Читать книгу: «Gier auf der Waagschale»
Inhaltsverzeichnis
– I –
BLAUES BLUT
– II –
EIN FREIHERR ALS RICHTER
– III –
DAS RICHTERAMT
– IV –
EIN HAI IM FISCHBECKEN
– V –
ALENA
– VI –
DER ABSTURZ
– VII –
DER SCHWANZ DES TEUFELS
– VIII –
DER BÜßER UND SEIN BEICHTVATER
– IX –
NEUE BESEN KEHREN GUT
– X –
POST IM ADVENT
– XI –
IM STILLEN WEINGARTEN
– XII –
UNTERSUCHUNGSHAFT
– XIII –
ZU GRÖßEREM BESTIMMT
– XiV –
EIN ALTER FEIND
– XV –
DER PROZESS
– XVI –
DER LOKALAUGENSCHEIN
– XVII –
WIE MAN SICH ERSCHIESST
EPILOG
Prim. i. R. Med. Rat. Prof. Dr. Dietmar Steinbrenner
Copyright

Narzissten werden nicht geboren, sondern gemacht!
Narzissten leiden an Empathiemangel, neigen zu
Übertreibungen, Lügen, Täuschung und Selbsttäuschung.
Mit Kritik und Zurückweisung können sie nicht umgehen,
fallen dann entweder in Depression oder werden aggressiv.
Sie sind überheblich, arrogant und ausbeuterisch anderen gegenüber.
Pathologische Narzissten können dadurch
sogar zu Mördern werden.
Bei der Lektüre dieses Buches werden Sie auf einen
pathologischen Narzissten stoßen, dessen Kindheit ihn
zu dem gemacht hatte, was er war, denn er wurde nicht
als Narzisst geboren.
Etwas stimmte nicht mit dem dicklichen Mann, der Ende November 1983 das Eiles betrat, seinen Hut abnahm und kurz innehielt. Der seine Augenlider fest aufeinander presste und den abgestandenen Zigarrenrauch tief einatmete, so als hätte er seit einer Ewigkeit keinen richtigen Atemzug mehr genommen. Der sich kurz in dem Wiener Caféhaus umsah und jedes Möbelstück und selbst die Rauchschwaden ungewöhnlich lange musterte, wie um sich zu vergewissern, dass er nicht in eine andere Dimension abgerutscht war. Herrn Karl fiel es sofort auf, dass da irgendetwas nicht stimmte. Er kannte den Stammgast schon seit Jahren, er kam regelmäßig ins Eiles, setzte sich immer an den gleichen Tisch und bestellte immer das Gleiche: ein Glas Sherry Oloroso. Normalerweise war der Mann immer sehr zielstrebig und gefasst. An diesem Morgen sah er zum ersten Mal so aus, als würde er möglicherweise einen Doppelten bestellen. Der Mann nickte ihm kurz zu, marschierte direkt zu seinem Stammtisch in einer Ecke des Cafés, setzte sich seufzend nieder, lockerte seine Krawatte und fuhr sich über den kahlen Kopf. Auch das machte Herrn Karl stutzig, so viel Emotion hatte der Mann in all den Jahren noch nie gezeigt. Normalerweise wartete Herr Karl immer ein paar Minuten, manchmal auch zehn, bevor er die Bestellungen von neuen Gästen aufnahm. Er wollte sie ankommen lassen und nicht sofort belästigen. Das Eiles war schließlich keine Rennbahn und schon gar kein Wirtshaus. Diesmal ging er aber gleich zu seinem Gast, sah er doch so durstig aus.
„Schwere Nacht gestern? Das Gleiche wie immer?“, fragte er lapidar. Die prompte Bedienung schien den blassen Mann, der sich gerade mit geschlossenen Augen die Schläfen rieb, zu überraschen. Er schrak hoch und lächelte unsicher.
„Was? Nein. Also, ja. Einen Oloroso bitte.“
Herr Karl nickte so ausführlich, dass er sich fast verbeugte. Der Mann sah etwas ungepflegter aus als sonst. Auch das war untypisch. Auf dem Revers seines Sakkos konnte Herr Karl einen eigenartigen Fleck erkennen.
„Einen Doppelten?“, wollte er sich empathisch zeigen.
„Nein danke.“
Der Kellner nickte und ging wieder Richtung Theke. Hätte Herr Karl die Gedanken dieses Mannes lesen können, hätte er die Gründe für dessen fahriges Verhalten gewusst, wer weiß, hätte er an diesem Abend nachgebohrt, den Mann genauer unter die Lupe genommen, vielleicht hätte er vielen Menschen einiges an Kopfschmerzen erspart. Aber das kam ihm gar nicht in den Sinn. Wo kämen wir da hin, wenn sich ein anständiger Bürger in einem Wiener Caféhaus nicht mehr entspannen kann?
So saß der blasse Mann wenig später mit einem Glas Sherry Oloroso in der Hand da, starrte aus dem mit schweren, vergilbten Vorhängen verhangenen Fenster neben seinem Tisch auf das Schneetreiben hinaus und wälzte seine Gedanken. War er zu weit gegangen? Nein, sein ganzes Leben lang hatte er sich gegenüber niederträchtigen Neidern und gemeinem Gesindel behaupten müssen. Damit war jetzt Schluss, ab jetzt würde ihm niemand mehr streitig machen, was ihm zustand. Dafür hatte er gesorgt. Er hatte dafür sorgen müssen! Hätten sie ihn nicht alle so weit getrieben, hätten sie ihn nicht bis zum Letzten herausgefordert, dann hätte es gar nicht erst soweit kommen müssen.
– I –
BLAUES BLUT
Viele Menschen haben nach den Ereignissen in den Jahren 1983 und 1984 versucht, diesen blassen Mann besser zu verstehen. Doch um zu verstehen, wie es dazu kam, dass er an diesem verschneiten Dezembertag im Eiles saß, musste man zuerst Hildegard Chvala verstehen. Sie war gerade zwanzig Jahre alt gewesen, als sie nach dem zweiten Weltkrieg eine Stelle als Schreibkraft am Landesgericht für Zivilrechtssachen in Wien ergattert hatte. Nach ihrem Abschluss an einer für ihren Geschmack zweitklassigen Handelsschule und einer kurzen Zeit als Angestellte bei einer Großhandelsfirma hätte sie auch eine Stelle als Sekretärin in einer beliebigen Wiener Anwaltskanzlei als einen Aufstieg empfunden, aber der Justizpalast war für sie wie ein Lottogewinn. Sie fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben wohl. Sie fühlte sich, als wäre sie endlich angekommen. Ihr Vater, der selbst Vorarbeiter in einer Weberei war, war damals sehr stolz auf sie.
„Du brauchst etwas Sicheres“, hatte er immer gesagt, „schau doch, dass du zum Staat kommst.“
Nun hatte sie seinen Wunsch erfüllt, und dementsprechend groß war seine Freude, als Hildegard ihm strahlend von ihrem neuen Arbeitsplatz erzählte. Aber die Sicherheit und die gute Bezahlung, die Beamten damals zugutekamen, waren für sie zweitrangig. Für sie war diese Stelle mehr als das. Hildegard hatte sich in ihrem Leben schon immer fehl am Platz gefühlt. Die ärmlichen Verhältnisse, in denen sie mit ihren Eltern und Großeltern aufgewachsen war, hatten in ihr schon früh ein Verlangen nach mehr geweckt. Ihr neuer Arbeitsplatz bei Gericht bestätigte nur, was sie schon immer von sich gedacht hatte: Hildegard war zu Besserem bestimmt. Sie fühlte sich wohl, wenn sie am Morgen die Stufen zum Haupteingang des Justizpalastes hinaufschritt, vorbei an den zwei gewaltigen, steinernen Löwen, hinein in die riesige, marmorgetäfelte Eingangshalle. Schon das erste Mal, als Hildegard die prächtige Statue der Justitia sah, die in der großen Halle am Kopf einer massiven Treppe thronte, fühlte sie sich zu der steinernen Göttin der Gerechtigkeit hingezogen. Das ganze Gebäude strotzte vor Macht und Größe, und genau hier gehörte Hildegard Chvala hin. Sie wurde mit Begeisterung ein Teil der Gerichtsmaschinerie, in der täglich über die Klagen dutzender ihrer Mitmenschen verfügt wurde. Und dabei spielte sie eine wesentliche Rolle. Damit der Gerechtigkeit täglich genüge getan werden konnte, brauchte es damals ein regelrechtes Heer an Stenografinnen und Maschinschreiberinnen. Sie tippten Reinschriften, sorgten für ordentlich geführte Akten, erledigten den Schriftverkehr, führten Verhandlungskalender, kurzum: Sie hielten den gesamten Apparat am Laufen. Hildegard nahm ihre Aufgabe sehr ernst, und so wurde sie rasch zu einer geschätzten Hilfskraft am Landesgericht. Die Anerkennung, die ihr die wichtigen Herren Anwälte und Richter für ihre akribische Arbeit erbrachten, schmeichelte ihr. Noch mehr aber genoss sie die Ehrfurcht, die ihr die normalen Bürger in den Hallen der Justitia entgegenbrachten. Wenn sie sicheren Schrittes durch die Gänge marschierte, konnte sie die Beklommenheit in den Gesichtern der Wartenden sehen und fast spüren. Hier wurde über die Klagen der Menschen entschieden, ja geurteilt! Und Hildegard war ein Teil dieses Urteilsprozesses. Sie hatte es mit zwanzig Jahren zur erhabenen Amtsperson geschafft.
