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Daniela Zörner
Fürstin des Lichts
Die Geschichte der Lilia Joerdis van Luzien, Gesamtausgabe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Epilog
Wunschzauberfluch
Geheimnisvolle Namen
Lilias Gedichte
Über die Autorin
Impressum neobooks
Inhalt
Daniela Zörner
Fürstin des Lichts
Die Geschichte der Lilia Joerdis van Luzien
Gesamtausgabe
Roman

Vorwort
Im Mittelpunkt meiner Urban Fantasy-Story steht das Schicksal von Lilia van Luzien, einer Halbelbe. Doch woher stammte Lilia ursprünglich? Wer waren ihre Eltern? Warum widerfuhr Lilia so spät der alles umwälzende Elbenkontakt? Seltsame Antworten darauf findet ihr am Ende des Werkes in „Wunschzauberfluch“. Viel Vergnügen!
Herzlichst
Daniela Zörner
Nur für dich werden die Buchstaben tanzen.
Elbenfürstin
Das ist mein Fenster.
Eben bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?
Rainer Maria Rilke
Kapitel 1
„Ich habe ja die Margarine vergessen!“ Darf eine Geschichte wirklich so banal beginnen? Wenn sie die reine Wahrheit erzählen soll, gibt es keine Gnade. Nochmals in die winterliche Eiseskälte hinaus zu müssen war Strafe für Schusseligkeit genug. Da drängte es sich mir geradezu auf, als kleine Belohnung einen Abstecher in Joschs Antiquariat dranzuhängen. Vielleicht wartete dort eine frische Ladung gebrauchter Bestseller, die für kleines Geld meinen ständigen Hunger nach gedruckten Schwarten stillen würden.
Der Laden lag in einer kleinen Seitenstraße, wo die Mieten günstig und Kunden rar waren. Josch glänzte, wie so oft, durch Abwesenheit, weshalb neben der abgeschlossenen Kasse eine Blechbüchse stand. Zu meiner großen Enttäuschung standen keine neuen Stöberkisten auf dem Boden. Das Suchen in den bis unter die Decke vollgestopften Regalen hatte ich längst aufgegeben. Josch behauptete zwar, die Bücher seien logisch einsortiert, aber er vertrat auch sonst sehr spezielle Ansichten. Doch in diesem Moment vor die Wahl gestellt, entweder den Rückweg durch den frostigen Berliner Winter anzutreten oder im Warmen die Regale zu durchstöbern, fiel meine Entscheidung schnell. Entschlossen pfefferte ich meine Vermummung aus Mütze, Handschuhen, Schal und Daunenjacke auf die speckig braune Ledercouch. Langsam suchend drehte ich mich um die eigene Achse, seufzte resigniert und ließ mich erst einmal auf die Couch plumpsen. Mein Blick folgte den Bücherreihen an der gegenüber liegenden Wand nach oben. Unter der vergilbten Altbaudecke flatterten dunkelgraue Spinnweben in der aufsteigenden Wärme. „Was für Bücher stehen dort oben eigentlich? Da gelangt doch niemand je hin!“
Plötzlich erschien das Bild einer alten Bibliothek mit reich verzierten, glänzenden Holzregalen vor meinen Augen. Schmale Holzleitern rollten auf unsichtbaren Schienen leise an den Regalen entlang. „Okay, hier und jetzt wenig hilfreich.“ Aber eine Leiter musste Josch dennoch irgendwo haben.
Sie stand, bekleckert mit diversen Farben, hinter dem Wandstück, das wohl irgendwann einmal von einem abgeteilten Hinterzimmer übrig geblieben war. Die Aluleiter wog zwar nicht sonderlich viel, hatte dafür aber die Größe XXL. Die unrühmliche Stelle, an der ich beinahe mit dem Hinterteil des Monstrums in ein Regal gekracht wäre, lasse ich hier lieber weg. Und natürlich wackelte die ausgeklappte Leiter auf den ausgetretenen Holzdielen, als ich vorsichtig mit dem Aufstieg begann. Argwöhnisch nahm ich zuerst mal die Spinnweben aus der Nähe unter die Lupe. Kein vielbeiniges Ekelpaket in Sicht. Dafür drehten mir uralte, muffig riechende Schinken ihre Rücken zu. Teils völlig zerfleddert, ließen sich ihre Titel kaum noch entziffern. Das reichte. Meine Vorliebe für Bücher beschränkte sich ganz klar auf solche Exemplare, deren vorheriger Gebrauch kaum auffiel.
Der Abstieg aus stickiger Höhe gestaltete sich jedoch spektakulärer als vorgesehen. Völlig darauf konzentriert, nach unten zu schauen und vor allem keine Schwingungen zu erzeugen, verhakte sich mein Wollärmel. Der unerwartete Widerstand brachte erst mich, dann die Leiter und wir gemeinsam das spillerige Bücherregal ins Wanken. Wo hätte ich mich auch sonst reflexartig festklammern sollen? Luft schnappen und Holzknarren wurden jäh von einem dumpfen Donnerschlag übertönt. Totenstille, ich wagte kaum mehr zu atmen. Immerhin keine Bücherlawine. Ächzend entwich die Luft aus meiner Lunge.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute ich vorsichtig erst nach oben, wo nun in der obersten Regalreihe ein Loch klaffte. Dann hinunter auf den Dielenboden. Mein Blick haftete sofort an dem einen übergroßen Buch, das meine Odyssee unfreiwillig rabiat zutage befördert hatte. Die logische Frage, wieso aus einer vollgestopften Bücherreihe ein einzelnes Buch herausfallen konnte, kam mir nicht in den Sinn. Mit zittrigen Beinen gelang der Rückzug ohne weitere Zwischenfälle.
Ich ließ die Leiter einfach stehen und ging vor dem Buch in die Hocke. Merkwürdigerweise lag es keinesfalls wie nach einem, wahrscheinlich falsch geschätzten, vier Meter tiefen Sturz da. Vielmehr exakt so, als sei es vorsichtig abgelegt worden. Aber dieser Gedanke flatterte, weitestgehend ignoriert, in meinem Kopf davon. Denn das, was meine Augen sahen, beanspruchte vollste Aufmerksamkeit. Auf dem safranfarbenen Ledereinband lockte eine wunderschöne, zierlich geschwungene Schrift. Ganz offensichtlich in einer mir unbekannten Sprache verfasst, setzte ich mich dennoch neugierig mit dem Buch auf die Couch. Behutsam öffnete ich den Buchdeckel und blickte mit kindlicher Naschhaftigkeit auf exotisch anmutende Buchstaben, die mir ihre Geheimnisse ohnehin niemals verraten würden. Solch eine Schrift hatte ich nie zuvor gesehen und ihre Farbe schillerte, als ob sie in einem Regenbogen geschrieben wäre.
Kurzum, ich wickelte das Buch mangels Tüten in alte Zeitungen und zog mich an. Aber ich konnte Josch unmöglich bloß ein bisschen Kleingeld für dieses Prachtexemplar in die Dose stopfen. Vielleicht sollte ich eine Nachricht hinterlassen. „Auf der bitte was stehen soll? Habe ein Buch mitgenommen, Autor, Titel, Alter und Herkunft unbekannt?“, lästerte mein Alter Ego genüsslich. Nein, ich würde das Buch ganz einfach bei meinem nächsten Einkauf zurückbringen.
Zufrieden verschwand meine unsichtbare Zuschauerin, als sich die Ladentür bimmelnd hinter mir schloss. Der ausgelegte Köder war geschluckt.
Lange Zeit später fand ich im schottischen Kloster St. Ninian ein dickes Notizbuch mit dem Titel „Inghean“. Darin befanden sich Aufzeichnungen der Elbe Elin. Sie brachten hartes Licht in manche noch dunklen Ecken dieser wahrheitsgetreu zu erzählenden Geschichte.
Aus dem Buch „Inghean“
Wieviele Jahre sind nutzlos verronnen, seit ich mich zum letzten Mal diesem Menschenkind zeigte? Mir fehlt die Erinnerung. Graue Tage und schwarze Nächte vergingen, zu endloser Untätigkeit verdammt. Meine Seele schmachtet nach Rache an dem Einen. Nun jedoch wurde das Menschenkind abermals erwählt. Warum nur? Warum verschmäht die Fürstin unsere willigen Elbenseelen? Dienerin und Lehrerin zugleich werde ich jetzt sein, um den Kelch für die Ankunft meiner Fürstin zu formen. Das Licht stehe mir bei!
Das zauberhafte Buch lag auf dem Esstisch, während ich ungeduldig den sich träge erhitzenden Wasserkessel abwartete. Hier unter dem Küchenfenster fiel noch genügend trübgraues Winterlicht ein, um auf die Deckenlampe verzichten zu können. „Was hat dieses Buch nur an sich?“ Antiquitäten entzogen sich schon immer meinem Interesse. „Geheimnisvoll.“ Mir kam eine Idee und ich flitzte los zum Bücherregal im Wohnzimmer. Vielleicht fand sich im alten Lexikon eine Seite über Schriften.
Noch bevor ich den entsprechenden Band Sai - Suc aufschlagen konnte, pfiff mich der Wasserkessel zurück. Der Tee musste erst ziehen, also drehte ich mich wieder um. Das mitgebrachte Buch leuchtete! Das Lexikon geriet in Vergessenheit. Ein schmaler Lichtstrahl fiel auf die Schrift. Mein irres Glotzen dauerte exakt 2 Minuten und 40 Sekunden, bis das schrille Piepen der Tee-Uhr gnädig die entglittenen Gesichtszüge in Bewegung brachte.
Vielleicht wäre der Anfang für mich leichter geraten, wäre mein Blick diesem ersten Lichtstrahl nach draußen gefolgt. Nämlich in Erwartung einer Wolkenlücke, die der tief stehenden Wintersonne eine freundliche Chance gab. Denn da draußen gab es keine Lücke, keinen Sonnenstrahl, nur Einheitsgrau. Andererseits wäre der Anfang garantiert erheblich schlimmer missraten, hätte ich meine unsichtbare Untermieterin aus Joschs Laden zurückkehren sehen. Nachdem die Elbe Elin einst Wächterin über meine Kindheit war, startete mit dem heutigen Tag ihr Fulltimejob bei mir.
Was war zuerst da, das Summen in meinem Kopf oder das mich umhüllende Licht, als ich auf dem Küchenstuhl saß und mich über das Buch beugte? Keine Ahnung, die ersten Stunden und Tage wirken im Rückblick wie das Ergebnis eines übergeschnappten Schleudergangs in sämtlichen Gehirnwindungen.
Erfolglos drückte ich jetzt die Zeigefinger in beide Ohren. Aus der Wohnung stammte das Summen jedenfalls nicht.
„Es ist in deinem Kopf.“
„Einfach ignorieren und endlich das wundersame Werk bestaunen.“
Entschlossen richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Einband. Das Summen nahm zu. „Nein, kein Summen“, überlegte ich, „zumindest nicht wie ein Bienenschwarm“. Es klang eher wie ein von Windböen herbei getragenes Auf und Ab singender Frauenstimmen. Wahrscheinlich die Begleitmusik zu irgendeinem Spielfilm, die mein Gedächtnis aus welchem Grund auch immer gerade jetzt abspulte.
„Es ist real.“
„Quatsch.“
Vorsichtig klappte ich den Buchdeckel auf. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, als wollten sie sich für mich neu ordnen. Ich blinzelte. Und las. Und lauschte.
„Seltsamer Traum.“ Aber warum lag ich nicht in meinem Bett und wo war ich überhaupt? Bleierne Müdigkeit blockierte vernünftige Informationen aus dem Gehirn. Die Augen ließen sich auch nur widerspenstig öffnen. „Aha.“ Der schräge Blickwinkel offenbarte, dass ich mit Kopf und Armen auf dem Küchentisch lag, folglich über dem Buch eingeschlafen sein musste. So etwas passierte mir sonst nie. „Und dieser Traum über Licht und Finsternis und ihren Kampf gegeneinander seit Anbeginn der Welt. Purer Fantasy-Stoff, darüber ließe sich glatt ein ganzes Bu…“ Ich erstarrte mitsamt meinem Gedankengang und weigerte mich, das Szenario in der Küche zur Kenntnis zu nehmen. Unmöglich, dies musste immer noch ein Traum sein. Draußen herrschte tiefe Nacht, hier drinnen brannte keine Lampe, aber um mich herum war Licht. „Der Mond, natürlich!“ Erleichtert über die simple Erklärung suchte ich den Nachthimmel ab. Kein Mond. „Ich träume, ganz einfach. Und wenn nicht? Dann drehe ich jetzt ein klein wenig durch.“
„Es ist wahr.“
Hatte ich das gedacht?
„Nein.“
„Aufwachen!“
„Du bist erwacht.“
Panik und Angst lieferten sich in Atem raubendem Tempo ein Kopf-an-Kopf-Rennen, brachten den Küchenstuhl zu Fall, ließen erst meine linke Schulter rücksichtslos gegen den Türrahmen krachen, wenige Schritte später das linke Schienbein gegen die Bettkante. Mit kindlicher Naivität sprang ich ins Bett und riss mir die Bettdecke bis über den Kopf. Dann flossen die Tränen. Erst zaghaft, bis schließlich verzweifeltes Schluchzen meinen ganzen Körper schüttelte.
Irgendwann war alles Elend dieser Welt, insbesondere das meinige, hinaus gespült und ich schlief ein. Den Strahl weißen Lichts, gekommen, um über mich zu wachen, verpasste ich.
Dröhnende Kopfschmerzen begrüßten mich am sehr späten Vormittag. „Welcher Tag ist heute?“ Wochentage, Geburtstage, Telefonnummern oder Adressen? Komplett unterhalb meiner Aufmerksamkeitsschwelle angesiedelt. Tatsächlich gehörte ich zu jenen bemitleidenswerten Kandidaten, die ihre Geheimzahlen in der Geldbörse aufbewahren mussten.
Übellaunig kletterte ich aus dem Bett, um gewohnheitsgemäß erst Tee zu kochen. Danach schlurfte ich ins Bad. Mein Spiegelbild präsentierte dick verquollene Augen. Eine saftige Ohrfeige hätte mein Erinnerungsvermögen kaum effektiver wachrütteln können. „Ganz ruhig, tief durchatmen. Ich bin keineswegs verrückt, sondern eine ganz normale Durchschnittsfrau im Durchschnittsalter mit Durchschnittsgewicht, die vorzugsweise Jeans, Baumwollpullover und bequeme Schuhe trägt.“ „Lenk jetzt nicht vom Thema ab“, protestierte mein Alter Ego. Ratlosigkeit schwappte heran. Diese träge, anspruchslose Empfindung vermittelte mir aus welchem Grund auch immer das sichere Gefühl, mit den nackten Füßen fest auf den kalten Fliesen zu stehen. Und wie lange, verdammt noch mal, wollte ich das Summen in meinem Kopf ignorieren?
„Was nun eigentlich, Summen oder Singen?“ Vorsichtig hörte ich genauer hin. Sphärisch schön, oh, aber unterirdisch schwer zu beschreiben. Das mag dieser klägliche Versuch verdeutlichen: Wie Polarleuchten über dem samtroten Sonnenuntergang der Karibik, begleitet von Kaskaden silbriger Sternschnuppen. Eine sanfte, vielschichtige, wärmende Harmonie, zugleich traurige, sehnsüchtige Frauenstimmen. Eindeutig nicht von dieser Welt. „Höre ich Worte?“ Ganz gewiss erst in dem Moment, da sich die Frage in meinem Kopf formulierte.
„Lilia, fürchte dich nicht.“
„Häh? Wieso Lilia? Wer bitte schön ist Lilia?“ Also doch Stoff aus irgendeinem Spielfilm. Obwohl „fürchte dich nicht“ mehr nach einem Psalm klang. Ja, im Analysieren war ich schon immer unschlagbar.
„Du bist Lilia, Lilia Joerdis van Luzien.“
„Nein, nein und nochmals nein!“, motzte ich mein Spiegelbild an. „Und ganz sicher werde ich niemals, ich betone, niemals wahnsinnig. Keine Fälle in der ausgestorbenen Familie bekannt. Basta!“
Fies kommentierte mein Alter Ego: „Deine Mutter war aber ziemlich wahnsinnig. Vergessen?“
„Schnauze halten im Hinterhirn!“
Die Wirkung meines Wutausbruchs glich einem zerschnittenen Band. „Gut so, Ruhe im Karton, Thema erledigt.“ Ganz bewusst richtete ich meine volle Aufmerksamkeit auf stupides Zähneputzen, Waschen und Anziehen.
Energisch betrat ich die Küche und klappte das Buch so zu, dass die Rückseite oben zu liegen kam. Schwacher Widerwille regte sich dagegen, weshalb ich genervt die aufgefüllte Teetasse ergriff und schleunigst ins Wohnzimmer verschwand. Plan A musste her, kurz und schmerzlos. „Also: Den Kopf bei einem Spaziergang zu Joschs Antiquariat gründlich durchpusten lassen, das Buch zurückgeben. Fertig.“ Samstags schloss Josch meist gegen 16 Uhr ab, mithin war noch reichlich Zeit. „Heute ist doch Samstag, oder?“ Ich ging in die Küche, um die Tasse aufzufüllen, und warf dabei einen Blick auf den Wandkalender. „Sonntag. Dann eben bloß der Spaziergang“, seufzte ich leise. Ein leichtes Unbehagen im Gefühlszentrum namens Bauch begann sich hartnäckig festzusetzen.
Frostige Kälte schlug mir ins Gesicht. Ziellos ließ ich mich durch die nahen Straßen treiben – und stand höchstens fünfzehn Minuten später wieder vor meiner Wohnungstür. Schlecht. „Ach was, mit mehr Tee, Frühstück und gutem Willen lässt sich jedes Problem lösen.“ Nüchtern betrachtet schmorte ich zu sehr im eigenen Saft und das hatte offensichtlich meine Nerven überreizt. Als ein von Natur aus eher ängstlicher, introvertierter Typ zeigte ich wenig Vorliebe für zwischenmenschliche Kontakte. Stundenlange Spaziergänge durch einsame Wälder oder entlang möglichst menschenleerer Küsten, klassische Musik und dicke Schmöker, sie entsprachen in meinen Augen grenzenlosem Freizeitglück. „Könntest du endlich mal zum Thema kommen?“, verlangte mein Alter Ego. „Das Buch?“ „Richtig.“ „Der Gesang?“ „Korrekt.“ „Das Licht?“ „Und so. Also tritt dich mal in deinen nicht mehr ganz so hübschen Hintern“, zeterte die Meckerecke vom Dienst.
Ungebeten bekam ich sphärische Unterstützung.
„Lilia, bitte hilf uns. Lies das Buch.“
Hatte ich doch schon, zumindest einen kleinen Teil davon. „Oder?“ Seltsamerweise wollte sich keine greifbare Erinnerung an den gelesenen Abschnitt einstellen. Mehr ein Gefühl von Bedrohung, Kampf und Verlust.
Mit jeder verstreichenden Minute schwoll der Sog des Buches an. Er war um ein Vielfaches stärker als jeder nervenaufreibende Thriller, bei dem man mitten im Showdown gezwungen wurde, ihn aus der Hand zu legen. Folgerichtig schaltete ich mechanisch die Esstischlampe ein und setzte mich abermals an den Küchentisch.
