Читать книгу: «Zehn Dinge, die du besser nicht glauben solltest»
DAVID
BRUNNER
10 DINGE,
DIE DU BESSER
NICHT GLAUBEN
SOLLTEST

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-970-2
© 2017 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia jdoms
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
www.brendow-verlag.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
1. Du kannst etwas tun, damit Gott dich mehr liebt
2. Es gibt eine bessere Gemeinde als deine
3. Deine Konfession ist alleine selig machend
4. Die Gaben des Heiligen Geistes haben ausgedient
5. Wunder gab es zu biblischen Zeiten, heute aber nicht mehr
6. Die Landeskirche ist böse
7. Es gibt keine Hölle
8. Mit deinem Verstand kannst du Gott fassen
9. Wer an Jesus glaubt, hat ein einfaches Leben vor sich
10. Dein Pastor ist ein Superchrist
Nachwort
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Fußnoten
1. DU KANNST ETWAS TUN, DAMIT GOTT DICH MEHR LIEBT
Ich habe zwei wunderbare Kinder, und manchmal überkommt mich so ein ganz besonderer Papa-Moment. Da nehme ich die beiden – okay, manchmal auch der Reihe nach – in den Arm, drücke sie ganz herzlich und sage ihnen: „Weißt du was? Ich hab’ dich total lieb!“ Und gerade meine Tochter muss mich nur mit einem schelmischen Grinsen (ja, sie kommt nach ihrem Papa) anschauen und spitz fragen: „Warum?“
Dann fange ich an, alles Mögliche aufzuzählen. „Weil du so schön lachst. Weil du ein ganz schlaues Mädchen bist. Weil du so funkelnde blaue Augen hast (die sind der Wahnsinn!). Weil ich so viel Quatsch mit dir machen kann.“ Und dann komme ich ins Grübeln, auch wenn meine Tochter jede einzelne Aussage mit einem ihrer Wenn-sie-mal-zehn-Jahre-älter-ist-wird-sie-den-Jungs-den-Kopf-verdrehen-Blicke quittiert und dabei lacht. Aber ist es wirklich so, dass ich meine Tochter deswegen liebe? Immer wieder tappe ich in diese Falle und denke dann: „Nein, deswegen liebe ich meine Tochter doch nicht. Sie muss doch nichts tun oder an sich haben, um sich meine Liebe zu verdienen!“
Und dann hole ich tief Luft und sage ihr: „Und weißt du was? Ich liebe dich so sehr, weil du einfach so bist, wie du bist!“ Dann lächeln wir uns beide an, ich drücke sie ganz fest – und dann machen wir irgendeinen Quatsch. War ja klar.
Ist dir schon mal aufgefallen, dass viele Aussagen über uns Christen im Neuen Testament in der „Seins“-Form stehen?
„Seht doch, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns schenkt! Denn wir dürfen uns nicht nur seine Kinder nennen, sondern wir sind es wirklich.“ (1. Johannes 3,1).
Diese Liebe Gottes ist ein Geschenk. Nun haben Geschenke es ja in sich. Die einen Geschenke erfreuen unser Herz ungemein und die anderen Geschenke freuen sich schon auf den Flohmarkt oder das Schrottwichteln.
Und die Liebe Gottes? Mehr geht nicht. Wirklich nicht. Wir Menschen sind ohnehin unheilbar liebesbedürftig. Unser Herz sehnt sich danach, geliebt zu werden. Zu viele Dinge zerren, rütteln und stoßen an unserem Herzen und lassen es immer und immer wieder verletzt, benutzt und geschunden zurück. Dann liegt es wie ein Häufchen Elend enttäuscht und traurig in der Ecke und wartet darauf, dass Liebe vorbeikommt und sich seiner annimmt.
Wir benötigen Balsam nicht nur für unsere Seele, sondern auch für unser Herz. Und dieser Balsam für unser Herz heißt Liebe. Machen wir uns doch nichts vor: An jedem einzelnen Tag unseres Lebens hören wir Worte, erleben Situationen oder sehen Dinge, die unser Herz schwer machen und wieder ein bisschen mehr an ihm zerren, rütteln und stoßen. Und dann können wir uns schlecht hinsetzen und sagen: „Liebes Herz, ich weiß, dir geht es gerade nicht so gut. Das verstehe ich. Aber jetzt ist auch mal wieder gut. Komm raus und steh auf! Du bist gesund, geheilt und wieder intakt. Los. Schlage höher!“
Wie schön wäre es, wenn es so einfach ginge. Geht es aber nicht. Deswegen wird uns dieser Balsam der Liebe immer von jemand anderem auf unser Herz aufgetragen. Das sind zum einen Menschen, die in wirklich uneigennütziger Absicht uns mit ihrer Liebe überschütten. An dieser Stelle verweise ich schon einmal auf die Nebellichter in Kapitel 10.
In erster Linie ist es aber natürlich Gott selbst, der unser Herz berührt, pflegt und heilt, wie kein anderer es jemals tun kann.
„Liebe“ ist ja so ein Wort, das für alles Mögliche und Unmögliche gebraucht wird. Manche verbinden mit Liebe den romantischen Sonnenuntergang, andere wiederum die Schnulze im Fernsehen und wiederum andere den großen Held einer Gut-gegen-Böse-Erzählung.
Von allem ein bisschen und doch viel mehr – so verhält es sich mit der Liebe, mit der Gott dich liebt. Und zwar jetzt in diesem Moment, in dem du diese Zeilen liest.
Diese Liebe hat eine ganz besondere Auswirkung: Sie schenkt uns unsere Identität. Viel zu schnell meinen wir, uns von Dingen abhängig zu machen, die uns vor Augen sind. Besitz, Beruf, Familie, Fähigkeiten. Wir beginnen, darin zu angeln. Wir werfen den Köder unserer Bedürfnisse aus und suchen in diesen Teichen nach Anerkennung und Zuspruch: „Du bist ein toller Papa!“, oder: „Dein Einsatz im Unternehmen ist Gold wert!“, oder: „Niemand kann so punktgenau und zuverlässig Dinge reparieren, wie du es kannst!“ Wie schön, wenn Menschen uns das sagen. Aber wehe, wir suchen unsere Identität darin. Dann begeben wir uns viel zu schnell in eine Abhängigkeit und versuchen, die „Liebe“ der anderen dadurch zu verdienen, dass wir genau in diesen Bereichen noch einen Gang hochschalten.
