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Dieter Hombach

Kreuzberger Leichen

Kriminalroman


Zum Buch

Kalter Tod Kommissar Hartenfels und sein Team sollen herausfinden, was es mit dem Toten vom Viktoriapark auf sich hat. Wie in jedem Team müssen unterschiedliche Menschen ihre Stärken und Schwächen zusammenbringen. Da gibt es den Gerichtsmediziner Petersen, der durch seinen Hang zu esoterischen Spekulationen immer wieder für Aufregung sorgt. Besonders bei Krämer, dem Dienstältesten, der auch so schon Bluthochdruck hat und außerdem eine Vorliebe für gutes Essen, weshalb er immer knapp bei Kasse ist. Neben ihm wirkt die Verhörspezialistin Unger, lange blonde Haare und zierliche Gestalt, wie ein magersüchtiger Engel, doch wer sie deshalb unterschätzt, hat schon verloren. Ihre Kollegin Reschke ist für Tatortfotografie zuständig, kann jede Leiche lebendig machen, treibt Kampfsport und bewundert Helmut Newtons Frauenbilder. Und dann ist da noch Neuzugang Baumann, der Hintergründe recherchiert, Berichte schreibt und alle mit seinen Ansichten zu Recht und Ordnung in Gefahr bringt.

Dieter Hombach, geboren 1953 in Köln, lebt seit 40 Jahren in Berlin. Der promovierte Philosoph arbeitete in der Geschäftsführung eines Medienbeobachtungsunternehmens und führte gemeinsam mit seiner Frau 17 Jahre eine eigene Buchhandlung. Er liebt Hard-Rock-Konzerte, Hunde und reist immer wieder nach Asien, Australien und Brandenburg. Neben wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte er bereits mehrere Kriminalromane.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © derProjektor / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6926-8

1. Kapitel

Hartenfels tritt aus der Haustür und wird fast überfahren. Der Mann am Lenkrad des Schneeräumfahrzeugs scheint an einer Rallye teilzunehmen, Hartenfels sieht ihm voller Bewunderung nach.

Der driftet doch, denkt er, anders ist eine solche Kurventechnik nicht zu erklären.

Das kleine Ding mit der großen Bürste schlingert um Laternen und Bäume, vollzieht 180-Grad-Wendungen, stößt vor und zurück, ganz wie ein Spielzeug, das bis zum Anschlag aufgezogen wurde.

In den letzten Wintern konnte man sich mit Schneebeseitigung eine goldene Nase verdienen, so wenig hat es geschneit. Ob die Glückssträhne dieses Jahr reißt, ist noch nicht abzusehen, immerhin ist es erst Januar, wenn auch der erste Schnee. Wie Fitnessstudios, denkt Hartenfels. Sobald alle trainieren würden, die ein Abo haben, bräche die Bude zusammen.

Der Wagen, der Hartenfels fast erwischt hätte, rumpelt vom Bürgersteig auf die Straße und beschleunigt, Hartenfels hätte nie gedacht, dass das möglich wäre. Wahrscheinlich ist das Teil frisiert.

Hartenfels läuft ein paar Schritte und stellt fest, dass sich der Schnee da, wo er geräumt wurde, in eine feste Masse verwandelt hat, die spiegelglatt ist, woran die halbe Tonne Split nichts ändert, die auf ihr liegt. Er schliddert dem U-Bahnhof entgegen.

Hartenfels fährt nur mit dem Auto, wenn es sich nicht vermeiden lässt, bei Schnee erst recht nicht. Fünf Flocken und auf den Straßen Berlins herrscht Krieg. Am Hohenzollerndamm gibt es ein Hupkonzert, weil an der Ampel, die Hartenfels benutzt, ein Mercedes nicht von der Stelle kommt, dabei ist es ein SUV.

Wahrscheinlich mit Sommerreifen, denkt Hartenfels und umgeht das Ungeheuer, immer darauf bedacht, sich von seinem Heck fernzuhalten, das bereits mehrfach ausgebrochen ist. Bei glatter Fahrbahn Vollgas zu geben, ist keine gute Idee.

Hartenfels läuft die Treppe nach unten, während ihm der Geruch von nasser Kleidung entgegenweht. Er ist nicht der Einzige, der heute auf das Auto verzichtet, was dazu führt, dass im öffentlichen Nahverkehr das blanke Chaos herrscht. So voll wie der Bahnsteig ist, ist schon mehr als ein Zug ausgefallen. Hartenfels wird von hinten geschoben und quetscht sich Meter um Meter voran. Weil er groß und massig ist, kann er einfach irgendwo stehen bleiben, Personen mit kleinerer Statur haben weniger Glück. Er kommt sich wie ein Fels in der Brandung vor. Er teilt den Menschenstrom, der sich auf den Bahnsteig ergießt.

Hartenfels sehnt sich nach einem Zug und hat gleichzeitig Angst vor ihm, noch mehr Gedränge ist kaum zu ertragen. Über Lautsprecher ertönt die Ansage, dass der einfahrende Zug überfüllt sei, aber gleich nach ihm eine weitere U-Bahn käme, die leer sei, was niemand glaubt. Hartenfels, der sich in Deeskalationstechniken auskennt, fällt auch nicht darauf herein.

Er wirft sich mit der schieren Kraft seines gewaltigen Leibes vorwärts, um eine der geöffneten Türen zu erreichen, und zieht sich in einen Waggon. Vor Hartenfels’ Augen blitzt kurz eine Verladerampe auf, von der aus Menschen in fadenscheiniger Kleidung in bereitstehende Züge geprügelt werden, und ihm bleibt die Luft weg. Er reißt die Augen auf, um sein Hirn davon zu überzeugen, dass er lediglich im morgendlichen Berufsverkehr steckt und nicht auf dem Weg in ein Vernichtungslager.

Die Tür geht zu, und die U-Bahn setzt sich in Bewegung, was dazu führt, dass die Passagiere wie Berliner Klöße in einer Suppenschüssel hin und her schwappen. Hartenfels hält sich an einer Stange fest und spürt, dass sich andere an ihn klammern, was er gewohnt ist.

Für die Fahrt, die sonst zehn Minuten dauert, braucht er über eine halbe Stunde, am Wittenbergplatz steigt er aus und rennt nach oben. Am liebsten würde Hartenfels den Rest des Tages im Freien verbringen, um sich zu erholen. Egal, wie viel Feinstaub in der Luft liegt, er genießt jeden Atemzug.

Es schneit weiter, der Schnee ist inzwischen pappig und feucht. Hartenfels fährt sich mit der Hand über die Glatze und spürt, wie nass sie ist. Sein Handy vibriert. Er mag Handys nicht und muss sich überwinden, den Anruf anzunehmen. Er weiß selbst, dass er Rufbereitschaft hat und längst im LKA sein sollte.

»Ja?« Hartenfels hat in einem Hauseingang Schutz gesucht und hält sich das Handy ans Ohr.

»Wir haben einen Notruf aus Kreuzberg«, sagt der Beamte am anderen Ende der Leitung, »ein Mann meldet seine Frau als vermisst.«

Hartenfels zögert. Für verschwundene Personen ist er nicht zuständig, darum kümmert sich das LKA 12, er ist beim LKA 11. Es ist ungewöhnlich, dass man wegen eines Falls anruft, der nicht in seinen Bereich fällt. Hartenfels’ Rufbereitschaft ist zwar sehr ruhig verlaufen, aber das ist kein Grund für ihn, bei den Kollegen zu wildern.

»Wieso rufst du mich an?«, will er wissen.

»Weil es nicht nur um eine Person geht, die abgängig ist.«

»Um was geht es denn sonst?«

»Der Hund des Mannes, dessen Frau nicht mehr da ist, hat eine Leiche aus dem Schnee gebuddelt.«

Hartenfels reibt sich die Augen. Erst geschieht nichts, dann alles auf einmal.

»Wo in Kreuzberg?«, hakt er nach.

»Im Viktoriapark«, antwortet der Beamte.

Hartenfels sieht den kleinen Berg vor sich, dessen Wiesen im Sommer voller Menschen sind. Wenn er sich richtig erinnert, gibt es sogar einen Wasserfall, den man an- und ausschalten kann.

Je nach Wetterlage, denkt er, im Augenblick ist das Ding bestimmt außer Betrieb.

Ein Blick in den Himmel reicht, um sich da sicher zu sein. Fette Flocken treiben auf ihn zu, er muss blinzeln, um überhaupt etwas zu sehen.

»Und wie passt das zusammen?«, fragt Hartenfels weiter.

»Was?«

»Die vermisste Person und die Leiche.«

»Ich verstehe nicht.«

»Hat der Mann, der angerufen hat, gesagt, in welcher Reihenfolge das passiert ist?«

»Das weiß ich nicht.« Sein Kollege scheint mit Papieren zu rascheln, Hartenfels hört ihn kaum mehr, vielleicht ist auch die Verbindung gestört.

»Hat er zuerst seine Frau vermisst und dann die Leiche gefunden?«

»Du kannst Fragen stellen.«

»Oder haben er und seine Frau die Leiche gemeinsam entdeckt und danach ist sie weg?«

»Also die Leiche ist noch da.«

»Ich meine die Frau.«

»Hm«, ist alles, was Hartenfels als Antwort erhält.

»Vielleicht hat der Typ die Leiche ja nur gefunden, weil er seine Frau gesucht hat«, unternimmt er einen letzten Versuch.

»Sein Hund ist auf die Leiche gestoßen«, lautet die Antwort.

O Gott, denkt Hartenfels, so kommt er nicht weiter.

Es hilft nichts, er muss selber zum Tatort. Es ist schließlich Hartenfels’ Job, Mordfälle aufzuklären. Natürlich steht bislang nicht fest, ob es sich bei der Leiche um ein Mordopfer handelt, aber das wird er herausfinden.

Hartenfels beendet das Gespräch und überlegt, wer aus seinem Team frei ist, um mit ihm zu fahren. Hoffentlich sind wenigstens die Hauptstraßen geräumt, Schneefall kommt jedes Mal völlig überraschend.

Wie Weihnachten, denkt er.

2. Kapitel

Hartenfels hat Reschke beauftragt, ihn zu begleiten, seine Spezialistin für Tatortfotografie. Reschke ist halb so groß wie er und schlank. Ihre Haare trägt sie etwa streichholzlang, was dazu führt, dass sie nicht wie bei einem Igel abstehen, sondern sanft in alle Richtungen kippen. Reschke findet es besser, wenn sich ihre Haare weich anfühlen. Sie streicht sich den Pony gefühlte hundert Mal am Tag aus dem Gesicht und genießt es, wenn er ihr zurück in die Stirn fällt. Reschke hat rote Haare, nicht feuerrot, sondern eher fahlrot, manche Sonnenaufgänge haben diese Farbe, Sonnenuntergänge nicht, die sind zu kräftig. Jeden Morgen tuscht sie sich ihre Wimpern, damit man sie überhaupt wahrnimmt. Sobald sie ihre Wimpern tuscht, werden sie zu einem echten Blickfang, weil sie sehr lang sind.

Reschke ist durchtrainiert, Hartenfels, neben ihr auf dem Beifahrersitz, flößt ihr allein aufgrund seiner Körpermasse Unbehagen ein. Sie kann kaum hinsehen, wenn er im Sommer nur Hose und Hemd trägt. Sie versteht einfach nicht, wie ein Gürtel derart tief ins Fleisch schneiden kann, ohne dass es wehtut. Sollte sie sich einen Gürtel auf diese Weise umschnallen, bliebe ihr sofort die Luft weg. Hartenfels’ Körper muss schon mehr als üppig gepolstert sein, damit sein Gürtel keine lebenswichtigen Organe abklemmt.

Andererseits, und das ist vielleicht noch erstaunlicher, ist Hartenfels schnell und gewandt, kein bisschen behäbig oder gar plump, was in absolutem Kontrast zu seiner Masse steht. Ihm in die Quere zu kommen, ist allein deswegen nicht ratsam. Im Gegensatz zu ihr braucht Hartenfels nicht zu trainieren, um gefährlich zu werden. Er wirft sich auf seine Gegner, das reicht. Unter Hartenfels begraben zu sein, ist das Ende.

Reschke linst zur Seite, ohne den Blick wirklich von der Straße zu nehmen. Heute ist der Verkehr so unberechenbar, dass sie sich keine Ablenkung leisten kann. Trotzdem erkennt sie, dass Hartenfels’ Kleidung völlig aufgeweicht aussieht. Es ist oft der Fall, dass er unpassend angezogen ist. Wie soll ihn eine Lederjacke vor Schneefall schützen? Und dann die Schuhe! Als wollte Hartenfels auf dem Kudamm flanieren. Reschke hofft, dass er damit im Viktoriapark, zu dem sie fahren, den Kreuzberg überhaupt hinaufkommt.

Hartenfels wollte wissen, ob sie sich dort auskenne.

»Und ob ich mich da auskenne«, hat sie geantwortet. Reschke hat nicht umsonst jahrelang auf dem kleinen Berg Silvester gefeiert. Die Aussicht ist wirklich spektakulär. Vor allem wenn man sich ganz oben an dem kleinen Türmchen aufhält, das von Weitem wirkt, als wäre es mindestens die Spitze einer Kathedrale. Seit sie zum ersten Mal auf ihm herumgeklettert ist, um möglichst viel vom Feuerwerk zu sehen, weiß Reschke, dass es sich um ein Denkmal handelt. Natürlich von Schinkel, wir sind ja in Berlin. All das hat sie Hartenfels ziemlich überschwänglich erzählt, was eigentlich nicht ihre Art ist. Irgendwie sind die Erinnerungen an die Nacht der Nächte, die sie noch nie allein verbracht hat, mit ihr durchgegangen. Falls Hartenfels sich gewundert hat, hat er sich nichts anmerken lassen. Er kann überhaupt sehr schweigsam sein, etwas, das Reschke an ihm mag. Normalerweise hält sie selbst lieber die Klappe.

Reschke hat die Großbeerenstraße, die direkt zum Denkmal und dem Wasserfall führt, fast erreicht, muss aber bremsen, weil ein LKW stur neben ihr fährt, weshalb sie keine Chance hat, rechts abzubiegen. Dabei blinkt sie schon eine halbe Ewigkeit.

»So ein Arsch«, zischt Reschke, die Augen im Außenspiegel und halb damit rechnend, dass ihr Hintermann sie rammt. Weil Reschke es nicht toleriert, dass jemand sie blockiert, statt am Reißverschlusssystem teilzunehmen, nutzt sie eine Lücke vor sich aus und beschleunigt, um noch vor dem LKW abzubiegen.

Und jetzt Powerslide, denkt sie, belässt es angesichts der Straßenverhältnisse jedoch lieber bei einem gewagten Schwenk.

Sie ist ja nicht lebensmüde.

Hinter ihr ertönt die Sirene eines Kreuzfahrtschiffs. Der LKW-Fahrer hupt so laut, dass es Reschke regelrecht nach vorn schiebt, Hartenfels stützt sich am Handschuhfach ab. So ist das eben, wenn man ein Zivilfahrzeug fährt. Reschke ist dankbar, dass Hartenfels weiterhin den Mund hält. Er legt die Hand, mit der er sich festgehalten hat, betont beiläufig in seinen Schoß. Das schätzt Reschke an ihrem Chef. Obwohl er selber defensiv und wie eine Schnecke fährt, lässt er sie machen, was sie will. Hartenfels hat ihren Fahrstil noch nie kritisiert, ihre Arbeit genauso wenig.