Auf seiner safranfarbenen Vorderseite starrten mich Hieroglyphen an. Zugegeben, augenblicklich breitete sich Enttäuschung in mir aus. Hartnäckig starrte ich zurück. Sie begannen ihren flirrenden Tanz. „Das Licht kann ohne Schatten nicht sein“ erschien vor meinen Augen. Enttäuschend unspektakulär, der Buchtitel, regelrecht banal. „Obwohl, eine alte, häufig benutzte Redewendung lautet doch: Wo Licht ist, da ist auch Schatten.“ Grübelnd griff ich nach meiner Tasse. „Wie geht noch gleich der andere Spruch?“, murmelte ich leise. „Gut und Böse liegen oft eng beieinander?“
„Lies das Buch, du wirst Antworten finden“, schmeichelten die Stimmen.
Allerdings war ich mir gar keiner gestellten Frage bewusst. Stattdessen stiftete ihr heikles Gequatsche meinen Dickschädel um Haaresbreite dazu an, ihr Buch aus dem Fenster zu pfeffern. Das schimpft sich geistige Selbstverteidigung.
„Das Licht kann ohne Schatten nicht sein“, Teil I:
Zu Anbeginn der Zeit gebar das Universum Zwillinge, das Licht und die Finsternis. Obwohl grundverschieden, verstanden die beiden einander gut. Doch als sie älter wurden, beanspruchte ein Jedes immer mehr Raum für sich. Sie drängelten und suchten, noch freundschaftlich, bis sie in die hintersten Winkel des Universums vorgedrungen waren. Derart mächtig und groß geworden, breitete sich nun Langeweile bei ihnen aus. Bald schon nahmen die Zwillinge getrennte Wege. Während das Licht mit den Sternen spielte, brütete die Finsternis übellaunig vor sich hin.
Ein Stern hatte es dem Licht besonders angetan, dort lebten Wesen in vielerlei Arten. Gerne wollte es diesen einen Stern für sich allein besitzen. So verdrängte es heimlich die Schatten der Finsternis von dort.
Grausam waren die Folgen! Das Wasser verdampfte, die Luft glühte, die Wesen litten schlimme Qualen und viele starben. Das Licht wich voller Entsetzen, Trauer und Scham zurück.
Der Finsternis war das heimliche Treiben beileibe nicht entgangen und das grausige Ergebnis verschaffte ihr große Genugtuung. Mit Macht breitete sie sich nun allein über den Stern aus.
Aber genau wie das Licht musste die Finsternis erfahren, dass der Stern unter ihrer Allmacht starb. Sie beobachtete das elendige Siechen mit unverhohlener Neugier. Endlich flehte ihr Lichtzwilling, dem Leid gemeinsam ein Ende zu bereiten. Die Finsternis gab nach.
Nun aber herrschte Misstrauen zwischen den Zwillingen, weshalb die Finsternis den kalten Mond um ewige Wacht bat. Das Licht hingegen wählte die wärmende Sonne mit ihren goldenen Strahlen.
Zwar gab sich die Finsternis fortan versöhnlich, schmiedete jedoch insgeheim Pläne. Es dürstete sie nach Vergeltung. Der Menschenseelen auf dem Stern wollte sich die Finsternis bemächtigen, jener einzigen Wesen, die ihr mit großer Furcht begegneten.
Obwohl das Licht dieses schreckliche Geheimnis gewahrte, zögerte es lange. Hatten doch die menschlichen Geschöpfe zuerst das Licht fürchten gelernt. Grausam wurden die Menschen in den brutalen Bann der Finsternis gezogen. Sie hetzten sich gegeneinander auf und führten Kriege. Denn Neid und Missgunst, Hass und Selbstsucht, Wut und Mordgelüste vergifteten ihre Herzen.
Da das Licht aus falscher Scham nichts dagegen unternahm, sprachen andere Sterne bekümmert zu ihm: „Wir wollen dir Sternelben geben, sie sollen die Menschen mit neuer Hoffnung und Freude erfüllen.“
„Bloß ein Märchen, unzählige Male in hundert verschiedenen Varianten erzählt. Was für eine Enttäuschung.“ Ich gähnte herzhaft.
„Lilia, das ist kein Märchen.“
„Na ja, Gut und Böse existieren natürlich wirklich. Und weil sich Menschen nun mal vor der Dunkelheit fürchten, verkörpert sie immer das Böse, logisch.“
„Sekunde mal“, stutzte ich. „Kleine Denkpause einlegen. Also dieser Chor in meinem Kopf, soll ich mich mit dem ernsthaft unterhalten? Ich könnte versuchen ihn auszutricksen, quasi den OFF-Knopf suchen.“ So wie ich manchmal gerne eine Fernbedienung für die nervende Dudelei in diversen Geschäften hätte. Oder sollte ich vielleicht mal im Lexikon unter dem Stichwort „Schizophrenie“ nachlesen? „Übertreib nicht.“ Dann also die hohe Schule der Konversation? Umgehend brach ein kämpferischer Schlagabtausch zwischen Kopf und Bauch los, den mein Hirn knapp für sich entschied. Tiefem Luft holen folgte ein trotzig gedachtes „Hallo“.
„Wir grüßen dich, Lilia.“
Unsortiert sprudelte ich los: „Warum nennt ihr mich Lilia und wer seid ihr und was wollt ihr in meinem Kopf und was hat es überhaupt mit dem Buch auf sich und das Licht habe ich das geträumt und – okay, so wohl eher nicht. Tschuldigung.“
„Keine Ursache.“
Aber anstatt noch einmal in Ruhe von vorne zu beginnen, führte die nervöse Zappeligkeit meines Denkorgans zu der restlos durchgeknallten Frage: „Könntet ihr etwas für mich tun?“
„Was immer du möchtest.“
„Schön, reich, gesund und berühmt sein! Nein, das Berühmtsein wieder streichen“, platzte es einfach dümmlich aus mir heraus. Purer, entlarvender Egoismus. Kein Weltfriede? Ende der Hungersnöte? Glück für jedermann auf Erden? Gedacht war gedacht, außerdem musste die ganze Geschichte möglichst schnell für mich überprüfbar sein. Schließlich pendelte mein Verstand ultimativ zwischen Klapse und Delirium. Diese ziemlich dürftige Rechtfertigung versetzte meinem Selbstwertgefühl einen deutlichen Knacks. Auf jeden Fall aber müsste sich schnellstens, wie ich hoffte, die Stunde der Wahrheit nähern. Nämlich der große Showdown mit dem Off-Knopf. Himmel, war ich damals naiv!
Montag, 7 Uhr. Dachte ich. Gähnend schleifte ich mich durch das morgenmuffelige Pflichtprogramm von der Küche ins Bad. Gut für die Nachbarn, dass der gellende Schrei von meiner eigenen Kehle erwürgt wurde. Auslöser: mein Spiegelbild – oder wessen? Zu Tode erschreckt wagte ich dennoch einen Blick hinter mich. Da stand niemand. Immerhin, ich fiel nicht in Ohnmacht. Was hätte das auch genützt? Aber mein Gehirn ratterte los wie ein PC beim Virencheck. „Schlafe ich? Träume ich? Spinne ich?“
„Guten Morgen, Lilia.“
„Bin, bin ich das?"
„Gefällt es dir?“
„Oh, äh, na ja, also ...“ Stammeln, mal ganz was Neues.
„Wir haben dir sämtliche Wünsche erfüllt.“
Dann wussten sie mehr über mich als ich selbst. Zeit für eine Bestandsaufnahme. „Na los, guck hin, ist doch sowieso nur ein Traum.“ Tiefblaue Augen, in denen sich eine Kakophonie widersprüchlicher Empfindungen spiegelte, blickten mir aus einem jungen, irgendwie zeitlosen Gesicht entgegen. Das engelhafte Mädel mochte höchstens 20 Jahre alt sein. Goldenes, gelocktes Haar fiel über schmale Schultern. Und da hatte ich geglaubt, ein Look à la Barbie wäre out. „Was, bitteschön, spricht denn gegen meine haselnussbraunen Haare?“ Trotzdem zog ich meinen Pyjama aus und schaute erwartungsvoll an mir hinunter. Um es klar zu betonen, in Erwartung meines eigenen Körpers. Will sagen, nicht mehr ganz straff, ein wenig Hüftgold, mit Muttermalen, Narben und sonstigen Spuren auf der Haut, die das echte Leben mit sich brachte. Stattdessen: Makellose, samtweiche Haut, eine traumhafte Taille, und … genug, Neid zu provozieren lag mir schon immer fern. Da huschte ein klitzekleiner, abscheulicher Gedanke heran. „Im Märchen hätte der Spiegel jetzt doch sagen müssen: Du bist die Schönste im ganzen Land.“ Augenblicklich stieg mir Schamesröte ins Gesicht. „Dies ist kein Märchen und du tätest gut daran, wieder kalte Fliesen unter deine süßen Füßchen zu bekommen“, appellierte ich streng an meine Moral. „Süße Füßchen? Geht’s noch?“, echote mein Alter Ego.
Die nüchterne Realität holte mich eine Minute später wieder ein, nur völlig anders als gedacht. Slip, T-Shirt, Hose, Pullover, alles schlabberte und rutschte an „mir“ herum. Die erste Tasse extra starker Tee war eindeutig überfällig.
Tränen tropften in die Teetasse, während zu viele Gedanken und unzählige Fragen durch meinen Kopf schossen. „Das ergibt alles keinen Sinn. Wie da wieder rauskommen? Alltag, geh einfach zum Alltag über. Konzentriere dich auf diejenigen Dinge, die normalerweise montags um 7.30 Uhr anstehen.“
„Lilia, heute ist Samstag.“
„Nein!“, bockte ich. Heute musste ganz eindeutig Montag sein.
„Du hast lange geschlafen.“
„Ich gehe jetzt zum Bäcker, wie immer montags.“
Drückte dieser Summsingsang etwa Stimmungen oder Gefühle aus? „Später – wenn überhaupt. Ab zum Bäcker, nein, erst einen passenden Gürtel für die Hose finden.“ Angesichts des plötzlichen Bekleidungsnotstands, aber vor allem, weil ich fest auf einen reinigenden Kälteschock für meinen Gedankenkorks setzte, zeigte ich ausnahmsweise Dankbarkeit für den frostigen Wintertag. Vermummung als bekleidungstechnische Notwehr, sozusagen.
Aus dem Buch „Inghean“
Meine Sternschwestern gaben dem Menschenkind wahrhaftig das Antlitz unserer Fürstin. Welch peinigender Schmerz.
Die Verkäuferin lächelte mich an. „Guten Morgen. Was darf es Schönes für Sie sein?“
Kaum zu glauben! Dieselbe olle, mürrische Verkäuferin, die niemals meinen Gruß erwiderte, nie die Zähne so weit auseinander bekam, um nach den Kundenwünschen zu fragen, und schon gar niemals ein „Tschüs“ über ihre harten Lippen brachte? Die konnte lächeln und sprechen? Im Augenwinkel registrierte ich den beunruhigenden Umstand, dass alle Leute in der Bäckerei mich lächelnd anschauten. „Oh nein, schneller Selbstcheck. Schlafanzug noch an? Nein. Puschen? Auch nicht. Zahncreme oder Seifenreste im Gesicht? Alles o.k. Meine Haare nicht gekämmt? Unsinn, wir sind hier in Berlin.“
Die Verkäuferin lächelte mich noch immer erwartungsvoll an.
„Reiß dich zusammen.“ Ich schluckte schwer, kratzte den letzten Krümel an Fassung zusammen. „Ein, nein, zwei Schoko-Croissants“, echte Nervennahrung musste her, „und zwei Sonnenblumenbrötchen, bitte“.
Selten hatte ich solchen Drang, um aus dem Laden zu stürmen und noch auf dem Gehweg das erste Croissant in mich hineinzustopfen.
Damit begann die Turbolektion, wie mittels elbischer Magie aus einer unauffälligen Raupenfrau in Nullkommanix ein neues Wesen hervorschlüpfte. Es rührte die Herzen der Menschen und weckte ihr Urvertrauen. Schwarze Seelen ausgenommen, versteht sich.
Die Redewendung „zittern wie Espenlaub“ passte perfekt, galt nur leider keineswegs dem Frost. Inzwischen saß ich am Küchentisch und beträufelte das zweite Croissant mit Salztropfen. „Alltägliches tun, erinnere dich an deinen Vorsatz. Mach weiter. Reiß dich zusammen.“ „Das krönende Motto des Tages?“, spottete mein Alter Ego dazwischen. „Du gehst jetzt ins Einkaufcenter und kaufst passende Klamotten.“ „In welchen Größen?“, lästerte es genüsslich. Besser hätte ich mir von den Stimmen zuallererst eine gehörige Portion mehr Mut gewünscht. Zu spät, ab sofort zahlte ich Lehrgeld.
Volle drei Runden stapfte ich gesenkten Hauptes um den ausladenden Gebäudekomplex herum, in dem sich das Einkaufscenter befand. Zuletzt fühlte ich mich wie eine tiefgekühlte Flunder an. „Schluss damit, bring die Sache hinter dich.“ Durch die Drehtür begleitete mich die panische Vorstellung, als Schlafwandlerin mitten im Shoppingrummel aufzuwachen.
Kein Traum konnte so lange andauern, da war ich mir völlig, beinahe, ungefähr sicher. Umgezogen in Größe 34 Outfit hockte ich auf der Couch. Da kam ich auf die alberne Idee, sicherheitshalber in meinen Arm zu kneifen. „Tut weh. Gut.“ „Noch mehr solcher, oder eher besserer Ideen auf Lager?“, fragte das Alter Ego süffisant. Der Alltagstest hatte sich jedenfalls als grandioser Flopp erwiesen. „Aber das Summen ist fort!“ Wenn ich es recht bedachte, schon seit geraumer Zeit. „Besser.“ „Sicher? Da wären noch etliche Fragen offen.“ „Oh nein, bitte nicht.“ „Komm schon, gib zu, dass du ein klitzekleines bisschen neugierig bist.“ „Wie wäre es stattdessen mit etwas geistlos Praktischem, beispielsweise samstäglichem Putzen, Bügeln, Staubsaugen?“ „Du kneifst!“ „Und du nervst!“
Der interne Zoff endete mit dem Kompromiss, weiter in dem magischen Buch zu lesen. Es spukte ohnehin pausenlos im meinem Hinterkopf herum. Und angeblich war ja schon wieder Wochenende!
So einfach ging ich dem Zauber dieser märchenhaften Geschichte auf den Leim. Die Sternelben wussten ganz genau: Mindestens meine halbe Welt, und zwar die wichtigere Hälfte, bestand von Kindesbeinen an aus Fantasie.
„Das Licht kann ohne Schatten nicht sein“, Teil II:
Die Sternelben trugen das Licht zurück in viele Menschenseelen. So gewahrten die Erdbewohner den Unterschied zwischen Gut und Böse. Doch manche Seele blieb schwarz, manche beherbergte sowohl Licht als auch Schatten, andere wiederum waren von reinem Leuchten erfüllt. Den Sternelben aber gefiel es unter Menschen, Tieren und Pflanzen. Besonders die Blumen hatten es ihnen angetan. So verweilten etliche auf der Erde.
Zwischen den Zwillingen herrschte abermals das alte Gleichgewicht. Indes, die Finsternis gab keinen Frieden, sie missbilligte die Sternelben, fühlte sich, obwohl zu Unrecht, neuerlich hintergangen. Da flüsterte ihr der Mond zu, er könne Geschöpfe nach ihrem Geschmack erschaffen und unter die Menschen geleiten.
Bald schon krochen nachts üble Schattenwesen umher. Die meisten Menschen flohen voller Entsetzen vor ihnen und nannten sie fortan Dämonen. Die grausamen Geschöpfe der Nacht lechzten auch nach den Sternelben, konnten jedoch im Licht der Sonne nicht bestehen. Nacht für Nacht flüchteten die Sternelben vor den Dämonen in die hell erleuchteten Häuser guter Menschen. Und bedankten sich mit vielerlei Diensten für den sicheren Unterschlupf.
Die Finsternis grollte über das Versagen ihrer Diener und brütete einen neuen Plan aus. Dann befahl sie dem Dämonfürsten, das elbische Sternsilber zu stehlen. So kam es zum Krieg zwischen Sternelben und Dämonen. Mit magischen Blitzen und Feuern bekämpften sie einander im Zwielicht jahrelang. Unzählige kamen um, bevor der listige Diebstahl des machtvollen Elbenschatzes gelang. Ohne das Sternsilber jedoch waren die letzten Sternelben für alle Zeit an die Erde gebunden.
Auch bei den Menschen zeigte der Krieg schlimme Folgen. Viele erblindeten von den Blitzen oder verloren Hab und Gut durch die Feuer. So erkannten sie die unirdische Macht der Sternelben und fürchteten auch sie. Darüber herrschte große Trauer unter den Sternengeschöpfen. Schließlich verhüllten sie sich als unsichtbare Lichtgestalten. Seither wachen sie im Verborgenen über die Erde.
Ohne groß nachzudenken formulierte sich eine Frage in meinem Kopf. „Muss es nicht Dämonen und Engel heißen?“
„Du sprichst wahr, so wurden die Elben später von den Menschen genannt. Weißt du um das Wirken der Mönche in früher Zeit?“
„Ja, die Schriftkundigen unter ihnen stellten Kopien her, so blieb das Wissen über die Jahrhunderte erhalten.“
„Richtig. Doch nach den großen Kriegen existierte nur mehr eine einzige alte Abschrift über die Geschichte der Elben. Als in späterer Zeit davon eine Übersetzung angefertigt werden sollte, entzifferte der Mönch äußerst mühsam die kaum mehr lesbaren Schriftzeichen. Aus Elben machte er Engel und noch manch anderen Fehler. Bald darauf zerfiel die alte Schriftrolle zu Staub.“
„Tja, wenn banale kleine Dinge die Welt verändern. Und die Flügel?“
„Was meinst du, Lilia?“
„Hatten die Engel-Elben wirklich Flügel?“
„Nein, sie haben keine.“
Richtig, hätte ich an dieser Stelle ordentlich hingehört, dann wäre postwendend die Frage fällig gewesen: Wieso haben?
Von Natur aus mit genügend Intelligenz und einigem Geschick ausgestattet, nützten mir diese Fähigkeiten im Alltagsgeschäft herzlich wenig. Insbesondere beim Kontakt mit Fremden ging grundsätzlich jede Menge schief. Logisches Denken verabschiedete sich ebenso wie konzentriertes Zuhören oder eine sichere Hand. Umkippende Gläser, das Stammeln halber Sätze und darüber vergessend, was ich wollte, kein einziges Manko wurde im Laufe meines Erwachsenenlebens besser. Es machte mich menschenscheu. Manches Mal wünschte ich, anders geraten zu sein.
„Wir kennen deine Schwächen und wir kennen deine Stärken.“
„Meine einzige Stärke ist die Fähigkeit, komplett in einem Buch zu versinken“, seufzte ich.
„Wie möchtest du sein, Lilia?“, fragten sie ganz beiläufig. Eine rein rhetorische Frage, denn sie wussten präzise, wie sie mich haben wollten.
„Ein gutes Herz …“
„Du hast ein gutes Herz.“
„und ein liebenswertes Wesen sein …“
„Das bist du.“
Prompt keimten Zweifel in mir auf. Und die Frage, wie ich sein wollte, entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als ziemlich schwierig. Beispielsweise wusste ich viel, zu viel, über Menschen, die mir begegneten. Ihre Gesichter präsentierten sich mir als offene Bücher ihrer Emotionen, ihres Charakters und so mancher Gedanken. Zwangsläufig empfand ich es als schlimme Belastung, ständig solch Übermaß an ungebetenen Einblicken aufzunehmen. Eine halbe Stunde in der vollen S-Bahn konnte mir ernsthaft den gesamten Tag versauen.
