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Diana Salow

MÖRDERISCHES SCHWERIN

THEATER DES TODES


In Liebe für Kirsten & Dennis

Der Ostseekrimi »Mörderisches Schwerin. Theater des Todes« ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen, Gegebenheiten, Organisationen und Institutionen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Danksagung

Kapitel 1

Endlich war es so weit. Alles, was in Schwerin Rang und Namen hatte, war im festlich dekorierten Theater der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns zugegen und hatte Platz genommen. Kein einziger der weinroten Samtsessel war freigeblieben. Bis in den dritten Rang hinauf saßen die Herren in ihren eleganten Anzügen und modischen Krawatten. Und die Damen trugen herrliche Paillettenkleider oder edle lange Roben. Niemand wollte es sich entgehen lassen, was Oberbürgermeisterin Anna Mehnert heute offiziell und feierlich verkünden würde: Schwerin mit seinem Schloss und dem Residenzensemble sollte endlich zum Weltkulturerbe erklärt werden. Gleichzeitig wollte sie feierlich zwei neue Ehrenbürger der Stadt ernennen.

Mehnert erhob sich und stieg stolz die kleine Holztreppe zur Bühne hinauf. Die Mitglieder der Landesregierung, die in den ersten zwei Reihen saßen, begrüßte sie im Vorbeigehen kopfnickend. Auf der Bühne angekommen, hielt sie kurz inne und lächelte ihr Schweriner Publikum an. Sie strahlte Freude aus. Nach ein paar Einführungsworten – sie sprach frei – wurde ein Film auf der großen LED-Anzeige eingespielt. Das Publikum blickte auf die bewegenden Bilder, die die Geschichte des Schweriner Schlosses, des Museums und des Theaters zeigten. Gespannt schauten alle auf die riesige Wand und lehnten sich in den weichen Sesseln zurück. Auch Markus Wagner, der Intendant des Theaters, blickte zufrieden. Die Vorbereitungen des Galaabends hatten viel Mühe bereitet. In diesen Augenblicken verwandelte sich das Konzept in die Realität.

Plötzlich ging das Licht im Theater aus. Die Lampen des riesigen Kristallleuchters über dem Publikum erloschen. Im Saal war es fast stockfinster, nur die grünen Notfallwegweiser spendeten ein fahles Restlicht. Der Intendant, der in der dritten Reihe am linken äußeren Rand saß, wunderte sich. Er kannte den geplanten Ablauf der Veranstaltung genau. Was gerade passierte, war in seinem Manuskript des Abends nicht vorgesehen. Es musste ein Stromausfall sein. Wagner setzte sich aufrecht in seinem Sessel hin, schaute sich kurz um, schob nervös seine zwar edle, aber nun unbequeme Fliege am Hals hin und her. Er hoffte, dass seine Techniker den Schaden schnell beheben würden, und erhob sich langsam. ›Es dauert zu lange!‹, dachte er gerade, dann passierte es. Erstaunt blickte der Theaterleiter zusammen mit den hunderten Gästen auf die hell erleuchtete LED-Wand, auf der gut sichtbar zu lesen war:

Niemand rührt sich von seinem Platz!

Wer sich bewegt und seinen Stuhl verlässt, ist tot!

Dies ist kein Scherz,

bewahren Sie Ruhe und warten Sie auf weitere Anweisungen!

»Sehr originell«, rief jemand aus dem Parkett und klatschte vorsichtig in die Hände. – »Spannend, was sich die Veranstalter heute einfallen lassen müssen, um Menschen zu begeistern«, flüsterte die Ministerpräsidentin ihrem Mann ins Ohr. – »Unglaublich, in der heutigen Zeit mit solchen Sätzen, Ängste der Menschen zu schüren«, hörte die Oberbürgermeisterin, die noch immer am Rand der Bühne verharrte, eine ältere Frau sagen. »Mit solchen Sätzen spaßt man nicht!«

»Dies ist kein Scherz!« Es war eine monoton verzerrte Computerstimme, die nun jeder im Saal vernahm. Ein mulmiges Gefühl machte sich unter den Menschen breit. Die in der Nähe der Politikerinnen sitzenden Personenschützer schauten sich besorgt um, einige besprachen offenbar über ihre Headsets das weitere Vorgehen. Nochmals wurden alle im Theater aufgefordert, genau zuzuhören und sich keinesfalls von ihren Sitzen zu erheben. »Wer aufsteht, ist tot! Wer aufsteht, ist tot!«, dröhnte es fortlaufend. Niemand rührte sich. Alle saßen wie erstarrt in ihren Sesseln. Ein junger Mann im ersten Rang wurde ohnmächtig, seine Begleitung klopfte ihm sanft ins Gesicht und begann nach Hilfe zu rufen, nachdem er nicht wieder zu sich kam und zusammengesackt in seinem Sessel hing. Niemand der Anwesenden ging jetzt noch von einem Scherz aus. Keiner wagte sich zu bewegen oder gar sein Smartphone aus der Tasche zu holen. Stumm saß das Schweriner Publikum da. Bedrückende Stille.

Mit Entsetzen hörten sie nach einigen Augenblicken erneut die Computerstimme, die allen mitteilte, dass unter bestimmten Sitzen Sprengstoff angebracht worden sei. Wer von seinem Platz aufstünde, müsse mit einer Explosion rechnen. Bis auf das Atmen der Leute war es ruhig im Theater. Eine unerträgliche Spannung lag in der Luft, die nur durch nächste Anweisungen zu zerreißen drohte. Selbst die Mitarbeiter hinter den Kulissen rührten sich nicht von der Stelle und trauten sich nicht, die Polizei zu informieren. Jeder schaute vorsichtig zu seinem Nachbarn und zu den Rängen hoch an die Decke.

»Das kann doch gar nicht sein!«, rief ein mutiger junger Mann. »Bei solchen Veranstaltungen, bei denen die vollständige Landesregierung vor Ort ist, werden vorher die Gebäude mit Sprengstoffsuchhunden durchlaufen.«

Niemand kommentierte den Hinweis. Keiner im Saal wusste, ob sich diese unheimliche Szenerie nicht doch als Teil des Events auflösen würde oder man es mit einem Irren zu tun hatte, der einige von den fünfhundert Gästen auf dem Gewissen haben wollte. Von einem Scherz ging tatsächlich niemand mehr aus, als alle im Publikum auf der Leinwand plötzlich weitere Sätze lesen konnten:

Jeder von Ihnen hat jetzt eine Stunde Zeit,

eintausend Euro auf dieses Konto zu überweisen.

Es ist völlig egal, ob Sie es online von Ihrem Handy überweisen,

jemanden informieren, der dies für Sie veranlasst

oder Sie Ihren Sitznachbarn um das Geld bitten.

Um spätestens 21 Uhr müssen 500.000 Euro

auf dem angegebenen Konto eingegangen sein!

Zürcher Kantonalbank

CH39 0070 0115 2119 4816 6

ZKBKCHZZ80A

Dann ertönte wieder die verzerrte Computerstimme: »Sie können jetzt mit Echtzeitüberweisung zahlen oder einfach aufstehen. Wenn das Geld nicht um einundzwanzig Uhr auf dem Konto ist, kommen hier zahlreiche Menschen nicht lebend heraus. Viele der Sitze haben wir mit Sprengstoff präpariert, und es sind nicht nur die Sitze der vermögenden Gäste im vorderen Bereich. Überlegen Sie Ihre Entscheidung! Was ist Ihnen Ihr Leben oder das Leben Ihres Sitznachbarn wert? Entscheiden Sie selbst! Das Theater ist verschlossen. Niemand wird es vor einundzwanzig Uhr verlassen. Die Zeit läuft ab jetzt.« Auf der LED-Wand startete ein Countdown.

Geschockt sahen sich die Leute hektisch um und schauten, wie andere auf diese Informationen jetzt reagierten. Menschen fluchten leise. Einige telefonierten. Der größte Teil von ihnen schrieb zitternd und ängstlich Nachrichten auf Mobiltelefonen. »Mein Akku ist leer«, wisperte eine junge Frau in der Nähe des Intendanten Markus Wagner verzweifelt. Niemand traute sich, laut irgendetwas zu sagen. Keiner wusste, ob man beobachtet oder abgehört wurde.

Die Oberbürgermeisterin, die noch immer fassungslos auf der Bühne vor dem Rednerpult stand, begriff langsam ihr Glück. Sie saß nicht auf ihrem Platz in der ersten Zuschauerreihe und war demzufolge nicht in Lebensgefahr. Sie besann sich kurz, zwang sich, ruhig zu bleiben und nicht noch größere Unruhe und Ängste zu schüren. »Hören Sie, ich rufe jetzt die Polizei. Bewegen Sie sich nicht!«, sprach sie mit zitternder Stimme. Sie war froh, dass sie ihr Smartphone in einer kleinen Handtasche bei sich führte. Die Akkuladung würde auch ein längeres Gespräch zulassen. »Ich werde alles dafür tun, dass jeder von uns hier lebend herauskommt!«, versprach sie zuversichtlich.

»Machen Sie das nicht! Sie bringen uns damit um!«, rief ein junger Mann vom dritten Rang.

Die Oberbürgermeisterin ließ sich nicht beirren und wählte den Notruf der Polizei. Alle sahen gespannt auf sie. Einige befürchteten, gleich würde etwas mit ihr passieren. Vielleicht würde auf Mehnert nach ihren mutigen Worten geschossen werden?

Die Computerstimme blieb jedoch aus. Anscheinend wurde weder das Ansinnen der Frau beobachtet noch mitgehört. Sie erklärte der Polizei ruhig und besonnen die Situation, vernahm, dass die Leitstelle bereits seit ein paar Minuten über SMS und WhatsApp-Nachrichten von Angehörigen der Theatergäste informiert worden war und dass ein Spezialeinsatzkommando auf dem Weg zum Schweriner Theater sei.

Das Schweriner Residenzensemble wurde in diesen Minuten nicht nur deutschlandweit bekannt. Vor dem mörderischen Hintergrund war dies aber keine Werbung, die man sich wünschen würde. Keiner der Gäste, niemand der Angehörigen oder selbst der Einsatzleiter des SEK wusste, wie dieser Abend, der nun wahrlich in die Geschichte Schwerins eingehen würde, für alle Beteiligten enden würde.

