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David Goliath
Vampyr
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Haftungsausschluss
Prolog
Unfall
Obduktion
Blut
Sarg
Verhör
Hospital
Rausch
Razzia
Verlust
Schafott
Epilog
Impressum neobooks
Haftungsausschluss
Fiktiv.
Prolog
Es gab noch keine Schnurlostelefone. Lediglich Behörden, wohlhabende Haushalte und einige größere Unternehmen verfügten über einen leitungsgebundenen Telefonapparat, der über Nummernschaltern zu bedienen war. Die analogen Geräte kamen klobig daher, nicht selten diente der robuste Hörer als Mordwaffe. Rauschen und Leitungsunterbrechungen gehörten zur Tagesordnung. Für die sichere Übertragung von Botschaften nutzte man lieber den eigenen Bewegungsdrang oder getrocknete Tinte und die gelbbraunen Blechkästen mit Schlitz zum Einwerfen. Brieftauben sah man selten, ihre Exkremente dagegen häufiger.
Es gab auch noch keine Fernsehgeräte. Flächendeckende Rundfunkempfänger fluteten erst nach und nach die Haushalte, die sich an den kurzweiligen Unterhaltungssendungen oder den politischen und wirtschaftlichen Neuigkeiten auf der Kurzwelle erfreuen konnten. Beschaffungskosten und Hörlizenzen strapazierten allerdings die gebeutelte Mittelschicht, die zur prosperierenden Oberschicht aufschließen wollte. Den meisten Menschen blieb deshalb der Zugang zu diesem Medium verwehrt. Wieder sollte getrocknete Tinte die erste Anlaufstelle für tagesaktuelle Informationen sein. Zu erwerben an vielen Straßenecken, meistens von laut schreienden, aufdringlichen Kindern, die sich und ihrer Familie ein Zubrot verdienen mussten. Oftmals kaufte man die Ausgabe vom Vortag. In Kaffeestuben fand man dann die neueste Zeitung, durch eine Schnur am Inventar gesichert, mit abgegriffenen, teils verklebten Seiten.
Abhörsysteme beschränkten sich auf den menschlichen Gehörgang, der zwischen Tür und Angel Wortfetzen zu einem Ganzen formen wollte, wodurch Anschuldigungen und Geständnisse zum Vorschein kamen, die unbescholtene Leute in Bedrängnis brachten. Einzig um der Presse einen Sündenbock zu liefern.
Kameraüberwachung im öffentlichen Raum war undenkbar. Nicht weil ein moralisch-ethischer Grundsatz den Einsatz verweigerte oder Bürgerprotest das Glasauge dämonisierte. Sondern weil die Filmkamera einzig für stumme Darbietungen vor dem rasant wachsenden Publikum herhielt, niemand aber die Endlosaufzeichnung vom Stadtleben und, im Zuge dessen, die mögliche Aufklärung von Straftaten im Sinn hatte. Die Euphorie der bewegten, stummen Kunst in Schwarzweiß blieb den Besuchern der Filmtheater vorbehalten. Eine Installation von Kameras beschränkte sich auf die Stative der Filmschaffenden, die nur sehr selten außerhalb ihrer Produktionsstudios drehten, da die unhandlichen Konstruktionen einiges an Gewicht auf die Waage brachten. Ersatz kostete Unsummen, gefährdete sogar die Existenz einiger Visualisierungskünstler.
Erdumrundende Satelliten, anhand derer Daten man Standorte bestimmen und Bewegungsprofile erstellen konnte, kamen einzig in den abwegigen Fantasien belächelter Pioniere vor, die im Stillen selbst an ihren abstrusen Gedanken zweifelten und im selben Atemzug die nahende Apokalypse prophezeiten.
Professionelle Obduktionen im Leichenhaus klinischer Fakultäten suchte man vergeblich. Ein Bereitschaftsarzt verdiente sich etwas dazu, wenn er der Polizei eine Leiche sezierte. Den vollständigen Bericht konnte ohnehin kein Nichtmediziner entschlüsseln. Einige wenige ambitionierte Karrierekonstabler rühmten sich damit, aus den akademischen Hieroglyphen herauszulesen, was der Pathologe gemeint habe, aber letztlich schaute jeder nur auf die Bemerkung über die allgemeine Todesursache: natürlich oder unnatürlich. Kreislauf des Lebens oder mögliches Verbrechen. Auch kannte man Fingerabdrücke, Speichelproben oder zielgerichtete Bluttests noch nicht. DNA war für den Großteil der Bevölkerung das Akronym für Deutscher Normenausschuß und nicht das englische Kürzel für Desoxyribonukleinsäure: die Trägerin der Erbinformation und der genetische Fingerabdruck, der einige Dekaden später tausende Verbrechen aufklären sollte.
Statt digitalisierter Datenbanken, die dank hochkomplexer Algorithmen das nächste Delikt vorausberechnen konnten, mussten hartnäckige Ermittler mit, dem Verfall ausgesetzten, Karteikarten vorliebnehmen, die im besten Falle Name, Adresse, bekannte Vorstrafen und Foto des Verdächtigen beinhalteten. Die Qualität der Polizeifotos war zumeist schlechter als das gezeichnete Fahndungsbild, das oft als Ersatz herhalten musste. Wenn man Glück hatte, stimmten Adresse und Foto noch. Das Vorstrafenregister glänzte selten mit Vollständigkeit.
Zeugen meldeten sich nur spärlich bei den Behörden, weil man Angst vor Verleumdung seitens der Nachbarschaft hatte. Die Polypen genossen nicht den besten Ruf. Die wenigen Zeugenaussagen waren meist kaum verwertbar, da es zu Übertreibungen und Ausschmückungen kam, die geisterhafte Erscheinungen oder sonstige übernatürliche Phänomene in ein lückenhaftes Lügengebilde integrierten. Viele Verbrechen blieben auch unaufgeklärt, weil es weder Opfer, noch Tatort, noch Anzeige gab. Die daraus resultierende Dunkelziffer versetzte Statistiker in blankes Entsetzen.
Die Beweissicherung steckte in den Kinderschuhen. Der Ort der Straftat war oftmals schnell verwüstet. Schaulustige, die sich am Leid anderer ergötzten. Journalisten, die für jeden Zeitungsartikel Geld abstauben konnten - je kruder und detailreicher, desto erträglicher. Schutzpolizisten, die vorgenannte hinter die gedachte Absperrung drängten, um daraufhin selbst erst einmal die Umgebung zu erkunden.
Auf frischer Tat lautete die Devise. Schüsse und Schreie hallten ab und zu durch die Straßen. Wurde die Tat von exekutiven Trillerpfeifen angekündigt, bejubelt oder verurteilt, konnte man damit rechnen, dass präsente Polizeipatrouillen den oder die Täter festzusetzen gedachten. Ansonsten glich die Stadt einem löchrigen Pulverfass. Die einzelnen Schwarzpulververluste entzündeten sich energisch, verpufften jedoch genauso schnell wieder. Hier dämmte die Schutzpolizei ein, uniformiert unterwegs. Dort kämpfte die Kriminalpolizei gegen die Austrittslöcher, mit weniger Kollektiv, sondern eher kognitiv. Es musste verhindert werden, dass die einzelnen Schwarzpulverspuren in brennendem Zustand zurück zu ihrem explosiven Mutterschiff wanderten.
Tötungsdelikte mit geräuschlosen Utensilien erforderten die lauten Rufe von Umstehenden, um das flotte Eingreifen der Schutzmänner zu gewährleisten, was dem Ermittlungserfolg zuträglich war. Andernfalls fischten die Beamten des Öfteren im Trüben. Dann verfolgten sie die Methodik von Köder und Streuung. So viel Appetithäppchen wie möglich auf den größtmöglichen Radius verteilen und warten, bis der nervöseste Fisch anbeißt.
Angesichts der Untätigkeit der Kriminalisten bestanden nicht unerhebliche Unterschiede zur Schutztruppe, die präventiv und aktiv agierte, bei Wind und Wetter, gegen zuschlagende Diebe und räuberische Gewalttäter. Die Kriminalisten, dagegen, konnten nur herumsitzen und warten, bis der getretene Hund bellte oder der morgendliche Hahn krähte, ferner das Telefon klingelte. Ein regelrechter Graben entfaltete sich zwischen den beiden Polizeigattungen. Die uniformierten Männer der Schutzpolizei, der Schupo, hatten nicht selten Vorbehalte gegen die im feinen Zwirn auf ihren Ärschen hockenden Schaumschläger der Kriminalpolizei, der Kripo.
Unfall
Gideon Voss war so ein Schaumschläger. Nicht weil er übermäßig klug und dadurch prädestiniert für den Kriminalkommissar war oder weil er eine ausgezeichnete Vorgeschichte in seiner Vita stehen hatte, die seine steile Karriere begünstigte, sondern weil das Neunte Polizeirevier im öden Randgebiet der Stadt einen Kommissar brauchte, der die Nachtschicht übernahm, sprich am Telefon auf einen Anruf wartete. Da chronischer Personalmangel herrschte, vor allem im verpönten Beruf des Polizisten und in den Nachtstunden, hatte er sich gemeldet. Als versehrter Schutzpolizist, der der Stadt auf der Tasche lag, weil er nur noch für den Innendienst geeignet war, hatte man ihn sehr geschwind nach oben befördert. Nach oben, weil es einen Aufstieg im Dienstgrad bedeutete, aber auch nach oben, weil er in seinem Revier vom Erdgeschoss in den ersten Stock ziehen durfte, wo die Kriminalpolizei mit ihren Büros über den Mannschaftsräumen der Streife laufenden Schutzpolizei thronte.
Ein Vorfall hatte seine Laufbahn bei den Uniformierten rasch beendet und ihn ins Revier gesperrt: Pflege der Ausrüstung, Empfangsdame, Essensversorgung der Mannschaft. Seine unterdurchschnittlichen Leistungen hatten ihn schnell unbeliebt gemacht, denn beim persönlichen Wohlfühlbereich endete die Kollegialität. Er hatte einfach keine Lust gehabt, seinen Kameraden den Mund abzuwischen. Den Dienst nach Vorschrift, sofern es für das Geschirrspülen eine Vorschrift gab, erledigte er an der Grenze zur Arbeitsverweigerung. Dafür hatte er sich im städtischen Dienste nicht über den Haufen schießen lassen.
Voss mochte die Nachtschicht. Die Schutzpolizei reduzierte auf die Hälfte, was den Geräuschpegel erheblich verminderte, und im ersten Stock des Gebäudes verrichtete er allein seinen Dienst, denn die Kriminalpolizei hielt nachts nur einen Beamten in Bereitschaft, zumindest im Neunten Bezirk, im Randgebiet der Stadt. Durch den Zwiespalt zwischen Ordnungshütern der einen Seite, unter ihm, und Ordnungshütern der anderen Seite, seine Seite, musste er auch nicht befürchten, dass ihn jemand störte. Es sei denn, seine Befugnisse waren von Nöten, was äußerst selten vorkam. Verbrechen, die seiner bedurften, wurden zumeist erst am nächsten Morgen gemeldet, was dann der Tagdienst übernahm. Er vertrieb sich die Zeit mit zwei Dingen: Schuhe und Schokolade.
Voss trug seine pechschwarzen Haare glatt nach hinten gestrichen, gehalten von einer dicken Schicht Pomade. Sein Gesicht war glattrasiert, wie das der modische Herr von damals bevorzugte. Ein schlichter Anzug machte ihn auf der Straße unsichtbar, wenn er nicht sein Beinholster mit der Pistole umgeschnallt hatte. Das übliche Schulterholster, das in zivil verdeckt unter der Jacke getragen wurde, engte ihn ein und schabte über die Wunden auf seinem Rücken, die ihn seit dem Vorfall stigmatisierten.
In seinem Büro – ein kleiner Raum mit zugemülltem Schreibtisch, den er sich mit den Tagschichtlern teilte – schlüpfte er aus seinen Schuhen und genoss die Freiheit, lediglich das Gewebe der Socken zwischen Fußsohle und Teppichboden zu haben. Viel wichtiger war jedoch sein routinemäßiger Usus seine Schuhe akribisch zu putzen. Jede Nacht.
Immer wenn er seine einsamen Stunden absaß, wichste er, bis der Arm krampfte und seine schwarzen Schuhe glänzten. Dabei beeilte er sich keineswegs. Er hatte genügend Zeit. Wenn er mit einem Schuh fertig war, gönnte er sich eine Pause, wo er seinem anderen Laster nachging. In der Schublade lagerten golden eingewickelte Schokoladentaler. Jeden einzelnen entpackte er voller Vorfreude. Genüsslich schob er sich die Taler in den Mund, ließ sie für eine Weile auf der Zunge zergehen und zerkaute anschließend den Rest. Wäre er nicht allein gewesen, hätte man ihn gebeten, nicht bei jedem Kiefermalmen lustvoll zu stöhnen. Aber so konnte er sich dem Spektakel ohne Bedenken hingeben.
Die Nacht war sein Freund. Er hasste den Trubel des Tages, hasste die Helligkeit und die Wärme der Sonne, hasste die Offenheit, die jeden Makel offenbarte. Nachts ist der Mensch ein schwaches, verletzliches Tier; braucht künstliches Licht, um zu sehen; fürchtet sich vor allem und jedem. Voss konnte sich in der Finsternis frei bewegen. Er bestimmte, wer ihn sehen und hören durfte, was er preisgab und was nicht. Aber er musste diese dunkle Tageszeit erst schätzen lernen. Dafür hatte er diesen Vorfall benötigt, der ihn aus seinem bisherigen Leben herausgeschleudert hatte.
Nicht nur seine Patrouillentauglichkeit verlor er durch die Kugeln eines hinterhältigen Bankräubers, die ihn rücklings durchsiebten. Auch seine Frau entschied sich für den einfachen Weg und war verschwunden, als er eines Tages noch auf Krücken nach Hause kam. Einzig der Kater war ihm geblieben. Eine Erinnerung an sie, denn es war ihre Katze gewesen. Anubis hieß der kleine Racker.
Seitdem seine Frau Hals über Kopf das Weite gesucht hatte, schlief Voss nicht mehr richtig. Der Mond zog ihn an, trat an ihre Stelle. Voss war süchtig nach ihm. Das nächtliche Umherwandeln hatte seinen Schlafrhythmus zerstört, wie auch einige Tassen, die er im Delirium auf einen imaginären Tisch stellen wollte. Also hatte er beschlossen die Nacht zu seinem Tage zu machen. Die vakante Stelle des Nachtkommissars kam ihm da gelegen entgegen. Er hatte keine Sekunde gezögert.
In aller Seelenruhe widmete er sich dem zweiten Schuh. Er rubbelte daran, bis die trübe Wichse Glanz aus dem Leder herauskitzelte. Zufrieden stellte er die Treter neben den Schreibtisch. Sein Blick glitt zu den großen Zeigern der Wanduhr – die Geisterstunde war vorüber. Wie sonst auch, griff er blindlings in die Schublade, um sich weitere Schokoladentaler zu gönnen. Er tastete den Hohlraum ab, als er merkte, dass keine mehr da waren. Erschrocken schaute er hinein. Seine nervlich angeschlagene Hand hatte Recht. Selbst die eiserne Reserve im hintersten Eck der Schublade war aufgebraucht. Anscheinend hatte er nach dem ersten Schuh ordentlich zugeschlagen. Die Gedanken an den Vorfall und seine Frau trieben ihn zum Exzess.
Voss überlegte kurz. Robert Schumann hatte Innendienst im Erdgeschoss. Einer der Kollegen, die die Mauer zwischen Schupo und Kripo ignorierten. Und das Beste an Schumann: er mochte die Goldtaler genauso gern. Sicherlich hatte der sich einen kleinen Vorrat für die Nacht mitgebracht. Voss schlüpfte in die frisch gewienerten Schuhe. Auf die Jacke oder das Pistolenholster verzichtete er. Schließlich musste er lediglich ein paar Treppen hinunter, betteln und die Treppen mit vollen Händen wieder hinauf. Ein letzter Blick auf den Telefonapparat. Das schrille Klingeln riss ihn immer aus seinem Dämmerzustand, auch wenn dies sehr selten vorkam.
Im Erdgeschoss suchte Voss nach Schumann, dem bulligen Bullen. Der Empfangstresen war unbesetzt und im Aufenthaltsraum döste auch keiner. Die Streifentrupps mussten allesamt auf der Straße sein. Und Schumann? Voss krallte sich eine Taschenlampe vom Tresen. Nachts wurde die Gebäudebeleuchtung heruntergefahren. Zu dunkel fürs Berichtetippen, zu hell fürs Schlafen. Geradeso ausreichend, um zu überleben.
»Schubi!« Voss hielt die als Patsche geformte Hand vertikal an den Mund, um den Ruf zu verstärken. »Schubi!«
Schumann war der einzige Schutzpolizist, mit dem er zurechtkam. Möglicherweise lag das am geteilten Bedürfnis für Schokolade. Oder es lag an der gemeinsamen Vorliebe für die Nachtschicht. Oder am Händchen für einseitige, volatile Frauengeschichten.
»Ja?«, schallte es aus dem Nebengang, der zu den Toiletten führte.
Voss lachte. Schumann schien eine große Notdurft zu verrichten, so gepresst wie das Lebenszeichen durch den Flur drückte. »Hast du Taler dabei?«
Die nächste Antwort ließ auf sich warten. Voss wusste, dass Schumann abwog, ob er das Geheimversteck verraten sollte oder nicht.
»Aber lass mir was übrig!«, kam aus der hinteren Ecke des Ganges.
»Ja-ha«, erwiderte Voss. »Wo hast du sie?« Er erforschte bereits den Eingangstresen und dessen Schubladen. Dafür eignete sich die Taschenlampe hervorragend.
»Unter meinem Helm.« Die Anstrengung der Ausscheidung schwang mit. Geräusche echoten. Offenbar rächte sich der hohe Zuckerkonsum.
Voss hob die Pickelhaube am Augenschirm hoch. Der Polizeistern vorn reflektierte das ausgesendete Licht der Taschenlampe. Darunter eröffnete sich ein wahrer Goldschatz.
»Die Hälfte?«, brüllte Voss nach hinten. Er teilte den Berg an Schokoladentaler gleichmäßig in zwei Hügel.
»Meinetwegen«, meckerte Schumann genervt, wegen der Kombination aus eigener Darmtätigkeit und fremder Schnorrerei.
Als Voss mit seiner Beute wieder nach oben schlendern wollte, stürmte ein Junge von vielleicht zehn Lenze herein. Er schnaufte erschöpft. Seine Augen huschten wild umher.
»Sie müssen helfen!«, rief der Junge und zeigte nach draußen. »Da brennt jemand!«
Perplex schüttelte Voss den Kopf. Er dachte gehört zu haben, dass da jemand brannte. »Wie bitte?«
Das Straßenkind trug alte, zerrissene Klamotten über dem ungewaschenen Leib. Eingefallene Wangen und ausgehöhlte Augen zeugten von Mangelernährung.
»Schnell!« Der Junge schnappte des Kommissars Hand und zog ihn zur Tür.
Die Taler prasselten zu Boden. Im Gehen stibitzte Voss sich mit der Taschenlampenhand Schumanns Dienstjacke vom Haken, denn draußen war es kalt.
Der Junge rannte voraus. Die Laternen beleuchteten alle paar Meter Asphaltdecke und Gehweg. Fahrzeuge parkten am Bordstein. Feste Bedachung löste allmählich das Stoffverdeck der Karossen ab. In fast allen Häusern dominierte Dunkelheit – Schlafenszeit. Einige wenige Mietshäuser ragten mehrstöckig zum Himmel. Die in diesem marginalen Stadtteil überwiegenden Gewerbe- und Industriegebäude bevorzugten eher breitgefächerte Bodennähe statt die Nähe zu Gott. Der Himmel war klar. Man konnte die Sterne sehen, weil die Betriebe und deren Schlote stillstanden und innehielten.
Voss’ Atem formte Wölkchen, durch die er hindurchrannte. Trotz der vielen Schokolade war er gut in Form, weil er manchmal wie ein Fanatiker dem Bewegungsdrang frönte – am Boxsack im Keller des Reviers. Nach ein paar Biegungen dachte er an seine Pistole, die im Holster auf dem Schreibtisch lag. Der Junge könnte ihn direkt in einen Hinterhalt locken – Erinnerungen an den Bankraub, den er nicht vereiteln konnte, wurden wach. Mehr als eine schlagbereite Taschenlampe hatte er nicht dabei. Als der Feuerschein an der nächsten Ecke die Nacht erhellte, verwarf er alle Flucht- und Selbstverteidigungsgedanken.
Vor ihm lag eine Frau mitten auf der Straße und fackelte vom Oberkörper aufwärts. Geistesgegenwärtig entledigte er sich Schumanns Polizeijacke, warf diese auf die Frau und klopfte mit den Händen das Feuer aus. Flammen attackierten ihn, versuchten durch die Baumwollschicht der Jacke zu schlagen. Er wollte die Frau ungern treten, weshalb er die Hände benutzte, um den Brand auszuklopfen. Nach schier unendlichen Sekunden dampften Frau und Jacke nur noch. Voss bezeichnete sich zwar nicht als Doktor, aber den Tod der erstarrten Frau konnte er zweifelsohne feststellen. Ihr Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Jäckchen und obere Hälfte des Kleides waren mit ihrer Brust verschmolzen. Ihre Arme hatten sich unnatürlich gekrümmt. Die Finger hatten sich zusammengezogen und maßen nur noch ein Drittel ihrer ursprünglichen Größe. Es stank nach verbranntem Fleisch. Und Benzin.
