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Delia Muñoz

Tigermädchen

Die Nacht ist ihr Element

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Teil I

PROLOG

1 DAS LAND DER NACHT

2 BEGABUNGEN

3 NÄCHTLICHE KRIMINALFÄLLE

4 TAUSCHHANDEL

5 DAS ELFTE GEBOT

6 DAS MÄDCHEN IN SCHWARZ

7 DER LEGENDÄRE TAG DES RENNENS

8 VERRÜCKT ODER SUIZIDAL?

9 TOTALE MONDFINSTERNIS

Teil II

10 WIE MAN EIN TIGERMÄDCHEN GEHEIM HÄLT

11 DAS TIER DER NACHT

12 IHR HABT SIE

13 CHAOS IM CAFÉ

14 GIB NICHT AUF

15 SCHLIMME ERINNERUNGEN

16 DIE DUNKLE RETTERIN

17 VERFOLGUNGSJAGD

18 PENDELUHREN UND ANDERE ANTIQUITÄTEN

19 EIN NEUER PLAN

20 DREI ZU NEUN

21 EINBRUCH IN EIN HOCHSICHERHEITSGEBÄUDE

TEIL III

22 VORURTEILE

23 DIE NINJAKÄMPFERIN

24 NOCH MEHR GEHEIMNISSE

25 DAS ZEICHEN DER CATAARA

26 VERRAT

27 FALL ALS TIGER

28 NUR WENIGE WORTE

29 AUTORITÄTSPERSONEN

30 DOPPELLEBEN

EPILOG

WÖRTERBUCH

DANKSAGUNG

Impressum neobooks

Widmung

FÜR MEINE SCHWESTER LORENA MEINE FREUNDIN FIONA S.

AUFGEBEN IST EINFACH. WEITERKÄMPFEN NICHT.

DOCH WER MACHT SICH DAS LEBEN SCHON EINFACH?

Teil I

Ihr habt keine Ahnung, wer ich wirklich bin.

Denn niemand hier ist das, was er zu sein vorgibt.

Melanie.

PROLOG

Sie hatte viele Namen. Das Mädchen in Schwarz, die dunkle Retterin oder das Tier der Nacht.

Ein schwarzer Wagen fuhr um die Ecke in eine dunkle Gasse. Lautlos glitt er immer weiter hinein und niemand bemerkte das kleine, gefesselte Mädchen, das hinten auf dem Rücksitz lag. Die Straßenlaternen waren kaputt oder spendeten nur noch spärlich Licht.

Doch jetzt spähte eine dunkle Gestalt um die Ecke. Sie war vollkommen schwarz gekleidet und hatte dunkles Haar. Dass es stockfinster war, behinderte das Mädchen in Schwarz nicht im Geringsten. Sie erkannte das Auto auf Anhieb und bog zielstrebig in die Gasse ein. Während sie die Straße hinuntereilte, griff sie in ihre schwarzen Stiefel und hielt im nächsten Moment ein Messer in der Hand. Sie blieb stehen. Mit leicht zusammengekniffenen Augen zielte sie mit dem Messer auf die Reifen des Autos, warf es mit aller Kraft und die Klinge schnitt die Reifen entzwei. Offenbar hatte er nicht gerade die neuesten Reifen, dachte das Mädchen in Schwarz erfreut, denn es dauerte nicht lange und die Luft entwich, sodass das Auto zwangsläufig anhalten musste. Die dunkle Retterin eilte auf das Fahrzeug zu, ließ die schwarze, vordere Autotür mit ihren Fähigkeiten dichter werden und öffnete gleichzeitig die hintere. Ein junges Mädchen mit blasser Haut und ebenso dunklem Haar wie ihrem eigenen starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. Das Mädchen in Schwarz nahm sie fest bei der Hand und zog sie aus dem Auto. Mit dem Messer schnitt sie die Fesseln auf und stieß das Mädchen in die nächste Ecke, eine Sekunde, bevor die vordere Autotür aufging und ein vor Zorn rauchender Mann ausstieg.

Das junge Mädchen in der Ecke wimmerte. Die dunkle Retterin sah den Mann verächtlich an. Automatisch wurden die Schatten um sie herum dichter, was es dem Mann erschwerte, sie in der Dunkelheit zu sehen. Doch das Mädchen in Schwarz konnte in der Nacht so gut sehen wie eine Eule, eine Gabe, deren Grund sie bis heute noch nicht erfasst hatte. Der Mann verzog wutschnaubend das Gesicht zu einer hässlichen Grimasse und holte mit der Faust aus. Dafür, dass er nichts sah, zielte er überraschend gut, doch die dunkle Retterin wich ihm geschickt aus, verlagerte ihr Gewicht auf den linken Fuß und kickte ihm mit dem rechten effizient in den Magen. Er krümmte sich, was ihn jedoch nicht davon abhielt, nach ihr zu greifen, sie mit unerwarteter Kraft zu packen und gegen das Auto zu stoßen. Das Mädchen in Schwarz stieß sich vom Auto ab, drehte sich halb um die eigene Achse und nutzte den Schwung, um dem Typen in das behaarte Gesicht zu schlagen. Er stolperte ein paar Schritte nach hinten in das Licht einer altersschwachen Laterne. Die dunkle Retterin knurrte wütend, stellte sich in den Schatten des Baumes daneben und verschmolz mit der Dunkelheit. Der Mann schaute eine Weile lang verdutzt vor sich hin und kniff seine Schweinsäuglein zusammen. Dann trat er einen Schritt nach vorne, aus dem Lichtkegel der Straßenlaterne heraus - direkt in die Knie des Mädchens in Schwarz. Sie packte ihn am Kragen, schleuderte ihn herum und er krachte in sein Auto.

„Miststück!“

„Freut mich, hast du auch einen Nachnamen?“, antwortete die dunkle Retterin gekonnt.

„Wer bist du? Wie heißt du?“, wollte er wissen. Sein Atem stank nach Alkohol.

Das Mädchen in Schwarz grinste. „Du kannst mich „deinen Untergang“ nennen, wenn du willst.“ Sie überlegte kurz. „Oder so, wie es die Zeitung tut.“ Sie hob erwartungsvoll die Augenbrauen.

Der Mann knurrte. „Und wie heißt du wirklich?“

Das Mädchen zuckte die Schultern. Passiv registrierte sie, wie seine Hand zu seinem Gürtel glitt und er sie, um einen gleichgültigen Gesichtsausdruck bemüht, direkt anstarrte. Sie kickte ihm gegen das Kinn und er sackte ohnmächtig zusammen.

„Dummheit“, murmelte die dunkle Retterin fast schon amüsiert. Da kam ihr das junge Mädchen wieder in den Sinn. Rasch eilte sie zu der Ecke zwischen den zwei Häusern, wo sich das Mädchen versteckt hielt. Es zitterte am ganzen Körper und hatte die Arme um sich geschlungen. Mitfühlend lächelte das Mädchen in Schwarz die Kleine an und streckte ihr die Hand entgegen. Vorsichtig umfasste die Kleine die angebotene Hand und die dunkle Retterin zog sie hoch.

„Kommst du allein nach Hause?“, fragte das Mädchen in Schwarz.

Die Kleine nickte benommen und die dunkle Retterin bemerkte, wie sie sich die Handgelenke rieb; dort, wo die Fesseln gesessen hatten, waren rote Abdrücke zu sehen.

„D-danke“, stotterte das Mädchen, ehe es sich umdrehte und davonrannte.

Die dunkle Retterin blickte ihm nach und musste sich zusammenreißen, um ihm nicht hinterherzurennen und es in den Arm zu nehmen. Denn sie wusste genau, wie es war, vergewaltigt zu werden. Und dieses Mädchen erinnerte sie mehr als jedes andere an sich selbst. Stattdessen trat sie in den nächsten Schatten, verschmolz mit ihm und war verschwunden.

„Ein Miststück!“

„Blödes Gör!“

„Bloß ein Mädchen!“

„Pah! Ein fieses Stück!“

Ein Mann stellte die Bierflasche nachdrücklich auf den Tisch vor sich und rülpste. „Sie sieht aus wie ein junges, hübsches Mädchen. Doch das täuscht gewaltig! Sie haut dich so klein!“ Er drückte Daumen und Zeigefinger aufeinander und hielt den anderen die Hand vor die Nase.

Ein paar nickten zustimmend, doch einer schüttelte den Kopf. „Quatsch, sie kann doch nicht überall sein!“

Sein Nachbar lachte betrunken. „Ha! Dieses Weib ist schwarz wie die Nacht! Keine Ahnung, ob sie überhaupt ein Mensch ist.“

„Hast du sie noch nie getroffen?“, fragte der andere Nachbar des Zweifelnden.

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

Sein Sitznachbar lachte humorlos. „Na, dann sei mal froh, Junge, und bete.“

Der Mann gegenüber lehnte sich geheimnistuerisch nach vorne und den anderen schlug seine Bierfahne entgegen. „Bei Vollmond, da verwandelt sie sich in ein rabenschwarzes Tier!“, raunte er. Und keiner der Anwesenden lachte.

Auch die Zeitung hatte immer etwas zu berichten. Doch wer sie wirklich war, das wusste niemand. Man nannte sie bloß das Mädchen in Schwarz, die dunkle Retterin oder das Tier in der Nacht.

1 DAS LAND DER NACHT

Es war Nacht.

Melanie ließ ihren Blick über die Stadt zu ihren Füßen gleiten. Sie stand auf dem Balkon, die Uhr auf ihrem Schreibtisch zeigte drei Uhr nachts an. Obwohl sie nur vier Stunden geschlafen hatte, war sie hellwach. Denn sie brauchte nicht mehr Schlaf; das war etwas, was sie von den anderen Menschen unterschied.

Doch nicht nur das war anders an Melanie. Sie konnte in der Dunkelheit genauso gut sehen wie tagsüber. So beobachtete sie, wie ein Auto in die Straße einbog und wie der Mond am Nachthimmel langsam sank. Sie sah, wie Jugendliche in Gruppen durch die Straßen gingen und wie hier und da eine Katze vorbeihuschte. Der Wind ließ sie in ihrem Pyjama frösteln und wehte ihr um die Ohren. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Heute war ihr letzter Tag an der Schule, bevor die Sommerferien begannen und sie die Schule wechseln würde. Danach würde sie auf ein College gehen – das war hier üblich. Über den Schulwechsel war sie überhaupt nicht traurig, denn in ihrer Klasse war sie gelinde gesagt ziemlich unbeliebt gewesen. Aber heute fuhren auch ihre Eltern nach Island, wo sie die nächsten zwei Monate verbringen würden. Melanies Mutter war Journalistin, ihr Vater Fotograf. So waren sie gemeinsam Chefredakteure der Zeitung „TierWoche“, die sich vornehmlich mit Tierberichten ihre Beliebtheit sicherte. Jede Woche kam eine neue Ausgabe heraus, beispielsweise mit Berichten über einwöchige Beobachtungen des Verhaltens eines Tieres. Aber auch lustige Anekdoten, wie vor zwei Wochen, als ein Eichhörnchen in ein Haus „eingebrochen“ war und den Vorratsschrank ausgeräumt hatte, fanden sich darin. Die Besitzer waren ganz durch den Wind gewesen und hatten Anzeige erstattet - gegen ein Eichhörnchen. Solche Dinge landeten dann in der TierWoche

Die einzige Ausnahme, die ihre Eltern machten, war, dass sie zuzüglich zu den Tieren noch über die dunkle Retterin schrieben. Sie sei so mutig, sagten sie, dass sie einfach darüber berichten müssten. Außerdem wurde sie der Zeitung bei Vollmond ja gerecht, wenn sie sich angeblich in ein Tier verwandelte.

Melanie seufzte. In Island wollten sie über Pferde schreiben. Ein großer Pferdezüchter hatte ihnen für knapp zwei Monate erlaubt, bei ihm zu wohnen. Doch Melanie durfte nicht mit, sie blieb allein zu Hause, da sie sich weigerte, zu ihrer altmodischen Tante zu gehen. Sie warf einen Blick in ihr Zimmer. Die Uhr zeigte 04:30 Uhr an, Melanie war nun schon seit einer Weile auf dem Balkon und beobachtete die kühle Nacht. Jetzt schlich sie, so leise es ihre Pantoffeln erlaubten, in ihr Zimmer zurück und erledigte ihre Hausaufgaben, bis der Wecker um 06:30 Uhr klingelte. Melanie legte ihr Heft beiseite, in das sie schreiben musste, was sie in welchen Fächern gelernt hatte. Eine kindische Aufgabe, wie sie fand. Sie schaltete das Licht an, obwohl sie es nicht brauchte, und packte die Schulsachen zusammen, ein allerletztes Mal für eine lange Zeit. Dann ging sie duschen, um danach in ihre gewohnte Kleidung zu schlüpfen; eine schwarze, enge Jeans, ein gleichfarbiges T-Shirt und einen bequemen, ebenfalls dunklen Hoodie. Sie zog rasch ihren Gürtel mit den silbernen, spitzen Steinen durch die Gürtelschlaufen und streifte sich mehrere Lederarmbänder übers linke Handgelenk sowie ein Nietenarmband über das rechte. Dann stellte sie sich vor den Spiegel, um sich die pechschwarzen Haare zu bürsten. Sie hatte sich längst daran gewöhnt, dass sie links in ihrem Haar eine circa zwei Zentimeter breite pinke Strähne hatte, die sich nicht färben ließ. Auch, dass Melanie pinke Augen hatte, verwirrte sie nicht länger. Dafür umrahmte sie ihre katzenartigen Augen mit einem dicken, schwarzen Eyelinerstrich und trug Wimperntusche auf. Die Lippen malte sie knallrot an, bloß ihre blasse Haut überschminkte sie nicht. Dann polterte sie, die Schultasche um die Schulter gehängt, die Treppe hinunter und gesellte sich zu ihren Eltern in die Küche. Melanie liebte ihre Eltern heiß und innig und sie vertrauten sich beinahe alles an. Alle drei waren froh darüber, dass sich die kleine Familie trotz Melanies Teenageralter immer noch gut verstand, wie Melanies Eltern häufig betonten. In der Küche schenkte sich Melanie eine Tasse Kaffee ein, rührte darin herum, obwohl sie bloß Milch hinzugefügt hatte, und lugte ihrem Vater über die Schulter. Ihr Blick blieb an seiner Zeitung hängen, während ihr Vater sich umdrehte.

„Guten Morgen, wie fühlt sich der letzte Schultag an?“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. Melanie lachte. „Gut, wäre nur noch besser, wenn die Schule ganz ausfallen würde.“

Melanies Mutter drehte sich ebenfalls um und umarmte sie, was echt ein Kunststück war, da beide Kaffeetassen in den Händen hielten. „Na komm, heute ist nicht mal richtiger Unterricht“, munterte sie ihre Tochter auf.

Melanie grinste nur und nahm einen Schluck vom Kaffee. Dann fiel ihr Blick auf die zweite Zeitung auf dem Küchentisch und sie riss erstaunt die Augen auf. Mit dem Löffel deutete sie auf die Schlagzeile. „Sie wurde gesichtet?“

Ihre Eltern nickten, sie wussten sofort, von was sie sprach. Die Schlagzeile der Zeitung lautete:

Die dunkle Retterin offenbart ihr Gesicht.

„Ja, ein Opfer konnte im Schein der Straßenlaterne ihr Gesicht erkennen. Anscheinend handelt es sich um eine Asiatin.“ Melanies Vater reichte ihr die Zeitung, in der ein gestelltes Foto zu sehen war. Das Mädchen, das mit entschlossenem Blick in die Ferne starrte, hatte eine braune Hautfarbe, dunkle Augen und schwarzes Haar.

„Seltsam“, bemerkte Melanie. „Bisher hat sie ihr Gesicht immer verdeckt gehalten.“

Melanies Mutter kaute auf ihrer Unterlippe herum, eine Eigenschaft, die Melanie von ihr geerbt hatte. „Ich denke, man will auch gar nicht wissen, wer sie ist. Denn wenn man wüsste, wer sie ist, müsste man sie verhaften, doch keiner hier will das.“

„Aber man weiß doch nicht, wer sie ist, oder? Ich meine, es gibt viele Asiaten hier“, warf Melanie verwirrt ein.

Ihr Vater nickte. „Das stimmt. Und ich denke auch nicht, dass man mehr herausfindet. Denn bestimmt wird sie jetzt vorsichtiger sein.“ Melanie nickte nachdenklich.

„Was bringt ihr darüber in eurer Zeitung?“

Ihre Eltern sahen sich an. „Das wissen wir noch nicht.“

Melanie nippte an ihrem Kaffee und schaute verständnisvoll nickend auf die Uhr. „Ich muss bald gehen.“

„Okay, dein Vater und ich gehen auch bald los. Wir sehen uns lange nicht mehr, Melanie.“ Die Stimme ihrer Mutter war geknickt in Anbetracht des Abschieds von ihrer Tochter.

Melanie schaute ihre Eltern schwermütig an und stellte die Tasse beiseite, um die beiden in den Arm zu nehmen. Sie drückte sie fest an sich und schloss kurz die Augen. „Ich werde euch vermissen. Und ruft mich unbedingt an! Ich möchte wissen, wie die Pferde aussehen.“

Ihre Eltern lachten. „Ganz bestimmt. Wir lieben dich, mein Schatz.“ Ihre Mutter drückte ihr einen Kuss aufs Haar.

„Und sei vorsichtig, ja?“, bat ihr Vater. Dann grinste er frech. „Du hast dich schon wie eine Mutter angehört!“

Melanie lachte und boxte ihm scherzhaft in die Rippen. „Ach was!“, protestierte sie.

Die Zeit, bis Melanie in die Schule musste, ging viel zu schnell vorbei. Sie küsste ihre Eltern noch ein letztes Mal zum Abschied, wünschte ihnen viel Erfolg und ging schweren Herzens in die Schule.

Melanie machte sich so klein wie möglich. In ihrer Schule wurden alle, die pinke Augen hatten, heruntergemacht. Und da das genau genommen nur Melanie betraf, war sie das Opfer.

Sie saß auf ihrem gewohnten Platz ganz hinten im Klassenzimmer und starrte die schwarze Tafel am anderen Ende des Raumes an. Die Wände des Klassenzimmers waren weiß gestrichen, die Tische reihenweise angeordnet und an der Wand hing außer dem Stundenplan kein einziges Bild, nicht mal Plakate der Schüler wurden aufgehängt. Alles in allem war es hier genauso unfreundlich gestaltet, wie die Stimmung war, und von Wohlfühlen war keine Rede. Gerade beschrieb eine Tussi vor Melanie ihrer Kollegin eine nicht vorhandene weitere Freundin. Ganz klar, um Melanie zu ärgern.

„Sie hatte blonde Haare und pinke ... äh ... ich meine natürlich blaue Augen.“ Ihre Freundin lachte dröhnend und unmädchenhaft über den grottenschlechten Witz.

„Weißt du, ich würde mich nicht blicken lassen!“, meinte sie.

Melanie, die ganz darauf konzentriert war, den beiden nicht an die Gurgel zu springen, weil sie sonst Ärger bekommen hätte, bemerkte nicht, wie die Freundin der beiden Miss-Wir-sind-so-lustig-Tussen mit einem Schwamm hinter sie getreten war. Als der erste Tropfen Seifenwasser auf ihre Haare fiel, fuhr sie erschrocken zusammen, sprang über ihre Stuhllehne und packte das Mädchen am Hals. Dieses schaute sie entsetzt an und ließ den Schwamm fallen, der ein paar Meter weiter links landete. Eine Sekunde später ließ Melanie sie erschrocken los und ging schwer atmend ein paar Schritte zurück. Sie hatte ganz reflexartig gehandelt, doch sie wäre auch zu mehr in der Lage gewesen. Es war ihr aber noch nie passiert, dass sie derart die Fassung verloren und ein Mädchen angegriffen hatte; wahrscheinlich reichte es ihr an ihrem letzten Schultag einfach. Aber sich zu entschuldigen, war eine schlechte Idee, deshalb kniff sie verächtlich ihre großen Augen zusammen und sah die drei Tussen an, die sie aus offenen Mündern anstarrten.

„Ich kannte mal jemanden, der hatte braune Augen.“ Sie sah das Mädchen, das vorhin über die blauen Augen erzählt hatte, nachdrücklich an. „Aber seltsamerweise wechselte das ziemlich schnell zu Blau, als er mich ins Wasser werfen wollte.“ Sie schnaubte. „Also lasst mich gefälligst in Ruhe!“ Sie setzte sich an ihren Platz, wohl wissend, dass ihr Spruch genauso schlecht war wie der der anderen. Natürlich hielt das niemanden davon ab, weiter über sie zu lästern.

Ein Junge vor ihr drehte sich um. „Ach ja, ist er über seine Füße gestolpert?“

Das ist ja fast schon humorvoll!

Sie antwortete nicht.

„Weshalb trägst du denn diese bescheuerten Kontaktlinsen?“

Melanie zwang sich, nicht auch noch ihm die Fresse zu polieren. „Das sind keine Kontaktlinsen“, sagte sie möglichst gelassen. Egal, welche Antwort sie gab, es war immer die falsche.

Der Junge hob die Brauen. „Ach ja, du bist ja eine Missgeburt.“ Lachend drehte er sich wieder nach vorne.

Doch nicht humorvoll.

Zum Glück kam in diesem Moment die Biologie- und Klassenlehrerin ins Zimmer, die es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, zu spät zu kommen. Sie blickte ihre Schüler an, die allesamt in einer Du-hast-mirgar-nichts-zu-sagen-Haltung in ihren Stühlen saßen. Melanie schaute sich rasch im Zimmer um und stellte verwundert fest, dass tatsächlich alle eine eigene Taktik entwickelt hatten, in der Schule nicht aufzufallen und desinteressiert auf den Stühlen zu fläzen. Wenigstens etwas lernt man in der Schule.

„Gerade hinsetzen!“, herrschte die Lehrerin ihre Schüler an.

Von allen Lehrern mochte Melanie diese am liebsten. Nicht, weil sie so wahnsinnig sympathisch war, sondern weil die meisten Schüler Angst vor ihr hatten. Dann ließen ihre Mitschüler sie wenigstens eine Weile lang in Ruhe.

„Heute ist euer letzter Tag. Letzte Woche habe ich eine Umfrage gemacht, was ihr heute gerne machen würdet. Da es gewisse Einschränkungen gibt, habe ich Folgendes entschieden.“ Sie schob sich die Brille höher auf die Nase. „Nachdem ihr mir die Hefte zurückgegeben habt, werden wir über ein aktuelles Thema sprechen.“

Die Klasse stieß entsetzte Laute aus und Melanie runzelte die Stirn. Momentan war nichts in den Nachrichten präsent, über das man groß reden konnte, und das Wetter war mit aktuell bestimmt nicht gemeint. Sie musste sich wohl überraschen lassen.

Doch die Lehrerin strich trotz der abwehrenden Reaktionen bloß ihre altmodische Bluse glatt und ging in der Klasse herum, um die Hefte einzusammeln.

Als Melanie ihres abgab, flüsterte jemand: „Bestimmt hast du den ganzen Abend damit verbracht zu schreiben, dass du gelernt hast, dass es keine pinken Augen gibt.“

Melanie warf ihr Haar über die Schulter und flüsterte zurück: „Es war um vier Uhr morgens.“

Der Junge blickte ein wenig verwirrt drein.

Melanie drehte sich wieder nach vorne, weil sie schon den Blick der Lehrerin auf sich spürte. Wie sie die Schule und diese Leute hasste. Konnten diese Idioten sie nicht einfach ignorieren? Das vier Uhr morgens war zwar in diesem Fall eine etwas lockere Wahrheit gewesen, aber an manchen Tagen traf das tatsächlich zu.

Die Lehrerin schrieb in großen Lettern den Begriff „Die dunkle Retterin“ an die Tafel. Lächelnd drehte sie sich zu den Schülern um, die ihr mit offenen Mündern entgegenblickten.

Das hatte sie mit „aktuell“ gemeint?

„Was kennt ihr noch für Begriffe für dieses Mädchen?“ Ihr Blick glitt durch die Brille über die Schüler und blieb schlussendlich an Melanie haften, obwohl diese sich große Mühe gab, ihrem Blick auszuweichen. „Melanie?“

Melanie sah erschrocken hoch. „Äh, das Mädchen in Schwarz“, antwortete sie zögernd und spielte nervös mit ihren Armbändern herum, die Gedanken bei der TierWoche und ihren Eltern.

„Genau!“, sagte die Lehrerin erfreut, als habe Melanie gerade im Kopf eine ellenlange Gleichung gelöst. Eifrig schrieb sie es an die Tafel und Melanie sah wieder aus dem Fenster. Tatsächlich gab es schlimmere Themen als dieses, aber sie wollte im Moment nur noch aus dieser Schule raus und nie wieder zurückkehren. Sie bekam noch mit, wie ein Junge sagte, manchmal würde sie das Tier der Nacht genannt werden. Darauf reagierte die Lehrerin ebenso beschwingt wie bei Melanie. Wahrscheinlich dachte auch sie schon die ganze Zeit an die Ferien und konnte sich die Laune nicht verderben lassen. Geschichten zufolge fuhr sie jeden Sommer ans Meer, was Melanie überhaupt nicht verstehen konnte – ihr persönlich gefielen keine Strandferien, genauso wenig wie ihren Eltern.

Als Melanie nach einer Weile wieder einen Blick auf die Tafel warf, realisierte sie, dass der Unterricht vorangeschritten war, auch wenn sie nichts davon mitbekommen hatte. An der Tafel standen nun mehrere Stichworte zum Verhalten des Mädchens in Schwarz und was für eine Person sie wohl war. Melanie presste genervt die Lippen aufeinander. Wieso war es denn so wichtig herauszufinden, wer dieses Mädchen war? Warum konnte die Menschheit kein Geheimnis geheim bleiben lassen? Ohne dass sie es richtig merkte, hatte sie die Hand gehoben.

„Ja, Melanie? Was möchtest du dazu sagen?“ Der Blick der Lehrerin durchbohrte sie.

Hören Sie auf, mit mir zu reden, als sei ich ein Kleinkind!

„Ich habe eine Frage“, stellte sie klar und schaute stur nach vorne. „Wieso wollen wir jetzt herausfinden, wer sie ist? Warum ist das so wichtig?“

Die Lehrerin schob verdutzt ihre Brille höher und einige aus der Klasse stöhnten übertrieben laut.

„Was die immer für Fragen stellt“, murmelte der Junge hinter Melanie. „Nun ja, immerhin ist sie ja ein großes Thema in der Zeitung“, antwortete Melanies Klassenlehrerin pikiert und ein wenig aus dem Konzept gebracht. „Das ist doch ein lockeres Thema für den letzten

Tag, findest du nicht?“

Melanie verdrehte die Augen. Das war ja wohl keine ausschlaggebende Antwort gewesen.

„Hm, findest du nicht?“, äffte eine Schülerin die Lehrerin nach und Melanie spürte den Blick des Mädchens im Rücken. Sie straffte die Schultern, setzte ein Lächeln auf und erwiderte an die Lehrerin gewandt: „Doch, das ist es.“

Die Pausenglocke klingelte und erlöste Melanie aus ihrer ungemütlichen Situation. Erleichtert sprang sie auf, voller Vorfreude auf ein paar ungestörte Minuten für sich allein. Alle anderen stürmten aus dem Klassenzimmer, möglichst weit weg von der Lehrerin, und hinterließen ein Chaos aus Stühlen, Tischen und Stiften. Melanie, die lässig und froh über die Unterbrechung hinausschlenderte, bemerkte das Bein natürlich nicht, das ihr jemand stellte. Sie stolperte darüber und stützte sich gerade noch rechtzeitig an der Wand ab. Wütend knurrte sie den Jungen an und lief weiter, doch ihr Herz schlug ein wenig schneller. Dann hörte sie plötzlich eine Stimme wispern: „Mal sehen, wer ein blaues Auge kriegt.“

Melanie wirbelte herum und wich reflexartig der Faust aus, die direkt auf ihr Gesicht zielte. Der Junge von vorhin wollte sich offenbar unbedingt prügeln. Melanie seufzte. Es wäre kein Problem, den Gang dunkel werden zu lassen, den Idioten k. o. zu schlagen und wegzugehen, doch leider wären die Lehrer nicht erfreut darüber. Und sie konnte von Glück reden, dass die Tussi bisher noch nicht gepetzt hatte. Also packte sie seinen Arm und verdrehte ihn auf seinem Rücken. Auch wenn das nicht viel besser als eine handfeste Prügelei war, war es wenigstens nicht so einfach nachweisbar wie eine Beule.

„Hör mir zu“, zischte sie ihm ins Ohr. „Ich könnte dich nach der Schule grün und blau schlagen. Aber wenn du mich hier auch nur einmal anrührst, petze ich.“

„Drohst du mir etwa?“, fragte der Junge scheinheilig.

Melanies Magen verkrampfte sich. „Nein. Ich warne dich bloß vor.“

Sie ließ ihren Blick durch den Gang schweifen, bis sie eine dunkle Nische hinter einem Spind gefunden hatte. Blitzschnell ließ sie den Jungen los und huschte in die Ecke. Sie spreizte die Finger und die Schatten wurden dunkler. Jetzt konnte sie niemand mehr sehen. In der Tat schaute sich der Junge verwundert und mit einem dämlichen Gesichtsausdruck um. Melanie zwang sich, nicht zu lachen. Dann entschied der Junge sich dafür, sich den Arm zu reiben und seinen Kumpels hinterherzurennen.

Melanie atmete erleichtert aus.

Der Tag wurde nicht besser und Melanie ersehnte das Ende der Schule mit jeder Sekunde mehr herbei. Mit einem Bleistift kritzelte sie gedankenverloren auf ihrem Blatt herum und blendete die blöden Sprüche aus, die ihre Mitschüler bei jeder Gelegenheit flüsterten, obwohl sie gewöhnlich Respekt vor der Klassenlehrerin hatten. Die Lehrerin zeigte ihnen nun doch eine Komödie, die eine der Tussen mitgenommen hatte; ein paar Schüler konnten sie dazu überreden, dass sie nun genug über die dunkle Retterin wussten. Da Komödien ganz und gar nicht Melanies Genre waren, hörte sie nur mit halbem Ohr zu.

Da ertönte die erlösende Schulglocke. Noch nie hatte Melanie das scheußliche Klingeln als so erleichternd empfunden wie an diesem Tag. Sie sprang von ihrem Stuhl hoch, packte den Bleistift ein und warf das Bild in den Mülleimer. Ohne auf den „Ist das ein Tiger? Sieht aus wie ‘ne Katze“-Kommentar einzugehen, verabschiedete sich als erstes von der Lehrerin.

„Ferien! Nie mehr an diese blöde Schule!“, versuchte sie, ihrem Gehirn begreiflich zu machen, dass es sich freuen sollte. Ohne es zu merken, war sie auf dem Schulhof angekommen und schritt zielstrebig auf den Ausgang zu. Die Sonne schien ihr warm ins Gesicht, wie um sie daran zu erinnern, dass nun endlich die ersehnten Ferien anstanden. An der Ausgangstür standen ein paar Mädchen, die sich mit Tränen in den Augen umarmten und Melanie nicht mal bemerkten, als sie sich an ihnen vorbeidrängte. Doch sie fühlte sich freier als je zuvor in den letzten vier Jahren. Nun konnte sie neu anfangen.

Melanie schaute seufzend in den Kühlschrank. Außer einer halben Flasche Wasser, etwas Milch und Käse war nichts zu sehen. Damit kam sie nicht weit. Sie schloss die Tür wieder und machte sich auf die Suche nach dem Geld, das ihre Mutter ihr hingelegt hatte, damit sie in den Ferien einkaufen gehen konnte. Als sie es fand, steckte sie es in die hintere Hosentasche. Sie schnappte sich die Lederjacke von ihrem Bett, für den Fall, dass es kühl wurde, und joggte aus dem Haus.

Nach 20 Minuten kam sie an zwei Abzweigungen, eine führte direkt in die Stadt und somit zum Lebensmittelgeschäft. Die andere war eine eher zwielichtige Straße, welche die meisten mieden. Kaum war sie in die erste Straße eingebogen, kam sie an einem Obdachlosen vorbei, der einen Stoffhut vor sich gelegt hatte und mit wachsamen Augen die Straße musterte. Sie warf ihm einen mitleidigen Blick zu und blieb einen Moment an seinen Augen hängen, die aus einem unerklärlichen Grund total faszinierend waren.

„Ich würde nicht hier durchgehen“, sagte der Mann auf einmal.

Melanie schaute ihn verwirrt an und deutete auf die Straße. „Du meinst hier?“

Der Obdachlose nickte. „Da vorne ist eine Baustelle, die schicken dich zurück.“

„Aha“, sagte Melanie zweifelnd. Der Mann war ja wohl komisch. Mit „die“ waren wohl die Bauarbeiter gemeint. Sie lauschte. Tatsächlich hörte sie den Lärm eines Presslufthammers aus der Ferne. „Na, dann, äh ... danke.“ Sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte, deshalb drehte sie sich bloß um und bog in die zweite, zwielichtige Straße ein, die über einen Umweg ebenfalls in die Stadt führte.

