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Meinen Eltern und Schwiegereltern in Dankbarkeit
Inhalt
Hinweise
Ein Geheimnis fliegt auf – Drama in zwei Akten
Prolog
Liebe und Entwicklung – Wirkung und Nebenwirkungen – Die romantische Utopie – Versprechen
Die Liebe, ein himmlisches Geschenk?
Poesie gegen Ökonomie – Liebe als Kulturgut – Liebenswertes und Gehässiges – Liebe und Manie
Leidenschaft, Zwiespalt und Krise
Bleibendes und Veränderliches – Ambivalenz und Moral – Selbstentwicklung und Selbsterhaltung – Scham und Schuld – Exklusive Intimität – Das Ungehörige und das Verbotene – Das Verborgene – Ruhige und aufregende Zeiten – Grenzen und Grenzgänge – Krisendynamik und Veränderung
Entwicklungen und Verwicklungen
Der Grund der Liebe – Die Flüchtigkeit des Rauschs – Gestaltpsychologie der Liebe – Beziehung und Entwicklung
1 Die doppelte Angst der einsam Verliebten
Verzauberte Ohnmacht – Die Verwirklichung der Liebe – Gestaltpsychologischer Einschub: Der Kontaktprozess – Halbe und ganze Zuwendung – Symbiotischer Sog – Waghalsigkeit und Beharrlichkeit – Das Zögern des Alleinstehenden – Sehnsucht und die Angst vor dem Fall – Kleiner Ratgeber
2 Selbstkontrolle oder symbiotisches Schweben
Ausschweifung und Zurückhaltung – Gehobener Selbstwert und alte Verhältnisse – Der zügellose Blick – Jenseits und Diesseits; eine Verteilungsfrage – Gestaltpsychologischer Einschub: Vom Kontakt zur Beziehung – Unmittelbarkeit und Beziehung – Liminalität und Normalität – Intime Hingabe – Intime Muster – Intimer Schutz – Intime Grenzen und Eifersucht – Vom Scheitern der Symbiose – Kleiner Ratgeber
3 Kämpfe um Liebe, Autonomie und das richtige Leben 126
Vorlieben und Abneigungen – Einfache Widersprüche – Eltern oder Liebende: ein Einschub, der nicht aufzuschieben ist – Ein Horizont zerfällt – Gefühle und Relationen – Fanatismus und Gefasstheit – Zweiter Gestaltwandel der leidenschaftlichen Liebe – Verhandeln und Verzicht – Halten oder Loslassen – Kleiner Ratgeber
4 Rituale, gewohnte Konflikte und Überdruss
Beziehung als Heimat – Gestaltpsychologie der Gewohnheit – Die Zähmung der Unmittelbarkeit – Faktisches und gefühltes Zuhause – Fehlendes und Vernachlässigtes – Entfremdung – Existenzielle Einsamkeit – Bikulturelle Befremdung und befremdende Übergänge – Gestaltpsychologischer Einschub: Gezähmte Leidenschaft – Rock ’n’ Roll und die Ordnung der Dinge – Freiwillige und verordnete Treue – Zwischen Heimatgefühlen und sinkendem Selbstwert – Ein neuer Anfang oder das Ende? – Gleichförmige Sicherheit – Radikale Dialoge und die persönliche Scham – Kleiner Ratgeber
5 Verluste und Nöte alter Paare
Altern – Die abnehmende Welt des alten Paares – Gestaltpsychologie des alten Paares – Aufschub und Frieden – Ungleichzeitigkeit und Rollenumkehrung – Angelebte Motive und unverarbeitete Erfahrungen – Kleiner Ratgeber – Diesseits- und Jenseitserweiterungen – Sterben und Tod – Vermächtnis
Epilog
Ein vorläufiger Nachtrag zum Epilog
Literatur
Zum Autor
Hinweise
Die Liebe ist eine schwierige Angelegenheit, und obgleich sie Angst einflößen kann und sich nicht zwingen lässt, Liebesbeziehungen mitunter Qualen bereiten und Paare reihenweise an sich selbst scheitern, existiert kein achtbarer Grund, vor der Liebe Reißaus zu nehmen. Im Gegenteil, die Liebe macht Sinn und sie gibt unserem Leben Sinn. Lassen Sie sich mit Enthusiasmus den Kopf verdrehen, immer wieder aufs Neue!
Wilhelm Hennis, der sich als politischer Philosoph verstand, sprach davon, dass nichts für den Menschen von Wert ist, was er nicht immer wieder mit Leidenschaft tut. (Hennis 1977) Dass im ›Immer-Wieder‹ und ›Fortwährend‹ das Kernproblem der Leidenschaft steckt, war ihm bewusst. Deswegen hat er auf die Verbindung von Leidenschaft und Einsicht gepocht. Liebespaare kommen ohne die Kombination von Hingabe und Rücksichtnahme, Einsatz und Bescheidenheit nicht weit.
Wer sich auf die Liebe einlässt, muss wissen, wie man mit leidenschaftlichen Dramen und schwierigen Entwicklungen umgeht. Man fängt am besten damit an zu akzeptieren, dass Krisen unvermeidbar sind, kein Leben fehlerlos bleibt und niemand ohne Widersprüche ist.
Soll also eine Liebesbeziehung auf lange Sicht gelingen, muss man unterscheiden lernen, was zu welchem Zeitpunkt Sinn macht und was nicht. Wofür lohnt es sich anzustrengen und was sollte man besser unterlassen? Vor allem aber, wie lassen sich aufreibende Verwicklungen auflösen, wie findet man aus Sackgassen wieder heraus, wie bewältigt man anstehende Veränderungen und wie lässt sich Unveränderliches ertragen? Davon erzählt dieses Buch.
Dieses Buch ist all denen gewidmet, die mitunter an der Liebe zweifeln und verzweifeln, aber ganz besonders den Verzagten und Mutlosen. Es lotst Sie sicher durch die Strapazen und Tragödien einer Langzeitbeziehung.
Bevor es losgeht, möchte ich kurz den Aufbau des Textes erläutern. Die Entwicklungen und Themen, um die es sich drehen wird, werden aus der Perspektive der gestalttherapeutischen Prozesstheorie erklärt. Da die Liebe ein Phänomen zwischen Menschen ist, ihre Verwirklichung sich mithin im realen Leben entscheidet, berichten einzelne Personen an passender Stelle in Monologen und Dialogen von ihren Erfahrungen oder ich habe zur Veranschaulichung mir zugetragene Geschichten eingestreut. An vielen Plätzen sind auch Literaturbeispiele, Gedichtauszüge, Filme und Musikstücke angeführt.
Das mag auf den ersten Blick überbordend geraten sein, ist aber so gewollt. Wenn es um die Liebe geht, zeigen uns Menschen, was die Liebe und das Leben aus ihnen macht, geben Künstler der Liebe ihre eigentliche Sprache und eine brauchbare Theorie bastelt den Orientierungsrahmen um subjektive Erfahrungen. Die Liebe und die Künste erheben den Mensch aus seiner materiellen Realität und erfüllen die Welt mit Sinn, heute mehr denn je. Ohne eine poetische Beleuchtung kann ich mir die Liebe, selbst ein Kunstwerk, nicht vorstellen und ohne dass man sich in die Arme der Melancholie retten könnte, sind die Martyrien der Liebe kaum auszuhalten; mit all dem aber wohl.
Nichts im Leben bleibt einfach, wie es ist. Der Text greift daher zwei wesentliche Prozesse auf, die im Kontext der Liebe eine besondere Bedeutung besitzen. Gemeint sind einmal der Vorgang der Veränderung selbst und zum anderen die Konsequenzen von Entwicklungen. Aus gestalttherapeutischer Sicht stellen sich dazu folgende Fragen: Wie passiert Veränderung, beziehungsweise was ist die Struktur des Wandels? Und weiter: Mit welchen Entwicklungen müssen Menschen rechnen, wie verändert sich die Qualität von Liebesbeziehungen auf lange Sicht? Beide Prozesse lösen Konflikte und Krisen aus, beide Prozesse können daher nur im Zusammenhang mit den dabei auftauchenden Konflikten und Krisen verstanden werden und in ihnen spiegelt sich das grundlegende Paradox der Liebe.
Dieses Buch ist auch in anderer Hinsicht ein Zwitter. Es ist ebenso eine Art Kompass, der uns durch die Welt der Liebe führt, ein Bewegungsinstrument wie auch eine Landkarte, die uns Orientierung im Überblick anbietet. Damit kann man ziemlich weit kommen. Wie weit, das entscheidet sich im Tun. Die Liebe ist eine begrenzte Sache zwischen zwei Personen und die große Geschichte der Liebe schreibt sich beständig weiter.
Liebesmühen riskiert einen Blick in die Tiefen und Untiefen von Liebesbeziehungen. Das Buch leuchtet dort hin, wo sich Ängste, Zweifel und Abneigungen verstecken und geht gedanklich in Gefilde, wo man nicht gerne alleine ist. Manchmal brauchen wir jemanden, der uns einen Moment an die Hand nimmt. Dann, wenn uns Verluste drohen, und ganz besonders, wenn wir nicht mehr aus noch ein wissen. Manchmal hat man nur noch Fragen, aber keine Antworten; manchmal verlässt uns das Gespür, wohin es gehen soll, und manchmal verschwindet auch der letzte Funken Hoffnung. Spätestens dann sollte man sich fragen, auf was es wirklich ankommt im Leben. Das Buch ist als Ermutigung gedacht, sich den komplizierten Seiten der Liebe zu stellen und immer wieder aufs Neue etwas zu wagen.
Leseempfehlung
Hennis, W. (1977): Politik und praktische Philosophie, Klett-Cotta, Stuttgart
Ein Geheimnis fliegt auf – Drama in zwei Akten
Eines Tages rief Frau F. von unterwegs an. Sie hatte ihr Mobiltelefon zu Hause vergessen und bat ihren Mann, rasch eine gespeicherte Telefonnummer für sie nachzusehen. Auf der Suche nach dem Telefon fand Herr F. zwei Konzertkarten. Ihm wurde warm ums Herz. Er vermutete, es handele sich um eine Überraschung, und behielt die Entdeckung für sich.
Am Tag des Konzertes teilte ihm seine Frau mit, dass sie abends noch mit Kolleginnen verabredet sei und es später werden könne. Er brauche nicht auf sie zu warten. Der Ehemann sah sicherheitshalber noch einmal in der Zeitung nach. Ein Irrtum war ausgeschlossen, das Konzert war heute. Da kam Herr F. ins Grübeln.
Seine Ehefrau kam später als erwartet nach Hause. Er lag hellwach im Bett. Sie begann sich im Dunkeln leise auszukleiden. Als er sie in die Stille hinein fragte, woher sie jetzt komme und hinzufügte, er wisse zumindest, wo sie den ersten Teil des Abends verbracht habe, musste sie sich setzen. Sie nahm einige Atemzüge Anlauf, dann gestand sie ihm eine Affäre mit einem anderen Mann. Die heimliche Beziehung ging bereits über ein halbes Jahr.
Lange nach diesem Abend sagte Frau F., im Nachhinein sei sie heilfroh, dass die Sache damals aufgeflogen sei. Sie habe sich immer tiefer in ein angespanntes Doppelleben verstrickt und nicht mehr gewusst, wie sie da je wieder herauskommen werde. Ihr Liebhaber hatte die Hoffnung, die Offenlegung könnte zur endgültigen Trennung von ihrem Mann führen. Sie selbst dachte nicht entfernt daran. Nach dem ersten Chaos war sie vielmehr erleichtert, dass die Heimlichkeiten und Lügen endlich vorbei waren. Seitdem fragt sie sich, wie sie die Beziehung mit ihrem Mann wieder hinbekommt. Der sagt, ihr zu verzeihen hänge entscheidend davon ab, ob er begreife, warum das geschehen sei. Warum gerade ihm, der immer treu war, und warum gerade jetzt?1
Prolog
Von Deinen Sinnen hinaus gesandt geh bis an Deiner Sehnsucht Rand
Rainer Maria Rilke
Bisweilen beschleichen uns Ahnungen, und manchmal sind wir überzeugt, dass es schlecht enden wird. Aber oft bricht es aus heiterem Himmel über uns herein, sind es schockierende Entdeckungen, die uns viel zu spät vor Augen führen, dass etwas Grundlegendes nicht mehr in Ordnung ist. Tatsächlich verschleiern solche Episoden wie die geschilderte eher, was im Schatten des Alltags schon länger schief gelaufen ist und die Beteiligten unglücklich gestimmt hat. All die erduldeten Kränkungen, das Nachlässige und Lieblose, die beiläufigen Gehässigkeiten, die wir bei Lichte betrachtet gar nicht gewillt sind hinzunehmen, übersehen und verdrängen wir so lange, wie es uns gelingt, irgendwie damit zurecht zu kommen. Bis es nicht mehr geht oder eine Belanglosigkeit das Fass zum Überlaufen bringt.
