die Polskies
die Spanucken
die Spinfins
die alten Schweden
die Käseroller
die Franzmänner
die Kanaken
die Muselmänner
irgendwann nur noch den Europäer
und hoffentlich bald nur noch Menschen
schlafen wir noch mal ‘drüber
Verkehrs-Chaos
Ich konnte noch im Wald und Schrebergarten
spielend tollen und verweilen.
Aß wilde Beeren und Kirschen beim Warten
auf Männer mit Äxten und Beilen.
Die schlugen drauf, auf alles was sie fanden.
Mischten, formten und bauten, wie im Wahn.
Bäume, Wiesen und Erde die wir kannten -
begraben Asphalt und Beton, ganz nach Plan.
Der Gefahr nicht bewusst sein, in der Natur,
beim Klettern auf glitschig bemoosten Bäumen.
Spielen in Wäldern, an Quellen, hautnah und pur.
Davon können Kinder heut’ nur noch träumen.
Autos, Beton und Straßen in Teer
sind die neuen Spielplätze der Kleinen.
Menschenmassen, Gewühl im Großstadtverkehr,
lassen keine Zeit die Natur zu beweinen.
Spielende Kinder an dicht befahrenen Straßen.
Eine Mutprobe ist, an die andere Seite zu gelangen.
Ohne zu gucken auf die Fahrbahn, aus kleinen Gassen,
hinter parkenden Autos hervor, mit glühenden Wangen.
Das Risiko wächst von Tag zu Tag,
immer schwerer noch Freiräume zu erreichen.
Der Wahnsinn geht weiter, auch wenn es keiner mag.
Erst wenn ein Kind überfahren, können wir erbleichen.
Vereintes Europa
Oh, Schreck
die Identität ist weg
gerade hatte ich sie wieder
sang die guten deutschen Lieder
jetzt ist alles weg
oh, Schreck
Ein Europa, soll erwachsen
Regierungen darüber wachen
alle Länder werden eins
ist das - das Hexeneinmaleins?
Schon ein Fußballspiel nährt Fanatismus
die Masse ist’s, mit der man mit muss
Und die läuft ziel- und planlos rum
zu dumm, zu dumm
Бесплатный фрагмент закончился.