Kapitel 2

»Das kann doch nicht wahr sein!«, rief Hauptkommissar Thomas Berger laut, als er auf seinem Smartphone Lars Paulsens WhatsApp-Nachricht las. Er sah erst jetzt, dass sein engster Kollege mehrfach versucht hatte, ihn anzurufen.

»Was ist denn los?«, fragte Bergers Frau, die Gynäkologin Dr. Lea Engel, beunruhigt. Sie saßen gerade in ihren bequemen Lounge-Sesseln auf der Terrasse ihres Hauses, das in der kleinen Gemeinde Wittenförden am Rande der Landeshauptstadt Schwerin stand. Der Duft blühender Petunien lag in der Luft und zog zahlreiche Insekten an, die um die pinkfarbenen Blüten schwirrten.

Lea hatte ihrem Mann gerade eine Portion gegrillte Paprika und Auberginen mit Schafskäsewürfeln gereicht und sich auf einen schönen Sommerabend mit ihm gefreut. Doch Thomas Berger zeigte von einem Moment auf den anderen ein angespanntes Gesicht und reagierte auch nicht einmal darauf, als sie ihm mit einem Glas Chianti zuprostete. Der Polizist nahm nichts mehr um sich herum wahr.

»Oh Gott, ich muss sofort los, Lea!«

»Nun sag doch schon! Was ist passiert?«

»Wir haben eine gefährliche Ad-hoc-Lage in Schwerin!«

»Wirf nicht immer mit polizeilichen Fremdwörtern um dich, die ich als Laie weder kenne noch verstehe!« Lea stellte jetzt ihr Rotweinglas auf dem Tisch ab, ohne davon einen Schluck getrunken zu haben.

Während er aufstand, dippte Berger hektisch ein größeres Stück Knoblauchbaguette in das selbstgemachte Basilikum-Pesto und stopfte es sich in den Mund. Kauend antwortete er: „Lea, das ist eine plötzliche Sofortlage, meistens Amok- oder Geiselsituation. Was in Schwerin genau passiert ist, kann ich noch nicht beurteilen. Ich muss jetzt jedenfalls sofort los! Gut, dass ich noch keinen Wein getrunken habe, dann kann ich selbst fahren.« Er trank ein Glas Wasser, wischte sich mit einer Serviette die Mundecken sauber und gab Lea eilig einen Abschiedskuss.

»Wieso musst du in die Stadt? Ist das nicht zu gefährlich? Es gibt doch Sondertruppen für solche Ereignisse!«, mutmaßte Lea skeptisch. Sie erhob sich aus dem Sessel und wollte ihren Mann am Arm festhalten. Sie forderte eine Erklärung von ihm.

»Lea, ich muss los! Die Spezialeinsatzkräfte, in diesem Fall das SEK und das Sprengstoffkommando, sind bereits auf dem Weg nach Schwerin.« Berger pickte sich im Stehen noch rasch ein Stück Paprika auf die Gabel. »Die Bereitschaftspolizei ist auch schon im Anmarsch. Das wird eine lange Nacht. Warte nicht auf mich!«

»Sehr witzig, Thomas!«, erwiderte Lea sarkastisch. »Denkst du, ich kann jetzt schlafen gehen, wenn ich nicht weiß, was in Schwerin los ist?«

»Ich denke, dass das Fernsehen auch live vor Ort sein wird.«

»Wie bitte? Das Fernsehen?«, antworte Lea mit weit aufgerissenen Augen. »Bitte melde dich, wenn mal Zeit ist!«, flehte sie. Sie hielt ihn einen weiteren Moment vom Gehen ab.

»Lea, ich muss wirklich los …« Thomas befreite sich sanft aus dem Armen seiner Frau.

Sie ließ ihn gehen.

Während er Autoschlüssel, Papiere vom Flurschrank und seine Dienstwaffe aus dem kleine Safe holte, trudelten weitere Nachrichten auf seinem Smartphone ein, die er gleichzeitig überflog. Berger erzählte Lea nichts davon, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen.

Der Hauptkommissar nahm seine neue Schutzweste vom Flurhaken. Er hatte sie erst vor ein paar Tagen bekommen. Niemals hätte er gedacht, dass er sie so schnell brauchen würde. Seine alte Weste hing im Büro und wartete auf ihre Entsorgung. Er war noch etwas ungeübt im Anlegen des neuartigen Kleidungsstücks. Der Innenminister hatte erst vor Kurzem in seinem Amtsdeutsch die sogenannten Außentragehüllen an die Polizei übergeben. Diese Westen sollten einen noch besseren ballistischen und vor allem Stichschutz haben. Den schusssicheren Helm hatte der Kommissar in seinem Auto liegen. Berger hatte an diesem Abend keine Angst, aber dennoch ein mulmiges Gefühl, was ihn in der Stadt erwarten würde. Gewalttaten gegen Polizisten nahmen von Tag zu Tag zu.

Dann eilte er nach draußen, setzte sich in seinen Wagen und warf Lea einen Handkuss aus dem Autofenster zu, so wie er es immer tat, wenn er zu einem Einsatz oder Tatort fuhr.

Lea zwang sich zu einem Lächeln und erwiderte gezwungen den Kuss aus der Ferne. Der Appetit auf das Essen war ihr vergangen. Sie ging in die Wohnstube und schaltete den Fernseher ein. Beim Nachrichtensender n-tv sah sie sogleich einen Reporter des ZDF-Landesbüros, der in sicherer Entfernung vor dem Schweriner Staatstheater stand. Der Mann sprach aufgeregt, während er sich immer wieder zum Theater umschaute. Am unteren Bildschirmrand liefen in einer Endlosschleife immer wieder die Worte:

Eilmeldung! SEK-Einsatz wegen mutmaßlicher Geiselnahme im Schweriner Theater!

Bergers Frau war entsetzt. Sie hatte jetzt noch mehr Angst um ihren Mann, der des Öfteren schon mal den Helden gespielt hatte. Bisher war es immer gut gegangen. ›Hoffentlich hält er sich zurück‹, dachte Lea. Sie schloss die Terrassentür zum Wohnzimmer und begann etwas zu frösteln. Völlig konzentriert auf den Bildschirm blickend, ließ sie die Ad-hoc-Lage, so wie Thomas es ihr vor einer Viertelstunde erklärt hatte, nicht mehr los. Gänzlich auf den Reporter fixiert, konzentrierte sie sich darauf, was er sagte. Nebenbei wischte sie auf ihrem Mobiltelefon herum, um bei Facebook, Instagram oder bei der Polizei genauere Informationen zu finden. Die Polizei twitterte unaufhörlich: Niemand solle sich in der Nähe des Theaters aufhalten. Nachrichten von Freundinnen trafen bei ihr ein. Aufgeregt fragten sie, ob Lea schon von dem Chaos am Schweriner Theater gehört habe. Sie beantwortete nicht eine einzige. Die Gerüchte um die Lage am Theater wollte sie nicht lesen und auch nicht selbst mit Unwissen bedienen.

Leas Herz fing an zu rasen, als sie im Fernsehen hinter dem ZDF-Reporter deutlich eine Explosion vernahm. Der Korrespondent brach seinen Bericht ab. Er und der Kameramann brachten sich vermutlich gerade in Sicherheit.

Der Abend war gelaufen. Lea würde kein Auge zubekommen, bis ihr Mann wieder zu Hause bei ihr sein würde. »Thomas wird sich schon keinem unnötigen Risiko aussetzen«, redete sie sich laut ein. »Dafür hat er zu viel Berufserfahrung.« Aber war Schwerin auf so eine Lage vorbereitet? Sie konnte sich nicht erinnern, dass die Landeshauptstadt jemals mit derartigen Ereignissen konfrontiert gewesen war. Sie wusste, dass sich die Polizei in letzter Zeit auf viele Szenarien vorbereitete. Aber Theorie und Ernstfall waren trotzdem zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Lea nahm sich ein Taschentuch, um sich ihre feuchten Hände zu trocknen. Ihr Smartphone legte sie in Sichtweite auf den Tisch in ihre unmittelbare Nähe. Den Klingelton stellte sie auf die lauteste Stufe, damit sie keinen Anruf ihres Mannes verpassen würde.

Kapitel 3

So viele Blaulichter hatten Hauptkommissar Berger und sein Kollege Paulsen am Alten Garten in Schwerin noch nie gesehen. Das Areal wurde vom Theater, dem Museum und dem Schloss umsäumt und seitlich vom Schweriner See und dem Burgsee begrenzt – eigentlich ein Hot-Spot für Touristen und Gäste aus aller Welt. Jetzt war der Bereich um das Theater weiträumig abgesperrt. Niemand – außer bevollmächtigte Polizeibeamte – kam in das Areal hinein oder heraus. Polizeifahrzeuge, Sondereinsatzwagen und zahlreiche Krankenwagen standen auf dem großen und repräsentativsten Platz der Stadt bereit.

Zwei Präzisionsschützen des SEK hatten sich auf dem Dach des anliegenden Museums positioniert. Sie lagen mit der Waffe im Anschlag bereit und warteten hochkonzentriert auf Anweisungen. Der Chef des SEK saß mit seinem Stabsteam im Einsatzwagen unterhalb der Museumstreppe.

Der Museumsdirektor hatte vorsorglich einige Mitarbeiter zusammengetrommelt und veranlasst – so schnell es überhaupt möglich war –, die wertvollsten Gemälde der Galerie abhängen zu lassen, um sie vor einer möglichen Explosion zu schützen.

Trotz der Situation lag eine gespenstische Ruhe über dem Alten Garten. Die Sonne ging bereits hinter der Staatskanzlei des Landes Mecklenburg-Vorpommern unter und verfärbte den Himmel blutrot.

