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Nachtreigen

Eine Lyrikauswahl von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Impressum

ISNB:

978-3-9611-2104-5

Auflage 1 / v2 / September 2016


© Foto: Charly, Köln

Autor:

Dietmar Wolfgang Pritzlaff (Alle Rechte dem Autor vorbehalten.)

geb. in Altena/Westf., schreibt Romane, Kurzgeschichten,

Lyrik, Haiku, Songtexte, Theaterstücke, Hörspiele, Essays und Drehbücher

www.diwop.de

www.liesmichnet.de

Verlag:

© 2016 • dwp –Day Walker Productions

veröffentlicht von: feiyr.com

dwp-feiyr-com-Veröffentlichungen

© Cover: Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln

© Titelfoto: Charly, Köln

© Text und Satz: Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln

© Fotos und Bilder • Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln

Inhaltsverzeichnis – Kapitel

1. Im letzten Tageslicht beginnt das Ringen der Gedanken, die Suche nach großen Worten!

2. In der Dämmerung suchen Fragen nach Antworten

3. Im Abendrot beschwert Melancholie die Romantik

4. Der frühe Abend bringt den Sandmann mit letzten Heiterkeiten für die lieben Kleinen

5. Etwas später am Abend werden Eindrücke des Tages notiert, gesammelt, konkretisiert und in Form „gegossen“

6. Schon nach halb Zehn und die Beziehungskiste fängt an zu rappeln

7. Kurz vor Mitternacht taumeln Gedanken durch die neonfarbene Stadt

8. Nach ein paar Stunden Nachtleben wird abgerechnet

9. In den frühen Morgenstunden irren wirre Gedanken umher und malen ausschweifend, ziellos trübe Bilder ins Nichts

10. So, liebe Träumer gebt fein Acht, was der Schlaf euch mitgebracht

Inhaltsverzeichnis – Einzelwerke

Impressum

Inhaltsverzeichnis – Kapitel

Abbildungsverzeichnis

Im letzten Tageslicht

Der Literat

Ich kann nichts dafür

Tötet das Kind

Rückschau

Überlebenskampf

Die Analyse einer Enttäuschung

Das Biest muss raus

Der Schnitt

In der Dämmerung...

Eine Träne fließt...

Wunder der Natur

Berechnung des Glücks mittels kaufmännischem Kettensatz

Pi

Blutiges Feuerwerk

Wege

Krankenhaus

Seelentiefen

Seelenwirtschaft

Zeitvergehen 1

Zeitvergehen 2

Zeitvergehen 3

Zeitvergehen 4

Zeitvergehen 5

Zeitvergehen 6

Europa

Verkehrs-Chaos

Vereintes Europa

Im Abendrot

Gedanken-Dimensionen

Purpurrot

Traurigkeit

Von der Vergänglichkeit

Abschied

Liebesleben

Heimat

Mit dem Wind (Teil 1)

Mit dem Wind (Teil 2)

W O H I N ?

Der frühe Abend

Auf dem Eise

Der Baum

Der Kater

Die Rinne

Die Wespe

U-Bahn, live

Das verpfuschte Zeugnis

Susanne

Schubidu

Oben auf dem Thron (Teil1)

Oben auf dem Thron (Teil2)

Der Honigtopf

Der Frosch

Plüschies

Rap dir eins

Die Hex Mistarta

Mein PC

Ene mene miste...

Mädchen sind ja so doof

Jungs sind ja so blöd

Zwillinge

Mira... Miracoli...

Immer Ärger mit den Keksen…

Bei den Doofen...

Wir-Mensch

Manche Leute kriegen nie genug (Teil 1)

Manche Leute kriegen nie genug (Teil 2)

Haben Sie schon mal Narben geleckt?

Wer den Spott hat, hat auch die Lacher!

Das ewige Liegen macht doch bekloppt...

Nie mehr wie Barbie...

Sause-Brause

Lebensantrieb

Der Schatz (Teil 1)

Der Schatz (Teil 2)

Papas Computer (Teil 1)

Papas Computer (Teil 2)

Alptraum

Krieg (Teil 1)

Krieg (Teil 2)

In der Schule

Kuriositäten

Badezeit

Speckige Geschichten

Etwas später am Abend

Haiku - zum Frühling

Haiku - zum Sommer

Haiku - zum Herbst

Haiku - zum Winter

Insel-Haiku

Schon nach halb Zehn

Seide und Leder

Der Egoist

Wie ein Adler

Alles ist nur - eine Frage der Zeit

Zwiespalt

Eine Zeit lang ...

