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Detlef Fechtner

Tod im Bankenviertel

Börsen-Krimi


Alle Rechte vorbehalten · Societäts-Verlag

© 2020 Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Satz: Bruno Dorn, Societäts-Verlag

Umschlaggestaltung: Bruno Dorn, Societäts-Verlag

Umschlagabbildung: Agatha Kadar/Shutterstock

E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt

ISBN 978-3-95542-395-7

Prolog

Es war ein dumpfes Geräusch, kurz, ohne jeden Nachhall. Der Körper war gleich zu Beginn des Sturzes in etwa 150 Metern Höhe gegen die Hauswand geschleudert und danach um die eigene Achse gewirbelt worden. Und er hatte sich auf halber Höhe so ineinander verdreht, dass Schultern und Knie wenig später fast synchron aufschlugen. Trotz der ungeheuren Wucht des Sturzes auf den ausgetrockneten Rasen konnte man den Aufprall nicht mehr vorne auf dem Reuterweg hören, erst recht nicht im Rothschildpark und wahrscheinlich noch nicht einmal nebenan in der Oberlindau. Aber dort war ohnehin niemand mehr unterwegs. Selbst in einer lauen Sommernacht wie dieser verirrte sich um vier Uhr morgens keine Seele mehr ins Frankfurter Bankenviertel – jedenfalls nicht an einem Wochentag. Wer morgens um acht bei der ersten Schalte mit Tokio und London hellwach sein muss, gönnt sich unter der Woche allenfalls einen After-Work-Club, aber spätestens um Mitternacht ist Schluss mit Party. Dann eilen die letzten Banker und Börsenhändler in ihre Westend-Altbauwohnungen, sinken in Himmelbetten oder auf Futons und träumen von fernen Inseln und von Frauen, die nach Lavendel duften. Oder, wenn’s schlecht läuft, von 200-Tage-Linien und Kurs-Gewinn-Verhältnissen.

Die Leiche lag unnatürlich gekrümmt auf der kleinen Grünfläche vor dem Heizungskeller des Bankhochhauses. Rechtsmediziner räumen beim freien Fall aus 20 Metern noch geringe Überlebenschancen ein, nicht aber bei einem Sturz vom Dachgeschoss der 47. Etage der Frankfurter Hypo-Union-Zentrale. Eine dichte Vogelbeerenhecke verhinderte, dass die Leiche zufällig von den Pendlern entdeckt werden konnte, die zwei Stunden später als erste die kleine Anlage Richtung U-Bahn durchquerten. Und dass Schüler des Bischof-Ketteler-Gymnasiums auf sie stoßen konnten, wenn sie um halb acht ihren Schulweg über den kleinen Trampelpfad hinter dem Bankhochhaus abkürzten, war ebenfalls ausgeschlossen. Schließlich war Mitte August, Ferienzeit. Folglich konnte nur einer der drei Haustechniker die Leiche finden, bei der routinemäßigen Kontrolle der Kälte- und Wärmezentrale der Bank gegen halb neun. Zu einer Uhrzeit also, zu der vorne im Foyer der Hypo-Union schon so viel Betriebsamkeit herrschte, dass selbst die Videoüberwachung keine echte Hilfe mehr für die anschließenden Ermittlungen sein würde. Zumindest konnte sich bis dahin jeder unbemerkt unter die Angestellten und Geschäftskunden mischen, die das Foyer am frühen Vormittag bevölkerten. Jeder konnte um diese Zeit unauffällig aus dem Gebäude verschwinden. Auch diejenigen, die etwas damit zu tun hatten, dass hinter der Hecke ein Toter lag. Sie hatten nichts dem Zufall überlassen.

1

Die Innenpolitik war da, der Außenhandel, die Devisenmärkte, das Bankenressort. Und wie immer am hinteren Teil des großen Konferenztisches auch Unternehmen & Bilanzen. Carl Stolberg faltete die aktuelle Ausgabe des Finanzblatts sorgfältig zusammen und legte sie auf den leeren Platz neben sich. Das war das unmissverständliche Signal des Chefredakteurs, mit der täglichen Blattmacher-Runde zu beginnen.

Stolberg, ein schlanker, stets exzellent gekleideter Mann von 58 Jahren, war vor zwölf Jahren zum Finanzblatt zurückgekehrt – an die Spitze jener Wirtschafts-Tageszeitung, bei der er 22 Jahre zuvor als Volontär angefangen hatte. Damals hießen Eon noch Viag und Veba, TUI noch Preussag und die Telekom noch Bundespost. Die Börse war damals noch komplett um die Ecke von der Hauptwache zu Hause, und im Handelssaal wurden die Geschäfte ausgerufen statt in Computer eingegeben. Stolberg war oft auf dem Parkett gewesen, zu einer Zeit, als Lärm und Schweißgeruch im großen Handelssaal noch mehr über die Stimmung im Markt aussagten als die Kurstafel.

Mittlerweile kam er kaum noch zum Schreiben, ab und zu eine Glosse oder einen Leitartikel, hin und wieder eine Personalie über Manager oder Minister, die er meistens schon Jahrzehnte persönlich kannte. Trotzdem war er das, was sie ein Nachrichtenschwein nannten. Hungrig, unaufhörlich wühlend, wenn es darum ging, eine Geschichte auszugraben.

„Bringen wir’s hinter uns“, eröffnete Stolberg die Blattmacher-Runde. Er wusste, dass es heute wieder einmal ein zähes Geschäft werden würde. Aus Sicht eines Wirtschaftsredakteurs sind die Sommermonate geprägt von der ständigen Angst vor der leeren Seite. Es gibt keine bedeutenden Deals, keine Jahresbilanzen, keine Sitzungen der Notenbanken. Das Börsengeschäft ist schleppend, lustlos, umsatzschwach. Nicht einmal die Politik liefert brauchbare Schlagzeilen. Niemand streitet, niemand droht, niemand streikt – es ist schlichtweg entsetzlich. Im August Zeitung zu machen, ist so spannend, wie auf einem Elternabend Protokoll zu führen. Im Grunde gibt es nichts, was es wert wäre, aufgeschrieben zu werden. Aber irgendwie muss man das Blatt ja füllen.

Jan Röber, der Blattmacher am Nachrichtentisch, gab sich erkennbar Mühe, irgendetwas Zeitungstaugliches zu bieten. In Südafrika verdichteten sich Spekulationen über eine Fusion zweier großer Goldminen. Drei deutschen Industrieunternehmen der zweiten Reihe drohten Herabstufungen ihrer Ratings. Und seit Tagen kursierten Gerüchte über Finanzierungsengpässe der Nordwestdeutschen Landesbank.

„Wenn wir selbst mal wieder einen Akzent setzen wollen, hätt’ ich was anzubieten“, meldete sich Sven Schlosser aus dem Kapitalmarktressort zu Wort. „Wir haben heute einen ziemlich großen Auflauf in der Alten Oper. Ein Fachkongress über Risikobewertung in der Bilanz, Value at Risk und solche Sachen“, berichtete er. „Das hat mächtig Sprengkraft für die Großbanken.“

„Fachkonferenz“, wiederholte Stolberg mit gedämpfter Stimme. Der Chefredakteur schien davon nicht gerade begeistert. „Irgendwelche Prominenz?“, fragte er zurück.

Schlosser zählte auf: „Vier Bankvorstände, der Vize der Finanzaufsicht – na ja, und Berenbrink als Stargast.“ Franz Berenbrink, der Bundesbank-Präsident – immerhin.

„Und wer ist für uns vor Ort?“, setzte Stolberg nach.

„Ich“, meldete sich mit selbstbewusster Stimme einer der Jungredakteure, die keinen Sitzplatz mehr am großen Tisch gefunden hatten und deshalb die Konferenz stehend oder an der Wand lehnend verfolgten. Es war Oskar Willemer, einer der wortwörtlich neuen Kräfte – denn er hatte seinen Job beim Finanzblatt erst vor vier Wochen angetreten.

Der Chefredakteur ließ sich langsam in seinen Stuhl zurückfallen, legte seine Stirn in Falten und seinen Zeigefinger an die Unterlippe. „Ich freue mich, lieber Herr Willemer, dass Sie bereits nach nach so kurzer Zeit bei uns derart motiviert Außentermine wahrnehmen. Man hat mir schon geflüstert, dass Sie mit viel Elan gestartet sind – wunderbar. Aber mal Hand aufs Herz: Sind Sie denn auch der Meinung, dass Ihre Berichterstattung über den Fachkongress auf die Titelseite gehört?“

Man sah Oskar an, dass ihm die Situation unangenehm war. Ehrlich gesagt hatte er sich noch keine großen Gedanken über seinen Tagestermin gemacht – und erst recht nicht erwartet, dass ihn der Chef vor versammelter Mannschaft darüber ausfragen würde. Um seinem Ressortchef nicht in den Rücken zu fallen, entschied sich Oskar für eine diplomatische Antwort: „Schlosser hat Recht, das Thema ist explosiv. Aber es sollte gewiss reichen, wenn wir das Wichtigste, was heute in der Alten Oper geschieht, auf Seite eins einspaltig anreißen. Zumal ich ohnehin die Geschichte über die Herabstufungen der deutschen Industriefirmen spannender finde, denn das heißt doch, dass deren Finanzierungskosten steigen.“

Stolberg war anzumerken, dass es ihm gefiel, wie der neue Kollege sich selbstbewusst, aber eben nicht überheblich präsentierte.

„Chapeau!“, sagte der Chefredakteur. „Genau so sollten wir es machen. Im Mittelfeld der Titelseite jeweils Einspalter für die Goldminen und für Willemer mit dem Bundesbankchef und seinen Freunden auf der Expertenkonferenz. Und Körber, du strickst uns bitte einen vierspaltigen Aufmacher. Arbeitstitel: Deutsche Firmen vor Problemen bei der Finanzierung. Mit Zitaten von den üblichen Verdächtigen. Das wird ein hartes Stück Arbeit. Also macht euch schleunigst an dieselbe.“

Damit war die Konferenz beendet, ein lautes Stühlerücken verwandelte den Tagungsraum in einen belebten Marktplatz, Redakteure und Grafiker riefen sich quer durch den Raum Absprachen zu, während fast alle wieder eilig zurück an ihre Schreibtische drängten. Einzig Schlosser und Willemer blieben zunächst noch auf ihren Plätzen.