Nur wenige Jahre, nachdem Hildegard Chvala als Schreibkraft angefangen hatte, lernte sie ihren künftigen Mann kennen. Sie wurde auf einen unauffälligen, eher zurückgezogenen Gerichtsrat namens Wolfgang Freisinn-Wartenau aufmerksam. Er war Ende vierzig, kaum mittelgroß und hatte beileibe nicht die Maßfigur eines Herzensbrechers, aber er war gebildet und konnte durchaus lustig sein. Außerdem gefiel ihr sein adeliger Name, auch wenn er in republikanischen Zeiten auf dem Papier zu einem Doppelnamen mit Bindestrich verkommen war. Von Liebe hätte Hildegard vermutlich nicht gesprochen, dennoch fanden die beiden zueinander. Innerhalb eines Jahres heirateten Hildegard und Wolfgang. Sie zog zu ihm in die geräumige Altbauwohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk, die er von seinem Vater zum spottbilligen Friedenszins übernommen hatte, und schon zehn Monate später wurde die Ehe mit einem Sohn gesegnet. Ganz in der Tradition des österreichischen Beamtenadels taufte ihn Hildegard auf Franz-Josef. Von diesem Moment an war ihr Glück vollständig. Nicht einmal der unerwartete Tod ihres Mannes ließ sie zwei Jahre später länger als einige Wochen trauern, so sehr konzentrierte sie sich auf ihren Sohn. Um sich dem Kleinen voll und ganz widmen zu können, kündigte Hildegard mit dreißig Jahren am Landesgericht. Als adelige Witwe eines Richters würde es ihr an nichts mangeln. Sie würde Franz-Josef zu einem außergewöhnlichen Menschen erziehen. Er würde all das werden, was sein Vater niemals war: ein brillanter Jurist, der angesehenste Richter im ganzen Justizpalast, eines Tages vielleicht sogar Gerichtspräsident.
Was Kindererziehung anging, gab es schon immer verschiedenste Ansätze. Manche Eltern versuchen, ihre Kinder von dem Moment an, an dem sie unsere Welt betreten, als eigenständige Menschen zu behandeln. Sie versuchen, ihre Talente zu fördern, ohne sie zu drängen, wollen ihnen über ihre Ängste hinweghelfen, ohne sie zu zwingen. Hildegard Chvala gehörte nicht zu diesen Eltern. Sie formte ihren Sohn von Anfang an wie ein Stück Ton. So wie sie es sah, war die Angelegenheit einfach: Ein Säugling war ein leeres Blatt Papier. Alles, was es brauchte, um diesen neuen Menschen zu einem produktiven, fleißigen und hochwertigen Mitglied der Gesellschaft zu machen, war die richtige Füllfeder, die richtige Hand. Ein billiger Kugelschreiber konnte auch auf teurem Pergament nur Schund produzieren. Eine feine Feder aber konnte auch auf billigem Papier Unschätzbares zaubern. Eltern vermittelten ihren Kindern schließlich die ersten und prägendsten Eindrücke. Sie waren die Götter, denen die Kleinen Glauben schenkten.
Hildegard lebte ihrem Sohn von Anfang an das Leben einer elitären Gesellschaftsschicht vor. Dass dieses Gehabe schon damals antiquiert war, schien ihr immer herzlich egal zu sein. Sie legte großen Wert auf Manieren und ein für einen Adeligen angemessenes Gebaren. Dass Franz-Josef dadurch mit vierzehn Jahren schon eine alte Seele war, zeigte ihren Erfolg. Als der Turnlehrer einmal etwas an seiner sportlichen Leistung auszusetzen hatte, blieb der kleine Bub selbstsicher.
„Das macht nichts, schon bei den Römern haben die Reiter über Fußsoldaten triumphiert.“
Er war strebsam, intelligent und hatte einen außerordentlichen Sprachschatz. Dafür waren ihm Rücksicht und Empathie fremd, betonte seine Mutter doch immer wieder, dass derartige Gefühlsduseleien einen gemachten Mann nur zurückhalten konnten. Dass seine körperlichen Leistungen zu wünschen übrig ließen, war nicht der Rede wert. Sportliche Leistung war ohnehin zweitrangig, wie seine Mutter meinte. „Das braucht dich nicht zu interessieren. Fußball ist etwas für Proleten. Dein Geist ist dein wichtigstes Instrument.“ Der Bub legte schon früh eine gewisse Überheblichkeit an den Tag, die nicht immer ohne Folgen blieb. Eines Tages kam Franz-Josef weinend nach Hause, nachdem ihn der Geografielehrer Herr Rednicek einen kleinen Snob genannt hatte. Er erinnerte sich später noch des Öfteren an die Worte seiner Mutter.
„Menschen unterer Gesellschaftsschichten sind eben neidisch, mein Sohn. Dieser Herr Rednicek ist ja sowieso als mieser Sozi bekannt. Er kommt aus kleinen Verhältnissen, er kann ja gar nicht anders. Ärgere dich nicht.“
Um ihrem Kind ihr Weltbild glaubhaft zu machen, scheute Hildegard keine Lüge. Ihren eigenen Vater, der Vorarbeiter einer Weberei gewesen war, machte sie in Erzählungen zum Abteilungsleiter. Sie selbst war natürlich, wenn sie ihrem Sohn von ihrem Leben erzählte, auch keine einfache Schreibkraft gewesen. Sie hatte die Leitung einer Gerichtsabteilung übergehabt. Alles, was nicht in ihr Selbstbild passte, in ihr neugewonnenes Leben, wurde bedenkenlos geschönt. So zimmerte sich Hildegard Freisinn-Wartenau eine Biografie zurecht, die ihr angemessen schien. Aber so sehr sie sich auch bemühte, ihrem Sohn die kleinen und auch die großen Lügen möglichst glaubhaft zu machen, hie und da fielen Franz mit der Zeit Ungereimtheiten auf. Seine Mutter zu hinterfragen, wäre ihm im Traum nicht eingefallen, also blieb ihm nur ein einziger Schluss. Unliebsame Wahrheiten musste man nicht akzeptieren, sondern verändern. Jeder konnte sich seine Wirklichkeit selbst konstruieren, wenn er es nur geschickt anging.
Hildegard hatte ihren Sohn derart im Griff, dass es auch in dessen Pubertät zu keinen Aufständen kam. Als seine Schulkameraden auf Skikurs fuhren, meldete ihn seine Mutter prompt krank.
„Was willst du denn dort?“, fragte sie ihn damals, „für Polsterschlachten, Alkoholexzesse oder andere Dummheiten bist du doch viel zu reif.“
Er stimmte seiner Mutter zu. Auch als Franz-Josef schließlich mit Auszeichnung maturierte und die Klasse eine Maturareise organisierte, war er nicht mit dabei. Stattdessen fuhr er mit seiner Mutter nach München, um dort eine Woche lang Museen, Theatervorstellungen und Konzerte zu besuchen. Während seine Mitschüler ihre ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machten, teilte er sich ein Bett mit Mama. Sie war sehr stolz auf ihren gut geratenen Sohn.
