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DAVID

BRÖDERBAUER

WAL TAUCHEN

ROMAN



Inhalt

– EINS –

Probenraum

Sprechstunde

Vor-Haut

Schmetterlingskind

Fertigteilhaus

Oberflächenprotokoll

Das große Blau

Unser Meer

Phasenübergänge

Tiefenrausch

– ZWEI –

Maximalversuch

Amphibien

Landtiere

Rauchentwicklung

Fell

Der Ruf des weißen Wals

Die Evolution der Wale

Baulücke

Schrottreife

– DREI –

Wie das Meer entstanden ist

In der Stadt

Tauchgang

Er, ich

Die blaue Stunde

Saisonstart

Vera

Sprungschicht

Waltauchen

Überlauf

– EINS –
Probenraum

ICH BRAUCHE NOCH EINEN MOMENT. Ich warte noch, bis sich die Schritte der Arzthelferin entfernt haben. Mir ist die Vorstellung unangenehm, dass sie hört, wie ich die Tür verschließe. Sie hat mich darum gebeten, hat mir den Becher überreicht, verständnisvoll gelächelt hat sie und gesagt, ich möge doch bitte nicht vergessen, die Tür hinter ihr zuzusperren. Aber sie darf nicht hören, wie der Riegel einschnappt. Dann wäre ich nicht mehr imstande, meine Probe zu produzieren.

Das Einzige, was ich seit dem Betreten des Urologenzentrums von mir gegeben habe, war mein Name. Zum Schutz habe ich meinen Doktortitel vorangestellt. Oft glaubt man dann, ich wäre Arzt, und behandelt mich zuvorkommender. Und dass ich zur Probenabgabe komme, habe ich noch gesagt. Die Arzthelferin hat professionell reagiert, genauso, wie man es erwarten würde. Und doch hat man an ihrer Reaktion gemerkt, dass sie sich der besonderen Natur dieser Prozedur durchaus bewusst ist, an dem Blick zu ihrer Kollegin am Empfangsschalter hat man es gemerkt, an der gemessenen Handbewegung, mit der sie mir den Patientenbogen auf die Theke gelegt hat, an ihrer gedämpften Stimme beim Erklären des Ablaufs. Trotz täglicher Durchführung verweigert sich dieser Vorgang der Normalität. Es besteht ein Unterschied zur Abgabe anderer Proben, als wenn beispielsweise Harn oder Blut aus dem menschlichen Körper zutage gefördert werden. Diese Flüssigkeiten sind alltäglichere und gesellschaftlich akzeptiert, ein Mann kann öffentlich bluten oder in ein Gebüsch urinieren, ohne dass es einen übermäßigen Aufschrei gäbe, beim Arzt stellt man den Harnbecher auf ein Tablett im Patienten-WC, die Blutprobe wird von der Arzthelferin bei offener Tür abgenommen. Mit meiner Probe geht das nicht. Wie ich sie unter den gegebenen Umständen produzieren soll, ist mir im Moment noch nicht vorstellbar, oder dass ich in ein paar Minuten mit einem spärlich befüllten Becher in der Hand aus dem Zimmer gehe, den schmalen Gang entlang, vorbei an den wartenden Patienten, und der Arzthelferin den Becher übergebe. Es ist nicht vorgesehen, dass ein Mann so etwas im öffentlichen Raum tut. Trotzdem erwartet man genau das von mir. Auch wenn ich gleich die Tür versperre, kommt das Ganglicht unter der Tür herein, ich höre die Schritte des Personals, das Läuten des Telefons und die Stimmen der Patienten. Vor mir ist ein anderer Mann auf dieser Liege gesessen, und nach mir kommt der nächste. Alles hier ist öffentlich.

Aber es ist nicht nur das. Die Schwierigkeit besteht auch darin, dass alle möglichen Gefühle und Erinnerungen mit diesem Akt verknüpft sind, das Gefühl von Begierde, das Gefühl von Lust, von Ekstase und Glück und Erfüllung, Erinnerungen an Liebe und Sehnsucht, an Geilheit, Not, Wut, Scham und Selbstverachtung. Das alles gehört nicht hierher, ich muss es ausblenden, sonst wird es schwierig. Dazu kommt noch der schlechte Scherz, dass der Raum von dieser Lavalampe beleuchtet wird, die ihr blaues Licht auf die Wände wabert, als wäre das hier eine Meeresgrotte.

Ich kann immer noch abbrechen. Niemand weiß, dass ich hier bin. Ich muss Vera nichts erzählen, muss ihr nicht nachträglich erklären, warum ich es verheimlicht habe. Denn das würde sie fragen. Warum ich denn nichts gesagt habe. Ansehen würde sie mich, und auf die Erklärung warten. Eine Nebenhodenentzündung? Warum ich so etwas verschweige. Ob ich deshalb die letzten Wochen so unnahbar gewesen bin.

Sie würde nicht gleich nach den möglichen Folgen einer Nebenhodenentzündung fragen, sie würde auch nicht fragen, wann das Ergebnis zu erwarten ist. Aber sie würde mich ansehen, würde versuchen, in mich hineinzusehen, wenn sie meinte, ich merke es gerade nicht, sie würde zu verstehen suchen, was in mir vorgeht, und das so lange, bis das Ergebnis da ist und ich damit herausrücke.

Dass wir nie über das Kinderkriegen gesprochen haben, macht es nicht leichter. Bei Vera hat sich von Anfang an alles um ihr Studium gedreht, zuerst der Bachelor, dann der Master. Jetzt ist es der PhD, Vera hat die Ambition, ihn in der vorgegebenen Zeit und mit Publikationen in möglichst guten Journals abzuschließen, damit sie danach eine Stelle an einer möglichst guten Universität bekommt, obwohl solche Stellen seltener sind als Pottwale im Mittelmeer, aber Vera sagt, das wird schon funktionieren. Vera denkt, das Leben könne immer so weitergehen, es wird schon immer alles gut gehen. Bald wird auch Vera die Dinge anders sehen. Wenn man über dreißig ist, bekommt man eine andere Sicht auf das Leben, man begreift, dass die Zeit in Wahrheit rast, dass man trotz Doktortitel mit gebundener Monografie und Publikationen in diesen Proceedings und jenen Letters noch nichts Richtiges zustande gebracht hat, dass allem eine Frist gesetzt ist, dass auch Männer nicht bis an ihr Lebensende zeugungsfähig bleiben.

Vielleicht würde Vera auch einen Scherz machen, wenn ich ihr von diesem Arztbesuch erzähle. Alter Dummkopf, würde sie sagen, würde mir durch das schüttere Haarbüschel über der Stirn fahren und fragen, ob die Arzthelferin zumindest attraktiv gewesen ist, und wie genau sie mir denn bei der Probenabgabe geholfen hat. Und ich würde lügen und ihr nicht sagen, dass die Arzthelferin attraktiv gewesen ist, in meinem Alter oder sogar eine Spur älter, dass sie mich angelächelt und mir mit heruntergelassenem Visier in die Augen gesehen hat, als sie mir den Probenbecher in die Hand gedrückt hat. Ich würde Vera in dem Glauben belassen, dass ich mich nicht für andere Frauen interessiere, was an sich auch stimmt, aber diese Arzthelferin scheint eine interessante Frau zu sein. H. Sitte steht auf dem Schild an ihrer Weste. Ihr rechter Unterarm ist tätowiert, ein Ozean voller Symbole ist aus dem hochgeschobenen Ärmel hervorgetreten, als sie mir den Becher überreicht hat – eine Toga-tragende Frau mit durchscheinenden Brustwarzen auf einem Seepferd reitend, ein Tintenfisch im Kampf mit einem Pottwal, und auf dem Handrücken die Meeresgischt, die sich in den Becher zu ergießen schien. Beim Hinausgehen hat die tätowierte Hand das Dekkenlicht ausgeschaltet, den Raum plötzlich in das blaue Licht der Lavalampe tauchend, dann noch einmal ein Blick von ihr, und ich möge doch bitte nicht vergessen, die Tür zu verschließen.

Sprechstunde

Es gibt dieses alte Seemannsgarn, wonach ein Matrose von einem Wal verschluckt und für ein paar Tage in die Tiefe verschleppt wurde, bevor das Ungeheuer wiederaufgetaucht ist und ihn ausgespuckt hat. Nackt und vollkommen weiß ist er an Land zurückgekehrt, seine Kleider aufgelöst und die Haut gebleicht von der Verdauungsflüssigkeit des Wals. Wenn ich die Tür jetzt zusperre, treffe ich eine Entscheidung. Ich kann dann nicht mehr mit einem leeren Becher hinausgehen. Er muss weiß sein wie der Matrose, wenn ich die Tür wieder öffne.

Wofür wohl das H. auf dem Namensschild der Arzthelferin steht? Sie scheint etwas für das Meer übrig zu haben. Sonst lässt man sich nicht so ein Tattoo stechen und man schiebt den Ärmel der Weste nicht so weit hoch, dass es jeder sieht. Ich hätte ihr sagen können, dass ich meine Doktorarbeit über die Griechen geschrieben habe, dass ich weiß, welche Nymphe für die Frau auf dem Seepferd Patin gestanden hat. Ich hätte ihr die Geschichte von meiner Begegnung mit den Pottwalen erzählen können, von dem Tag, der mein Leben verändert hat, diese Geschichte beeindruckt jeden. Aber wenn man gerade einen solchen Becher überreicht bekommen hat, erscheint irgendwie alles, was man sagen könnte, unpassend.

Vielleicht ist die Lavalampe ihre Idee gewesen – ein entrücktes Unterwasserreich schaffen, in dem man entspannen kann. Ob sie auch taucht? Sie sieht nicht wie jemand aus, der nur ans Meer fährt, um sich in die Sonne zu legen. Wenn sie tatsächlich taucht, dann hat sie die Lavalampe nicht zufällig gewählt, dann hätten wir darüber sprechen können, wie man sich unter Wasser fühlt, dass man dort ganz bei sich ist. Alles andere löst sich auf. Die Anspannung verfliegt und man wird ganz ruhig, besonders beim Freitauchen. Davon hätten wir sprechen können, ich hätte sie mit meinen Freitauchkenntnissen beeindrucken können. Ein tiefer Atemzug, die Luft anhalten, loslassen und abtauchen ins Blau. Man muss lernen, für Minuten ohne Sauerstoff auszukommen, man muss dem Wasserdruck standhalten, der einem das Trommelfell zerreißen kann, dem Zwang, atmen zu wollen, dem Zucken im Bauch. Der Angst vor der beengenden Weite, der man sich ausliefert. Weil das so schwer ist, taucht kaum jemand frei.

Vera und ich sind schon lange nicht mehr am Meer gewesen. Die vielen Leute, das sinnlose Herumliegen, der Plastikmüll. Obwohl wir am Meer ein Paar geworden sind. Obwohl wir dort das erste Mal miteinander geschlafen haben, an diesem alles verändernden Tag, nach der Begegnung mit den Walen. Vielleicht fahren wir gerade deshalb nicht mehr ans Meer, weil man so etwas nur einmal erleben kann, weil man dieses Übermaß an Gefühlen ein zweites Mal gar nicht aushalten würde, und hielte man es doch aus, würde einen das Erlebnis verändern, und dieses Risiko geht man nicht mehr ohne Weiteres ein, wenn man einmal einen sicheren Stand gewonnen hat. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich seitdem nicht mehr getaucht bin. Gerade das Tauchen habe ich aufgegeben, obwohl es bis zu diesem Tag am Meer eines der wenigen Dinge gewesen ist, die meinem Leben einen Rahmen gegeben haben. Das Tauchen und die Wale.