Reschke wirft einen Blick nach hinten und vergewissert sich, dass ihre Fotoausrüstung bei dem holprigen und regelwidrigen Überholmanöver nicht vom Sitz gefallen ist – alles in Ordnung. Reschke liebt ihre fette Nikon und steht nicht nur beruflich auf Fotografie. Tatortfotografie ist für sie auch Fotokunst. Es vergeht keine Veranstaltung von C/O Berlin, dem Ausstellungshaus für Fotografie direkt am Bahnhof Zoo, die sie nicht besucht. Zwar fand sie es besser, als C/O Berlin noch im Postfuhramt in der Oranienburger Straße beheimatet war, aber das ist Geschichte. Reschke hat die unterirdischen Katakomben und verwinkelten Gänge gemocht, in denen die Ausstellungen damals untergebracht waren. Überall blätterte der Putz ab, fanden sich Wasserflecken und undefinierbare Verfärbungen, was einen irren Gesamteindruck ergab. Farbreste und verwischte Schriftzeichen rankten sich um die Fotos, rohes Neonlicht verlieh ihnen eine martialische Präsenz. Man hätte aus jeder Ausstellung eine weitere Ausstellung machen können, indem man die Fotos samt dem Raum, in dem sie hingen, noch einmal fotografierte. Die Räumlichkeiten des neuen C/O Berlin hingegen sind glatt und geleckt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Reschke seit einiger Zeit immer öfter ins Newton Museum geht, das nicht weit entfernt liegt.

Reschke liebt die »Big Nudes«, die ein Treppenhaus oder ganze Wände einnehmen, kann sich an ihnen nicht sattsehen. Ein bisschen kommt es ihr so vor, als sähe sie sich selber nackt im Spiegel. In einer Kleinausgabe natürlich, was nicht allein am Format der Bilder liegt. Doch obwohl Reschke höchstens halb so groß wie die Modelle ist, in die Newton allem Anschein nach wie sie vernarrt war, hat sie eine vergleichbare Figur.

Athletisch passt am besten, findet sie, breite Schultern, flacher Bauch und Läuferinnenbeine.

Dazu besitzen die »Big Nudes« allerdings Brüste, für die Reschke morden würde. Bevor sie die Aufnahmen kannte, wusste Reschke gar nicht, dass eine solche Kombination auf natürlichem Weg überhaupt möglich war. Reschkes Brüste sind klein und fest. Manchmal denkt sie deshalb, dass es besser gewesen wäre, sie hätte die »Big Nudes« nie zu Gesicht bekommen. Reschke hat sich schon gefragt, ob sie sich weniger mag, seit sie auf Newtons Frauen gestoßen ist. Das vielleicht nicht, hofft sie, aber ihre Vorlieben haben sich verändert. Mit einer der »Big Nudes« ins Bett zu gehen, stellt sie sich überirdisch vor.

Reschke zuckelt die Großbeerenstraße entlang. Seit sie abgebogen sind, gibt es so gut wie keinen Verkehr mehr. Alles ist friedlich und still. Nicht einmal ihr Wagen macht noch irgendein Geräusch, weil er über eine geschlossene Schneedecke rollt.

3. Kapitel

Hartenfels steigt aus und versinkt im Schnee. Reschke hat direkt am Viktoriapark angehalten und der stillgelegte Wasserfall, vor dem sie stehen, gleicht einer Schneise, die jemand in die Bäume geschlagen hat. Ginge auch als Skipiste durch, denkt Hartenfels, während er Ausschau nach einer Art Trampelpfad hält, den er nehmen könnte. Mit seinen Halbschuhen will er sich nicht durch 50 Zentimeter Neuschnee quälen.

»Hier lang, Chef«, sagt Reschke und weist auf eine Reifenspur, die in das Parkgelände führt.

Einen Augenblick überlegt Hartenfels, ob sie nicht zurück zum Auto sollten, um ihr zu folgen, muss sich dann aber eingestehen, dass ihr Dienstwagen garantiert stecken bleiben würde. Mit einem Bulli der Bereitschaftspolizei kann er es nicht aufnehmen. Er geht Reschke nach, die bereits einen guten Vorsprung hat.

Weil es weiterschneit, ist für Hartenfels die Umgebung kaum zu erkennen. Als er an einer Art Gehege vorbeikommt, hält er vergeblich Ausschau nach den dort eingesperrten Tieren. Es gibt höchstens ein paar Spuren im Schnee, die von Hühnern oder anderem Geflügel stammen könnten. Hartenfels erinnert sich daran, schon einmal im Sommer dagewesen zu sein und einen Pfau gesehen zu haben, der ein wunderschönes Rad schlug. Dafür ist es heute viel zu nass und viel zu kalt. Hartenfels kennt sich mit dem Balzverhalten eines Pfaus nicht aus, könnte sich jedoch vorstellen, dass es witterungsabhängig ist.

»Früher gab es hier sogar Nutrias«, hört er Reschke, die wie er stehen geblieben ist.

»Nutrias?«, fragt Hartenfels.

»Irgendetwas zwischen Biber und Ratte. Bloß mit ekligen gelben Zähnen.«

Hartenfels weiß nicht, wovon seine Kollegin spricht.

»Haben wir Ossis früher gegessen«, fährt sie fort.

»Und wie schmeckt das?«, will er wissen.

Reschke zuckt nur die Achseln. Mit den Vorlieben ihrer Brüder und Schwestern kennt sie sich allem Anschein nach nicht gut aus.

Kein Wunder, denkt Hartenfels, soweit er weiß, hat sie mit ihren Eltern die DDR schon vor der Wende verlassen.

Sie setzen sich wieder in Bewegung, passieren noch ein Gehege, in dem sie Ziegen entdecken und einen Bär. Ein Bär? Hartenfels kneift die Augen zusammen und ihm wird klar, dass er nicht echt ist. Der Bär ist aus Holz. Er schüttelt den Kopf, betritt endlich freies Gelände, ohne dass es merkbar heller würde. Er erahnt ausgedehnte Wiesen, die steil ansteigen, kann sich aber täuschen, weil seine Sichtweite deutlich unter 20 Metern liegt. Er wischt sich zum x-ten Mal Schnee vom Schädel. Zum Glück sind die Reifenspuren nach wie vor gut sichtbar, die ihn zuvor bereits am Tiergehege vorbeigelotst haben. Noch ein paar Schritte und Hartenfels entdeckt einen Polizeibulli, der mit laufendem Motor mitten im Park abgestellt wurde. Reschke und er halten auf das Fahrzeug zu und bemerken Fußspuren, die von dem Wagen aus nach oben führen. Hartenfels gibt sich Mühe, in sie zu treten, Reschke ist jetzt hinter ihm.

Hartenfels sieht nach oben in eine Sonne, die bleich und kraftlos über ihm schimmert. Wolken jagen vorbei und verdecken sie, dann reißt der Himmel auf. Hartenfels schließt geblendet die Augen, läuft aber weiter, immer höher die Wiesen hinauf. Weil Entfernungen in dem gleißenden Licht nicht leicht abzuschätzen sind, weiß er inzwischen nicht mehr, wo er sich befindet. Er kann nur hoffen, dass die Personen, die vor ihm nach oben gestiegen sind, ein klares Ziel hatten. Am besten den Fundort der Leiche.

Davon angestrengt, bei jedem Schritt aufwärts den Fuß bis zu den Knien anzuheben, macht Hartenfels eine Verschnaufpause und dreht sich um. Er hat schon ein gutes Stück Höhe gewonnen und erkennt die Bäume, die den Park begrenzen. Sogar den Funkturm sieht er. Da keine neuen Wolken die Sonne verdunkeln, bleibt es hell, und auch der Schneefall hört auf. Hartenfels wischt sich ein letztes Mal über den Kopf und wendet sich erneut der steil ansteigenden Wiese zu. Kaum 20 Meter vor ihm kommen Menschen in sein Blickfeld, die bis jetzt nicht zu sehen waren. Hartenfels macht vier Uniformierte aus, wahrscheinlich die Besatzung des Polizeifahrzeugs, und einen Mann in Zivil.

Der Mann ist fast so groß wie er, aber schmal. Hoch aufgerichtet befindet er sich ein Stückchen oberhalb der Beamten und überragt sie mühelos. Die langen Haare hängen dem Mann bis auf die Schultern und er trägt einen schwarzen Hut, dazu einen ebenfalls schwarzen Mantel und Stiefel. Hartenfels geht weiter und lässt die Gestalt nicht aus den Augen. Der Mann spricht nicht, stiert bloß in die Ferne, ohne dass er etwas Besonderes wahrzunehmen scheint. Wässrige Augen von blassem Blau schauen so teilnahmslos, dass Hartenfels eine gewisse Tragik spürt. Den Mann umgibt eine Aura verhaltener Melancholie. Hartenfels erkennt das, weil es Fotos von ihm gibt, auf denen er genauso dreinblickt, und er weiß, wie der Fremde sich fühlt.

Hartenfels schätzt ihn auf gut 50 Jahre. Als er noch näher kommt, fällt ihm auf, dass die Haare, die unter dem Hut des Mannes hervorschauen, grau und recht dünn sind. Hartenfels versteht nicht, warum so viele Menschen die Zeichen der Zeit nicht erkennen. Er selbst hat eine Glatze, höchstens Stoppeln, wenn er keine Zeit zum Rasieren findet. Es ist eine Tugend, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das zeigt, dass man noch Kontakt zur Realität hat. Wer den Kontakt zur Realität verliert, verliert sich in seinen Vorstellungen.

Hartenfels macht die letzten Schritte, nickt seinen Kollegen zu und stellt sich direkt vor den Mann, doch bevor er ihn ansprechen kann, bellt ein Hund. Hartenfels schaut nach unten auf ein großes Tier, das hinter dem Mann im Schnee gelegen hat und gerade aufspringt.

»Sitz«, hört Hartenfels und der Hund befolgt das Kommando, lässt ihn jedoch nicht aus den Augen.

Hartenfels ist so einem Tier nie zuvor begegnet. Es ist schwarz und struppig, hat dunkle Augen, die hinter Fellfransen verschwinden, ist massig und schwer, Hartenfels schätzt gut und gerne 40 Kilo. Das Kreuz breit und die Beine lang, den Schwanz kann er nicht sehen.

»Ihr Hund?«, fragt er.

Der Mann, der trotz des Kommandos, das er gegeben hat, weiter in die Ferne schaut, fokussiert endlich seinen Blick, betrachtet Hartenfels und nickt.

»Zerberus«, sagt er, was dazu führt, dass der Hund die Ohren aufstellt.

Hartenfels weiß gar nicht, wonach er zuerst fragen soll. Der Name des Hundes erscheint ihm genauso grotesk wie seine Rasse.

»Zerberus?«, fragt er.

»Genau«, sagt der Mann, ohne sich von Hartenfels abzuwenden, »nach dem Wächter des Hades aus der griechischen Mythologie.«

»Also ein Höllenhund«, murmelt Hartenfels.

»Ein Mix aus Riesenschnauzer und Wolfshund. Meine Frau nennt ihn Fluffy.«

»Fluffy?«, wiederholt Hartenfels.

Das ist ja mal ein putziger Name für so ein Kalb.

»Hat sie aus Harry Potter, wenn Ihnen das etwas sagt.«

Hartenfels nickt. Wem sagt das nichts?

»Da gibt es diesen Riesen, Hagrid heißt er. Der nennt einen Hund Fluffy, der von Zerberus abstammt und eine genauso furchterregende Optik hat.«

»Apropos Frau«, kommt Hartenfels auf den Grund seines Erscheinens zu sprechen. »Sie haben sie als vermisst gemeldet. Seit wann ist sie denn verschwunden? Außerdem«, er hält dem Mann die Hand hin, »mein Name ist Hartenfels.«

»Meister«, sagt der und schlägt ein, dann legt er seine Stirn in Falten und atmet geräuschvoll aus. »Wir sind zusammen mit Zerberus«, es besteht kein Zweifel, welchen Namen Meister bevorzugt, »wie jeden Morgen Gassi gegangen, und als wir hier die Wiese erreicht haben, ist er plötzlich abgehauen. Wir haben gerufen und gerufen, aber er hat nicht reagiert.«

»Passiert das öfter?«, wirft Hartenfels ein.

»Wenn er eine Spur hat, schon.« Meister nickt und ein wenig Schnee fällt von der Krempe seines Huts. »Eigentlich bleibt einem nichts anderes übrig, als zu warten, bis er wiederkommt.«

»Ist er heute wiedergekommen?«

»Eben nicht. Nachdem ich realisiert hatte, dass Rufen nichts bringt, bin ich hinter ihm her. Weil es so heftig geschneit hat, war ich fast blind, und es war reiner Zufall, dass ich ihn gefunden habe.« Meister dreht sich um und sieht die Anhöhe hinauf, die sich noch gut 50 Meter bis zum Denkmal erstreckt.

Hartenfels folgt seinem Blick und entdeckt inmitten des jungfräulichen Weiß, das alles bedeckt, ein Stück zerwühlten Schnees. Um was genau es sich handelt, kann Hartenfels aus der Entfernung nicht erkennen, aber er denkt es sich. Da liegt die Leiche.

»Da oben?«, fragt er.

»Ja«, antwortet Meister und wendet sich wieder ihm zu. »Zerberus hatte ein Bein ausgegraben und buddelte weiter im Schnee. Ich musste ihn wegzerren, so verrückt hat er sich aufgeführt.«

»Haben Sie die Leiche angefasst?«

Meister blinzelt und Hartenfels denkt zuerst, dass ihm vielleicht eine Flocke ins Auge geraten ist, doch da Meister nicht mehr damit aufhört, ist es wohl ein Tick.

Was macht ihn so nervös, überlegt Hartenfels.

»Ich habe nachgesehen, ob ich noch etwas tun kann«, sagt Meister leise.

»Und«, fragt Hartenfels, »konnten Sie?«

Meister schüttelt den Kopf, nasses Weiß fällt von seinem Hut, rutscht von seinen Schultern.

»Was genau haben Sie unternommen?«, will Hartenfels wissen.

»Ich habe selber gegraben und den Kopf freigelegt. Da war nichts mehr zu machen, das war sofort klar.«

»Mann oder Frau?«

»Wie bitte?«

»Handelt es sich bei der Leiche um einen Mann oder eine Frau?«

»Einen Mann«, sagt Meister und schaut zu Boden.

Hartenfels dreht sich zu den Beamten um, die ein Stückchen unterhalb von ihm stehen und sicher zugehört haben.

»Stimmt«, sagt einer von ihnen.

»Warum habt ihr nichts abgesperrt?«, fragt Hartenfels.

»Weil alles voller Schnee ist, wollten wir erst auf die KTU warten«, erwidert der Beamte. »Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll.«

»Verstehe ich jetzt nicht«, sagt Hartenfels und schaut nach oben.

Die Sonne hat sich erneut hinter dicken Wolken verkrochen, und es fängt schon wieder an zu schneien.

»Deswegen«, sagt ein anderer Beamter und zeigt auf die Flocken, die feucht und schwer an ihnen vorbeitrudeln, »die Leiche ist längst neu zugeschneit, und man kann beim besten Willen nicht sagen, wo unter dem Schnee vielleicht noch Spuren sind. Im Grunde müssten wir den ganzen verdammten Park absperren.«

»Keine schlechte Idee«, meint Hartenfels, »ich würde gleich damit anfangen.«

Die vier Männer sehen sich an und machen sich auf den Weg nach unten.

»Wo bleibt überhaupt die KTU?«, ruft Hartenfels ihnen nach.

»Steckt irgendwo im Stau«, bekommt er zur Antwort.

»Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Frau verschwunden ist?«, wendet sich Hartenfels erneut an Meister.

