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Delia Muñoz

The unseen souls

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Nico

2. Release me

3. Unsichtbare Seelen

4. Unerwarteter Besuch

5. Seelenjäger

6. Im Ausgang mit Nico

7. Zu jung

8. In der Kussecke

9. Unter sechs Augen

10. SMS von Nico

11. Teamwork

12. Pläne schmieden

13. Kampf um das Serum

14. Ein neuer Plan

15. In Gefangenschaft

16. Gegner und Freund

17. Das berüchtigte Serum bei Nacht

18. Zu guter Letzt

Extrakapitel: Eine Weihnachtsunterhaltung

Extrakapitel: Zeichenkünste

Danksagung

Impressum neobooks

1. Nico

Jennifer packte ihr Skateboard und rannte aus dem Haus. Sie war wieder einmal zu spät dran und hatte keine Lust, sich von ihrem launischen Englischlehrer zurechtweisen zu lassen. Also sprang sie mit ihrem Lieblingstrick auf das Skateboard und rollte beinahe so schnell wie ein Jaguar auf Höchstleistung den kleinen Hügel hinunter, auf dem sie wohnte. Der Wind pfiff ihr die schwarzen Haare aus dem Gesicht und zerrte an ihren Kleidern. Jen fixierte die leere Straße vor sich, als ihr plötzlich eine Idee kam. Naja, die Idee kam ihr, als sie an dem geheimnisvollen Haus vorbeifuhr, dank dem sie ihre Kräfte hatte. Aber wie auch immer, sie musste schnell zur Schule. Und glücklicherweise war die Straße leer, also würde es keiner merken, wenn Jen auf einmal verschwinden würde, oder? Das Mädchen riskierte einen Blick nach hinten - keine Menschenseele war zu sehen. Abrupt hielt sie an und nahm das Board in die Hand. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich und stellte sich vor, wie sie stehen blieb, während sich die Erde unter ihr weiterdrehte. Der Schulhof würde auf sie zukommen und ihr die Möglichkeit bieten, dort zu landen. Unsichtbar, natürlich.

Jennifer spürte, wie sie den Boden unter den Füssen verlor und ein Kribbeln breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Es rauschte in ihren Ohren und für einen Moment blieb ihr die Luft weg. Dann ließ das Rauschen nach und der Druck auf ihrem Körper verschwand. Sie prallte hart auf etwas auf und als sie die Augen wieder öffnete, stand sie mitten auf einer Bank im Schulhof, das Board immer noch umklammert. Sie musste aber auch genau auf einer Bank landen! Wütend über ihre Unfähigkeit zu teleportieren, stieg sie von der Bank runter und wich überrascht einem Mädchen aus, das auf ihr Handy schauend vorbei schlenderte. Hastig blickte sie an sich herunter und stellte erleichtert fest, dass ihr Körper spurlos verschwunden war, genauso wie ihr Board, das sie ja mit einer Hand festhielt. Das Mädchen hätte sie also auch nicht auf der Bank landen sehen, wenn sie ausnahmsweise ihr Handy beiseitegelegt hätte. Die Schulklingel riss sie aus ihren Gedanken. Panisch schaute sie sich nach einem verlassenen Platz um, an dem sie sich wieder sichtbar machen konnte. Ohne viel zu überlegen, rannte sie ins WC, das nun verlassen war und bloß von Schimpfwörtern verziert wurde, die die Schüler auf die Wände geschrieben hatten. Ein Kribbeln ging durch ihren Körper und sie merkte, wie sie wieder sichtbar wurde. Erleichtert eilte sie aus dem WC und rannte die Treppe hoch in ihre Klasse. Kurz vor der Tür kam sie jedoch schlitternd zum Stehen, als sie ihren verhassten Englischlehrer vor der Tür stehen sah. Seine ganzen hundertsechzig wütenden Zentimeter warteten mit zusammengekniffenen Augen, bis Jen angekommen war.

Jennifer seufzte. Ihr Englischlehrer hatte etwas gegen sie, seit sie ihm erklärt hatte, dass der Beamer nicht dank einer Fehlfunktion nicht funktionierte, sondern aufgrund seiner mangelnden technischen Fähigkeiten, da sich sein Studium nur darauf bezogen hatte, wie man Kinder mit Worten zu Tode ärgert, nicht aber darauf, moderne Beamer mit Worten anzuspornen. Dabei hatte Jen ihm nur helfen wollen! Das war doch kein Grund, jemanden zu hassen, fand sie.

„Das Tragen von Kopfbedeckungen ist im Schulgebäude nicht erlaubt“, begrüßte er sie, die Arme verschränkt.

Jen wollte schon empört erwidern, sie trüge keine Kopfbedeckung, bis ihr einfiel, dass sie tatsächlich einen Cap trug. Sie mochte den Cap sogar sehr, vorne stand mit weißer Schrift „Enjoy the moment“ drauf, der Cap selbst aber war größtenteils schwarz. Nur ganz fein waren violett die Umrisse der Gebäude New York City's auf den Cap gedruckt – eigentlich nicht ganz passend, wo sie doch in London wohnte. Hastig nahm sie ihn ab und drehte ihn nervös in den Händen umher.

„Tut mir leid“, behauptete sie. Für sie war der Cap jedoch beinahe lebenswichtig. Denn nur wenn sie ihn trug, konnte sie ihre Magie nutzen. Genau genommen ginge auch eine andere Kopfbedeckung, aber zum Beispiel ein Zylinder war doch um einiges weniger stylisch, dachte sich Jen. Es dauerte eine Weile, bis sie merkte, dass ihr Englischlehrer, genannt Gollum oder, offizieller, Herr Miller, sie immer noch wütend anfunkelte.

Jen hob die Augenbrauen. „Darf ich nicht rein?“ Sie deutete auf die weiße Zimmertür, die sie immer ein wenig an ein Krankenzimmer erinnerte.

Herr Miller überhörte die Frage, dachte aber nicht daran, die Tür freizugeben. Jen deutete das als ein Nein. „Du bist schon wieder zu spät! Bist du dir dessen bewusst, Jennifer?“ Er schimpfte so laut, dass bestimmt alle Schüler und Schülerinnen ihn hören konnten.

„Ja.“ Natürlich wusste sie, dass sie zu spät war. Sonst würde sie doch nicht so hetzen!

„Das geht absolut nicht! Das ist jetzt bereits das dritte Mal in drei Wochen. Was hast du dazu zu sagen?“

„Mein Wecker ist kaputt. Die Batterie läuft manchmal plötzlich nicht mehr und die Uhr wird langsamer.“

Gollum lachte, aber es klang nicht fröhlich, sondern spöttisch. „Natürlich! Dein Wecker ist kaputt. Ich möchte, dass du bis zur nächsten Englischstunde einen vierseitigen Aufsatz über die Zeit schreibst. Vielleicht bekommst du dann ein bisschen mehr Gefühl dafür“, erklärte er ihr.

Jen starrte ihn entgeistert an, doch bevor sie protestieren konnte, fügte er noch hinzu: „Und jetzt verlass bitte den Unterricht.“

Das war ja wohl die Höhe! Und überhaupt war sie ja nicht einmal bis ins Klassenzimmer gekommen. Okay, sie war ein paar Mal zu spät gekommen, aber deswegen einen 4-Seitigen Aufsatz schreiben?! Trotzig setzte sie den Cap wieder auf und antwortete, um Selbstbeherrschung ringend: „Aber natürlich.“ Dann drehte sie sich um, warf sich ihr langes Haar über die Schulter und stolzierte den Gang entlang aus der Schule raus. Immerhin musste sie jetzt zwei Englischlektionen weniger in der Schule herum sitzen. Sobald sie vor dem Schulgebäude angekommen war, stellte sie sich wieder auf ihr Board und fuhr in Richtung ihres Hauses. Vor dem Hügel hielt sie an, plötzlich unsicher.