– II –
EIN FREIHERR ALS RICHTER
Es war Herbst 1962, als der achtzehn Jahre alte Franz-Josef Freisinn-Wartenau in Wien am Ring aus einer Straßenbahn ausstieg und vor der Hauptuniversität stand. Er wirkte fast ein bisschen verloren, schmächtig und klein vor den großen, geschwungenen Treppen des Haupteingangs. Er war nervös. Was, wenn seine Mutter sich doch geirrt hatte? Wenn das Studium der Rechtswissenschaften doch nicht seine Bestimmung war und er vielmehr zum Tischler geeignet war? Vielleicht hätte er doch den Grundwehrdienst ableisten sollen. Seine Klassenkameraden hatten gemeint, das bilde den Charakter. Er zupfte an der Krempe seines schwarzen Hutes, den ihm seine Mutter zur Matura geschenkt hatte. Unsinn. Mama wusste, was am besten war. Sie hatte bis jetzt noch immer recht behalten. Er sollte dankbar sein, dass Mama ihn davor bewahrt hatte, beim Militär monatelang angebrüllt und gedemütigt zu werden. So etwas war unter seiner Würde. Dass ihm in dem Gefälligkeitsgutachten, das seine Mutter von einem befreundeten Arzt für ihn organisiert hatte, allergisches Asthma attestiert wurde, war ihm zwar unangenehm, aber am Ende hatte es funktioniert, und nur das zählte. Er umklammerte seine Aktentasche fest mit dem rechten Arm, nahm seinen Hut in die linke Hand und betrat die Universität. Zu seinem Wohlwollen fiel ihm sofort auf, dass seine künftigen Kommilitonen ordentlich gekleidet waren. Keiner der anderen jungen Herren war ohne Krawatte erschienen. Hier konnte er nicht falsch sein. Er ging zunächst auf der Suche nach der Fakultät für Rechtswissenschaften etwas unsicher durch die Gänge, fand aber bald einen Lageplan und gelangte kurz darauf zur zuständigen Stelle für Neueinschreibungen. Vor dem Zimmer konnte er hören, wie drinnen ein wahres Gewitter an Tastenanschlägen grollte. Er musste an die Geschichten seiner Mutter denken. Sie hatte ihm oft erzählt, wie viel sie in ihrer Abteilung bei Gericht immer zu tun gehabt hatte. Wie sie einen Raum voller Schreibkräfte bei Ordnung halten hatte müssen. Franz klopfte kurz, dann öffnete er die Tür und trat ein. An einem mit Schreibutensilien und Papier vollgeräumten Tisch gegenüber der Tür saß eine untersetzte Frau mit gekräuselten, aschblonden Haaren und einer dicken, runden Brille. Sie war die einzige in dem Zimmer. Ihre runden Gläser erinnerten ihn an Insektenaugen. Überhaupt glich die Dame einer Gottesanbeterin, die Ellbogen hatte sie nach oben gerichtet und bearbeitete so die Schreibmaschine. Nach ein paar Sekunden unangenehmer Stille sah sie von ihrem Dokument auf, ohne den Kopf zu bewegen. „Was denn jetzt? Brauchen Sie etwas?“
Er räusperte sich verlegen.
„Grüß Gott, ich bin hier, um mich einzuschreiben. Für Rechtswissenschaften“, verkündete er feierlich.
Die Gottesanbeterin sah ihn ungläubig an. „Ja ist schon recht, aber da müssen Sie bitte draußen auf dem Gang hinter den anderen Platz nehmen. Sie werden dann aufgerufen.“
Sie hob den rechten Zeigefinger, ohne die Hand von der Tastatur zu nehmen, und deutete auf den Gang hinaus.
Franz senkte den Kopf und verließ das Sekretariat. Tatsächlich warteten fünf angehende Studenten auf ordentlich aufgereihten Stühlen vor dem Zimmer auf dem Gang. Er war so zielstrebig gewesen, er hatte sie gar nicht bemerkt.
„Tür!“, zischte die Insektenfrau hinter ihm.
Er schloss die Tür behutsam, ging schweigend an den anderen vorbei und setzte sich auf einen der hellbraunen, stoffbezogenen Sessel.
„Ganz schön grantig, die Gute. Nicht wahr?“, raunte sein Sitznachbar.
Franz sah verlegen zu ihm auf. Sein Nachbar hatte dunkelbraune, kinnlange Haare, die gar nicht zu seinem kantigen Gesicht passten.
„Ja, sie scheint etwas ungehalten“, erwiderte er und lächelte gequält.
„Naja, sie sitzt den ganzen Tag hier in dieser Kammer, da muss man ja schlechte Stimmung haben“, sinnierte der Bursche weiter.
Nach einer kurzen Pause beugte er seinen Kopf näher zu Franz, woraufhin dieser etwas zurückwich.
„Wahrscheinlich ist sie einfach unbefriedigt“, raunte er leise.
Franz wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
„Du weißt schon“, der Bursche bewegte zwei Finger in der Luft, als würde er etwas reiben.
Franz sah auf den Boden. „Nein, ich weiß nicht.“
Ihm war nicht klar, wovon sein Sitznachbar sprach, aber er hatte keine Lust mehr, weiter mit ihm zu reden.
„Ungeöltes Getriebe quietscht eben.“
Der kantige Mann lachte leise und klopfte Franz auf die Schulter, der reflexartig zusammenzuckte und den Fremden zornig ansah.
„Das ist wohl wirklich nicht passend. Und lustig ist es auch nicht. Lassen Sie mich in Frieden.“
Die Situation war ihm peinlich, er kannte diesen Mann doch gar nicht. Was, wenn den unverschämten Herren am Ende noch jemand hörte? Der Sitznachbar setzte mit einem Grinsen im Gesicht zur nächsten Bemerkung an, da unterbrach ihn Franz scharf. „Jetzt ist es wirklich genug.“
Der Fremde sah ihn kurz stutzig an, dann schüttelte er den Kopf und wandte sich ab. Das hatte sich Franz anders vorgestellt. Zuerst beflegelt und dann noch vulgär angeredet, und das in der Ausbildungsstätte für die Richter und Anwälte des Landes. Als er später nach Hause kam und seine Mutter am Fauteuil sitzend und lesend im Wohnzimmer antraf, erzählte er ihr nichts von diesen Enttäuschungen. Er erzählte ihr, er sei mit offenen Armen empfangen worden und hätte gleich Freunde gemacht.
Im Laufe des Studiums wurde es für Franz-Josef nicht leichter, was seine Mitmenschen anging. Er fand keinen richtigen Zugang zu seinen Kommilitonen. Die meisten empfand er als frech, vorlaut und grob. Die Fakultät für Rechtswissenschaften hätte man damals nicht gerade einen Hafen für revolutionäres Gedankengut genannt. In diesem Umfeld stellten junge Männer die Welt ihrer Väter kaum in Frage, eher versuchten sie den Familienoberhäuptern nachzueifern. Frauen waren in der Minderheit. Die wenigen Studentinnen, die durch die Gänge der Universität spazierten, trugen Rock und Bluse und wurden den ganzen Tag lang von ihren männlichen Kollegen angeflirtet. Von Studentenprotesten war nichts zu spüren, eher wollten die angehenden Anwälte möglichst schnell zu einem Abschluss kommen, um ihre eigene Karriere starten zu können. Und doch, selbst in dieser konservativen Umgebung stach Franz-Josef hervor. Er gab sich immer etwas zu korrekt, was seine Altersgenossen unter Spaß verstanden, waren für ihn ungehobelte Frechheiten und billiger Gossenhumor. Wenig überraschend kam sein geziertes Gehabe bei anderen jungen Studenten nicht sonderlich gut an. Dazu kam, dass er aussah, als wäre er direkt vom Hof des letzten Kaisers angereist. Hut, Schal, Mantel und Aktentasche hatte er immer bei sich. Sein blasses, rundliches Gesicht wirkte durch seine dicke Hornbrille noch runder. Obwohl er keine Freunde hatte, war er doch schnell jedem seiner Studienkollegen ein Begriff. Sie vermuteten in ihm einen eitlen, besserwisserischen Snob, der sich zu gut für ihresgleichen war. In seinen Augen strahlte er Unnahbarkeit und Überlegenheit aus, weswegen es ihm auch kaum etwas ausmachte, dass ihn Gleichaltrige mieden.