„Moment, Carl, wir müssen dich noch kurz sprechen“, rief Schlosser dem Chefredakteur zu.

Stolberg wartete geduldig, bis die Kollegen den Raum verlassen hatten und sich der Lärm vor der Tür gelegt hatte. „Nun, worum geht es?“

Dieses Mal ergriff Oskar direkt das Wort: „Vielleicht wissen Sie ja, Herr Stolberg, dass ich vor meinem Start in Ihrem Blatt Gerichtsreporter für die Frankfurter Nachrichten war. Deshalb interessiert es mich natürlich sehr, wie das Finanzblatt mit dem Toten umgeht, der heute Nacht aus dem Dachgeschoss der Hypo-Union gestürzt ist.“

„Ganz einfach“, entgegnete der Chefredakteur, „ich sehe keinen Grund für Berichterstattung. Natürlich wird der Selbstmord Gesprächsthema in den Handelsräumen sein. Aber ich sehe in der Tatsache, dass da jemand seinen Freitod im Bankenviertel inszeniert, keinen Anlass für eine seriöse Wirtschaftszeitung, darüber zu berichten.“

„Ich würde Ihnen gerne zustimmen, Herr Stolberg“, erklärte der Redaktions-Junior. „Aber ich gehe nicht davon aus, dass es Selbstmord war.“

Der Chefredakteur wurde hellhörig. „Mit wem haben Sie telefoniert?“, fragte er neugierig.

„Ich habe mit niemandem telefoniert“, antwortete Willemer, „aber ich habe nachgedacht. Und ich komme beim besten Willen auf keine logische Begründung für einen Selbstmord. Jemand, der so deprimiert ist, dass er seinem Leben ein Ende setzt, wird gewiss keinen gewaltigen Aufwand mehr betreiben. Es ist jedoch ein gewaltiger Aufwand, unerkannt in den 47. Stock eines Bankhochhauses zu gelangen, dort die Zugangstür zum Dachgeschoss aufzubrechen, um in dieser Höhe an die freie Luft zu gelangen und sich dann genau dort über das Geländer zu stürzen, wo man garantiert erst am Vormittag entdeckt wird.“

„Und warum“, konterte Stolberg, „sollte sich ein Gewalttäter der Gefahr aussetzen, entdeckt zu werden? Ihr Argument, lieber Kollege Willemer, mag ja gegen Selbstmord sprechen, aber es spricht genauso gegen Mord. Warum sollte der Täter sein Opfer, statt es irgendwo in einer stillen Ecke umzubringen, erst ins Zentrum des Bankenviertels lotsen, in die Hypo-Union locken und auf das Dach hochjagen“, fragte er stichelnd zurück.

Oskar Willemer schien vom Einwurf des Chefredakteurs unbeeindruckt. Er wandte sich ihm direkt zu: „Eine Drohung, ein Exempel. Der Mörder schickt damit ein Signal an andere, die er einschüchtern will – wie bei einem Mafia-Mord.“

Der Chefredakteur ging die paar Schritte zum Fenster und blickte auf das hochsommerliche Frankfurt. Hinter den Messehallen ragten die Bankhochhäuser in die Höhe: die Deutsche, die Commerzbank, die Morgan Chase – und natürlich auch die Hypo-Union. „Das klingt ja gruselig. Ist aber ziemlich spekulativ, ich weiß nicht, ob man’s schon in die Zeitung …“

„Nein, natürlich nicht“, fiel Schlosser ins Gespräch ein. „Das wäre ja schon sehr anmaßend, wenn man diese halbgaren Vermutungen ins Blatt schreiben würde. Aber: Ich würde dringend davon abraten, die Geschichte zu ignorieren. Gut möglich, dass dahinter eine Affäre steckt, die Frankfurts Banken noch einige Wochen in Atem hält. Und uns natürlich auch“, mahnte der Ressortleiter.

„Ja, gut möglich“, räumte Stolberg ein, der jedoch nicht wirklich überzeugt war und deshalb noch einmal nachsetzte: „Aber wenn man den Agenturmeldungen trauen kann, dann spricht doch einiges dafür, dass es ein Selbstmörder war. Keine Hämatome, keine Griffspuren, die auf Fremdeinwirkung hindeuten. Halt einer, der sich am Ende nochmal wichtigmachen wollte.“

Oskar schüttelte den Kopf. „Ich bitte Sie, Herr Stolberg: Keine auffälligen Griffspuren, keine Hämatome – tja, das wäre uns beiden doch wohl auch noch eingefallen, wenn wir Polizeisprecher wären und Spekulationen nicht noch anheizen wollten“, spottete der Jungredakteur und redete sich in Schwung. „Den Rechtsmediziner möchte ich sehen, der bei einem völlig zerschundenen Leichnam binnen weniger Minuten feststellen kann, ob es Spuren von Fremdeinwirkung gibt. Nein, nein, Herr Stolberg, wenn es einen ersten Hinweis gibt, über den es nachzudenken lohnt, dann ist es dieser hier“, sagte Willemer und las aus einem Stapel von Agenturmeldungen vor, die er ausgedruckt und mitgebracht hatte. „Hier bei apx steht: Der Tote konnte noch nicht identifiziert werden, da er weder Einlasschip noch Ausweis oder Papiere bei sich hatte. Keine Papiere! Dann erklären Sie mir bitte einmal, wie er ganz allein ohne Ausweise in diesen Hochsicherheitstrakt gekommen sein soll. Oder meinen Sie etwa, er hat die Papiere vor dem Sprung noch extra entsorgt, um es spannender zu machen?“

Ressortchef Schlosser war aufgestanden und ging auf den Chefredakteur zu. „Carl, der Junge hat Recht, diese Geschichte gehört auf jeden Fall ins Blatt. Vielleicht als Ecke ganz unten auf Seite eins. Und ich würde schon im Eingangssatz einflechten, dass es längst nicht sicher ist, ob es sich um Selbstmord handelt.“

„Titelseite untere Ecke“, wiederholte der Chefredakteur und blickte seinen Kollegen in die Augen. „Ja, überzeugt. Links unten auf der eins.“ Er verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken, ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. „Sie haben mir jetzt richtig Angst eingejagt, Willemer. Die Vorstellung, dass da drüben im Bankenviertel ein skrupelloser Krimineller herumläuft, ist schon ziemlich schaurig.“

2

In der Eingangshalle der Alten Oper drängelten sich jede Menge Banker in ausgesessenen blauen oder anthrazitfarbenen Anzügen. Auch in den Bankentürmen gab es mitten im August so gut wie nichts zu tun. Da war jeder froh um ein wenig Abwechslung – und wenn es auch nur ein Fachkongress mit einem ausgesprochen unlustigen Thema war. Die hochsommerlichen Temperaturen forderten ihren Tribut. Es roch nach Schweiß – und nach süßlichen Rasierwassern, mit denen der Schweißgeruch zu überdecken versucht wurde.

Oskar Willemer war wie immer spät dran. Es war schon Viertel nach zehn, der Oberbürgermeister hatte bereits seine Grußworte gesprochen. Oskar wartete ungeduldig in der Schlange vor einem der Akkreditierungsschalter. Die meisten um ihn herum sahen tatsächlich so aus, wie er sich Banker vorstellte. Blau-weiße Hemden, goldene Armbanduhren, Seitenscheitel, Haargel, frischrasiert – seine Mutter würde sagen: geschniegelt. Keine Nickelbrillen, keine wilden Locken – und auch keine langen Koteletten, wie Oskar sie hatte. Und natürlich besaß in der ganzen Oper an diesem Vormittag auch niemand einen Dreitagebart wie er. Der hätte den anderen um ihn herum allerdings auch wirklich nicht gestanden. Bei Oskar hingegen passten die Bartstoppeln zum markanten, schmalen Gesicht. Mit seinen funkelnden grün-blauen Augen und dem vollen dunkelblonden Schopf war der schlanke 32-Jährige ohnehin einer, der es einfach hatte, Frauen zu gefallen. Selbst seine zerzausten Haare, die bei anderen ungepflegt gewirkt hätten, schienen ihn eher noch interessanter zu machen.

Endlich kam er an die Reihe. „Guten Morgen, ich bin leider nicht vorangemeldet, aber ich habe meinen Presseausweis dabei. Oskar Willemer vom Finanzblatt.“

„Tut mir leid, aber ohne vorherige Akkreditierung kommen Sie heute leider nicht rein. Wir haben erhöhte Sicherheitsstufe“, entgegnete ihm eine ganz in Gelb gekleidete Hostess ebenso freundlich wie bestimmt.

„Hören Sie“, versuchte es Oskar mit seinem freundlichsten Lächeln. „Ich verstehe absolut, dass Sie hier auf Nummer sicher gehen müssen, aber ich kann mich ausweisen und muss unbedingt …“

„Nein, tut mir leid“, fiel ihm die Hostess ins Wort. „Es besteht nicht die geringste Chance. Wenn Sie mir Ihre Visitenkarte geben, kann ich den Pressesprecher der Bankenaufsicht bitten, Ihnen die Reden zuzumailen. Mehr ist beim besten Willen nicht drin.“

Oskar ahnte, dass es die junge Frau mit dem gouvernanten Ton ernst meinte. Wahrscheinlich wäre das dann die erste Frankfurter Bankenkonferenz seit dem Zweiten Weltkrieg ohne Beteiligung eines Korrespondenten des Finanzblatts.

„Ich bitte Sie inständig. Meine Zeitung schmeißt mich raus, wenn ich hier nicht reinkomme.“

„Und wir“, entgegnete ihm die Frau in Gelb ungerührt, „schmeißen Sie raus, sollten Sie es dennoch versuchen. Bitte haben Sie Verständnis. Ich würde ungern den Hausdienst bemühen.“

Oskar hatte nicht die geringste Lust, Bekanntschaft mit den Saaldienern zu machen. Ein Rausschmiss wäre für ihn noch peinlicher, als es die Situation ohnehin schon war. Er schnappte sich deshalb nur noch rasch ein Programm und verschwand nach draußen.