„Ich gehe jetzt ganz bestimmt nicht nach Hause!“, sagte sie leise zu sich selbst - die Gefahr, dass ihre Mutter noch dort war, war zu groß. Sie wollte ihr nicht erklären müssen, warum sie schon wieder nach Hause kam. Also eilte sie auf ihren Lieblingsort zu: Das Haus Lupos.

Jen hatte sich bis jetzt nicht erklären können, weshalb das Haus einen Namen trug, aber das war noch das Normalste am Ganzen. Während sie auf Lupos zuging, konnte sie wie immer den Blick nicht von dem alten Gruselhaus lassen. Die Fenster waren verbogen und schmutzig, die Türe war alt und klemmte seit längerem und die Wände waren einst von einem hellen Weiß gewesen, jetzt aber von Spinnenwaben überzogen, mit Sprüngen im Beton verziert und so grau wie die Haare ihres Großvaters Martin. Aus irgendeinem Grund schien die Sonne jeweils von einem bestimmten Winkel aus, sodass das Haus gespenstisch aufleuchtete.

Aber im Laufe der Zeit hatte sich Jen an das mysteriöse Aussehen gewöhnt und empfand es nicht mehr als bedrohlich. Sie betrat das Erdgeschoss und eilte die verstaubte Wendeltreppe hinauf, bis sie beim Dachboden ankam. Der Dachboden war vollgestellt mit alten Möbeln und grässlichen Bildern, aber das störte Jen nicht mehr. Das verlassene Haus bot ihr seit fünf Jahren einen Zufluchtsort, der einzige Ort, an dem sie in Ruhe gelassen wurde. Die ursprüngliche Besitzerin des Hauses war vor fünf Jahren gestorben, scheinbar war es in den Besitz eines Enkels übergegangen. Aber Jen hatte seither noch nie jemanden hier angetroffen, mal von Ratten abgesehen. Für gewöhnlich hielt sich keine Menschenseele hier auf.

Bis heute.

Vor ihr saß ein Junge und starrte sie an.

Jen starrte zurück.

Und auf einmal war der Junge weg.

Jen erschrak und blinzelte, und als sie wieder hinsah, war der Junge auf einmal wieder da. Er saß an der genau gleichen Stelle und starrte sie an. Jen holte tief Luft, plötzlich verspürte sie leichte Kopfschmerzen. Wahrscheinlich war das nur ein Nebeneffekt von ihrer Wut auf Gollum und der Junge war gar nie weg gewesen. Doch die eigentliche Frage war, was machte der Junge überhaupt hier?

„Hallo“, sagte Jen, ausnahmsweise nicht so vorlaut und beäugte die Kiste, auf der er saß.

Der Junge nickte ihr zu, sagte jedoch nichts. Das Erste, was Jen auffiel, war, dass er stechend blaue Augen hatte.

„Was machst du hier genau?“, fragte Jen, da er nicht sonderlich gesprächig wirkte.

„Siehst du doch.“ Seine Stimme war tief und weich, doch das milderte die abweisende Antwort nicht.

„Wie kommst du darauf, einfach hier rein zu gehen? Wer bist du überhaupt?“ Jen wurde langsam wütend.

Der Junge fuhr sich mit der Hand durch das dichte schwarze Haar. „Wie kommst du auf die Idee, einfach hier rein zu kommen?“

„Das ist seit 5 Jahren mein Ort!“, entrüstete sich Jen, wohlwissend, dass sie keinen rechtlichen Anspruch auf das Haus hatte.

„Tja, jetzt bin ich halt auch hier.“ Der Junge zuckte mit den Schultern und Jen hätte nie gedacht, dass man diese Geste so arrogant hinbekommen konnte.

„Pfff“, machte Jen wütend. Ihr fiel beim besten Willen nichts Intelligenteres ein.

„Wie heißt du denn?“, fragte der Junge beinahe schon amüsiert. Okay, Punkt für ihn, das war etwas intelligenter.

„Jen.“

„Ich meine deinen richtigen Namen.“

Punkt wieder abgezogen. „Jennifer“, schnaubte sie. „Aber allen nennen mich Jen.“

„Aha.“ Er nickte, als hätte er dadurch die Weisheit des Lebens erlangt.

„Wie heißt du?“ Jen funkelte ihn an.

„Nico.“

Für einen Moment war sie sprachlos. Nico?! Das war doch auch eine Abkürzung!

„Ich meine deinen richtigen Namen“, äffte sie ihn nach.

Er lachte, was Jen ziemlich überraschte. Sie hätte nicht gedacht, dass er etwas anderes als ein arrogantes Mundwinkelzucken hinbekommen würde. Andererseits kannte sie ihn auch erst seit zwei Minuten. „Nico ist mein voller Name. Das ist keine Abkürzung.“

Überrascht fuhren Jens Augenbrauen in die Höhe. Als Mr.-keine-Abkürzung wieder weg schaute und die Unterhaltung offenbar für beendet hielt, setzte sich Jen auf eine andere Kiste und begann missmutig, ihre Sachen auszupacken und machte sich an den Englischaufsatz.

„Hausaufgaben?“ Nico hatte offenbar doch beschlossen, dass sie interessanter sei als das misslungene Ölfarbenbild einer alten Frau. Das war aber nett von ihm.

„Ja.“

„Hast du keine Schule?“

„Hast du keine Schule?!“

„Doch. Aber heute nicht. Lehrersitzung oder so.“

„Hm“, machte Jen und fragte sich, in welche Schule er wohl ging. In dem Vorort von London gab es viele gute Schulen – selbst wenn es nicht Internate waren – und Jen wusste knapp die Namen der anderen, also könnte sie noch lange raten, wo Nico in die Schule ging.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, bemerkte Nico nach einer Weile.

„Gut beobachtet“, knurrte Jen und wünschte sich mit einem Mal, dass sie wieder in die Schule zurückkonnte. Sie warf sich die rabenschwarzen Haare über die Schulter und schrieb den Titel des Aufsatzes auf das Blatt.

Zeit... Hm, was gab es da zu sagen?

Jen kaute ungeduldig auf ihrem Bleistift herum und starrte Löcher in die Luft. Aber ihr fiel einfach nichts Gutes zur Zeit ein. Sollte sie über die Aufteilung der Stunden am Tag reden, die Tage im Monat und die Monate im Jahr? Oder etwas ganz anderes? Vielleicht über Stress und kaputte Wecker? Ihr Blick huschte zu Nico, der immer noch an derselben Stelle saß, und sie überlegte sich, ob sie vielleicht ihn um Hilfe bitten sollte.

Er begegnete ihrem Blick und hob fragend eine Augenbraue, sodass diese unter seinem dichten schwarzen Haar verschwand, das ihm ins Gesicht fiel. Wieso konnte er eine Augenbraue hochheben? Jen hatte dies tagelang geübt, aber außer Muskelkater am Auge - dass es das überhaupt gab?! - nichts erreicht.

Schnell sah sie wieder auf ihr Blatt, konnte aber immer noch Nicos Blick auf ihr spüren. Nein, ganz bestimmt würde sie ihm nicht gestehen, dass sie nicht wusste, was sie schreiben sollte. In Mangel einer Beschäftigung nahm sie ihr Etui aus der Schultasche und spitze ihren Stift. Dabei rutschte ihr das lose Pensum aus dem Notizblock, das auf ihrem Schoß lag. Und es segelte ausgerechnet vor Nicos Füße.

Er hob es auf, und für eine Sekunde war Jen überrascht, dass er es ihr zurückgeben wollte. Doch dann merkte sie, dass er es bloß ansah.

„He, das ist meins!“, protestierte sie.