Voss erhob sich. Der Junge war weg. Erst jetzt spürte er den Schmerz, der von seinen Handinnenflächen ausging. Er drehte die Hände, um den Grund zu erfahren – Brandblasen. Kalte Blitze bohrten sich unablässig in seine Haut. Sie wechselten sich ab mit stechenden Wellen, die ihm bis in den Schädel zogen. Die niedrige Außentemperatur gab ihm den Rest. Er begann zu zittern.
Der Knabe hatte ihn in eine ruhige Seitenstraße geführt, die von den hohen Mauern zweier Betriebsgelände eingepfercht wurde. Leuchtende Laternen gab es lediglich zu Beginn und am Ende der Straße. Mittendrin labte sich die Dunkelheit am Sparzwang der Stadt. Ein idealer Tatort.
Seine Augen mussten sich erst noch an die Lichtarmut gewöhnen. Das helle Feuer hatte ihn vorübergehend geblendet. Mit der Zeit erkannte er genauere Strukturen. Ein Fahrzeug war gegen eine Litfaßsäule gekracht. Frontal. Der Motorraum glich einem zusammengedrückten Akkordeon. Die Fahrertür stand offen, genau in der Flucht der Toten. Er suchte die Taschenlampe, die irgendwo auf der Straße liegen musste. Nach ein paar unbeholfenen Tastversuchen fand er sie und nutzte den mobilen Scheinwerfer für eine genauere Erkundung. Das Gestell in seiner Hand drückte zwar auf die Brandblasen, aber er biss die Zähne zusammen.
Die Frau war verbrannt. Neben ihr entdeckte er eine halbgerauchte Zigarette. Wenn er die Taschenlampe abwendete, konnte er ein leichtes Tabakglimmen in der Papierrolle sehen, das sich noch gegen die Dunkelheit behaupten konnte. Das Auto war Schrott. Sie schien zu Beginn Glück gehabt zu haben, dass sie der Aufprall nicht umbrachte. Der Fahrerraum war noch gut intakt. Er prüfte die Sitzflächen. Einzig auf dem Fahrersitz konnte er einen langsam zurückweichenden Abdruck sichten. Die Frau musste allein unterwegs gewesen sein. Als er tiefer in das Fahrzeug hineinschaute, bohrte sich Benzingeruch in seine Nase. Er nickte sich zu, als ob er eine Liste abarbeitete. Der Kofferraum war leer. Wie erwartet. Zwischen Fahrzeug und Frau erspähte er kleinere Flecken. Wahrscheinlich Benzin. Von der Straße zur Litfaßsäule konnte er Bremsspuren ausmachen.
Der Kriminalkommissar verknüpfte das Gesehene und stellte das Geschehene nach: die Frau verliert die Kontrolle, prallt gegen den Werbepfeiler, schleppt sich aus dem Wrack, zündet auf den Schreck eine Zigarette an, obwohl sie mit Benzin besprenkelt ist, und verbrennt.
Um sicher zu gehen, leuchtete er das Umfeld noch einmal ab. In Wurfweite zur Zigarette fand er ein benutztes Streichholz. Woran hat sie es entzündet? Er suchte weiter, bis er auch die dazugehörige Schachtel entdeckte. Zu leicht. Er klopfte sich gedanklich auf die Schulter.
Danach machte er sich daran, die Frau in der Hocke zu inspizieren. Vorsichtig entfernte er Schumanns verkohlte Jacke von ihr. Mit der Taschenlampe stocherte er in den ausdampfenden Überresten ihres Jäckchens herum. Die Innentaschen, soweit noch funktionstüchtig, beherbergten keinerlei Ausweisdokumente, auch nicht versengt. Unter dem halbverschmorten Kleid wollte er nicht stöbern. Das überließ er dem Arzt.
Voss erhob sich. Mit der Taschenlampe leuchtete er die Straße auf und ab. Absolut niemand verlor sich um diese Uhrzeit in diese Straße, die tagsüber hauptsächlich dem Lieferverkehr diente. Bis auf den Jungen gab es keine Zeugen. Der Junge! Er schnalzte mit der Zunge. Selbst bei einer Gegenüberstellung würde er den Knaben nicht eindeutig identifizieren können.
Eine vierköpfige Fußpatrouille der Schupo kam auf ihn zu. Deren Taschenlampen versperrten ihm zwar die Sicht, aber das Ausbleiben der Trillerpfeifentöne und das Kichern der Kollegen sagten ihm, dass sie ihn erkannt hatten.
»Voss, du Sesselfurzer, was hast du angestellt?«, fragte einer amüsiert. Als er das Opfer sah, blieb ihm das Lachen im Halse stecken. Ein Kanon aus Raunen folgte. Wurden zuvor noch die Schlagstöcke heiter geschwungen, packten die Kameraden den Meinungsverstärker aus Pietätsgründen weg.
»Sichern Sie die Unfallstelle«, sagte Voss sachlich. »Ich laufe zum Revier und schicke ihnen Unterstützung. Die Frau ist tot.«
Mit dem Versuch das Nummernschild des Fahrzeuges im Kopf zu behalten, trat er den Rückweg zum Revier an. Die Unfallaufnahme und die Beseitigung der Trümmer waren Aufgaben der Schupo. Kälte, Brandblasen und der Gestank von verbranntem Mensch machten ihm zu schaffen. Außerdem musste er Schumann erklären, warum dessen Jacke nicht mehr am Haken hing.
Zurück auf dem Revier erwartete Voss der bullige Bulle. Die Goldtaler auf dem Boden waren eingesammelt und wahrscheinlich wieder unter der Pickelhaube versteckt. Ehe Schumann zu einem Satz ansetzen konnte, hob Voss die Hand.
»Warte! Bevor du etwas sagst, gib mir Zettel und Stift!« Er schloss die Augen, damit er die Blechplatte vor Augen sehen konnte, nahm die geforderten Utensilien mit zugekniffenen Lidern und schrieb auf den Tresen gestützt nieder, was er dachte, gesehen zu haben. Oben zwei Buchstaben, darunter eine Reihe Ziffern.
»So, jetzt«, gab er anschließend Schumann Gelegenheit für eine Tirade.
»Voss, wo ist meine Jacke?«
Das war ihm sofort aufgefallen, schmollte Voss, während seine Hände schmerzten und er nach Ruß und Benzin stank.
Schumanns Hosenträger spannten um den Bauch. Jeden Moment konnten sie reißen und jemanden verletzen. Ohne die Jacke mit der vertikalen, silbernen Knopfreihe und den silbernen Schulterabzeichen, ähnelte er einem Fabrikarbeiter, mit dem Unterschied, dass Schumanns Hemd noch sauber war.
Voss schob den Zettel zu ihm. »Kannst du in der Kartei nachschauen?«
Der korpulente Kerl schüttelte den Kopf. Nicht weil er die Bitte ausschlug, sondern weil er wissen wollte, was Voss wieder angestellt hatte. »Was ist passiert?«
»Ein Unfall«, nickte er zur Tür hinaus. »Eine Frau ist gegen einen Werbepfosten geknallt und verbrannt.«
Schumann machte große Augen. »In ihrem Auto verbrannt?«
»Auf der Straße. Das Auto ist nur zusammengestaucht. Deine Kollegen sichern schon die Unfallstelle.« Voss schaute sich im Revier um. »Sind die anderen Trupps schon wieder zurück?«
Schumann verneinte.
»Dann ist es deine Aufgabe, alles in die Wege zu leiten«, er gestikulierte zum Telefon, »Du weißt schon, die ganze Benachrichtigungskette.« Dann zeigte er nach draußen. »Und das Absperrmaterial hinschaffen.«
Voss sah sich einem mürrischen Gesicht gegenüber.
»Vergiss das Nummernschild nicht«, tippte er auf den Zettel, der noch auf dem Tresen lag.
Schumann deutete mit dem Daumen der Faust in das hinter dem Tresen befindliche Karteiarchiv. »Das kannst du machen, wenn du schon hier bist.« Er nahm den Hörer von der Gabel und ließ die Ziffernwahlscheibe rotieren. »Ich habe zu tun!«
Nachdem Voss den letztgenannten Halter des Fahrzeuges ermittelt, Jacke und Filzhut von oben geholt und sich den gefüllten Pistolengurt um den Oberschenkel geschnallt hatte, fuhr er in die Innenstadt – raus aus seinem Zuständigkeitsbereich. Die Fahrzeuge der Kripo waren ausgemusterte Streifenwagen der Schupo, entsprechend abgegriffen präsentierten sich die Teile, die durch viele Hände gegangen waren: Lenkrad, Schaltknauf, Türgriff. Die verkalkte Scheibe erschwerte ihm die Sicht. Zum Glück regnete es nicht, sonst hätten ihm Straßenlaternen und der wenige Gegenverkehr die Sicht geraubt. Die spröden Dichtungen der Karosserie baten die kühle Außenluft herein, weshalb er mit den Zähnen klapperte.
Er behielt es für sich, weil er kein Fass aufreißen wollte, aber einen Mord konnte er nicht ausschließen. Hätte er aus dem Unfallort einen Tatort gemacht, hätte er einige Leute aus dem Bett schmeißen müssen, wäre stundenlang vor Ort geblieben und am nächsten Morgen nur kurz heimgefahren, um Anubis zu füttern. Mit dem Tagschichtler hätte er dann zusammenarbeiten müssen. Nur dass dieser ausgeruht gewesen wäre, während Voss die Nacht, Kälte und Verbrennungen hinter sich gehabt hätte. Zudem hätte er einen ellenlangen Bericht schreiben müssen, der durch unzählige Instanzen gewandert wäre, die alle Revisionen verlangt hätten. Schon der Gedanke an den Haufen Arbeit fröstelte ihn. Zusätzlich zur einstelligen Grad-Celsius-Zahl und den pulsierend pochenden Brandblasen an seinen Händen, die Lenkrad und Schaltknauf bedienen mussten.
Vorm Nachtklub Zum Mond stellte er den Wagen halb auf dem Bordstein ab. Trotz der Uhrzeit torkelte die umfangreiche Laufkundschaft fröhlich umher und störte sich nicht an der Einengung des Gehweges. Ein paar besonders lockere, frohlockende Gesellen klopften im Vorbeigehen auf die Motorhaube und grüßten den Zivilpolizisten. Als Voss ausstieg wollte der Nachtklubportier mit Frack und Zylinder schon die Stimme erheben, doch Voss zeigte auf die sieben weißen Letter an der Seitentür des Wagens: POLIZEI. Ohne weitere Worte betrat Voss den Klub. Er musste nicht einmal seinen Dienstausweis vorzeigen, so eingeschüchtert ließ der Portier ihn gewähren. Möglicherweise trug die Waffe am Bein ihren Teil dazu bei.
Das Etablissement wartete mit sanfter Musik, weiblicher Bedienung und viel Zigarettenqualm auf. Das zart gespielte Saxophon wurde von einer rhythmischen Trommel begleitet, deren Stöcke gefühlvoll über das Fell gezogen wurden. Ein Kontrabass lieferte die tiefen Frequenzen, die das Publikum in einen entspannten Modus versetzten. An den dutzenden, runden Tischen saßen Herren von der gehobenen Mittelschicht aufwärts. Von Schweiß und Erregung glänzende Glatzen versuchten sich zu übertrumpfen. Es wurde sich in Rage geschwatzt, ergänzt durch dröhnendes Gelächter. Aufreizende Damen mit federbesetzten Kleidchen drapierten sich an den generösen Gentlemen.
Voss betrachtete die gelassene Stimmung. Rauchschwaden hüllten die Gäste ein und sammelten sich unter der Decke. Er nahm den grauen Filzhut ab. Dann suchte er sich einen freien Tisch am äußersten Rand. Da er keinen fand, holte er seinen Dienstausweis hervor und vertrieb ein ausgelassen herumknutschendes Pärchen mit enormem Altersunterschied in einer düsteren Nische von den Stühlen. Mehr Angst hatte das Pärchen vor der offengetragenen Pistole.
Einen Augenblick nachdem sich Voss hingesetzt hatte, trat eine Bedienung an ihn heran, die ihn stark an seine geflohene Frau erinnerte. Sie hatte helle, lockige Haare, X-Beine und eine allgemein instabile Haltung, als würde sie jeden Moment zusammenklappen – wie eine Marionette, deren Puppenspieler die Zügel lockerte. Sie starrte ihn fragend an.
»Limonade und den Chef, bitte«, bestellte Voss. Auch ihr hielt er seinen Dienstausweis vor die Nase.
Ungerührt von der Autorität legte sie den Kopf schief und zog die eine Hälfte der Oberlippe nach oben, um zu signalisieren, dass sie nur eine Bestellung aufnehmen und nicht in eine polizeiliche Ermittlung geraten wollte. Etwas passte ihr nicht. Dieselbe Mimik wie bei seiner Frau, wenn sie genervt war. Die, zugegeben, hübsche Kellnerin konnte nichts dafür, aber Voss mochte sie jetzt schon nicht.
»Kirsch oder Apfel?«, hakte sie lustlos nach.
Ihre piepsende Stimme sägte in Voss’ Ohren. »Habt ihr keine Zitrone?«
»Kirsch oder Apfel?«, wiederholte die junge Frau.
»Schon gut«, bedeutete er ihr, Hauptsache sie hörte auf zu sprechen. »Kirsche. Und den Chef!«
»Was wollen Sie von ihm?«
Wieder sägten die Silben an seinem Trommelfell. Er hatte Mühe, zu verbergen, dass sich alles in ihm kräuselte, sobald sie den Mund aufmachte. Er holte seinen Dienstausweis erneut aus der Jackentasche. »Mich beschweren, dass es keine Zitronenlimonade gibt. Das Selbstverständlichste überhaupt!«, murmelte er angefressen.
»Wie bitte?« Die Kellnerin beugte sich etwas vor. Ihr Dekolletee lachte Voss an. Das hatte er nicht beabsichtigt, musste aber dennoch einen Blick riskieren.
»Ich will ihm nur eine Frage stellen. Er muss sich keine Sorgen machen.« Mit einer Handbewegung schickte er sie weg. Auch ihr Hintern sah in dem Kleid ansprechend aus. Trotzdem war sie nicht sein Fall, aufgrund diverser Vorkommnisse.
Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte sich Peter Plogojowitz mit einer Flasche Kirschlimonade an Voss’ Tisch. Der Inhaber des Nachtklubs Zum Mond war schmächtig und hochgewachsen. Seine schlaksigen Gliedmaßen machten bisweilen den Eindruck, sie gehorchten ihm nicht. Er hatte keine Haare auf dem Kopf. Sein Gesicht wirkte eingefallen.
»Mir wurde zugetragen, dass ein Polizist nach mir schickt.« Er reichte die offene Flasche. Dabei musterte er den Beamten, für einen Moment an der Pistole verharrend. »Sind Sie neu auf dem Revier? Ich kenne Sie nicht.«
Zuerst musste Voss einen Schluck trinken. Seine Kehle war ausgetrocknet, unter anderem vom beißenden Nikotinnebel. Die gekühlte Flasche tat gut auf der blasenüberzogenen Haut der Handinnenfläche. »Kriminalkommissar Gideon Voss vom Neunten.«
Die steife Haltung von Plogojowitz löste sich. »Dann sind Sie gar nicht zuständig für diesen Stadtteil«, kombinierte er lächelnd.
»Ich habe nur eine Frage an Sie.«
»Muss ich diese Frage beantworten?«, grätschte der schmächtige Mann dazwischen. Er schaute sich um. »Sind Sie allein hier? Ist das ein offizieller Besuch?«
Voss hatte keine Lust auf Spielchen. »Es gab einen Unfall mit Ihrem Fahrzeug«, beendete er das Scharmützel.
Plogojowitz ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Er breitete seine Hände aus. »Ich habe viele Fahrzeuge. Ich bin ein umtriebiger Geschäftsmann.« Sein Lächeln wirkte niederträchtig.
Voss schob ihm das Papier hinüber, auf dem das Kennzeichen notiert war. Nebenbei schlürfte er die dunkelrote Limonade. Plogojowitz beäugte die krakelige Handschrift einen ausgedehnten Moment lang.
»Was ist geschehen?«, erkundigte er sich beiläufig.
»Ich hatte gehofft, das von Ihnen zu erfahren.« Voss musste von der Kohlensäure aufstoßen, was seine Autorität untergrub.
»Sie müssen mir verzeihen, Herr Kommissar, aber ich habe nicht alle Fahrzeuge aus meinem Fuhrpark im Kopf. Können Sie mir das Fahrzeug beschreiben?«
»Wollen Sie mich hinhalten?«, erhob Voss die Stimme.
Plogojowitz straffte seine Körperhaltung. Er zeigte zur Bar. »Ich glaube, wir sollten beim zuständigen Revier anrufen. Ich fühle mich nicht wohl, wenn Sie«, er fixierte die Pistole am Oberschenkel, »mit einer Pistole in meinen Klub kommen und mich haltlos verdächtigen.« Er stemmte die Arme auf den Tisch und drückte sich nach oben.
Voss stand ebenfalls auf. Sein Gegenüber überragte ihn um zwei Köpfe. »Warten Sie!« Die Sache durfte nicht hochkochen. Sein nicht angemeldetes Wildern im fremden Revier hätte Konsequenzen. Genaugenommen durfte er nicht herumschnüffeln, weil es keinen Fall gab. Den vermeintlichen Fall hatte er als Unfall an die Schutzpolizei abgeschoben. Somit wühlte er in zweifacher Ausführung im fremden Revier. Er war weder örtlich noch fachlich zuständig.
»Vermissen Sie eine Mitarbeiterin?«, versuchte Voss zu besänftigen, indem er einen anderen Weg einschlug.
Plogojowitz hob eine Augenbraue. Er identifizierte den Geruch des Kommissars, der beim Aufstehen zu ihm herüber geweht worden war. »Gab es ein Feuer?«
Voss wich baff zurück. Sein hinterfragender Blick gewann an Eindringlichkeit.
»Sie riechen nach Ruß und Kraftstoff und Ihre Hände sind verbrannt«, nickte Plogojowitz zum Polizisten.
Voss bestätigte nonverbal. Langsam setzte er sich wieder. Ohne den Blickkontakt abzubrechen, trank er einen weiteren Schluck.
»Es wäre möglich, dass ich ein Fahrzeug vermisse«, druckste Plogojowitz herum, auf den Zettel mit dem Nummernschild blinzelnd. Auch er hatte kein Interesse an einer umfangreichen Ermittlung in seinem Königreich. Abgesehen davon, blieb er stehen. Der Beamte sollte nicht noch mehr kostbare Zeit erhalten. Der Größenunterschied im Stehen wirkte wie ein Kräftemessen zwischen David und Goliath.
»Gestohlen?«, warf Voss einen Krümel.
»Ja, gestohlen«, nahm Plogojowitz die Vorlage dankbar auf.
»Haben Sie das schon gemeldet?«, forschte Voss nach, immer mit Feingefühl.
Die schlaksigen Arme winkten ab. »Die Polizei wird im selben Atemzug informiert wie die Versicherung. Und das geschieht erst, wenn die tägliche Bürozeit anbricht.« Er lächelte übertrieben freundlich. »Adelheid wird Ihnen mehr darüber berichten können. Sie ist für Personal und Technik verantwortlich. Glück für uns beide.« Sein dürrer, langer Zeigefinger streckte sich aus der Faust heraus, um eine im Schatten stehende Person anzuvisieren. Dann drehte er den Handrücken nach unten und knickte beide Fingerknöchel mehrfach zur Hand ein, um die Person herbeizuholen. »Entschuldigen Sie mich, Herr Kommissar.«
Voss sah dem Inhaber hinterher. Auf halber Strecke traf dieser sich mit einer Frau. Sofort beschleunigte sich Gideons Puls, als er das paillettenbesetzte Kleid an einem schönen Körper entdeckte. Schwarze Perlen an Hals, Ohren und Handgelenken zierten zarte, blasse Haut. Der schwarze Bubikopf schimmerte im seichten Licht der Deckenscheinwerfer. Die dunklen Augen schauten zu ihm, schienen ihn festzunageln, wie sie den Lippenbewegungen ihres Chefs lauschte. Gideon konnte seinen Blick nicht abwenden, der den Hüftschwung der Frau verfolgte. Ihr Duft paralysierte ihn, als sie sich zu ihm setzte. Nicht wie Plogojowitz gegenüber, sondern direkt neben ihn. Dafür zog sie sogar den benachbarten Stuhl heran. Sie reichte ihm die Hand zum Kuss. Gideon gehorchte bereitwillig. Sie schmeckte nach Seife, blumig und betörend. Ihre schwarz lackierten Fingernägel waren spitz gefeilt, was Gideon als vorübergehende Modeerscheinung abtat.
»Adelheid«, stellte sie sich vor. Ihr Lächeln offenbarte in der oberen Zahnreihe zwei angespitzte Schneidezähne, die knapp über die Beißkante der übrigen Zähne herausragten. Auch das schreckte Gideon nicht ab. Die mediale Welt der Metropole veränderte das Frauenbild, das sich bisher auf Kinder, Küche und Kirche beschränkte, auf eine konfrontative, rebellische Weise. »Und Sie sind Gideon Voss, der Kriminalkommissar, der hier nichts zu suchen hat. Dienstlich zumindest«, zwinkerte sie.
Gideon nickte wie ein unbeholfener Junge, der seinem ersten Schwarm gegenübersteht und vergisst, wie man mit Luft, Kehlkopf, Kiefer und Zunge ein Wort formt.