Am Brunnen vor der Oper machte er halt und kühlte sich die Hände. Verdammt nochmal, selbstverständlich war es seine schuld. Natürlich hatte ihm Ressortchef Schlosser aufgetragen, sich anzumelden. Aber da waren die vielen anderen Aufgaben gewesen, die er in seinen ersten Dienstwochen hatte erledigen müssen. Und darüber hatte er die Anmeldung schlicht vergessen.

„Mein lieber Kokoschinski, so lässt sich’s aushalten“, sagte eine heitere, tiefe Stimme.

Oskar blickte sich erschrocken um und entdeckte nur wenige Meter entfernt vom Opernbrunnen Benjamin, einen seiner ältesten Freunde und Rugby-Kumpel, der jetzt als Reporter für die Nachrichtenagentur Worldnews arbeitete.

„Erst mal ’ne Stunde Sonnenbad, dann die dreistündige Mittagspause. Und am späten Nachmittag schreibst du dann 80 Zeilen aus unserem Tickermaterial zusammen. Mannomann, du hast ein scheißfaules Leben, Oz.“

Oz war Oskars Spitzname in der Rugby-Mannschaft.

Benjamin Beckmann war der geborene Rugby-Stürmer. Ein groß gewachsener Kerl mit der Figur eines Tiroler Bauernjungen, mit kräftigen Oberarmen und Schenkeln, die in keiner Jeans genug Platz fanden. Dazu forsch im Auftritt, unverzagt, kühn. Zugleich war er der Prototyp des Agenturreporters. Ein Jäger und Sammler, der alle möglichen Informationen aufsaugte, um sie gefiltert wieder auszuspucken, wenn es dafür einen Anlass gab. Ständig unter Strom, nie abgeschaltet – ein Leben im Stand-by-Modus. Oft den Kragen verdreht, das Hemd hinten aus der Hose, den Schlips viel zu locker und stets ein wenig übernächtigt.

„Ich habe bereits drei Geschichten auf dem Draht“, gab Benjamin keine Ruhe. „Du hingegen hast dich wahrscheinlich eben erst aus dem Bett gepellt und machst trotzdem gleich mal Siesta am Opernbrunnen.“

Oskar war heilfroh, seinen Kumpel zu sehen. „Ben, du musst mich irgendwie in die Oper schleusen“, flehte er ihn an. „Das gibt sonst ein riesiges Ballyhoo beim Finanzblatt.“

Benjamin beruhigte seinen Rugby-Teamkollegen: „Keine Bange. Das kriegen wir schon hin. Worldnews hat wie immer vorsorglich Ersatzleute angemeldet. Du gehst einfach mit dem Ticket unseres Amerikaners rein, Tim O’Bowman.“ Mit diesen Worten legte er ihm freundschaftlich seinen Arm um die Schulter und führte ihn wieder Richtung Opern-Eingang. „Ich bin mir allerdings sicher, Oz, dass du das bereuen wirst. Spätestens beim zweiten Vortrag. Denn vergnügungssteuerpflichtig ist das ganz sicher nicht, was da geboten wird.“

3

Nowitzki und Vito hatten sich auf der kleinen Galerie im ersten Stock der Alten Oper eine Ecke gesucht, von der aus sie fast das ganze Foyer im Auge behalten konnten.

Nowitzki hieß nicht wirklich Nowitzki. Aber weil er alle anderen kopfhoch überragte und noch dazu fast die gleiche blonde Mähne hatte wie der erfolgreichste deutsche Basketballspieler, drängte sich dieser Spitzname nun einmal auf.

„Wir sind startklar“, flüsterte Vito in sein Handy. Auch sein Name war nur ein Spitzname, der in seinem Fall nicht einmal mit seiner Herkunft zu tun hatte. Geboren und aufgewachsen war Vito nämlich in Mannheim und nicht wie Vito Corleone aus den Pate-Filmen Francis Ford Coppolas auf der größten Insel des Mittelmeers. Ja, noch nicht einmal als Tourist war er auf Sizilien gewesen, denn sein Vater stammte aus Nordportugal. Seine Sommerurlaube hatte er stets in einem kleinen Dorf zwischen Braga und Porto verbracht, weit entfernt vom Süden Italiens. Aber mit seinen eng anliegenden weißen Anzügen und dem schwarzen Seitenscheitel hätte der kleinwüchsige und übergewichtige Sohn portugiesischer Einwanderer wohl tatsächlich jedes Casting für einen Mafia-Streifen bestanden. Er und Nowitzki bildeten ein ziemlich ulkiges Zweiergespann.

„Bisher läuft alles nach Plan. Wir haben oben im Presse-Arbeitsraum still und heimlich den Ton abgedreht. Keiner von den Presseheinis kann es sich leisten, da oben länger sitzen zu bleiben, solange hier unten Programm ist. Und jetzt sind wir wieder im Foyer“, berichtete Vito in sein Mobiltelefon. „Da vorne steht die ganze Bande Journalisten. Sollen wir losstarten?“

„Nein“, stoppte ihn sein Gesprächspartner in der Zentrale. „Ihr haltet die Füße still. Der Bundesbank-Chef erreicht in knapp zehn Minuten den Opernplatz, wird also voraussichtlich um Elfhundertzwanzig das Foyer betreten. Da müssen dann alle unsere Agenturreporter antanzen. Dann habt ihr oben etwa eine Viertelstunde, um ungestört abzuräumen“, gab der Mann aus der Zentrale den Fahrplan vor – und fragte zum zweiten Mal an diesem Tag die Zeit ab.

„Elfhundertacht Uhr“, antwortete Vito und stieß seinen Nebenmann an: „Hey, Nowitzki. Der Schatzmeister fragt nach einem Uhrenvergleich.“

Der Zwei-Meter-zehn-Hüne zog sein Handy und bestätigte: „Elfhundertacht.“

„Gut, dann setzt eure Hintern in ziemlich genau zehn Minuten in Bewegung“, lautete die Anweisung des Mannes aus der Zentrale, den sie Schatzmeister nannten. „Aber geräuschlos.“

4

Im zweiten Anlauf war alles glatt gegangen mit der Akkreditierung. Oskar hatte in der Eingangshalle der Alten Oper einen Haken um den Meldeschalter geschlagen, an dem er zuvor gescheitert war. Schließlich wollte er auf gar keinen Fall der Hostess in Gelb in die Arme laufen, die ihn beim ersten Versuch abgewiesen hatte. An einem der Anmeldeschalter auf der anderen Seite hatte er sich als Tim O’Bowman von der Nachrichtenagentur Worldnews ausgegeben und sofort dessen Einlasskarte bekommen, ohne einen Ausweis vorzeigen zu müssen. Keine zwei Minuten später war er durch alle Kontrollen durch und endlich im Foyer der Alten Oper, wo sein Rugby-Kollege Benjamin auf ihn wartete.

„Du bist dir hoffentlich sicher“, fragte Oskar nach, während er sich die Einlasskarte mit dem fettgedruckten Namensschild am Revers seines Sakkos feststeckte, „dass dein Kollege O’Bowman nicht doch noch hier auftaucht und sich darüber wundert, dass ich seinen Namen spazieren führe?“

Benjamin schüttelte den Kopf: „Nein, nein, das kann nicht passieren. Ich bin mir ganz sicher. Er ist heim in die Staaten, nach Atlanta. Ich selbst habe ihn in seinem Wagen zum Terminal rausgefahren, und zwar in einem schwarzen Alfa Bertone. Verstehst du, Oz, was das bedeutet: Ich habe für eine Woche einen Alfa Bertone!“, jubelte Benjamin und sah Oskar mit großen, funkelnden Augen an. „Na sag schon, Oz, ist das Leben nicht herrlich! Wenn du willst, dann kurven wir gleich noch ein wenig mit dem Bertone durch die Stadt und pfeifen fremden Mädchen hinterher – yup! Jedenfalls sobald dieser ganze Unfug hier in der Oper vorbei ist und wir endlich Feierabend machen können.“ Benjamin Beckmann grinste über das ganze Gesicht. Er schien wirklich beneidenswert gute Laune zu haben.

Im Vorbeigehen begrüßte Ben ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und den Finanzchef der Landesbank Hessen, gerade so als wären sie zwei Rugby-Spieler aus einem gegnerischen Sturm oder der eigenen Dreiviertelreihe. Das war typisch für Agenturleute. Während die Zeitungsjournalisten einen betont höflichen Umgangston mit Bankern und Managern pflegten, gingen die rasenden Reporter der Agenturen geradezu kumpelhaft mit der Finanzmarktprominenz um. Aber das rabaukenhafte Benehmen und ihre hemdsärmelige Art wurde ihnen nachgesehen. Ständig herumzupoltern und alle anzuquatschen, die in der Finanzbranche einen Namen hatten, gehörte einfach zu ihrem Geschäft dazu. Schließlich war es die Aufgabe dieses journalistischen Fußvolks, mit der Tür ins Haus zu fallen. Keine langen Einleitungen, keine umständlichen Fragen, keine langatmige Konversation. Kein ausholendes ‚Ja, das sind tatsächlich spannende Zeiten‘ und kein fachsimpelndes ‚Neulich habe ich etwas ganz Interessantes gelesen‘. Viel eher ein kerzengerades ‚Was werden Sie jetzt tun?‘ oder ein verhörerisches ‚Macht Ihnen der Wechselkurs Sorgen?‘, wenn nicht sogar ein provokatives ‚Denken Sie über einen Rücktritt nach?‘. Weder der Deutsche-Banker noch der Helaba-Manager hatten an diesem Tag irgendetwas zu berichten, was für Benjamin Beckmann von Interesse war. Über die NordwestLB wollte ihm der Landesbanker aus Hessen nichts sagen – und konnte es wahrscheinlich auch nicht. Und sonst gab es derzeit ja wenig, worüber es Informationen einzusammeln lohnte.