Berger und Paulsen saßen im Polizeiwagen direkt an der Schlossbrücke zwischen Christian Genschows Skulpturen »Obotrit, sein Pferd bändigend« und »Obotrit, sein Pferd rüstend«. Und wie zwei Obotriten in Gefechtsbereitschaft lauschten beide Hauptkommissare angespannt dem Polizeifunk. Das Spezialeinsatzkommando hatte diesen außergewöhnlichen Fall bis auf Weiteres übernommen. Die Beamten wollten die mutmaßlichen Täter überwältigen und festnehmen. Niemand konnte genau sagen, ob die Verantwortlichen überhaupt im Theater waren oder ob das ganze Szenario von außerhalb gesteuert wurde. Nach der vor Kurzem deutlich hörbaren Detonation war jedem Anwesenden bewusst, wie ernst die Lage war. Hunderte von Menschenleben standen auf dem Spiel.

Lars Paulsen war erst vor ein paar Jahren nach Schwerin gekommen. Er hatte in Hamburg lange Zeit beim SEK gearbeitet, bis es wohl zu einem Zerwürfnis mit seinem Vorgesetzten gekommen war. Da er regelmäßig irrtümlich »Sonder« anstelle von »Spezialeinsatzkommando« gesagt hatte, hatte ihm sein damaliger Chef mit einem Disziplinarverfahren gedroht, denn das Wort sollte wegen seiner Benutzung in der Nazizeit keine Verwendung mehr finden. Paulsen war daraufhin für kurze Zeit in einer Verhandlungsgruppe eingesetzt worden – für Gesprächsführungen in akuten Lagen also. Dabei hatte er es oftmals direkt mit Tätern zu tun bekommen. Oder mit Menschen, die freiwillig aus dem Leben scheiden wollten. Er war gut in seinem Job gewesen. Er vermochte die Betroffenen zu motivieren, entweder aufzugeben oder sich der Polizei zu stellen. Wahrscheinlich hätte der Profi die heutige Einsatzlage auch selbst leiten können. Er war psychischen Ausnahmesituationen bestens gewachsen.

Berger hatte in den vergangenen Jahren oft – dienstlich und privat – Paulsens Stressresistenz und Charakterstärke bemerkt. Körperlich und konditionell war der Mann nicht mehr ganz so gut drauf wie ein 20-Jähriger, aber er trainierte immer noch zweimal wöchentlich in einem Kampfsportverein Ju-Jutsu und konnte in seiner Altersklasse sogar Auszeichnungen auf Bundesebene vorweisen.

Um die Zeit des Wartens zu überbrücken, erzählte Paulsen, dass es in einigen SEK-Einheiten deutschlandweit viele Disziplinarverfahren gab. Hubschrauber wurden für Privatausflüge verwendet und Rekruten manchmal bei Aufnahmeritualen gequält.

Berger war stolz, dass es in Mecklenburg-Vorpommern bisher keine derartigen Vorkommnisse gegeben oder er es zumindest nicht mitbekommen hatte.

»Sag mal, hast du Knoblauch gegessen?«, fragte Paulsen seinen Chef.

»Ja, vor einer halben Stunde. Lea und ich hatten gerade zu Abend gegessen, als du mich gestört hast«, zog Berger Paulsen auf. »Ich hätte gern einen schönen Abend mit ihr verbracht. Aber wieder einmal macht mir der Job einen Strich durch die Rechnung.«

»So spät, und noch essen? Pass mal bisschen auf deinen Bauch auf!«, maßregelte Paulsen ihn schmunzelnd und schlug ihm mit der flachen Hand auf einen kleinen Bauchansatz. »So könntest du nie beim SEK anfangen. Die Ausrüstung wiegt über fünfzehn Kilogramm. Dann noch deine kleine Plauze!«

»Vorsichtig, mein Lieber! Ich hatte auch nicht mehr vor, beim SEK einzusteigen. Mit fünfundvierzig Lebensjahren ist bei denen eh Schluss«, lachte Berger. Er behielt beim Wortgefecht immer das Theater im Blick und hörte aufmerksam den Polizeifunk mit. Beide Männer waren froh, dass sie trotz immenser Anspannung niemals ihren Humor verloren.

»Schau mal, dort drüben!«, unterbrauch Paulsen seinen Kollegen und zeigte mit dem Finger in Richtung Theater. »Das Sprengstoffkommando rückt an.«

»Einen Bestattungswagen können sie auch schon anfordern. Wer weiß, was hier noch abgeht. Die Krankenhäuser sind alle in Bereitschaft. Wir haben hier fast fünfhundert Gäste. Da kommt einiges auf die Kliniken zu. Hoffentlich haben sie vorsorglich auch Polizeiseelsorger angefordert.«

»Jetzt kommen noch die Kollegen von der Hundestaffel«, erklärte Paulsen, als er den dunkelgrauen VW-Bus mit der geöffneten Dachluke erkannte.

»Ich verstehe nicht, warum die Sprengstoffsuchhunde erst jetzt kommen und in den Einsatz gehen. Bei so einer Gala mit der kompletten Landesregierung müssen die doch vorher durch das Theater laufen, so wie im Schloss, bevor die Landtagssitzungen beginnen. Da wird vorher alles akribisch durchforstet – der Plenarsaal, die Sitzungsräume, selbst alle Toiletten.« Berger schaltete die Zündung an, um mithilfe der Klimaanlage die Hitze im Auto herunterzuregulieren.

»Wer weiß, wer hier geschlafen und nicht an die Hunde gedacht hat?!«, mutmaßte Paulsen und trank einen großen Schluck aus der Wasserflasche, die er einem Fach in der Beifahrertür entnommen hatte.

»Jetzt kommt auch noch ein Übertragungswagen vom NDR. Mal sehen, wo die sich hinstellen.« Berger schwitzte und war angespannt. Er überlegte, ob er Lea anrufen sollte, um ihr mitzuteilen, dass er sicher vorm Theater stünde und sie sich keine Sorgen machen müsste.

Der Sprecher der Polizeiinspektion Schwerin wies dem NDR einen Parkplatz neben dem ZDF-Fahrzeug zu und gab erste Informationen an einen wissbegierigen Reporter und Kameramann weiter.

Plötzlich war eine erneute Explosion zu hören. Berger und Paulsen schauten sich an und schluckten schwer. Keiner sagte ein Wort. Es lag nicht in ihrem Kompetenzbereich, einzuschreiten oder irgendetwas zu veranlassen. Die Anspannung war kaum auszuhalten. Die Wartezeit im Dienstwagen machte beide zunehmend nervöser.

Es hatte begonnen: Blitzschnell stürmten die schwer bewaffneten SEK-Beamten mit durchsichtigen Schutzschilden in den Eingangsbereich des Theaters. Berger und Paulsen hielten für einen winzigen Moment die Luft an.

Kapitel 4

Zunächst hieß es für Berger und Paulsen weiterhin Ruhe zu bewahren und abzuwarten. Auch wenn es ihnen schwerfiel. Niemand wusste, was in den nächsten Minuten passieren würde. Ärzte, Sanitäter, Bereitschaftspolizisten und hunderte von Menschen, die sich an den Absperrungen aufhielten, gerieten in Aufruhr. Personen, vermutlich Angehörige der Gäste im Theater, hatten sich eingefunden, um vor Ort genauestens informiert zu sein. Sie wollten ihre Lieben bald unbeschadet in die Arme nehmen. Berger saß wie angewurzelt auf seinem Sitz im Dienstwagen und verkrampfte seine feuchten Hände am Lenkrad. Paulsen trank einen Schluck Wasser nach dem anderen. Sie beobachteten die Präzisionsschützen auf dem Museumsdach, die regungslos durch ihre Zielfernrohre den Theaterhaupteingang anvisierten. Vorerst tat sich nichts. Auch im Einsatzwagen des SEK-Chefs herrschte Stille. Es waren keine Maßnahmen zu verzeichnen. Alle warteten auf Informationen aus dem Gebäude.

Das SEK durchlief schnellstmöglich das Schweriner Theater. Lagepläne, die in den Köpfen der Männer abgespeichert waren, wurden im Eiltempo systematisch abgearbeitet. Die Beamten erhielten über ihre Headsets im Sekundentakt Informationen zur Gesamtlage vor Ort.

Plötzlich liefen mehrere Ärzte und Sanitäter mit Tragen und Rucksäcken zum Theatereingang. Sie wurden dort von Beamten des SEK erwartet und hineingelassen. Die Präzisionsschützen auf dem Dach standen auf, packten ihre Gewehre in Waffenkoffer und zogen sich unbemerkt zurück. Die Lage schien sich allmählich zu entspannen.

Erste Informationen des SEK und der Personenschützer der Ministerpräsidentin und des Innenministers, die als Begleitung ebenfalls unter den Gästen weilten, gelangten ins Lagezentrum des Innenministeriums und zu den Einsatzkräften der Schweriner Polizei.

Berger und Paulsen hörten den Bericht der Einsatzführung in ihrem Dienstwagen: »Die Lage im Theater ist unter Kontrolle. Es wurden keine verdächtigen Zielpersonen ausfindig gemacht. Zwei Explosionen wurden registriert. Eine Explosion ohne verletzte Personen in einer Herrentoilette. Die zweite im Zuschauerraum. Wir haben ein weibliches Todesopfer und zwei schwer verletzte männliche Opfer feststellen können. Des Weiteren gibt es mehrere Personen, die unter Schock stehen und sich nicht bewegen können. Das Sprengstoffkommando hat seine Arbeit aufgenommen. Es konnten durch die Suchhunde bisher keine weiteren Sprengstoffkörper gefunden werden. Die Stimmung unter den Gästen ist äußerst angespannt. Die Schutzpersonen der Ministerpräsidentin und des Innenministers sind unverletzt. Die Freilassung aller Personen erfolgt in Kürze. Der Einsatz des SEK ist vorerst beendet. Der Katastrophendienst kann mit seiner Arbeit unverzüglich beginnen.«

»… keine verdächtigen Personen im Theater?«, stutzte Berger. »Das kann doch nicht sein. Irgendwo muss doch jemand sein, dem wir diese Tragödie zu verdanken haben.« Er schrieb seiner Frau schnell eine Kurznachricht: Alles okay mit mir, die Lage im Theater ist unter Kontrolle. Bis später. Kuss Thomas.