Sie lugte zum Zettel. »Der wurde uns gestohlen, aber das hat Ihnen Peter schon gesagt.« Ihre Hand ruhte noch immer in Gideons steifen Fingern. Sie fühlte etwas und inspizierte seine Hand. »Potzblitz! Sie haben sich verbrannt!«
Gideon machte eine Geste, um die Relevanz für nichtig zu erklären.
»Ich habe da etwas für Sie.« Sie sprang auf und eilte fort. Im Rücken von Gideon nickte sie Plogojowitz zu, der daraufhin einen zufriedenen Ausdruck aufsetzte.
Kaum fähig sich zu bewegen, verging die Zeit für Gideon wie im Fluge, bis sich Adelheid wieder zu ihm gesellte.
»Geben Sie mal her!«, forderte sie seine Hände. Sie hatte eine handliche Dose dabei. Gewissenhaft schmierte sie die halbe Salbe auf die Brandblasen und tupfte mit dem Finger die Haufen vorsichtig platt. Gideon stierte sie an. Ihre Augen waren ungewöhnlich – tiefschwarz wie die Nacht, dazu noch dunkel geschminkt, was sie noch größer machte.
»Das zieht schnell ein und hilft bei der Wundheilung«, versprach sie, die eingeschmierten Hände beobachtend.
Gideons Pupillen huschten zur halbvollen Kirschlimonade, was Adelheid registrierte. Sie hob den Finger.
»Bin gleich wieder da.«
Die Salbe war noch nicht eingezogen, da setzte sich Adelheid schon wieder neben den Kommissar. Ein Strohhalm landete in der Flasche und sie stellte ein großes Glas mit einer bräunlichen, durchsichtigen Flüssigkeit auf den Tisch. Mit der Limonade samt Strohhalm fütterte sie ihn, damit er mit den eingeriebenen Handflächen keine Mühe hatte, sich zu verpflegen.
»Wenn Sie mit dem Kindergetränk fertig sind, habe ich Ihnen einen Trink für Männer auf Kosten des Hauses mitgebracht.«
Gideon genoss ihre Fürsorge. Die Wärme ihrer Hand, mit der sie die Flasche hielt, während er trank, strahlte bis zu seinen Wangen. Ergeben nuckelte er das Fläschchen leer.
»Rauchen Sie?«
Gideon schüttelte den Kopf.
»Sehr gut!« Sie neigte sich zu ihm. »Ich mag diesen Zigarettendunst nicht. Er haftet überall und mein Rachen tut ständig weh.«
Gideon nickte, um dem zuzustimmen. Die Nähe schenkte ihm eine gehörige Portion ihres unwiderstehlichen Kirschblütenduftes.
Der Strohhalm wanderte von der Limonadenflasche in das harte Glas. Adelheid hielt ihm den Trink vors Gesicht.
»Weiter?«
Wollte sie ihn abfüllen? Er kostete und setzte ab. Das Zeug brannte in seiner Kehle, zog über die Nase ins Hirn und rieb an seinen viszeralen Innenwänden, als er es hinunterschluckte.
Sie stellte das Glas ab, weil Gideon das Gesicht verzog.
»Doch kein Mann, mh?«
Ihr Lachen hörte sich für ihn wie der liebliche Gesang eines Engels an. Dieses prickelnde Gefühl, wenn er sie ansah oder roch oder hörte, hatte er noch nie zuvor erlebt. Selbst bei seiner verschwunden Frau fehlte diese Emotion seinerseits.
Erwartungsvoll schaute sie ihm in die Augen. Er musste kurz wegschauen, um sich zu besinnen.
»Danke«, brachte er heraus. Immerhin.
Adelheid wehrte ab. »Ach, wofür denn?« Wieder dieses einnehmende Lächeln. »Erzählen Sie mir, was passiert ist?«
Um die Bitte, oder Aufforderung, zu verstärken, legte sie eine Hand auf sein Bein. Stromschläge durchzuckten ihn. Ihre spitzen Nägel bohrten sich ganz leicht durch die Hose in seine Haut. Er musste aufpassen, dass sich seine Männlichkeit nicht meldete, um »Hallo« zu sagen. Die Frau hatte ihn in der Hand.
»Ein Unfall«, begann Gideon zaghaft. »Das vermutlich gestohlene Fahrzeug Ihres Chefs ist gegen einen Werbepfosten gekracht.«
Adelheid äußerte sich mitfühlend mit einem Seufzer. »Ist dem Dieb etwas zugestoßen?«
»Dem Dieb?«
Sie bejahte. »Der, der das Auto geklaut hat.«
»Ah!« Die Finger der Frau strichen kaum merklich über Gideons Bein. Jeder Kontakt fühlte sich an wie eine Drahtbürste, die über die Wirbelsäule vom Steiß zum Nacken jagt. »Eine Diebin«, verbesserte er redselig. Immer wieder erhielt er flüssigen Nachschub durch den Strohhalm.
»Ist sie tot?«
»Ja«, antwortete er, wonach Adelheid ihm den Strohhalm wieder in den Mund schob. Bestimmt, aber gefühlvoll. Er merkte wie der Alkohol sein Bewusstsein veränderte. Der Schmerz in den Handinnenflächen ließ nach. Die Zunge lockerte sich. War er zuvor noch stramm, torkelte sein Oberkörper nun hin und her. Ab und an stieß er an ihre Schulter oder ihr Knie. Jedes Mal sprang der Funke über.
»Konnten Sie mit ihr sprechen?«
»Nein.«
»Und Sie ermitteln jetzt? Also war es Mord?« Sie klang begeistert ob der abenteuerlichen Enthüllungen.
Das große Glas, das vermutlich die fünffache Menge des üblich ausgeschenkten Inhaltes aufwies, war fast ausgetrunken. Da Gideon sonst keinen Alkohol konsumierte, schlug die Zufuhr nahezu ungebremst durch seine Blut-Hirn-Schranke. Die rasche, mehr oder weniger erzwungene, Gabe beschleunigte seinen Verfall. Die letzte Mahlzeit, abgesehen von den Schokotalern, war auch schon eine Weile her. Wie ein Wasserfall ratterte er seine Theorie des Unfallhergangs lallend herunter. Um es sich von der Seele zu reden. Um der Frau zu imponieren. Um die Übergabe an die Schupo zu rechtfertigen.
Adelheid schien enttäuscht zu sein. »Doch kein Mord, mh?«
»Wird jemand vermisst?«, nuschelte Gideon. Seine Artikulation wurde zusehends undeutlicher. Mit dem letzten Zug leerte er das Getränk. Zufrieden stellte Adelheid das Glas ab.
»Dafür müsste ich die Stechblätter des Personals durchforsten. Meines Wissens gibt es keine Vermissten.«
Gideon schleuderte den Arm von oben nach unten. Seine Hand wippte nach. »Vergessen Sie es, schöne Adelheid. Vermisst gilt man erst ab drei Tagen.« Er kicherte. »Wie ich schon festgestellt habe: ein Unfall. Fertig!«
»Ein Unfall«, bestätigte Adelheid. Sie lehnte sich dicht an sein Ohr. »Grausam«, säuselte sie, »aber nur ein unglücklicher Zufall.« Die geheimnisvolle Frau begutachtete seine Hände. Die Salbe war eingezogen.
»Es hat geholfen. Die Schmerzen sind weg«, kommentierte Gideon mit stolpernder Sprache. Die Betäubung könnte aber auch vom Destillat kommen – oder von den Hormonen, die wegen der Dame ausgeschüttet wurden. Er studierte ihr Antlitz, wobei er seine Sinne nutzte, wenn auch eingeschränkt.
Ihr schwarzer Bubikopf duftete nach frischem Olivenöl. Ihre Haut war weich wie Samt und Seide. Ihre tiefschwarzen, geweiteten Pupillen ließen nicht erkennen, welche natürliche Farbe ihre Augen hatten. Um den Hals trug sie eine schwarze Perlenkette, dazu die passenden Perlenohrringe – in schwarz. Und um das Handgelenk lag ein Armreif, besetzt mit Perlen – schwarz. Er wollte damit spielen, wollte die Perlen drehen, gegeneinander klicken lassen. Doch er bremste sich. Eine falsche Berührung könnte ihm teuer zu stehen kommen.
»Sie vertragen nicht viel, Herr Kommissar, oder?«, suchte Adelheid den Blickkontakt.
»Gideon, bitte«, bat er charmant, wie er fand.
»Gi-de-on«, repetierte sie, jede Silbe lasziv betonend.
Gideon reagierte auf jeden einzelnen Hauch mit einem Beben. Trotz der fesselnden Darbietung überkam ihn Müdigkeit. Er hielt die Hand vor den Mund, um ein Gähnen zu kaschieren, was sie natürlich aufschnappte.
»Ich wünsche Ihnen noch eine angenehme Nacht, Gideon.«
Gideon blinzelte mit glasigen Pupillen und konnte keinen Punkt fixieren. Sein Kopf wackelte hin und her. Debil klappte sein Unterkiefer nach unten.
»Sie brauchen etwas frische Luft, würde ich sagen.« Sie erhob sich wie Phoenix aus der Asche. Ihre ausgestreckte Hand lud Gideon zu einem kleinen Nachtspaziergang ein.
Schwerfällig nahm er die Einladung an, auch wenn er ihre Hand erst beim dritten Versuch ergreifen konnte.
Vor der Tür musste er sich gegen die Hauswand stützen. Alles kreiste, kreischte und drehte sich. Wenigstens war ihm nicht schlecht. Noch nicht.
»Kommen Sie gut nach Hause.« Adelheid gab ihm einen ausgiebigen, feuchten Kuss auf die Wange, die nicht nur wegen der niedrigen Außentemperatur errötete. Dann verschwand sie im Nachtklub Zum Mond.
Von seinem Wanken belustigt, passierten Gideon Nachtschwärmer auf der Suche nach der nächsten Vergnügungsdestination. Er rutschte an der Hauswand hinab und setzte sich auf seinen Hintern. Neben ihm stand der Portier. Gideon hörte, wie dieser etwas sagte, konnte es allerdings nicht verstehen. Der Kopfkreisel nahm an Geschwindigkeit auf. Kurzerhand steckte er sich den Finger in den Mund. Wenn er nicht so betrunken gewesen wäre, hätte ihn der Schuhputzfimmel gepackt. Aber unter diesen Umständen stieg er über Umwege ins Polizeifahrzeug und verließ den Nachtklub samt Portier, der mit besudelten Schuhen fluchend zurückgelassen wurde.
Im Schleichtempo und mit Schlängellinien erreichte er sein Revier am Stadtrand. Er verzichtete auf die markierten Parkbuchten und stellte das Fahrzeug genau vor der Eingangstür ab. Den Schlüssel warf er auf den Tresen. Schumann schaute auf.
»Voss, du meine Güte! Bist du besoffen?«
Voss hielt sich am Tresen fest. »Kannst du einparken?«, lallte er, nach draußen nickend.
Schnell nahm Schumann den Autoschlüssel entgegen. »Ist was kaputt?«
»Nein!«, echauffierte sich Voss grinsend. »Unfall!«
»Was?«, schimpfte der Schutzpolizist mit den Hosenträgern.
»Unfall! Es war ein Unfall!«, rief Voss, mit seiner Konstitution ringend.
Schumann hüpfte vom Stuhl und trabte zur Tür, wo er zum zwischengeparkten Dienstfahrzeug schaute, was offensichtlich nicht beschädigt war. Erleichtert packte er Voss am Arm und schleifte ihn die Treppe hinunter in den Keller.
»Du bist im Dienst, Voss!« Immer wieder drehte sich Schumann nach hinten, um andere Kollegen frühzeitig zu bemerken. Erst im Keller lockerte er den Griff. »Was du brauchst, ist eine kalte Dusche.«
Voss schüttelte sich. »Spinnst du?« Kaum noch Herr seiner Muskeln versuchte er sich zu wehren, doch der grobschlächtige Schumann, der mindestens drei Konfektionsgrößen mehr benötigte, zerrte ihn in den Gemeinschaftswaschraum, riss Jacke und Holster vom Kommissar, drehte den Hahn auf und stellte Voss in Klamotten unter den eisigen Wasserstrahl.
»Für meine Uniformjacke«, rächte sich Schumann. Die behäbigen Fluchtversuche vereitelte er mit körperlicher Präsenz. Irgendwann ergab sich Voss und plumpste zu Boden. Das neuerlich Erbrochene wurde weggespült. Erst als er jämmerlich zitterte und das Echo seiner aufeinander klappernden Zahnreihen durch den gefliesten Waschraum klackerte, drehte Schumann den Hahn wieder zu.
»Wie geht es dir?«
Voss knurrte halblaut. Sein böser Blick durchbohrte den Kollegen der Schupo. Die Pomade war ausgewaschen. Seine Haare hingen tropfend nach unten, zu allen Seiten.
»Hast du trockene Wechselkleidung?«
Voss zeigte auf seinen durchweichten Anzug. »Ich habe davon keine zweite Garnitur hier.«
»Dann solltest du dir eine zulegen«, feixte Schumann. Er deutete auf das Kleiderlager neben den angrenzenden Spindreihen. »Wenn es dich nicht stört, kannst du eine Uniform anziehen.«
Voss schlurfte mit Schaftstiefeln, Schutzpolizeihose und seiner geretteten Jacke erschöpft die Treppe vom Keller zum Erdgeschoss hoch, wo ihn Schumann hinter dem Tresen bereits erwartete.
»Hab den Wagen weggefahren«, schmatzte dieser, mit einem Schokoladentaler im Mund. Er salutierte spaßeshalber im Sitzen, als Voss vorm Tresen ankam. »Wachtmeister!«
»Danke, Schubi!« Er meinte es ernst.
»Wenn ich in der Klemme stecke, erwarte ich dasselbe von dir«, schärfte er ihm ein.
Voss nickte. »Was ist mit der verbrannten Frau?«
Schumann warf ihm die Akte vor den Latz. »Das Wrack ist beseitigt. Die Tote ist weggeschafft. Die Fotos sind noch in der Entwicklung. Der Rest steht da drin.«
Der Kommissar blätterte die Akte durch. »Das ging aber schnell.«
Schumann zeigte ihm seine zehn Finger und bewegte sie wie die Beine einer flüchtenden Spinne. »Ich kann nicht schießen, aber die Schreibmaschine liegt mir zu Füßen.«
Wieder eine Gemeinsamkeit der beiden Nachtmenschen, die die Ordonnanzwaffe lediglich zur Schau trugen. Und ein möglicher Grund, warum der bullige Bulle den Nachtconcierge mimen durfte.
In dem Bericht stand, dass der herbeigeholte Bereitschaftsarzt den Tod festgestellt habe. Einen genaueren Befund erwarte man in den nächsten Tagen, wenn die Leiche obduziert wurde.
»Du hast eine Obduktion angeordnet?« Voss spitzte die Ohren, denn das bedeutete, dass man den Verdacht einer Fremdeinwirkung hegte. Mord.
Schumann schüttelte den Kopf. »Nicht ich, sondern Friedrich. Am Telefon bestand er darauf.« Er zuckte mit den Schultern. »Er wolle die Todesursache wissen, akademisch und nicht spekulativ.«
Kriminaloberrat Nikolaus Friedrich. Der Leiter des Reviers spielte sich mitunter auf, als wäre er Gott und das Revier am Stadtrand der Nabel der Welt. Voss hatte gottlob kaum Kontakt zu seinem Vorgesetzten. Kommuniziert wurde über schriftliche Nachrichten, die man sich gegenseitig auf den Tisch legte. Darin ging es meistens um die Vorkommnisse der Nachtschicht oder um Friedrichs Meinung zur Vorgehensweise seiner Mitarbeiter.
Voss überkam schon wieder Übelkeit. Diesmal allerdings im Zusammenhang mit der Obduktion. Sollte die Fremdeinwirkung nachgewiesen werden, müsste er den Tatort in seinem Gedächtnis rekonstruieren und die Ermittlungen auf die stümperhafte Beweissicherung der Schupo stützen. Selbst mit den Fotos würden ihm viele wichtige Details entgehen, weil die Streifenpolizisten wenig Ahnung von Ausleuchtung, Bildschärfe, Kontrast oder Bildbeleuchtung hatten.
Er schaute zu Schumann und legte die Akte auf den Stapel mit den offenen Bearbeitungen. Schumann konnte nichts dafür. Er war nur Laufbursche und Tippse.
»Was hat sich mit dem Nummernschild ergeben?«, fragte Schumann nach. Ein weiterer Taler verschwand im Mund. Aus Mitleid schnippte er Voss einen hin.
Voss steckte den Taler mit einem dankbaren Nicken ein. Sein Magen lehnte aber ab. »Der Wagen war gestohlen.«
Schumann fiel noch etwas dazu ein. »Wir haben den Wagen auf den Kopf gestellt und nichts gefunden. Absolut nichts. Als hätte ihn jemand präpariert.«
»Schubi«, erwiderte Voss, »du traust den Leuten zu viel zu. Wieso sollte sich jemand diese Mühe machen?«
»Die Frau hatte ja auch keine Dokumente dabei. Wir wissen nicht, wer sie war. Vielleicht eine Prominente oder die Gespielin eines Politikers?«
»Hast du ihr Kleid gesehen?«, warf Voss ein. »Eine Frau aus elitären Kreisen würde nie so einen Fummel tragen.«
Schumann legte sein Doppelkinn auf die aufgestellten Arme. »Du denkst, sie hat den Wagen gestohlen und dann einen Unfall gebaut? Für eine Diebin war sie merkwürdig gekleidet. Sah mir eher nach einer Dienstmagd aus.«
Die Nachwirkungen der Intoxikation zwangen Voss auf einen Stuhl. »Manchen Menschen sieht man die kriminellen Neigungen nicht an«, stellte er fest. »Plötzlich entpuppt sich der sittsamste Bürger als raubeiniger Verbrecher. Warten wir das Ergebnis der Obduktion ab.« Er verweigerte den nächsten Auswurf seines Mageninhaltes.
»Geh nach Hause, Voss«, schlug Schumann vor. »Mit dir kann man ohnehin nichts mehr anfangen. Wenn mich jemand fragt, bist du auf Patrouille, um Gefahrenschwerpunkte abzuklappern.«
Nachdem Gideon die Treppenstufen im Mietshaus überwunden hatte, enterte er endlich seine Dienstwohnung im dritten Stock. Kater Anubis begrüßte ihn mit schmalen Augen, denn Gideon betätigte den Lichtschalter. Er war früher als sonst von der Arbeit gekommen. Der Sonnenaufgang ließ auf sich warten. Der schwarze Kater mit den weißen Flecken an Brust, Bauch und im Gesicht humpelte durch die überschaubare Wohnung. Gideons getürmte Frau hatte diesen Streuner einst verwahrlost aufgelesen und aufgepäppelt. Das eine deformierte Vorderbein konnte sie aber nicht kurieren.
Gideons Hände begannen wieder zu brennen, da die Betäubung durch den Alkohol abebbte. Trotz der kalten Dusche im Revier überkamen ihn Erschöpfung und Müdigkeit. Die Konzentration, die nötig gewesen war, um das Fahrzeug einigermaßen sicher vom Nachtklub zum Polizeirevier zu manövrieren, hatte ihm viel abverlangt. Die nassen Sachen hing er im Badezimmer zur Trocknung auf. Seine schwarzen Anzugschuhe stopfte er mit altem Zeitungspapier aus. Etwas Milch füllte er in den Katzennapf. Dann legte er sich ins Bett.
Pünktlich um fünf Uhr abends ertönte ein einzelner Gong der Standuhr im Wohnzimmer. Da die Zimmertüren offenstanden, drang der Klang bis zu Gideon durch. Er öffnete die Augen. Durch die zugezogenen Fenster konnte man den Straßenlärm hören. Ratternde Automobile. Quietschende Schienenfahrzeuge. Menschen, die ausgelassen Konversation betrieben, weil sich der Arbeitstag dem Ende entgegen neigte und Einkäufe getätigt werden mussten. Irgendwo aus der Umgebung der Krach einer Baustelle, wo die letzten Handgriffe des Tages gemacht wurden, indem das Material für den nächsten Tag bereitgestellt wurde. Stahlträger platschten aufeinander. Steine wurden geschüttet. Wichtige Personen brüllten Anweisungen. Laute Motoren trieben Maschinen und Generatoren an, bis diese nacheinander abgestellt wurden und den Straßenzug für die anstehende Nacht vor weiteren Bodenvibrationen verschonten.
Anubis erhob sich gähnend von der Decke. Die Katze hatte sich einen kleinen, weichen Liegeplatz neben Gideon geschaffen. Ein paar Haare vom kurzen, schwarzen Fell blieben zurück auf dem Textil. Die Textur des Tieres hinterließ einen Abdruck. Er miaute einmal, als wollte er Gideon zum Aufstehen bewegen. Dieser gehorchte.
Im kompakten Badezimmer spulte Gideon die allabendliche Routine ab: Toilette, Körperwäsche, Rasur, Haarpomade. Durch die beengten Platzverhältnisse konnte er sich kaum um die eigene Achse drehen, ohne sich zu stoßen.
