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Dieter Aurass

Verborgen

Eine Villa, zwei Nächte, drei Einbrecher

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Widmung

Kapitel 1 - der Dieb

Kapitel 2 - der Psychologe

Kapitel 3 - die Angestellte

Kapitel 4 - im heißen Süden

Kapitel 5 - Überraschung!

Kapitel 6 - aller guten Dinge sind …

Kapitel 7 - Abtasten

Kapitel 8 - Katrins Erinnerung

Kapitel 9 - Was ist wo?

Kapitel 10 - der Safe

Kapitel 11 - nächtliche Begegnungen

Kapitel 12 - der verborgene Raum

Kapitel 13 - Benjamins Erinnerungen

Kapitel 14 - New Orleans II

Kapitel 15 - Tor Eins, Zwei oder Drei?

Kapitel 16 - der verschlüsselte Schlüssel

Kapitel 17 - New Orleans III

Kapitel 18 - Sesam öffne dich

Kapitel 19 - Kalles Erinnerungen

Kapitel 20 - Retten, was geht!

Kapitel 21 - neue Erkenntnisse und Beweise

Kapitel 22 - die Truppen rücken an

Kapitel 23 - Gegenmaßnahmen

Kapitel 24 - New Orleans IV

Kapitel 25 - drastische Maßnahmen

Kapitel 26 - späte Rache

Kapitel 27 - Aktion und Reaktion

Epilog

Nachwort

Danksagung

Impressum neobooks

Titel

Verborgen

Ein Thriller

von

Dieter Aurass

Copyright Dieter Aurass 2017

Neuauflage 2022

Cover: vercodesign

Widmung

Für meine Mutter,

die den Wunsch hatte, dass ich endlich mal einen

unblutigen Thriller ohne Leichen schreibe.

Bitteschön!

Kapitel 1 - der Dieb

Lustig, dachte er bei sich, als er sich durch dunkle Ecken schleichend langsam seinem Ziel näherte. Die sind einfach alle zu blöd. Was sind das wohl für Sicherheitsexperten, die die Superreichen beraten und denen einen solchen Scheiß andrehen?

Bereits früh in seiner Karriere hatte er gelernt, dass jede Alarmanlage ihre Schwachstelle hatte, auch wenn die Verkäufer dieser Anlagen dies immer leugneten. Wie kann man sonst Sicherheit verkaufen, wenn man sich nicht wirklich sicher ist. Also wird von Schwachstellen einfach nicht geredet. Was für ein Glück für mich. Wenn die so gut wären, wie sie sein könnten, hätte ich ja keine Chance. Also sei einfach froh!

›Und wenn du so gut wärst, wie du meinst, würdest du an deinem Schwachsinnsplan wenigstens zweifeln!‹

Die innere Stimme, die ihn in letzter Zeit mehr als nervte, musste ihn unbedingt wieder quälen. Seit etwa drei Monaten erklang sie immer wieder und meist zu Zeiten, in denen er gut auf sie hätte verzichten können. Eine Zeitlang hatte er den Verdacht gehabt, er würde verrückt. Dann hatte er Bücher über Schizophrenie, die Macht des Unterbewusstseins, Geisteskrankheiten im Allgemeinen, gespaltene Persönlichkeiten und Ähnliches gelesen. Aber dieser ganze Psychoquatsch war ihm zu hoch und hatte auch nicht geholfen, die Stimme loszuwerden. Völlig ignorieren konnte er sie allerdings nicht. Also hatte er angefangen, mit ihr zu diskutieren oder wenigstens versucht, sie in ihre Schranken zu weisen. Allerdings zweifelte er um so mehr an seinem bisschen Restverstand. Aber er wollte sich so kurz vor dem Ziel nicht von seinem Plan abbringen lassen.

»Ach halt’s Maul!«, knurrte er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Für den Moment schwieg die Stimme.

Er verdrängte diese Gedanken und konzentrierte sich auf die eigentliche Aufgabe. In dem Villenviertel, unmittelbar am Rhein, war um 03:30 Uhr nachts kein Mensch mehr auf der Straße. Zu spät, um nochmal den Hund auszuführen, zu früh für Frühaufsteher und zudem wohnten in dieser Gegend nicht die jungen Leute, die kurz vor Morgengrauen erst nach Hause kamen.

Kalle Anders näherte sich der Verzweigungsstelle der Stromversorgung und holte sein Spezialwerkzeug hervor. Eigentlich war es lächerlich, wie einfach der Kasten zu öffnen war, aber die tatsächliche Schwierigkeit zeigte sich erst danach, als er das Gewirr hunderter von Kabeln und Anschlüssen vor sich sah. Es wäre kein Problem gewesen, die Stromversorgung des gesamten Viertels lahmzulegen, aber das hätte sofort den Energieversorger auf den Plan gerufen. Eine Störung solchen Ausmaßes musste selbstverständlich sofort behoben werden, dafür würden aufgebrachte Anwohner sehr schnell sorgen. Das war aber genau das, was er unter allen Umständen verhindern wollte. Sein Augenmerk lag ganz alleine auf einer Villa, deren Stromversorgung er unterbrechen wollte. Zu diesem Zweck nahm er ein Gerät aus seiner schwarzen Umhängetasche, an dem ein Drehregler und zwei Drähte mit Krokodilklemmen befestigt waren. Diese zwei Klemmen schloss er nacheinander an verschiedene Drähte an und drehte dann sehr vorsichtig an dem Regler. Dabei beobachtete er die Straßenbeleuchtung in der näheren Umgebung.

Geduld war keine seiner großen Tugenden und sehr schnell wurde er ungehalten und fluchte leise vor sich hin. Als nach vierzig Versuchen noch immer nichts passiert war, wurde er langsam sauer. Nach mehr als fünfzig Versuchen sah er erstmals das Flackern einer Laterne in etwa hundert Metern Entfernung.

Aha, langsam kommen wir der Sache näher. Der benachbarte Anschluss in dem Verteilerkasten ließ eine Laterne Flackern, die nur noch fünfundsiebzig Meter entfernt lag. Drei Anschlüsse später flackerten zwei Lampen direkt vor dem richtigen Grundstück. Beherzt kappte er die beiden Drähte in dem Verteilerkasten. Der nächste Test ließ zwei weitere Lampen vor dem Grundstück flackern und er kappte auch diese Leitungen. Eine Minute später war er sicher, dass das Gebiet der Villa nun vollständig ohne Strom sein musste - und ohne Strom funktionierte auch die beste Alarmanlage nicht mehr. Die Kosten für eine eigene Stromversorgung scheuten selbst Millionäre, zumindest in Ländern, in denen Stromausfälle nicht an der Tagesordnung waren.

Nun war er nicht mehr weit von dem größten Coup entfernt, den er jemals gelandet hatte. Er grinste zufrieden in sich hinein.

Diesmal schaffe ich es. Das wird das größte Ding, das ich je abgezogen habe.

Sorgfältig verschloss er den Verteilerkasten wieder, packte seine Gerätschaften in die Umhängetasche und schlenderte langsam und ohne Hast in Richtung der Villa Helmholtz, dem Ziel seiner Träume. Er pfiff ganz leise vor sich hin. Überrascht stellte er fest, dass er, ohne es geplant zu haben, die Melodie von »die Männer sind alle Verbrecher« pfiff. Seltsam, was einem das Unterbewusstsein manchmal für Streiche spielte. Er schüttelte den Kopf, konnte aber nicht aufhören zu grinsen.

Er hatte sich bereits vor der Ausführung seines Plans dafür entschieden, das Haus ganz frech durch die Vordertür zu betreten, zumal dieser Bereich nun in absoluter Dunkelheit lag. Die schwarzen Klamotten, ein grob gestrickter schwarzer Pullover, eine schwarze Lederhose, schwarze Turnschuhe und sehr dünne Lederhandschuhe, ließen ihn mit der Dunkelheit verschmelzen. Über die mittelbraunen halblangen Haare hatte er zur Komplettierung noch eine schwarze Pudelmütze gezogen.

Die Morgendämmerung war derzeit - Mitte Juli - nicht mehr weit entfernt und durch den wolkenverhangenen Himmel beleuchtete der aktuell abnehmende Halbmond die Wolken nur insoweit, dass keine wirklich absolute Dunkelheit vorherrschte. Die Beleuchtung der Stadt wiederum erhellte die Wolken von unten, so dass er sich ohne Taschenlampe bewegen konnte und keine Angst haben musste, nicht zu sehen, wohin er trat.

Das Schloss der Haustür stellte keine wirkliche Herausforderung dar. Er hatte das erforderliche Werkzeug und die Kenntnisse, die zum Öffnen fast jedes Schlosses notwendig waren. Als die gut geölte Tür aufschwang, ohne dass das Licht eines Bewegungsmelders anging oder ein nervtötender Alarm losplärrte, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er lachte halblaut auf und knurrte: »So du altes Arschloch, jetzt mach ich dich so arm wie eine Kirchenmaus!«

›Wer’s glaubt, wird selig, du einfältiger Depp!‹

Er ignorierte die Stimme, weil ihm im Moment nicht danach war zu argumentieren oder etwas abzustreiten.

Obwohl er sich sicher war, dass sich keiner der Bewohner im Haus befand, schlich er auf leisen Sohlen durch den Flur hinter der Eingangstür. Seine extrem starke Taschenlampe, bestehend aus zweiunddreißig in Stufen schaltbarer, stromsparender LEDs hatte er auf die allerniedrigste Stufe geschaltet, die nur ein mattes Glimmen erzeugte, was aber in absoluter Dunkelheit für eine Orientierung völlig ausreichend war.

Obwohl er gemeint hatte, auf alle Eventualitäten vorbereitet gewesen zu sein, schrak er zusammen, als er ein schabendes Geräusch hörte. Sofort schaltete er die Taschenlampe aus, verharrte auf der Stelle und lauschte angestrengt in die Dunkelheit.

Kapitel 2 - der Psychologe

Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass es so einfach sein würde, in das Haus einzudringen.