„Ich weiß.“ Er reichte es ihr und Jen riss es ihm aus der Hand.

„Danke... Was ist?“ Jens Vermutung war doch nicht so fehl am Platz gewesen, was sein Lächeln betraf. Er hatte arrogant den einen Mundwinkel hochgezogen und schüttelte sich nun eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Schwänzt du etwa Englisch?“, fragte er belustigt. „Dabei gehst du doch ziemlich frei mit Wörtern um.“

Irgendwie schien dieser Nico die Fähigkeit zu besitzen, sie innert wenigen Sekunden auf 180 zu treiben. Trotz allem musste Jen zugeben, dass er gut aussah. Er hatte breite Schultern und trug ein ärmelloses blaues Shirt, das einen Blick auf seine muskulösen Arme freigab. Und es ließ sich nicht leugnen, dass seine Lippen voll waren und dass das amüsierte Grinsen Grübchen an den Mundwinkel erscheinen ließ. Er war irgendwie... attraktiv.

Jen kniff die Augen zusammen und verscheuchte den Gedanken sofort wieder. „Ich schwänze nicht. Ich bin nur zu spät gekommen“, erklärte sie und versuchte, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren.

„Was machst du denn hier?“ Es klang beinahe so, als würde er sie am liebsten aus dem Fenster werfen und nie wieder sehen.

„Mein Lehrer Gollum mag mich nicht besonders...“

„Dabei bist du doch ein so reizendes Mädchen“, unterbrach Nico sie und legte dabei den Kopf schräg.

„Halt die Klappe!“, fauchte sie. „Ich bin voll nett!“

Nico lachte herzlich und Jen sah sich nach etwas um, das sie nach ihm werfen konnte. Als er ihren Blick sah, hörte er auf zu lachen und meinte: „Okay, sorry, erzähl weiter.“

Ohne es zu wollen, spürte Jen, dass ihre Miene weicher wurde, irgendwie besänftigte es sie, dass er sich entschuldigt hatte. Und zum ersten Mal seit ihrer Konversation zeigte er Anteilnahme an ihren Worten; er beugte sich ein wenig vor und hatte ausnahmsweise mal keinen selbstgefälligen Blick drauf. Jen schluckte. „Jedenfalls hat Gollum mir gesagt, ich solle einen vierseitigen Aufsatz über die Zeit schreiben, weil ich schon dreimal zu spät gekommen bin. Und dann warf er mich aus dem Unterricht.“

Nico schaute sie fragend an. „Gollum? Der heißt wirklich wie diese Kreatur aus Herr der Ringe?“

Jen lachte. „Nein, meine Freundin und ich nennen ihn nur so. Eigentlich heißt er Herr Miller.“

„Ach so, verstehe“, meinte Nico. „Aber ist das nicht ein wenig übertrieben, dich gleich aus dem Unterricht zu werfen, bloß weil du zu spät kamst?“

„Wem sagst du das“, brummte Jen.

„Was hast du ihm denn angetan?“

„Wieso denken immer alle, ich sei unhöflich?“, rief Jen aus. Wo sie sich vor zwei Sekunden noch verstanden gefühlt hatte, hatte sie nun wieder große Lust, Nico das misslungene Ölbild anzuschmeißen.

„Das muss an deiner natürlichen Zurückhaltung liegen“, erwiderte Nico trocken und erntete einen weiteren erzürnten Blick von Jen. Diese Unterhaltung war echt anstrengend! Hastig beendete sie die Erklärung. „Ich habe ihm gesagt, dass der Beamer nicht kaputt sei, sondern dass er ihn einfach nicht bedienen könne, weil er in seinem Englischstudium gelernt hat, wie man Schüler schikaniert und nicht Beamer“, erwiderte sie trocken.

Nico lachte ein wenig, wandte dann aber kommentarlos den Blick wieder ab und stierte auf das Ölgemälde der alten Frau. Seine Haltung war von einer Sekunde auf die andere von interessiert zu abweisend gewechselt, Jen wusste wirklich nicht, was sie davon halten sollte. Seufzend schaute sie wieder auf ihr Blatt und ignorierte den Stich, den ihr diese Reaktion erteilte.

Die Zeit verging, Nico starrte das Ölbild an, Jen starrte ihr Blatt an. Aber außer dem Wort „Zeit“ gab es da nicht viel zu lesen.

„Du musst gehen. Sonst kommst du wieder zu spät“, sagte Nico auf einmal.

Jen zuckte zusammen. Sie hatte nicht erwartet, dass er plötzlich zu sprechen begann. Sie warf einen Blick auf die Uhr: 9:20 Uhr.

„War das grad eine Hilfe?“, fragte sie erstaunt. „Oder willst du mich einfach loswerden?“

Nico zuckte mit den Schultern und Jen sackte das Herz in die Hosen.

Okay, kein Problem, er will mich loswerden. Was kratzt mich das? Er ist nur ein arroganter Mistkerl.

Was auch immer der Grund war, er hatte recht, auch wenn es Jen nicht gefiel, zugeben zu müssen, dass Mr. Asozial recht hatte. Also packte sie schnell ihre Sachen zusammen und eilte gerade noch rechtzeitig zur Schule.

Es war kurz nach vier, Jen fuhr auf dem Skateboard nach Hause. Als sie sich der kleinen Hütte am Rand der Stadt näherte, zog sich ihr Magen ängstlich zusammen. Was war, wenn Gollum mit ihrer Mutter telefoniert hatte und gesagt, dass Jen zum dritten Mal zu spät gekommen war? Sie stieg ab ihrem Board und ließ sich Zeit, die Treppe zur Haustüre hinaufzugehen. Gerade als sie ihren Schlüssel ins Schloss stecken wollte, öffnete sich die Tür schwungvoll und ihre Mutter stand teufelsgleich im Türrahmen. Jen zuckte zusammen. Bingo.

„Hi Mom. Wie war's bei der Arbeit?“

„Spar dir die Höflichkeiten“, fuhr sie ihre Tochter an und ließ sie hinein.

Eingeschüchtert trat Jen in den Gang und stellte das Board an die Wand.

„Herr Miller hat angerufen“, erklang Moms eisige Stimme hinter ihr.

Jen sackte das Herz erneut in die Hose. Gollum hatte schon mehrmals angedroht, ihrer Mutter anzurufen, aber wirklich getan hatte er es noch nie. Und Jen hatte es auch nicht für nötig gehalten, ihrer Mutter von ihren Absenzen und Unterrichtsverweisungen zu erzählen. Sie hielt den Atem an und drehte sich um.

„Was hat er gesagt?“ Schließlich wollte sie nicht mehr verraten als nötig.

„Du bist zum dritten Mal zu spät gekommen! Er hat dich vom Unterricht verwiesen!“, schrie ihre Mutter auf einmal los und Jen blinzelte verwundert. Ihre Mutter verlor selten die Beherrschung, aber wenn, dann war es gar nicht lustig. Und dummerweise kam das in letzter Zeit immer öfters vor.

„Ich hab dir doch gesagt, dass mein Wecker kaputt ist!“, rief Jen. Ihre Mutter war nicht der Typ, der nie gespickt oder geschwänzt hatte, warum fand sie also Verspätungen so schlimm?

„Einen Wecker kann man flicken! Und das war nicht das erste Mal!“, erzürnte sich Mom.

„Mom, ich bin ja nur zu spät gekommen. Es gibt Schlimmeres“, versuchte Jen sie zu besänftigen - eine völlig falsche Taktik, wie sie jetzt bemerkte.

„Nur zu spät gekommen?!“, wiederholte Mom und ihr Gesicht lief rot an. „Er hat dich vom Unterricht geschickt!“

Das hast du schonmal gesagt.