Mein Vater würde nichts sagen, wenn er von meinem Arztbesuch erführe. Nicht einmal das kann er, würde er vielleicht denken, falls sich herausstellt, dass ich zeugungsunfähig bin. Ob er überhaupt traurig wäre, dass er von dieser Seite keine Enkel erwarten kann, von dem Sohn, der ständig in Fachtermini spricht, der immer alles hinterfragen und besser wissen muss, der sich schon als Knabe immer gegen alles gewehrt hat? Von dem Sohn, der sich nach seiner Schablone zu bilden versucht hat. Vielleicht wäre es nur folgerichtig, wenn ich keine Kinder zeugen kann. Ich schaffe es ja nicht einmal, diese Tür zuzusperren. Steht die Arzthelferin noch davor? Ich höre nichts. Bald muss ich abschließen. Ich werde nicht unbegrenzt Zeit haben. Eine Stunde höchstens. Die sollte ich nicht für Selbstgespräche verwenden. Der Nächste sitzt vielleicht schon im Wartezimmer, liest ein Magazin und wartet darauf, dass ich fertig werde. Ob es einem anderen Mann leichter fällt als mir? Unwahrscheinlich. Er muss sich ebenso ausliefern wie ich, muss sein Innerstes nach außen kehren, während zur gleichen Zeit jemand die Apparaturen vorbereitet, um ebendieses Innerste umgehend zu analysieren, es unter ein Mikroskop zu tropfen und auszuzählen, wie viel davon fertil ist, wie viel von der Norm abweicht, was deformiert und schlichtweg unbrauchbar ist. Wie kann es einem da anders gehen als mir? Aber ich will nicht verallgemeinern. Nicht allen Männern muss diese Situation unangenehm sein. Mancher empfindet vielleicht keine Scham dabei, schließlich ist der Akt an sich nicht schändlich. Und mancher wird auch keine Schwierigkeit damit haben, es zu tun. Diese Männer gibt es, die einfach Dinge können, sie können Fahrzeuge steuern, schwere Gegenstände heben, Frauen erobern und sie können kommen, wann und wo sie wollen, das alles können sie und tun es auch. Der eine oder andere schließt vielleicht nicht einmal ab. Es gibt auch die, man hat auch das Bild von diesen Männern im Kopf, die mit einer solchen Situation problemlos zurechtkommen, die problemlos in der Gegenwart anderer den verlangten Akt bewältigen, die von der Gegenwart Zusehender beflügelt werden, die dabei lachen und ohne Umschweife liefern. Mir ist das nie vorstellbar gewesen, es ist mir immer undenkbar gewesen, diesen intimen Akt unter anderen, wie auf einer Bühne, aufzuführen. Der Jugendliche hat sich immer hinter eine verschlossene Tür begeben und immer darüber geschwiegen, was hinter dieser Tür passiert.

Zugegeben, manchmal beneide ich die Könner. Besonders früher, als Heranwachsender, wollte ich gerade ein solcher Mann werden. Einen anderen hat die jugendliche Vorstellung gar nicht bereitgehalten. Mein Teenager-Ich hat versucht, in die Form hineinzuwachsen, die andere Jugendliche – wie der Bruder – so mühelos angenommen haben, aber es wollte ihm nicht recht gelingen.

Irgendwann ist mir dieser vorgestellte Mann verloren gegangen, ich bin vom Weg der eingebildeten Mannwerdung abgekommen, ich habe mich in der Person eingerichtet, die ich eben war – weder besonders groß noch besonders behaart noch besonders selbstbewusst oder zielstrebig, kurzum, kein besonders männlicher Mann. Ganz ohne Planung ist das passiert, eine allmähliche Gewöhnung ist es gewesen, ein Ergebnis, zustande gekommen ohne ausgeklügelte Rechenoperationen. Unscheinbare Additionen und Subtraktionen sind es gewesen, eine simple Mengenlehre, die zur Anhäufung einer Summe geführt hat, einem Ich, mit dem sich leben ließ, ohne dass seine Aufrechterhaltung zu viel Aufwand erfordert hätte. Jetzt steht eine weitere solche Operation an. Eine kleine Menge wird abgezogen – sie misst sich in Millilitern. Dafür wird das Ergebnis umso folgenreicher sein. Falls ich hier in diesem schummrigen Raum überhaupt dazu imstande bin, das erforderliche Volumen zutage zu fördern. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Tür zu verschließen und es zu versuchen.

Vor-Haut

Das erste Mal getaucht bin ich, noch bevor ich richtig schwimmen konnte. Wann genau das gewesen ist, könnte ich nicht mehr sagen, aber es muss bei einem dieser todesverachtenden Sprünge vom Beckenrand gewesen sein, wo mein Knaben-Ich mit einem Knall die Wasseroberfläche durchbrochen hat und für den Bruchteil einer Sekunde untergetaucht ist, desorientiert, den Geschmack von Chlor im Mund und vollkommen euphorisch. Wie die anderen Knaben auch, habe ich nichts mehr geliebt als das Wasser. Ich bin mit aufgeblasenen Schwimmflügeln am Beckenrand gestanden, habe wie verrückt geschrien, Ein Hai, ein Hai, hinter euch schwimmt ein Hai, ich rette euch!, und dann bin ich ins Wasser gesprungen, eine Hand an der Nase, die andere an der Badehose. Wie bei den anderen auch, ist meine Hand unweigerlich zur Badehose gewandert, wenn ich aufgeregt gewesen bin. Das Ziehen an der Vorhaut hat eine beruhigende Wirkung gehabt, es ist eine Form der Selbstversicherung gewesen, bevor ich mich ins Verderben gestürzt habe. Ich habe mich gespürt, wenn ich an meiner Vorhaut gezogen habe, bin ruhig geworden, mein Herzschlag hat sich verlangsamt, und von der Stelle hat eine Wärme in meinen Körper ausgestrahlt. Das Gefühl ist vielleicht mit dem vergleichbar, das ein Säugling beim Saugen an der Brustwarze empfinden muss. Nimm deine Hand da weg, hat mein Vater gesagt, wenn mein Knaben-Ich im Freibad vor allen Leuten daran gezogen hat, ohne zu erklären, warum die Hand da nicht hingehört. Der Knabe hat es nicht verstanden, er hat sich dabei nichts Böses gedacht, in Wirklichkeit hat er sich gar nichts gedacht, das Ziehen an der Vorhaut ist unbewusst erfolgt. Erst durch die Interventionen des Vaters ist es ein bewusster, aber heimlicher Akt geworden, der wohlüberlegt sein wollte. Der Vorgang hatte nichts Sexuelles, nichts Ungebührliches an sich, er hat zum Repertoire der Knabenbewegungen gehört, wie der Griff an die Nase vor dem Sprung. Zwar hat er sich ein wenig geschämt, wenn er beim In-die-Badehose-Schlüpfen kurz nackt gewesen ist, aber die Ursache für seine Scham war ihm nicht klar. Die zukünftige Funktion seines Glieds, die es aus dem öffentlichen Blickfeld verbannen würde, ist diesem Knaben noch unbekannt, er ist im Gegenteil ein wenig stolz darauf, weil ihm das Wasserlassen dadurch zum Spiel wird. Dass er als Mann Blut aus sich hinaus zwischen die Beine pumpen und dort anschwellen wird, davon hat dieser Knabe keine Vorstellung. Überhaupt ist sein Konzept vom Mannsein noch unfertig. Er ist sich zum Beispiel nicht sicher, dass er ein Mann werden wird, nur weil er ein Knabe ist. Er befürchtet, er könnte ein Mädchen werden, und mit Sorge observiert er seinen Oberkörper, ob ihm nicht Brüste wachsen. Für eine Weile erscheint ihm das so wahrscheinlich, dass er sich vorauseilend Entschuldigungen dafür zurechtlegt, warum er sich bald in ein weibliches Wesen verwandeln wird. Woher sollte man auch sicher wissen, dass das nicht möglich ist? Aus dem Fernsehen weiß er, dass es Fische gibt, die im Laufe ihres Lebens ihr Geschlecht ändern können. Ein Weibchen wird dann plötzlich ein Männchen, oder umgekehrt. Dass Knaben das nicht können, dass sie unweigerlich Männer werden, weiß er noch nicht. Männer sind für ihn unerreichbare Wesen, er beobachtet sie, wie sie durch das Freibad schreiten, umgeben von einer Aura aus Körperbehaarung, Bizepsen, tiefen Stimmen und dem betäubenden Geruch, der aus ihren Achseln strömt. Sein Knabenkörper schottet ihn von dieser Männerwelt ab, er steckt in seiner knabenhaften Vor-Haut fest. Vielleicht ist sein Blick deshalb besonders auf die anderen Knaben gerichtet. Mädchen interessieren ihn nicht, nur die gleichaltrigen Jungen, und noch mehr die ein wenig älteren, die ein oder zwei Jahre voraus sind, wie sein Bruder, die greifbar scheinen und gleichzeitig um so vieles anders, größer und stärker und mutiger, ausgestattet mit einer unbestreitbaren Autorität. Die an den tiefen Stellen ins Freibad springen, wo man nicht mehr stehen kann, die keinen Schwimmreifen und keine Schwimmflügel mehr brauchen, weil sie schwimmen können, und stolz ihren Freischwimmerausweis vorzeigen. Er steht daneben und sieht den Springern und Freischwimmern zu, fast ohne Neid, mit aufrichtiger Bewunderung und einer Portion Scham.

Als sie alle noch das Alter haben, wo Schwimmhilfen etwas vollkommen Natürliches sind, wo man als Träger dieser orangen Luftklötze noch nicht aus der Gruppe ausgestoßen wird, geht er gerne ins Wasser. Es ist das Selbstverständlichste auf der Welt, sich bei der Ankunft an einem der alten Fischteiche oder im Freibad die Kleider vom Leib zu reißen, die Schwimmflügel überzustreifen und ins Wasser zu springen. Bis zu dem Tag, als sein Bruder plötzlich ohne schwimmt, als hätte er es über Nacht im Schlaf gelernt. Und dem übernächsten Tag, an dem es der beste Freund seines Bruders auch schon kann, und dem darauffolgenden, als es schon vier sind, und dann acht und in exponentiellem Wachstum immer mehr, als wären diese Jungen Einzeller, die ihre Eigenschaften bei jeder Teilung an ihren Klon weitergeben, was dazu führt, dass bald alle in seinem Alter schwimmen können, alle sind sie Freischwimmer geworden, mit Ausnahme von ihm. Er sitzt reglos im Schatten der Freibadsträucher, das Wasser in seinem Körper zu Gallert gestockt, und sieht ihnen zu, studiert ihre Bewegungen, ahmt sie in Gedanken nach, und wenn sie untertauchen, hält er mit ihnen die Luft an, bis sie wieder nach oben kommen. Hineingehen und ohne Schwimmhilfen schwimmen, dazu ist er nicht in der Lage. Er ist sich sicher, dass er dann ertrinkt. Mit der Zeit merkt er allerdings, dass ihm das Luftanhalten leichtfällt und dass, wenn die anderen auftauchen, er noch einige Sekunden länger ohne Atem auskommen kann. Also übt er die Luft anzuhalten, solange es geht, dabei immer die anderen im Auge, sie werden seine Zeitmesser, der eine taucht ab und wieder auf, dann der Nächste, ein Weiterer steigt prustend an die Oberfläche, und er behält immer noch denselben Atemzug in sich, triumphiert über sie alle. Das Atemanhalten wird seine geheime Superheldenkraft. Niemand merkt etwas davon und er verrät es auch niemandem, aber bei sich selbst weiß er, dass er besser ist als sie alle. Bald schon interessiert es ihn nicht mehr, was die anderen im Wasser machen, er sitzt auf seinem Handtuch und hält den Atem an. Kommst du mit ins Wasser?, fragt manchmal einer der Gleichaltrigen, Den brauchst du gar nicht zu fragen, sagt dann sein Bruder, der geht sowieso nicht rein, der kann nicht schwimmen, und er wartet wortlos, bis sie weg sind, damit er ungestört trainieren kann.

Er treibt es so weit, dass ihm schwarz vor Augen wird. Mit Gewalt unterdrückt er das Zucken im Bauch und das Würgen im Hals. Dabei wird er von seinem Bruder ertappt, sein Bruder kniet über ihm, rüttelt ihn an der Schulter und schreit seinen Namen, Was ist mit dir, was ist mit dir? Er antwortet nicht und tut so, als hätte er nur geschlafen, setzt sich von nun an abseits, damit er ungestört bleibt. Das Luftanhalten gibt ihm trotz der gelegentlichen Ohnmacht ein Gefühl von Kontrolle, ganz anders als bei den epileptischen Anfällen später, die sich seiner Kontrolle entziehen und manche Nächte in reale Albträume verwandeln.