Seitensprünge wie jener von Frau F. müssen sich nicht zutragen, passieren aber immer wieder. Im Fremdgehen zeigen sich die Widersprüche und Rückschläge eines Lebens, das einstmals angetreten war, sich alles zu sein. Ohne Fehl und Tadel, ohne das unschöne Andere auszukommen, ist unmöglich. In jeder Liebesbeziehung kommt es zu Vertrauensbrüchen, hat man Geheimnisse voreinander und geht auch eigene Wege. Manches davon spielt keine Rolle, manches tut der Beziehung sogar gut, anderes bekommt ihr schlecht.
Nur mit den Lügen ist es so eine Sache. Die meisten Lügen fliegen früher oder später von selbst auf. Dafür kennt man sich zu gut und teilt zu viel. Und obwohl wir wissen, wie schnell es schief gehen kann, handeln wir immer wieder mal auch im Verborgenen. Auch Liebende hintergehen sich und schummeln Dinge aneinander vorbei. Unerkannt scheint manches einfacher zu gehen, und unbeobachtet wird mancher Schritt auch erst getan. Cosi fan tutte!Hin und wider tut es jeder.
Seltsamerweise glaubt die Mehrheit dennoch felsenfest, Untreue sei der überwiegende Ausdruck eines mangelhaften Charakters. (So denken zumindest die Hintergangenen.) Nicht gar so viele halten die fehlende erotische Standfestigkeit für eine Konsequenz wahrhaftiger, nämlich nicht zu bändigender Leidenschaft oder schreiben es wenigstens schicksalhaften Verwicklungen zu. (So argumentieren oft die Romantischen und Wankelmütigen.) Wenn das an sich Verwerfliche ohnehin vorkommt, dann sollten Affären wenigstens gekonnt vertuscht werden. Zu viel amouröses Durcheinander bringt das Leben unnötig aus dem Lot und gehört sich einfach nicht. (So mahnen die Sturmerprobten.) Ob mehr mit moralischer Entrüstung, mehr mit lustvollem Fatalismus oder durch die weise Brille der Erfahrung betrachtet, Unverlässlichkeit in der Liebe ist anrüchig und trägt den dicken Stempel des Vermeidbaren.
Leidvolle Sequenzen gehören aber ebenso zur Liebe wie die auf ewig geschworene Treue; und obwohl Leid die untrennbare Kehrseite der Leidenschaft ist, soll kein Kummer die Liebe trüben und die Treue niemals nachlassen. Dennoch passiert es und es verändert die Beziehung. (Illouz 2011) Da helfen keine Schwüre und keine Tabus. In jeder Liebesbeziehung stellt sich vielmehr die Frage, was dem Einzelnen so schwer fällt zu lassen, beziehungsweise welche anderen Motive neben unseren liebevollen Absichten noch in uns arbeiten. Was sind das für ›dunkle Antriebe‹, die uns in Schwierigkeiten bringen? Anders gefragt: Lohnt es der Mühen, Dinge aufhalten zu wollen, die scheinbar nicht aufzuhalten sind, und umgekehrt bedacht, lohnt es der Probleme, die uns manches Unbedachte und unsere andere Seite einbringen?
Solchen Fragen soll hier auf den Grund gegangen werden, wobei es um den flagranten Treuebruch gar nicht in erster Linie geht. Leidenschaftliche Fiasken und ihre misslingenden Vertuschungsversuche sind der übliche Stoff eines Dramas, der nur deshalb zu Krisen führt, weil Paare ihn ausschließen. Katastrophen in der Machart des Paares F. werden in den folgenden Kapiteln quasi nebenher besprochen. Viel schwieriger ist es, und darauf liegt die Aufmerksamkeit des Buches, die normalen Entwicklungen und Wendungen einer Liebesbeziehung, sozusagen die einfachen komplizierten Dinge des gemeinsamen Lebens, hinzubekommen.
Dieses Buch hat das Mühevolle einer Liebesbeziehung zum Thema. Es geht der Frage nach, wie man leidvollen Entwicklungen und Irrungen konstruktiv und liebevoll begegnen kann. Liebesmühen dreht sich hauptsächlich um das Zwangsläufige, um die unaufhaltbaren Veränderungen eines Paares, die erlittenen Enttäuschungen, Ermüdungen und den einsetzenden Überdruss; schlicht, es geht um die unvermeidbaren Störungen einer Lebensgemeinschaft, die auf Liebe beruht, und um die Haltung, mit der man Krisen und Traumata sinnvoll begegnen kann.
Normalerweise ist es so, das wir uns um anstehende Korrekturen so lange herumdrücken, wie es nur eben gelingt, ohne Konsequenzen durchzukommen. Da ist es in der Liebe nicht anders als im sonstigen Leben. Besonders in Liebesdingen legen wir großen Wert darauf, dass sich möglichst wenig ändert. Die Liebe, so wie sie begonnen hat, ist einmalig in ihrer Art, soll sich nicht wandeln. »Verweile doch, du bist so schön!« ist keine Poesie für schlichte Gemüter. Hinter Fausts Flehen steckt Goethes Verständnis über die Paradoxie einer gesitteten und gleichsam leidenschaftlichen Lebensführung. (Goethe 1998) Nun wissen wir aber, es ist uns nicht vergönnt, die Zeit anzuhalten, auch in der Liebe nicht. Gerade Paarbeziehungen unterliegen unaufhaltsamen Wandlungen.
Liebe und Entwicklung
In der Unaufhaltbarkeit des Wandels ist die Liebesbeziehung dem griechischen Drama ähnlich. Das dramatische Schauspiel besitzt eine weitläufig vorgezeichnete Choreographie. Es unterliegt Gesetzmäßigkeiten und muss nicht schlecht enden, aber sein Verlauf wird den Protagonisten aufgezwungen. Die Entwicklungen einer Liebesbeziehung finden auf eine vergleichbare Weise statt, und zwar einfach, weil wir die Beziehung leben, aus keinem anderen Grund. Innerhalb des Ablaufes haben wir es natürlich in der Hand, Einfluss zu nehmen, darauf nämlich, welche Entscheidungen wir treffen und welche Haltungen wir einnehmen wollen. Aber niemand kann den grundlegenden Entwicklungsprozess einer Liebesbeziehung umschreiben. Das Skript der psychologischen Wandlungen steht fest, alles Weitere ist individueller Natur und wird von den Umständen geprägt.
Zunächst hört sich diese Aussage seltsam fatalistisch an. Sind es denn nicht in erster Linie vermeidbare Situationen, Umgangsweisen und unvorhersehbare Schicksalsschläge, die eine Beziehung belasten und in die schwierige Richtung navigieren? Das auch, aber neben den problematischen Ereignissen, die auf unserem persönlichen Mist gedeihen, für die wir Verantwortung tragen, findet unterschwellig eine kontinuierliche Umwälzung statt, die langsam, aber stetig unsere Wahrnehmung und unser Handeln transformiert. Diese Entwicklung ist das psychologische Resultat ständig anwachsender Erfahrungen miteinander. Sie verläuft jenseits des Einflusses unseres guten oder schlechten Willens.
Der Romantiker in uns schreit wahrscheinlich längst laut auf: Muss es denn wirklich immer kompliziert werden und kann es nicht nur schön und leicht bleiben? Nein, einfach und ›wie von selbst‹ geschieht das nie auf Dauer, weil nichts bleibt, wie es beginnt. Was einem Paar absehbar widerfährt und wie ein Paar die vorgezeich neten Veränderungen meistern kann und sogar davon profitiert, ist das Thema dieses Buches: Es geht um Herausforderungen, die man verweigern kann, an denen man scheitern kann oder an denen man gemeinsam wächst.
Trotz eigener Erfahrungen und zugetragener Geschichten, die sich mit der Eingangsszene vergleichen lassen, und im Bewusstsein um vielerlei Anfechtungen anderer Art sind unsere Sehnsüchte unbeirrbar auf die ewig störungsfrei verbundene Liebe gerichtet. Das untermauern zahlreiche Untersuchungen zum Thema. Im tiefsten Inneren scheint der moderne Mensch der Vision verfallen zu sein, dass eine Zweisamkeit in Liebe unantastbar und unveränderlich zu sein hat. Was der beflügelnde Traum geflissentlich übersieht, sind die Fährnisse des alltäglichen Lebens. Eine erotische Dreiecksbeziehung – also ein Beziehungsgeflecht, in dem normalerweise eine Person leidenschaftliche Beziehungen zu zwei anderen unterhält, wovon die eine meist unterschlagen wird – ist dabei nur eine Variante an sich verwickelter Gefühlslagen und Tatsachen, mit denen ein Paar zurecht kommen muss.
Wirkung und Nebenwirkungen
In Wirklichkeit balancieren wir ständig zwischen widerstreitenden Motiven und von uns oder anderen geschaffenen Gegensätzen und – das ist das eigentlich Überraschende daran – geraten darüber recht selten in existenzielle Schieflagen. Dennoch verzehren wir uns nach dem Bild der einfachen und erhabenen Liebe. Wir alle stehen (mal mehr mal weniger) unter dem Einfluss des romantischen Liebesideals: Du bist mein Ein und Alles! So erwarte ich es auch umgekehrt und so soll es von uns beiden auf immer empfunden und praktiziert werden. Gegen diesen strahlenden Traum scheint noch immer kein Einwand gewachsen.
Es ist überflüssig, gegen solche Hoffnungen anzugehen. Warum auch? Lieber scheitern wir mehrfach an der schönen Idee, als diese letzte und höchste aller Utopien aufzugeben. Es kann also nicht meine Absicht sein, den Liebeswahn zu diskreditieren. Ich möchte aber auf Probleme verweisen, die uns begegnen, wenn wir der Liebe folgen und uns quasi bedingungslos ›auf ewig und durch schlechte Zeiten hindurch‹ verbinden oder, nur scheinbar schlauer, schon am Anfang versprechen, uns lieber wieder im Guten zu trennen, als uns jemals etwas Böses anzutun. Mit diesem oder einem ähnlichen Glaubenssatz fängt alles an.
Die in unseren Köpfen spukende Vision der totalen Zweisamkeit kann mit einsetzenden Ambivalenzen und Paradoxien schlecht umgehen. Sie lässt keine Unzuverlässigkeit zu und auch sonst nur wenig Störendes. Die leidenschaftliche Liebe ist ein radikaler Glaube an das völlige Glück und eine Festschreibung der Zukunft. Bis zu einem gewissen Grad kommt das eine Weile ja auch hin. Empirisch betrachtet, belasten unübersichtliche und unsichere Beziehungen die Psyche. Daher und aus vielen anderen Gründen setzen wir uns ungern damit auseinander, dass auch eine Liebesbeziehung dazu zwingt, sich mit dem Scheitern zu beschäftigen, sich am Realisierbaren zu versuchen und einzusehen, dass eine gelebte Beziehung immer mehr und anders ist als reines Wunschdenken.
Es ist fast wie mit einem Psychopharmakon. Einmal geschluckt entfaltet es neben der beabsichtigten Wirkung unerwünschte Nebenwirkungen, und immer wieder verabreicht, verändert es die Aufnahmefähigkeit der Rezeptoren und damit die gewünschte Wirkung. Anhaltende Perioden der Einnahme einer kräftigen Substanz bewirken über kurz oder lang ein schwer entwirrbares, diffuses Irgendwas von allem, wodurch der Organismus belastet wird, an das er sich dennoch gewöhnen will, worüber er sich umorganisiert und das er nun braucht, obwohl es nicht gut tut.
Eigentlich bewirkt mehr oder minder jedes den Organismus außergewöhnlich beeinflussende Stimulans, über lange Zeit verabreicht, zunächst ein Hoch, dann eine abfallende und in Folge eine sich langsam vom Neutralen ins Negative wandelnde Resonanz. Dieser Adaptionsprozess unterliegt dem allgemeinen Prinzip der homöosthatischen Selbstregulation. Die Homöosthase pegelt Einwirkungen vom Außergewöhnlichen ins Gewöhnliche, auch unter negativen Vorzeichen, sofern besondere Umstände oder Energien den Organismus nicht daran hindern, sich dergestalt auszubalancieren. Jener Transformations- und Balanceprozess ist grundlegend für jede Erfahrung, die sich lange genug wiederholt, und besitzt daher Geltung für alle systemischen Vorgänge, auch für die Entwicklung sozialer Beziehungen.
Menschen reagieren auf Abhängigkeit aber meist mit der Hoffnung, dass es wieder werden soll wie zu Beginn, und machen deshalb weiter wie bisher, worauf es immer weniger wird vom ursprünglich Gewollten und immer mehr vom Unbeabsichtigten. Ein Organismus, der sich durch bestimmte Einflüsse verändert hat, kann nicht durch die gleiche Gabe wieder in seinen vorherigen Zustand zurückversetzt werden. Was also tun? Wider besseres Wissen vergebens weiter machen? Keith Richards, der Jahre als Heroinjunkie hinter sich gebracht hat, rückt das Dilemma des Süchtigen in ein poetisches Bild:
Sing me back home with a song I used to hear…
Sing me back home before I die.