Frisch frisiert saß Gideon am Küchentisch und frühstückte, während andere zu Abend aßen. Ein paar Scheiben Wurst, die er sich mit Anubis teilte, der brav auf dem zweiten Stuhl hockte und sich immer aufrichtete, wenn Gideon ein Stückchen Fleisch reichte. Ein paar aufgeschlagene Eier, dazu Brot vom Vortag mit etwas Butter. Als sein Körper zu Kräften kam, spürte er das Pochen in seinen Handflächen. Einige Brandblasen waren abgeflacht und hatten sich auf gerötete Haut reduziert; andere füllten sich mit Flüssigkeit.
Mit dem Wissen, dass Anubis seinen Durst am tropfenden Wasserhahn im Badezimmer löschen und die lockere Pflanzenerde des großen, unbepflanzten Blumentopfes im Wohnzimmer für seine Geschäfte gebrauchen würde, machte sich Gideon auf den Weg zur nächsten Nachtschicht.
Obduktion
Mit dem Untergang der Sonne betrat Voss das Revier. Sein grauer Filzhut presste die pomadigen Haare in Form. Schumann hatte den Vorgänger noch nicht abgelöst, weshalb Voss zügig nach oben huschte. Die abschätzigen Blicke der Schupos genügten ihm. Er hatte kein Bedürfnis nach abfälligen Wortwechseln. Oben erwartete ihn die Tagschicht.
»Deine Verkohlte sorgt für Aufsehen!«
Kriminalkommissar Leopold Springer nahm die Füße vom Tisch, warf die Jacke über, was den bestückten Schulterholster bedeckte, und kam Voss entgegen. Springers Sommersprossen ähnelten Schrapnellen eines Artilleriegeschosses. Sie waren überall und unverkennbar.
»Friedrich kann den Obduktionsbericht kaum erwarten«, flachste Springer schadenfroh.
»Vorkommnisse?« Voss wollte die Übergabe schnell hinter sich bringen.
Springer legte seine Hand auf Voss’ Schulter. »Die Nachtschicht konnte nicht abgelöst werden, weil keiner da war, zum Ablösen.«
»Tut mir leid«, entschuldigte sich Voss. »Mir ging es nicht so gut.«
Springer grinste. »Die fette Pfeife von unten ist für dich eingesprungen.«
»Schumann?« Voss biss sich auf die Lippe. Jetzt hatte er dem gebrandmarkten Kind einen Namen gegeben. Gleichzeitig stellte er sich auf eine Stufe mit den Lästerschwestern der Kriminalabteilung, die die Patrouillenpolizei, wegen des Hangs zum Einsatz der umhängenden Trillerpfeife, als Pfeifen diskreditierten, weil er damit indirekt zu verstehen gab, dass er den Dysphemismus einzuordnen wusste.
Der abzulösende Kommissar nickte und suchte den Blickkontakt. »Die Nacht zu tief ins Glas geschaut?«
Voss blinzelte, um sich die passenden Worte zurechtzulegen. »Das Falsche gegessen.«
»Wieder der Chinese um die Ecke?« Springer schnalzte mit der Zunge. »Die Schlitzaugen vergiften uns mit ihrem Hundefraß. Diese Reisfresser sollen gefälligst in der Zirkusmanege bleiben.«
»Wie war der Tag?«, versuchte Voss den Rassisten aus dem Büro zu bekommen.
»Nichts«, winkte Springer ab. »Wie üblich. In unserem Bezirk herrscht tote Hose.« Er zeigte im Gehen auf den Nachtschichtler. »Morgen früh bist du da! Sonst muss ich dich bei Friedrich verpfeifen.« Er lachte angesichts der Anspielung auf den Ersatzmann Schumann, den er als Pfeife beschimpft hatte. »Ach, ein Kurier hat was für dich abgegeben«, verabschiedete er sich, mit hüpfenden Augenbrauen und einem schelmischen Schmunzeln.
Voss wartete noch einen Augenblick, bis Springers arrogante Brunft gegenüber den Kollegen von der Knüppelbrigade im Erdgeschoss verhallt war, bevor er sich seinen Arbeitsplatz respektive Aufenthaltsplatz herrichtete. Vor allem seine Schuhe benötigten nach der unfreiwilligen Dusche der letzten Schicht Zuneigung. Aber zuerst widmete er sich der Postsendung.
Ein kleines Schildchen benannte den Empfänger: Für Kommissar Voss. Die geschwungene Schrift schmeichelte seinem Augenlicht. Er hatte eine Vermutung zum Absender. Vielleicht interpretierte er zu viel hinein, aber die besondere Sorgfalt in der Federkielführung musste etwas bedeuten. Er lachte, genau wie sein Herz. Unter dem Geschenkpapier versteckte sich eine flache Dose mit der Salbe, die ihm Adelheid auf die Handinnenflächen geschmiert hatte, um die Wundheilung der Brandverletzungen zu beschleunigen. Sofort fühlte er sich zurückversetzt, sah sie vor seinem inneren Auge, roch ihren Kirschblütenduft und spürte ihre samtweiche Seidenhaut. Gideon schaute zur großen Uhr an der Wand. Ein paar Stunden musste er noch absitzen, aber für das aufmerksame Präsent wollte er sich unbedingt persönlich bedanken.
Gedankenversunken wendete er das Präparat an. Dabei hoffte er, dass der Telefonapparat schwieg, wie er es sonst auch immer tat. Den Hörer hätte er nicht halten können. Er wäre ihm weggeflutscht.
Da er vergessen hatte, die Schokoladentaler aufzufüllen, beeilte er sich mit der Schuhpflege. Auch weil ihm Adelheid nicht aus dem Kopf ging. Gideon konnte sich nur schwer darauf konzentrieren zu wichsen.
Es rumpelte auf der Treppe. Schumann stemmte sich Stufe um Stufe nach oben. In seiner Hand ruhte ein Dokument, gedeckt von einer Akte. Er wedelte mit dem Verbund.
»Voss!«, schnaufte er aufgeregt. »Das kam mit der letzten Fahrzeugstreife vom Tagdienst.«
Voss hatte eine miese Vorahnung. Wieso war jeder nur so schnell?
Um Luft ringend setzte Schumann sich. Das Dokument legte er zusammen mit der Akte auf den Schreibtisch. Der frisch eingetrudelte Brief lag obenauf, mit der Vorderseite zu Voss gedreht.
»Der Obduktionsbericht«, murmelte Voss, die Zeilen überfliegend, was seine Vorahnung bestätigte. Die Frau sei nicht durch die mechanische Einwirkung beim Unfall gestorben, da die Wirbelsäule an keiner Stelle gestaucht wäre. Sie sei auch nicht durch das Feuer gestorben, weil ihre Lunge noch frei von Rauchpartikeln wäre. Zudem war sie Nichtraucherin. Der Mediziner kam zu dem Schluss, dass die Frau verblutet sein musste. Ihr fehlte eine essentielle Menge an Blut. Er habe zwei Einstichstellen an der Innenseite des Oberschenkels gefunden, wo die arteria femoralis verlaufe. Vermutlich habe sie darüber den Lebenssaft verloren.
»Der Arzt hat sie zerlegt«, sagte Schumann fasziniert. »Sie soll verblutet sein, aber im Auto waren keine Blutspuren. Und sie war Nichtraucherin, hatte aber trotzdem Zigaretten dabei und sich eine angezündet.«
Nachdenklich legte Voss das Blatt beiseite, dass die zugehörige Akte zum Unfall bedeckt hatte. »Hat das noch jemand gesehen?«, deutete er auf den Bericht.
»Die Streife hat ihn auf ihrer Postroute mitgenommen. Ich habe den Stapel gerade unten sortiert. Nur wir und der Arzt«, versicherte Schumann. »Wurde sie ermordet?«, flüsterte er, denn er kannte den Inhalt, den er auf dem Weg vom Erdgeschoss in den ersten Stock gelesen hatte.
»Sie könnte auch die Luft angehalten haben«, riet Voss, selbst nicht überzeugt. Warum sollte sich die Nichtraucherin vor Schreck eine Zigarette nach einem glimpflich ausgegangenen Unfall anzünden, wenn sie dann furchtlos die Luft anhielte, als ihr die Flammen ins Gesicht schlugen? Seine Theorie wackelte gehörig. Eine Erklärung für das fehlende Blut hatte er auch nicht. Mit seiner Taschenlampe hatte er das Fahrzeug abgesucht und ebenfalls keinen einzigen Blutspritzer gefunden. Nur Benzinspritzer.
Schumann nickte zur Akte. »Der Unfallbericht und die Fotos. Ich hoffe, du kannst damit was anfangen.«
Voss blies Luft in die Wangen. Wenn herauskäme, dass er als erster am Tatort einen möglicherweise vertuschten Mord nicht als inszeniert entlarvt, sondern als unglücklichen Unfall an die Schupo abgeschoben hatte, würde ihm Friedrich die Ohren langziehen und Schlimmeres.
»Ich setze mich mit Friedrich in Verbindung«, schickte er Schumann nach unten, mit der Bewegung zum Telefonapparat.
»Ich kann dich fahren, wenn du wohin musst«, bot Schumann an, wie ein Fisch, der angebissen hatte. »Bisher gab es noch keine Vermisstenanzeige«, schob er nach, schon auf der Treppe nach unten.
Als Schumann auf der Treppe verschwunden war, nahm Voss die Hand vom Hörer des Telefonapparates. Er hatte nie vorgehabt, seinen Vorgesetzten zu informieren, der um diese Zeit mit der Gabel in der guten Hausmannskost der Ehefrau stocherte. Er musste sich lediglich Zeit verschaffen. Auch wenn er Schubi ungern vor den Kopf stoßen wollte.
Gut, dass er seine Schuhe schon geputzt hatte. Diese Nacht würde er nicht mehr dazu kommen. Er schlug die Akte auf. Hinter Schumanns Bericht waren die Fotos einsortiert. Schwarzweiß. Unscharf. Eins von der auf der Straße liegenden, halbverbrannten Frau von schräg oben. Eins vom gegen die Litfaßsäule gekrachten Fahrzeug von der Seite. Eine Übersichtsaufnahme vom Unfallort, die durch die schlechte Beleuchtung und Belichtung nur ein Potpourri aus dunkelfarbigen Akzenten war. Unbrauchbar.
Er ärgerte sich über sein schludriges Vorgehen, das ihm im Nachgang das Genick brechen könnte. Friedrich hatte sich bereits eingeschaltet und eine Obduktion angeordnet. Voss konnte ihm den Bericht nicht vorenthalten, ohne die eigene Nachlässigkeit zu offenbaren. Seine Augen glitten zum Bericht: Identität unbekannt. Derartige Fälle gab es dutzendfach im Archiv. Und dieser Doktor verfasste all seine Berichte handschriftlich. Meistens waren einzelne Wörter durchgestrichen. Der berufene Akademiker machte sich nicht die Mühe, den Bericht neu zu schreiben, wenn er Ausbesserungen vornahm. Voss kam ein abwegiger Gedanke. Er müsste nur einen Bericht über eine unbekannte, verbrannte Frauenleiche finden und das Datum anpassen.
Bevor er tiefer in den unmoralischen Morast rutschte, schaute er sich Schumanns Dokumentation an. Sachlich hatte dieser beschrieben, was am Unfallort vorgefunden wurde. Praktischerweise hatte er Voss’ Geschichte übernommen, allerdings mit dem Hinweis der ausstehenden Obduktionsergebnisse. Dummerweise stand auch der Verweis darin, dass das Fahrzeug gestohlen sein könnte, wonach wiederum vermerkt wurde, dass man auf die Bestätigung durch das zuständige Revier in der Innenstadt wartete.
Voss bekam Kopfschmerzen. Die Verflechtungen überstiegen sein zerebrales Kombinationsvermögen. Seine schwitzenden Unterarme hinterließen Flecken auf dem Schreibtisch. Zu dem Austausch des Obduktionsberichtes musste er auch noch den Diebstahl einbinden und die Tote verschwinden lassen, ehe sich die Wege von Friedrich und dem Bereitschaftsarzt kreuzten. Außerdem konnte er die vier Kollegen nicht einschätzen, die nach ihm eingetroffen waren und auf sein Kommando den Unfallort abgesichert hatten. Wenn auch nur einer von denen so viel Interesse zeigte wie Schumann, hätte er zwei Fische am Haken und sie würden ihn samt Angel ins Wasser ziehen, wo er ersaufen würde.
Mittlerweile war die Salbe komplett eingetrocknet, genauso wie sein Rachen. Er lief zum Wasserspender, einem Abzweig aus dem Rohrleitungssystem mit Wasserhahn, und gönnte sich mehrere Schlucke. Es schmeckte abgestanden, metallisch und steinig. Aber sein Durst wurde gezügelt.
Mit neuem Mut rekapitulierte er die Situation. Der Fall schrie regelrecht nach Mord. So gut wie alles deutete daraufhin. Und er würde diesen Mord auch aufklären, und erst im Nachhinein eins auf den Deckel kriegen. Aber bis dahin musste er den Mord als Unfall tarnen, damit er nicht direkt unehrenhaft vor die Tür gesetzt werden würde. Ein aufgeklärter Mord bedeutete enormes Renommee, weil die Aufklärungsrate sehr niedrig lag. Friedrich würde sich mit diesen Federn schmücken und sein Revier in den Himmel loben. Voss’ umstrittene Methoden wären dann sekundär, würden sogar vielleicht unter den Tisch gekehrt werden, wahrscheinlich von Friedrich persönlich.
»Schubi!«, holte Voss den Schutzpolizisten unten hinterm Tresen aus einem Nickerchen. »Ich muss mal ins Archiv.«
Schumann rieb sich das Gesicht. »War es nun Mord?«
Voss lehnte sich über den Tresen und wisperte, »Wenn wir es als Mord deklarieren, haben wir bei Sonnenaufgang Friedrich und die Presse am Hals. Ich kann darauf verzichten.«
»Ich auch«, erwiderte Schumann angewidert. »Aber du ermittelst?«
»Inoffiziell«, bejahte Voss. »Aber zu keinem ein Wort!«
Schumann nickte, während er den Schlüssel zum Archiv an seinem großen Schlüsselbund suchte. »Was brauchst du?«
Er wollte schon aufstehen, aber Voss drückte ihn sanft auf den Stuhl zurück. »Nur den Schlüssel. Ich will dich da nicht mit reinziehen, Schubi.«
Neugier wurde geweckt. Ein Feuer wurde entfesselt. Schumanns Augen leuchteten. »Aber du hältst mich auf dem Laufenden? Und wenn du Hilfe brauchst, kannst du jederzeit auf mich zählen.«
»Das weiß ich«, äußerte sich Voss anerkennend.
Er schloss die Tür zum Archiv hinter sich ab. Der staubige Raum war gefüllt mit einigen Reihen an schulterhohen Aktenschränken, geordnet nach Jahren. Jedes Schubfach für sich war noch einmal nach Monat und Tag strukturiert. Kerben in den einzelnen Akten präzisierten die Art des Verbrechens. Ein Mord hatte zum Beispiel fünf Kerben, Brandstiftung vier. Ein Raub, egal ob eine Person oder ein Gegenstand, hatte drei Kerben, Sachbeschädigung und Körperverletzung zwei. Eine Beleidigung kam mit einer Kerbe aus. Aufruhr oder Steuerbetrug erhielten keine Kerbe.
Voss wusste nicht, wo er anfangen sollte. Die hier gelagerten Akten betrafen nur den Randbezirk des Reviers. An eine verbrannte Frauenleiche, die nicht identifiziert wurde, konnte er sich nicht erinnern. Er kramte in den Erinnerungen seiner Zeit bei der Schutzpolizei. Es gab Brandopfer, allerdings meistens im Zusammenhang mit Brandstiftung oder außer Kontrolle geratenen Nutzfeuern zum Kochen oder der Wärmegewinnung. Alle Opfer konnten durch Angehörige oder den Wohnort benannt werden. Auf gut Glück begann er mit den Aufzeichnungen der letzten Jahre und suchte dabei nach vier Kerben, für Brandstiftung. Das war die passende Einordnung für den Zwischenfall, den er für ein paar Tage als Unfall verkaufen musste. Er durchwühlte die Akten. Sein erster Blick ging nach oben links, wo die Identität geschrieben stand. Bei den Unbekannten suchte er dann nach dem Ereignis. Unfall musste irgendwo stehen, am besten im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr. Da sich der Doktor auf die Opfer beschränkte, wiesen die Obduktionsberichte kaum Querverweise zum Unfallgeschehen auf. Das spielte Voss in die Karten.
Schließlich fand er eine zerschlissene Akte, die fünf Jahre alt war. Vier Kerben. Eine unbekannte Frau starb an den Folgen von Brandverletzungen. Korpus und Gesicht waren gar. Sie hatte sich aus ihrem brennenden Haus gestürzt, mutmaßlich eigenhändig gezündelt. Voss erinnerte sich. Damals war er noch Schutzpolizist und erfuhr erst später davon in der Zeitung. Er selbst schleppte sich zu diesem Zeitpunkt mit zerschossenem Rücken vom Sessel zum Klo und wieder zurück. Seine Frau war da noch bei ihm gewesen, wenn auch distanziert. Ihre liebevolle Fürsorge war wohl eine wirre Einbildung gewesen, die ihm die Schmerzmittel vorgaukelten.
Die Tote aus der Akte hatte einen Genickbruch erlitten. Er überlegte. Könnte sich jemand bei einem Autounfall einen Genickbruch zuziehen und erst ein paar Minuten später daran sterben, wenn sich dieser jemand eine Zigarette anzündet, um den Schock zu verdauen, ohne zu merken, dass überall Benzin an der Kleidung haftet? Klang für ihn plausibel, zumindest für den flüchtigen Blick von Friedrich, der medizinisch überhaupt nicht bewandert war. Die rußfreie Lungenthematik durfte allerdings nicht zur Sprache kommen, denn die Tote aus der Akte war pulmonal schwarz wie Teer.
Überflüssigerweise blickte er über die Schulter, um die verschlossene Tür in Augenschein zu nehmen. Den Obduktionsbericht nahm er heraus und steckte die Akte zurück. Sollte irgendwann irgendjemand auf die Idee kommen, hier eine Schmökerstunde abzuhalten, würde der fehlende Bericht mit schlampiger Archivierung begründet werden.
Bei Schumann händigte er den geliehenen Schlüssel aus.
»Was gefunden?«, fragte dieser vorwitzig nach.
Voss wippte mit den Schultern. »Nicht wirklich. Aber, ich denke, ich habe eine Spur.« Er musste den Kameraden an der Nase herumführen, um ihn nicht in den perfiden Plan hineinzuziehen.
Ein breites Grinsen legte sich auf das Gesicht des Wachmannes. »Ein Serientäter?«, nickte er zum Archiv. »Gibt es ein übereinstimmendes Muster in der Vergangenheit?«
Voss lachte vorsichtig. »Du wärst ein guter Kriminalist, Schubi.«
Enttäuschung machte sich breit. »Mir fehlt das Studium. Beide Seiten würden mich auslachen. Die einen, weil ich zu dumm bin. Die anderen, weil ich gewechselt habe. Schumann, bleib bei deinem Leisten.«
Voss dachte an Leopold Springer, diesen ignoranten, eingebildeten Rassisten. Schumann wäre willkommenes Kanonenfutter für dessen Spießrutenlauf. Und Voss dachte an sein eigenes fehlendes Studium und die Fügung, die ihn zum Däumchen drehenden Kommissariat gebracht hatte.
»Gib Nichts auf das, was die Leute denken oder sagen. Du bist immerhin der allnächtliche Herr dieses Polizeireviers.«
»Im Neunten Bezirk, am Stadtrand. Mit dem geringsten Aufkommen an Straftaten.« Schumann wickelte einen Schokotaler aus und verschlang ihn. »Auch einen?«, bot er an.
»Nein, danke! Hab noch viel zu tun.« Voss klopfte mit dem Fingernagel auf den Tresen. »Sag mal, wurde die Tote schon eingeäschert?«
»Nö«, antwortete Schumann mit dem Taler im Mund. Bevor er weitersprach, schluckte er die Köstlichkeit hinunter. »Die liegt jetzt ein paar Tage auf Eis. Wenn sich niemand meldet, der sie vermisst oder identifizieren kann und es weiterhin als Unfall abgestempelt ist, wird sie nächste Woche eingeäschert. Bei einer Mordermittlung darfst du dir die Leiche aber genauer anschauen, zusammen mit dem Arzt und wahrscheinlich Friedrich.«
»Ich weiß«, grummelte Voss zerknirscht. Dann wäre er am Arsch. Ihm kam eine Idee, wie er die Tote schneller in den Ofen bekam. Er schalt sich für seine Niederträchtigkeit. Doch es blieb ihm keine andere Wahl.
»Hast du die Adresse vom Doktor? Ich habe nur seine Telefonnummer.«
Schumann zog die Augen zusammen. »Willst du ihn aus dem Bett hauen?« Er blätterte nebenbei in der Kartei.
»Ich muss ihm ein paar Fragen stellen.«
»Mitten in der Nacht? Kann das nicht bis morgen früh warten?« Er hatte die Adresse gefunden und legte die Karteikarte auf den Tresen.
»Meine Schicht ist nun mal nachts. Und ich ermittle in meinem Fall. Danke, Schubi!« Voss steckte das Adresskärtchen ein.
»Die brauch ich wieder«, bläute Schumann ein.
Zurück an seinem Schreibtisch platzierte Voss die beiden Obduktionsberichte nebeneinander. Obwohl fünf Jahre zwischen beiden lagen, hatte sich die Handschrift des Doktors kaum verändert. Friedrich würde der Unterschied nicht auffallen. Voss zückte einen Füllfederhalter und testete auf einem Schmierblatt Linienstärke sowie Intensität der schwarzen Farbe. Er erkannte, dass die Schrift des alten Berichtes mit der Zeit ausgeblichen war, im Gegensatz zum aktuellen Bericht. Das würde dem Bürokraten Friedrich auffallen. Auch der Zustand des vergilbten, fleckigen Papiers machte den zeitlichen Abstand deutlich. Voss’ Plan schien zum Scheitern verurteilt zu sein.