Jen blickte zu ihr und überlegte sich, weshalb sie so zornig darüber war. Vielleicht hatte sie doch erfahren, was Jen ihm über den Beamer gesagt hatte. Aber dann hätte sie das wohl schon gesagt und sie gerügt, dass man so nicht mit einem Lehrer sprach. Das hieß, sie wusste tatsächlich nur von den Verspätungen. Musste sie deswegen so herumschreien, dass Nico im Haus Lupos das sogar hören könnte? Jen wurde immer wütender und wollte ihre Mutter am liebsten anschreien, dass sie bestimmt auch schon mal zu spät gekommen war und das nun mal passieren konnte – es war ja keine Absicht! Sie setzte zu sprechen an.

Aber dann sprach, beziehungsweise schrie, ihre Mutter schon weiter: „Und statt dass du nach Hause gekommen bist, wie es jedes normale Kind getan hätte, hast du irgendwo in der Stadt herumgelungert! Du hättest weiß-Gott-wo sein können und keiner hätte es gemerkt!“

Das brachte ein ganz anderes Licht in die Sache! Sie reagierte offenbar nur so übertrieben, weil sie sich Sorgen gemacht hatte! „Mom, du brauchst dir doch keine Sorgen zu machen!“, rief Jen halb lachend und ein Stein fiel ihr vom Herzen. Daher wehte also der Wind!

Ihre Mutter schloss und öffnete den Mund und schnappte wie ein Fisch am Land nach Luft. Offenbar hatte sie nicht erwartet, dass Jen ihren Grund zur Schelte erriet. Erschöpft lehnte sie sich an das dunkle Geländer der Treppe, die nach oben führte.

„Es tut mir leid. Das nächste Mal schreibe ich dir eine SMS, okay?“, fuhr Jen schnell fort, bevor ihre Mutter sich fassen konnte.

Diese senkte den Blick. „Okay, mein Schatz“, sagte sie leise. „Tut mir leid, dass ich so geschrien habe. Aber du musst wirklich deinen Wecker flicken! Es geht nicht, dass du dich mit Herrn Miller zerstreitest“, fügte sie wieder etwas strenger hinzu.

„Okay, ich kauf mir einen neuen Wecker. Die Batterie habe ich nämlich schonmal ausgewechselt und es geht trotzdem nicht.“

Ihre Mutter nickte zufrieden und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Komm um sechs Uhr wieder, dann gibt es essen, ja?“

Jen nickte und rannte die Treppe hoch in ihr Zimmer. Ihre Mutter und sie verstanden sich meistens wieder recht schnell, vielleicht lag es auch daran, dass sie zu zweit eine glückliche Mutter-Tochter-Familie bildeten. Jens Vater war abgehauen, noch während ihre Mutter mit ihr schwanger gewesen war, und hatte sich nie mehr gemeldet. Auch wenn diese Aktion eigentlich genug daneben war, dass Jen ihn getrost hassen könnte, hatte sie anfangs versucht, ihn per Telefon oder Email zu erreichen, aber er ignorierte sie geflissentlich. Nicht einmal auf ein Geburtstagsgeschenk, das sie ihm mit fünf Jahren gemalt hatte, hatte er reagiert. Also hatte Jen das, wie so vieles anderes auch, aufgegeben. Auch Jens Mutter war danach nie mehr eine ernste Beziehung mit einem anderen Mann eingegangen, was Jen jedoch sehr schade fand. Sie hatte Besseres verdient!

2. Release me

Wie jeden Dienstag um zwei Uhr nach der Schule ging Jen ins Haus Lupos.

Doch da war sie nicht die einzige. Nico war auch dort.

„Hi“, begrüßte sie ihn und gab sich Mühe, nicht wütend zu wirken, dass er immer noch da war. Was zu Hölle suchte er in diesem Haus?

Mr. Asozial sah nur kurz auf und widmete sich nachher wieder seinem Roman. Jen versuchte, einen Blick auf das Cover zu erhaschen, aber er hielt es so, dass dies unmöglich war. Halb enttäuscht setzte sich Jen an ihren Stammplatz - wenigstens das hatte Nico ihr nicht genommen - und begann mit den Mathehausaufgaben.

Aber an Konzentration war nun wirklich nicht zu denken. Sowieso - das war Mathe! Wenn es etwas gab das Jen so absolut nicht konnte, war es Mathematik. Als ihr Blick wieder zu Nico wanderte, ging ihr auf einmal das Lied 'Release me' von Agnes durch den Kopf. In Gedanken sang sie den Refrain mit und beinahe hätte sie zu summen begonnen.

Mit Mühe riss sie den Blick von Nico los und fixierte erneut das Matheblatt.

Wenn der Durchmesser einen Kreises 1 beträgt, ist der Umfang π. Wie groß ist der Umfang, wenn der Durchmesser 3 ist?

Das ist einfach, dachte Jen und schrieb mit dem Bleistift 3π hin, holte ihren Taschenrechner heraus und rechnete es aus: 9.424777...

Nächste Aufgabe. Jen arbeitete sich fleißig durch, aber das lockere und friedliche Gefühl, dass sie gewöhnlich überkam, wenn sie im Haus Lupos arbeitete, war einfach wie weggewischt. War ja klar, wenn Mr. Asozial sich ausgerechnet diesen Platz aussuchen musste, um seinen blöden Roman zu lesen. Überhaupt, wieso las er denn? Hatte er nichts Besseres zu tun?

Jen warf ihm einen wütenden Blick zu und schaute wieder auf ihr Matheheft.

Beweise die Formel A = π•r 2 mithilfe einer Skizze.

Jen seufzte und zeichnete mit dem Zirkel einen Kreis auf das Blatt und versuchte, sich an den Beweis zu erinnern, den sie schon in der Schule nicht begriffen hatte. Wie sollte sie diese Aufgabe lösen, wenn sie schon zuvor nicht mitgekommen war? Das Einzige, was ihr einfiel, waren Dreiecke.

Mann, ich muss einen Kreis machen, keine Dreiecke!

Wie sie es so gerne tat, kaute sie auf ihrem Bleistift herum und starrte Löcher in die Luft. Ihr Blick fuhr zu Nico, der immer noch in sein Buch vertieft war. Er hatte ein schönes Profil, musste sie zugeben, als sie ihn von der Seite betrachtete. Ausnahmsweise ganz friedlich schaute er ins Buch und bewegte sich nur, um sie Seiten umzublättern.

„Was schaust du so?“, fragte er auf einmal.

Jen zuckte zusammen. „I-ich überlege mir, wie ich dich am besten dazu bringen kann ... mir die Formel π•r2 zu erklären.“ Zuerst hatte sie sagen wollen 'dich aus dem Haus zu verpissen' aber irgendwie hatte sie es nicht über die Lippen bekommen.

Nico verkniff sich ein Grinsen uns sah auf.

Yeah! Ich hab ihn zum Lachen gekriegt!

„Ah, willst du einen elektrischen Kreis um dich legen, damit ich ja nicht näher komme?“

„Hausaufgaben.“

Zu ihrer großen Überraschung legte er sein Buch zur Seite - mit dem Cover nach unten - und kam zu ihr herüber. Jen rückte ein wenig zur Seite. Er nahm ihr das Blatt aus der Hand und begann, ernsthaft zu erklären. Tatsächlich war er ein guter Erklärer, auch wenn er sich sehr knapp hielt und nie einen Satz mit Komma sagte. Und zu ihrem Missfallen musste sie ihm einen Pluspunkt geben, da er dieses Thema in Mathematik offenbar begriffen hatte. Schlussendlich hatte auch sie den Beweis verstanden und bedankte sich bei ihm. Er nickte nur, setzte sich wieder an seinen Platz und las weiter.

Jen starrte ihn eine Weile fast schon verletzt an. Warum war er so abweisend? Was hatte sie ihm angetan? Sie biss sich auf die Lippen und beendete rasch ihre Hausaufgaben.