(Keith Richards: Life, 2010, 521)
Menschen sind in Wahrheit zwiespältig veranlagt und vielfachen Umständen verpflichtet. Dadurch wird der Horizont eines Paares von vornherein durch wechselnde und unübersichtliche Verhältnisse beeinflusst. Nur während der Verliebtheit des Anfangs schmälert sich die tatsächliche Komplexität des Lebens. Im vorübergehenden seelischen Tunnel wird das Miteinander als vollständig und selbstverständlich empfunden. Man darf die leidenschaftliche Verzückung des Beginns getrost als eine Zeit gemeinsamer Verzauberung ansehen. Diese Atmosphäre trägt aber deshalb auch verrückte Züge. Die Manie der entfesselten Liebe besitzt etwas Unbändiges und Verstandesloses. Unser ansonsten durchaus vorhandenes Vermögen zur Selbststeuerung erhält am Beginn einen ausgedehnten Freigang, anderweitige Interessen und Beziehungen verlieren in dieser Zeit an Wert. Mit der leidenschaftlichen Liebe kann es nichts aufnehmen. Frisch verliebt ist uns egal, wie vielschichtig wir als Person eigentlich sind.
Die verzweigten Lebensumstände Erwachsener beinhalten aber natürlich viel mehr, als eine soeben entfachte Liebe beansprucht. Es wird daher später zur lebenslangen Aufgabe von Paaren, Gegensätzliches, schwierig Vermittelbares und Unvereinbares einigermaßen wohltuend zu jonglieren. Nur zwanghafte Menschen glauben an die Abwesenheit beziehungsweise Kontrollierbarkeit widerstreitender Lebensinhalte. Und wohin das führt, ahnt man sofort. Verliebten fällt aber eine Zeit lang nicht ein, solche Gewissheiten zu berücksichtigen. In der empfundenen, nicht der faktischen Abwesenheit des Alltäglichen, offenbart die Liebe ihren leidenschaftlichen Kern.
Die romantische Utopie
Das Mysterium der modernen Liebe zeigt sich also nicht so sehr in der Schwierigkeit, einen Menschen für ein gemeinsames Glück zu begeistern – und das kann schon schwierig genug sein –, sondern stets an der romantischen Utopie zu scheitern, den emotionalen Augenblick bändigen und für immer erhalten zu wollen. Das gelingt nicht. So, wie sich Menschen ändern, wandeln sich Beziehungen im Lauf der Jahre. Das ist keine Frage persönlicher Kompetenzen, fehlender oder vorhandener Fähigkeiten, sondern Ausdruck der gelebten Gemeinsamkeit. Wir können nicht anders, als uns mit und über unsere Erfahrungen zu verändern.
Illustriert man das charakteristische Fortschreiten einer Liebesbeziehung, hört sich das in etwa so an: Es beginnt, indem unsere Psyche aus eingelösten Sehnsüchten glückliche Erfahrungen macht, aus den anhaltenden Erfahrungen lieb gewordene Gewohnheiten und aus andauernden Gewohnheiten innige Vertrautheit, aber auch zunehmenden Verdruss, der erneut den Wunsch nach dem Seltenen und Unbekannten weckt. Jenes ferne Fremde gerät irgendwann wieder in emotionale Konkurrenz mit dem Steten, nun allzu Bekannten. Der langsam eintretende Wahrnehmungswandel bewirkt, dass wir uns mit den zunehmenden Jahren des gemeinsamen Lebens mehrfach anders empfinden und zueinander verhalten, als zu Beginn. Die meisten Menschen sind über diesen Werdegang enttäuscht und viele auch überzeugt, die Liebe zu einem Menschen sei erloschen, wenn sich Gefühle abschwächen oder neu ordnen.
Das unbedingte Festhaltenwollen emotionaler Ersteindrücke überfordert jedes Paar. Die Vorstellung einer gefühlten und praktizierten Konstanz geht am Wesen der Leidenschaft, am ambivalenten Kern der Psyche und an den verschlungenen Bedingungen des Lebens restlos vorbei. Die erotisch begründete Liebe ist und bleibt ein fragiles und oftmals flüchtiges Gut. Ihre Natur ist die andauernde Verwandlung der Liebenden. Welchen zum Teil komplizierten Wandlungen Paare auf Dauer unterliegen, in welcher Regelmäßigkeit sich Empfindungen und Handlungen ändern, welche Themen und Probleme sich auf dem Weg einstellen, zeigen die nachfolgenden Ausführungen.
Versprechen
Dieses Buch soll keine Angst, vielmehr Mut machen, sich trotz aller vorhersehbaren Verwicklungen und Widersprüche dem Abenteuer Liebe, den Höhen und Tiefen, Turbulenzen und Langeweilen einer Paarbeziehung zu stellen. Selbstverständlich besitzen Sie auch nach der Lektüre weiterhin die Freiheit, der Liebe aus dem Weg zu gehen oder sich fortwährend in neue Abenteuer zu stürzen, so wie es ein Gewinn sein kann, Askese zu üben oder in Abständen den Routinen des Alltags zu entfliehen. Es ist aber eine Expedition ganz anderen Umfangs, wenn man das widersprüchliche Spektrum der Leidenschaft und der eigenen Vielschichtigkeit gemeinsam durchlebt, eventuell gar bis zum Schluss eines Lebens.
Dafür ist viel Einsatz und Mut erforderlich, aber auch die Bereitschaft aufzugeben, was nicht mehr zu halten ist. Eine lange Wegstrecke zusammen zu gehen, verlangt nicht nur die Hingabe an einen Menschen, sondern auch die Ergebenheit hinzunehmen, was nicht miteinander gelingt. Das schließt insbesondere auch die Gabe ein, Unverträgliches und Überholtes loslassen zu können, wenn die Zeit dafür reif ist. ›Bis dass der Tod euch scheidet‹ ist lediglich ein Gelübde für den Rahmen, aber kein Garant für eine gelingende Zweisamkeit.
Was kann dieser schmale Band beisteuern, was Sie nicht schon aus eigener glücklicher und schmerzlicher Erfahrung wissen? Die Antwort ist einfach: Ich erzähle Ihnen ausführlich, was die Leidenschaft zu unterschiedlichen Zeitpunkten einer Paarbeziehung bewirkt, wohin Liebesbeziehungen als Ganzes führen, auch gegen ihre ursprünglichen Absichten, und wie sich Liebespaare langfristig betrachtet ändern, ob es ihnen passt oder nicht. Dabei werden Sie vieles wiedererkennen und manches wird Ihnen unvertraut sein. Ich versichere, nach der Lektüre werden Sie die eigenen Erfahrungen und bisher ungegangenen Schritte, Ihre vermeintlichen Fähigkeiten und Mängel besser verstehen und einordnen. Ihr bisheriges Tun und Lassen erscheint dann in einem logischen Licht als paradoxe Konsequenz gegensätzlicher Antriebe in unterschiedlichen Beziehungsphasen.
Wer das moderne Lebensgefühl mit all seinen Ansprüchen und Widersprüchen als kompliziert akzeptiert – Bourdieu spricht von der schwierigen Freiheit (Bourdieu 1987) – ist nicht nur weniger anfällig für naive Wahrheiten, er verfängt sich auch nicht ganz so hoffnungslos in den ausliegenden Fallstricken. Und wenn doch einmal wieder, findet man schneller und leichter wieder ins Freie. Paare sollten daher unbedingt etwas von existenziellen Konflikten und Krisen verstehen. Wenn eine Liebe auf Dauer erhalten bleiben soll, muss man wissen, wie Zwiespälte und verworrene Verhältnisse entstehen, wie man sich in diese verwickelt und wieder lösen kann.
Was Sie hier allerdings nicht finden werden, sind simple Lösungen. Für was auch immer Sie sich an Stelle von Frau und Herrn F. entscheiden würden, es hätte immer mehrfache Konsequenzen. Ich halte deshalb nichts davon, die Probleme, die sich den Paaren stellen, auf plumpe Weise zu vereinfachen. Und ich vertraue darauf, dass Sie nicht so einfältig sind anzunehmen, eine Liebesbeziehung sei ein einfaches Terrain. Man kann sich aber, gerade in dem Bewusstsein, dass alles schwieriger kommt als gedacht, anstrengen, möglichst eindeutig und liebevoll zu bleiben. Darauf hat der aus Liebe gewählte Mensch ein Anrecht, selbst in schlechten Zeiten.
Leseempfehlung
Bourdieu, P. (1987): Sozialer Sinn. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Goethe, J. W. von (1998): Goethe Werke. Bd. 3, Verlag 2001, Frankfurt/M.
Richards, K. (2010): Life. Wilhelm Heyne, München
Die Liebe, ein himmlisches Geschenk?
But when the Lord of above you sends someone to love you the Blues is something you loose.
Billie Holiday, The Blues are Brewin’2
Nach einer kurzen Atempause sollte den Zeilen ursprünglich noch der Nachsatz folgen: for a little while. Billie Holiday hat das angeblich aus Gründen der Dramaturgie verworfen. So baut der Song einen leichtsinnigen Bogen, der erst später wieder einbricht, dann, wenn die Liebe ihren Höhepunkt überschritten hat. Ohne Glückseligkeit kein Absturz, ohne Vertrauen keine Enttäuschung. Mit Abgründen und Unglück kennt sich die Sängerin aus. Den hässlichen Zwilling der Verliebtheit übersieht sie hier aber generös und besingt das Dunkle dafür umso eindringlicher in anderen Stücken.
Solange wir uns nach Liebe sehnen, erstrahlt sie bar jeden Zweifels, erscheint die Liebe uns als Erlösung. Realisiert sie sich, offenbart sie in der Folge ihre zwiespältige Natur. Die Liebe ist ein durch und durch faustischer Pakt. Wer sich darauf einlässt, wird auch leiden. Aber wir laufen blind, wenigstens jedoch willig, in die Falle. Selbst die Ängstlichen und Zaudernden wollen im Grunde ihres Herzens von der Leidenschaft an der Hand genommen werden, gegen jede engstirnige Vernunft. Im Zauber der Liebe lebt das Erbe der Romantik in uns allen bis heute fort.
Poesie gegen Ökonomie
Eines muss gleich klargestellt werden: Wer die Liebe versucht, entscheidet sich für Poesie und gegen Ökonomie. Mir sind aber nur wenige bekannt, denen bewusst ist, dass die Liebe mehr Mühe macht, als Geld zu verdienen. Die meisten denken, sie kommt, weil man es verdient hat, und vergeht, wenn man Pech hat. Dann ist es vorbei: C’est la vie! Ganz so einfach ist es aber nicht. Die Liebe erscheint eher unangemeldet, nicht, weil man lange genug gehofft hat, erst recht nicht, weil man sich Verdienste erworben hat, aber sie flüchtet umgehend, wenn sie nicht eifrig gepflegt wird. Zur Liebe gehört lebenslange Arbeit. Wer dazu nicht bereit ist, glaubt wahrscheinlich auch daran, dass es mehr lohnt, Lotto zu spielen und die Gala zu lesen.
Relativ einig sind wir uns auch darin, dass wer sich partout vor der Liebe drückt, zu bedauern ist. Goethe wusste genau, warum er Mephisto säuseln lassen kann: »Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.« (Goethe, 1998) Wie man es dreht und wendet, die Liebe zeigt uns irgendwann ihre Schattenseite. Es ist nur eine Frage der Zeit. In diesem Buch schauen wir uns den Prozess der Leidenschaft daher gleich von der dunklen Seite aus an. Schließlich werden wir alle von der Kraft getrieben, die nur Gutes will und viel Böses einbringt. Zwischendurch und am Ende schauen wir immer auch auf leidvolle Episoden. Ich möchte die vor und hinter uns liegenden Dramen daher nicht als Fehlschläge verleugnen und möchte mit diesem Text erreichen, dass wir innehalten, hinsehen und uns auseinandersetzen. Wegrennen kann schließlich jeder; dazulernen aber auch. Deshalb fasse ich an geeigneten Stellen Vorschläge zusammen, wie mit den Untiefen des Liebeslebens passend umgegangen werden kann.
Liebe als Kulturgut
Es sind natürlich immer die gesellschaftlichen Begleitumstände, die zur Hintergrundmusik der Liebe aufspielen. Das Leidenschaftliche ist nicht frei von historischen Bedingungen und dem Zeitgeist geschuldeten moralischen Einschränkungen. Wenn mit einer gewissen Berechtigung die Rede davon ist, dass sich die Liebe über die Jahrhunderte zum obersten Sinnkriterium in der westlichen Welt gemausert hat, dann ist nicht die Nächstenliebe oder Elternliebe gemeint, auch nicht die Liebe für Gottes Schöpfung, die angesichts apokalyptischer Zukunftsängste immer mehr ins Zentrum der Wahrnehmung geraten ist, sondern die leidenschaftliche Liebe zwischen zwei Menschen. Leidenschaft ist heute der vorrangige Beweggrund für Paarbeziehungen. Diese Tatsache, und das sollten wir nie vergessen, verleiht dem Privatleben eine unglaubliche Brisanz und Dynamik.