Dr. Benjamin Bennedikt hatte weder Erfahrungen mit Einbrüchen noch mit Alarmanlagen. Aber er war schon von Berufswegen ein sehr bedachtsamer Mensch, der sorgfältig nachdachte, bevor er etwas tat und sich in die voraussichtliche Verhaltensweise seiner Mitmenschen hineindenken konnte wie kaum ein Zweiter. Als psychologischer Psychotherapeut hatte er schon mehrere Bereiche des beruflichen Spektrums abgedeckt. Direkt nach dem Studium der Psychologie hatte sich sein Interesse auf das kriminelle Verhalten von Menschen konzentriert und er hatte mehrere Jahre für die Polizei als Profiler gearbeitet. Dabei war er allerdings mit einigen sehr unschönen und grausamen Dingen in Kontakt geraten, was ihn dazu bewogen hatte, das Feld zu wechseln. Krasser hätte ein Berufswechsel kaum ausfallen können, denn er war in die freie Wirtschaft gegangen und hatte dort Werbefirmen dahingehend beraten, welchen Einfluss Werbung auf bestimmte Kundengruppen hatte. Es war faszinierend vorherzusagen, wie ein bestimmtes Plakat auf ledige Frauen unter dreißig und ein anderes auf verheiratete Männer über fünfzig wirken würde. Aber wiederum wenige Jahre später waren die Skrupel aufgetaucht. Er manipulierte Menschen und verleitete sie dazu, etwas zu tun - respektive zu kaufen - was sie eigentlich weder wollten noch brauchten. Das hatte ihn dazu veranlasst, nebenher eine Zusatzausbildung in der Psychotherapie zu machen und danach eine Praxis zu eröffnen. Sehr schnell hatte er festgestellt, wie befriedigend es sein konnte, Menschen mit Problemen bei der Lösung derselben zu helfen. Mit der Zeit hatte er sich einen gewissen Ruf erarbeitet und seine Praxis lief gut, ja sogar sehr gut.

Bis zu dem Tag, an dem diese eine Patientin bei ihm aufgetaucht war. Sie war der Grund, warum er nun in einem Schrank im Schlafzimmer dieses Hauses saß und darauf wartete, ungestört in der Villa nach dem zu suchen, was sein Leben wieder in die richtige Bahn bringen würde.

Sein Plan, in die Villa einzudringen, war gleichermaßen einfach und genial gewesen. Er hatte das Haus unauffällig beobachtet und dabei sowohl die Reisevorbereitung der Bewohner mitbekommen, als auch die Rhythmen des Personals, das sich um die Reinigung und Instandhaltung des Anwesens kümmerte. Immer freitags kam eine Reinigungskraft und montags erschienen sowohl der Gärtner als auch der Poolreiniger. Der Montag war ihm als der ideale Tag erschienen, da es leichter war, zwei Personen von einem Haus wegzulocken als eine Einzelne. Um die beiden vom Haus zu entfernen, hatte es lediglich ein paar wenige Utensilien gebraucht: Ein Smartphone, das er fernsteuern konnte, eine Audiodatei, die er aus einem Actionfilm extrahiert hatte und einen batteriebetriebenen Lautsprecher, der in der Lage war, eine gewisse Leistung zu erbringen. Alle Teile hatte er in einer Hecke am Rand des Gartens versteckt, als der ältere Gärtner und der junge Poolreiniger noch nicht erschienen waren. Die Abreise der Bewohner hatte er am Samstag aus der Ferne beobachtet. Bei der Menge an Gepäck, das ein schwitzender Taxifahrer in seinen Kleinbus lud, waren die Medienberichte, sie würden für zwei Wochen ihre Tochter in den USA besuchen, sicherlich nicht übertrieben gewesen. Dann hatte er gesehen, wie zuerst der Gärtner erschienen war, die Alarmanlage mit einem Code ausgeschaltet hatte und begonnen hatte aus einem Schuppen an der riesigen Doppelgarage sein Gartengerät zu holen. Dann war der Poolreiniger erschienen, der ebenfalls seine Utensilien aus dem Schuppen zusammensuchte und an den Pool brachte. Die beiden hatten gerade mit ihrer Arbeit begonnen, als er von seinem Smartphone das Signal gab, welches die Audiodatei auf dem versteckten Gerät startete.

Wenige Sekunden später erscholl aus Richtung der Hecke ein infernalisches Kreischen von Gummireifen auf Asphalt und kurz darauf ein noch viel lauteres metallisches Krachen, Scheppern und zum Abschluss eine donnernde Explosion. Er erschrak nur deshalb nicht, weil er die Audiodatei kannte und genau wusste, was da ertönte.

Die beiden Männer im Haus waren hingegen total geschockt.

»Leck mich fett«, schrie der Poolreiniger, »wassen da passiert? Da is aber ordentlich was in die Luft geflogen!« Der Gärtner starrte ihn mit offenem Mund an und nickte heftig.

Da die Hecke an der Stelle, von der das Geräusch gekommen war, dicht geschlossen und zwei Meter hoch war, verschwendeten beide keinen Gedanken daran, dorthin zu laufen und zu versuchen, hindurchzusehen. Stattdessen eilten sie, so schnell sie konnten zum Gartentor, stürmten hindurch und bogen um die nächste Ecke, um den vermeintlichen Unfall zu sehen.

Die ihm zur Verfügung stehende Zeit war ausreichend gewesen, um ungesehen durch die offene Gartenpforte zu schlüpfen und danach durch die Innentür der Garage in das Haus zu gelangen. Nach einigem Suchen hatte er im Obergeschoss das Schlafzimmer der Ehefrau gefunden, was er an dem Schminkspiegel und dem Schränkchen davor unschwer erkannt hatte. Die vielen Fläschchen, Tiegel, Cremes, Bürsten, Pinzetten und Gerätschaften, deren Bedeutung ihm größtenteils unbekannt waren, hätten einer Parfümerie gut zu Gesicht gestanden.

In dem riesigen begehbaren Kleiderschrank hatte er es sich auf dem Teppichboden bequem gemacht. Er war davon ausgegangen, dass weder der Poolreiniger noch der Gärtner hier etwas verloren hatten, und hatte sich deshalb ausreichend sicher gefühlt. Das hatte allerdings dazu geführt, dass er mangels Beschäftigung immer müder geworden und schließlich eingeschlafen war.

Als er vor wenigen Augenblicken wach geworden war, war es stockdunkel. Einen kurzen Moment lang war er so verwirrt, dass er nicht wusste, wo er war. Als ihm das ganze Geschehen um sein Eindringen in dieses Haus wieder einfiel, schaltete er sein Smartphone ein und sah die Uhrzeit: 03:40 Uhr!

Du meine Güte! Ich habe ja die meiste Zeit verschlafen. In anderthalb Stunden setzt schon die Dämmerung ein.

Er überlegte gerade, wie er nun am besten vorgehen sollte, als er das Geräusch hörte. Es war nicht laut, aber das scheppernde Klirren erinnerte ihn an das Zerspringen einer Vase oder Glasschüssel auf einem harten Steinboden.

Verdammt, ich bin nicht allein!

Kapitel 3 - die Angestellte

Es gelang ihr einfach nicht, ihre zitternden Hände unter Kontrolle zu bringen.

Warum muss ich mein großes Schandmaul aber auch immer so weit aufreißen.

Vor ihrer besten Freundin Sylvia hatte sie geprahlt, dass sie sich das nicht bieten lassen würde, dass sie sich rächen würde und das ihr angetane Unrecht gebüßt werden würde. Jetzt gab es keinen Weg mehr zurück.

Verdammt. Scheißegal, da muss ich jetzt durch.

Sie blickte durch die dichte Hecke über die große Wiese genau auf die Terrasse und die dort befindliche Terrassentür. Links von der Tür befand sich das Tastenfeld, in dem der Code für die Entsperrung der Alarmanlage eingegeben werden musste, wenn man von außen die Tür öffnen wollte. Sie hoffte, dass die Familie diese Nummer nicht geändert hatte, seit sie nicht mehr im Dienst der Helmholtz´ stand. Obwohl sie öfter als einmal die Alarmanlage ausgeschaltet hatte, wusste sie nicht mehr, ob es einen Bewegungsmelder im Garten gab, oder ob vielleicht beim Überqueren des Rasens plötzlich Scheinwerfer angehen würden. Vor einer Minute war die Straßenbeleuchtung rund um das Anwesen der Helmholtz ausgegangen, was ihr Eindringen in das Grundstück durch die nun vorherrschende Dunkelheit wesentlich erleichterte. Sie betete, dass es nicht gerade dann wieder anging, wenn sie über den Zaun vor der Hecke stieg.

Na ja, selbst wenn, um diese Uhrzeit ist doch keine Sau mehr auf der Straße und Schichtarbeiter, die mitten in der Nacht aufstehen müssen, wird es in dieser Gegend auch nicht allzu viele geben, oder?

Zumindest was ihre Kleidung anging, hatte sie ein wenig überlegt, bevor sie den Plan gefasst hatte, heute Nacht in die Villa einzubrechen. Sie hatte einen bequemen Jogginganzug und Laufschuhe angezogen - den dunkelsten Anzug, den sie hatte. Ihren Haarschopf hatte sie unter einer dunkelblauen Skimütze versteckt.

Als ob mir einer abkaufen würde, dass ich um halb vier Uhr morgens am Rhein jogge - lächerlich.

Mühsam überstieg sie den Zaun und musste sich wieder einmal eingestehen, dass es einen Fehler darstellte, in ihrem Alter von gerade mal achtundzwanzig Jahren keinerlei Sport zu treiben. Die Zeit dazu hätte sie gehabt, denn seit ihrem Hinauswurf bei der Familie Helmholtz hatte sie keinen Job mehr bekommen können. Sie hatte sogar schon in Erwägung gezogen, den Großraum Koblenz zu verlassen, aber dank ihres ehemaligen Arbeitgebers hatte sie leider eine nationale Berühmtheit erlangt - wenn man die vernichtenden Artikel über sie in der Klatschpresse als ›Berühmtheit‹ bezeichnen durfte.

Ihre Kiefer mahlten fast schmerzhaft aufeinander, als sie sich an die Ungerechtigkeit erinnerte, die ihr widerfahren war. Sie hasste die Familie Helmholtz mit einer Inbrunst, die ihr die notwendige Kraft gab, sich über den Zaun zu schwingen und den Mut, von oben in den schmalen Spalt zwischen Zaun und Hecke zu springen. Als Nächstes suchte sie eine Lücke, durch die sie in den Garten gelangen konnte, was sich schwieriger gestaltete, als sie gedacht hatte. Erst nach einigen Metern gelangte sie an eine Stelle, die den Eindruck machte, als könne man sich durch sie durch die Hecke schlängeln.

Wieder war es ihre Wut und die Aussicht auf Rache, die sie befähigten, sich durch die bei weitem nicht ausreichend große Lücke zu pressen, wobei sie in Kauf nahm, dass Äste ihre unbedeckte Haut zerkratzten.

Scheiß drauf, es wird sich sicherlich lohnen, dachte sie zornerfüllt. Zorn auf die Hecke, Zorn auf ihre ehemaligen Arbeitgeber und letztendlich Zorn auf das Schicksal, das ihr so übel mitgespielt hatte.

Ich bin … keine … Lesbe! Und ich habe … nichts … Falsches … getan!

Immer und immer wieder gingen ihr diese beiden Aussagen wie ein Mantra durch den Kopf, als wolle und müsse sie sich selbst davon überzeugen, indem sie es sich lautlos vorsagte. Egal was in der Klatschpresse stand, egal was das halbe Land von ihr dachte. Was die Familie ihr angetan hatte, musste richtiggestellt und gesühnt werden. Eine Zeitlang hatte sie Mordgedanken gehegt. In allen Farben und Variationen hatte sie sich vorgestellt, wie sie das Ehepaar leiden lassen würde, wie sie die beiden erniedrigt und sie anschließend erstochen, erschossen, erwürgt oder qualvoll vergiftet hatte.