Melanie vermutete, dass es für andere Leute in dieser Gasse dunkler sein würde; die Häuser waren hoch und schlossen die Sonnenstrahlen beinahe vollständig aus. Überall lag Müll herum; Bierdosen, Weinflaschen, kaputte Reifen und anderes, undefinierbares Zeug. Die Häuser standen dicht beieinander und waren heruntergekommen, keines sah bewohnt aus. Melanie hüpfte angeekelt über eine Coladose hinweg und erhaschte einen Blick in das nächste Haus, dessen Tür kaum noch in den Angeln hing. Der Teppich war zerrissen, die Fenster eingeschlagen und die Lampe wackelte bedrohlich.

Rasch lief Melanie weiter - und wäre beinahe zur Salzsäule erstarrt. Vor ihr sah sie die Silhouette von drei jungen Männern, die allesamt halbleere Glasflaschen in der Hand hatten und nebeneinander hergehend die Gasse versperrten. Locker näherten sie sich ihr und redeten dabei laut, aber unverständlich miteinander.

Muss das sein?, dachte Melanie genervt. Sie hatte nicht vorgehabt, jetzt zwielichtigen Typen zu begegnen, und so wie diese sie betrachteten, würden sie kaum kommentarlos an ihr vorbeigehen. Möglichst lässig lief Melanie weiter und zog unauffällig die Lederjacke zu. Es war nicht so, dass sie sich vor Schlägereien drückte, denn diese Typen waren bestimmt nicht zum Quatschen aufgelegt, aber sie zog es vor, gegen nur einen Gegner auf einmal zu kämpfen. Sie schüttelte sich ihre Haare über die Schulter und warf dabei einen unauffälligen Blick nach hinten. Aus der Richtung kamen noch mehr Typen auf sie zu, sie zählte ebenfalls drei.

Mist! Was wollen die von mir?

Umdrehen war nun keine Alternative mehr. Sie blickte wieder nach vorne und entdeckte ein Messer in der Hand des einen Mannes. Den musste sie als Ersten kriegen. Die anderen schienen unbewaffnet. Wenn sie also das Messer hätte und in den Schatten der Häuser kommen könnte, wäre das machbar. Ihre eigenen Waffen würde sie lieber nicht benutzen, erst als letzte Möglichkeit, deshalb ließ sie diese dort, wo sie versteckt waren. Sie scheute sich trotz häufiger Übung, gleich ein Messer zu ziehen. Rasch scannte sie die Häuser ab - dort warf eines einen langen Schatten! Ihr Blick wanderte weiter. Die Männer hatten sie entdeckt und liefen zielstrebig auf sie zu. Ihre letzte Hoffnung, dass sie kein Interesse an einer Schlägerei hatten, schwand.

Als die Männer kaum noch zehn Schritte von ihr entfernt waren, bückte sich Melanie, als würde sie sich den Schuh zubinden wollen. Ein wenig hinderlich für ihre Tarnung war jedoch, dass ihre schwarzen Stiefeletten keine Bändel hatten. Sie beobachtete den Schatten der Männer und schaute zwischen ihren Beinen hindurch nach hinten. Die hinter ihr würde noch eine Weile brauchen, doch die Gruppe, die direkt auf sie zukam, war nun laut den Schatten kaum einen Meter vor ihr angekommen.

Gewandt wie eine Katze sprang Melanie hoch, warf sich auf den Mann, der sich links von ihr befand, verdrehte ihm die Hand und entwand ihm das Messer. Noch bevor er den Mund zum Schrei öffnen konnte, rammte Melanie ihm ihr Knie in den Bauch und er sackte nach hinten. Sie ergriff das Messer fester und wirbelte zu den anderen herum.

Der eine rannte die wenigen Schritte auf sie zu und wollte ihr ins Gesicht schlagen, eine vollkommen bescheuerte Taktik, wie Melanie fand. Sie packte seine Faust, zog ihn an sich und warf gleichzeitig den Kopf nach vorne – direkt unter sein Kinn. Sein Kopf wurde nach hinten geschleudert, er stieß einen erstaunten Laut aus und wurde ohnmächtig.

Melanie nahm eine Bewegung hinter ihr wahr. Sie duckte sich, stach mit dem Messer hinter sich und befand sich plötzlich in den starken Armen des dritten Mannes. Er legte ihr den Arm um den Hals und drückte zu. Melanie schnappte nach Luft und schleuderte ihren Kopf zurück. Der Mann wich aus. Sie holte mit dem Ellbogen aus und drückte ihn in seine Rippen. Der Griff um ihren Hals lockerte sich kurz. Genug Zeit, um das Messer in ihrer rechten Hand umzudrehen und in sein Bein zu stecken.

Der Mann jaulte auf und ließ sie los. Melanie drehte sich schwungvoll um und schlug ihm die Faust ins Gesicht, bevor er zu Boden ging.

Jetzt waren jedoch die nächsten Drei angekommen und umzingelten sie. Melanie sprang auf den einen zu, ritzte ihm die Brust auf und kickte in derselben Bewegung dem Danebenstehenden ihren Absatz zwischen die Beine. In Kauerhaltung sah Melanie zu dem dritten Mann, ohne zu bemerken, dass einer der ersten wieder zur Besinnung kam. Der Mann holte aus, wollte nach ihr treten, doch Melanie warf sich nach hinten, rollte sich ab und griff nach seinen beiden Händen. Sie zog seinen Körper zu sich heran und wollte ihm zwischen die Beine kicken. Er wich ihr aus, drehte sich weg und verdrehte sich selbst die Arme. Melanie verkniff sich ein Lachen und riss stärker an den Armen, um sie dann urplötzlich loszulassen. Stolpernd hielt er sich an ihr fest und sie gingen beide zu Boden. Melanie befreite ihren Arm aus seiner Umklammerung und verletzte ihn mit dem Messer an der Schulter. Er stöhnte und ließ sie los. Sie sprang auf, sah den Typen hinter ihr zu spät und rannte direkt in seine ihr auf Magenhöhe entgegengestreckte Faust hinein. Während sie sich krümmte, nutzte der Typ den Moment, um sie nach hinten zu stoßen. Sie stolperte und fiel auf den Hintern. Er trat nach ihr und voller Schrecken registrierte sie, dass drei weitere langsam zu Besinnung kamen. Sie wich seinem nächsten Tritt aus, rollte sich über die Schulter ab und kickte ihm dabei zwischen die Beine. Rasch sprang sie hoch, stellte ihm ein Bein und stieß ihn darüber zu Boden. Doch sie merkte nicht, dass ein anderer Angreifer von hinten auf sie zukam; auf einmal spürte sie die Arme um ihren Bauch, die sie festhielten. Sie trat um sich, versuchte, ihn mit dem Messer zu erwischen, doch er wich gekonnt aus. Sie drängte ihn zurück, spürte, wie er an der Wand ankam und drückte dagegen. Dann warf sie den Kopf nach hinten und er ließ sie schlaff los. Sie ließ von ihm ab, rannte auf einen anderen Mann zu, der gerade aufstand, riss ihn an der Schulter herum und warf ihn über die Hüfte. Er schlug drei Meter weiter weg auf dem Boden auf und rührte sich nicht mehr.

Jemand stand vor ihr, schon wieder einer der Typen. Des Kampfes müde versetzte sie ihm einen sauberen Kinnhaken und er sackte zusammen. Zum Glück konnte sie besser boxen als diese Jungs.

Jemand stahl ihr das Messer aus der Hand. Melanie fluchte, drehte sich um, kickte dem Typen zwischen die Beine und das Messer flog in hohem Bogen durch die Luft. Links von ihr regte sich ein Junge, der bald wieder erwachen würde, und Melanie rannte schnell in die entgegengesetzte Richtung davon. Da flog ein Messer von vorne direkt auf sie zu. Einer der Angreifer war wieder zu sich gekommen und hatte es aufgefangen, doch jetzt wirbelte es auf Melanies Schulter zu und sie wich zu langsam aus. Das Messer stach in ihre Schulter und ein brennender Schmerz schoss durch ihren rechten Arm. Sie spürte Blut aus der Wunde sickern und kniff vor Schmerz kurz die Augen zusammen.

„Jetzt nicht aufgeben!“, ermahnte sie sich selbst.

Doch sie rannte immer langsamer und die Schritte des Typen hinter ihr wurden immer schneller. Sie machte einen rechten Haken in einen Schatten hinein und ließ ihn hastig dunkler werden. Der Junge war einen Moment lang abgelenkt.

Plötzlich sah sie eine hektische Bewegung neben sich. Wie aus dem Nichts rannte ein großer Junge auf ihren Angreifer zu, schlug ihm die Faust ins Gesicht und riss ihn mit einer überraschenden Eleganz zu Boden. Dann drehte er sich um und starrte direkt in den Schatten, in dem Melanie stand. Sie verschmolz mit der Dunkelheit und befahl ihr, dass sie sie verstecken sollte. Sie wusste nicht recht, ob sie ihm vertrauen konnte, schließlich war es möglich, dass er bloß so tat, als würde er ihr helfen.

Sie betrachtete den Jungen genauer. Er hatte schokoladenbraune Haut und süße schwarze Zapfenlocken. Er trug ein Muskel-Shirt, welches die Sicht auf ausgesprochen gut trainierte Muskeln freigab. Vom Aussehen her könnte er Latino sein und Melanie schätzte, dass er etwa zehn Zentimeter größer war als sie.

Jetzt kam er langsam näher an sie heran. Seine tiefe Stimme klang leicht belustigt, als er sie ansprach. „Keine Angst, ich tu dir nichts.“

Melanie war sich nicht ganz sicher, ob er einen Akzent hatte, jedenfalls rollte er das R von dir. Von der Körperhaltung her wirkte er aber nicht bedrohlich, weshalb sie den Schatten zögernd erlaubte, sie freizugeben. Als sie aus der Dunkelheit trat, musterte er sie von oben bis unten. Sie musste es ihm hoch anrechnen, dass sein Blick nur ganz kurz an ihren Augen hängenblieb, ohne dass er einen Kommentar dazu abgab oder nachfragte. Unbehaglich fuhr sich Melanie durchs Haar, ihre Schulter schmerzte dabei. „Woher bist du gekommen?“, fragte sie vorsichtig. „Warum hast du mir geholfen?“

Die Fragen schienen ihn durcheinanderzubringen, er überlegte eine Weile, bis er antwortete: „Ich finde sechs gegen eine ein bisschen unfair. Erst recht bewaffnete Männer gegen unbewaffnete Frauen.“

Na ja, ganz so unbewaffnet auch wieder nicht …

Melanie hoffte, dass sie nicht errötete, als er sie „Frau“ nannte. Wieder konnte sie nicht genau bestimmen, ob er nun tatsächlich einen Akzent hatte, und beschloss, von nun an darauf zu achten.

„Du hast dich aber echt gut geschlagen, kämpfst du öfter?“, fragte er nach.

Ja, jetzt war sie sich sicher. Er rollte ausnahmslos alle R und hatte klarerweise einen Akzent - aber was für einen?

„Ich, äh ... drücke mich nicht vor Schlägereien.“ Sie zögerte. „Ich war in verschiedenen Kursen.“

Karate, Selbstverteidigung, Judo, Boxen und noch mehr ...

Er nickte anerkennend. „Verrätst du mir auch deine Namen?“

„Wenn du mir sagst, was für einen Akzent du hast“, antwortete sie frech, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

Er lachte leise und ein Schauer lief über ihren Rücken. „Spanisch.“

Sie lächelte zurück. „Ich heiße Melanie.“

„Daniel.“

Gerade als das Schweigen unangenehm zu werden drohte, deutete Daniel auf Melanies rechten Arm. „Das müssen wir verarzten.“

Die Schulter hatte sie ganz vergessen, doch als sie nun daran dachte, pochte der Schmerz wieder durch ihren Arm. Sie warf einen Blick auf ihre Schulter; die Jacke war zerfetzt, Blut tropfte aus einer hässlichen, ausgefransten Wunde und tränkte das Leder des Ärmels. Sie zog vorsichtig das Messer aus der Schulter und verbot sich, vor Schmerz aufzustöhnen. Behutsam zog sie die Jacke und den Hoodie aus und hängte beides über ihren Arm.

„Ich schau zu Hause, was ich habe“, meinte sie mit zusammengebissenen Zähnen und versuchte, den brennenden Schmerz auszublenden.

Daniel sah sie einen Moment lang irritiert an, dann schaute er nochmals die Wunde an. Melanie merkte, dass sein Blick über ihre Armmuskeln glitt, die sie sich im Laufe der Jahre antrainiert hatte. In der Tat war es ungewöhnlich für ein 16-jähriges Mädchen, richtig muskulöse Arme und Beine zu besitzen. Doch aus verschiedenen Gründen hielt sie es für angebracht, ein wenig zu lernen, wie man sich wehrte.

„Ich könnte es auch hier behandeln, das wäre näher, vermute ich mal“, wandte er ein.

Melanie sah sich stirnrunzelnd in der Gasse um. „Hier?“, wiederholte sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es hier vertrauenswürdige Arzneimittel gab.

„Nicht direkt hier“, widersprach Daniel. „Im Land der Nacht.“

2 BEGABUNGEN

Melanie verkniff sich ein Lachen. „Tut mir leid, Daniel, es gibt kein Land der Nacht.“

Daniel grinste auch. „Natürlich. Du weißt nur nichts davon.“

Sie hob die Augenbrauen. „Ich höre?“

Er runzelte verwirrt die Stirn. Dann schien er zu begreifen, was sie meinte. „Sieh mal: Du hast pinke Augen, oder?“

Melanie schaute ihn perplex an. So hatte das noch niemand zur Sprache gebracht. „Ja ... Aber das sind keine Kontaktlinsen.“ Sie bestand darauf, dass sie nicht absichtlich mit ihrer pinken Augenfarbe herumlief.

Daniels Mundwinkel hoben sich, was die Grübchen auf seinen Wangen sichtbar werden ließ. „Eben. Und vorhin bist du mit die Schatten hier verschmolzen. Ich denke, das ist etwas ungewöhnlich.“

Melanie erstarrte wütend. „Also ist das Land der Nacht ein anderer

Name für die Klapsmühle?“

Daniel war nun total verwirrt. „Äh, Klapsmühle?“

„Ähm, ich meine Irrenanstalt.“

„Ach so!“ Daniel lachte leicht nervös. „Nein, das ist keine Irrenanstalt. Es ist eine Ort, wo viele Nachkommen der Cataara hingehen.“

Melanie erstarrte zum zweiten Mal während ihrer Unterhaltung. Cartara war ihr zweiter Vorname, doch das hatte sie noch nie jemandem gesagt, geschweige denn diesem Daniel.

„Nachkommen der Cartara?“, fragte sie alarmiert nach.

„Cataara, ja.“ Er legte den Kopf schief. „Schon mal was davon gehört?“, hakte er nach.

„Nein“, log Melanie. „Ist bloß ein komischer Name.“

Er blickte wieder zu ihrer Wunde. „Kann ich dich nicht erst dorthin bringen, verarzten und auf dem Weg erklären, was das ist?“

„Okay.“ Melanie zuckte die Schultern und stöhnte, als ihre Wunde erneut zu bluten begann. Das wäre vielleicht echt eine gute Idee.

Daniel überbrückte die Distanz zwischen ihnen mit zwei großen Schritten, nahm sie behutsam am Arm und führte sie die Gasse entlang. Tatsächlich war sie etwas wackelig auf den Beinen, was sie darauf schob, dass sie außer einem Kaffee noch nichts zu sich genommen hatte.

Melanies Blick blieb, als sie Daniel genauer mustern wollte, bereits an seinen muskulösen Oberarmen hängen. Auf seiner Haut waren Narben zu sehen, teilweise verheilt, manche noch frisch. Jetzt stellte sie fest, dass er fast einen Kopf größer war als sie. Daniel ging einen guten Schritt von Melanie entfernt die Gasse entlang und sie musste zugeben, dass er damit einen angemessenen Sicherheitsabstand wahrte, was viele der anderen Jungs, die sie kannte, nicht konnten.

„Hier rein.“ Daniel führte sie ausgerechnet in das heruntergekommene Haus, in welches sie vorhin kurz reingeschaut hatte. Obwohl Melanie eigentlich skeptisch sein, oder besser noch, schreiend davonlaufen sollte, siegte die Neugier, da Daniel außer seinem Gerede über ein Land der Nacht ziemlich normal auf sie wirkte. Er brachte sie durch die fast vollständig zerfallene Ruine des Hauses in ein heruntergekommenes Zimmer und öffnete das tief liegende Fenster, durch das das Sonnenlicht ins Zimmer flutete. Er kletterte hinaus und hielt ihr die Hand hin, um ihr zu helfen.

Ein richtiger Gentleman.

Durch einen zugewucherten Garten hinter dem Haus führte er sie in einen Wald hinein und steuerte auf einen Kiesweg zu.

„Wohin bringst du mich jetzt?“ War das etwa der Weg zu einem Land, das nicht einmal existierte?

Langsam begann Daniel zu erzählen. „Cataara war eine Mädchen, das in die Mittelalter gelebt hat. Sie ist elternlos aufgewachsen und hatte aus einem unerklärlichen Grund eine Gabe. Sie konnte mit Tieren sprechen und bei Vollmond eine Tiergestalt annehmen und der Nacht sagen, wann sie kommen und gehen sollte. Sie empfand das als normal, weil niemand ihr sagte, dass das ungewöhnlich war. Also hat sie ihre Fähigkeiten immer weiter verbessert, bis sie einmal einen Tiger kennenlernte, in den sie sich verliebte.“ Melanie prustete los.

Daniel warf ihr einen Blick zu. „Was ist?“

„Sie hat sich in einen Tiger verliebt?“, fragte sie lachend. Das war zu absurd.

„Ja, sie konnte mit dem Tiger sprechen.“

Melanie biss die Zähne aufeinander, um mit dem Lachen aufzuhören. Als sie nun über seine letzten Sätze nachdachte, fiel ihr auf, dass Daniel manche Artikel- oder Fallfehler machte.

„Okay, erzähl weiter.“ Jetzt waren sie am Rand des Waldes angekommen, hier erstreckte sich eine Stadt. Verwundert zog Melanie die Augenbrauen zusammen und nahm sich vor, nach Daniels Erklärung zu fragen, wo hier eine Stadt herkam. Doch zuerst wollte sie diese seltsame Geschichte zu Ende hören, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie ihm das Ganze abkaufte.

„Als das die Menschen in die Dorf, in dem sie wohnte, erfuhren, wollten sie alles unternehmen, damit sie sich in jemand anderen verliebte. Doch das funktionierte nicht. Da wurde sie von einem Typen vergewaltigt, von dem sie ein Kind bekam. Doch um dem Dorf zu zeigen, dass sie sich nicht von ihnen unterkriegen ließ, zeugte sie in Tigergestalt ebenfalls ein Kind mit dem Tiger. Dieses Kind nannte man Tigermädchen. Denn es konnte sich in einen Tiger verwandeln. Das andere Kind hatte ebenfalls Gaben, so wie alle Nachkommen der beiden. Das Mädchen hat beide Kinder in einem heiligen Wasserfall gebadet, deshalb nennt man sie jetzt Cataara, weil Katara Wasserfall bedeutet. Die erste Kind war übrigens ein Junge, das Tigermädchen eine Mädchen. Und die haben sich, wie alle Menschen, fortgepflanzt. Diejenigen, die von Cataara abstammen, nennt man Naimet. Und das Land der Nacht wiederum ist eben ein Ort, wo viele Naimet hingehen. Genaugenommen ist es bloß ein große Stadt, aber Stadt der Nacht klingt ja wohl bescheuert.“

Melanie nickte. „Und wieso Nacht?“

„Weil sich Cataara bloß in die Nacht ihrer Kräfte bedienen konnte.“

Melanie kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Und wie findet ihr diese Naimet?“

„Meistens finden sie uns, weil es viele Eingänge gibt. Automatisch fühlen sie sich bei Vollmond zu diesen Orte hingezogen und dann geht einer von uns schauen, ob wer gekommen ist.“

„Aber Vollmond ist erst in zwei Tagen“, wandte Melanie ein. Automatisch nahm sie an, dass sie auch eine Naimet war – sofern sie Daniel Glauben schenken konnte.

Erstaunt schaute Daniel sie an. „Stimmt, ich ging auch nicht deshalb schauen. Ehrlich gesagt, war es rein intuitiv.“

„Ach so.“ Melanie spielte an ihrer Jacke herum, die sie sich über den Arm gelegt hatte. Bevor sie sich überlegen konnte, was sie noch sagen sollte, ergriff Daniel wieder das Wort.

„Cataara hat übrigens eine Regel erschaffen, die ziemlich wichtig ist“, begann er und betrachtete Melanie aufmerksam. „Man darf niemanden ungestraft töten, wenn es nicht absolut nötig ist.“

Melanie lachte verhalten. „Das ist auch hier eine Regel“, bemerkte sie trocken. Sogar strenger – auch wenn es ‚nötig‘ war, durfte man niemanden umbringen!

Daniel grinste. „Yo sé. Aber hier kommst du ins Gefängnis. Wenn man im Land der Nacht einfach so zum Spaß jemanden tötet, ohne dass man beispielsweise selbst in Gefahr schwebt, dann kriegt man so eine Mal irgendwo an die Körper, wie eine Art magische Tätowierung. Na ja, und das ist so verpönt, dass das keiner möchte. Man hat keine solchen Tätowierungen, das ist einfach so. Außerdem, wenn das ein Polizist sieht, kommt man nicht ganz so einfach weg – und da ist Gefängnis noch viel besser.“ Daniel zuckte mit den Schultern.

Melanie verstand zwar nicht so genau, wie sich dieses System so sehr von den Gesetzen in jedem anderen normalen Land unterschied, aber sie vermutete, dass so eine Mördermarkierung tatsächlich sehr schlecht ankam, wenn Cataara höchstpersönlich diese Regelung eingeführt hatte. Melanie kniff die Augen zusammen und vertrieb den Gedanken an Morde und unrealistische Sagen. Stattdessen sah sie sich interessiert um.

Sie waren mitten in der Stadt angekommen, wo im Moment wenige Leute unterwegs waren. Außer, dass nur selten mal ein Auto in eine Straße einbog und die Leute eine ungewöhnliche Ausstrahlung hatten, schien sich das Land der Nacht kaum von anderen Städten zu unterscheiden. Neugierig sah sie zu Daniel hinauf.

„Wohin gehen wir?“

Daniel deutete nach links auf ein weißes, längliches Haus. Daneben standen noch andere Häuser, alle groß und schlicht gehalten. Es sah aus, als ob sie alle zueinander gehörten, und vereinzelt sah man Teenager und Jugendliche, die aus den Gebäuden spazierten. „Hier rein, erst mal.“ „Okay ... Und nachher?“ Passiv rieb sie sich die schmerzende Schulter.

„Dann kannst du entscheiden, ob du hierbleiben willst oder wieder nach Hause gehst, als sei nichts geschehen.“

Melanie holte tief Luft. Das war ihr eindeutig zu viel auf einmal. Sie war noch nie gut darin gewesen, große Entscheidungen zu treffen. Zum Glück nahm Daniel sie wieder vorsichtig am Arm und führte sie in das längliche Haus hinein, dessen Tür offen war. Nun standen sie in einem Gang, von dem mehrere Türen abzweigten. Daniel öffnete die letzte Tür zu ihrer Rechten und führte sie in eine Art Krankenstation. Mehrere Erste-HilfeKästen standen herum und der Raum war mit Liegen und Stühlen möbliert. „Setz dich doch“, ertönte Daniels tiefe Stimme neben ihr.

Etwas unsicher ließ sie sich auf einem Stuhl nieder und nahm die Jacke auf den Schoß. Der Vorteil an schwarzen Jacken war, dass Melanie sie mithilfe ihrer Schattenkraft reparieren konnte. Sie legte sie in den Schatten und ließ den Stoff zusammenwachsen. In dem Moment kam Daniel zurück, der einen der Erste-Hilfe-Kästen dabei hatte. Stirnrunzelnd zeigte er auf ihre Jacke.

„Hast du das gerade geflickt?“

„Ja, mit schwarzen Dingen kann ich das“, antwortete Melanie und hoffte, dass er sich das mit dieser Cataara-Kraft erklärte. Er schien nicht allzu verwundert zu sein.

„Cool.“ Er öffnete den Koffer, holte eine längliche Flasche heraus und meinte: „Könnte ein bisschen brennen.“

„Nicht so schlimm.“

Er träufelte die durchsichtige Flüssigkeit auf ihren Oberarm, vom Geruch her tippte Melanie auf ein Desinfektionsmittel. Sobald die Tropfen sich mit dem Blut vermischten, begann es zu brennen und Melanie biss die Zähne zusammen, damit ihr kein Laut über die Lippen kam. Sie sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, als Daniel mit einem braunen, watteartigen Lappen das Blut der Wunde wegwischte. Doch er schien zu wissen, was er tat, und seine Bewegungen waren kontrolliert und sanft. Er holte Verbandszeug hervor und umwickelte die Verletzung vorsichtig. Dabei kam es Melanie so vor, als ob er ein wenig länger als nötig ihre Haut berührte.

„Danke“, sagte sie schließlich. Das ging tatsächlich schneller in dieser mysteriösen Stadt, als wenn sie erst noch nach Hause gegangen wäre, um sich zu versorgen. Schon jetzt ließ der Schmerz ein wenig nach.

„Kein Problem.“ Während er die Sachen verstaute, fügte er hinzu: „Möchtest du jetzt hierbleiben oder nicht?“

Melanie wusste nicht recht, was sie antworten sollte. „Was meinst du mit hier? Einfach hier in der Stadt ...?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, hier bist du nicht irgendwo, sondern in einer Art ... Internat. Wir nennen es Camp Cataara. Es ist wie eine normale Schule, nur, dass man als Schwerpunktfach Kämpfen und Hexerei erlernt. Man könnte auch wieder aus dem Camp ausziehen, aber das hat bisher kaum jemand gemacht.“ Kämpfen ... Sehr verlockend.

„Es ist zwar cool, aber wieso kämpft ihr?“

Daniel lächelte. „Es gibt mehrere solche Camps, manchmal haben wir Meinungsverschiedenheiten. Zum Beispiel wollten die Blacks schon immer das Tigermädchen. Nur leider haben wir gar keine.“

Melanie nickte. „Verstehe ...“, schwindelte sie und dachte nach. Sie könnte einfach hier zur Schule gehen, ihren Eltern das Ganze erklären und müsste nie wieder diese blöden Kids aus ihrer Stadt sehen. Sie würde ihre Eltern besuchen können, ganz bestimmt. Sie würde das Kämpfen lernen, vielleicht endlich erfahren, wieso sie diese seltsamen Gaben besaß, und würde an einem Ort aufgehoben sein, an dem es nicht total gestört war, wenn man nachts sehen konnte.

Sie lächelte Daniel an. „Naja, wieso eigentlich nicht?“, meinte sie. „Aber wie kann man das dem Staat erklären …?“

Daniel blickte sie halb erstaunt, halb erfreut an. Wahrscheinlich hatte er nicht gedacht, dass sie so schnell zusagen würde. „Du kannst sagen, du seist im Süden der Insel in eine Privatinternat aufgenommen worden. Das sagen viele, die hier einziehen. Der Staat weiß im Übrigen so in etwa darüber Bescheid.“

„Okay. Apropos einziehen: Ich müsste meine Sachen noch holen, oder?“ Wenn sie schon einzog, wollte sie das gleich erledigen. Sie hatte den Sommer über sowieso nichts Besseres zu tun.

Daniel lachte. „Ja, ich kann dir helfen, wenn du willst. Aber Schrank und Bett sind inbegriffen.“

„Gut, da bin ich aber erfreut“, antwortete Melanie ironisch. „Wie viele seid ihr denn?“

Daniel überlegte. „Wir haben fünf Gebäude mit je maximal zehn

Leuten und das zehn Mal. Ich komme auf 500, oder?“

Melanie rechnete nach. „Ja, glaub auch.“

„Also, dann wäre da noch ein Bett frei bei Emma im Zimmer. Sie hat bestimmt nichts dagegen.“

In dem Moment ging die Tür auf und ein hübsches Mädchen kam herein. Melanie nahm an, dass sie eine Schülerin hier war und musterte sie neugierig. Sie hatte einen goldblonden, dicken Zopf, der über ihre rechte Schulter fiel, und schöne, graue Augen. Sie war etwa in Melanies Alter und ein bisschen kleiner. Als sie Daniel sah, lächelte sie ihm freundlich zu, dann blieb ihr Blick am Neuankömmling hängen.

Sofort wurde Melanie nervös und fuhr sich mit der linken Hand durchs Haar.

„Ähm, sorry, ich wollte bloß so einen Koffer holen.“ Das Mädchen musterte Melanie neugierig, machte jedoch keine Anstalten, einen Koffer zu nehmen. Melanie fiel auf, dass es sich ausgesprochen leise bewegte.

„Äh, das ist Melanie“, stellte Daniel die beiden vor. „Und das Emma.“

Besagte Emma kam zu ihnen herüber. „Hi. Bist du neu? Ich hab dich noch nie gesehen.“

„Ja, also … Ich bin erst gerade jetzt hierhergekommen“, stotterte sie herum, nicht sicher, was sie antworten sollte.

„Sie hat gerade beschlossen, dass sie hierbleiben will. Ich dachte, dass bei dir noch ein Bett frei ist ...?“

Emma lächelte erfreut, ihre Augen leuchteten. „Klar, du kannst zu mir kommen!“

Erleichtert, dass sie so schnell ein Zimmer bekommen hatte, erwiderte Melanie das Lächeln und stand auf. „Dann ... hol ich meine Sachen und komme wieder.“ Es fühlte sich komisch an, eine so große Entscheidung in ihrem Leben zu treffen, aber plötzlich freute sich Melanie darüber.

Daniel erhob sich. „Ich komme mit.“

Emma machte Anstalten, aus der Krankenstation zu verschwinden. „Ich geh mal John benachrichtigen.“ Dabei vergaß sie den Erste-HilfeKoffer und eilte schon aus der Tür.

Melanie wollte ihr hinterherrufen, doch bevor sie den Mund öffnete, hatte Daniel einen Koffer gepackt und joggte ihr hinterher. „Emma! Du hast den Koffer vergessen, mi amor.“ Er blieb direkt hinter ihr stehen.

„Oh.“ Emma drehte sich um und schlug sich gegen die Stirn. „Wie blöd, danke.“ Sie nahm ihm den Koffer ab, murmelte Daniel etwas zu und war dann gänzlich verschwunden.

Mi amor?

Melanie verdrängte das Eifersuchtsgefühl, das sie verspürte, als sie daraus schloss, dass Emma Daniels Freundin war. Es musste ja nicht gleich jeder Junge in ihrem Umfeld single sein!

„Was soll ich denn eigentlich mitnehmen?“, fragte Melanie Daniel, als sie gemeinsam durch den Wald zurückgingen.

„Ein paar Kleider, wichtige Dinge, aber keine Schulbücher oder so.“ Daniel grinste.

„Okay.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und wagte die Frage. „Wieso ist denn bei deiner Freundin ein Bett frei?“

Daniel schaute sie zutiefst irritiert an. „Welche Freundin?“ „Emma“, antwortete Melanie verunsichert. Daniel lachte. „Emma ist doch nicht meine Freundin!“ Melanie runzelte die Stirn.

„Wie kommst du denn darauf?“, wollte Daniel belustigt wissen.

„Äh ...“ Sie fuhr sich nervös durchs Haar. „Du hast sie mi amor genannt ...“

Daniel begann schon wieder zu lachen. „Oh, nein! Dann hätte ich aber viele Freundinnen.“ Verlegen rieb er sich die Stirn. „Auf Spanisch sagt man das viel offener, das darfst du nicht wörtlich nehmen. Ist sowas wie ein Kosename.“

„Ach so.“ Jetzt musste Melanie auch lachen. Aus irgendeinem Grund freute es sie, dass Emma und Daniel nicht zusammen waren, obwohl sie nicht auf der Suche nach einem Freund war.

Der Verband an ihrem Arm drückte beim Gehen leicht, aber erleichtert stellte Melanie nun fest, dass die Wunde kaum noch wehtat. Eine Weile lang schwiegen sie.

„Hier links“, sagte Daniel plötzlich.

Erst jetzt fiel Melanie auf, dass sie bereits den Wald durchquert hatten und auf das kaputte Haus zugingen, durch das sie vorhin ins Land der Nacht gekommen waren. Zum Glück war Daniel mitgekommen, denn Melanie hätte den Weg nie und nimmer alleine gefunden.

„Ist das so ‘ne Art Tarnung?“, fragte Melanie, die hinter Daniel auf das zerbrochene Fenster zusteuerte.

Daniel nickte. „Für normale Menschen sieht es hier so abscheulich aus, dass sie gar nicht reinkommen wollen. Spätestens beim Garten jedoch kehren die Mutigsten um, weil sie den Wald gar nicht sehen.“

„Cool“, murmelte Melanie. Es würden bestimmt noch viele Überraschungen im Land der Nacht auf sie warten.