Es ist Anlass genug, in Zeiten des technischen Kommunikationsgeplänkels einen kurzen Blick zurück zu werfen in das Zeitalter der Galanterie. Im 18. Jahrhundert verfasste der schottische Moralphilosoph Adam Smith einen Kodex der Liebe. In seiner Theory of Moral Sentiments widmet er sich der Sympathie. (Smith 2004) Smith hielt den sympathischen, also den mitfühlenden Menschen für den Ausgangspunkt der Moral neben der Selbstliebe und der Vernunft. Ein nur vernünftiger Mensch, so war seine Annahme, wird höchstens Hals über Kopf sein Herz verschenken. Den Rest seines Verstandes benötigt er für den fortwährenden Überlebenskampf in einer Welt vor Einführung der modernen Sozialversicherungssysteme. Ohne mitfühlende Moral wäre demnach kein ganzer Mensch zu erwarten und wäre auch keine gute Ordnung in der Welt. Smith nannte die Liebe folgerichtig Einklang der Herzen. In der Liebe, so sein weiterer Gedanke, vereinigen sich alle positiven Eigenschaften des Menschen.
So weit, so gut. Das glauben wir auch heute noch. Aber die Sache hat einen Haken. Das Großherzige und Tugendhafte an der Liebe trägt auch zu ihrem wankelmütigen Charakter bei. Die Moral des Mitgefühls ist zugleich Stärke und Schwäche jeder Liebesbeziehung. Denn, Hand aufs Herz, wer ist schon mit Dem- oder Derselben auf ewig großherzig und tugendhaft? Natürlich ist das niemand durchgängig. Aber an eben jener Totalen messen sich Liebespaare.
Liebenswertes und Gehässiges
Ein Zusammenleben bildet nicht nur liebenswerte Tugenden aus. Es spült auf Dauer Nachlässigkeiten nach oben, das ganz besonders, und auch manche Abscheulichkeit. Das bleibt nicht aus. Dafür ist das Leben zu vielschichtig, sind die Charaktere zu unvollkommen und bilden zwei Herzen nicht nur eine Einheit. Jeder ist sich selbst mehrfach verpflichtet und fühlt sich vielen Dingen des Lebens ausgeliefert, nicht nur der Liebe. Außerdem, das muss sich gerade der Verantwortungsbewusste immer wieder ins Gedächtnis rufen, haben wir generell weniger in der Hand, als wir in Beziehungen steuern möchten.
Jedes einzelne Menschenleben enthält so viel Konträres und Ungereimtes, dass konflikthafte Verwicklungen gar nicht ausbleiben können. Eine Vereinigung der Herzen schützt also nicht vor Schla massel. Die Liebe ist vielmehr ein Garant, dass es zu widerstreitenden Gefühlen kommt. Eine gelungene Vereinigung in Liebe vereinfacht das Leben zunächst aufs Sträflichste. Später kippt das Verhältnis von Liebe und Alltag, schlagen die Komplexität und das Unromantische des Lebens umso heftiger zurück. Das gehört zum unauflösbaren Paradoxon der Liebe.
Daher ist auch die gedankliche Koppelung von Freiheit und Liebe eine wirklichkeitsferne Vorstellung. Ebenso wenig wie kein Mensch nur frei von … oder frei zu … ist, hat die Liebe nur bedingt etwas mit Autonomie zu tun und sie kann selbstverständlich auch nicht alle kommenden Schwierigkeiten ausbügeln, obwohl es anfänglich danach aussieht. Solche und ähnliche Drehmomente und Missverständnisse deuten auf die verschlungene Matrix der Liebe hin, die in der Folge ausgiebig beleuchtet wird.
»Wir hatten vor einigen Monaten eine richtig schlechte Zeit miteinander. Meine Frau hat sich nur noch um die Kinder bemüht und ich nur noch um den Job. Als sie dann auch noch sagte, eigentlich könnten wir auch auseinanderziehen, dann würde man sich wenigstens nicht auf die Nerven gehen, dachte ich, sie liebt mich nicht mehr. Ja, und dann ist mir eine blöde Sache passiert. Ich habe mich mit der Frau eines Freundes getroffen, denen ging es auch nicht so gut damals, weil ich jemanden zum Reden brauchte. Am Ende des Abends sind wir dann im Bett gelandet. Ich glaube, wir haben uns beide vorgemacht, dass wir mehr füreinander empfinden, und vielleicht habe ich auch gedacht, das ist die Lösung. Ach, ich weiß auch nicht, was ich mir da eingebildet habe. Mein Freund war natürlich total sauer und hat es meiner Frau erzählt. Danach war die Hölle los.«
In derartigen Verwirrungen steckt der Keim für die Wendungen, die eine Liebesbeziehung auf Dauer nimmt. Daher steht hier das Zweideutige und Voraussehbare im Mittelpunkt, weil ich glaube, dass sich darin nicht nur die eigentliche Schwierigkeit des Liebesgeschehens zeigt, sondern es uns auch davon abhält, weder an zu viel Schicksal noch an die Reinheit des Herzens zu glauben, vielmehr damit zu rechnen, dass wir alle Schwächen haben und viel Ungereimtes und Zweifelhaftes in uns wohnt.
Liebe und Manie
Betrachtet man es aus dieser Richtung, dann ist die leidenschaftliche Liebe gleichzeitig eine private Manie und gesellschaftliche Utopie, die uns Probleme beschert, die wir mit ihrer Hilfe überwinden wollten. Wäre da nicht ihr unbedingter Zauber, würde jeder die Finger davon lassen. Sie ist aber nun mal in der Welt und macht selbst vor Klostermauern nicht Halt. John Gray warnt in einem grundlegenden Text eindringlich vor solchen und anderen Utopien. Nach wie vor gibt man sich der Illusion hin, nichts könne den Menschen daran hindern, sich selbst und seine Welt nach Belieben umzugestalten. Diese Phantasie kommt in vielen Aspekten der zeitgenössischen Kultur zum Vorschein. (Gray 2007, 36)3
Gray ist ein Kritiker der Vereinfachung, nicht nur der öffentlichen Angelegenheiten, auch des Privatlebens. Seine Zweifel übersetzt er nicht in vorschnelle Antworten, sondern nutzt sie, um grundlegende Fragen aufzuwerfen: Woran ist eine Utopie zu erkennen? (37) So an die ›schwierige Freiheit‹ heranzugehen, macht unsicher, wenn man dabei die Liebe mitdenkt. Wie man es dreht und wendet, es bleibt immer auch ein utopischer Ansatz, Liebe als Beziehung zu leben. Niemand kommt um die beunruhigende Erkenntnis herum, dass gelebte Liebe bindet und eine Bindung nicht nur die anarchische Energie der Liebe domestiziert, sondern auch die Bewegung einschränkt. Die Entdeckung, dass die Liebe Grenzen setzt, muss aber nicht notwendigerweise so empfunden werden. Erwiderte Liebe ruft ein Gefühl von Freiheit hervor. Es kann sehr entlasten, zu spüren, dass man durch die Erwiderung ein Zuhause gewonnen hat, die Seele nicht mehr einsam schwebt.
Gray versteht es, mit vergleichbaren Doppeldeutigkeiten das eigentlich Utopische jeder Utopie aufzuzeigen. Die Unmöglichkeit einer Utopie zeigt sich nicht im Gedanken, sondern in seiner Umsetzung: Jeder Traum von einer Gesellschaft, aus der Zwang und Machtstrukturen für immer verbannt sind, ist – ob ihn nun Marxisten oder Anarchisten, Liberale oder Technokraten träumen – buchstäblich utopistisch. Er ist nirgends und nie umsetzbar, weil er unweigerlich an den unauflösbaren Widersprüchen zwischen den Bedürfnissen der Menschen scheitern würde. (38)
Der Graysche Apokalypsegedanke knüpft ein geistiges Band, das unterschiedliche historische Phänomene verbindet, und wahrscheinlich hilft die Aneignung dieses Gedankens dabei, sich nicht mehr ganz so schnell für beliebige Moden zu begeistern. Die persönlichen, liebgewonnen Utopien bleiben ebenfalls nicht davon verschont, und was das Beste daran ist: Es fühlt sich nicht schlecht an, ideologischen Ballast abzuwerfen.
Dennoch sitzt uns der absolute Anspruch der Liebe hartnäckig im Genick und konterkariert das eben Behauptete. Der Stoff ist wirksamer als jede durchdringende Erkenntnis. An der Liebe und an anderen Wiederholungen scheitert Grays Kritik der utopischen Unvernunft. Es ist mit der Liebe wie in der Mode und im Sport: Immer wieder dasselbe und dennoch wirkt die Suggestion, die kommende Saison werde besser als die letzte ausfallen, das nächste Mal werde es gelingen.
Mit der Liebe ist es aber in Wahrheit noch viel schlimmer. Sie wirkt nicht nur wie eine natürliche Droge oder Trance, die willfährig und ohnmächtig zugleich macht, sie wirkt sogar auf uns zurück, wenn wir uns ihr nicht überlassen. Ein Leben ohne die Liebe bleibt grau. Wenn also schon kein aufklärendes Kraut dagegen gewachsen ist, dann sollten wir wenigstens den Ehrgeiz besitzen, das Spiel gut, das heißt mit Leidenschaft und Bedacht, zu spielen. So bietet es wenigstens der Soziologe Peter Fuchs an, wenn er hinsichtlich der Liebe von dem entscheidenden Elixier spricht, das zur Konstruktion moderner Intimsysteme beiträgt. (Fuchs 2003) So denn: Faites vos jeux!
Leseempfehlung
Fuchs, P. (2003): Liebe, Sex und solche Sachen. UVK, Konstanz
Goethe, J. W. von (1998): Goethe Werke. Bd. 3, Insel, Frankfurt/M.
Gray, J. (2007): Politik der Apokalypse. Klett Cotta, Stuttgart
Smith, A. (2004): Theorie der ethischen Gefühle, Meiner, Hamburg
Leidenschaft, Zwiespalt und Krise
Some day you can have the Blues because your wife left you.
The other day you can get the Blues because your wife came back to you.
Willie Dixon4
Die Seele ist von Natur aus vielschichtig. Das alleine garantiert genügend Verwirrungen und Ambivalenzen, bei einem selbst, bei anderen wie in zwischenmenschlichen Beziehungen. Bereits die alten, vornehmlich auf Bewahrung ihrer Überlieferungen ausgerichteten Kulturen ahnten, wie schwer das Seelische zu kontrollieren ist, weshalb sie der ungreifbaren Seele eine natürliche Fluchttendenz unterstellten. Da eine Seele nach der historischen Vorstellung frei ist, muss sie von ihrem vorübergehenden Besitzer und der Gemeinschaft besonders gepflegt werden. Sonst droht der Verlust derselben. Wen also Umstände zwingen, sich in Gefahr zu begeben, und wer angehalten ist, sein Leben zu ändern, der gerät in eine psychische Notlage. Der ist in seinem angegriffenen Zustand kein guter Ort für eine ungefestigte Seele.
Jede Umwandlung des Selbst, jeder Entwicklungsschritt eines Menschen bedeutet in traditionalen Kulturen daher, die Grenze des bisher Bekannten zu überschreiten und seelisches Neuland zu betreten, sich aufzugeben, um neu entstehen zu können. Davon berichten die unzähligen Initiationsriten der Völker. Zwischendrin ist man, nicht mehr der gewohnte Mensch und noch nicht der zu werdende, vorübergehend seelenlos. Ist die Übergangskrise gemeistert, findet die Seele normalerweise zurück. Wenn nicht, müssen sich mächtige Heiler auf die Suche begeben und sie wieder einfangen.
So weit die schamanische Entwicklungsperspektive alter Kulturen. Was daran bis heute Geltung beansprucht, ist die existenzielle Erkenntnis, dass der Mensch nicht um Entwicklung herum kommt und seelische Krisen daher eine Begleiterscheinung des Lebens sind. Einerseits ist ein Organismus aus Gründen des Überlebens gezwungen, sich weiter zu entwickeln und an ein veränderliches Umfeld anzupassen. Andererseits aber, das macht den ambivalenten Hintergrund der Persönlichkeit aus, ist ein Organismus ebenso davon abhängig, möglichst viel Energie zu sparen und seine Struktur zu erhalten. Das erreicht er, indem er Bewährtes und Erfolgreiches wiederholt und Routinen entwickelt.
Ein junger Mann geht für zwei Jahre zum Studieren in die USA. Zweck des Auslandsaufenthaltes ist es, fließend Englisch zu lernen und später den Abschluss einer renommierten Universität vorweisen zu können. Seine Freundin bleibt derweil in Deutschland. Es ist vorgesehen, nach der Rückkehr zu heiraten. Beiden ist diese Aussicht, die Trennung durchzuhalten, der zukünftige Lohn. Anfänglich hat der junge Mann erhebliches Heimweh und stürzt sich daher umso intensiver in sein Studium. Das fällt ihm leicht und so plätschern die Tage dahin. Er freut sich auf Zuhause. Wenige Wochen vor dem Ende seines Aufenthaltes verliebt er sich in eine amerikanische Kommilitonin. Es ist viel Gefühl im Spiel und nach etlichem Hin und Her entscheidet er, sich von seiner deutschen Freundin zu trennen und in den USA zu bleiben. Beruflich klappt das wunderbar. Was bald nicht mehr funktioniert, ist seine neue Beziehung. Seine amerikanische Freundin wird ihm von Tag zu Tag fremder und er fühlt sich einsam neben ihr. Darauf war er nicht vorbereitet. Obwohl er verliebt ist, fühlt er sich bald außen vor. Sie sei so ›anders‹. Langsam wird ihm klar, dass sein neues Leben einen hohen Preis erfordert. Er muss bereit sein, Vertrautes aufzugeben in der Hoffnung, sich auf Dauer an das Neue und Irritierende zu gewöhnen. Er wird darüber depressiv. Nach einigen Monaten bricht er die Beziehung ab, kündigt seinen Job und geht wieder nach Deutschland. Zu Hause dauert es nur wenige Tage und er fühlt sich jetzt zwar alleine, aber wieder ›eins mit sich‹.