Paulsen schraubte seine leere Wasserflasche zu. »Dann ist das alles von außen inszeniert worden! Unsere Arbeit kann endlich beginnen. Wir haben eine tote Frau. Ich ruf unseren Rechtsmediziner an. Wer weiß, was von ihr noch übrig geblieben ist. Bestimmt kein schöner Anblick. Das wird wieder ein harter Job für unseren Doktor!«

»Die Seelsorger bekommen auch ordentlich zu tun«, erwiderte Berger. Er sah, wie die wartende Menge hinter den Absperrungen immer unruhiger wurde und teilweise um Durchlass flehte. Sie hatte mitbekommen, dass das SEK abfuhr und die akute Gefahr vermutlich vorüber war. Selbst ein Polizeihubschrauber, der seit längerer Zeit über dem Alten Garten kreiste, drehte ab und flog in Richtung Norden davon. Der Polizeisprecher wurde von Medienvertretern umzingelt und mit Fragen bombardiert, die er vorerst nicht beantworten konnte. Die Absperrung zur aufgewühlten Menschengruppe wurde nicht aufgehoben. Die Bürgerinnen und Bürger wurden freundlich gebeten, sich weiter an die Anweisungen der Polizei zu halten, um nicht bei den weiteren Ermittlungsarbeiten zu stören.

Endlich öffneten sich die drei großen, in klassizistischem Stil erbauten Eingangstore des Theaters. Eine Menschenmasse auf der Flucht in die Freiheit. Einige Personen rannten, andere bewegten sich langsam und monoton in der Masse mit. Jedem war der Schreck ins Gesicht geschrieben. Ein Reporter wollte erste Interviews aufzeichnen. Die noch unter Schock stehenden Menschen wiesen den Mann kopfschüttelnd und mit eindeutig zu verstehenden Handbewegungen ab. Jeder wollte den Theaterbereich umgehend verlassen. Erste Menschen durchbrachen nun doch die Absperrung und liefen auf ihre Angehörigen zu. Sie nahmen sich in die Arme, Tränen der Erleichterung liefen vielen über die Wangen. Einige Menschen waren unfähig zu sprechen und atmeten tief durch.

Eine Frau hatte deutliche Flecken im Schrittbereich ihres Kleides. Sie hatte ihren Urin in Stunden von Todesangst nicht halten können. Sie ging mit kleinen Schritten aufgrund des enggeschnittenen Kleides, am liebsten wäre sie wahrscheinlich eher davongelaufen. Es war ihr sichtlich peinlich. Ihrem Mann schien das egal zu sein. Er war erleichtert, dass beide das Theater lebend verlassen hatten. Er legte seinen Arm um ihre Schulter und gab ihr liebevoll Halt. Blass im Gesicht senkte er kraftlos seinen Kopf, als er die Medienvertreter mit ihren Kameras sah. Es spielten sich herzzerreißende Szenen ab, als hätten sich einige Menschen jahrelang nicht gesehen.

Ministerinnen und Minister der Landesregierung versammelten sich rechts neben dem Theater und werteten die Tragödie kopfschüttelnd aus. Sie nahmen sich in die Arme. Man diskutierte, ob es einen terroristischen Hintergrund gäbe oder wer auf so eine abartige Idee gekommen war, jemanden mit einer Bombe zu töten und viele weitere Menschenleben zu riskieren. Sie bedauerten zutiefst, dass man der jungen Frau nicht hatte helfen können und sie durch die Detonation ums Leben gekommen war.

Ein wunderschöner Abend in der Schweriner Landeshauptstadt war zu einem unvorstellbaren Drama geworden. Schwerin auf dem Weg zum Weltkulturerbe. Es wurde eine Nacht, die die Bevölkerung niemals vergessen würde.

Ganz abgesehen von den materiellen Schäden, die von Architekten und Bauingenieuren später inspiziert werden mussten, konnte Hauptkommissar Berger sich nicht vorstellen, dass irgendjemand in Kürze das Theater, das durch dieses Verbrechen in Verruf geraten war, freiwillig betreten würde.

Berger und Paulsen saßen immer noch in ihrem Auto und warteten geduldig ab, bis die letzten Gäste das Theater im Beisein der Sanitäter, Ärzte oder Psychologen verlassen hatten. Nun begann die polizeiliche Ermittlungsarbeit. Spurensicherer, Rechtsmediziner, Sprengstoffermittler – es betraten fast so viele Menschen das Gebäude, wie vor einer halben Stunde herausgekommen waren. Nur war Bergers und Paulsens Motivation eine deutlich andere. Sie wollten schnellstmöglich herauszufinden, wer diese Tragödie zu verantworten hatte.

Kapitel 5

»Sie sind Hauptkommissar Thomas Berger, nicht wahr?«, fragte Verena Wilke. Sie beobachtete genau, wie der Polizist sein gerade eingeparktes Fahrzeug vor der Dienststelle abschloss. Durch Zufall hatte sie genau den Mann getroffen, den sie gesucht hatte.

»Ja, das bin ich«, erwiderte Berger etwas unwillig. Er war müde, da er nur ein paar Stunden geschlafen hatte. Der Polizeieinsatz am Theater hatte noch bis in die frühen Morgenstunden gedauert. Die Hitze der Nacht ließ ihn danach auch nicht in einen erholsamen Schlaf fallen. »Woher kennen Sie meinen Namen?«

Die attraktive, elegant gekleidete Frau, schätzungsweise Ende vierzig, blickte ihn an. »Ich kenne Sie aus der Schweriner Volkszeitung. Sie sind Hauptkommissar und haben schon ziemlich viele Fälle erfolgreich gelöst.«

Berger fühlte sich geschmeichelt. So ein Lob am frühen Morgen tat gut. »Haben Sie auf mich gewartet oder ist das Zufall?«, fragte er noch immer irritiert, aber gleich etwas freundlicher.

»Ich wollte zu Ihnen kommen.«

»Was möchten Sie denn von mir?«

»Ich möchte gern eine Anzeige aufgeben.«

»Das können Sie gern machen. Kommen Sie bitte mit! Ich zeige Ihnen, wo ein Beamter Ihre Anzeige aufnimmt.« Berger wies grob den Weg zum Haupteingang.

»Ich möchte die Anzeige aber gern bei Ihnen aufgeben. Wäre das möglich?«

»Um was handelt es sich denn, Frau …?«

»Wilke. Mein Name ist Verena Wilke. Ich möchte gern eine Vermisstenanzeige aufgeben.«

»Frau Wilke, warum möchten Sie die Vermisstenanzeige denn unbedingt bei mir aufgeben?«, hakte Berger nach.

»Weil ich nur Ihnen vertraue«, antworte sie mit gesenktem Kopf.

»Na, dann kommen Sie! Ich mache einmal eine Ausnahme. Ansonsten bin ich dafür nicht zuständig. Das bearbeiten andere, auch sehr kompetente Kolleginnen und Kollegen.« Berger hielt ihr die Tür des Gebäudes auf.

»Dankeschön, Herr Hauptkommissar.«

Sie gingen schweigend durch das Gebäude. Wenn Kollegen entgegenkamen, rutschte ihm ein leises »Guten Morgen« heraus. Dies wurde meistens kopfnickend erwidert.

»Dann nehmen Sie bitte Platz, Frau Wilke!« Berger schob ihr einen Stuhl entgegen. Seinen Rechner fuhr er noch nicht hoch. Er wollte erst einmal die Anzeige aufnehmen und dann wie gewöhnlich in den Tag starten. »Erst einmal benötige ich Ihren vollständigen Namen, Geburtsdatum und Wohnanschrift. Verena ist Ihr Vorname, so sagten Sie, nicht wahr?«

»Ja. Verena ist mein Vorname. Ich wurde am 17. September 1966 geboren und wohne in der Möwenburgstraße 18 in Schwerin.«

»Das ist eine schöne Wohngegend, da zwischen Ziegelinnen- und Ziegelaußensee. Und mein Lieblingsrestaurant – das China-Japan Restaurant No. 1 – gleich gegenüber, stimmt’s?«

»Ja. Da gehen wir oft abends Sushi essen. Die Maki-Sushi mit Lachs sind unfassbar lecker.«

»Entschuldigen Sie, ich wollte Sie keinesfalls unterbrechen!« Berger schaute sie an.

»Kein Problem, Herr Hauptkommissar. Ich vermisse meinen Mann seit gestern«, sagte sie traurig. »Meine Freundin Dörte hat mir geraten, gleich zur Polizei zu gehen. Ich war die ganze Nacht wach und habe kein Auge zubekommen. Mein Mann Jan war gestern zu einem Event im Schweriner Theater eingeladen und ist von dort nicht nach Hause gekommen.«

Berger sah, dass sie gleich beginnen würde zu weinen. »Wirklich?« Er war überrascht und wurde hellhörig. »Er war bei dieser Tragödie gestern dabei?«

Wilke holte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche. »Ja. Er ist Architekt und war anlässlich der Welterbe-Veranstaltung ins Theater eingeladen worden. Ich war morgens noch sauer auf den Veranstalter, weil die Einladung nur für meinen Mann galt. Sonst durfte ich ihn immer zu derartigen Anlässen begleiten.«

»Er ist also bei der Gala im Theater gewesen und seitdem vermissen Sie Ihren Mann?«

»Ja!« Sie schluchzte los. »Ich liebe meinen Mann und kann mir das überhaupt nicht erklären. Ich habe gestern laufend bei der Polizei angerufen. Aber die Leitungen waren ständig besetzt.«

»Ja, das war eine absolute Ausnahmesituation. Eine Katastrophe für unsere Stadt. Sämtliche Medien in Schwerin und deutschlandweit berichten darüber. Aber fahren Sie fort, bitte weiter!«

»Ich habe dann meine Freundin Dörte angerufen. Wir sind nachts noch zum Klinikum gefahren und haben nachgefragt, ob mein Mann aufgenommen wurde. Nichts. Jan wurde weder dort eingeliefert noch ärztlich behandelt, wurde mir versichert. Jedenfalls nicht in Schwerin.«

»Es gab zwei schwer verletzte Männer, aber deren Identität ist geklärt. Jan Wilke heißt keiner von beiden.«

»Ja, aber wo ist denn mein Mann? Kann es sein, dass er einen Schock hat und vielleicht orientierungslos durch die Gegend irrt?«

»Das ist möglich. Ich werde das gleich prüfen, das verspreche ich Ihnen.« Berger lächelte sie mitfühlend an – mit genau dem Lächeln und seiner charmanten Art, die viele Frauen anziehend fanden.