Und unweigerlich überträgt sich dieses Liebesverständnis auch auf Gott. Wir meinen, noch einen – natürlich frommen – Gang hochschalten zu müssen, um Gottes Liebe zu ergattern. Müssen wir aber nicht. Gott selbst bremst uns aus, indem er uns seine Liebe einfach schenkt. Und das Beste, was wir mit Geschenken tun können, ist: auspacken! Und zwar schnell. So wie Kinder, die sich von einem noch so schönen und bunten Geschenkpapier nicht beeindrucken lassen und sofort an das eigentliche Geschenk ranwollen. Ich kann sie so gut verstehen – und mache es auch nicht anders.
Wo wir oft in trüben Teichen fischen, um unsere Identität zu finden, schenkt uns Gott seine Liebe und schreibt uns dadurch unsere Identität zu: Kind Gottes! Das klingt nicht groß, ist aber eine Identitätszuschreibung, die wir uns nicht verdienen können und die eine Tiefe in sich birgt wie nichts anderes.
Diese Identität „Kind Gottes“ ist aber – sie wird nicht. Es heißt ja nicht: „Wir werden Kinder Gottes. Später. Irgendwann mal.“
Wir sind es.
Und das fällt uns postmodernen Multitaskingkönigen so unglaublich schwer: zu sein. Wir tun lieber etwas. Wir nehmen die Dinge lieber in die Hand. Aber einfach sein – das geht nun wirklich zu weit.
Versuch es doch mal. Leg das Buch jetzt mal zur Seite (aber nimm es danach bitte wieder zur Hand) und sei einfach. Nichts tun. Nichts machen. Nichts denken. Nichts planen. Sein. Wie lange hältst du es wohl aus?
Es ist wirklich schwierig geworden, in unserer reizüberfluteten Gesellschaft einfach zu sein. Mir fällt das auch sehr schwer. Was bin ich froh, gerade das Manuskript dieses Buches schreiben zu können …
Und wenn es uns schwerfällt, einfach zu sein, dann fällt es uns logischerweise auch schwer, einfach in Gottes Liebe zu sein. Und wenn wir das nicht können, versuchen wir, diesen Zustand zu verändern.
Warum eigentlich? „Du kannst etwas tun, damit Gott dich mehr liebt!“ Dass du das nicht glauben sollst, unterschreibst du wohl sofort. Oder vielleicht doch nicht? Wie stehst du denn zu dieser Aussage, die doch irgendwie allgegenwärtig ist? Schauen wir uns die großen Weltreligionen an. Da geht es doch um nichts anderes. Von stundenlanger Meditation über extreme Askese bis hin zu Selbstmordattentaten – die Menschen versuchen auf ihre Weise, einem Gott zu gefallen und seine Liebe zu ergattern, derer sie sich aber nie 100 % sicher sein können. Gibt es ein „genug“? Gibt es eine Menge an Liebesergatterungsversuchen, die ausreicht, um die Liebe eines Gottes dann doch zu bekommen? Dieses Schema funktioniert in keiner einzigen der Weltreligionen. Schon gar nicht im christlichen Glauben. Und doch versuchen es so viele Christen immer wieder und sind davon getrieben und bestimmt, und viele leiden auch darunter, dass sie etwas tun könnten, dass Gott sie mehr liebt.
Wie verhält es sich denn mit dir? Glaube mir, ich habe schon viele Christen kennengelernt, die meinten, „Ich muss aber in der Bibel lesen“, oder „Ein Sonntag ohne Gottesdienst geht gar nicht“ – um Gott besser zu gefallen und damit er sie mehr liebt. Und dann gibt es die ganzen Superfrommen, die dir ganz genau sagen können, was du zu tun oder zu lassen hast, damit Gott dich mehr oder weniger liebt. Unglaublich. Woher wissen sie das eigentlich?
Sie richten so viel Schaden in der Seele einzelner Menschen an, dass es mir manchmal zugegebenermaßen sehr schwerfällt, die Contenance zu wahren.
Nicht dass du mich jetzt falsch verstehst: Ich bin davon überzeugt, dass es wunderbar ist, in der Bibel zu lesen, und möchte dich dazu ermutigen, das zu tun, wie auch sonntags den Gottesdienst zu besuchen. Aber glaubst du im Ernst, dass du Gott damit imponieren könntest?
Meine beiden Kinder können nichts, aber auch gar nichts tun, damit ich sie mehr liebe. Sie können übrigens auch nichts tun, dass ich sie weniger liebe. Zwar stellen sie das durch Chaos im Kinderzimmer, Chaos am Essenstisch, Nicht-ins-Bett-gehen-Wollen und herzhaftes „Aber Papa, warum?“ auf die Probe – aber sie schaffen es nicht. Sie schaffen es einfach nicht, dass ich sie weniger liebe. Sie müssen sich aber auch nicht anstrengen, damit ich sie mehr lieben würde. Das geht nämlich gar nicht.
Was wünschte ich mir, dass wir Christen einfach die Liebe Gottes in uns lassen. Und gleichzeitig alles Imponiergehabe sein lassen. Dass wir eben nichts tun, um Gottes Liebe zu verdienen. Weder der Gottesdienstbesuch noch das Lesen in der Bibel, weder das Kuchenbacken für das Gemeindefest noch den ehrenamtlichen Putzdienst in der Gemeinde. Weder die Mitarbeit in der Jugendarbeit noch die Gestaltung der Gemeinde als Hauptamtlicher.
Sondern dass wir in den Gottesdienst gehen, um Gott anzubeten, in der Bibel lesen, um seinen Willen für unser Leben zu erkennen, Kuchen backen, weil er besser schmeckt, als wenn ich ihn backen würde, die Gemeinderäume putzen, weil auch wir sie dreckig machen, in der Jugend mitarbeiten, weil wir Jugendlichen helfen wollen und als Hauptamtliche dienen, weil wir dazu berufen sind. Ist doch eigentlich nicht so schwierig, oder? Zumindest der Teil mit dem Kuchen …
Entweder sind wir nicht ganz auf dem richtigen Dampfer, weil wir versuchen, Gottes Liebe für uns zu vergrößern. Oder wir sind Masochisten und versuchen so zu leben, dass Gott uns weniger liebt – was ohnehin nicht geht.
Du lachst, während du diese Zeilen liest? Leider gibt es Menschen, die genau das versuchen. Vielleicht sind es Erfahrungen aus ihrer Kindheit, Erlebnisse mit der Kirche, ein falsch verstandenes Gottesbild oder eine innere Resignation – die Gründe sind zahlreich. Aber sie versuchen wirklich, so zu leben, dass Gott sie weniger liebt. Das Verrückte dabei ist: Auch das geht gar nicht.