Die Woche darauf lief es genau so weiter.

Nico sprach nahezu nie mit ihr, außer vielleicht, um hin und wieder eine sarkastische Bemerkung abzugeben. Er saß auf seiner Kiste und betrachtete das Ölbild oder las, Tag für Tag dieselben zwei Beschäftigungen. Jen jedoch beobachtete ihn immer wieder interessiert und versuchte, aus ihm schlau zu werden. Offenbar war die Hilfe bei den Hausaufgaben eine Ausnahme gewesen. Sie wusste nicht weshalb, aber seine offensichtliche Abneigung gegen sie machte sie auf eigenartigerweise an und sie ertappte sich immer wieder dabei, wie sie im Unterricht an ihn dachte. Sie wollte umso näher an ihn heran, je mehr er sie abstieß. Eines Morgens zog sie im Gedanken an ihn sogar absichtlich ein schöneres Top an, obwohl ihr bewusst war, dass er sie nicht länger als zehn Sekunden aufs Mal anschauen würde. Zufrieden bemerkte sie, wie sein Blick an diesem Tag kurz an ihrem Top hängen blieb. Da konnte sie es sich einfach nicht verkneifen, zu wiederholen, was er einmal gesagt hatte: „Was schaust du so?“

Und Nico sah sie einen Moment lang bloß an, und dann sagte: „Schönes Top.“ Jen bekam vor Staunen über das Kompliment nicht einmal ein Dankeschön heraus.

Aber etwas war wirklich eigenartig an Nico, von seiner asozialen Art abgesehen: Nämlich hatte auch er oft einen Cap dabei.

Zwar war das normalerweise nicht weiter seltsam, es war ja durchaus geläufig, mit einem Cap herumzulaufen, aber aus irgendeinem Grund hatte Jen das Gefühl, dass er vielleicht ... auch „zaubern“ konnte. Wieso hielt er sich denn sonst im Haus Lupos auf? Sie kam nicht umhin, an die erste Begegnung mit ihm zu denken, als er geflimmert hatte und für einen winzigen Moment unsichtbar gewesen war. Zwar konnte sie das nicht mit Sicherheit sagen, aber ihr Verdacht bestand: Es könnte sein, dass er dieselben Fähigkeiten hatte! Aber nach einer Weile wollte sie es mit Sicherheit wissen, denn der Gedanke, einen Gleichgesinnten zu treffen, machte sie jedes Mal fast wahnsinnig, wenn sie ihn sah. Sie beschloss, ihn darauf anzusprechen. Aber das war leichter gesagt als getan.

Es war an einem Sonntag, als sie im Haus Lupos saß und auf dem Handy spielte. Er las wie immer seinen Roman. Jen spähte über den Rand ihres Handys hinweg und legte sich die Worte zurecht, während sie das Handy auf Sperrmodus stellte.

„Glaubst du eigentlich an Geister?“, fragte sie höchst intelligent und ihre Stimme klang in der Stille seltsam gespenstisch.

Nico sah erstaunt auf. „Nein.“

Jen kaute auf ihrer Unterlippe herum. Mit jemandem so ungeselligem zu reden war aber auch nicht einfach! „Ähm... und andere ... äh ... magische Dinge?“, stammelte sie und errötete.

Nico hob einen Mundwinkel. „Kommt drauf an, wie man magisch definiert.“ Er senkte wieder den Kopf und las weiter.

„Es ist ganz bestimmt nicht magisch, wenn ich dein beschissenes Buch aus dem Fenster schmeiße, damit du mal weniger asozial bist!“, murmelte Jen wütend und widmete sich ihrem Handy. Jetzt hatte sie ernsthaft allen Mut aufgenommen und ihn etwas so blödes gefragt und er hatte nichts Brauchbares geantwortet! Wütend entsperrte sie ihr Handy - sie schrieb gerade mit ihrer besten Freundin, die ein Austauschjahr in Frankreich machte. Jen hatte schon mindestens zehn Mal probiert, zu ihr rüber zu teleportieren, aber auf die Distanz ging das einfach nicht. Ihre Freundin war nämlich die Einzige, die ihre Fähigkeiten billigte. Zwar wusste auch Jens Mutter Bescheid, aber sie wollte, dass Jen es so geheim wie möglich hielt und nur im Notfall gebrauchte. Tatsächlich hörte sie in diesem Punkt auf ihre Mutter, da sie keine Lust hatte, im Zirkus zu landen. Aber wie auch ihre Freundin Lucy fand sie die Fähigkeiten ziemlich cool und kam manchmal einfach nicht darum herum, sie zu benutzen.

Im Moment erzählte sie Lucy gerade von Mr. Asozial, und war froh, das mit jemandem besprechen zu können. Allerdings hoffte sie, dass Lucy ihn nie zu Gesicht bekam, denn bisher wusste sie nur den Kosenamen „Mr. Asozial“ und nicht seinen echten - die Gefahr, dass sie ihn mit den falschen Namen ansprach, war zu groß.

Sicherheitshalber schrieb sie ihr, dass er Nico hieß.

„War ja klar!“, schrieb Lucy zurück. „Ein möchtegern-Macho! Wetten, er heißt doch Nicolas?“

Jen lachte verhalten und Nico warf ihr von seinem Platz aus einen verwirrten Blick zu.

An einem verlassenen Ort

Der Junge betrat breit lächelnd das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Er war durch und durch zufrieden mit den neusten Nachforschungen.

„Hat es geklappt?“, fragte seine Freundin, die auf einem Stuhl saß, die langen Beine ausgestreckt. Ihr langes Haar glänzte im kalten Licht des Zimmers und ihre Miene war selbstgefällig wie immer.

Der Junge nickte. „Ich habe eine weitere unsichtbare Seele gefunden.“ Er machte eine dramatische Pause und fuhr sich mit der Hand durch seine verstrubbelten Haare. „Und sie sind im selben Haus…“ Grinsend zwinkerte er dem Mädchen zu. Es passte alles perfekt zusammen.

Diese lächelte kühl und erwiderte: „Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit. Sie werden sich anfreunden.“ Da war sie sich ganz sicher. Das war immer so, bei so unwissenden, harmlosen Menschen in dem Alter. Irgendwann begann man zu reden und das, ohne den Hintergrund des anderen zu kennen. Man war naiv.

Ihr Freund zog die Augenbrauen zusammen; aus irgendeinem Grund schien er anderer Meinung. „Naja, sie sind beide nicht die charmantesten…“, wandte er ein.

Das Mädchen zuckte gelassen die Schultern und zog die Beine an. „Na und?“, fragte sie. „Dann passen sie ja wieder zusammen. Vertrau darauf.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln.

Der Junge kam auf sie zu und setzte sich auf einen Stuhl neben ihr, dann legte er eine Hand auf ihre Knie. „Wir werden es schaffen. Darauf vertraue ich.“

Die beiden sinnierten eine Weile über ihr Vorhaben. Zwar bedurfte es einiger Vorbereitungszeit und war in gewisser Hinsicht aufwändig, aber sie hatten allein in den letzten beiden Wochen Fortschritte gemacht, große Fortschritte. Daher waren sie zuversichtlich, dass ihr Plan aufgehen würde.

„Da wäre nur noch eines…“, meinte das Mädchen nach einem Moment der Stille. „Wir müssen sicher sein, dass sie diesen Typen kennenlernen.“

Der Junge überlegte einen Moment, was seine Freundin meinte, doch dann fiel es ihm wieder ein. Ja, diese Bekanntschaft fehlte noch zwischen ihren Zielobjekten. Aber er war überzeugt, dass auch das einfach war. So naiv wie die beiden waren, würden sie sich mit jedem anfreunden und nicht über die Vertrauenswürdigkeit nachdenken. Sowieso war es ja klar, dass er und seine Freundin die Macht hatten. Sie waren berechnender und vorsichtiger, ganz anders als sie beiden unsichtbaren Seelen. Jetzt, da alle Fäden lagen, mussten sie nur noch warten, bis sie sich von alleine verknüpften. Und dann würden sie zuschlagen. Erbarmungslos.