Aber die Realität hatte sie immer wieder eingeholt. In Form von Absagen bei der Suche nach einem neuen Job, in Form von auflauernden Paparazzi oder Reportern und anschließenden neuen Berichten in der Presse und in Form von Schulden, Gerichtsvollziehern und schließlich sogar der Kündigung durch ihren Vermieter. Inzwischen war sie so weit unten angekommen, dass sie keine Angst mehr vor einem sozialen Abstieg haben musste - es ging nicht weiter nach unten!

Das war der Punkt gewesen, an dem sie sich zum Handeln gezwungen sah. Sie hatte sich entschlossen, in der Villa dieser beiden verkommenen Lügner und Betrüger nach Beweisen für ihre Unschuld zu suchen. Der große Artikel in der gleichen Presse, von der sie so erfolgreich in den Abgrund gestoßen worden war, hatte den Ausschlag gegeben:

»Das Supermodel, der Manager-Vater und das Familientreffen in Florida!«

Zwei Wochen würde die Villa verwaist sein. Das sollte reichen, um das Unterste nach oben zu kehren und zu finden, was sie finden musste - auch wenn sie noch keine genaue Vorstellung davon hatte, was das sein könnte.

Nachdem sie die Hecke durchquert hatte, schlich sie in gebückter Haltung über den Rasen in Richtung Terrasse.

Warum bücke ich mich so runter? Es ist doch stockdunkel und niemand kann mich sehen?

Den Kopf über sich selbst schüttelnd streckte sie sich auf ihre vollen 1,75, nahm die Skimütze vom Kopf, schüttelte ihr halblanges blondes Haar kurz aus und ging dann erhobenen Hauptes auf die Terrasse zu. Erst unterwegs schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie gar nicht wusste, ob es Bewegungsmelder im Garten oder vielleicht sogar Überwachungskameras gab. Ohne darüber nachzudenken, setzte sie die Skimütze wieder auf, was nicht wirklich helfen würde, ihre Identität zu verheimlichen.

Ach was, scheiß drauf. Ich will meinen Ruf wiederherstellen. Sollen sie doch sehen, wer da eingebrochen ist und sich die Beweise geholt hat. Das spielt dann wirklich keine Rolle mehr.

Nachdem sie sich so Mut gemacht hatte, schritt sie weiterhin aufrecht und mit trotzigem Blick über den Rasen auf die Terrasse zu. Sie kämpfte die Zweifel und das mulmige Gefühl nieder und betrat die einen Meter über der Rasenfläche liegende Plattform, auf der die abgedeckten Gartenstühle und Tische standen.

Direkt links neben der über vier Meter breiten Front aus Glasschiebetüren befand sich das elektronische Zahlenschloss, mit dem über einen Code die Verriegelung der Tür geöffnet werden konnte. Obwohl sie der Meinung gewesen war, das Tastenfeld wäre nachts erleuchtet, konnte sie in der dunklen Nacht lediglich die Umrisse des kleinen rechteckigen Kästchens erkennen. Widerwillig zog sie die kleine Taschenlampe aus der Seitentasche ihrer Trainingsjacke, schaltete sie ein und leuchtete das Tastenfeld an. Die Angst, die Familie hätte vielleicht die Ziffernkombination zwischenzeitlich geändert, ließ sie einen Moment zögern, aber dann gab sie beherzt die ihr in Erinnerung gebliebenen Zahlen ein: 5 - 4 - 2 - 8 - 8 - 1.

Nichts!

Kein Ton, kein Piepen oder auch nur Aufleuchten. Das Feld, in dem normalerweise ein Sternchen für jede eingegebene Ziffer erschien, blieb einfach dunkel.

Was ist das denn jetzt für ein Mist?

Langsam begann ihr zu dämmern, dass sie nicht etwa eine falsche Kombination eingegeben hatte, sondern die Apparatur einfach nicht funktioniert. Aber warum nicht? Konnte es etwas damit zu tun haben, dass auch die Straßenbeleuchtung in der Umgebung der Villa nicht mehr funktionierte? Ein Stromausfall! Ja, das musste es sein. Damit erklärte sich die Dunkelheit in der Umgebung des Hauses und auch, warum dieses blöde elektronische Teil nicht mehr funktionierte. Aber wie sollte sie nun in das Haus kommen? Ihre Kenntnis der Zahlenkombination war ihr einziger Trumpf gewesen und ihr fiel keine Alternative ein.

Verdammt. Wütend trat sie gegen die Hauswand und fluchte im nächsten Augenblick, denn sie hatte sich den großen Zeh so fest angestoßen, dass sie einen Moment lang sicher war, er sei gebrochen.

»Ouuu, ouuu, Scheiße, verdammt.« Sie taumelte, hüpfte auf einem Bein seitwärts und hielt den schmerzenden Fuß in beiden Händen. Für den Augenblick war ihr egal, ob jemand ihr Geheule hören könnte.

Dann verlor sie das Gleichgewicht und drohte umzufallen. Ihr blieb keine Wahl, als den verletzten Fuß auf den Boden zu setzen und gleichzeitig nach einem Halt zu suchen. Ihre linke Hand griff blindlings zur Seite und bekam einen Griff zu fassen. Im gleichen Moment, als sie versuchte, sich an diesen Griff zu klammern und ein Hinfallen zu verhindern, bewegte sich ihr vermeintlicher Anker unter dem Gewicht ihres seitlich fallenden Körpers von ihr weg.

Was zum Teufel …?, konnte sie noch denken, bevor sie schmerzhaft auf ihren Hintern fiel. Sie blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen und versuchte, durch tiefes Ein- und Ausatmen ihren Puls wieder auf ein erträgliches Maß hinunterzubringen. Mit beiden Händen tastete sie um sich herum den Boden ab, um die verlorene Taschenlampe zu finden, von der sie hoffte, dass sie noch funktionstüchtig war.

Sie lag näher an ihrem Körper als vermutet und ließ sich ohne Probleme anschalten. Sie leuchtete in die Richtung, wo sie versucht hatte, sich an irgendetwas festzuhalten … und zog überrascht die Luft ein, als sie es sah:

Es war der Griff der Terrassentür gewesen, an den sie sich geklammert hatte. Er war nicht etwa abgebrochen, sondern hatte sich - wie es seine Bestimmung war - zusammen mit der Tür bewegt. Diese stand nun in einer Breite von etwa vierzig Zentimetern offen.

Sie war sich sicher, dass die Tür nicht offen gestanden hatte, als sie sich an der elektronischen Verriegelung zu schaffen gemacht hatte.

Ob das mit dem Stromausfall zu tun hat?

Egal, Hauptsache ich komme rein, dachte sie und rappelte sich mühsam auf. Dabei bemerkte sie erstmals wieder ihren schmerzenden rechten großen Zeh. Die Schmerzen hatte sie in ihrem Erstaunen über die offene Tür für einen kurzen Moment verdrängt. Humpelnd bewegte sie sich auf den Spalt zu, der ihr breit genug erschien, dass sie sich seitwärts hindurchdrücken konnte. Die Taschenlampe schaltete sie aus und verstaute sie wieder in ihrer Jackentasche.

Den schweren Fehler bemerkte sie erst, als sie in der im Wohnzimmer vorherrschenden Dunkelheit schmerzhaft mit dem Schienbein gegen eine Tischkante stieß und erneut vor Schmerz aufheulte. Humpelnd bewegte sie sich seitwärts, um im nächsten Moment erneut gegen ein Hindernis zu stoßen. Nur eine Sekunde später hörte sie das krachende Klirren, als etwas auf dem Marmorfußboden zerschellte.

O Gott, die chinesische Vase, die auf diesem Sockel steht, schoss es ihr durch den Kopf. Als ihr die Schuldgefühle bewusst wurden, die sie im Zusammenhang mit der Zerstörung dieses wertvollen Stückes ansprangen, musste sie laut auflachen.

»Bin ich denn nur blöd?«, rief sie in die Dunkelheit. »Ihr habt mein Leben zerstört und ich mache mir Vorwürfe wegen so einer scheiß Vase. Das geschieht euch recht, hört ihr? Und ich werde noch mehr kaputtmachen, wenn ich nicht finde, wonach ich suche!«

Zufrieden mit sich selbst, ihrem Wagemut, ihrem erfolgreichen Eindringen in das Haus und dem Umstand, dass bisher eigentlich nichts wirklich schiefgelaufen war, grinste sie in die Dunkelheit. Sie lauschte … und hörte das, was sie zu hören gehofft hatte: Nichts!

Gut so, dachte sie und knipste die Taschenlampe wieder an.

Kapitel 4 - im heißen Süden

Heinz Helmholtz wälzte sich in dem verschwitzten Laken von einer Seite auf die andere. Zum hundertsten Mal in den vergangen zwei Tagen verfluchte er seine bescheuerte Tochter, die ihr Domizil ausgerechnet im Süden der USA aufschlagen musste.

Er sehnte sich nach dem Bett in seiner Villa am Rhein, wo es reichte, wenn man ein Fenster öffnete, um eine angenehme Temperatur zu erreichen - auch im Juli. In New Orleans, der größten Stadt des amerikanischen Bundesstaats Louisiana, herrschten um diese Jahreszeit tropische Verhältnisse. Die Temperatur ging zwar selten über 33 Grad Celsius, aber die Luftfeuchtigkeit erreichte viel zu oft bis zu 95 Prozent - vor allem nach den Regenfällen, die zu dieser Jahreszeit ebenfalls sehr häufig vorkamen. Selbstverständlich lag die Villa im noblen ›Garden District‹, unweit des Stadtzentrums, und sie war vollständig klimatisiert. Aber er hasste Klimaanlagen. Genauso sehr, wie er diese schwüle, laute und in seinen Augen schmutzige Stadt hasste.

Alles nur wegen ihrer bescheuerten Vorliebe für Jazz, den Karneval im Süden der USA, dieses wahnsinnige Mardi Gras, und die angebliche Beschaulichkeit des Lebens im Süden. Hat die blöde Kuh sich eigentlich vorher mal einen Atlas angesehen? New Orleans lag auf dem gleichen Breitengrad wie Marokko, Kairo oder Kuwait City. Aber das Fräulein Supermodel hatte sich in den letzten beiden Jahren vollständig abgenabelt und auch als ihr Manager hatte er nicht mehr den Einfluss auf ihre Entscheidungen, den er gerne gehabt hätte.

Sie hatte sich nicht reinreden lassen, als sie vor einem Jahr diesen hirnlosen amerikanischen Rocksänger geheiratet hatte und inzwischen war sie die getrenntlebende Mrs. Gerritsson. Allerdings war sie mit beachtlichen Geldmitteln sowohl durch ihren Mann als auch aus ihren eigenen Verdiensten, ausgestattet, von denen sie sich diese Villa gekauft hatte.