»Nachdem Zerberus das da«, er zeigt auf die Stelle, wo die Leiche liegt, »gefunden hat, war sie weg.«

»Und vorher?«

»Vorher war sie direkt bei mir. Ich bin los, um Zerberus zu suchen, sagte ich ja bereits. Da habe ich nicht darauf geachtet, ob sie mir gefolgt ist.«

»Haben Sie sie gesucht?«

»Nicht gründlich, wenn Sie das meinen. Ich wollte mich nicht allzu weit von dem da«, er zeigt noch einmal auf die Stelle, wo der Schnee zerwühlt ist, »entfernen. Aber ich habe sie immer wieder gerufen. So weit konnte sie doch gar nicht weg sein, dass sie mich nicht gehört hat.«

»Hat sie ein Handy?«

»Das klingelt zwar, aber sie meldet sich nicht.«

»Hat sie es überhaupt dabei?«

Meister sieht Hartenfels an, seine Augen sind so wässrig, dass sie auch voller Tränen sein könnten. »Ich weiß es nicht«, sagt er.

»Geben Sie mir die Nummer, damit wir versuchen können, das Handy zu orten.«

»Die haben Ihre Kollegen schon weitergegeben.« Meister blinzelt und legt seine Stirn erneut in Falten. »Vielleicht ist sie ja längst zu Hause«, sagt er dann.

Hartenfels läuft ein paar Schritte in Richtung seiner Kollegen und fragt, ob sie Meisters Wohnung überprüft haben.

»Vor dem Haus steht ein Posten«, sagt einer der vier, »wäre da jemand, wüssten wir es.«

Hartenfels geht wieder zu Meister und an ihm vorbei zu der Stelle, die aufgewühlt ist. Es ist so, wie der Kollege gesagt hat. Auf der Gestalt liegt fingerdick Neuschnee, unter dem sich nur noch ihre Silhouette abzeichnet. Hartenfels bückt sich und versucht, etwas zu erkennen, doch er kann nicht einmal sagen, ob es sich tatsächlich um einen Mann handelt. Er wird auf die KTU warten, die hoffentlich ihr Zelt dabeihat. Ein Geruch steigt Hartenfels in die Nase, und er nimmt aus den Augenwinkeln wahr, dass der Hund, der immer noch neben Meister kauert, seinen Kopf dreht, um Witterung aufzunehmen, und leise winselt.

Kaum dass Hartenfels wieder steht, bemerkt er da, wo die Wiese unter ihm aufhört, ein weiteres Polizeifahrzeug, das sich durch den Schnee wühlt. Reschke, die sich die ganze Zeit zurückgehalten hat, fragt ihn, ob sie mit dem Fotografieren anfangen soll.

»Bei dem Schnee gibt es keine Spuren, die du kaputt machen könntest«, entscheidet Hartenfels, »leg los.«

Während Reschke ihre Nikon auspackt, geht er zurück zu Meister, legt ihm einen Arm um die Schultern und bittet darum, dass er ihn nach unten begleitet.

»Ich trommle eine Hundertschaft zusammen, die nach Ihrer Frau sucht«, sagt er, »und in der Zwischenzeit nehme ich Ihre Personalien auf, einverstanden?«

Meister sagt nichts, macht sich aber auf den Weg. Zerberus springt hoch und schüttelt sich wie wild. Hartenfels bleibt noch einen Augenblick stehen, um den nötigen Anruf wegen der Suchmannschaft zu tätigen, schließt dann zu Meister und seinem Hund auf.

»Gehen Sie immer hier spazieren?«, fragt Hartenfels, während er neben Meister Richtung Polizeibulli stapft.

Meister nickt, wobei erneut Schneematsch von der Krempe seines Huts herabrutscht. Er trägt einen grauen Dreitagebart, der auch ein Fünf- oder Sechstagebart sein könnte, und ist leichenblass. Es wirkt nicht so, als würde er sich viel an der frischen Luft aufhalten.

Aus dem zweiten Polizeifahrzeug sind inzwischen die Beamten von der Spurensicherung gestiegen, Hartenfels nickt den Männern und Frauen zu, fasst Meister am Arm und dirigiert ihn zu dem anderen Wagen. Hartenfels will endlich ins Warme, öffnet die Schiebetür und stickige Luft schlägt ihm entgegen. Meister und er klettern in das Fahrzeug, der Hund bleibt stehen. Meister wirft Hartenfels einen fragenden Blick zu, der nickt. Sofort springt Zerberus in den Bulli und schüttelt sich.

So viel dazu, denkt Hartenfels und zwängt sich hinter den herabgeklappten Tisch, Meister hat es leichter. Es ist nicht einfach, die Füße zu sortieren, weil Zerberus schon unter dem Tisch liegt. Meister nimmt den Hut ab und noch mehr Schnee fällt in das Innere des Fahrzeugs. Das spielt inzwischen keine Rolle mehr. Um Zerberus hat sich eine Pfütze gebildet und von den Schuhen der Männer tropft Wasser dazu.

Hartenfels findet, dass Meister den Hut besser aufbehalten hätte. Ohne Hut sieht man erst richtig, wie schütter seine Haare sind. Dass sie nass sind, macht es nur schlimmer. Hartenfels ist jetzt misstrauisch, einem Mann mit so einer Frisur traut er nicht. Hartenfels fährt den Laptop hoch, der auf dem Tisch steht.

»Vorname?«

»Johannes«, sagt der Mann und wiederholt dann seinen vollen Namen. Er sagt es so, als sei damit alles Weitere erledigt.

»Sollte ich Sie kennen?«, fragt Hartenfels.

Meister zuckt die Achseln.

»Ja oder nein?«

»Wenn Sie gerne lesen«, sagt Meister.

Nun zuckt Hartenfels die Achseln. Liest er gern? Schon. Den Namen Johannes Meister hat er trotzdem nie gehört.

»Fantasy«, sagt Meister.

Kein Wunder, dass Hartenfels ihn nicht kennt.

Er nickt. Das passt zusammen. Einem Mann, der Fantasy schreibt, würde er sowieso nicht trauen, egal, was für eine Frisur er trägt. Hartenfels nimmt sich vor, eins seiner Bücher zu lesen.

»Alter?«, fragt er.

»53.« Meister zwinkert mit dem rechten Auge.

»Leben Sie vom Schreiben?«

»Ja«, sagt Meister, »hab nie was anderes gemacht.«

Das imponiert Hartenfels. Um vom Schreiben leben zu können, braucht man bestimmt einen langen Atem. Eine Tugend, die das Fehlen anderer Tugenden kompensieren kann.

»Und Sie sind heute wie jeden Morgen zu einem Spaziergang mit Ihrem Hund aufgebrochen?«

»Da ist das Wetter egal.«

Danach hat Hartenfels zwar nicht gefragt, interessant ist es trotzdem.

»Wenn Zerberus seine Runde nicht dreht, ist er zu Hause unausstehlich«, präzisiert Meister.

»Gehen Sie immer mit Ihrer Frau?«

»So gut wie.«

»Wie alt ist Ihr Hund?«

»Vier.«

»Wohnen Sie hier in der Nähe?«

»Riehmers Hofgarten«, sagt Meister und Hartenfels nickt.

Er kennt den eleganten Häuserkomplex, der nur ein paar Straßen vom Viktoriapark entfernt liegt, Luftlinie weniger als ein Kilometer. Hartenfels hat in der Vergangenheit selbst versucht, dort eine Wohnung zu ergattern, ist aber an wechselnden Investoren und unklaren Sanierungsabsichten gescheitert. Wenn er richtig informiert ist, gibt es inzwischen sogar handfesten Streit zwischen der Stadt und irgendwelchen Eigentümern, die das komplette Ensemble aufgekauft haben.

»Und was macht Ihre Frau?«, fragt er weiter.

»Sie hilft mir beim Schreiben«, antwortet Meister.

»Wie habe ich mir das vorzustellen?«

»Sie liest Korrektur, tippt meine Texte in den Computer, erledigt die Korrespondenz. Solche Sachen. Ohne sie käme ich überhaupt nicht klar.«

»Ich brauche später ein Bild von ihr.«

»Natürlich«, Meister wühlt seine Brieftasche hervor, »hier ist eins«, sagt er und hält Hartenfels ein Passfoto hin.

Die Frau auf der Aufnahme wirkt hager. Augen, die tief in den Höhlen liegen, eine scharf gezeichnete Nase, schmale Lippen, nicht unattraktiv. Hartenfels glaubt sofort, dass Meister ohne sie nicht klarkommt. Seine Frau sieht energisch, regelrecht verbissen aus. Im Schnee verlaufen hat sie sich bestimmt nicht. Außerdem wirkt sie viel jünger als Meister oder das Bild ist alt.

»Kann ich das Foto vorläufig behalten?«, fragt Hartenfels, und als Meister nickt, legt er es auf den Tisch.

»Wie alt ist Ihre Frau, wenn ich fragen darf?«

»33.«

20 Jahre Unterschied, denkt Hartenfels, krass. »Dann noch die genaue Adresse bitte.«

»Hagelberger Straße 10c.«

Weil Hartenfels das herrschaftliche Bauensemble des Hofgartens bis heute nicht vergessen hat, interessiert es ihn, wo genau Meister dort wohnt, und er fragt ihn danach.

»Ich habe den Zuschlag für das erste Penthouse erhalten«, antwortet Meister, und an der betont beiläufigen Weise, in der er das sagt, erkennt Hartenfels, dass er stolz darauf ist.

Aber hallo, denkt Hartenfels. Ihm war nicht bekannt, dass es im Riehmers Hofgarten überhaupt Eigentumswohnungen, geschweige denn Penthouses gibt. Hat der Investor den Streit wohl gewonnen.

»Wohnen Sie schon lange dort?«

»Seit zwei Jahren.«

Die Geschäfte gehen offensichtlich gut.

»Wo sind Sie geboren?«

»Im Wedding.«

»Und Ihre Frau?«

»Sie ist auch Berlinerin.«

Das ist eher selten, findet Hartenfels. Berlin wimmelt von Zugereisten.

»Wie lange kennen Sie sich?«

»Ungefähr fünf Jahre.«

»Wann haben Sie geheiratet?«, fragt Hartenfels.

»Wir sind nicht verheiratet.«

»Also heißt Ihre Frau nicht Meister?«

»Sie heißt Köhler, Evelyn Köhler.«

»Haben Sie das meinen Kollegen bereits gesagt?«

Meister nickt und schweigt.

Hartenfels selbst ist nicht liiert oder verheiratet, wie viele seiner Kollegen. Die meisten geben ihrem Beruf die Schuld daran. Zerstörte Ehen, verlassene Kinder oder gleich ein Leben als Single. Hartenfels sieht das anders. Er ist ein Einzelgänger und war es immer schon. Er hat nicht einmal Freunde.

Etwas poltert gegen den VW-Bulli, dann fliegt die Schiebetür auf. Ein kleiner Mann schaut in den Wagen, bekleidet mit dem Ganzkörperkondom der Spurensicherung. Trotz des grauenhaften Wetters trägt er Krawatte, was angesichts des Plastiküberzugs, in dem er steckt, ein groteskes Bild abgibt. Dazu sorgfältig gescheiteltes Haar, dem selbst das Wetter nichts anhaben konnte, wahrscheinlich haben Schnee und Gel wie Superfestiger gewirkt. Petersen, Gerichtsmedizin.

Na gut, einen Freund hat Hartenfels. Einmal angenommen, dass man mit jemand wie Petersen befreundet sein kann.

»Komm rein«, sagt Hartenfels, und Petersen klettert in den Bulli.

Es entsteht ein bisschen Chaos, weil Zerberus den Neuangekommenen begrüßen will, wofür der Platz fehlt.

Trotz seines unheimlichen Aussehens ein freundliches Tier, findet Hartenfels. Zerberus hat wahrscheinlich längst vergessen, dass er eine Leiche ausgegraben hat.

»Ich war nicht der Erste«, sagt Petersen, sobald er sitzt.

Er hat sich neben Meister gequetscht, den er überhaupt nicht beachtet.

»Was meinst du damit?«

»Die Leiche wurde zweimal eingeschneit. Das heißt, dass jemand sie zwischendurch bewegt hat.«

»Das war ich.«

Petersen dreht sich zu Meister und betrachtet ihn. Das Schweigen zieht sich hin.

»Sie sind?«, will Petersen irgendwann wissen.

Bevor Meister antworten kann, stellt Hartenfels die beiden Männer einander vor. Er erzählt auch, warum Meister die Leiche bewegt hat.

»Hätte er sie nicht bewegt, würden wir uns jetzt fragen, ob er ein Soziopath ist«, schließt Hartenfels.

Petersen brummt etwas Unverständliches.

»Oder was würdest du von jemandem halten, der einen halb eingeschneiten Menschen findet und nicht einmal nachsieht, ob er vielleicht noch lebt?«

»Jetzt frage ich mich, was ich von jemandem halten soll, der seine DNA hübsch gleichmäßig auf einer Leiche verteilt hat.«

Meister rutscht auf der winzigen Bank herum, sagt aber nichts.

Der Mann kann schweigen, denkt Hartenfels und verzeichnet einen weiteren Pluspunkt.

Petersen und er sind ein eingespieltes Team, und ihr kleiner Wortwechsel hätte bei manch anderem zu Reflexen geführt. Hartenfels mag Reflexe, weil sie keiner Zensur unterliegen.

»Was gibt es sonst noch?«, fragt er Petersen.

»Einen Schlag auf den Hinterkopf, der tödlich war.«

»Hast du die Waffe gefunden?«

»Nein. Kann alles Mögliche gewesen sein. Ich werde die Wunde auf Splitter und Abrieb untersuchen.«

»Identität?«

»Männlich, um die 30, liegt wahrscheinlich schon die halbe Nacht hier.«

»Hatte er Papiere dabei?«

»Das hätte ich längst gesagt.«

Petersen stemmt sich hoch, klopft Schneereste von seinem Überzug, dazu stampft er auf den Boden.

»Kannst du das nicht draußen machen?«, fragt Hartenfels, dem wässriger Matsch auf den Laptop gespritzt ist.

»Draußen schneit es«, erwidert Petersen und öffnet die Tür.

»Hast du sonst noch Spuren gefunden?«, hakt Hartenfels nach.

»Draußen schneit es«, wiederholt Petersen und lächelt.

Es ist ein aufrichtiges Lächeln, das sein ganzes Gesicht erstrahlen lässt. Hartenfels kennt dieses Lächeln. Es ist typisch für Petersen, wenn er nicht weiterweiß. Es passt zu ihm, dass er Fragen interessanter findet als Antworten. Manchmal macht Petersen alle verrückt.

Hartenfels steht ebenfalls auf, wobei er das Foto von Meisters Freundin vom Tisch nimmt.

»Ich höre mal, ob es etwas Neues gibt, Sie warten bitte hier«, sagt er, was Zerberus missversteht.

Der Hund springt auf und stößt sich gewaltig den Kopf an der Tischplatte, scheint es jedoch nicht zu merken.

»Bleib«, zischt Meister und Hartenfels staunt über den eisigen Ton.

Zerberus rollt sich ganz klein zusammen.

Draußen steht Petersen und wartet.

»Keine Reaktion«, sagt er.

Hartenfels nickt. Meister hat sich gut gehalten. Er spricht sowieso nur das Nötigste. Kann Taktik sein oder es ist seine Art, sie werden sehen. Das ist erst der Anfang, mit Meister werden sie in den folgenden Tagen sicher viel Zeit verbringen.

»Meinst du wirklich, er hat Spuren verwischt?«, fragt Hartenfels.

»Falls ja, dann gründlich.«

»Wieso?«

»Das Gesicht des Toten wurde abgewischt und die Hände ebenfalls. Wahrscheinlich hat Meister sogar den Kopf angehoben und dabei die Wunde berührt. Um festzustellen, ob jemand noch lebt, ist das ein ganz schöner Aufwand.«

»Gib das mal weiter«, sagt Hartenfels und drückt Petersen das Foto von Evelyn Köhler in die Hand, »und dann bis später.« Er dreht sich um und läuft die Wiese hoch. Was Petersen gesagt hat, muss er erst einmal verdauen.