Eines Tages, noch im selben Sommer, ist es so weit. Vielleicht liegt es an der Hitze oder an dem Anblick der im Wasser tobenden anderen, oder es ist das Wasser selbst, die Bewegung der Wellen, sein Glitzern, das Geräusch, wenn es gegen die Betonwände des Beckens schwappt, jedenfalls steht er auf, geht zum Kinderbecken, das sich ein paar Meter abseits vom großen Becken befindet und so seicht ist, dass man nicht darin ertrinken kann, und legt sich mit dem Gesicht nach unten hinein, zwischen die plantschenden Kleinkinder und die Beine ihrer Mütter. Er legt sich einfach ins Wasser und bleibt so, für eine halbe Minute vielleicht, vor ihm der Boden mit dem abblätternden Lack, der vortäuschen soll, dass das Wasser blau sei, wo es in Wahrheit keine Farbe hat. Er betrachtet die vorbeigehenden Füße um ihn herum, bis ihn eine der Mütter an den Schultern hochzieht und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich übe tauchen, sagt er nur und taucht wieder unter, und von da an wird er nicht mehr gestört. Im Gegenteil wird er bald schon bestaunt. Noch am selben Tag bemerken ein paar von den anderen, was er da macht, sie stellen sich an den Rand des Kinderbeckens, um ihm zuzusehen. Eine Minute, sagt einer mit Uhr, als er von einem seiner Versuche auftaucht. Am nächsten Tag bildet sich schon eine Traube von Menschen um das Kinderbecken, nicht nur Kinder, auch Jugendliche und Erwachsene sind dabei, fasziniert von seiner Superheldenkraft. Ein paar Gleichaltrige und sogar der eine oder andere Jugendliche legen sich neben ihn ins Wasser, versuchen mitzuhalten, aber sie scheitern alle schon nach wenigen Sekunden. Sie sind chancenlos. Einmal steigt sogar ein Erwachsener, ein richtiger Mann mit Muskeln und Haaren auf dem Rücken, ins Wasser, um sich mit ihm zu messen. Die Ohren knapp unter der Wasseroberfläche, kann er das schallende Gelächter der Umstehenden hören, als der Mann nach kurzer Zeit aufgeben muss. Ein ekstatisches Gefühl überschwemmt ihn, und er schafft eine neue Bestzeit. Nicht dass er mitstoppen würde, aber die anderen tun es, und sie notieren die Zeiten auf der Schiefertafel der Freibadkantine, wo sonst die Getränke angepriesen werden.

Am Ende der Woche dann, es ist Samstag oder Sonntag, reißt ihn sein Vater aus dem Kinderbecken, Schämst du dich gar nicht, presst er zwischen den Zähnen hervor, wie alt er eigentlich sei, sagt er, und ob er sich vor gar nichts grause, und die umstehende Menge geht rasch auseinander. Er weiß nicht, ob sein Vater gerade zufällig in der Kantine auf ein Bier ist, oder ob es ihm sein Bruder erzählt hat. Vielleicht haben sich auch die Mütter beschwert, weil ihre Kinder, wann immer er zu seinen Versuchen angetreten ist, von einem Mitbewerber oder den umstehenden Zusehern aus dem Becken geräumt wurden. Widerspenstig wie er ist – Trotzig bist du, sonst nichts, sagt sein Vater oft, du glaubst, du weißt alles besser, aber nichts weißt du –, gibt er das Treiben unter Wasser nicht auf, sondern wechselt in das große Becken. Obwohl die Angst vor dem Ertrinken in seinem Nacken sitzt, ist er entschlossen, nicht aufzuhören. Außerdem hat er im Kinderbecken bemerkt, dass er auf dem Wasser treibt, ohne unterzugehen, solange er sich nicht bewegt. Also hält er sich in dem Bereich auf, wo das Wasser nur bis zur Hüfte reicht und schwebt dort ohne Schwimmflügel reglos auf der Oberfläche. Die Angst vor dem Ertrinken führt allerdings dazu, dass sein Herz schneller schlägt, und er schafft es nur noch halb so lange unter Wasser zu bleiben wie davor.

Schon am ersten Tag ohne neuen Rekord verschwinden die Zeiten von der Schiefertafel und machen wieder den Getränkepreisen Platz. Außerdem hat den anderen das Einschreiten seines Vaters gezeigt, dass er angreifbar ist. Sie springen nun direkt neben ihm mit angezogenen Beinen ins Wasser, um ihn zu sabotieren, was ihnen anfangs auch gelingt. Mit Bedacht zieht er sich Stück für Stück in noch seichteres Wasser zurück, bis sich einer der Jungen, die aus Begeisterung über das wehrlose Ziel ihrer Attacken die Vorsicht vergessen, beim Wasserbombenangriff das Knie blutig schlägt. Ab dann hat er wieder seine Ruhe. Schon bald wird er vom ganzen Freibad ignoriert, selbst der Bademeister achtet nicht mehr auf ihn, er ist wieder so ungestört wie zuvor, als er mit angehaltener Luft abseits auf seiner Decke gesessen ist. Nun werden seine Zeiten wieder besser. Mangels einer wasserfesten Uhr kann er sie nicht messen, aber er spürt es. Überhaupt potenziert das Liegen im Wasser sein Gespür. Nicht dass seine Sinne geschärft würden, eher treten sie in den Hintergrund. Dafür bildet sich das Gefühl für seinen Körper und die Umgebung immer stärker aus. Ein Zustand kontrollierter Ruhe tritt ein, wie er ihn an Land nie erlebt hat. Noch verstärkt wird dieser Zustand, wenn er die Augen schließt, was er schon deshalb tut, weil das Freibad damals noch keine biologische Filteranlage hat und das Chlor in den Augen brennt.

So vergeht im Wasser treibend der Juli. Im August kommen die Wolkentage, im Hochland wird es früh Herbst, es kommt der kalte Regen, der das Freibad leer wäscht. Es kommt der Tag, an dem sein Vater trotz der Wolken sagt, So, heute fahren wir an den Aichingerteich, und dann lernst du schwimmen, du brauchst gar nicht so zu schauen.

Schmetterlingskind

Die Zeit hat aus meinem Knaben-Ich eine konturarme Schaufensterpuppe gemacht, die auch bei näherer Betrachtung seltsam unscharf bleibt. Was von ihm übrig ist, ist vage, zumindest erinnere ich mich an vieles nur ungefähr, ganz im Gegenteil zu meinem Bruder, Ich erinnere mich genau, sagt er, wenn ich eine Erinnerungslücke offenbare, und erklärt dann, wie es in Wahrheit gewesen ist, nämlich so und so. Gefolgt von der Bemerkung, dass ich doch Geschichte oder so was studiert habe und mich trotzdem an nichts erinnern kann. Ich sage nicht, dass man Familiengeschichte nicht so behandeln kann wie Thukydides den Peloponnesischen Krieg, aus Erinnerungsfragmenten kann man nicht Ursachen und Umstände rekonstruieren und dann erklären, genauso ist es gewesen, schon gar nicht, wenn verschiedene Menschen mit verschiedener Wahrnehmung beteiligt gewesen sind. Würde ich das sagen, würde mein Bruder sagen, wie überheblich ich nicht bin, also sage ich auch nicht, dass sich die Erlebnisse aus der Kindheit kausalen Erklärungen entziehen, dass Kindheitserinnerungen höchstens der mythischen Geschichtsauffassung Homers vergleichbar sind, in der Schicksal und Götter den Arm der Helden führen, dass im Erinnern am Ende immer die Erzählung über die Fakten siegt und dass Erklärungen oft nichts anderes als nachgereichte Rechtfertigungen sind.

Wie viel auch Fragment ist, an die Fahrt zum Aichingerteich kann ich mich noch gut erinnern. Das verdankt sich dem Umstand, dass die Erinnerung daran eine Reproduktion ist, eine Fotografie, gemacht an jenem Tag und bis heute von mir aufbewahrt. Sie zeigt einen Knaben mit goldblondem Haar, die Kamera schaut von oben auf ihn hinab, auf den gesenkten Kopf, der das Strahlen in seinem Gesicht nur erahnen lässt. Im Rücken des Knaben sieht man unscharf das Grün einer Wiese, das vom Orange seines T-Shirts überstrahlt wird. Der Knabe wendet der Kamera die Schulter zu, auf der ein Schmetterling Platz genommen hat. Nicht irgendein Schmetterling, sondern ein Schwalbenschwanz, der schönste Schmetterling, den sich der Knabe vorstellen kann, mit kunstvoll geschwungenen, frucadegelben Flügeln, die mit schwarzen Mustern bemalt sind, am Unterrand vier blaue Punkte, dunkelblau wie tiefes Wasser, daneben ganz am Rand noch ein roter, und die Flügelenden in die feinsten Spitzen auslaufend.

Der Vater fährt das Insekt auf dem Weg zum Aichingerteich an, es klatscht auf die Windschutzscheibe und der Vater steigt tatsächlich auf die Bremse, bleibt stehen, um nachzusehen, ob es noch lebt. Sein Vater ist zu der Zeit beeindruckt von Schmetterlingen, weil er in der Sonntagsbeilage einer Boulevardzeitung auf eine Bildergeschichte gestoßen ist, die zeigt, wie sich aus Raupen Schmetterlinge entwickeln – eine Tatsache, die jedem Kind bekannt ist, die sein Vater aber erst mit vierzig Jahren durch einen Zeitungsartikel lernt. Der Schmetterling lebt noch und setzt sich, weil er benommen ist oder weil ihn das Orange des T-Shirts anlockt, nach einem kurzen Flugversuch auf die Schulter des Knaben. Nicht auf die Schulter des Bruders, nicht auf die des Vaters, sondern auf seine. Er strahlt, auserwählt fühlt er sich, ein schamhafter Stolz steigt in ihm hoch, der Stolz eines Jünglings, der zum Ritter geschlagen wird, ein geadeltes Schmetterlingskind. Nicht bewegen, sagt der Vater, und der Knabe bewegt sich nicht, hält in Wahrheit schon seit einer halben Minute die Luft an, um den Schmetterling nicht zu verscheuchen. Der Vater holt die Kamera aus dem Auto und drückt so vorsichtig auf den Auslöser, dass man das Klicken der Kamera nicht hört. Für einen Augenblick erstarren Knabe und Schmetterling in vollkommener Reglosigkeit, als wären sie präpariert.

Zumindest erinnere ich mich so daran, wenn ich die Fotografie ansehe. Auch eine Erinnerung an danach ist noch vorhanden, als der Knabe unter Wolken im trüben Moorwasser des Aichingerteichs schwimmen lernen muss. Er mag den Aichingerteich nicht, unter Wasser sieht man keine dreißig Zentimeter, so schmutzig ist es. Der Vater sagt, Moorwasser ist gesund, er hat sich in den Kopf gesetzt, dass es heute sein muss, Schwimmen ist ja auch nicht schwer, der Bub muss sich nur einmal anstrengen und nicht immer so trotzig sein, und als der Bub mit verschränkten Armen dasteht, ein trotziger Achill, der sich weigert, in die Schlacht zu ziehen, packt ihn der Vater und trägt ihn ins Wasser, beide noch das T-Shirt an und in der Unterhose. Er wehrt sich nicht, schlägt nicht aus, schreit nicht, er hält einfach die Luft an und geht unter. Mit Trotz hat er seinen Vater noch jedes Mal bezwungen. Der Trotz verleiht ihm ungeheure Kraft, er macht ihn unbesiegbar, unüberwindbar, der Trotz verwandelt ihn in eine uneinnehmbare Festung. Die Anmaßung des Vaters weckt in ihm einen heiligen Zorn, schließlich kann er länger die Luft anhalten als jeder andere, alle wären sie längst ertrunken, müssten sie so lange unter Wasser bleiben wie er. Er weiß besser als sein Vater, wie man schwimmt, er hat es sich schließlich selbst beigebracht, man darf sich nur möglichst nicht bewegen, dann treibt man auf der Oberfläche, ohne unterzugehen. Aber diesmal lenkt sein Vater nicht ein, er fasst ihn um die Taille und fordert ihn auf, Schwimmbewegungen zu machen, Und wenn wir bis morgen hier stehen. Erst wenn er mit Armen und Beinen strampelt, lässt ihn der Vater los. Augenblicklich geht er unter und augenblicklich zieht ihn sein Vater wieder hoch. Er schluckt Wasser, hustet, versucht dem Griff zu entkommen, aber sein Vater hält ihn fest. Nochmal, sagt der Vater, und erst als es dem Knaben gelingt, mit strampelnden Bewegungen ein paar Meter zurückzulegen, bevor er doch wieder untergeht, lässt es der Vater sein. Mehr kann man da nicht machen, sagt er, und der Knabe weiß nicht, ob der Vater nur wieder die Geduld verloren hat und der Unterricht eine Fortsetzung finden wird, oder ob es das ein für alle Mal gewesen ist. Er weiß nur, dass er nicht schwimmen lernen will, nur untertauchen will er, im seichten Wasser treiben, dort wo es nicht zu tief ist, diese Schwerelosigkeit spüren, das will er.