Nach reiflichem Nachdenken gab ich mich kopfschüttelnd geschlagen. „Ich bin nun mal ich!“ Plötzlich schoss durch meinen Kopf die alles entscheidende, hartnäckig abgeblockte Frage: „Was wollen sie von mir?“ Seltsamerweise überfiel mich bleierne Müdigkeit. „Morgen reicht ja wohl auch noch dafür.“
Weit nach Mitternacht wankte ich ins Schlafzimmer.
„Lilia, lass die Vorhänge offen, damit wir wachen können.“
„Wieso wachen?“ Langsam entwickelte ich mich zur Quizkönigin der unbeantworteten Fragen.
Ein herrlicher Tag! Dick eingepackt genoss ich die Sonne bei einem ausgiebigen Spaziergang an der Spree. Träge trieben Eisschollen den Fluss hinunter. Nachdenklich ließ ich die Ereignisse der letzten Tage en detail Revue passieren. Mein Gehirn hatte die körperliche Verwandlung, ehrlich betrachtet, weder verdaut noch akzeptiert. Vor dem Badspiegel wütete regelmäßig das Ignorantentum. „Verfluchte Wünsche!“ Verdrossen stürzte ich mich auf das Auge des Wirbelsturms, die unheimlichen „internen“ Gesänge. „Nein, ach nein, der Brocken ist eindeutig zu groß.“ Mit fest umklammerter Gedankenbremse blockte ich den Angriff des riesigen Fragengeschwaders ab. „Plan B, bitte.“ Vielleicht ließen sich nachher im Internet ein paar hilfreiche Informationen über Elben recherchieren. Prompt motzte mein Alter Ego: „Sicher doch, immer hübsch vom Thema ablenken.“ „Gar nicht wahr, in Geschichte bin ich schon immer eine Niete gewesen. Und über Elben sollte ich besser mehr in Erfahrung bringen.“ „Na gut, gewonnen – vorerst.“
Endlich bemerkte ich es. „Wieso ist es dermaßen still in meinem Kopf?“ Anscheinend hörte ich die Geistgäste ausschließlich in meiner Wohnung. Hieß das etwa, wenn ich das magische Buch beseitigte, würde ich in meinem alten Leben aufwachen? Wollte ich das? Kläglich leise Ja-Rufe scheiterten gnadenlos am Nein-Orchester aus der Neugierzone.
Zurück daheim, suchte ich Literatur über Elben. Neben zahllosen, erwartbaren Treffern bei Sagen, Märchen und Fantasy existierten kaum Einträge zu wissenschaftlichen Abhandlungen.
Die wenigen Sachbücher wollte ich gerade bestellen, als sie Einspruch erhoben.
„Dort wirst du keine Weisheiten finden.“
„Was erwartet ihr von mir?“ Das hatte ich in diesem Augenblick doch ganz bestimmt nicht wirklich gefragt, oder? Und ob!
Ihr sprachloses Singen klang beinahe schüchtern. Ich wartete. Die Zeit schlich laut meinem Bauchgefühl in Zeitlupe dahin, während mein realer Magen unbekümmert Übelkeit produzierte.
„Lilia, deine Urmutter war eine Elbenfrau“, stimmten sie ihren Gesang an.
„Aber meine Mutter war eine Drachenhexe“, warf ich ohne Nachdenken dazwischen.
„Wohl wahr! Sie tat berechnend Böses, um dich zu verderben.“
„Ja, sie brachte mir nichts als Neid, Kälte und Hass entgegen.“ Alte, tief vergrabene Wunden platzten in mir auf. Krampfhaft klammerte ich mich gedanklich an die dubiose Elbenfrau im Stammbaum. Kein Stück einfacher.
„Möchtest du mehr erfahren?“
„Mach schon, gib dir einen Ruck. Ja!“
„Kennst du die Kirche Santa Christiana in der Krongasse?“
„Äh, nein. Wieso?“ Meine Verwirrung war komplett.
„Bitte begib dich dorthin.“
Kapitel 2
Mit Hilfe eines zerfledderten Stadtplans, S-Bahn und Bus gelangte ich fast bis vor die Tür von Santa Christiana. Vielleicht sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass ich zwar eine Niete in Geschichte war, dennoch alte Gemäuer innig liebte. Ganz einfach, weil Schlösser, Speicher, Wohnhäuser, Kirchen oder andere erhaltene Bauwerke mit etwas Fantasie greifbare Geschichten erzählten.
Santa Christiana lag, teils umrahmt von hohen Pappeln, etwas zurückversetzt. Davor befanden sich Parkplätze, nebenan das Pfarrhaus. Zwar erwartete ich keinen Dom, aber auch keine fast winzige, spätgotische Kirche mit schlichten Glasfenstern. „Wie alt mag sie sein, vierzehntes Jahrhundert?“
Entschlossen ging ich zur Eingangstür und drückte die Klinke herunter. „Offen, prima.“ Dämmriges Licht herrschte im Innern. Meine Augen brauchten einen Moment, bis sich links der Kirchenraum und rechts der Altarraum herausschälten. Die Orgel vermittelte bei meinem Rundgang einen ziemlich mitgenommenen Eindruck, wie überhaupt die gesamte Einrichtung. Abgewetzte Bänke, verstaubte Holzskulpturen und rissige Gemälde boten ein Bild der Verwahrlosung.
„Was jetzt? Hallo, ich bin da!“ Wenn das jetzt nicht völlig durchgeknallt war, was dann?
Durch das Fenster, welches der linken Hälfte des Altarraums etwas Tageslicht spendete, fiel ein Sonnenstrahl hinein. „Nein“, meldete sich mein Verstand, „unmöglich um diese Uhrzeit“. Behutsam trat ich näher. Das Licht fiel in einem Kegel genau auf jene zwei Stufen, die den Altar umgaben.
„Lilia!“
Heftig erschrocken fuhr ich zusammen. Warum erschallten sie plötzlich in dröhnendem Dolby Surround?
„Weil dies ein uralter, heiliger Ort ist, wie ihr Menschen es nennt. Bitte setz dich.“
„In das Licht?“
„Bitte.“
Wäre es um einen stockdunklen Flecken gegangen, hätte ich mich glatt geweigert. So aber setzte ich mich mutig auf die oberste Stufe. Sehr grelles, weißes Leuchten. Meine Augen bereits zugekniffen, spürte ich sogleich ein leichtes Kribbeln auf meiner Haut.
„Seid ihr Heilige?“, fragte ich mangels gescheiter Ideen, obwohl ich deren Existenz stark anzweifelte.
„Wir sind Sternelben, die Gesandten des Lichts.“
Normalerweise würde jedes Gehirn diese Information unverdaut wieder ausspucken. Wohl infolge der bisherigen Erlebnisse verweigerten meine grauen Zellen keineswegs die Annahme ihrer ungeheuerlichen Behauptung.
„Du machst Fortschritte, Lilia.“
„Warum nennt ihr mich so?“
„Lilie und Elischeba, äußere Schönheit und innere Vollkommenheit, spiegeln sich in deinem Namen.“
„Schönheit und Vollkommenheit – ich? Absurd!“
Die Sängerinnen gingen über meinen Einwurf hinweg. „So wurde es prophezeit: Das Böse gebiert ein Lichtkind. Dieses Kind wird erwachen, bevor die Finsternis abermals alle Menschen verschlingt.“
„Aber woher wollt ihr wissen, dass ich damit gemeint bin? Außerdem heiße ich doch ganz anders“, beharrte ich hilflos.
Sie antworteten mit schwellendem Gesang: „Nur, weil sich deine Mutter dem Licht verweigerte!“
„Lasst sie verdammt nochmal aus dem Spiel! Niemand hat das Recht, meine Vergangenheit aufzuwühlen! Niemand!“, brüllte ich, dass es im Kirchenraum widerhallte. Darüber heftig erschrocken, kauerte ich mich zusammen und hielt den Atem an.
Meine Giftmischerin von Mutter war auf dem Höhepunkt ihrer höllischen Karriere aufgeflogen und der Polizei umstandslos durch Selbstmord entwischt. Diese einmalige Chance hatte ich, obwohl noch minderjährig, genutzt, um spurlos in Berlin unterzutauchen.
Die Ignorantin in mir, immer den drohenden Wahnsinn im Visier, siegte nach langen Minuten des Schweigens. Keinerlei Nachfragen an die Stimmen zu Prophezeiung und Finsternis. Stattdessen abrupter Themenwechsel, alles auf Anfang. „Diese Kirche, warum ist sie wichtig für euch?“
„An diesem Ort opfern und verehren Menschen seit Urzeiten. Es begann mit einer Kultstätte für die Sonne, später folgten Tempel für verschiedene Gottheiten. Schließlich eroberte das Christentum den Platz. Selbst diese Kirche ist nicht die erste, an ihrer Stelle stand vormals eine Kapelle. Nur hier währt schwach der reine Urglauben an das Gute, genährt von unzähligen Menschengenerationen über Jahrtausende hindurch. Deshalb können wir dir nah sein.“
Amüsiert registrierte ich erstmals den sprachlichen Mischmasch aus teils antiquierten, teils modernen Wörtern.
„Wir lernen genauso wie du.“
„Was soll ich lernen?“
„Zunächst einmal müssen sich deine Eigenschaften und Fähigkeiten voll entfalten, bevor du lernst, sie zu gebrauchen.“
Obschon keinen Plan, wovon genau sie da summten, entgegnete ich lapidar: „Das ist alles?“
„Unterschätze die Aufgabe nicht.“
„Ich habe so viele Fragen!“
„Genug für heute, Lilia. Du musst dich sputen, die Dunkelheit naht.“
„Och, die Nacht macht mir keine Angst.“
Komisch, sie summten wirr.
Den Heimweg verbrachte ich traumduselig, bis mein Alter Ego loslegte: „Aber klar doch, typisches Erzählmuster von Fantasystories. Irgendwann taucht irgendwo ein unscheinbares Persönchen auf, in dem sich aus unerfindlichen Gründen ein mysteriöses Erbe verbirgt. Tse! Könntest du dir eventuell mal ins Gedächtnis rufen, dass außerhalb von Büchern eine stinknormale Realität existiert?!“
Der Besuch in Santa Christiana hatte selbstverständlich von Anfang an einen tieferen Sinn für die Sternelben gehabt. Nebenbei versuchten sie, meinen Charakter insgeheim nach ihren Plänen zu formen. Dass solche Veränderungen durchaus unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen könnten, ging ihnen erst reichlich spät auf.
Tatsächlich Montag. Der Wecker piepte unerbittlich. „Ich muss arbeiten“, war der erste Gedanke.
„Guten Morgen, Lilia. Du wirst nie mehr arbeiten“, säuselten die Sternelben.
„Aber … Wieso das?“
„Nach deinem Tee mehr.“ Das klang fast wie amüsiertes Lachen.
So rasch der Morgenmuffel in mir es erlaubte, brachte ich Tee kochen und Badbesuch über die Bühne. Noch knurrig nach der Barbiepflege, setzte ich mich an den Küchentisch.
„Bitte geh an deinen Schreibtisch.“
„Okay.“ Vorsichtig die Tasse balancierend, durchquerte ich das Wohnzimmer und blieb vor dem Schreibtisch stehen.
„Schau dir deine Papiere an.“
Die Kontoauszüge hatte ich bei meinem Horrortrip ins Einkaufscenter noch gezogen, wie immer unbesehen eingesteckt und hier mitsamt den Kassenzetteln hingeworfen. „Was soll das werden?“ Hektisch wühlte ich im Durcheinander.
„Fünf Millionen Euro! Aber, woher?“
„Ein Präsent für dich.“
„Natürlich, ein Wunsch lautete ja, reich zu sein“, erinnerte ich mich unbehaglich. Solch eine aberwitzige Summe schien mir nun das nächste fiese Lehrgeld für Unbedachtheit. „Was soll ich denn mit so viel Geld?“
Auf Sparsamkeit war ich von Kindesbeinen an gedrillt worden. Nie überzog ich das Konto, die luxuriösen Auslagen der Geschäfte ließen mich kalt. Einzige Ausnahme, wie schon erwähnt: gedruckte Bücher. Das Regal im Wohnzimmer nahm eine komplette Wand ein und platzte, wie man so schön sagt, aus allen Nähten. Egal ob Küche, Flur oder Schlafzimmer, überall standen kleinere, volle Regale, dienten selbst Kommoden als Ablageflächen.
„Wir möchten, dass du ein Haus erwirbst.“
Ungläubig stierte ich weiter auf das Papier, dann endlich fiel der nächste Hammer in mein Blickfeld. Kontoinhaberin war Lilia Joerdis van Luzien. „Was habt ihr getan?“, schrie ich in Gedanken. Doch ohne ihre Antwort abzuwarten, schwante mir Ungeheuerliches. „Wo steckt meine Geldbörse?“ Sie lag genau vor meiner Nase. Von dem herausgezogenen Personalausweis guckte mir mein neues Ich entgegen, neuer Name, neues Geburtsdatum.
Feierlich schmetterten sie: „Joerdis van Luzien bedeutet ‚Schwert der Göttin des Lichts‘.“
Mir schwindelte und doch blieb der innere Aufruhr mäßig.
Elin, meine so unbekannte wie unsichtbare Untermieterin, hatte ganze Arbeit geleistet.
Die cleveren Lichtwesen ließen mich das Ganze erst einmal in Ruhe verdauen.
Während sich die Teekanne langsam leerte, dachte ich irgendwann auch über ein Haus nach. Das wollte mir keinesfalls in den Kopf. „Was soll ich allein damit?“
„Dort wirst du Ruhe finden und es ist sicherer.“
„Aber die Gegend hier ist ruhig und sicher. Gerade deswegen entschied ich mich vor einigen Jahren für diese Wohnung.“
„Möchtest du keinen schönen Garten?“
Oh, jetzt packten sie mich beim Schlafittchen, davon träumte ich in der Tat in manchem Sommer.
„Heute findet die Besichtigung statt. Es handelt sich um ein Gartenhaus in der Rosenallee.“
„So schnell schon?“, sendete ich ebenso verzagt wie überrumpelt.
Punkt 14 Uhr klingelte ich an dem herrschaftlichen Vorderhaus. Ein schmucklos klotziges, lang gezogenes Gebäude aus der vorigen Jahrhundertwende, mit schmutzig weißem Anstrich. Offensichtlich war dem Haus jede Liebe zum schmückenden Detail verweigert worden.
„Ihnen scheint mein Haus zu missfallen.“ Der Mann, der nun die Haustür öffnete, hatte mich bereits beobachtet.
„Guten Morgen, ja, Sie haben recht“, gab ich ebenso direkt zurück. „Ich interessiere mich für das Gartenhaus.“ Und hoffte inständig, der auf Anhieb unsympathische Kerl und das Gartenhaus würden mich möglichst flott mit ihrer Schokoseite überraschen.
So unverhohlen skeptisch wie der Eigentümer mich von oben bis unten musterte, standen zumindest in seinem Fall die Chancen dafür schlecht. „Es steht zum Verkauf“, sprach er betont deutlich aus, „für zweieinhalb Millionen“.
Mit einem Kostüm von Chanel statt Jeans und Steppjacke sowie einem hinter mir geparkten BMW, so dämmerte es mir, stünden meine Karten jetzt besser.
Ich lächelte süßlich. „Möchten Sie die Summe in bar, falls mir das Haus zusagt?“
Ah, die Sprache verstand er, ein Grinsen zuckte über sein hartes Gesicht. „Ich hole die Schlüssel.“
Der Knilch bat mich trotz klirrender Kälte nicht hinein. „Idiot!“
Wir gingen einen Kiesweg hinunter, rechts und links mit Buchsbäumchen bepflanzt. Auf der linken Seite erstreckte sich hinter dem Haupthaus ein verschneiter Park. Alte Eichen, Buchen und Nadelbäume reckten ihre Äste weit in den Himmel, dazwischen blitzte eine Eisfläche auf.
„Der Park ist von etwaigen Sommerpartys strikt ausgenommen, das wird im Kaufvertrag festgehalten.“
„Was für ein Fiesling.“ Unser Weg schwenkte leicht nach links und gab den Blick frei auf einen herrlichen Brunnen. „Und was für ein Haus!“ Die Fassade im warmen Ockergelb gestrichen, mit großzügigen weißen Sprossenfenstern, zwei Säulen umrahmten den Hauseingang.
Der Eigentümer schritt die Stufen empor und öffnete neben der doppelflügeligen, weißen Holztür ein eingelassenes Metallkästchen.
„Ich habe das Haus mit dem modernsten Sicherheitssystem ausrüsten lassen. Nur mit der richtigen Zahlenkombination und dem dazu passenden Schlüssel gelangt man hinein.“
Da er dies mit sichtlichem Stolz verkündete, rang ich mir ein „sehr schön“ ab. Heftig fieberte ich nun dem Inneren entgegen.
Die Eingangshalle war beinahe rund, durchbrochen von einer Freitreppe.
„Früher logierten hier die Gäste unserer Familie.“
Zuerst ließ er mich das Gäste-WC besichtigen, dann die traumhaft geräumige Küche. Der Clou war ein nachträglich daran angebauter Wintergarten.
„Mit Fußbodenheizung, wie übrigens im ganzen Haus.“
Im Wohnzimmer, „selbstverständlich mit Kamin“, reichten die Fenster auf der Terrassenseite fast von der Decke bis zum Boden. Ein heller, riesiger Raum mit üppig hohen Stuckdecken. Es würde einige Mühe kosten, dem eine gemütliche Atmosphäre zu geben. „Ganz alleine hier leben?“, ging es mir durch den Kopf, „auf über zweihundertvierzig Quadratmetern?“ Konnte das gutgehen? Ergab das Sinn?
Danach stiegen wir ins Obergeschoss. Rechts führte die erste Tür ab.
„Dahinter befindet sich jetzt eine kleine Gästewohnung, sie liegt über den ehemaligen Ställen“, beschied er mich mit der Stimme eines Zahnarztes, der mit seinem Bohrer vor einem zugekniffenen Mund herumfuchtelt.
Der Mann bereitete mir wachsendes Unbehagen. „Konzentriere dich auf das Haus“, zwang ich meine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung.
Urgemütlich mit ihren Schrägen und Erkern, bestand die Gästewohnung aus einem langen Wohnraum und dem dahinter liegenden Bad.
Zurück auf dem Flur, folgte die Besichtigung weiterer Zimmer mit Bad. Währenddessen textete er mich mit Details aus der Sanierung des Gartenhauses zu, die mich nicht die Bohne interessierten. Er brüstete sich, als wären die Arbeiten von ihm eigenhändig ausgeführt worden. „Wer’s glaubt“, dachte ich und gab trotzdem, fleißig lächelnd, Laute scheinbarer Bewunderung von mir.
Das Sahnehäubchen, sofern es dessen überhaupt noch bedurfte, verbarg eine Wendeltreppe. Flink ergatterte ich den Vortritt, erklomm vorsichtig das Rondell und schritt wenige Sekunden später in einen achteckigen Raum.
„Dort befand sich das Observatorium meines Urgroßvaters“, tönte er von der Treppe.
Wände und Kuppel bestanden komplett aus Glas. „Nachts muss es herrlich sein, hier einfach auf dem Boden zu liegen und in die Sterne zu schauen.“ Schon als Kind konnte ich mich in der Betrachtung des Sternenhimmels verlieren, seine Unendlichkeit schreckte mich nie.
„Hrmmrmmh.“ Dem Räuspern folgte seine drängelnde Ansage: „Sie sollten noch den Keller, die Garagen und die Außenanlage begutachten.“
Während wir gemeinsam das Haus umrundeten, fiel mir eine dezente Hecke auf. Unverblümt fragte ich danach.