Während Hartenfels sich durch den Schnee kämpft und ab und zu eine kurze Pause macht, um zu verschnaufen, merkt er, dass die Lage sich ziemlich verändert hat. Neben den zwei Polizeifahrzeugen sind mehrere Mannschaftswagen abgestellt, und auf halber Höhe der Wiese stehen Dutzende Beamte in einer langen Reihe, die bereit sind, in alle Richtungen auszuschwärmen. Noch arbeitet die KTU und hat keine Freigabe erteilt. Hartenfels entdeckt Reschke, die mit ihrer Kamera hantiert, und ein Zelt, das den Fundort der Leiche gegen den stetig fallenden Schnee abschirmt. Stimmen dringen an sein Ohr, die Geräusche sind gedämpft, Reschke bemerkt ihn und macht sich an den Abstieg.

»Ich bin fertig, Chef«, sagt sie, als sie ihn erreicht hat, und verkündet, dass sie zwecks Bildbearbeitung zurück ins LKA will.

Hartenfels weiß, dass sie sich Mühe geben wird, den Toten so lebensnah wie möglich abzubilden. Reschke ist eine Künstlerin auf ihrem Gebiet und kommt selbst mit entstellenden Verletzungen zurecht.

Hartenfels informiert Reschke, dass Petersen ein Foto der vermissten Frau hat, und lässt sie ziehen, bloß den Wagen, der vor dem Viktoriapark steht, möchte er behalten. Er will unbedingt noch zu Meister nach Hause. Reschke ist das egal, es sind genug Kollegen vor Ort, irgendjemand wird sie sicher mitnehmen.

Nachdem das Gespräch beendet ist und Hartenfels sich wieder dem Fundort der Leiche zuwendet, sieht er, dass der Zinksarg schon bereitsteht und soeben angehoben wird. Überall ist der Schnee zertrampelt, Spuren, die sich rasch unter neuen Flocken verlieren.

Das sind denkbar schlechte Bedingungen, um eine verschwundene Person zu suchen, denkt Hartenfels, gibt aber trotzdem das Zeichen.

Die KTU ist fertig und die Beamten, die sich in einer Reihe aufgestellt haben, marschieren los. Hartenfels hört Kommandos, die von schlechtem Funkkontakt zerhackt sind, beobachtet, wie der Sarg zum Transport verstaut wird.

In den Obduktionssaal zu Petersen, geht ihm durch den Kopf, und er bekommt eine Gänsehaut.

Hartenfels bleibt noch ein paar Minuten stehen, Schnee fällt und fällt. Irgendwann ist die Suchmannschaft hinter dem Denkmal auf der Spitze des Bergs verschwunden, und es wird so still, als wäre nichts geschehen.

4. Kapitel

Meister sitzt mit seinem Hund im Polizeifahrzeug und sieht aus dem Fenster, ohne seine Umgebung wahrzunehmen, so versunken ist er in seine Gedanken. Er geht Optionen durch. Für Hartenfels. Wie lange wird er überleben? Wann bringt er ihn um? Meister macht das oft, wenn er jemand kennenlernt. Als Schriftsteller hat er Macht über seine Figuren. Es kann aber auch vorkommen, dass eine Figur ein Eigenleben entwickelt und Forderungen stellt. Meister überlegt, ob Hartenfels so eine Figur sein könnte. Hat Hartenfels das Zeug zum Helden?

Meister schüttelt den Kopf und blinzelt. Dazu ist er viel zu dick. Außerdem hat Hartenfels etwas Somnambules, schien gar nicht gemerkt zu haben, dass es schneit. Meister denkt an die aufgeweichten Halbschuhe und die durchnässte Lederjacke. Dann lächelt er, weil ihm Peter Falk einfällt. Bei Peter Falk war alles Tarnung. Er tat nur so, als wäre er zerstreut. In Wahrheit arbeitete Falks Verstand wie ein Uhrwerk. So gut kennt er Hartenfels nicht, kann sich jedoch vorstellen, ihm etwas ähnlich Doppelbödiges zu geben. In Meisters neuem Romanzyklus fehlt ein überzeugender Schurke.

Schurken sind schwieriger als Helden, findet er.

Noch einmal denkt er an Hartenfels’ kahl rasierten Schädel, seine riesigen Hände und die fleischige Nase. Meister fragt sich, ob Hartenfels bloß fett ist oder ob mehr dahintersteckt. Auf jeden Fall hat sich Hartenfels markante Züge bewahrt, was eindeutig gegen Adipositas spricht. Er hat kein zweites Kinn, seine Gesichtskontur ist scharf gezeichnet. Außerdem haben Dicke oft Augen, die wie Rosinen im Fleisch stecken, findet Meister, so eingesunken und klein wie sie sind. Hartenfels’ Augen sind groß und leuchtend Blau. Wahrscheinlich ist er ein ernst zu nehmender Gegner. Meister stellt sich einen Sumoringer vor, der statt des üblichen Ballonschädels Hartenfels’ Züge trägt, und pfeift durch die Zähne.

Nicht schlecht, denkt er.

Meister stützt seinen Kopf in die rechte Hand und legt ihn schräg, unter dem Tisch gähnt Zerberus geräuschvoll. Weil Meister Fantasy schreibt, stattet er Hartenfels mit Schwert und Dolch aus, auch eine Kopfbedeckung könnte Wunder wirken. Meister legt die Stirn in Falten. Was soll er tun, um den Fiesling aus Hartenfels hervorzukitzeln? Steckt überhaupt ein Fiesling in ihm? Meister versucht, sich Hartenfels’ Gesicht vorzustellen, wenn es sich vor Wut und Ärger verzerrt. Irgendwie will es ihm nicht gelingen. Hartenfels scheint eher der Typ »Buddha« zu sein, von unerschütterlicher Ruhe. Aber das kann täuschen.

Meister reibt sich das Kinn. Der Mann ist wirklich schwierig einzuschätzen.

Ganz anders als der kleine Gerichtsmediziner, mit dem er weggegangen ist, denkt Meister.

Petersen ist der aalglatte Typ, akkurat, penibel und eingebildet. Für so eine Figur gibt es immer eine Nische. Spion, Zuträger, Intrigant sind die passenden Oberbegriffe. Und obwohl Petersen schmal und schlank ist, hat er genau die Augen, die eigentlich zu Hartenfels gehören: tief in ihren Höhlen liegende kleine schwarze Murmeln.

Vielleicht sollte ich beide Figuren vermischen, überlegt Meister. Doch dann kommt ihm eine andere Idee. Was wäre, wenn er den Kommissar und den Rechtsmediziner als Paar konzipierte? Zusammen könnten sie wirklich diabolisch sein, denkt er, allein eher nicht.

Hartenfels fehlt die nötige Verschlagenheit und Petersen ist für sich genommen ein Witz. Aber als Duo infernale? Meister sieht einen zwergenhaften Mann, der seinem Herrn Pläne einflüstert, die so schwarz sind wie die Nacht.

Das könnte gehen, denkt er.

Es ist überhaupt ein netter Einfall, die Rolle des Bösewichts durch zwei zu teilen. Das eröffnet eine Menge Spielraum, besonders wenn Meister seine Leser erst im Laufe des Romans darüber ins Bild setzt. Zwei Täter haben ein enormes Potenzial, weil jeder für sich so lange unverdächtig bleibt, bis man seinen Partner kennt.

Meister verzieht seine Lippen zu einem Lächeln, schließt die Augen, lehnt sich zurück und tastet mit der Hand nach seinem Hund. Zerberus schnellt hoch und leckt sie ab. Meister tätschelt Zerberus den Kopf, bückt sich und fährt ihm über seinen Rücken, klopft seine Rippen.

»Das hast du gut gemacht«, lobt er den Rüden.

Zerberus versucht, sich umzudrehen, am liebsten würde er Meister seinen Bauch hinhalten, doch der Platz reicht nicht.

Meister schaut auf die Uhr und gibt Hartenfels noch fünf Minuten. Wenn er in fünf Minuten nicht wieder da wäre, würde er sich mit Zerberus auf den Weg nach Hause machen. Nach zwei Minuten öffnet sich die Schiebetür des Bullis, magisches Denken hilft immer.

Hartenfels blickt sich einmal im Wagen um und meint dann, dass er Meister gern einen Besuch in seiner Wohnung abstatten würde.

»Vielleicht findet sich dort ja irgendein Anhaltspunkt bezüglich Ihrer Freundin«, schließt er, »die Suche hier dauert nämlich noch.«

Meister nickt. Das trifft sich gut. Zerberus ist schon aus dem Fahrzeug gesprungen.

Sie gehen nicht zu Fuß, sondern fahren mit einem Zivilwagen der Polizei, der direkt vor dem Viktoriapark steht. Meister und Hartenfels vorn, Zerberus hinten.

Eine schöne Sauerei, denkt Meister, der Hund ist klatschnass vom vielen Schnee. Aber es ist ja nicht weit, nach wenigen Augenblicken ist die Fahrt zu Ende. Hartenfels stellt den Wagen reichlich unkonventionell direkt vor einem der großen Portale ab, die in den Innenhof des Hofgartens führen, und Meister geht voraus. So verschneit wie alles ist, wirkt das alte Gebäudeensemble wie aus einer anderen Welt. Bloß der moderne Kubus, in dem sich ein Kino befindet, ragt fremd und reichlich unpassend in die ausladende Freifläche, die auch deshalb so groß ist, weil ein Seitenflügel im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut worden ist. Es gibt Raum für einen Spielplatz und sogar Bäume. Übrig geblieben ist trotzdem genug. Auf drei Seiten ragen Häuser mit aufwendiger Stuckverzierung in die Höhe, der einheitlich sandfarbene Ton, in dem sie gehalten sind, verleiht ihnen zusätzlich Atmosphäre.

Seit Zerberus aus dem Auto gesprungen ist, gebärdet er sich wie wild, und Meister hat Mühe, angesichts des herumtollenden Hundes zu dem Treppenhaus zu kommen, das zu seiner Wohnung gehört. Der Polizeibeamte, der sich davor postiert hat, geht vorsichtshalber in Deckung.

»Haben Sie keine Leine für Ihren Hund dabei?«, fragt Hartenfels.

»Die hat Evelyn«, antwortet Meister, »aber keine Sorge, ich habe ein paar Ersatzleinen.«

Meisters Penthouse verfügt über einen eigenen Aufzug, der direkt zu ihm führt. Nur er hat den Schlüssel und es gibt nur einen Knopf, den er drückt, wie immer zufrieden mit so viel Exklusivität. Es hat ihn eine hübsche Stange Geld gekostet, die er auf den Kaufpreis für Wohnung und Aufzug legen musste, um das Rennen zu machen. Doch es hat sich gelohnt.

Meister öffnet seine Wohnungstür und Licht flutet ihnen entgegen. Statt Mauern besitzt sein Domizil fast ausschließlich bodentiefe Fenster und es erstreckt sich über zwei Geschosse, wovon das untere wie ein Loft gestaltet, also gänzlich ohne störende Wände ist. Noch im Eingang stehend, wählt Meister die Nummer seiner Freundin, aber alles bleibt still, nirgendwo klingelt ein Telefon.

»Vielleicht ist der Akku leer«, versucht Hartenfels ihn zu beruhigen.

»Das würde überhaupt nicht zu ihr passen«, sagt Meister und fügt hinzu, dass Evelyn eine Perfektionistin sei.

»Perfektionisten können für alle sehr belastend sein«, sagt Hartenfels leise und mehr zu sich selbst.

Meister achtet darauf, dass Zerberus im Eingangsbereich bleibt, denn der ist gefliest. Sonst gibt es in der Wohnung ausschließlich Parkett, inzwischen zerfurcht von seinen Krallen. Es muss ja nicht sein, dass das Holz auch noch nass wird.

Hartenfels fragt tatsächlich, ob er seine Schuhe ausziehen soll.

Warum nicht, denkt Meister. Auf Socken wirkt der riesige Mensch vielleicht weniger bedrohlich.

Meister lässt seine an, bloß den Mantel hängt er weg. Hartenfels fingert kurz an den Knöpfen seiner aufgeweichten Lederjacke, entscheidet sich dann anders.

»Wo ist das Zimmer Ihrer Freundin?«, fragt der Kommissar, nachdem er seine vom Schnee dunkel verfärbten Schuhe weggestellt hat.

»Wir haben keine eigenen Zimmer«, antwortet Meister.

Hartenfels bleibt einfach stehen, betrachtet die großen Panoramafenster und dreht sich langsam um seine eigene Achse.

»Schön ist das«, sagt er.

Meister folgt seinem Blick. Ringsum verglast, wie der Raum ist, hat man das Gefühl, über der Stadt zu schweben. Weil die ganze Wohnung mit Fußbodenheizung ausgestattet ist, verstellen nicht einmal Heizkörper die Sicht, die spärliche Möblierung tut ihr Übriges. Eine Sitzgruppe und ein gewaltiger Sessel, das wars. Einmal abgesehen von einem offenen Kamin, der allerdings nicht brennt.

Das gemeinsame Schlafzimmer ist oben. Oben befindet sich außerdem Meisters Arbeitszimmer, in dem er sich jedoch nie aufhält, außer er inszeniert seine Fotos. Meister schreibt im Loft, er braucht zum Schreiben so viel Raum wie möglich. Wenn es das Wetter zulässt, schreibt er auch auf der Dachterrasse, die nur von den Türmen der Kirche überragt wird, die sich gleich neben Riehmers Hofgarten befindet.

Hartenfels steht inzwischen an einem der Fenster, von wo man sie ebenfalls sieht.

»Können Sie mal nachschauen, ob etwas fehlt, das Ihrer Freundin gehört?«, fragt er. Seine Stimme ist leise und freundlich. Zu seinem ungeheuren Körper passt sie nicht.

Meister überlegt, geht dann nach oben zum Kleiderschrank. Rechts hängen ihre Sachen, links seine. Der Parka fehlt, das ist alles. Er dreht sich im Schlafzimmer um, sein Blick fällt auf die kleine Kommode mit dem Schmuck. Nichts scheint abhandengekommen zu sein. Er öffnet ein paar andere Schubladen und lässt seine Finger über Evelyns Unterwäsche gleiten, Strümpfe, Socken, Pullover, es gibt keine Lücken, die ihm auffallen würden. Anschließend geht Meister ins Bad. Evelyns Toilettenartikel stehen an ihrem gewohnten Platz. Er schiebt Parfümfläschchen hin und her, tippt gegen die Zahnbürste, unten bellt Zerberus, der weiß, dass er ohne Aufforderung nicht die Treppe hinaufgehen darf.

Meister dreht sich um und prallt fast gegen Hartenfels, der ihm gefolgt ist, ganz leise und auf Socken. Meister ahnt, dass etwas Ungeheuerliches vorfallen wird. Er kennt solche Ahnungen. In der Regel beziehen sie sich auf das, was er schreibt. Er muss ihnen nur folgen, um den Plot seiner Fantasyromane zu finden. Jetzt ist es so, als beträfe eine dieser Ahnungen auf unheimliche Weise die Realität.

»Ich weiß nicht weiter«, sagt er und stützt sich an der begehbaren Dusche ab.

Hartenfels macht einen Schritt auf ihn zu und umfasst ihn.

»Das ist alles zu viel«, flüstert Meister und hält sich an Hartenfels fest, Zerberus bellt weiter.