Alles, wobei Tatjana ihm noch freie Hand ließ, waren die Verträge, die er mit Werbefirmen, Designern oder den Medien für ihre Engagements und Auftritte abschloss. Dieses undankbare Miststück hatte vergessen, dass er es gewesen war, der sie groß herausgebracht hatte. Ihm alleine hatte sie es zu verdanken, dass sie zu den am besten verdienenden Supermodels gehörte und sich all das leisten konnte, wovon er eigentlich ebenfalls vorgehabt hatte, zu profitieren.

Und nun lag er in der beschissensten Jahreszeit in dieser Sauna, die sich als Stadt ausgab, wälzte sich um halb elf Uhr nachts schwitzend in seinem Bett herum und fand keinen Schlaf. Von nebenan hörte er überdeutlich das Summen der Klimaanlage und das Schnarchen seiner Frau Tanja, die nach dem Genuss mindestens einer halben Flasche Scotch so tief schlief, dass nicht einmal eine Bombe sie hätte wecken können.

Er hasste sie genauso wie seinen Aufenthalt hier in den USA, aber die geschäftlichen Verpflichtungen ließen ihm keine andere Wahl, als ein paar Mal im Jahr für ein bis zwei Wochen seine Tochter hier zu besuchen und mit ihr die weiteren Pläne abzusprechen, Vertragsverhandlungen zu führen und den blöden Papierkram zu erledigen. Seine Frau Tanja lebte schon seit einigen Jahren ihr eigenes Leben und er ließ sie gewähren.

Soll sie sich doch zu Tode saufen oder ficken, mir ist es egal.

Er überlegte einen Moment lang, ob er aufstehen und seinen Laptop anwerfen sollte, um die neuesten Nachrichten und Aktienkurse zu kontrollieren, entschied sich aber dagegen. Zu Hause war es jetzt 03:30 Uhr und er würde schon lange tief und fest schlafen. Um den Jetlag zu bekämpfen, sollte er auch hier langsam Schlaf finden, sonst würde er noch länger tagsüber schlaff und müde sein. Das konnte er sich angesichts der bevorstehenden Vertragsverhandlungen nicht leisten.

Kapitel 5 - Überraschung!

Er wusste nicht, wie er auf das Geräusch reagieren sollte, das er soeben gehört hatte. Auf jeden Fall konnte es nur ein Fehler sein, hier im begehbaren Kleiderschrank des Schlafzimmers zu bleiben. Nun war Beweglichkeit und eine irgendwie geartete Reaktion gefragt. Er war sich sicher, dass das Geräusch aus dem Untergeschoss gekommen war. Also verließ er eilig den Schrank und schlich auf Socken aus dem Schlafzimmer und zur ausladenden und in einem Halbkreis geschwungenen Treppe. In der Villa war es stockdunkel und von draußen drang lediglich ein diffuser Schimmer herein, der vermutlich von dem auf die Wolkendecke scheinenden Halbmond verursacht wurde. Er tastete sich mehr die Treppenstufen auf Marmor hinunter, als dass er sie hätte erkennen können. Ihm kam nun zugute, dass er ohne Schuhe unterwegs war. Seine bestrumpften Füße verursachten auf diesem Untergrund kein Geräusch. Zudem konnte er weitaus besser die Stufenkanten erfühlen.

Er hatte noch nicht einmal die Hälfte der Strecke nach unten zurückgelegt, als er ein Lachen hörte. In dem Bestreben, ganz leise zu sein, war auch sein Gehör aufs Äußerste geschärft und das Geräusch erschien ihm unnatürlich laut. Noch während die Stimme, die vermutlich einer Frau gehörte, etwas rief, dass er nur in Bruchstücken verstand, bewegte er sich weiter die Treppe hinunter und orientierte sich an den Geräuschen. Er verstand nur Wortfetzen wie »scheiß Vase«, »kaputtmachen« und »finden«. Aber es reichte aus, um sich in die richtige Richtung zu bewegen und er war sich sicher, dass die Stimme aus dem Wohnzimmer kam. Seine Augen hatten sich zumindest so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass er den Umriss des bogenförmigen Zugangs zu diesem Raum erkannte. Bevor er sich allerdings dem Raum weiter näherte, zog er seine Waffe und die mitgebrachte Meg-Lite Taschenlampe hervor und betrat dann, beide Hände mit seinen Mitbringseln nach vorne gestreckt vorsichtig den Raum.

Je näher er dem Durchgang zum Wohnzimmer kam, um so deutlicher vernahm er ein leises Gemurmel der mutmaßlichen Frau. In dem sicheren Glauben, dass er mit der Dunkelheit im Rücken aus dem Raum heraus nicht zu sehen sein würde, betrat er, mit ausgestreckten Armen voran, das Wohnzimmer. Die Waffe hielt er ein wenig verkrampft in der rechten, die noch ausgeschaltete Meg-Lite in der linken Hand.

Es mochte ein unbewusstes Räuspern oder sein hektisches Atmen gewesen sein, aber auf jeden Fall musste er sich verraten haben, denn kaum hatte er das Zimmer betreten, als eine in seine Richtung gehaltene Taschenlampe aufleuchtet, ihm direkt in die Augen schien und ihn sofort blendete.

In dem reflexartigen Versuch, seine eigene Lampe anzuknipsen, vertat er sich in der Aufregung und anstatt den Schalter der Meg-Lite zu betätigen … zog er den Abzug der Waffe durch. Sein Fehler wurde ihm einen Bruchteil einer Sekunde zu spät bewusst und er konnte die Krümmung des Zeigefingers nicht mehr bremsen.

Mit einer Mischung aus Schock und Erleichterung registrierte er mit einer gewissen Verspätung das kalte Klicken, als der Hammer der Pistole ins Leere schlug … er hatte vergessen, die Waffe durchzuladen.

Noch immer geblendet nahm er die Hand mit der Waffe schützend vor die Augen und knipste nun seine Taschenlampe an.

»Wer sind Sie?«, erklang seine Frage fast zeitgleich mit der gleichen, von der Frau gestellten Frage.

»Sie zuerst!«

Das gibt’s doch gar nicht, dachte er erschrocken. Wiederum hatte die Frau die gleiche Aufforderung wie er fast zeitgleich ausgestoßen. Seine Gedanken überschlugen sich in dem Bestreben, etwas Sinnvolles zu einer, wenn sie so fortgeführt würde, zum Scheitern verurteilten Konversation beizutragen. Was er auf die Schnelle hatte erkennen können, war, dass es sich um eine noch recht junge, schlanke Frau zu handeln schien, die in einer Hand die Taschenlampe hielt, aber die andere Hand, wie abwehrend mit der geöffneten Handfläche nach vorne hielt.

Er entschied sich für einen drastischen Schritt. Nachdem er die Taschenlampe ausgeschaltet hatte, steckte er die sowieso unnütze Waffe in den Hosenbund. Die Lampe landete in der dafür vorgesehenen Halterung am Gürtel und er streckte beide Arme mit den Handflächen nach vorne zur Seite von sich.

»Ich gehe davon aus«, begann er ganz langsam und bedächtig, »dass Sie, Gnädigste, sich in gleichem Maße unberechtigt in diesem Anwesen aufhalten, wie ich. Deshalb scheinen wir zumindest …«, er machte eine kleine Sprechpause, » … na sagen wir mal … ähnliche Ziele zu verfolgen.«

Er kniff die Augen gegen die blendende Helligkeit ihrer Taschenlampe zusammen. »Würde es Ihnen viel ausmachen, mir mit ihrem Scheinwerfer nicht direkt in die Augen zu leuchten? Sie sehen ja, dass ich meine Waffe weggesteckt habe.« Er zuckte wie entschuldigend mit den Schultern. »Ich denke, unbewusst habe ich die Waffe sowieso nie wirklich einsetzen wollen, sonst hätte ich nicht vergessen, sie durchzuladen.«

Sicher konnte er nicht sein, aber der kurze Augenblick, in dem er die junge Frau gesehen hatte, war ausreichend gewesen, ihm einen Eindruck zu vermitteln … und der war das Gefühl von Harmlosigkeit gewesen. Unter anderen Umständen hätte er sie als attraktiv und interessant eingeschätzt. Der erste Eindruck hatte ihm eine etwa einsfünfundsiebzig große, schlanke, aber dennoch gut proportionierte, Frau von etwa Ende zwanzig, maximal dreißig Jahren gezeigt. Die Haarfarbe hatte er aufgrund der schwarzen Mütze nicht erkennen können und für weitere Einzelheiten war die Zeit zu kurz gewesen.

Der Lichtstrahl ihrer Taschenlampe verließ sein Gesicht und wanderte langsam an seinem Körper entlang nach unten, bis er schließlich bei seinen Füßen angekommen war.

»Ihr Anzug verrät Sie nicht gerade als Einbrecher«, stellte sie mit einem seltsamen Unterton fest. »Aber irgendwie bin ich mir trotzdem ziemlich sicher, dass sie sich nicht wirklich befugt hier aufhalten.«

Was für ein Wunder, dachte Benjamin, schließlich bin ich ebenfalls mit einer Taschenlampe bewaffnet und schleiche hier im Dunkeln herum. Gerade als ihm der Gedanke kam, was dagegensprach, dass er vielleicht ja der bewaffnete Bewohner des Hauses sein könnte, der einen Einbrecher überraschen wollte, offenbarte sie ihm: »Und dass Sie nicht hier im Haus wohnen, weiß ich sicher, denn die Bewohner kenne ich sehr gut. Also, wer sind Sie und was wollen Sie hier?«

Nachdem die Einschränkung seiner Sehfähigkeit durch das Blenden mit ihre Lampe nachgelassen und er sich wieder an die vorherrschende Dunkelheit gewöhnt hatte, konnte er im Licht der auf den Boden zwischen ihnen gerichteten Taschenlampe ihr Gesicht relativ gut erkennen. Er sah die zusammengezogenen Augenbrauen und den neugierigen Ausdruck, der an ihrem Blick und der Kopfhaltung zu erkennen war.

»Da mir Ihr Erscheinungsbild signalisiert, dass es sich bei Ihnen wohl eher um einen Einbrecher, respektive eine Einbrecherin, zu handeln scheint, sehe ich keine große Gefahr darin, mich vorzustellen.« Nach einer angedeuteten kleinen Verbeugung fuhr er fort, »Mein Name ist Dr. Benjamin Bennedikt, Bennedikt ohne ›c‹, und ich habe einen persönlichen Grund für meine Anwesenheit, der jedoch nichts mit einem gemeinen Einbruch zu tun hat.«

Sie verzog den Mund zu einem indigniert wirkenden Grinsen. »Häh, wieso ohne ›c‹? Wo kommt denn ein ›c‹ in Bennedikt vor? Was für eine Art Doktor sind Sie denn? Reden Sie immer so geschwollen?«

Benjamin seufzte. »Nun, Reden gehört zu meinem Beruf, ich bin Psychotherapeut, und der Umstand, dass Ihnen meine Redeweise ›geschwollen‹ vorkommt, scheint mir eine Frage des Standpunktes und der persönlichen Sprachbildung zu sein.«

Nun fing sie an, schallend zu lachen und präsentierte dabei eine in der Dunkelheit leuchtende Reihe fast perfekter Zähne mit einer kleinen Zahnlücke zwischen den beiden mittleren oberen Schneidezähnen. Er kam nicht umhin, sie süß zu finden. Sein Beruf hatte ihn gelehrt, aufgrund von Äußerungen seiner Mitmenschen nicht so leicht beleidigt zu reagieren. Sie entsprangen in der Regel dem persönlichen Empfinden der Menschen und waren dadurch begründet. Ob sie zutrafen, war eine andere Sache, aber es lag ja an ihm, den Eindruck zu korrigieren, wenn er es für notwendig erachtete.