Das erste Jahr ging vorbei, und Franz-Josef hatte sich an der Universität gut eingelebt. Mit seinen Abgaben war er stets pünktlich, bei Vorlesungen war er strebsam und wach. Klubs oder studentischen Vereinigungen blieb er bewusst fern, bei abendlichen Trinkgelagen traf man ihn nie an. Hochmütig blieb er der stolze Außenseiter, schloss keine Freundschaften und litt heimlich unter dem Spitznamen, den man ihm bald verpasste: Franzpepi, die jungfräuliche Greisin. Er tröstete sich damit, dass diese gemeine Verballhornung nur die Erfindung neidischer Proleten sein konnte, denen sein schöner Adelsname ein Dorn im Auge war. Seine Apanage besserte er durch Nachhilfe für Studienversager auf, von denen es genügend gab. Auch die besten seiner Kollegen waren im Vergleich zu ihm höchstens mittelmäßig, und so gab es für ihn immer jemanden zu unterrichten. Mit dem verdienten Geld legte sich Franz-Josef eine Pfeife zu, weil er fand, dass sein rundes Kinn dadurch markanter wirkte. Aber bald verleideten ihm der Tabaksaft im Mund und an den Fingern sowie das ständige Putzen der Pfeife diesen Genuss. Er fand Ersatz im Rauchen von Zigarren, die er sich meist am Abend genehmigte. An Wochentagen rauchte er die preiswerte, heimische Marke Großglockner, und zu besonderen Anlässen wie etwa dem Namenstag seiner Mutter gönnte er sich kubanische Romeo y Julieta. Dazu trank er anfangs, wenn er zuhause in seinem Fauteuil saß, Cognac oder Whisky, hatte aber anschließend immer schreckliches Kopfweh und beließ es schließlich bei einem abendlichen Glas Sherry Oloroso. Grundsätzlich ging es Franz-Josef gut mit diesem Lebenswandel, er war auf bestem Wege, das Jus-Studium in Rekordzeit zu absolvieren. Und doch nagte immer wieder etwas an ihm, wurmten sich nicht zu unterdrückende Bedürfnisse in seine Gedankengänge. Es war an einem lauen Sommerabend 1964, als diese Regungen wieder in seinem Bewusstsein an die Oberfläche kamen. Er saß zuhause in seinem Zimmer und hatte Auszüge aus dem Strafgesetzbuch vor sich auf dem Tisch liegen, daneben ein Glas mit etwas Oloroso und in einem Aschenbecher eine Großglockner. Er hatte die Texte bereits die letzten zwei Stunden studiert und seine Gedanken begannen abzuschweifen. Wenige Tage zuvor war ihm eine Studienkollegin aufgefallen. Zuerst war sie ihm furchtbar auf die Nerven gegangen, weil sie während einer Vorlesung direkt vor ihm gesessen war und ununterbrochen mit ihrer Sitznachbarin getratscht hatte. Er wollte gerade etwas sagen, als sie sich zu ihrer Nachbarin beugte, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Dabei war sein Blick auf ihre beträchtliche Oberweite gefallen. Aus seinem Blickwinkel spannte sich die weiße Bluse der jungen Dame gerade so, dass Franz-Josef für einen kurzen Moment die nackte Haut unter dem Gewand ausmachen hatte können. Dieses Bild hatte ihn verstummen lassen, da war der Moment auch schon wieder vorbei und sie hatte sich wieder dem Vortragenden zugewandt. Aber der Anblick ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. So sehr er auch versuchte, keine frivolen Gedanken zuzulassen, konnte er sich doch nicht helfen. Er rieb sich die Augen und versuchte das Bild des Busens aus seinem Kopf zu verbannen. Was für ein Flittchen dieses Mädchen doch sein musste. Auf so etwas musste eine Dame doch achten, das durfte nicht passieren. Er griff nach der Flasche Sherry, füllte das Glas halb voll und trank es in einem Zug aus. Dann stand er abrupt auf, sammelte sein Portemonnaie und seine Taschenuhr ein, ging in den Vorraum und zog sich seinen Burberry Mantel über, nahm seinen Hut und hatte die Hand schon auf der Türklinke, als er aus dem Wohnzimmer die Stimme seiner Mutter hörte.
„Franz-Josef, was machst du denn?“
Er überlegte. „Ich gehe in ein Konzert, Mama.“
Kurze Stille.
„Welches Konzert? Ohne mich? Wir wollten doch erst nächste Woche ins Akademietheater gehen“, sagte seine Mutter etwas leiser und mit hörbarer Enttäuschung in der Stimme.
Jetzt wurde er ungeduldig.
„Ja, du hast recht, aber heute gehe ich mit Kollegen von der Universität.“
Wieder war es einige Sekunden still.
„Ist das ein guter Umgang für dich?“
Für einen Moment nahm er die Hand von der Türklinke und schloss die Augen. Sofort füllte sich sein Kopf mit dem Spalt in der weißen Bluse. Diesmal wusste sie nicht, was am besten für ihn war.
„Mama, ich komme noch zu spät. Ich erzähle dir nachher alles.“
Er öffnete die Tür und ging.
Obwohl es ein angenehmer, lauwarmer Abend war und eine leichte Brise wehte, war Franz-Josef heiß. Sein Kopf war hochrot, das konnte er spüren. Es fühlte sich an, als würde Heizwasser durch seine Adern gepumpt. Er war sich gar nicht sicher, was er eigentlich tat. Das heißt, tief in sich wusste er ganz genau, was er tat und wohin er gerade ging. Nur den Gedanken hatte er noch nicht ausformuliert, wollte er nicht ausformulieren. Wie ferngesteuert marschierte er durch die Straßen Wiens, von seinem Heimatbezirk Landstraße aus bis in die Innenstadt. Er nahm die Welt um sich kaum wahr, rang immer noch mit sich selbst und wollte sich nicht eingestehen, was ihn überkommen hatte. Eine halbe Stunde später stand Franz-Josef vor einem unscheinbaren Gebäude in der schmalen Sonnenfelsgasse. Um diese Uhrzeit war die Gasse menschenleer. Die Gegend kannte er von kleinen Botendiensten zu einer Anwaltskanzlei eine Straße weiter, die er für einen seiner Professoren übernommen hatte. Dabei war er mehrmals tagsüber durch diese Gasse gegangen und hatte es gesehen, das kleine Schild über der dezent verzierten Tür. Josefine stand da in geschwungenen Lettern auf einem weißen Schild, darunter war ein rotes Herz. Von einem seiner Nachhilfeschüler, der ihn wohl mit frivolen Geschichten ärgern wollte, hatte er erfahren, dass das Josefine ein kleines, intimes Puff war.
„Ich sag dir, da wird höchster Wert auf Professionalität, Hygiene und so weiter gelegt, also wirklich eine feine Sache“, hatte sein Kollege noch kichernd hervorgebracht, bevor Franz-Josef ihn zurechtgewiesen hatte.
Die Tür hatte keine Klinke, nur ein Schloss war außen angebracht. Ansonsten erregte sie kein Aufsehen, auf den ersten Blick würde wohl kaum jemand ein Lusthaus dahinter vermuten. Keine Neonfarben, keine Verzierungen aus Falschgold. Franz-Josef sah sich um und lauschte, ob er etwas von drinnen hören konnte. Stille. Er rieb sich seine inzwischen schwitzig gewordenen Hände und starrte auf die kleine Glocke neben dem Eingang. Dann hörte er etwas. Gelächter hinter der Straßenecke zu seiner Rechten, zwei Frauenstimmen, die sich unterhielten. Blitzschnell drehte er sich nach links und ging beinahe im Laufschritt die Straße entlang. Was hatte ihn nur getrieben? Wie konnte er sich von so einem Flittchen nur zu so etwas hinreißen lassen? Er war doch ein kultivierter Mensch! Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Fast war er schon an der Straßenecke abgebogen, da rief ihm eine Frau hinterher:
„Entschuldigung, Moment!“
Er blieb wie ertappt stehen und drehte sich langsam um. Vom anderen Ende der Straße her kamen zwei junge Damen auf ihn zu, eine von ihnen winkte energisch. Als sie bei ihm angelangt waren, erkannte er sie.
„Hab ich’s mir doch gedacht, der Franzpepi!“
Es war die Freundin, mit der das Mädchen mit der weißen Bluse während der Vorlesung geplaudert hatte. Ihre Begleitung kannte er nicht.
„Ah, grüß Gott die Damen! Ist ja interessant, wo man sich so begegnet.“
Er konnte fühlen, wie sein Herz in die Hose sank. Was wenn diese Tratschtante eins und eins zusammenzählen konnte, sie würde bestimmt bei nächster Gelegenheit dem gesamten Jahrgang davon erzählen, dass „Franzpepi“ ein Puffgeher war. Da war er sich sicher.
„Ich hab dich gleich erkannt“, sagte sie und deutete auf seinen Hut.
Er griff sich an die Hutkrempe. „Hm, ja. Ich glaube, wir haben uns im Grunde noch gar nicht vorgestellt“, stammelte er.