Nach einer Weile spürt Meister, dass Hartenfels ihn aus dem Badezimmer schiebt. Er macht sich vorsichtig los und geht die Treppe nach unten. Zerberus hat aufgehört zu bellen, kratzt stattdessen an der untersten Treppenstufe. Meister gibt ihm ein Zeichen und der Hund schießt zurück ins Loft, um mit einem Satz in seinem Körbchen zu landen, in das er sich hineinfallen lässt.

Meister blinzelt. Draußen ist es noch heller geworden, fast ahnt man die Sonne hinter den Wolken. Trotzdem schneit es nach wie vor, aber die Flocken wirken feiner, nicht mehr ganz so feucht.

»Kommen Sie zurecht?«, fragt Hartenfels.

Meister nickt und setzt sich aufs Sofa. Seine Hände steckt er zwischen die Beine, weil sie angefangen haben zu zittern. Ihm ist selber bewusst, dass sein rechtes Auge verrücktspielt. Hartenfels zuckt die Achseln und lässt sich auf das zweite Sofa sinken.

»Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Freundin, wenn ich fragen darf?«

Meister sieht Hartenfels an. Der große Mann hat sich ausgestreckt und wirkt entspannt.

»Wie ich schon sagte«, Meisters Hände haben endlich aufgehört zu zittern, »ohne sie käme ich nicht klar.«

»Beruflich oder privat?«

»Beides.«

»So einfach?«

»Was soll daran einfach sein?«

»Ich überlege nur laut«, sagt Hartenfels, »blöde Angewohnheit von mir.«

»Auch wenn Sie es vielleicht lächerlich finden, kann ich mir ein Leben ohne Evelyn nicht vorstellen.«

»Warum sollte ich das lächerlich finden?«

»Wegen des Altersunterschieds?«

»Wenn Sie damit kein Problem haben.«

»Warum sollte ich? Für mich ist es eine Art Wunder, dass eine so junge, attraktive Frau etwas von mir will.«

»Wo haben Sie sich kennengelernt?«

»Hier im Viktoriapark. Ich war dort immer schon gern spazieren, und da haben wir uns direkt am Wasserfall getroffen, genauer gesagt an dem Bassin, das ganz unten ist. Ich werde es nie vergessen. Die Sonne ging gerade auf und sie stand da, als hätte ein Künstler für sie den Platz ausgesucht. Für mich war es wie ein Blitzschlag.«

»Und für sie?«

»Da kann ich nur spekulieren.«

»Spekulieren Sie ruhig.«

Meister beugt sich vor und sieht Hartenfels an. Der Kommissar hat die Augen halb geschlossen und es ist nicht auszumachen, ob er wie ein Schießhund aufpasst oder gleich einschläft. »Ich denke, dass es mit meinem Beruf zu tun hat«, sagt Meister.

»Sie meinen die Schriftstellerei?«

Meister nickt.

»Können Sie das genauer erklären?«, hakt Hartenfels nach.

»Wir Schriftsteller sind ein bisschen so wie Rockstars«, sagt Meister und betrachtet seine Hände, weil er weiß, wie unbescheiden sich das anhört.

»Frauen wie Evelyn sind also Groupies?«, fragt Hartenfels.

»In gewisser Weise schon«, stimmt Meister zu.

»Ist sie mit Ihnen auf Tournee gegangen?«

»Was wollen Sie hören«, Meister wird langsam ärgerlich, »dass ich ein eingebildeter Idiot bin, der nicht merkt, wenn eine Frau ihn verarscht?«

»Ist Ihnen die Idee nie gekommen?«

Meister hat es unglaublich satt. All die Spießer, die nie begreifen werden, dass manche Frauen nicht nur Film- und Popstars toll finden, sondern auch andere Künstler, Schriftsteller inklusive. Er versucht, sich zu beruhigen. Wie soll ein Polizeibeamter das verstehen? Eigentlich müsste er Mitleid mit Hartenfels haben.

»Gab es Spannungen zwischen Ihnen und Frau Köhler?«, fragt Hartenfels weiter.

Also daher weht der Wind, denkt Meister und muss sich ein Grinsen verkneifen. »Da muss ich Sie enttäuschen«, sagt er und sieht wieder hoch, »zwischen Evelyn und mir ist alles in Ordnung. Kein Streit, kein Drama, keine Eifersucht.«

»Warum ist sie dann verschwunden?«

»Ich weiß es nicht«, Meister lehnt sich zurück, »vielleicht ist ihr etwas passiert, wer weiß, wem sie begegnet ist.«

»Ziehen Sie das ernsthaft in Betracht?«

»Sie etwa nicht?«

Hartenfels rutscht nach vorn und setzt sich aufrecht hin, sucht Blickkontakt zu Meister. »Natürlich«, sagt er beschwichtigend, »wir stehen ja ganz am Anfang unserer Ermittlungen und können nichts ausschließen. Es kommt mir nur unwahrscheinlich vor, dass da draußen im Viktoriapark jemand herumlungert und darauf wartet, dass Ihre Freundin auftaucht.«

»Auf jeden Fall gehen wir regelmäßig dort spazieren«, sagt Meister mit Betonung auf »regelmäßig«.

»Haben Sie denn einen Anlass für einen solchen Verdacht?«

»Ich verdiene eine Menge mit meinen Büchern.«

»Das ist unverkennbar«, sagt Hartenfels und blickt sich ostentativ um, »aber irgendwelche Forderungen gibt es nicht, oder?«

»Bis jetzt nicht«, räumt Meister ein und wischt sich mit den Händen durchs Gesicht. »Und wenn der Mörder sich noch in der Nähe herumgetrieben hat, als ich auf die Leiche gestoßen bin?«, fragt er.

»Sie meinen auf dem Kreuzberg?«

»Genau.«

»Das wäre eine Möglichkeit«, stimmt Hartenfels zu und legt seine Stirn in Falten.

»Vielleicht hat Evelyn ihn erkannt. Und wenn nicht erkannt, dann hätte sie ihn vielleicht beschreiben können«, spinnt Meister den Faden weiter.

»Haben Sie den Mann vorher schon einmal gesehen?«, fragt Hartenfels.

»Welchen Mann?«, fragt Meister und weiß überhaupt nicht, von wem der Kommissar spricht.

»Den Toten.«

Meister schweigt. Er denkt an ein Gesicht, das voller Schnee ist. Er blickt in blaue Augen, kalt und wie gefroren. Ein tiefer Atemzug quält sich aus Meisters Lunge, und er stößt einen Ton aus, der Zerberus alarmiert. Der schwarze Hund verlässt sein Körbchen und legt seinen großen Kopf auf Meisters Knie.

»Also ja?«, hakt Hartenfels nach.

»Nein«, sagt Meister und seine Stimme klingt rau, »ganz bestimmt nicht.«

»Sind Sie sicher?«

»Ich bin sicher.«

»Ich würde Sie trotzdem bitten, mich in die Gerichtsmedizin zu begleiten, um alle Eventualitäten auszuschließen.«

»Muss das sein?«

»Freiwillig natürlich.«

»Und wann?«

»Am besten gleich.« Hartenfels wuchtet sich aus dem Sofa, Zerberus dreht sich zu ihm um.

Auf Meisters Hose ist ein nasser Fleck, entweder Schnee oder Speichel. Ihm fällt ein, dass er Zerberus noch nicht gefüttert hat. Also steht er auf und geht in die Küche. Entkernt wie der Raum ist, hat er keine Tür, alles ist offen. Meister kramt den Sack mit dem Trockenfutter hervor und füllt Zerberus’ Napf. Das Ding ist von Alessi, knallrot und mit einem Hund auf dem Deckel. Zerberus sabbert jetzt eindeutig, er sabbert immer, wenn er etwas zu fressen vor der Nase hat.

Meister stellt den Napf auf den Boden und Zerberus legt sich davor. Das hat er seinem Hund beigebracht. Meister klickert Zerberus, wie die Trainingsmethode heißt. Eigentlich kann man mit ihr jedem Tier so gut wie alles beibringen. Es ist auf jeden Fall praktisch, nicht gleich von seinem Hund bedrängt zu werden, wenn man ihn füttern möchte.

»Ja«, kommandiert er und Zerberus springt auf, um sein Fressen herunterzuschlingen.

»Können wir?«, fragt Hartenfels.

»Soll ich nicht lieber hier warten, vielleicht kommt Evelyn ja bald zurück?«

»Ich lasse den Beamten unten im Hof auf seinem Posten«, sagt Hartenfels und geht zur Wohnungstür, bückt sich nach seinen Schuhen.

»Darf Zerberus mit?«, fragte Meister.

»Wenn er allein im Auto bleibt.«

»Das kann er.«

Meister nimmt seinen Mantel vom Haken, zieht ihn an und greift sich eine Hundeleine.

Draußen hat es aufgehört zu schneien, die Sonne scheint. Der Schnee glitzert, und im Riehmers Hofgarten werden mit großen Holzschaufeln die Gehwege freigeräumt.

Besser spät als nie, denkt Meister.

5. Kapitel

Hartenfels wird nicht schlau aus Meister. Den gemeinsamen Besuch bei Petersen hat er vorgeschlagen, um sich ein wenig Klarheit zu verschaffen. Die Rechtsmedizin ist für Hartenfels ein Ort der Wahrheit. Da, wo Petersen arbeitet, gibt es keinen Platz für Vermutungen. Bei Petersen sind alle nackt. Meister scheint ein Mann zu sein, der gerne spekuliert. Die Idee, dass seine Freundin demjenigen begegnet sein könnte, der die Leiche im Viktoriapark auf dem Gewissen hat, wirkte ziemlich weit hergeholt. Schließlich waren laut Petersen seit dem Mord Stunden vergangen. Warum sollte der Täter so lange in der Nähe seines Opfers bleiben? Falls Meister wirklich mehr in seinen Vorstellungen als in der Wirklichkeit lebt, hofft Hartenfels auf eine Art Kurzschluss, sobald der Schriftsteller mit dem Toten konfrontiert wird. Er hat das schon erlebt.

Aber da ist noch eine Sache, die Hartenfels beschäftigt. Leider kann er nicht genau sagen, was. Hartenfels kann es höchstens lokalisieren. Es hat mit der Atmosphäre in Meisters Haus zu tun, obwohl »Atmosphäre« nicht ganz das richtige Wort ist. Was trifft es dann? Am besten nicht weiter darüber nachdenken. Ein großer Teil seiner Arbeit spielt sich im Hintergrund ab, dort, wo Hartenfels kaum bis gar keinen Einfluss hat. Eine Tatsache, die er lieber für sich behält.

Die Fahrt in die Turmstraße verläuft einsilbig bis stumm. Weil er es sich einfach machen will, hat Hartenfels das Navi eingeschaltet und muss bloß noch das Richtige eingeben. Irgendein Witzbold hat die Gerichtsmedizin unter dem Fahrziel »Zuhause« abgespeichert. Weil sich der festgefahrene Schnee auf den Hauptverkehrsstraßen in rutschigen Matsch verwandelt hat, muss Hartenfels sich trotzdem konzentrieren, was ein Gespräch nicht gerade fördert.

Angekommen, steigen die Männer aus und Zerberus bleibt im Auto. Er scheint das zu kennen.

Petersens Reich empfängt sie lichtdurchflutet und mit fünf Obduktionstischen, von denen glücklicherweise lediglich einer belegt ist. Hartenfels war schon bei Vollbetrieb hier und erinnert sich nicht gern daran. Es kann sehr laut werden und nicht nur das. Hartenfels hat im letzten Urlaub eine Gerberei in Marokko besucht, an deren Eingang jeder ein Sträußchen Minze bekam, um es sich unter die Nase zu halten. Eine gute Idee.

Heute riecht nichts, stattdessen liegt etwas in der Luft, das Hartenfels bekannt vorkommt. Vage, sehr vage. Vielleicht bloß eine olfaktorische Halluzination.

Petersen steht in Dunkelblau und mit Mundschutz hinter dem Tisch mit der Leiche. Sie ist nackt und zum Glück bereits vernäht. Hartenfels wirft einen Blick auf Meister, der blasser als blass wirkt, eher weiß.

»Tod durch einen Schlag auf den Hinterkopf, wie ich vermutet habe«, sagt Petersen und dreht den Kopf des Unbekannten zur Seite.

Hartenfels tritt ganz nah heran und kann die Wunde sehen. Meister hält Abstand.

»Gestorben ist er gegen Mitternacht.«

»Woher weißt du das so genau?«

»Unter ihm war nicht viel Schnee. Angefangen zu schneien hat es kurz vor elf.«

»Also ist der Fundort auch der Tatort?«

»Davon gehe ich aus. Es gibt Blutspuren, wo er lag.«

»Abwehrverletzungen?«

Kopfschütteln.

»Sonstige Spuren?«

»Die untersuche ich noch. Aber wahrscheinlich sind sie von ihm.« Petersen weist mit seinem Kinn Richtung Meister und sagt dann, dass er sobald wie möglich einen Abstrich und Fingerabdrücke von ihm brauche.

Meister reagiert nicht.

»Hat sich das Alter des Toten bestätigt?«, fragt Hartenfels.

»Immer noch um die 30 und wahrscheinlich ein Büromensch. Ich konnte keine Hinweise auf körperliche Arbeit feststellen. Und bevor du fragst: Zuletzt gegessen hat er gestern Abend, Pizza würde ich sagen und ein paar Gläser Wein.«

»War er betrunken?«

»1,2 Promille im Blut. Kurz nach dem Essen wird das natürlich etwas mehr gewesen sein.«

Der zweite Obduzent bringt einen Sack mit der Kleidung des Toten, und Hartenfels muss an Meisters Wohnung denken, vor allem an das Badezimmer. Irgendwie gehört auch der Fundort der Leiche zu diesen Assoziationen. Hartenfels fragt Petersen nach der Waffe.

»Ich habe Splitter gefunden. Es könnte glatt ein Ast gewesen sein, ein sehr stabiler.«

»Also nichts, was jemand im Vorbeigehen zufällig aufhebt?«

»Eher nicht. Da wäre außerdem das Risiko ja viel zu groß, ein morsches Teil zu erwischen.«

Stimmt, denkt Hartenfels, ist mit seinen Gedanken aber immer noch bei Meisters Badezimmer. Meister hat nach den Toilettensachen seiner Freundin geschaut. Zahnbürste, Parfüm. Er runzelt die Stirn. Parfüm.

»Sag mal, Petersen, wonach riecht es hier eigentlich?«

Petersen schiebt seinen Mundschutz, der ihm bis über die Nase reicht, nach unten.

»Was meinst du?«

»Na dieser Geruch nach …«, Hartenfels schnuppert ostentativ, legt seinen rasierten Schädel in den Nacken, »ich weiß auch nicht.«

Petersen beugt sich über die Leiche, schnuppert ebenfalls.

»Der ist es jedenfalls nicht«, erklärt er und fährt damit fort, dass er nichts gefunden habe, womit er die Identität des Toten hätte klären können.

»DAD-Abgleich läuft«, fügt Petersen hinzu, womit er die DNA-Analyse-Datei der Polizei meint.

»Haben die Fingerabdrücke nichts gebracht?«

»Das hätte ich dir längst gesagt.«

Hartenfels bittet Meister, ein wenig näher zu kommen, doch der will nicht, bewegt sich nur zögerlich in Richtung Obduktionstisch. Petersen hat den Kopf der Leiche losgelassen und der Tote sieht wieder zur Decke.

»Keine falsche Scheu«, ruft Petersen, »das erwartet uns alle.«

Sein Standardspruch, Hartenfels verzieht den Mund. Petersens Ansichten sind speziell.

Was erwartet uns alle, hat er ihn einmal gefragt, auf deinem Tisch zu landen?

Petersen fand das gar nicht komisch. Es ginge nicht darum, ausgeweidet zu werden, meinte er, denn das mache er schließlich.