Nach einer kurzen Unterhaltung verabschiedete sich Benjamin deshalb von den Bankmanagern und wandte sich wieder Oskar zu. „Eigentlich bin ich ganz froh drum, dass es heute wenig Neuigkeiten gibt“, erklärte Ben, „denn ohne O’Bowman – also ich meine ohne den echten O’Bowman – muss ich alle Meldungen selbst schreiben. Zumal ich mich ja auch noch um diesen blöden Selbstmörder bei der Hypo-Union kümmern muss.“

„Ach, du meinst den Toten, den sie vor dem Hypo-Union-Hochhaus gefunden haben? Ich bin noch längst nicht überzeugt, dass das ein Selbstmörder war – ich habe da eine ganz andere Vermutung“, entgegnete Oskar.

„Von der musst du mir später erzählen, Oz“, brach Benjamin die Plauderei mit ihm jäh ab, denn auf der Gegenseite des Foyers gaben ihm die Kollegen von apx und Realtime gerade das Signal, dass er sich sputen müsse. „Verdammt, ich habe mich sowieso schon verquatscht. Es ist fast Viertel nach elf, ich muss runter zum VIP-Eingang. Berenbrink ist im Anflug und wir müssen ihn gleich am Eingang abfangen, sonst kriegen wir heute keine vernünftige Zeile mehr von Mister Bundesbank“, verabschiedete er sich von Oskar. „Oben im zweiten Stock findest du einen Presse-Arbeitsraum für die Agenturen, da wird alles auf Leinwand übertragen, was dich interessiert“, rief er Oskar noch rasch zu. „Und außerdem gibt es da oben eiskalte Cola, belegte Brötchen und Redemanuskripte. Und keine Hostessen in Gelb, die einen rausschmeißen wollen.“ Mit diesen Worten war Benjamin in der Menge der Banker verschwunden.

Oskar drehte sich um, schritt zu den Aufzügen und machte sich auf den Weg in die zweite Etage.

5

Und Sie glauben wirklich, dass sich irgendjemand für diese staubtrockenen Themen interessiert?“, fragte Franz Berenbrink seinen Pressesprecher Tobias Heinen ungläubig.

Die beiden saßen nebeneinander auf der Rückbank des silbernen Daimlers mit den Panzerglasscheiben, in dem der Bundesbankchef zu seinen Terminen gefahren wurde. Berenbrink blickte mit miesepetriger Miene auf den 18-seitigen Text der Rede, die er in wenigen Minuten halten sollte. „Downside-Risk, Volatilität, Barwert – kein normaler Mensch hat bei 29 Grad im Schatten Nerven für solch einen Mumpitz“, schimpfte Berenbrink.

„Herr Präsident, Sie sprechen ja auch nicht vor normalen Menschen“, entgegnete ihm sein Sprecher, der es gewohnt war, dass sein Chef vor Pflichtauftritten auf Bankkongressen oder bei Hearings maulig war.

Von seinem Äußeren her passte Berenbrink durchaus in die Rolle des Notenbankers. Sein schlankes, strenges Gesicht und sein gescheiteltes graues Haar verliehen dem immer noch athletisch wirkenden 65-Jährigen Würde und Autorität. Auch brachte Berenbrink die nötige Kondition mit, um selbst schwierige Verhandlungen zu überstehen. Allerdings passten sein lebhaftes Temperament und sein direkter und manchmal frecher Umgangston so gar nicht zur landläufigen Vorstellung eines staatsmännischen Bundesbankers. Als lästige Pflicht empfand er zudem die vielen gesellschaftlichen Auftritte. Berenbrink war ein Mann wahlweise für den Poker im Hinterzimmer oder für das schnelle Bier an der Theke. Aber garantiert nicht für die Gala im Ballsaal. Und ganz sicher passte sein Arbeitsstil nicht zu dem von Behördengesichtern wie Pressesprecher Tobias Heinen, dem die Krawatte regelrecht an den Hals gewachsen war.

„Schwer zu sagen, mit welchen Fragen Sie die Nachrichtenagenturen heute bombardieren werden“, lenkte Heinen das Gespräch auf das, was seinen Chef bei der Ankunft an der Alten Oper erwartete. Wie bei jedem öffentlichen Auftritt Berenbrinks würden ihn auch an diesem Tag die üblichen Verdächtigen bei der Ankunft abfangen: die Reporter der Nachrichtenagenturen. Realtime, Worldnews, apx, dpx und wie sie sonst alle hießen. Viele waren es ja nicht mehr, denn in Zeiten massenweiser, kostenloser Informationen im Internet war es immer schwieriger geworden, mit Nachrichten Geld zu verdienen. Weltbekannte, traditionsreiche Branchengrößen wie Reuters, Bloomberg oder Dow Jones waren unter diesem wirtschaftlichen Druck gezwungen gewesen, Kräfte zu bündeln und Korrespondentenplätze zusammenzufassen. Das Nachrichtengeschäft von Reuters und Dow Jones war schließlich unter dem neuen Markennamen Realtime gebündelt worden, während der Newsticker von Bloomberg in Kombination mit einigen lokalen Anbietern in der Agentur Worldnews aufgegangen war. Die beiden Marktführer – Realtime und Worldnews – waren die mit weitem Abstand größten Anbieter. In mehr als 80 Prozent aller Handelsräume in London, Frankfurt oder Mailand waren ihre Ticker-Bildschirme die wichtigste, häufig sogar die einzige Informationsquelle für die Wertpapierhändler, die sich an den Nachrichten der beiden Großen orientierten.

In der alltäglichen Praxis – wie etwa heute in der Alten Oper – hieß das für die Reporter der zwei großen Finanz-Nachrichtenagenturen, dass sie Ministern, Notenbankern oder Vorstandschefs ständig aufs Neue Zitate aus den Rippen zu leiern hatten. Zitate, in denen möglichst Wörter wie Zinsen, Wechselkurse oder Inflation vorkommen sollten. Oder die aus irgendeinem anderen Grund als Futter für Spekulationen taugten, um Aktienkurse, Anleihenotierungen, Geldmarktsätze oder Devisen in Bewegung zu versetzen. Schließlich leben Banken und Börsen vom ständigen Auf und Ab der Kurse, von Provisionen und Transaktionsgebühren. Ein öffentlicher Satz eines hochrangigen Managers oder eines Notenbankers war da allemal gut genug, um in den Handelsräumen der Profi-Investoren Spekulationen und Gerüchte auszulösen – und damit Käufe und Verkäufe von Wertpapieren. Selbst wenn Berenbrink sich nur wiederholte, konnte das den Euro am Devisenmarkt einen halben Cent nach oben schieben. Oder die Aktienkurse der Bank- und Versicherungstitel in den Keller rasseln lassen. Die Kunst eines Notenbank-Präsidenten bestand deshalb darin, stets so unverbindlich wie möglich zu bleiben, um ja keine turbulenten Kursbewegungen anzustoßen. Oder wie es der Altmeister des Fachs, der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan, einst auf den Punkt brachte: „Ich hoffe, ich habe mich zweideutig genug ausgedrückt.“

„Eigentlich, Herr Präsident“, fuhr Pressesprecher Heinen fort, „gibt es im Moment so gut wie nichts, worauf die Wertpapier-Profis spekulieren können. Keine Zinsfantasien, keine außergewöhnlichen Konjunkturdaten. Ich tippe mal, dass man Sie deshalb auf die angeblichen Liquiditätsprobleme der NordwestLB ansprechen wird.“

„Na, dann raus mit der Sprache, Heinen. Sie wollen doch bestimmt wieder, dass ich irgendeinen blöden Satz sage, über den heute früh ihre halbe Abteilung gebrütet hat?“, fragte der Bundesbankchef.

„Tja. Ja. Ja, das stimmt. Die Kollegen von der Bankenaufsicht haben sich gestern an uns gewandt und uns um den Gefallen gebeten, die Märkte zu massieren“, antwortete Heinen. Die Märkte massieren bedeutete, der Notenbankchef sollte ein paar beschwichtigende Sätze loswerden, um Aufgeregtheit aus dem Markt zu nehmen und die Investoren zu beruhigen.

„Und was genau würden die von der Bankenaufsicht gerne hören?“, fragte der Präsident nach.

„Ich glaube, Herr Präsident, man würde es als hilfreich empfinden, wenn Sie in der aktuellen Lage eine Unbedenklichkeitserklärung für die deutschen Banken abgeben würden. So etwas wie: Kein Anlass zur Sorge. Oder: Unbegründete Spekulationen. Halt irgendetwas, was Vertrauen stiftet.“

„Na gut, Heinen,“ seufzte der Präsident, „wenn es irgendjemanden nutzt, dann stelle ich mich auch auf den Kopf, wackle mit den Beinen und sage, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt“, versicherte Berenbrink.

Sie passierten den Rothschildpark und der Bundesbankchef blickte hinüber zum Hypo-Union-Tower: „Was ist eigentlich heute bei denen los gewesen?“

„Ein Selbstmörder hat sich aus dem obersten Stockwerk gestürzt“, antwortete ihm Heinen, „und bisher weiß man noch nicht viel. Ich glaube sogar nicht einmal den Namen des Opfers.“

Berenbrink blickte dem Bankenturm einen Moment nach. Er stellte sich vor, wie es wohl sei, aus dieser gigantischen Höhe nach unten zu stürzen. Ob es ein lautes Geräusch geben würde, wenn man unten aufschlug? Aus diesen Gedanken wurde er jedoch jäh herausgerissen, weil sie die Vorfahrt zum VIP-Eingang der Alten Oper erreicht hatten.

„Nun denn, auf in den Kampf“, munterte ihn Heinen auf.

Gleich neben der großen Holztür lungerten bereits die Reporter von Worldnews und Realtime sowie einiger Spezialagenturen wie Bondmarket, ETF, afx und dpx. Berenbrink kannte ihre Gesichter auswendig, weil sie ihm zu allen offiziellen Terminen folgten – immer auf der Jagd nach einem Zitat. Berenbrink pflegte einen herzlichen, mitunter sogar lausbubenhaften Umgang mit der „Meute“, wie sich die Agenturreporter selbst nannten.