Sie schlug sich auf die Stirn. „Entschuldige bitte, du hast natürlich recht. Darf ich vorstellen, das ist meine gute Freundin Eva, sie ist aus Hannover zu Besuch“, sie deutete auf ihre Freundin, woraufhin Franz-Josef seine Hand starr von sich streckte.
„Und ich heiße Marianne.“
Erst jetzt, als er Marianne die Hand schüttelte, fiel sie ihm so richtig auf. Sie war auf den ersten Blick keine klassische Schönheit, aber die Sommersprossen auf ihren hellen Wangen, die ihre blauen Augen untermalten und von rötlich blondem Haar umschmiegt wurden, gefielen ihm.
„Franz-Josef. Für meine Freunde Franz, keine anderen Spitznamen.“
Sie lächelte. „Verstehe. Franz, ich möchte ja wirklich nicht unhöflich sein, aber Eva und ich werden zuhause erwartet, wir müssen weiter.“
Er nickte. „Selbstverständlich, wir sehen uns dann im Hörsaal.“
Sie schüttelte den Kopf und lachte. „Ach nein, ich studiere ja gar nicht Rechtswissenschaften. Ich habe nur eine Freundin in der Vorlesung besucht, eigentlich studiere ich Musik. Du und dein Hut sind mir aber im Hörsaal gleich aufgefallen, da habe ich nach dir gefragt. Bei einer Vorlesung sehen wir uns also nicht. Aber ich habe einen Vorschlag, wie wäre es, wenn du zu einer meiner Proben kommst?“
Franz-Josef stand da, wie versteinert. „Ja, warum denn nicht? Wenn ich die Zeit finde, gerne.“
Sie nickte, holte einen Notizblock aus ihrer Handtasche, schrieb Datum und Uhrzeit ihrer nächsten drei Proben auf einen Zettel und drückte ihn Franz-Josef in die Hand.
„Sehr fein. Bis dann, Franz!“
Die folgenden Wochen verbrachte er wie im Delirium. Noch nie hatte er etwas oder jemanden so begehrt, wie er Marianne von Hegelsmark begehrte. Nachdem er sie zum ersten Mal bei ihrer Violinprobe besucht hatte, war er gleich zu den beiden anderen Terminen auch erschienen. Sie verstanden sich, was für ihn an ein Wunder grenzte. Jegliche Interaktion mit gleichaltrigen Frauen war in seinem jungen Leben bis jetzt im besten Fall nervtötend gewesen, im schlimmsten Fall katastrophal. Andere Studentinnen hielten ihn für einen Snob und Angeber, weil er stets versuchte, im Gespräch über Inhalte und Herausforderungen des Studiums seine Überlegenheit und Kenntnis der Materie durchblicken zu lassen. Dabei war er einfach stolz auf sein Fachwissen. Marianne verstand ihn. Seine erste Einschätzung war vollkommen falsch gewesen. Trotz ihrer neunzehn Jahre war Marianne äußerst gebildet und zudem auch interessiert an den feineren Dingen im Leben. Sie spielte nicht nur die Violine, sie sang auch in einem Chor und ging regelmäßig ins Theater. Das konnte auch mit ihrer Herkunft zu tun haben, immerhin war ihre Familie ehemaliger Hochadel. Aus ihren Erzählungen wusste er, dass ihre erweiterte Verwandtschaft ein kleines Chateau in Deutschland besaß. Es war, als wäre die perfekte Heiratskandidatin für Franz-Josef vom Himmel gefallen. Nach seinen Besuchen trafen sie sich öfters zum Kaffee und schon bald wurden sie vertrauter. Sie unterhielten sich über Kunst und Recht, wobei Marianne ihm einerseits aufmerksam zuhörte, andererseits auch selbst interessante Punkte hervorbrachte. Sie hatte makelloses Benehmen, mit dieser Frau zu einer Theatervorstellung zu gehen, war für ihn ein Genuss. Dass sie ihn einst bei einer Vorlesung genervt hatte, hatte Franz schon längst vergessen. Er hatte das Gefühl, dass sich zwischen ihnen eine Romanze anbahnte, und er konnte es kaum erwarten. Da er den anderen Frauen, die ihn wenigstens auf körperlicher Ebene interessiert hätten, entweder zu ältlich oder zu steif, zu wenig flott oder zu gespreizt war, hatte er bisher noch nicht einmal ein kleines Abenteuer für sich verbuchen können. Er war mittlerweile zwanzig Jahre alt und war nicht nur Jungfrau, er war mit einer Frau noch nie intim geworden. Im Spätsommer 1964 präsentierte sich ihm endlich eine Chance. Marianne lud ihn ein, während der Ferien für ein Wochenende mit ihm in ein Sommerhaus ihrer Familie in Salzburg zu fahren. Franz-Josef konnte sein Glück kaum fassen. Lediglich wie er den Kurzurlaub seiner Mutter erklären sollte, bereitete ihm zunächst Kopfzerbrechen. Seine Mutter hatte sich ihm gegenüber in den letzten Wochen ohnehin ungewöhnlich argwöhnisch verhalten. Er hatte das Gefühl, sie wusste von Marianne. Dabei hatte er ihr nie etwas erzählt. Das Thema Frauen war das einzige, das zwischen Franz-Josef und seiner Mutter immer tabu gewesen war, und daran hielt sie sich zum Glück. Nun musste er ihr aber irgendeine Geschichte auftischen, er konnte ja schlecht einfach verschwinden. Letztendlich nahm er die erstbeste Geschichte, die ihm einfiel.
„Ein Seminar für Hochbegabte eures Jahrgangs?“
Für einen kurzen Moment glaubte Franz-Josef, in den Augen seiner Mutter unverhohlene Skepsis zu erkennen. Kaum hatte er diesen Gedanken gefasst, war ihr Gesichtsausdruck schon wieder weicher geworden.
Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und lächelte. „Gut. Ich bin stolz auf dich.“
Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:
„Vergiss nicht, wo du herkommst. Vergiss nicht, wer du bist. Du bist Franz-Josef Freisinn von Wartenau.“
Sie sah ihm eindringlich in die Augen. Er verstand damals nicht, warum Mama ihn gerade in diesem Moment so nachdrücklich an seine Herkunft erinnerte.
Das gemeinsame Wochenende stand unter keinem besonders guten Stern. Auf der Zugfahrt mit der alten Westbahn hatten sich Franz-Josef und Marianne bester Aussicht erfreut, inklusive blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Sie hatten den Mittagszug genommen, damit Marianne noch Gelegenheit hatte, ihm die Salzburger Innenstadt am Nachmittag ein wenig zu zeigen. Nach der Ankunft hatten sie nur kurz das Gepäck im Haus ihrer Eltern am Stadtrand abgeliefert und waren dann sofort aufgebrochen. Nach einem langen Spaziergang und einer guten Mehlspeise auf der Terrasse des Café Tomaselli kehrten sie am Abend endlich zurück. Die Sommerbleibe von Mariannes Eltern war durchaus imposant. In dem zweistöckigen Haus gab es genug Betten für sechs Personen, im zweiten Stock blickte man von einem ausladenden Balkon auf die Salzach. Es gab keine anderen Häuser in unmittelbarer Nähe. Die Inneneinrichtung ließ darauf schließen, dass Mariannes Vater entweder leidenschaftlicher Jäger oder zumindest Jagdtrophäen gegenüber nicht abgeneigt war. Allerlei Tierschädel zierten die Wände, unterbrochen nur von wuchtig gerahmten Ölmalereien. All das interessierte Franz-Josef an diesem Abend aber nicht sonderlich. Er hörte Marianne nur mit einem Ohr zu, als sie ihm den Unterschied zwischen Gamskrucke und Hirschgeweih erklärte und ihm erzählte, welche Maler welches Bild zu verantworten hatten. Er konnte sich schon kaum mehr im Zaum halten, so wild machte ihn dieser kleine Engel. Er empfand ihre ausschweifenden Erklärungen als kokett, war er sich doch sicher, dass sie genauso wie er mit einem Auge schon Richtung Bett schielte. Doch Marianne hörte nicht auf, mit ihm über dies und das zu plaudern und Smalltalk zu führen. So richtig näher kam sie ihm den ganzen Abend lang nicht. Am Ende des Abends saßen sie gemeinsam auf dem Balkon und genossen einen Moment die Stille. Marianne seufzte.
„Ach, Franz, ich freu mich so, dass du mitgekommen bist. Es ist alleine tageweise auch schön hier, man kann sich von dem ganzen Trubel in der Großstadt erholen. Aber zu zweit ist es eben noch schöner“, sagt sie mit einem Lächeln.