Er massierte seine Schläfen. Grübelnd kreiste er mit den Daumen darüber. Nach einer Weile schob er ein weißes Blatt Papier unter das fünf Jahre alte Dokument und zeichnete mit dem Füllfederhalter die ersten Linien des Arztstempels nach. Er drückte stärker auf als man es müsste. Wie er die Rundungen des Stempels abgefahren war, kontrollierte er das Ergebnis. Der schwache Abdruck auf dem neuen Papier war gut sichtbar. Er müsste lediglich das Abgepauste säuberlich nachzeichnen. Viel Arbeit, aber notwendig.
Als er fertig war, streckte er sich und vor allem seinen Arm samt der beanspruchten Hand. Er hatte den Obduktionsbericht soweit abgepaust und nachgezeichnet. Es sah aus wie ein originales Schreiben vom Arzt. Das Datum hatte Voss ausgelassen. Mittlerweile war er vertraut mit den Eigenheiten der Handschrift. Er übte kurz auf dem Schmierpapier, bevor er das aktuelle Datum kritzelte. Die beiden ursprünglichen Obduktionsberichte riss er in kleine Einzelteile, wonach er sie in den Müll warf, zu den goldenen Verpackungen der verspeisten Schokoladentaler der letzten Schicht. Damit war der erste Punkt abgehakt. Die Frau starb durch einen vom Aufprall verursachten Genickbruch ein paar Minuten nach dem Unfall, als sie sich eine Zigarette anzündete, um den Schock zu verdauen, wobei sie durch das Benzin auf ihr in Flammen aufging, was sie vermutlich nicht mehr mitbekam, denn die gebrochenen Halswirbel kappten die Verbindung bei der ruckartigen Fluchtbewegung. Schrecklicher, unausweichlicher Tod.
Er nahm den Hörer von der Gabel und bediente die Wählscheibe. Ein Verbindungsrauschen begleitete die Warterei. Ein Kriminalkommissar vom, für den Nachtklub Zum Mond zuständigen, Revier in der Innenstadt meldete sich.
»Gideon Voss vom Neunten Revier. Wurde Ihnen in den letzten 24 Stunden ein Autodiebstahl gemeldet?«
Der Angerufene redete, schwieg und redete weiter. Anscheinend wurden einige gemeldet.
»Peter Plogojowitz ist der Fahrzeughalter«, ergänzte Voss. »Ich buchstabiere: Paula, Ludwig, Otto, Gustav, Otto, Julius, Otto, Wilhelm, Ida, Theodor, Zeppelin.«
Am anderen Ende der Leitung hörte man Gelächter. Auch Voss musste kichern.
»Ja, das sind viele Ottos.«
Kurz darauf verdüsterte sich seine Miene wieder. »Nicht? Hm, komisch. Gut, vielen Dank und einen ruhigen Dienst!«
Voss legte auf. Plogojowitz hatte natürlich keine Meldung gemacht. Aber da sich der Kommissar sowieso bei Adelheid für die Salbe bedanken und sie für eine kleine List benutzen wollte, konnte er Plogojowitz gleich zur Rede stellen.
Der Nachtklub Zum Mond war, wie immer, gut besucht. Zielstrebig wanderte Voss zur Bar. Den Portier hatte er wieder mit der autoritären Nummer kompromittiert, vorrangig mit der Pistole am Oberschenkel. Im Klub konnte Voss weder Adelheid noch Plogojowitz ausmachen. Er lupfte dafür sogar die Hutkrempe seines grauen Filzhutes nach oben.
»Peter Plogojowitz«, hielt er der Kellnerin an der Bar seine Polizeimarke hin. Zuerst die Arbeit mit Peter, dann das Vergnügen, und etwas Arbeit, mit Adelheid.
Die Frau schüttelte den Kopf vor lauter Unverständnis.
»Chef!«, rief Voss gegen die musikalische Untermalung, was die Frau plötzlich verstand. Sie zeigte nach hinten zu einer unauffälligen Tür.
Voss nickte ihr zu und ging nach hinten. Verschiedene Männer im Nadelstreifenanzug wollten sich ihm in den Weg stellen, aber seine Marke und die offen getragene Pistole verschafften ihm einen Durchgang. Er konnte das warnende Brummen der Männer vernehmen, ließ sich aber nicht einschüchtern.
Er hämmerte gegen die Tür. Adelheid öffnete. Sein Herz blieb für einen Moment stehen. Nachfolgend raste es wie verrückt. Er nahm den Hut ab.
»Gideon«, stieß Adelheid überrascht aus. »Ich hätte dich nicht so schnell wiedererwartet.« Ihre schwarzen Augen durchbohrten ihn. »Hast du mein Geschenk erhalten?«, musterte sie seine Hände.
»Ja, danke dafür«, stammelte Gideon. »Ist Plogojowitz da?«
»Nein«, entgegnete Adelheid mit einem Hauch Verlangen.
»Können wir reden?« Hinter ihm spürte er die Augenpaare der Sicherheitskräfte im Nadelstreifenanzug. Adelheid winkte ihn herein in den mager beleuchteten Raum und schloss die Tür.
Das alte Sofa und der schiefe Tisch mit dem verratzten Tresor daneben kontrastierten die Aufmachung des edlen Klubs auf eine schräge Weise. Licht und Schatten. Gold und Ramsch. Dumpf erklang die Musik.
Adelheid setzte sich auf das Sofa und überschlug ihre Beine. Das Kleid spannte sich. Neben ihr war noch Platz für einen Mann. Sie legte den Arm auf die Rückenlehne der vakanten Stelle, was Gideon nötigte, sich genau dorthin zu bequemen. Ihre schwarzen, spitz gefeilten Fingernägel kraulten seinen Nacken. Er vermied es, sie plump anzustarren, denn er hätte nichts anderes gemacht, wenn er zu ihr geschaut hätte.
»Das gestohlene Fahrzeug wurde nicht gemeldet«, begann Gideon, sich am Riemen reißend.
Ihr schwarzer Bubikopf näherte sich seinem Ohr. »Ich konnte nur an dich denken, Gideon.« Sie berührte sein Bein mit der freien Hand. Ihr Kirschblütenduft strömte ihm in die Nase und vernebelte seine Sinne.
»Adelheid!«, ermahnte er sie, um selbst wieder in die Spur finden. »Ihr müsst den Diebstahl unbedingt melden!« Er wandte sich zu ihr, wo er verfolgte, wie ihre Zunge über die gespitzten Schneidezähne in der oberen Zahnreihe fuhr. Ihre blasse Haut schien zu leuchten.
»Dann melde ich es jetzt bei Ihnen, Herr Kommissar.« Mit dem Finger streifte sie von seinem Bein über das Becken, den Bauch und die Brust an seinen Hals. Dort erhöhte sie den Druck des spitzen Fingernagels, der sich zaghaft in seine Haut drückte.
Gideon wurde bald wahnsinnig. Ungeheure Hitze strahlte aus seinem Schritt nach oben. »Ich bin nicht zuständig«, musste er eingestehen. »Die Meldung muss im Revier gemacht werden, das für den Stadtteil des Halters zuständig ist – in diesem Fall im Ersten Revier.«
»Kompliziert«, schüttelte Adelheid ihr Haupt.
Gideon beobachtete den Schwung ihrer Haare hypnotisiert.
»Ihr tut euch keinen Gefallen damit«, insistierte er drucklos. Diese Frau konnte alles mit ihm machen. Er sehnte sich regelrecht danach.
»Apropos Gefallen«, warf sie ein. »Wie laufen die Ermittlungen?«
»Auch deshalb bin ich hier. Die Obduktion der Leiche war uneindeutig. Die fehlende Anzeige des Autodiebstahls macht Plogojowitz verdächtig, weil er der Halter ist.«
»Uneindeutig?«, hauchte Adelheid ganz dicht an seinem Hals, wo ihr Fingernagel ein Fadenkreuz skizzierte. Ihr warmer Atem markierte die Stelle.
Gideon schluckte. Einerseits weil er nicht zu viel verraten durfte. Andererseits weil er ihr schutzlos ausgeliefert war. Im Affekt schaute er auf seine Waffe, auch wenn er nicht wusste, warum er das tat. Eingeübte Polizistenmasche.
»Anscheinend ist die Tote verblutet«, flüsterte er. »Vor dem Unfall.«
Adelheid schmunzelte. Sie atmete noch immer dicht an seinem Hals. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter. »Also doch ein Mord?«
»Das versuche ich auszuschließen.« Hätte er sich rühren können, hätte er sich gegen die Stirn geschlagen. Diese Frau, die er kaum kannte, entlockte ihm einfach zu viel. Seine Hände lagen schweißgebadet auf seinen Oberschenkeln, nicht imstande zu einer Bewegung. Lust lähmte ihn. Selbst die Brandblasen schwiegen.
»Wenn es dir hilft: ich bin von Peter bevollmächtigt«, gestand sie. »Ich kann ihn vertreten und den Diebstahl melden.«
Seine Augen rollten in den Winkel, um sie zu erfassen. »Warum habt ihr das nicht schon längst erledigt?«
»Wir wollten es nicht an die große Glocke hängen. Peters Reputation würde leiden. Er lebt für den Klub; der Klub ist sein Kind. Wir können uns keinen derartigen Vorfall erlauben.«
»Es ist nur ein Diebstahl.« Gideon verstand die Zurückhaltung nicht.
»Jeder Kontakt mit der Polizei macht das Geschäft kaputt.« Sie setzte sich auf, um ihm in die Augen zu schauen. »Unsere Klientel rekrutiert sich aus allen Schichten der Gesellschaft. Dazu zählt auch die verrufene Schicht.«
Gideon zeigte zur Tür, die in den Klub führte. »Aber der Saal ist doch gut besucht.«
»Weil wir den Gästen ein sicheres Umfeld bieten, frei von Polizei. Die Hälfte da drinnen könntest du festnehmen, weil sie eine Vorstrafenakte hat und bewaffnet ist. Hinzu kommt der Alkohol und die nackte Haut.«
Die geheimen Durchgänge an der Seite waren Gideon aufgefallen. Hinter dicken Vorhängen gab es Türen. Während seiner Verköstigung vergangene Nacht hatte er einige Herren in Begleitung attraktiver Damen verschwinden sehen. Die unsittlichen Berührungen waren auffällig gewesen. Was in den versteckten Zimmern geschah, musste er sich nicht erst ausmalen.
»Du bist sehr freizügig, was eure Praktiken angeht«, stellte Gideon fest.
»Ich will mich nur revanchieren.« Ihr Fuß streifte seinen Unterschenkel. Jede Berührung löste ein Erdbeben in ihm aus. »Und ich muss dir etwas gestehen.« Sie blickte nach unten und zog ihre Schultern nach vorn. »Eine Kellnerin ist verschwunden.«
Gideon stockte das Blut. »Bist du dir sicher?«
Adelheid stand auf, ging zum Schreibtisch, holte ein Ausweisdokument und reichte es dem Kommissar, der es im fahlen Licht betrachtete.
»Magda Trumna«, begleitete sie die skeptische Bemusterung, »Arbeitsimmigrant. Kam vor etwa einem Jahr. Ist seit gestern Nacht verschwunden. Ich nehme den Mädchen die Papiere ab, damit sie nicht wegrennen und unsere Gäste in die Bredouille bringen. Einige erkaufte Handlungen sind«, sie überlegte, »verabscheuungswürdig. Aber das gehört zum Nachtleben wie die Sterne zum Nachthimmel.«
Voss sah auf. »Was müssen die Mädchen über sich ergehen lassen?« Er fragte sich, weshalb ihm die Dame, die bei ihm Herzrasen verursachte, alles so freimütig erzählte. Wollte sie ihn an der Nase herumführen? Wollte sie etwas verbergen? Wollte sie kleinere Delikte offenbaren, um ein grausames Verbrechen zu vertuschen?
Adelheid lächelte kokett und deutete einen Knicks an. »Das Geschäft ist hart«, wich sie aus. »Wir können nur überleben, wenn wir etwas bieten, das sonst keiner bieten kann: keine Grenzen und absolute Diskretion.«
»Und das geht nur mit Illegalen?«, er hielt das Ausweisdokument hoch und tippte auf den fehlenden Stempel beim Aufenthaltsvisum. Gleich daneben fehlte auch der Stempel bei der Einreisekontrolle. Er könnte Adelheid ohne weiteres in Handschellen legen und in ein dunkles Loch werfen. Er sah das aufmüpfige Funkeln in ihren Augen, das gleichzeitig Gier ausstrahlte.
»Wir geben den Mädchen Kost und Logis«, rechtfertigte Adelheid. »Unter unserem Dach sind sie sicher.«
»Auch sicher vor dem Tod?«, hakte Voss scharf nach.
Sie fixierte ihn. »Was willst du damit andeuten?«
»Wenn ich ins Blaue raten sollte, würde ich sagen, dass eine unsittliche Handlung übers Ziel hinausgeschossen ist, das Mädchen verblutete und entsorgt wurde, was wie ein Unfall arrangiert war.«
»Hatte das Mädchen Striemen am Körper, Würgemale, Blutergüsse?«, konterte sie, wobei sie ihre Arme in die Seite stemmte. Die Hüfte schob sie leicht zur Seite.
Gideon ruderte zurück, da nichts davon im originalen Obduktionsbericht erwähnt wurde. Die Andeutungen zu den im Klub durchgeführten Praktiken schreckten ihn zusätzlich ab. Ihr Anblick versetzte ihn überdies in Wallung. Es fehlte nur noch der Scheinwerfer, um sie perfekt in Szene zu setzen.
»Nein«, erwiderte er schüchtern.
»Habt ihr Geld gefunden?« Adelheid ging in die Vollen.
Er hob erstaunt die Augenbrauen.
»Dachte ich mir! Sie hat uns nicht nur das Auto geklaut, sondern auch Geld, und ist damit abgedüst.« Eine abfällige Handgeste beschrieb ihre Meinung dazu. »Das kleine Flittchen kann nicht Autofahren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Karre irgendwo dagegensetzt.«
Bei all der Dominanz wurde Gideon erst allmählich klar, dass die Tote identifiziert werden konnte. Damit könnte die Verbrennung der Leiche vorangetrieben werden, bevor sich jemand näher mit dem Verletzungsmuster befassen konnte und ihm Ermittlungsversagen vorwerfen würde. Einzig das Erinnerungsvermögen des Arztes könnte den Fall in ein fragwürdiges Licht rücken. Dann müsste Gideon ihn als Quacksalber hinstellen, was dessen Zulassung und damit dessen Existenz vernichten würde – harter Tobak. Aber dieses Notfallszenario behielt er noch in der Hinterhand, mit der Hoffnung, es niemals in die Tat umsetzen zu müssen. Eine Gegenüberstellung der Aussagen von Arzt und Polizist würde eine öffentliche Schmutzkampagne nach sich ziehen, die er mit ein paar Kniffen zu seinen Gunsten beeinflussen müsste – harter Tobak.
»Wir können uns gegenseitig helfen.« Gideon erhob sich und trat auf Adelheid zu. »Wir fahren zum Doktor und du identifizierst die Tote. Dann begleitest du mich zum zuständigen Revier, wo du den Diebstahl meldest.«
Adelheid schmiegte sich an ihn, noch höflich und nicht frivol, im weitesten Sinne. »Was springt für mich dabei raus?«, gurrte sie mit dieser gewissen Schwingung in der Stimme. Ein Täubchen. Ein Kätzchen.
Gideons Knie schlotterten. »Identifizierung und Anzeige machen aus einem möglichen Mord einen Unfall, was euch aus der Schusslinie nimmt.«
»Spricht da der Kommissar oder der Lüstling aus dir? Wieso bist du so erpicht darauf, den Fall zu den Akten zu legen?«
»Ich war ein wenig vorschnell«, legte er offen, umnachtet, umhüllt von ihrem Liebreiz. Er musste an den gefälschten Obduktionsbericht denken. Er war schon zu weit in den Sumpf gerutscht. Zurück zum Ufer konnte er nur, wenn er sich schmutzig machte. Wenn er den Dingen ihren Lauf lassen würde, würde er tiefer versinken und ertrinken.
Sie tänzelte um ihn herum. Ihr Duft legte sich wie eine Schlinge um seinen Hals. Sie zog die Kreise enger, bis sie ihn streifte.
Am moralischen Abgrund gab er dem Verlangen nach. Gideon und Adelheid kopulierten wie wilde Tiere im Stehen am Schreibtisch, im Liegen auf dem Boden und im Sitzen auf dem Sofa. Er vergaß die schmerzenden Handflächen und die Schussnarben auf seinem Rücken, die er der Unbekannten nicht vorenthielt. Sie wusste, was sie wollte, wie sie es wollte und wie sie es sich nehmen konnte. Gideon war ihr Spielball. Im Eifer des Geschlechtsaktes schwoll ihr Härtegrad an. Sie krallte sich in seinen geschundenen Rücken, wo sie Kratzspuren hinterließ, und leckte über ihre Finger, die sich an den blutigen Kratern vergnügten, riss an seinem Schopf und fauchte wie eine gegen ihren Willen domestizierte Raubkatze. Er merkte, wie sie sich zurückhielt, sonst wären ihre Hände schmerzhaft in seinem Gesicht oder ihre Finger an seiner Gurgel gelandet.
Als er sitzend auf dem Sofa dachte, es sei vorüber, kniete sie sich zwischen seine Beine, die sie mit ihren zart glänzenden Schultern auseinander drückte. Ihre feuchte, weiche Haut rieb an seiner. Sie störte sich nicht am Saft, der an seinem pulsierenden Schaft herunterlief, und suchte einen bestimmten Punkt an seinem Innenschenkel. Wie sie diesen gefunden hatte, betäubte sie mit ihrem Speichel, bevor sie vorsichtig ihre angespitzten Schneidezähne ansetzte.
Gideon, noch befriedigt vom triebgesteuerten Exzess, beäugte ihr gezieltes Vorgehen. Da ihn ihre schwarzen Augen irgendwie beruhigten, ihn ihr lieblicher Duft betörte und sie ihre Finger zärtlich über seine nackten Beine streifte, tolerierte er jegliche Experimente. Ausgetrocknet und durstig war er zu ihr und final französisch in ihr gekommen. Den vermutlich besten Geschlechtsverkehr, den er jemals hatte, würde er nicht zerstören wollen, indem er sie von was auch immer abhielt.
Ein kurzes Stechen und er sog unvermittelt Luft ein. Adelheid stöhnte, als sie von ihm trank. Als sie sein Blut trank. Ihre rechte Hand verschwand zwischen ihren Beinen, wo sie diese rhythmisch bewegte. Gideon war verblüfft, wie routiniert sie Dinge tat, die er noch nie gesehen hatte.
Nachdem sie sich aufgebäumt hatte, ihre nasse Hand aus dem Schritt holte und von Gideons Oberschenkelarterie abließ, starrte sie ihm befriedigt in die Augen. Ihre Zunge holte sich das Blut, das noch an ihren Lippen klebte. Dann hüpfte sie hinter den Schreibtisch und fischte aus einer Schublade eines der flachen Gewinde heraus. Geschwind schmierte sie die Salbe auf die Bisslöcher. Sofort koagulierte das Blut und dichtete die Wunden ab.
Berauscht blieb Gideon sitzen. Adelheid bekleidete sich wieder, als wären ihre Neigungen das Natürlichste in einer prüden Gesellschaft.
»Wollen wir los?«, neckte sie kindlich. »Ich will wieder hier sein, wenn Peter zurückkommt.« Sie sammelte seine Sachen auf und warf sie ihm zu.
»Wo ist er denn?« Gideon war noch nicht ganz bei sich. Er ordnete seine Sachen abwesend.
Adelheid lächelte unschuldig. »Fragst du mich das als Kommissar?«
Unschlüssig zog er sich an. »Schon gut.«
Voss klingelte den Arzt aus den Laken. Mit hellem Nachthemd öffnete dieser die Tür zu seiner Praxis, nachdem im Stockwerk darüber eine Lampe entzündet wurde und er die Treppen nach unten gepoltert war. Doktor Karczan machte ein verärgertes Geräusch, im Anschluss an das Knarren der Haustür. Sein struwweliger Haarkranz konnte die Platte nicht verbergen. Da er von kleinem Wuchs war, schaute er mit schmalen Augen hoch zum Kommissar.
»Ja?«
»Doktor Karzan, wir müssen die Tote von letzter Nacht identifizieren«, zeigte er hinter sich, wo sich Adelheid in einen dicken Mantel kuschelte.
»Kar-cz-an«, revidierte der Arzt säuerlich, die Mitte des Namens betonend. »Hat das nicht Zeit bis zum Morgen?«
Voss beugte sich zu ihm. »Die junge Dame ist extra angereist, um den Tod ihrer Schwester zu bestätigen, damit ihr kalter Leib nicht gottlos in einem alten Lagerhaus verwesen muss und ordentlich bestattet werden kann.«
Adelheid bekreuzigte sich fix. Die traurige Miene hatte sie bereits aufgesetzt. Alles für die verschlafenen Augen des Arztes.