»Geben Sie jetzt eine Vermisstenanzeige heraus? Benötigen Sie ein Foto? Ich habe alles dabei.« Sie kramte ihr Smartphone heraus und wischte auf dem Display hektisch hin und her. »Hier. Das ist ein aktuelles Foto vom vergangenen Wochenende. Da haben wir mit meiner Freundin Dörte und ihrer Tochter bei uns zu Hause im Garten gegrillt.«

»Frau Wilke, wir müssen leider noch etwas abwarten. Vielleicht ist ihr Mann ja schon zu Hause, während Sie hier bei mir sind?«

»Nein, auf keinen Fall. Ich habe ihm ein paar Nachrichten geschrieben und zu Hause einen Zettel hinterlassen und ihn gebeten, sich sofort bei mir zu melden.«

»Wir müssen trotzdem noch etwas Zeit verstreichen lassen. Ihr Mann ist volljährig und kann sich aufhalten, wo er möchte. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch …« Berger rutschte auf seinem Stuhl nervös hin und her.

»Und wenn er mit einem Schock irgendwo gestürzt ist und Hilfe benötigt? Bitte, Herr Hauptkommissar, es muss ihm was zugestoßen sein!« Die Frau war zwischenzeitlich aufgestanden und lief mittlerweile hektisch in Bergers Büro auf und ab. »Genau deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Ich dachte, Sie könnten mir helfen. Ansonsten hätte ich auch eine Anzeige bei der Polizei im Internet aufgeben können. Sie haben doch bisher schon so viele Fälle gelöst!«

»Ja, aber …«

Sie stand nun vor Berger und sah ihm tief in die Augen. »Bitte, Herr Hauptkommissar! Ich flehe Sie an. Finden Sie meinen Mann Jan!«

Ihn begann die Förmlichkeit in der Anrede »Herr Hauptkommissar« langsam auf den Geist zu gehen. »Frau Wilke, ich werde sehen, was ich machen kann. Sie haben ja recht, es war gestern eine Ausnahmesituation und vielleicht ist ihm doch etwas im Nachhinein passiert? War er denn mit dem Auto unterwegs?«

»Das ist der nächste Punkt, Herr Hauptkommissar. Auch das wollte ich Ihnen noch unbedingt sagen. Das Auto steht nirgends am Theater. Der Audi ist verschwunden und das Handy ist ausgeschaltet. Das kenne ich von meinem Mann nicht. In seinem Büro meldet sich auch niemand. Alles sehr merkwürdig, finden Sie nicht?«

»Wie erreiche ich Sie, Frau Wilke?«

»Hier. Ich gebe Ihnen meine Visitenkarte.«

Berger nahm die Karte entgegen und warf einen Blick auf die goldglänzende Schrift. »Sie sind Schmuckdesignerin?«

»Ja, gelernte Goldschmiedin – ›mit ganz viel Herz und Engagement‹«, antwortete sie stolz und lächelte.

Während sie dies sagte, fand Berger den Slogan der Handwerkerin auch auf der Rückseite ihrer Visitenkarte: Ihre Goldschmiedin mit ganz viel Herz und Engagement.

»Schauen Sie mal, Herr Hauptkommissar. Das ist unser Ehering seit 25 Jahren. Den habe ich für meinen Mann und mich selbst entworfen und angefertigt.« Sie drehte den Ring am Finger.

›Herr Hauptkommissar, Herr Hauptkommissar‹, dachte Berger, brachte aber nur ein »Wunderschön!« heraus, das der Herr Hauptkommissar immerhin ehrlich meinte. »Frau Wilke, ich kümmere mich jetzt um Ihren vermissten Mann und melde mich bei Ihnen, wenn ich etwas erfahre. Sollte Ihr Mann auftauchen, rufen Sie mich bitte gleich an!«

»Natürlich, Herr Hauptkommissar. Vielen Dank! Ich weiß, dass Sie meinen Jan finden werden. Wenn Sie ihn nicht finden, dann findet ihn auch kein anderer.« Sie reichte Berger die Hand und verließ mit einem hoffnungsvollen Lächeln dessen Büro.

Kapitel 6

»Bist du allein, Lars?«, fragte Hauptkommissar Berger erstaunt, als er Lars Paulsen Freitagabend vor seiner Haustür empfing. Er und Lea hatten seinen Kollegen und dessen Freundin Kirsten zum Abendessen eingeladen.

»Ja, Kirsten hat leider Dienst. Ihr müsst mit mir allein vorliebnehmen«, antwortete er und reichte Lea eine wunderschöne Orchidee.

»Oh, eine Tigerorchidee!«, strahlte Lea, als sie die hübsche Blume sah. »Eine exotische Schönheit unter den Orchideen. Und dann noch in meiner Lieblingsfarbe!«, stellte Lea fest und nahm ihm behutsam die gelbe Pflanze ab.

»Tigerorchidee, wie originell!«, murmelte Berger vor sich hin und war ein klein wenig eifersüchtig, als er sah, wie sehr seiner Frau die Blume gefiel.

»Tja, der Tiger verschenkt eben auch mal eine Tigerin!«, lachte Paulsen. Er war entzückt, dass seine ausgewählte Pflanze so gut bei Lea ankam und sie sogar den Namen der Orchidee kannte.

»Die duftet ja sogar«, sagte Lea, »und dann auch noch so passend zu unserem Abendessen. Schade, dass Kirsten nicht mitkommen konnte.«

Paulsen lächelte: »Ja, sie bedauert das auch sehr. Zumal wir uns so auf den ›Asiatischen Abend‹ mit euren Urlaubsfotos gefreut haben. Aber ich wollte auch nicht kurzfristig absagen. Ich hoffe, ihr entschuldigt, dass ich allein gekommen bin.«

»Na klar, dann komm mal durch ins Wohnzimmer!« Berger brachte ihn in die Wohnstube.

Paulsen staunte, als er den aufwendig dekorierten Tisch sah. »Wow, ich muss gleich ein Foto machen und es Kirsten schicken.« Einen Moment bewunderte er das Geschirr mit den Kranichmotiven und die zu Lotosblüten gefalteten Servietten, die edlen dunklen Essstäbchen und die kleinen Suppenschälchen aus hauchdünnem Porzellan.

»Lass das lieber mit dem Foto, sonst ärgert Kirsten sich nur noch mehr, dass sie arbeiten muss und nicht mit uns gemeinsam das schöne Essen genießen kann.« Berger zwinkerte Paulsen zu.

»Hast ja recht, Thomas.« Paulsen steckte sein Telefon wieder in seine Hosentasche zurück. Die beiden Männer nahmen am Tisch Platz und Lea ging in die Küche, um die Suppe zu holen.

»Thomas, unser neuer Fall hat es ganz schön in sich, oder?«, fragte Lars.

»Ja, das stimmt absolut. So etwas ist in Schwerin noch nie passiert.«

»Die ganzen Geschehnisse um die Weltkulturerbe-Gala haben mich ganz schön mitgenommen. Die Schweriner werden dieses Desaster nicht so schnell vergessen können.«

Da kam Lea mit einer köstlich duftenden Kokossuppe zurück. »Lasst es euch schmecken!« Sie nickte Thomas und Lars freundlich zu. »Bevor wir essen, möchte ich mit euch anstoßen.« Sie erhob ihr Longdrink-Glas und prostete den beiden zu.

»Das ist ein Thai-Moorgin«, erklärte Thomas. »Und es ist mein persönlicher Beitrag zum heutigen Abend: ein asiatischer, feinherber Gin-Tonic mit Minze, Ingwer und Kardamom. Prost! Das ist auch mein einziger Beitrag, um es mal so festzuhalten.« Berger lachte laut.

»Ich bin schon sehr gespannt auf eure Fotos von der Asien-Rundreise.« Lars Paulsen blickte Lea an.

Lea war eine sehr gute Gastgeberin. Sie hatte passend zum Fotoabend gekocht und dekoriert. Am liebsten hätte sie noch ein Cheongsam, das traditionelle chinesische Frauenkleid aus Satin, zu diesem besonderen Anlass angezogen. Aber Thomas hatte ihr davon abgeraten. Er war der Meinung, dann hätte Lea den beiden Gästen vorab sagen müssen, dass es einen Dresscode geben würde. Die Begründung hatte seine Frau überzeugt. Sie wollte Paulsens Freundin Kirsten, die ihr sehr sympathisch war, keinesfalls bloßstellen.

Lea brachte nach ein paar Minuten die leeren Schälchen in die Küche. »Es dauert noch einen kleinen Augenblick mit dem Nasigoreng. Ihr könnt ja noch was trinken«, rief sie laut von nebenan.

Eine gute Gelegenheit für die beiden, dienstlich zu sprechen. Es fiel den zwei Polizisten schwer, von ihrem derzeitigen Fall abzuschalten.

»Ja, das ist schon heftig. Wir müssen auf die Gästeliste des Theaters warten, um endlich herauszubekommen, wer alles vor Ort war und wer von dieser Liste wusste.« Berger mixte Paulsen nebenbei einen neuen Gin Tonic.

»Oh, nicht so schnell! Der Drink hat es ganz schön in sich.« Paulsen lachte und überlegte schon, ob Kirsten ihn später nach ihrem Dienst abholen könnte. Er würde dann sein Auto bei Berger stehen lassen und es am nächsten Tag holen.