Sie saß so nah neben ihm, dass er ihr Parfum riechen konnte. Es roch süßlich und ein wenig fruchtig. Er wollte nach ihrer Hand greifen, aber da war sie schon aufgestanden.
„Es ist spät, ich werde mich hinlegen. Wenn du noch wach bleiben möchtest, sieh bitte zu, dass alles verschlossen ist, ja?“
Franz-Josef schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin auch müde. Ich komme mit.“
Er folgte ihr bis zu ihrem Zimmer.
„Gute Nacht, Franz“, sagte sie und wollte die Türe schließen.
Doch Franz hatte seinen Arm im Weg. Jetzt musste er die Initiative ergreifen, Mut beweisen. Er legte seinen linken Arm auf ihre Hüfte, wollte sie sanft zu sich ziehen und erschrak.
Sie bewegte sich nicht. „Franz, was machst du da?“
Er zog stärker. „Das weißt du doch selbst. Ich mache das, worüber wir beide schon den ganzen Tag nachdenken.“
Sie nahm seine Hand von ihrer Hüfte. Die Enttäuschung traf ihn wie der Rückstoß eines Artilleriegeschützes mitten in die Magengrube. Er musste einen dementsprechenden Gesichtsausdruck aufgesetzt haben, denn Marianne konnte sich ein kurzes Kichern nicht verkneifen.
„Ach Franz, sei nicht albern. Du hast mich wohl missverstanden. Ich wollte dir keine Hoffnungen machen, das tut mir leid. Aber ich bin nicht an dir interessiert, nicht auf diese Weise. Du bist ein guter Freund, aber du und ich, das würde doch sowieso nie funktionieren.“
Er hörte ihre Worte nur mehr gedämpft. In seinem Kopf hallte ihr Kichern nach und langsam wich die Enttäuschung einer unglaublichen Wut. Sie hatte ihn an der Nase herumgeführt. Dieses Flittchen, sie hatte ihn die ganze Zeit heiß gemacht und jetzt wollte sie sich davonstehlen, als wäre das alles nur ein Spiel gewesen. Hatte sie wirklich gedacht, einen Freisinn von Wartenau konnte man so behandeln? Er packte ihre Hüfte erneut, und diesmal drückte er fest zu. Franz-Josef mochte körperlich nicht gerade ein Vorzeige-Exemplar darstellen, aber mit einem niederträchtigen, neunzehnjährigen Mädchen konnte er es noch aufnehmen. Bevor sie protestieren konnte, presste er seine Lippen auf ihren Mund und begann sie unbeholfen zu küssen. Es gelang Marianne erst nach ein paar Sekunden, ihn von sich zu stemmen.
Ihre Stimme war jetzt schrill und panisch. „Spinnst du? Hör sofort damit auf!“
Er nahm sie grob bei den Armen und brachte sie unter großer Gegenwehr bis zum Bett, das in der Ecke des Zimmers stand. Dann warf er sie auf die Laken, wobei er sich in ihrer Bluse verhedderte, sie vollkommen aufriss.
„Was bildest du dir ein? Was denkst du, wer du bist?“, schrie sie ihn aus voller Kehle an und richtete sich halb auf dem Bett auf.
Dieses Weib wollte sich ihm verwehren, ihm!
„Eingebildete Göre! Sei still!“, brüllte er und schlug ihr derart mit dem Handrücken ins Gesicht, dass sie zurückfiel. Dann war es totenstill. Marianne kauerte mit zerrissener Bluse im Eck des Bettes und hielt sich die Wange. In ihren Augen konnte Franz pure Verachtung sehen.
Ihre Stimme war jetzt wieder ruhiger geworden. „Du gibst dich als edler Mann, in Wahrheit bist du nichts als ein großes Schwein.“
Einige Atemzüge lang stand er schnaufend da, während seine Gedanken rasten. Dann stürmte er aus dem Zimmer, holte seinen Koffer und verließ das Haus.
„Sehr fesch bist du“, flüsterte seine Mutter ihm zu, als sie im Herbst 1966 Arm in Arm den Festsaal der Universität verließen.
Es war soweit, nach nur acht Semestern war Franz-Josef Freisinn-Wartenau als erster seines Jahrgangs zum Doctor iuris promoviert worden. In seiner Hand hielt er die rote Kartonhülle, in der die auf Büttenpapier geschriebene Promotionsurkunde steckte. Zur Feier des Tages gingen sie ins Hotel Regina essen, wo sich Franz-Josef im Anschluss zum ersten Mal vor seiner Mutter eine Zigarre anzündete.
„Wie geht es jetzt weiter mit dir, mein Sohnemann? Du hast dir doch Gedanken darüber gemacht?“
Er sog genüsslich an seiner kubanischen Romeo y Julieta und ließ den Rauch nachdenklich in den Raum aufsteigen.
„Ich könnte versuchen, eine Stelle im Ministerium zu bekommen.“
Seine Mutter schmatzte abfällig. „Das ist nichts für dich, dort wimmelt es von Nichtsnutzen und anderweitig nicht verwendbaren Leuten.“
Im Grunde wusste er ohnehin, wohin er wollte. Er wollte Richter werden, allein schon wegen der Symbolik des Amtes. Der erhöhte Sitz hinter dem Richtertisch auf der Empore würde ihn sichtlich zur Hauptperson im Saal erheben. Die Amtstracht mit Talar und Barett würde ihn als Herren des Verfahrens ausweisen. Er würde sich nicht wie in der Privatwirtschaft vom Markt, oder noch schlimmer, von etwaigen Kunden beeinflussen und herumordern lassen müssen, nein, er hätte immer das letzte Wort. Der Titel, das Prestige, die Entscheidungsmacht. Das Richteramt war wie gemacht für ihn.
– III –
DAS RICHTERAMT
Nach einem langen Arbeitstag stand er in seinem Büro im Landesgericht für Zivilrechtssachen vor dem Fenster und sah zufrieden hinunter auf die Straße. Es war ein schöner Tag, die Nachmittagssonne spiegelte sich in den Fenstern der vorbeifahrenden Straßenbahn. Er fand den Ausblick herrlich, es gefiel ihm, dass er unter sich das geschäftige Treiben auf der Zweierlinie beobachten konnte, während er nachdachte. An Tagen wie diesen war er stolz darauf, eines der bestgelegenen Büros im Justizpalast zugeteilt bekommen zu haben. Alles andere hätte er auch als Beleidigung empfunden. Er musste an die Zeit nach seinem Studium denken. Nach dem Abschluss hatte er das obligate Gerichtsjahr am Wiener Handelsgericht absolviert, ohne dass er ein einziges Mal getadelt oder zurechtgewiesen worden wäre. Im Gegenteil, er hatte sogar noch eine Empfehlung mit auf den Weg bekommen, als er sich für das Richteramt am Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen beworben hatte. Damals hatte er noch kein eigenes Büro gehabt, noch nicht einmal ein Auto hatte er sich leisten können. Nach einem Jahr der Anwartschaft hatte er die Richteramtsprüfung mit Bravour bestanden. Er musste lächeln, als er sich daran erinnerte. Wie stolz war doch seine Mutter gewesen, als er am Tag seines Dienstantritts mit ihr zwischen den steinernen Löwen die Stufen hinaufging. Nach seiner Ernennung hatte er sich in Juristenkreisen schnell einen Namen gemacht. Er war nicht, wie die meisten Zivilrichter, auf den möglichst unkomplizierten und raschen Abschluss von Vergleichen zwischen streitenden Parteien aus. Nein, er verhandelte jeden Rechtsstreit weise und erhaben. Der Weg des geringsten Widerstandes war ihm zuwider. Er legte besonderen Wert darauf, seinen scharfen Verstand durch unanfechtbare Urteile unter Beweis zu stellen. Kein einziges seiner Urteile war seit seinem Amtsantritt 1971 durch Revision abgeändert worden. Wenn ihm in Vorbereitung auf einen Prozess eine besonders verzwickte Ausgangssituation auffiel, genoss er es. Er war immer der am besten vorbereitete Jurist im Saal, und das sprach sich herum. Die Verhandlungsführung hatte er stets fest in der Hand, die Zügel kamen ihm niemals aus. Selbst alte, erfahrene Anwälte konnten ihn mit ihrer Rechtskunde und ihren Argumentationskünsten nicht beeindrucken. Bei Gericht bekam er endlich den Respekt, den er verdiente. Er ging zurück zum Tisch und überprüfte noch einmal seinen Verhandlungskalender. Es stand nichts besonders Aufregendes an, abgesehen von einem Eintrag. In drei Tagen sollte er einer Teilungsklage vorsitzen. Er rieb sich die Hände. Immobilienrecht