„In zwei Wochen“, sagte er mit seiner tiefen Stimme und zwinkerte dem Mädchen erneut zu. „Das verspreche ich dir. Nur noch zwei Wochen.“

Das Mädchen sah zu ihm hoch und legte ihre Hand auf seine. „Zwei Wochen“, wiederholte sie, sie wirkte nicht ganz so begeistert.

„Gute Planung ist das Wichtigste“, fügte der Junge also hinzu. Sonst würden sie einen Fehler machen und das durfte auf keinen Fall passieren. Sie durften sich nicht von der Euphorie ihrer jüngsten Erkenntnisse beeinflussen lassen und nachlassen, sonst wären sie nicht mehr besser als ihre Versuchskaninchen.

„Du hast Recht“, meinte das Mädchen besänftigt und ihre Augen lagen abmessend wie immer auf ihm.

„Na klar.“ Zwei Wochen, aber keine Sekunde länger würde er auf den Erfolg warten.

Am Montag, als Nico sie wieder keines Blickes würdigte, reichte es Jen allmählich. Von der Demütigung der Geister abgesehen, konnte sie sich eine Reihe angenehmere Dinge vorstellen, die sie in ihrer Freizeit tun konnte, als in einem Raum zu sitzen mit einem dahergelaufenen penetranten Typen, der nichts Besseres zu tun hatte, als Romane zu lesen und ein Ölbild anzustarren. Nicht einmal Geschmack hatte er, denn das Ölbild war grauenhaft.

„Wieso ignorierst du mich immer?“, fragte sie ihn erbost und starrte zu ihm herüber. Wieder klang ihre Stimme fehl am Platz in der Stille. Sie unterhielt sich sonst gerne mit Leuten, aber mit Nico war das echt schwer!

Nico klappte sein Buch zusammen und zuckte mit den Schultern. „Ich ignoriere dich ja nicht. Wenn ich dich ignorieren würde, würde ich dir jetzt nicht antworten“, erklärte er ihr.

Jens Blick verfinsterte sich. Konnte er ihr nicht einmal eine ernste Antwort geben? „Du weißt, was ich meine. Ich will keine Definition über das Ignorieren, sondern irgendeine brauchbare Antwort.“

„Tut mir leid, ich weiß nicht, was du meinst.“ Er sah sie mit einem seltsamen Blick an und schlug seinen Roman wieder auf, aber sie bemerkte zu ihrem Erstaunen, dass sein Blick immer wieder zu ihr huschte.

Sie seufzte, stand auf und ging langsam aus dem Haus Lupos. Zwar spürte sie seinen Blick im Rücken, als sie die Treppe hinunter ging, aber sie konnte im Moment keine Sekunde länger dort sitzen bleiben. Auf der Straße angekommen, stellte sie sich auf ihr Skateboard und fuhr in die Stadt, da sie ihrer Mutter versprochen hatte, sich endlich einen Wecker zuzutun. Aber dennoch konnte sie Nico nicht aus dem Kopf schlagen. Und das ging ihr öfters so. Lucy hatte mal zum Spaß gesagt, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Aber wie konnte es sein, dass sie in jemanden verknallt war, der so unhöflich zu ihr war? Andererseits glaubte Jen einfach nicht ganz, dass das wirklich seine natürliche Art war. Auch wenn er es nicht zugab, wollte Jen sich einreden, dass er einen Grund für sein Verhalten hatte. Das musste er einfach! Sie würde ihn schon noch dazu bringen, etwas offener zu werden...

Als sie aufschaute, sah sie, dass sie schon in der Stadt angekommen war. Im Zentrum nahm sie das Board in die Hand, da es in den Menschenmengen nicht mehr möglich war zu fahren. Jen war nicht die Einzige gewesen, die im Abendverkauf noch was einkaufen wollte. Nachdem sie Gemüse für das Abendessen besorgt hatte, ging sie in einen großen Laden, der von DVDs bis Uhren und eben Wecker alles Elektronische und Zubehör verkaufte. Neben den DVDs gab es sogar noch Bücher. Jen liebte den Laden dank seiner Vielfalt, auch wenn sie immer einen großen Bogen um die Bücher machte.

Doch diesmal konnte sie sich einen kleinen Blick nicht verkneifen, als sie an den Büchern vorbeikam, halb in der Erwartung, einen von Nicos Romanen zu sehen. Doch natürlich würde sie es nicht einmal erkennen, da sie noch nie ein Cover der Bücher gesehen hatte, egal wie genau sie hinsah. Sie ging weiter in die Ecke mit den Weckern und suchte das Sortiment nach einem möglichst kleinen ab. Als sie einen schlichten Wecker gefunden und bezahlt hatte, machte sie sich wieder auf den Heimweg.

Doch als sie aus dem Laden trat, traute sie ihren Augen kaum.

Da lief Mr. Asozial genau vor ihrer Nase aus demselben Geschäft! Er trug ebenfalls einen Cap und unter seinem Arm erkannte Jen tatsächlich einen neuen Roman, endlich sah sie auch den Titel: Skulduggery Pleasant - Duell der Dimensionen. Auf dem Cover war ein furchteinflößendes Skelett und Monster zu sehen. Jen biss sich auf die Lippe, um nicht zu lachen, obwohl sie selbst nicht wusste, was daran so lustig war. Mr. Asozial hatte sie nicht gesehen, sondern ging in Gedanken verloren die Straße entlang.

Zuerst folgte sie ihm nicht einmal absichtlich, aber als sie am Rand der Stadt ankam, war er immer noch vor ihr. Anscheinend hatte er sie noch nicht gesehen.

Jen wiegte bedächtig den Kopf, warf einen Blick nach hinten und rückte ihren Cap ein wenig nach rechts. Dann kniff sie die Augen zusammen, wartete auf das Kribbeln, das durch ihren Körper fuhr, und war unsichtbar.

Das Board und den Wecker fest umklammert, folgte sie Nico mit einem Sicherheitsabstand, da sie zwar unsichtbar, aber trotzdem vorhanden war. Mr. Asozial wählte eine kleine Gasse, an der etliche andere Gassen abzweigten. Sie wich einem überfüllten Mülleimer aus und rümpfte die Nase. In ruhigem Gang ging sie hinter ihm her, er wählte immer die kleinen Gassen Londons aus und nach einer Weile konnte Jen schon voraussagen, wo er abbiegen würde. Es waren fast keine Leute unterwegs, bloß in den Pubs hörte man lautes Gelächter. Jen aber war ganz auf ihr Zielobjekt fixiert und während sie ihm folgte, hatte sie längst die Übersicht verloren, welchen Weg sie gegangen waren. Diese Spionsache machte mittlerweile um einiges weniger Spaß als zu Beginn, befand sie, als sie ihm nun schon seit mehr als zehn Minuten auf den Fersen war. Er ging vermutlich nach Hause, aber Jen war einfach zu neugierig zu wissen, wo er wohnte, als dass sie aufgegeben hätte. Es stand fest, dass er eine Vorliebe für kleine Gassen – und gruslige Romane – hatte. Außerdem konnte es ja auch sein, dass er sich plötzlich für die schnellere Variante entschied und sich vor ihren Augen in Luft auflösen würde. So wäre die Frage, ob er auch diese Fähigkeiten besaß, geklärt.