»Ich bin gespannt, wann die Rechtsmedizin das weibliche Opfer identifiziert hat. Wir müssen so viele Sachen auswerten! An wen ist das Geld von den Gästen im Theater überwiesen worden? Wer steckt hinter diesem Züricher Konto? Warum ist in der Herrentoilette und im Zuschauerraum Sprengstoff detoniert und warum haben die Sprengstoffsuchhunde vorher nichts gefunden? Fragen über Fragen, Lars. Ich bin so ungeduldig und kann kaum die Ergebnisse abwarten.«

Lea kam in die Wohnstube zurück: »So, das ist mein Nasigoreng. Schön gelb. Ich hoffe, ich habe nicht zu viel Kurkuma hinzugefügt. Schaut mal meine Hände an! Kurkuma verfärbt einfach alles. Ich hätte Handschuhe zum Schneiden der Wurzel anziehen sollen.«

Das Gericht sah lecker aus, besonders die Menge Hähnchenbrustfilet gefiel Thomas. Er sagte schmunzelnd: »Fleisch ist mein Gemüse.«

Lea musste über den häufig zitierten Buchtitel lachen. Sie überzeugte ihren Mann mit der Menüauswahl.

Berger hätte zwar lieber ein noch blutiges Rumpsteak gegessen, aber als er das Nasigoreng sah, lief auch ihm das Wasser im Munde zusammen.

Nach dem Hauptgang schaltete Berger den großen Fernseher im Wohnzimmer ein. Er hatte seinen Laptop neben sich platziert und alles für die Foto-Show vorbereitet.

»Ja, das ist der Königspalast in Bangkok. Bangkok heißt übersetzt die Stadt der Engel. Auf dem Gelände hat es so schön nach Jasmin geduftet«, schwärmte Lea, als sie das erste Foto auf dem Fernseher sah.

»Ich fand ja Koh Samui am schönsten«, warf Thomas ein. »Und besonders lustig fand ich, dass du nicht baden warst, weil unser Reiseleiter vor gefährlichen Würfelquallen gewarnt hat.« Berger lachte in Leas Richtung.

So ging es einige Zeit weiter. Thomas und Lea berichteten begeistert von ihren Erlebnissen. Ihre Reise hatte sie nicht nur nach Thailand, sondern auch nach Kambodscha und Malaysia geführt. Lea bemerkte aber, dass die Männer nicht ganz bei der Sache waren. Den Grund kannte sie nur zu gut, war sie doch nun schon einige Jahre die Frau eines Kommissars der Mordkommission.

»Das Foto ist auch schön. Die Straßenlampen in Kuala Lumpur sind alle mit Hibiskusblüten verziert. Das ist die Nationalpflanze des Landes. Wunderschön anzusehen.« Lea mochte Pflanzen und schwärmte oft von ihnen.

»Und stell dir mal vor, unser Reiseleiter in Kambodscha … der in Sihanoukville, der hat früher in Karl-Marx-Stadt studiert«, erzählte Berger beim nächsten Foto.

»Wo hat er studiert?«, fragte Lars Paulsen.

»Ach ja, du kommst ja aus Hamburg. Karl-Marx-Stadt ist heute wieder Chemnitz. Früher im Arbeiter- und Bauernstaat, zu DDR-Zeiten also, hieß die Stadt so«, erklärte Berger.

Nachdem niemand mehr einen Nachschlag wollte, räumte Lea die Teller und die Essstäbchen zusammen und kündigte nebenbei ihr abschließendes Dessert an: eine Mangocreme mit frischer Minze.

Berger kam nun zu dem Thema zurück, das ihn mehr beschäftigte als die Urlaubserinnerungen, und nutzte die kurze Abwesenheit seiner Frau, um wieder dienstlich zu werden. »Übrigens, hatte ich dir erzählt, dass heute eine Frau bei mir im Büro war? Sie hat ausnahmsweise eine Vermisstenanzeige bei mir aufgegeben. Ihr Ehemann – ein Architekt – war auch im Theater. Er ist noch nicht wieder nach Hause gekommen und sie vermisst ihn seitdem.«

»Ich höre das ganz genau, mein Schatz. Ihr seid schon wieder im Dienstmodus angekommen«, kommentierte Lea das leise Zwiegespräch der Männer, als sie mit dem Nachtisch hereinkam.

Und natürlich hatte seine Frau recht damit. Thomas prostete daraufhin seinem Kollegen und ihr zu, um sie davon abzulenken, dass seine Gedanken eigentlich am aktuellen Fall hingen. »Auf das Leben und auf uns!«

Kapitel 7

»Jetzt nicht!«, ermahnte Berger seine Sekretärin, die gerade in sein Büro kam. »Ich muss mich konzentrieren und brauche mal eine halbe Stunde meine Ruhe. Ist das so schwer zu verstehen?«

Sie verließ wieder einmal kopfschüttelnd das Büro und schloss leise die Tür hinter sich.

Hauptkommissar Berger überflog gerade zum dritten Mal die Gästeliste des Galaabends vom vergangenen Mittwoch, auf der 256 Namen standen. Er hatte sich dafür aus dem Internet einen Plan des Theaters vergrößert, ausgedruckt und auf seinem Schreibtisch ausgebreitet. 550 Zuschauer fasste das Große Haus. Auf diesem Schema markierte er ganz genau, in welcher Reihe und auf welchem Sitz die jeweilige Person gesessen hatte. Die ersten fünf Reihen waren für Politiker und Prominente reserviert worden. Für die restlichen etwa 300 Sitzplätze gab es an dem Abend freie Platzwahl.

Berger trank seinen kalten Kaffee aus. Plötzlich entdeckte er, dass der für den Architekten Jan Wilke reservierte Platz genau derjenige war, unter dem der Sprengstoff detoniert war. Es handelte sich also um den Sessel, in dem die junge Frau gesessen hatte, die durch die Explosion ums Leben gekommen und deren Identität bisher ungeklärt war. Scheinbar vermisste sie niemand. »Aber wo saß dann Jan Wilke an dem Abend?«, murmelte Berger, während er sich mit seinem Kugelschreiber am Kinn kratzte. ›Warum ist er nach der geplatzten Gala nicht nach Hause gekommen? Wo ist Jan Wilke jetzt?‹, grübelte der Kommissar. Die zwei verletzten Männer neben der jungen Frau gehörten dem Welterbe-Verein in Schwerin an. Sie schwebten nicht mehr in Lebensgefahr und waren auf dem Weg der Besserung. Er nahm sich vor, sie in Kürze noch im Klinikum zu befragen.

Der Polizist griff zum Telefon und rief die Frau des Architekten an. »Kripo Schwerin, Berger am Apparat. Frau Wilke, hat sich Ihr Mann gemeldet? Ist er wieder zu Hause?«, fragte er ohne eine Pause zwischen den Fragen.

»Nein, Herr Hauptkommissar. Ich hätte Sie doch sonst gleich angerufen. Ich habe im Büro meines Mannes schon mehrmals angerufen. Dort meldet sich auch niemand.«

Bei Berger ratterten die Gedanken durch den Kopf. Er stand auf, um sich noch einen starken Kaffee aus seinem Vorzimmer zu holen.

Seine Sekretärin guckte stur in eine andere Richtung, als er an ihrem Schreibtisch vorbei zur kleinen Küchenzeile rechts neben der Tür ging. Vor einer halben Stunde hätte sie ihm den Kaffee noch mit einer Schokowaffel, die er so gern mochte, serviert. Jetzt überließ sie Berger die Bedienung des komplizierten Kaffeeautomaten. Sie war wütend und hoffte insgeheim, das Gerät würde jetzt Entkalken oder Reinigen anzeigen.

Berger bemerkte seine Sekretärin nicht einmal und war in Gedanken schon wieder im Schweriner Theater. Wieder zurück in seinem Büro notierte er die offenen Fragen:

- Wer ist die tote Frau?

- Wo ist Jan Wilke?

- War er vielleicht gar nicht im Theater?

- Hat Wilke etwas mit dem Tod der Frau zu tun?

- Warum gab es eine Explosion in der Herrentoilette? Ist der mutmaßliche Täter ein Mann? ›Eine Frau hätte den Sprengstoff wahrscheinlich in der Damentoilette platziert‹, dachte er, während er schrieb.

- Warum haben die Sprengstoffsuchhunde vor der Gala nichts gefunden? ›Jemand hat abgewartet, bis die Suchhunde durch das Theater gelaufen sind‹, dachte der Kommissar ein ums andere Mal. ›Zwischen dem Einsatz der Hunde und dem Einlass der Gäste liegt eine Stunde. Genügend Zeit, um Sprengstoff in der Herrentoilette und im Zuschauerraum zu verstecken. Aber es muss doch irgendjemand etwas bemerkt haben!‹

- Wer hat die Geldforderung an die LED-Wand gestrahlt?, war eine weitere Frage, die er auf seinem Notizblock festhielt. Berger lehnte sich auf seinem Bürostuhl zurück und streckte seinen Rücken mit einem lauten Stöhnen durch, als sein Kollege Lars Paulsen in seinem Arbeitszimmer erschien. »Na, hast du was Neues? Weißt du schon, wer die tote Frau ist?«

»Nein, bisher nicht«, antwortete Paulsen. »Der ganze Fall ist mysteriös. Ich bin gerade dabei, aufzulisten, wer von den Gästen der Gala das geforderte Geld überwiesen hat. Es wird schwierig, herauszubekommen, wer hinter dem angegebenen Konto steckt. Es ist ein Nummernkonto in der Schweiz. Eine Rückbuchung der eingezahlten Gelder war bisher nicht möglich«, erläuterte Bergers Kollege.

Berger schaute Paulsen fragend an: »Dieses Verbrechen kann nicht nur eine Person begangen haben. Die Geldforderung, die Sprengungen, die ganze Logistik dieser aufeinanderfolgenden Taten kann nicht nur eine Person geplant haben. Da waren Profis am Werk. Das wird kompliziert! Ich vermute, wir haben es hier mit einem organisierten Kapitalverbrechen zu tun.«

»Da gebe ich dir recht. Ich habe schon Europol eingeschaltet. Wir brauchen Unterstützung. Den Fall lösen wir nur mit professioneller Amtshilfe!«

»Gut gemacht, Lars! Das sehe ich auch so. Wir müssen auch an die Schweizer Bank ran. Wenn wir es hier mit einem derartigen Verbrechen zu tun haben, dann können die sich nicht hinter ihrem berühmt-berüchtigten Bankkundengeheimnis verstecken. Die Privatsphäre der Kunden scheint denen heilig zu sein.«

»Nein, Thomas. Wir haben in diesem Fall Glück. Ich habe mich mal sachkundig gemacht. Seit Mai 2014 ist die Schweiz der Erklärung der OECD beigetreten«, er las nun von einem Zettel ab. »… über den künftigen automatischen Informationsaustausch in Steuerangelegenheiten.«

»Und was heißt das für uns? Bitte eine verständliche Erklärung, Lars!«, forderte Berger ungeduldig.