Bleibendes und Veränderliches
Da ist jemand an der erforderlichen Selbstentwicklung gescheitert. Nicht jeder Schritt gelingt, so sehr man sich das auch wünschen mag. Seelische Zwiespälte und Grenzen liegen in jedem Mensch verborgen. Jede Wirklichkeit ist mehrschichtig, mehrdeutig und von Gegensätzen durchdrungen. Deshalb besitzt auch jede Situation einen Interpretationsspielraum und stellt jede Kultur andere Möglichkeiten bereit, darauf eine Antwort zu finden. Traditionale Gesellschaften gehen einseitiger und starrer mit der Wirklichkeit um. Es gibt nur dieses eine Leben, das als solches nicht hinterfragt werden kann. Moderne Gesellschaften betonen das Vielseitige und Vergängliche sozialer Umstände, und nahezu alles darf versucht und bezweifelt werden. Traditionale Kulturen fordern mehr ein und führen ihre Mitglieder. Moderne Umgebungen verlangen wenig und überlassen es dem Einzelnen, wohin es gehen soll und wie weit man damit kommt.
So oder so jongliert die eigene Wahrnehmung immer mit zwei Perspektiven. Eine Grundlage der Wahrnehmung ist ihr kultureller Hintergrund. Das heißt, sie besitzt quasi einen selbstverständlichen Horizont, sozusagen ihr festes Standbein, das im Konzert der unendlichen Möglichkeiten dennoch nur ein winziger Ausschnitt ist, und sie ist, abhängig vom kulturellen Hintergrund, in Maßen kreativ und anpassungsfähig.
Das Kreative hat einen besseren Klang, liegt der modernen Lebensauffassung näher. Für den heutigen Zeitgenossen gibt es immer eine Alternative. Jedes Ding kann so oder auch anders herum erlebt und behandelt werden. Hören Sie nur mal eine Zeit lang zu, wenn Kunden in einem Laden oder Gäste in einem Restaurant ihre Bestellung aufgeben. Angesichts des meist überwältigenden Warenangebots versetzt die ungebremste Flut an Sonderwünschen in ziemliches Erstaunen. Offenkundig geht es gar nicht darum auszuwählen, sondern persönlich bestätigt und bevorzugt zu werden. Oder lassen Sie sich schildern, wie mehrere Menschen eine bestimmte Situation erlebt haben. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Raum und soziale Situation sind beileibe nicht für jeden Menschen dasselbe.
Individualität und das Nebeneinander verschiedener Standpunkte bildet daher nicht von ungefähr den Kern der modernen Lebensauffassung. Traditionelles Leben hingegen geht davon aus, dass sich Kollektive und Einzelne den Gegebenheiten unterwerfen. Dort ist das Leben ein Imperativ, kein Konjunktiv. Gefühle spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. Die leidenschaftliche Liebe, jene sozusagen ultimative Selbstermächtigung des Individuums im Geist der europäischen Aufklärung und Romantik, besitzt in Gesellschaften, in denen der Einzelne den elementaren Kräften der Tradition ausgeliefert ist, keinen vergleichbaren Platz.
»Als ich nach Deutschland kam, fiel mir als erstes auf, wie frei die Menschen hier sind. Sie können tun und lassen, was sie wollen. Und wie tolerant. Es schert niemanden, was eine Frau tut. Ich dachte, das ist das Paradies. Mittlerweile habe ich natürlich gelernt, auch hier gibt es Einschränkungen. Aber das sind andere und die sind beileibe nicht so gravierend für eine Frau wie in einer türkischen Kleinstadt. Hier darf ich meinen Gefühlen nachgeben und leben, wie ich will, auch wenn es meiner Familie vielleicht nicht passt.«
Ambivalenzen und Entwicklungen erzeugen aber hier wie dort widersprüchliche Bedürfnisse. Das beschert uns schwierige Aufgaben. Zur Erhaltung unseres Seelenheils sind wir angehalten, uns den Gegensätzen zu stellen, müssen ständig entscheiden, ob mal mehr das eine, mal das andere zu bevorzugen ist und ob eventuell beides zu seinem Recht kommen darf. Aus Unterschieden entstehen zwangsläufig Spannungen, aber Widersprüche dürfen auch nicht zu groß werden. Sonst gefährdet es das persönliche Gleichgewicht und die Ausgewogenheit der Beziehung. Gegensätze verlangen immer auch nach Kompromissen, die für Ausgleich sorgen. Die vordringliche Aufgabe jedes Einzelnen, jeder Beziehung und Funktion jeder Kultur ist es daher, den natürlichen Kontrast zwischen Erhaltung und Veränderung, zwischen Eigenheit und Gemeinsamkeit wieder erneut in ein passendes Verhältnis zu setzen.
Ambivalenz und Moral
Selbstverständlich darf man dennoch leidenschaftlich für eine Sache eintreten oder anderes genau so vehement ablehnen. Dafür, dass die Ordnung der Dinge nicht aus dem Lot gerät oder beliebig sortiert wird und nicht jede Situation neu ausgefochten werden muss, sorgt Moral. Moral definiert die Grenze zwischen dem, was geht und verlangt ist, und dem, was ausgeschlossen ist und nicht sein soll. Reicht das nicht aus, um uns in verträglichen Bahnen zu halten, muss das begangene Unrecht nachträglich gesühnt werden und darf man erlittenes Unrecht auch verzeihen. Entsprechende Institutionen und Autoritäten setzen sich für eine konsequente Umsetzung verbindlicher Lebensregeln ein und ahnden, wenn es sein muss, Verstöße. Mehr kann eine Gesellschaft nicht tun, so ist es für Konflikte und Krisen wenigstens gedacht und muss für unsere Zwecke nicht weiter hinterfragt werden.
Da trotzdem die jeweils vorgegebene öffentliche Ordnung zu beachten und es erforderlich ist, genügend Selbstkontrolle aufzubringen, fällt es jedem Menschen schwer, sich manchen Tatsachen des Lebens zu beugen. Das Undisziplinierte, Aufsässige und ein gewisses Maß an Intoleranz wohnt in uns allen. Das darf an dieser Stelle deshalb auch vernachlässigt werden.
Ich möchte aber im Zusammenhang von Ambivalenz und Moral unbedingt eine Einstellung ansprechen, die in der Liebe gerne als radikal integer beziehungsweise kerzengerade missverstanden wird. Es geht um die häufig beobachtbare menschliche Eigenschaft, Freiheit und Wahrheit in Absolutheitskategorien zu beanspruchen. Mit unerbittlicher Härte gegen andere Menschen anzugehen, die sich so pauschal nicht festlegen können, zweifeln und zögern, die unbedarft vorgehen oder einfach nur weniger kategorisch auftreten, besitzt, so paradox es auf den ersten Blick klingt, eine leidenschaftslose Qualität.
Leidenschaft ist die Kraft und der Prozess, der menschlichen Wandel bewirkt. Das setzt allerdings voraus, dass man etwas mit sich passieren lassen kann, das bisher nicht zum eigenen Repertoire gehörte, oder zumindest etwas überwinden will, das bisher wie selbstverständlich bestanden hat. Für Letzteres, so glauben kompromisslose Menschen, würden sie sich einsetzen. Meiner Meinung nach immunisieren sich die Kompromisslosen aber mehr gegen eigene Untiefen und Schwächen. Anders ausgedrückt: Sie fürchten die Abhängigkeit von komplizierten und diffusen Umständen, die sich ihrer Kontrolle entziehen, und sie verweigern Anpassungsleistungen, die ihnen aufgezwungen werden könnten.
Unerbittliche Menschen sind nicht im Besitz von unwiderlegbaren Gewissheiten oder gar ohne Zweifel. Sie sind auch nicht wirklich überzeugender oder weniger korrumpierbar als andere. In erster Linie sind sie starr und damit nach heutigen Maßstäben intolerant, unfähig, eine Beziehung von gleich zu gleich einzugehen.
Henry Roth beschreibt diese Starrköpfigkeit in einer Episode seines Romans Der Amerikaner. (Roth 2011) Zwei Männer fahren durch die Vereinigten Staaten. Wir schreiben den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der eine, ein kommunistischer Werftarbeiter, der vordergründig Aktivere und Ältere von beiden, sieht jede Begebenheit auf der Fahrt durch eine Brille, die nur richtig und falsch kennt. Richtig ist für ihn eine Frage der Herkunft und des eigenen Wesens. Der Jüngere, ein jüdischer Schriftsteller, unerwachsen und zaudernd, ist den neidvollen Abwertungen seines Freundes hilflos ausgesetzt. Er kann sich nicht gegen ihn wehren. Da ist kein argumentativer Spielraum. Er kann ihm auch nicht entgegen kommen, denn sein Wankelmut verstärkt nur das aggressive Misstrauen des anderen. Es bleibt ihm nur, zunächst von so viel Eindeutigkeit angezogen, später zunehmend verängstigt, irritiert zu beobachten, wie der konsequente Freund nicht leben kann ohne die Projektion einer schuldhaften Welt und wie dieser sich immer tiefer in die Verlogenheit seines nimmermüden Stolzes verstrickt. Um finanziell zu überleben, pumpt er dennoch dauernd die an, die er kritisiert. Schließlich wendet sich der Jüngere ab. Zu gehen ist das Einzige, was ihm übrig bleibt, und seine darüber einsetzenden Schuldge fühle sind der emotionale Nachhall, der die fehlgeschlagene Beziehung noch eine Weile überdauert.
Ausgeprägter Starrsinn ist Ausdruck einer unsicheren Persönlichkeit, unfähig zu empathischer Vermittlung und nicht bereit, die vielfältigen Erscheinungen und Widersprüche des Lebens hinzunehmen. Das entfaltet im Widerstand gegen das Ungute seinen Reiz, und deshalb fällt es oft nicht auf, wie unbescheiden und lieblos, ja geradezu verrückt diese Haltung ist. Lieblose Starre, wenn sie für das übergeordnete Bessere eintritt, kann sich lange hinter der guten Absicht tarnen.
Spätestens wenn es um die Bewältigung leidenschaftlicher Konflikte und Beziehungskrisen geht, bringt diese Haltung einen nicht mehr weiter. Dann entpuppt sich ein solches Gegenüber als Einfaltspinsel oder rachsüchtiger Tyrann. Das Beharren und Durchsetzen eindimensionaler Wahrheiten führt ja nicht zur Abwesenheit einer anderen Möglichkeit, Verbote nicht zur Stilllegung von Ambivalenz, sondern nur zu einer armseligen Realität, die nicht aus der Unterdrückung herausfindet.
Mitsingen, unterwerfen oder sich entfernen – mehr lässt eine Beziehung ohne Konjunktiv und Schwächen letztendlich nicht zu.
Einseitigen Menschen fehlt es an einem Verständnis für das Relative, die Brechungen des Lebens und das Vorübergehende. Ihr blinder Fleck ist das Sowohl-als-Auch. Ohne die Bereitschaft, im Miteinander Kompromisse einzugehen und sich selbst infrage zu stellen, kommt ein Liebespaar nicht über die erste Hürde hinweg. Das Zuhause der Liebe will ohne Angst und Abwertung bleiben. Theodor W. Adorno, der die Philosophie klassisch auslegte als Lehre des richtigen Lebens, arbeitete entlang dieser Überzeugung. So ist auch sein berühmter Satz zu verstehen: »Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu produzieren.« (Adorno 2002)
Liebende registrieren primär, ob sie gut behandelt werden. Alleine deshalb ist es dumm, eine Liebesbeziehung rechthaberisch zu dominieren. Freundschaften und Liebesbeziehungen kann auch der vornehmlich Schwächere aufkündigen, wie das Romanbeispiel vor Augen führt.
Selbstentwicklung und Selbsterhaltung
Eine weitere Ambivalenz, die sich in Beziehungen – neben dem eben angesprochenen Verhältnis von Eigenständigkeit und Unterordnung (Autonomie und Bindung) – gewichtig bemerkbar macht, besteht im bereits angesprochenen Gegensatz zwischen Selbstentwicklung und Selbsterhaltung. Dabei handelt es sich um einen ähnlich schwierig zu jonglierenden Kontrast.
Was zeigt einem Paar eigentlich an, dass etwas fehlt? Wann wird es Zeit für etwas Neues und wann ist es sinnvoll, das Gewohnte zu bewahren, das Alte vielleicht sogar wiederherzustellen?