Jen betrachtete einen überfüllten Pub, der zu ihrer linken war und wünschte sich fast, Nico würde da reingehen, denn sie hatte sich schon seit Lucy in Frankreich war nie mehr in einem Pub aufgehalten. Und dieser hier sah toll aus, es lief sogar Musik. Aber als sie wieder nach vorne schaute, spazierte Mr. Asozial zielstrebig weiter. Jen warf einen letzten sehnsüchtigen Blick nach hinten, bevor sie sich wieder Nico zuwandte.

Aber dieser war auf einmal weg.

Spurlos verschwunden.

Jen blieb verblüfft stehen und zog scharf die Luft ein. War er gerade teleportiert? Oder hatte er sich unsichtbar gemacht? Jen rannte an die Stelle, an der sie ihn das letzte Mal gesehen hatte und entdeckte eine kleine Straße rechts neben ihr. Mist! Vielleicht war er auch einfach da abgebogen, als sie zurückgeschaut hatte? Sie hatte ihn verloren, nur weil sie einem Pub hinterhergetrauert hatte! Am liebsten hätte Jen laut gebrüllt und Mr. Asozial sein blödes Buch auf den Kopf gehauen, doch sie beschränkte sich auf ein wütendes Knurren und teleportierte enttäuscht nach Hause. Das Ganze Verfolgen hatte rein gar nichts gebracht, sie konnte immer noch nicht sagen, ob er jetzt teleportiert war oder bloß in die Gasse abgebogen. Missmutig verbesserte sie noch ihren Englischaufsatz über die Zeit, den Gollum ihr korrigiert zurückgegeben hatte - zu ihrem Erstaunen war er ganz zufrieden gewesen. Doch bestimmt war auch die Verbesserung noch voller Fehler, weil sie in Gedanken immer noch bei der kleinen Gasse und Nico hing.

Das nächste Mal, als Jen im Haus Lupos saß und Mr. Asozial „Skulduggery Pleasant - Duell der Dimensionen“ las - ein eher dickes Buch übrigens - konnte sich Jen eine Bemerkung nicht verkneifen: „Ist es nicht langweilig, ein Buch über einen Toten zu lesen?“

Nico schaute auf, ein wenig verdutzt und irgendwie auch verärgert, dass sie ihn angesprochen hatte. „Nein. Eine Kleinigkeit wie der Tod kann ihm nichts anhaben“, erwiderte er.

„Hä?“, machte Jen äußerst intelligent.

„Skulduggery. Er ist sozusagen ein lebendes Skelett. Außerdem sind die anderen Protagonisten einigermaßen normale Menschen.“

„Aha.“ Jen zog in heuchelndem Interesse die Augenbrauen hoch. Das tönte abstrakt.

„Das Buch würde dir gefallen“, meinte Nico und schlug es wieder auf. Er war schon fast in der Mitte.

„Woher willst du wissen, was mir gefällt?“, fragte Jen frech.

Nico legte den Kopf schräg, Jen hatte es zu ihrer Genugtuung geschafft, ihn für einen Moment sprachlos zu machen.

„Keine Ahnung. Ich denke es einfach“, antwortete er nach einer Weile doch noch.

„Hm.“ Jen sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an und versuchte, ihn nicht anzustarren. „Ich lese nicht gerade viel.“

Nico grinste. „Dann kannst du ja damit anfangen“, erwiderte er und Jen lachte spöttisch auf.

3. Unsichtbare Seelen

Es war freitagnachts, Jen fuhr auf dem Skateboard in die Stadt, den Cap verkehrt herum aufgesetzt. Sie wollte ein paar neue Sommerkleider einkaufen gehen, hatte ihrer Mutter aber versprochen, dass sie um 11:00 Uhr wieder nach Hause kam. Heute waren die Läden ausnahmsweise länger geöffnet, weil irgendein Feiertag war, dessen Namen Jen wieder vergessen hatte. Als sie das Skateboard zum Überqueren einer Straße in die Hand nahm und wartete, dass die Ampel grün wurde, ließ sie ihren Blick über die Menschenmenge gleiten. Doch da sprang ihr ein Mädchen in die Augen und sie schaute wieder zu ihr zurück. Das Mädchen stand ihr gegenüber auf der anderen Straßenseite und war auffallend hübsch. Sie hatte hellblondes langes Haar und grüne, große Augen. Hippie-mäßig hatte sie sich ein Tuch um den Kopf gebunden, das dieselbe Farbe hatte wie ihre Augen. Die Ampel wurde grün und Jen wäre beinahe einfach stehen geblieben und hätte die Blondine angestarrt, wenn diese sich nicht abrupt in Bewegung gesetzt hätte. Als sich ihre Wege kreuzten, schaute ihr das Mädchen in die Augen und auf einmal war ihr Blick eiskalt. Jen lief ein Schauer über den Rücken und sie beeilte sich, die andere Straßenseite zu erreichen. Doch einer Intuition folgend drehte sie noch einmal um und vor Überraschung klappte ihr der Mund herunter. Das Mädchen ging zielstrebig auf einen Jungen auf der anderen Straßenseite zu. Einen Jungen mit schönen blauen Augen, dichtem schwarzen Haar und die feinen Gesichtszüge zu einem arroganten Grinsen verzogen.

Nico.

War er die ganze Zeit hinter ihr gewesen?

Jen schloss den Mund mit einiger Anstrengung und verspürte einen seltsamen Stich in ihrer Brust. War sie etwa eifersüchtig, dass Mr. Asozial ein Date mit einer hübschen Blondine hatte? Quatsch! Jen kniff die Augen zusammen und wollte sich gerade wegdrehen, als sie sah, wie sich Nicos Augen beim Anblick des Mädchens erstaunt weiteten. Oder war es Entsetzen? Jen unterdrückte den Drang, der Tussi ihr Skateboard an den Kopf zu schleudern. In dem Moment passierte etwas äußerst Seltsames:

Eine tiefe Stimme, die sich als die von Nico entpuppte, schrie: „Jennifer, lauf!“ und Mr. Asozial drehte sich um und rannte in einem Affenzahn vor dem blonden Mädchen davon.

Jen reagierte, ohne zu wissen warum. Sie rannte los, in Richtung Nico - zu teleportieren war hier in der Öffentlichkeit zu riskant - und realisierte, wie die Tussi Nico hinterher sprintete. Wieso um Gottes Willen rannte er vor seinem - hübschen - Date davon? Was war da los?! Die beiden hetzten aus der Stadt hinaus, eine kleine Gasse hinunter und die Blondine holte immer weiter zu Nico auf. Jen fluchte, stellte sich auf ihr Skateboard und raste hinterher. Die Tussi kam immer näher, aber sie hörte die ungeölten Räder des Boards und legte einen Zahn zu. Zwar hatte sie gegen ein Board keine Chance, doch die Frage war nicht ob, sondern wann. Denn der Abstand zwischen Nico und dem Mädchen wurde immer kleiner, entweder wurde Mr. Asozial langsamer oder die Tussi schneller, Jen wusste es nicht. Sie gab mit dem linken Fuß an, beschleunigte und war fast bei der Blondine angekommen. Im selben Augenblick warf sich die Tussi auf Nico und riss ihn zu Boden. Um ein Haar wäre Jen neben den beiden weggefahren, sprang jedoch vom Skateboard herunter und kickte es beiseite. Die Tussi hatte Nico fest umklammert, dieser schlug ihr gerade sauber die Faust in ihr hübsches Gesicht. Schade.

Eine Bewegung zu Jens Linken ließ sie aufschrecken; da kam ein hochgewachsener Junge mit rostbrauner Hautfarbe auf sie zu und rief etwas, was verdächtig nach „Melissa, ich helfe dir!“ klang.