»Das heißt, dass die Banken verpflichtet werden können, Auskünfte zu erteilen, wenn die Polizei oder eine richterliche Behörde bei Kenntnis eines Straftatbestandes die Eröffnung einer Strafverfolgung anstreben. Sie müssen uns also mitteilen, wer Kontoinhaber ist und an wen das Geld überwiesen wurde. Wir haben es hier nicht mit einem lapidaren Steuervergehen zu tun. In unserem Fall geht es um Erpressung, um Freiheitsberaubung, um Mord, um zwei schwerverletzte Personen, um eine vermisste Person und um Sachbeschädigung eines historischen Gebäudes«, fasste Paulsen die relevanten Tatsachen zusammen. »Das muss doch wohl ausreichen, um weitere Auskünfte zu erzwingen!«

Berger blätterte erneut die Gästeliste durch. »Ich bin äußerst gespannt. Meines Wissens nach ist ein Schweizer Nummernkonto ein Bankkonto, bei dem der Name des Bankkunden durch ein Kennwort ersetzt wird.«

»Es muss doch trotzdem eine Identifizierung des Kunden zu einem bestimmten Konto geben«, widersprach Paulsen. »Irgendjemand muss doch wissen, wem welches Konto gehört. Mir ist schon klar, dass auf Bankbelegen und Kontoauszügen keine Namen stehen, sondern nur Nummern. Am besten wir überweisen auch eine kleine Summe auf das Konto, das wird am einfachsten sein. Zehn Euro privat auf das Schweizer Nummernkonto und dann schauen wir mal weiter«, schlug Paulsen seinem Kollegen vor.

»Ja, sehr gute Idee. Wie das alles funktioniert, musst du herausfinden, Lars. In Deutschland sind Nummernkonten ja verboten. Ich habe den Eindruck, du steckst schon gut in der Materie drin. Du bekommst das bestimmt heraus.« Berger lachte und wusste natürlich, was für eine schwere Aufgabe er seinem Kollegen aufgebürdet hatte. »Wenn noch nicht veranlasst, geben wir eine Fahndung nach Jan Wilke raus. Wir müssen auch unbedingt erfahren, wer die tote Frau ist. Zahnstatus, DNA und so weiter. Das kann doch nicht so schwer sein! Die ist doch nicht namenlos vom Himmel gefallen und saß plötzlich in Reihe fünf auf Jan Wilkes Sessel«, erklärte Berger seinem Kollegen mit einem sarkastischen Unterton. »Machen wir uns an die Arbeit!«

Kapitel 8

Ich wäre gern abends mal so müde wie morgens, hatte Berger um sechs Uhr auf dem Abrisskalender in seiner Küche gelesen. ›Was für ein passender Spruch‹, dachte er, als er in seinem Büro Platz nahm.

Seine Sekretärin kündigte ihm eine junge Frau an, die ihn unbedingt sprechen wollte.

›Hoffentlich nicht schon wieder eine Vermisstenanzeige‹, dachte er. »Guten Morgen, Hauptkommissar Thomas Berger«, stellte er sich vor und reichte der jungen Frau die Hand.

»Guten Morgen, mein Name ist Sandra Rethel.« Die sportliche Frau in kurzem Jeansrock und hellem T-Shirt legte ihren kleinen Rucksack ab und setzte sich ohne Aufforderung an den Besuchertisch in Bergers Büro. Sie hatte kurze, dunkle Haare, die zu ihrem sehr burschikosen Auftritt passten.

»Was kann ich für Sie tun, Frau Rethel?«

Die junge Dame senkte ihren Kopf. »Ich habe heute Morgen in der Schweriner Volkszeitung gelesen, dass eine Frau bei diesem schrecklichen Anschlag im Theater ums Leben gekommen ist.« Sie wurde plötzlich rot im Gesicht und begann zu zittern. »Ich habe solche Angst, dass es meine Freundin Caroline ist.«

»Wie kommen Sie darauf?« Berger wurde hellhörig und war erfreut, dass die Vermisstenanzeige mit großer Wahrscheinlichkeit jetzt einen ersten Ermittlungserfolg liefern würde.

Sandra Rethel putzte ihre Nase und versuchte, sich zu beruhigen. »Es muss meine Caroline sein. Ich erreiche sie nicht, weder auf ihrem Handy, noch auf ihrer Arbeit. Seit dem Abend, an dem sie ins Theater wollte, hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich will es nicht wahrhaben, dass es Caro ist. Aber sie muss es sein«, redete sie sich mehrfach ein. »So viele Zufälle gibt es doch nicht, oder?«

»Erzählen Sie bitte weiter, Frau Rethel!«, ermutigte Berger sie.

»Caroline und ich waren Mittwochnachmittag im Fitnessstudio im Belasso in Krebsförden. Dann erhielt sie in der Umkleide einen Anruf. Ich hörte nur, wie sie sagte: ›Ja, okay. Das ist toll. Ich gehe hin. Dankeschön.‹ Dann beendete sie das Gespräch und hatte es echt eilig. Sie wolle sich noch aufbrezeln, sagte sie mir.«

Berger guckte die Dame an: »Hat sie gesagt, dass sie ins Theater will?« Er überlegte, ob Frau Rethel und Caroline vielleicht ein Paar sein könnten.

»Ja. Ich habe Caro gefragt und sie meinte, sie wolle ins Theater gehen. Dort fände eine Gala statt, weil das Schweriner Residenzensemble zum Welterbe ausgerufen werden soll.«

»Wollte sie dort allein hin oder in Begleitung?«

»Das weiß ich nicht. Aber wenn sie sich, wie sie sagte, aufbrezeln wollte, vermute ich mal, dass sie nicht vorhatte, dort allein hinzugehen.«

»Wo arbeitet denn ihre Freundin Caro?«

»Sie ist die Assistentin eines Architekten in Schwerin.«

»Beim Architekten Jan Wilke?«, schoss es aus Berger wie aus der Pistole heraus.

»Ja, genau. So heißt er.«

Berger war fassungslos. Er ging ins Vorzimmer und bat seine Sekretärin darum, sofort Lars Paulsen in sein Büro zu schicken. Ein paar Minuten später stand sein Kollege vor ihm. »Lars Paulsen, mein Kollege. Und das ist Sandra Rethel. Eine wichtige Zeugin in unserem Fall«, machte er beide miteinander bekannt. »Frau Rethel vermisst ihre Freundin, die Jan Wilkes Assistentin ist. Sie war an dem besagten Abend vermutlich im Theater und ist mit großer Wahrscheinlichkeit …« Berger zögerte und verschluckte den Rest des Satzes mit Blick auf Rethel.

Die begriff in dem Moment, in dem sie selbst laut ergänzte: »… das weibliche Opfer. – Meinen Sie wirklich, Herr Berger?« Sandra Rethel schluchzte laut los.

»Hat Caroline – Wie heißt sie weiter? – keine Verwandten in Schwerin?«

»Sie heißt Holm. Ihre Eltern wohnen in Donaueschingen im Schwarzwald. Ihr Bruder arbeitet in der Schweiz. Die Familie ist zerstritten. Es ging ums Erbe, ein Testament, um sehr viel Geld. Caroline hat keinen Kontakt zu ihnen.«

»Frau Rethel, wir müssen die Familienangehörigen ausfindig machen … oder würden Sie sich zutrauen …?«, setzte Berger vorsichtig die Frage an.

»Nein, bitte nicht. Verlangen Sie nicht, dass ich Caro identifizieren soll. Das mache ich keinesfalls«, flehte sie.

»Vielleicht finden wir eine andere Möglichkeit«, mischte sich Paulsen ein.

»Es reicht doch, wenn Sie eine DNA-Probe machen! Das sehe ich jeden Sonntag im ›Tatort‹«, schlug sie vor, um Bergers Bitte zu umgehen.

»So einfach ist der Abgleich nicht. Frau Holm ist vermutlich nicht wegen einer Straftat in unserer Datenbank registriert.«

»Aber man kann doch mit einem Zahnstatus auch herausbekommen, wer die tote Frau ist. Caro hat die gleiche Zahnärztin wie ich. Soll ich Ihnen den Namen geben?«

Berger bemerkte, hier saß eine Krimi-Expertin vor ihm.

»Oder noch besser, Herr Berger. Ich habe etwas zu Hause, wovon Sie DNA-Spuren nehmen können!«

Der leitende Kommissar staunte, wie hilfsbereit und aufgeschlossen die junge Frau war, um herauszubekommen, ob es sich bei der Verstorbenen tatsächlich um ihre Freundin Caroline Holm handelte. »Was haben Sie denn als Nachweis?«

»Ich habe Caros Sauna-Tuch. Sie ist an dem Tag so schnell nach Hause geeilt. Da hat sie das Handtuch in der Umkleide liegen lassen. Ich habe es mitgenommen. Heute Abend wollte ich es eigentlich mit meinen Handtüchern mitwaschen. Dann hätte ich ihr das saubere Handtuch beim nächsten Sauna-Besuch zurückgegeben. Aber das ist ja …« Sie fing wieder an zu weinen.

»Frau Rethel, wir könnten das Handtuch bei Ihnen sofort abholen oder uns auch Zutritt zur Wohnung oder zum Büro von Frau Holm verschaffen. Auch über die Zahnärztin wäre ein Abgleich möglich. Aber das Handtuch ihrer Freundin würde uns am schnellsten bei unseren Ermittlungen weiterhelfen.«

»Ja, ich gebe es Ihnen sofort. Dann muss ich nicht in die Rechtsmedizin, oder? Liegt Caro da in einem Kühlfach?«

»Ja, sie ist noch in der Rechtsmedizin. Ich denke, das Saunatuch reicht uns erst einmal aus«, beruhigte Paulsen sie.