Kurz vor Mitternacht

Freitag Nacht

Das Bistro

Zu spät

Im Kaffeehaus

Glut der Leidenschaften

Sommersonnenwende

Heiße Lebenslust

Nachtbeobachtung

Im Coffeeshop

Geil ey

Sonntags

Nach ein paar Stunden Nachtleben

Zappel-Nächte (Teil 1)

Zappel-Nächte (Teil 2)

Zappel-Nächte (Teil 3)

Der "M"

Der Ledertyp

I-bah, I-bin-bi

Der Lecker

Alles nur Show

Der Mann der 90er

...eben doch nur Menschen

Gedanken um einen Freund

Geifernde alte Männer

Ein ganzer Kerl

Gay-Song

Pro Aids?

Rechts-Marsch

Wehklage der unbefriedigten Begierde

Endlich

Männlichkeiten

Schnell

Völlig normal

Safe und geil?

Und dann gibt es welche...

Eine gewisse Furcht bleibt

Völlig normal

Ein Stricher packt aus

Wir zwei

In den frühen Morgenstunden

Begegnungen

Aufruf zur Selbstverteidigung

Einweisung in die Psychiatrische (Teil 1)

Einweisung in die Psychiatrische (Teil 2)

Erlösung

Inkognito

Schlachtfelder (Teil 1)

Schlachtfelder (Teil 2)

Taub und Tot

Vorwärts

Weltschmerz

Zeitgefühl (Teil 1)

Zeitgefühl (Teil 2)

Zur Besinnung

So, liebe Träumer

Traumdeutung

Im letzten Tageslicht

beginnt das Ringen der Gedanken

die Suche nach großen Worten!


Abb. 1

TRAPEZ – LEBEN AUF DEM HOCHSEIL

Dispersion auf Malkarton • 1987

© Bild und Foto: Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Der Literat

Der Literat

ist ein lyrischer Mensch

voller Prosa

wälzt sich in Epik

und verliert sich in Esoterik

Er ist gnadenlos im Pamphlet

und detailliert im Essay

Er ist ausschweifend in Belletristik

und erschöpfend dramatisch

Er ist gefühlsbeladen in der Tragödie

und ausgelassen in der Komödie

Er ist ein lyrischer Mensch

voller Widersprüche

Ich kann nichts dafür

Verzeiht mir

mein Dasein

Verzeiht mir

mein Hiersein

Verzeiht mir

das ich geboren bin

Ich konnte mir nichts aussuchen

weder Ort noch Zeit

Niemand hat jemals gefragt

Ich musste leben

ob ich wollte oder nicht

so ist das Leben

Ich kann nichts dafür

Tötet das Kind

Schlagt mir die Kindheitserinnerungen aus dem Kopf

Beißt mir die Naivität aus dem Leib

Kratzt mir das Kindliche aus dem Verstand

Schüttet mich aus den Kinderschuhen

Formt mir ein starkes, gefühlloses Herz

Setzt Glas anstelle der treuen Augen ein

Schält mir die Unbeschwertheit aus der Seele

Dieses Kind

dieses verträumte

an nichts denkende Kind

Dieses verspielte

immerzu nachahmende Kind

muss getötet werden –

in mir

Denn die Realität ist grausam

und will bezwungen werden

Rückschau

Ich bin ein Kind meiner Eltern

und ein Geschöpf dieser Zeit

Ich bin einer von denen

die es bereu‘n

ein Stück von dem Leben

von dem vielfältigen Leben

ein Stück nur zu leben versucht zu haben

dabei verzweifelt

an sich selbst gescheitert

an dem Leben im Grunde vorbeigelebt

Wo ist das Kind jener Eltern

wo das Geschöpf, welcher Zeit

Geblieben ist davon nur ein Haufen Asche

Überlebenskampf

Mein Leben ist ein einziger Kampf

mit mir selbst

wie wirbeln die geballten Fäuste

durch die Luft

groteskes Winden, Hüpfen und Drehen

um die eigene Achse

sich windend, springend, tänzelnd

gebeugt, gestreckt und wieder gebeugt

immer weiter, immerfort

kein Sieg

kein Ziel

wann endlich mein KO ?