Worum es denn dann ginge, wollte Hartenfels wissen.

Um den Verlust der Würde, erhielt er zur Antwort. Von anderen begafft zu werden wie ein ausgestopftes Tier, sei bloß eine Extremform unserer Vergänglichkeit.

Das hat Hartenfels zu denken gegeben und tut es noch. Trotzdem hofft er, dass Petersen heute nicht zum Dozieren aufgelegt ist, denn das kann dauern.

Meister ist inzwischen Petersens Aufforderung gefolgt und näher gekommen, so nah, dass er dem Toten in die Augen schauen kann. Hartenfels merkt gleich, dass das eine Serie von Ticks auslöst, Meister blinzelt in Reihe. Eine ganze Weile geht das so, er scheint es nicht zu merken.

»Kennen Sie ihn?«, fragt Hartenfels.

Meister schüttelt bloß den Kopf, und seine Mimik beruhigt sich. Wie ein Teich, der sich klärt, nachdem jemand einen Stein hineingeworfen hat.

»Mal zurück zu dem Ast«, wendet sich Hartenfels wieder an Petersen, »woran denkst du denn da?«

Petersen breitet die Arme aus. »Wir werden das Holz bestimmen und dann sage ich dir, ob jemand etwas Bestimmtes mitgebracht oder es vor Ort gefunden haben kann, einverstanden?«

Hartenfels nickt und fasst Meister am Arm, sagt, dass sie nun gehen würden, Meister wendet sich abrupt von der Leiche ab. Der Blick ins Gesicht des Toten hat ihn aufgewühlt. Erst jetzt bemerkt Hartenfels, dass der kleine Bottich am einen Ende des Obduktionstischs vollkommen blutverschmiert ist. Ist das der Grund für Meisters Panik?

Und wieder der Geruch. Nein, denkt Hartenfels, kein Geruch, sondern ein Duft.

Er schnappt sich den Beutel, in dem die Kleidung des Toten steckt, und öffnet ihn. Eine Duftwolke schlägt ihm entgegen. Unglaublich, dass er der Einzige zu sein scheint, der das riecht. Er packt alles zusammen.

»Augenblick«, hört er Petersen hinter sich sagen, »ich habe da noch etwas Seltsames gefunden.«

Hartenfels und Meister drehen sich um.

»An der Hose des Toten«, fügt Petersen hinzu.

»Was?«, fragt Hartenfels.

»Parfüm. Und zwar eine große Menge, Marke sage ich dir noch.«

Dabei lächelt er sein besonderes Lächeln.

Hartenfels könnte schwören, dass Petersen die ganze Zeit auf diesen Augenblick gewartet hat.

Na warte, denkt er und rennt hinaus, durchquert Gänge und Flure und erreicht schließlich seinen Wagen. Ohne zu zögern, reißt er die Fondtür auf und Zerberus springt heraus.

»Komm«, ruft Hartenfels und läuft zurück, Zerberus ist begeistert.

Natürlich haben Hunde keinen Zutritt zu Petersens Reich, aber das ist es ja gerade. Schwer und groß wie er ist, stampft Hartenfels über den gefliesten Boden, Türen schwingen automatisch auf. Dann ist er wieder da. Petersen und Meister haben sich kaum bewegt, stehen immer noch in der Nähe des Tischs mit der Leiche.

Zerberus will zu Meister, hält plötzlich inne und dreht ab, rennt zu dem Sack mit der Kleidung des Toten, schnüffelt und bellt, weil er ihn nicht aufmachen kann, dafür zerrt er ihn von dem Wägelchen, auf dem er liegt.

»Und ich weiß, von wem dieses Parfüm ist«, sagt Hartenfels zu Petersen, wobei er dessen Lächeln imitiert.

Was Hartenfels, seit sie hier sind, in die Nase sticht, was er schon am Fundort der Leiche gerochen und später in Meisters Haus als »Atmosphäre« wahrgenommen hat, ist das Parfüm von Evelyn Köhler.

»Ich besorge dir eine Probe«, erklärt Hartenfels und lässt das Lächeln verschwinden.

6. Kapitel

Zur erkennungsdienstlichen Behandlung fährt Hartenfels Meister von der Turm- in die Keithstraße zum LKA und nutzt die Zeit selbst, um einen Besprechungstermin mit seinen Mitarbeitern für den Nachmittag anzusetzen, wobei er davon ausgeht, dass bis dahin erste Ergebnisse der Spurensicherung vorliegen. Er nimmt Kontakt zu dem Suchtrupp auf, der den Viktoriapark durchkämmt hat, und erfährt, dass die Männer nichts gefunden haben. Dann wartet er, bis Meister fertig ist, um ihn nach Hause zu bringen.

Weil es nicht mehr schneit, hat sich der Verkehr auf den Berliner Straßen beruhigt. Hartenfels betrachtet Meister aus den Augenwinkeln, während er am Landwehrkanal entlangfährt. Der Besuch in der Rechtsmedizin hat ihn nicht weitergebracht, Meister wirkt gedankenverloren. Er sagt nichts, starrt nur nach vorn. Hartenfels selbst will nicht darüber reden, dass an dem Mann, den Meister ausgegraben hat, Spuren des Parfüms seiner Freundin nachweisbar sind. Das ist ihm viel zu verwickelt. Hat sie den Toten gekannt? Was hat es für einen Sinn, darüber zu spekulieren, solange niemand weiß, wo sie ist und um wen es sich bei der Leiche handelt. Und weil Meister dabei bleibt, den Mann noch nie gesehen zu haben, braucht er das auch nicht wiederzukäuen.

»Der Suchtrupp hat keine Spur von Frau Köhler gefunden«, sucht sich Hartenfels ein Thema, mit dem er vielleicht zu Meister vordringen kann.

Tatsächlich blinzelt Meister und dreht seinen Kopf, aber er schweigt weiter.

»Wo könnte Ihre Freundin sich aufhalten?«, fragt Hartenfels. »Vielleicht bei Verwandten, in einem Wochenendhaus?«

»Warum sollte sie da hinwollen?«, fragt Meister zurück.

»Vielleicht gibt es Dinge im Leben Ihrer Lebensgefährtin, von denen Sie nichts wissen.«

»Was für Dinge?« Meister zieht die Brauen hoch, klingt ehrlich erstaunt.

»Ein anderer Mann?« Hartenfels lässt es bewusst wie eine Frage klingen.

»Das hätte ich gemerkt«, meint Meister, »und Verwandte hat sie keine.«

Hartenfels staunt über die unerschütterliche Ruhe, die von Meister ausgeht. Von diesem Tick mit den Augen einmal abgesehen.

»Machen Sie sich denn gar keine Sorgen?«, platzt es aus ihm heraus.

»Natürlich mache ich mir Sorgen«, antwortet Meister, »aber davon kommt sie auch nicht zurück.«

»Jedenfalls glaube ich nicht, dass Ihre Freundin dem mutmaßlichen Mörder begegnet ist«, sagt Hartenfels.

»Und wieso nicht?«

»Der Tote lag seit circa 24 Uhr im Viktoriapark. Das würde bedeuten, dass er stundenlang auf sie gewartet hat, was mehr als unwahrscheinlich ist.«

Meister wendet sich ab und schaut wieder nach vorn.

»Sind Sie sicher, was den Todeszeitpunkt angeht?«, fragt er so leise, dass Hartenfels ihn kaum versteht.

»Petersen ist sich sicher.«

Meister nickt mehrmals, was Hartenfels nicht einzuordnen weiß. Weil er gerade auf den Mehringdamm einbiegt und sofort im Stau steht, ist er abgelenkt.

»Evelyn hat mich inspiriert«, sagt Meister, ohne seine Blickrichtung zu ändern.

Hartenfels wartet erst einmal ab. Worauf will Meister hinaus?

»Es wäre eine Katastrophe, wenn sie weg wäre.«

Hartenfels schweigt.

»Warum sollte sie so etwas tun?« Meister ist lauter geworden. »Wir hatten keinen Streit, das müssen Sie mir glauben.«

»Manchmal braucht es keinen Streit«, sagt Hartenfels.

»Wollen Sie wissen, ob wir noch Sex haben?« Meister sieht Hartenfels direkt an, seine Augen haben einen stechenden Ausdruck angenommen.

Nein, das wollte Hartenfels nicht wissen, aber wenn Meister es schon anbot.

»Haben Sie?«, fragt er.

»Erst heute Morgen.« Wie Meister das sagt, die Hände zu Fäusten geballt, sodass die Fingerknöchel weiß hervortreten, scheint es für ihn sehr wichtig zu sein.

Wahrscheinlich ist Meister einer dieser Männer, die sich ihre Selbstbestätigung im Bett holen, überlegt Hartenfels, aber wie bringt ihn das weiter? Vielleicht bekommt Meisters Panzer langsam Risse, denkt er dann.

»Und damit ist die Welt für Sie in Ordnung?«, fragt er bewusst provokativ.

»Mein Gott«, Meister dreht Hartenfels den ganzen Oberkörper zu, schreit fast, so laut spricht er, »geben Sie endlich Ruhe. Ich habe doch auch keine Antwort.«

Immerhin ein Lebenszeichen, findet Hartenfels und sagt nichts mehr.

Er will Meister ja nicht quälen, er will nur wissen, was in ihm vorgeht.

Der Mann ist verletzt, denkt er, und will es sich nicht eingestehen. Noch glaubt er, alles unter Kontrolle zu haben. Noch glaubt er, dass es für das Verschwinden seiner Freundin eine Erklärung geben muss, die nichts mit ihm zu tun hat.

Also liebt er sie, folgert Hartenfels und lächelt zufrieden, weil er genau das herausfinden wollte.

Inzwischen kommen sie überhaupt nicht mehr voran, wahrscheinlich wird die Kreuzung, die vor ihnen liegt, bei jeder Ampelphase zugestellt. Obwohl sie über hundert Meter entfernt sind, hört Hartenfels das Hupkonzert. Er denkt an Zerberus, der auf der Rückbank liegt und sich nicht regt. Der Hund scheint fix und fertig zu sein.

Erst als Hartenfels endlich am Riehmers Hofgarten anhält und die Hintertür des Wagens aufgeht, ist Zerberus wieder da, rast in den Innenhof und tobt im Schnee, offensichtlich will er spielen. Meister scheucht ihn ins Treppenhaus, und sie fahren zu seinem Penthouse. Hartenfels erinnert den Schriftsteller, dass er ihm alle Parfümfläschchen seiner Freundin bringen soll. Nachdem er das getan hat, verschwindet Meister wie vorher sein Hund.

Hartenfels tütet die Fläschchen ein. Meister hat sie am Morgen angefasst, das hat er selbst gesehen. Interessant wird die Sache also erst, wenn sich Fingerabdrücke einer dritten Person finden lassen. Unten angekommen, reicht Hartenfels den Beutel an den Beamten weiter, der noch immer Posten steht.

»Bring das mal ins KTI«, meint er und geht zurück zu seinem Fahrzeug.

Hier braucht niemand mehr auf Meisters Freundin zu warten. Das kann Meister von jetzt an selbst übernehmen. Im Auto gibt Hartenfels im Navi unter Sonderziele »Buchhandlung« ein und erhält zwei Treffer ganz in der Nähe.

»Anagramm und Otherland«, liest er, »Science Fiction und Fantasybuchhandlung.«

Das passt doch wie die Faust aufs Auge, denkt er, bestätigt und fährt los. Doch bevor sein Wagen Schwung aufnehmen kann, was bei den Straßenverhältnissen sowieso nicht richtig klappt, hält er wieder an. Er befindet sich gerade mal eine Häuserecke weit entfernt, obwohl er schon auf den wenigen Metern das Gefühl hatte, weder Raum- noch Zeitgefühl zu haben.

Hartenfels kennt das und weiß, was es bedeutet. Er hat Witterung aufgenommen. Von jetzt an muss er höllisch aufpassen, nicht in irgendwelchen Schwarzen Löchern zu verschwinden, weil er mit seinen Gedanken überall ist, bloß nicht bei dem, was er tut.

Hartenfels steigt aus und blickt zurück. Er kann sogar noch das große Portal erkennen, das zu Riehmers Hofgarten führt. Also bin ich keine zehn Sekunden gefahren, denkt er, daran ändert auch der ganze Schnee nichts. Wo war er? Hat er irgendetwas mitbekommen?

Klar, denkt Hartenfels und betrachtet das Schild, unter dem er steht.

»Antiquariat«, liest er, groß und deutlich, darunter etwas kleiner der Hinweis, dass jedes lieferbare Buch besorgt werden kann. Und gleich gegenüber ist sogar ein Parkplatz.

Wenn Hartenfels eins von Petersen eingebläut wurde, dann, dass es keine Zufälle gibt. Mag er sich sonst auch sehr dagegen wehren, heute scheint er für die Weisheiten des Gerichtsmediziners empfänglich zu sein.

Dabei hat Hartenfels längst gelernt, seiner Intuition zu vertrauen. Er mag nur die Begleitumstände nicht. So blind wie er für seine Umgebung werden kann, wenn etwas in ihm arbeitet und rumort, ist das schon lebensgefährlich. Also betritt er nicht gleich das Geschäft, das sich ihm wie ein weiterer betörender Duft aufgedrängt hat, sondern macht ein paar Schritte. Er will ganz bewusst wahrnehmen, wo er sich befindet. So wertvoll seine Intuition auch sein mag, muss er sie daran hindern, ihn schneeblind zu machen.

Um beim Wetter zu bleiben, denkt er.

Weshalb er bis zur nächsten Straßenecke geht und nach links und rechts schaut. Weil es sich wieder um die Großbeerenstraße handelt, über die er bereits am Vormittag mit Reschke gefahren ist, sieht er auf der einen Seite die Yorckstraße, wo sie fast einen Unfall gehabt hätten und über die auch jetzt Fahrzeug um Fahrzeug rollt, und auf der anderen den Kreuzberg. Im Gegensatz zu heute Morgen schneit es allerdings nicht und er kann das Denkmal auf seiner Spitze erkennen, das wie eine Fata Morgana in den Himmel ragt.

Als läge hinter dem Berg ein gewaltiger Dom, schießt es ihm durch den Kopf. Etwas wird vorgetäuscht, was gar nicht da ist.

Hartenfels hält inne. Was ist das denn für ein komischer Gedanke? Und wo führt er hin? Er hat keine Ahnung. Weiß ja noch nicht einmal, was ihn dazu gebracht hat, so zu denken. Weil er spürt, dass seine Aufmerksamkeit schon wieder in Beschlag genommen wird, reißt er sich von dem Anblick los.

Er kann nichts daran ändern, dass er sich in einer Art Tunnel befindet, seit er am frühen Morgen den Anruf erhalten hat. Was ihm nach vielen Dienstjahren wenigstens bewusst ist. Als Hartenfels noch neu im Beruf war, hat er diesen Tunnel nur an seinen Wirkungen erkannt. Er konnte sich an Fernsehsendungen nicht erinnern, die er ganz bestimmt gesehen hatte. Er aß, ohne behalten zu haben, was und wo. Sein Hirn glich einem Sieb. Es ist mehrfach passiert, dass er von A über B nach C gefahren ist und dabei B vollkommen ausgeklammert hat. Hartenfels hat nicht allein Sorge, dass er einen Unfall riskiert, er will auch nichts Wichtiges verpassen. Oft findet er die Lösung eines Falls sozusagen im Vorübergehen.

Hartenfels muss präsent sein, und er braucht den Tunnelblick. Einmal in die Ermittlungen eingetaucht, verwandelt er sich in einen Terrier, der seine Beute verfolgt. Nichts lenkt ihn ab, alles führt nur noch in eine Richtung. Wer sich ihm jetzt in den Weg stellt, ist selber schuld. Hartenfels’ Rituale gleichen so gesehen der Quadratur eines Kreises. Trotzdem oder gerade deswegen hält er an ihnen fest.