Als sie nachhause fahren, ist der Himmel wolkenverhangen und grau wie Vulkanasche. Feine Tropfen sammeln sich auf der Windschutzscheibe, vor ihnen Blitz und Donner. Dann geraten sie in die Regenfront, von einer Sekunde auf die andere ist sie da, als hätten sie eine unsichtbare Wand durchstoßen in eine Welt aus Regen. So heftig regnet es, dass sein Vater auf Schritttempo herabbremsen und die Warnblinkanlage einschalten muss. Auf Sicht fahren sie weiter, niemand spricht. Schließlich taucht das Ortsschild am Straßenrand auf. Da begreift er, dass der Sommer wirklich vorbei ist. Das bedeutet, dass er bis zum nächsten Jahr warten muss, bevor er wieder tauchen kann. Dass er bis zum nächsten Sommer zuhause üben muss, in seinem Zimmer. Und üben will er, er will der beste Taucher der Welt werden.

Fertigteilhaus

Ich sitze im Arztzimmer und atme im blauen Licht der Lavalampe. Ich fülle den Bauch mit Luft, den Brustkorb, den Hals bis hinauf zum Kehlkopf, wie ich es damals im Tauchkurs gelernt habe. Ich bin voll mit Luft. Dann atme ich langsam aus, doppelt so lange, wie ich eingeatmet habe, damit der Puls sinkt. Entspannung ist der Schlüssel. Ohne Entspannung keine Erregung, ohne Erregung keine Erektion. Das Telefon am Empfang läutet. Niemand hebt ab. Ich atme wieder ein.

Wer lange die Luft anhalten will, darf nicht verkrampfen. Unter Wasser macht sich jede Verspannung sofort bemerkbar, verspannte Muskeln zehren am Sauerstoffdepot. Der Knabe sitzt reglos in seinem Kinderzimmer und versucht krampfhaft, so lange wie möglich die Luft anzuhalten. Der Tag am Aichingerteich ist tatsächlich der letzte Badetag gewesen. Der Regen ist eine Woche geblieben und hat den Herbst dagelassen. Jetzt übt er das Luftanhalten in seinem Zimmer. Er verschließt die Tür, damit er ungestört ist, auch wenn der Vater das nicht gerne sieht.

Ganz langsam atme ich aus. Das Ausatmen ist das Wesentliche, loslassen und sich fallen lassen, innen hohl werden und Platz machen für die Erregung. Ich höre das Telefon am Empfang nicht mehr, ich bin ganz bei mir, bin ganz leer und warte darauf, dass Begierde in mir hochsteigt. Ich denke an nackte Frauen und halte die Luft an.

Das neue Schuljahr beginnt, es wird bald kalt, wie es für das Hochland üblich ist. Nächstes Jahr fahren wir nach Jugoslawien, an die Adria, sagen die Eltern mit verheißungsvollem Unterton, Dort ist es immer warm. Was das ist, Jugoslawien, Adria, versteht er nicht. Bedrohlich klingt es, ein möglicher Hinterhalt. Er will nächsten Sommer nur zurück in das Freibad, tauchen will er, so lange wie möglich unter Wasser bleiben, länger als jeder andere Mensch auf der Welt. Bis dahin will er in seinem Zimmer sitzen und die Luft anhalten.

Schritte nähern sich der Tür – habe ich sie wirklich verschlossen? Das Geräusch von Hausschuhen schlurft am Türspalt vorbei – meine tätowierte Arzthelferin in ihren Gesundheitssandalen? Ich verkrampfe und muss Luft holen. Es geht nicht. Ich bin noch nicht bereit. Ich nehme einen der Bildbände aus dem Regal und klappe ihn auf. Das Lichtspiel der zerfließenden Wachskugeln wandert über die Seiten und lässt die Haut der Frauen schimmern.

Stundenlang sitzt der Knabe hinten in seinem Zimmer am Ende des langen Gangs, der die Räume des Hauses mehr trennt als verbindet, er versucht so lange wie möglich die Luft anzuhalten. Regentropfen schlagen gegen die Scheibe. Sein Zimmer ist das einzige im Haus mit einem Fenster nach Osten. Bei schönem Wetter sieht er die Sonne aufgehen. Ihres ist das erste Haus in der Siedlung gewesen. Die Pioniere sind sie gewesen, eine Vorhut auf verlorenem Posten, in einem Hochland voller Menschen, die Häuser bauen, um sich darin einzuschließen. Rundherum hohes Gras, ein Sandweg zur Baustelle, am Morgen Hasen, die vor dem Auto herlaufen und abends Rehe, die stumm am Waldrand stehen und auf die Baustelle herabblicken. Eine Baustelle mit Sandhaufen, zwei Brüder im Sand mit Knieschonerhosen. Am Wochenende graben sie Tunnel für ihre Matchboxautos. Sticht die Schaufel des Vaters zu, stürzen die Tunnel ein. So manches Auto landet im Beton. Ein unfreiwilliger Pionier ist sein Vater. Das Haus ist eines der ersten Fertigteilhäuser im Ort. Ein leistbares Haus für die kleine Börse des kleinen Mannes. Ein grundloser Mann ist sein Vater, die Großeltern noch Kleinhäusler, die sich bei der Grafschaft verdient haben, aber der Vater arbeitet sich hoch, zumindest im kleinen Maßstab. Die Fertigteilhausfirma baut das Haus in Windeseile, der Vater hilft. Von den Kollegen, von den Freunden, erntet er schiefe Blicke, Ein Haus baut man selber, wozu hat ein Arbeiter seine Hände, wer lässt denn für sich bauen? Aber die Kosten sprechen dafür, die Teile sind schon fertig, man muss sie nur noch zusammenstecken, genauso wie die Knie des Vaters dafür sprechen, die schon immer kaputt sind, die ihn früh schon in einen Bürostuhl der Regionalbahn setzen, an eine Schreibmaschine, wo er mit seinen Händen nicht viel anzufangen weiß.

Das Fertigteilhaus wird alles haben, was man braucht, einen Keller für die Geräte, das Erdgeschoß für die Familie, einen Dachboden für die Staubluft und zum Rasenmähen einen Garten. Bald folgen weitere Pioniere, die Siedlung wächst, am Morgen hört man ihre Autos auf den asphaltierten Straßen, am Abend sieht man ihre Schemen in den Lichtquadraten der Häuser.

Der Vorteil seines Zimmers ist, neben dem Fenster nach Osten, die Ruhe. Es ist am Ende des Gangs gelegen, nach den Türen zum Keller und zum Abstellraum, der Gang ist fensterlos und verschluckt nicht nur das Licht, sondern auch die Geräusche von vorne. Fest wie ein Pfropfen sitzt er auf der Zimmertür und dämpft die Stimme des Sportkommentators im Fernseher, das Rauschen des Küchenabzugs und das Zufallen von Türen, er dämpft auch die Stille im Haus, die oft ganze Tage einnimmt. Das Zimmer ist wie gemacht dafür, ungestört das Luftanhalten zu üben, das Zimmer ist seine Taucherglocke.

Oberflächenprotokoll

Will man freitauchen, will man ohne technische Hilfsmittel in die Tiefe, muss man sich darauf vorbereiten. Man steigt nicht einfach ins Wasser. Erst muss man aus der Oberflächenhaut schlüpfen. Man hört auf zu sprechen, man sieht sich nicht mehr nach den anderen um, man kehrt die Augen nach innen. Bevor man taucht, visualisiert man den Tauchgang. Man stellt sich vor, wie es in der Tiefe aussieht, man hält den Atem an und versucht die Veränderungen im Körper zu spüren. Tut man das, geht nachher alles wie von allein.

Ob ich die Probe nicht zuhause produzieren und in die Ordination bringen kann, hatte ich am Telefon gefragt. Das hätte es um vieles einfacher gemacht. Natürlich geht das, hatte eine strenge Stimme erwidert, aber der Arzt könne in diesem Fall nicht für die Richtigkeit der Ergebnisse garantieren, denn der Transport müsse schnell gehen und die Probe dürfe nicht auskühlen. Ob es für mich denn ein Problem sei, in die Praxis zu kommen. Es sei natürlich kein Problem, habe ich geantwortet und einen Termin vereinbart. Dabei hätte es andere Lösungen gegeben. Ich hätte die Probe in Alufolie oder einen Schal oder beides einwickeln können. Ich hätte sie ganz eng am Körper tragen können, wie einen Säugling, unter dem T-Shirt, wo sie niemand sieht. Darüber noch einen dicken Pullover, damit sie auch wirklich nicht auskühlt. Die Leute auf der Straße hätten mich vielleicht komisch angesehen, weil ich bei der Hitze so warm angezogen bin, vielleicht hätten sie auch die Beule im Stoff bemerkt, aber welches Gefahrengut ich da außerhalb meines Körpers bei mir trage, hätten sie nicht erraten.

Stattdessen habe ich die zwei Wochen bis zum Termin die Frage mit mir durch die Straßen getragen, was es denn eigentlich bedeuten würde, wenn ich kein Vater werden kann. Was würde dieser Umstand aus mir machen? Wäre ich dann eine andere Art von Mann, gibt es einen Unterschied zwischen Vatermännern und den anderen, den Söhnen, die niemals die Rolle des Vaters übernehmen, den Nur-Söhnen?

Wenn es einen Unterschied gibt, müsste man ihn sehen können, habe ich mir gedacht. Es müssten sich gewisse Eigenschaften finden lassen, Merkmale, an denen sich festmachen lässt, ob ein beliebiger Mann ein Vater ist oder nicht. Nach diesen Merkmalen habe ich gesucht, während die Wartezeit verstrichen ist.

Vatermänner tragen oft Sachen und gehen schnell, ist mir aufgefallen. Eine Auswahl an Mehlspeisen in der Hand, queren sie wochenends den Zebrastreifen, in der anderen Hand eine vollgestopfte Leinentasche, und vor ihnen läuft ein Kind mit einem Laufrad. Nursöhne fahren Fahrrad, sie bremsen notgedrungen und schlängeln sich zwischen Vater und Kind durch, obwohl die Ampel für sie auf Rot steht. Nursöhne besitzen nicht zwingend einen Führerschein, wie meine Erkundigungen ergeben haben, und wenn, dann fahren sie Mietwagen. Vatermänner erwerben Eigentum, sie tragen am Samstagvormittag Trainingsanzüge und bauen auf ihren Balkonen Möbelstücke zusammen. Nursöhne sitzen am Samstagvormittag am Fenster, sie rauchen und sehen den Vatermännern gegenüber beim Handwerken zu. Wenn Vatermänner rauchen, dann heimlich, oder sie sagen, sie rauchen eigentlich nicht, während sie sich eine Zigarette anzünden. Nursöhne nehmen auch mal Drogen, sie wissen, wo man gute Ware bekommt. Vatermänner kaufen Babysachen, sie legen Wert auf Qualität. Stolz schieben sie Kinderwägen mit breiten Reifen vor sich her. Vatermänner legen eine Märchensammlung an, und wenn nötig, erzählen sie ihren Kindern kleine Lügen. Nursöhne suchen ihr wahres Selbst, und auf der Suche sammeln sie Reisen. Nursöhne gehen ins McFit. An ihren Trainingsgeräten wirken sie manchmal ein wenig einsam. Vatermänner gehen in ein Studio mit Wellnessbereich. Vatermänner schaukeln Säuglinge auf ihren kräftigen Armen in den Schlaf, die kleinen Babyköpfe lassen ihre Hände riesig wirken. Vatermänner sind fürsorglich, Vatermänner halten Hände. Nursöhne masturbieren. Manchmal hätten die Vatermänner gerne etwas mehr Zeit für sich. Vatermänner optimieren ihren Alltag. Nursöhne optimieren sich selbst. Vatermännern fehlt Schlaf, sie wirken immer müde. Die Nacht gehört den Nursöhnen. Sie sehen Filme im Kino und tanzen bis zum Tagesanbruch. Sie sind nie müde und sie schlafen lange. Der Morgen gehört den Vatermännern.