Er wollte gerade den Vorschlag machen, ob man sich nicht irgendwohin begeben könne, wo man Licht machen und sich in einer angenehmeren Umgebung unterhalten könne, als er wie vom Blitz getroffen zusammenfuhr.

»Keine Bewegung - beide. Nehmen sie die Hände hoch und rühren sie sich nicht vom Fleck.«

Gleichzeitig war erneut eine starke Taschenlampe aufgeleuchtet, die einen Lichtstrahl aus der Dunkelheit vor dem Wohnzimmer auf sie beide warf.

Kapitel 6 - aller guten Dinge sind …

Nachdem er mehr als zwei Minuten bewegungslos wie eine Statue an der gleichen Stelle verharrt war, wollte Kalle sich gerade geräuschlos weiter ins Innere des Hauses bewegen, als ihn ein weiteres Geräusch augenblicklich erstarren ließ. Diesmal war es ein klirrendes Scheppern wie Porzellanteller bei einem Polterabend, und diesmal konnte er die Richtung orten, aus der das Geräusch gekommen war.

Da er immer noch dunkel war und er keine Gespräche hörte, ging er nicht davon aus, dass wider Erwarten doch die Bewohner des Hauses vorzeitig zurückgekommen waren.

›Soviel zu deinem genialen Plan, du Meisterdieb. Wenn das mal keine Probleme gibt.‹

Konnte er da so etwas wie Häme bei seiner inneren Stimme zu heraushören? Aber jetzt war nicht die Zeit, sich mit seinem Problem zu beschäftigen. Es gab vordringlichere Schwierigkeiten zu lösen.

Verdammt, ist da etwa noch ein Einbrecher im Haus? Das darf doch nicht wahr sein! Er war sich nicht im Klaren, ob er sich mehr über die unerwartete Gesellschaft ärgern, oder eher erleichtert sein sollte, dass es sich lediglich um unerwünschte Konkurrenz handelte.

In selben Augenblick, als er den Entschluss gefasst hatte, sich vorsichtig der Herkunft des Geräuschs zu nähern, hörte er erneut etwas - diesmal allerdings vom oberen Ende der Treppe zu seiner Linken.

Was ist denn hier nur los? Das gibt’s doch gar nicht.

Vorsichtig drückte er sich gegen die Rückseite der Treppe und wagte es nicht einmal, tief Luft zu holen. Einen Moment lang befürchtet er, sein verräterisch laut und heftig schlagendes Herz könnte ihn verraten. Er zwang sich, langsam, tief und so geräuschlos wie möglich ein- und auszuatmen, um seinen Puls wieder auf ein normales Niveau zu senken.

Dabei spähte er vorsichtig in Richtung der Treppe und versuchte, den Verursacher des Geräuschs zu sehen. Was er sah, war ein dunkler Schemen, der sich vorsichtig die Treppe herunter bewegte - ein ziemlich großer Schemen. Die Person, die sich ihm als nicht mehr als ein Schatten darstellte, bewegte sich in Richtung des Wohnzimmers. Die allgemeine Grundhelligkeit in städtischen Gebieten, die durch das große Wohnzimmerfenster drang, ließ ihn den Mann - aufgrund der Statur war er sich ziemlich sicher, dass es sich um einen Mann handelte - als dunklen Umriss vor dem erkennbaren Rundbogendurchgang zum Wohnzimmer erkennen. Geräuschlos schlich er näher heran. Er war sich sicher, dass die Aufmerksamkeit des beeindruckend großen Kerls, den er auf mindestens einsfünfundneunzig schätzte, sich eher auf die Ergründung der Geräusche im Wohnzimmer richtete.

Überrascht und amüsiert belauschte er die ungewöhnliche, zeitgleich stattfindende Konversation von »Wer sind Sie?« und »Sie zuerst!«. Er konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Was sind das denn für Amateure?

›Bist du da nicht ein bisschen vorschnell, Superhirn? Vielleicht solltest du dich in die gleiche Kategorie einreihen, so toll, wie das bisher gelaufen ist.‹

Er ignorierte die Bemerkung und konzentrierte sich auf die beiden. Er lauschte auf ihre Unterhaltung und war nicht wenig erstaunt über das, was er hörte. Der Typ ist sowas wie ein Psychologe! Wie verrückt ist das denn?

›Na vielleicht kann er dir ja helfen, mich loszuwerden.‹

Kalle war zwar ein ähnlicher Gedanke im selben Moment durch den Kopf gegangen, aber er ignorierte die Stimme dennoch weiterhin beharrlich.

Als die Frau zu lachen begann, entschloss er sich, diese Farce zu beenden, bevor die beiden noch ein lustiges Kaffeekränzchen begannen. Er knipste seine Taschenlampe an, wodurch er die Frau blendete und dem Mann in den Rücken leuchtete. Gleichzeitig gab er ein lautes und sehr bestimmendes »Keine Bewegung - beide. Nehmen sie die Hände hoch und rühren sie sich nicht vom Fleck!« von sich. »Und Sie, Herr Doktor, ziehen vorsichtig die Waffe aus ihrem Gürtel und lassen sie hinter ihrem Rücken auf den Boden fallen. Machen Sie nicht den Fehler, im Stil von White Earl hier was zu versuchen.«

»Sie meinen vermutlich Wyatt Earp, und nein, ich werde nichts dergleichen versuchen«, erklang die ruhige Stimme des Doktors. Langsam griff er sich an den Hosenbund, packte die Waffe mit Daumen und Zeigefinger am Griff und zog sie vorsichtig hervor. Danach ging er, ohne sich umzudrehen, in die Knie und legte die Waffe kurz hinter seinen Füßen auf den Boden.

»Soweit ganz gut«, meinte Kalle, »jetzt richten Sie sich auf und falten die Hände auf dem Kopf.« Noch während der Doktor dem Befehl folgte, schlich er leise nach vorne und ergriff die Waffe. Dabei vergaß er keine Sekunde, die Taschenlampe so zu halten, dass er die junge Frau weiterhin blendete. Hastig zog er sich zwei Meter zurück und richtete sich ebenfalls auf.

»So«, gab er zufrieden grinsend von sich, »jetzt können sie sich umdrehen, nun habe ich ja eine Waffe.«

Im Gesicht der jungen Frau konnte er Wut und Empörung erkennen, während sich der Doktor langsam umdrehte. Dabei nahm er die Hände vom Kopf und ließ sie locker an der Seite hängen. Eine Augenbraue hatte er etwas hochgezogen und studierte Kalle mit leicht zur Seite geneigtem Kopf.

›So ungefähr studiert einer von diesen Eierköpfen ein Insekt unter dem Mikroskop, du Superhirn.‹

»Ach, halt’s Maul«, entfuhr es Kalle, bevor er es verhindern konnte.

Die zweite Augenbraue des Doktors wanderte ebenfalls nach oben. Dann erklang wie einstudiert gleichzeitig aus zwei Mündern: »Wer sind Sie?«

Nun war es an Kalle lauthals zu lachen.

»Ihr seid mir vielleicht zwei Vögel. Wo haben sie euch denn rausgelassen? Aber auf jeden Fall seid ihr Amateure und Dilettanten, soviel steht fest.«

›Gut gebrüllt Löwe. So machst du sicherlich Eindruck auf die beiden.‹

Kalle ignorierte seine innere Stimme auch dieses Mal. Stattdessen sprach er die beiden an. »Lasst uns in einen anderen Raum gehen, wo wir Licht machen können, ohne Aufmerksamkeit von draußen zu erregen. Es dauert ja eh nicht mehr lang, bis es hell wird.«

Er dirigierte die beiden aus dem Wohnzimmer in das angrenzende Kaminzimmer, das eine Schiebetür zum Wohnzimmer und Rollläden zum Rhein hin hatte.

»Setzt euch auf die Couch«, befahl er den beiden, und nachdem sie Platz genommen hatten, ließ er den mit einem gewöhnlichen Zugband betriebenen Rollladen herunter und schloss danach die Tür. Dann schaltete er die Deckenbeleuchtung ein - beziehungsweise er versuchte es. Er betätigte den Kippschalter dreimal in beide Richtungen, bis ihm siedend heiß einfiel, dass er ohne Strom diesbezüglich sehr schlechte Karten haben würde. Er fluchte leise, nahm dann seine Taschenlampe und stellte sie senkrecht auf ein kleines Tischchen und schaltete sie auf die stärkste Leuchtstärke. Der Strahl erhellte die weiße Stuckdecke und die Reflexion gab genügend Beleuchtung für den Raum, dass er nun seine beiden Geiseln in Ruhe und genauer betrachten konnte.

›Geiseln? Willst du sie gegen irgendwas eintauschen? Die Polizei ist doch noch nicht mal da. Passender wäre vielleicht - unvorhergesehene Konkurrenten.‹

Kalle ignorierte die Stimme und besah sich stattdessen erstmals die beiden … was auch immer. Er konnte sie nicht als Konkurrenten sehen, zumal er noch nicht wusste, was sie eigentlich in diesem Haus wollten oder suchten. Normale Einbrecher waren sie auf jeden Fall nicht.

Erstmals konnte er die junge Frau näher betrachten. Bereits als die beiden vor ihm hergegangen waren, war ihm aufgefallen, dass sie einige Zentimeter größer war als er. Er schätzte sie auf ungefähr einsfünfundsiebzig, also wäre sie mit hochhackigen Schuhen vermutlich gute zehn Zentimeter größer als er. Gegenüber dem riesigen Doktor, der sie beide um wenigstens zwanzig bis fünfundzwanzig Zentimeter überragte, wirkten sie klein - und er selbst beinahe zwergenhaft. Dabei wies die Frau eine durchaus reizvolle Figur auf. Ihre Brüste gefielen ihm, soweit er das trotz des Trainingsanzuges bewerten konnte. Sie hatte ein offenes und nicht unfreundliches Gesicht, wobei sie ihn genauso interessiert betrachtete, wie er sie. Gerade hatte sie sich die Skimütze vom Kopf gezogen und schüttelte ihre halblangen, blonden Haare aus. Wirklich sehr attraktiv, dachte Kalle.