„Sie markiert die Grenze Ihres Grundstücks, auf dem Sie selbstverständlich tun und lassen können, was Sie möchten.“
„Meines Grundstücks? Na bitte!“ Selbstbewusst verkündete ich: „Ich kaufe das Gartenhaus.“
Er streckte mir seine Hand entgegen, ich schlug ein.
„Unsere Anwälte regeln dann die Formalitäten.“
„Sag ihm jetzt bloß nicht, dass du gar keinen Anwalt hast.“ „Einverstanden“, gab ich zurück.
Zu der ungestümen Freude über das Haus gesellte sich große Erleichterung, endlich aus dem Dunstkreis des Ekeltypen zu gelangen.
Obwohl erschöpft von meiner Besichtigungstour zuhause angekommen, gönnte ich mir beim mittäglichen Frühstück keine Denkpause. Viel größere Sorge als die Abwicklung des Kaufs bereitete der neue Nachbar in spe. „So ein eiskalter, bornierter Widerling“, schüttelte es mich.
„Darüber mach dir bitte keine Gedanken, das Problem wird in naher Zukunft verschwinden“, brausten sie.
Ausdrücklich wollte ich keinesfalls wissen, wie und warum. „Das Haus ist so groß, nachts werde ich mich dort bestimmt fürchten“, gab ich kleinlaut zu bedenken.
„Was hast du in dem Haus gefühlt?“
Verblüfft ging ich der seltsamen Frage nach. „Der Mann, irgendwie fühlte sich seine Nähe falsch an, dunkel, jede Empfindung in dem Gebäude überschattend.“ Dann dachte ich an das Observatorium. „Ja, ein wunderschöner Moment reinen Glücks!“
„Du wirst in dem Haus glücklich sein, das versprechen wir dir.“
Nicht jedes zukünftige Ereignis steht in den Sternen, wie ich später auf die harte Tour lernen musste.
Ausgeschlafen startete ich in den Dienstag. Langsam wurde mir klar, was mit dem Haus alles auf mich zukam. Umzüge empfand ich, wie wohl viele Menschen, grundsätzlich als Albtraum. Diesmal musste obendrein ein riesiges Haus mitsamt Küche eingerichtet werden. Das klang nach einem Fulltimejob. „Echt ein Segen, keinen Job mehr zu haben.“ Bei diesem Gedanken fiel mir zum ersten Mal auf, dass niemand vorbeikam, anrief oder Emails schickte, niemand mich vermisste. Warum war mir das entgangen? Haltlose Leere kaperte mein Herz, noch bevor mein Verstand harten Gesangsunterricht verpasst bekam.
„Lilia, die Menschen, die du kanntest, gehören der Vergangenheit an.“
Mein Magen begriff schneller als mein Verstand, beförderte den Tee knapp, aber wenigstens in die Spüle. Heftiger Schwindel ließ mich den Beckenrand umklammern. Mit Gummiknien schleppte ich mich schwer atmend zum Küchenstuhl hinüber. „Aber meine Freunde… Ihr könnt doch nicht einfach mein Leben zerstören!“
„Du wirst neue Freunde finden“, flötete ihr Chor.
Das traf mich steinhart. Wenn auch wenige an der Zahl, hing ich unendlich an ihnen. Tränen schwammen in meinen Augen und ich versuchte, gegen meinen rebellischen Magen anzuschlucken. Tief greifender Abschiedsschmerz, mindestens wie bei einer Beerdigung, presste mein Herz zusammen.
Die Sternelben versuchten singend Trost zu spenden.
Sämtliche Brücken in die Vergangenheit kippten wie Dominosteine. „Bin ich wirklich bereit, alles und vor allem mich selbst aufzugeben?“
„Du gibst dich nicht auf, du bist auf dem Weg zu dir selbst.“
„Mein Selbst entwickelt sich zu einer absolut Fremden“, erwiderte ich tonlos.
Wie hoch würde der Preis dieser mysteriös-verrückten Geschichte steigen? Unruhig tigerte ich durch die Wohnung, mochte mich für keinen nächsten Schritt entscheiden. Echt paradox, dass mich das beiderseits herrschende Schweigen nervös machte. „Am besten raus hier und einen ersten Streifzug durch Möbelhäuser unternehmen.“
Echter Widerstand ging anders.
Im Möbelhaus kam ich nie an. In beunruhigend verworrene Gedanken versunken, fand ich mich vor Santa Christiana wieder. Dummerweise war die Tür diesmal verschlossen.
„Hallo, möchten Sie in die Kirche?“ Von dem Pfarrhaus kam ein Priester herüber und sah mich neugierig an.
„Ja, das wäre schön. Ich dachte, sie sei immer offen“, antwortete ich und blickte ebenso neugierig zurück.
Der Priester musste etliche Jahre jünger als ich sein. „Nein stopp, jetzt natürlich etwa fünfzehn Jahre älter.“ Sein freundliches, offenes Gesicht, mit den Lachfältchen um seine Augen, flößte mir ansatzweise Vertrauen ein.
„Ich bin Lilia.“
Er ergriff die ausgestreckte Hand. „Pater Raimund. Kommen Sie, ich schließe auf. Schätze dürfen Sie in unserer bescheidenen Kirche allerdings kaum erwarten.“
Ehrlich währt am Längsten. „Nein, ich weiß, mir geht es um die Stille.“
In der Kirche empfing uns bittere Kälte. War mir das bei dem ersten Besuch entgangen?
„Leider hat unsere Heizung einen Totalschaden, deshalb war auch zugesperrt. Unsere Gemeinde muss bis zum Frühling in der Nachbarkirche unterschlüpfen.“
Das war allzu offensichtlich nur die halbe Wahrheit.
„Dauert der Einbau einer neuen Heizung denn dermaßen lange?“, lockte ich ihn aus der Reserve.
„Nein, nein“, lachte er bitter, „wir sind einfach pleite, das ist der Grund. Aber nun lasse ich Sie allein, anstatt Sie mit meinen Sorgen zu belasten.“
Kaum hatte der Priester die Kirche verlassen, strebte ich auf den Altar zu und hockte mich auf dessen Stufen. Ihr Licht erschien zu meiner großen Erleichterung. Im Geist formulierte ich eine Frage mit dem frechen Hintergedanken, mein Konto möglichst rasch mit Hilfe sinnvoller Investitionen zu leeren. Die Sternelben freuten sich über meine Idee. Später am Tag musste ich lediglich noch herausfinden, wie man eine anonyme Spende über fünfzigtausend Euro hinbekam. Die Aktion war nicht völlig ohne Hintergedanken, schließlich vermutete ich vage, noch häufig an diesen Ort zu kommen.
„Pater Raimund wird dir ein wahrhaft guter Freund sein, Lilia.“
„Das wäre schön! Aber noch schöner fände ich es, wenn ihr mir jetzt verraten würdet, wozu ihr mich braucht“, drängelte ich.
Erst weit später, dennoch schneller als von den Sternelben erwartet, sollte ich ein bedeutendes Stück der schaurigen Wahrheit erfahren: Die Dämonen hatten, angetrieben durch ihren irdischen Fürsten, eine Möglichkeit gefunden, sich Menschen gefügig zu machen. Daher drohte ein Ungleichgewicht des Bösen.
Hier in der Kirche aber erklärten sie mir nur einen scheinbar harmlosen Teil des Problems. „Wir selbst können die Menschen nicht beeinflussen, weil uns kein wahrer Glaube mehr aneinander bindet. Deshalb wünschen wir uns, dass du diese Aufgabe löst.“
„Was genau meint ihr damit?“, hakte ich irritiert nach.
„Immer mehr Böses geschieht, ohne dass wir einzuschreiten vermögen. Wenn du dazu bereit bist, gibst du unser Wissen an die Menschen weiter, warnst sie vor Gefahren.“
„Wer würde ausgerechnet mir zuhören? Ich kann wohl kaum einfach losrennen und den Leuten sonst was Apokalyptisches erzählen. Die würden mich glatt für verrückt halten!“, protestierte ich geschockt. Der Plan sprengte mein Vorstellungsvermögen.
„Unterschätze niemals unsere Macht, Lilia. Wir werden dir helfen. Doch zuvorderst benötigst du göttliches Licht.“
„Wozu ist das gut?“ Das mitschwingende Misstrauen hielt sich in engen Grenzen.
„Du hast bemerkt, dass du uns nur in der Nähe des Buches und in dieser Kirche hören kannst. Nimmst du jedoch das Licht in dir auf, ist dies möglich, wo immer nötig.“
„Klingt fast wie Zauberei. Und wie funktioniert das?“
„Du spürst es bereits.“
„Das Prickeln auf meiner Haut?“
„Ja. Lege deine geöffneten Hände mit der Innenseite nach oben in deinen Schoß.“
Still saß ich lange so da und lauschte entrückt ihrem Gesang.
Die Sternelben verschwiegen mir, dass das aufgenommene Licht später vor allem als tödliche Waffe gegen Dämonen dienen würde. Und indem ich das Licht speicherte, wurde ich ganz nebenbei für die schrecklichen Wesen der Finsternis so sichtbar wie ein Komet in der Nacht. Auch diese Kleinigkeit unterschlugen sie. Doch die eigentliche Gefahr lag noch weit vor mir, und sie sollte gigantisch sein.
Anschwellender Gesang schreckte mich aus meinen fantastischen Träumereien hoch. „Lilia, genug für heute. Bevor du gehst, noch eines. Der Priester hat dich im Licht gesehen, als er nachschauen wollte, ob du bereits gegangen bist.“
„Oh shit! Und jetzt?“
„Jetzt hat er etwas, worüber es sich nachzudenken lohnt“, riefen die Sternelben lachend.
Kichernd begab ich mich auf den Weg zu meiner Wohnung. Unterwegs fand ich plötzlich die bloße Vorstellung, einen Priester als Freund zu bekommen, ziemlich skurril. Mit Kirche und Co. hatte ich noch nie was am Hut. Warum also hatte ich Begeisterung bekundet? Schwach! „Ein Freund, wie schö-ön“, mokierte sich mein Alter Ego „Nächstens steigerst du dich dann garantiert zu: ‚Ganz zauberhaft, meine Lieben, ganz zau-ber-haft‘!“ „Grrrrh.“
Am nächsten Tag wollte ich telefonisch einen Umzugsunternehmer organisieren, damit zumindest das Packen der geschätzt achtzig Bücherkartons bald starten konnte. Doch die Lichtwesen stoppten mich.
Kurz darauf klingelte es. Ein Fahrradkurier kam die Treppe hoch geflitzt und drückte mir wortlos ein großes Kuvert in die Hand. Als Absender prangte der Stempel einer Anwaltskanzlei.
In dem Umschlag befand sich nicht nur der Kaufvertrag für das Gartenhaus, sondern bereits die Schlüssel dazu. „Unglaublich!“ Logischerweise hatte ich erwartet, das Prozedere würde viele Wochen verschlingen.
Eindeutig, die Lichtwesen kicherten. „Lilia, sicher möchtest du gleich zu deinem Haus fahren. Vorher musst du Folgendes wissen: Dort erwartet dich eine Elbe, Elin ist ihr Name.“
Mir blieb die Spucke weg. Hatten sie wirklich gerade „Elbe“ gesungen? E-L-B-E? „Eine, aber, was, wieso das, tut sie denn da …?“, stotterten meine Gedanken ohne geistreiche Anweisungen.
Sie schwiegen taktvoll.
„Und wie verhält man sich gegenüber Elben?“
„Genauso herrlich respektlos, wie du uns begegnest. Sei einfach freundlich. Sie wird dir helfen und Rat erteilen, wenn du darum bittest.“
Gespannt wie ein Flitzebogen, zugegeben auch hochgradig nervös, marschierte ich zur S-Bahn. Dann ging es los. „Eine Elbe? Ernsthaft?“ Prompt spulten Filmsequenzen aus J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ in meinen Kopf ab. „Du spinnst doch total! Elben? So ein Blödsinn!“, schimpfte mein Alter Ego. „Du meinst, die machen einen Scherz?“ „Was denn sonst? Oder bist du jetzt etwa rationalamputiert?" Als Reaktion auf unseren internen Schlagabtausch startete mein Verstand den kurzen Versuch, eine lupenrein rationale Erklärung für sämtliche Vorgänge abzuliefern. Demnach musste ich seit Wochen – wahrscheinlich nach dem Sturz von Joschs XXL-Leiter – im Koma liegen und ungebremst vor mich hin spinnen. „Wie die Elbe wohl aussieht?“, machte meine Fantasie kurzen Prozess.
Die Fahrt zum Gartenhaus dauerte diesmal gefühlt ewig. Unruhig rutschte ich in der S-Bahn auf meinem Sitz herum.
Mehr schlitternd als gehend hastete ich das letzte Stück über vereiste Wege bis zum Gartentor. Der fiese neue Nachbar schien verreist zu sein, unberührter Neuschnee lag vor seinem Haus wie auf dem Weg zum Gartenhaus. Die geräumten Treppenstufen vor dem Eingang fielen daher sofort ins Auge. Dickes Fragezeichen! Den Geheimcode für die Alarmanlage hatte mein Gehirn unverständlicherweise sofort abgespeichert. Kurz schüttelte ich irritiert den Kopf über mich.
Leise schloss ich die Tür auf – und bekam tellergroße Augen. „Der Flur ist bereits eingerichtet!“, rief ich voller Staunen aus. Gläserne Bodenvasen mit Rosen darin, die ihren sanften Duft verströmten, standen rechts und links der Freitreppe. Dann erblickte ich sie. Elin. Ein weiß schimmerndes Lichtwesen, halb menschlich und halb überirdisch anmutend. Ihre grazilen Bewegungen ließen schwache Blautöne über das lange weiße Gewand gleiten. Etwas kleiner als ich, wirkte sie zart, fast zerbrechlich unter ihren weißblonden, üppig langen Haaren. Im krassen Kontrast dazu baumelte ein silbernes Schwert an ihrer Hüfte. Graublaue, geheimnisvolle Augen betrachteten mich ernst. Unwillkürlich verglich ich ihre Erscheinung mit der Elbe Galadriel. „Irgendwie ähnlich und doch sehr anders.“
Später gewahrte ich den bedeutenden Unterschied. Bei Elin fehlte die offensichtliche Ausstrahlung von Macht.
Überraschend erklang Elins melodische Stimme in meinem Kopf: „Ich grüße dich, Lilia, willkommen in deinem Heim.“
Etwas unsicher, ob meine Gedanken von ihr ebenso gehört würden, versuchte ich: „Hallo, Elin, ich freue mich, dich kennen zu lernen.“
Sie lächelte bestätigend.
Plötzlich überwältigte mich eine fremde, völlig unbekannte Empfindung. Als ob ein Wimpernschlag zwei Teile zusammengefügt hätte, fühlte es sich wie die Rückkehr eines verloren geglaubten Zwillings in mein Innerstes an.
Elin nickte. „Ein Teil deiner Seele, in dem sich das Vermächtnis der Elben befindet, ist erwacht und erkennt mich. Das ist ein gutes Zeichen. Komm nun, alles ist bereit. Sieh selbst, ob es deinen Wünschen entspricht.“
Kaum hatten wir unseren gemeinsamen Rundgang begonnen, kapitulierte ich jedoch. In der Küche, als spontan gewählter Zufluchtsort, ließ ich mich auf einen Stuhl fallen. Alles war zu viel. Mein Inneres gab sich heftig aufgewühlt, eine Dosis, die bereits völlig ausgereicht hätte. Obendrein befanden sich im Haus keineswegs ausschließlich neue Möbel. Um mich herum standen, lagen und hingen Dinge aus meiner Küche, da war ich mir sicher. Und im Wintergarten standen eindeutig meine Zimmerpflanzen. Großes, erschöpftes Fragezeichen.
Elin trug ein Teetablett herüber. „Ja, mit meinem heiß geliebten blauen Teeservice.“ Ich schloss meine Augen und genoss das beruhigende Getränk.
Gerade als ich die Elbe fragen wollte, wie meine Sachen hierher gekommen waren, erklang ihre Stimme. „Ich kann über Gegenstände wirken.“ Sie lächelte abermals. „So musst du nicht mehr umkehren.“
„Aber ich kann es auch nie mehr“, dachte ich mit hochbrodelnder Panik. „Und all der Aufwand, bloß damit die Menschen ein paar Nachrichten von den Sternelben erhalten?“ Sollte ich eher an ihnen oder an mir zweifeln?
Nachdem die Teekanne keinen Tropfen mehr hergab, wollte ich den Tisch abräumen.
Elin erschien. „Lass mich das erledigen.“
„Aber nein, du bist doch keine Dienerin“, wehrte ich entgeistert ab.
„Es verursacht keinerlei Mühe.“ Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung ihrer Hände verschwand das Teeservice.
Jetzt war ich restlos platt! „Das ist doch mal eine echt praktische Fähigkeit“, platzte ich laut heraus. „Entschuldige.“
Die Elbe bedachte mich mit einem unergründlichen Blick. Eindeutig war ein heißes, entspannendes Schaumbad überfällig. Im Hinausgehen wagte ich noch einen kurzen Blick in den riesigen Kühlschrank. Voll bis oben hin mit Leckereien. Gab es irgendetwas, das sie noch nicht über mich wussten? Meine hyperaktive Zweifelecke konnte ich erst in der Badewanne ruhigstellen.
„Weiß und blau. Mitternachtsblau, azurblau, blaugrün, blaugrau, aber keine hellblaue Kleidung. Das wäre auch wirklich das Letzte!“ Der begehbare Kleiderschrank enthielt keineswegs meine alten, übergroßen Klamotten, sondern wunderschöne neue Hosen, Pullover und Unmengen weiterer Sachen. „Wieso Kleider? Trage ich doch nie. Weiß und blau, hmmh.“ Da kein Kommentar in meinem Kopf erklang, musste ich halt später nachfragen. Mangels Pyjamas schlüpfte ich in ein langes Nachthemd aus weißer Seide und ging hinunter in die Küche.
Keine Spur von Elin, inzwischen herrschte draußen Dunkelheit. Vom Esstisch her duftete es verführerisch nach Tomatensuppe, meiner Leibspeise. Ein Salatteller und ein Schälchen mit Zitronencreme ergaben mein köstliches Abendessen. „Woher weiß die Elbe all diese Dinge über mich?“, bedrängte mich abermals eine besorgte innere Stimme auf meinem Weg ins Schlafzimmer. „Hier fehlen aber noch Vorhänge oder Rollos an den Fenstern. Ach nein, sie wollen ja bestimmt wachen.“ Und damit schlief ich ein.
Aus dem Buch „Inghean“
Ahnt der schwarze Fürst die bevorstehende Rückkehr seiner ärgsten Feindin? Seine Sklaven kriechen durch die nächtlichen Straßen. Mir scheint, es werden immer mehr.
Einige Tage später befand sich mein Innenleben wieder einigermaßen im Gleichgewicht. Das Wetter tendierte in den letzten Februartagen zu matschiggrau. Hoffentlich kam bald der Frühling. Jedenfalls wollte ich an diesem Tag unbedingt Santa Christiana besuchen, die Kirche fehlte mir seltsamerweise. Seit dem Vortag stand ein funkelnagelneuer Kleinwagen in der Garage, die Sternelben wollten es so. Allerdings verspürte ich keine Lust, damit durch die Stadt zu fahren. Ein eigenes Auto hatte ich nie zuvor besessen. Wozu sollte man so was in Berlin auch benötigen, außer um unnötig viel Zeit im Stau zu vertrödeln?
Auf dem Weg zur S-Bahn ging ich im Kopf den Fragenberg durch, der sich zwischenzeitlich dank unserer stillschweigend vollzogenen Kommunikationspause angesammelt hatte.