Und doch scheinen sie eine Art Spielchen zu spielen: „Wie Gott mir, so ich ihm.“ Oder so ähnlich. Auf jeden Fall fühlen sie sich von Gott und der Welt verlassen und meinen, es zumindest Gott gegenüber durch strikte Nichtbeachtung auch zeigen zu müssen.
Drehen wir die Nicht-liebenswert-Spirale doch mal ganz weit runter und stellen uns den schlimmsten Menschen vor, den man sich vorstellen kann (nein, nicht deine Schwiegermutter! Ich rede von wirklich schlimm). Genauer gesagt: Er sollte schlimmer sein als du.
Glaubst du, dass Gott diesen Menschen weniger liebt als dich? Die Antwort ist: Nein, Gott liebt euch beide ganz genau gleich. Das ist für unseren Verstand einfach too much. Nach menschlichem Ermessen machen wir es doch ähnlich wie die blinde Justitia, die eine Waage in der Hand hält. Und je nachdem, auf welcher Seite das Gewicht größer wird, schlägt die Waage aus. Und wir meinen ja schon irgendwie, dass Gott alle Menschen gleich liebt. Aber kann er wirklich einen Schwerverbrecher genauso lieben wie mich?
Das ist schwer zu verstehen. Richtig. Mit unserem Verstand alleine können wir das auch nicht fassen, weil wir ein Problem haben: Wir können nur menschlich von Gott reden und denken. Klingt logisch, oder? Das bedeutet, wir können nur die Erklärungsmuster an Gott anlegen, die wir auch an Menschen anlegen. Und da sind wir doch wie kleine Kinder: „Der hat mir mein Spielzeug weggenommen, also bin ich jetzt nicht mehr sein Freund.“ Und drei Tage später verabreden die Mütter ihre Kinder zum gemeinsamen Spielen. Das geht bei Kindern manchmal ganz schnell.
Bei Erwachsenen ist das etwas subtiler: Er war nicht da, als ich ihn brauchte. Sie meldet sich nie, wenn ich ihr schreibe. Er hat keine Zeit für mich. Schon seit Jahren schuldet er mir jede Menge Geld. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie es auf meinen Mann abgesehen hat. Bis heute verzeihe ich ihr nicht, was sie damals vor vielen Jahren auf der Party vor allen anderen über mich sagte.
Ja, das sind Verletzungen, die sehr tief gehen können. Wirklich. Ich will sie überhaupt nicht kleinreden. Und weil wir solche menschlichen Muster an Gott anlegen, geschieht es ganz schnell, dass wir meinen, viel zu schuldig, viel zu unwürdig, viel zu menschlich zu sein, als dass Gott uns noch lieben könnte.
Oder aber wir gehen eben in die andere Richtung. Wir halten es schier nicht aus, dass Gott uns liebt. Zwar predigen wir das jeden Sonntag, hören es jeden Sonntag, lesen viele Bücher darüber – aber leben tun wir es nicht wirklich. Und das finde ich äußerst schade. Denn nichts in dieser Welt kommt der Liebe gleich, die der Schöpfer des Universums zu jedem einzelnen Menschen hat. Sie ist so groß, dass es ihn sein Ein und Alles kostete: „Denn Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16)
Es gab mal eine Zeit, in der war nichts – also fast nichts. Es war: Gott. Und er sagte: „Es werde!“ Und es wurde. Tatsächlich.
Hell und Dunkel. Himmel und Wasser. Erde und Meer. Die Natur mit unzähligen Bäumen, Büschen und Pflanzen aller Art. Sonne, Mond, Sterne. Galaxien mit Millionen von Sternen. Tiere im Wasser, Tiere in der Luft, Tiere auf dem Land – und zu guter Letzt: der Mensch. Von dem heißt es auch noch: „Was ist da schon der Mensch, dass du an ihn denkst? Wie klein und unbedeutend ist er, und doch kümmerst du dich um ihn. Ja, du hast ihm eine hohe Stellung gegeben – nur wenig niedriger als die Engel. Mit Ruhm und Ehre hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8,5 + 6)
Sag mal: Glaubst du immer noch, dass du irgendetwas tun könntest, um diesem Gott zu gefallen? Glaubst du im Ernst, dass irgendeine deiner frommen Taten ihn dazu bewegen könnte, dich mehr zu lieben? Das ist undenkbar. Das ist grotesk. Das ist schlicht und einfach Unsinn.
Der Witz ist: Du kannst auch nichts tun, damit Gott dich weniger liebt. Denn auf der anderen Seite ist es dieser Schöpfer des ganzen Universums, der dich liebt. Ich meine – das schaffen wir gar nicht, zu verstehen.
Es fällt uns ja schon schwer zu verstehen, warum unser Partner uns liebt – bei den ganzen Macken, die wir so an und in uns haben. Da reicht es aus, dass wir menschliche Liebe nicht messen oder erklären können.
Wie viel weniger können wir dann göttliche Liebe messen!
Und wir brauchen es auch nicht, denn sie würde ohnehin immer konstant den gleichen Pegelstand anzeigen: maßlos!
Das geht ganz schwer in unseren Kopf hinein – und deswegen sind wir versucht, Dinge „für Gott“ zu tun, die uns besser vor ihm dastehen lassen. Das ist ganz menschlich. Wir halten es nicht aus, einfach zu sein. Wir müssen etwas tun. In unserer heutigen Reizüberflutungsgesellschaft ohnehin. Mich wundert es nicht, dass immer mehr „Ich bin dann mal weg“-Angebote sich großer Resonanz erfreuen: stille Tage im Kloster, ein Wochenende in der Natur oder ein bewusstes Abschalten aller technischen Geräte. Man könnte meinen, wir hätten die Nase gestrichen voll von so vielem, was uns täglich umgibt und was uns immer wieder an einen Punkt bringt, an dem wir agieren und leider immer öfter auch reagieren müssen – oder wollen.
Dabei gibt es nichts Schöneres, als sich der Liebe des himmlischen Vaters einfach einmal auszusetzen. Nichts tun, einfach sein. Vor ihm. In seiner Gegenwart, in der das stürmische Meer im Inneren unseres Herzens zur Ruhe kommt. Sich neu justieren und ausrichten ist, was wir immer wieder benötigen. Aber eben genau nicht dadurch, dass wir etwas tun, sondern dass wir sind. Vor Gott.