Hartenfels macht sich langsam auf den Weg zurück, sein Blick schweift hierhin und dorthin, er spürt regelrecht, wie seine Aufmerksamkeit versiegt. Dann erreicht er die Buchhandlung und seine Aufmerksamkeit kehrt schlagartig wieder. Hartenfels streckt die Hand aus, um die Tür zu öffnen, als er bemerkt, dass alles Mögliche draußen vor dem Laden steht. Er entdeckt Postkarten und Lesezeichen, notdürftig durch einen großen Sonnenschirm von Schnee freigehalten. Direkt vor der Fensterfront des Geschäfts befinden sich kleine Tische, auf denen Bücher liegen. Hartenfels zwingt sich, sie zu betrachten.

Wahrscheinlich Lockvögel, denkt er, obwohl nichts von Meister dabei ist.

Hartenfels tritt endlich ein, eine Glocke ertönt. Er braucht einen Augenblick, um sich nach all den weiß verschneiten Wegen und Auslagen an das spärliche Licht zu gewöhnen, erkennt aber schnell, dass der Raum komplett vollgestopft ist. Hartenfels verharrt auf der Stelle, weil direkt vor ihm ein riesiger Tisch steht, auf dem sich Bildbände in gefährlich hohen Türmen stapeln, manche so krumm und schief, dass sie jederzeit einzustürzen drohen. An der Wand ein gewaltiges Regal aus dunklem Holz, verziert und alt, in dem sich noch mehr Bücher befinden, von denen man nur die Rücken sehen kann.

Das müssen ja Tonnen sein, denkt Hartenfels und fragt sich, welches Marketingkonzept hier wohl umgesetzt wird. Er schaut und schaut, will auf keinen Fall schon jetzt in seinem Tunnel verschwinden.

Und so kommt es, dass er der Frau hinter dem Tresen an der gegenüberliegenden Wand vielleicht größere Aufmerksamkeit schenkt, als er es normalerweise getan hätte. Hartenfels sieht ihr schwarzes Haar, das zu einem Knoten zusammengenommen ist, und einen gleichfalls schwarzen Pullover, der lose um die Schultern hängt. Er sieht rot geschminkte Lippen und dunkelbraune Augen, die ihn hinter einer schwarzen Brille mustern. Laufkundschaft ist man in dieser Buchhandlung wohl nicht gewohnt. Verstohlen lässt Hartenfels seinen Blick weiterwandern, wobei er nicht länger seinem Ritual folgt, sondern einfach neugierig ist. Hartenfels schätzt die Buchhändlerin auf Mitte 40 und registriert, dass sie ziemlich füllig ist.

Wie ich, denkt er.

Die Frau begrüßt ihn und fragt, was sie für ihn tun könne. Alles ganz geschäftsmäßig natürlich und dennoch wird Hartenfels das Gefühl nicht los, dass da ein wenig mehr ist. Vielleicht wünscht er es sich auch bloß.

»Ich hätte gern ein Buch von Johannes Meister«, sagt Hartenfels, nachdem er seinerseits gegrüßt hat und sich um den Tisch bis zu ihr geschlängelt hat, darauf bedacht, keinen der Büchertürme aus Versehen einzureißen.

»Johannes Meister«, wiederholt die Buchhändlerin und widmet sich dem Computer, der vor ihr steht.

Das irritiert Hartenfels, der einen schnellen Griff in ein besonders prominent platziertes Regal erwartet hat, stattdessen Schweigen.

»Hätten Sie vielleicht einen Titel?«, fragt die Frau.

»Leider nein.«

»Bei den lieferbaren Büchern finde ich nichts«, sagt sie.

»Aber dieser Meister wohnt doch gleich hier um die Ecke«, meint Hartenfels.

»Tatsächlich?« Die Überraschung wirkt echt.

»Finden Sie wirklich nichts?«

»Vielleicht gebraucht«, bekommt er zur Antwort.

»Na also«, entfährt es Hartenfels, schließlich ist er doch in einem Antiquariat.

»Wie bitte?«, fragt die Buchhändlerin.

»Sie müssen einfach etwas von ihm haben«, erklärt er und sieht sich ostentativ um.

»Nicht dass ich wüsste.«

Hartenstein kann sich nicht vorstellen, dass irgendjemand weiß, was sich in dieser vollgestopften Höhle alles versteckt, hat allerdings schon gehört, dass Buchhändler ihre Regale in- und auswendig kennen, weshalb er beschließt, der Frau zu glauben. Wahrscheinlich besitzt sie ein eigenes System.

»Schade«, sagt Hartenfels, »ich dachte, ich könnte gleich ein Buch mitnehmen.«

»Ich schau mal bei meinen Kollegen nach«, sagt die Buchhändlerin und klappert auf ihrer Tastatur. »Na, da wäre doch was«, erklärt sie nach ein oder zwei Minuten, »Zustand gut und aus einem Nichtraucherhaushalt, das könnte ich Ihnen besorgen.«

»Wie heißt das Buch denn?«

»Es scheint der Beginn einer mehrteiligen Reihe zu sein. Mir sagt es leider nichts, ist von 2005 und heißt ›Feuer und Drache‹, für 5,80 Euro plus Verpackung und Porto.«

»Ein neueres finden Sie nicht?«

Die Buchhändlerin taucht ein weiteres Mal ab und schüttelt dann den Kopf. »Es gibt noch mehr, alles aus dieser Reihe offensichtlich. Das Neueste, was ich finde, ist von 2007. Aber das ist irgendein mittlerer Band, nicht der erste.«

»Und wie lange würde es dauern, mir eins dieser Bücher zu besorgen?«

»Das kommt auf den Lieferanten an. Manche Antiquariate sind fix«, sie zwinkert und Hartenfels ahnt, dass sie sich selber meint, »manche nicht. In fünf bis sechs Tagen sollte es spätestens hier sein.«

Inzwischen zweifelt Hartenfels daran, dass er eines von Meisters Werken lesen muss. Die Information, die er gerade bekommen hat, ist viel wichtiger als alles, was der Mann schreibt.

»Ich glaube, ich verzichte«, sagt er, verabschiedet sich und verlässt den Laden.

Draußen überlegt Hartenfels, ob er Meister gleich mit der Tatsache konfrontieren sollte, dass er seit über zehn Jahren nichts veröffentlicht hat, oder erst später.

Dinge aufzuschieben liegt Hartenfels nicht. Außerdem kann er einfach zu Fuß gehen.

7. Kapitel

Meister geht es nicht gut. Er steckt mitten im dritten Band seiner Schwertmeister-Reihe, und um ihn herum bricht alles zusammen. Wie soll er sich da konzentrieren? Zerberus lauert in seinem Körbchen und lässt ihn nicht aus den Augen. Das macht mich noch verrückt, denkt Meister. Wahrscheinlich will der Hund raus in den Park, aber da möchte er so schnell nicht wieder hin.

Meister spukt den ganzen Nachmittag ein Bild im Kopf herum, das er nicht los wird, während der Fahrt mit Hartenfels von der Gerichtsmedizin zurück nach Kreuzberg hat er darüber nachgedacht.

Vor seinem inneren Auge sieht er das von Zerberus freigescharrte Bein, bloß mit dem Unterschied, dass dieses Bein nicht einem Mann, sondern einer Frau gehört. Meister stellt sich vor, wie er zu Boden stürzt, um Hilfe zu leisten. Er fühlt seine immer kälter werdenden Hände, die im Schnee wühlen. Schnee, der zu Eis wird und ein Gesicht bedeckt, das er einfach nicht findet. Aber es muss doch irgendwo sein, Meister hält inne, um sich zu orientieren.

Er betastet das Bein, das absurderweise in einem hauchdünnen Nylonstrumpf steckt, und fährt den Oberschenkel ab. Dann verliert er die Geduld, packt die Hüften der eingeschneiten Gestalt und hievt sie nach oben. Wie in einem gewaltigen Spasmus wölbt sich die Frau in seinen Händen hoch, Schnee rutscht zur Seite und gibt einen Unterleib frei, der von einem schwarzen Rock nur notdürftig verhüllt wird. Verdreht wie der Stoff ist, zeigt er mehr, als er verbirgt.

Das ist bestimmt beim Sturz passiert, geht es Meister durch den Sinn, an etwas anderes will er gar nicht denken, wendet lieber den Blick ab, der doch alles aufnimmt, was sich im Bruchteil einer Sekunde offenbart. Nach wie vor ist der Rest des Körpers nicht zu erkennen, sein oberer Teil liegt weiter unter dem Schnee begraben.

Fast achtlos lässt Meister die Hüften los, die er eben mit aller Kraft hochgestemmt hat, und greift nach den Schultern, greift zumindest dahin, wo er sie vermutet. Irgendwie hat sich dort mehr Schnee angesammelt, vielleicht hat der Wind ihn verweht. Aber es ist windstill, nichts rührt sich, und vereinzelt fallende Flocken schweben senkrecht auf ihn und die Leiche hinunter.

Meisters Hände wühlen weiter, wühlen und fassen jetzt von der Seite her unter zwei Schulterblätter, ganz tief muss er sich über den Schnee beugen, um richtig zu greifen, fast sieht es so aus, als sei er bereit für einen Kuss, sollte der Kopf der Frau sich endlich zeigen. Doch das, was Meister emporbringt, ist so schrecklich, dass er es sofort fallen lässt. Da, wo ein Kopf sein sollte, ist nichts. Was er dem Schnee entreißt, ist ein Rumpf.

Meister macht die Augen auf und wischt sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn, dann lächelt er. Die Szene ist gut. Die Szene passt in seine Schwertmeister-Reihe.

Bloß an der Bekleidung muss er arbeiten, denkt Meister, schließlich schreibt er keine erotische Fantasy.

Als es an der Tür klingelt, springt Zerberus wie von der Tarantel gestochen auf und rast zum Eingang, wo er auf den Fliesen schlitternd zum Stehen kommt und anschlägt.

Schon wieder Hartenfels. Meister hält Zerberus mit Mühe davon ab, den Kommissar anzuspringen. Obwohl das eigentlich egal wäre, da gibt es nicht viel zu ruinieren. Hartenfels’ Schuhe haben weiße Ränder, und die Hose ist bis zu den Waden nass. Meister registriert das alles, ohne es wirklich zu sehen. Er ist in Gedanken noch bei der Frau, die kopflos in ihrem Grab aus Schnee liegt.

»Darf ich Sie noch mal stören?«, fragt Hartenfels und nestelt bereits an seinen Schuhen.

Meister nickt und geht zurück ins Wohnzimmer, Zerberus schickt er ins Körbchen.

Hartenfels lässt sich aufs Sofa fallen. Der Kommissar wirkt müde, findet Meister, der langsam in die Gegenwart zurückfindet. Blaue Augen, unter denen sich noch dunklere Ringe gebildet haben, betrachten ihn. Bei Hartenfels Fett von Muskeln zu unterscheiden, fällt Meister nach wie vor schwer. Hartenfels erinnert ihn an ein Monument, kompakt und undurchdringlich. Selbst seine Waden spannen den Stoff der nassen Hose, von Schultern, Brustkorb und Bauch ganz zu schweigen.

»Hat Ihre Freundin eigentlich einen eigenen Wagen?«, fragt Hartenfels und reißt Meister aus seinen Gedanken.

Meister schüttelt den Kopf. »Wir haben kein Auto. Macht doch hier in der Stadt überhaupt keinen Sinn.«

»Aber sie hat einen Führerschein?«

»Das schon.«

»Wir brauchen eine Liste der Personen, bei denen sie sich aufhalten könnte.«

»Ich habe Ihnen doch vorhin gesagt, dass sie keine Verwandten hat«, sagt Meister, »und die anderen Kontakte sind wahrscheinlich so gut wie alle geschäftlich.«

»Was meinen Sie mit geschäftlich?«

»Ich weiß das nicht genau. Um diesen Aspekt meiner Arbeit kümmere ich mich nicht.«

»Sie kümmern sich nur ums Schreiben?«

»So ist es.«

»Wie kommt es dann, dass es keine lieferbaren Bücher von Ihnen gibt?«

»Wer behauptet denn so etwas?«

Hartenfels erzählt von seinem Besuch in der Buchhandlung direkt nebenan. Er wirkt weiterhin entspannt, hat die Beine weit von sich gestreckt und über den Knöcheln gekreuzt.

»Ach Gott«, sagt Meister, nachdem Hartenfels geendet hat, »Sie meinen die analogen Vertriebswege. Na ja, die bediene ich nicht mehr. Die Zeit ist vorbei.«

»Was machen Sie denn sonst?«

»Das läuft heute alles über Downloads, und es ist auch kein Verlag mehr nötig, schon gar keine Buchhandlung. Frisst doch alles bloß Geld. Wissen Sie, was ein Autor an einem herkömmlichen Buch verdient?«

»Sagen Sie es mir.«

»Weniger als zehn Prozent. Der Rest geht für die Druckerei, den Buchhandel und den Verlag über den Tisch.«

»Und bei Ihrem Modell?«

»Nur ein paar Prozent für die digitale Plattform und die Onlineshops, der Rest ist für mich.«

»Also verlegen Sie sich selbst, kann man das sagen?«

»Evelyn macht das, davon abgesehen haben Sie recht.«

»Und wieso behauptet die Dame aus der Buchhandlung dann, es gäbe nichts Neues von Ihnen?«

»Keine Ahnung«, sagt Meister, »vielleicht hatte sie keine Lust, genauer nachzusehen.«

»So kam sie mir nicht vor«, wendet Hartenfels ein.

»Dann wollte sie eben nicht.« Meister wird das Thema langsam langweilig.

»Damit würde sie sich doch selbst schaden«, sagt Hartenfels und zieht die Beine heran, richtet sich auf.

»Wohl nicht«, erklärt Meister, »an mir verdient sie als Buchhändlerin keinen Cent.«

Und das ist auch gut so, denkt er.

»Und wie finden Sie Ihre Leser?«

»Über das Internet. Wie ich schon sagte, gibt es jede Menge Onlineshops, über die man Bücher anbieten kann. Zu tollen Preisen übrigens, viel kostengünstiger als im Buchhandel. Fällt ja alles weg, was sonst noch mitverdient.«

»Sprechen wir von Amazon?«, will Hartenfels wissen.

»Natürlich«, antwortet Meister, »aber die sind nicht die Einzigen und schon gar nicht die Günstigsten. Obwohl Sie da lieber Evelyn fragen sollten.«

Hartenfels’ Augen verengen sich und er zieht die Lippen nach innen, was ihm ein vollkommen anderes Aussehen gibt. Wirkt er sonst eher gutmütig und ein bisschen plump, macht er jetzt einen hellwachen, regelrecht gefährlichen Eindruck.

Als hätte er Beute gewittert, denkt Meister.

Sogar die buschigen Augenbrauen hat Hartenfels zusammengezogen. Doch so schnell wie sich seine Mimik verändert hat, verschwindet dieser Gesichtsausdruck wieder, und Meister fragt sich, ob ihm seine Fantasie einen Streich gespielt hat. Das kommt vor, weiß er.

Hartenfels stemmt sich nach oben.

»Ich will Sie nicht weiter stören«, sagt er. »Sollte ich Neuigkeiten über den Verbleib Ihrer Freundin erfahren, melde ich mich sofort. Bleiben Sie sitzen«, wehrt er ab, »ich finde allein nach draußen.«

»Ich muss sowieso eine Runde mit Zerberus drehen«, meint Meister und steht auch auf.