Karczan brummte, während er das Fräulein studierte. »Wird Sie für die Bestattung und das Grab aufkommen?«
»Im Feuer soll der Toten vergeben werden«, vermittelte Voss. Adelheid nickte, bevor sie eilig ihren Blick wieder senkte.
»Und die Asche? Ein Urnengrab?«
Voss imitierte den Wind mit Hand.
Karczan verstand die Andeutung. Dann rügte er den Kommissar mit erhobenem Finger. »Dafür sind Sie mir was schuldig!« Er stampfte zurück ins Haus. »Mitten in der Nacht!«, schimpfte er mit wedelnder Gestik.
Wenige Sekunden später schloss er die Haustür mit einem Ruck. Er hatte sich eine warme Jacke übergeworfen, festes Schuhwerk angezogen und ein Monokel zwischen ein Auge geklemmt. »Folgen sie mir!«
Die drei betraten einen engen Keller, Karczan voraus mit einer Lampe. Adelheid musste sich angesichts des süßlich-faulen Gestanks die Nase zuhalten. Auch Voss verzog das Gesicht – einerseits wegen dem Geruch, andererseits wegen der dezenten Schmerzen beim Humpeln mit dem gebissenen Bein. Die gelagerten Eisblöcke in der Ecke des Kellers senkten die ohnehin niedrigen Temperaturen der Außenwelt weiter herunter. Ein Bodenablauf ließ das geschmolzene Wasser verschwinden. Die Gäste begannen zu zittern. Atem gefror.
Zwei der drei Seziertische waren belegt. Nackte Leichen lagen darauf. Die halb verbrannte Frau war Magda Trumna. Nebenan siechte ein an den Gliedmaßen verstümmelter Mann vor sich hin. Die blasse, fleckige Haut löste sich schon an einigen Stellen auf. Ein undefinierbarer Sud aus Flüssigkeiten sammelte sich zwischen Leichnam und Tisch. Adelheid musste würgen. Die freie Hand drückte sich zur Faust geballt gegen ihre Lippen, mit der anderen kniff sie ihre Nasenflügel zusammen. Als sie Magda anschaute, wendete sie sich ab und übergab sich. Keiner hätte darin ein Schauspiel erkannt.
Die Verbrannte war aufgeschnitten. Der gesamte, geschwärzte Brustkorb klaffte auseinander; die Lunge war freigelegt; das Herz fehlte. Ihr Unterkiefer war nach unten geklappt und offenbarte den Rachenraum. Der so drapierte Kopf entsprang einem Gruselkabinett mit dem verkohlten Schopf, den leeren Augenhöhlen, der ledrig verhärteten, schwarzen Haut und dem weit aufgerissenen Mund, dem die Zunge herausgeschnitten wurde.
Die Männer warteten geduldig, bis sich die Frau erleichtert hatte. Karczan holte Fundstücke aus einem benachbarten Schrank.
»Das wurde bei der Frau gefunden.«
Voss nahm die Dinge entgegen: etwas Geld, Zigaretten. Er schaute zu Adelheid, deren Übelkeit echt wirkte. Sie blickte zum Geld und anschließend zu ihm, um zu verdeutlichen, dass ihre Geschichte stimmte.
»Wieso ist das Geld nicht verbrannt?«, wollte Voss vom Doktor wissen, ohne seine reizende Begleitung aus den Augen zu verlieren. Er knitterte die Papierscheine.
»Ich habe es im Schuh der Toten gefunden«, begründete Karczan.
Voss deutete zum Seziertisch. »Ist sie das?«
Adelheid näherte sich widerstrebend. Bis zuletzt hielt sie den Kopf abgewendet. Erst als sie direkt neben Magda stand, drehte sie ihn. Gemächlich. Beginnend bei den Füßen. Ihre Augen fuhren langsam die Beine entlang. An der Innenseite des Oberschenkels hielt sie inne. Zwei markante Einstichstellen prangten dort. Adelheid spürte den stechenden Blick des Kommissars hinter ihr, denn auch er sah die anprangernden Bisswunden. Schnell überflog sie den geschundenen Oberkörper und das fratzenhafte Gesicht, um sich zügig von der Leiche zu entfernen.
»Ja, das ist sie«, bestätigte sie, zur Treppe eilend, wo sie sich an der gemauerten Wand abstützen musste. Anschließend besann sie sich auf ihre Rolle. Sie schluchzte und wischte sich die imaginären Krokodilstränen von den Wangen.
»Magda Trumna«, beantwortete Voss den Monokelblick des Arztes. »Damit Sie einen Namen haben und ruhig schlafen können.«
»Wenn kein Irrer bei Vollmond an meine Tür klopft, kann ich ruhig schlafen. Keine Sorge, Herr Kommissar.« Er schickte die bibbernde Adelheid hinauf. »Gehen Sie nach oben, mein Kind. Hier unten holen Sie sich noch den Tod.«
Wie die vermeintliche Schwester die Treppen nach oben stiefelte, fixierte Voss den gähnenden Arzt. »Noch eine Frage, Herr Doktor«, begann er kryptisch, »War sie wirklich Nichtraucherin? Immerhin hatte sie Zigaretten bei sich.«
Karczan sah irritiert auf.
»Ich meine«, Voss nickte zum offenen Brustkorb, »Kann man das medizinisch nachweisen?«
Karczan änderte nichts an seinem verwunderten Ausdruck.
Voss wanderte mit den Pupillen unsicher hin und her. Er benahm sich gerade auffällig. Das merkte er selbst. »Nur eine Wette auf dem Revier«, winkte er mit einem falschen Lächeln ab.
Trotz der Uhrzeit ließ sich Karczan nicht lumpen. Fachgebiet und Steckenpferd führte er gern vor. Er entfaltete die angeritzten Lungenflügel und leuchtete mit der Lampe auf das Innenleben, was Voss dazu brachte, unwohl aufzustoßen.
»Die Pathologie ist keine genaue Wissenschaft. Wir stützen unsere Thesen auf Beobachtungen und Schlussfolgerungen.« Karczan präsentierte die Luftwege, einschließlich des Rachens. »Sie war zumindest jahrelang Nichtraucherin, denn es sind kaum Teerablagerungen vorhanden. Das was Sie hier sehen«, kratzte er mit den Fingernagel an der Innenwand des Lungenflügels herum, »könnte auch passiv aufgenommen worden sein.«
Das schabende Geräusch und die Tatsache, dass der Arzt mit dem Finger in der Toten herumdokterte, zwangen Voss wegzuschauen. Übelkeit stieg auf.
Karczan nickte zu den Zigaretten, die Voss noch in Händen hielt und gerade zusammenpresste. »Womöglich war sie erst kürzlich dem Nikotin verfallen.«
»Sie haben geschrieben, sie sei verblutet.«
»Das wäre naheliegend. Es gab keine Stauchungen im Wirbelbereich und keine Hämatome an den typischen Aufprallstellen wie Stirn, Schläfe oder Kiefer, keine fazialen Brüche oder Schnitte. Und da ihr Rachen intakt scheint, ist sie auch nicht durch das Feuer getötet worden.« Er steckte den Finger in ihren Schlund, um am Rachen zu schaben.
Voss schluckte die Soße, die ihm soeben aus der Speiseröhre in die Mundhöhle floss, voller Ekel herunter.
»Die zwei Einstichstellen deuten darauf hin, dass sie vorher verblutet ist.« Er schob ihre Beine auseinander, damit man die Löcher besser betrachten konnte. »Die Wunden wurden noch behandelt. Anscheinend versuchte man sie zu retten. Aber die Arterienwand ist stärker eingerissen als es die äußere Verletzung vermuten lässt.«
Karczan hob den Hautlappen am Innenschenkel nach oben, der sich zuvor einwandfrei in das Bild des Oberschenkels eingefügt hatte. Neben der Muskelpartie konnte man einen ausgetrockneten, gewebeartigen, hohlen Zweig erkennen, der an der Seite aufgerissen war.
»Das ist die arteria femoralis. Darüber ist sie verblutet. Die beiden Einstiche hätten sie nicht getötet, aber ich schätze, dass sie degenerative Blutgefäße hatte. Die Wandungen kommen mir recht dünn vor. Diese sind vermutlich durch die Einwirkung der Länge nach aufgerissen, mit letalen Folgen.«
»Sie war krank?«
»Schätzungsweise, ja.«
Voss legte die krümeligen Zigaretten beiseite. Er hatte die Stummel gut zusammengeknüllt. Das Geld steckte er ein. Ein Blick genügte, um dem Arzt eine Kurzzeitamnesie zu verpassen. Für einen Bruchteil dachte er daran, den Mediziner zu bestechen für dessen Stillschweigen, das Voss ihm aufzwingen würde, um die Obduktionsergebnisse von Magda Trumna zu vergessen. Aber ihre nun legitime, bevorstehende Einäscherung und die Fassade der Mordermittlung verschafften Voss genügend Zeit, damit er alles einigermaßen hinbiegen konnte. Der Kommissar rieb seine Arme. Die Kälte des eisigen Kellers fraß sich allmählich durch seinen ganzen Körper.
»Sie könnte erstochen worden sein und der Autounfall inszeniert, um den herbeigeführten oder versehentlichen Tod zu vertuschen.«
»Sind Sie der Kriminalkommissar oder ich?«, plusterte sich Voss auf. Der Arzt verstummte und warf den Hautlappen zurück in Position.
»Haben Sie vom Obduktionsbericht noch eine Kopie? Ich habe ihn nicht dabei und würde gern etwas nachlesen.« Voss pokerte.
Karczan tippte an seinen Schädel. »Alles hier drin. Ich brauche keine Kopien.«
Voss sackte innerlich zusammen. Na toll! Eine Komponente, die er nicht kontrollieren konnte.
»Aber ich habe Ihnen bereits alles gesagt, was auch im Bericht steht«, ergänzte der Doktor. Er reinigte das Monokel an der Jacke. Seine Kooperationsbereitschaft schwand.
»Wer hatte die Obduktion angeordnet?« Voss wusste natürlich, dass Friedrich der Schuldige war, doch er wollte herausfinden, wie eng Karczan und Friedrich in Kontakt standen.
Der Akademiker überlegte. »Schumann hieß der, glaube ich. Ruppert Schumann?«
»Robert Schumann?«
»Ja, genau. Robert Schumann vom Neunten Revier.«
»Was ist mit Friedrich?« Voss übertünchte den Schrecken, dass Schubi womöglich enger mit Friedrich kollaborierte als gedacht. Und wenn nicht, dann vertraute ihm der Chef so sehr, dass er Anweisungen an Schubi vorbehaltlos delegierte.
»Wer ist Friedrich?«, fragte Karczan.
Gewissheit. Voss war zumindest darüber erleichtert. »Nur ein anderer Kollege.«
»Bei allem Respekt, Herr Kommissar, aber meine Patienten erwarten einen ausgeruhten Arzt. Wenn Ihr Wissensdurst gestillt ist, würde ich das hier gern beenden, um wenigstens noch ein paar Stunden die weiche Füllung meines Kissens genießen zu können.«
»Sicher«, murmelte Voss.
Oben auf der Straße wurde Voss von der Morgendämmerung erwartet. In der kommenden Zeigerrunde sollte die Wärme und das Licht der Sonne die Kälte und die Dunkelheit der Nacht vertreiben. Sein Dienstfahrzeug mit den sieben weißen Buchstaben der Exekutivbehörde auf der Seitentür parkte einsam. Adelheid war verschwunden. Diese Frau vereinte Passion, Obsession und Perversion zu einem Mysterium, das er noch nicht dekodieren konnte. Er ärgerte sich. Zwar war die Tote identifiziert und konnte dem Feuer übergeben werden, aber dem Diebstahl des Automobils fehlte noch immer eine Anzeige. Das zuständige Polizeirevier wäre der nächste Haltepunkt gewesen. Je länger die Meldung auf sich warten ließ, desto unglaubwürdiger wäre Voss’ Abschlussbericht zu dem Unfall mit dem gestohlenen Fahrzeug, bei dem die Diebin verstarb. Außerdem benötigte er Magdas Ausweispapiere, um die Identität in der Akte glaubhaft zu machen.
Diese Nachtschicht, die sich dem Ende entgegenneigte, hatte ihn einiges an Kraft gekostet. An der klaren Morgenluft registrierte er, wie sich sein Organismus über die letzten Reserven speiste. Vielleicht lag es auch an seinem abgezapften Blut, das jetzt in Adelheids wohlgeformtem Tempel zirkulierte. Er würde es nicht mehr rechtzeitig zur Ablösung schaffen, wenn er wieder zum Nachtklub düste, und Leopold Springer würde ihn bei Friedrich verpetzen. Das könnte eine Kettenreaktion in Gang setzen, die alle bisherigen Bemühungen torpedieren würde.
Nachdem Voss zurück zum Revier gefahren war, die gefälschte Fallakte sicher verwahrt und den Dienstposten an Springer, ohne Vorkommnisse, mit einem aufgesetzten Lächeln übergeben hatte, schleppte er sich in den dritten Stock des Mietshauses, wo ihn Anubis fauchend empfing.
Der schwarze Kater, mit den weißen Tupfern in Gesicht, auf Brust und Bauch, fuhr die Krallen aus. Sein Buckel war kerzengerade in der Horizontale gespannt und der Schwanz schlug steif auf den Boden.
Voss glaubte, dass es am Geruch des Leichenkellers oder am Gestank der Zigaretten lag, die er unter Stress in seiner Hand zerbröselt hatte. Tatsächlich fauchte Anubis allerdings, weil ein fremder Frauenduft an Voss haftete – Kirschblüten.
Nach einer Katzenwäsche ebbten die Anfeindungen ab. Das offerierte Büchsenfleisch trug wohl auch zur Beruhigung des Karnivoren bei.
Die pochende Bisswunde am Oberschenkel forderte noch etwas Zuwendung in Form von Salbe, genauso wie die Handinnenflächen, ehe Voss mit dem Gedanken an Adelheid in den Tag startete, der für ihn mit Schlaf begann.
Vor dem Fenster erwachte die Stadt zum Leben.
Blut
Voss’ Lider öffneten sich mit einem Ruck. Er starrte zur Decke. Das Schlafzimmer war durch die Gardinen verdunkelt. Draußen dröhnten die Menschen mit ihren Gefährten und ihren Organen. Anubis schlief am Fußende, eingerollt wie ein Wollknäuel, aber erhaben wie ein König.
Der Kommissar hatte den Mensch geweckt. Voss blieb starr liegen. Wieso ist ihm das nicht aufgefallen? Unter der Bettdecke tastete er nach den zwei Bisslöchern. Sie waren gut verheilt. Schorf bedeckte die Wunden. An derselben Stelle wie bei Magda Trumna. Obwohl er alles dafür tat, den Unfall als solchen bestätigen zu können, warfen ihm etliche Indizien Knüppel zwischen die Beine. Er befürchtete, dass ihn alles schneller einholen würde als er den inoffiziellen Fall offiziell zu den Akten der Schutzpolizei legen konnte.
Friedrich saß ihm im Nacken. Schubi plauderte gern. Karczan besaß ein gutes Gedächtnis. Der Diebstahl des Unfallwagens war noch nicht angezeigt. Die Papiere der Toten fehlten ihm, um der Einäscherung Fortgang zu gewähren.
Die Standuhr im Wohnzimmer schlug zur sechsten Stunde. Anubis streckte sich und gähnte.
Bevor er Springer im Revier ablösen würde, müsste er zum Nachtklub. Adelheid musste ihm heute die Ausweisdokumente geben und heute das gestohlene Auto melden.
Adelheid.
Seine Finger fuhren über die verheilenden Löcher auf der Innenseite seines Oberschenkels, die er trotz der Brandblasen an den Händen spüren konnte. Er sah ihr liebreizendes Gesicht vor Augen. Ihr schwarzer Bubikopf; ihre tiefschwarzen Pupillen; ihre blasse Haut. Die angespitzten Schneidezähne.
Zum Vergleich maß er mit den Fingern seine obere Zahnreihe ab. Drei Fingerkuppen passten zwischen die Schneidezähne. Um zu visualisieren, betrachtete er die drei Fingerkuppen von Zeige-, Mittel- und Ringfinger. Dann legte er sie zwischen die Bisse in seinem Oberschenkel. Abzüglich der Proportionen einer Frau füllten die Finger den Zwischenraum aus. Sie hatte ihn gebissen. Tatsächlich. Erst jetzt konnte er den Tatbestand realisieren.
Nachdem Anubis in der Gegend herumgeschaut hatte, sprang er vom Bett und humpelte mit dem kaputten Bein in die Küche, wo er auf Verpflegung hoffte.
Voss ahnte, dass Doktor Karczan Recht haben könnte. Magda Trumna könnte verblutet sein. Verblutet, weil man sie gebissen hatte. Verblutet, weil sie schlechte Gefäße hatte. Verblutet und anschließend in einem fingierten Autounfall angezündet.
Er kredenzte dem Kater etwas Milch und ein paar Scheiben Wurst. Ihm selbst war der Hunger vergangen. Die Prozedur im Badezimmer exerzierte er automatisch durch.
In der letzten Stunde Tageslicht hämmerte Gideon gegen die Eingangstür des Nachtklubs Zum Mond. Es war verschlossen und niemand scherte sich um das graue Gebäude, das erst in der Dunkelheit leuchtete. Nach unzähligen Triolen wurde ein Schließmechanismus betätigt und die Tür einen Müh aufgeschoben.
Peter Plogojowitz blinzelte durch einen Spalt. »Ja?« Der bleiche Teint der Glatze kontrastierte die Finsternis, die im Klub herrschte. Das eingefallene Gesicht erinnerte an hungernde Obdachlose. Er schien den Kontakt mit dem Sonnenlicht vermeiden zu wollen, sich in der Dunkelheit suhlend.
»Sie?«, setzte Plogojowitz unwirsch nach, wie er den Kommissar erkannte. Das Licht blendete ihn.
»Herr Plogojowitz, ich muss mit Ihnen und Adelheid sprechen!« Voss drückte die Tür weiter auf, bis sich eine Sicherheitskette spannte. Der Durchgang war noch immer zu schmal. Selbst der schmächtige Hausherr könnte sich nicht dadurch zwängen.
Plogojowitz musterte den Polizisten. »Dienstlich?«
»Macht das einen Unterschied?« Voss wurde ungeduldig.
»Nun, als Kriminalkommissar würde ich Sie herein bitten, aus Respekt und Anstand den städtischen Behörden gegenüber. Als Privatperson müsste ich Sie auf eine spätere Stunde vertrösten, denn wir haben noch geschlossen.«
Das blasse, blasierte Grinsen brachte Voss fast zur Weißglut. Er zückte seinen Dienstausweis und schlug damit gegen die Tür. Die Glieder der Sicherheitskette rasselten.
»Dienstlich«, nickte Plogojowitz, entfernte die Kette und öffnete die Tür. »Bitte sehr, Herr Kommissar.«
»Haben Sie den Autodiebstahl angezeigt?«, nörgelte Voss, das Innenleben des Klubs inspizierend. Dabei suchte er nur nach dieser Frau, die seine Träume nach Belieben dominierte. Ohne die Gäste, den flackernden Kerzenschein, die hübschen Kellnerinnen, die stimmungsvolle Musik und den Zigarettendunst glich der Nachtklub einer verwahrlosten, tristen, muffigen Absteige. Mitgenommene Holzstühle und fleckige Lattentische standen auf schmutzigem Parkett. Die Wände waren vergilbt und verschieden ausgeprägte Ablagerungen konnten mit viel Fantasie für Landkarten oder Flussmonster gehalten werden. Es stank nach Zigarettenasche und Nuancen von Frauenparfüm, das gegen Männerschweiß kämpfte.
Plogojowitz schloss die Tür, samt Sicherheitskette und Schlüsselbetätigung. »Ich dachte, das hätte Adelheid schon erledigt.«
Voss schüttelte den Kopf. »Sie ist verschwunden, ehe wir zum Revier fahren konnten.« Er steuerte auf das Büro hinter dem Bartresen zu.
Plogojowitz hob die Hand. Seine schlaksigen Beine schlackerten beim hurtigen Gehen, als er dem entschlossenen Schnüffler folgte. »Herr Kommissar! Das ist Privatbereich!«
Mit Schwung schleuderte Voss die Bürotür auf. Der exponierte Türgriff knallte gegen die Wand. Sein Puls beschleunigte sich, denn Adelheids Duft schlug ihm entgegen, inklusive der Erinnerungen an den Geschlechtsverkehr, den sie hier hatten – am Schreibtisch, auf dem Teppich und dem Sofa.
Außer Atem überholte Plogojowitz den Kommissar und stellte sich ihm in den Weg. »Sie ist nicht hier!«, keuchte er. »Adelheid ist nicht hier. Bitte verlassen Sie mein Büro!«
Voss versuchte am hochgewachsenen Mann vorbei zu blicken. Auf dem Schreibtisch konnte er Magdas Ausweispapiere aber nicht entdecken.
»Geben Sie mir Fräulein Trumnas Papiere!«, forderte Voss.
»Wieso?« Plogojowitz schaute irritiert. »Die habe ich nicht.«
Voss zeigte zum Schreibtisch. »In einer der Schubladen.«
Als sich Plogojowitz umdrehte, rauschte Voss an ihm vorbei und machte sich an den Schubladen zu schaffen.
»Herr Kommissar!«, rügte Plogojowitz mit Nachdruck. »Wenn Sie meine Privatsphäre nicht beachten, muss ich Sie aus meinem Klub werfen.«
Ohne aufzusehen, machte Voss eine abfällige Handbewegung. »Bitte! Tun Sie, was Sie für richtig erachten.« Er wühlte in den Fächern, konnte das wichtige Dokument aber nicht finden.