Symptomatisch dafür ist für mich die Situation des Volkes Gottes, als er selbst es aus Ägypten herausgeführt hat. Sie waren in der Zwickmühle: Vor ihnen das unüberwindbar scheinende Meer – hinter ihnen, am Horizont, können sie schon den aufgewirbelten Staub der bedrohlichen Reiterscharen des Pharaos sehen, der es sich alles noch mal anders überlegt hat.
Jetzt sitzen sie in der Klemme. Vor ihnen wartet der Tod durch Flut auf sie, hinter ihnen nähert sich der Tod durch ägyptische Soldaten. Beides ist nicht wirklich eine Alternative.
Da tritt Mose vor Gott. Bittet. Fleht. Weint. Klagt.
Er tritt für sein geliebtes Volk bei Gott ein.
Nach seinem Zwiegespräch mit Gott hat er eine Botschaft an die verzweifelten Menschen:
„Der Herr selbst wird für euch kämpfen, wartet ihr nur ruhig ab!“ (2. Mose 14,14)
„Klar, Mose! Du hast wohl zu viel an der Wolkensäule geschnüffelt, was?“ So oder so ähnlich mögen vielleicht die Israeliten gedacht haben.
Einfach Gott vertrauen? Nichts tun und warten, dass Gott eingreift? Ich kann mir vorstellen, wie schwierig das für die Israeliten war.
„Aber wir können doch nicht nichts tun! Aber was wird dann aus unseren Kindern? Aber warum hat Gott uns dann in diese Zwickmühle geführt? Aber wie sollen die Ägypter geschlagen werden? Aber knechtet uns der Pharao dann aufs Neue?“
So oder so ähnlich ist auch oft unsere innere Reaktion, wenn wir uns der Liebe Gottes aussetzen sollen. „Ja, aber Gott kann mich unmöglich so lieben, wie ich bin. Aber ich habe Gott doch gar nichts zu bringen, wofür er mich lieben könnte. Aber kann das so einfach gehen? Aber was kann ich Gott denn als Dank zurückgeben? Aber was, wenn ich mich mal wieder danebenbenehme – liebt er mich da immer noch? Aber es gibt da diese eine Sünde, damals vor 13 Jahren, 4 Monaten und zwei Tagen. Aber ich spüre seine Liebe gerade so was von überhaupt nicht.“
Weißt du, wie man das nennt? Das ist Aberglaube. Ein Glaube, der sich aus lauter „Abers“ speist, die Gottes Liebe im Weg stehen – wo sie doch eigentlich gerade das nicht wollten.
Liebe lebt von Beziehung. Deswegen mach doch mal was Verrücktes und nimm dir Zeit für deinen Schöpfer, der dich grenzenlos liebt. Sei es regelmäßig am Tag, ein ganzer Tag, ein Wochenende. Nimm dir diese Zeit – und sei einfach ein geliebtes Kind Gottes. Denn das wird dir helfen, auch in brenzligen Situationen zu erleben, dass die Liebe, mit der Gott dich liebt, mehr als nur ein Gedanke ist. Sie ist das tragende Fundament deines Lebens und deines Glaubens.
Schnell sind wir dabei zu fragen: Wie? Wie soll ich das machen? Genau das ist der Punkt: Es gibt hier kein Patentrezept oder Generallösung für alle Menschen. Ich kann nicht, ich will nicht und werde dir diese Frage nicht beantworten – weil es die falsche Frage ist. Die wichtigste Frage ist eben nicht, wie, sondern, wann?
Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Gemeinden und die ganze Gesellschaft vollkommen verändert werden würden, wenn wir die Liebe Gottes einfach viel mehr zum Zug kommen lassen.
Vor allem dann, wenn wir vor lauter Balken im eigenen Auge nur noch den Splitter im Auge des anderen sehen.
Wenn du ein aktives Gemeindeglied bist, damit meine ich solch liebenswerte Menschen, die nicht nur an Weihnachten oder aus Tradition in den Gottesdienst gehen, sondern sich vornehmen, jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen, unter der Woche noch eine Gruppe besuchen und sich ehrenamtlich in der Gemeinde engagieren. Wenn du in diese Kategorie fällst, dann bitte ich dich einmal um Folgendes: Beobachte mal ganz genau, wo und wie die Liebe Gottes in deiner Gemeinde, also bei allen Veranstaltungen, an denen du in den nächsten Tagen teilnimmst, gelebt wird. Wo kommt sie zum Zug? Wie drückt sie sich aus? Wie gehen wir mit Menschen um, die durch unser Sündenkategorisierungsraster gefallen sind?
Wenn du nicht in der perfekten Gemeinde bist, dann warne ich dich vor: Du könntest schockiert sein. Schockiert darüber, wie wenig diese göttliche Liebe spürbar ist und wie sehr Menschen verurteilt oder zumindest beurteilt werden aufgrund dessen, was sie tun oder nicht tun.
Und dann überwinde dich. Überwinde dich und sprich in eine solche Situation die Liebe Gottes hinein. Ich sage dir: Du wirst angestarrt werden. Menschen werden sich ertappt und entlarvt fühlen. Aber es wird noch mehr geschehen: Die Liebe des Schöpfers wird spürbar werden und Herzen verändern. Das verspreche ich dir.
Ein Versuch ist es doch allemal wert, oder?
Genau das wird nämlich dein Leben reich machen: nichts tun müssen, sondern einfach vor Gott sein und seine Liebe in dich aufsaugen. Wie du das machst, überlasse ich dir: Ob du in der Stille die Gegenwart Gottes suchst, beim Spazierengehen in der Natur, im Lobpreis oder im Gebet. Schaffe dir deinen Moment, in dem du die Liebe Gottes so richtig in dich aufnehmen kannst!
Du bist kein Nichtsnutz, wenn du nichts tust, außer dich der Liebe Gottes hinzuhalten. Denn das ist das Beste, das du tun kannst.
JETZT WIRD'S KONKRET:
1. In welchen Situationen und Momenten deines Lebens fällt es dir besonders schwer, einfach nur zu „sein“ und nichts zu „tun“. Nimm dir doch die Zeit und mach dir darüber Gedanken. Schreib sie dir auf. Für alle, die nicht mehr wissen, was Stift und Papier sind, kann ich für so etwas die wunderbaren Smartphone-Apps „Evernote“ oder „Daily One“ empfehlen.
2. „Der Herr selbst wird für euch kämpfen, wartet ihr nur ruhig ab!“ (2. Mose 14,14) Was löst dieser Vers in dir aus? Warum fällt es dir schwer, ihm Glauben zu schenken? Und wo merkst du, dass er dir Kraft gibt?