hatte ihn schon auf dem Handelsgericht besonders interessiert. Bei Wohnungen und Liegenschaften stand für die beteiligten Parteien immer viel auf dem Spiel, und er durfte letztendlich bei diesen Streitereien das Urteil fällen. Bis dahin waren noch ein paar Tage Zeit, und er wollte mit einem klaren Kopf in diese Verhandlung gehen. Vielleicht sollte er heute Abend kurz im Josefine vorbeischauen. Bei der Erinnerung an seinen ersten, missglückten Versuch, das feine Etablissement zu besuchen, musste er den Kopf schütteln. Was war er doch damals für ein Tollpatsch gewesen. Als er zum zweiten Mal abends in die Sonnenfelsgasse gegangen war, war er entschlossener gewesen. Kurz vor Ende des Studiums hatte er sich dort seiner Jungfräulichkeit entledigt. Die tüchtigen jungen Damen in dem diskreten Lokal hatten ihm gleich gefallen, und so war er seitdem schon rund ein Dutzend Mal in das kleine Puff gegangen. Heute war es wieder einmal soweit, beschloss er. Er klappte den Kalender zu und sammelte Aktentasche, Mantel und Hut zusammen. Da hörte er auf dem Gang vor seinem Büro gedämpftes Gelächter. Mit einer hochgezogenen Augenbraue trat er vor die Tür. Auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges kicherte eine junge Schreibkraft, neben ihr stand ein junger Mann, den Franz schon einige Male im Justizpalast gesehen hatte, und deutete den Gang hinunter. Dort schlurfte ein alter Anwalt durch den Flur, der nach einem Gang auf die Toilette offensichtlich vergessen hatte, seine Hosenträger wieder ordentlich zu befestigen. Sie hingen unter dem Oberteil des Nadelstreifanzugs herab und schleiften wie eine Schleppe hinter der schlotternden Hose des Mannes her. Franz hatte den Mann schon einmal gesehen, wie er in beginnender dementieller Umnachtung durch die langen Flure des Justizpalastes wankte. Er hatte sofort bei einer Sekretärin nachgefragt, was es denn mit dem komischen Vogel auf sich hatte. Wegen seiner Erinnerungslücken hatte der Witwer schon vor Längerem seine Kanzlei schließen müssen, irrte aber immer noch mindestens zweimal wöchentlich durch das Gericht, wo er alte Bekannte in langwierige Gespräche zu verwickeln trachtete. Früher oder später landete er immer im Justizcafé, wo man über ihn schmunzelte und ihn als unvermeidliche Nervensäge ertrug. Franz war noch nie von ihm angesprochen worden, aber die Sekretärin hatte ihm erzählt, dass die Anwälte hinter seinem Rücken Witze über ihn machten und junge Kollegen manchmal sogar Richter aus ihren Büros klopften, um sich gemeinsam über den Mann lustig zu machen.
Franz ging zu dem jungen Paar hinüber. Der junge Anzugträger war klein und hager. Nicht nur vom Aussehen, auch vom Benehmen her verhielt er sich wie ein Erdmännchen, als Franz vor ihm stand. Er hörte augenblicklich auf zu lachen und sah sich nervös um.
„Ich möchte die lustige Runde ja nur ungern stören, aber wer ist denn der alte Herr?“, fragte Franz ungehalten.
Die junge Dame sah betreten zu Boden.
Das Erdmännchen räusperte sich nervös. „Verzeihen Sie, Herr Dr. Freisinn-Wartenau, es ist nur, ich meine, der Herr Dr. Rinzweiler benimmt sich immer so daneben. Da kann man doch gar nicht anders, als zu lachen.“
Franz musterte ihn abfällig. „Doch, da kann man anders“, sagte er trocken.
Damit machte er kehrt und ging zurück in sein Büro. Der Arbeitstag war wohl doch noch nicht vorbei. Mit diesem peinlichen, unwürdigen Schauspiel würde er ein für alle Mal Schluss machen. Innerhalb weniger Minuten hatte er einen vorläufigen Gerichtsbeschluss aufgesetzt, in dem er von Amts wegen die Entmündigung des alten Dr. Rinzweiler verfügte. Außerdem trug er dem bestellten Sachwalter auf, das Betreten des Justizpalastes durch Herrn Dr. Rinzweiler auf alle Fälle zu unterbinden. Er begründete den Beschluss mit Selbstgefährdung aufgrund offensichtlicher Desorientierung des Betroffenen sowie Gefährdung des öffentlichen Ansehens der Justiz durch offensichtlich dementielles Fehlverhalten. Als er das Schriftstück verfasst hatte, schnalzte er zufrieden mit der Zunge und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Auch wenn niemand anderer die Würde dieses Hauses verteidigen wollte, Franz würde schon darauf achten, dass es hier anständig und professionell zuging. Sollten sich seine Kollegen denken, was sie wollten, wenigstens unternahm er etwas. Wie schon während seiner Studentenzeit war Franz als Eigenbrötler bekannt, das war ihm bewusst. Er hatte keine Freundschaften geschlossen und trat gegenüber seinen in der Sache offensichtlich unterlegenen Kollegen hochmütig und überheblich auf. Er lebte in seiner eigenen Blase, aus der heraus er jederzeit kleine Anzüglichkeiten und verbale Giftpfeile auf seine inkompetenten Kollegen abschießen konnte. Seinen Argumenten zu widersprechen, traute sich niemand. Warum auch? Intellektuell konnte ihm ohnehin niemand das Wasser reichen.
„Ein brillanter Jurist, dieser Freisinn-Wartenau. Aber kein angenehmer Mensch. Schon gar kein guter Kollege“, sagte man über ihn. Auch das hatte er von einer Sekretärin erfahren, als er sie einmal beim Tratschen erwischt hatte.
„Grausam“, nannten sie ihn, „herzlos.“
Für Franz war es zur Gewohnheit geworden, von anderen Menschen missverstanden und falsch eingeschätzt zu werden. Vermutlich lag es daran, dass er kein Interesse daran hatte, sich mit diesen geistig minderbemittelten Seelen auseinanderzusetzen. Es sei denn, er hatte über sie zu urteilen. Im Justizcafé auf dem Dach des Hauses benützte er die ekelhaft ungedeckten Tische nie, an denen sich Krethi und Plethi des Justizpersonals in Arbeitspausen aufhielten. Das meist inhaltlose Geplänkel dieser Leute interessierte ihn nicht. Schon gar nicht stellte er sich mittags in der Schlange für die Ausgabe des Tagesmenüs an. Selbstbedienung war unter seiner Würde, sollten sich doch die Arbeiterkinder und Menschen aus dem niederen Volk wie die Tiere in einer Reihe aufstellen, um gefüttert zu werden. Wenn er hin und wieder im Justizcafé speiste, bestellte er im Voraus einen der fünf weißgedeckten Tische, die mit ordentlichen Stoffservietten und schönem Essbesteck versehen waren. So, wie es sich eben für einen soignierten Richter gehörte. Dass seine Arbeitskollegen, so wie damals seine Studienkollegen, ihn scheinbar für einen eitlen Snob hielten, kränkte ihn als Richter insgeheim mehr als es ihn als junger Student gekränkt hatte. Damals hatte er gedacht, zumindest einige der jungen, ungehobelten Männer würden schon noch zu sich finden. Jetzt, wo er bald dreißig Jahre alt wurde, war er im Stillen immer wieder davon enttäuscht, wie banal doch die Menschen waren. Immerhin brachten ihm die meisten seiner Kollegen Respekt und Achtung entgegen. Wer brauchte schon Liebe und Zuwendung? Das konnte er sich im Josefine besorgen, wenn es ihn danach juckte. Und genau dorthin würde er jetzt fahren. Er sammelte zum zweiten Mal seine Sachen zusammen und verließ sein Büro. Als er rund drei Stunden später Zuhause ankam, erzählte er seiner Mutter mit stolzgeschwellter Brust davon, wie elegant er das hohe Haus von dieser alten, vertrottelten Nervensäge befreit hatte.
Am nächsten Tag fuhr Franz-Josef erholt und guter Laune in seinem Peugeot 403 vor dem Gerichtsgebäude vor. Er hatte sich vorgenommen, sich gut auf die anstehende Teilungsklage vorzubereiten. Kurz nachdem er in seinem Büro angekommen war, klopfte es an der Tür.