Je mehr dieser zweifelhaften Unterscheidungsmerkmale ich sammle, umso unschärfer werden die Unterschiede zwischen Vatermännern und Nursöhnen. Irgendwann erscheinen mir alle Männer gleich. Ich wechsle meine Strategie und frage die Männer selbst nach ihrer Meinung, ich frage Freunde von mir, werdende Väter, Männer mit Kindern und Männer ohne. Ob denn Vera schwanger sei, ist fast immer die erste Gegenfrage. Nein nein, sage ich, es interessiert mich einfach so, ob es da einen Unterschied gibt, zwischen Männern mit und ohne Kind, Vatermännern und Nursöhnen. Manche reagieren irritiert, Nursöhne, das klinge komisch. Manche erklären mir ohne Umschweife, worin der Unterschied liege, andere stellen fest, dass die Frage an sich kompletter Unsinn sei. Ein paar wirken ratlos und denken lange nach, bevor sie antworten. Zum Beispiel an den Falten, sagt ein Freund ohne Kinder, an den Falten erkennt man die Väter, oder nicht? An der schlechten Kleidung, sagen Väter über sich selbst. Sie ziehen an, was sich gerade findet. Was ja auch etwas Positives hat, sagen sie, man investiert das Geld in die Kinder statt in sich selbst. Und an den grauen Haaren, sagen sie, bei ihnen geht es halt schneller. Der A. zum Beispiel hat keine Kinder, sagen die Väter, siehst du, deshalb hat der auch keine grauen Haare, obwohl der gleich alt ist. Und sonst verändert man sich nicht, frage ich. Er findet nicht, dass er sich verändert hat, sagt einer, worauf sein Nebenmann einwirft, alles verändere sich doch durch Kinder. Und was genau, frage ich, und die beiden überlegen angestrengt. Nichts wird sich nach der Geburt ändern, sagt ein Dritter, mein Leben soll bleiben, wie es ist. Dann erzählt er von dem Tagebuch, das er noch am Tag der freudigen Botschaft zu schreiben begonnen hat. Außerdem ziehe er die Beschriftung auf seinen alten VHS-Kassetten nach, in zwanzig Jahren werden dem Kind die Augen übergehen, wenn es seine Filmsammlung erbt.

Seine Zeit müsse man schon besser einteilen, sagt einer nach ernsthaftem Nachdenken, man ziehe sich auf das Wesentliche zurück, die Zeit reiche nicht mehr für das ganze Drumherum – Übergepäck des Lebens nennt er es –, für schlechte Konzerte, nichtssagende Ausstellungen oder lange Abende mit überzähligen Freunden, Kinobesuche, ein Bier mit dem neuen Arbeitskollegen, solche Sachen halt. Man überlege nicht mehr ständig, was man unternehmen soll, viele Entscheidungen würden einem abgenommen. Man denke auch nicht mehr so viel über sich selbst nach, sagt er, die Gedanken kreisen nicht mehr in einem fort um einen selbst. Man mache sich stattdessen Gedanken über das Kind. Man bekomme einen völlig neuen Blick auf die Welt, denn man sähe sie plötzlich mit den Augen des Kindes. Da werde einem klar, wie blind man vorher gewesen ist. Wie eine riesige Befreiung habe sich das für ihn angefühlt, sagt er. Man müsse sich nicht mehr beweisen, Kinder akzeptieren einen, wie man ist. Der Umgang mit dem eigenen Kind falle ihm viel leichter als das aufgesetzte Gehabe früher mit den Freunden, die Eltern-Kind-Beziehung sei einfach um vieles befriedigender. Wie ein Gott fühlt man sich, formuliert es ein anderer Vater, Man erschafft die Welt neu, stell dir das vor, nicht nur, dass man aus sich hinauswächst, in das Kind hinein, man verändert das Leben anderer Menschen, aus der Partnerin zum Beispiel macht man eine Mutter, und die Eltern verwandelt man in Großeltern, ob sie wollen oder nicht. Und wenn man adoptiert, frage ich, ist man dann auch ein Gott? Ich weiß nicht, sagt er, das ist glaub ich nicht dasselbe. Schon allein wegen der Gene.

Die Vatermänner stellen auch Gegenfragen, sie fragen, warum ich glaube, dass es überhaupt einen Unterschied gibt zwischen Menschen mit und ohne Kindern, und wenn, dann doch bei den Müttern, für die würde sich wirklich etwas ändern. Aber die Männer, frage ich, ist denn da nichts besonders? Der Gedanke an den Tod spiele eine größere Rolle, sagen zwei Väter. Da sei die Angst davor, dass dem Kind etwas zustößt, dass es sterben könnte, die einen würge. Auch die Frage, was mit dem Kind passiert, wenn sie selbst plötzlich sterben, treibe sie um. Aber ist gerade das bei den Müttern nicht dasselbe, frage ich. Na ja, sagt einer, selbst wenn er nur einen Spielfilm sieht, wo einem Kind etwas zustößt, berühre es ihn extrem, früher habe ihn das vollkommen kalt gelassen. Man entwickle mehr Empathie, sagt er, die man als Mann sonst nicht so habe. Also hat dich dein Kind wirklich verändert, hake ich nach. Na ja, sagt er, schon, aber hauptsächlich liege das daran, dass man mit dem Kind so viel Zeit verbringt. Verbrächte man so viel Zeit mit dem Aufziehen einer Karotte, zum Beispiel, würde man für diese Karotte genauso viel Empathie empfinden. Aber es ist doch viel anspruchsvoller, ein Kind zu erziehen, als eine Karotte, sage ich. Eigentlich nicht, sagt er, so viel müsse man da gar nicht können, jetzt verglichen mit dem Aufziehen einer Karotte. Vielleicht für Frauen, für die sei es vermutlich etwas Besonderes, ein Kind großzuziehen, sagt er, aber für Männer nicht. Männer essen ja auch nicht gerne Karotten, sagt er.

Man glaubt immer, man verpasst etwas, wenn man kein Kind bekommt, sagt ein kinderloser Freund, aber umgekehrt kann man auch etwas verpassen, verstehst du? Manche Leute glauben einfach, man brauche ein Kind. Das findet er nicht. Er findet nicht, dass das Vatersein unbedingt zum Leben dazugehören muss. Das Kind steht dann zwischen dir und deiner Partnerin, man ist einander nicht mehr der wichtigste Mensch im Leben. Ich denke an Vera, wie sie ein Kind auf den Armen trägt. Aber es muss doch kein Entweder-Oder sein, sage ich. Man kann doch beide gleich lieben. Stell dir vor, sagt er, nur als Beispiel, Vera und das Kind werden in wenigen Sekunden von einem Zug überfahren und du kannst nur einen von beiden retten. Es ist doch klar, wen du retten würdest, oder nicht?

Je länger diese Gespräche dauern, umso schwerer fällt es mir, nicht den Faden zu verlieren. Vielleicht ist es ja so, denke ich, dass die Vaterschaft nicht verändert, wer man ist, sondern wer man in Zukunft noch werden, welche der verschiedenen Anlagen man in Zukunft zur Entfaltung bringen kann. Aber wenn die Antwort auf die Frage, was das Vatersein aus einem Mann macht, in einer Zukunft liegt, die sich nicht materialisiert, solange man kein Vater ist, wie soll man dann eine Antwort finden?

Ich versuche noch ein Letztes. Was sehe ich denn, wenn ich meinen Vater betrachte, frage ich mich. Wie hat er sich verändert? Die Antwort ist schwer zu geben, dieser Mann existiert für mich nur als Vater, es ist für mich nicht vorstellbar, dass es da vor meiner Geburt noch einen anderen Mann gegeben hat, einen Vor-Vater. Aber vielleicht lässt sich der Unterschied zwischen Vatermann und Nursohn aus den Unterschieden zwischen ihm und mir rekonstruieren. Davon gibt es tausende, zum Glück. Lassen sich davon welche darauf zurückführen, dass er ein Vater ist und ich nicht?

Zumindest einen Unterschied sehe ich. Nursöhne wie ich bauen nicht. Das bleibt den Vatermännern vorbehalten. Vatermänner bauen ein Haus und sperren die Zukunft darin ein. Manche von ihnen bauen das Haus sogar mit ihren eigenen Händen, oder machen zumindest der Baufirma den Handlanger, um etwas Geld zu sparen, schuften am Wochenende für zwei. Mein Vater, der Vater des Knaben, ist so einer. Auch wenn er am Wochenende mehr aufräumt als baut, ist das Hausbauen das Zentrum seines Lebens. Weil er ohne die Fertigteilhausfirmenarbeiter nicht viel tun kann, ist er oft gereizt, er ärgert sich über die beiden Söhne, die glauben, die Baustelle sei ein großer Spielplatz. Er ist ungeduldig, es kann ihm nicht schnell genug gehen, rastlos und sinnlos läuft er auf der Baustelle hin und her. Als das Haus dann fertig ist, wird er plötzlich still, er bewegt sich mit Bedacht, als wäre das Haus nicht seines, vorsichtig wie ein Mieter verhält er sich, und manchmal bekommt er keine Luft in seinem fertigen Haus, dann muss er hinaus, geht in die Garageneinfahrt und schlägt Holzscheite klein. Viel zu groß sind sie heuer wieder geliefert worden, so passen sie nicht in den Kachelofen, sagt er jedes Jahr, und der Sohn sieht zu, wie sich der Vater durch die Scheite hackt. Er sieht zu, wie der Vater langsam seinen Rhythmus findet und sich sein Atem beruhigt, wie sich die Falten auf der Stirn legen und die Schultermuskulatur vom Nacken ablässt. Das alles sieht der Sohn, liest es im Vatergesicht, und als der Vater nach dem nächsten Scheit greifen will, stellt ihm der Sohn schnell eines auf den Pflock, der Vater zögert kurz, dann haut er das Scheit mit einem Schlag durch. Gleich stellt der Sohn das nächste hin, und zack, wieder mit einem Schlag ist es gespalten, und so geht es weiter, die Bewegungen von Vater und Sohn fließen ineinander und immer mehr Scheite nehmen die passende Form für den Kachelofen im Winter an. Schließlich macht der Vater eine Pause, er geht in die Speisekammer, wo Mineralwasser und Bier warten. Die Axt haut er in den Pflock, bevor er verschwindet. Der Sohn stellt schon das nächste Scheit bereit. Neugierig betrachtet er die Axt. Sie ist nicht groß. Mit beiden Händen kann er sie halten. Er zieht daran. Sie sitzt fest. Er stellt den Fuß auf den Pflock und zieht stärker. Der Pflock wackelt, das Scheit fällt hinunter und gleichzeitig löst sich die Axt und fährt mit den Händen des Sohnes in den Himmel. Aber er hat aufgepasst, er hat den Moment erspürt, er stoppt ihren Flug am Zenit und hält sie fest mit ausgestreckten Händen. Er befühlt die Axt. Ihr Stiel ist glatt und warm, der Metallkopf kalt, die Schneid hat Kerben und schnappt nach der Haut des prüfenden Daumens. Schwer zieht die Klinge die Axt nach unten, aber er hält sie trotzdem sicher. Er sucht sich ein gutes Scheit – nicht zu groß, aber auch nicht zu klein – und stellt es auf den Pflock, dreht es noch ein wenig, damit es sicher steht auf der unebenen Fläche. Er blickt zur Kellertür, die sich nicht regt, hebt die Axt, und lässt sie nach unten stürzen. Daneben. Die Axt steckt im Pflock und das Scheit fällt zu Boden. Er versucht es noch einmal, stellt das Scheit genauso hin wie zuvor. Er holt aus, konzentriert sich, zielt etwas weiter nach links, und dieses Mal trifft er, hart am Rand schlägt er einen langen Splitter aus dem Holz, der hell singend durch die Einfahrt fliegt. Der Sohn reckt die Axt triumphierend in den Himmel. Der nächste Hieb wird es sein, nur ein wenig mehr noch nach links, der wird das Scheit spalten. Eilig stellt er das umgefallene Holz wieder auf, hebt die Axt über den Kopf – jetzt kommt es darauf an –, da sieht er den Vater, der in der Kellertür steht und ihn betrachtet. Der Vater ist nicht böse, man sieht es in seinem Gesicht. Er ist neugierig. Na, sagt er, bist du auch schon ein Großer? Der Sohn steht da und sieht den Vater an. Er weiß nicht, soll er die Axt sinken lassen? Aber der Vaterblick ist aufmerksam, erwartungsvoll. Nur zu, sagt dieser Blick. Probier es. Zeig mir, was für einer du bist.