Die Analyse einer Enttäuschung

Große Erwartung, hoffend und glaubend.

Dann der Augenblick des Geschehens.

Das, was wirklich ist, übertrifft dann jegliche Erwartung.

Man steht vor den Trümmern der Hoffnung.

Niederschmetternd das Ergebnis, den Tatsachen ins Auge sehend.

Zu Hilfe eilend, den letzten Möglichkeiten Kraft gebend.

Doch manchmal ist alles verloren.

Wut und Ärger steigern sich ins Unermessliche.

Diese werden beim Abflauen der Gefühle von Resignation ersetzt.

Dann nur noch Ruhe. Bitte Ruhe bewahren!

Sich fassen, überlegen - was nun?

Mit neuer Kraft voraus?

War ja doch nicht so schlimm.

Weiter geht’s - oder - oder doch nicht?

Die Enttäuschungsrückstandssubstanzen bleiben für immer.

Für immer???

Das Biest muss raus

Das Biest muss raus

sonst frisst es sich durch Mark und Bein

höhlt den Kopf aus

verschlingt die Eingeweide

saugt die Adern leer

knabbert an den Knochen

zerreißt die Nerven

zerfleischt die Muskeln

nimmt den Verstand

kratzt am Gerechtigkeitssinn

zerschlägt den Stolz

zersplittert das Selbstwertgefühl

schlürft den Mut heraus

beißt sich durch die innere Zufriedenheit

besudelt Menschenfreundlichkeit mit Einsamkeitserbrochenem

beschmutzt Ausgeglichenheit mit Depressionskot

bespuckt Glücksgefühl mit Trauereiter

belädt Freiheitsgefühl mit Angstgeschwüren

und dann -

bleibt nur noch ein großer Haufen zurück

ein großer Haufen stinkender Scheiße

den man Leben nennt

Der Schnitt

Stahlglatt

und glänzend poliert

hängt

über der Versäumnis

das Messer.

Millimetergenau angepasst

die Führungsleisten

links und rechts

im Holzrahmen.

Das blitzblanke Messer

gehalten von kluger Technik

saust nach unten

auf Knopfdruck.

Ein sauberer Schnitt

durch Adern und Blutgefäße

durch Luft- und Speiseröhre

durch Nerven, Muskeln und Fett

durch rohes Fleisch

durch Wirbel und Knochen

trennt Kopf vom Rumpf

trennt Leid vom Glück

trennt Erinnerung von Vorahnung

trennt Vergangenheit von Gegenwart.

Nur ein einziger Schnitt.

In der Dämmerung...

suchen Fragen nach Antworten


Abb. 2

FRÜHLING IM ALL

Acryl- und Dispersionsfarbe mit lumineszierenden Zusätzen,

Acrylglas und Sand auf Holz • 1989

© Bild und Foto: Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Eine Träne fließt...

Vielleicht erkennt eine Träne den Schmerz

vielleicht weiß sie warum sie beim Abschied

zu rinnen beginnt

vielleicht erahnt sie auch die Freude

vielleicht weiß sie, warum sie salzig schmeckt

warum sie so schnell vergänglich ist

warum sie durchsichtig ist

Aber was sie bestimmt nicht ahnt

es tut gut mal zu weinen

mal alles rauszulassen

so befreiend

Weinen wir also zusammen

Mir kommen schon die Tränen

Ich lauf aus

Ich werde dicke Tränen um dich weinen

„Es geht eine Träne auf Reisen...“ - la, la, la...

Wunder der Natur

Töne von Leben

dringen durch die Wand

laute Geräusche

schwirren über das Land

Die Luft ist erfüllt

von Atmosphärenklang

Radiowellen schwingen

zu unserem Lebensdrang

Und wir überhören

des Windes Melodien

achten nicht auf

Meeressymphonien

Berechnung des Glücks mittels
kaufmännischem Kettensatz

Wie viel Glück entspricht ein Leben?

Ein Leben – entspricht – mindestens drei Jahre Leid

ein Leiden – entspricht – meistens nur Mitleid

Mitleid – entspricht – oftmals drei Tage Gram

Gram – entspricht – lange Zeit der Unzufriedenheit

Unzufriedenheit – entspricht – mehrere Wochen Hoffnungslosigkeit

Hoffnungslosigkeit – entspricht – monatelanger Depression

Depression – entspricht – viele Stunden Ärger

Ärger – entspricht – schlaflose Nächte voller Wut

Wut – entspricht – zu viel Zeit der Sinnlosigkeit

Sinnlosigkeit – entspricht – jahrelanger Trauer

Trauer – entspricht – kein bisschen Glück

Also wie viel Glück entspricht ein Leben?