Wieder half ihr Daniel durch das Fenster, obwohl sie protestieren wollte. Aber er hielt sie trotzdem fest und schlussendlich war sie dennoch dankbar, da ihre verletzte Schulter ihr Gewicht nicht tragen wollte. Als sie in der zwielichtigen Gasse standen, übernahm Melanie die Führung. Sie spazierten ohne große Eile die Gasse entlang bis zur Querstraße, wo sie rechts abbogen.

„Bist du oft in dieser Gegend?“, fragte Daniel und nickte zu der Gasse, die sie gerade verlassen hatten.

Melanie zögerte. „Manchmal“, wich sie aus. Sie mochte keine privaten Fragen.

„Und warum kannst du so gut kämpfen?“, wollte er wissen.

Die Frage war Melanie nun doch etwas zu persönlich. Sie spielte mit ihrer pinken Haarsträhne herum. „Nachdem ich ...“ Sie brach ab. Auf keinen Fall würde sie ihm jetzt erklären, dass sie nach einem bestimmten Ereignis im Alter von dreizehn Jahren mit dem Kämpfen angefangen hatte. „Nachdem ich dreizehn wurde, habe ich mich bei Selbstverteidigungskursen angemeldet. Und wenn irgendwo eine Prügelei losgeht, was hier nicht selten vorkommt, mische ich mich eben ein. Ich seh‘ nicht gern zu, wie andere verprügelt werden“, meinte sie und fügte rasch hinzu: „Mit einmischen meine ich, dass ich sie davon abhalte, sich die Köpfe einzuschlagen. Nicht, dass ich mich ins Getümmel werfe.“

„Cool, das machen nicht alle.“ Daniel blickte sie von der Seite her an.

Melanie errötete. „Hier entlang.“ Sie zog ihn nach rechts in eine

Seitengasse, um von sich abzulenken. „Wie alt warst du, als du ins Land der Nacht gegangen bist?“, fragte sie Daniel und drehte somit den Spieß um.

Er überlegte. „13 Jahre, ungefähr.“

Melanie versuchte, sich Daniel als 13-Jährigen vorzustellen – erfolglos, dazu war er zu groß.

Bevor sie ihn zu einer Antwort bewegen konnte, die mehr als zwei Wörter umfasste, sprach er von alleine weiter. „Meine Gabe habe ich entdeckt, als ich quasi in eine See ertrunken bin, bis ich gemerkt habe, dass ich unter Wasser atmen kann. Beim nächsten Vollmond hat mich Emma in die Nähe eines Eingangs gefunden und mit ins Land der Nacht genommen. Meinen … Eltern hab ich das Ganze ein wenig abgewandelt erzählt. Sie stehen nicht so auf das Mystische.“ Er warf ihr einen Blick zu. „Seitdem sind Emma und ich Freunde. Aber so wie Geschwister“, fügte er nachdrücklich hinzu und Melanie lachte verlegen.

„Schon kapiert. Du kannst unter Wasser atmen?“

„Ja, ziemlich cool im Meer.“ Er grinste sie schräg an.

„Glaub ich dir.“ Sie zog es vor, nicht zu erwähnen, dass sie so gut schwimmen konnte wie eine Hauskatze. „Ihr habt einen Strand?“ „Ja, ich kann ihn dir mal zeigen“, antwortete Daniel.

Oh nein, der Schuss ging total hinten los.

„Wir müssen abbiegen. Hier rechts. Dauert nicht mehr lange“, sagte sie, anstatt eine Antwort auf sein Angebot zu geben, und wich seinem Blick aus. „Woher kommst du denn? Also, wo hast du zuvor gelebt?“ Sie war sich bewusst, dass dies zwei verschiedene Fragen waren, aber aus Erfahrung wusste sie ebenfalls, dass nicht alle Menschen erstere beantworten wollten.

Tatsächlich wich er der Frage aus. „Ich komme aus Miami.“ Mit einer Hand fuhr er sich durch seine Locken und sein Blick glitt über die Straße, weg von Melanie.

„Miami?“, fragte Melanie ungläubig nach und hob die Augenbrauen. Er sah nicht wie ein Typ aus Miami aus …

„Ich habe in Amerika gelebt“, betonte er und warf ihr kurz einen Blick zu. „Aber ich wuchs in einem spanischsprechenden Viertel auf.“ Nervös spielte er mit seinem Shirt. „Ursprünglich komme ich aber aus Jamaika“, beantwortete er die eigentliche Frage doch noch hastig.

Also stimmte das Latino.

„Ach so.“ Plötzlich war ihr ihre Frage peinlich, vor allem, da sie sah, dass er nicht darüber sprechen wollte. „Ich komme nur von hier.“ Sie machte grinsend eine ausholende Bewegung auf die Straße. „Da müssen wir übrigens rein.“ Melanie zeigte auf das klassische Haus direkt vor ihnen, froh, das Thema auf etwas anderes lenken zu können. Das würde vielleicht das letzte Mal für eine lange Zeit sein, dass sie ihr Haus sah.

„Gut, hast du eine Schlüssel?“ Daniel sah das Haus neugierig an.

„Ja.“ Melanie nahm den Karabinerhaken von ihrer Gürtelschlaufe, ging bis vors Haus und öffnete die Tür. Daniel folgte ihr hinein und sah sich vorsichtig um. Bevor sie ihren schwarzen Koffer holte, zeigte Melanie ihm noch die Küche und das Wohnzimmer und führte ihn anschließend in ihr Zimmer. Dann begann sie, sämtliche Kleider einzupacken, die sie in ihrem Schrank fand. Da Daniel ihr zur Hilfe kam, ging das Ganze ziemlich schnell und er arbeitete effizient mit.

Als sie die Kosmetiksachen wegpackte, schaute er mit großem Interesse ihren Stundenplan an, der immer noch an der Wand hing. Melanie beobachtete ihn ein paar Sekunden lang schweigend. „Es stört mich ja nicht, aber wieso bist du eigentlich mitgekommen?“, wollte sie dann unvermittelt wissen, in der Hand die Abschminktücher.

„Du hättest den Weg nicht alleine gefunden.“

Das stimmte. Melanie wusste keine Antwort darauf, stattdessen sagte sie: „Ich glaube, ich habe alles.“

„Wolltest du nicht noch deine Eltern benachrichtigen?“ Er hatte sich wieder zu ihr umgedreht.

Das hätte sie fast vergessen. „Stimmt. Ich, äh, schreib ihnen einfach eine E-Mail.“

„Du hast den Laptop schon eingepackt“, wandte Daniel mit einem trockenen Unterton ein.

Melanie stöhnte. „Ich nehme einfach ihren.“ Mit dem Koffer in der Hand bewegte sie sich auf die Zimmertür zu.

Daniel hielt ihr die Tür auf, woraufhin sie errötete, und trat nach ihr in den Gang. Bevor Melanie in das Arbeitszimmer ihrer Eltern ging, erklärte sie Daniel: „Meine Eltern arbeiten auch oft zu Hause, deshalb stehen hier Drucker und so herum.“ Sonst würde er vielleicht etwas schockiert sein über die Unordnung.

Zum Beweis stieß sie die Tür auf und machte eine ausholende Geste in den Raum hinein. Das Zimmer wäre geräumig gewesen, wenn er ordentlicher wäre. Aber mit all den Papieren, Notizen, dem Drucker und dem Computer sah es sehr chaotisch aus und wirkte nicht besonders groß – dennoch fühlte sich Melanie wohl in dem Büro, da sie schon viel Zeit darin verbracht hatte. Sie trat ein und setzte sich an den Schreibtisch, räumte Zeitungen von der Tastatur weg und startete den Computer. Erst dann bemerkte sie, dass Daniel verwirrt im Türrahmen stehengeblieben war.

„Willst du nicht reinkommen?“, fragte sie ihn verwundert.

Er fuhr sich mit der Hand durch die Locken. Offenbar tat er das, wenn er nervös war. „Äh, wie kannst du was sehen? Gibt es hier keine Licht?“

Melanie schaute für einen Moment verwirrt drein, dann sah sie nach oben – tatsächlich, sie hatte vergessen, das Licht anzuschalten. Für Daniel musste es stockfinster sein, da die Vorhänge zugezogen waren.

„Ups, sorry, hab ganz vergessen, dass ihr das immer macht.“ Sie errötete leicht, stand auf und knipste das Licht an.

Daniel sah sich neugierig um und setzte sich dann neben Melanie auf einen Stuhl.

„Wie meinst du das?“ Er war noch immer irritiert.

„Ich kann im Dunkeln sehen. Ich vergesse oft, dass es komisch ist, wenn man das Licht nicht anmacht, oder dass man dann normalerweise nichts sieht. Tut mir leid.“

„Kein Problem. Eine ziemlich coole Gabe, finde ich“, erwiderte Daniel. „Wie ist das denn? Siehst du alles einfach so, als wäre es hell? Passwort.“

„Hä? Was für ein Passwort?“

Daniel zeigte lachend auf den Computer. „Du musst das Passwort eingeben, mi cielo.“

Melanie lachte. „Ach so.“ Sie tippte es ein und antwortete gleichzeitig auf seine Frage. „Es ist schon dunkler, aber ich sehe einfach die Farben genauso gut und die Luft wirkt nicht ... schwarz.“ Es war schwer zu beschreiben, da sie ja nichts anderes kannte.

Daniel hob die Augenbrauen. „Und wissen das deine Eltern?“

„Ja, aber ich denke, sie glauben es nicht so ganz.“ Melanie loggte sich auf in ihrem E-Mail-Account ein und begann, die E-Mail zu schreiben.

„Das ist immer eine Gefahr.“ Während sie schrieb, glitt sein Blick über die vielen Unterlagen, die auf dem Schreibtisch verteilt herumlagen. Er zeigte auf ein von Hand beschriebenes Blatt Papier.

„Das kannst du auch.“

„Was?“ Erschrocken blickte sie ihn an. Was hatte er da entdeckt?

„Deine Eltern schreiben da eine Entwurf.“ Er hielt ihr das Blatt unter die Nase und beugte sich zu ihr herüber. „Aber in der Nacht sehen kannst du ja auch.“

Der Titel des Entwurfes lautete: Das Mädchen in Schwarz – wer und was ist sie? Darunter waren Eigenschaften aufgelistet und bestimmte Ereignisse, in die sie verwickelt gewesen war. Dafür hatten ihre Eltern Gemeinsamkeiten ihres Kampfstils mit diversen Kursen gesucht und versuchten gerade herauszufinden, in was für ein Tier sie sich verwandelte. Bisher waren sie bei einem Puma angekommen. Ziemlich oben stand: Kann wahrscheinlich in der Nacht sehen.

„Ach so. Ja, stimmt.“ Melanie runzelte die Stirn. Ihre Eltern hatten diese Liste noch nie erwähnt.

„Wir denken schon lange, dass sie eine Naimet ist, vielleicht sogar ein Tigermädchen.“

„Echt? Wieso?“ Melanie tippte weiter.

„Wegen dem Tier der Nacht. Es ist immer bei Vollmond.“ „Dann haltet mal nach Asiaten Ausschau.“ Daniel sah sie fragend an.

„Gestern wurde sie gesichtet. Ein Opfer konnte ihr Gesicht beschreiben: Dunkle Haut, asiatische, dunkle Augen und schwarzes Haar.“

Daniel war überaus erstaunt, abrupt drehte er sich zu ihr um. „Komisch. Drei Jahre lang kann sie ihr Gesicht verbergen und plötzlich sieht sie jemand?“

Melanie neigte den Kopf zur Seite und sendete die E-Mail ab, nachdem sie sie nochmals überflogen hatte. „Stimmt. Man vermutet, dass sie abgelenkt war.“ Sie blickte auf das Blatt, auf dem oben das Logo der TierWoche zu sehen war. „Die dunkle Retterin ist der einzige Mensch, über den sie berichten. Sonst schreiben meine Eltern bloß über Tiere.“

Daniel legte das Blatt zurück. „Finde ich eine gute Idee.“ Dann sah er sie plötzlich neugierig an und legte fragend den Kopf schief, als wüsste er nicht recht, wie er die Frage formulieren sollte. „Wie geht das eigentlich mit die Schatten? Das Zeug, das du mit ihnen anstellst?“ Seine Augen leuchteten und erst dann fiel Melanie wieder ein, dass er ja schon auf der Straße gesehen hatte, wie sie ihre Kräfte anwendete. Danach war er Zeuge bei der Reparatur ihrer Jacke geworden. Es war komisch, darüber zu sprechen, als sei es etwas Normales. Aber jetzt wusste sie, dass es in der Tat normal war – normal für Naimet jedenfalls. Und diese Gewissheit war bereits eine riesige Erleichterung für sie, denn von nun an würde sie an einem Ort sein, an dem sie nicht mehr abnormal war.

Sie lächelte ihn an. „Soll ich‘s dir zeigen?“ Sein Lächeln als Zustimmung deutend, brachte Melanie ein paar Schritte Abstand zwischen sie. Dann konzentrierte sie sich auf die Lampe an der Decke und sah Daniel aus dem Augenwinkel, der sie aufmerksam beobachtete.

„Achtung, es könnte dunkel werden“, warnte sie ihn ironisch vor. Sie spreizte die Finger und der Schatten, den Melanie warf, verschwand vor ihren Füßen und legte sich dann über die Glühbirne, sodass es im Zimmer langsam dunkler wurde. Der Schatten hatte sich über die Lampe bewegt wie Rauch, wie etwas Greifbares. Nun konnte Daniel wahrscheinlich nicht viel mehr sehen als Melanies Umrisse, auch wenn es für sie selbst keinen Unterschied machte.

Daniel grinste breit. „Das ist echt genial, mi amor.“

Melanie errötete und ließ es abrupt wieder hell werden. „Ich bewege einfach die Schatten im Raum oder lasse sie dunkler werden.“ Sie deutete auf den Schatten, den der Computer warf. „Ich stelle mir vor, wie der Schatten dunkler wird, sich meinem Willen gemäß verformt und dann passiert das.“ Während sie sprach, wurde der Schatten des Computers immer dunkler und nahm eine dreieckige Form an. Melanie lachte vergnügt und Daniel stimmte mit ein.

Dann befahl sie dem Schatten mit einem scharfen Blick, wieder die gewohnte Form anzunehmen.

John war ihr aus einem unergründlichen Grund sympathisch. Er war eher klein, glatzköpfig und muskulös, aber er gab einem gleich das Gefühl, zu Hause zu sein.

Daniel und Melanie waren ins Land der Nacht zurückgekehrt und Melanie lernte nun den Leiter des Gebäudes 3.1 kennen. Dort würde sie einziehen, hatte ihr Daniel auf dem Rückweg erklärt. Das Camp Cataara hatte 10 Areale, welche wiederum je fünf Hütten hatten. John war laut Daniel der Leiter des Gebäudes 3.1.

„Würdest du bitte die Waffen ablegen?“, bat John, als sie eintraten.

Daniel, der hinter ihr stand, blickte sie total irritiert an. Er ließ seinen Blick erfolglos auf der Suche nach einer Waffe über ihren Körper gleiten, doch auch beim zweiten Durchgang wurde er nicht fündig.

Melanie jedoch schaute leicht verdutzt und bückte sich verlegen. Sie griff in ihren Stiefel, wo sie ein Messer versteckt hatte, und reichte es John. Dann legte sie die Hand an ihre Hüfte und dort manifestierte sich aus ihrer schwarzen Jacke ein rabenschwarzes Wurfmesser, welches sie ebenfalls John gab. Sie hörte, wie Daniel hinter ihr verwundert die Luft ausstieß und wurde noch röter.

„D-das ist bloß Gewohnheit“, verteidigte sie sich.

John nickte beschwichtigend. „Hier laufen viele mit Waffen herum. Bitte setz dich. Daniel, du darfst den anderen Bescheid geben, dass wir jemand Neues bei uns haben.“

Daniel nickte, verließ den Raum und zog die Tür hinter sich zu. Nervös setzte sich Melanie John gegenüber auf einen Stuhl, zwischen ihnen stand ein schwerer Schreibtisch. Ohne Daniel an ihrer Seite fühlte sie sich unwohl, so fremd in einem Zimmer mit einem unbekannten Mann, auch wenn er noch so sympathisch wirkte.

Doch John erwies sich als ausgesprochen charmant und freundlich. Sie musste ihm erzählen, was sie im Zeugnis für Noten hatte, welche Fächer sie besucht hatte und welche sie besuchen wollte.

Bei Spanisch war das ein wenig kompliziert, denn sie hatte nur ein halbes Jahr Spanisch gehabt; ihre Spanischlehrerin war schwanger geworden und das Jahr darauf hatte sie das Fach durch Selbstverteidigung ersetzt. Jedoch würde sie kein Französisch mehr haben, worüber sie nicht traurig war.

„Du kannst dennoch in denselben Kurs wie die anderen in deinem Alter gehen, Emma und Daniel werden dir bestimmt helfen. Falls es trotzdem Probleme geben sollte, kannst du jedoch ungeniert zu mir kommen“, erklärte John.

In den anderen Fächern konnte sie zum Glück gut mithalten. John gab ihr Unmengen von Schulbüchern und während sie die Bücher stapelte, verkniff Melanie sich die Frage, weshalb nicht alle Schulen längst Online-Lernmaterial hatten.

John warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits nach fünf.

„Nun ist der Unterricht schon vorbei, ich bringe dich am besten in den

Gemeinschaftsraum, wo gewöhnlich die Hausaufgaben gemacht machen.“

Der Gemeinschaftsraum war ein gemütlicher, großer Raum im Parterre des Gebäudes 3.1. Anders als erwartet war er stilvoll eingerichtet: Mehrere beigefarbene Sessel, Sofas und Tische standen herum und hier und da hingen Lampen von der Decke. Durch ein großes Fenster flutete Sonnenlicht in den Raum und ersetzte das Lampenlicht. Die meisten Sofas waren von Schülern besetzt, nur ein paar Sessel und Stühle standen frei herum. Überall wurden Hausaufgaben gemacht oder für Tests gelernt, nur wenige lasen ein Buch oder unterhielten sich mit dem Nachbarn über belangloses Zeug. Melanie ließ ihren Blick suchend über die Schüler gleiten, sie schätzte sie zwischen 13 und 20 Jahren ein. Endlich fand sie Daniel auf einem Sofa mit ein paar Kumpels sitzend.

John deutete in seine Richtung und senkte die Stimme. „Dort ist ein Stuhl frei, am besten wendest du dich dann an deine Mitschüler, damit sie dir das Nötigste erklären können.“

Melanie nickte nervös. „Okay.“ Sie bahnte sich möglichst unauffällig einen Weg durch die Schüler und setzte sich auf den freien Platz. Etwa gleichzeitig schloss John die Tür wieder und war verschwunden. Obwohl es mitnichten still war im Raum, hallte ihr das Geräusch der zufallenden Tür in den Ohren wieder.

Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt machen sollte. Was, wenn das hier doch nur eine Anstalt für Verrückte war? Wieso hatte sie sich bloß an einer Schule angemeldet, in einem Land, das es nicht mal geben sollte? Mit Schülern, die unter Wasser atmen konnten und kämpfen lernten? Sie kannte Daniel erst seit knapp einer Stunde und vielleicht waren er und alle anderen hier nur Verrückte, die sich gut verstellen konnten! Melanie kniff die Augen zusammen. Sie durfte sich jetzt nicht zu viele Gedanken darüber machen. Vielleicht war das Ganze ja auch nur ein sehr fantasievoller Traum.

Zum Glück drehte sich in dem Moment Daniel zu ihr um und lächelte freundlich.

„Hey, auch schon hier?“

Melanie schrak aus ihren Gedanken auf und erwiderte sein Lächeln. „Ja, hab schon Bücher bekommen.“ Sie verzog gespielt leidend das Gesicht.

Daniel lachte, dann wandte er sich an seine Freunde. „Jungs, das ist Melanie, sie wohnt jetzt auch hier.“ Vier Köpfe drehten sich zu ihr um und sie fuhr sich nervös durch die Haare.

„Hey.“ Derjenige, der Daniel am nächsten saß, hob grüßend die Hand. „Ich bin Emanuel.“

Ein braunhaariger Junge mit gleichfarbigen Augen stellte sich als Ramón vor und einer, der eher am Rand des Sofas saß, hieß Jack. Er hatte dunkle, nach hinten gegelte Haare, schwarze Augen und sah ziemlich gut aus, fand Melanie.

„Kennst du zufälligerweise den Aufbau der Körperzelle einer Ratte?“, fragte Jack und hob kurz sein Heft hoch.

„Ähm, nein ...“ Melanie hob amüsiert die Augenbrauen. „Sind das Hausaufgaben?“

Jack nickte. „Kein Mensch weiß das. Und Ratten sind hier nicht zugelassen.“

Melanie lachte. „Irgendwer hier weiß das bestimmt.“

Daniel nickte grinsend. „Ja, ganz bestimmt sogar.“

Melanie runzelte verwirrt die Stirn. „Und wieso fragt ihr sie oder ihn dann nicht?“

Die Jungs schauten sich an. Emanuel schüttelte heftig den Kopf, jetzt sah Melanie, dass er zu den dunklen Haaren blaue Augen hatte. „Vergesst es“, sagte er bestimmt.

Melanie verkniff sich ein Lachen. Sie konnte sich vorstellen, was sich hier abspielte. „Wer ist es denn?“

„Die mit den Augen dort drüben“, antwortete Emanuel und nickte irgendwo in den Raum hinein.

Alle brachen in Lachen aus.

„Ach was, hat sie Augen?“, witzelte Melanie mit gespielt erstaunter Stimme.

„Ich schwör‘s, sie hat welche!“, bestätigte Emanuel.

„Er meint Emma“, erklärte ihr Daniel.

„Ach so.“ Emma hatte wirklich schöne Augen, musste Melanie zugeben. „Dann frag ich sie eben. Wo ist sie denn?“ „An dem großen Tisch ganz vorne“, meinte Jack.

Melanie folgte seinem Blick und entdeckte sie ganz in der Nähe, wo sie Hausaufgaben machte. Sie selbst hatte grundsätzlich keine Schwierigkeiten dabei, direkte Fragen zu stellen. Sie war sowieso eine Person, die Sachen einfach mal sagte, ohne groß zu überlegen – außer es war etwas Verletzendes. Sie wusste, was ihre Stärken und Schwächen waren; zurückhaltend zu sein war also bestimmt nicht ihre Stärke, obwohl sie darauf achtete, ihr Gegenüber nicht zu kränken. Ihrer Meinung nach lebte man viel einfacher, wenn man die Dinge realistisch sah und sich nichts vormachte. So verstand sie nicht, wie man bei solchen Sachen Mühe hatte, schließlich kannten nicht alle den Aufbau der Körperzelle einer Ratte und das war auch nicht überlebenswichtig. Dennoch konnte ihre praktisch veranlagte und auch häufig sarkastische Art manchmal falsch rüberkommen, dessen war sie sich bewusst. Aber hier im Land der Nacht wollte sie sich nicht länger ducken, das nahm sie sich fest vor: Es war besser, wenn man einen klaren Charakter hatte. Sie hatte es satt, sich ständig verändern zu müssen.

Melanie drehte sich mit einem abschätzenden Blick zu den Jungs um. „Wenn sich keiner von euch traut, geh ich sie fragen ...“, wiederholte sie und wartete, ob jemand protestierte. Als niemand dergleichen tat, stand sie auf und ging auf Emma zu.

Sie setzte sich leicht nervös neben sie und zupfte an ihren Kleidern herum. „Du heißt Emma, nicht wahr?“, vergewisserte sie sich zaghaft.

Emma drehte sich zu ihr um und musterte sie. „Ja, so heiße ich.“ Sie lächelte. „Warst du nun schon bei John?“

Melanie nickte und lächelte ebenfalls. Sie hatte das Gefühl, dass sie in der letzten Stunde mehr gelächelt hatte, als das ganze Jahr zuvor.

Schon mal positiv.

„Äh ... Die Jungs da drüben haben eine Frage bezüglich der Hausaufgaben, aber keiner traut sich, dich zu fragen“, sagte Melanie.

Emma runzelte belustigt die Stirn. „Du meinst Emanuel und seine Freunde?“

Melanie nickte und Emma musste lachen. „Wenn du wüsstest, dass ich Feuer spucke, würdest du dich vielleicht auch nicht trauen ...“ Sie senkte geheimnistuerisch die Stimme.

Melanie lachte, auch wenn ihr für einen Moment der Gedanke kam, dass das vielleicht gar nicht so abwegig war. „Na klar. Was kannst du denn Besonderes?“

Emmas Gesicht verdunkelte sich. „Nichts Besonderes. Einfach das

Übliche.“

„Das Übliche?“

„Alle hier können Magie erlernen. Das unterscheidet uns von den gewöhnlichen Menschen.“ Emma stand auf und die beiden Mädchen bahnten sich einen Weg zu den Jungs. „Und jetzt muss ich den Jungs wohl die Hausaufgaben erklären.“ Magie?

Melanie warf einen Blick zu Emanuel. „Emanuel gefallen deine Augen.“

Emma hätte beinahe ihre Tasche fallen lassen. „Ach ja?“ Sie wollte desinteressiert klingen, doch das gelang ihr ziemlich schlecht – ihre Stimme zitterte.

„Mhmm“, schmunzelte Melanie.

Emma setzte sich auf die Sofalehne und sie nahm wieder ihren Stuhl in Beschlag. Die Jungs hatten sich kaum bewegt.

„Keine Angst, ich beiße nicht“, sagte Emma ironisch zu Daniel, Emanuel, Ramón und Jack. Dann nahm sie Emanuel die Hausaufgaben aus der Hand und begann zu erklären.

Melanie hörte gar nicht zu, sie beobachtete bloß Emmas Bewegungen und fragte sich nicht zum ersten Mal, was an ihnen seltsam war. Sie bewegte sich sehr geschmeidig, aber gleichzeitig unsicher. Melanie wurde einfach nicht schlau daraus. Nur am Rande nahm sie wahr, dass die Jungs offenbar begriffen hatten, wie der Aufbau einer Rattenzelle aussah. Eilig schrieben sie es in ihre Hefte.

Bis um sechs Uhr blieb Melanie im Gemeinschaftsraum, ließ sich von Emma so einiges über den Unterricht erklären und begann, den Spanischstoff nachzuholen. Es stellte sich heraus, dass Emma in so ziemlich allen Fächern spitze war, denn sie wurde noch oft bei diesem und jenem um Hilfe gefragt.

Nun wandte sich Emma wieder Melanie zu. „Ich könnte dir mal das Zimmer zeigen, dann kannst du deine Sachen dort deponieren. Um sieben gibt es sowieso Essen.“

Nebeneinander gingen sie ein paar Treppen hoch in ein Zimmer, das wohl nun das ihre war. Es handelte sich um einen großen Raum, den man durch eine Schiebewand in zwei kleinere Bereiche abtrennen konnte. Das wurde aber kaum gemacht, erklärte Emma. Im linken und rechten Teil des Zimmers waren je ein Bett, ein Schrank und eine Kommode, ein Schreibtisch und ein bequemer Stuhl zu sehen. Neben dem Kopfende von Emmas Bett – man erkannte es an den Büchern, die darauf lagen, und dem Bettbezug – war ein Fenster, wie auch an der linken Wand, durch das man auf den Innenhof des dritten Areals sehen konnte. Melanie packte möglichst schnell ihre Sachen aus und verstaute sie in dem geräumigen Holzschrank.

„Wohnen alle, die im Gemeinschaftsraum waren, hier?“

„Nein, nur acht von ihnen. Emanuel, Daniel, Ramón und Jack und mit mir noch vier Mädchen. Aber eine von ihnen, Laura, ist gerade woanders in einem Extrakurs für Nähen.“

„Also sind wir ...“ Melanie überlegte. „Mit mir zehn Leute hier?“ Emma nickte.

„Und wo schlafen die Leiter?“ Wenn sie nun beschloss, dass sie sich nicht in einem verrückten Traum befand, wollte sie alles genau wissen.

„Die haben ein separates Gebäude. Du hast bisher erst John kennengelernt, aber es gibt über den zehn Leitern noch einen Chef, Anthony.“

Melanie hob ihre Jeans aus dem Koffer. „Ne, den kenne ich noch nicht.“

„Macht nichts.“

Melanie hob die Augenbrauen. „Ist er nicht nett?“

„Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst“, wich Emma aus.

Melanie hatte fertig ausgepackt und schob den Koffer unter ihr Bett. „Aha.“

Das klingt ja erfreulich ...

„Was ist denn mit dem Gebäude, in dem Daniel mich verarztet hat und wo Johns Büro war?“

„Das ist quasi das „Krankenhausgebäude“. Dort haben auch die Leiter ihre Büros. Die meisten Leiter sind auch im medizinischen Bereich geschult und helfen dort oft aus. Wir haben aber auch professionelle Krankenschwestern.“

Melanie schloss die laut quietschende Schranktür und speicherte die Information gedanklich ab. „Wieso sind eigentlich so viele im Gemeinschaftsraum, wenn sie gar nicht hier wohnen?“, überlegte sie laut.

Emma zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich war es gerade näher für sie, in unseren Gemeinschaftsraum zu kommen, als in ihren eigenen zu gehen. Das ist aber nicht immer so.“

„Verstehe.“ Melanie musste sich immer noch an all das Neue gewöhnen. Es gab wahrlich sehr viele Dinge, die man hier tun konnte, wie sie bereits gemerkt und gesehen hatte. Ob es auch eine Möglichkeit zum Klettern gab? Sie liebte das Klettern, seit sie mit acht Jahren in einen Kletterpark gegangen war, und sie würde das Hobby gerne fortführen … Sie merkte, dass sie gar nicht mehr in Erwähnung zog, nicht hierzubleiben, auch wenn sie dieses seltsame Land erst seit einem halben Tag kannte.

„Was denkst du?“, fragte Emma und schaute sie von der Seite her an.

„Hm“, machte Melanie. „Ob man hier klettern kann.“

Emma riss erstaunt die Augen auf. „Du kletterst?“

Melanie lächelte. „Ja, also, als Hobby.“

Emma war nahe daran, vor Freude auf der Stelle zu hüpfen. „Ich auch! Du bist die Erste hier, die auch außerhalb des Unterrichts klettert!“

Melanie konnte kaum fassen, dass Emma tatsächlich auch kletterte. Sie schaffte es nicht, das Strahlen zu verbergen, das sich auf ihr Gesicht drängte. „Dann kann man hier klettern?“, wollte sie wissen.

Emma nickte heftig. „Im Wald darfst du auf jeden Baum, solange du gesichert bist. Und es wurde eine Art Kletterpark ausgebaut, auch für den Kampfunterricht.“

Melanies Augen wurden groß. „Wir müssen unbedingt mal zusammen dahin!“

Da war Emma mehr als einverstanden, auch wenn sie nichts sagte. Denn jetzt fiel Melanie auf, was sie noch erwähnt hatte. „Du hast was vom Kampfunterricht gesagt …?“

„Ja, im Unterricht kämpfen wir sehr selten auch auf den Bäumen. Training für das Gleichgewicht und so.“ Sie grinste.

„Wow.“ Melanie dachte unwillkürlich an die vielen Kampffilme, die sie gesehen hatte. „Klingt aber ganz schön gefährlich …“ Eine schrille Glocke unterbrach ihre Unterhaltung.

Melanie zuckte zusammen. „Was war das?“

„Es gibt Essen. Komm mit.“

Emma nahm sie an der Hand und zog sie die vier Treppen zum Erdgeschoss in den Essensraum hinunter.

3 NÄCHTLICHE KRIMINALFÄLLE

Der Mond schien durch das Fenster in ihr Zimmer und warf sein gespenstisches Licht auf Melanies Bettdecke. Alle Lichter des Areals 3 waren ausgeschaltet, das Tor geschlossen. Melanie drehte sich unruhig in ihrem Bett hin und her, schaute aus dem Fenster und stellte sich vor, wie das Land der Nacht nachts wohl aussehen würde.

Sie blickte zu Emma hinüber. Diese lag friedlich in ihrem Bett und schlief, ihre goldblonden Haare breiteten sich über dem Kopfkissen aus. Doch nach vier Stunden Schlaf konnte Melanie beim besten Willen nicht mehr einschlafen. Zwar gelang es ihr ab und zu, etwa sechs Stunden zu schlafen, aber dafür musste sie schon sehr müde sein und die restlichen zwei Stunden waren dennoch überflüssig. Normalerweise machte sie um drei Uhr morgens Hausaufgaben, doch was sollte sie jetzt machen?

Seufzend schälte sich Melanie aus der dunklen Bettdecke und kramte in ihrer Schultasche herum, bis sie das Spanischbuch entdeckte. Emma hatte ihr gezeigt, bis zu welcher Stelle sie den Stoff nachholen musste. Also setzte sie sich aufs Bett und begann zu lesen.

Jemand stellte das Licht an.