Plogojowitz stieß einen empörten Laut aus. »Ich rufe Ihren Vorgesetzten an.« Er zuckte zusammen, als Voss mit der Faust auf den Schreibtisch haute.
»Es ist nicht hier!«, wetterte Voss und fixierte den Besitzer.
Dieser breitete die Arme aus. »Das habe ich Ihnen doch gesagt!«
»Wo ist Adelheid?«
Plogojowitz hob die Schultern. »Das weiß ich nicht. Sie muss vor mir aufgestanden sein. Als ich erwachte, war sie weg.«
»Hat sie gesagt, weshalb sie mich stehen lassen hat?«
»Nein.«
Voss kam auf Plogojowitz zu und machte sich groß. Mehr als Unterkante Kinn war nicht drin. »Zeigen Sie mir Ihre Zähne!«
»Was?« Plogojowitz machte ein verdutztes Gesicht.
»Lächeln Sie. Für mich. Bitte«, versuchte es Voss mit ein wenig Freundlichkeit. Auch wenn sie nur aufgesetzt war.
Zögerlich lächelte der Angesprochene. Bis auf ungerade, gelbe Beißer, die ansonsten ihre natürliche Form aufwiesen, konnte der Kommissar nichts beanstanden, wenn man den Mundgeruch missachtete, den Bakterien und Mageninhalt im Schlaf erzeugt hatten.
Voss packte den langen Mann am Hemdkragen und zog ihn herunter, damit der Augenkontakt Wirkung entfaltete. »Sobald Adelheid hier auftaucht, schicken Sie sie zu mir! Wenn Sie bis Mitternacht nicht im Neunten Revier ist, werde ich eine Razzia veranlassen, die Ihren Klub auf den Kopf stellt. Vielleicht finden wir ja ein paar Ungereimtheiten.«
Plogojowitz hechelte, angesichts der Drohung und der Zwangslage mit dem zugezogenen Kragen, der sich in seinen Hals schnürte. Geschwind wackelte er vertikal mit dem kahlen Schädel.
Im Neunten Revier begrüßte Voss den Schupo Schumann.
»Voss!«, erwiderte der korpulente Empfangspolizist.
Voss lehnte sich über den Tresen. »Sag mal, Schubi, hast du die Obduktion der Unfalltoten angeordnet?«
Schumann zog die Hosenträger stramm. »Friedrich hat mir das aufgetragen.« Er flüsterte, »Hast du was rausgefunden?«
»Nach wie vor ein Unfall«, entgegnete Voss. »Wie gut kennst du Doktor Karczan? Habt ihr regen Kontakt?« Nebenbei legte er das Adresskärtchen, das er von Schumann erhalten hatte, zurück.
»Ich schreibe seinen Namen immer falsch. So gut kennen wir uns«, lachte Schumann. »Wenn ich es mir recht überlege, haben wir uns noch nie gesehen. Wie sieht er aus?«
»Wie eine Schabe«, flachste Voss.
Schumann flog fast vom Stuhl vor Lachen. »Genau so stelle ich ihn mir vor. Apropos Schabe, oben wartet jemand auf dich.«
»Springer.« Voss lugte auf seine Taschenuhr. »Wenn ich ihn eine Minute zu spät ablöse, verpetzt er mich bei Friedrich.«
»Sesselfurzer«, kommentierte Schumann missbilligend.
»Friedrich?«
»Der auch«, wisperte Schumann, den Blick zu allen Seiten schweifend. »Aber nicht nur Springer.« Er grinste anzüglich. »Hast du es so nötig, Gideon, dass du ein Freudenmädchen aufs Revier kommen lässt? Lass das den Falschen sehen und Friedrich steht auf der Matte.«
Voss’ Rücken begradigte sich. »Sie ist hier?« Es konnte nur sie sein. Adelheid.
Schumann nickte. »Ein hübsches Ding. Etwas blass und dürr für meinen Geschmack, aber nett anzusehen.« Er schickte den Kommissar ins erste Obergeschoss. »Beeil dich, bevor Springer seinem Namen alle Ehre macht!«
Das balzende Gelächter von Kriminalkommissar Leopold Springer verstärkte sich mit jeder Stufe, die Voss nach oben nahm. Adelheid saß mit dem Rücken zur Treppe. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen und die Hände locker in den Schoß gelegt. Springer fläzte wie üblich mit den beschuhten Füßen auf der Tischplatte halb liegend im Stuhl. Selbst aus der Entfernung konnte Voss dessen Gebaren deuten. Ein Lüstling sondergleichen. Abgesehen davon, unterhielten sie sich glücklicherweise über die Stadt und deren abstoßende Anziehungskraft. Springer hatte den Kommissar bereits abgelegt. Der beutewitternde Jagdhund sprach aus ihm.
»Leopold«, unterbrach Voss die Konversation. Springer schaute missmutig zu ihm. Adelheid drehte sich erfreut um.
»Da ist die Pfeife«, lästerte Springer. »Ich weiß nicht, was Sie an ihm finden, aber wenn er versagt, wissen Sie ja, wo Sie mich finden«, zwinkerte er Adelheid zu und streifte im Aufstehen über ihren Knöchel, der durch die aufgebockte Stellung freiliegend zwischen gerafftem Kleid und kokettem Schuhwerk Luft schnupperte.
Voss knurrte kurz, aber so leise, dass sein Kollege davon nichts mitbekam. Springer war sowieso dem Rausch der Endorphine ausgesetzt.
»Pünktlich«, lobte Springer die Nachtschicht, schnappte sich seinen Mantel und verabschiedete sich mit Handkuss bei Adelheid. »Ich habe selten eine Frau wie Sie gesehen.«
Voss marschierte zwischen Springer und Adelheid hindurch, was Springers Arm von ihrer Hand trennte. »Gute Nacht!«, schickte er die Tagschicht nach Hause.
Mit einem schelmischen Schmunzeln löste Springer sich vom Anblick der Dame. »Friedrich hat dir eine Nachricht hinterlassen«, rief er von der Treppe zu Voss, »Und morgen früh werde ich etwas später kommen. Meine Träume muss ich schließlich auskosten.«
Adelheid kicherte heimlich.
»Ja, ja«, winkte Voss angefressen. Er atmete tief durch, bis Springers Abgesang mit dem Abgang verhallte.
»Hallo Gideon«, begann Adelheid. Sie rückte mit dem Stuhl näher heran.
Sofort umgarnte ihn ihr Kirschblütenduft. Er rang mit seiner Kontenance.
»Es tut mir leid, dass ich mich nicht von dir verabschieden konnte. Der Anblick der Leiche hat mich mitgenommen.« Sie nahm seine Hand und rieb mit dem zarten Daumen über den Rücken, gewellt von Venen und Knochen.
Gideon vermied Blickkontakt. Stattdessen las er die handschriftlichen Zeilen von seinem Chef: Sachstand zur Flammenfrau, dringend. Flammenfrau. Er konnte sich kaum konzentrieren. Ihre Berührungen weckten ein starkes Verlangen in ihm.
»Als Wiedergutmachung habe ich die Dinge erledigt, die du mir aufgetragen hast.« Sie legte die Ausweispapiere von Magda Trumna auf den Tisch. »Der Autodiebstahl ist aktenkundig und die Einäscherung der Leiche ins Rollen gebracht.«
Nun konnte Gideon nicht länger den Unnahbaren spielen. Er schaute ihr direkt in die tiefschwarzen Augen, die ihn unmittelbar einfingen.
»Leo hat den Arzt angerufen.«
Leo. Gideon erschauderte innerlich. Eifersucht?
»Anscheinend hat das genügt. Er hat ihm den Namen bestätigt und der Arzt wird sie morgen verbrennen lassen.«
Leo. Gideon schnaubte innerlich. Neid? Dieser Kerl hatte nicht nur einen guten Draht zu Adelheid, sondern auch zum Doktor. Plötzlich spürte Gideon den angewärmten Stuhl, auf dem Leo zuvor gefläzt hatte. Instinktiv kniffen sich Gideons Pobacken zusammen.
»Jetzt kannst du den Bericht abschließen«, lächelte sie erleichtert und streichelte über die abheilenden Brandblasen in seinen Handinnenflächen. »Die Salbe scheint dir zu helfen.«
»Dich überrascht die Wirkung?« Er verzog keine Miene.
Adelheid schaute auf. Sie suchte in seiner Mimik nach Anschuldigungen. »Wie meinst du das?«
Gideon studierte ihren halb offenstehenden Mund, aus dem ansatzweise ihre Zähne hervorblitzten, auch die angespitzten Eckzähne. »Gehört das zu irgendeinem Okkultismus?«
»Gideon, was ist los?«
Er betrachtete ihre fahle Erscheinung mit den schwarzen Attributen. »Ich habe eine Theorie.« Er stieß ihre Hand weg, um Abstand zu ihr zu gewinnen. »Du hast an Magda Trumna gesaugt, wie du es an mir getan hast, doch dabei ist sie verblutet. Du hast den Wagen gegen den Werbepfosten gefahren, damit es so aussieht wie ein Unfall. Dann hast du sie mit Kraftstoff überschüttet und angezündet. Die Zigarettenpackung hast du danebengelegt, wie bei einem Theaterstück. Und jetzt machst du dich an mich ran, um mich zu manipulieren.« Er öffnete die Schublade. Die Schokoladentaler hatte er noch immer nicht aufgefüllt. Verdammt!
Sie schwiegen sich eine Weile an. Wobei Adelheid den Blickkontakt mied. Sie schien sich die passenden Worte zurechtzulegen. Schließlich hielt sie dem Kommissar ihre beiden Handgelenke hin, bereit für die Handschellen.
»Du hast Recht, Gideon. Ich habe ihr Blut getrunken. Dabei ist sie verstorben. Ich bin die Mörderin.«
Wieder erfüllte Schweigen das obere Geschoss. Die Nacht eroberte indes die unbeleuchteten Winkel.
Ihr Geständnis änderte nichts an seinen Gefühlen für sie. Im Gegenteil, sie faszinierte ihn umso mehr. Doch er musste ihr auf den Zahn fühlen.
»Du willst mich veräppeln!«
Adelheid schüttelte den schwarzen Bubikopf. »Die Salbe konnte die Blutung nicht stoppen«, raunte sie gefasst.
Gideon schloss eine versperrte Schublade am Schreibtisch auf. Die Geständige machte sich bereit für Handschellen, doch er holte die Akte hervor und blätterte ziellos darin herum.
Der von Schumann spekulativ geschilderte Unfallhergang, beeinflusst durch Gideons Hypothese. Der vorgefundene Zustand am Unfallort. Die schlechten Bilder der Schupo. Der gefälschte Obduktionsbericht.
Er nahm einen Füllfederhalter und ergänzte den Namen der Toten, quittiert mit seiner Unterschrift und seinem Kürzel: KK GV 9 – Kriminalkommissar Gideon Voss vom Neunten Revier. Danach klappte er die Akte zu. Sobald die Leiche verbrannt wäre, würde der Unfall in den Aktenschrank der Schutzpolizei wandern. Lediglich Schubi und Doktor Karczan könnten ihm noch das Genick brechen. Schubi, weil er Interesse an seinem Beruf hatte, gern über den Tellerrand hinausschaute und gut verknüpfen konnte, und Karczan, weil er ein ausgezeichnetes Gedächtnis sein Eigen nannte. Den einen könnte Gideon zu einem Mitwisser machen, der sich sicherlich nicht selbst in die Pfanne hauen wollte; dem anderen könnte er einen harten Kopfstoß verpassen, in der Hoffnung, Gedächtnislücken zu erzeugen.
Die vier Schupos, die den Unfallort gesichert hatten, kannte Gideon noch von seiner Zeit bei den Schutzmännern. Diese vier interessierten sich mehr für das Feierabendbier als für einen Unfall, der vom Kommissariat als Unfall abgestempelt wurde. Die Flammenfrau war zwar ein Lichtblick im Randbezirk des Neunten Reviers, aber keiner vermutete dahinter einen rituellen Mord. Sie ergötzten sich lediglich am Unfallhergang, den sie den Kindern als Gutenachtgeschichte auftischen konnten – oder den einsamen Frauen des Nachtlebens, um zu beeindrucken.
»Was ist danach passiert?« Er schob Adelheids zur Fesselung dargebotene Handgelenke zurück in ihren Schoß, wo er für einen Augenblick die Hitze zu spüren glaubte, die ihn vor nicht allzu langer Zeit umschlossen hatte.
»Nach der Speisung?« Adelheid prüfte seine Reaktion. Sie forschte nach, ob er bereit für die ganze Wahrheit war.
»Speisung?« Gideon kratzte sich am Kopf. Die Pomade aus den Haaren hinterließ einen fettigen Film auf seinem Finger. Er bedeutete ihr fortzufahren.
»Wir wussten nicht, was wir tun sollen. Bisher ist es immer gut gegangen.« Sie senkte ihr Haupt. »Wir dachten, wir könnten die Polizei mit dem Unfall täuschen und unser Gewissen erleichtern.«
»Wir? Ist das so eine Art Sekte? Ein Zirkel, der«, Gideon suchte nach Verben, konnte aber keine finden.
»Ja«, antwortete Adelheid. Sie lehnte sich zu ihm und fasste seine Hand. »Ich kann es dir nicht erklären. Du würdest es nicht verstehen. Aber du kannst es dir anschauen, wenn du mir was versprichst.«
Gideon war nicht abgeneigt.
»Die Speisung ist einvernehmlich.« Sie deutete auf seinen Oberschenkel, wo sich ihre Eckzähne Zugang verschafft hatten. »Du darfst gastieren, aber als Gideon Voss und nicht als Kriminalkommissar Voss. Keiner der Anwesenden wird dazu gezwungen und es geschehen keine Dinge, die gegen Gesetze verstoßen.« Körperverletzung mit Einwilligung, dachten beide gleichzeitig und führten ihre letzte Aussage ad absurdum.
»Wieso sollte ich dem beiwohnen?« Trotz der Skepsis flammte eine gewisse Neugier auf. Allein schon Adelheids mittenbetonte, engelsgleiche Stimme lullte ihn ein. Er könnte ihr stundenlang zuhören, ohne dem Bedürfnis nach Nahrung oder Schlaf nachzugeben, nachzugehen.
»Damit du es verstehst«, begründete sie. »Wir wollen niemandem etwas Böses. Magdas Tod war ein«, sie überlegte, »Missgeschick, wenn man das so sagen kann. Aber was hätten wir tun sollen? Hättest du uns geglaubt, Herr Kommissar?«
Zögerlich verneinte Gideon. »Wie viele Menschen sind an dem Tod von Magda Trumna beteiligt?«
»Nur ich«, gestand sie eilig.
Gideon musterte sie kritisch. Ihre zarten Hände; ihre dünnen Arme; ihre weichen Schultern. Kurz bevor er erneut ihrer Anmut verfiel, schaffte er den Schlenker zurück zur Ermittlung. »Du hast sie getrunken, sie ins Auto verfrachtet, bist gegen den Werbepfosten gefahren, hast sie aus dem Kofferraum geholt, ihr Kraftstoff über den Skalp geschüttet, eine Zigarette zum Schein geraucht, Magda angezündet und bist zu Fuß geflüchtet?«
Adelheid nickte.
Gideon blickte zur Treppe. Sie redeten zwar gedämpft, aber wenn irgendjemand den Verlauf dieses Gesprächs mitbekam, würde man ihn ins Gefängnis stecken. Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord oder der Vertuschung. Die Dokumentenfälschung würde da gar nicht mehr ins Gewicht fallen.
Er tippte auf die Akte auf dem Tisch. »Hiermit ist es ein Unfall, bei dem die Diebin mit dem gestohlenen Fahrzeug verbrannt ist.« Nicht ganz uneigennützig, denn seine investigative Nachlässigkeit hätte disziplinarische Folgen, schlimmstenfalls seine Entlassung und die Hinrichtung der Frau, der er verfallen war, sollte man sie überführen.
»Hast du mich manipuliert?« Rhetorisch. Er kannte die Antwort. Ja, zum Teufel, sie hatte ihn manipuliert. Sie hatte ihn bestochen mit ihrem Körper, ihrer Grazie, ihrer Leidenschaft.
»Ich wollte dich«, offenbarte Adelheid unverfroren. »Ich will dich immer noch.«
Für einen Bruchteil einer Sekunde dachte Gideon daran, wie es wäre, Springer unter die Nase zu reiben, dass er die bezaubernde Braut auf dem geteilten Bürostuhl vernascht hätte. Springer würde sich nicht mehr einkriegen.
»Und diese Sache mit dem Blut, ist das so ein Fetisch von dir?«
Adelheids weiße Wangen bekamen einen rötlichen Schimmer. »Es ist ein Bestandteil meiner Befriedigung.«
Gideon wurde warm im Schritt. »Also war das mit Magda … «
»Befriedigung«, ergänzte sie.
Er konnte sie nicht als Mörderin sehen. Nicht bei der Vorstellung dieses Liebesspiels. Genaugenommen war es ja auch Totschlag. Ihr fehlte der niedere Beweggrund zum Mord. Sie wollte Magda nicht töten, sich einzig mit ihr vergnügen. Auf die Spitze getrieben, könnte es sogar lediglich Körperverletzung mit Todesfolge sein. Also, für ihn. Für den Rest der Welt war es ein Autounfall mit tödlichem Ausgang.
»Morgen Abend«, lud sie ihn ein. »Im Klub.«
»Was erwartet mich?« In seinem Kopf spielte sich gerade eine Orgie ab. Er geißelte sich für seine unkeuschen Fantasien.
Adelheid beugte sich vor. Das geraffte Kleid mit den schmalen Trägern gab den Blick auf ein tiefes Dekolletee frei, das Gideon nicht entging. »Mein wahres Ich.«
Es blieb ihm im Halse stecken. Erregung. Scham. Lust. Vorbehalte. Gier. Prüderie.
Sie schaute zur Akte. »Muss ich mir Sorgen machen, dass du mich an den Pranger stellst?«
Sein Blick wendete sich widerwillig von dieser geheimnisvollen Schönheit ab, um die Akte zu fokussieren. »Nein«, räusperte er sich, unfähig zu weiteren Verbalisierungen.
Sie erhob sich, nahm ihren langen Mantel von der Stuhllehne, warf diesen über, verabschiedete sich mit einer Verbeugung, die in einen feuchten Kuss mit dem Kommissar mündete, und verließ das obere Stockwerk, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Gideon saß noch mehrere Minuten gebannt auf seinem Sitz. Seine Augen stierten zur Treppe. Seine Nase zog immer nur einen Hauch ein, um den sich verflüchtigenden Kirschblütenduft nicht zu schnell zu verbrauchen.
Als er seine Apathie ablegen konnte, versuchte er seinen allnächtlichen Ablauf abzuspulen. Doch nach einer kurzweiligen Politur seiner Schuhe hielt es ihn nicht mehr auf dem Gesäß. Er nahm die Akte und schlenderte nach unten zu Schumann.
»Fürs Archiv.« Voss schob die Akte auf den Ablagestapel des Wachtmeisters Tresen.
Schumann hob den Kopf. »Was ist das?«
Voss stützte sich mit dem Ellenbogen auf dem Tresen ab. »Der Unfall mit der Flammenfrau.«
Schumann spitzte die Ohren. »Abgeschlossen?«
Voss bejahte.
»Und die Obduktion?« Wie Schumann die Akte aufschlagen wollte, legte Voss seine Hand darauf.
Er schaute sich um. Kein Ordnungshüter in Hörweite. »Ich bin da einer Sache auf der Spur, Schubi«, sagte er leise. »Wenn wir diesen Unfall aufbauschen, werden sich einige Leute in ihre Höhlen verkriechen und wir werden sie da nie heraus bekommen.«
Schumanns Augen weiteten sich. »Organisierte Kriminalität?«
»So ähnlich«, lockte er den Kollegen auf eine falsche Fährte.
»Und was hat die Flammenfrau damit zu tun?« Schumann sprang bald aus seinem Stuhl, so aufgeregt fragte er nach.
»Das muss ich noch eruieren. Vielleicht war sie nur zur falschen Zeit am falschen Ort.«
»Ein Bauernopfer? Ein Sündenbock?« Kindliche Neugier entbrannte im Schutzpolizist.
Voss legte den Finger vor die gespitzten Lippen. »Wir beide wissen davon. Das muss unter uns bleiben, sonst sind meine Ermittlungen in Gefahr.«
»Friedrich?«
»Friedrich wird von mir unterrichtet, auf einem geheimen Kanal«, schwindelte Voss frei von der Leber weg.
Man konnte Schumanns Faszination in jeder Faser sehen. Der bullige Bulle war zu Voss’ Spielball degradiert worden. Er tat Voss leid.
»Sorge dafür, dass die Akte in den Schrank der abgeschlossenen Schupo-Fälle kommt. Wenn Friedrich fragt, sagst du ihm, dass ich ihm eine Nachricht schicken werde, sobald ich weitere Informationen habe. Ansonsten darfst du darüber keiner Seele etwas erzählen, verstanden?«
Schumann schloss den Reißverschluss an seinen Lippen und warf den Schlüssel weg.
»Danke, Schubi!« Wenn das alles vorbei wäre, würde er ihm eine Erklärung schuldig sein. Außerdem würde er ihm ein Geschenk machen, weil er ihn nach Strich und Faden belogen hatte. Worüber würde sich Schubi freuen? Ein Schokoladenbrunnen?