„Na, ihr alten Blutegel, was zur Hölle soll ich euch denn sagen, was ich nicht schon gesagt habe?“, fragte er in die kleine Runde, nachdem er die Limousine verlassen hatte.

Berenbrink lächelte das halbe Dutzend Presseleute freundlich an und reichte den Reportern nacheinander die Hand zur Begrüßung – eine höfliche Geste, die die Agenturleute längst nicht von allen Prominenten gewohnt waren. „Auf jeden Fall ziehe ich den Hut vor euch, Leute. Ihr schreckt ja wirklich vor gar nichts zurück.“ Der Bundesbankchef setzte eine mitleidsvolle Miene auf und fuhr fort: „Wenn ich das richtig im Kopf habe, dann musstet ihr Bedauernswerten bei diesem Schwimmbad-Wetter ein Grußwort des Oberbürgermeisters ertragen – womöglich sogar in seinem eigenwilligen Englisch … uff.“

„Stimmt“, entgegnete ihm ein breitschultriger Typ mit frecher Stimme. „Aber der eigentliche Härtetest steht noch aus: ein Berenbrink-Vortrag über standardisierte Risikomessung in Banken.“ Es war der Worldnews-Reporter Benjamin Beckmann.

„Vorsicht, Beckmann“, warnte ihn der Bundesbankchef mit gespielter Entrüstung, allerdings mit einem breiten Lächeln. „Vorsicht. Nicht so vorlaut. Und vor allem: nicht so voreilig. Das mit den Standardrisikomaßen mag langweilig klingen. Aber natürlich ist es ungemein wichtig, dass Banken ihre Positionen vernünftig und angemessen bewerten, damit ihnen diese Risiken nicht aus dem Ruder laufen.“

„So wie der NordwestLB?“, hakte Beckmann rasch ein.

„Es gibt keinen Grund für argwöhnische Spekulationen über irgendeine deutsche Bank“, versicherte der Bundesbankchef. „Es gibt nicht den geringsten Zweifel an der Solidität der deutschen Banken.“ Berenbrink blickte seinen Pressesprecher Heinen an, der anerkennend nickte. Der Bundesbankpräsident hatte seine Sätze ordnungsgemäß abgeliefert, sein Pressesprecher war zufrieden – und die Meute war es auch. Die Agenturreporter hatten ihren Stoff. „Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte“, sagte der Notenbanker, „denn ich sehe gerade meinen österreichischen Kollegen – und es wäre unhöflich, ihn nicht zu begrüßen.“

Die Agenturreporter ließen Berenbrink fürs Erste gewähren. Er hatte ihnen genug geliefert, und so wählten sie bereits hastig per Handy ihre Redaktionen an und gaben ihre Eilmeldungen durch.

6

Ein paar Minuten war Oskar orientierungslos durch Foyers und Gänge der Alten Oper geirrt. Dann aber hatte er doch den Agentur-Arbeitsraum gefunden. Er war leer, alle Reporter saßen wahlweise unten im Mozartsaal und lauschten den Vorträgen oder warteten am VIP-Eingang, um Bundesbankchef Berenbrink abzufangen. Oskar schlich durch die Reihen und lunste auf die Bildschirme der aufgeklappten Laptops. Überall blinkten Schlagzeilen und Zahlenkolonnen. Schreibfelder warteten darauf, mit neuen Nachrichten ausgefüllt zu werden. Oskar entdeckte vorformulierte Meldungen auf den Bildschirmen und schnüffelte in den handschriftlichen Zetteln herum, die überall auf den Tischen lagen.

Es ist schon ein abgeschmacktes Leben, das die Agenturleute führen, dachte er für sich. Irgendwo ankommen, die Computer anschließen, alle möglichen Quellen anzapfen, um sich so schnell wie möglich auf den aktuellen Stand zu bringen. Dann herumlungern, Prominente abfangen – eine Meldung rausdonnern, vielleicht auch zwei oder drei. Und danach sofort wieder abbauen und abhauen. Journalistische Nomaden, Wegelagerer, deren einzige Verwurzelung in einer kabellosen Verbindung zur Heimatredaktion bestand.

Oskar blieb vor einem Laptop stehen, der augenscheinlich seinem Rugby-Kollegen Benjamin Beckmann gehören musste. Denn erstens lief auf ihm das Programm der Agentur Worldnews, bei der Ben arbeitete. Und zweitens lag daneben ein Adressbuch, auf dem ein Aufkleber der Eintracht-Abteilung prangte: Spende Blut, spiele Rugby!

Auf dem Bildschirm des Laptops blinkten die aktuellen Meldungen der vergangenen Minute, darunter eine Eilmeldung in roter Schrift: Berenbrink: „Kein Zweifel an der Solidität deutscher Banken“. Oskar schüttelte den Kopf. Was für eine überdrehte Welt, was für ein irrer Wettlauf mit der Zeit!

Durch das geschlossene Fenster hatte er den Opernvorplatz im Blick und konnte dort die Limousine des Bundesbankchefs erkennen. Wenige Meter davon entfernt schüttelten sich Menschen die Hände, die wichtig aussahen und von anderen umringt wurden. Oskar erkannte unter ihnen den Präsidenten der Österreichischen Nationalbank. Und ihm gegenüber stand … na klar, das war Berenbrink – jetzt, wo sich der Bundesbankchef drehte, konnte Oskar ihn einwandfrei identifizieren. Mein Gott, da unten, in Rufweite, stand der oberste deutsche Währungsmanager und hatte noch nicht einmal das Foyer betreten. Aber das, was er vor wenigen Sekunden gesagt hatte, als er aus seinem Auto ausstieg, war durch schnellen Zuruf per Handy an die Newsdesks in den Agenturen übermittelt und von dort aus in alle Welt verbreitet worden – und deshalb nun bereits auf jedem Nachrichtenticker in den Börsenhandelsräumen zwischen New York und Singapur zu lesen, also auch hier auf den Laptops in der zweiten Etage der Alten Oper.

Benjamin hatte ihm neulich nach dem Rugbytraining unter der Dusche erzählt, dass sie bei Worldnews und Realtime mittlerweile daran arbeiteten, Nachrichten von Computern schreiben zu lassen, die sie wiederum so formulierten, dass andere Computer sie fehlerfrei lesen konnten. Denn viele Kunden nutzten Programme, die automatische Börsenaufträge in Tausendstelsekunden aufgeben konnten. Mit ihnen war es möglich, um den Bruchteil einer Sekunde eher im Orderbuch der elektronischen Handelssysteme aufzuschlagen und die Gebote auf der Gegenseite schneller abzuräumen, als das selbst dem schnellsten Händler mit manueller Auftragseingabe gelingen konnte. Völlig losgelöst von der realen Wirtschaft, in einer jenseits der Wahrnehmungsgrenze beschleunigten Welt, wechselten milliardenschwere Wertpapier-Pakete ihre Besitzer – und die Nachrichten verkümmerten in diesem entrückten Handelssystem zur Verdichtung von Kauf- und Verkaufsignalen, zu einem Sammelsurium von positiven und negativen Codes, die von Maschinen mit pawlowschen Reflexen formuliert und übersetzt wurden.

Oskar stand am Fenster und beobachtete, wie sich die kleine Menschentraube auf dem Opernvorplatz auf den Eingang zubewegte. Er kippte das Fenster, der leichte Luftzug tat gut. Er drehte sich noch einmal zu Benjamins Laptop um. Dort war der Name Berenbrink bereits vom Bildschirm verschwunden. Die Eilmeldung über die Banken war längst verdrängt durch Rohstoffmeldungen aus Lateinamerika und Schlagzeilen über das Quartalsergebnis einer Schweizer Versicherung. Was vor zwei Minuten noch den DAX bewegte, war jetzt schon Geschichte.

Oskar richtete sich in der letzten Reihe des Arbeitsraums ein. Hier oben war es nicht nur frischer als unten im stickigen Mozartsaal, es gab auch Verpflegung. Außerdem würde er hier inmitten der Agenturen wohl kaum etwas Wichtiges verpassen. Einzig ärgerlich war, dass beim aufgestellten Großbild-Fernseher, der die Reden aus dem Mozartsaal übertrug, der Ton abgeschaltet war. Na gut, dachte sich Oskar, da muss ich mich wohl selbst drum kümmern, das Gerät auch akustisch wieder zum Laufen zu bringen.

Er öffnete eine Colaflasche an der Stahlkante des Serviertischs, trank sie halb leer und krabbelte dann unter den mit einer großen weißen Decke abgehängten Tisch, auf dem der Großbildschirm stand. Hier unten war es ein wenig muffig, der Teppichboden roch leicht säuerlich. Außerdem war es duster, weil die Tischdecke nach vorne hin abdunkelte.

Es gab so viele Kabel und Stecker, dass Oskar einige Momente brauchte, um sich zu orientieren. Er robbte noch ein Stück nach vorne, sodass auch seine Beine und Füße komplett unter dem Tisch und der Tischdecke verschwanden. Dann drehte er sich leicht seitwärts, um besser in die eigene Hosentasche greifen zu können, kramte sein Handy hervor und nutzte es als Taschenlampe, um die Kabel genauer zu inspizieren. Er musste nicht lange suchen, um das Problem zu entdecken. Der Ton konnte gar nicht übertragen werden, denn die Audiokabel waren durchgeschnitten.

„Was soll das denn?“, wunderte sich Oskar. Er versicherte sich noch einmal, dass er die Leitungen nicht verwechselt hatte, aber es gab nicht den geringsten Zweifel: Die Ton-Übertragungskabel waren mit einem scharfen Schnitt durchtrennt – ein Umstand, auf den sich Oskar auch nach einigem Überlegen keinen Reim machen konnte. Ergebnislos brach er seinen Reparaturversuch ab, verstaute das Mobiltelefon wieder in seiner Hosentasche und begann, sich rückwärts zu bewegen, um unter dem Tisch hervorzukriechen.