Er zupfte sich die Krawatte zu Recht. „Herein.“
Beinahe hätte er seine Verwunderung nicht verbergen können, als der Präsident des Landesgerichts für Zivilrechtssachen höchstpersönlich bei ihm eintrat. Franz hatte ihm zwar schon mehrmals zur Begrüßung die Hand gereicht, aber mehr im Vorübergehen, richtig vorgestellt hatten sie sich noch nicht. Umso mehr verwunderte es ihn, dass der Gerichtspräsident nun bei ihm im Büro stand.
„Begrüße Sie, Herr Dr. Freisinn-Wartenau.“
Bertram Stieglitz war ein durchaus imposanter Mann. Er war ein gutes Stück größer als Franz, hatte breitere Schultern und obwohl er älter war, hatte er noch einen guten Schopf Haar auf dem Kopf. Außerdem strahlte er eine gelassene Selbstsicherheit aus, die Franz bis jetzt nur bei Männern gesehen hatte, die Kriegserfahrung hatten. Und das obwohl er im Krieg verletzt worden war. In seiner rechten Wade trug er als ewiges Andenken die Splitter einer Granate, wodurch er leicht hinkte. Dennoch hatte er einen eigenartig grazilen Gang, als er die Tür hinter sich schloss und in den Raum trat.
„Guten Morgen, Herr Präsident. Was verschafft mir die Ehre?“
Franz versuchte, keine Nervosität aufkommen zu lassen.
Stieglitz trat an den Tisch und nahm unaufgefordert gegenüber von Franz Platz. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Herr Dr. Rinzweiler gestern hier im Haus war und sich etwas daneben benommen hat.“
Franz fuhr mit der Zunge über seine Lippen. „Ja, das habe ich mitbekommen.“
„Und da haben Sie die Sache in die Hand genommen?“, fragte Stieglitz argwöhnisch.
„Nun, ja. Der Mann gefährdet sich doch am Ende nur selbst und außerdem …“, Franz wollte weitersprechen, doch da hob Stieglitz eine Hand und ließ ihn verstummen.
„Dr. Rinzweiler war als Anwalt jahrzehntelang gerne hier gesehen. Ich möchte schon vermuten, dass das Personal hier so etwas honoriert und etwas Mitgefühl mit einem alten Mann an den Tag legt. Er kannte ja nichts anderes.“
Franz schwieg. Insgeheim ärgerte er sich. Wie konnte Stieglitz nicht sehen, dass es ihm um das Ansehen seines Justizpalastes gegangen war?
Der Präsident sah ihm direkt in die Augen. Dann räusperte er sich. „Tja, wie dem auch sei. An dem Beschluss ist formal nichts auszusetzen.“
Er sprach mit ruhiger Stimme und schien seine Worte genau zu wählen.
„Was steht denn heute bei Ihnen noch an, wenn ich fragen darf?“
Franz strich sich über die Krawatte. „Eine Teilungsklage, Herr Präsident.“
„Ah, spannend. Die werden in letzter Zeit immer häufiger. Unter uns gesagt: Es ist immer die gleiche Masche. Spekulanten warten darauf, dass eine große Immobilie wie etwa ein Zinshaus in guter Lage und mit vielen Einzelmietern durch Erbgang auf zwanzig bis dreißig Erben aufgeteilt wird. Dann identifizieren sie einen besonders anfälligen Anteilserben und machen ihm ein großzügiges Angebot. Sie verstehen, wohin das führt.“
Dr. Stieglitz hatte recht, so hatte Franz es noch gar nicht gesehen. Jetzt erkannte er, was hinter dieser Teilungsklage steckte. Die versteuerten Mieteinnahmen eines Anteilseigentümers reichten kaum als nennenswertes Zubrot, der ererbte Besitz bedeutete meistens mehr Umstände als Vorteile. So fand sich für Spekulanten schnell ein verkaufswilliger Erbe. Wenn ein gewiefter Financier einmal einen Liegenschaftsanteil in einem derart aufgeteilten Zinshaus erworben hatte, war der Rest reine Routine. Er musste lediglich mit dem neuerstandenen Kleinanteil bei Gericht eine Teilungsklage einbringen, um so den Verkehrswert des soeben erworbenen Anteils feststellen zu lassen. Anschließend musste die gesamte Liegenschaft zur Versteigerung aufgeboten werden, wobei aber jedem der einzelnen Anteilsbesitzer ein Vorkaufsrecht eingeräumt wurde. Hatte der Spekulant gut recherchiert, konnte sich außer ihm keiner der anderen Teilhaber den Rufpreis leisten. Es war eine brillante Masche.
Stieglitz rieb sich am Kinn. „Ich sage Ihnen, es ist ein Jammer. Die Mieter, die sich gegen Spekulanten wehren, bekommen am Ende nicht einmal mehr die Glühbirnen im Stiegenhaus ersetzt. Aufzüge werden nicht repariert, plötzlich gibt es jede Woche Bauarbeiten, die kein Ende nehmen. Da passieren allerlei krumme Dinge, damit man die verbleibenden Mieter hinausekelt. Ich habe sogar schon einmal von einem Fall gehört, wo der Hausbesitzer ein paar anarchistische Punks eingeladen hat, leerstehende Wohnungen in einem Haus zu besetzen. Irgendwann, wenn die ständige Unsicherheit, der Lärm und der Schmutz zu viel werden, geben auch die hartnäckigsten Bewohner auf und die Spekulanten können das Grundstück mit hoher Rendite verkaufen.“
Stieglitz hatte während seines Monologs durchwegs Blickkontakt gehalten.
Franz verstand nicht, worauf sein Gegenüber hinaus wollte.
Nach einer kurzen Pause fuhr Stieglitz fort: „Aber es gibt eben Menschen, die sich nicht um das Schicksal anderer scheren. Solche Menschen nehmen keine Rücksicht, wenn es ihnen ungelegen kommt.“
Im Zimmer lag eine unangenehme Stille. Franz kochte innerlich vor Wut. Wie konnte dieser alte Mann es wagen, ihn so zu belehren. Er sprach mit ihm, als wäre er ein kleines Kind.
Stieglitz stand auf. „Ich weiß noch, was Anstand bedeutet. Ich habe gedient, ich weiß was es heißt, auf seine Kameraden und Mitmenschen zu schauen. Merken Sie sich das“, sagte er und erhob sich aus dem Sessel.
„Schönen Tag“, sagte er und verließ das Büro.
Der Besuch des Gerichtspräsidenten ließ Franz den ganzen Tag lang keine Ruhe. Selbst während der Verhandlung ertappte er sich immer wieder dabei, wie er gedanklich abschweifte. Auch nachdem er am späten Nachmittag das Gericht verlassen hatte, dachte er immer noch über die Worte von Dr. Stieglitz nach. Er stand schon mit dem Autoschlüssel in der Hand vor seinem Peugeot, als er sich entschloss, doch noch etwas spazieren zu gehen. So durch den Wind, wie er war, konnte er noch nicht nach Hause fahren. Er ging einige Zeit lang durch die Stadt, bis er vor einem Café in der Buchfeldgasse stehenblieb. Er betrat das Café Eiles und war sofort angetan von dem Ambiente, das innen herrschte. Samtbezogene Sitzbänke säumten die Fenster, in der Mitte des langgezogenen Raumes standen kleine, dunkle Holztische. Das Café hatte etwas Konspiratorisches, etwas Ernstes und zugleich Gelassenes. In der Luft hing der Geruch von Zigarren, besser hätte es der Zufall gar nicht mit ihm meinen können. Er setzte sich an einen Tisch in einer Ecke und nahm ein Notizbuch aus seiner Aktentasche. Der Ärger über Dr. Stieglitz war inzwischen fast verflogen, beinahe war Franz ihm sogar dankbar. Er hatte ihn auf eine Idee gebracht. Er schrieb einige wichtige Eckpunkte in sein Notizbuch, als ein Schatten darüber fiel.
„Grüße Sie, der Herr. Was darf’s denn sein?“
Franz sah zu dem Kellner auf. „Haben Sie Sherry Oloroso?“
„Aber freilich.“
Franz nickte. „Ein Glas bitte, und suchen Sie mir dazu eine gute Zigarre aus, bitte sehr.“
„Selbstverständlich“, sagte der Ober und zog von dannen.
Bis der Sherry auf seinem Tisch landete, hatte Franz seinen Plan schon fertig durchdacht. Er würde in das Immobiliengeschäft einsteigen.
Бесплатный фрагмент закончился.