Zurück an seinem Schreibtisch verfasste Voss eine Notiz für seinen Chef: Unfall bestätigt, Obduktion schließt Fremdeinwirkung aus, Tote war Teil einer Sekte, prüfe Sekte. Er las die Zeilen ein paar Mal. Beinahe hätte er eine neue Notiz gemacht, die den Sektenverweis verheimlichte, aber er kannte Friedrich. Mit einem lapidaren Unfalltod würde dieser sich keineswegs zufrieden geben, wenn er dem Opfer schon einen reißerischen Namen gegeben hatte: Flammenfrau. Voss könnte ihn mit Häppchen füttern, über Wasser und bei der Stange halten, bis er einen probaten Ausweg fand, wo er die Flammenfrau mit der Sekte verbinden konnte, ohne Adelheid zu gefährden. Außerdem wären seine nächtlichen Ausflüge mit der Sektenbegründung gedeckelt.
»Gideon!«, drang vom Untergeschoss herauf. Schumann rief aufgeregt. »Gideon!«
Das klang nach Arbeit. Er krallte sich Mantel, Filzhut und Pistolenholster und stürmte nach unten, wo ihn der uniformierte Schumann erwartete.
»Ein Einbruch im Bonzenviertel«, klärte Schumann auf. »Die Schutztruppe ist bereits vor Ort und sichert den Tatort.«
Kein gutes Omen, dachte Voss. Bonzen. Und Schupos, die den Tatort sicherten oder wie er es nannte: unbrauchbar machten. Dass er das Telefonklingeln aus dem Erdgeschoss nicht gehört hatte, schob er darauf, dass er gar nicht wusste, wie sich das Telefonklingeln aus dem Erdgeschoss anhörte, da es so selten erklang.
Am äußersten Stadtrand erreichten die beiden Polizisten eine Sackgasse, die in ein umzäuntes Villenviertel führte. Dahinter begannen Wald und Wiesen. Ideal für die Flucht von Einbrechern, wenn sie die hohen Zäune überklettern konnten. Die Zäune und domestizierte Wolfshunde verringerten die Einbruchquote. Einmal im Jahr versuchte es dann aber doch ein verzweifelter Langfinger. Wenn er nicht von den Zaunspitzen aufgespießt oder von den Wolfshunden zerfleischt wurde, durfte er der Göttin Fortuna danken.
Schumann hielt den Wagen auf dem Kiesweg vor einer weißen Villa. Im nächtlichen Mondschein leuchtete das palastartige Gebäude, vor allem wegen des Einsatzes aller vorhandenen Leuchtmittel im Haus. Angeleinte Wolfshunde jaulten, kläfften und bellten. Schutzpolizisten hatten das Gebäude umstellt und behelfsmäßig ausgeleuchtet – mit den Autoscheinwerfern und ihren Taschenlampen.
»Was will der Sesselfurzer hier?«, wurde Voss von einem der Männer mit Pickelhaube und silbernen Schulterabzeichen begrüßt.
Voss sah bittend zu Schumann, der die Bitte richtig deutete und bei den Kameraden den bisherigen Erkenntnisstand einholte. Der Kommissar blieb zurück, lässig am Fahrzeug angelehnt, argwöhnisch gemustert von den Polizisten und den am Fenster stehenden Eigentümern und Hausangestellten.
»Die Bewohner hätten die Person flüchten gesehen, können diese jedoch nicht beschreiben«, überbrachte Schumann die Einzelheiten, die er den Schutzpolizisten entlocken konnte. »Eine Scheibe wurde eingeschlagen und Schmuck fehlt. Aber nicht viel, denn die Hunde haben früh angeschlagen und konnten den Einbrecher vertreiben. Hinten am Zaun ist Blut. Wahrscheinlich hat er sich beim Klettern verletzt.«
»Die Männer sollen hinterm Zaun das nahe Umland absuchen«, gab Voss Schumann Anweisungen. Er wollte eigentlich nur etwas Freiraum, um den Tatort ohne blöde Kommentare von der Seite zu erkunden. Dass er die Männer vermutlich in den Sumpf schickte, nahm er billigend in Kauf. Er hoffte, dass Schumanns Leibesfülle nicht der Auslöser wäre, wenn dieser im Schlamm tiefer versänke als die restlichen Beamten.
Schumann nickte. »Im Auto sind Taschenlampe, Schreibblock, Bleistift und Maßband«, zeigte er auf den Kofferraum. Er schien traurig zu sein, dass er nicht partizipieren durfte.
Voss bedankte sich artig. Als Schumann mit den maulenden Pfeifen hinterm Haus verschwunden war, untersuchte Voss Haus und nähere Umgebung. Den Kofferraum des Fahrzeuges ließ er unangetastet zurück.
Natürlich hatten die Schupos dutzende Stiefelspuren hinterlassen. Vorm Haus, sowie im Haus. Der Flur war mit dreckigen Fußabdrücken übersät. Das eingeschlagene Fenster war nach innen gesplittert. Ein faustgroßer Stein lag in den Glasscherben. Der ausgeleuchtete Raum musste das Damenzimmer sein. Spiegel, Schmuckkommoden und Kleiderschränke vermittelten zumindest den Eindruck. Ein dunkelfarbiges Hausmädchen eilte zum Kommissar.
»Guten Abend! Ich soll Sie von den Herrschaften fragen, wann Sie denn fertig sind. Die Herrschaften wollen wieder zu Bett.« Die Magd senkte demütig ihr Haupt.
Voss sondierte das Zimmer. »Wo fehlt der Schmuck?«
Das Hausmädchen zeigte auf eine Kommode, die direkt neben dem Fenster stand. »Aus der Schatulle da oben drauf.«
Er beäugte die geöffnete Schatulle, an deren Innenhaken im Deckel Goldketten hingen. Teilweise mit Diamanten besetzt. Ein Ablagefach in der Mitte des Innenraums der Schatulle war komplett ausgeräumt. Er deutete mit dem Finger darauf. »Hier?«
Das farbige Hausmädchen nickte. »Ungefähr vier Halsketten.«
»Ungefähr?« Voss langweilte sich, versuchte allerdings professionell zu wirken.
»Die Madame hat keine Ordnung, wenn Sie das meinen.« Das Mädchen schaute schnell über die Schulter. Als sie niemanden entdeckte, plapperte sie weiter. »Sie legt den Schmuck einfach ab. Wie es ihr gefällt. Manchmal räume ich den Schmuck auch ein, weil sie ihn dort auszieht, wo sie gerade steht.«
»Und Sie haben den Einbrecher gesehen?«
»Ja.«
»Nur Sie?«
Die Frau nickte.
»Wie sah er aus?«
»Das habe ich Ihren Kollegen schon erzählt«, erwiderte sie renitent.
»Erzählen Sie es mir noch einmal.«
»Er war groß«, eröffnete sie die Beschreibung und streckte die Hand nach oben, um die geschätzte Größe anzuzeigen. »Und dunkel gekleidet.«
Voss wartete, doch mehr kam nicht. »Sonst noch was?«
Das Hausmädchen schaute unsicher auf seine Hände, die locker in der Manteltasche steckten. Kein Stift. Kein Notizblock. »Wollen Sie das nicht notieren?«
Der Kommissar äffte das Hausmädchen nach, indem er seine Hand nach oben streckte, um die Größe anzuzeigen. »So groß?«
Sie bejahte.
»Das kann ich mir merken.« Die Hand verschwand wieder in der Tasche. »Und die Hunde haben den Übeltäter verjagt?«
Erneutes Nicken. Die Frau wippte unruhig.
Voss bemerkte die Stille. Die Hunde hatten aufgehört den Mond anzuheulen, als die Schupos vom Grundstück traten und er ins Haus ging. Er taxierte die Dienerin.
»Wurden Sie schon einmal beim Klauen erwischt?«
»Wie bitte?«, echauffierte sich die Farbige.
Die Dame des Hauses betrat ungeschminkt im Abendmantel und mit Haarnetz ihr Frisierzimmer. »Wie können Sie es wagen, mein Mädel anzuschwärzen?«, regte sich die beleibte Frau älteren Kalibers auf und löcherte den Kommissar mit vorwurfsvollen Blicken.
»Hören Sie das?«, nickte Voss nach draußen.
Ruhe.
»Sobald jemand das Grundstück betritt, fangen die Köter an zu bellen. Ich schätze mal, dass sie nachts nicht angeleint sind?«
Die Madame bestätigte, wollte ihm aber noch nicht verzeihen.
»Wie kann ein Fremder vom Zaun bis zur Villa gelangen, mit einem Stein das Fenster einschlagen und sich zielgerichtet in einer Schatulle bedienen, die unscheinbar und geschlossen auf einer Kommode steht, wenn die Hunde auf jeden Gast reagieren? Einen echten Einbrecher hätten die Köter wahrscheinlich gleich nach dem Zaun zur Strecke gebracht, oder?«
Die Augen der Madame richteten sich auf die Magd. Die Hunde kläfften. Schumann gesellte sich dazu. Die Hunde verstummten.
Er trat schnaufend an Voss heran. »Am Zaun. Das ist kein Blut. Es ist Rost«, sagte er, seine Kameraden in Schutz nehmend, obwohl er wusste, dass diese nicht für die Ermittlungen taugten.
Die Information überraschte Voss nicht im Geringsten.
»Wollen Sie Ihre Taschen leeren oder sollen wir Ihr Zimmer auf den Kopf stellen?«, wendete sich der Kommissar an das Dienstmädchen.
Diese schweifte mit ihren Blicken zwischen den Polizisten, der Schatulle, dem in Fragmenten frakturierten Fenster und ihrer Madame hin und her.
Voss sah sich bestätigt. »Ziehen Sie das nicht künstlich in die Länge. Ihre Herrschaften wollen wieder ins Bett.«
Die Dienstmagd griff in Brusthöhe unter ihr Kleid und holte aus dem Büstenhalter vier goldene Ketten heraus. Schumann verfolgte die Darbietung aufgeregt.
»Entschuldigen Sie, Madame. Das mache ich nie wieder«, bettelte sie reumütig.
Die Hausdame ohrfeigte das Mädchen, sodass dieser die Ketten aus der Hand und auf den Boden fielen.
»Sollen wir sie mitnehmen?«, fragte Schumann. Die Uniformjacke spannte über den Bauch.
Im Vorgarten tönten die Hunde. Taschenlampen bewiesen, dass die Schupos von ihrem Ausflug zurückkehrten.
»Ich will dich hier nie wieder sehen!«, wetterte die dicke Alte mit einer Drohgebärde zu ihrer geschassten Angestellten.
Schumann wertete dies als Bestätigung. Er holte einen Kollegen heran. »Nehmt sie mit aufs Revier. Sie hat gestohlen.« Ins Ohr flüsterte er, »Wie immer: eine Nacht in der Zelle und dann mit der Tram in einen anderen Bezirk schicken.«
Der herbeigerufene Schupo nickte und führte die Magd ab.
Schumann neigte sich zum Kommissar. »Wo ist der Schreibblock? Willst du dir nichts aufschreiben?«
Voss runzelte desinteressiert die Stirn. »Das Dienstmädchen kann uns in Ruhe auf dem Revier alles servieren.« Er lächelte die Madame an, die sich mühte, ein Wort von der gedämpften Unterhaltung aufzuschnappen.
»Du bist der Kriminalist«, hob Schumann die Arme und verabschiedete sich von der Dame mit gebeugtem Kopf. »Madame.«
Diese fröstelte wegen des kaputten Fensters. »Und wer ersetzt den Schaden?«
Voss kickte ein paar im Zimmer verteilte Scherben an den zentraleren Glashaufen, der das steinige Wurfgeschoss bettete. »Schließen Sie am besten die Fensterläden, damit Kälte und Nachahmer draußen bleiben. Eine diebische Dienstmagd wird wahrscheinlich nicht für den Schaden aufkommen können.«
Die Frau stöhnte verärgert.
»Gute Nacht.« Voss lupfte den Filzhut leicht an und entfernte sich.
Auf dem Revier tippte Schumann den Bericht zum aufgeklärten Einbruchdiebstahl auf der Schreibmaschine. Jeder einzelne Buchstabe musste über ein Gestänge einige Zentimeter nach unten gedrückt werden, bevor der Tintenstempel auf das Papier stanzte. Trotz seiner Fingerfertigkeit war es eine mühselige Prozedur. Die Schokotaler halfen ihm. Der Anschlag der Schreibmaschine übertünchte sein Schmatzen.
Plötzlich rannte ein Junge durch die Tür ins Revier und holte den Polizisten aus dem mechanischen Schreibfluss. Der Junge trug alte, zerrissene Klamotten über dem ungewaschenen Leib. Eingefallene Wangen und ausgehöhlte Augen zeugten von Mangelernährung. Verschmierter Ruß bedeckte sein Gesicht. Schumann schätzte den Knaben auf zehn Lenze. Das Straßenkind versteckte sich aufgeschreckt und außer Atem hinterm Tresen. Die Sehorgane huschten zyklisch zur Eingangstür.
»Was willst du, Otto?« Schumann verdrehte die Augen, nachdem er seine Pickelhaube auf den Berg verzehrbereiter Schokoladentaler gelegt hatte. Der Junge war im Erdgeschoss des Reviers bekannt. Der Streuner fiel den Streifenpolizisten ein ums andere Mal auf, weil er sich mit stibitzten Zeitungen vom Vortag Münzen ergaunerte oder Obst und Gemüse aus den Einkaufskörben der Hausfrauen mopste.
»Die Blutsauger!«, rief Otto und zeigte zur Tür. »Die wollen mich umbringen!« Er bückte sich hinter das Eichenholz des Tresens.
Schumann brummte mürrisch, stand aber auf und stapfte zur Tür. Vorm Revier kam ihm auf dem Bürgersteig eine Frau mit langem Mantel entgegen. Ihr Atem formte kleine Wölkchen. Schumann beäugte auch die andere Wegrichtung.
»Was suchen Sie, Herr Wachtmeister?«, sprach sie ihn an.
Schumann drehte sich überrascht um. Mit der Ansprache hatte er nicht gerechnet. Unter dem dunklen Damenhut entdeckte er Ansätze einer hübschen Frau mit ebenmäßigen Gesichtszügen, blass vom Licht der Straßenlaterne, fundamentiert von einer schwarzen Perlenkette. Die Nacht trichterte ihm ein, dass er in tiefschwarze Pupillen schaute. Die Schatten des Hutes legten sich auf ihr seidenes Antlitz.
»Verdächtige Personen«, antwortete Schumann. Die schmale Taille und die engelsgleiche Stimme erinnerten ihn an jemanden.
Die Frau deutete mit dem Zeigefinger in ihre Blickrichtung. »Wenn Sie die Verfolgung aufnehmen wollen, dort habe ich vermummte Männer wegrennen sehen. Ist etwas passiert?«
Schumann schaute in die benannte Richtung. Mit der Zunge fischte er nach Schokoladenreste in den Zahnzwischenräumen. »Vielen Dank, Fräulein! Sie müssen sich keine Sorgen machen.«
Adelheid vollführte einen Knicks und ließ den Wachtmeister stehen, der bezüglich der Verknüpfung von femininen Reizen schwer von Begriff schien und keine Anstalten machte, seine Körpermasse in Schwingung zu versetzen.
»Was hast du wieder angestellt, Otto? Hast du was geklaut?«, forschte Schumann nach, wie er sich in seinen Stuhl bugsierte. Sofort prüfte er das Versteck unter seiner Pickelhaube. Ein flüchtiger Blick sagte ihm, dass kein Goldtaler fehlte. Verwundert, aber doch erleichtert, suchte er den stinkenden Bengel, der verängstigt zur Tür blinzelte.
»Nein«, versicherte der Junge. »Die Blutsauger wollen mich umbringen, weil ich sie gesehen habe.«
Schumann schmunzelte, wobei er den Kopf schüttelte. »Bist du auf den Kopf gefallen oder hast du was geschluckt?« Er wusste, wer den Begriff Blutsauger verwendete. Die armen Leute von der Straße nannten die Betreiber zwielichtiger Etablissements so. Jede Nacht strömten hunderte Kunden in die Bordelle, Kasinos und Klubs und labten sich an den Kostproben – Frauen, Glücksspiel, Alkohol. Danach taumelten sie benommen durch die Gassen, aschfahl und ausgelaugt wie Untote auf zwei wackeligen Beinen. Für die Leute, die noch nie an einem derartigen Gelage teilgenommen haben, waren die Vorgänge in den Etablissements unverständlich. Man sah vitale Menschen hineingehen und konnte nach einigen Stunden nur noch deren leblose Hülle aus den Gebäuden wandeln sehen. Drinnen mussten sich mitunter verrückte Dinge abspielen. Blutsauger hatte sich als Oberbegriff rasch eingebürgert. Alles, was man nicht verstand, wurde zügig verbannt.
Otto musterte das Erdgeschoss. »Ist der Fackelmann da?«
Schumann prustete los. »Fackelmann?«
»Der Mann, der mit den Flammen kämpfte. Der im Anzug.«
Nachdem Schumann sich wieder eingekriegt hatte, bedachte er den Jungen mit einem strengen Blick. »Mach dich vom Acker, Otto! Du weißt, dass du hier nicht gern gesehen bist.«
»Aber die Blutsauger werden mich umbringen!«
Schumann erhob sich und stemmte die Arme in die Seite, was seinen gewölbten Bauch stark betonte. »Deine Lügengeschichten haben dir noch nie geholfen. Mach, dass du Land gewinnst, sonst sperre ich dich ein.« Für eine Nacht konnte Schumann ohne Grund jeden einbuchten, begründet mit der Gefährdung des Allgemeinwohls.
Otto klammerte sich um die Beine des Polizisten. »Alles ist besser als die Dunkelheit da draußen.«
Voss kam frisch geduscht aus dem Keller. Die Pomade verrieb er noch mit den Händen, um seine Haare glatt zu streichen, die pechschwarz im schwachen Licht der Deckenlampen glänzten. Rote Schwielen an den Fingerknöcheln und das gemächliche Abebben der Pulsfrequenz bedeuteten, dass er sich im Untergeschoss am Boxsack verausgabt hatte. Er streckte und knickte die Finger, damit er der harten Beanspruchung mit Bewegung entgegenwirken konnte. Es knackte mehrmals in den Knöcheln.
Schumann blickte zu ihm. »Wieder ohne Bandagen?«
Voss sah auf und blieb abrupt stehen. Der Knabe, der sich am Bein des bulligen Bullen festklammerte, war der Knabe, der ihn zur Flammenfrau gelotst hatte. »Wer ist das?«, nickte er zum Anhängsel des ungleichen Duetts.
»Nur ein kleiner Rabauke, der gleich in der Zelle landet«, drohte Schumann dem Jungen.
Otto fixierte den Kommissar. »Helfen Sie mir, Fackelmann«, bat er freundlich.
Schumann feixte. »Fackelmann!« Der Ballast am Bein schien ihm nichts auszumachen.
Voss’ Puls schnellte wieder nach oben. Der Junge war Zeuge und konnte sein Gerüst zum Einsturz bringen. »Wie heißt du?«, wandte er sich an den Burschen.
»Otto«, antwortete Schumann schneidig, ehe sich der Bursche selbst vorstellen konnte.
»Komm mit, Otto«, deutete Voss mit dem Kopf die Treppe hinauf. »Und erzähl mir, warum du hier bist.« In seinem Hirn ratterten diverse Szenarien durch. Wenn das Kind hier war, um den Unfall beziehungsweise Mord mit seiner Zeugenaussage zu untermauern, hatte er bisher noch nichts gesagt, weil sich Schumann relativ normal verhielt. Der heruntergekommene Zustand des Straßenkindes, der auf dessen Herkunft hindeutete, schloss außerdem eine Informationspreisgabe gegenüber Schutzpolizisten aus, denn beide Seiten konnten sich überhaupt nicht leiden.
Wie ein Wirbelwind löste sich Otto vom Schupo und zischte vorbei am Kripo nach oben. Die beiden Männer starrten dem Kleinen hinterher. Dann zeigte Voss seine Handfläche und forderte etwas, mit sich einrollenden Fingern. Die Brandblasen waren schon gut verheilt. Einzig die dunkle Verfärbung der Haut zeugte noch vom Feuerbeschlag.
Schumann grummelte und verneinte mimisch.
»Zwei«, schmarotzte Voss, während sich seine offene Handfläche bereit zum Fangen von Gegenständen machte.
Unter Protest griff Schumann unter seine Pickelhaube, kramte zwei Schokoladentaler hervor und warf diese einzeln zu Voss. Einen konnte der Kommissar fangen; der andere beschrieb eine desolate Flugbahn, plumpste weit vor ihm zu Boden und rutschte noch bis zu den gepflegten Lederschuhen. Mit knackenden Gelenken hob er den zweiten Taler auf und küsste diesen mit einem Dankesgruß an Schumann.
Mit zwei kleinen Krügen samt frisch gezapftem Leitungswasser setzte sich Voss auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch. Otto hatte es sich auf dem Bürostuhl des Kommissars gemütlich gemacht und musterte die chaotische Ansammlung von Zetteln auf der Tischplatte. Den Pistolenholster neben der Jacke am Kleiderständer hatte der Junge zum Glück noch nicht gesehen. Voss atmete durch.
»Danke!« Otto nahm einen der Krüge entgegen und schlürfte.
Voss tat es ihm gleich. »Wieso bist du hier, Otto?«, setzte er schließlich an, nachdem er abgesetzt hatte.
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