Melanie sah verwundert auf. „Ist es schon morgen?“ Emma starrte sie verdattert an.

„Emma?“

Emma starrte sie immer noch an.

Melanie runzelte die Stirn, legte das Spanischbuch zur Seite und sah auf die Uhr auf dem Schreibtisch. 07:30 Uhr leuchtete ihr in roten Lettern entgegen.

Endlich sagte Emma etwas. „Hast du gerade ... gelesen?“

Melanie lachte. „Ja. Ich kann lesen, weißt du?“

Ihr Gegenüber blieb ernst. „Das Licht war aus.“

Melanie lachte noch mehr. „Ach so! Ich kann im Dunklen sehen.“

Lächelnd hob Emma eine Augenbraue.. Ihre Haare fielen ihr wild ins Gesicht, da sie nun offen waren und nicht wie gestern in einen Zopf gebunden. „Echt?! Cool! Daniel hat auch noch was über Schatten erzählt ...“

Melanie nickte, während sie sich bemühte, aus dem Bett zu steigen, ohne die Decke mitzureißen. „Ja, ich kann lustige Sachen mit den

Schatten anstellen.“

„Na los, zeig schon!“, drängte Emma neugierig. „Das ist ja total spannend.“

Melanie zuckte mit den Schultern. „Okay, ich geh mal in den Schatten da.“ Sie deutete auf die dunkle Fläche, die ihr Schrank an die Wand warf und stellte sich mitten hinein. Dann war da nur noch Schwarz zu sehen und man konnte Melanie nicht mehr vom Schatten unterscheiden – sie war förmlich mit ihm verschmolzen. Emma sog überrascht die Luft ein.

„Wow, du kannst das schon kannst, ohne es trainiert zu haben.“

Melanie zuckte leicht zusammen, doch zum Glück sah ihre Zimmergenossin das nicht. Statt einer Antwort trat sie wieder aus dem Schatten und strich sich verlegen die Haare aus dem Gesicht. „Wie ist das hier mit den Essenszeiten?“

„Am Morgen gibt es von halb acht an Frühstück bis um neun Uhr. Aber wenn Schule ist, muss man um halb neun in der Schule sein, also beenden wir das Essen meist vorher. Heute ist zwar Samstag, aber wir essen trotzdem früh, dann haben wir mehr vom Tag.“ Das war eine typische ausführliche Antwort von Emma, merkte Melanie belustigt. „Beginnt die Schule erst um halb neun?“, fragte sie erstaunt nach.

Emma nickte. „Cool, oder?“

„Ziemlich“, bestätigte Melanie. „Bei mir begann die Schule immer um halb acht.“

Emma verzog angewidert das Gesicht. „Kindesmisshandlung“, behauptete sie grinsend. „Aber wir sollten uns langsam anziehen, es ist schon Viertel vor acht.“

Melanies Kopf fuhr zum Wecker auf dem Schreibtisch. Tatsächlich! Sie hatten eine Viertelstunde geredet. Rasch nahm sie ihren Kulturbeutel und verschwand im Bad.

Im Esszimmer saßen bereits die Jungs, neben Ramón jedoch lugte ein braunäugiges, hübsches Mädchen mit blonden Haaren bis zur Hüfte hervor. Ramóns Arm lag um ihre Taille, wahrscheinlich waren sie ein Paar.

Als Emma und Melanie näher kamen und sich an den Tisch setzten, sahen die anderen auf und grüßten. Das blonde Mädchen betrachtete sie neugierig.

„Hey.“ Sie hielt ihr freundschaftlich die Hand hin. „Ich heiße Caroline, du bist Melanie, nicht wahr?“

„Ja.“ Melanie lächelte und reichte ihr die Hand. Als sie sie ergriff, zuckte Caroline plötzlich zusammen. Melanie runzelte die Stirn.

„Tut mir leid.“ Caroline errötete.

Die Leute hier sind echt komisch ...

Bevor Melanie etwas erwidern konnte, ging auch schon die Tür auf und zwei Mädchen betraten den Raum. Die eine hatte langes, wasserstoffblondes Haar und war auffällig gekleidet, das Gesicht des anderen Neuankömmlings wurde wiederum von kurzgeschnittenen, braunen Strähnen umrahmt. Sie sah sehr sportlich aus. Gemeinsam setzten sich neben Emma.

„Hallo, ich bin Zoé. Wie heißt du?“ Das sportliche Mädchen wandte sich an Melanie.

„Ich heiße Melanie.“ Melanie spielte nervös mit ihrem Haar. Die ganze Vorstellerei ging ihr langsam auf die Nerven.

Das hellblonde Mädchen warf sich die Haare in den Nacken. „Ich bin Sam.“ Sie schaute Melanie nicht einmal an, während sie sprach. Sie konnte die Blondine jetzt schon nicht ausstehen. Einen Moment lang herrschte peinliche Stille, bis Zoé Jack bat, ihr die Milch zu reichen, die vor den Jungs auf dem Tisch stand. Die Gespräche setzten wieder ein und Melanie hörte interessiert zu, bis sich alle an den Tisch setzten, um mit dem Frühstück zu beginnen.

Es war ein normaler Tag, das Wetter war durchschnittlich und Laura hatte nicht viel zu tun. Deshalb saß sie in ihrem Zimmer und nähte, wie sie es in letzter Zeit oft praktiziert hatte. Im Nähkurs hatte sie in den letzten Wochen schon einiges dazugelernt.

Laura fädelte den dunklen, rosaroten Faden durch das Nadelöhr und legte den Stoff darunter. Dann berührte sie mit ihrem rechten Zeigefinger die kühle Nadel. Lächelnd spürte sie, wie Magie einem leichten Stromstoß ähnlich durch ihre Finger fuhr und in die Nadel gelangte. Das war das Praktische daran, eine Naimet zu sein, dachte sie. Sie konnte kleine Dinge in ihren Bewegungen beschleunigen, beispielsweise eine Nadel oder einen Bleistift. Da sie diese Fähigkeit aber erst kürzlich zu ihrer anderen dazubekommen hatte, konnte sie die Funktion noch nicht vollkommen einschätzen und hatte sie am meisten beim Nähen angewendet. So wurde sie schneller fertig, was ihr sehr gelegen kam.

Sie kaufte gar nicht gern Kleider ein, sondern zog am liebsten die selbstgenähten an. Mit diesem Vorteil beim Nähen gelang es ihr seit kurzer Zeit, immer mit den eigenen Kleidern auszukommen.

Nachdem Laura noch die kleine Lampe hinten an der Nähmaschine angeschaltet hatte, begann sie zu nähen. Sachte drückte sie das Pedal mit dem Fuß nach unten und eine dunkle Naht entstand am Saum der Jeans. Das tuckernde Geräusch der Nähmaschine löste ein vertrautes Gefühl bei Laura aus und brachte auf eine beruhigende Weise ihre Gedanken zum Stillstand, die immer wieder um ihre Freunde kreisten, um all die Dinge, die sie trotz dem Nählager beschäftigten.

Die Nadel kam schnell voran, schneller als bei jedem normalen Menschen, war aber dennoch präzise. Bald kam sie unten am Hosenbein an und drehte geschickt die Jeans, sodass sie ein zweites Mal raufnähen konnte. Laura beugte sich dicht über die Maschine, ihre Haare fielen ihr ins Gesicht. Genervt blies sie die goldbraune Strähne weg und kniff konzentriert die Augen zusammen. Die Jeans musste perfekt werden, denn sie war für eine bestimmte Person bestimmt. Sie hatte angeboten, sie ein bisschen zu verschönern, als die Trägerin mit der Länge nicht zufrieden gewesen war. Zum Kürzen brachte Laura nun noch eine andere Verzierung darauf an, da sie freie Hand bekommen hatte. Sie wollte die Jeans dann an ihrem Geburtstag fertig haben, aber so wie es aussah, würde sie früher fertig werden. Aber es sollte dennoch eine Überraschung werden.

Laura biss sich nachdenklich auf die Lippen und stellte sich vor, wie sie wohl auf die pinke Naht auf den Hosenbeinseiten reagieren würde. Hoffentlich gefiel es ihr. Es gab nichts Peinlicheres, als wenn man einen Auftrag noch verschlimmerte. Jetzt war sie wieder oben angekommen und vernähte von Hand den Faden, bevor sie ihn abschnitt und die Hose in die Hand nahm. Prüfend hielt sie sie hoch und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Bisher war sie perfekt. Die Jeans war schön, das war sie schon immer gewesen – bloß zu lang. Und zu einfarbig.

Das Licht, das durch das Fenster in die WG fiel, ließ die Jeans von hinten leuchten und erhellte das Zimmer in schönen Farben. Der Raum war ohnehin schön aufgeräumt und schon gut eingerichtet, obwohl Laura nicht allzu lange hier bleiben würde. Sie legte die Jeans mit neuem Elan auf die Nähmaschine und nahm sich das andere Hosenbein vor. Die Nadel stach ein und sie drückte auf das Pedal. Von einem leisen Surren begleitet, arbeitete sich die Nadel vorwärts und Laura schob geduldig die Hose nach, Stück für Stück, und achtete darauf, dass sie gerade blieb und nichts verrutschte. Um sie herum herrschte Stille, von draußen waren gedämpft Gespräche zu hören und irgendwo heulte ein Tier, wahrscheinlich ein Wolf. Das war nicht weiter seltsam hier im Land der Nacht, zumal sich Laura ebenfalls in ein beliebiges Säugetier verwandeln konnte. Das konnte sie täglich für eine Stunde, am liebsten nahm sie eine Wolfgestalt an. Aber vor Kurzem hatte sie zum Spaß auch einen Tiger ausprobiert, grundsätzlich mochte sie große Raubtiere. Was aber nicht immer gleich war, war die momentane Stille in der WG. Es war schon kurz nach Mittag und kaum Lärm zu hören. Häufig bekamen die anderen jedoch Besuch oder ließen laut Musik laufen, dies auch bis zum Abend. Besonders Ariana, eine ihrer Mitbewohnerinnen, hatte immer irgendjemanden dabei. Doch Laura störte das nicht besonders, sie mochte andere Leute und fand es okay, wenn manchmal Musik lief. Hauptsache, sie hatte ihre Ruhe beim Nähen.

Laura hob eilig den Fuß vom Pedal, als sie merkte, dass sie beinahe am Ende angekommen war. Langsamer steuerte sie auf das Hosenbeinende zu, dank ihres Zaubers war sie flink wieder oben angekommen und je näher sie dem Ende kam, desto glücklicher wurde sie. Ein Werk zu beenden war immer ein tolles Gefühl und wenn sie daran dachte, für wen es bestimmt war, freute es sie noch mehr.

Eine Sekunde, nachdem sie die fertige Jeans in Schrank packte und die Nähmaschine verstaute, klopfte es an ihrer Tür. Erstaunt und etwas erschrocken sah sie hoch und starrte das helle Holz eine Weile lang an. Sie hatte niemanden eingeladen und alle anderen Besucher wussten für gewöhnlich, wo sie hinmussten. Keiner klopfte einfach so an, denn die anderen Bewohner kamen ungefragt hinein. Kopfschüttelnd schloss Laura die Schublade, in der ihre Nähmaschine war. Bestimmt hatte sie sich verhört oder jemand hatte aus Versehen geklopft. Gerade als sich Laura wieder ihrem Schreibtisch zuwenden wollte, klopfte es erneut, nun drei Mal und kräftiger als zuvor. Laura zuckte zusammen. Mit klopfendem Herzen stand sie auf und ging langsam zur Tür.

Das ist doch bestimmt kein Massenmörder, schalt sie sich selbst in Gedanken. Wahrscheinlich kam sie bloß jemand besuchen. Dennoch zitterte ihre Hand, als sie die Tür öffnete.

Morgen hab ich Schule!

Melanie lag wach im Bett und starrte aufgeregt an die Decke. Das Wochenende war wie im Flug vergangen und sie hatte sich schon ein wenig an das Camp gewöhnt. Doch am Montag würde die Schule beginnen und Melanie hatte keine Ahnung, was sie erwartete. Das Wochenende über hatte sie brav Spanisch gebüffelt, aber sie wusste nicht, wie streng hier bewertet wurde. Am meisten spukte ihr der Kampfunterricht am nächsten Tag durch den Kopf. Sie freute sich einerseits darauf, andererseits wusste sie auch da nicht, ob sie den anderen total unterlegen war. Sie drehte sich unruhig auf die andere Seite. Schlafen konnte sie schon lange nicht mehr; es war bereits drei Uhr morgens. Doch plötzlich drehte sich Emma, die bisher friedlich in ihrem Bett geschlummert hatte, unruhig hin und her und gab ängstliche Laute von sich.

Melanie schlug mit gerunzelter Stirn die Decke zurück und tapste zu ihrem Bett hinüber. Emma hatte das Gesicht verzogen, als hätte sie vor irgendetwas Angst. Krampfhaft hielt sie ihre Decke in der Hand und stieß erneut ein wimmerndes Geräusch hervor. Ihr Atem ging viel zu schnell und Melanie meinte fast, ihre Augen unter ihren Lidern rotieren zu sehen.

„Emma!“ Melanie rüttelte sie vorsichtig an der Schulter. „Emma, aufwachen!“

Emma schreckte keuchend hoch. „Melanie?“ Sie schaute verwirrt drein und strich sich passiv die Haare in die Stirn. Ihre Decke war ihr bis zur Hüfte hinuntergerutscht, und ihre Haare waren ganz zerzaust und völlig schweißgebadet.

„Was hast du denn?“ Melanie setzte sich besorgt auf das Bett ihrer Freundin. Die Situation kam ihr aus eigener Erfahrung schmerzlich bekannt vor.

Emma zögerte. „Nichts. Wieso?“ Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und atmete viel zu hastig, als sei sie eine lange Strecke gerannt.

Lüg besser, ehrlich.

„Du hattest einen Albtraum, glaube ich“, erwiderte Melanie mit einem leicht fragenden Unterton.

„Nein ... Ich meine, kann sein ... Ich kann mich nicht mehr erinnern“, behauptete sie leichthin und spielte hektisch mit der Bettdecke.

„Wenn du meinst“, murmelte Melanie und stand zögerlich wieder auf. Sie wollte sie nicht drängen und Emma atmete schon wieder normal. Sie wirkte nicht mehr so verängstigt, bloß verwirrt und verschlafen.

„Habe ich dich geweckt?“, wollte Emma jetzt schuldbewusst wissen.

„Nein, ich war schon wach.“ Aus den Augenwinkeln sah sie Emma erleichtert nicken, dann schlüpfte Melanie unter ihre Decke und legte sich wieder hin. Doch statt zu schlafen, grübelte sie über Emma nach. Diese hatte sich auch wieder hingelegt und versuchte wohl, wieder einzuschlafen. Aus irgendeinem Grund glaubte Melanie ihr nicht, dass sie sich nicht mehr an den Traum erinnern konnte. Irgendetwas verbarg sie vor ihr. Und zwar ziemlich schlecht. Doch auch sie hatte Geheimnisse und so konnte sie nicht von Emma erwarten, dass sie ihr gleich alles erzählte. Mit der Zeit würden sie schon mehr Vertrauen aufbauen.

Irgendwann musste Melanie wohl doch noch eingeschlafen sein, denn plötzlich klingelte der Wecker und sie schreckte abrupt aus dem Schlaf hoch.

Sie setzte sich auf und stellte genervt den Wecker ab. Sonnenlicht flutete das Zimmer und ließ Staubkörner in der Luft sichtbar werden. Entfernt nahm Melanie das Rauschen des Meeres und die leisen Stimmen von Schülern, die sich etwas zuriefen, wahr. Sie musste unbedingt mal das Meer anschauen gehen. Nicht, um zu schwimmen und unterzugehen, sondern weil sie in ihrem Leben erst zwei Mal am Meer gewesen war.

Neben Melanie schlug Emma verschlafen die Decke zurück und rieb sich die Augen. „Schon Morgen?“

Melanie nickte. „Und Schule“, fiel es ihr schlagartig wieder ein und sie sprang aus dem Bett. Während sie hektisch ihren Kleiderschrank nach passenden Kleidern durchwühlte, stand Emma in aller Ruhe auf und schlenderte ins Bad. Doch Melanie war viel zu aufgeregt, um sich zu entspannen. Sie hatte Schulwechsel noch nie gemocht und war nun dementsprechend nervös. Ihre Hände zitterten so stark, als sie sich ihre Augen schwarz schminkte, dass sie daneben malte. Emma hielt ihr hilfsbereit ein Abschminktuch hin und Melanie nahm es leicht errötend an. Als auch Emma sich vor den Spiegel stellte und ihre Lippen in einem dezenten Rosa färbte, kam ihr eine Idee.

„Emma, schmink doch deine Augen auffällig, die gefallen ja Emanuel“, schlug sie vor.

Emma ließ vor Schreck beinahe ihren Lippenstift fallen. Das nächste Mal musste Melanie darauf achten, dass ihre Mitbewohnerin gerade nichts in der Hand hatte, wenn sie Emanuels Namen aussprach.

„Stimmt ... o-okay ... ähm, leihst du mir deine Wimperntusche?“, stotterte sie.

„Klar.“ Melanie grinste.

Im Essensraum herrschte große Aufregung: Die Zeitung war angekommen. Sie hatten die Zeitung Bei Tag und Nacht auf eine Adresse in der Nähe eines Portals abonniert, die jeweils einer der Leiter abholen ging. Heute machte wieder mal das Mädchen in Schwarz eine große Schlagzeile. Alle redeten wie wild durcheinander.

„Seit drei Nächten nicht mehr aktiv?“, las Caroline den Titel vor.

Melanie schloss die Tür hinter sich und stellte sich neben Caroline, um einen Blick auf die Zeitung werfen zu können, die diese in der Hand hielt.

„Vielleicht traut sie sich nicht mehr?“, mutmaßte Jack, der Caroline gegenüber stand.

„Was steht denn da?“, wollte Emma wissen.

Caroline las vor. „Das Mädchen in Schwarz wurde seit Donnerstagnacht nicht mehr gesehen. An Opfern jedoch fehlt es noch immer nicht.

Am Samstag gab es ein weiteres Vergewaltigungsopfer, das noch am selben Tag die Polizei verständigte. Journalisten spekulieren darüber, ob die dunkle Retterin nicht entlarvt werden möchten, und sich deswegen versteckt hält.“ Caroline überflog den Artikel. „Sonst steht nichts Wichtiges mehr drin.“

Ramón runzelte die Stirn. „Wahrscheinlich hast du Recht, Jack. Aber ich hoffe, sie kommt wieder.“

„Da steht gar nicht, wie der Fall von Samstag ausgegangen ist“, warf Melanie nervös ein, ihr Magen hatte sich schmerzhaft zusammengezogen.

Caroline schnaubte. „Sie können ja nicht schreiben: Da wir zu blöd sind, die Attentäter zu stoppen, konnten wir auch diesen Täter nicht fassen.“

Melanie musste gegen ihren Willen lachen. „Eigentlich total lächerlich. Dass die auf so ein Mädchen angewiesen sind, meine ich.“ Ein paar Umstehende murmelten zustimmend.

Daniel wedelte mit einer anderen Zeitung herum. „Im TagesBild gibt es auch eine Artikel: Das Mädchen in Schwarz gibt auf? Seit drei Tagen ist das Mädchen in Schwarz nicht mehr auf der Bildfläche erschienen, obwohl es weiterhin Opfer gegeben hat. Gibt es dafür tiefgehende Gründe oder wird es der dunklen Retterin einfach zu viel? Die ...“

„Was?“, protestierte Zoé empört und schnitt Daniel somit das Wort ab. „Das klingt so, als sei sie eine Privatdetektivin, die ihren Job gekündigt hat!“

Wieder brach eine Diskussion aus und es wurden noch viele weitere Artikel vorgelesen, unter anderem auch aus der TierWoche. Melanie konnte sich ein stolzes Lächeln nicht verkneifen: Sie hatten hier tatsächlich die TierWoche abonniert! Bis zum Ende des Frühstücks blieb das Thema dasselbe: Wo war das Mädchen in Schwarz? Weshalb macht sie nach drei Jahren ausgerechnet jetzt eine Pause? Wie hatte sie es so lange geschafft, nicht erkannt zu werden und ausgerechnet am Donnerstag sah man ihr Gesicht?

Niemand fand eine Antwort darauf.

Kurze Zeit später gingen Emma und Melanie nebeneinander auf die Turnhalle zu. In der ersten Stunde stand für sie Kampftraining auf dem Plan.

„Die Halle ist verzaubert“, erklärte ihr Emma gerade, die locker gleich zwei Doktorarbeiten über das Land der Nacht schreiben könnte. „Einer der ersten Nachkommen von Cataara hat einen starken Zauber entwickelt, der unendlich lange anhält. Dank ihm werden alle Verletzungen, die in dieser Turnhalle zugefügt werden, beim Hinaustreten wieder auf das Minimum geheilt. Mit einer Ausnahme: Wenn die Menschen bereits tot sind, kommen sie nicht zurück. Deshalb nehmen wir kaum Rücksicht aufeinander und können viel härter trainieren als andere Camps.“

Melanie zog verwundert die Augenbrauen zusammen. „Gibt es diese Turnhalle schon so lange?“ Das ovale Betongebäude mit den kleinen Fenstern und schmalen, unscheinbaren Türen sah nicht besonders alt aus.

„Nein“, widersprach Emma belustigt. „Aber früher stand hier eine Arena in dieser Form.“

„Ach so“, sagte Melanie etwas beschämt. War ja klar. Nun waren sie an einer der vielen Türen angekommen und Emma stieß sie auf. Vor ihnen erstreckte sich ein kleiner Vorraum, links waren Toiletten, rechts zwei Umkleidekabinen, eine für Mädchen und eine für Jungs ausgeschildert.

„Komm mit, in 15 Minuten müssen wir bereit sein.“ Emma nahm Melanie bei der Hand und führte sie in die Mädchenkabine.

Als Melanie den vertrauten Geruch von Schweiß wahrnahm, fühlte sie sich schon wohler. Früher hatte sie viel Zeit mit Sport verbracht und da gehörten Umkleidekabinen unweigerlich dazu. Emma zeigte ihr, was sie anziehen musste und in Windeseile waren die beiden umgezogen. In engen, schwarzen Stoffhosen und einem kurzärmligen T-Shirt desselben Stoffes gingen sie in den nächsten Raum. Dort hatten sich bereits Emanuel, Jack, Daniel, Caroline, Ramón und Zoé versammelt und riefen sich belanglose Dinge durch den Raum zu.

Emma erhob ebenfalls die Stimme. „Hier rüsten wir uns je nach angesagter Sportart aus und nehmen uns entsprechende Waffen.“ Sie deutete nach rechts, wo an der Wand entlang ein großes Regal mit Kampfkleidern in jeglicher Größe stand. Gegenüber der Tür, durch die Melanie hereingekommen war, hingen an der Wand mindestens hundert Waffen. Sie riss beeindruckt die Augen auf.

„Keine Angst, das sind nicht alle.“ Emma grinste sie an und zeigte nach rechts durch eine Tür, die in die eigentliche Turnhalle führte. „Dort gibt es noch mehr Regale mit Waffen.“

Melanie öffnete den Mund, bekam aber keinen Ton heraus. In einer Kiste entdeckte sie Bandagen, die man fürs Boxen brauchte.

Emma lachte und zog sie mit zu den Kleiderregalen. „Komm, sonst sind wir zu spät.“ In der Tat waren schon ein paar Schüler in die Turnhalle gegangen.

Rasch reichte Emma ihr eine lederne Weste mit Reißverschluss, sowie Knie- und Wadenschoner. Dann gingen sie den anderen in die Turnhalle nach, wo sie in einer Gruppe standen und warteten, dass John den Unterricht begann. Sie gesellten sich dazu, als Emanuel sich gerade umdrehte und Emma ihre Chance ergriff und ihn anlächelte. Um ihr ihre Privatsphäre zu lassen, wandte sich Melanie leicht nach links und wurde sogleich von Jack angesprochen.

„Hey, freust du dich schon auf deinen Kampf mit John?“ Er grinste und fuhr sich unnachahmlich cool mit der Hand durch die Haare.

Melanie hob erstaunt die Augenbrauen. „Kampf mit John?“

Jack wirkte überrascht. „Wusstest du das nicht? So ziemlich jeder Neue muss gegen John kämpfen, damit er dich in eine Gruppe einteilen kann. Wenn du noch gar nicht kämpfen kannst, kannst du ihm das auch sagen und er steckt dich in die Anfängergruppe.“ Pff, bestimmt nicht!

„Und wenn ich einfach durchschnittlich bin?“

„Dann kommst du zu uns.“ Jack zwinkerte ihr zu.

Melanie legte den Kopf schief und fragte frech: „Und ihr schaut alle zu, wie ich John fertigmache?“

Jack lachte. „Nein, wir müssen was anderes machen.“

Erleichtert nickte Melanie. Bevor sie Zeit hatte, etwas zu erwidern, verstummten alle Gespräche und die Schüler drehten sich zur Tür um.

Als die Zeiger der Uhr auf 8:30 Uhr rückten, betrat John den Raum.

Er hatte tatsächlich Charisma, das musste Melanie zugeben. Obwohl er eher klein war, hatte er einen kräftigen Körperbau und war ebenso wie die Schüler in der schwarzen Ausrüstung gekleidet. Er stellte sich so hin, dass alle ihn sehen konnten, und begrüßte sie mit einem Lächeln. Aus einem unerklärlichen Grund wäre es Melanie nicht im Traum eingefallen, sich jetzt mit einem Schüler zu unterhalten, auch wenn das früher üblich gewesen war.

„Guten Morgen! Heute werden wir wieder an die Nahkampftechnik gehen. Ich möchte, dass ihr in Zweier- oder Dreiergruppen zusammengeht und das bisher Gelernte auffrischt.“ Sein Blick glitt über die Schüler und blieb schließlich an Melanie hängen. Melanie wurde nervös. Was will er jetzt sagen?

„Währenddessen werde ich schauen, auf welchem Stand Melanie ist.“ Er scheuchte die anderen fort, welche rasch seinen Aufforderungen nachgingen, und winkte gleichzeitig Melanie zu sich heran.

Melanie fuhr sich unruhig mit der Hand durch die Haare und trat etwas näher. John lächelte ihr freundlich zu und Melanie versuchte, die Geste zu erwidern. Die ersten Schultage waren noch nie ihre Stärke gewesen. Sie warf einen Blick durch den Raum, wo ausnahmslos alle Schüler mitten in Kämpfen gegeneinander steckten.

Noch ...

„Also“, begann John und Melanie sah ihn wieder an. „Vielleicht weißt du schon, dass ich jetzt ein bisschen mit dir kämpfen werde, um zu schauen, wie gut du bist. Gib einfach dein Bestes, das reicht. Okay?“

Melanie nickte. „Okay.“ Sie holte tief Luft. „Nahkampf?“, fragte sie nach und atmete wieder aus.

John überlegte kurz. „Wenn du etwas anderes besonders bevorzugst, geht das auch.“

Melanie lächelte. „Nein, ich mag den Nahkampf besonders gern.“

„Gut.“ John schaute auf die Uhr. „Du greifst an.“

Melanie stellte sich in Position. Sie scannte die Umgebung ab, rechnete aus, wie viel Platz sie hatte und ging zum Angriff über. Aber John war tausendmal besser als alle Männer, gegen die Melanie je gekämpft hatte. Bereits nach ihrem ersten Schritt wurde sie in die Defensive gedrängt und sie verwendete ihre ganze Energie darauf, Johns Schlägen auszuweichen. Er drängte sie zurück und hielt sie immer auf einer Armlänge Abstand von sich.

Melanie überlegte krampfhaft, wie sie ihn besiegen konnte, während John links antäuschte, mit der Faust von oben kam und sie nach rechts unten ausweichen musste. So würde sie noch zur Anfängergruppe komme! Jetzt schon geriet sie außer Atem und konnte nur knapp seinen Angriffen entkommen.

Da kam ihr eine Idee: John hatte ein gute Taktik, er ließ seinen Körper nie schutzlos, aber er erwartete nicht von Melanie, dass auch sie Taktik anwendete. Er rechnete mit einer Straßenkämpferin. Doch die war sie nicht. Nicht ausschließlich jedenfalls.

Melanie holte tief Luft und ging abrupt zum Angriff über. Sie täuschte von vorne an, John fiel darauf herein und sie sprang nach rechts. Kräftig griff sie ihm unter die Arme, stieß dagegen und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Er vollführte eine halbe Drehung und holte aus. Melanie duckte sich unter seinem Schlag hinweg und John änderte seinen Plan. Er packte sie an der Hüfte und warf sie über seine Schulter. Keine Sekunde zu spät drehte sich Melanie in der Luft, rollte sich ab und kam in derselben Bewegung wieder auf die Beine. Sie näherte sich von hinten, holte Schwung und wollte ihn mit ihrem Stiefel am Hintern treffen. Er wich aus, aber Melanie bewegte sich leicht weiter, nutzte den Schwung, vollendete eine Drehung um die eigene Achse und rammte ihm die Faust gegen die Schulter. Doch er drehte sich zu ihr um, packte sie am Handgelenk und brachte sie somit aus dem Gleichgewicht – Melanie stolperte und wand sich aus seinem Griff.

Wieder stand er mit dem Rücken zu ihr. Sie wollte ihn in die Kniekehlen kicken, doch das schien er zu erwarten, er drehte sich weg und trat nach ihrem Bein. Sie sprang hoch und ging so seinem Tritt aus dem Weg. Dann schleuderte sie die Beine nach vorne und versuchte, John am Rücken zu treffen, doch er duckte sich darunter hinweg, obwohl er gar nicht gesehen haben dürfte, was sie da tat, da er ihr den Rücken zugewandt hatte. Sie landete unsanft auf dem Hintern und plötzlich spürte sie alle Blicke der Schüler auf sich ruhen.

Mist. Ich bin gerade vor der ganzen Klasse auf dem Hintern gelandet.

Sie wurde rot und sprang, auch wenn sie Schmerzen hatte, hoch. Dann stürmte sie auf John zu, überraschte ihn von rechts und verhakte seinen Körper in ihren Armen. John ließ sich nicht beirren, er richtete sich schnell auf und packte Melanie von hinten, doch diese stieß ihm den Ellbogen in den Bauch und er ließ sie los. Sie drehte sich blitzschnell um und stellte ein Bein quer über seines und hielt seinen linken Arm fest, um ihn zu blockieren. Leise fragte sie: „Wie konnten Sie mich von hinten sehen?“

John lächelte triumphierend. „Ich kann sehen, als hätte ich Augen am Hinterkopf.“

Melanie riss überrascht die Augen auf. „Echt?“

John machte eine bescheidene Handbewegung. „Ja“, lachte er.

„Das ist unfair, dann könnte ich auch meine Fähigkeiten anwenden“, meinte sie gespielt beleidigt.

„Niemand hat gesagt, dass du das nicht darfst“, behauptete John.

Melanie erstarrte. „Stimmt“, musste sie erstaunt zugeben. Sie kickte blitzschnell mit dem linken Fuß gegen seinen, stieß ihn mit der rechten Hand über ihr Bein und wollte ihn zu Fall bringen. Die Finte wäre beinahe aufgegangen, hätte nicht auch John etwas geplant. Er verlagerte schnell das Gewicht auf das rechte Bein, schleuderte Melanie an der Hüfte herum und machte es ihr mit seinem rechten Bein neben ihrem linken unmöglich, sich auszubalancieren. Melanie stürzte rückwärts und landete auf dem Rücken, ohne die Gelegenheit zu bekommen, die Schatten zu benutzen. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst und sie hustete. John beugte sich besorgt zu ihr herunter. Jetzt, da der Kampf vorbei war, reichte er ihr die Hand und half ihr hoch.

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich, doch Melanie winkte rasch ab. „Du warst echt gut“, fügte er hinzu.

„Danke.“ Melanie brachte, noch etwas außer Atem, ein Lächeln zustande.

„Ich schicke dich am besten zu den Gleichaltrigen in den Kurs, du hast etwa dasselbe Niveau.“ John nickte in den Saal.

Melanie atmete erleichtert aus, obwohl sie befürchtete, dass diese um einiges besser waren. „Okay.“

John wandte sich den kämpfenden Schülern zu und pfiff schrill in seine Pfeife, die er aus einer unscheinbaren Hosentasche gefischt hatte.

Augenblicklich hörten alle auf zu kämpfen und drehten sich zu John um.

Wenn unsere Klasse auch so gewesen wäre...

„Alle mal herhören!“, bat John unnötigerweise. „Melanie wird in eure Gruppe gehen.“

Ein Raunen ging durch die Gruppen und Melanie trat nervös von einem Bein aufs andere. Hier und da sah sie ein freundliches Lächeln.

John erhob die Stimme. „Jetzt ist die Stunde zu Ende, ihr könnt euch umziehen gehen. Ein paar von euch sehe ich heute beim Wahlfach wieder, die anderen morgen.“ John war wahrlich kein Mann vieler Worte. Nach dem Kampfunterricht kam ein weniger erfreuliches Fach: Mathe.