3. Such dir im Alltag Oasen, in denen du einfach nur vor Gott bist und dich erfrischen lässt: die Mittagspause im Grünen bei der Arbeit, der Sport, Zeiten des Gebets und Lobpreis zu Hause. Was auch immer für dich passt: Such dir diese Möglichkeiten, einfach vor Gott zu sein und von ihm erfrischt zu werden.
2. ES GIBT EINE BESSERE GEMEINDE ALS DEINE
Das ist fast so bescheuert wie: „Ich gehe jetzt fremd, denn diese Frau ist viel besser und schöner als die, die ich geheiratet habe.“ Solltest du ein Mann sein, wirst du wissen, was ich meine, wie sehr bescheuert das ist. Das Gleiche gilt übrigens auch für dich, liebe Leserin.
Manchmal setzt unsere Ratio ja aus und wir tun ziemlich irrationale Dinge. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch in Ordnung. Das nenne ich dann eine lebensfröhliche Verrücktheit. Aber Fremdgehen in Sachen Ehepartner und Gemeinde ist keine lebensfröhliche Verrücktheit – das ist ausgesprochene Dummheit.
Ich habe durch meinen Dienst in der Kirche in meinen noch wenigen Dienstjahren nun schon sechs Gemeinden „von innen“ heraus kennengelernt, weil ich in ihnen meinen Dienst tat. Während meines Studiums war ich in einer kleinen charismatischen Gemeinde, die mich bis heute unglaublich positiv geprägt hat und deren Pastor ich bis heute für so vieles dankbar bin, das er in mich investiert hat.
Aber alle Gemeinden, die ich kennengelernt habe, hatten eines gemeinsam: Sie alle haben Ecken und Kanten.
Und weißt du, warum? Weil sie aus Menschen wie dir und mir bestehen. Eine Gemeinde ist doch kein künstliches Produkt, sondern die Summe derer, die an Jesus glauben und zu dieser Gemeinde gehören.
Manchmal frage ich mich wirklich, welche utopischen Ansprüche Christen an ihre Gemeinde stellen. Wie die Ravensburger Spiele soll sie für alle zwischen 0-99 da sein – die wenigen über 99 bekommt sie aber auch noch unter. Also soll es in der Gemeinde Krabbelgruppen geben – am besten mehrere, damit das Kindergeschrei für den sich parallel treffenden Bastelkreis erträglich ist.
Es sollen im Kindergottesdienst die Kinder schon ab drei Jahren kommen dürfen – aber natürlich soll dieser Kindergottesdienst parallel zum Erwachsenengottesdienst stattfinden, damit auch ja kein Kind die wunderschöne Orgelmusik stört. Es sei denn, die Kinder nehmen noch zu Beginn des Erwachsenengottesdienstes an ihm teil, aber natürlich ohne einen Mucks zu machen. Ist ja auch überhaupt nicht schwierig, wenn man zehn Kinder in eine Reihe wunderschön erhaltener Kirchenbänke pfercht, die das Nostalgikerherz höher schlagen lassen.
Überhaupt müssen altehrwürdige Kirchengebäude und Gemeindehäuser erhalten, saniert und gepflegt werden. Klar. Gemeinde Jesu besteht ja aus Steinen und nicht aus Beinen – oder habe ich da etwas falsch verstanden?
Natürlich dürfen auch Jugendliche diese Räume nutzen, aber sie müssen sich klerikal-kirchlich benehmen. Wehe, die Räume werden verschmutzt, es wird laut oder es läuft so was wie Techno oder Rockmusik. Ganz zu schweigen von den Todsünden Alkohol und Nikotin.
Wir können als Gemeinde doch nicht das aufgeben, was schon immer so war. Was schon immer so war, muss schließlich gut sein, sonst wäre es ja nicht schon immer so gewesen. Wäre jemandem aufgefallen, dass es nicht so gut ist, hätte er das doch sicher geändert.
Aber weil Frau Müller ihren Sitzplatz im Gottesdienst seit 47 Jahren an genau dieser Stelle hat, ist es unmöglich, die Bänke durch Stühle zu ersetzen.
Schon immer war es so, dass es eine Orgel in der Kirche gibt. Man stelle sich nur mal vor, eine Kirche ohne Orgel. Das wäre ja wie Männer ohne Bauch, Frauen ohne Angst vor Zellulitis, Kinder ohne Motzen oder Sommer ohne Regen. Geht gar nicht. Das war schon immer so. Das muss auch bis in alle Ewigkeit so bleiben – und um auf Nummer sicher zu gehen, auch noch länger als die Ewigkeit.
Manchmal habe ich den Eindruck, was Chuck Norris für seine Widersacher ist, ist die Aussage „Das war schon immer so“ für eine lebendige Gemeinde: Ein unüberwindbares Hindernis! Wobei es keine Rolle spielt, dass der Einzige, auf den die Beschreibung „immer“ zutrifft, Gott selbst ist.
Und natürlich wollen wir es allen recht machen. Wir haben Gottesdienste mit Orgelmusik und Bach-Kantaten aber auch Lobpreisgottesdienste mit Hillsong-Musik. Wir haben flexible Gottesdienstzeiten und lassen die Gemeindeglieder immer in der Woche vor dem Gottesdienst abstimmen, zu welcher Uhrzeit er stattfinden soll. So können wir wenigstens eine Mehrheit glücklich machen.
So, lieber Leser, nun kannst du dich ein wenig entspannen und ich schalte den Ironiemodus aus.
Aber ist es nicht so? Die Erwartungshaltung an Gemeinde ist so künstlich und unrealistisch, dass du nur zu dem Schluss kommen kannst: Meine Gemeinde ist schlecht.
Nichts anderes ist es, wenn du an deinen Partner, deine Partnerin oder auch deine Kinder unrealistische Erwartungen hast. Sie können diesen niemals gerecht werden – und im schlimmsten Fall gehen sie daran zugrunde. Wie viele Ehen und Familien sind schon an Erwartungen gescheitert und zerrüttet, die kein Mensch halten kann.
Aber weißt du was? Solltest du zumindest ab und an den Eindruck haben, dass deine Gemeinde schlecht ist, dann sei dir sicher: Sie befindet sich in einer munteren Ansammlung weiterer Gemeinden – nämlich aller Gemeinden.