Es ist charakteristisch für intime Beziehungen, dass sie auf Verwandlungen des Selbst hinauslaufen. Die Liebe steuert immer auf eine bewegliche Wirklichkeit zu, die erst im leidenschaftlichen Prozess zum Vorschein kommt. Am Anfang wird man geliebt, weil man ist, wie man ist. Später mehr dafür, dass man sich auf das Andere des anderen wohlwollend einlässt. Noch später, indem man die Untiefen und Defizite des anderen großzügig erträgt und ausgleicht. Und noch viel später, indem man darüber nicht die Gabe verliert, sich für den anderen attraktiv zu machen und dem Partner ein wohlwollender Spiegel bleibt.
»Ich halte es kaum noch aus, wie er sich heute gehen lässt. Das ist nicht mehr der Mann, der um mich geworben hat. Früher ging es mir schon alleine deshalb gut, weil er sich für mich schön gemacht hat und Freude daran hatte, die Zeit mit mir zu verbringen. Und heute? Heute fläzt er sich vor den Fernseher und will nicht gestört werden, wenn seine Sendungen kommen. Heute ist es ihm egal, was er anhat und wie ich das finde. Ich glaube, ich bin nach all den Jahren nichts weiter für ihn als seine gewohnte Umgebung. … Wenn ich mal nicht mehr bin, dann wird er sich verwundert umgucken, da bin ich mir sicher. Dann ist es aber zu spät.«
Die Entwicklungen innerhalb einer Liebesbeziehung sind eine zweischneidige Angelegenheit. Über eine lange Zeit betrachtet kommt es zu mehreren großen Wahrnehmungsverschiebungen, die sich in der Tendenz nicht verhindern lassen. Sie finden einfach statt, weil man zusammen ist. Andererseits tut aber nicht jede Entwicklung und nicht jedes Ausmaß an Veränderung der Beziehung gut. Wie das Beispiel zeigt, leidet die Qualität einer Beziehung darunter, sich gehen zu lassen. Es ist ein schmaler Grad zwischen Lässigkeit und Vernachlässigung.
Scham und Schuld
Eine zentrale Rolle im Zusammenhang leidenschaftlich bedingter, zwangsläufiger Transformationen spielt, neben der grundlegenden Gewöhnung an das vorher Ungewöhnliche, die Erfahrung von Scham und Schuld. Scham und Schuldempfindungen verlangen eine Beziehungskultur, die es zulässt, über diese Empfindungen hinauszuwachsen, und gleichzeitig so sensibel bleibt zu erkennen, wann es für eine Beziehung eher förderlich ist, Schamgrenzen einzuhalten, und wann eine Schuld, die zunächst von einer Person ausgeht, einen Ausgleich von beiden Partnern verlangt.
Scham schützt auf komplizierte Weise die Integrität der Person. Der beschämte Mensch gerät zunächst in einen gehemmten Zustand, der von überflutenden Empfindungen begleitet wird. Ein unaussprechliches Geschehen gräbt sich tief in die Seele und will verborgen werden. So zwingt die Scham zur Verheimlichung, quält aber die beschämte Person doppelt, weil sie die unangemessene Erfahrung nicht teilen kann. Das Wieder-ins-Wort-Finden braucht ein einfühlsames Gegenüber, der anblicken und darüber sprechen kann, was dem Beschämten nicht möglich ist, selbst auszudrücken und zu betrachten.
Scham enthält auch die Enttäuschung über sich selbst. Ich habe eine an mich gestellte Erwartung nicht erfüllt. Denn Scham begründet sich ja nicht einfach durch eine Tatsache, sondern entsteht durch eine moralische Bewertung, die dem Blick oder der Tat innewohnt. Etwas darf nicht gesehen oder getan werden. Schamreaktionen verlangen von den unmittelbar Beteiligten ein sofortiges Innehalten und den gesenkten Blick.
Ungebremste Handlungen, die eine Schamgrenze spürbar überschreiten, setzen den Akteur ins Unrecht. Er macht sich schuldig, verantwortlich für eine entwürdigende Szene zu sein. Wobei zum Schuldenausgleich bereits die sichtbare Beschämtheit und nachträglich einsetzende Hemmung des Täters gehören kann. In Fällen zufälliger Grenzüberschreitungen ist es damit meist wieder getan. Zeigt der Täter oder nicht zum Anschauen Befugte kein Schuldempfinden, beziehungsweise wird seine schamlose Handlung als nachdrücklich entwürdigend wahrgenommen, führt es zu Selbstabwertungen des Beschämten, zu Distanzierung und vielleicht auch zu Rachegelüsten.
Eines Tages passiert, was nicht passieren sollte. Ein Ehemann, gehemmt und in sexuellen Dingen eher sprachlos, wird von seiner Frau dabei ›ertappt‹, wie er sich selbst befriedigt. Sie lacht hysterisch und rennt aus dem Zimmer, er erstarrt und weiß nicht damit umzugehen. Er bleibt hilflos in seinem Arbeitszimmer sitzen. Was die Sache noch schlimmer für ihn macht, ist, dass sie nach einer Weile an die Tür klopft und ruft: »Bist du endlich fertig? Kommst du, unten steht das Abendessen, ich habe Hunger.« Er rennt danach durch die Küche, brüllt sie an, sie sei eine saudumme Kuh und sie könne sich ihren Scheißfraß in die Haare schmieren und verlässt Türen schlagend das Haus. Die Nacht verbringt er auf dem Sofa im Wohnzimmer. Am nächsten Morgen redet niemand ein Wort, weder der beschämte Ehemann noch die beschuldigte Ehefrau. Man schiebt sich stumm aneinander vorbei und er geht ohne Frühstück zur Arbeit.
Die Moralmerkmale Scham und Schuld stehen in der Liebe auf wackeligen Beinen. Die Praxis der Liebe beruht auf einer ineinander verschlungenen und sensibel zu handhabenden Doppeldeutigkeit: Einerseits überschreiten zwei freiwillig eine Schamgrenze, die für andere weiter besteht. Sie geben sich füreinander frei. Das ist ein Hauptkriterium der Paarbildung. Andererseits steht das Liebesobjekt auch innerhalb der neu geschaffenen Intimität nicht zur freien Verfügung. Je nach dem, wie die gemeinsame Gratwanderung jener schamlosen Schamhaftigkeit gelingt und welche Befriedigung oder welches Gefühlselend das nach sich zieht, erhöht sich oder fällt der Selbstwert der Beteiligten.
Exklusive Intimität
Die exklusive Intimität Liebender erweitert ihr Selbstverständnis. Zwei machen als Paar Erfahrungen, die sie ohne den anderen nicht machen könnten. Erst nach mehrmaliger Wiederholung intimer Handlungen zeigt sich, ob das beide auch freier macht füreinander oder ob sie beschämter, vielleicht sogar schuldig ans Tageslicht zurückkehren. Manchmal erschrecken frisch Verliebte so vor sich selbst und dem anderen, dass sie sich entschließen, lieber wieder auf die erotische Nähe zu verzichten. Manches fängt auch aufregend an und flaut rasend schnell wieder ab. Irgendetwas hat nicht gehalten, was es versprochen hat. Das Wohlbefinden in der gemeinsamen Sexualität ist schwer zu kontrollieren. Erfüllung findet sich nicht automatisch und mit jedem Menschen. In der therapeutischen Praxis häufen sich in den letzten Jahren wieder die Klagen über unerwartete Plagen, Befremdungen und Enttäuschungen im Bett.
Liebesmythen befeuern überall auf der Welt hohe Erwartungen. Und es stimmt, eine gelingende Leidenschaft beflügelt die Liebenden. Die Liebe ist das Zaubermittel eines Wachtraums. Die vorher gebremste Seele löst sich durch die gemeinsame Enthemmung aus den alltäglichen Fesseln, und das so entrückte Paar fliegt schier durch sündenfreie Sphären, weil es niemandem schadet, was es miteinander unternimmt. Aber es kann jederzeit aufwachen und abstürzen. Dieses Abenteuer gibt es nicht umsonst. Auch körpereigene Drogen sind nicht ohne Nebenwirkung. Die Unverbesserlichen und Sünder unter uns können ein Lied davon singen. Aber es lohnt das Risiko, weil es das Selbst erweitert. Wer einmal geliebt hat, ist ein anderer geworden.
Neee, so versaut wie mit ihr am Anfang, das traue ich mich gar nicht zu schildern! Ich habe mich selbst nicht mehr wiedererkannt in dieser Zeit. Sie hat mich zu Dingen verführt, das gibt’s gar nicht. Und das Komische ist, im Rückblick betrachtet, das kommt mir völlig naiv vor, wie wir uns da verhalten haben. Einfach, als gäbe es gar nichts Verbotenes, wenn man in so einem Zustand ist. Also, wenn ich mich jetzt daran erinnere, werde ich bei manchem noch immer rot und gleichzeitig habe ich so ein Gefühl, so muss man sich das Paradies vorstellen, alles ist einfach, wie es ist, nichts weiter.
Das Ungehörige und das Verbotene
Die philosophische Ächtung dessen, was wir Sünde nennen, verbannt ›ungehörige‹ Motive und Handlungen in den verbotenen Bereich der niederen Lüste. Eine begangene Tat, die nicht sein durfte, soll in Qualen für den Sünder enden. Mit der Sündenkategorie engen Gesellschaften ihren Bewegungsraum auf ein sozial verträgliches Maß ein. Damit eine Abschirmung vor frevelhaften Absichten Einzelner auch einigermaßen gelingt, wurde die Menschheit unter die Aufsicht von Geistern und Göttern gestellt. Gott sieht alles! In Zeiten, da die Bevölkerung in Scharen vom Glauben abfällt, reichen religiöse Moralinstanzen nicht mehr aus. Heute werden wir in den Städten flächendeckend von Überwachungskameras der Polizei behütet.
An die Unterscheidung, was sein darf und was nicht, haben sich alle zu halten. Die Sünde ist, indem sie einen Raum markiert, der nicht betreten werden darf, ein konservatives, ein Werte erhaltendes Element. Es dient der Bewahrung (von was auch immer). Und es ist dann ein verlässliches Machtmittel, wenn es gelingt, eine Gemeinschaft bleibend auf einen Kanon des Gebührlichen einzuschwören. Der Einzelne ist dann nicht frei, auszuprobieren, was zwischenmenschlich möglich wäre, weil es als ausgeschlossen und unerlaubt gekennzeichnet ist.
Ein leidenschaftlicher Mensch, von dem behauptet wird, er fürchte weder Tod noch Teufel, ist ein Argonaut der Sinnlichkeit, ein selbstbewusster Entdecker, den kaum etwas abschrecken kann. Für dessen Liebesabenteuer haben wir Bewunderung übrig. Dorothy Parker5 wird nachgesagt, sie hätte in jeden Fettnapf getreten, der ihr im Wege stand. Von ihr stammt auch eines der schönsten Bonmots zu diesem Thema. Dorothy Parker war pausenlos auf Partys unterwegs. Einmal wurde sie von einer Gastgeberin gefragt, ob sie sich auch gut amüsiere, und sie soll geantwortet haben: »Prächtig, prächtig, meine Liebe. Noch ein Martini und ich lieg’ unterm Gastgeber.« (Karl 2011)
Kleine Sünden sind wir bereit zu vergeben, wenn sie uns charmant verkündet werden und natürlich solange wir zu den unbetroffenen Zaungästen gehören. Dass wir leidenschaftliche Fehltritte überhaupt klein reden dürfen, offenbart unseren modernen Charakter. In traditionalen Gesellschaften steht auf den erotischen Missgriff nichts weniger als die soziale Ächtung, manchmal gar der Tod. Nicht nur, dass es sich nicht gehört; dort ist es unbedingt verboten und zieht bei Nichtbefolgung strenge Strafen nach sich. In Ländern, in denen die Scharia gilt, werden insbesondere Frauen, die sich selbstständig auf erotische Abenteuer einlassen, drakonisch und öffentlich bestraft. Auch in den westlichen Gesellschaften sind private Bestrafungsaktionen in Migrationsfamilien mit entsprechendem Ehrenkodex nicht unbekannt.
Um den Katalog der Scham- und Schuldbegriffe weiter zu differenzieren: Ein Missgriff ist noch kein Missbrauch. Man kann sich moralisch vertun, so wie man sich in der Zimmertür irren kann. Natürlich gilt auch dann die Regel: Alles zu seiner Zeit und mit der richtigen Person. Aber Missgriffe passieren, und es gehört zur Kunst der Leidenschaft, ungebührliches Verhalten einer kritischen Nachbetrachtung zu unterziehen, sich eventuell selbst zum reuigen Sünder zu erklären und zu beschwören, dass es sich nicht wiederholen wird. Dann ist normalerweise bald wieder alles im Lot. Die kleinen Sünden dürfen nur nicht überhand nehmen.
Missbrauch geht im Schweregrad des Vergehens weit darüber hinaus. Es setzt eine egozentrische Aggression voraus, die dem Ausgesuchten aufgezwungen wird. Das Objekt der Leidenschaft hat nicht gewählt und wird zu einer Handlung gezwungen. Sexueller Missbrauch von Kindern geht noch einen Schritt weiter. Kinder, und bis zu einem gewissen Alter auch Jugendliche, werden vom Gesetz umfangreich vor sich selbst geschützt. Unabhängig, ob das benutzte Kind neugierig und der handelnden Person zugewandt war, ist es Erwachsenen untersagt, Kinder zu eindeutig sexuellen Handlungen zu animieren.