Er fährt zusammen mit Hartenfels und seinem Hund nach unten und macht sich, dort angekommen, gleich aus dem Staub. Richtung Viktoriapark will er ganz bestimmt nicht.

8. Kapitel

Hartenfels begibt sich sofort zum Antiquariat. Was Meister ihm erzählt hat, muss er überprüfen. Auch wenn die Buchhändlerin seine Bücher nicht besorgen kann oder will, wird sie wissen, wovon die Rede ist.

»Schön, dass Sie noch einmal kommen«, wird Hartenfels begrüßt und fühlt sich gleich wohl.

Bei Meister hat er ständig den Eindruck, dass sich die wichtigen Dinge in diesem Mann abspielen und er sie nicht herauslässt, was frustrierend ist.

»Ich bin neugierig geworden«, fährt die Buchhändlerin fort, »und habe ein bisschen recherchiert, nachdem Sie weg waren.«

»Und«, fragt Hartenfels, »haben Sie etwas von Johannes Meister gefunden?«

»Eine ganze Menge sogar.« Die Frau wendet den Blick von Hartenfels ab und widmet sich ihrem Computer. »Dieser Meister veröffentlicht beim Feind.«

»Beim Feind?« Hartenfels hätte nicht gedacht, dass es im Buchhandel so kriegerisch zugeht. Mit Büchern verbindet er eher den sanften Schein einer Stehlampe und ein Glas Wein.

»Amazon«, erklärt die Frau.

»Davon hat er auch gesprochen«, murmelt Meister.

»Wie bitte?«

»Ach nichts. Ich habe bloß laut gedacht, blöde Angewohnheit von mir.«

»Bei Amazon kann man nicht nur Bücher kaufen und verkaufen, sondern auch herausbringen«, erklärt die Buchhändlerin.

»Und das macht Meister?«

»Genau. Schauen Sie«, sie dreht den Bildschirm so, dass Hartenfels ihn einsehen kann, »hier gibt es ein paar komplette Reihen. Die letzte heißt ›Schwertmeister‹.«

»Und das passt Ihnen nicht?«

»Natürlich nicht«, sagt die Frau, »Amazon ist doch auf ganzer Linie darauf aus, Geschäfte wie meins überflüssig zu machen.«

Klar weiß Hartenfels das. Das gilt nicht allein für Bücher, sondern außerdem für Kleidung, Lebensmittel und so gut wie alles andere.

»Wie habe ich mir denn so eine Veröffentlichung im Internet vorzustellen?«, fragt er.

»Da gibt es Programme, in die man seinen Text hochladen kann. Kompliziert ist das nicht, das schafft jeder, der einen Computer hat.«

»Wissen Sie, wie groß der Markt ist, von dem wir sprechen?«

»Keine Ahnung, und ich glaube auch nicht, dass Sie irgendwo belastbare Zahlen finden. Und was würden solche Zahlen überhaupt aussagen?«

»Wie meinen Sie das?«

»Buchstäblich jeder verlegt hier alles. Das geht von Gedichten über Autobiografien bis zu Science-Fiction-Romanen. Qualität sieht anders aus.«

»Qualität?«

»Es existieren doch keinerlei Filter. Keine Agenturen, die vorab Manuskripte prüfen, geschweige denn ein Lektorat. Abgesehen von der Word-Rechtschreibprüfung kümmert sich nichts und niemand um die Texte. Und nicht einmal die benutzt jeder. Wer bei Amazon veröffentlicht, sollte schon wissen, in welchem Umfeld er sich bewegt.«

»Sind Sie nicht ein wenig streng?«

Die Buchhändlerin rollt auf ihrem Stuhl ein Stückchen nach hinten, fasst sich an den Knoten, zu dem ihre Haare geschlungen sind, und sieht Hartenfels an. »Vielleicht«, räumt sie ein, »aber ich mag es nicht, wenn die Leute sich etwas vormachen.«

»Was denn?«

»Als würde jemand dadurch, dass er einen Text hochlädt, zum Schriftsteller. Und verkauft hat sich allein durch das Hochladen auch kein einziges Exemplar.«

»Es gibt doch sicher Ausnahmen?«

»Die gibt es immer.«

»Und? Ist Johannes Meister eine Ausnahme?«

Die Buchhändlerin zieht sich wieder an ihren Tisch und tippt auf der Tastatur. »Also, die Bewertungen bei Amazon sind mies, meist bloß ein oder zwei Sterne von fünf. Das Ranking ist auch unterirdisch«, meint sie, macht eine Pause und runzelt die Stirn, »und da ist noch eine Sache.«

»Was denn?« Hartenfels betrachtet die Buchhändlerin, die völlig versunken ist.

»Meister verlegt nicht bei Amazon, sondern bei einer anderen Plattform, die ihre E-Books über Amazon vertreibt. Habe ich auf den ersten Blick gar nicht bemerkt.«

Mein Gott ist das kompliziert, denkt Hartenfels und wünscht sich ein Buch aus Papier.

»Aber besorgen können Sie mir auch jetzt nichts von Meister?«, fragt er, um das Gespräch zu einem Abschluss zu bringen.

Die Frau blickt ihn an, ihre Augen hinter der schwarzen Brille sind groß und braun.

»Haben Sie einen E-Book-Reader?«, fragt sie.

»Ja«, antwortet Hartenfels, »soll im Urlaub ganz praktisch sein.«

»Stimmt«, sagt die Buchhändlerin und nickt. »Weil ich da ein paar Tricks kenne«, sie lächelt Hartenfels an, »lade ich Meisters Buch herunter und leite die Datei zum Selbstkostenpreis an Sie weiter. Was halten Sie vom ersten Band der Schwertmeister-Reihe?«

»Prima«, sagt Hartenfels, »wann wäre die Datei bei mir?«

»Geben Sie mir Ihre E-Mail-Adresse und es dauert nur ein paar Sekunden.«

»Na großartig«, sagt er und diktiert der Frau seinen privaten Kontakt, den sie gleich eingibt.

»Und los gehts«, sagt die Frau, während sie die Entertaste drückt, »Ihr Buch ist bei Ihnen.«

»Jetzt haben Sie aber gar nichts verdient?«, fragt Hartenfels, dem die Transaktion ein bisschen peinlich ist.

»Leider nein«, gibt die Buchhändlerin zu. »Aber vielleicht kaufen Sie zum Ausgleich ja noch etwas aus meinem Geschäft.«

Hartenfels nickt und stöbert ein wenig herum, wählt schließlich einen Maigret-Roman, Simenon mag er. Zumal er insgeheim findet, dass der französische Kommissar ihm ein bisschen ähnlich sieht, nur mit Pfeife und Haaren natürlich.

Hartenfels zahlt das reale und das virtuelle Buch und wird freundlich verabschiedet. Draußen dämmert es schon.

9. Kapitel

Hartenfels’ Mordkommission ist versammelt, erste Fotos und Untersuchungsergebnisse liegen auf dem großen Tisch.

»Was haben wir?«, fragt Hartenfels, kaum dass er sich einen Stuhl herangezogen hat.

»Zedernholz«, sagt Baumann, der Spezialist für Tatortberichte, ihr Neuzugang.

Bart, rasierte Schläfen und Schmachtlocke sind etwas, an das sich Hartenfels gewöhnt hat. Was er nicht schafft, ist Baumann einzuordnen. Ist er ein Nerd? Dazu würde die dicke schwarze Brille passen, die er manchmal trägt. Allerdings findet Hartenfels ihn insgesamt viel zu kräftig für einen Computerfreak. Richtig durchtrainiert sieht Baumann aus, breites Kreuz und Oberarme, die sein Jackett sprengen. Vielleicht ist er ein Hipster. Wobei Hartenfels nicht genau weiß, was das bedeutet.

»Petersen hat die Splitter in der Kopfwunde des Opfers bestimmt«, fügt Baumann gerade hinzu.

»Also nichts, was zufällig im Park herumgelegen haben könnte«, vergewissert sich Hartenfels.

Baumann schüttelt den Kopf.

»So wird aus Totschlag Mord«, brummt Hartenfels und entschuldigt sich gleich, laut gedacht zu haben …

… was eine blöde Angelegenheit von ihm sei, wie alle mitsprechen.

»Unger ist schon los, um auf dem Kreuzberg und in Meisters Nachbarschaft nach Zedern zu suchen«, sagt Baumann, sobald es wieder still ist.

Hartenfels nickt, so erwartet er das. Ihm ist wichtig, dass seine Leute selbstständig handeln. Unger ist eigentlich seine Spezialistin für Vernehmungen, dass sie sich um Bäume kümmert, ist eine Premiere.

»Was sonst?«

Reschke, die mit ihm im Viktoriapark war und dort fotografiert hat, hält ein Bild des Toten hoch. »Hat ein bisschen gedauert, weil ich ihn so lebendig wie möglich rüberbringen wollte«, sagt sie, und Hartenfels denkt, dass sich zum Glück alles immer irgendwie erklären lässt.

Die Frau mit den streichholzkurzen Haaren und der großen Nase fährt fort, dass sie gleich nach Kreuzberg will, um dort Zeugen zu suchen, die den Mann kennen.

»Leg den Schwerpunkt auf Restaurants und Kneipen«, gibt ihr Hartenfels mit auf den Weg, »bei dem Wetter, das wir im Augenblick haben, läuft kaum jemand draußen herum.«

Reschke nickt, packt die Aufnahme weg und geht. Eine Weile lauschen alle dem Stakkato ihrer Schritte.

Hartenfels wirft einen Blick in die Runde. Krämer, sein Spurensicherer, hat noch nichts gesagt.

Krämer spürt den Blick und berichtet, dass er bestätigen könne, was Petersen vermutet hat. Fundort und Tatort sind im aktuellen Fall identisch. Neben und unter der Leiche haben sich jede Menge Blutspuren erhalten.

»Und das Parfüm ist auch schon getestet«, fügt er hinzu. Weil Krämer Medikamente gegen hohen Blutdruck nimmt und zu Übergewicht neigt, ist sein Gesicht viel zu rot. Im Widerspruch dazu steht, dass ihn nichts aus der Ruhe bringen kann. Krämer sieht wie ein Choleriker aus, ist aber keiner. Mit seinem Pferdeschwanz könnte er glatt als übrig gebliebener 68er durchgehen, was jedoch genauso wenig stimmt. Hartenfels hat bislang keine Äußerung von Krämer gehört, die annähernd liberal oder gar links wäre.

»Und?«, fragt Hartenfels.

»Eine der Proben passt zu den Spuren auf der Hose des Toten, Petersen kann allerdings nicht ausschließen, dass sie aus einer anderen Flasche stammen.«

»Eher unwahrscheinlich, oder?«

»Sehr unwahrscheinlich. Zumal die Marke ziemlich selten ist.« Krämer kramt in seinen Unterlagen. »›Je reviens‹, glaube ich.«

»Fingerabdrücke?«

»Nur von Meister. Er muss eine Vorliebe für das Parfüm seiner Freundin gehabt haben.«

»Ich habe gesehen, dass er die Fläschchen angefasst hat«, sagt Hartenfels und wundert sich schon, dass Petersen sonst nichts gefunden hat.

»Gar nichts von seiner Freundin?«, fügt er hinzu.

»Meisters Frau ist nicht bei ihm gemeldet«, ergreift Baumann wieder das Wort.

»Es ist nicht seine Frau«, erklärt Hartenfels, »sondern seine Lebensgefährtin.«

»Hast du einen Namen für mich?«

»Evelyn Köhler.«

Baumann befragt seinen Laptop, zuckt dann die Achseln. »Nada«, sagt er.

»Das ist ja seltsam«, meint Hartenfels, der sich keinen Reim darauf machen kann.

»Seltsam ist außerdem, dass die Ortung des Handys, das sie benutzt, nichts ergeben hat. Es scheint den ganzen Tag nicht eingeschaltet gewesen zu sein.«

»Lass doch das Bild, das Meister uns von seiner Lebensgefährtin gegeben hat, durch die Gesichtserkennung laufen. Vielleicht bringt uns das weiter«, überlegt Hartenfels.

»Läuft schon.« Baumann drückt eine Taste und lehnt sich zurück. »Außerdem ist Unger mit dem Foto unterwegs. Sie kombiniert die Zedern mit der verschwundenen Person sozusagen.«

»Mist«, sagt Hartenfels, »Reschke hätte auch ein Foto von dieser Frau mitnehmen sollen.«

»Das hat sie«, beruhigt ihn Baumann und wischt sich die Tolle aus der Stirn.

Hartenfels ist zufrieden. Er weiß wie alle anderen, dass die ersten 48 Stunden sowohl bei einem Mord- als auch bei einem Vermisstenfall entscheidend sind. Verstreicht mehr Zeit, wird es zäh.

»Weil niemand darüber redet, nehme ich an, dass wir immer noch nichts über den Toten wissen?«

»Nein«, sagt Krämer und gähnt, ebenfalls eine Nebenwirkung seiner Tabletten. »Der Mann ist nie erkennungsdienstlich erfasst worden, und einen neuen Reisepass hat er auch nicht beantragt.«

Damit spielt er wohl auf den elektronischen Fingerabdruck an, denkt Hartenfels, es warten wahrhaft goldene Zeiten auf die Ermittler.

»Und die DAD …«, fängt Hartenfels an und meint die DNA-Analyse-Datei.

»… hat bisher nichts ausgespuckt«, ergänzt Krämer.

Dann lehnt sich Hartenfels zurück und erstattet seinen Bericht. Er erzählt von Meister und dessen selbst verlegten Büchern. Nicht ohne Stolz schließt er damit, dass er schon eins zu Hause auf dem E-Reader hat.

»Noch mal zurück zu unserem Toten«, meint er anschließend, »hat Petersen irgendwelche Fremdspuren gefunden?«

»Ach so«, sagt Krämer, der schon wieder gähnt, obwohl er nicht müde ist, wie er ständig betont, »die sind alle von Meister. Ich dachte, das wüsstest du bereits.«

»Was haben wir also?«, fragt Hartenfels, doch bevor er sich selbst antworten kann, klingelt sein Handy.

Hartenfels mag Handys nicht, weshalb man ihn so gut es geht mit Anrufen verschont. Es ist Unger.

»Chef«, hört Hartenfels, der wie üblich abgenommen hat, ohne sich zu melden, und jetzt das Handy auf Lautsprecher stellt, »ich habe einen Treffer. Meisters Frau war in letzter Zeit zweimal bei einem Italiener ganz in der Nähe des Viktoriaparks.« Sie macht eine Kunstpause. »Mit einem Mann.«

»Ruf mal Reschke an.« Hartenfels erspart sich den erneuten Hinweis darauf, dass es sich nicht um Meisters Frau, sondern seine Freundin handelt. »Sie hat ein Bild des Toten bei sich. Vielleicht passt das ja«, fügt er hinzu.

Zumindest würde das erklären, warum sich Evelyn Köhlers Parfüm an den Sachen des Toten befindet, spinnt er seinen Gedanken fort.

»Mail es mir doch«, erwidert Unger, »das geht schneller.«

Na klar, denkt Hartenfels und zeigt auf Baumann, der in seinen Computer tippt. Er fragt Unger, ob sie mit ihrer Suche nach Zedern erfolgreich war.

»Gleich«, unterbricht sie ihn, »da kommt das Foto, ich zeige es dem Wirt, Augenblick.«

Im Besprechungsraum wird es still.

»Bingo«, hören dann alle, »die verschwundene Frau war mit unserem Toten gestern und vorgestern essen. Und weißt du was?«, fügt sie hinzu. »Im Hinterhof des Restaurants, in dem sie waren, wächst eine Zeder.«

»Ich fahre noch mal nach Kreuzberg«, sagt Hartenfels, »und du begleitest mich, Krämer.«

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
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272 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783839269268
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