Als Emma und Melanie das Zimmer erreichten, waren die meisten Stühle schon besetzt und die beiden ergatterten nur noch einen Platz ganz vorne. Gleich zu Beginn musste sich Melanie mit Namen, Alter und Herkunft vorstellen, was aber außer dem Lehrer bereits alle wussten.

Doch dies hielt auch den Englischlehrer und den Chemielehrer nicht davon ab, dasselbe zu fragen. Den restlichen Unterricht hindurch versuchte sie, den jeweiligen Lehrern zu folgen, doch hin und wieder wurde sie von Emma abgelenkt. Diese zeichnete nämlich mit einem komischen Stift Spinnen und Spinnennetze auf ihre Arme, und obwohl sie dem Lehrer anscheinend nicht zuhörte, konnte sie jede Frage beantworten, die ihr oder Melanie gestellt wurde.

Am Nachmittag fand jedoch kein festgelegter Unterricht statt. Stattdessen musste man ein Wahlfach wählen, wie Emma ihr während des Mittagessens erklärte.

„Heute gibt es Reiten, Dolchkampf oder Individuelles“, meinte sie. „Und danach noch als festes Fach Schmieden, aber das ist kaum Unterricht der normalen Sorte.“

„Individuelles?“

„Da kommst du in die Arena und kannst etwas nach deiner Wahl üben, aber es ist immer ein Lehrer dabei – meistens John – der dir hilft oder einfach zuschaut.“ Sie überlegte kurz. „Aber Dolchkampf und Individuelles kannst du auch an anderen Tagen wählen, also ...“ Sie ließ die Worte in der Luft hängen, aber Melanie verstand dennoch, was sie sagen wollte.

„Dann ... nehme ich Reiten“, stammelte sie vorsichtig.

Emma lächelte. „Cool, dann bist du bei mir!“

Melanie atmete erleichtert auf. Sie kannte sich noch immer zu wenig mit der Schule und dem ganzen System aus, als dass sie es sich zugetraut hätte, ohne jemanden, den sie kannte, in ein unbekanntes Fach wie Dolchkampf zu gehen. Obwohl das gar nicht so schlecht klang...

Also erhoben sich Emma und Melanie schon bald, um rechtzeitig zum Reitunterricht zu erscheinen.

„Kannst du schon ein bisschen reiten?“, fragte Emma plötzlich, als sie gerade das Hauptgebäude verließen.

„Äh ... Ich war zwei Mal mit meinen Eltern auf einem Reiterhof und habe ein wenig reiten gelernt, aber nicht so richtig ...“, erklärte Melanie verwirrt und blickte Emma in die Augen. Die fand sie, ob mit oder ohne Wimperntusche, sehr interessant. Sie hatten, von den normalen Gefühlen in den Augen jedes Menschen mal abgesehen, irgendetwas, was Melanie nicht verstehen konnte. Etwas, das aussah wie eine tiefe Leere.

Emma wandte den Blick ab. „Gut“, meinte sie. „Dann wird es dir sicher leichtfallen, mitzukommen, wir haben erst seit einem halben Jahr Reiten.“

Danach wechselten sie das Thema und Melanie sprach zum ersten Mal seit Jahren mit einem Mädchen über Dinge, die man mit Mädchen eben besprach. Es tat ihr gut, sich mit Emma zu unterhalten. Sie war sehr klug und hatte etwas Ernstes an sich, aber gleichzeitig war sie humorvoll und mitfühlend. Und, das Wichtigste, sie war Melanies erste richtige Freundin seit Jahren.

„Bist du mit Emanuel zusammen?“, fragte Melanie, als sie vor einer umzäunten Wiese stehen geblieben waren, hinter der der Unterricht stattfinden würde.

Emma erstarrte kaum merklich und hatte zum Glück nichts in der Hand, das sie fallen lassen konnte. „Ähm ... nein?“

„Aber ihr seid ineinander verliebt.“

Emma warf ihr einen Blick zu. „Ich bin in ihn verliebt“, gab sie zu. „Das heißt aber noch nichts.“

„Da lässt sich doch was machen!“ Melanie stieß sie spielerisch an der Schulter an. „Er mag dich auf jeden Fall!“

Emma zog zweifelnd die Augenbrauen zusammen. „Ach ja, hast du ihn gefragt?“

Melanie lachte wieder einmal. „Nein, aber ... Ich vermute es einfach.“

Emmas Miene wechselte von skeptisch zu gespielt entrüstet. „Du machst mir einfach unbegründete Hoffnungen!“, warf sie ihr lachend vor.

„So bin ich eben“, stimmte Melanie mit ein. Am liebsten hätte sie sich nach diesem Satz die Zunge abgebissen. Musste sie denn schon in der ersten Woche so arrogant wirken? Doch Emma sagte nichts dergleichen, sondern deutete bloß auf das Metalltor, durch das man auf die

Wiese gelangte. „Es ist Zeit, wir müssen rein.“

Melanie folgte ihr in die Umkleidekabine und sie zogen sich reittauglich um. Dann stellten sie sich auf die große Wiese und warteten, bis die ganze Reitgruppe bereit war. Tatsächlich waren circa 15 Schüler auf der Wiese versammelt und ebenso viele Pferde, die friedlich grasten. Die Hindernisse in der Mitte der Arena deuteten jedoch auf einen weniger friedlichen Unterricht hin. Kurz darauf erschien ein hochgewachsener Lehrer und bat um Ruhe.

Der Unterricht begann. Obwohl Melanie schon das ein oder andere Mal auf einem Pferd geritten war, hatte sie ihre Schwierigkeiten mit den Hindernissen. Sie konnte knapp Trab und Galopp, an Kunststücke war also gar nicht zu denken. Das schien dem Lehrer aber völlig egal zu sein, als er erklärte, wie man das Pferd über ein circa ein Meter hohes Hindernis springen ließ. Melanie saß angespannt in ihrem Sattel, als Jack seinen Hengst neben Melanies Schimmel dirigierte. „Und? Schon mal geritten?“ Er grinste anzüglich.

Melanie warf ihm einen finsteren Blick zu und probierte, mit halbem Ohr dem Lehrer weiterhin zuzuhören. „Ja“, bekräftigte sie, ihre Angst verbergend. „Aber keine Hindernisse.“

„Pass einfach auf, dass du nicht hinfällst, das Pferd könnte sich verletzten“, erwiderte Jack trocken.

Melanies Blick wurde, wenn möglich, noch finsterer. „Vielen Dank für deine bekräftigenden Worte, auf die Idee wäre ich nie gekommen“, konterte sie nicht minder trocken und gab es auf, dem Lehrer zuhören zu wollen. „Du scheinst dich ja bestens auszukennen, Mister Witzig. Mach doch mal vor.“

Jacks Grinsen wich keine Sekunde von seinem Gesicht – er ließ sich nicht provozieren. „Wenn du es wünschst.“

Melanie unterdrückte den Drang, ihn vom Pferd zu stoßen und ließ ihn sich vordrängeln. Im Vorbeigehen flüsterte er ihr tatsächlich etwas Nützliches zu: „Fühle mit dem Pferd, nicht dagegen.“ Doch er sagte es so leise, dass sich Melanie nicht sicher war, ob sie sich verhört hatte. Sie starrte eine Weile auf seinen Hinterkopf und stellte überrascht fest, dass seine Haare nur eine Nuance heller waren als ihre eigenen. Plötzlich blickte sie in dunkle Augen, blinzelte und realisierte, dass Jack sich umgedreht hatte und sie direkt ansah.

„Daniel hat dich hergebracht, oder?“, fragte er unvermittelt.

Melanie runzelte fragend die Stirn. „Wohin?“

„Ins Land der Nacht.“

„Ja … wieso?“

Jack zuckte mit den Schultern. „Nur so.“ Nach einer Weile fügte er hinzu: „Hat dir offenbar nicht erzählt, was an den ersten Tagen so drankommt, was?“

Melanies Stirnrunzeln vertiefte sich. Sie mochte es nicht, wenn jemand über andere lästerte, ohne dass diese dabei waren, erst recht nicht, wenn sie die betreffenden Personen nett fand. Aber was beabsichtigte Jack mit dem leicht höhnischen Unterton? Wollte er Daniel etwa vorwerfen, dass er ihr nicht gleich das ganze Schulsystem erklärt hatte oder verstand Melanie die Botschaft bloß falsch? Sie biss die Zähne zusammen, bevor sie antwortete: „Wir haben uns über andere Dinge unterhalten.“

Jack hob die Augenbrauen und nickte. Sein Blick war immer noch auf sie gerichtet, als überlege er sich, ob er ihr ein Geheimnis verraten solle. Schließlich drehte er sich aber um, damit er einen Blick auf die Warteschlange erhaschen konnte, ohne nochmals etwas zu sagen.

Die Reihe vor ihnen lichtete sich allmählich und Melanies Nervosität wuchs mit jeder Sekunde. Emma, die vor Jack in der Reihe stand, nahm gerade die Zügel in die Hand und ritt elegant auf das Hindernis zu, drosselte das Tempo ein wenig und sprang in einer perfekten Bogen über den Balken. Dann galoppierte sie etwas weiter nach links, wo die Hälfte der Gruppe bereits wartete. Jack kam dran und tat es Emma gleich – Melanie konnte sein triumphierendes Grinsen bis hierhin spüren, obwohl sie sein Gesicht nicht sah. Jetzt war sie dran. Sie stieß ihrem Schimmel die Hacken in die Flanke und das Pferd trabte los. Der Wind brachte ihr pechschwarzes Haar in Bewegung, aber das immer näherkommende Hindernis verhinderte jedes Aufkommen von Glücksgefühlen. Wie Jack ihr geraten hatte, probierte sie zu fühlen wie ihr Pferd und beugte sich tiefer über dessen Hals. Dann grub sie die Erinnerungen an die Worte des Lehrers aus, die sie schon verdrängt hatte und, ehe sie es sich versah, sprang der Schimmel über das Hindernis und galoppierte wie von selbst zu seinen Artgenossen. Emma und Jack erwarteten sie grinsend.

„Gar nicht schlecht“, sagte Jack. Melanie wäre gerne mal nachts schauen gegangen, ob Jack auch im Schlaf dieses Grinsen auf dem Gesicht trug. Aber sie lachte nur und strich sich eine Haarsträhne hinter die Ohren, die ihr die Sicht verdeckt hatte.

Melanie stand neben Emma im Schmiedeunterricht und hörte John gebannt zu. Obwohl sie eigentlich Schmieden hatten, befanden sie sich in einem normalen Zimmer – die Schmiede war momentan besetzt, hatte Emma erklärt.

„Diesen Monat ist unser Gebäude wieder mal mit einem Waffenwettbewerb dran. Es wird zwei Gruppen geben, die jeweils eine Waffe schmieden und sie mir gegen Ende des Monats abgeben. Die Gruppe mit der besseren Waffe gewinnt“, sagte John. Aufgeregtes Murmeln ging durch die Reihen. „Der Gewinn wird eine gute Note in Schmieden sein.“ Kollektives Aufstöhnen. John erlaubte sich ein Lächeln. „Die Regeln lauten: Man darf die andere Gruppe nicht beeinflussen und sich nicht mit ihr absprechen. Und man darf nichts „erfinden“, was es schon gibt. Die Waffe wird nach Schönheit, Umgänglichkeit, Gefahrengrad und Nutzen bewertet. Bei Fragen wendet ihr euch ungeniert an mich.

Nun bildet die Gruppen!“

Melanie unterdrückte ein Lachen. John schien kein Mann langer Sätze zu sein – er sagte nie einen Satz, der mehr als ein Komma besaß. Doch nach seinen Worten brach Tumult aus, jeder wollte mit den Besten in der Gruppe sein, welche sich als Ramón und Daniel herausstellten. Nach langem Hin-und-her-Gerede standen die beiden Gruppen fest. Sam, Jack, Emma, Emanuel und Melanie waren in einer Gruppe, in der anderen waren Daniel, Caroline, Ramón und Zoé. Dort würde Laura noch hinzukommen, wenn sie zurückkam.

John musterte die Gruppen mit zusammengekniffenen Augen, er schien nicht ganz zufrieden zu sein. „Beim Schmieden darf man sich trotzdem Tipps holen gehen, sonst wären Ramón und Daniel zu sehr im Vorteil. Ich merke es aber, wenn ihr euch gegenseitig helft!“ Besagte Jungs grinsten sich an und es war deutlich, dass sie nicht im Traum daran dachten, der anderen Gruppe mehr als nötig zu helfen.

In der nächsten Stunde ging es an die Arbeit. Melanies Gruppe setzte sich zusammen und begann zu planen.

„Was für eine Sorte Waffe wollen wir machen? Was ist am nützlichsten?“, dachte Emma laut nach und kaute auf einem Bleistift herum.

„Vielleicht etwas nicht allzu großes, damit man es gut verstecken kann ...?“, meinte Melanie und dachte an ihre Messer, die in ihren beiden Stiefeln steckten.

Sam runzelte ihre sonnengebräunte Stirn. „Wenn du in den Kampf ziehst, brauchst du die Waffe doch nicht zu verstecken.“

Melanie sah erstaunt und gleichzeitig verärgert auf. „Es gibt auch andere Momente als nur den Krieg, in denen man eine Waffe brauchen kann. Und wenn du im Nahkampf gegen jemanden steckst, ist eine Joker-Waffe immer nützlich ...“, wandte sie möglichst diplomatisch ein und fügte stumm in Gedanken hinzu: Zum Beispiel, um dir deine gefärbten Haare abzuschneiden. Aber sie wollte nicht an ihrem ersten Schultag einen Streit vom Zaun brechen, deshalb behielt sie diesen Teil für sich.

„Oh, da scheint sich ja jemand auszukennen“, gab Sam höhnisch zurück und Melanie mochte sie mit jeder Sekunde weniger. Sie atmete tief ein und versuchte, die Selbstbeherrschung zu wahren, die ihr in der alten Schule das Leben gerettet hatte.

Jack machte mit einem Winken auf sich aufmerksam. „Mädels, hört auf zu streiten!“ Melanie blickte dankbar zu ihm. „Das solltet ihr erst machen, wenn die Waffe fertig ist.“

Jegliche Dankbarkeit verschwand wieder.

„Melanie hat Recht. Sie sollte möglichst schmal sein, damit man sie gut in den Kleidern verbergen kann“, mischte sich Emanuel ein und lenkte somit die Aufmerksamkeit wieder auf die eigentliche Sache.

„Okay“, nickte Emma und schrieb das Kriterium auf.

„Am besten ist es etwas, mit dem man schneiden kann und Schläge austeilen“, ergänzte Emanuel.

„Etwas Leichtes auch noch“, meinte Jack.

„Schön muss es auch sein!“, warf Sam ein und Melanie unterdrückte ein Stöhnen.

„Wie wär‘s mit einer Art Schwert, das auf der einen Seite scharf ist, auf der anderen hart und vorne spitz?“ Emma sah fragend in die Runde.

Melanie schaute sie gleichzeitig überrascht und begeistert an. „Das ist doch gut!“, rief sie aus. Wie schnell das hier vorwärts ging, war echt erstaunlich.

Auch den anderen gefiel die Idee und Emma schrieb das Ganze eifrig auf. „Okay“, meinte sie zum Schluss. „Jetzt müssen wir uns nur noch an die Ästhetik machen.“

Melanie, Emanuel und Jack, die bisher am Tisch gelehnt hatten, zogen sich nun einen Stuhl heran und gemeinsam begannen sie, eine Skizze anzufertigen.

Melanie ging gemächlich auf das Camp Cataara zu. Es war zwei Uhr und für jeden anderen Menschen stockfinster und tiefe Nacht. Aber da Melanie ihre vier benötigten Stunden schon geschlafen hatte, hatte sie keine Ruhe mehr gefunden und war aufgestanden. Jetzt lief sie zurück und spielte am Griff ihres Messers herum, das aus ihrem Gürtel hervorlugte.

Ein plötzliches Geräusch zu ihrer Rechten ließ Melanie in Alarmbereitschaft aufhorchen. Sie blickte in die Richtung und erkannte in einer schmalen Gasse mehrere Gestalten, die aufeinander losgingen. Als sie genauer hinsah, stellte sie fest, dass es sich um drei Jungs und ein Mädchen handelte. Ein Mädchen mit einem goldblonden Zopf und schiefergrauen Augen. Emma.

Melanie sog überrascht die Luft ein. Was suchte Emma um diese Zeit hier unten? Sie rannte los, auf ihre Freundin zu. Die drei Jungs hatten sie umzingelt und kamen immer näher. Einer hatte ein Messer in der Hand, aber da sie nicht direkt angriffen, nahm Melanie an, dass sie etwas von ihr wollten. Falsch gedacht. Der Junge ganz links griff mit seiner starken Hand nach Emma und drückte ihr den Hals zu. Emma riss die Augen auf und schnappte verzweifelt nach Luft.

„Lass sie los!“, schrie Melanie, zog ihr Messer aus dem Gürtel und warf es gezielt nach dem Jungen. Nicht töten, ermahnte sie sich. Es segelte mit beispielhafter Präzision auf den Jungen zu und drehte sich im Flug um die eigene Achse. Dann blieb es in seinem Ziel stecken: In seinem Arm. Der Junge heulte auf, ließ Emma los und beschimpfte Melanie wild, doch diese beachtete ihn längst nicht mehr. Das nächste Messer steckte im Bein desjenigen, der gerade in Begriff gewesen war, Emma hinterlistig einen Dolch in den Bauch zu stoßen. Der dritte Junge sah sie keuchend und voller Angst an.

„Spinnst du?“, kreischte er hysterisch. Melanie bückte sich, langte in ihren Stiefel und zog mit einer einzigen Bewegung ein Messer hinaus, bevor es auch schon in der Hand des Dritten steckte. Auch dieser hatte ein Messer hervorholen wollen, hatte sich jedoch ungeschickter angestellt. Jetzt jaulte er leidend auf und zog das Messer wütend wieder heraus. Er rannte auf Melanie zu, sie kam ihm entgegen. Zur selben Zeit, als Melanie zum Schlag ausholte, hatte der Junge ihr in den Bauch gekickt. Sie stöhnte und trat einen Schritt zurück. Dank ihrer Nachtsicht erkannte sie, wie der Angreifer ihr Messer auf sie zuwarf, das jedoch völlig schief daherkam.

Auch wenn ich blind wäre, würde mich das Messer nicht mal annähernd berühren.

Melanie fing es auf und steckte es in den Stiefel, dann holte sie aus und kickte dem Jungen gegen die Brust. Er flog nach hinten und landete auf dem Rücken. Melanie setzte ihm nach und beugte sich, rasend vor Wut, über ihn.

„Du rührst meine Freundin noch einmal an und mein Messer steckt in deiner Brust! Hast du mich verstanden?“, fauchte sie. Der Teenager nickte eifrig und robbte schnell aus ihrer Reichweite. Dann ging Melanie zu seinen Kumpels und nahm die Messer an sich.

„Die behalte ich gerne“, murmelte sie, als ihr plötzlich Emma wieder in den Sinn kam. Schlagartig drehte sie sich zu ihr um und ging langsam auf sie zu.

„Emma?“ Beschwichtigend streckte Melanie eine Hand nach ihr aus. Emma presste sich noch dichter an die Wand und zitterte unkontrolliert, sie war ganz bleich.

Sanft legte ihr Melanie die Hand auf die Schulter und schaute ihr in die Augen. „Emma, alles ist gut, ich tue dir nichts.“

Emma biss sich auf die Lippe und eine einzelne Träne rann ihr über die Wange.

Bestürzt wischte Melanie sie fort. „Haben sie dir wehgetan?“

Emma schüttelte den Kopf, sie schien in Panik zu sein. Sie zitterte noch immer, ihr Atem ging unregelmäßig und sie stützte sich ganz offensichtlich an der Wand ab. „D-danke“, brachte sie hervor. „Ich ... sie haben mich einfach überrascht, das ist alles. Ich ... ich bin ...“ Sie brach ab und wandte den Kopf ein wenig von Melanie ab. Ihre Unterlippe zitterte und ihr Blick huschte unruhig umher.

Melanie nahm sie behutsam bei der Hand und drückte diese. „Schon okay. Atme ganz ruhig, Emma.“ Da sie selber mit 13 Jahren monatelang an Panikattacken gelitten hatte, kannte sie sich damit aus. Langsam beruhigte sich Emma und sie wagte einen Blick in Melanies Augen. „Kämpfst du immer so?“ Ihre Stimme zitterte.

Melanie errötete. „Nein ... normalerweise mache ich es schon besser ...“

Emmas Mundwinkel zuckten. „Ich meinte so gut!“

„Ach so“, entfuhr es Melanie angespannt und sie zuckte mit den Schultern. „Danke. Ich hatte Glück, dass ich die Messer dabei hatte ...“

Emma zuckte beim Wort Messer zusammen, was Melanie besorgt beobachtete. „Du bist aber nicht verletzt?“, fragte sie erneut.

„Nein.“ Emma schüttelte abermals den Kopf. „Ich habe nur Angst bekommen.“

Melanie verzog mitfühlend das Gesicht. „Kann ich verstehen.“ Nach einer Weile fügte sie hinzu: „Was wollten sie denn?“ Sie spürte, wie sie um alles in der Welt wollte, dass es Emma gut ging, dass sie keine Angst mehr haben musste.

„Sie haben etwas von einem Tigermädchen geschwafelt, das wir verstecken würden ...“ Emma schüttelte verwirrt den Kopf. „Das ist aber normal. Es kommen immer wieder Blacks hierher bis an die Grenze und wollen Informationen über das Tigermädchen.“

Erstaunt hob Melanie die Augenbrauen. „Die sind ja echt aufdringlich.“

Emma gelang ein Lächeln. „Wir sollten ja auch nicht nachts rausgehen. Ich ... äh ... hab dich gesucht.“ Sie warf Melanie einen fragenden Blick zu. „Du warst nicht da. Wo bist du hergekommen?“

Melanie biss sich auf die Lippe. Emma war ihretwegen angegriffen worden! Sie hätte ihr eine Nachricht hinterlassen sollen. „Ich bin rausgegangen, weil mir langweilig war. Tut mir leid. Ich brauche nur circa vier Stunden Schlaf, weißt du?“

„Das ist echt cool!“, rief Emma aus, die ihr nicht mehr böse zu sein schien, und stand nun schon eigenständig auf beiden Beinen. „Warst du schon lange da draußen?“

Melanie schüttelte den Kopf. „Höchstens eine halbe Stunde.“

Die beiden Mädchen machten sich stumm und langsam auf den Weg zum Gebäude 3.1. Melanie hielt immer noch Emmas zitternde Hand fest und Emma blickte zu Boden. Sie kamen am Gebäude an und schlichen die Treppe hoch zu ihrem Zimmer.

„Das nächste Mal musst du dir keine Sorgen machen, okay?“, bat Melanie flüsternd.

Emma nickte. „Außer du bist morgens noch nicht da. Und bitte, sei vorsichtig.“

„Klar“, versicherte Melanie, selbst nicht ganz sicher, ob sie es ernst oder sarkastisch meinte.

Die Zeitung schien etwas sehr Wichtiges zu sein im Land der Nacht.

Wahrscheinlich, weil sie die einzige Verbindung zur Außenwelt war. Im Frühstücksraum hatte sich Emanuel die aktuelle „TagesBild“ geschnappt und las laut vor: „Die dunkle Retterin ist zurück! Heute Nacht ist Die dunkle Retterin wieder in Aktion getreten und hat gleich zwei Opfer gerettet. Die beiden sind zum Glück unbeschadet davongekommen. Das Mädchen in Schwarz war offenbar voller Eifer dabei; obwohl sich die beiden Fälle an anderen Schauplätzen abgespielt haben, war sie bei beiden anwesend. Gegen Mitternacht wurden die beiden Übeltäter bei der Polizei gemeldet, aber es fehlt bisher jede Spur von ihnen. Die dunkle Retterin schien sich nicht anders verhalten zu haben als zuvor, es ist immer noch ein Rätsel, wieso sie nach drei Jahren diese Auszeit von drei Tagen genommen hat. Ist sie wegen der Aufrufe in den Zeitungen nun doch wieder aufgetaucht oder hat sie ganz andere Gründe? Wahrscheinlich wird das Rätsel nie gelöst werden, aber die Opfer sind dankbar: Das eine Mädchen bat die Polizei ausdrücklich, bekannt zu machen, wie sehr sie die Hilfe des Mädchens in Schwarz schätze.“ Emanuel endete und sah auf.

„Das ist ... echt nett von dem Mädchen“, bemerkte Melanie.

„Diese Auszeit ist echt komisch ...“, sagte Daniel nachdenklich, der hinter Melanie stand. „Also, ich finde es ja okay, aber verstehen tue ich es trotzdem nicht.“

„Ich auch nicht“, meinte Caroline. „Aber das ist doch echt egal. Was ich mich frage, ist, wie dieses Mädchen kämpfen gelernt hat. Und ob sie in die Schule geht und Eltern hat.“

Bei dem Wort Eltern zuckten sowohl Emma als auch Daniel zusammen. Die anderen schauten Caroline nur mit einem seltsamen Blick an – keiner hatte sich bisher solche Gedanken gemacht.

„Du hast Recht!“ Emma klang erstaunt.

„Warum sollte sie keine Eltern haben?“, fragte Melanie und schaute möglichst unauffällig zu Daniel; ihr war schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen, dass er auf dieses Thema sensibel reagierte. Was war denn mit seinen Eltern geschehen? Und mit Emmas? Irgendwie schienen hier alle nicht im Paradies großgeworden zu sein. Andererseits gab es bei ihr auch Tabuthemen …

Caroline zuckte als Antwort auf Melanies Frage mit den Schultern. „Wissen die, dass ihre Tochter solche Sachen macht, und machen sich gar keine Sorgen? Und wenn nicht: Wie kann sie sich aus dem Haus schleichen?“

Darauf wusste wieder einmal keiner eine Antwort, und die dunkle Retterin war erneut das Hauptgesprächsthema bis zum Unterrichtsbeginn.

Am Nachmittag wusste Melanie nicht, was sie machen sollte. Emma hatte gerade den Gemeinschaftsraum verlassen, um in ein Wahlfach zu gehen. Den Namen hatte Melanie schon wieder vergessen, aber es hatte auf jeden Fall mit Mathematik zu tun gehabt. Gerade als auch sie ihre Sachen zusammenpackte und in ihr Zimmer gehen wollte, kam Caroline zu ihr. „Hey, ist dir langweilig?“ Sie lächelte.

Melanie sah erstaunt auf. „Ehm ... Ja, wieso?“

„Du könntest mal mit in die Schmiede kommen, das ist echt interessant.“

Tatsächlich wusste sie wenig über das Schmieden und sie würde gerne mal zuschauen. Jetzt, da sie im Unterricht ein Schmiedeprojekt ausarbeiteten, wäre es bestimmt hilfreich, wenn sie sich ein Bild von dieser Tätigkeit verschaffen könnte. Also stimmte Melanie zu, erhob sich und folgte Caroline aus dem Gemeinschaftsraum zu einer dicken Tür, die neben der nach oben führenden Treppe kaum sichtbar war.

Caroline drehte sich kurz zu ihr um. „Vielleicht solltest du die Jacke ausziehen, da unten ist es ziemlich heiß.“

Melanie schlüpfte aus ihrem schwarzen Hoodie. Darunter trug sie nur ein schwarzes Tanktop mit einem feinen, silbernen Muster darauf. Caroline öffnete die Tür und augenblicklich schlug ihr eine atemberaubende Hitze entgegen. Caroline hatte nicht übertrieben, es war in der Tat wärmer als in allen Strandferien, in denen Melanie je war – was sich auf zwei beschränkte. Schon oben an der Treppe war die Luft stickig und glühte fast.

Caroline stieg eine schmale Treppe herunter, die in eine erstaunlich große Schmiede führte. Rechts von der Treppe lief eine Wand entlang, links erstreckte sich ein Raum, mindestens so groß wie Melanies Schlafzimmer. An der Wand, die am weitesten von der Treppe entfernt war, waren drei Schmieden eingebaut, daneben stand eine große Werkbank mit einem Amboss und einer Schüssel Wasser. Die eine Schmiede war kalt und verlassen, die anderen beiden standen regelrecht in Flammen. Und davor saßen Daniel und Ramón, beide der Hitze wegen in schlichte Muskelshirts gekleidet. Ebenso trugen sie Handschuhe und Schutzbrillen – auch wenn sie die Brillen auf die Stirn geschoben hatten. Caroline stupste Melanie in die Seite und jene blinzelte, ganz vertieft in die Betrachtung der Schmiede. Oder Ähnliches ...

Jetzt schienen die beiden Jungs die Gäste gehört zu haben, denn sie drehten sich auf ihren Hockern um. Caroline lächelte Ramón warm zu und er erwiderte die Geste. Daniel begrüßte sie ebenfalls lächelnd und nickte Caroline zu. Sie war wahrscheinlich oft in der Schmiede, da Ramón ständig hier war.

„Hi Melanie, bist du zum ersten Mal hier unten?“, wandte sich Daniel an Melanie.

Melanie nickte, unsicher, was sie sagen oder tun sollte. „Gar nicht gewusst, dass das sozusagen euer Hobby ist.“

Die beiden lachten und winkten sie etwas näher heran. „Schau doch mal bei unserem Hobby zu“, meinte Daniel und Melanie fragte sich, ob er sie veräppeln wollte, kam aber trotzdem näher. Caroline war schon neben Ramón getreten und hatte einen Arm auf seine Schulter gelegt. „Keine Angst, normalerweise werfen sie keine Neuen ins Feuer“, scherzte Caroline und ihre Augen blitzten belustigt.

„Erst, wenn sie schon seit langem hier sind?“, lachte Melanie. „Pass auf, dass du nicht zu nah ran gehst, Caroline.“

Caroline, die hinter ihrem Freund stand, machte demonstrativ einen Schritt zurück und grinste.

„Wir haben unsere Methode zu anzünden geändert“, protestierte Daniel und hob zum Beweis ein an der Spitze glühendes Schwert hoch, das er gerade mit einem Hammer auf dem Amboss bearbeitete. So nah am Feuer war es noch heißer und Melanie bemerkte, dass Ramón und Daniel ins Schwitzen gekommen waren. Um sich davon abzulenken, dass Daniel komischerweise attraktiv aussah, während ihm der Schweiß an der Haut abperlte, fragte sie: „Meinte John deshalb, dass wir uns bei euch Tipps holen sollen?“

Daniel nickte. „Ich denke schon. Obwohl wir euch natürlich nie helfen würden!“ Sein Lächeln aber sagte genau das Gegenteil, als er sich halb zur Schmiede zurückdrehte und weiter auf das Schwert eindrosch. Interessiert trat Melanie näher und betrachtete mehrere Stäbe aus Metall, welche zwischen Daniel und Ramón auf einer Ablagefläche lagen. Ein Stab leuchtete in einem wunderschönen Gold und Melanie streckte, ohne zu überlegen, die Hand aus, um ihn zu berühren. Eine Sekunde, bevor sie das Metall anfassen konnte, schnellte Daniels Hand vor, die gerade noch am Griff des Schwertes gelegen hatte, und packte ihre Hand. Ruckartig zog er sie vom Stab weg. „Achtung!“, rief er erschrocken. „Das ist heiß.“

Melanie zuckte erschrocken von seiner heftigen Reaktion zusammen. „Sorry.“

Besorgt musterte Daniel Melanies Finger und suchte sie nach Brandwunden ab. „Schon okay. Hast du dich verbrannt, mi cielo?“

Melanie schüttelte errötend den Kopf. „Nein, du warst echt schnell

... Danke.“

Daniel atmete erleichtert aus und ließ ihre Hand los, die augenblicklich kälter wurde. „Gut. Die Feuer wird je nach dem über 1000°C heiß – im Land der Nacht haben wir noch andere, spezielle Arten von Metall. Vermutlich ziemlich schmerzhaft.“

„Ich dachte, ihr zündet manchmal Leute an. Habt ihr sie danach nicht gefragt?“, witzelte Melanie, von seiner plötzlichen Fürsorge überrascht.

Daniel grinste ein Bad Boy-Lächeln. „Meistens wollten sie danach unverständlicherweise nicht mehr mit uns reden ...“, erwiderte er und brachte somit alle vier zum Lachen.

4 TAUSCHHANDEL

Es war ein sonniger Montagmorgen, als plötzlich seltsame Post eintraf. Sie schien von Laura zu sein, wie Melanie auf dem Absender las, als sie die Post aus dem Briefkasten des Gebäudes 3.1 holte. Sie hatten am Morgen ausnahmsweise eine Freistunde – Chemie fiel aus – und wollten diese sinnvoll nutzen.

Stirnrunzelnd trat sie in den Gemeinschaftsraum und öffnete den Brief. Emma, die mit Melanie gemeinsam zum Lernen erschienen war, spähte neugierig zu ihr herüber.

„Was steht da?“

Melanie faltete das Blatt auf und hielt es so, dass Emma es auch lesen konnte. Aus irgendeinem Grund überkam Melanie ein mulmiges Gefühl, noch bevor sie zu lesen begann.