Das große Blau

Das Gefühl für Zeit und Raum verändert sich beim Tauchen, Distanzen wachsen unter Wasser ins Unendliche. Hundert Meter, die man an der Oberfläche spielend zurücklegt, werden darunter zu einer unüberwindbaren Entfernung. Bleibt man lange unter Wasser, beginnt sich alles zu drehen, man verliert das Gefühl für seine Körpergrenzen und in der Folge die Orientierung. Stille tritt ein, ein Stillstand, ein Zustand intensivierter Wahrnehmung. Die Sinne treten in den Hintergrund, Geschmack und Geruch fallen weg, der Tastsinn wird durch den Neoprenanzug gedämpft. Die Wahrnehmung verlagert sich an die Ränder des Bewusstseins, richtet sich nach innen.

Zum Zeitmesser wird die Lunge, eine Luftuhr, deren beide Hälften gleichzeitig auslaufen. Die Aufmerksamkeit des Freitauchers ist auf sie gerichtet, darauf, die verbleibende Sauerstoffmenge abzuschätzen, zu ermessen, wie rasch die Sauerstoffmoleküle durch die Arterien rieseln. Sie ist ein unzuverlässiger Zeitmesser, der nur Schätzungen zulässt. Man muss sich auf sein Gefühl verlassen und die kleinsten Hinweise deuten lernen. Und doch ist die Lunge genauer als jede Uhr mit Sekunden- und Millisekundenanzeige, denn eine Uhr misst nur die Außenzeit, nicht aber die Zeit, die im Körper vergeht. Hält man den Atem an, wechselt das Körperinnere in eine andere Zeitzone, die Herzfrequenz sinkt, das Blut pulst langsamer durch die Adern, die linke Gehirnhälfte übergibt den Stab an die rechte. Man nimmt nicht mehr wahr, wie die Außenzeit vergeht, man horcht nach innen, und wann immer man das Gefühl hat, jetzt ist die Lunge leer, der Sauerstoff verbraucht, hält man noch ein wenig aus, und noch ein wenig, man spürt nach, ob nicht doch noch eine klein wenig Atemsand vorhanden ist, ob es nicht noch einen Moment geht, ein paar Herzschläge nur. Dann taucht man auf.

Der Grund für die Tauchbegeisterung des Knaben ist ein Spielfilm, den seine Familie an einem Sonntagabend sieht, alle vier vor dem Einbauschrank mit dem Fernsehapparat in seiner Mitte. Der Vater sitzt links vom Fernseher in einem der beiden schweren Couchsessel. Im zweiten Couchsessel sitzen abwechselnd der Bruder und er. Der andere nimmt hinten auf der Bank neben der Mutter Platz. Im Rausch der Tiefe heißt der Film, er handelt von zwei Freitauchern, die sich gegenseitig zu neuen Tiefenrekorden antreiben. Nächte später träumt er noch von der Szene, bei der das Meer durch die Zimmerdecke bricht und den im Tiefenrausch fiebernden Taucher unter sich begräbt. Einer der beiden Hauptdarsteller ist ein sehr männlicher Mann – groß, behaart, selbstbewusst, gespielt von Jean Reno. Der andere, sein Held, ist klein, tapsig, verträumt, unerfahren im Umgang mit Frauen. Den Namen des Schauspielers kann er sich nicht merken. Was sich ihm eingeprägt, ist die Tatsache, dass der Mann auf Stirn und Hinterkopf ansatzweise schütteres Haar hat. Noch keine Glatze, wie sein Vater, dem nur noch an den Seiten Haare wachsen, aber doch ist das Haar des Helden gelichtet. Er kennt keinen anderen Film, in dem der Hauptdarsteller schütteres Haar hat. Außer Actionfilme, aber dann ist es eine Vollglatze, glattrasiert, der Mann muskelbepackt und beinhart. Der Taucher aus Im Rausch der Tiefe ist das alles nicht. Er braucht es auch nicht zu sein, denn mit seiner zurückhaltenden Art hebt er sich so sehr vom gängigen Bild eines Filmhelden ab, dass man gar nicht auf die Idee käme, ihn nach denselben Kriterien zu beurteilen wie einen haarlosen Krieger von der Sorte eines Bruce Willis. Er ist anders, jemand, der in Verbindung zu den Meerestieren steht und mit Delfinen spricht, dem die dunkle Tiefe des Meeres, sein grenzenloser Raum, keine Angst macht. Tauchen kann er wie kein anderer. Tiefer und länger als alle, auch als der männliche, unerschütterliche Jean Reno. Gleichzeitig ist es das Verhängnis des Namenlosen, dass er so anders ist. Er passt nicht in diese Welt. Am Ende des Films verschwindet er bei einem Nachttauchgang in den Tiefen des Meeres. Wohin, weiß man nicht, ob er wiederauftaucht, auch nicht. Das Ende ist offen.

So wie dieser Mann will er sein, seinem Vorbild folgend ist er in das Kinderbecken im Freibad gestiegen. Er spürt, dass er vieles mit ihm gemeinsam hat, so ein Mann liegt in seinem Inneren begraben. Er muss ihn nur befreien, muss nur lange genug im Wasser sein und die Verwandlung wird von selbst stattfinden. Bei seinem Filmhelden ist es auch so. Er muss sich nicht anstrengen, der beste Taucher der Welt zu werden, er ist einfach der Beste, er ist so geboren. Damit er sein Talent entfalten kann, braucht er nur in seinem Element zu sein. Was ihn bremst, ist die Welt außerhalb des Wassers, die voller Störungen ist, voller Lärm, in der jeder etwas von ihm erwartet. Deshalb verschwindet er in der Tiefe, taucht zu den Delfinen, wo er der sein kann, der er wirklich ist.

Ich frage mich, was aus dem Schauspieler geworden ist. Man hat nach diesem Film nicht mehr von ihm gehört. Vor einiger Zeit habe ich mir den Film wieder angesehen. Zufällig war ich online darauf gestoßen. Den musst du sehen, habe ich zu Vera gesagt, die ihn tatsächlich nicht gekannt hat, und wir haben ihn gemeinsam am Laptop geschaut. Die ersten zehn Minuten hat Vera noch stillgehalten, dann hat sie begonnen, erste Bemerkungen zu machen. Ob sich Männer zu Fischen sexuell hingezogen fühlen, hat sie gefragt. Ab der Hälfte des Films, der viel länger gedauert hat, als ich ihn in Erinnerung habe, hat Vera nur noch Witze gerissen. Ein Film für zarte Männerherzen, das passe ja zu mir, hat sie gesagt. Ob mich E-Orgelmusik errege, wollte sie wissen. Ich habe es nicht verstanden. Der Film, der mich damals so begeistert hat, ist mir nun kitschig erschienen, die Charaktere überzeichnet, die Handlung plump, die Filmmusik eine exzessive Orgie aus Synthesizerklängen. Die Delfine sind auf unerträgliche Weise vermenschlicht gewesen, dargestellt, als wären sie unschuldige, friedliche Wesen, dabei ist mittlerweile bekannt, dass gerade beim Menschen beliebte Arten wie der Große Tümmler systematische Vergewaltiger und Kindsmörder sind. Ich habe den Film verteidigt, obwohl ich maßlos enttäuscht gewesen bin, nur um Vera nicht Recht zu geben, und habe ihr erklärt, in den Achtzigern habe man noch extrem wenig über Delfine gewusst. Du immer mit deinen Meerestieren, hat Vera gesagt und den Laptop zugeklappt.

Für den Knaben damals sind alle Meeressäuger wunderbare und vollkommen reine Wesen. Mehr als alle anderen Tiere liebt er sie. Sein größter Traum ist es, einmal einen Wal zu berühren. Immer wieder malt er sich den Moment aus. Er stellt es sich so vor, dass er in einem Boot fährt, das Meer vollkommen ruhig und spiegelglatt, da taucht plötzlich ein Wal neben dem Boot auf, ein riesiger, gebogener Rücken steigt empor, höher als der Bootsrand. Zur Begrüßung stößt der Wal eine Fontäne aus, so kräftig, dass ihm der Luftstoß das Haar zerzaust. Er streicht die nassen Strähnen zur Seite, dann streckt er die Hand aus. Seine Eltern und sein Bruder, die auch im Boot sitzen, starr vor Angst ob des riesigen Ungetiers, heulen auf, aber sie wagen es nicht, ihn zurückzuhalten. Vorsichtig legt er die Hand auf den Rücken des Wals. Die Haut ist weich, sie fühlt sich überraschenderweise warm an, und wenn der Wal seinen Atem ausstößt, vibriert sie. Mit seiner Hand auf dem Rücken begleitet der Wal das Boot. Als er die Hand für einen Moment wegzieht, um eine Strähne aus der Stirn zu wischen, taucht der Wal ab. Er wirft sich halb über den Bootsrand, starrt nach unten, aber der Wal ist verschwunden. Es ist still auf dem Boot, seine Familie sieht ihn immer noch entgeistert an. Plötzlich schießt der Wal – es ist ein Buckelwal, wie er ihn aus dem Fernsehen kennt – vor dem Boot senkrecht aus dem Wasser und stürzt mit einem Krachen auf die Oberfläche zurück. Gischt schießt in die Höhe, seine Eltern und sein Bruder jaulen vor Angst. Er jubiliert und springt im Boot auf und ab, im Gleichklang mit dem Wal, der dem Boot folgend Sprung um Sprung vollführt, bis zum Sonnenuntergang.

In einer noch waghalsigeren Version seines Tagtraums berührt er den Wal nicht vom Boot aus, sondern springt ins Wasser, taucht hinab zu der riesigen, unförmigen Masse, die nicht als Lebewesen zu erkennen wäre, gäbe es nicht dieses große, gütige Auge, dessen Lid er streichelt. Aber ihm ist bewusst, wie unwirklich dieses Szenario ist, kann er doch nicht einmal schwimmen und hätte viel zu viel Angst, ins Wasser zu springen, in das grenzenlose Meer, das ihn in manchen seiner Albträume verschlingt. Nur selten fantasiert er diese Variante.

Wozu Wale und Delfine fähig sind, begeistert ihn ungemein. Obwohl sie wie der Mensch Säugetiere sind und Lungen haben, können sie im Wasser leben, unter Wasser. Mehrere Stunden können Pottwale und Schnabelwale die Luft anhalten, bis auf dreitausend Meter Tiefe tauchen sie in dieser Zeit. Dreitausend Meter! Man muss sich den Druck vorstellen, dem sie standhalten müssen, dazu tauchen sie in vollkommener Dunkelheit, alles mit einem einzigen Atemzug. Dagegen sind die Tauchrekorde des Menschen lächerlich.

Allerdings ist das Luftanhalten an Land auch viel schwieriger als im Wasser. Das erlebt er bei seinen Übungseinheiten hinten im Zimmer. So sehr er sich auch bemüht, gelingt es ihm nicht, die Zeiten aus dem Freibad nur annähernd zu erreichen. Auch das Gefühl des Losgelöstseins will sich nicht mehr einstellen. Er fühlt sich verloren. Erst später lernt er, warum man im Wasser länger die Luft anhalten kann. Man nennt es den Tauchreflex oder amphibischen Reflex, der auf die amphibischen Vorfahren aller Säugetiere zurückgehen soll. Ein Wissenschaftler, der ihn an Robben erforscht hat, war so weit gegangen, ihn den Hauptschalter des Lebens zu nennen. Es hatte sich herausgestellt, dass sich beim Menschen ebenso wie bei anderen Säugetieren die Abläufe im Körper verändern, wenn sie tauchen. Es genügt, dass man das Gesicht unter Wasser hält, schon schaltet der Körper in eine Art Energiesparmodus um – der Parasympathikus wird aktiviert, das Blut zieht sich aus den Gliedmaßen zurück, damit die lebenswichtigen Organe in der Körpermitte besser versorgt werden, das Gehirn schaltet ab. So verbraucht der Taucher weniger Sauerstoff und kann länger unter Wasser bleiben. Gelangt beim Tauchen Wasser durch die Schleuse der Lippen in den Mund, schließt sich automatisch der Kehlkopf, das Wasser kann nicht in die Lunge gelangen. Schon bei Säuglingen funktioniert das. Setzt man sie ins Wasser, tauchen sie von allein, ohne Wasser zu schlucken. Ein tauchender Mensch gleicht einem Raumschiff, das beim Verlassen der Atmosphäre die Verbindungen nach Außen kappt und das Lebenserhaltungssystem aktiviert.