Pi

Politik ist wie Pi

Man braucht Pi bei

jeder Kreisberechnung

Politik dreht sich im Kreis,

wer auch immer sie macht

Und Pi ist immer dabei

Pi ist immer gleich;

bei jedem Kreis,

egal ob groß oder klein

Pi aufgerundet ist 3,14

Mathematisch gesehen ist 3,14

Natürlich “absolut” ungenau,

aber wie in der Politik

lässt man gern die vielen

Nachkommastellen einfach weg

Über Kleinigkeiten wie Pi

spricht man eben nicht

Pi ist Pi

sonst nichts

Blutiges Feuerwerk

Feuerwerk

Die Nacht erhellend,

die Dunkelheit durchbrechend

Feuerwerk

Nicht aus Freude am Leben im neuen Jahr,

sondern aus Hass, der das Leben auslöscht und vernichtet.

Blutiges Feuerwerk

Jeder den Atem anhält, der an dich denkt.

Feuerwerk

Auch wenn am Ende für “Einen” steht der Sieg,

ist es doch nichts weiter als ein schmutziger, grausamer Krieg.

Krieg

Du machst Städte dem Erdboden gleich.

Du vergießt Tränen und Blut ganzer Nationen.

Du zerstörst Leben und versetzt so manchen Berg,

du - blutiges Feuerwerk.

Wege

Deswegen – gewichtig

Wegfahren – der Sonne entgegen

auf Abwegen – wandeln

den Weg abkürzen – die Zeit eilt

vom Weg abkommen – bedrohte Sicherheiten

dunkle Wege – in das Nichts

jemanden bewegen – etwas zu sagen

Wegbereiter – mit besten Beziehungen

beweg dich – dann ist Leben

Wegweiser – Hinweis auf ein Ziel

Ausweg – Rettung

am Wegesrand – ein Blümlein stand

Wegkreuzung – geheiligte Straßen

beleuchtete Wege – im Labyrinth

Wegbeschreibung – Zielanvisierung

unbekannte Wege – Faszination des Fremden

wegbleiben – dableiben

den Weg ebnen – Planierraupen dröhnen

Rückweg – nach Hause

den Weg beschreiten – herrschaftlich

Waldweg – ein Käuzchen ruft

den Weg bestreiten – Kampf der Giganten

von wegen – das Leben ist lang

geh deiner Wege – auf Wiedersehen

den Weg abschneiden – Schnipp, schnapp

den Weg gehen – so oder so

verbotene Wege – Vorsicht, bissiger Hund

Zuwege – zum Nirgendwo

breiter Weg – viele Menschen

schmaler Weg – Bedrängnis

gar kein Weg – und jetzt?

weggehen – wohin

Krankenhaus

Müde steife Gebeine schleppen sich Gänge hin und her.

Weißgekleidete hetzen umher.

Dann der Schlachttag, rot und schwer.

Für die, die dran sind um so mehr.

Visiten danach, ist alles gut?

Trauer wenn nicht, Verlierer verlieren den Mut.

Glück, wenn Freunde und Verwandte,

beste Wünsche bringen und Langeweile vertreiben.

In der Nacht aufgeschreckt, aber bekannte

Notfälle, Aufregung, Stücke fallen aus den Lebensscheiben.

Dann immer wieder warten und hoffen,

auf Genesung, manche auch fast besoffen.

Immer wieder Tag aus Tag ein,

Fieberthermometer, Essen und Trinken geben sich ein Stelldichein.

Auch wenn absolut mal nichts passiert,

die fortlaufende Arbeit die Schwestern doch desodoriert.

Nichtsdestotrotz, ein Lächeln im Leben immer hilft,

Patienten, Ärzte und Schwestern auch nur Menschen sind.

Und weiter geht’s` mit der Wissenschaft am menschlichen Körperbau,

ja, ja, du Krankenhaus,

du bist krank und schlau.

Seelentiefen

Im Verborgenen schlummert das Unbekannte

In dunklen Gängen und Höhlen,

macht uns das Angst, was wir nicht enträtseln können.