Meine Vermutung ist ja die, dass Menschen ihre nicht erfüllten geistlichen Wünsche und Sehnsüchte nun an die Gemeinde herantragen. „Wenn ich alleine es schon nicht schaffe, dann muss es doch meine Gemeinde schaffen.“
Weißt du, wer für dein geistliches Wachstum verantwortlich ist? Du allein! Nicht deine Gemeinde, nicht der Pastor, nicht dein Mitchrist und best buddy. Du alleine bist dafür verantwortlich, dass du geistlich wächst.
Niemand anderes als du selbst kann deine Gebete beten.
Niemand anderes als du selbst kann Gottes Zusagen aus seinem Wort für dich in Anspruch nehmen.
Niemand anderes als du selbst kann den Heiligen Geist flüstern hören, was er dir sagen möchte.
Niemand anderes als du selbst kann die Kraft der Gemeinschaft von Christen erleben, die so lebensverändernd sein kann.
Natürlich braucht es dafür Zeiten der Ruhe, des Gebets, der Stille, des Fokussierens auf Gott.
Und natürlich können andere Christen für dich beten. Und tun das auch. Sei dir dessen sicher. Das ist etwas sehr Befreiendes und Entlastendes.
Aber weil Jesus eine ganz enge Beziehung mit dir möchte, ist es eben möglich, dass dein Vertrauen und Glauben in ihn wachsen. Immer mehr.
Das alles soll Gemeinde leisten?
Ich muss dich enttäuschen: Sie schafft es nicht in dem Maß, wie du es dir vielleicht wünschst, weil sie einfach aus Menschen besteht, die ebenso wie du unerfüllte geistliche Wünsche und Sehnsüchte haben. Gemeinde ist kein Wunschkonzert. Aber sie klingt dann ganz wundervoll, wenn du dich einbringst mit deinen Gaben.
Ich habe ein Ehepaar vor Augen, das jahrelang ihrer Gemeinde die Treue gehalten hat, obwohl diese alles andere als so war, wie sie sich das gewünscht hätten. Aber sie haben treu und aufopferungsvoll ihren Dienst in der Gemeinde getan. Weil sie wussten, dass es eben nicht um sie ging, sondern um andere.
Damit verbunden ist natürlich ein Aushalten und Durchhalten, für das dir nur Gottes Geist die Kraft und Vision schenken kann, die du brauchst.
Aber mach es doch genau wie dieses Ehepaar: Denk nicht so sehr an dich. Denk an die anderen in der Gemeinde und an die, die noch nicht zur Gemeinde kommen oder gehören, und frage dich: Wie kann ich ihnen am besten dienen?
In Kapitel 4 werde ich noch genauer auf die Gaben des Heiligen Geistes eingehen.
Ich glaube, dass es keine bessere Möglichkeit gibt, im Glauben zu wachsen, als dich ganz konkret in die Mitarbeit deiner Gemeinde einzubringen. Im besten Fall auch noch in einem Bereich, in dem besonders Menschen gedient werden soll, die Nöten ausgesetzt sind. Entweder der geistlichen Not, dass sie Jesus noch nicht kennen, oder ganz alltäglichen Nöten. Das bringt dich nämlich dazu, deinen Glauben immer wieder zu reflektieren.
Als Pfarrer unterrichte ich auch Religion. Ich erinnere mich noch gut an eine Stunde in der ersten Klasse während meines Vikariats. Ich malte eine Krippe und ein Kreuz an die Tafel – und ja. Beides war als solches durchaus erkennbar, auch wenn mein Kunstlehrer und ich die glücklichsten Menschen waren, als ich nach der 11. Klasse Kunst mit der hervorragenden Note 4 abwählte.
Ich zeichnete also diese beiden Symbole an die Tafel in dieser ersten Klasse und wartete, dass einer der Schülerinnen und Schüler sich meldet und irgendetwas sagt, das mit Jesus zu tun hat. Ist doch klar: Die Krippe als Symbol für die Geburt Jesu, das Kreuz als Symbol für den Tod Jesu.
Ich wartete. Ich wartete noch länger. Ich wartete noch ein bisschen. Und tatsächlich. Es geschah – nichts. Gut, dachte ich, die Schülerinnen und Schüler sind vielleicht ein wenig schüchtern. Ich gebe ihnen einen Tipp: „Das hier ist eine Krippe, das ist ein Kreuz.“ Und schon schießen die Finger in die Höhe – war meine Vorstellung, die aber leider nicht stimmte. Keiner dieser liebenswerten Sechsjährigen meldete sich. Stattdessen schaute ich in Kindergesichter, die irgendwo schwankten zwischen „Wer ist der Mann da vorne?“ und „Was machen wir hier eigentlich?“.
Also. Ein letzter Tipp, dachte ich mir: „Die Krippe und das Kreuz haben mit einem ganz besonderen Mann zu tun.“ Jetzt aber. Die Kinder meldeten sich – nicht.
Ich erinnere mich deswegen noch so genau an diese Situation, weil sie mich ehrlich gesagt ein wenig schockiert hat. Viele der Kinder waren sogar in einem „christlichen“ Kindergarten – aber sie wussten nicht, dass Krippe und Kreuz etwas mit Jesus zu tun haben.
Was dann folgte, war eine Mammutaufgabe: Ich musste bei null anfangen und mit Kindern, die im behüteten Baden-Württemberg (gut, okay, es war die Grenze zu Hessen) einen Kindergarten (meist einen konfessionellen) besucht haben, nun in der ersten Klasse waren, in irgendeiner Weise darüber ins Gespräch kommen, wer Jesus war, warum er heute noch lebt, also nein, nicht so richtig. Anders. Bei Gott. Aber der ist doch überall? Ja, genau. Und da ist Jesus. Aber warum wir ihn dann nicht sehen, nein, das weiß ich ebenso wenig wie den Grund dafür, weshalb im Laufe des Schuljahres Meerschweinchen gestorben, Tränen geflossen und Stifte kaputt gegangen sind, wo Gott doch alles sieht.
Dein Glaube wächst nirgends so tief wie an den Orten, an denen du mit Menschen zusammentriffst, die von Jesus noch nicht wirklich viel wissen. Du musst nämlich bei null anfangen – auch für dich selbst. Und plötzlich merkst du, ob du das, was du glaubst, wirklich glaubst oder ob es nur irgendwie anerzogen wurde oder für wahr gehalten wird.
Und deswegen eine kleine Aufforderung: Wenn du denkst, dass es eine bessere Gemeinde als deine gibt, dann such erst einmal deinen Platz in der Gemeinde und diene dadurch Menschen, die Jesus noch nicht kennen. Aber Vorsicht. Es könnte sein, dass sich dein Bild von deiner Gemeinde radikal zum Guten wendet.