Hey,

Ich wurde von dunklen Typen gefangen genommen. Der einzige Ausweg, den sie mir vorschlagen, ist, dass wir einen Tauschhandel machen. Gebt ihnen das Tigermädchen und ich werde freigelassen.

Ganz schön dunkel hier unten.

Kuss,

Laura

111 397 63 15

Emma schnappte nach Luft und Melanie wurde noch bleicher als zuvor, beinahe ließ sie den Brief fallen.

„Oh mein Gott!“, stieß Melanie atemlos hervor. „Laura wurde gerade entführt?!“

Ohne ihr zu antworten, starrte Emma auf das Papier und ihre Augen weiteten sich zunehmend.

„Gib mal her!“ Ungewohnt heftig riss sie ihr das Blatt aus der Hand und las es erneut.

„Was ist denn?“, drängte Melanie. „Was sagst du dazu?“

„Sieh mal hier.“ Emma deutete auf das untere Ende des Briefes und als Melanie sich näher zu ihr neigte, erkannte sie dort noch einen eilig hinzu gekritzelten Satz:

Sagt nein! Sie wollen uns beide!

„Emma!“ Langsam bekam es Melanie mit der Angst zu tun, ihr Magen verkrampfte sich. „Was meint sie damit?“ Ihre Stimme klang seltsam fremd.

Emma schaute endlich zu ihr auf und meinte leise: „Die obere Botschaft musste sie höchstwahrscheinlich schreiben. Aber das untere ... Hat sie heimlich hinzugefügt.“ Emma schluckte und legte den Brief auf den Tisch vor ihr. „Und ich kann mich nicht entscheiden, welche der beiden Botschaften schlimmer ist. Und … diese Handynummer …“

Bevor Melanie antworten konnte, ging die Tür auf und Daniel, Caroline und Ramón kamen nichtsahnend herein. Daniels Blick schweifte von Melanie zu Emma und ehe einer der beiden den Mund aufmachen konnte, hatte er die Stimmung erkannt.

„Was ist passiert?“, fragte er alarmiert. „Geht es euch gut?“

Melanie verkniff sich ein Schmunzeln. „Ja, uns geht‘s gut. Aber Laura nicht.“ Sie hielt ihm den Brief hin und Emma erklärte ihre Erkenntnisse.

„Ach du meine Güte!“, stieß Ramón hervor.

„Ay dios!“ Daniel verfiel vor Schreck in seine Muttersprache.

„Wir müssen das melden!“, rief Caroline panisch. „Wir werden ihnen zwar das Tigermädchen nicht ausliefern, aber genauso wenig lassen wir Laura einfach dort versauern!“ Ihre Stimme zitterte aus Angst um Laura.

Emma kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum und überflog den Brief zum wiederholten Mal. „Stimmt ... Aber etwas daran ist komisch“, meinte sie und ihre grauen Augen fixierten einen Punkt hinter Caroline. „Wenn sie wirklich einen Tauschhandel wollen, warum schreiben sie dann nicht hin, wo sie sind?“

Melanie überlegte fiebrig. „Wahrscheinlich wollen sie, dass man bei ihnen anruft – den Standort rauszugeben wäre sehr riskant ...“, gab sie zu bedenken.

„Stimmt“, musste Emma zugeben, den Blick auf den Brief gerichtet.

„Aber was wollen sie mit dem Tigermädchen? Was bezwecken sie mit diesem Tauschhandel?“, wollte Melanie wissen und rieb sich die Stirn.

„Was bezweckt wer?“, ertönte eine Männerstimme von der Tür aus.

Emmas Kopf fuhr herum. „Emanuel! Schau, hier! Das hat uns Laura geschickt.“ Geduldig erklärte sie auch Emanuel, was sie für eine Theorie hatten.

„Hm ...“, sagte Emanuel schlussendlich höchst intelligent. „Wir sollten es wirklich einfach mal John zeigen. Vielleicht weiß er mehr über die Ziele von diesen ‚dunklen Typen‘. Wer auch immer die sind.“ „Ich tippe auf die Blacks“, warf Daniel ein.

Ramón nickte. „Ihr habt Recht. Also beide meine ich“, fügte er hinzu.

„Dann ... Zeigen wir es John und fragen ihn, wie wir Laura retten können, ohne das Tigermädchen aushändigen zu müssen? Und rufen diese Nummer hier unten an?“, fasste Melanie zusammen. Die Welt begann sich zu drehen. Noch nie war sie Zeuge einer solchen Tat gewesen. Das war der reinste Albtraum! Eine Mitschülerin war entführt worden und sie hatten keine Ahnung, wie sie sie retten sollten!

Emma nickte als Antwort auf Melanies Frage. „Mal davon abgesehen, dass wir kein Tigermädchen in unseren Reihen haben.“

Melanie runzelte nachdenklich die Stirn. Daniel hatte doch mal gesagt, dass sie Vermutungen angestellt hätten, was das Tigermädchen betraf. „Ist nicht ... die dunkle Retterin das Tigermädchen?“, fragte sie vorsichtig nach.

Emma schüttelte den Kopf. „Das denken wir nur, aber sicher ist es nicht. Außerdem werden wir ganz bestimmt nicht das Mädchen in eine Falle locken, nur um es dann den Blacks auszuhändigen! Und danach würden wir nicht mal Laura zurückbekommen.“

Das klang plausibel. Laura hatte ja selbst geschrieben, dass sie der Forderung nicht nachkommen sollten. „Also, gehen wir?“, wollte Melanie wissen und setzte sich in Bewegung.

Doch bevor die anderen ihr folgen konnten oder Melanie die Tür erreichte, ging diese auf und Sam kam herein, dicht gefolgt von Jack und Zoé.

Als die drei sahen, wie die anderen sie anstarrten, als seien sie Cataara persönlich, blieben sie erstaunt stehen und Zoé schaute sich hastig um, ob irgendwo eine Gefahr lauerte.

„Wow, was ist denn?“, fragte Sam intuitiv. „So schlimm ist das Lernen nun auch wieder nicht.“

Emma hielt ihr wortlos das Blatt Papier hin.

Gemeinsam eilte die Crew aus dem Gemeinschaftsraum, sobald alle auf demselben Stand waren. Melanie drehte nervös ihre pinke Haarsträhne um ihren Finger, ständig ließ sie den Blick über die Umgebung gleiten, für den Fall, dass jemand sie beobachtete oder angreifen wollte. Sie fühlte sich ganz und gar nicht mehr sicher im Camp Cataara.

„Hast du den Brief?“ Jack war nicht minder angespannt als Melanie und stellte ihr schon zum zweiten Mal dieselbe Frage.

Melanie nickte und zog ihn aus ihrer Tasche, wo sie ihn verstaut hatte. Der Brief sah immer noch genau gleich aus, nur dass die Ecken ein wenig abgeknickt waren. Melanie strich sie beschämt glatt und reichte den Brief dann Jack, um ihn zu beruhigen. Er nahm ihn in die Hand und überflog wieder die Zeilen, ohne jedoch das Tempo zu verlangsamen. Die Gruppe eilte über den Hof zu Johns Büro, als sei eine Horde Zombies hinter ihnen her.

Die Tür war angelehnt, aber dennoch klopfte Emma zaghaft an, bevor sie eintraten. Der Direktor des Gebäudes 3.1 saß an seinem Schreibtisch, der mit Papierkram vollgestapelt war. Das Büro war Melanie mittlerweile bekannt und bot gerade genug Platz, dass die Teenager und John sich drinnen bewegen konnten. Die Neun standen etwas unschlüssig im Raum herum und warteten darauf, dass jemand das Wort ergriff.

John sah von seinem Schreibtisch auf und hob erstaunt die Augenbrauen, als er die neun Teenager in seinem Büro stehen sah.

„Was ist denn passiert?“, fragte er mit einem amüsierten Unterton. „Habt ihr ein Zimmer abgefackelt?“

Melanies Mundwinkel hoben sich, aber sie schüttelte den Kopf. Es war viel schlimmer.

„Wir haben Post bekommen“, ergriff sie das Wort, als keiner etwas sagen zu wollen schien. „Von Laura. Aber…“ Sie wandte sich suchend an Zoé, die den Brief in der Hand hielt – sie hatte ihn zuvor Jack abgenommen.

Zoé verstand den Wink und hielt ihn John hin. „Du solltest das mal lesen.“

John wurde augenblicklich ernst und nahm den Brief entgegen. Während er las, wechselte seine Miene von ernst zu schockiert. Seine Gesichtszüge entgleisten und sein Blick wurde starr. „Und… seid ihr sicher, dass er von Laura stammt?“, fragte er eindringlich, als er zu Ende gelesen hatte. Er klang so ernst wie noch nie zuvor.

Caroline nickte. „Hundertprozentig ihre Handschrift.“

John las den Brief erneut durch. „Sie hat versteckte Botschaften eingebaut“, murmelte er und runzelte nachdenklich die Stirn.

Emma trat einen Schritt vor und deutete auf die letzte Zeile in der Botschaft. „Meinst du das?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Ich denke nicht, dass diese Botschaft groß versteckt ist.“ Emma deutete auf das Briefende. „Eher die hier unten ist wichtig. Das bedeutet, dass Laura noch mehr über diesen Handel weiß, als sie sagen kann.“ Sie sprach sicher, sie glaubte, was sie sagte und sie hatte auch Recht. Erstaunlicherweise jedoch klang es ganz und gar nicht besserwisserisch, es war bloß eine Bemerkung.

John sah Emma mit einem leichten Lächeln auf den Lippen an. „Stimmt.

Wie gut, dass ich nicht versuche zu denken, sondern zu handeln.“ Emma lachte verlegen auf, sagte aber nichts.

John grinste, dann deutete er auf die Stühle, die im Raum verteilt herumstanden. „Setzt euch doch. Das müssen wir besprechen.“

Die Neun taten wie ihnen geheißen und John schloss die Tür ab. Die Situation wurde ernst.

„Wann habt ihr den Brief bekommen?“

„Gerade vor zehn Minuten, wir sind sofort zu dir gekommen“, antwortete Daniel. Melanie versuchte sich immer noch daran zu gewöhnen, dass hier alle Lehrer geduzt werden.

„Und er hat sich in der Zeit nicht verändert, nehme ich an?“

Daniel schüttelte den Kopf, ebenso wie Emma und Emanuel.

„Und wer weiß sonst noch davon?“

„Niemand…?“, Daniel sah fragend zu den anderen, die die Köpfe schüttelten.

John nickte und kratzte sich nachdenklich an der Glatze. „Wir müssen sie befreien. Wir haben einen neuen Fall.“

Er schaute von links nach rechts alle im Raum gründlich an. „Wenn ihr als Team – und mit meiner Hilfe – die Sache angeht, dann reicht das vorläufig, oder? Ihr seid ein guter Haufen.“ John deutete ein Lächeln an und wartete auf eine Antwort.

Einer nach dem anderen nickte. Was genau meinte er damit?

Auf Johns Miene trat ein zufriedener Ausdruck und er fixierte auf einmal Melanie, die ganz rechts auf einem der Plastikstühle saß.

„Melanie…“, begann er direkt.

Das Mädchen zuckte leicht zusammen. „Ja?“

„Du bist eine gute Nahkämpferin. Woher kommt das? Die anderen haben hier schon trainiert und du nicht.“

Melanies Atem stockte leicht. John hielt sich nie mit vielen Worten auf, aber diese Frage lag haargenau auf der Grenze zu ihrer Privatsphäre. „Ich habe in Kursen trainiert“, sagte sie knapp. „Das weißt du doch.“ Sie hatte nicht so schnippisch klingen wollen, aber das war ihre Abwehr persönlichen Fragen gegenüber.

Im Gegensatz zu Daniel, der ihr von der Seite her einen intensiven Blick zuwarf, war John entweder an schnippische Antworten gewöhnt oder er hatte den Unterton nicht bemerkt, denn er hakte weiter nach. „Das weiß ich. Aber wieso hast du diese Kurse überhaupt belegt?“

Melanies Herz begann, schneller zu schlagen. Die Kurse hatte sie absolviert, weil sie mit 13 Jahren vergewaltigt wurde, weil sie nie wieder wollte, dass jemand sie auf diese Weise anfassen, sie derart demütigen konnte. Sie bemerkte panisch, dass sie nahe dran war zu weinen. Hastig starrte an die Decke und biss die Zähne zusammen. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals und ihre Augen wurden feucht. Sie schluckte. Sie wollte und konnte nicht an ihre Vergewaltigung denken.

„Das haben mich meine Eltern auch gefragt“, antwortete sie, ohne John anzusehen, und musterte stattdessen einen dunklen Fleck auf der ansonsten sauber gestrichenen Decke.

Jack zu ihrer Rechten lachte, und löste somit die angespannte Stimmung auf.

„Also, wir gehen dem Fall nach, oder?“, fragte Daniel und zog die Aufmerksamkeit Johns auf sich. Melanie klammerte sich erleichtert an ihren Hoodie und versuchte, den Gedanken an ihre Vergewaltigung zu verdrängen. Laura, denk an Laura!

„Genau“, bestätigte dieser. „Und morgen zeigen wir es Anthony und ich werde ihn darum bitten, uns Zeit und Material zur Verfügung zu stellen.“

„Denkst du, das tut er?“, fragte Caroline verunsichert. Ramón stand neben ihr und sein Arm lag um ihre Schultern.

John zuckte resigniert die Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Aber heute ist er bis abends bei einer Sitzung und wenn ich ihn danach noch frage, bin ich sicher, dass er es nicht tut.“ Offenbar war dieser Anthony ein richtiger Arsch.

John erhob sich und gab Zoé den Brief zurück. „Wir treffen uns morgen um acht Uhr hier. Ich regle das mit den Lehrern.“

Melanie schlief schlecht in dieser Nacht. Nicht, weil sie wenig schlief – das tat sie immer – sondern weil sie immerzu an Laura denken musste. Zwar wusste sie nicht, wie es war, wenn es dunkel war, aber genau das Unbekannte machte ihr solche Angst. Als sie schon mindestens zehn Varianten zu liegen erfolglos ausprobiert hatte, stand sie auf und schlich sich aus dem Haus, um frische Luft zu schnappen. Laut ihrem Wecker, der nun fünf Uhr anzeigte, hatte sie zusammengezählt immerhin drei Stunden schlafen können, allzu schlimm war das also nicht.

Melanies Schritte führten sie zu einer Bank, fünf Minuten vom Campus entfernt. Sie lauschte der Stille, als sie auf einmal eine Männerstimme summen hörte. Überrascht blieb sie stehen und spitzte die Ohren. Es war eine raue, tiefe Stimme, gar nicht mal so schlecht. Sie folgte dem Klang, der von der Bank herkam. Neugierig beschleunigte sie ihre Schritte – wer mochte hier wohl singen? Als sie näher kam, sah sie, dass dort schon jemand saß. Jack.

„Oh“, sagte sie, etwas überrumpelt. „Hallo Jack.“ Jack?! Er sang?

Jack fuhr zusammen und suchte in der Dunkelheit nach ihr. „Melanie?“, fragte er und kniff die Augen zusammen – eine Geste, die viele machten, wenn sie etwas sehen wollten, aber aufgrund der Dunkelheit nichts erkennen konnten. Melanie hatte immer noch nicht verstanden, weshalb man die Augen zukniff, wenn man mehr sehen wollte.

„Ja, ich bin’s. Kann ich mich setzen?“

„Probier’s mal“, erwiderte Jack sarkastisch und erntete ein schiefes Lächeln von Melanie, die sich neben ihm auf der Bank niederließ.

Sie schielte auf seine Beine, wo ein kleines Heft lag, das hastig zugeschlagen worden war. „Du hast gerade gesungen“, bemerkte Melanie.

„Gut erkannt“, erwiderte Jack typisch trocken. Er musterte sie nun mit einem normalem Ausdruck – offensichtlich hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt.

Melanie verdrehte die Augen. „Du singst. Das wusste ich nicht. Sind das Songtexte?“ Sie deutete auf das Heft auf seinem Schoß.

Jack runzelte verdutzt die Stirn, dann sah er auf das Heft hinab. Wenn sich Melanie nicht täuschte, wurde er tatsächlich rot. „Ja, sind sie“, murmelte er.

„Ich nehme mal an, ich darf sie nicht lesen?“, drängte Melanie neugierig, aber Jack tat, als hätte er die Aufforderung nicht verstanden.

„Nein, die sind noch nicht fertig“, antwortete er und legte das Heft beiseite. „Konntest du auch nicht schlafen?“, machte Jack einen abrupten Themawechsel.

Melanie nickte und beschloss, dass sie ihm die Texte ein anderes Mal abluchsen würde. „Ja … Du auch nicht?“

Jack nickte ebenfalls. „Ich finde den Gedanken schrecklich, dass Laura das durchstehen muss“, sagte er mehr zu sich selbst als zu Melanie und nun meinte er das ernst, nicht nur, um das Thema zu wechseln.

Melanie betrachtete ihn von der Seite aus. Sein Haar war so dunkel wie die Nacht. „Ich kenne sie zwar nicht“, meinte sie, „aber das sollte niemandem passieren.“ Nach einer Weile fügte sie hinzu:

„Wir werden sie retten.“

Jack lächelte. „Ich mag deine Entschlossenheit.“

„Ach ja?“ Sie grinste schelmisch. „Du kennst mich ja gar nicht wirklich.“

Er drehte sich zu ihr um, um sie besser sehen zu können. „Aber ausreichend. Und den Rest finde ich schon noch heraus.“

Melanie lachte. „Du machst das auf die radikale Tour, was?“ Jack zuckte bloß die Schultern.

„Wie lange bist du schon hier?“, wollte Melanie wissen. „Erzähl mal ein bisschen – ich kenne dich nämlich auch nicht, weißt du?“ Ich weiß bloß, dass du singst.

Jack hob einen Mundwinkel an. „Ich bin seit ich fünfzehn bin hier – also seit knapp zwei Jahren. Das ist nicht so lange her“, fügte er hinzu.

„Emma ist schon ihr ganzes Leben lang hier, glaube ich.“

Melanie hob die Augenbrauen. „Echt jetzt? Sie wurde hier geboren?“

„Naja, ich glaube es jedenfalls. Kannst sie ja mal fragen“, antwortete Jack und schaute in die Nacht hinein.

„Hm, okay …“ Melanie folgte seinem Blick.

„Zoé hat mich gefunden“, begann Jack nun zu erzählen. „Ich hing bei einem Portal rum und wäre beinahe in eine Prügelei geraten.“

Melanie grinste. „Ach ja, und dann hat dich Zoé – also das Mädchen da – gerettet?“, fragte sie belustigt.

Jack lachte auf. „Nein, nicht gerettet. Aber ich bin einfach mit ihr abgehauen, bevor es so weit kommen konnte.“

„Verstehe.“ Melanie tat, als würde sie ihm die Geschichte abkaufen. Als sie merkte, dass er nichts mehr hinzufügen wollte, meinte sie beiläufig: „Mich hat ja Daniel gefunden.“ Sie beobachtete seine Reaktion, doch sein Gesicht blieb starr. „Was meintest du mit dieser Bemerkung beim Reitunterricht?“

Jack warf ihr einen distanzierten Blick zu. „Welche Bemerkung?“

„Du weißt, was ich meine.“

„Nicht wirklich.“

„Blödmann.“

„Ach ja?“

Melanie grinste. „Ja! Das haben wohl noch nicht viele Menschen zu dir gesagt, was?“

Jack schaute sie gespielt verletzt an. „Die meisten respektieren meine natürliche Coolness.“

„Verstehe“, erwiderte Melanie ironisch lachend. „Es geht hier darum, deine natürliche Coolness nicht zu verletzen. Tut mir ja leid, wenn es wehtut.“

Jacks Mundwinkel fuhren in die Höhe. „Das glaub ich dir nicht“, erwiderte er, sich auf den letzten Satz beziehend.

„Besser so“, konterte Melanie und schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln. Aber eigentlich ärgerte sie sich darüber, dass er etwas über Daniel wusste, was sie nicht wissen sollte. Weshalb benahm er sich so seltsam? Lag es an ihm oder an Daniel? Es könnte sein, dass er nur eifersüchtig war oder schlicht und einfach Streit hatte mit Daniel, aber was auch immer es war, sie wollte es herausfinden. Das war einfach ihre Art. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie viele Dinge sie in den wenigen Tagen im Land der Nacht schon herausfinden musste, oder besser: wollte. Einerseits lag das daran, dass die Leute hier unnatürlich viele Geheimnisse hatten, aber andererseits auch einfach daran, dass Melanie Geheimnisse mochte, ebenso gern, wie sie die Vergangenheit der Leute in ihrer Umgebung kennen wollte. Ironie eigentlich, wenn man bedachte, wie wenig Melanie von sich selbst preisgeben wollte.

Wieder sagte eine Weile lang keiner etwas, sie schaute in die Ferne und beobachtete die Lichtstrahlen der Sonne, die langsam im Wald auftauchten. Wenn sie ganz leise war, konnte sie das Rauschen des Meeres in der Ferne hören. Auch wenn sie nicht schwimmen würde, wollte sie sich gerne mal den Strand anschauen gehen – während des Trainings war Melanies Klasse ebenfalls nur bis zum Wald gekommen.

„Wie ist das mit diesen Fällen, Jack?“, fragte Melanie auf einmal. „Sind wir so ‘ne Art Detektivschule hier?“ Sie hatte nicht ganz begriffen, was John in seinem Büro gemeint hatte.

Jack grinste. „Ja, so ungefähr. Nur cooler.“ Er lachte, dann gab er ihr aber trotzdem eine brauchbare Erklärung. „Wir werden hier nicht ausgebildet, um Mathematik zu studieren oder Japanisch zu lernen, sondern um zu kämpfen. In unserer – dieser – Welt ist das um einiges wichtiger.“

„In meiner auch, glaub mir“, unterbrach Melanie ihn und er warf ihr einen fragenden Blick zu, bevor er fortfuhr: „Unsere Schule, eigentlich eher ein Campus, ist dafür da, dass wir der Polizei helfen, Fälle zu lösen. Wir gehen Gewalttaten oder Kriminalfällen nach und fangen Bösewichte. Ganz lustig, zwischendurch. Aus diesem Grund hat uns die Polizei weniger im Blick als andere Camps, was schon ein guter Fortschritt ist.“

„Verstehe.“ Offenbar konnte Jack doch etwas Vernünftiges von sich geben, dachte Melanie, während sie erneut den aufkommenden Morgen betrachtete. Jack war ebenfalls auf die Zeit aufmerksam geworden und erschrak, als er einen Blick auf die Uhr warf und sah, dass es bereits sechs Uhr war.

„Wir sollten wieder reingehen“, meinte er und erhob sich.

„Wenn du meinst.“ Da Melanie sowieso nicht mehr schlafen würde, war es ihr egal, wo sie den Rest des Morgens verbrachte.

Sie folgte Jack über die Wiese auf das Gebäude zu, in dem sie untergebracht waren. Auf leisen Sohlen huschte sie hinter Jack die Treppe hoch in den vierten Stock und lag noch eine Stunde lang wach im Bett.

Nicht alles, was Jack gesagt hatte, war vernünftig gewesen.

Denn an dem Morgen fragte sie Emma, wie lange sie schon im Land der Nacht lebte.

Sie waren früh genug aufgestanden und Melanie zog sich gerade ein dunkelrotes Top über, das knapp bis zu ihrem silbernen Gürtel reichte.

„Hey, Em ...“, begann sie vorsichtig. „Ich hab dich noch gar nicht gefragt, wie lange du schon hier bist?“

Emma wich ihrem Blick aus und interessierte sich überaus für ihre Haare. „Stimmt“, bemerkte sie knapp und flocht ihr Haar zu dem üblichen seitlichen Zopf zusammen.

Melanie hob fragend eine Augenbraue. „Und ...?“, hakte sie nach.

„Und was?“

„Wann bist du ins Land der Nacht gekommen?“

„Weiß ich nicht so genau“, erwiderte Emma scharf, offenbar fest entschlossen, es ihrer Mitbewohnerin nicht zu sagen.

Melanie runzelte verärgert die Stirn. Was war so schwierig daran, einfach ein Alter zu nennen? Sie wollte ja nicht das Datum und die Uhrzeit wissen. „Natürlich weißt du das“, erwiderte sie gereizt.

„Wieso willst du das wissen?!“, fauchte Emma sie an.

„Aus Interesse?“, meinte Melanie nun auch etwas lauter.

„Das spielt überhaupt keine Rolle. Ich bin einfach schon eine Weile hier!“, rief sie aufgebracht. Sie rieb sich die Stirn und begann hektisch, sich zu schminken.

„Auf die Idee wär ich jetzt nie gekommen!“, entgegnete Melanie mit verärgert erhobener Stimme. „Gib doch einfach eine Antwort! Wie alt warst du? Ist das so eine schwierige Frage?“ Wenn sie wütend wurde, wurde sie zickig, das stand fest.

„Nein!“, schrie Emma sie an und Melanie zuckte zusammen.

„Wieso?“, rief Melanie zurück. Wütend über Emmas Sturheit nahm sie die Mascara in die Hand und trug sie ohne Spiegel auf.

„Weil es dich nichts angeht! Das kann dir doch vollkommen egal sein!“

„Es war ja nur eine Frage!“

„Schön!“, schnaubte Emma und wandte sich ab, bereit, zum Frühstück zu gehen.

Melanie starrte sie einen Moment lang bloß verblüfft an, bevor sie sich einen Ruck gab und Emma die Treppe herunterfolgte. Trotzig setzte sie sich neben Zoé, um nicht neben ihrer Zimmergenossin sitzen zu müssen; aber sie warfen einander während dem Frühstück dennoch giftige Blicke zu. Die angespannte Stimmung zwischen den beiden schien aber glücklicherweise außer Caroline niemandem aufgefallen zu sein. Diese jedoch warf Melanie einen fragenden Blick zu und zog die Augenbrauen hoch. Melanie runzelte verwirrt die Stirn und wich ihrem Blick aus. Sie hatte nun keine Lust, über den Streit nachzudenken. Das war alles zu komisch.

Die neun waren auf dem Weg zu John, den sie um acht Uhr trafen, um Anthony zu benachrichtigen.

Der Leiter wartete schon. Er schaute ernst in ihre Richtung, während sie, alle nebeneinander, auf ihn zukamen. Wie immer hielt er sich nicht mit Smalltalk auf, sondern drehte sich wortlos um und bedeutete ihnen mit einem Wink aus dem Handgelenk, ihm zu folgen. Er ging zügig über den Platz, wohlwissend, dass seine Schüler hinter ihm waren.

Anthony wohnte im Gebäude 1.1 im ersten Stock. John klopfte dreimal kräftig an die Tür und wartete, bis ihm geöffnet wurde. Melanie stellte sich nervös hinter Daniel. Sie hatte Anthony noch nie getroffen, jedoch genug über ihn gehört, dass sie die erste Begegnung ruhig noch etwas hinausgezögert hätte. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als die Tür aufging und ein schlaksiger Mann im Türrahmen erschien. Mit einem leicht überheblichen Blick sah er auf John herab und sagte: „John. Schön, dich zu sehen.“

Melanie wäre beinahe in Lachen ausgebrochen, so wenig sah Anthony danach aus, dass er sich freute.

„Anthony. Unter anderen Umständen ganz meinerseits.“ Er nickte ins Büro hinter Anthony. „Können wir rein?“

Anthony hob sachte überrascht die Augenbraue. „Alle?“ „Alle“, bestätigte John.

Anthony seufzte. „Na gut. Kommt rein.“

Die neun Teenager und John zwängten sich in das schlicht eingerichtete Büro und warteten wieder einmal darauf, dass jemand das Wort ergriff. Melanie spähte über Sams Schulter auf den Schreibtisch und inspizierte das Fenster nebenan. Von dem Schreibtisch und dem Fenster abgesehen gab es nur noch einen Schrank, drei Stühle und einen Papierkorb zu sehen. Nichts, was sehr praktisch in einem Kampf war, dachte Melanie, die sich stets vorstellte, wie sie notfalls aus einem Zimmer fliehen konnte.

Diesmal war es John, der zuerst sprach. „Gestern kamen Daniel, Emanuel, Jack, Ramón, Sam, Zoé, Caroline, Emma und Melanie zu mir, um mir das hier zu zeigen.“ Das hier bezog sich auf den Brief, den Zoé John nun zusteckte und John an Anthony weiterreichte.

„Und das hier ist ...?“

„Ein Brief von Laura. Lies die Notiz am Briefende. Sie ist in Gefahr“, erklärte John.

Anthony nahm den Brief in die Hand. Er öffnete ihn desinteressiert und zerknitterte dabei eine Ecke. Dann schaute er den Brief an.

Und begann tatsächlich zu lachen. Er schüttelte sich vor Lachen und lachte und lachte einfach weiter.

Melanie hatte ja gedacht, dass er nicht besonders nett war, aber das hatte sie nun wirklich nicht erwartet. Daran war beim besten Willen nichts Lustiges zu finden! Auch John schaute Anthony entsetzt an und mit der Zeit schien dieser zu bemerken, dass es außer ihm keiner komisch fand. Er verstummte schlagartig.

„John! Was soll das?“, fragte er, wieder ernst, jedoch aufgebracht.

„Anthony! Jetzt reiß dich zusammen!“ John schnappte sich wutentbrannt den Brief, um vorzulesen, was Laura geschrieben hatte.

Doch er starrte nur auf das Papier und langsam klappte sein Unterkiefer herunter.

Stille herrschte, alle Augen im Raum waren auf John gerichtet, der den Blick nicht vom Brief wenden konnte und immer perplexer wurde.

Der Schock der Anwesenden war beinahe mit den Händen zu fassen.

„Was ist denn?“, wollte Emma schlussendlich wissen.

„Die Nachricht. Sie ist ... weg.“

5 DAS ELFTE GEBOT

Melanie und ihre Freunde standen im Halbkreis um John herum und schwiegen.

Anthony hatte John kein Wort geglaubt und die zehn hochkant aus dem Büro geschmissen, mit dem Verbot, diesem „Fall“ nachzugehen. Nun standen sie keine zwanzig Schritte vor Anthonys Büro und starrten ratlos Löcher in die Luft. Alle waren wütend, nicht auf John oder den Brief, sondern allein auf Anthony, der nicht einmal einem Lehrer die Geschichte glauben wollte.

John öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch er wusste nicht was, also schloss er ihn wieder.

„Kann ich den Brief mal haben?“, fragte Emma zaghaft und rieb sich nachdenklich die Schläfe.

„Natürlich.“ John reichte ihn ihr, seine Stimme war gebrochen.

Emma beäugte das Papier konzentriert und drehte es mehrmals in den Händen. Melanie schaute ihr gespannt zu, während sie überlegte, wie sie trotz Anthonys Verbot und Johns Aufsicht Laura retten konnten. Sie würde auf keinen Fall ein Mädchen in einem Keller eingesperrt lassen, bloß weil irgendein hochgewachsener Wichtigtuer ihnen untersagte, es zu retten. Mit einem Mal war ihre Wut auf Emma verschwunden, es gab nun wichtigere Sachen zu klären als ihre Vergangenheit: Wie löste man einen Fall, ohne von den eigenen Leuten entdeckt zu werden? Wie fand man bloß mit einem Brief und einer Nummer Laura wieder? Wenn man auch noch bedachte, dass sie nicht einmal mehr den vollständigen Brief besaßen?

„John!“, stieß Emma in diesem Moment keuchend hervor. „Laura hat das Blatt verhext. Diesen Zauber konnte sie besonders gut.“

Alle Augen richteten sich auf sie, als sie leicht verunsichert ihre Erklärung fortsetzte: „Nach einem Tag löscht sich die Nachricht von selbst, damit sie nicht in falsche Hände gerät.“

John stöhnte und rang die Hände. Er sah müde aus, müder als Jack, der neben Melanie stand. „Mist. Das war klug von Laura.“

John schaute hoch und als Melanie in seine Augen blickte, war jegliche Gebrochenheit weg und hatte dem Kampfgeist Platz gemacht.

„Wir werden nach dem elften Gebot vorgehen“, erklärte er auf einmal mit entschlossener Stimme. „Und das lautet: Lass dich nicht erwischen!“

Lachen ging durch die Reihe, aber keiner hatte Zweifel, dass John es ernst meinte. Melanie lächelte breit, sie mochte John mittlerweile so sehr, wie sie Anthony verabscheute. Der Leiter des 3.1 sagte ihnen tatsächlich, sie sollten gegen die Regeln verstoßen!

„Morgen beginnen wir mit den Ermittlungen.“ John schaute einen nach dem anderen der Reihe nach an, ohne auf seine erfundene Regel einzugehen. „Gleich nach dem letzten Rennen am Nachmittag werden wir uns an die Sache setzen. Ich werde euch helfen, so gut ich kann, aber das Wichtigste ist: Anthony darf uns nicht entdecken.“

Die Teenager nickten und Daniel schlug vor: „Wir könnten uns in der Schmiede treffen und wenn Anthony fragt, sagen wir, dass wir an diese Schmiedeprojekt arbeiten.“

John stimmte erfreut zu und machte ihnen erneut klar, dass niemand ein Wort darüber erfahren durfte. Als wären sich nicht alle bewusst, wie ernst diese Sache war! Sie konnten nur hoffen, dass alle hier gut lügen konnten ...