›Fang jetzt nur nicht an, amouröse Gedanken zu spinnen, du alter Lustmolch.‹

»Die Vorstellung unseres lieben Doktors habe ich schon mit angehört, aber wir wissen wohl beide noch nicht, mit wem wir es bei dir zu tun haben, Schönheit«, richtete er das Wort an die Frau, statt auf seine lästige innere Stimme einzugehen.

Die Verachtung in ihrem Blick war unmissverständlich. Sie schürzte abschätzig die Lippen und zwischen ihren blauen Augen bildete sich eine Zornesfalte.

»Erstens kann ich mich nicht erinnern, dass wir im Sandkasten gespielt hätten, weshalb ich mir das dummvertraulich du verbitte. Zweitens geht es Sie einen Scheißdreck an, was ich hier zu suchen habe. Und drittens«, dabei warf sie einen Blick zu dem Doktor, wobei sie ihn kurz anlächelte, »stelle ich mich nur Leuten vor, die mir vorher gesagt haben, wer sie sind. Mein Name ist Katrin Schütte.«

Kalle saß den beiden mit offenem Mund gegenüber. So viel Selbstbewusstsein hätte er der zierlichen Frau nicht zugetraut. Gleichzeit kam ihm der Name bekannt vor, wie er überhaupt seit einiger Zeit das Gefühl hatte, sie schon einmal gesehen zu haben.

Da er ein aufmerksamer Beobachter war, war es ihm nicht entgangen, dass der Doktor sehr aufmerksam zwischen ihnen beiden hin und her gesehen hatte. Dabei war sowohl wieder einmal die Augenbraue mit überraschter Verwunderung nach oben gegangen und einmal hatte sein Mundwinkel in einem Anflug von Belustigung gezuckt. Zudem hatte er das unangenehme Gefühl, von diesem Psychoheini analysiert zu werden.

›Na vielleicht kann er dich wirklich von mir befreien. Das wäre doch was, oder?‹

Kalle achtete nicht auf die Stimme.

Den Namen habe ich irgendwo schon mal gehört. Sie kommt mir auch bekannt vor. Wo hab ich das Gesicht nur schon mal gesehen?

Er kam nicht darauf, so sehr er auch in seiner Erinnerung kramte.

»Okay, okay, is angekommen. Mein Name ist …«, er unterbrach sich kurz, um nachzudenken. »Na eigentlich tut er wenig zur Sache. Nennt mich einfach Kalle, das sollte für den Anfang genügen. Kalle, der Meisterdieb«, fügte er in einem Anflug von Galgenhumor hinzu.

Noch hatte er keine Ahnung, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Auf keinen Fall wollte er sich von den beiden Anfängern die Tour vermasseln lassen. Und schon gar nicht wollte er ihnen seine Pläne im Detail verraten.

Verdammt – was soll ich nun mit den beiden machen?

Kapitel 7 - Abtasten

Typisch, dachte Katrin, ein Krimineller heißt entweder Ede, Kalle, Bruno oder Jonny. Was für ein Klischee.

Er war zwar klein für einen Mann und im Vergleich mit dem Doktor - Benjamin - wirkte er wie ein Zwerg, aber er machte einen durchtrainierten, kräftigen Eindruck und sie wollte sich auf keinen Fall mit ihm anlegen. Wer weiß schon, wozu so ein Krimineller fähig ist.

Sie wandte sich Benjamin zu und betrachtete ihn das erste Mal genauer. Abgesehen von dem Umstand, dass er keine Schuhe trug, war er makellos gekleidet: Ein anthrazitfarbener Anzug mit Nadelstreifen, ein weißes Hemd und eine rotblau gestreifte Krawatte.

Das ist ja nun wirklich nicht das richtige Outfit für einen Einbruch, dachte sie belustigt. Sie sah ihm direkt ins Gesicht und stellte verwundert fest, dass er ihrem Blick nicht auswich, wie es die meisten Männer taten. Im Gegenteil, er duldete ihre Inspektion mit einer spürbaren Erheiterung und ein leichtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen - schöne, volle, sinnliche Lippen. Seine braunen Augen betrachteten sie und ihm war nichts davon anzumerken, dass er sich etwa über sie amüsierte. Seine kurzen, braunen Haare standen ein wenig wirr vom Kopf ab, und er hatte einen offensichtlich gepflegten Drei-Tage-Bart. Sie schätzte ihn auf ungefähr vierzig, obwohl er etwas jünger aussah. In einer anderen Situation wäre das genau der Typ Mann, mit dem sie sofort zu flirten angefangen hätte.

»Darf ich fragen, Herr Doktor - oder darf ich sie Benjamin nennen? - was Sie ausgerechnet zu dieser Zeit in dieses Haus geführt hat?«

Sie rechnete nicht wirklich mit einer Antwort, weshalb seine Reaktion sie sehr überraschte.

»Selbstverständlich dürfen Sie mich Benjamin nennen, Katrin. Was allerdings mein Hiersein betrifft, so muss ich für den Moment ins Feld führen«, er machte eine Pause, als müsse er in sich hineinhorchen, »dass wir uns noch bei Weitem nicht gut genug kennen, als dass ich Ihnen das anvertrauen würde. Es sei nur so viel gesagt: Ich habe private Gründe, die nichts mit materiellen Gütern zu tun haben. Ich suche in diesem Haus etwas, das ich für die Wiederherstellung meines Rufes benötige. Das muss zunächst genügen.«

Bei seiner Formulierung ›Wiederherstellung meines Rufes‹ war sie zusammengezuckt. Es konnte doch kein Zufall sein, dass er aus ähnlichen Gründen wie sie in die Villa eingebrochen war. Sie hätte es zwar nicht mit so wohlformulierten Worten ausgedrückt, zumal bei ihr der Gedanke an Rache dominierte, aber letztendlich ging es doch um das Gleiche.

Ihre Gedanken schienen ihr anzusehen zu sein, denn er neigte den Kopf leicht zur Seite und betrachtete sie aufmerksam.

»Ihre Intention scheint eine ähnliche zu sein, Katrin, oder liege ich da völlig verkehrt?«

Erschrocken rückte sie ein wenig von ihm ab. »Ist das so offensichtlich? Oder können Sie vielleicht Gedanken lesen?«

»Nein«, lachte er, »das nun wirklich nicht … leider. Aber ihre Gedanken stehen Ihnen quasi auf die Stirn geschrieben. Die Familie Helmholtz hat Ihnen ein Unrecht angetan und das ist der Grund dafür, dass Sie nun hier sind.«

»Verdammt will ich sein«, unterbrach ein Ausruf von Kalle ihre Gedanken, »jetzt weiß ich, woher ich dich kenne. Der Name kam mir sofort bekannt vor. Du warst doch wochenlang in der Klatschpresse, Mädchen.«

Katrin befürchtete, dass nun genau das zur Sprache kommen würde, was sie nicht mehr hören konnte.

»Du bist doch die kleine lesbische Erpresserin, die der Familie die ganze Kohle abluchsen wollte, oder?« Er klatschte sich lachend auf die Schenkel. »Was für eine geile Idee, ein Verhältnis mit der lesbischen Ehefrau anzufangen und dann den Ehemann zu erpressen. Eine Million, mein lieber Alter, wenn das geklappt hätte, nicht schlecht, Herr Specht.«

»Das ist eine verdammte Lüge«, rief sie verzweifelt aus, »kein Wort davon ist wahr. Ich bin nicht lesbisch und ich habe auch noch nie jemanden erpresst!«

Sie war laut geworden und erbost aufgesprungen.

Kalle war ebenfalls aufgesprungen, einen Schritt zurückgewichen und hielt nun wieder die erbeutete Waffe vor sich. »Langsam, langsam, Mädchen. Nicht aufregen. Ich hab doch nur das gesagt, was so in den Zeitschriften gestanden hat. Jetzt setz dich erstmal wieder hin und wir reden in Ruhe darüber.«

Katrin ließ sich wieder auf die Couch fallen. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Schluchzend kauerte sie sich zusammen, nahm die Füße auf die Couch, schlang die Arme um die Knie und vergrub ihren Kopf zwischen den Knien.

»Ich … ich …«, stieß sie zwischen einzelnen Schluchzern hervor, »ich hab … doch … nix Falsches …, getan.«

Trotz ihrer seelischen Schmerzen bekam sie mit, dass Benjamin näher an sie heranrückte und vorsichtig einen Arm um ihre Schulter legte.

»Ich würde gerne behaupten, dass sich alles wieder einrenkt, aber das wäre wohl sehr kühn. Was ich allerdings sagen kann, ist, dass ich alles tun werde, um Ihre Ehre wieder herzustellen. Erzählen Sie doch bitte, was genau passiert ist.«

Katrin blickte mit verweinten Augen auf und stellte fest, dass er lächelnd mit einem altertümlichen Stofftaschentuch vor ihrem Gesicht wedelte.

Dankbar ergriff sie das Tuch, fuhr sich kurz über die Augen und schnäuzte sich dann geräuschvoll die Nase. Als sie fertig war, sah sie erschrocken auf das Taschentuch, das sie gerade Benjamin zurückgeben wollte.

»Oh, Verzeihung. Das war sehr gedankenlos, aber ich bin nur Papiertaschentücher gewohnt.«

Sie sah, dass er lächelte, aber sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es etwas gequält wirkte.

»Wollen Sie uns nicht berichten, was der Auslöser für Ihren Besuch in dieser Villa war«, lenkte er die Aufmerksamkeit von der peinlichen Situation ab.

»Ich habe … zuerst habe ich gedacht, es handelt sich um ein Missverständnis, aber … ich weiß nicht, warum ich so blöd war«, begann sie stockend. »Es ist ja nicht so, als hätte ich es nicht kommen sehen.«

Als sie aufblickte, entdeckte sie, dass der Kriminelle sie verständnislos mit offenem Mund anstarrte, während Benjamin feinsinnig lächelte.

»Äh … hab ich was Dummes gesagt, oder warum schaut ihr so blöd?«, fragte sie, während sie hastig zwischen den beiden hin und her sah.

Kalle nickte lediglich, während Benjamin das Wort ergriff: »Nein Katrin, aber sie haben den Fehler begangen, den die Meisten begehen, wenn sie Unwissenden einen Sachverhalt schildern wollen, der ihnen selbst nur zu gut bekannt ist.«

»Und der wäre?«, fiel sie ihm ins Wort.

Völlig unbeeindruckt fuhr er fort, als hätte sie die Frage nicht gestellt: »Versuchen Sie einfach, sich an alles zu erinnern, wie es sich chronologisch ereignet hat.«

Katrin nickte geistesabwesend, während die Erinnerungen sie übermannten.

Dann begann sie, zunächst stockend, dann immer flüssiger, den in ihrem Kopf ablaufenden Film zu schildern.

Kapitel 8 - Katrins Erinnerung

Es hatte sich wie der geilste Job der Welt angehört.