Und doch ist die Frage, ob es eine bessere Gemeinde als deine gibt, nicht ganz unberechtigt. Schließlich soll eine Gemeinde die Hoffnung für die Menschen vor Ort sein – und zwar nicht nur für die Gemeindemenschen und Jesusnachfolger, sondern für alle Menschen.
Ich bin Bill Hybels, Gründer und Pastor der Willow Creek Community Church, so dankbar, der mich gelehrt hat, dass die Ortsgemeinde die Hoffnung der Welt ist. (Also, lieber Bill, falls du dieses Buch mal … nein, lassen wir das.) Ein ganz zentraler biblischer Text, den mich Hybels gelehrt hat, ist Apostelgeschichte 2,42-47:
Was das Leben der Christen prägte, waren die Lehre, in der die Apostel sie unterwiesen, ihr Zusammenhalt in gegenseitiger Liebe und Hilfsbereitschaft, das Mahl des Herrn und das Gebet. Jedermann in Jerusalem war von einer tiefen Ehrfurcht vor Gott ergriffen, und durch die Apostel geschahen zahlreiche Wunder und viele außergewöhnliche Dinge. Alle, die an Jesus glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren. Einmütig und mit großer Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen. Außerdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen und das Mahl des Herrn zu feiern, und ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt. Sie priesen Gott bei allem, was sie taten, und standen beim ganzen Volk in hohem Ansehen. Und jeden Tag rettete der Herr weitere Menschen, sodass die Gemeinde immer größer wurde. (Apg 2,42-47, NGÜ)
Dieser Abschnitt allein birgt die ganze Kraft, Dynamik und Schönheit von Gemeinde in sich. Lies ihn ruhig noch einmal durch. Und noch einmal. Und ein viertes Mal. Und du wirst bei jedem Lesen über einen neuen Aspekt staunen.
Und weißt du, was das Geheimnis dieser so faszinierenden und vorbildhaften Gemeinde war? Ein einziges Wort: Hingabe.
Für den Ausdruck „Was das Leben der Christen prägte“ (Apostelgeschichte 2,42) steht im griechischen Urtext das Wort „proskarterountes“. Auf Deutsch bedeutet dieses Wort „an etwas festhalten“, „dauernd bereit sein“ oder auch „sich fortwährend aufhalten“.
Mit diesem Ausdruck ist gemeint, dass eine Person beharrlich und hingegeben in einer Gruppe bleibt oder an dieser Gruppe festhält. In unserem Fall ist das die Gemeinde. Das bedeutet: dableiben, nicht wegrennen. Festhalten an der Gemeinschaft, nicht loslassen. Kämpfen, nicht aufgeben. Ringen, nicht resignieren. Einbringen, nicht konsumieren. Mitgestalten, nicht nur zuschauen.
Ich glaube, dass dies ein vom Heiligen Geist übernatürlich gewirktes Festhalten und Bleiben in der Gemeinde ist. Rein menschlich gesehen fällt es nämlich ziemlich schwer, in der Gemeinde zu bleiben und festzuhalten, wenn so manches nicht nach unserer Pfeife tanzt. Aber Gott hat uns Christen als Geschwister und nicht als Freunde erschaffen. Freunde suchen wir uns aus – Geschwister nicht. Die sind da – ob wir wollen oder nicht, gehören sie zur Familie, zur Gemeinde.
Und das gilt es nun mal einfach auszuhalten. Ja, die Verwandtschaft kann manchmal ganz schön bucklig sein. Nicht nur die Tante beim Kaffee-Besuch, die in fast schon mantrahafter Routine ihr „Du bist aber groß geworden“ aufsagt. Oder der Bruder, der einfach keine Kompromisse schließen kann bei der Nachlassregelung des verstorbenen Vaters.
Auch in der Gemeinde gibt es diese bucklige Verwandtschaft. Die, mit denen wir nicht Gottesdienst feiern würden, wenn wir es uns aussuchen dürften. Die, deren Musikgeschmack so gar nicht unserer ist. Die, die immer so fromm daherreden, deren Lebensalltag aber ein ganz anderes Bild zeichnet.
Ohne ein übernatürliches Maß an Hingabe wird unsere Gemeinde wirkungslos bleiben. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Und übernatürlich heißt: von Gottes Geist geschenkt und nicht zwanghaft aus sich selbst heraus gemacht.
Wenn ich dich mal fragen darf: Auf einer Skala zwischen „wenig Hingabe“ und „viel Hingabe“: Wie hoch schätzt du momentan deine Hingabe für die Gemeinde ein?
Lass es mich direkt und offen sagen: Ich bin fest davon überzeugt, dass es wahre Freude, erfülltes Leben und konkretes Erleben von Gottes Wirken immer mehr dort gibt, wo du dich auf der Seite „viel Hingabe“ einsortierst. Gott hat 100 % für dich gegeben – was hindert dich, 100 % für ihn zu geben?
Ich höre deine Frage: Wie komme ich von „wenig Hingabe“ zu „voller Hingabe“?
Jesus sagte einmal: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Johannes 12,24)
Was muss in deinem Leben sterben, dass deine Hingabe an die Gemeinde, und damit an Jesus selbst, immer höher wird?
Nur mal so ein paar Beispiele, was das sein könnte. Vielleicht helfen sie dir auf die Sprünge oder stoßen ganz andere Bereiche deines Lebens an.
X Das Streben nach Ehre und Geltung vor Menschen. Und so tust du es – wenn du überhaupt etwas tust in der Gemeinde –, um vor anderen etwas zu gelten.
X Der Druck, es allen recht machen zu wollen. Und es tut mir leid: Dich davon befreien zu lassen, ist unglaublich wichtig – und gleichzeitig gar nicht so einfach. Aber dazu musst du eigentlich nur ein Wort neu lernen und an den richtigen Stellen einsetzen: „Nein!“
X Die Idee von einem einfachen Leben. Das ist nämlich eine ganz und gar unrealistische Idee. Es gibt nicht vieles, das unser Leben lang Bestand hat. Aber die Herausforderungen gehören dazu. Lass deinen Wunsch nach einem einfachen Leben sterben und du wirst das wahre Leben gewinnen!
X Die Gier nach Geld und Materiellem. Ich kenne das. Zeig mir das neueste iPhone, die Apple Watch oder andere nette elektronische Gadgets. Ich will sie. Und zwar alle. Und doch ist es viel sinnvoller, dass wir als Familie unseren „Zehnten“ geben – zumindest unseres Einkommens. Zehn Prozent von dem, was wir an Einnahmen im Monat haben, geht via Dauerauftrag raus – vorwiegend in die Gemeinde und in die Mission. Das heißt: Ich kann nicht immer das neueste iPhone haben oder jeden elektronischen Firlefanz. Und weißt du was? Ich lebe dennoch ganz gut.