Mit dem Missbrauchsbegriff schützt die Gesellschaft ein höherwertiges Gut als die körperliche Unversehrtheit, nämlich das seelische Wohl ihrer Schutzbefohlenen. Ein Kind wird in dieser Frage als noch nicht reif genug eingestuft, selbst zu entscheiden. Kinder werden vorab entschieden. Erwachsene Opfer eines Missbrauchs müssen hinterher persönlich erklären und oft auch beweisen, dass die Handlung gegen ihren Willen geschehen ist.
Die sexuelle Praxis ist zwar das Kardinalthema der leidenschaftlichen Liebe. Auf dem Prüfstand der Moral steht sie aber glanzlos in der ersten Reihe. Im Kanon der sozialen Werte kann sie sich nicht als zweifelsfreie Kategorie behaupten, wie die Moralphilosophie Schopenhauers beweist. Schopenhauer ging davon aus, dass ein moralischer Wert immer relativ ist. Ein Wert steht in Bezug zu einer zweiten Größe oder ist wertlos. (Schopenhauer 1997)
Sexuelle Handlungen, welche die herrschende Moral negieren, können zwar nicht automatisch zu einem Werteverfall in der Gesellschaft führen, solange es individuelle Ausrutscher bleiben oder die Angelegenheit unter besonderen Bedingungen und zu besonde ren Zeiten zugelassen wird. Wenn Massen sich aber nicht darin stören lassen, etwas zu tun, das bisher verboten oder wenigstens so nicht vorgesehen war, verändert sich der gesellschaftliche Spielraum. Während meiner Jugend war es verpönt, auf der Straße Alkohol zu trinken. Das war Proletengehabe. Heute gehört es quasi zum guten Ton, wenn junge Erwachsene abends mit einer baumelnden Bierflasche am Finger durchs Viertel ziehen. Es lohnt sich nicht sonderlich, strenge Worte über die wechselnden Moden der Kommunikation zu verlieren. Man darf sich wundern, aber gängig ist immer das Gebaren und die Kleiderordnung, die sich öffentlich durchsetzt.
Das Verborgene
Spannend ist übrigens die Frage, ob die Intimität von Paaren, überhaupt den Erwartungen und Vorgaben der Gesellschaft entspricht? Das Intime ist ja per Definition verborgen. Nur die Vermutungen darüber sind öffentlich. Das heißt, die Moral endet in jeder Gesellschaft am Eingang zum Intimen. Moral ist für die Öffentlichkeit gemacht. Erst wenn es im intimen Bereich zu Problemen und Krisen kommt, die einen der Beteiligten dazu veranlassen, die Vertraulichkeit des Paares aufzukündigen, erfährt man mehr. Prahlereien sagen hingegen wenig darüber aus, was wirklich stattfindet. Es empfiehlt sich deswegen, bei der Beurteilung einer Sexualkultur, der man nicht selbst angehört und der Einschätzung der sexuellen Praxis eines Paares eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. Das, was gesprochen wird, deckt sich nicht unbedingt mit dem, was ist.
»Unter Freunden hat er einen unglaublichen Ruf als Liebhaber. Weiß der Teufel, wie er sich den erworben hat. Natürlich tut er auch nichts dazu, diesen Ruf zu zerstören. Aber ich weiß, was scheinbar niemand sonst weiß, dass er nämlich ziemliche Probleme im Bett hat. Es tut mir leid, das so sagen zu müssen, aber so ist es nun mal. Von Anfang an hat er sich darum gedrückt, wo es nur ging; eine Ausrede nach der anderen. Ich war das bis dahin nicht gewohnt. Andere Männer fanden es immer besonders aufreizend, dass mit mir wirklich was los ist, ich meine sexuell gesehen. Letztens hat er zu mir gesagt, er hätte nichts dagegen, wenn ich mir dafür einen anderen suche, wenn es nur dabei bliebe. Ich überlege wirklich, ob ich das mache, denn langsam fange ich an, an mir selbst zu zweifeln. Ich weiß gar nicht, ob ich für Männer noch attraktiv bin?«
Liebevolle Intimität schützt vor der Zurschaustellung des Faktischen und wahrt unangenehme Geheimnisse. Diese der öffentlichen Moral abgewandte Seite einer Liebesbeziehung ist ein explizit privates Terrain und sie liegt außerhalb gesellschaftlicher Bewertungsgremien, sofern sich beide über ihre Praxis einig sind. Im Verborgenen können zwei mehr als üblich ausleben, aber auch weniger. Sofern sie es unter sich ausmachen und die Nachbarn keinen Einblick in den fremden ›Saustall‹ haben. Die Ergebnisse sieht im Normalfall keiner (Schwangerschaften ausgeschlossen).
Die New Yorker Schriftstellerin Lily Brett beschreibt in ihren Romanen das diffizile Spannungsfeld zwischen sexueller Ausstrahlung und Zurücknahme, zwischen Zeigen und Verhüllen, selbst gewollter Öffnung und schamloser Ignoranz des Intimen.6 In Lola Bensky geht sie noch einen Schritt weiter und konfrontiert das radikale Naive, die sexuell aufgeladene Atmosphäre der Hippie-Ära mit den sadistischen Experimenten und Exzessen der Konzentrationslager, dem industriellen Vernichtungskalkül der Nazis. Die Hauptfigur des Romans, Lola Bensky, ist eine junge jüdische Reporterin, welche die angehenden Stars der damaligen Musikszene interviewt. Diesen erzählt sie während der Gespräche in Andeutungen vom familiären Drama ihrer Mutter, die sämtliche Angehörige in Auschwitz verloren hat. Der Leser gerät auf eine Achterbahn der Gefühle, bis kaum noch etwas Unschuldiges übrig bleibt und auch die sinnlichen Selbstversuche der Beatgeneration nicht mehr nur als ein risiko behafteter Ausdruck ungebremster Neugierde erscheinen, sondern auch als Flucht vor der aufgebürdeten Last der Elterngeneration. Am Schluss des Romans zählt sie ihre an Drogen verstorbenen Interviewpartner auf. Man kennt alle Namen.
Jedes Paar braucht den Schutz uneinsehbarer Freiräume. Es ist für eine liebevolle und würdevolle Entwicklung gezwungen, sich von außen ungestört hingeben oder verweigern zu dürfen. Die Empfänglichkeit für die Wirklichkeit des anderen kommt schließlich durch Hinhören, Hinsehen und Ausprobieren. Hier entscheidet sich aber auch, ob man zusammen passt und die Summe der Erfahrungen überwiegend als positiv bewertet. Wo kein intimes Wohlbefinden und keine exklusive Magie entstehen, passt es nach den Maßstäben der leidenschaftlichen Liebe nicht lange. Oder es ist was ganz anderes, was zwei verbindet.
Das Unpassende und Fehlende im Intimleben eines Paares, der Zwiespalt zwischen Sehnsucht und Realität, Versprechung und Einlösung ist eine wesentliche Quelle von Krisen. Krisen entstehen, weil etwas zu viel ist oder zu wenig, etwas nicht passt, fehlt oder sich überholt hat. Die Krise ist immer ein Hinweis, dass Teile des bisherigen Arrangements oder das Ganze an seine Grenzen gestoßen sind. Allgemein betrachtet sind Krisen Zeiträume zwischen dem
Ende des Alten und dem Finden des Neuen. Hier kann also eine Beziehung enden. Im ungezügelten Chaos kann sich eine Beziehung aber auch wiederfinden und hierüber kann sie sich weiter entwickeln. Wer Krisen gemeinsam meistert, wächst. So einfach und zugleich schwer ist das.
»Irgendwann war es nicht mehr alles, so alleine ohne Kinder. Es war, als hätten wir uns genügend ausgelebt und als stünden wir jetzt vor der nächsten Etappe. Wenigstens habe ich das so empfunden. Meine Frau hat die Panik gekriegt, als ich ihr gesagt habe, dass es jetzt an der Zeit ist, Kinder zu kriegen. Das war unglaublich, wie sie darauf reagiert hat. Ich durfte es nicht in den Mund nehmen, es war tabu, sofort hat sie angefangen zu schreien. Und dann ging das mit ihren Affären los. Sie hat mit mehreren Männern was angefangen und war auch sonst viel weniger zu Hause. Angeblich war gerade zu diesem Zeitpunkt ihr volles Engagement im Job verlangt. Sie hat nur noch über ihren Beruf gesprochen. Unsere Zukunft war kein Thema mehr. Bis ich ihr dann klar gesagt habe, sie müsse sich jetzt sofort wieder besinnen, sonst würde ich mich scheiden lassen.«
Ruhige und aufregende Zeiten
Damit an dieser Stelle kein Missverständnis entsteht: Krisen sind der Indikator und das Schwungrad von Entwicklungen, und dennoch kann es natürlich gute Gründe geben, über Vertrautes nicht hinauszugehen und Konflikte zu vermeiden. Selbst gesteckte Grenzen sind nicht automatisch Ausdruck von Erfahrungsdefiziten. Treue fußt etwa auf freiwilliger Begrenzung. Insbesondere in Verbindung mit einer erfüllten Sexualität ist Treue ein erheblicher Wohlfühlfaktor und erhöht das Empfinden, dass es der Beziehung an nichts mangelt.
Umgekehrt ziehen viele, die etwas vermissen, das Fremde schneller der gewohnten Heimat vor. Eifersucht auf mögliche Nebenbuhler und sexuell Erfahrene ist daher beileibe kein Hirngespinst. Je mehr Willkommenes eine Beziehung enthält, desto weniger kommt es zu neidvollen Blicken und Motiven, die sich im Außen erfüllen wollen. Die gute Balance zu finden zwischen einengender Moral und der potenziellen Freiheit individuellen Handelns, zwischen meinen und deinen Bedürfnissen, zwischen Gewohntem und Unbekanntem ist für die Praxis der Liebesbeziehung essenziell.
Selbstverständlich stimmt aber auch die Binsenweisheit, dass eine Beziehung nicht für alles aufkommen kann und nicht immer anregend ist. Sonst käme es gar nicht zu Defiziten, Konflikten und Krisen. Die Lust aneinander, die herausgehobene Wertschätzung füreinander und das erkennbare Bemühen um den anderen sind zwar entscheidende Trümpfe, der fühlbare Stoff, aus dem sich Bindungen momentan vorwiegend festigen. Die besondere Herausforderung heutiger Paare liegt aber darin, ihren Bestand nicht nur mit emotionalen Mitteln zu sichern, sondern immer wieder auch neue Wege zu suchen, die das Alte und Gewohnte stören. Das bekannte Terrain muss ab und an einer kritischen Inventur unterzogen werden.
Das war früher beileibe nicht so wichtig. Hinter den Ehen der Vergangenheit standen weniger die liebevollen Gefühle der Eheleute und die Hinterfragung des eigenen Lebenskonzepts als mächtige Familientraditionen, die zur Begründung und Fortbestand einer Beziehung verpflichtet haben. Der Anker der modernen Paarbeziehung liegt auf der persönlichen Bevorzugung des anderen und dem freiwilligen Spiel zu zweit.
Wenn zwei sich mit dem Herz finden, dann führt das anfänglich zu einer fröhlichen Anarchie. Die leidenschaftliche Liebe ist dann anfangs normalerweise ein sinnlicher Selbstläufer. Längerfristig bedarf es zum Gelingen aber auch heute einer höherrangigen Ernsthaftigkeit. Dabei ist es im Grunde egal, ob es weitere sinnstiftende Perspektiven neben der Liebe gibt, wichtig ist vielmehr, ob für den gemeinsamen Weg genügend Motivation existiert. Beispielsweise kann das Engagement eines Paares für ökologische Lebensthemen, an sich ein löbliches Unterfangen, als Bereicherung erfahren werden oder am Wohlbefinden zehren, je nachdem, wie es die Beziehung beeinflusst. Gemeinsame Anstrengungen stärken nicht automatisch eine Beziehung. Das folgende Beispiel zeigt, wie die Entwicklung der Beziehung aber auch von der Überwindung einer individuellen Krise profitieren kann.
Ein erfolgreicher Industrieller erleidet kurz nacheinander mehrere Herzinfarkte. Der behandelnde Arzt warnt davor, das bisherige Leben ungebremst fortzusetzen, sonst könne er für nichts mehr garantieren. Nach dem sich der Patient eindringlich mit seiner Frau beraten hat, beschließt das Ehepaar, die Zelte in Deutschland abzubrechen, nach Namibia auszuwandern und dort ein neues Leben anzufangen. Die beiden sind zu diesem Zeitpunkt bereits Mitte fünfzig. Man erwirbt ein Stück Land und baut sich ein Haus und lebt zurückgezogen. Von Anfang an sind sie überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Bald erkennen sie auch, dass in der neuen Heimat einiges im Argen liegt, und gründen eine Ausbildungsstätte für junge Frauen. Diese ist bald so erfolgreich, dass sie heute als Vorzeigeprojekt gilt. Das Paar hat zu einem eher ungünstigen Zeitpunkt des Lebens einen Neuanfang gewagt und viel gewonnen. Nach einem erfüllten Leben sterben Mann und Frau im hohen Alter kurz hintereinander.