Die Kirchentür stand offen, drinnen sah der Priester nach dem Rechten.
„Hallo, Pater Raimund“, grüßte ich ihn.
„Hallo, Lilia! Wie geht es Ihnen?“
„Gut, zumindest wenn Sie mich nicht rausschmeißen“, erwiderte ich keck.
„Um Himmels Willen, warum sollte ich.“ Er zögerte. „Hätten Sie später vielleicht Lust auf einen Kaffee, wenn Sie in der Kirche genug gefroren haben?“
„Sag zu“, riet elbischer Gesang.
„Gute Idee. Aber noch lieber auf Tee.“
Das Licht umarmte mich, während ich mit geschlossenen Augen horchte. Die Lichtwesen sangen mir ein Lied über die Elben aus längst vergangener Zeit vor und erinnerten mich auf diese Weise an meine Aufgabe. In den vergangenen Tagen hatte ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet.
Umgehend bekam ich ein ordentlich schlechtes Gewissen. „Bitte sagt mir, was ich für euch tun kann.“
Erfreut gaben sie Auskunft. „Lilia, um das Tun und Lassen der Menschen begreifen zu können, musst du ihre Gefühle und Empfindungen verstehen, ihre Seelen hören lernen.“
Statt einer Antwort schickte ich ausgiebiges Seufzen gen Himmel. Die alte Abneigung gegen Kontakte zu meinen Mitmenschen meldete sich. Tatsächlich hielt ich mich bei dieser Aufgabe für die ungeeignetste Person in ganz Berlin.
Mit großem Ernst riefen sie mich zur Ordnung. Die Sternelben hofften, ich würde rasch jene tiefgreifenden Veränderungen meiner Persönlichkeit akzeptieren und nutzen, die sie nach ihren speziellen Wünschen vorgenommen hatten. Zu mir meinten sie nun lediglich: „Dir mangelt es an Selbstvertrauen.“
„Dann bitte ich euch darum, sonst werdet ihr nur weiter enttäuscht.“
Sie schienen besänftigt.
Also fragte ich, wie das Lernen am besten funktionieren würde – und beantwortete die dumme Frage gleich selbst. „Unter Menschen gehen, natürlich.“
Die Sternelben summten amüsiert. „Du kannst nachher bei Pater Raimund üben.“
„Okay, das dürfte für einen ersten Versuch kaum allzu schwierig werden“, stimmte ich erleichtert zu. Eine andere Geschichte brannte mir unter den Nägeln. „Ist Elin ganz allein hier?“
Traurig erklangen daraufhin ihre Stimmen. „Die wenigen verbliebenen Elben haben sich vor ewigen Zeiten auf eurer Erde verteilt. Sie wachen seither einsam und unsichtbar über das Böse, so gut sie es vermögen. Ihr Opfer ist unermesslich für euch.“
Mein Herz verkrampfte sich bei dieser ungeheuerlichen Vorstellung, bis mir Tränen über das Gesicht liefen. Doch bald schon würde ich mich mit grenzenlosem Zorn an ihre Antwort erinnern.
Eine weitere, nagende Frage bohrte sich hervor, obwohl ich ihre Antwort fürchtete. „Bin ich auch allein oder konnten andere Menschen ebenfalls das Buch lesen?“
„Du bist allein. Nur weil sich das Erbe deiner Elbenahne in dir erhalten hat, erkannte dich das Buch. Wir haben lange auf dich gewartet.“
Elektrisiert richtete ich mich auf. „Ihr wusstet, dass dies alles passieren würde?“
„Die Macht des Lichtes reicht weit.“
Aber es schützte mich nicht vor Einsamkeit. Allein unter Millionen Menschen! Todtraurig dachte ich an meine alten Freunde Peps, Emi, Phil und Suse. „Wie es ihnen wohl geht?“ Selbst wenn meine Freunde noch bei mir wären, sprang mich die Wahrheit an, könnte ich all die Ereignisse seit dem entscheidenden Besuch in Joschs Antiquariat niemals mit ihnen teilen. Sie würden mich in bester Absicht umstandslos in die Klapse einliefern. Unglücklich fügte ich mich den Tatsachen.
„Lilia, der Priester wartet.“ Die Sternelben spendeten keinen Trost.
„Seid ihr enttäuscht, hattet ihr mehr von mir erwartet?“
„Wir hofften, du würdest dich Elin zuwenden.“
„Ich …“ Elin war kein Mensch, ihr Wesen wirkte sehr fremd und einschüchternd. „… will mich bemühen“, rang ich mich durch.
Zufrieden zog sich das Licht zurück.
Ja, zugegeben, ich glaubte ihnen damals jeden Unsinn, den sie mir auftischten. Obendrein forderte ein Teil meines Unterbewusstseins hartnäckig bedingungsloses Vertrauen gegenüber den Sternelben ein. Dabei reagierte ich normalerweise auf jede Art von einseitigen Nettigkeiten allergisch. Dumm nur, dass mein tief verankertes Misstrauen den entscheidenden Zeitpunkt für ultimativen Einspruch vergeigt hatte.
Der melodische Gong an der Tür des Pfarrhauses gefiel mir.
Pater Raimund öffnete. „Schön, dass Sie gekommen sind, der Tee ist gerade frisch aufgegossen.“
Wir gingen in ein gemütlich eingerichtetes Zimmer, halb Wohnzimmer und halb Büro, in dessen Mittelpunkt ein großer, runder Esstisch stand.
„Solange, wie Sie es in der Kirche aushalten, müssten Sie sich jedes Mal eine dicke Erkältung holen“, meinte er halb scherzhaft.
„Komisch, mir ist nicht einmal kühl geworden.“ Das behielt ich aber schön für mich. Die Unruhe des Priesters war überdeutlich spürbar und so nickte ich ihm auffordernd zu.
„Heute Morgen erhielt ich einen Anruf unserer Buchhalterin. Sie unterrichtete mich über eine anonym eingegangene Spende für unsere neue Heizungsanlage. Sie wissen nicht rein zufällig etwas darüber?“
Ich lächelte spitzbübisch. „Das sind ja wunderbare Neuigkeiten.“
Die ausweichende Antwort interpretierte er kurzerhand als Eingeständnis. „Mir ist eine riesengroße Last von den Schultern genommen – durch einen Engel, wie mir scheint.“
Ah, jetzt kamen wir zum spannenderen Teil unseres Gesprächs. Ich genoss einen großen Schluck Tee und wartete entspannt, wie Pater Raimund die Kurve zum Licht nehmen würde.
Just in dem Moment platzte seine Haushälterin herein. „Aber Herr Pfarrer“, tadelte die mollige Endfünfzigerin, „wo ich frischen Kuchen gebacken habe. Und Sie bieten der jungen Dame nichts an.“ Wobei sie mir ein verschmitztes Lächeln zuwarf. Sie hob ihr schweres Tablett, beladen mit Kirschkuchen und Sahne, auf den Tisch. „Nun langen Sie mal kräftig zu.“
Eine Minute später waren wir wieder allein.
Während ich heißhungrig das erste Stück mit extra viel Sahne verschlang, spielte der Priester mit seiner Kuchengabel. Er rang mit sich und dem passenden Satzanfang. Noch nie hatte ich die Gefühle eines anderen Menschen so klar und überdeutlich wahrgenommen, als wären es meine eigenen.
„Mir ist nie zuvor die Wintersonne im Altarraum aufgefallen“, eröffnete er die Partie.
Geschickter Schachzug.
Die Sternelben kommentierten: „Er ist um die Kirche herumgegangen, um die Quelle des Lichts zu finden.“
„Mir auch nicht“, gab ich scheinheilig zurück.
Der Pater setzte nach: „Und ich glaube, ehrlich gesagt, nicht an real existierende Engel.“ „Aber Sie sehen wie einer aus“, prangte in fetten Buchstaben auf seiner Stirn.
„Womit soll ich ihm antworten?“, fragte ich die unsichtbaren Dritten im Raum.
„Versuche dich zunächst allein an der Antwort, Lilia.“
„Das scheint mir ein echtes Problem unserer Moderne zu sein. Wir sind vollkommen auf Technik fixiert und unsere Seelen verkümmern darüber.“
Höchst irritiert blickte mir Pater Raimund direkt in die Augen. Das, was er hätte aussprechen wollen, blieb ungesagt, sein Mund klappte regelrecht zu. Erschüttert schlug er die Augen nieder und stand auf.
Leise sprach ich ihn an: „Bitte, Pater, das Lernen ist doch Teil unseres Lebens. Oder?“
Hart stieß er hervor: „Glauben Sie an Gott, Lilia?“
„Nicht an Ihren Gott, nein, aber irgendwie an das Göttliche.“
Der Priester ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken. „Genau vor dieser Antwort habe ich mich gefürchtet.“
Mitleidig schaute ich zu ihm hinüber. „Pater Raimund, Sie sind doch keineswegs auf den Kopf gefallen. Schauen Sie, fünf große Weltreligionen binden den Glauben der meisten Menschen auf unserer Erde. Aber an was genau glauben sie eigentlich? Die jeweiligen Wurzeln betrachtet, betet jeder Gläubige das universelle Wissen über die Existenz von Gut und Böse an. Nur eben unterschiedlich verpackt.“
Verstehen erfasste seinen Geist, deshalb fuhr ich fort: „Ich halte mich an die Wurzel, viel mehr unterscheidet uns beide nicht.“
Er lachte gequält auf. „Nun ja. Ich wette, Sie erhalten von Ihrer Wurzel jene Antworten, die mir von meinem Gott verwehrt werden.“
Beinahe hätte ich ihn laut gefragt, was er denn würde wissen wollen.
Die Sternsängerinnen stoppten mich im letzten Moment: „Genug, Lilia, ihr solltet das Thema bei anderer Gelegenheit weiter besprechen.“
Auf den abrupt vollführten Themenwechsel ließ sich Pater Raimund bereitwillig ein. Also plauderten wir über die historisch äußerst wertvolle, leider hoffnungslos defekte Orgel mit ihrem einzigartigen Klang.
„Darf ich?“
„Bedenke dabei bitte, dass du die Kirche oft für dich allein benötigst“, mahnten sie.
„Da lässt sich bestimmt eine Lösung finden! Vielleicht könnten die Orgelbauer zu festgelegten Uhrzeiten in der Kirche arbeiten.“
Langsam sollte ich den Heimweg antreten, wenn ich noch in die Bank wollte. Wir verabschiedeten einander und ich versprach, bei nächster Gelegenheit wieder vorbei zu schauen.
Wer von uns beiden hatte an diesem Tag mehr Stoff zum Nachdenken bekommen?
Bevor ich mich daheim in die Badewanne sinken ließ, schaute ich in den Spiegel. „Warum hatte der Priester heute derart geschockt auf meine Augen reagiert?“ Mich näher zum Spiegel beugend, bemerkte ich die Veränderung. „Wann ist das denn passiert?“ Meine blauen Augen wirkten alt. Nicht trüb wie bei alten Menschen, vielmehr wie durchdrungen von tiefen Erinnerungen und Lehren der Weisheit. Der Kontrast zu meinem jungen Gesicht konnte kaum größer ausfallen. Kein Mensch besaß einen solchen Blick. „Elin, ja, ähnlich den Augen der Elbe.“ Die Sternelben hatten Recht, ich sollte mit ihr reden. Möglicherweise fanden wir doch einige Gemeinsamkeiten. Aber für heute war mein Limit erreicht. „Schluss, aus, Schaumbad.“
Ein opulentes Frühstück erwartete mich am nächsten Morgen bereits auf dem Küchentisch: Croissant, Zimtquark mit frischem Obst, Crêpe, Orangensaft und eine Kanne starker schwarzer Tee. Nach dem Bad am gestrigen Abend war ich so erschöpft gewesen, dass das Abendessen schlicht in Vergessenheit geriet. Heißhungrig verspeiste ich nun die Mahlzeit bis zum letzten Krümel.
Bei einer weiteren Tasse Tee überlegte ich, wo Elin wohl steckte.
Prompt erschien ihr Kopf in der Tür zum Wintergarten. „Ich habe mich um deine Pflanzen gekümmert.“
„Aber die können seit meinem gestrigen Gießen doch unmöglich schon ausgetrocknet sein.“
Ihr ganzes elbisches Tun schüchterte mich ein. Um die Wahrheit zu sagen, begriff ich von all dem eine große Null. Vielleicht der springende Punkt zwischen uns. „Allerhöchste Zeit für Elbenunterricht“, mahnte mein Gewissen. „Bitte, Elin, erzähle mir von dir und den Elben.“
Na also, der Anfang war geschafft.
„Weißt du, warum deine Kleidung in weiß und blau gehalten ist?“
Wie freundlich von ihr, sie erinnerte mich an eine weitere ungeklärte Frage. „Da müsste ich raten“, gab ich zu. „Vielleicht weiß für die Reinheit und blau, hmmh, blau für den Himmel. Nein, weiß für das Licht.“
„Beides, Reinheit und Licht, und richtig, Blau steht für das Firmament“, bestätigte sie.
„Aber was spricht gegen die anderen Farben?“, begehrte ich zu wissen.
„Überleg selbst“, forderte Elin mich auf.
„Okay, schwarz ist finster und deshalb gestrichen, rot gilt als aggressiv, braun finde ich schrecklich. Was ist mit grün?“
„Ganz einfach, es passt nicht zu deinen Augen“, schmunzelte die Elbe.
Langsam entspannte ich mich, zudem bereitete mir unser Kopfgespräch kaum mehr Mühe.
„Aber im Ernst“, fügte sie an, „sollen die gewählten Farben dein Schicksal symbolisieren. Du stammst von uns ab, dein Weg wird für sämtliche Elben von größter Bedeutung sein.“
Instinktiv wusste ich, zu diesem Punkt würde sie keine Fragen zulassen. „Der Fragenberg wächst grundsätzlich schneller als das Häuflein magerer Antworten“, stellte ich zum x-ten Mal frustriert fest.
„Geduld, Lilia. Immer nur so viel, wie es deinen Fortschritten entspricht.“
„Bin ich dermaßen langsam?“ Schnelligkeit gehörte eben nie zu meinen herausragenden Eigenschaften.
„Keineswegs, wenn du deine eigenen Stolpersteine aus dem Weg räumst, lernst du hervorragend.“
Nebenbei „organisierte“ Elin frischen Tee. Ein guter Übergang für die nächste offene Frage, bei der ich mir allerdings reichlich albern vorkam. „Tust du etwas Ähnliches wie Magie, so wie Zauberei im Märchen?“
„Daran ist gar nichts Geheimnisvolles, du siehst lediglich die gebündelte Macht des Lichts.“
Ihre Antwort klang so lapidar, als hätte ich nach ihrem neuen Strickmuster gefragt.
„Heißt das, ich kann auch … wie nennst du es?“
„Dafür existiert keine Entsprechung in eurer Sprache. Doch die Menschen nannten unsere Fähigkeiten vor ewigen Zeiten tatsächlich Magie oder Zauber.“
Das fand ich irgendwie enttäuschend.
„Möchtest du es lernen?“
Die Frage kam absolut unerwartet.
„Ja, bitte!“ Vor Begeisterung wusste ich kaum wohin mit mir.
Zum ersten Mal lachte Elin.
Die nächsten Stunden vergingen wie im Flug. Höchst konzentriert versuchte ich, mittels Geisteskraft einfache Dinge zu bewegen. Nachdem mein Frühstücksteller in Trümmern auf den Fliesen lag, was ich als tollen Erfolg bejubelte, stieg ich auf den Scheuerschwamm, die Spülbürste und andere unkaputtbare Utensilien um. Elin amüsierte sich königlich, was ich beinahe noch schöner fand als die mäßig erfolgreichen Flugversuche.
„Himmel, wie anstrengend!“ Der Schweiß rann mir aus sämtlichen Poren. Erst als mein Magen so laut knurrte, dass stures Ignorieren zwecklos wurde, beendeten wir unser Treiben.
„Bedenke bitte, du darfst Magie niemals in der Gegenwart von Menschen nutzen.“
„Dazu müsste ich sie erst einmal beherrschen“, lachte ich. „Aber du hast vollkommen Recht, das wäre ein echter Schocker.“ Dabei flitzte eine Szene mit fliegenden Gegenständen durch meinen Kopf und ich gluckste. Verlockend war die Vorstellung wirklich, im Supermarkt per Handschlenker binnen Minutenfrist die lästigen Einkäufe zu erledigen.
Elin schlenkerte einen Teller mit dick belegten Sandwiches und ein großes Glas kalte Milch auf den Küchentisch.
„Nanu?“
„Probieren bitte, und schön aufessen. Du isst viel zu wenig.“
Erst zögerlich ein Eckchen von der ungewohnten Kost knabbernd, biss ich schnell herzhaft hinein. „Sind die Sandwiches lecker!“
Zufrieden verschwand sie.
„Verflixt, ich wollte sie doch nach meinen Pflanzen fragen.“
Ganz schwach vernahm ich aus der Ferne ihre Antwort: „Ich habe mich nur ein wenig mit ihnen unterhalten.“
Beinahe hätte ich mich verschluckt.
Gerade als mein Entschluss feststand, den Nachmittag zum Zwecke der Gefühlskunde in der City zu verbringen, läutete es an der Haustür. Ohne Nachdenken riss ich die Tür auf, nur um in das fiese Gesicht meines Nachbarn aus dem Haupthaus zu blicken. „Wozu“, schalt ich mich, „hast du eine Überwachungskamera?“
„Hallo, Frau Nachbarin, wie ich sehe, ist Ihr Umzug bereits überstanden.“
Ich bat ihn nicht herein. „Ja, Schnee von gestern“, entgegnete ich kurz angebunden.
„Dann darf ich Sie hoffentlich am nächsten Samstag auf meiner Party begrüßen? Es werden selbstverständlich eine Menge interessanter Leute da sein.“
Keine Ahnung, was mich ritt, oder ob ich ihn einfach schnellst möglich loswerden wollte, jedenfalls kündigte ich mein Erscheinen an.
„Das Buffet wird um Punkt 21 Uhr eröffnet.“ Damit trollte er sich.
„Wieso nehmen immer alle das Essen so wichtig? Wenn ich Hunger bekomme, esse ich oder auch nicht, basta. Punkt 21 Uhr. Seit wann hat mein Magen eine Zeitschaltuhr?“, schimpfte ich vor mich hin.
Aus dem Buch „Inghean“
Der schwarze Fürst muss seine versammelten Sklavenhorden offensichtlich bei Laune halten. Die Jagd auf mich ist eröffnet.
Kapitel 3
Der alte Mann saß in der rechten Ecke am Eingang des S-Bahnhofs, er fror unübersehbar erbärmlich. Als ich den Bettler sah, verlangsamten sich meine Schritte und ich konzentrierte mich. Aus seiner Seele schlug mir Verzweiflung in all ihren tragischen Facetten entgegen. Tief sitzender Hass grollte, Todesangst waberte erwartungsvoll dazwischen. Genug, wie grauenhaft! Mir wurde speiübel. Aus meiner Geldbörse zerrte ich das komplette Bargeld hervor und drückte es dem Bettler im Vorübergehen in seine Hände.
„Danke, mein Engel“, rief er mir Flüchtenden hinterher.
Schwer atmend landete ich in der erstbesten Boutique.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Die Verkäuferin drehte Däumchen, keine Kundschaft. Nach einem taxierenden Blick auf meine Kleidung strahlte sie mich an.
Irritiert empfing ich Signale blanker Gier. Wortlos vollzog ich die Kehrtwende und betrat als nächstes zwei Häuser weiter den vertrauten Kerzenladen.