Jen machte sich unsichtbar, holte mit dem Bein aus und kickte dem Jungen zwischen die Beine. Er krümmte sich, stolperte und fiel zu Boden. Jen setzte ihm nach, schlug ihm die Faust ins Gesicht - wenn auch weniger stark als Nico - und hielt dann keuchend inne, um nach Mr. Asozial zu schauen. Melissas Kumpan lag mit schmerzerfüllter Miene vor ihr auf dem Boden. Nico hatte sich von Melissa befreit und stand umständlich auf. Jen ging auf ihn zu, griff nach ihrem Skateboard, packte Nico am Kragen und zog ihn ruckartig in eine Seitengasse. Dann machte sie sich sichtbar und begegnete Nicos finsterem Blick.

„Ich habe gesagt 'lauf', nicht 'renn mir nach'! Ich hatte alles im Griff!“, schnaubte er.

Augenblicklich flammte Wut in Jen auf und sie hätte Nico am liebsten geschlagen. „Bitte, hab ich gern gemacht!“, blaffte sie, und bevor sie sich beherrschen konnte, schrie sie los: „Ich hab dir gerade verdammt noch mal aus einer Schlägerei geholfen und du könntest vielleicht einmal in deinem Leben deine arrogante Art beiseiteschieben und dich bedanken! Oder ist das zu viel verlangt?!“ Sie holte tief Luft und versuchte, ihren aufgebrachten Herzschlag zu beruhigen. „Und dann erklärst du mir, was zur Hölle da los war!“, fügte sie etwas leiser hinzu, aber dennoch viel zu laut. „Wieso rennst du vor deinem Date weg?! Und was, Mr. Asozial, habe ich dir angetan, dass du mich so hasst?“ Ihre Hand an seinem Hemd zitterte vor Zorn.

Nico schnappte erstaunt nach Luft und starrte sie mit großen Augen an. Er sah aus, als habe Jen ihm einen Kessel Wasser über den Kopf gegossen.

Mist, habe ich ihn ernsthaft 'Mr. Asozial' genannt?

„Ich hasse dich nicht!“, widersprach er dann erstaunlich ruhig und erst jetzt fiel Jen auf, dass er an der Wange blutete. Sie zog besorgt die Augenbrauen zusammen, wartete aber immer noch auf eine längere Antwort von Seiten Nicos. Mit nur diesem Satz würde er nicht davonkommen - sie hatte endgültig die Nase voll von seiner kurzatmigen Art.

„Und... Danke, dass du, hm, mir geholfen hast...“, stammelte er und wurde tatsächlich rot. Er räusperte sich und setzte hinzu: „Und… ich hasse dich wirklich nicht. Tut mir leid, dass ich, ähm, mich so benommen habe…“ Er brach den Blickkontakt ab und schaute an Jen vorbei.

Ach, und wenn du mich nicht hasst, wieso tust du dann so?, dachte Jen misstrauisch.

„Bitte“, murmelte sie ein wenig besänftigt. Als Nico keine Anstalten machte, ihr eine Erklärung für die Schlägerei zu liefern, sondern sich damit begnügte, sie anzustarren, fragte sie verunsichert: „Was starrst du so?“

„Du bist auch eine unsichtbare Seele“, stieß er atemlos hervor.

Jen runzelte die Stirn und nahm die Hand von seinem Kragen. „Bitte?“

„Komm mit.“ Er warf einen beunruhigten Blick nach hinten und zog sie am Arm die Gasse entlang, in die Jen ihn geführt hatte. Sein Griff um ihren Arm war fest und verkrampfte sich immer mehr. Jen beeilte sich, ihm zu folgen und betrachtete ihn von der Seite, um zu schauen, wie tief die Wunde war.

„Du bist verletzt“, bemerkte sie leise.

„Das ist unwichtig.“ Er schüttelte sich die Haare ins Gesicht und verstärkte den Druck auf ihrem Arm.

Jen presste die Lippen aufeinander, Nico hatte ganz schön Kraft. „Du tust mir weh.“

Erschrocken ließ Nico sie los. „Tut mir leid.“ Er warf ihr einen Blick zu. „Wir müssen weg von Mel und Jason. Sie sind jetzt bestimmt auch hinter dir her.“

Jen beschleunigte das Tempo, damit sie mit Nicos langen Schritten mithalten konnte. Was meinte er mit 'auch hinter dir her?'. Vielleicht war er ja paranoid...

Abrupt hielt Nico an und Jen lief beinahe in ihn hinein. Jen sah sich um und staunte nicht schlecht, als sie vor sich das Haus Lupos erkannte. Wo waren sie nur durchgegangen? Sie waren in kaum fünf Minuten von der Stadt zum Haus Lupos gekommen; anscheinend wusste Nico da eine Abkürzung, die Jen in den letzten fünf Jahren übersehen hatte. Interessant.

„Hier rein.“ Nico vergeudete nicht viel Zeit mit Staunen, öffnete die Tür und ließ sie vor. Im Dachboden angekommen setzten sie sich auf eine Kommode und Nico begann mit einem Seufzer zu erklären: „Du und ich sind unsichtbare Seelen. Ich hab’s mir schon gedacht, als ich dich zum ersten Mal sah, deshalb ging ich dir aus dem Weg. Wollte ich dir aus dem Weg gehen“, korrigierte er sich und fuhr sich nervös mit der Hand durch die Haare. „Melissa und Jason haben ein Serum entwickelt, um unsichtbaren -“

„Moment mal“, unterbrach Jen ihn. „Was ist eine unsichtbare Seele?“

Nico schaute sie verblüfft an. „Das weißt du ni... Ich meine, das sind Menschen, die teleportieren und sich unsichtbar machen können.“

Jen krallte sich an der Kommode fest. Es gab also einen Namen für ihre Spezies. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie das positiv oder negativ aufnehmen sollte. Nicos Worte dröhnten in ihrem Kopf: eine unsichtbare Seele... teleportieren...

„Und Melissa und Jason und ihre Leute, die Seelenjäger, wollen uns die Kraft rauben und zu ihren Zwecken gebrauchen. Dafür haben sie ein Serum entwickelt, mit dem sie uns die Kräfte entziehen können. Ich weiß auch nicht viel... Aber ich wollte nicht, dass sie dich entdecken und hab deshalb versucht, dich auf Abstand zu halten - was offensichtlich nicht geklappt hat. Auch wenn ich nicht sicher war, ob du tatsächlich eine unsichtbare Seele bist...“ Er hielt inne und lächelte sie anzüglich an. „Normalerweise kann ich ganz charmant sein“, behauptete er und lachte.

Jen grinste und lockerte den Griff um die Kommode. „Und was machen sie, wenn sie uns kriegen?“ Ihre Stimme zitterte.

„Davon abgesehen, dass sie uns die Kräfte stehlen? Ich weiß es nicht. Aber sie scheinen nicht friedlich gestimmt zu sein... Die beiden, die uns angegriffen haben, waren vielleicht 'nur' Teenager, sind aber sehr gefährlich.“

Jen wurde allmählich schwindelig. Zwar wusste sie jetzt, dass sie nicht die einzige mit Superkräften war, aber da gab es offenbar auch Leute, die gegen sie arbeiteten. Das konnte sie echt nicht brauchen. Andererseits hatte sie endlich eine Antwort, wieso Nico immer so unhöflich zu ihr gewesen war; er wollte sie nämlich nicht auf die Liste der Seelenjäger setzen, indem er sich mit ihr blicken ließ. Das war eine um einiges bessere Lösung, als dass er sie nicht mögen würde. Und dieser Gedanke stimmte Jen um all die anderen aufwühlenden Informationen herum doch ein wenig glücklich und erleichtert. Doch sie musste beim Thema bleiben. Bei den Seelenjägern, die sie verfolgten. „Gibt es viele unsichtbare Seelen? Und wie wurden Melissa und Justin, - äh, Jason, oder wie auch immer - auf uns aufmerksam?“

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170 стр. 1 иллюстрация
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9783738053142
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