Grenzen und Grenzgänge
Meiner Meinung nach kommt eine tragfähige Beziehungsethik erst nach der Erfahrung leidenschaftlicher Grenzgänge zustande. Nur wer sich erforscht und dabei auch in zweifelhafte Bereiche gerät, erfährt den Sinn selbst gewählter Grenzen, spürt das Gute an der Vertiefung und das Ungute der Untiefen. So beackert die Leidenschaft unter Risiken, Scham- und Schuldgefühlen der Beteiligten den ästhetischen Grund einer langfristigen Beziehung. So wie man eine fremde Kultur nicht kennen lernt ohne zu reisen, so schafft man sich kein leidenschaftliches Zuhause, ohne seine Unschuld und Naivität aufzugeben.
Das gemeinsame Liebesleben verlangt Unbedachtheit und Entdeckergeist, die lustvolle Neugier, hinter den blassen Spiegel des Bekannten schauen zu wollen. Mögliche Verwicklungen löst man nicht, weil man erst gar keine Fehler begeht, sondern durch nachträgliche Korrekturen und Reue. Die Praxis der Liebe kommt ohne eine ausgeprägte Kultur der Wiederbelebung und Entschuldung nicht aus, denn Leidenschaft will vorwärts. Verstand und Moral sollen das Unvereinbare dabei so gut es geht in Bahnen halten. Und gelingt es nicht immer, muss man den Fehlern ins Auge sehen und mitunter auch Buße tun. Das hilft.
Aber selbst die ausgeklügeltste Kultur liebevollen Umgangs schützt uns nicht vor Blödsinn und Problemen. Beziehungen erfüllen schließlich nicht jede Sehnsucht und jedes Bedürfnis. Die konfliktträchtige Ausgangslage und der voranschreitende Wandel bescheren von Zeit zu Zeit Situationen, die sich zu Krisen auswachsen. Anders ausgedrückt: Egal welche Kompetenzen ein Paar besitzt und in welchem Zustand sich die Beziehung aktuell befindet, wenn einmal die Zeit reif und das bisher Bewährte überholt ist, stellt sich automatisch eine Notlage ein, der man nicht deshalb entgehen kann, weil man sich für schlauer, besonnener oder sogar krisenfes ter wähnt als andere. Krisen sind ein unvermeidliches Signal für das anstehende Ende des Alten. Sie erfordern einen anderen Blick und neue Herangehensweisen.
Krisendynamik und Veränderung
Im Folgenden interessieren uns daher nicht vordringlich die Inhalte möglicher Konflikte und Probleme, sondern eine zugespitzte Beziehungsdynamik, die darauf hindeutet, dass es Zeit wird für Änderungen des Paares. Wie jede Entwicklung verläuft auch die Krise nach einer linearen Choreografie, die sich als Krisenablauf auf allen Entwicklungsstufen einer Beziehung wiederholen kann.7
Abbildung 1 veranschaulicht modellhaft, wie sich eine Krise anbahnt und wie sie sich auswirkt. Es ist prinzipiell sinnvoll, das eigene Krisenmanagement durch das Wissen um das Besondere von Krisenverläufen anzureichern. Wer seine Krisenmuster kennt, verfügt über die Signatur seiner wichtigsten Erfahrungen und kann sich adäquater auf belastende Herausforderungen einstellen. Dann wundern die Dinge, die passieren, weniger.

ABB. 1: DER PSYCHOLOGISCHE KRISENVERLAUF UND THERAPEUTISCHE OPTIONEN (→)
Atmosphären, Gefühle und Umgangsformen – praktisch jeder Zustand und jedes Stadium einer Beziehung sind von vorübergehender Natur. Das meiste hält sich länger als anderes, manches scheint immer gleich zu bleiben, verschiedenes hängt vom Alter der Beteiligten ab, auch von sozialen Umständen, und allerhand findet nur kurzfristig statt. Jedes Paar pegelt sich auf eine bestimmte Weise aufeinander ein. Das geht so lange gut, bis irgendwann ein Zustand erreicht ist oder Ereignisse eintreten, die das momentane Selbstverständnis in ein ungewohntes Licht rücken.
Gelingt es nicht, der Störung in gewohnter Weise Herr zu werden, spitzt sich das Querstehende zu. Die Atmosphäre wird angespannt, es folgen polarisierende Auseinandersetzungen zwischen den Beziehungspartnern. Meist drängt der eine mehr auf Erneuerung und der andere verteidigt den Status quo. Das Paar steht vor der Frage, was es bereit ist zu ändern. Lässt das Problem keine Kompromisse zu, läuft die Sache auf eine grundlegende Wandlung hinaus. Etwas, das Bisherige, nunmehr hinderlich, muss aufgegeben werden. Man ist gezwungen, von Gewohnheiten abzulassen, um wieder Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen.
Dem steht aber das vertraute Selbstverständnis gegenüber, das weiterhin kräftig am Alten klammert. Dadurch lädt sich ein Konflikt zur Krise auf. Prinzipiell vertiefen sich Krisen, weil trotz einer manifesten Problemstellung mehr Energie in die Aufrechterhaltung des Bekannten gesteckt wird, häufig aus der Angst heraus, eine Auflösung der Gewohnheiten nicht zu bewältigen. Es fehlt zu diesem Zeitpunkt noch die Zuversicht für neuartige Schritte. Wo zu wenig Absicht ist und kein Vertrauen in das Ungewohnte, stellt sich meist erst dann eine Lösung ein, wenn die eintretende Krise nicht mehr ausgehalten wird. Aber im Aushalten unterscheiden sich die Menschen. Manche halten ein Leben lang aus, was andere nicht einen Tag akzeptieren würden.
Aufzugeben – unabhängig, wie das zustande kommt – ist das Wagnis und der energetische Wendepunkt. Erst im Loslassen und Sich-der-Situation-Überlassen zeigt sich der tiefste Grund einer Krise und füllt sich die abgesoffene Bewegungsunfähigkeit mit neuer Energie auf. Dann kann sich psychisches Leid mit neuer Kraft in eine risikoreiche Chance verwandeln. So merkwürdig es klingen mag, das Blatt wendet sich in einer Krise durch Hingabe an die Situation und manchmal auch erst durch Aufgabe. Plötzlich kommt frischer Mut in die Starre und Depression, das Kommende wird zur spannenden Herausforderung. Fraglich ist allerdings bei Zweien, ob das Paar zusammen oder nur einer von beiden die Sache in die Hand nimmt. Einer bekommt dann unter Umständen auch die Kraft, sich zu trennen, wenn es zusammen nicht vorwärts geht.
Wird die zunächst ausweglose Situation angenommen und blickt man wieder neugierig nach vorne, gerupft und zuversichtlich zugleich, kann man Hilfe vertragen. Jetzt braucht es auch Unterstützung, nicht zuletzt vom Partner, sofern ich ihn noch an meiner Seite weiß. Dann muss man langsam lernen, mit dem Neuen umzugehen, das Neue im Alten zu integrieren. Dann kann es wieder eine Zeit lang gut so weitergehen, solange es so hält. Bis erneut etwas eintritt, dass zum Umdenken zwingt.
Mitten in der Krise steht noch nicht fest, ob es zu einer Entwicklung kommt. Mittendrin kann man immer noch aus dem Prozess ausscheren. Man kann vor der Situation flüchten, Operationen können misslingen, Leiden kann chronifizieren, es kann schlecht ausgehen. Eine Krise ist nur der unweigerliche Hinweis, dass etwas zusammengebrochen ist, unter Umständen sogar ein Ende gefunden hat und es noch an neuen Mitteln und Perspektiven fehlt, sich wieder aufzurichten. Häufig genug ergibt sich daraus nur dann eine Entwicklungschance, wenn die eingetretene Dynamik nicht mehr aufzuhalten ist und man gezwungen ist hinzunehmen, was nicht länger vermieden werden kann.
Im Film The Mission (mit Robert de Niro und Jeremy Irons; Regie: Martin Scorsese) schleppt ein Missionar aus Buße ein riesiges Kreuz durch den Dschungel. Dann lässt er sich von Indianern darauf festbinden und in einen Fluss werfen. Bewegungsunfähig treibt er auf dem Holzkreuz auf einen Wasserfall zu und stürzt hinunter.
Die Szene ist eine Metapher für den beschriebenen Krisenprozess. Die Wandlung beginnt, wenn die bisherigen Kräfte nicht mehr ausreichen oder aufgewendet werden, das Bevorstehende zu verhindern. Darin liegt die eigentliche Transformation von der Krise zur Chance. Wie der Film zeigt, fühlt es sich mitunter an wie auf Leben und Tod und natürlich können Dinge gründlich schiefgehen. Bleibt jemand dem Alten verhaftet, aus welchen guten oder wenigen guten Gründen auch immer, blockiert er anstehende Entwicklungen. Manchmal trägt es dann nicht weiter und geht zu Ende.
Was das Paar selbst und was Therapeuten von außen zur Lösung beitragen können, hängt – wie das Schaubild zeigt – davon ab, zu welchem Zeitpunkt sich ein Paar beraten lässt und in welchem Zustand beziehungsweise in welcher Entwicklungsphase (vgl. Kapitel 1 bis 5) sich die Partner befinden. Dies soll in den folgenden Abschnitten ausführlich dargestellt werden.
Leseempfehlung
Adorno, T. W. (2002): Minima Moralia. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Brett, L. (2006): Ein unmögliches Angebot. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Brett, L. (2007): Chuzpe. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Brett, L. (2012): Lola Bensky. Suhrkamp, Berlin
Fuhr, R. (1998): Persönlichkeitsentwicklung und Gestalttherapie. In:
GestaltZeitung, 11. Ausgabe, 3-10
Gennep, A. van (1999): Übergangsriten. Campus, Frankfurt/M.
Karl, M. (2011): Noch ein Martini und ich lieg’ unterm Gastgeber. Residenz, St. Pölten
Klöckner, D. (2001): Übergangsphasen – Zur Kulturanthropologie gestalttherapeutischer Prozessmodelle. In: GESTALTTHERAPIE, 15. Jg., H. 2
Klöckner, D. (2007): Phasen der Leidenschaft. Klett Cotta, Stuttgart Perls, F. / Baumgardner, P. (1990): Das Vermächtnis der Gestalttherapie. Klett Cotta, Stuttgart
Retzer, A. (2002): Passagen. Systemische Erkundungen. Klett Cotta, Stuttgart
Roth, H. (2011): Der Amerikaner, Hoffmann und Campe, Hamburg
Schopenhauer, A (1997): Die Welt als Wille und Vorstellung. 1. und 2. Band zu je 1. und 2. Teilband, Könemann, Köln.
Turner, V. (2000): Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur. Campus, Frankfurt/M.
Entwicklungen und Verwicklungen
Wem nie durch Liebe Leid geschah,
dem ward auch Lieb’ durch Lieb’ nie nah;
Leid kommt wohl ohne Lieb’ allein,
Lieb’ kann nicht ohne Leiden sein.
Gottfried von Straßburg
Liebesbeziehungen sind voller Fallstricke, in denen man sich verheddern kann, und voller Untiefen, an denen man Scheitern kann. Das Leiden an der Liebe hängt entscheidend davon ab, wie gut oder schlecht es uns gelingt, gegensätzliche Gefühlslagen zu befrieden und den Beziehungspartner bevorzugt zu behandeln. Das wird nicht durchgehend zu schaffen sein. Oft geht man sich selbst vor und oft ist man zu kleinkariert. Manche Bürde ist nur mit letzter Kraft zu meistern, und dabei kann der andere aus dem Blick geraten.
Die Liebe beruht aber auf der zugewandten Einstellung, und dazu ist von Zeit zu Zeit nötig, sich ›dir zuliebe‹ den unbeachteten, vernachlässigten und gemiedenen Inhalten zu stellen. Manchmal wird man der Beziehung wegen über sich hinaus wachsen müssen. Jeder Mensch und jedes Paar besitzt natürlich Gedulds- und Kompetenzgrenzen. Die gilt es in Erfahrung zu bringen und sich nicht davor zu drücken. Viel mehr Pflege verlangt die Liebe eigentlich gar nicht, aber das schon und unter allen Umständen; und dabei wird’s schnell eng.
Wie im vorigen Kapitel dargestellt, entstehen Krisen aus unbefriedeten Konflikten und bohrenden Grenzverletzungen, entspringen persönlichen Unterschieden und erwachsen aus der Tatsache, dass die Dinge des Lebens nicht auf ewig gleich bleiben. Die Frage ist also nicht, ob ein Paar es schafft, sich ›treu zu bleiben‹, was in dem Falle bedeuten würde, ein unvergängliches Liebesmuster aufrecht zu erhalten; die Frage ist vielmehr, in welche Richtung es langfristig abweicht und wie es auf seine dabei auftauchenden Themen und Entwicklungen reagiert.
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