Er hielt allerdings sofort inne, als er nur wenige Meter hinter sich Schritte hörte. Und eine Stimme, die etwas flüsterte.

„Nowitzki, ich hab unseren Laptop gefunden. Bleib du vorne an der Tür, solange ich hier umbaue.“

Oskar erstarrte unter dem Tisch. Für einige Sekunden stellte er sogar das Atmen ein, aus Angst, das Geräusch könnte ihn verraten. Er hatte jahrelang als Gerichtsreporter gearbeitet. Er kannte Hunderte Berichte von Zeugen – und erstaunlich viele fingen mit den Worten an: Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hatte ich das Gefühl: Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Genau dieses Gefühl umschlich in diesem Moment auch Oskar. Er konzentrierte sich auf alles, was er hören konnte. Kabel wurden aus Steckdosen gezogen, technisches Gerät ein- und ausgepackt. Plötzlich klingelte ein Handy. Erschrocken und hektisch griff Oskar in seine Hosentasche, um es auszuschalten. Erst im nächsten Augenblick stellte er erleichtert fest, dass es gar nicht sein Handy war, das da läutete. Eigentlich hätte er es sofort am Klingelton erkennen müssen, denn der spielte nicht seine Telekom-Melodie, sondern die Rocky-Balboa-Hymne Eye of the Tiger – bammm … bamm-bamm-bamm.

Oskar drehte sich leise um die eigene Achse und schob vorsichtig die Tischdecke einen Spalt nach oben. Nur zwei Schritte entfernt vor ihm stand ein kleingewachsener Südländer im weißen Anzug und schwarzen Schuhen, schätzungsweise höchstens Größe 38. Er machte einen nervösen Eindruck und war sichtlich verärgert darüber, dass man ihn gerade jetzt störte.

„Was zur Hölle ist denn los?“, zischte er ins Mobiltelefon. „Ja, da bin ich doch gerade bei – also warte doch verdammt nochmal fünf Minuten, ich melde mich dann schon.“ Danach legte der Mann auf. „Der Schatzmeister ist doch ein verdammter Scheißkerl. Geht mir total auf die Nerven mit seinen ständigen Kontrollanrufen und Anweisungen“, schimpfte er vor sich hin. Dabei packte er einen mitgebrachten Laptop aus, der exakt so aussah wie der von Realtime, den er gerade eben abgebaut und entkabelt hatte.

„Vorsicht, Vito, da kommt einer“, rief ihm sein Kumpel an der Tür zu. Oskar schob die Decke noch etwas höher und konnte nun auch den Mann erkennen, der am Eingang zum Presseraum Schmiere schob. Ein blonder Hüne mit ewig langen Beinen, die Figur eines Basketball-Spielers. Sieht diesem Deutschen ähnlich, der in Dallas gespielt hat, dachte sich Oskar – und war sich im gleichen Moment nicht mehr sicher, ob er gerade eben tatsächlich den Namen Nowitzki gehört oder sich das nur eingebildet hatte. Oskar sah, wie vorne an der Tür ein Passant vorbeiging. Der Kerl im weißen Anzug hatte seine Arbeit deswegen kurz unterbrochen, jetzt fuhr er eilig damit fort, den mitgebrachten Laptop hochzufahren.

„Na, komm schon, Baby, mach Tempo“, redete er auf das Gerät ein. Dann tippte er ein paar Tasten, wartete gebannt, gab noch ein paar Codes ein, und drehte den Laptop schließlich genauso hin wie das Originalgerät zuvor dagestanden hatte. Anschließend packte er hektisch die Umhängetasche, in die er den echten Realtime-Laptop verstaut hatte. Zehn Sekunden später war er gemeinsam mit Nowitzki aus dem Raum verschwunden.

Oskar robbte zwei Meter rückwärts unter dem Tisch hervor, rappelte sich hoch und rannte zur Tür, aus der er vorsichtig seinen Kopf streckte. 30 Meter vor ihm bog das ungleiche Duo gerade zum Aufzug ab. Oskar wusste, dass er sich eigentlich dringend um die Konferenz und seinen Artikel für das Finanzblatt zu kümmern hatte. Und dass es im Grunde Unfug war, die beiden zu verfolgen. Aber er war viel zu neugierig, um das merkwürdige Diebespaar einfach so ziehen zu lassen.

Also nahm er die Verfolgung auf. Eine Entscheidung, die er schon in wenigen Stunden mehr bereuen sollte als alles andere in seinem Leben.

7

Im Dibbegucker waren zu dieser Tageszeit alle Tische besetzt. Selbst vorne am Buffet, wie in Sachsenhäuser Kneipen der Ausschank an der Theke heißt, war es schwer, einen freien Quadratmeter zu finden. Aber der Wirt des Dibbeguckers, den sie hier alle nur den Dicken Heiner nannten, hatte natürlich immer noch ein paar Plätzchen in Reserve für Stammkunden und gute Freunde des Hauses. Und zu dieser privilegierten Gruppe zählte schon seit Ewigkeiten Carl Stolberg, der Chefredakteur des Finanzblatts. Er konnte auch ohne Voranmeldung mit einem Sitzplatz rechnen – erst recht, wenn er gemeinsam mit Frankfurts neuem Polizeipräsidenten auftauchte.

Christian Herzog, ein großer und kräftiger Mann mit Locken, dessen Stirn im Sommer ständig nass von Schweiß glänzte, hatte eine beeindruckende Karriere vorzuweisen. Er war mit 44 Jahren der mit Abstand jüngste Polizeipräsident, den Frankfurt je gesehen hatte. Das lag sicherlich auch an seinem forschen Auftritt. Herzog vermittelte den Eindruck, dass er die Probleme beherzt anpackte, dass er den Mut auch zu schwierigen Entscheidungen hatte. Und dass er ungewöhnlichen Methoden gegenüber durchaus aufgeschlossen war, solange sich niemand über das Recht stellte.

„Da kommt halt grad mit dorsch hinner ins Kaminzimmer“, lotste der Dicke Heiner den Journalisten und den Polizeichef durch die Menge – und fand für sie tatsächlich noch zwei Sitzplätze im schönsten Gastraum der Apfelwein-Schänke.

„Eigentlich hätte ich ja allen guten Grund, auf Sie sauer zu sein, Stolberg“, eröffnete der Polizeichef, kaum dass er Platz genommen hatte, das Gespräch gewohnt offensiv und hielt sich nicht lang mit Freundlichkeiten auf. „Ihr verdammter Leitartikel über die Pannen beim polizeilichen Personenschutz hat im Präsidium für ziemlichen Wirbel gesorgt“, schimpfte Herzog.

Stolberg reagierte darauf mit unschuldiger Miene: „Mal ehrlich, Herr Herzog, Sie können mir doch nicht ernsthaft böse sein wegen dieses Kommentars? Oder habe ich Ihren Beamten darin unrecht getan?“

Der Polizeichef musterte sein Gegenüber, nahm sein Rautenglas und leerte es mit einem kräftigen Schluck. „Nein, natürlich nicht. Meinetwegen hätten Sie sogar noch fester draufhauen können auf die Kollegen. Was mich ärgert, ist, dass Sie damals besser darüber informiert waren, was bei uns so alles schiefgelaufen ist, als ich.“ Herzog nahm den Bembel und füllte das Rautenglas neu auf. „Und was zur Hölle wollen Sie nun noch von mir wissen? Sie haben doch schon alles geschrieben, was es zu schreiben gibt.“

„Da haben Sie recht“, entgegnete der alte Mann des Finanzjournalismus freundlich. „Ich interessiere mich im Moment auch gar nicht für Ihre Behörde. Sondern nur für einen ganz besonderen Fall, mit dem Sie aktuell zu tun haben. Präzise gesagt, für einen Fall aus dem 47. Stockwerk des Hypo-Union-Towers.“

Mit dieser Anfrage hatte Herzog nicht gerechnet. Er lehnte sich zurück, atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand ins Gesicht, um sich den Schweiß von der Nase zu wischen und die Augen zu massieren. Man merkte ihm an, dass er sich konzentrierte, um ja nichts zu sagen, was er schon in wenigen Minuten bereuen würde. Nach einer kurzen Denkpause hatte er seine Gedanken geordnet.

„Am liebsten, Stolberg, würde ich Ihnen überhaupt nichts sagen. Ich meine: Wir sprechen immerhin über eine Tat, die gerade mal ein paar Stunden zurückliegt. Wir wissen bislang nicht viel. Und das Wenige, was wir wissen, ist so verwirrend, dass noch kein klares Bild entsteht … Aber ich fürchte, dass wir Ihre Hilfe noch gut werden brauchen können – und deshalb packe ich die Gelegenheit beim Schopfe und schlage Ihnen einen Deal vor.“

Der alte Journalist traute seinen Ohren nicht. Immerhin hatte er ja um diese Unterredung gebeten und war nun doppelt überrascht, dass Herzog etwas von ihm wollte. „Sie glauben, dass ausgerechnet ich Ihnen bei Ihren Ermittlungen helfen kann?“, fragte er erstaunt zurück.