„Weshalb rufen wir nicht einfach mal diese Nummer an?“, wollte Zoé noch wissen.

John überlegte kurz. „Das müssten wir länger planen. Wenn wir von hier aus anrufen, merkt das Anthony. Wenn wir mit einem unserer Handys von auswärts anrufen, können sie uns orten … Aber irgendwie wird uns das noch was bringen, denke ich.“ John machte eine kurze Pause. „Ich weiß nur noch nicht, wie.“

Auf dem Rückweg wollte Melanie von Emma wissen, was John mit dem Rennen gemeint hatte. Zum Glück hatte auch Emma den Streit vom Morgen verdrängt und redete wieder mit ihr. Sie steuerten auf das Hauptgebäude zu, weil sie noch ihre Schulsachen holen mussten.

„Jeden zweiten Monat bei Vollmond findet so ein Rennen statt, bei dem zuerst die Bewohner eines Gebäudes gegeneinander antreten, dann die Besten der einzelnen Wohneinheiten gegeneinander rennen und danach die Besten der jeweiligen Areale“, sagte Emma und warf Melanie beim Gehen einen Blick zu.

„Ah ...“, gab Melanie einen von Verständnis zeugenden Laut von sich und kniff nachdenklich die Augen zusammen. Tatsächlich war sie ziemlich schnell im Rennen, aber sie wusste nicht, ob es hier noch andere mit speziellen Fähigkeiten gab. Aber auf jeden Fall wollte sie ihr Bestes geben. „Wer hat denn normalerweise so gewonnen?“, fragte sie beiläufig.

Emma rieb sich die Stirn – eine Geste, die sie häufig machte. „Hm, von unserem Gebäude kam ich meistens weiter ... Aber im Areal 1 – unter Anthonys Leitung, die Armen – gewann dann in der letzten Runde jemand anderes.“

Melanie blickte sie von der Seite her an. „Und das ärgert dich?“, bemerkte sie und lachte.

Emma setzte in das Lachen ein und warf ihr einen Blick zu, antwortete jedoch nicht. Wenn sich Melanie nicht täuschte, schien ihre Freundin leicht rot zu werden, was sie als ‚Ja‘ interpretierte. Als sie schweigend weitergingen und Melanie sie weiterhin von der Seite her betrachtete, beschloss sie, dass sie herausfinden wollte, was an ihr so seltsam war. Nicht seltsam im Sinne von Vielleicht ist sie ja ein Alien, sondern seltsam im Sinne von Weshalb möchte sie nicht sagen, wie lange sie schon hier ist? – Was ist damals passiert? Auf einmal tat ihr ihre direkte Frage leid – sie selbst mochte einige Fragen ja auch nicht beantworten, also konnte sie das von Emma genauso wenig erwarten. Sie wusste ja nicht, in was für eine Wunde sie da stach. So entschied Melanie, dass sie ihre Neugierde auf eine sanftere Weise stillen würde. Und auch, ohne ihre Freundin zu verletzen.

„Was starrst du so?“, fragte Emma plötzlich, als sie beinahe im Zimmer angekommen waren, mit einem seltsamen Unterton.

Melanie schaute ertappt weg. „Nichts, sorry.“ Sie stieß die Tür auf und ließ Emma vorgehen. Dann, ohne sich zu setzen, holte sie tief Luft und sagte leise: „Em ... Ich wollte dich heute Morgen nicht so drängen ...“

Emma schaute überrascht auf und schenkte ihr ein gekünsteltes Lächeln. „Schon okay.“

Melanie schüttelte den Kopf. Jetzt, da sie nicht mehr so aufgebracht war wie am Morgen, konnte sie klarer denken und merkte, dass sie Emma mit dieser Sache hätte in Ruhe lassen sollen – auch, wenn es sie extrem interessierte und sie es nicht vergessen würde. Aber vielleicht würde Emma eines Tages in der Lage sein, von sich selbst aus darüber zu sprechen. Zukünftig würde Melanie vorsichtiger vorgehen.

Allerdings war es ihr noch wichtig, hinzuzufügen: „Aber wenn es darum geht, dass du mir nicht vertraust ... Dann kann ich dir sagen, ich würde es für mich behalten.“

Emma lächelte, diesmal war es ein echtes Lächeln. „Nein, das ist es nicht ...“ Sie schaute weg und ließ sich eine lose Haarsträhne ins Gesicht fallen. „Aber danke.“

Melanie lächelte zurück, aber sie merkte, dass Emma noch mehr sagen wollte. Geduldig wartete sie, bis ihre Freundin weitersprach.

Diese blickte über sie hinweg und sagte zögernd: „Ich möchte einfach nicht darüber reden, Melanie. Du wolltest John ja auch nicht sagen, weshalb du mit dem Kämpfen angefangen hast.“

Melanies Herz setzte einen Schlag aus und sie erwiderte stockend: „Ich ... hatte einfach Lust. Was ist daran so komisch? Neun andere Mädchen in meinem Kurs hatten auch Lust.“ Sie atmete so langsam wie möglich und hoffte, Emma würde ihren schnellen Herzschlag nicht hören.

Emma zog eine Augenbraue hoch, sanft fragte sie: „Und deswegen bist du fast in Tränen ausgebrochen?“

Melanie schnappte erschrocken nach Luft, spürte, wie sie errötete, und fuhr sich aufgewühlt durch die Haare. Das Herz hämmerte schmerzhaft in ihrer Brust. Sie wollte etwas sagen, aber außer einem heiseren „Ähm“ bekam sie nichts hervor. Ihr wurde ganz heiß und sie räusperte sich, bevor sie wieder zu sprechen versuchte. „Das ist etwas völlig anderes.“ Abrupt drehte sie sich um und ordnete hektisch an ihren Schulsachen. Emma hatte es nicht böse gemeint, aber mit dieser Aussage war sie noch mehr ans falsche Thema geraten als Melanie womöglich bei ihr.

„Tut mir leid!“ Emma war etwas näher gekommen, sie schien es ernst zu meinen. „Außer Daniel und mir hat es, glaube ich, keiner gemerkt“, versuchte sie, Melanie wieder zu beruhigen.

Melanie warf ihr durch ihren dunklen Haarvorhang hindurch ein Lächeln zu. „Macht nichts. Du hast ja Recht. Ich dachte nur, ich sei eine bessere Lügnerin.“

Emma erwiderte schmunzelnd: „Ich denke, du bist eine sehr gute Lügnerin.“

Melanie musste lachen, nicht ganz sicher, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung war. „Danke“, murmelte sie sarkastisch und Emma lachte mit.

6 DAS MÄDCHEN IN SCHWARZ

Die dunkle Retterin schlich durch die Straßen. Dauernd drehte sie ihren Kopf nach links, um den Bentley nicht aus den Augen zu lassen. Das dunkelblaue Auto fuhr vorsichtig die finsteren Gassen entlang, auf dem Weg zu einem Versteck. Die Gasse sah aus wie alle Gassen, in denen das Mädchen in Schwarz so verkehrte; die Häuser waren heruntergekommen und Abfall lag in allen Ecken. Dadurch, dass die Straßenlaternen bestenfalls die Hälfte der Nacht lang durchhielten, waren diese Straßen die beste Möglichkeit, jemanden unbemerkt zu entführen.

Aber nur, wenn man nicht mit der dunklen Retterin rechnete.

Sie hatte immer noch nicht begriffen, wie es so viele Mädchen schafften, sich in dieselbe Situation zu bringen, aber eines wusste sie: Sie konnte das auf keinen Fall zulassen.

Das Auto beschleunigte auf einmal und die dunkle Retterin ging in die Offensive. Angriff war die beste Verteidigung, pflegte sie zu sagen. Ihre Hand glitt zu ihrer rabenschwarzen Jeans und ein Messer kam aus einer Tasche zum Vorschein. Das Messer flog auf das Auto zu, noch bevor es richtig in ihrer Hand war. Mit einem lauten Krachen landete es in den Scheinwerfern und der Bentley blieb ruckartig stehen. Innerhalb weniger als einer Minute war das Mädchen in Schwarz bei dem Auto angekommen und warf sich auf den Mann, der gerade aussteigen wollte. Dieser fluchte, wehrte sich, aber schlussendlich landeten beide auf dem Boden und rangen miteinander. Die dunkle Retterin zog die Beine an und rammte ihr Knie aufs Geratewohl in den Körper des Mannes. Seinem erstickten Stöhnen nach zu urteilen, hatte sie getroffen.

„Du schon wieder!“, keuchte er und entlockte dem Mädchen in Schwarz ein spöttisches Lachen.

„Schön, dich zu sehen“, behauptete sie, mit ihrem üblichen Sarkasmus in der Stimme. „Und noch schöner, wenn du dich einfach verpissen würdest.“

„Hättest du wohl gerne“, fauchte er aufgebracht, seine Faust schnellte vor und traf die dunkle Retterin seitlich im Gesicht. Sie kippte nach links und kam auf dem Boden auf. Fluchend richtete sie sich auf und kniff die Augen zusammen, bis sich die Welt aufhörte zu drehen. Das hatte man davon, wenn man mit einem perversen Blödmann Witze riss.

Sie sprang hoch, rannte von hinten auf den Mann zu, der auf dem Weg zum Auto war, und umschlang seinen Hals. Er kickte nach hinten und traf sie am Bein, doch sie blieb stur stehen und drückte fester zu. Mit ihren Beinen machte sie es ihm unmöglich, zu fliehen – das eine war vor seinem, das andere seitlich angelegt. Gerade wollte sie ins Auto schauen, um zu erkennen, wo das kleine Mädchen war, als jemand ihr auf die Schulter klopfte. Da stand das Mädchen aus dem Auto und hielt ihr einen Gegenstand hin – erst als sie ihn ergriff, erkannte sie, dass es sich dabei um ihr Messer handelte. Ungläubig starrte sie in die blauen Augen der Kleinen und strich ihr rasch über ihre blonden Locken.

„Danke. Versteck dich da hinten!“, flüsterte sie und wandte sich wieder dem Blödmann zu. Er schlug wieder um sich, befreite sich aus ihrem Griff und rannte davon. Mit einem wütenden Knurren setzte die dunkle Retterin ihm nach. Sie warf sich nach vorn, sprang und krallte sich an dem Hemd des Mannes fest. Sie fielen hin und das Mädchen in Schwarz begrub den Mann unter sich, das Messer gezückt.

„Wie oft muss ich dich noch verprügeln?“, zischte sie aufgebracht und hielt ihm das Messer an den Hals, auch wenn sie nicht vorhatte, ihn zu töten. Seine Augen weiteten sich, er begann zu zappeln und um sich zu schlagen, aber ihr Griff war erbarmungslos. Mit einer ruckartigen Bewegung fuhr ihr Messer quer über seine Brust, jedoch darauf bedacht, ihn nicht tödlich zu verletzen. Als sie sicher war, dass er unfähig war, ihr zu folgen, schnellte sie hoch und eilte zu der Kleinen zurück, die brav auf sie wartete.

„Hey, du Süße“, sagte das Mädchen in Schwarz leise und betrachtete das Mädchen, das wie ein kleiner Engel aussah. Es stand leicht zitternd in der Ecke und blickte sie mit verängstigtem Blick an. Die Kleine reagierte völlig unerwartet auf die dunkle Retterin: Sie warf sich blindlings in ihre Arme. Berührt von der Umarmung lächelte das Mädchen in Schwarz. Sanft streichelte sie ihr über den Kopf und flüsterte: „Du bist ein starkes Mädchen. Alles wird gut, Kleine.“ Und nach einer Weile: „Wo wohnst du? Ich kann dich nach Hause bringen.“

Das Mädchen schaute sie abschätzend an, dann sagte sie zögerlich: „Da hinten.“ Und zeigte die Gasse hinauf. „Es dauert etwa fünf Minuten, ich habe nur vor meinem Haus gespielt, als ...“, sie brach ab, presste die Lippen zusammen und sagte nichts mehr. Die dunkle Retterin nahm sie mitfühlend am Arm – die Geste des Mädchens war so typisch, dass es ihr fast das Herz zerbrach. Darauf bedacht, immer um die Straßenlaternen herumzugehen, setzte sich das Mädchen in Schwarz in Bewegung.

„Ganz ruhig, alles wird gut. Ich bringe dich nach Hause“, redete sie beruhigend auf das Mädchen ein, eilig den Weg einschlagend, den die Kleine beschrieben hatte. Sie hastete ihr hinterher, ihre Hand fest umklammert. Dieses Mädchen hatte es nicht verdient, so was in dem Alter zu erleben. Sie hätte mit ihren Freundinnen Pyjamapartys machen sollen und einem Jungen nachschwärmen, so wie jedes Kind mit zwölf Jahren. Auch wenn das Mädchen in Schwarz liebend gerne diese eine Nacht aus ihrem Leben geschnitten hätte, sollte niemand anderes dasselbe durchmachen. Ein Ruck ging durch ihre Hand und sie hielt an. Das kleine Mädchen war stehen geblieben und deutete auf ein Haus vor ihnen, das wie alle anderen Häuser in dieser Straße groß war und weiß gestrichen. Im Gegensatz zu den heruntergekommenen Gassen, in die die Entführer so gerne gingen, leuchteten hier alle Straßenlaternen und die dunkle Retterin verdichtete die Schatten um sich herum.

„Da wohnst du?“, fragte sie.

Das Mädchen nickte, sodass ihre blonden Locken in alle Richtungen flogen.

„Gut. Dann geh ich mal“, meinte sie und ließ die Hand der Kleinen los, doch diese schüttelte vehement den Kopf und krallte sich an ihr fest. „Nein! Geh nicht!“

Die dunkle Retterin beugte sich vor, hastig gab sie der Kleinen einen Kuss auf den Kopf. „Tut mir leid“, flüsterte sie und meinte es ernst. „Vielleicht sehen wir uns mal wieder.“

Das Mädchen lächelte und rannte dann, so schnell es konnte, zum Haus.

Es dauerte einen Moment, bis das Mädchen in Schwarz merkte, was es vorhatte und panisch ließ sie die Schatten um sich herum schwarz werden. Als die Mutter des Kindes im Türrahmen erschien, um die Retterin ihrer Tochter zu sehen, war diese schon weg und hatte nur noch ein Stück Dunkelheit hinterlassen.

7 DER LEGENDÄRE TAG DES RENNENS

Hunderte Teenager standen unruhig herum. Heute war der legendäre Tag des Rennens und alle wollten ihr Bestes geben. Die Jugendlichen waren auf ihre Häuser aufgeteilt worden und hatten sich neben- und hintereinander in der großen Arena aufgestellt. Die Besammlung in der Arena war jedoch nur der Anfang des Events, von hier aus reichten zehn Bahnen in den Wald hinein, die bald von 500 Teenagern gestürmt werden würden. Melanie stand neben Emma, gemeinsam dehnten sie sich für das Rennen. Hinter ihnen taten die anderen dasselbe, alle hier schienen einen gewissen Ehrgeiz im Sport zu haben. In der strahlenden Nachmittagssonne leuchtete das Startstück der 500-Meter-Bahn einladend, doch jeder wusste, dass die Hitze auch ihre Nachteile hatte. Melanie trug wie immer im Sportunterricht schwarze Leggins und ein gleichfarbiges Tank Top, was ihre kurvige Figur zur Geltung brachte, aber heute wünschte sie sich, sie hätte etwas anderes anzogen. Emma zum Beispiel trug graue Leggins und ein hellblaues Top, das ihre Augen betonte, und wie schon öfter in letzter Zeit hatte sie sich Melanies Mascara ausgeliehen. In den hellen Kleidern würde sie weniger schwitzen als Melanie es in Schwarz tat.

Eine durch ein Megafon verstärkte Männerstimme ließ die Menschenmenge verstummen. „Liebe Schüler und Schülerinnen“, begann Anthony die Rede und Melanie hätte am liebsten laut aufgelacht und ihn korrigiert: Verhasste Schüler und Schülerinnen ... Sie entschied sich jedoch dagegen und hörte stattdessen aufmerksam zu. „Jetzt ist das Rennen des Gebäudes 3.1 angesagt. Alle Mitglieder verteilen sich auf ihre Plätze, in fünf Minuten rennt ihr los. Der Schnellste des Gebäudes kommt in die zweite Runde. Tempo!“

Die Jugendlichen setzten sich gleichzeitig in Bewegung und strömten auf die Startplätze zu. Alle befolgten Anthonys Anweisung schnell, was bei seinem liebenswürdigen Charakter auch von Vorteil war. Melanie schaute unruhig ihre Gegner an, als sie sich vor eine mit einem gelben Strich gekennzeichnete Bahn stellte. Das Ziel war es, zweimal die ganze Strecke zu rennen und das so schnell wie möglich. Melanie war gut im Rennen, sehr gut sogar. Aber einen Kilometer war sie erst zwei- bis dreimal in ihrem Leben gerannt, die anderen hier machten das laufend. Würde sie trotzdem gut genug sein?

John lief hinter ihnen vorbei und sprach ihnen bekräftigende Worte zu, er war ganz in seinem Element. Melanie hörte nur mit halbem Ohr zu, sie konzentrierte sich mehr auf die bevorstehende Aufgabe – so kurz vor einem Rennen konnte sie keine Konversation mehr betreiben. Neben ihr standen die anderen aus ihrem Gebäude. Die Bahn, vor der sie sich aufgestellt hatten, war in zehn weitere Abschnitte aufgeteilt worden. Ein Stück von der Bahn entfernt beschäftigten sich die anderen Schüler des Gebäudes 3. Die Areale 10.1 bis 3.2 waren – von unten nach oben in der Liste – schon an der Reihe gewesen und am Ende des Rennens des Gebäudes 1.1 würden sich alle Schüler des Camps Cataaras für das Endrennen versammeln. Als Melanie den Blick über ihre Freunde schweifen ließ, wurde ihr einmal mehr schmerzlich bewusst, dass normalerweise noch jemand Weiteres hier stünde: Laura.

„Aufstellen!“, riss Anthonys laute Stimme Melanie aus ihren Gedanken. Sie straffte ihre Schultern und atmete langsam ein und aus. „Fünf! Vier! Drei! Zwei ... Los!“

Melanie rannte los. Alles wurde unwichtig, die Geräusche um sie herum verblassten und das Einzige, was sie hörte, war das regelmäßige Auftreten ihrer Turnschuhe. Aus den Augenwinkeln sah sie Emma und Daniel, die etwa auf ihrer Höhe rannten. Als sie genauer schaute, bemerkte sie, dass sie selbst ganz vorne lag. Aber Emma holte rasch auf und auch Daniel war sehr schnell. Melanie drehte den Kopf wieder nach vorne, der Wind peitschte ihr den Pferdeschwanz um die Ohren. Ihr Atem ging noch ruhig, ein gutes Zeichen. Sie rannte weiter und weiter, spürte, wie Adrenalin durch ihren Körper schoss und sie ein Gefühl der Freiheit überkam. Sie kam am Ende der Bahn an, ohne nach links oder rechts zu schauen, stieß sich an dem Stein dort ab, drehte sich um und sprintete zurück.

Ein Schatten zu ihrer Linken erregte ihre Aufmerksamkeit. Melanies Blick fuhr dorthin und als sie Emma erkannte, war sie einerseits erleichtert, anderseits wurde sie nervös. Emma war keine Bedrohung – nun, solange sie sich nicht in einem Wettrennen befanden. Emma holte auf und war nun auf der gleichen Höhe wie Melanie. Ihr Blick war konzentriert nach vorn gerichtet und ihr goldblonder Zopf wurde vom Wind nach hinten geweht.

Auf einmal fiel Melanie ein, wie Emma gestern gewirkt hatte, als sie vom Rennen erzählt hatte. Sie würde gerne gewinnen. Melanie drehte sich nachdenklich wieder nach vorne um, überlegend, ob sie sie gewinnen lassen sollte oder ob sie es dem Glück überlassen sollte. Emma hatte, wie es schien, alle Jahre über gegen ein einziges Mädchen verloren und auch, wenn Melanie nicht wusste, wie lange Emma schon hier war, war ihr klar, dass sie schon eine lange Zeit hier verbracht hatte. Als das Ende der Bahn in Sichtweite geriet, beschloss sie, dass der Sieg für Emma wichtiger war als für sie. Diese Rennen fanden sowieso jeden zweiten Monat von neuem statt. Also verlangsamte sie ihren Schritt und schaute Emma zu, wie sie rannte. Etwas an Emmas Art zu rennen, irritierte Melanie. Nicht, dass sie komisch lief oder so, sie bewegte sich im Grunde genommen völlig normal. Seltsam war, dass sie rannte, als sei sie auf der Jagd – oder auf der Flucht, wie man es nahm. Ihre Füße hetzten über den Boden, als jage sie einem Schatz hinterher. Man könnte sagen, es sei bloß Ehrgeiz, aber Melanie sah mehr dahinter.

Emma war beinahe am Ende angekommen. Melanie beschleunigte ein letztes Mal und kam zwei Sekunden nach ihrer Freundin am Ziel an.

Bevor sie ein Wort sagen konnte, kam Daniel ins Ziel gerannt, aber er schien sich gedacht zu haben, dass er nicht Erster sein würde. Mit fünf Sekunden nach Emma war er aber immer noch sehr schnell, wie die Stoppuhr am Ziel verkündete. Die drei lächelten einander an und warteten, bis sie wieder zu Atem gekommen waren.

„Gut gemacht“, keuchte Melanie. Ihre Mitstreiter nickten, zum Zeichen, dass sie verstanden hatten.

Langsam kamen auch die anderen an und alle wollten wissen, wie lange wer gerannt war. Die Gespräche wurden mit jeder Sekunde lauter, bis schließlich alle im Ziel angekommen waren.

Daniel zog Melanie am Arm zur Seite und sie fragte sich, ob er sich auch nach ihrer Zeit erkundigen wollte. Er war noch etwas außer Atem, schaute aber ruhig auf sie hinunter. Abwartend blickte sie in seine dunklen Augen und wartete auf die Frage nach dem Ergebnis.

Aber er sagte etwas völlig anderes.

„Du hast Emma gewinnen lassen.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Das Blut schoss Melanie ins Gesicht und sie öffnete verlegen ihren Pferdeschwanz, damit sie etwas zu tun hatte. Ihre schwarze Haarmähne fiel ihr ins Gesicht.

Daniel ließ sich jedoch nicht davon beirren, auch wenn er ihr Haar aus den Augenwinkeln betrachtete. „Wieso, mi amor?“, hakte er nach. Sein Tonfall war gelassen, nicht anklagend, aber dennoch war ihr die Frage unangenehm. Vielleicht, weil sie selbst keine plausible Antwort wusste.

Melanie zuckte mit den Schultern und errötete noch mehr, weil er sie mi amor genannt hatte. Daran musste sie sich noch gewöhnen. „Weiß nicht ... Sie wollte mehr gewinnen als ich ...“, murmelte sie, nachdem sie beschlossen hatte, dass Leugnen sinnlos wäre.

Daniel hob eine Augenbraue. „De verdad?“

Melanie nickte und wich seinem Blick aus.

Wie hat er das bemerkt?

Plötzlich ertönte eine Stimme in ihrem Kopf.

Er merkt solche Sachen immer.

Melanie zuckte heftig zusammen, als sie Carolines Stimme erkannte. Sie wirbelte herum und stand auf einmal Caroline gegenüber, die sich neben Daniel positioniert hatte.

„Hast du ...?“ Melanie brach verwirrt ab.

Daniel schaute von Caroline zu Melanie und wieder zurück. Caroline lächelte entschuldigend.

„Hat sie deine Gedanken gelesen?“, fragte Daniel amüsiert.

Melanie schaute schockiert Daniel an. „Hat sie WAS?“ Ihr Herz klopfte wild. Sollte das etwa heißen, Caroline konnte Gedanken lesen?

Caroline wurde sichtlich nervös. „Ich kann Gedanken lesen ... Hat dir das noch keiner gesagt?“, fragte sie erstaunt.

Melanie schüttelte den Kopf. „Irgendwie nicht.“ Das wäre noch wichtig gewesen!

„Oh“, entfuhr es Caroline verlegen. „Das mache ich eigentlich nicht oft. Ich wollte nur deine Zeit wissen, aber du hast gerade an etwas anderes gedacht.“

„Und dann hast du einfach mal geantwortet?“, ergänzte Melanie gereizter als beabsichtigt.

Caroline nickte verunsichert. „Sorry ...“

„Schon okay“, unterbrach Melanie sie. „Ich ... habe das nur nicht erwartet.“ Sie lachte nervös. „Ist aber eine coole Gabe!“

Caroline erwiderte ihr Lachen. „Mal davon abgesehen, dass man super Leute erschrecken kann, hat es noch weitere Vorteile – zum Beispiel, wenn man Gegner verhört. Und, keine Sorge, ich habe den lieben langen Tag Besseres zu tun, als die Gedanken von anderen abzuhören.“

Melanie grinste. „Kann ich verstehen. In dem Fall kannst du es abschalten?“

Caroline nickte und Melanie fragte in Gedanken, in der Hoffnung, dass sie zuhörte: Wie viel hast du denn schon über mich herausgefunden?

Caroline schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln. Nicht viel. Nur oberflächliche Dinge. Aber immer wenn ich jemandem zum ersten Mal die Hand gebe, fährt ein Ersteindruck der Person in mich, bei dem ich alle grundlegenden Gefühle auf einmal spüre. Deshalb bin ich so zusammengezuckt, als ich dir die Hand gegeben habe. Aber gespürt habe ich nichts Informatives, ertönte ihre sanfte Stimme in Melanies Kopf.

Melanie nickte beruhigt, sie glaubte es Caroline wirklich – eine andere Wahl hatte sie gar nicht. Immerhin war das jetzt ein besserer Grund dafür, dass Caroline damals so zusammengezuckt war, weil sie Melanies Gedanken empfangen hatte, als dass sie schlichtweg durchgeknallt war.

Daniel lachte und erst jetzt fiel Melanie wieder ein, dass er noch bei ihnen stand.

„Leute, ihr könnt auch laut reden - außer ihr lästert über mich ab. Das machen Frauen doch manchmal so?“, fragte er belustigt und die beiden Mädchen mussten lachen, nachdem ihnen bewusst wurde, wie unhöflich sie sich verhielten. „Wir lästern nicht“, versicherte ihm Melanie amüsiert, was er jedoch gar nicht glaubte. Er grinste sie bloß wissend an.

Anthonys Ansage unterbrach die Unterhaltung zwischen Caroline, Daniel und Melanie. „Der Gewinner von 3.1 ist Emma. Gebäude 2.5 bitte antreten! Tempo!“

Die Jugendlichen vom Gebäude 3.1 wichen denen vom 2.5 und kehrten zu den anderen aus Camp Cataara zurück, die neben der Rennstrecke in einer anderen Arena trainierten. Während Melanie der Menschenmenge folgte, holte Emma sie ein.

„Hey, Em!“, begrüßte Melanie sie fröhlich. „Du kommst weiter!“

Emma lachte. „Ja, aber du hast mir gar nicht gesagt, wie schnell du bist!“ Es war kein Vorwurf, sondern einfach eine anerkennende Bemerkung.

Melanie zuckte mit den Schultern und hielt ihrem Blick stand. „Was hätte ich sagen sollen?“

Als sie gemeinsam in der anderen Arena ankamen, schnappte Melanie hier und da ein Wort über das beliebteste Thema hier auf: Das Tier der Nacht.

Es war heute deshalb das Tier der Nacht, weil der Mann behauptete, das Mädchen in Schwarz habe sich kurz in ein finsteres Tier verwandelt und sich auf ihn gestürzt. Die Bewohner von Camp Cataara waren der Meinung, die dunkle Retterin sei noch nicht vollständig zum Tigermädchen geworden und würde sich deshalb rein instinktiv verwandeln.

Die Zeitung hatte an diesem Morgen natürlich etliche andere Erklärungen dafür, allesamt ohne ein Tigermädchen. Melanie wurde langsam von dem täglichen Theater gelangweilt, schließlich ging das ja schon knappe drei Jahre so – langsam konnte man sich doch an diese Tatsache gewöhnen!

Sie riss sich aus ihren Gedanken und folgte Emma in die Umkleidekabine. Nachdem sie überprüft hatte, wie die anderen kämpften, holte sie sich entsprechende Waffen. Sie schnallte sich ein Wurfmesserset um die Hüfte und steckte einen Dolch für den Nahkampf ein. Noch immer konnte sie sich an dem ganzen Sortiment nicht sattsehen.

Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie Emma unschlüssig vor den Nahkampfwaffen stehen blieb. Aus ihrem goldblonden Zopf hatten sich einige Strähnen gelöst und hingen in ihr Gesicht, aber ansonsten sah man ihr nicht an, dass sie gerade ein Rennen gewonnen hatte. Melanie hielt ihr fragend einen Dolch hin, woraufhin Emma erschrocken zwei Schritte zurücksprang und Melanie aus geweiteten Augen anstarrte, als hätte sie ihr den Dolch in den Bauch gerammt. Verwirrt schaute Melanie ihre Freundin an, die jetzt langsam wieder etwas näher kam. Hatte sie irgendeine hektische Bewegung gemacht?

„Sorry“, murmelte sie, aber ihr Atem ging schneller als gewöhnlich. Sie beäugte den Dolch aus den Augenwinkeln, als befürchtete sie, er würde demnächst explodieren.

Melanie hängte die Waffe irritiert zurück an den Haken, den Blick immer noch auf Emma geheftet. Weshalb reagierte sie so heftig, wenn Melanie ihr einen Dolch hinhielt?

„Alles okay?“, fragte sie ehrlich besorgt.

Emma nickte hastig. „Sorry“, entschuldigte sie sich erneut und griff zielstrebig nach einem Messer. „Ich nehme lieber das.“

Melanie zuckte mit den Schultern. Wenn sie lieber mit einem Messer kämpfen wollte, sollte sie das tun. Aber was war das Problem mit Dolchen? Ein Dolch war eine der normalsten Stichwaffen hier.

„Ich hab jetzt aber einen Dolch genommen, ist das okay?“, erkundigte sich Melanie und beobachtete Emmas Reaktion. Diese fasste sich bloß an die rechte Schläfe und nickte, ohne sie anzusehen. Nebeneinander traten sie in die Kampfarena und Melanie ging zu den Zielscheiben hinüber, an denen man mit den Wurfmessern die Treffsicherheit trainieren konnte. Jack stand ebenfalls dort und grinste sie an, als sie näher kam.

„Was?“, fragte Melanie und lächelte ihn an. „Freust du dich so über deine Konkurrenz?“ Ihr Blick schweifte zu Jacks Zielscheibe hinüber; sechs Messer steckten im zweiten Ring von innen, drei auf der Grenze zur Mitte. Das zehnte Messer hatte Jack noch in der Hand.

„Dann zeig mal, was du drauf hast!“, erwiderte Jack mit einem belustigt provozierendem Unterton.

„Kein Problem.“ Melanie stellte sich vor eine benachbarte Zielscheibe, lehnte sich ein Stück vor und zog das erste Messer mit einer fließenden Handbewegung aus dem Gürtel. Sie spürte, wie Jack sie beobachtete und bemerkte beunruhigt, wie ihre Hand zu zittern begann. Sie atmete tief ein und brachte das Wurfmesser in Position, das Handgelenk leicht angewinkelt.

Noch in derselben Sekunde schoss das Wurfmesser aus ihrer Hand, segelte rasend schnell auf das Ziel zu und blieb ein wenig rechts von der absoluten Mitte – aber immer noch im innersten Kreis – stecken.

Triumphierend lächelnd drehte sie sich zu Jack um, der verblüfft das Messer anstarrte. „Und?“, zog sie ihn lachend auf, ohne zu erwähnen, dass sie lieber exakt getroffen hätte.

Jack hob anerkennend eine Augenbraue. „Nicht schlecht.“

Melanie zog zufrieden das nächste Messer hervor und eins nach dem anderen verzierte den Mittelpunkt der Zielscheibe. Diesmal hatte Jack mehr für sie übrig als ein nicht schlecht.

„Wow. Wo hast du das gelernt?“

Melanie lachte verlegen. „In so einem Kurs“, meinte sie ausweichend.

„Was hast du denn in so einem Kurs noch gelernt?“, wollte Jack wissen und sammelte seine Wurfmesser ein, ohne das letzte geworfen zu haben. Wahrscheinlich schämte er sich.

Melanie presste die Lippen zusammen. Sie sprach ungern über sich selbst, geschweige denn über ihre Vergangenheit. In dieser Hinsicht konnte sie Emma völlig verstehen. „Nahkampf, größtenteils ...“ Sie riss ihre eigenen Wurfmesser aus der Zielscheibe und steckte sie zurück in den Gürtel. Jack antwortete nichts, sondern ging neben ihr her auf die Kampfarena zu.