»Frau Rethel, ich muss Sie noch etwas fragen.« Berger wartete die Reaktion auf seinen Satz ab.

»Ja, fragen Sie ruhig! Es geht gleich wieder.« Sie schnäuzte noch einmal kräftig in ihr Taschentuch.

»Wenn die tote Frau Ihre Caro ist, haben Sie sich bestimmt auch vertrauliche Dinge erzählt, nicht wahr?«

»Ja.«

»Ist Frau Holm Ihre Lebensgefährtin?«

»Nein.«

»Könnte es sein, dass Ihre Freundin ein Verhältnis mit ihrem Chef, dem Architekten Jan Wilke, hatte?«

»Warum fragen Sie mich das? Sie können ihn doch selbst fragen. Ich möchte nichts Falsches sagen.«

»Herr Wilke ist leider spurlos verschwunden«, erklärte Berger.

»Was? Der Wilke ist weg?«, fragte die Frau sichtlich überrascht.

»Ja.«

»Nein, ich glaube nicht, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Er ist verheiratet. Ich glaube aber, dass Caro ihn angehimmelt hat. Er war immer sehr nett und zuvorkommend zu ihr. Und attraktiv ist er auch. Ich habe ihn einmal gesehen, als ich Caro zur Mittagspause aus ihrem Büro abgeholt habe. Vielleicht hat er ja am Mittwoch angerufen und sie ins Theater eingeladen?«, kombinierte sie das aufgeregte Verhalten ihrer Freundin nach dem mitgehörten Anruf.

»Mag sein«, antwortete Berger. »Lars, würdest du bitte Frau Rethel nach Hause fahren, das Handtuch mitbringen und gleich bei den Kollegen der Spurensicherung abgeben? Wir benötigen dringend einen DNA-Abgleich. Ich bin zu neunundneunzig Prozent sicher, dass das Opfer Caroline Holm ist. Ich mache mich jetzt auf den Weg zu Frau Wilke.« Berger stand auf. »Vielen Dank, Frau Rethel, Sie haben uns sehr geholfen und uns wichtige Hinweise geliefert. Ganz lieben Dank und mein herzliches Beileid, dass Sie vermutlich Ihre beste Freundin auf so tragische Weise verloren haben. Wenn wir die absolute Gewissheit haben, melden wir uns bei Ihnen noch einmal.«

Sandra Rethel und Lars Paulsen verließen gemeinsam das Büro.

Thomas Berger machte sich auf den Weg zu Verena Wilke. Die Neuigkeiten wollte er ihr persönlich mitteilen, um ihre Reaktion von Angesicht zu Angesicht mitzubekommen.

Kapitel 9

Hauptkommissar Thomas Berger klingelte eine halbe Stunde später an der Wohnungstür der Wilkes. Da sich nichts tat, aber ein Auto mit dem SloganIhre Goldschmiedin mit ganz viel Herz und Engagement vor der Tür stand, ging er ums Haus herum und entdeckte dort Verena Wilke bei ihrer Arbeit. Berger klopfte vorsichtig an die Fensterscheibe des kleinen Ateliers. »Hallo, Frau Wilke, darf ich reinkommen?«

Sie fuhr zusammen, als sie ihn erblickte. »Oh, Gott, Herr Hauptkommissar! Jetzt haben Sie mich aber erschreckt.« Wilke legte ihr filigranes Werkzeug und einen silbernen Armreif vorsichtig auf dem Arbeitstisch direkt unter einer kleinen Arbeitslampe ab. »Kommen Sie doch rein, Herr Hauptkommissar!«, forderte sie ihn freundlich auf.

Der Herr Hauptkommissar trat ein und schaute sich flüchtig um.

»Gibt es etwas Neues, Herr Hauptkommissar? Haben Sie meinen Mann gefunden?« Verena Wilke sprach schnell und mit hoher Stimme.

»Nein, wir haben ihn bisher nicht gefunden. Es gibt aber dennoch Neuigkeiten.«

»Ja, was denn?« Wilke stand regungslos da und war gespannt, was ihr Besucher berichten würde.

»Heute hat sich eine junge Frau gemeldet, die ihre Freundin vermisst. Diese Freundin ist letzten Mittwoch ins Theater gegangen und ist vermutlich diejenige, die durch die Explosion ums Leben gekommen ist.«

»Das ist ja schlimm. Aber warum erzählen Sie mir das?«, entgegnete sie und hob dabei ihre Schultern fragend in die Höhe.

Berger sammelte sich kurz, um nichts Falsches zu sagen: »Ich erzähle Ihnen das, weil vermutlich diese verstorbene junge Frau die Assistentin Ihres Mannes war. Wir benötigen nur noch einen DNA-Abgleich zur Bestätigung.«

»Wie bitte? Caroline Holm ist die tote Frau aus dem Theater? Das kann doch nicht sein. Wo ist denn mein Mann? Die beiden waren zusammen im Theater? Das glaube ich jetzt nicht.«

»Weitere Details kennen wir noch nicht, Frau Wilke. Vielleicht waren sie zusammen im Theater? Vielleicht war ihr Mann aber gar nicht dort und nur Frau Holm allein? Wir sind immer noch beim Abgleichen der Gästelisten, wer genau auf welchem Platz gesessen hat. Mein Kollege konnte vor ein paar Minuten einen der verletzten Männer im Klinikum befragen, wie die Frau im Theater aussah, die neben ihm gesessen hat. Die Beschreibung trifft auf die Assistentin Ihres Mannes zu.«

»Hat der Befragte auch meinen Mann irgendwo in der Nähe gesehen?«

»Das konnten wir bisher nicht ermitteln«, erklärte Berger.

»Frau Holm ist ja eine sehr attraktive Frau. Meinen Sie, mein Mann und Frau Holm haben …«, sie verbesserte sich schnell, »… hatten ein Verhältnis?«

Berger war erleichtert, dass Wilke selbst die Frage aufgeworfen hatte. »Wir wissen es nicht. Ich habe diesen Fakt auch erst bedacht, nachdem eine Freundin von Caroline Holm bei mir in der Polizeiinspektion war.«

»Können Sie mir bitte die Telefonnummer der Freundin geben?«, bat Verena Wilke.

»Nein, das darf ich aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht. Ich kann aber Frau Rethel fragen, ob ich Ihnen ihre Handynummer übermitteln kann.«

»Oder sagen Sie doch bitte Frau Rethel, dass ich sie gern sprechen würde und geben Sie ihr einfach meine Telefonnummer.« Sie holte eine Visitenkarte aus dem Regal ihrer Werkstatt.

»Danke, Frau Wilke. Aber Sie hatten mir schon eine Ihrer Karten gegeben, als Sie die Vermisstenanzeige bei mir aufgegeben haben.«

»Ja, stimmt.« Nach einer kurzen Pause fragte sie: »Herr Hauptkommissar, wissen Sie, was mich traurig macht? Warum war mein Mann mit Caroline Holm im Theater und nicht mit mir? Da stimmt doch irgendetwas nicht. Mein Mann hat mich immer zu Events mitgenommen. Nur diesmal nicht. Und jetzt ist seine Assistentin tot und er spurlos verschwunden …«

Berger wollte die Frau nicht in ihrem Schmerz allein lassen und wechselte schnell das Thema. »Das ist aber eine schöne Werkstatt, Frau Wilke. Ich bewundere Ihre handwerklichen Fähigkeiten.« Dabei schaute er sich aufrichtig interessiert um.

»Ja, das Goldschmiede-Handwerk gehört zu den ältesten Gewerben der Welt. Ich habe den kleinen Traditionsbetrieb in nunmehr vierter Generation übernommen. Wir haben keine Kinder und daher wird das Juwelier-Geschäft wohl oder übel mit mir auslaufen. Ich habe auch schon versucht, eine Auszubildende oder einen Auszubildenden zu bekommen. Aber das Interesse der jungen Frauen oder Männer scheint hinsichtlich dieses Berufes nicht so groß zu sein.«

»Das ist ja schade«, bedauerte Berger.

»Ich liebe meinen Beruf. Individuelle Schmuckstücke sind mein Steckenpferd. Jedes Teil sieht anders aus. Keine maschinell hergestellte Ware. Ich arbeite genau nach den Wünschen meiner Kunden. Das macht mir Freude und erfüllt mich.«

»Das glaube ich Ihnen, Frau Wilke.« Berger sah, dass er sie wieder auf andere Gedanken gebracht hatte. »Der Armreif, den Sie gerade in den Händen hatten, ist auch sehr, sehr schön.«

»Vielen Dank, Herr Hauptkommissar.« Sie lächelte ein wenig. Berger wollte gerade entgegnen, dass sie seinen Rang in der Anrede nicht ständig benutzen müsse, da fuhr sie fast gedankenversunken fort: »Herr Hauptkommissar, mein Mann und ich … wir lieben uns. Er hat kein Verhältnis mit Frau Holm. Niemals! Das können Sie mir glauben! … Oder denken Sie, er ist einfach untergetaucht und abgehauen?«

»Ich glaube Ihnen, Frau Wilke«, antwortete Berger. Was er aber dachte, war, dass er schon viele Ehepaare kennengelernt hatte, deren äußeres Erscheinungsbild nicht den wirklichen Tatsachen entsprochen hatte.

»Sie glauben mir nicht, Herr Hauptkommissar«, zweifelte Verena Wilke die Antwort des Kommissars an.

Berger schaute ihr direkt in die Augen: »Dann sagen wir mal so, Frau Wilke, ich hoffe, dass Sie recht haben. Daran glaube ich.«

»Das ist eine ehrliche Antwort, Herr Hauptkommissar.«

»So, Frau Wilke, ich muss wieder los. Wir arbeiten mit Hochdruck an der Suche nach Ihrem Mann.«

»Ja. Sie werden ihn bestimmt finden. Vielen Dank, dass Sie bei mir waren. Vielen Dank!«

Verena Wilke verabschiedete Thomas Berger, setzte sich an ihren Arbeitsplatz und begutachtete den silbernen Armreif, der kurz vor der Fertigstellung stand.

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Объем:
211 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783356023640
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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