»Hausdame und Gesellschafterin gesucht«, lautet der Text der Stellenanzeige, der mir aus der Tageszeitung entgegengesprungen kam. Das Tolle daran war, dass in diesem speziellen Fall keine ältere Dame gesucht wurde, die einer anderen älteren Dame die Besorgungen erledigt, den Hintern abwischt oder ihr die Zeit vertreibt. Das Jobprofil passte haargenau auf mich, sowohl vom Alter als auch von den gewünschten Fähigkeiten.

Einen Tag später machte ich mich zu einem Vorstellungsgespräch auf den Weg. Ich hatte die richtige Mischung aus seriösen und trotzdem schicken Klamotten ausgesucht und motivierte mich immer wieder selbst dahingehend, dass ich es schaffen würde.

Das Ehepaar Helmholtz machte einen netten Eindruck. Heinz Helmholtz war achtundfünfzig Jahre alt, etwas dicklich und nur einssechzig groß, was er durch das Tragen von Stiefeletten mit zehn Zentimeter hohen Absätzen zu kaschieren versuchte. Seine grauen Haare begannen licht zu werden, und auf den Wangen zeichneten sich die roten Äderchen einer Couperose im Frühstadium ab. Irgendwie wirkte er sympathisch, in dem Versuch, durch jugendliche Klamotten, die hohen Absätze und eine sehr joviale Art jünger zu wirken, als er wirklich war.

Seine Ehefrau, Tanja Helmholtz, war fünf Jahre jünger als er und rein äußerlich das komplette Gegenteil. Durch zahlreiche Schönheitsoperationen war es ihr gelungen, das Verblühen ihrer früheren Schönheit zumindest zum Teil aufzuhalten. Sie hatte zwar noch immer die gleiche Figur wie vor dreißig Jahren, aber natürlich war sehr offensichtlich der Zug der Schwerkraft an ihren Brüsten durch Implantate aufgehalten worden, die Falten im Gesicht durch künstliche Straffung gemildert und die Lippenfältchen durch Einspritzungen von Collagen beseitigt worden. Aber als junge Frau musste sie auf jeden Fall das Aussehen eines Modells gehabt haben - sowohl im Gesicht als auch figürlich. Lediglich ihre mangelnde Körpergröße hatte eine Karriere in diesem Beruf verhindert. Tanja Helmholtz war nur wenige Zentimeter größer als ihr Mann. Das war wahrscheinlich ein weiterer Grund für die hohen Absätze ihres Mannes. Aber auch die Heirat mit dem zu dieser Zeit bereits erfolgreichen Manager hatte nicht den erhofften Karrieresprung im Modellbusiness herbeigeführt - so behauptete es zumindest die Klatschpresse. Was hatte da nähergelegen, als die ein Jahr nach der Heirat geborene Tochter in die nicht vorhandenen Fußstapfen der Mutter treten zu lassen, zumal sie bereits mit sechzehn mehr als einen Kopf größer gewesen war als ihre Eltern. Selbstverständlich war ihr Vater auch gleichzeitig ihr Manager geworden.

Ich war froh, dass ich mich in den Zeitschriften und im Internet so gut über meine hoffentlich neuen Arbeitgeber informiert hatte.

Beide zeigten sich begeistert von meinen Qualifikationen und allgemeinen Ansichten. Sie versicherten mir wieder und wieder, dass ich genau die Frau sei, die sie gesucht hätten.

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen, als die beiden mir meine zukünftigen Aufgaben schilderten: Führen des Haushaltsbuchs, Beaufsichtigung des Personals, Überwachung der Vorräte, spezielle Besorgungen und Erledigungen im Zusammenhang mit Partys oder Empfängen und andere, nicht wirklich belastende Sonderaufgaben. Es hörte sich fast zu schön an, um wahr zu sein, und ich unterschrieb mit Freuden und ohne lange nachzudenken den Arbeitsvertrag.

Alles ließ sich zu Beginn so easy an, wie ich es mir vorgestellt hatte und erstmals seit langer Zeit war ich richtig glücklich.

Sechs Wochen nach meinem Arbeitsantritt fand eine Party in der Villa statt, die ich im Auftrag der Familie Helmholz organisierte. Nichts wirklich Großes, nur etwa einhundert Personen, anlässlich eines Besuchs der Tochter Tatjana aus den USA. Bis zu diesem Tag hatte ich das gefeierte Supermodell noch nicht kennengelernt, sondern lediglich die Bilder im Haus gesehen und die Berichte in der Klatschpresse gelesen. Als ich nun bei dieser Gelegenheit Tatjana zum ersten Mal persönlich kennenlernte, hätte die Enttäuschung nicht größer sein können.

Das von der Presse hochgelobte Supermodell präsentierte sich als abweisend, unnahbar, arrogant, hochmütig, absolut egozentrisch … und anscheinend strunzdumm.

»Kleines, bringen Sie mir einen Manhattan auf Eis«, waren die ersten Worte, die sie an mich richtete. In der kommenden Stunde beleidigte Tatjana mich zwei Mal, behandelte mich fünf Mal herablassend und stellte mich zu meinem Entsetzen einigen mir unbekannten Gästen als … ›die billige Schlampe meines Vaters‹ vor.

Um zweiundzwanzig Uhr entdeckte Heinz Helmholtz mich weinend in einer Abstellkammer. Ich hatte es nicht mehr ausgehalten, mich in der Kammer versteckt und meinem Selbstmitleid ergeben. Er nahm mich in den Arm, tröstet mich, führte mich in sein privates Billardzimmer und überredete mich zu einem Glas Sekt. Aus dem einen Glas wurden ruck zuck drei Flaschen, von denen vermutlich mehr als zwei auf mein Konto gingen. Frustration ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber, vor allem, wenn es um die Menge an Alkohol geht, die man besser nicht getrunken hätte.

Ich wachte mit einem solchen Brummschädel auf, dass ich glaubte, es könne meinen Kopf sprengen.

Die Sonne schien direkt durch das Fenster auf mein Gesicht und mit fest zusammengepressten Augenlidern tastete ich auf dem Nachttisch nach meiner Schlafmaske. Im nächsten Moment fuhr ich mit einem Satz auf, als ich feststellte, dass da kein Nachttisch war. Ein schneller Rundblick bestätigte meine Befürchtung: Ich befand mich nicht in meinem, sondern in einem fremden Schlafzimmer. Als ich die Decke zurückschlug, schockierte mich meine Nacktheit, obwohl ich sie bereits vorher gefühlt hatte. Die getrocknete weiße Substanz, die zwischen meinen Beinen und in meinen Schamhaaren klebte, war für mich der letzte Beweis dafür, was mir mit großer Wahrscheinlichkeit widerfahren war.

Als ich mit einem eng um mich geschlungenen Laken aus dem Zimmer flüchtete, stellte ich fest, dass es sich um den Schlafraum meines Arbeitgebers handelte.

Selbst nach einer halben Stunde unter der Dusche meines kleinen Appartments im Souterrain der Villa fühlte ich mich noch immer beschmutzt. Ich musste zum ersten Mal in meinem Leben feststellen, dass man ein Gefühl nicht abwaschen oder wegrubbeln kann. Selbst wenn ich keine Erinnerung an das eigentliche Geschehen hatte, empfand ich es immer noch als Vergewaltigung und hätte schreien können vor Wut und Frustration. Aber zumindest meine rasenden Gedanken hatten sich ein wenig beruhigt und es gelang mir, mich auf eine Richtung zu konzentrieren und nicht immer wieder abzuschweifen. Ich entschloss mich, meinen Chef - nein, meinen Vergewaltiger - mit seiner Tat zu konfrontieren. Die möglichen Konsequenzen waren mir in diesem Augenblick absolut egal. Damit durfte das Schwein auf keinen Fall davonkommen, so viel stand für mich fest.

Nachdem ich mich halbwegs hergerichtet hatte, machte ich mich auf den Weg von meiner Souterainwohnung nach oben und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass das Ehepaar Helmholtz mit Töchterchen Tatjana beim gemeinsamen Frühstück auf der sonnenbeschienenen Terrasse in fröhlicher Runde zusammensaß. Schon im Wohnzimmer hörte ich das vereinzelt aufbrandende Gelächter des fürchterlichen Trios und mir schossen die Tränen in die Augen.

Ich zögerte nur kurz, bevor ich an den reich gedeckten Frühstückstisch herantrat. Mein Magen zog sich kurz zusammen, als ich sah, wie sich Tatjana aus einer Flasche Sekt der gleichen Sorte, die mir am Abend zuvor Heinz Helmholtz ausgeschenkt hatte, ein Glas füllte. Aber ich riss mich zusammen.

»Wir müssen reden, Herr Helmholtz!«

»Waren wir nicht gestern schon beim Du, Kleines?«, fragte er mich lächelnd.

»Nicht dass ich wüsste, Herr Helmholtz, können wir nun reden? Unter vier Augen?«

Er blickte seine Frau und seine Tochter an und zwinkerte ihnen lächelnd zu. Dann wandte er sich wieder in meine Richtung und antwortete in einem nicht mehr so freundlichen Ton: »Ich habe keine Geheimnisse vor meiner Familie, Mädchen. Also los, raus mit der Sprache, was wollen Sie?«

Die Peinlichkeit der Situation war nicht mehr zu überbieten, aber jetzt war ich schon so weit gegangen, dass es keine Rolle mehr spielte, auch noch den letzten Schritt zu tun.

»Sie haben mich vergewaltigt!«, platzt es aus mir heraus, bevor ich Zeit hatte, darüber nachzudenken. Während ich versuchte, nicht haltlos zu schluchzen, fragte ich mich, was ich mit diesem Aufschrei wohl anrichten mochte?

Selbst in meinen schlimmsten Albträumen hätte ich mir nicht vorstellen können, was im nächsten Moment passierte. Sowohl Helmholtz als auch seine Frau fingen an, schallend zu lachen und wollten sich nicht mehr einkriegen.

Ich blickte entgeistert von einem zum anderen, immer wieder zwischen den beiden hin und her. Mir wollte partout nichts Sinnvolles einfallen, was ich hätte sagen können. Was wäre die richtige Reaktion in dieser Situation? Ich hatte keine Ahnung.

Das Letzte, was mir auffiel, bevor ich mich hastig umdrehte und in Panik wegrannte, war das entsetzte, schockierte und hasserfüllte Gesicht von Tatjana.

ΩΩΩΩΩΩΩΩΩΩ

»Das ist ja alles wirklich spannend und interessant, aber ich hab echt was Besseres zu tun, als mir die tragische Lebensgeschichte eines gescheiterten Hausmädchens anzuhören.«

Kalle hatte die Nase voll. Draußen begann es hell zu werden und er hatte vor, das Tageslicht zu nutzen, um zu finden, was er suchte.