In seinem Zimmer sitzend, weiß der Knabe noch nichts von der Wirkung des Wassers auf die Fähigkeit zu tauchen. Er ist wütend, er ringt mit der Verzweiflung, er verbrennt Sauerstoff. Die Schuld sieht er bei seinem Vater, der unter seinem Fenster den Rasen mäht und ihn stört. Ab und zu sieht der Vater zu seinem Zimmer hoch, das er nach dem gescheiterten Schwimmunterricht am Aichingerteich nur selten verlässt. Aber das Fenster liegt zu hoch, als dass der Vater ihn sehen könnte. Er hingegen kann unentdeckt auf den Vater hinuntersehen, er sieht zu, wie der Vater immer schmälere Rechtecke zieht, bis der letzte Streifen abgemäht ist, wie er den schweren Korb zum Komposthaufen trägt und den feuchten Grasschnitt hineinleert, wie er sich das Gras von den Armen wischt, sich über die kahle Stirn fährt, dabei ein letztes Mal zu seinem Fenster hochsieht und dann den Rasenmäher in den Keller zurückschiebt. Die Störung ist vorbei, zumindest für kurze Zeit. Wenn sein Vater nicht den Rasen mäht, schneidet er Sträucher oder sticht Ameisenbaue aus und wirft sie in die Abfalltonne. Die Lücken bleiben, obwohl der Vater mehrmals Grassamen aussät und den Rasen notfalls bei Nacht bewässert, wenn die Gemeinde in den trockenen Sommerwochen wieder einmal ein Bewässerungsverbot ausruft. Statt Gras wachsen in den Lücken Kräuter, zwischen denen sich wieder Ameisen ansiedeln. Die Kräuter sind so zahlreich, dass es nicht möglich ist, sie alle auszureißen. Ihre gelben und violetten Blüten heben den Rasen von den einheitlich grünen Nachbarsgärten ab. Sie machen sichtbar, dass sein Vater nicht mit seinem Rasen fertig wird. Vielleicht um das wettzumachen, verbringt der Vater so viel Zeit mit Gartenarbeiten. Der Knabe sieht es dem Vater an, dass er die Arbeit nicht gerne macht, dass er die Handgriffe ungeduldig ausführt, der Anblick seines Vaters macht ihm das Luftanhalten unmöglich.

Ist der Vater nicht da, spielt sein Bruder im Garten Fußball. An schulfreien Tagen lädt er Freunde ein, sie spielen ein Match nach dem anderen, sie fordern laut schreiend den Ball und jubeln bei den Toren. Sein Atem stockt während der Tor-Rufe, holpert dem dumpfen Geräusch hinterher, wenn der Ball die Douglasie trifft, die als Torstange dient, folgt seinem regelmäßigen Aufprall auf der Wand unter ihm. Manchmal fliegt der Ball gegen sein Fenster, das berichtet er umgehend seiner Mutter, denn gegen das Fenster zu schießen ist strengstens verboten und wird mit Spielabbruch bestraft. Sind die anderen gegangen, schießt sein Bruder den Ball noch eine Weile gegen die Wand.

Bringt er die nötige Konzentration zum Üben nicht auf, was oft der Fall ist, liest er Geschichten, er liest gerne Heldensagen, am liebsten aber liest er über das Meer und seine Bewohner. Seine Bücher sind voller bunter Illustrationen, manche enthalten auch Fotografien. Niemand in seiner Familie weiß mehr über das Meer, in seiner Klasse auch nicht, nicht einmal die Lehrerin. Er weiß zum Beispiel, dass der Mensch von den Fischen abstammt, deshalb besteht er zu siebzig Prozent aus Wasser. Im Mutterleib – ein Wort, das er lange nicht mit den ihm bekannten Frauenkörpern in Verbindung bringen kann, bis er einmal eine schwangere Frau im Freibad sieht – besitzen die Babys anfangs noch Kiemen. Und nicht ohne Grund schmeckt menschliches Blut salzig. Das Fruchtwasser, so liest er, gleicht in seiner Zusammensetzung dem Meerwasser, werdende Mütter tragen den Ozean in sich. Er betrachtet die Bäuche Schwangerer und stellt sich vor, wie die Babys darin tauchen. Er ist fest davon überzeugt, dass sie alles registrieren, was um sie herum vorgeht, wie die Delfine, die mit ihrem Sonar in absoluter Dunkelheit sehen, die damit sogar in die Körper anderer Lebewesen hineinschauen können. Er fragt sich, ob er als Embryo auch so ein Sonar besessen hat. Aber es sind keine Bilder, keine Sonogramme in seiner Erinnerung abgespeichert. Vielleicht sind die Bäuche auch zu klein für ein richtiges Meer, denkt er, sie erreichen gerade die Größe eines Aquariums, und die Babys, die darin aufwachsen, sind eingepfercht wie Fische hinter Glas.

Auch etwas anderes beschäftigt ihn sehr: Das Meer ist voller Sperma. Dieses Sperma ist eine beunruhigende Sache, es ist einerseits eine Flüssigkeit – Tiere und Menschen besitzen sie, das weiß er – und gleichzeitig ist das Spermium ein kleines Tier, ein Einzeller, etwas wie ein Bakterium, ein Geißeltier, das mit seinem langen Schwanz überallhin schwimmt und das trotz seiner Winzigkeit die Macht besitzt, Leben zu erschaffen. Es ist etwas, das nur Männer besitzen – aber wo? –, und worüber man mit Schulkameraden im Pausenhof verstohlen lachen kann, ohne zu wissen, warum. Ohne das Sperma können keine neuen Tiere entstehen, das weiß er. Es muss an den richtigen Ort gelangen, aus eigener Kraft, damit Lebewesen wachsen können. Um an das Ziel zu gelangen, muss das Spermium, das winzig ist – er vermutet, dass man es deshalb nie sieht –, durch das Meer schwimmen, nachdem es das Meerestier verlassen hat. Allein schwimmt es durch die unendliche Weite. Aber – das ist das Besondere – in Wirklichkeit ist das Sperma nicht allein, alle Meerestiere entlassen nämlich ihr Sperma gleichzeitig ins Wasser. In einer Fernsehdokumentation sieht er, wie bei Vollmond alle Tiere im Korallenriff ihr Sperma freisetzen, so viel, dass sich unter Wasser Wolken aus Sperma bilden. Das Meer ist voller Sperma. Er tut sich schwer mit dieser Vorstellung, denn das Meer ist rein und vollkommen, aber das Sperma ist zumindest beim Menschen – so viel versteht er – etwas Unreines, so weiß es auch ist.

Er beginnt, Versuche mit seinem Atem anzustellen, um länger die Luft anhalten zu können. Er atmet so tief wie möglich und so schnell wie möglich ein, damit sich sein Körper mit Sauerstoff füllt, er will seinen Körper mit Sauerstoff vollpumpen. Sein Kopf beginnt dabei zu dröhnen, ihm wird schwindlig. Er übt ohne Plan, und es gibt Momente, wo er nicht mehr weiß, ob er gerade atmet oder die Luft anhält. Er hat Angst, dass er irgendwann ersticken könnte, weil er vergessen hat, wie man Atem holt.

Den Winter über plagt ihn oft seine Migräne. Nichts hilft dann, außer die Vorhänge zu schließen und sich im Bett zu verkriechen. Wenn die Kopfschmerzen es zulassen, liest er in dem Buch, das er als Trost für sein Kranksein bekommen hat, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Besonders fasziniert ihn der Kampf um Troja. Die Vorstellung, dass es Troja wirklich gegeben hat, dass man es vor gar nicht so langer Zeit wiederentdeckt hat, fesselt ihn. Niemand kann den wütenden Achill besiegen, dessen Mutter eine Meeresgöttin ist. Blond und bartlos und mit pochenden Schläfen sieht er den Helden vor den Toren Trojas rasen. Ist die Migräne besonders schlimm, legt ihm seine Mutter ein feuchtes Tuch über die Augen, und dazu manchmal ihre kühlende Hand auf die Stirn.

Unser Meer

Als Kind habe ich mich gerne in den Nischen des Hauses versteckt, flach ausgestreckt unter der Sitzbank oder eng angeschmiegt an die Sakkos im Wohnzimmerkasten. Ich bin ein Teil der Einrichtung geworden, ein Teil des Hauses. Dieses Gefühl habe ich gemocht, in meiner Rolle als Möbelstück habe ich die Gegenwart der Menschen im Haus anders wahrgenommen, sie haben sich anders verhalten, wenn sie allein gewesen sind. Mein Bruder zum Beispiel ist nicht mehr laut und rüpelhaft gewesen, sondern still und ernst, so als würde er angestrengt über etwas nachdenken. Einmal ist er vor Schreck umgefallen, als er den Kasten geöffnet und mich darin vorgefunden hat. Würde ich lange genug in diesem Behandlungszimmer sitzen, würde ich mich vielleicht auch hier wohlfühlen können. Aber dafür ist die Zeit zu kurz. Außerdem ist dieser Raum kein Versteck. Draußen weiß man, dass ich hier sitze, man weiß, was ich hier tue, oder zumindest, was ich zu tun habe. Aber wie soll ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, wenn am Empfang das Telefon läutet und vor der Tür Schritte auf den Boden hämmern? Unter solchen Umständen kann ich nicht. Ich brauche meine Ruhe. Ich will, dass man mich in Ruhe lässt, sonst bin ich nicht dazu in der Lage. Sonst breche ich ab.

Sie packen das Auto. Es ist noch dunkel. Der Kofferraum ist voll. Zwei große Taschen und die losen Badesachen kommen auf die Rückbank zwischen ihn und den Bruder, der wie er noch den Pyjama anhat. Er möchte weiterschlafen, aber in der Garage ist es kalt und er friert. Er zieht sich die Luftmatratze über die Beine, das Plastik fühlt sich unangenehm an. Lange sitzen sie im Auto, das in der steilen Einfahrt parkt, warten auf den Vater, der noch einmal überprüft, ob alle Leitungen abgedreht und die Türen und Fenster verschlossen sind. Er versteht, dass sie ans Meer fahren, nach Jugoslawien, er weiß, dass das Meer Adria heißt. Aber er glaubt nicht, dass es ein echtes Meer ist, eines, wie er es aus seinen Büchern und dem Fernsehen kennt. Sie haben dieselben Sachen eingepackt, die sie an den Aichingerteich mitnehmen. Er stellt sich die Adria wie einen riesigen Aichingerteich vor. Sieben Stunden brauchen sie mit dem Auto, hat die Mutter gesagt. Ein echtes Meer kann nicht eine Autofahrt von hier entfernt sein, denkt er. Ein echtes Meer ist für eine Familie wie die seine nicht erreichbar.

Sie fahren nicht direkt zur Ortsausfahrt. Sie machen einen kleinen Umweg, zu den Freunden seiner Eltern, den Wiesingers, die auch an dieses Meer fahren. Sie fahren in Kolonne. Die Wiesingers haben auch zwei Kinder, ungefähr im gleichen Alter wie er und sein Bruder, ein Mädchen und einen Jungen. Er kann sie nicht leiden. Er nimmt sich vor, so wenig wie möglich mit ihnen zu sprechen. Dann schläft er ein.