„Ja, denn meine Leute und die Fahnder von der Staatsanwaltschaft kennen Banken nur vom Geldabheben. Es würde Tage dauern, bis die kapieren, was der Unterschied zwischen einem Treasurer, einem Liquiditätsmanager und einem Geldhändler ist. Und Wochen, um daraus etwas für die Ermittlungen abzuleiten. Sie hingegen kennen die Banken besser als jeder andere hier in der Stadt. Sie wissen, wer welche Partner braucht, um irgendein Ding drehen zu können. Und Sie können viel schneller als meine Leute eins und eins zusammenzählen und verstehen, wer aus welchem Grund Geschäfte vereinbart. Deshalb, Stolberg, biete ich Ihnen folgenden Pakt an: Ich halte Sie auf dem Laufenden und liefere Ihnen Informationen über den Fall – natürlich nur in den Grenzen dessen, was mein Amtseid zulässt. Dafür versprechen Sie mir erstens hoch und heilig, mich niemals zu zitieren und auch keine Andeutungen zu machen, die auf mich als Quelle schließen lassen. Und zweitens helfen Sie mir, indem Sie mich an allen Ihren Vermutungen und Spekulationen teilhaben lassen, die Ihnen zu dieser Sache einfallen – und zwar bevor Sie sie Ihren Lesern mitteilen.“ Und mit staatstragender Stimme fügte er hinzu: „Wir brauchen Sie, Stolberg, wir brauchen jeden noch so kleinen Hinweis und jede Gedankenspielerei. Denn ich habe im Blut, dass es hier um eine verdammt ernste Sache geht.“

Der Chefredakteur willigte stumm ein, indem er nickte und seine rechte Hand wie zum Schwur erhob. Dann aber hakte er sofort nach: „Ich hatte also recht mit meiner Vermutung, dass irgendjemand das Opfer aus dem 47. Stock in den Tod gestoßen hat?“

Der Polizeipräsident schüttelte den Kopf: „Nein.“

Verwirrt fragte Stolberg: „Wie? Also war es doch ein Selbstmord?“

„Nein“, antwortete Herzog erneut. „Es ist komplizierter.“ Der Polizeichef rückte etwas nach vorne, lehnte sich zu seinem Gesprächspartner hinüber und sprach so leise, dass die Tischnachbarn garantiert nichts aufschnappen konnten: „Wir gehen nach der ersten Obduktion davon aus, dass das Opfer bereits tot war, als man es in das Hypo-Hochhaus verfrachtete und vom Dach herunterwarf. Und das, mein lieber Stolberg, bedeutet nichts Gutes. Wahrscheinlich haben wir es mit dem zu tun, was unsere Kriminalisten ein Zeigedelikt nennen. Irgendwer will wohl irgendwen erschrecken. Oder warnen. Oder rächen. Oder was auch immer. Auf jeden Fall sieht es danach aus, dass wir gerade erst den Auftakt zu einer ganzen Serie von Kriminaltaten erlebt haben.“

Stolberg nickte und erinnerte sich daran, dass sein junger Redaktionskollege Oskar Willemer beim Gespräch nach der Blattmacherkonferenz am Vormittag bereits ähnliche Vermutungen geäußert hatte.

„Sie haben völlig recht, Herr Herzog“, sagte Stolberg schließlich. „Das bedeutet wirklich nichts Gutes. Wahrscheinlich haben Sie es mit einem Täter zu tun, der ebenso systematisch wie kaltblütig vorgeht.“

8

Nur wenige wussten, wie der Schatzmeister mit richtigem Namen hieß. Alle sagten zu ihm Schatzmeister, so wie sie Nowitzki ungefragt Nowitzki nannten und Vito eben Vito. Es konnte nur von Vorteil sein, wenn jeder gerade das Nötigste über den anderen wusste. Der Schatzmeister freilich war die Ausnahme. Er war der Einzige, der alle Beteiligten auch mit ihren echten Namen kannte – oder zumindest alle, die zur eigentlichen Mannschaft zählten. Bei ihm liefen die Fäden zusammen, er koordinierte das Projekt. Und er gab die Anweisungen.

Zur Mannschaft im engeren Sinne gehörten auch Nowitzki und Vito. Sie konzentrierten sich auf Botendienste und Spezialaufgaben – der Schatzmeister sprach von ihnen als den „Handwerkern“. Ihre Arbeit war allerdings strikt auf Aufträge beschränkt, die jeder Kleinkriminelle ausführen konnte. Dass sich der Schatzmeister gerade für den großen Blonden und den kleinen, pummeligen Portugiesen entschieden hatte, lag daran, dass er die beiden schon seit Ewigkeiten kannte. Sie waren zwar nicht brillant, aber hundertprozentig loyal – und sie hatten noch etwas gut, weil Nowitzki vor einigen Jahren zu Falschaussagen vor Gericht bereit gewesen war, um ein Alibi zu decken. Insofern waren sie in den Augen des Schatzmeisters durchaus die Richtigen für alle Dienste, die nicht allzu große Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit verlangten.

Für alles, was darüber hinausreichte, gab es einen Profi namens Mikail, mit dem selbst der Schatzmeister nur telefonisch in Kontakt trat – sozusagen ein externer Partner für das grobe Geschäft. Der Schatzmeister vermutete aufgrund des starken slawischen Akzents, dass er es bei Mikail mit einem in Deutschland untergetauchten Russen, Weißrussen oder Ukrainer zu tun hatte. Er war gleichzeitig froh, dass er es nicht mit Gewissheit sagen konnte. Denn das gab ihm das Gefühl, dass Mikail seinerseits auch keine Ahnung hatte, von wem er Instruktionen und Geld erhielt – und das war dem Schatzmeister ausgesprochen recht. Denn ihm war unwohl dabei, mit einem kriminellen Söldner zusammenzuarbeiten. Mehr noch: Er hatte schlichtweg Angst vor diesem Mann am anderen Ende der Leitung, der kaltschnäuziger war als er selbst und deshalb unheimlich und bedrohlich. Andererseits blieb ihm keine andere Wahl, als auf Mikails Dienste zurückzugreifen, wollte er nicht auch die schmutzigen Aufgaben selbst erledigen, die das Projekt nun einmal mit sich brachte.

Neben Nowitzki und Vito gehörten ein halbes Dutzend Software-Fachleute zum Team – allen voran Hakan, ein begnadeter Hacker, dem es bereits gelungen war, in viele geschützte Systeme einzudringen. Hakan war in Belgrad geboren, seine Familie siedelte ins Rhein-Main-Gebiet um, als er gerade einmal drei Jahre alt war. Trotzdem hatte er bis heute engen Kontakt mit Serben, Kroaten, Montenegrinern und insbesondere Albanern. Zwei albanische Freunde waren es auch, die ihn dazu brachten, sich bereits als Teenager intensiv mit Software, Programmierung und Ausflügen ins Netz zu beschäftigen.

Schließlich waren da noch insgesamt acht Händler und Aktienstrategen aus sechs verschiedenen Banken, die sich um die Finanzen kümmerten. Und um die Verwaltung des eingesetzten Kapitals – selbstverständlich unter strenger Kontrolle des Schatzmeisters, der den Bankern genaue Anweisungen erteilte. Sie waren für den operativen Teil zuständig und mussten möglichst unauffällig und kursschonend Wertpapiere zusammenkaufen. Eigentlich waren es ja neun gewesen. Aber einer von ihnen war heute Morgen aus dem Hypo-Union-Tower gefallen und lag nun tot auf dem Obduktionstisch der Gerichtsmedizin.

Der Schatzmeister gab nicht nur die Aufträge. Er war es auch, der die Gehälter überwies – natürlich über Umwege auf Drittkonten, um es im Fall der Fälle Ermittlern so gut wie unmöglich zu machen, der Spur des Geldes zu folgen. Keiner konnte sich beschweren – weder die Banker noch die Software-Truppe, ganz zu schweigen von Vito und Nowitzki. Die monatlichen Zahlungen an sie lagen um ein Vielfaches über den Einkommen, die alle Beteiligten mit ehrlicher Arbeit hätten einstreichen können. Die Risikoprämie war also durchaus üppig und das Geld leicht verdient. Allerdings gab es keine Kündigungsmöglichkeit. Das zumindest war allen Beteiligten klar, spätestens seit sie heute die Tickermeldungen über den Toten im Bankenviertel gelesen hatten.

Dass der Schatzmeister in der Schaltzentrale des Projekts die entscheidenden Hebel bediente, hieß allerdings nicht, dass er der Chef des Projekts war. Alle zwei Wochen kam er mit vier Anwälten zusammen, die den „Aufsichtsrat“ bildeten und dort die Interessen ihrer Mandanten vertraten – einem Dutzend anonymer vermögender Privatpersonen, die das Kapital für die ganze Unternehmung zur Verfügung stellten und sich vollkommen im Hintergrund hielten.

Der Schatzmeister kannte nur einen von ihnen – Gregor Corvinius, einen Kronberger Investmentbanker, der sich in den späten neunziger Jahren drei Millionen Euro in die eigene Tasche geschaufelt hatte. Corvinius war reich geworden, indem er seine Position als Händler im Auftrag von Versicherungen und Fonds ausgenutzt hatte. Er hatte sich unmittelbar vor großvolumigen Geschäften seiner Kunden auf private Rechnung mit den entsprechenden Wertpapieren eingedeckt und sie wenige Stunden später gewinnbringend wieder abgestoßen. Dieses Frontrunning war nie aufgefallen, denn die Summen, mit denen Corvinius in die eigene Kasse wirtschaftete, waren maximal fünfstellig – und damit zu klein, um die Aufmerksamkeit der Marktaufsicht auf sich zu lenken.

Anders als der Schatzmeister war Corvinius immer nach oben gefallen. Und man hatte ihm niemals irgendein Fehlverhalten im Handel mit Wertpapieren nachgewiesen, obwohl er sich aller möglicher unlauterer Praktiken bedient hatte. Gerade wegen dieses ausgeprägten Talents, sich nie erwischen zu lassen, war Corvinius von vornherein der Wunschpartner des Schatzmeisters gewesen. Deshalb hatte er vor acht Monaten schrittweise den Kontakt zu ihm aufgebaut und ihm schließlich im März, als er vertraut genug mit ihm war, den kompletten Plan vorgetragen.

Die Kalkulation war voll aufgegangen. Corvinius war sofort von dem Vorhaben begeistert und stieg ein. Er brauchte anschließend gerade einmal zehn Tage, um die nötigen anderen Geldgeber an Land zu ziehen. Bereits im Mai landete die erste Überweisung auf dem Konto des Schatzmeisters, sodass er sich unverzüglich an die konkrete Umsetzung des Projekts machen konnte. Über jeden einzelnen Schritt wachte allerdings der „Aufsichtsrat“, um dessen Geheimhaltung viel Aufhebens gemacht wurde. Eigentlich kein Wunder, schließlich waren dort Anwälte mit von der Partie. Und denen ging genau jene Risikofreude und Unverfrorenheit völlig ab, die Investmentbanker wie Corvinius auszeichneten.