Im Versteckten liegt das Unterdrückte

Umgeben von wallenden Nebelschwaden und Rauchwolken

Nicht Materie und doch vorhanden, quält es unser Unterbewusstsein

Im Verdeckten warten die Träume

In grellem Sonnenlicht oder fahlem Sternenschein

durchqueren sie Dimensionen und Sphären

Im Verhüllten liegt die Hoffnung, sind Wünsche

Eingeschlagen in den wehenden Tüchern

der Lüge und der Enttäuschung

Seele,

gegeben mit der Geburt,

hin- und hergeworfen, zerrissen und wieder zusammengefügt im Leben,

genommen und entflogen im Tode

Die Tiefen der Seelen sind unergründbar

Einer lässt niemanden an sie heran - verschlossene Seele

Andere Lassen mit ihr spielen - bedrückte Seele

Einer schüttet seine im Überfluss aus - zu kleine Seele

Andere fressen alles in ihre hinein - brodelnde Seele

Einer behauptet er hätte keine - unterdrückte Seele

Andere hofften sie Hätten eine - verborgene Seele

Einer spürt ihr Gewicht - beschwerte Seele

Andere tragen ihre im Gesicht - entblößte Seele

Einer würde seiner am liebsten einen Tempel bauen - vergoldete Seele

Andere ziehen ihre in den Schmutz - befleckte Seele

Einer behütet, pflegt und umhegt seine - reine Seele

Andere bekämpfen ihre - gestrauchelte Seele

Einer trauert seiner nach - tote Seele

Andere finden ihre in sich wieder - entdeckte Seele

Wir werden sie nie in Händen halten und betrachten können.

Sie nie durchqueren und bewerten können

Nie ihre Tiefen erforschen können

Halte sie, spüre und fühle sie in Dir

Lebe mit ihr, stirb mit ihr

Seelenwirtschaft

Der Teufel holt sich welche

Die Kirche will sie alle für sich

Der Arzt weiß nicht wo sie im Körper zu finden ist

Der Mörder hat keine

Oder doch?

Der Soldat steht mit seiner auf Kriegsfuß

Die Verliebten glauben ihre im siebenten Himmel

Der Reiche schließt seine in einen Tresor ein

Auf Nimmer-Wiedersehen!

Der Arme begräbt seine unter einer Brücke

Wie gut, dass sie nicht sichtbar ist

Wie gut, dass sie nicht zu verschenken ist

Wie gut, dass sie nicht mit Gold aufzuwiegen ist

Sonst gäbe es genauso ein wildes Gerangel um sie

wie um Herzen und Nieren für Transplantationen

Zeitvergehen 1

Einst war’s mir gleich

Umweltverschmutzung, Atomversuche und Ozon

Wichtig war etwas ganz anderes

Schreit eine Schnecke, wenn man sie mit einem Stein zermatscht?

Was macht eine Maus, wenn man sie bespuckt?

Kann eine Spinne mit nur einem Bein noch gehen?

Sehr wichtige Fragen

für einen Jungen

der nahe dem Wald lebt

Zeitvergehen 2

Vor Jahren war’s mir echt egal

das Asylanten in Deutschland leben

das der Paragraph 175 nichts zum Essen ist

das Bosnien in Jugoslawien war

und das Mercedesaktien gewaltig fallen können

Viel wichtiger

war mir meine Freundin Doris

waren mir die Spiele mit ihr im Garten

war mir mein Bauch der nicht hungern sollte

viel Wichtiger

als Lesen und Schreiben

als aufpassen und gerade sitzen

als Tests und Schulaufgaben

viel wichtiger für einen Jungen

der was im Schädel hat

sich aber fragt - was?