„In dem Fall ...?“, fragte er dann doch und deutete auf die kämpfenden Mitschüler.

Melanie lächelte. „Mit dem Dolch“, antwortete sie bestimmt und ihre Waffe glitzerte schon in der Sonne. Das Gute war, dass sie einander hier nicht zimperlich behandeln mussten – schließlich heilten die Verletzungen, sobald sie die Arena verließen. So konnten sie um einiges besser trainieren als andere Camps.

Noch bevor sie anfingen zu kämpfen, kam Emma schnell vorbei.

„Mel, wir sehen uns dann in der Schmiede, okay?“, fragte sie, während sie auf sie zueilte. „Ich muss zum Rennen.“

Melanie nickte. „Okay. Viel Glück!“ Sie freute sich über Emmas strahlenden Blick, als diese an ihren Erfolg dachte.

Emma lächelte ihr noch ein letztes Mal zu, dann war sie verschwunden und Melanie drehte sich wieder Jack zu, der noch an derselben Stelle stand wie zuvor.

„Wollen wir?“, fragte sie.

Jack zog als Antwort seinen Dolch aus dem Gürtel.

Der Raum war wie immer stickig und heiß. Neun Jugendliche und John hatten sich in die Schmiede gequetscht und besprachen den Fall Laura. Der Brief lag auf dem Amboss, obwohl er leer war. Nach dem Rennen, das bis um halb vier gedauert hatte, waren alle sofort in die Schmiede geeilt. Melanie hatte sogar zu wenig Zeit gehabt, um Emma zu fragen, ob sie gewonnen hatte. Emma, die dicht neben Melanie stand, musterte eine Zeichnung einer Spinne im Spinnennetz auf ihren Armen, die sie mit einem Kugelschreiber während der Mathestunde gezeichnet hatte. Melanie musste zugeben, dass die Zeichnung schön war.

John bat just um Aufmerksamkeit, als Melanie Emma ein Kompliment machen wollte, und trat zwei Schritte näher an den Tisch, bevor er erneut zu sprechen begann. „Ich habe mir überlegt, dass wir am besten an den Tatort gehen. Der ist höchstwahrscheinlich in dieser WG, in der Laura gewohnt hat. Weiß jemand mehr darüber?“ Kein Hallo oder Schön, dass ihr da seid von John, dachte Melanie, aber ihr gefiel seine direkte Art.

Caroline antwortete auf seine Frage. „Ja. Sie hat mal gesagt, dass sie drei Mitbewohner hat. Zwei Mädchen und ein Junge.“

John nickte, dankbar für die Information. „Gut. Dann müssen wir diese befragen. Vielleicht haben sie etwas gesehen.“

So ging das Ganze weiter und gegen fünf Uhr waren sie zum Schluss gekommen, dass sie morgen einen Ausflug machen würden. John hatte sich bereit erklärt, Anthony die Sache mit einer Besichtigungstour zu erklären, und die neun Teenager mussten sich schon mal überlegen, wie sie am besten vorgehen sollten.

John winkte kurz und verließ dann die Schmiede, auf dem Weg zu Anthony. Die Schüler setzten sich im Kreis um den Tisch und begannen zu planen.

„Wir sind neun Schüler und es gibt drei Leute zu befragen“, begann

Emma die Diskussion. „Am besten teilen wir uns in drei Dreiergruppen auf.“ Emanuel nickte und fügte hinzu: „John kann sich um den Leiter kümmern, während wir die Befragung durchführen.“

„Und wie erklären wir, weshalb wir sie befragen?“, wollte Melanie wissen.

„Naja, es spricht nichts dagegen, dass wir sagen, wir hätten Grund zur Annahme, dass Laura entführt wurde“, wandte Caroline nachdenklich ein, die dicht neben Ramón saß. Melanie schaute verschmitzt zu, wie jener seine Hand auf ihre legte.

„Stimmt!“, musste Daniel zugeben. Wie immer hatte er sich in der Nähe der Schmiede niedergelassen. „Oder wir fragen John, was er dem Leiter sagen will.“

Damit waren alle einverstanden und Melanie merkte wieder, wie effizient hier alle vorgingen. Die Schüler machten mit und engagierten sich für ihre Interessen, und obwohl kein Lehrer da war, arbeiteten alle weiter. So etwas wäre an ihrer alten Schule nie infrage gekommen. Aber langsam musste sie akzeptieren, dass sie hierhin gehörte und nicht mehr an ihre alte Schule. Sie wohnte hier, hatte hier ihre Freunde und ging hier zur Schule. Und hier musste sie ein Mädchen aus den Fängen der Gegner retten, das sie nicht einmal kannte. Doch Melanie fühlte sich so geborgen wie schon seit Jahren nicht mehr, trotz all der Gefahren im Land der Nacht.

Die Tür ging auf und alle drehten sich erschrocken um. Es war jedoch nur John, der sie nun tadelnd ansah. „Test nicht bestanden!“, rügte er sie gespielt. „Wenn ich Anthony wäre, wärt ihr aufgeflogen.“

Beschämt wandte Melanie den Blick ab – er hatte Recht. Trotzdem brachte er eine gute Nachricht.

„Anthony hat mir die Geschichte abgekauft, denke ich“, erklärte John, während er die Treppe hinunterspazierte und sich auf einen Stuhl neben Jack setzte. „Morgen machen wir eine Exkursion.“

Kollektives Aufatmen folgte auf seine Worte. Alle wussten, dass Anthony im Grunde genommen das Sagen hatte.

„So“, sagte John genüsslich und blickte in die Runde. „Jetzt möchte ich wissen, was ihr euch überlegt habt.“

Es war schon spät, als die neun Jugendlichen zu den anderen in den Gemeinschaftsraum stießen. Ein paar wenige Schüler waren noch auf den Sofas versammelt und machten Hausaufgaben, ansonsten war es still.

Melanie, die endlich das Resultat des Rennens wissen wollte, ging gerade auf Emma zu, um sie zu fragen, als sie sah, wie Emanuel sie ansprach.

„Hey Em, wie weit bist du gekommen?“, fragte er lächelnd und Melanie konnte kaum glauben, wie schüchtern die beiden waren.

Emma lächelte breit. „Ich ... habe gewonnen.“

„Wirklich? Super, Emma!“ Hocherfreut leuchtete Emanuels Miene auf und er nahm sie kurz in den Arm. Emma versteifte sich erst, doch dann sah Melanie, dass sie es genoss, auch wenn sie erschrocken war. Aber Emanuel ließ sie nach wenigen Sekunden wieder los, er schien selbst überrascht zu sein von seiner Reaktion.

„Wow, ich hab‘s gewusst!“, rief er jetzt und diejenigen, die nicht schon ohnehin zuhörten, drehten sich zu ihnen um. Emanuel scherte sich wenig darum und klopfte ihr anerkennend auf die Schulter, dann wandte er sich seinen Kumpels zu und verkündete: „Leute, Emma hat gewonnen!“

Nun brach Jubel aus und einer nach dem anderen gratulierte ihr. Melanie umarmte sie und sagte währenddessen leise: „Wer freut sich da mehr, du oder Emanuel?“ Emma lachte und stieß sie spielerisch in die Seite.

An Hausaufgaben war nicht zu denken, alle redeten wild durcheinander und Emma nutzte die Gelegenheit, um mit Emanuel zu flirten. Der Lärmpegel war, seit sie in den Gemeinschaftsraum gekommen waren, um einiges gestiegen, sodass Melanie Daniel beinahe überhört hätte, als er sie ansprach.

„Ich kann‘s echt nicht glauben“, meinte er kopfschüttelnd und sie versuchte, sich zu erinnern, ob er Emma gratuliert hatte. So wie sie ihn kannte, hatte er dies getan.

„Was denn?“, fragte Melanie und schenkte ihm ein unschuldiges Lächeln. Er stand neben ihr, in genau dem Abstand, den sie als optimal zwischen zwei Menschen betrachtete.

„Du hast sie gewinnen lassen und jetzt hat sie die ganze Rennen gewonnen.“

Als hätte das Melanie nicht auch schon bemerkt. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß. Sie hat es verdient.“

Daniel warf einen Blick zu Emma, die sich gerade mit Emanuel unterhielt, und fragte mit gedämpfter Stimme: „Stört dich das nicht?“

Melanie schüttelte den Kopf. „Dieses Rennen findet jeden zweiten Monat statt.“

„Also stört es dich, aber du willst einfach ein andermal gewinnen“, erklärte ihr Daniel und Melanie erstarrte für einen Moment, als sie bemerkte, dass das teilweise zutraf.

„Mann, wie machst du das?“, fragte sie leicht aufgebracht.

„Was?“ Daniel zog belustigt einen Mundwinkel nach oben, was seine Grübchen zum Vorschein brachte. Er wusste genau, was sie meinte, aber sein männliches Ego wollte es natürlich von ihr hören.

Melanie wurde nervös. „Vor mir zu wissen, was ich denke.“

Daniel lachte, antwortete aber nicht. Melanie hätte darauf wahrscheinlich auch nichts erwidern können. Lachend fügte sie hinzu: „Von jetzt an frage ich einfach dich, wenn ich etwas über mich wissen möchte.“

Daniel schüttelte den Kopf. „Ich weiß sehr wenig über dich“, behauptete er lächelnd. „Du bist in dieser Hinsicht nicht so gesprächig, mi vida.“

Melanie zuckte erneut zusammen. Er hatte Recht, sie mochte es tatsächlich nicht, wenn sie über sich selbst reden musste. Prinzipiell dachte sie nicht so viel über Vergangenes nach – schließlich war es ja vergangen. Sie verdrängte es lieber, das war weniger schmerzhaft. Aber im Vergleich zu allen anderen hier könnte Daniel einen ganzen Aufsatz über sie schreiben.

„Stimmt“, bestätigte sie knapp. „So interessant bin ich nicht.“ Daniel hob die Augenbrauen. „Das sagt wer?“ „Ich.“ Melanie lachte verlegen.

„Da bin ich aber nicht einverstanden“, widersprach Daniel, immer noch nicht amüsiert.

Melanie legte den Kopf schief und meinte leicht flirtend: „Vielleicht ändern wir ja unsere Meinungen noch.“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und Melanie musste wieder einmal zugeben, wie gut er aussah. „Was ist denn deine Meinung über mich, mi amor?“

Hm ... Du bist attraktiv, nett und hast eine beängstigende Art, in mich hineinzuschauen...

Melanie überlegte, was sie ihm darauf antworten sollte. „Ich halte dich ebenfalls für interessant.“ Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare, ohne den Blick von ihm zu lassen.

„Dann kann ich ja froh sein“, lachte Daniel und trat dabei unruhig von einem Bein aufs andere.

„Über dich weiß ich aber bereits mehr als du über mich“, meinte Melanie, hoffend, dass er jetzt nicht nachfragte, was es denn bei ihr so zu wissen gab.

„Zum Beispiel?“

„Du kommst aus Jamaika, du schmiedest gerne Waffen und deine Muttersprache ist Spanisch“, begann Melanie mit ihrer Aufzählung.

Daniel grinste und antwortete: „Du kommst von hier, deine Muttersprache ist Deutsch und dein Hobby ... kenne ich nicht.“

Melanie musste lachen. „Okay, ein Punkt für dich. Mein Hobby ist ... Hm, vielleicht Klettern.“

„Siehst du? Etwas, das ich nicht wusste!“

„Sag ich ja. Und ich könnte noch mehr über dich erzählen! Zum

Beispiel, dass du unter Wasser atmen kannst.“

Daniel schüttelte den Kopf. „Deine Kraft kenne ich aber auch: Das Zeug mit die Schatten und der Nachtsicht.“

„Hm, da hast du recht“, musste Melanie zugeben. Ihre Fähigkeiten, die es ihr ermöglichten, die Schatten zu manipulieren und in der Nacht zu sehen, hatte sie ihm am ersten Tag schon erläutert. „Aber das wäre dann schon alles, was ich über mich erzählt habe.“ Mittlerweile wusste sie nicht mehr, ob es darum ging, dass Daniel wenig oder viel über sie wusste. Aber die Unterhaltung machte Spaß. „Frag mich mal was“, verlangte sie und betete inständig, dass er feinfühlig genug war, um nicht das Falsche zu fragen.

„Okay ...“ Ein Lächeln schlich sich über sein Gesicht. „Bist du noch Jungfrau?“

Melanie erstarrte. Wenn sie jetzt Nein sagte, musste sie ja nicht hinzufügen, wie sie ihre Jungfräulichkeit verloren hatte, oder? „Nein“, antwortete sie atemlos. Das war ja wohl eine typische Männerfrage!

Daniel runzelte leicht die Stirn, ihm schien ihre seltsame Reaktion nicht entgangen zu sein.

„Aber ich habe keinen Freund“, fügte sie hinzu und lächelte, um die angespannte Stimmung zu lockern.

Daniel lächelte zurück, Melanie versuchte, seine Reaktion zu analysieren. Er machte aber nichts Spezielles, sondern sagte: „Das hast du bei mir ja hingegen schnell herausgefunden.“

Sie konnte sich noch gut an ihr erstes Gespräch zurückerinnern, als er Emma mi amor genannt hatte, und musste bei dem Gedanken daran lächeln. „Stimmt. Naja, rein theoretisch hast du nur gesagt, dass Emma nicht deine Freundin ist.“

Daniels Lächeln wurde breiter, die Grübchen vertieften sich. „Ich hab keine Freundin, mi amor“, versicherte er ihr und warf ihr dabei einen seltsamen Blick zu.

Melanie konnte die Augen nicht von seinen abwenden. Sie waren dunkel wie Schokolade und um seine Augen herum waren Lachfalten zu sehen. Sie spürte Daniels Blick auf ihr ruhen und fragte sich, was er von ihrer Augenfarbe hielt. Die Spannung zwischen ihnen war greifbar.

In diesem Moment wurde ihre Sicht von wasserstoffblondem Haar verdeckt. Sam. Melanie hätte ihr am liebsten die Faust ins Gesicht geschlagen, aber Sam kam ihr zuvor, indem sie fröhlich verkündete: „Kommt ihr morgen auch mit an den Strand?“ Ihr Lächeln war völlig unschuldig.

Melanie starrte sie fassungslos an und realisierte kaum, wie Daniel etwas verwirrt zusagte. „Und du, Melanie?“, drang Sams Stimme zu ihr vor.

„Was?“ Melanie rüttelte sich aus ihrer Starre, sie konnte einfach nicht glauben, wie wenig Taktgefühl Sam besaß. Wie kam Zoé nur mit ihr zurecht?

„Kommst du morgen mit zum Strand?“, wiederholte Sam ihre Frage.

„Äh ... ja, okay“, sagte Melanie überrumpelt zu, aber im nächsten Moment hätte sie sich am liebsten direkt im Meer ertränkt. Wie sollte sie an den Strand gehen, wenn sie nicht einmal schwimmen konnte? Sie brauchte eine plausible Ausrede, beschloss sie.

Sam jedoch schien nichts zu bemerken und lächelte sie ein letztes Mal an, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte und davonstöckelte.

Rasch warf sie einen Blick zu Daniel hinüber und bemerkte, dass er wie immer die Leute um sich herum – also Melanie – analysierte. Errötend wandte sie den Blick ab und kurz darauf hatten sich beide in eine Unterhaltung der anderen eingeklinkt. Das Gespräch von vorhin wirbelte immer noch in Melanies Kopf herum, aber Sam hatte es ihr unmöglich gemacht, weiter mit Daniel über ihn zu sprechen. Oder über sich selbst.

Viel zu früh hatten sich die Mitglieder des Gebäudes 3.1 versammelt. Melanie fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die sie nur kurz hatte bürsten können. Emma hatte wieder einmal Albträume gehabt – natürlich, ohne zu sagen, weshalb – und die beiden hatten große Mühe gehabt, nach dem Klingeln des Weckers aufzustehen.

Pünktlich wie eine Schweizer Stoppuhr erschien John vor dem Campus Cataara und rief seine Crew zusammen. Die Crew 3.1, wie Emma und Melanie sie heimlich nannten, stellte sich gleich gerader hin und wuchs somit um etwa zwei Zentimeter, als John dazu kam. „Auf geht‘s! Die WG erwartet uns um halb neun“, kündigte John an, ohne Zeit mit einer Begrüßung zu verschwenden.

Hintereinander herlaufend bogen sie bald schon in eine breite Straße ein, die in die Stadt führte. Die Straßen waren so, wie Melanie sie von zu Hause aus kannte, und hübsche Vorgärten zierten die eher schlichten Häuser. Melanie unterhielt sich leise mit Emma und Caroline. Wie bei allen anderen drehte sich das Thema um die bevorstehende Befragung, denn von dieser Befragung würde ein Großteil ihrer Mission abhängen. Und sie hatten sich schon genug Zeit gelassen in den letzten beiden Tagen.

„Wir sollten ihnen zuerst erklären, was passiert ist, und dann einfach locker bleiben“, schlug Caroline gerade vor, die ein dunkelblaues Sommerkleid trug. „Sonst fühlen sie sich bedrängt.“

Melanie war schon oft aufgefallen, dass Caroline sich sehr um die Gefühle anderer scherte, aber seit gestern wusste sie, dass das daran lag, dass sie bestimmt gut wusste, wie Menschen tickten – schließlich konnte sie jederzeit die Gedanken aller Anwesenden lesen.

„Und wir sitzen irgendwo herum, nicht in einem Halbkreis um den Befragten oder so“, fügte Melanie hinzu, während sie neugierig den Anblick der Umgebung in sich aufsaugte. Die Straßen waren beinahe leer, ein paar Motorräder fuhren an ihnen vorbei und die Läden an beiden Straßenseiten, die zwischen den Wohnhäusern standen, öffneten um diese Zeit.

„Wieso gibt es hier viel mehr Motorräder als Autos?“, wollte Melanie unvermittelt wissen.

„Weil man mit Motorrädern meist ebenso schnell ist wie mit Autos, aber nicht so viel Platz braucht“, begann Emma zu erklären, ganz in ihrem Element. „Und im Stau kann man sich einfacher vordrängeln. Du wirst sehen, dass es um einiges praktischer ist, wenn wir erst einmal wohin wollen“, fügte sie mit einem zuversichtlichen Lächeln hinzu. Melanie schaute nachdenklich einem Motorrad hinterher und stellte sich vor, wie es wäre, auf einem draufzusitzen. Bestimmt wäre es toll, durch die Gegend zu rasen, den Wind in den Haaren zu spüren und sich bewusst zu sein, dass man ein gefährliches Vehikel fuhr. Vielleicht würde sie sich an Daniel festklammern und sich an seinen Rücken lehnen …

John hielt an und Melanie wäre beinahe in Sam hineingelaufen. Als sie aufsah, erblickte sie eine typische WG: Ein bescheidenes Haus mit einem mehr oder weniger gut gepflegtem Vorgarten. Die kleinen Fenster standen offen, um das schöne Wetter hineinzulassen, und Melanie zählte kurz die Räume ab. Es besaß vier Zimmer im ersten Stock mit je zwei Fenstern, im zweiten Stock gab es zwei Zimmer mit je einem Fenster auf die Vorderseite hinaus.

John hatte sich jetzt zu der Gruppe umgedreht und hob die Hand, um sich Gehör zu verschaffen.

„Ihr werdet euch nun in Dreiergruppen aufteilen und je ein WG-Mitglied befragen. Ich kümmere mich um den Leiter. Wir geben nicht mehr als nötig preis. Der Treffpunkt ist im Garten“, erklärte er knapp.

In weniger als fünf Minuten hatte sich die Crew in drei Gruppen aufgeteilt: Emma, Zoé und Emanuel waren in einer Gruppe, Melanie, Jack und Sam in einer anderen und die dritte bestand aus Daniel, Ramón und Caroline. Kühl begegnete Sam Melanies Blick, als sie sich zu ihnen gesellte. Sie waren beide nicht so begeistert davon, zusammenarbeiten zu müssen.

John hingegen kümmerte sich wenig darum, ob sich die Gruppenmitglieder gleich heiraten wollten, er setzte sich in Bewegung, sobald sie beisammenstanden.

Melanie schlich leise um das Haus herum. Während ihre Gruppe den Jungen im Haus befragte, schaute Melanie noch kurz nach, ob sich irgendetwas Verdächtiges außerhalb des Hauses befand. Von einer Mülltonne mal abgesehen gab es aber nichts zu finden, also machte sie sich wieder auf den Rückweg in die WG.

„Entschuldigung!“, rief eine Stimme hinter Melanie. „Kannst du mir kurz helfen?“

Melanie drehte sich auf halbem Weg um und entdeckte ein hübsches Mädchen auf der anderen Straßenseite, das auf sie zukam. Sie sah aus wie eine Chinesin, mit langem schwarzen Haar und mandelförmigen Augen.

Melanie blieb stehen und lächelte freundlich. „Kommt drauf an. Bei was soll ich helfen?“

„Ich suche die Hauptstraße. Ich treffe mich mit einer Freundin, aber ich kenne mich nicht so gut hier aus“, antwortete das Mädchen und lächelte. Sie sah ausgesprochen fröhlich aus, fiel Melanie auf.

Nach kurzem Überlegen erinnerte sich Melanie daran, dass sie eine breite Straße passiert hatten und deutete nach rechts. „Hier lang, glaube ich. Ich bin aber auch erst seit kurzem hier, also kann ich nichts versprechen“, erklärte Melanie und beobachtete das Mädchen genau, auf der Suche nach einer seltsamen Reaktion.

Es schaute jedoch bloß in die Richtung, in die Melanie zeigte, und nickte erleichtert. „Danke! Ich denke, das war sie“, sagte es erfreut und schenkte ihr ein Lächeln. „Wie heißt du denn?“

„Melanie.“ Sie warf einen nervösen Blick auf die WG. Langsam musste sie reingehen. Aber erst wollte sie noch wissen, wer dieses aufgeweckte Mädchen war. „Wie heißt du?“, fragte sie hastig.

„Kannst mich Bella nennen.“ Sie lachte. „Also, vielleicht sehen wir uns wieder. Ich denke, du musst wieder rein.“

Melanie lächelte entschuldigend. „Stimmt. Mach‘s gut.“ Sie drehte sich um und beeilte sich, wieder in das kleine Zimmer des Zeugen zu gehen. Dabei hörte sie, wie das Mädchen, Bella, sich rasch entfernte.

Leise schloss sie die Tür hinter sich und begegnete den Blicken von drei Jugendlichen. Jack und Sam warfen ihr vielsagende Blicke zu, welche Melanie mit einem kaum merklichen Kopfschütteln erwiderte. Nein, die Luft war rein. Der Junge, der hier wohnte, blickte sie nur neugierig an, während Melanie sich auf einen freien Stuhl setzte. Das Zimmer war schmal und mit dem Schreibtisch, dem Bett und dem roten Sessel mehr als voll genug.

„Wie weit seid ihr?“, wollte Melanie wissen, da keiner Anstalten machte, etwas zu sagen.

„Wir haben Jason gerade erklärt, um was es geht.“ Sam klang distanziert und Melanie fragte sich, was sie jetzt schon wieder falsch gemacht hatte.

„Okay, gut.“ Melanie setzte ein Lächeln auf. „Hey Jason, ich bin Melanie.“

Jason lächelte etwas überrumpelt. „Hey. Also, dann fragt mal, was ihr wissen müsst.“ Sein Blick huschte von Sam zu Melanie und wieder zurück. Kurz merkte Melanie, wie er an ihren Augen hängen blieb – bestimmt war es auch hier nicht so gewöhnlich, pinke Augen zu haben. Oder so stark geschminkte Augen. Jason sah völlig durchschnittlich aus; er hatte durchschnittliche braune Haare, dunkle Augen und war durchschnittlich groß.

Jack meldete sich zu Wort. „Wann hast du Laura das letzte Mal gesehen?“, fragte er geradeheraus.

Jason überlegte. „Vor drei Tagen. Ich habe einfach gedacht, sie würde bei einer Freundin übernachten! Ich konnte ja nicht wissen, dass sie entführt wurde, sie hat nämlich ein paar Sachen mitgenommen.“ Jason sah sie beinahe schon flehend an, er schien zu denken, sie würden ihn verdächtigen.

„Wir beschuldigen dich ja nicht“, beruhigte Sam ihn, lächelte und warf sich mit einer geschmeidigen Bewegung die Haare über die Schulter. „Wir brauchen nur mehr Informationen, um zu ermitteln.“

Er wirkte etwas besänftigt und Melanie fragte sich, was die anderen ihm denn erzählt hatten und wieso Sam ihn anmachte.

„Also, wo hast du sie gesehen und um welche Uhrzeit?“, bohrte Sam nach. Ihre übertrieben geschminkten Wimpern klimperten ihn unschuldig an.

„In der Küche, am Morgen, als wir gefrühstückt haben.“ Er wich verwirrt ihrem Blick aus – der arme Junge war es offensichtlich nicht gewohnt, von so einem Mädchen so taxiert zu werden.

„Hat sie irgendetwas Verdächtiges gesagt?“, fragte Melanie weiter und warf Sam einen strafenden Blick zu, den diese geflissentlich übersah.

Er schüttelte den Kopf.

„Sind irgendwelche Besucher gekommen?“ Jack wurde langsam ungeduldig, was Melanie ihm nicht verübeln konnte. Dass Laura vor drei Tagen noch da gewesen war, hätten sie sich auch selbst denken können.

Jason zögerte. „Ich bin kurz darauf in die Stadt gegangen. Also bis um zehn Uhr war ich in meinem Zimmer, ich habe jedenfalls nichts bemerkt.“

Jack nickte und fuhr sich verzweifelt durch seine nach hinten gegelten, schwarzen Haare. „Okay.“ Er seufzte. „Weißt du, wie man hier am schnellsten wegkommt?“

„Wenn man ein Auto hat?“, fragte Jason nach und sprach weiter, ohne auf eine Antwort zu warten: „Einfach die Seitenstraße rechts vom Haus entlang und bald ist man schon in der Pampa.“

„Gibt es irgendwelche Spuren einer Entführung oder so?“, fragte Sam und lächelte ihn zuckersüß an. Langsam ging Melanie diese Flirterei echt auf den Keks, aber sie versuchte, sich nicht provozieren zu lassen, sondern sich auf Jason zu konzentrieren. Eine gute Ermittlerin würde sich doch nicht von solchem Tussikram ablenken lassen, oder? Sie musste sich auf ihr Ziel fokussieren: Jasons Antwort.

„Nein ... Ihr könnt ja in ihr Zimmer gehen“, sagte er zögerlich und beschloss, Jack anzuschauen, damit er nicht auf Sam reagieren musste.

Sam nickte. „Machen wir.“

Die restliche Befragung brachte keine weiteren Informationen und die drei machten sich bald schon auf in Lauras Zimmer. Sam nicht, ohne Jason einen letzten Blick zuzuwerfen.

Lauras Zimmer war einfach zu erkennen, eine hübsche Stickerei hing an der Tür und ein Bild von einem Wolf. Jack und Sam steuerten sofort auf besagte Tür zu.

„Laura verwandelt sich besonders gerne in einen Wolf“, erklärte Jack Melanie, als er ihren verwirrten Blick bemerkte, und trat ein. „Sie kann sich jeden Tag eine Stunde lang in ein beliebiges Säugetier verwandeln.“

Melanie hob überrascht die Augenbrauen. Das erfuhr sie aber auch früh. „Nicht schlecht“, musste sie zugeben und sah sich im Zimmer um. Es ähnelte im Grunde genommen Jasons Zimmer, aber die Farben der Möbel waren viel fröhlicher. Der Sessel war zitronengelb und die Wände hell gestrichen. Als sie ihren Blick erneut durch den Raum schweifen ließ, bemerkte sie etwas Komisches. Genauer gesagt war etwas komisch, aber Melanie wusste nicht, was. Vielleicht irritierte es sie, dass die Möbel so seltsam verschoben waren, was ganz und gar nicht zu der gepflegten Anordnung der Hefte auf dem Schreibtisch passte.

„Ist Laura eher ordentlich?“, fragte sie an Sam und Jack gewandt.

Jack zuckte die Schultern, aber Sam nickte knapp. „Ja. Das siehst du ja.“

„Eben nicht“, gab Melanie gereizt zurück. „Es widerspricht sich.“ Melanie stellte sich in die Lücke zwischen dem Bett und dem Schreibtisch. Der Schreibtisch war etwas in Richtung Fenster verschoben worden, sodass sich das Fenster nach Melanies Schätzung nur ganz knapp öffnen ließ. „Wieso stellt sie den Schreibtisch so schräg hin?“ Ordentliche Menschen – und Melanie war auch nicht besonders unordentlich – stellten niemals einen Schreibtisch an die Mitte der Wand, sodass links und rechts Platz verloren ging, mal davon abgesehen, dass sich das Fenster nicht problemlos öffnen ließ.

Jack kam überrascht näher. „Geh mal zur Seite.“

Melanie trat aus der Lücke und schaute Jack zu, wie er die Wand untersuchte und dagegen klopfte. Es klang immer gleich, dumpf und wie eine ganz normale Wand.

„Mann, Leute!“ Sam machte genervt einen Schritt auf den Schreibtisch zu. Melanie hörte an dem Klackern ihrer Schuhe, dass sie Absätze trug. „Der Schreibtisch verdeckt doch etwas.“

Melanie verdrehte die Augen, packte aber mit an, weil sie zugeben musste, dass Sam recht hatte. Jack packte an Sams Seite mit an und hob den Tisch mühelos einen halben Meter über den Boden. Stiftebecher fielen um und ein Heft rutschte zu Boden, als Sam, Jack und Melanie den Tisch ein paar Zentimeter ins Zimmer hineintrugen, aber schlussendlich konnten sie dahinter kriechen.

Melanie kauerte sich vor die Wand und begann, sie abzuklopfen. Zuerst bemerkte sie keinen Unterschied, aber dann schlug Jack abwechselnd mit ihr auf die andere Seite der Wand und sie konnte einen Hohlraum dahinter erahnen. An einer Stelle schien der Klang widerzuhallen. Augenblicklich erstarrte sie.

„Dahinter ist ein Hohlraum!“, rief Melanie aus und war binnen Sekunden von den anderen beiden umringt. Jack klopfte weiter, sich aufmerksam gegen die Wand lehnend. Melanie betrachtete ihn einen Moment lang bewundernd. Er sah ziemlich gut aus mit den dunklen Augen und den markanten Gesichtszügen. Das Problem war nur, dass er sich dessen zu sehr bewusst zu sein schien. Das Klopfen seiner Faust an der Wand brachte ihre Gedanken zurück zu ihrer Mission und sie schalt sich innerlich, dass sie sich wieder einmal hatte ablenken lassen. Wenn auch von einem gutaussehenden Mann und nicht von einer hübschen, aber arroganten Frau, wie beim letzten Mal. Eifrig half sie ihm zu klopfen und sie kamen nach einer Weile zu dem Schluss, dass der Hohlraum etwa zwei Meter breit und hoch war. „Weiß denn keiner hier davon?“, wollte Melanie erstaunt wissen und ließ von der Wand ab.

Sam zuckte die Schultern. „Woher soll ich das wissen?“

Melanie widerstand dem Drang, ihr eine reinzuhauen, und erhob sich. Hatte sie noch nie etwas von rhetorischen Fragen gehört? „Wir sollten den anderen davon erzählen.“

„Auf die Idee wäre ich jetzt nicht gekommen“, bemerkte Jack, aber mit einem ironischen Unterton und einem Lächeln im Gesicht, sodass es lustig und nicht gemein war wie bei Sam. Wie viel so ein Lächeln ausrichten konnte!

„Deshalb sag ich‘s dir ja“, erwiderte Melanie lachend und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

Nacheinander verließen sie Lauras Zimmer und gingen in den von der Sonne beleuchteten Garten, um auf die anderen zu warten.

John tauchte auch bald schon auf, nach ihm Emmas Gruppe und schlussendlich Daniels. Als alle versammelt waren, ergriff John wieder das Wort und bat eine Gruppe nach der anderen, zu erzählen, was sie herausgefunden hatten.

Melanie fasste die neuen Informationen im Kopf zusammen: Das eine Mädchen, Jana, hatte gesehen, dass Laura sich oft in einen Wolf verwandelt hatte, um in den Wald zu gehen. Dort hätten die Entführer vielleicht auf sie aufmerksam werden können. Sonst konnte sie aber auch nicht mehr sagen als Jason, wie Emanuel berichtet hatte. Daniel hatte gesagt, dass Ariana, das Mädchen, das seine Gruppe befragt hatte, gehört hatte, wie zwei Typen Laura besucht hatten. Als Ariana nachschauen gegangen war, hatte Laura die Tür geschlossen und sei danach nur nochmal kurz herausgekommen, um ihr mitzuteilen, sie würde eine Freundin besuchen gehen. Laut Ariana waren die beiden Männer währenddessen in ihrem Zimmer geblieben. Auf Daniels Frage hin, ob sie das nicht seltsam gefunden hatte, hatte Ariana betroffen gemeint, die Leute hier gingen ständig woanders übernachten, weil es hier sehr laut sei.

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