Der Schatzmeister setzte sich vor einen der sechs Bildschirme in der Zentrale, steckte sich eine filterlose Zigarette an und klickte sich durch die Meldungen der Nachrichtenagenturen. Alle hatten sie über den Toten im Bankenviertel berichtet – Realtime, Worldnews, apx und die Mediendienste sowieso. Der Schatzmeister nahm den Meldungsstand mit Genugtuung zur Kenntnis. Es war so gut wie ausgeschlossen, dass irgendjemand aus der Mannschaft nicht davon erfahren hatte. Saßen doch Banker und Softwareentwickler, so wie alle anderen im Bankenviertel, zehn Stunden am Tag vor einem Bildschirm mit Nachrichtenticker. Realtime, Worldnews & Co. waren hier im Zentrum der Stadt die entscheidende Verbindung zur realen Welt. Und der wichtigste Kanal zu all dem, was jenseits der Bankentürme geschah. Ein Ereignis wurde erst zum Ereignis, wenn es über die Ticker lief. Was nicht gemeldet wurde, war sozusagen nie geschehen. Und andersherum: Was irgendwann einmal über die Agentur verbreitet wurde, konnte niemand wieder ungeschehen machen, selbst wenn es in Wirklichkeit nie so passiert war.

Sturz vom Dach des Hypo-Union-Towers gibt Rätsel auf, lautete die Schlagzeile über dem Korrespondentenbericht von afx. Noch sei die Identität des Toten ungeklärt, hieß es in dem Bericht, der allerlei Sprecher von Staatsanwaltschaft und Banken zitierte, die aber allesamt nichts Erwähnenswertes zu berichten hatten. Trotzdem war sich der Schatzmeister sicher, dass die Warnung von allen verstanden wurde, die wieder auf Spur gebracht werden mussten, um das Projekt nicht zu gefährden.

Ihn selbst ließ die ganze Sache übrigens längst nicht so kalt, wie er es nach außen zu demonstrieren versuchte. Auch für den Schatzmeister war es die erste direkte Erfahrung mit einem Kapitalverbrechen. Bisher kannte er echte und brutale Gewalt allenfalls aus Spielfilmen. Er selbst war nicht einmal im Knast gewesen. Und er entstammte einem Zuhause, das viel zu geordnet war, als dass sich in ihm jene Verachtung gegenüber bürgerlichen Karrieren und jene Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer hätte aufstauen können, die im Volksmund recht zutreffend als kriminelle Energie beschrieben wird. Nein, der Schatzmeister war eben nur Schatzmeister und kein Pate. Dazu fehlte ihm die nötige Abgeschmacktheit.

Vor allem heute war der Schatzmeister sichtbar nervös. Immerhin war in den vergangenen Tagen viel schiefgelaufen. Dass einer der eigenen Leute ausscheren könnte, darüber hatten sie zwar immer mal wieder gesprochen. Aber eigentlich waren sie sich sicher gewesen, dass das nie geschehen würde. Nun war es doch passiert – und hatte so schnell für Irritationen bei allen Beteiligten gesorgt, dass das gesamte Projekt in Gefahr geraten war. Der Aufsichtsrat war deshalb zu einer Sondersitzung einberufen worden, drei der vier Anwälte hatten letztlich im Auftrag ihrer Hintermänner für eine schnelle und unmissverständliche Reaktion votiert. Daraufhin hatten sie Mikail verständigt, der die Angelegenheit innerhalb von 72 Stunden erledigte.

So allein in der Schaltzentrale erforderte das Warten noch mehr Geduld. Der Schatzmeister versuchte sich deshalb abzulenken. Er zündete sich eine neue Zigarette an und betrachtete sein Spiegelbild in einem abgeschalteten Computer-Bildschirm. Es war kein schöner Anblick – und der Schatzmeister wusste das nur zu gut. Er musterte die vielen pockigen Narben, die sich von den Schläfen über die Wangen bis zu den Lippen hinzogen und sein Gesicht entstellten. Schon in der Schule hatten sie ihn verspottet, weil er wie kaum ein anderer mit Ausschlägen zu kämpfen hatte. Hautärzte hatten ihm alle möglichen Salben und Tinkturen verschrieben, aber die halfen wenig gegen die Pickel und Bläschen in seinem Gesicht, auf den Schultern und quer über den Rücken. Jahrelang war er von seinen Kumpeln aufgezogen worden, was in ihm wiederum zunächst Abwehr provozierte, später sogar Abkehr – er isolierte sich zusehends von den Menschen um ihn herum. Beides sorgte dafür, dass die Mädchen einen Bogen um ihn machten – sein entstellter Körper und sein eigenbrötlerisches Wesen. Erst mit 22 Jahren, als die Pein der Ausschläge nachließ, hatte er eine erste Freundin. Denn auf einmal drehte sich nicht mehr alles um süße Grübchen. Plötzlich wurden die Jungs von den Mädchen danach taxiert, wie sie sich in einer erwachsenen Welt zurechtfanden. Und auf einmal spielte sogar Geld eine Rolle. Ja, Geld entfaltete eine geradezu magnetische Wirkung. Eine schicke Altbauwohnung in Bornheim, mit dem offenen Auto über die Berger oder die Schweizer Straße und nachts in die Lounges auf der Hanauer: Wer sich das aus eigener Tasche finanzieren konnte, musste das Spiel begriffen haben – und stand deshalb plötzlich hoch im Kurs.

Der Schatzmeister war direkt den Weg des Geldes gegangen. Nach dem Abitur hatte er bei einer Wertpapierhandelsfirma angeheuert und dafür auf ein Studium verzichtet. Es war die Zeit der großen Illusion, der vielversprechende Begriff der New Economy machte die Runde – und mit ihm der naive Glaube, eine Ära des dauerhaften Aufschwungs sei angebrochen. Der Neue Markt stand in voller Blüte, jede Woche kamen drei neue Firmen auf den Börsenzettel und ein Kurssprung von 20, 30 oder sogar 50 Prozent über Ausgabepreis am ersten Handelstag gehörte fast schon zum guten Ton für Neuemissionen. Mit etwas Mut und einem glücklichen Händchen konnte man ein kleines Vermögen machen. Für ein großes Vermögen indes brauchte es etwas mehr: Man musste in einer Bank oder bei einem Broker arbeiten, die richtigen Leute kennen, brauchte Zugang zu reichlich fremdem Kapital und durfte keine Gewissensbisse haben, schmutzige Tricks anzuwenden. Hier eine geschickte Kursmanipulation in einem Nebenwert, dort eine erkaufte Insider-Information, da eine bevorzugte Zuteilung als Gegengeschäft für eine positive Aktienanalyse. Das Risiko, damit aufzufliegen, war über einige Jahre hinweg gering. Erst als die Blase platzte, die Kurse sanken und viele Anleger merkten, dass sie echtes Geld verloren, begann die Jagd auf all jene Profiteure, Trittbrettfahrer und Betrüger, die sich behaglich eingerichtet hatten in den Nischen des Börsengeschäfts, und die zuvor in der Zeit der großen Party niemand wirklich gestört hatten.

Gregor Corvinius, der Kronberger Investmentbanker, war noch rechtzeitig der Absprung gelungen, er brachte sein Geld in Sicherheit und wechselte den Job, aus dem Handelsraum einer Großbank zu einem renommierten Vermögensverwalter. Seine vielen unerlaubten Geschäfte konnten Monate später von Controllern, Betriebsprüfern und schließlich sogar der Wertpapieraufsicht nicht mehr präzise zugeordnet werden. Die Verfahren gegen seine ehemalige Abteilung wurden deshalb eingestellt.

Den Schatzmeister hingegen erwischte es seinerzeit volle Kante. Zwei seiner damaligen Partner bekamen es mit der Angst zu tun, als die Wertpapieraufsicht auf ihre Firma aufmerksam wurde. Sie stellten sich den Behörden und lieferten ihnen umfangreiches belastendes Material, darunter E-Mails des Schatzmeisters, die ihn eindeutig als einen der Drahtzieher manipulierter Aktien- und Termingeschäfte überführten. Die Ermittler konnten ihm daraufhin die persönliche Beteiligung an einer in Internet-Anlegerforen lancierten Kampagne nachweisen, mit dem der Kurs ausgewählter MDAX-Unternehmen künstlich in die Höhe getrieben worden war. Da er sich zudem an Kundengeld vergriffen hatte, um damit eine Brückenfinanzierung für eigene Aktienkäufe zu organisieren, verlor er binnen weniger Tage nicht nur seinen Job und sein Vermögen. Als nunmehr vorbestrafter und nur durch die Bewährung vor einer Haft verschonter Endzwanziger hatte er zudem wenig Aussicht, auf legalem und rechtschaffenem Weg noch einmal einen schnellen Aufstieg zu schaffen. Er war wieder ganz unten gelandet, zurück auf Los. Und ohne die Bärbeißigkeit, die er sich in Reaktion auf den Spott, die Verachtung und die Boshaftigkeiten der Menschen um ihn herum angeeignet hatte, hätte er gewiss nicht die Ausdauer und Geduld für einen erneuten Anlauf gehabt, an das große Geld zu gelangen – an genug Geld, um selbst als Mensch mit einem derart unansehnlichen Gesicht ein seiner Vorstellung nach entsprechend attraktives Leben führen zu können.

Der Schatzmeister blickte sich selbst tief in die Augen, die sich auf dem Bildschirm des Computers vor ihm spiegelten. Dieses Mal, das schwor er sich, werde er sich von nichts und niemandem aufhalten lassen – vor allem nicht von irgendwem, der plötzlich Fracksausen bekommt und aussteigen will. Wenn es nicht anders ginge, würden die Wackelkandidaten noch brutaler eingeschüchtert. Und wenn es sein müsste, würde Mikail eben weitere Aufträge erhalten. „Nur noch gottverdammte acht Tage lang müssen alle durchhalten“, sagte er sich selbst in beschwörendem Ton – bevor er im nächsten Augenblick jäh aus seinem Selbstgespräch gerissen wurde. Es klingelte, Nowitzki und Vito waren endlich da.

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10 июля 2025
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251 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783955423957
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