Nachdem sich der Einkaufskorb mit diversen Kerzen und einer Packung nach Vanille duftender Teelichter gefüllt hatte, stellte ich mich zu der kleinen Schlange an der Kasse. Die Mutter vor mir schleppte eine chronische Erschöpfung mit sich herum. Kein Wunder, ihre zappelnde und quengelnde, höchstens zehn Jahre alte Tochter erwies sich als Aggressionsbündel mit Tendenz zur Shoppingsucht. Ein junges Mädchen, es bezahlte gerade sein Plüschkissen, litt nicht nur an Liebeskummer, in ihr brodelten ebenso Rachegelüste. Der Kassiererin ging es kaum besser. Wehmut, Sehnsucht und ein bitter enttäuschtes Herz, das Fass stand kurz vor dem Bersten. Sie tat mir aufrichtig leid. Solch ein liebenswertes Wesen im Innern und im krassen Gegensatz dazu ihr unattraktives Äußeres.
Da sich gleich nebenan eine Bankfiliale befand, wollte ich mir frisches Verschenkgeld besorgen. Niemand belagerte die Automatenreihe, also kam ich auf die seltene Idee, gleich noch Kontoauszüge zu holen. „Mal sehen, wie weit mein Vorsatz gediehen ist, die fünf Millionen Euro von meinem Konto sinnvoll unter die Leute zu bringen.“ Der Drucker fing zwar nicht an zu qualmen, ratterte aber gefühlt eine Viertelstunde vor sich hin.
Muss ich das wirklich noch niederschreiben? Der aktuelle Kontostand betrug glatte fünf Millionen. Das machte mich regelrecht unglücklich. „Du bist echt krank im Kopf“, kommentierte mein Alter Ego.
Beklommen steuerte ich auf das Café vis-à-vis zu. Eigentlich zu voll besetzt für meinen Geschmack, trieb mich der Durst dennoch hinein. Eine unvorstellbare Flut aus Gefühlen und Empfindungen jeder erdenklichen Couleur brandete mir entgegen, überrollte mich, dass meine Sinne kollabierten. Irgendwie kam ich hinaus und lief in Panik fort.
Die Lichtwesen hatten meine Fähigkeit, die Gefühle von Menschen zu lesen, so absurd verstärkt, dass es mich fast um den Verstand brachte.
Hinterher konnte ich mich kaum erinnern, wie ich nach Santa Christiana gelangt war. Schluchzend brach ich neben dem Altar zusammen, gnädig sangen mich die Sternelben in tiefen Schlaf.
Als Pater Raimund gegen 23 Uhr von einem Leichenschmaus zurückkam, wobei ihn dieses Wort anekelte, durchfuhr ihn wegen des Lichts in der Kirche ein mächtiger Schreck. Zunächst Einbrecher vermutend, schlich er sich näher an die Tür. Das magische Licht verschwand. Er tastete routiniert nach dem Lichtschalter. Gelbtrübes Licht erhellte den Altarraum. Soweit auf den ersten Blick erkennbar, fehlte nichts. „Moment, sollte eventuell die junge Frau …?“ Entsetzt schnappte der Priester nach Luft, bevor er mich entschlossen an der Schulter berührte. Benommen schlug ich die Augen auf.
„Gütiger Himmel, Lilia, was tun Sie denn um diese Uhrzeit hier?“
Wahrheitsgemäß gestand ich, eingeschlafen zu sein.
„Kommen Sie, ich fahre Sie nach Hause.“
Widerspruch war zwecklos.
Eine halbe Stunde später lieferte mich Pater Raimund am Gartentor ab.
„Danke! Bis morgen.“
Er sandte leichte Verwirrung aus.
Im Gartenhaus brannte kein einziges Licht. Kein Abendessen stand auf dem Tisch, stattdessen befanden sich diverse Töpfe auf dem Herd.
„Wo ist Elin?“
„Sie wacht.“
„Erst essen, dann reden.“
Leichter gesagt als umgesetzt. Wo befanden sich Besteck, Teller, Suppenkelle und ähnlich Notwendiges? Am Ende standen sämtliche Schubladen und Schranktüren offen. Fehlte noch der Wein. „Wo? Im Kühlschrank? Mist, kein Wein im Haus“, meckerte ich leise vor mich hin. „Sekunde mal, die Vorratskammer.“ Beim Anblick des gut sortierten Weinregals musste ich sofort wieder an den Bettler denken. „Im Luxus schwelgen, aber dann in deinen eigenen vier Wänden nicht auskennen“, stellte ich mich genervt in den Senkel. „Kannst du dir gleich für morgen vornehmen.“ „Was du heute kannst besorgen …“, lästerte mein Alter Ego. „Ruhe! Essen!“
Als der Kamin und einige der erworbenen Kerzen brannten, machte ich es mir mit bereits dem zweiten Glas Rotwein auf der Couch gemütlich. „Verratet ihr mir, warum Elin immer bei Dunkelheit fortgeht?“
Die Sternelben lieferten eine genauere Auskunft, als am Ende verdaubar war: „Ihre Aufgabe ist es, über die Stadt zu wachen, damit das Böse in der Finsternis kein allzu leichtes Spiel hat.“
„Aber was genau tut sie?“
„Elin kämpft gegen Dämonen.“
Der Schreck fuhr mir derart heftig in die Knochen, dass Rotwein auf den Teppich schwappte. „Allein?“
„Keine Sorge, seit ungezählten Jahrhunderten tut sie nichts anderes.“
Während mein Adrenalin im Herztakt hochkochte, hörten sie sich an, als hieße das Thema des Abends kunstvolles Schaufechten. Zum ersten Mal machten sie mich wütend, was den Sternelben keineswegs entging.
Halb bestürzt, halb verständnislos ob meiner Aufregung nahmen sie einen zweiten Anlauf: „Das Licht und die Finsternis sind ebenso Gegenspieler wie Elben und Dämonen auf eurer Erde. Das ist der ewige Kampf, aufgezwungen von der finsteren Macht.“
„Aber warum hören sie nicht einfach auf?“
„Wegen der Menschen und wegen des Sternsilbers“, psalmodierten sie. „Beide sind untrennbar miteinander verbunden. Der Dämonfürst tötete die Elbenfürstin und gelangte so in den Besitz ihres kostbarsten Schatzes, wie du in dem Buch gelesen hast. Nur wenn die Elben ihm die Menschen überließen, würde er das Sternsilber im Gegenzug eintauschen.“
Eine schlimme Vorahnung überfiel mich. „Wie hieß die Elbenfürstin?“
„Ihr Name ist dein Name.“
Meine grauen Zellen verweigerten die Annahme des mysteriösen Brockens, fragten stattdessen weiter. „Warum wacht Elin gerade hier in Berlin, was ist mit dem Rest des Landes?“
„Hier herrscht die größte Gefahr, denn die Macht des Dämonfürsten ist gewaltig, wo er weilt.“
Das verschmierte Glas in meiner Hand begann zu zittern. „Er ist hier?“
„So ist es.“
„Und wenn der Dämonfürst nun Elin tötet?“, rief ich entsetzt.
„Das darf niemals geschehen!“ Unerwartet schnell zogen sich die Sternelben jetzt zurück.
Zwischen Wahrheit und Wahrheit liegen endlose Weiten. An diesem Abend überspannten sie den Bogen, die Folgen würden fürchterlich sein.
In der endlich einsetzenden Morgendämmerung zwitscherte ein Vogel unbekümmert sein Frühlingslied. Doch in meinem Kopf echote wieder und wieder der Sterngesang: „Ihr Name ist dein Name.“ Als versuchten Befreiungsschlag stieß ich die Terrassentüren weit auf. Elin erschien. Eine Kaskade der Gefühle rauschte durch meine Seele.
„Ah, sie haben es dir erzählt.“ Spürbar mitgenommen, sichtbar durch ein leichtes Flackern ihres geschwächten Lichtes, setzte sie sich mir gegenüber.
„Wann und wo schläfst du überhaupt, Elin?“
„Das entspricht nicht unserer Art.“
Ich hob die Augenbrauen.
„Geh schlafen, Lilia“, wehrte sie ab und ich fügte mich.
Bloß um im Bett hellwach über die unbedeutendste aller Winzigkeiten nachzugrübeln. Angeblich lebte ich in einer Stadt mit Dämonen. Wollte, konnte oder musste ich die Behauptung schlucken?
Der Schlaf brachte wirre Albträume von schwarzen Monstern.
Obwohl längstens vier Stunden im Bett gewesen, flüchtete ich hinunter in die Küche.
Dort warteten mein verspätetes Frühstück und Elins unergründlicher Lupenblick.
Allerdings war mir der Appetit vergangen, zu vieles lag mir im Magen. „Elin, wie kann ich dir helfen?“
Überraschend floss mir Zuneigung entgegen. „Die Zeit dafür wird kommen. Lerne, Lilia, das ist jetzt deine Aufgabe.“
„Aber das hilft dir doch kein bisschen!“
„Nun, wenn du die Magie bezwingen lernst, dann schon.“
„Du meinst, dann musst du für mich nicht ständig das Kindermädchen spielen?“, neckte ich.
Sie reagierte zwar abwehrend, der Kern darin stimmte jedoch erkennbar. „Seit langen Jahren mied ich Menschenkontakte. So vergaß ich, wie verschieden unsere Seelen sind. Nachdem allerdings deine Ur-Seele erwacht ist, scheint sie scharfäugiger denn die meine.“
Das Kompliment tat gut. Also erzählte ich Elin von meinem Horrortrip unter Menschenseelen.
Ihre Reaktion fiel drastisch aus. „Hat das Licht dich gelehrt, deinen Geist zu verschließen?“
„Äh, nein?!“
Genau dies vollführte die Elbe nun abrupt. Trotzdem meinte ich zu spüren, dass sie den Sternelben ordentlich den Marsch blies.
Wenige Augenblicke später ordnete Elin an: „Geh noch heute in die Kirche.“
Das wollte ich ohnehin. „Üben wir vorher noch Magie?“, fragte ich hoffnungsvoll.
„Nur, wenn du endlich frühstückst.“
Unsere magischen Übungen traten diesmal zu meinem Frust gänzlich auf der Stelle. Endlich gab ich genervt auf und löste den Vorsatz aus der vergangenen Nacht ein, Stück für Stück mein Heim zu erkunden. Richtig pingelig vom Keller bis ins Observatorium. Erwähnenswert ist an dieser Stelle einzig das verschlossene Minizimmer im ersten Stock. Nach meiner Erinnerung lag auf der Nordseite nur eine dunkle Abstellkammer. Die Tür knisterte vor Magie! Umgehend befragte ich die Elbe. Hinter der Tür befand sich ihr Zimmer!
Empört und beschämt schimpfte ich wie ein Rohrspatz: „Du kannst es dir aussuchen, entweder die Gästewohnung oder besser noch das Observatorium mit Sternenblick.“ Mit wild in der Luft schlackerndem Zeigefinger drohte ich hintendrein: „Etwas anderes kannst du dir aus dem Kopf schlagen.“
Die Elbe zeigte sich gerührt. Doch erst als ich mit Essensverweigerung drohte, gab sie sich trällernd geschlagen. Leichten Herzens ließ ich sie allein.
Sonnenschein und Vogelgezwitscher empfingen mich vor dem Haus, der erste Frühlingstag. „Ach, jetzt müsste der Brunnen plätschern. Und Frühlingsblumen müssen ebenfalls unbedingt her. Vielleicht finde ich morgen Zeit, ins Gartencenter zu fahren.“ Wozu stand schließlich ein Auto in der Garage? Kaum hatte ich den Brunnen passiert, sprang darin Wasser melodisch über kleine Kaskaden. „Danke, Elin!“
Auf dem Weg zur S-Bahnstation überlegte ich, wie sich das Innenleben der Fahrgäste in dem Zug am besten ignorieren ließe.
Verkrampft nahm ich im Waggon einen Stehplatz mit Fensterblick ein und versuchte energisch, meine Gedanken fest auf Santa Christiana zu richten. Dennoch drangen auf mich Lust und Frust, Neugier und Apathie, Hoffnungen und Kummer wie angesogen ein.
Zweimal stieg ich unterwegs bebend aus und holte zehn Minuten mühsam Luft, bis der nächste Zug kam. Zu guter Letzt hatte ich mein Ziel mit übel ramponierten Nerven erreicht.
„Abgeschlossen, auch das noch!“ Was blieb anderes übrig, als am Pfarrhaus zu klingeln.
Anstatt eines ‚Hallo, wie geht es Ihnen‘, schimpfte der öffnende Priester: „Werfen Sie, salopp ausgedrückt, immer derart mit Geld um sich?“
Offensichtlich war meine Spende für die wertvolle Orgel auf dem Gemeindekonto eingegangen.
Schlagfertig gab ich zurück: „Es heißt schließlich Geben und Nehmen und nicht Nehmen und Nehmen.“
„Da ich nun ganz unverschämt zwei Mal genommen habe, wie sehen Ihre Forderungen an mich wohl aus?“, konterte er schelmisch.
Gespielt erschienen tiefe Furchen des Nachdenkens auf meiner Stirn. „Sie bekennen sich freiwillig schuldig, also mildernde Umstände“, spannte ich ihn auf die Folter. „Wie wäre es mit lebenslanger Freundschaft? Ja, ich denke, das wäre eine angemessene Strafe.“
„Das ehrt mich zwar, scheint mir aber ein zu geringer Preis.“
Eine vage Eingebung verleitete mich zu dem mit Nachdruck vorgetragenen Satz: „Unterschätzen Sie niemals echte Freundschaft, sie könnte Ihnen Ungeahntes abverlangen!“
Von meiner plötzlichen Ernsthaftigkeit überrumpelt, brachte Pater Raimund lediglich ein zustimmendes Nicken auf die Reihe. Ich lächelte sanft. Das ermutigte ihn wiederum.
„Und der zweite Preis?“
„Na, Sie nehmen es aber ganz genau. Also gut. Jederzeit Zugang zur Kirche?“
„Abgemacht. Sie erhalten den Zweitschlüssel.“ Mein neuer Freund verschwand und tauchte wenige Augenblicke später mit dem Schlüssel auf. „Allerdings dürfen Sie ihn auf gar keinen Fall verlieren, sonst komme ich in Teufels Küche.“
„Lass den Schlüssel hier“, rieten die Lichtwesen.
Folgsam sagte ich zu dem Priester: „Ein sicheres Versteck an der Kirche wäre mir lieber.“
Gemeinsam gingen wir hinüber und wählten schließlich eine unauffällige Stelle, wo sich ein Ziegelstein aus dem porösen Mauerwerk gelöst hatte.
„Leisten Sie mir zur Belohnung nachher Gesellschaft bei einer Tasse Tee?“
Sein interner Ringkampf aus brennender Neugier und priesterlicher Demut brachte mich ungewollt zum Schmunzeln. „Sicher, dass es sich bei einer Tasse Tee mit mir um eine Belohnung handelt? Dann bis nachher.“ Damit öffnete ich die Kirchentür und ließ ihn perplex zurück.
„Lilia, wie schön, dass du gekommen bist“, empfingen die Sphärenheiligen mich säuselnd.
„Ups, das klingt fast nach einem schlechten Gewissen der Sternelben.“
„Dir Qualen zu bereiten lag uns fern, bitte verzeih.“
„Schon okay, auf jeden Fall waren die dramatischen Erfahrungen mit menschlichem Seelenleid lehrreich. Eure Hilfe nehme ich dennoch dankbar an.“ Diese günstige Gelegenheit musste beim Schopf gepackt werden. „Wo wir gerade beim Thema sind, könntet ihr mir beim Erlernen der Magie auch ein bisschen unter die Arme greifen?“
„Die Magie wohnt dir inne, du musst sie lediglich erkennen lernen.“
Eine herbe Enttäuschung. „Ich möchte Elin doch furchtbar gerne helfen“, quengelte ich gequält.
„Du sorgst dich um sie“, stellten sie mit Wohlwollen fest.
„Ja, sehr.“
Die Sternelben nahmen das in mir stetig wachsende Gefühl einer unbestimmten Bedrohung auf. „Lerne, Lilia, das ist unser bester Rat an dich. Schon bald wirst du eine Aufgabe erhalten, die dir den Sinn vergegenwärtigt.“
Ungeniert ratterte ich auf ihr Stichwort hin die nächste Wunschliste herunter: „Bis dahin benötige ich ganz sicher mehr Geschicklichkeit und Schnelligkeit – und perfektes Englisch, um meine Allgemeinbildung aufzumöbeln, und …“
„Halte ein!“ Doch die Lichtwesen erfreuten sich an meinem Bestreben, das Beste aus mir zu formen.
Leider fehlten darunter jene Wünsche, die sie als Top Ten für eine Halbelbe favorisierten.
Aus dem Buch „Inghean“
Das Menschenkind mag noch so lernwillig sein, niemals wird es den Fähigkeiten einer Elbe auch nur nahe kommen.
Aufgetankt mit lichtener Energie strebte ich dem avisierten Tee entgegen.
Die Haushälterin öffnete. „Willkommen, der Herr Pfarrer telefoniert, aber ich soll Sie schon mal reinbringen. Mögen Sie Aprikose-Nusskuchen?“ Ohne Punkt und Komma redete sie fröhlich weiter. Es sprudelte nur so aus ihrem guten Herzen hervor, welches garantiert schwerlich zu erschüttern war.
„Lilia, ich dachte schon, du kommst nicht mehr vorbei.“
Wie leicht ihm das Du jetzt über die Lippen kam! „Ich hatte eine Menge zu klären.“
Raimund fixierte mich. „Du tust es. Richtig? Du redest mit ihm.“
Sein Gefühlscocktail entlockte mir ein Lächeln. Halb ohnmächtig, halb ehrfürchtig, gewürzt mit einer klitzekleinen Prise Neid. Wir setzten uns an den gedeckten Tisch, bevor ich antwortete: „Nein, mit ihnen.“
Der Groschen fiel bei ihm mit der gedehnten Langsamkeit eines Schwerelosen. Die Wucht des Aufpralls kam für uns beide überraschend.
„Ihnen?“, japste er.
Totenstille, ich ließ ihn begreifen, saß reglos da, bis der Duft des Kuchens jegliche Zurückhaltung fahren und mich zulangen ließ.
„Ihnen?“, wiederholte er tonlos.
„Was soll ich ihm sagen?“, erbat ich Hilfe.
„Sehr behutsam die Wahrheit, Lilia.“
Erst nachdem mir die Sternelben mehrfach versichert hatten, dass Raimund weder durchdrehen noch sonstige Dummheiten anstellen würde, verließ ich das Pfarrhaus. Heftigster Zweifel nagte an mir. „Habe ich wirklich das Richtige getan?“
„Er musste es erfahren.“
„Warum?“
„Weil der Priester einer der wichtigsten Menschen in deinem Leben sein wird.“
„Die Wahrheit hat ihn hart getroffen“, bedauerte ich.
„Er wird daran wachsen.“
„Versprochen?“
„Im Namen des Lichts!“
Elin war bereits fort, noch ein Kummer mehr. Das Abendessen ignorierend, ging ich rastlos im Haus umher. Meine Gedanken schweiften zurück an den Anfang dieser Geschichte. „Stell dir mal die Vorher-Nachher-Frage“, forderte ich mich beinhart heraus. „Vorher gab ich ein verhuschtes, zurückgezogenes Wesen, das für die Menschheit so unwichtig wie eine ferne Galaxie war.“ Jetzt befand ich mich seekrank auf einem fremden Schiff, unterwegs zwischen menschlichen Wirrungen und himmlischem Treiben. Ziel unbekannt. „Verdammt, der Preis lässt sich in Geld kaum mehr messen.“ Würde die Geschichte am Ende von Leben oder Tod erzählen? „Sei vernünftig, tot ist am Ende jeder.“ „Nicht der Dämonfürst“, erwiderte mein Alter Ego trocken. „Hör auf!“ Gleichgültigkeit. Wieso empfand ich plötzlich Gleichgültigkeit? „Weil du dich endlich in dein fremdbestimmtes Schicksal zu fügen beginnst.“ Na, dann konnte ich jetzt genauso gut essen.