Der große Völkermissionar Paulus schreibt einmal kurz und knapp: „Ich sterbe täglich!“ (1. Kor 15,31) Das ist doch mal echt eine hoffnungsvolle Botschaft, oder?
Ja, ist sie! Denn das heißt: Ich sterbe, damit du, Jesus, in mir leben kannst.
Und das jeden Tag. Ganz praktisch.
Lass Gott dir zeigen, was in deinem Leben sterben muss, damit deine Hingabe an seine Gemeinde immer größer wird.
Und glaube mir: Das kann schlagartig gehen. Aber es kann auch ein Prozess sein. Höre dabei immer mal wieder hin, was Gott dir sagt, achte darauf, wie der Heilige Geist zu dir redet und dir was flüstert. Gedanken, Bilder, Eindrücke, die du beim Beten dafür hast.
Sie werden dir schon zeigen, was Sache ist. Und dann leg los und – stirb!
Oder aber deine Hingabe an die Gemeinde Jesu wächst und wächst und wächst und du könntest geistliche Bäume ausreißen und einpflanzen – und es tut sich irgendwie gar nichts. Das Durchschnittsalter der Gottesdienstbesucher könnte man mit „Midlife-Crisis“ ganz gut beschreiben, der Kirchenkaffee schmeckt immer noch nicht, echte Taufen gab es schon seit gefühlt 27 Jahren nicht mehr, Wachstum entdeckst du in der Gemeinde lediglich beim Schimmelbefall im in die Jahre gekommenen Gemeindehaus, und dass Menschen zum Glauben an Jesus kommen, ist genauso wahrscheinlich wie, dass die Niederlande mal wieder ein großes Fußballturnier gewinnen – wenn sie sich denn qualifizieren.
Und jetzt bitte ich dich, dass du die folgenden Punkte nicht als einen Brief verstehst, sondern dass du die folgenden drei Kriterien mit Gott, der Gemeindeleitung und anderen Mitgliedern der Gemeinde durchsprichst.
Denn die folgenden drei Kriterien sollen dir helfen, zu entscheiden, ob deine Gemeinde biblisch fundiert lehrt und handelt.
Alles andere findest du in anderen Gemeinden auch: zu wenig Mitarbeiter, zu viel Streit, manchen ist die Tradition scheinbar wichtiger als der Inhalt, die Frage nach der richtigen Taufpraxis und, und, und. Du findest das überall. Versprochen!
Aber was heißt denn nun „biblisch fundiert“ lehren und handeln? Dafür will ich dir nur drei Fragen an die Hand geben und sie bewusst nicht ausführen. Das darfst du dann zusammen mit Gott tun:
1. Lebt deine Gemeinde Evangelisation und setzt alles daran, dass Menschen, die noch ohne Gott leben, zu hingegebenen Nachfolgern von Jesus werden?
2. Ist der Heilige Geist mehr als ein nettes Wort in der trinitarischen Formel „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ und wird über ihn gelehrt und mit seinem Reden auch heute noch gerechnet und regelrecht darum gebeten?
3. Spielt die Bibel als Gottes Wort, das heute noch gilt und wahr ist, die Rolle, die es spielen soll – nämlich die zentrale?
Also bleibe deiner Gemeinde treu, diene Gott und den Menschen und mach’ erst den Abgang, wenn die Lehre und das Handeln nicht (mehr) biblisch fundiert sind.
Aber auch erst dann, wenn du es vertrauensvoll mit den Verantwortlichen der Gemeinde besprochen hast und nicht hintenrum geredet hast. Glaube mir – und ich spreche da aus Erfahrung: Hintenrumreden ist für die Gemeindeleitung irgendwie so, als ob sie den berühmt-berüchtigten Wackelpudding an die Wand nageln wollen. Das geht einfach gar nicht.
Als ich in den ersten Jahren meines Dienstes noch viele Fragen hatte (heute sind es sehr viele, welch Dilemma!), habe ich mich hin und wieder mit einem erfahrenen Pfarrer getroffen, der mir sehr wertvolle Tipps gab, die mich bis heute prägen und meinen Dienst beeinflussen. Ein Tipp war für mich ganz besonders einprägsam: „Kein Ross ohne Reiter!“ Das heißt: Wenn irgendein Thema in der Gemeinde aufpoppt, will ich wissen, wer es gesagt hat, wen es ärgert, wen es berührt. Ich höre nicht mehr auf „die Leute sagen“ oder „ganz viele sagen“. Ich will Namen. Denn dann kann ich mit diesen Personen reden und sie besser verstehen. Ich muss ihre Ansichten nicht teilen – aber sie sind es allemal wert, gehört zu werden.
Ich gebe heute nichts mehr auf Meinungen von „man“ oder „ganz vielen“. Oder um es noch direkter zu sagen: Solche Aussagen sind mir egal.
Ich will direkt mit den Menschen reden – und nicht mit lauter „mans“.
Und deswegen bitte ich dich, dass du deiner Gemeindeleitung einen Gefallen tust – auch wenn du nicht alle ihre Ansichten teilst und wenn du sogar in Erwägung ziehst, die Gemeinde zu verlassen: Sprich persönlich und direkt mit ihnen – nicht über sie und nicht hintenrum. Und du wirst mit Sicherheit merken, dass die Realität nicht immer so einfach ist, wie sie schnell mal dargestellt wird.
Übrigens: Auch das Hintenrumreden findest du wohl in allen Gemeinden. Solltest du es noch nicht entdeckt haben, läuft’s wohl gerade – hintenrum …
JETZT WIRD'S KONKRET:
1. Wo befindest du dich gerade auf der Hingabeskala? Mach mal den Selbsttest und sei ehrlich zu dir. Wo würdest du dich positionieren?
2. Wie sieht es für dich konkret aus, täglich zu sterben? Gibt es Bereiche, in denen du Gott mehr folgen solltest, weil du sonst dein eigenes Ich auf den Thron deines Lebens setzt?
3. Die bucklige Verwandtschaft kommt ja meist nur zu Besuch: auf einen Kaffee, zum Mittagessen oder Grillen. Lade doch eine Person (oder zwei, drei …) der buckligen Gemeindeverwandtschaft einmal ein. Und höre dir ihre Geschichte an. Du wirst staunen!
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