Zeitvergehen 3

Solange her, ist es, als es noch unwichtig war

ob jemand in Vietnam stirbt oder nicht

ob irgendein Herr Schleyer entführt wird und warum

ob Mogadischu eine neue Pralinensorte ist oder nicht

ob Papa Überstunden kloppen muss und Oma Heimarbeit

Aber interessiert war ich

an 40 cm weiten Hosenbeinen

an orangefarbenen, großgemusterten Tapeten

an „unsere“ Königin Silvia

an ABBA-Musik und Disco-La-la-la

an Alkohol, Zigaretten, und Hasch

und natürlich an Flower-Power-pop-up-Cola

denn alles war in Afri-Cola

Das alles war von großem Interesse

für einen Jugendlichen

der in Kinderdiscos rumhing

Zeitvergehen 4

Schon eine Ewigkeit her, ist die Zeit,

in der vieles für mich undurchschaubar war

als unsere buntbekleckste Mauer noch stand

als ein Herr Schmidt noch freundlich Pfeife im Fernsehen rauchte

als man noch Angst vor Russland hatte

als man noch kaum etwas von chinesischer Menschenwürde gehört hatte

als man noch zu Friedensdemos und Antifa-Treffen ging

Da habe ich voll auf Lustig gemacht

da lag ich voll auf der „Neuen Deutschen Welle“

ein „Da-Da-Da“ riss alle mit

Nena war keine Schokolade, aber trotzdem unheimlich süß

Das alles war absolut in

für einen jungen Mann

der noch rätselte

ob er schwul oder Hetero sei

Zeitvergehen 5

Erst gestern geschehen und schon vergessen

der Golfkrieg

der Krieg in Bosnien

die Ölplattformversenkungs-Verhinderung

die französischen Atomversuche

die Filme: Schindlers Liste und Der Priester

das Kondom und AIDS

Da mach ich wieder auf ganz Lustig

sehe mir Batman 3 und Casper im Kino an

rave auf Mayday-Partys zu Techno-Tracks

dröhn mich zu mit Extacy und Speed

und will immer gut drauf sein...

Das ist jetzt angesagt

für einen Mann Anfang 30

der schon in Midlifecrisis-Gefühlen

der Jugend nachweint

Zeitvergehen 6

Erst morgen setz ich mich hin und denk`

warum Kohl immer noch Kanzler ist

warum mir das Ozon Krebs beschert hat

warum es keine Wale mehr gibt

warum keine Ausländer mehr in Deutschland leben

warum die Nordsee – Öl-See heißt

warum die Chinesen Russland überrennen konnten

warum Australien unterging

warum bald wieder Dinos statt Menschen auf der Erde leben werden

Aber das ist ja erst morgen

Im nächsten Jahrtausend

Europa

Noch immer gibt es

die Spaghettifresser

die Polskies

die Spanucken

die Spinfins

die alten Schweden

die Käseroller

die Franzmänner

die Kanaken

die Muselmänner

irgendwann nur noch den Europäer

und hoffentlich bald nur noch Menschen

schlafen wir noch mal ‘drüber

Verkehrs-Chaos

Ich konnte noch im Wald und Schrebergarten

spielend tollen und verweilen.

Aß wilde Beeren und Kirschen beim Warten

auf Männer mit Äxten und Beilen.

Die schlugen drauf, auf alles was sie fanden.

Mischten, formten und bauten, wie im Wahn.

Bäume, Wiesen und Erde die wir kannten -

begraben Asphalt und Beton, ganz nach Plan.

Der Gefahr nicht bewusst sein, in der Natur,

beim Klettern auf glitschig bemoosten Bäumen.

Spielen in Wäldern, an Quellen, hautnah und pur.

Davon können Kinder heut’ nur noch träumen.

Autos, Beton und Straßen in Teer

sind die neuen Spielplätze der Kleinen.

Menschenmassen, Gewühl im Großstadtverkehr,

lassen keine Zeit die Natur zu beweinen.

Spielende Kinder an dicht befahrenen Straßen.

Eine Mutprobe ist, an die andere Seite zu gelangen.

Ohne zu gucken auf die Fahrbahn, aus kleinen Gassen,

hinter parkenden Autos hervor, mit glühenden Wangen.

Das Risiko wächst von Tag zu Tag,

immer schwerer noch Freiräume zu erreichen.

Der Wahnsinn geht weiter, auch wenn es keiner mag.

Erst wenn ein Kind überfahren, können wir erbleichen.

Vereintes Europa

Oh, Schreck

die Identität ist weg

gerade hatte ich sie wieder

sang die guten deutschen Lieder

jetzt ist alles weg

oh, Schreck

Ein Europa, soll erwachsen

Regierungen darüber wachen

alle Länder werden eins

ist das - das Hexeneinmaleins?

Schon ein Fußballspiel nährt Fanatismus

die Masse ist’s, mit der man mit muss

Und die läuft ziel- und planlos rum

zu dumm, zu dumm

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
08 июля 2025
Объем:
76 стр. 11 иллюстраций
ISBN:
9783961121045
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

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