Es störte ihn wenig, dass die junge Frau ihn mit fest zusammengepressten Lippen und einer steilen Zornesfalte zwischen den Augen ansah. Sehr viel schlechter konnte er mit dem Blick des Doktors umgehen. Am liebsten hätte er sich vor diesen prüfenden Augen, die ihn in kleinste Einzelteile zu zerlegen schienen, weggedreht. Aber irgendwie war er wie festgenagelt.

›Du meinst wohl eher aufgespießt - so wie eine hässliche Motte in einem Schaukasten. Er analysiert dich, das ist dir doch klar, oder?‹

»Darf ich fragen, was genau Sie in dieser Villa suchen oder zu finden hoffen?«, unterbrach die ruhig und sachlich gestellte Frage des Psychologen seine beginnende innere Zwiesprache. Nun bewegte er sich wieder auf gewohntem Terrain.

»Na was wohl? Kohle natürlich, Schmuck nehm ich allerdings auch - kann man ja zu Geld machen, nicht wahr?«

Er sah die beiden prüfend an: »Ich hab zwar erst eine ungefähre Vorstellung, was die Kleine für ein Motiv hat, hier zu sein«, er schüttelte verwundert den Kopf, »aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was du hier finden willst.« Er hatte sich in Richtung des Psychologen umgewand und sah ihn einen Moment lang prüfend an.

»Es ist mir zwar schleierhaft, Doc, aber ehrlich gesagt, ist es mir auch schnurzpiepegal - solange ihr zwei mich in Ruhe meine … Arbeit … machen lasst.«

Er grinste die beiden offen an.

»Zur Polizei werdet ihr ja wohl kaum gehen können, schließlich sitzen wir ja im selben Boot. Hä hä, oder in derselben Villa.«

Er schlug sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel und stand auf. »Nachdem die Fronten nun geklärt sind, gehe wir am besten alle unserer Wege. Ihr könnt machen, was ihr wollt, solange ihr mir nicht in die Quere kommt.«

Hastig verließ er den Raum und löschte beim Hinausgehen die Beleuchtung aus. Inzwischen hatte die Morgendämmerung eingesetzt, und wenn man den Rolladen wieder hochzog, würde es hell genug in dem Raum sein. In wenigen Minuten würde die Sonne aufgehen. Direkt hinter der Tür wandte er sich nach rechts …und blieb mit dem Rücken zur Wand stehen. Er war einfach zu neugierig, wie die beiden reagieren würden und was sie für Pläne hatten.

›Der Lauscher an der Wand, hört …‹, begann seine innere Stimme. Ach sei doch ruhig, dachte er. Darum geht es doch gar nicht.

Da er die Tür nicht ganz geschlossen hatte, konnte er die Stimmen von drinnen noch immer gut verstehen.

»Ich kann Sie besser verstehen, als Sie sich vermutlich vorstellen können«, sagte der Doc gerade, »was es um so wichtiger macht, dass Sie die Geschichte nun zu Ende erzählen. Danach werden wir sehen, wie ich Ihnen helfen kann.«

Kalle konnte sich vorstellen, wie die Kleine ihn nun dankbar anlächelte oder vielleicht sogar anschmachtete.

Er spitzte die Ohren, als sie erneut begann, ihre Erinnerungen wiederzugeben.

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Ich weiß nicht, wie ich die nächsten beiden Tage überstand. Da ich alle Beweise, die für den Übergriff vorhanden gewesen waren, gründlich weggeduscht hatte, stand Aussage gegen Aussage und ich hatte keine Vorstellung, wie ich die Polizei von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugen sollte.

Das Verhalten von Tanja Helmholtz hatte mich am meisten geschockt. Ich wusste zwar, dass die beiden seit Jahren in getrennten Schlafzimmern nächtigten, aber dass sie ein solcher Vorwurf gegen ihren Mann so absolut kaltlassen würde - ich konnte es nicht fassen und fand auch keine einleuchtende Erklärung dafür.

Sollte ich lediglich kündigen und es einfach auf sich beruhen lassen? Nein, auf keinen Fall. Ich wollte Satisfaktion, Wiedergutmachung, irgendwas, was es mir leichter machte, mit dieser Vergealtigung weiterzuleben.

Also entschloß ich mich dazu, mit Tanja Helmholtz zu sprechen und ich hatte bereits einen Plan.

Wir saßen in Tanjas Lesezimmer und ich musste mich überwinden, sie bei dem, was ich mir vorgenommen hatte ihr zu sagen, anzusehen.

»Da ich das, was mir durch Ihren Mann angetan wurde, leider nicht mehr beweisen kann, habe ich mich dazu durchgerungen, an die Presse zu gehen, wenn er mir nicht Wiedergutmachung in geeigneter Form zukommen lässt. Ich erwarte, dass Ihr Mann sich öffentlich zu seiner Tat bekennt und Reue zeigt.«

Sie wirkte zerknirscht, aber gefasst.

»Kindchen, ich muss mich entschuldigen, dass ich gelacht habe, als Sie uns das erste Mal von dieser abscheulichen Tat berichtet haben. Ich hätte das dem alten Sack gar nicht mehr zugetraut.«

Sie stand auf und wanderte ziellos in dem Zimmer auf und ab. »Ich brauche jetzt etwas Stärkeres als Kaffee. Darf ich Ihnen auch einen Drink anbieten?«

Ich nahm ihr Angebot widerwillig an, unter anderem auch deshalb, weil ich das Zittern meiner Hände einfach nicht unter Kontrolle bringen konnte. Zwei Minuten später standen zwei Highball-Gläser mit einer braunen Flüssigkeit vor uns. Ich zögerte nicht lange und schüttete nach einem kurzen von ihr geäußerten »zum Wohl« den Drink schneller in mich hinein, als es gut sein konnte. Es war mir egal, Hauptsache meine Nerven beruhigten sich langsam.

Ich versuchte, mich auf das zu konzentrieren, was Tanja nun sagte: »Ich denke, ich werde drastische Maßnahmen ergreifen müssen, auch wenn es weh tut.«

Das hört sich nicht schlecht an und Hoffnung keimte in mir auf. Wollte sie ihren Mann nun selbst unter Druck setzen? Ich war gespannt, was sie sich genau vorstellte. Aber bereits bei ihren nächsten Worten hatte ich irgendwie Schwierigkeiten, ihren Ausführungen zu folgen.

»Das wird Ihnen vermutlich nicht gefallen, aber Sie lassen uns keine Wahl.«

Uns? Was meinte sie? Die Umgebung um mich begann zu verschwimmen, und ich hörte ihre Stimme wie aus weiter Ferne. Mir wurde schwindelig und das fast ganz geleerte Glas fiel mir aus der Hand.

Als ich aufwachte, hatte ich den Eindruck, einen Albtraum ein zweites Mal zu erleben. Ich lag nackt in einem fremden Bett und konnte mich an nichts erinnern. Nur befand ich mich diesmal nicht im Zimmer von Heinz Helmholtz. Eilig schlug ich die Decke weg und stellte fest, dass es diesmal keine getrockneten Hinterlassenschaften oder Spuren einer Vergewaltigung gab. Meine Kleidung, die ich in meiner letzten Erinnerung - dem Gespräch mit Tanja - angehabt hatte, lag ordentlich gefaltet über einem Stuhl neben dem Bett.

Meine Verwirrung war nicht mehr zu überbieten, als ich angezogen nach unten ging und das Ehepaar einträchtig auf der Terrasse beim Frühstück vorfand. Deja vue! Nur diesmal war die Tochter Tatjana nicht dabei.

»Ach, da bist du ja endlich, Kleines«, begrüßte mich der Hausherr überschwänglich. »Setz dich, setz dich. Wir haben Neuigkeiten für dich.«

Völlig geschockt ließ ich mich auf einen der Stühle fallen und wartete fassungslos auf die Dinge, die nun kommen würden. Mir schwante nichts Gutes.

»So schön die Bilder auch sind«, meinte er immer noch freundlich lächelnd und warf mir einen braunen DIN A 4 - Umschlag zu, »so wenig wollen wir uns erpressen lassen. Ich habe deshalb die Polizei verständigt, die«, er schaute demonstrativ auf seine Uhr, »in den nächsten Minuten hier sein müsste. Schade, ich hatte es mir lustig vorgestellt, wenn sie dich nackt im Bett meiner Frau vorgefunden hätten.«

Ich verstand nichts mehr. Erpressung … Bilder … Bett meiner Frau … Polizei?

Mit zitternden Fingern öffnete ich den Umschlag und entdeckte darin große Hochglanzbilder, auf denen … ich konnte und wollte nicht glauben, was ich da sah!

Auf den Bildern war ich in verschiedenen Posen zusammen mit Tanja Helmholtz zu sehen. Wir waren beide nackt und die Posen und Verrenkungen ließen keinen Zweifel daran aufkommen, was wir da gerate taten. Unter den Bildern befand sich noch ein Blatt Papier, auf dem in großen Lettern ein Text stand, den ich zunächst nicht verstand:

1 Million oder die Bilder gehen an die Presse!

In dem Moment, als mir langsam dämmerte, was hier gespielt wurde, war es auch schon zu spät. Die Polizei klingelte und wenige Minuten später verließ ich in Handschellen gefesselt auf dem Rücksitz eines Streifenwagens das Gelände der Villa Helmholtz.

Wenige Wochen später war ich dank zahlreicher Klatsch- und Revolverblätter eine deutschlandweit bekannte lesbische Erpresserin, die versucht hatte, die Ehefrau eines bekannten Managers mit ihrer lesbischen Neigung zu erpressen und zur Verteidigung auch noch eine Vergewaltigung durch ihren armen Ehemann erfunden hatte.

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Tja, dachte Kalle, der noch immer an der Wand lehnte und lauschte. Das Leben ist kein Ponyhof, also, Augen auf bei der Berufswahl.

›Tu doch nicht so abgebrüht, du Weichei. Eigentlich tut dir die Kleine doch leid. Aber Mitleid passt nicht zu einem superschlauen Kriminellen, was?‹

Er ignorierte die Kommentare, wie so oft in letzter Zeit. Das, was er drinnen hörte, war viel interessanter.

»Unsere Schicksale haben mehr Gemeinsamkeiten, als Sie sich vorstellen können«, erzählte der Doc gerade, »und irgendwann werde ich Ihnen auch meine Geschichte erzählen. Im Moment würde das zu weit führen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie hier in der Villa irgendetwas suchen, was Ihre Unschuld beweisen kann und hilfreich ist, Ihren Ruf wiederherzustellen. Ich kann Ihnen nur viel Glück wünschen. Und wenn Sie Hilfe brauchen, wenden Sie sich gerne jederzeit an mich.«

Kalle hatte genug gehört und das Ganze drohte, in einem weinerlichen Gefühlschaos der beiden zu enden. Also stieß er sich mit dem Rücken von der Wand ab und verließ den Platz, von dem aus er die Unterhaltung verfolgt hatte.

Es wurde langsam Zeit, dass er sich auf die Suche machte.

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247 стр. 13 иллюстраций
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9783742769893
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