„Guten Morgen, Elbenkind.“
„Hmmh?“
Noch halb verschlafen, konnte mich Elin herrlich auf die Schippe nehmen. Mit in die Hüfte gestemmten Händen stand sie am Fußende des Bettes.
Meine gegähnte Antwort: „Erst Tee.“
Die Elbe erinnerte mich an die Party meines Nachbarn. „Heute Abend wirst du endlich mal eins deiner schönen Kleider anziehen.“ Darüber schien sie völlig aus dem Häuschen zu sein.
„Wieso, was hast du gegen Hosen?“
„Lilia, deine Schönheit ist elbengleich, das darfst du ruhig zeigen.“
„Okay, dann kannst du mich ja für das große Ereignis ankleiden“, meinte ich spöttelnd.
Die Aufforderung sollte ich bereuen. Na ja, nicht ernsthaft.
Wir setzten den magischen Unterricht fort. Diesmal flogen sämtliche Gegenstände, ohne den Nebeneffekt heftiger Schweißausbrüche, an jeden gewünschten Ort innerhalb des Hauses. Der Wasserkocher füllte sich zum ersten Mal von selbst, der Tee zog – bis er ungenießbar war. Üben, üben, üben.
Danach forderte Elin mich mit einer völlig neuen Aufgabe heraus. „Schließ die Augen, stell dir den Supermarkt vor, konzentriere dich auf die Kühlschränke, fixiere dein Lieblingsjoghurt, rufe es.“
Mit zusammengekniffenen Augen, gefurchter Stirn und maximaler Konzentration verharrte ich minutenlang wie in Stein gemeißelt.
Die Sauerei war unbeschreiblich! Etwa ein halbes Dutzend Gläser, gefüllt mit je 500 Gramm Joghurt, zersplitterte auf dem Küchenboden. Immerhin, wir blieben unverletzt und schüttelten uns vor Lachen. Elin schlenkerte sauber.
„Hast du Lust, gleich mit ins Gartencenter zu kommen?“
Ein Wimpernschlag mit Traurigkeit füllte Elins Augen.
„Tut mir leid!“
„Nicht doch, wie lieb von dir, zu fragen.“
So eine dämliche Idee, ich kam mir richtig gemein vor. Zerknirscht schob ich allein ab.
Drei Wagenladungen und mehrere Stunden später stand der halbe Platz vor dem Gartenhaus voll mit Pflanzen. Hungrig wie eine Löwin ging ich hinein. Elin sang gerade ein Elbenlied über ihre Liebe zu den Blumen.
Während das Essen zunächst meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, bemerkte ich irgendwann doch noch das elbische Schweigen. Den Löffel halb in der Luft belassend, fragte ich hastig: „Ist etwas geschehen?“
„Nein. Wie kommst du darauf?“
„Los, raus damit, dir brennt etwas auf der Seele.“
„Dir bleibt rein gar nichts mehr verborgen.“
„Und?“ Meine Augenbrauen flogen bis zum Haaransatz hinauf.
„Dürfte ich eventuell helfen, die Blumen einzupflanzen?“, brach Elin doch noch ihr Schweigen. Das Maß ihrer mitschwingenden Sehnsucht passte auf keine Skala. Geradezu göttlich, wen wunderte es.
„Dürfen? Ich bestehe darauf!“ Wundervoll, Elin ein echtes Geschenk bereiten zu können.
Kurze Zeit später betraten wir den angenehm von der Sonne erwärmten Platz.
„Wenn du magst, lehre ich dich einiges Wissen über Pflanzen“, bot die Elbe an. „Zuvor musst du jedoch einen Schwur leisten.“
Ein dickes Fragezeichen erschien in meinem Kopf.
„Schwöre beim Licht, dass du dir niemals wünschst, die Sprache der Pflanzen zu lernen. Denn du würdest an ihren Qualen sterben.“
Meine Augen glitten kurz über die Einkäufe und ich verstand. „Ich schwöre es! Die Blumen leiden in Plastikgefäßen, das war mir schon immer klar“, stellte ich fest, um nicht als totales Dummchen da zu stehen.
Elin nickte.
„Na dann, ran an die Buddelarbeit.“ Erst in diesem Augenblick, echt typisch, dämmerte mir: Nie zuvor hatte ich Blumen in Beete gepflanzt.
Nebenbei erzählte Elin: „Pflanzen sind den Menschen in manchem ähnlich. Da gibt es schüchterne und robuste, empfindliche und dominante, Sonnenhungrige und Nachtgewächse. Jede versucht, nach ihrer Art und Bestimmung zu gedeihen. Pflanzen und Tiere brauchen einander, sie geben und nehmen im komplizierten Kreislauf des Lebens.“
„Aber manchmal läuft auch einiges aus dem Ruder“, warf ich ein und dachte an Blattläuse, Raupen, Schnecken oder sonstige Gärtnerplagen.
„Die Natur stellt das Gleichgewicht immer wieder her“, erläuterte Elin. „Nur wo Menschen große Schäden anrichten, versagen ihre Heilkräfte.“
„Ja, wir Menschen kriegen alles kaputt, wie ich das verabscheue.“
Erstaunt sah Elin auf.
„Na, ganz auf den Kopf gefallen war ich in meinem früheren Leben nicht“, brummte ich zu ihrer Erheiterung.
Bis zum frühen Abend gestalteten wir nach Elins präzisen Wünschen die Beete rund um mein Haus neu.
„Wie wäre es jetzt mit Currysuppe, Baguette und Salat?“, schlug Elin vor.
„Das klingt total verlockend.“
„Und danach zügig unter die Dusche, damit wir dich noch ankleiden können“, bestimmte sie.
Sofort zog ich einen Flunsch. Höchstens nach Dämonen stand mir weniger der Kopf, als diese doofe Party des Nachbarn zu besuchen. „Ach du lieber Himmel, ich habe ja gar kein Geschenk!“
Ratlos blickte ich Elin an, die bloß schlenkerte.
„Was ist da drin?“, wollte ich angesichts der schicken Verpackung wissen.
„Edler Whisky.“
„Igitt.“
„Er sammelt Whisky.“
„Den kann der Widerling getrost allein trinken. Trotzdem herzlichen Dank für die Rettung, Elin.“
Ohne Begeisterung trödelte ich nach oben. Die Elbe sandte mir noch ihre Botschaft hinterher, sie wolle in der Zwischenzeit einen Schutzzauber für alle Pflanzen über den Park legen.
„Stell dich hier vor den Spiegel und schließ die Augen“, wies Elin mich an.
An meinem Körper verspürte ich den Kleiderwechsel, dann eine zarte Berührung im Gesicht, zuletzt Bewegung in meinen langen Haaren.
„Erledigt!“
Vorsichtig lugte ich unter meinen frisch getuschten Wimpern hervor. Das dunkelblaue Samtkleid umschmeichelte meinen Körper, ein Hauch von Makeup unterstrich meine Augen. Die Haare hatte Elin raffiniert mit einer Silberspange aufgesteckt, wobei einzelne Locken wie zufällig herausfielen. Zauberhaft. „Reichlich übertrieben für den Anlass, oder?“
„Das ist doch nicht für ihn, sondern für dich“, lächelte Elin. „Fehlt nur noch dies.“ Sie hielt einen schmalen Silberreif empor, an dem ein filigraner Stern aus blau glitzernden Edelsteinen hing. Für Schmuck besaß ich zwar keinen Sinn, doch er war wunderschön.
„Das ist ein Amulett, Lilia. Es beschützt dich vor bösen Menschen. Sie können dir niemals zu nahe treten.“
„Aber es gehört dir, das kann ich unmöglich annehmen“, wehrte ich ernsthaft ab.
„Ich schenke es dir. Bitte, ich wäre beruhigt, wenn du das Amulett fortan immer trägst.“ Und damit legte sie den Reif um meinen Hals.
Tief empfundene Dankbarkeit strömte ihr entgegen.
Dem Widerling, sein Name war mir sowas von Wurst, quollen fast seine Augen aus dem Kopf, als ich vor seiner Tür stand.
„Unsere Prinzessin!“, schleimte er und trat zurück. „Bitte komm hinein in mein bescheidenes Haus.“
Schnell drückte ich ihm den Whisky in seine Hände, ließ ihn gaffend stehen und wanderte in sein Wohnzimmer von der Größe eines Ballsaales. Klobig protzige, pechschwarze Ledergarnituren dominierten, von den Wänden fuhren riesige Acrylgemälde ihre aggressiv grellen Farbkrallen aus. „Schaurig.“ Auf dem – natürlich schwarzen- Flügel klimperte ein Pianist mit gelangweilter Miene herum. Sofort war ich versucht, mir mit Rotwein, Cocktails oder sonst was Alkoholischem die Kante zu geben. Endlich registrierte ich die murmelnde Stille der zahlreichen Gäste. Sie stierten mich mehr oder weniger offen an. „Na toll.“
„Liebe Freunde, darf ich euch meine reizende Nachbarin Lilia vorstellen. Sie hat jüngst mein herrliches Gartenhaus erworben.“ Ganz offensichtlich legte der Widerling nach.
Doch bevor ich zumindest innerlich meiner Empörung über das aufgedrängte ‚Du‘ Luft machen konnte, geschah etwas Wundervolles. Wie eine aufplatzende Seifenblase, gefüllt mit reinem Licht, fühlte es sich an. Meine Seele flutend, verschwand die schwarze Seite meines Ichs. Hass, Neid, Schadenfreude oder Hohn, was immer darauf lauerte, mein Dasein zu vergiften, alles fortgespült. „Hallo, existiere ich noch?“, rief ich zaghaft in mich hinein. „Ja“, kam die gehauchte Antwort, „und es fühlt sich himmlisch gut an“.
Ekstatisch jubilierend ließen mich die Sternelben minutenlang auf imaginären Engelsflügeln schweben. Wie meine vollkommene Entrücktheit wohl auf die anderen Partygäste wirken mochte? Die verstörende Antwort darauf erfolgte postwendend. Der widerwärtige Ausguss eben jener frisch getilgten Empfindungen prallte wie Pestilenz gegen meine Seele. Er stammte von etlichen der anwesenden Frauen. Derweil floss unbekümmert ein Smalltalk belangloser Nettigkeiten über mich hinweg.
„Verschließe deine Seele, Lilia.“
„Kann ich jetzt nach Hause?“
„Geduld!“
Mit eingefrorenem Lächeln betrachtete ich häufiger den schleichenden Zeiger der monströsen Wanduhr als die verlogenen Gesichter um mich herum. Kurz vor Mitternacht vernahm ich schließlich eine interessante Stimme. Sie gehörte zu dem eher unscheinbaren Mann in der hintersten Ecke. Anscheinend versuchte er, gelangweilt dreinblickenden Sitznachbarn seine Begeisterung für Fossilien zu vermitteln. Amüsiert ging ich näher heran.
„Glauben Sie mir, wenn Sie Ihren ersten versteinerten Seeigel oder gar Trilobiten am Strand finden, packt Sie die Leidenschaft.“
„Da kann ich Ihnen von ganzem Herzen zustimmen“, mischte ich mich in seinen Monolog ein.
Wie er mich mit einem Wechselbad der Gefühle ansah! Wollte ich ihn verspotten? Plötzlich strahlte er. „Sie wurden als Lilia vorgestellt, nicht wahr. Mein Name ist Frank, genauer gesagt Professor Frank Welten.“
„Freut mich, Professor.“
Mehr als bereitwillig räumten gleich vier Gäste kopfschüttelnd ihre Plätze. Entspannt begannen wir Zwei eine angeregte Plauderei über unsere Leidenschaft für versteinertes Strandgut.
So raste die Zeit auf drei Uhr morgens zu.
Unser Gastgeber torkelte mit einer feurigen Rothaarigen im Arm heran. „Ich fahre das Schätzchen mal eben nach Hause. Bleibt, solange ihr wollt.“
Ich intervenierte energisch: „Nehmen Sie ein Taxi, Sie können nicht mehr fahren!“
„Keine Sorge, Prinzesschen, wir sind schon erwachsen“, kam leicht lallend zurück.
Zweiter Versuch: „So seien Sie doch vernünftig.“
Aber das Pärchen verschwand bereits winkend zur Haustür.
Der Professor schüttelte unwillig seinen Kopf. „Stets übers Ziel hinaus, so war er schon immer.“
Nachdem mein Retter des Abends, obwohl nüchtern, in einem Taxi davonfuhr, betrat ich den Kiesweg zum Gartenhaus. Leichter Frost lag in der Luft. Der Sternenhimmel zeigte sich über meinem Kopf, soweit er das Stadtleuchten durchdringen konnte. Um den stillen Anblick zu genießen, blieb ich stehen. Da schoss eine Gänsehaut wie stechende Eiskristalle über meinen gesamten Körper. „Was …?“ Es kam langsam auf mich zugekrochen, mehr als nur Grauen, bestialisch, höllisch. Erstarrt registrierte ich die nie zuvor erlebte Empfindung.
Die Sternelben brausten panisch: „Lilia, ins Haus, sofort!“
Rennend öffnete ich mit Magie die Haustür, krachend fiel sie hinter mir zu. „Licht an!“ Mit einem heftigen Handschlenker erstrahlte die gesamte Beleuchtung. Ich flüchtete mich in die Küche. „Was ist das?“
„Ein Dämon streift umher, Elin ist auf dem Weg, warte.“ Die Sphärenfrauschaft hüllte mich in ihr Licht. Aber sie verheimlichten mir, dass es meine erstrahlte Seele war, die den herumstreunenden Dämon anzog. Vor allem aber verschwiegen sie, dass ihr Licht lediglich meiner Beruhigung diente. Gegen einen Dämon war es nutzlos schwach an diesem Ort.
Mein Hirn wiederholte in Endlosschleife: „Ein Dämon? Ein Dämon! Ein Dämon? ...“
Bestimmt eine halbe Ewigkeit saß ich zitternd am Küchentisch und starrte zu den Fenstern. Plötzlich erleuchtete ein gleißend weißer Blitz den Park, kurz darauf erschien die Elbe.
„Bist, bist du okay? Ist der – ist er tot?“, brachte ich mit klappernden Zähnen mühsam hervor.
Sie nickte und verschwand erneut.
Antworten wollte ich selbstredend keine. Zwischen den Schüben eines Schluckaufs, sicherlich die körperliche Reaktion auf den Zustand meines Gehirns, gab ich mir nun absichtlich mit einer halben Flasche Rotwein die Kante.
Aus dem Buch „Inghean“
Es wird von Nacht zu Nacht schwieriger, die Dämonen von dem Heim des Menschenkindes fern zu halten. Meine Sternschwestern haben die Gefahr unterschätzt.
Kapitel 4
Drei Tage später klingelte es. Ein Fremder stand vor der Haustür, wie die Überwachungskamera zeigte.
„Bitte ihn hinein, Lilia.“
Unsicher öffnete ich dem immerhin sympathisch aussehenden Mittdreißiger.
„Entschuldigen Sie bitte die Störung, ich bin Georg, der Bruder von Golo.“
Es dauerte eine Sekunde, bis ich begriff, dass er meinen Nachbarn meinte. „Kommen Sie doch herein.“
Wir setzten uns in die Küche.
„Ihr Name stand auf der Gästeliste, deshalb dachte ich, Sie waren eine Freundin von ihm.“
„Waren?“ Noch bevor er weitersprach, wusste ich, was geschehen sein musste. Wie hatten es die Sternelben nüchtern prophezeit: Das Problem würde in naher Zukunft verschwinden.
„Mein Bruder ist Samstagnacht bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“
„Das muss schrecklich für Sie sein, mein Beileid“, antwortete ich aufrichtig.
„Ehrlich gesagt, wir standen uns nie nahe, hatten uns seit Jahren nicht mehr gesehen“, brachte er erklärend hervor. Der Tod seines Bruders traf ihn trotzdem, denn dieser Mann stellte dessen komplettes Gegenteil dar.
„Jedenfalls, die Beerdigung findet am Freitag statt, falls Sie kommen möchten.“
„Sag zu.“
„Danke, das werde ich selbstverständlich tun.“
Die Party mit ihren Folgen hinterließ bei mir zwei Lektionen: über das Urvertrauen und über das Schicksal.
Am Freitag, kurz vor elf Uhr, betrat ich in Erwartung eines Menschenauflaufs die Kapelle des Westfriedhofs. Irritiert blinzelte ich in das schummrige Licht, bis sich ein kleines Häuflein herausschälte.
Georg löste sich aus der Gruppe und kam auf mich zu. „Wenigstens eine, die ihr Versprechen hält. Na ja, irgendwie nicht verwunderlich. Waren Sie eigentlich eine enge Freundin von Golo?“
Er überspielte seine Nervosität, ich lächelte ihm beruhigend zu. „Nein, bloß seine neue Nachbarin.“
Aus welchem Grund auch immer gefiel ihm meine Antwort spürbar. „Dann wollen wir die Zeremonie hinter uns bringen, Golo war ja kein gläubiger Mensch.“
„Und Sie?“, fragte ich unverschämt neugierig.
„Offen gestanden, meistens weiß ich nicht, was ich glauben soll. Ich bin Wissenschaftler“, fügte er halb entschuldigend hinzu. Sein Blick zuckte an mir vorbei. „Mensch, wo bleibst du denn?“, rief er einem jungenhaft aussehenden Mann entgegen.
Was war der süß, schlaksig, mit hellbraunem Lockenschopf. Aus der Nähe schätzte ich ihn unwesentlich jünger als Georg.
„Ich konnte keinen Parkplatz finden, Schorsch“, verteidigte er sich atemlos.
„Darf ich vorstellen, mein Lebensgefährte Jay. Und das ist Lilia, unsere baldige Nachbarin.“
„Interessant!“
Wenn das Wetter es zuließ, ging ich neuerdings wieder am frühen Morgen joggen. Der zwingend notwendige Ausgleich zu dem Übermaß an Kopfarbeit. Seit der Party befand sich mein Innerstes in einem gewaltigen Prozess des Wandels. Erstens wusste ich die gruselige Erfahrung mit dem Dämon kaum zu verdauen. Zweitens nährte sich beständig die Furcht, mich selbst zu verlieren. Nach meinem Empfinden schlichen Monster um mein Heim, während sich ein fremdes Wesen in meinem ebenso fremden Körper ausbreitete. Da kam mein Kopf nicht annähernd mit.
Elin half und ermutigte, wo sie es vermochte. „Das Elbenkind in dir wächst. Selbst wenn es dir fremd erscheint, war es doch immer ein Teil von dir.“
Direkt am Tag nach der Party hatte sich die drastischste Veränderung gezeigt. Meine Magie floss in Strömen, völlig ohne Konzentration oder den bestärkenden Handschlenker.
„Meine Güte“, hauchte Elin, „wahrhaft beeindruckend“.
Doch in Wahrheit benötigte ich die Elbe mehr denn je – als Anker, Ratgeberin und Schutz vor mir selbst.