Als er aufwacht, sind sie auf der Autobahn. Die Landschaft hat sich verändert, keine Fichtenwälder mehr, keine Erdäpfelfelder, die Landschaft ist voller Obstbäume und Weingärten, und dahinter wachsen Berge in die Höhe. Die Sonne scheint grell, auf der Vaterseite ist das Fenster halb offen, die Luft braust so laut, dass sie die Musik aus dem Autoradio übertönt. Erst als die Verkehrsnachrichten kommen, kurbelt der Vater das Fenster hoch. Er trägt ein T-Shirt ohne Ärmel, Muskelleiberl nennen er und sein Bruder es, denn es entblößt die muskulösen Oberarme des Vaters. Sein Vater hat muskulöse Oberarme. Er weiß nicht warum. Sein Vater arbeitet nicht mehr, er sitzt nur in einem Büro, wegen seiner Knie. Aber früher, da muss sein Vater viel gearbeitet haben, sonst hätte er nicht solche Oberarme.

Im Auto wird es heiß. Der Schweißgeruch seines Vaters breitet sich aus. Gierig saugt er ihn ein. Er ist süchtig nach diesem Geruch, so abstoßend er ihn auch findet. Die starken Oberarme und seinen Geruch, das liebt er an seinem Vater. Er spielt mit Bruder und Mutter »Wer bin ich?« – seine Mutter ist die Oma, sein Bruder ist Arnold Schwarzenegger, er ist Franz Vranitzky und gewinnt. Dann schläft er wieder ein, wacht auf, liest in einem Comic, schläft wieder ein. Wach auf, ruft seine Mutter irgendwann, das Meer! Sein Bruder gibt ihm einen Schubs, aufwachen! Er öffnet die Augen. Sie fahren über einen braunen Felsrücken, der vor ihnen steil abfällt. Darunter erstreckt sich eine grenzenlose blaue Fläche. Er kann es nicht glauben. Es ist wirklich das Meer. Seine Mutter hat sich im Beifahrersitz zu ihm umgedreht, sein Bruder mustert ihn. Die Augen seines Vaters beobachten ihn aus dem Rückspiegel. Er versucht etwas zu sagen, aber es gelingt ihm nicht. Er stammelt nur. Sein Bruder fängt zu lachen an, seine Mutter lacht, der Vater lächelt zufrieden, die behaarte Brust hebt sich unter dem Muskelleiberl. Er lacht mit, er lacht, als hätte man ihm gerade den allerlustigsten Witz der Welt erzählt, das Meer, das Meer, es ist wirklich das Meer.

So viel Wissen er auch über das Meer aufgesaugt hat, hat er doch nichts darüber gewusst. Dass das Meer derart maßlos ist, er hat es nicht geahnt. Dass es riecht, derb und betäubend riecht, anziehend und abstoßend wie der Schweiß seines Vaters, dass es salzig schmeckt, nicht wie Wasser mit Salz, sondern wie eine Brühe, salziger als alles, was er kennt. Dass es rauscht und dem Atem seinen Rhythmus aufzwingt.

Er ist grenzenlos begeistert. Gleichzeitig macht ihm das Meer Angst. Es ist zwar das Meer seiner Träume, aber es ist auch das Meer, in dem Haie leben, giftige Fische, Seeschlangen und andere Monster, ein gleichgültiges Meer über bodenlosen Tiefen. Sein Bruder stürmt ins Wasser und schwimmt zu einer Plattform hinaus, während er an der Kante des betonierten Strandes steht und sich nicht ins Wasser traut. Erst als seine Eltern im Wasser sind, und die Wiesingers mit ihren Kindern, geht auch er hinein, hält sich zwischen ihnen, die Oberarme mit den Schwimmflügeln an die Brust gepresst. Seine ganze Aufmerksamkeit ist darauf gerichtet, nicht zu sterben. Sonderbarerweise geht es den anderen nicht so. Sie lachen, sie bespritzen sich gegenseitig mit Wasser, selbst die Eltern verhalten sich wie übermütige Kinder, ganz anders als im Freibad zuhause, und sie gleiten mit einer Selbstverständlichkeit ins Wasser, als wären sie Meeressäuger, als hätten sie sich mit dem Schritt ins Meer plötzlich in Wale verwandelt. Es scheint für sie das Natürlichste auf der Welt zu sein, im Meer zu schwimmen. Die Schwimmflügel, in die er sich am liebsten wie in eine Muschelschale verkriechen würde, hatte sein Vater zuhause lassen wollen, schließlich hatte er ihm ja am Aichingerteich schwimmen gelernt. Es war zu einem Streit gekommen, seine Mutter hatte nicht nachgegeben, schließlich wurden sie mitgenommen. Jetzt sieht er, dass alle Kinder in seinem Alter keine tragen, auch nicht die Tochter der Wiesingers, die ein halbes Jahr jünger ist als er. Er ist der Einzige in dieser Schule aus Menschenfischen, der sich vor dem Meer fürchtet. Niemand scheint es zu merken, als er aus dem Wasser steigt. Er geht zu ihrem Liegeplatz und streift die Flügel ab. Als er zurückkommt, folgt ihm der Blick seiner Mutter. Sie sieht ihm zu, wie er schnell ins Wasser geht, er bemüht sich, keine Miene zu verziehen, und als ihm das Wasser bis zum Nabel reicht, schwimmt sie heran und bleibt in seiner Nähe. Die Wiesinger-Kinder gesellen sich zu ihm, bespritzen ihn und lachen, und er macht mit, sein Bruder kommt zur Verteidigung, er schleudert sogar dem Wiesinger-Vater Wasser ins Gesicht, der lachend Kontra gibt, es kommt zu einer richtigen Wasserschlacht.

Die Schwimmflügel verwendet er ab dann nicht mehr. Dafür geht er nicht weiter als bis ins bauchnabelhohe Wasser hinein. Das reicht für seine Tauchversuche, die er sofort wieder aufnimmt. Ungläubig erhebt er sich, als er das erste Mal mit angehaltener Luft auf dem Wasser liegt, er legt sich gleich wieder hin, probiert es mehrere Male – er schwebt auf der Oberfläche wie ein kleines Boot. Das Meerwasser trägt ihn mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, ganz anders als das Wasser im Freibad, das sofort nachgibt, wenn man eine falsche Bewegung macht. Das Brennen in den Augen dagegen ist ähnlich wie im gechlorten Freibad. Er denkt, er wird sich daran gewöhnen, aber am Abend sind seine Augen so rot, dass seine Mutter beschließt, ihm eine Taucherbrille zu kaufen. Das auch noch, sagt sein Vater. Seine Mutter entgegnet, dass er dafür keine Schwimmflügel mehr nimmt.

Die Taucherbrille ist ein Kompromiss. Er verwendet nicht gerne Hilfsmittel. Er hat das Gefühl, es sei ein Betrug, oder genauer, eine Lüge, denn was man dank Hilfsmitteln erlebt, erlebt man nicht wirklich. Sieht er eine Waldokumentation im Fernsehen, beschäftigt ihn immer, dass der Kameramann die Wale, die er filmt, gar nicht wirklich sieht, betrachtet er sie doch durch die Kamera, und da sieht er nur das Bild, nicht aber den wirklichen Wal. Diese Vorstellung macht ihm das Anschauen von Waldokumentationen mit der Zeit fast unmöglich und er versucht sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass der Kameramann mit Sicherheit zumindest für einen Moment den Blick von der Kamera genommen und den Wal mit eigenen Augen gesehen hat. Er ist davon überzeugt, dass einen die Begegnung mit einem Wal von Grund auf verändert, aber nur, wenn man ihm wirklich begegnet, von Auge zu Auge. Dass er selbst noch nie einen Wal gesehen hat, ist ein Problem. Eines Tages muss er einem echten Wal begegnen, das schwört er sich, und es wird der schönste Tag in seinem Leben sein.

Trotz seiner Bedenken bedeutet die Taucherbrille einen Quantensprung. Nicht nur, dass sie Nase und Augen vor dem brennenden Wasser schützt, sieht er plötzlich alles klar. Bis ins kleinste Detail sieht er die Stacheln der Seeigel, die zu Tausenden an den Steinen haften, dort, wo der Strand nicht zubetoniert ist, und die dafür verantwortlich sind, dass alle Badenden Gummisandalen tragen. Außerdem gibt es kleine Fische, die sich zwischen den Steinen verbergen, und etwas größere, die sich nah am Grund halten. An langes Luftanhalten ist unter diesen Bedingungen nicht zu denken, dafür sind die Aufregung und der damit einhergehende Sauerstoffverbrauch viel zu groß. Er nimmt den Schnorchel zu Hilfe, den er beim Kauf noch kategorisch abgelehnt hat, obwohl er im Set mit der Brille inkludiert gewesen ist.

Den halben Tag schnorchelt er nun, die andere Zeit isst er Eis oder beobachtet die Menschen am Strand. Es gibt dort Frauen, die kein Bikinioberteil tragen, von denen er den Blick nicht abwenden kann, zumindest nicht von den jüngeren, die so alt wie seine Cousinen sein könnten, und unter diesen besonders nicht von denen, die mit einem besonders großen Busen ausgestattet sind, oder einem besonders schönen. Er kann nicht sagen, was einen Busen besonders schön macht, manche gefallen ihm aber viel besser als andere. Einmal, er steht gerade mit einem Eis am Ufer, steigt eine junge Frau aus dem Wasser, oder ein Mädchen. Ihrem kleinen Gesicht nach geht sie noch zur Schule, aber ihre Brüste sind groß und vollkommen. Er kann seine Augen nicht von ihr lassen. Im Zickzack geht sie zwischen den liegenden Urlaubern über den Betonstrand, sie nähert sich dem Platz, wo seine Familie liegt. Der Mann mit Glatze dort starrt das Mädchen genauso gebannt an wie er selbst. Über den Rand der Sonnenbrille hinweg machen die Augen seines Vaters jede Richtungsänderung mit, die das Mädchen zwischen den Handtüchern und Körpern vollführt. Als das Mädchen auf Höhe seines Vaters ist, setzt es sich auf ein Handtuch. Er streift den Blick seines Vaters und dreht sich schnell weg. Als er später zurücksieht, liegt sein Vater mit der Sonnenbrille auf den Augen im Liegestuhl.

Sein Vater verändert sich im Urlaub. Die Haare an den Seiten hat er schon vor dem Urlaub nicht mehr geschnitten, jetzt wachsen sie ihm über die Ohren und stehen wirr vom Kopf ab, weil er es nicht gewohnt ist, sich zu kämmen. Seine Kopfhaut ist verbrannt, aber er will keinen Hut aufsetzen. Stattdessen bleibt er im Schatten. Er schläft schlecht, wegen der Hitze, wie er sagt, außerdem habe er Kopfschmerzen. Er will ausruhen, sagt er, als die Wiesingers Ausflüge planen. Während seine Mutter, sein Bruder und er mit den Wiesingers über Strandpromenaden bummeln, auf Märkten Früchte kaufen und bei Kaffee und Eis Postkarten vollschreiben, bleibt sein Vater in seinem Liegestuhl zurück. Auf ihren Ausflügen erfinden sie eine Scherzidentität, eine türkische Familie seien sie, die Urlaub in Europa macht – der Vater der Wiesingers der Mann, Frau Wiesinger und seine Mutter die beiden Ehefrauen mit ihren vier Kindern. Der Wiesinger-Vater tut so, als sähe er alles zum ersten Mal – ein Auto, einen Fernseher, eine Klospülung. Gute Qualität, sagt er dann mit großen Augen und anerkennendem Nicken, und sie lachen. Sein Bruder ist gleich bester Freund mit dem Sohn der Wiesingers, die beiden sind unzertrennlich. Die Tochter der Wiesingers findet Gefallen an ihm, ihr bleibt auch niemand anderes übrig, an den sie sich anschließen könnte. Die Wiesingers finden es unterhaltsam. Er spricht nicht mit ihr, aber sie begleitet ihn trotzdem überall hin. Einmal läuft er unangekündigt los, kreuz und quer durch die verwinkelten Gassen, bis zum Strand. Als er dann beim Schnorcheln hochsieht, hockt sie am Ufer und lächelt zu ihm herab. Er verachtet sie dafür. Gleichzeitig beruhigt es ihn, dass jemand dasitzt und ihm zusieht, während er schnorchelt. Als sie einmal nebeneinander auf einer niedrigen Mauer sitzen und Eis essen, nimmt sie seine Hand. Er zieht sie nicht weg, er bleibt ganz still und bewegt die Hand keinen Millimeter.

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