Gerade brütete ich an einer vagen Idee. „Was meinst du, Elin, sollte ich in die Kirche gehen und die Sternelben bitten, mir meine Furcht zu nehmen?“
Sie stimmte mit Bedacht zu: „Aber unbedingt nur den überflüssigen Teil, denn gesunde Furcht ist ein wichtiger Ratgeber.“
Aus dem Buch „Inghean“
Die sehenden Sternschwestern wissen weit mehr, als sie einer Dienerin wie mir mitteilen. Verborgene Kräfte wirken in dem Menschenkind. Die Seelenschmelze naht, und mit ihr die Rückkehr meiner Fürstin.
Zu frühzeitig erreichte ich Santa Christiana, glaubte ich angesichts der fleißig werkelnden Orgelbauer. Sie begannen jedoch gerade, für den Feierabend aufzuräumen. Die Männer grüßend, fragte ich nach dem Stand der Dinge.
„Da liegen noch etliche Monate harter Arbeit vor uns, schon wegen der komplett neu zu fertigenden Teile“, meinte Meister Janes. „Wie ich dem Herrn Pfarrer schon sagte, vierhunderttausend Euro werden vorne und hinten nicht reichen, wenn die Orgel hinterher originalgetreu klingen soll.“
Bestürzt, weil ahnungslos, bat ich den Meister um eine neue Schätzung.
Nach kurzer Überlegung brachte er vor: „Nochmal gut die Hälfte des Betrags oben drauf, das sollte in jedem Fall reichen.“
Höchst erstaunt nahm er mein Versprechen entgegen, die Sache umgehend zu regeln.
„Priester, dir lese ich die Leviten!“
Nachdem die Orgelbauer gegangen waren, setzte ich mich neben dem Altar auf das neue große Kissen. Ein Geschenk von Raimund. Das Licht strahlte mittlerweile um ein Vielfaches intensiver als zu Anbeginn. In der Folge speicherte mein Körper immer größere Mengen an Energie. Aber ich besaß nicht den Schimmer einer Ahnung, wie viel Macht dadurch bereits in mir steckte, geschweige denn, was damit anzufangen wäre. „Bald strahle ich wie ein Leuchtturm“, bemerkte ich scherzhaft gegenüber den Sternelben.
Ihre Antwort haute mich um.
„Nur, wenn du es willst.“ Noch immer taktierten sie mit rätselhaften Andeutungen. „Jedes zu seiner Zeit!“
Dennoch sandte ich ihnen meine Gedanken über die Furcht.
Sie erkannten die unnötige Quälerei und versprachen Abhilfe. „Lass es geschehen, das Elbenkind wird dich sicher führen“, forderten sie eindringlich.
Nackte Angst kam als Antwort. Dann, ganz langsam, zog sie sich zurück.
Wir schwiegen eine geraume Weile.
„Lilia, wir möchten dir eine Aufgabe übertragen.“
Total überrumpelt zuckte ich zusammen.
„Keine Sorge, es ist kaum mehr als eine Übung.“ Sie weihten mich in ihren Plan ein.
Erleichtert, mehr noch erstaunt, verließ ich zwei Stunden später die Kirche. Welches Rad dadurch in Bewegung gesetzt würde, vergleichbar einem Schneeball, der zur totbringenden Lawine mutiert, wussten selbst die Sternelben nur vage.
Das Schicksal ist voller Fallstricke und Abzweigungen.
Als ich am nächsten Morgen vom ausgiebigen Jogging aus dem nahen Stadtwald zurückkehrte, stand ein enorm großer Umzugswagen vor dem Haupthaus.
„Lilia!“ Hinter zwei kräftigen Kerlen, schwer an einer mir bekannten ledernen Scheußlichkeit schleppend, tauchte Schorsch auf. Sein Spitzname klang wirklich cooler als Georg.
„Hallo, das sieht mir mehr nach Auszug denn Einzug aus“, bemerkte ich enttäuscht.
„Na, in den Möbeln kann doch kein normaler Mensch wohnen. Das wird alles verschenkt.“
„Die Gemälde nicht vergessen“, witzelte ich.
Schorsch erwiderte grinsend: „Wie könnte ich! Morgen fangen die Maler an, am Samstag wollen wir dann einziehen.“
„Super! Falls ihr Hilfe benötigt, einfach klingeln“, verabschiedete ich mich erleichtert.
Aus Vorfreude strahlend wie eine Schneekönigin, wetzte ich heim unter die Dusche. Mit Jay und Schorsch würde sich das Vorderhaus von seinem düsteren Dasein verabschieden. Und ich bekäme bestimmt tolle Freunde. Die Augen während meiner Haarwäsche schließend, kehrte augenblicklich meine Erinnerung an die Sternelben zurück. „Richtig, ihr Auftrag, gleich nach dem Frühstück.“
Vor der PC-Tastatur fand ich ihre Aufgabe doch ziemlich knifflig. Ich sollte eine eMail an Kriminalhauptkommissarin Katja Rainer schreiben. Wie sie mir erklärt hatten, ging es zunächst darum, ihr Vertrauen zu gewinnen. „Und wie stellt man das bei einer Kommissarin an? Mit Fakten!“ In meinem Gedächtnis befanden sich sämtliche ekelerregenden Details über einen Mord, begangen vor knapp drei Monaten. Die Ermittler tappten völlig im Dunkeln, der Fall würde ungeklärt bleiben. Es sei denn, ich half nach. Von Polizeiarbeit verstand ich null. Einschlägige Fernsehkrimis kamen mir grundsätzlich nicht auf den Bildschirm. Und die vor Jahren zeitweilig in Unmengen verschlungenen Kriminalromane lagen sicher weitab der Realität. Jedoch konnte ich mir zusammen reimen, dass Genauigkeit den entscheidenden Schlüssel darstellte. Am vernünftigsten also, ich schrieb eine Liste. „Mal sehen. Erstens alles über den Täter, zweitens über den Mord, drittens existierten noch unbekannte Zeugen. Und das Wichtigste wären ja wohl die Beweise. Okay, los geht’s.“
Das Projekt verschlang Stunden. Irgendwann schaute Elin vorbei und sagte etwas von Mittagessen. Da ich unten nicht auftauchte, stellte sie die Müslischale auf meinen Schreibtisch.
„Essen, oder ich ziehe den Stecker raus“, drohte sie mit erhobenem Zeigefinger.
„Ja, ja, gleich.“
Eine Stunde später wollte sie Ernst machen, deshalb riss ich mich kurz von der Arbeit los. Müsli kauend guckte ich die bislang fünf ordentlich gegliederten Seiten nochmals durch. „Name – du hast die Adresse des Mörders vergessen!“
Als ich endlich auf „Senden“ klickte, ging bereits die Sonne unter.
Katja Rainer warf einen kurzen, ungnädigen Blick durch ihr schmales Bürofenster auf eben jenen Sonnenuntergang, während sie ihre eMails durchging. Sie würde wahrscheinlich mal wieder bis Mitternacht im Kommissariat über den Akten brühten müssen.
Kaum hatte sie sich widerwillig umgedreht, sah sie den Eingang in ihrem persönlichen eMail-Konto. „Wer zum Kuckuck … woher hat die Absenderin meine geheime eMail-Adresse?“, ärgerte sie sich laut.
In der Betreffzeile stand: Infos zum Mordfall Emma Steiner.
Sie öffnete den Anhang, eine PDF-Datei mit sieben Seiten, und scrollte automatisch den Text herunter. „Verdammt, für solche dämlichen Scherze bin ich die Falsche.“ Die Kommissarin wollte schon auf die Löschtaste gehen – und stutzte: „Das kann niemand wissen, die Infos zur Tatwaffe haben wir zurückgehalten.“
Rasch stand ihr instinktiv gefasster Entschluss fest, am Samstagmorgen einen einzigen Versuch zu starten. Lag die Tatwaffe nicht an der detailliert beschriebenen Stelle im Schlachtensee, würde sie die Absenderin ausfindig machen und ihr den Marsch blasen. Ihr unbestechlicher Instinkt glaubte etwas anderes.
Der Samstag startete mit strömendem Regen. Mit einem Teebecher in der Hand stand ich nachdenklich im Wintergarten und schaute den hinabperlenden Tropfen zu. „Wie abscheulich, bei solch einem Sauwetter umziehen zu müssen. Ich wünschte von Herzen, die Sonne würde für Schorsch und Jay herauskommen.“
Sie tat es eine Viertelstunde später, ohne dass mir aufging, warum. Kurz entschlossen zog ich meine Joggingsachen an und spurtete zum Stadtwald los. Keine zwei Straßenecken weiter goss es wie aus Kübeln. „Na super, also gebe ich heute mal wieder die Freilaufschwimmerin, nörgelte ich.“
Eine gute Stunde später bog ich triefend nass um die Ecke unserer Straße und lief in strahlenden Sonnenschein hinein. „Verrückt!“
Nach der heißen Dusche erzählte ich Elin beim Frühstück von den Wetterkapriolen.
Sie schalt mich wie ein Kind. „Wirklich, Lilia, inzwischen müsstest du das doch besser wissen. Kapriolen! Dann mach es halt sorgfältiger, wenn du dich schon einmischst.“
„Du willst mich auf den Arm nehmen!?“
„Das widerspräche meinen Umgangsgepflogenheiten“, gab die Elbe trocken zurück.
„Ich soll die Sonne hervorgelockt haben?“
Mit verärgertem Kopfschütteln verschwand Elin. Mein Kopf hingegen gab die rote Laterne. Scheibchenweise schwante mir, wieviel Verantwortung und noch mehr Risiken elbische Magie mit sich brachte. „Lilia, die Wetterhexe“, spottete mein Alter Ego.
Mittags parkte Katja Rainer ihren Privatwagen ein Stück entfernt. Offensichtlich fand in dem Haus gerade ein Umzug statt. „Protzbau“, dachte sie beim Anblick des Vorderhauses. „Passt wie angegossen zu dem exzentrischen Namen. Wer sonst nennt seine Tochter Lilia Joerdis!“ Die Möbel sahen allerdings ziemlich schick aus, stellte sie beim Blick in den Lkw fest, unerschwinglich schick.
„Wollen Sie nachschauen, ob Ihre Truppe ordentlich arbeitet?“ Ein verdammt gutaussehender Mann stand im Hauseingang und sah ihr erwartungsvoll entgegen.
„Äh, nein, ich suche Frau van Luzien.“
„Ach, Lilia! Da sind Sie hier falsch“, deutete Schorsch nach links, „sie wohnt im Gartenhaus“.
Katja klingelte am Tor, das sofort geräuschlos aufschwang. Und selbstverständlich registrierte sie die gut getarnte Überwachungskamera.
Die Sternelben warnten rechtzeitig vor meiner Besucherin. Gespannt saß ich nun am Küchentisch, wo Tee und Sandwiches bereit standen. „Katja, der Name kommt aus dem Russischen von Katharina, ‚die Reine‘. Und Raimund bedeutet ‚Schützer nach dem Rat der Götter‘“, fuhr ich grinsend fort. Georg ist ‚der Wachsame‘.“ Weiter kam ich mit dem merkwürdigen Befund über die Namen meiner neuen Bekanntschaften nicht.
Der Monitor zeigte eine mittelgroße, durchtrainierte, ungefähr dreißigjährige Frau. Praktischer kurzer Haarschnitt, wachsame braune Augen. „Na dann!“
„Hallo, ich bin Lilia.“
Zögernd ergriff sie meine ausgestreckte Hand. „Hauptkommissarin Rainer.“
Sie folgte mir in die Küche.
„Bitte, setzen Sie sich doch.“
Die Kommissarin registrierte den gedeckten Tisch. „Anscheinend erwarten Sie Besuch, dann will ich es kurz machen“, meinte sie widerstrebend.
„Nein, ich habe Sie erwartet“, erwiderte ich lächelnd und schenkte Tee ein. „Probieren Sie die Sandwiches, eine Spezialität des Hauses.“
Meinen Gast beschlich ein beunruhigendes Gefühl. Die Kommissarin versuchte, mir fest in die Augen zu schauen, konnte ein irritiertes Blinzeln aber nicht verbergen. „Sie – Sie haben mir eine eMail geschickt.“
Geduldig wartete ich ab, bis sie herausplatzte: „Woher stammen diese Informationen, Frau van Luzien? Taucher haben heute Morgen die Tatwaffe geborgen.“
Klar hatten sie das. Und in diesen Minuten suchte ihr Team gezielt nach den anderen Beweisstücken von meiner Liste. „Bitte, nennen Sie mich einfach Lilia.“ Auf zum schwierigeren Part. „Ich muss Sie um einige Zeit und reichlich Geduld bitten, bevor ich Ihre berechtigte Frage beantworten werde.“
Die Kommissarin wollte protestieren, beschwichtigend hob ich die Hand. „Würde ich Ihnen in diesem Moment die Wahrheit an den Kopf werfen, nähmen Sie mir kein einziges Wort davon ab.“
Wieder wollte Katja protestieren, doch ich ließ sie nicht zu Wort kommen. „Deshalb möchte ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten: Nennen Sie mir einen oder auch mehrere Ihrer ungelösten Fälle der Vergangenheit. Im Gegenzug erhalten Sie weitere Listen per Mail.“
„Sind Sie Privatdetektivin?“ Misstrauisch versuchte sie eine rationale Erklärung zu finden.
„Nein, nichts dergleichen“, versicherte ich, stand kurz auf und kam umgehend mit Schreibzeug zurück. „Also?“
Innerlich hin und her gerissen über die unwirkliche Situation, siegte zuletzt Katjas starker Instinkt. „Vor zwei Jahren wurde der neunjährige Ralf Bregen getötet. Der Täter konnte nie ermittelt werden. Im Juni letzten Jahres verschwand die vierjährige Eva Trinkhardt. Wir wissen nicht, ob sie noch lebt.“ Bleischwer lasteten die Fälle auf Katjas Seele. Monatelang hatte sie unermüdlich beinahe rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche gearbeitet. Vergeblich. „Wenn Sie das schaffen, werde ich Ihnen glauben, wer auch immer Ihre Quelle sein mag.“
„Nein, so schnell nicht“, war ich mir aus eigener Erfahrung sicher, „aber für den ersten Schritt sollte es allemal reichen“.
Hinterher benötigte ich dringend frische Luft und schlenderte kurz entschlossen zum Vorderhaus.
„Hallo, Lilia, gut, dass du kommst. Wo kann man denn hier etwas Essbares kaufen? Unsere Mägen hängen schon in den Zehenspitzen“, lachte Jay.
„Lass mich das übernehmen, ich habe Zeit. Wieviel Mann seid ihr denn?“
„Sechs, aber lass man, Getränke brauchen wir ja auch noch.“
„Keine Widerrede, wird schon erledigt.“
Eifrig flitzte ich zurück.
In der Küche wartete meine magische Bestellung: zwei große Tabletts mit Bergen an Sandwiches, dazu drei Körbe mit kalten Getränken, Kaffee und dem benötigten Zubehör. „Das musst du jetzt wohl selbst schleppen. Jay fällt glatt in Ohnmacht, wenn ein Korb aus dem Nirgendwo vor seinen Füßen landet.“
In der Tat traute er selbst so seinen Augen kaum, als er mich postwendend mit dem ersten Tablett kommen sah. „Ach so, du wolltest uns überraschen“, fand er schnell eine Erklärung für sich – und half mir unwissentlich erst aus der magischen Bredouille und dann beim Schleppen.
Zehn Minuten später saßen die Männer um den großen Küchentisch herum und lobten mit vollen Mündern meine Sandwiches. Belustigt zog ich Leine, weil unterschwellig innere Unruhe aufkeimte. „Ab in die Kirche! Ach nein, die Orgelbauer arbeiten ja auch samstags um diese Uhrzeit noch.“
„Komm ruhig, Lilia, sie haben heute in ihrer Werkstatt zu tun.“
Während ich den Schlüssel aus seinem Versteck pulte, kamen meine Gedanken über die Orgel zu dem ungenutzten Klavierflügel im Wohnzimmer. „Ob ich das Spiel erlernen darf?“ Eigentlich wollte ich die Sternelben gleich darum bitten. Doch vorrangig stand das beinahe vermasselte Treffen mit Katja auf der Tagesordnung. Mich in andere Menschen hinein versetzen, das barg neuerdings explosives Katastrophenpotenzial.
„Lilia!“, schmetternd entrissen sie mich der Grübelei und erteilten sogleich einen Tadel wegen der unbedachten Anwendung von Sandwich-Magie. „Erst denken, dann zaubern!“
„Ja-a. Und der Flügel?“, bettelte ich sehnsuchtsvoll.
Erheitert sangen sie: „Ja-a-a.“
Dann begann der wahrlich grauenhafte Teil unseres Treffens. Eine gewaltige Flut an Informationen über Katjas ungelöste Mordfälle ergoss sich in meinen Kopf.
Geraume Zeit später wollte ich abschließend von den Lichtwesen wissen, ob Katja hinterher erneut vor der Tür stehen würde.
„In Zukunft ist sie dein häufigster Gast.“
„In Freundschaft?“
„Das hängt von deinem Geschick ab.“
„Und eurer tätigen Mithilfe, hoffentlich.“ Stöhnend rutschte mir der Kommentar heraus: „Hattet ihr nicht kürzlich gemeint, das Ganze sei lediglich eine Übung?“
Funkstille.
Eben wollte ich den Heimweg antreten, da meldeten sie sich nochmals. „Möchtest du eine Aufgabe bekommen, die dir Spaß bereitet, wie die Menschenkinder es nennen?“
„Aber immer!“
„In der Rachmaninow-Straße droht der Musikschule aus Geldmangel die endgültige Schließung. Du spendierst doch so gerne“, neckten sie mich.
„Die Schule liegt auf meinem Rückweg!“, rief ich begeistert.
„Nein, Lilia, es dämmert bereits, warte bis morgen Vormittag.“
Die Sternelben wollten, dass ich die Nacht fürchten lerne.
„Guten Morgen. Sind Sie der Leiter dieser Schule?“
„Wir nehmen keine Schüler mehr an“, wies er mich sichtlich zerstreut ab, „wir schließen“.
„Ich weiß, deshalb bin ich hier.“
Nun völlig verwirrt, nahm er mich erst richtig zur Kenntnis. „Warum das?“
„Sie benötigen ungefähr zweihunderttausend Euro zur Fortsetzung des Lehrbetriebs. Ich möchte schauen, ob eine Spende hier gut investiert wäre.“
Entgeistert fragte er: „Sie wollen spenden?“
„Wie wäre es, wenn Sie mich durch Ihr Haus führen und mir unterwegs Ihre Sorgen schildern?“
Eine lange Pause entstand, bis seine tief sitzende Resignation in vorsichtigen Optimismus umschlug.
Ermutigend hakte ich mich bei ihm unter. „Kommen Sie, was haben Sie alles auf dem Herzen?“
Zwei kleine Jungs tobten die breite Treppe hinauf, der vordere blies pausbackig in seine Trompete, der andere antwortete mit seiner Querflöte. Lächelnd drohte ihnen der Schulleiter mit dem erhobenen Zeigefinger.
„Und Sie wollen wirklich diese gewaltige Summe spenden?“ vergewisserte er sich.
„Ja, allerdings“, bekräftigte ich, „nichts heilt so wundervoll die Seele, wie Musik es vermag“.
Jetzt über das ganze Gesicht strahlend, stellte er sich vor: „Ich bin übrigens Gernot.“
Bei unserem Rundgang schwoll die geschätzte Summe für den dringendsten Bedarf auf mindestens das Doppelte an. Nur die Lehrergehälter bezahlen zu können, griff bei weitem zu kurz. Überall blätterte die Wandfarbe, verkalkte Wasserhähne tropften in maroden Toilettenräumen, das Klavier ein uraltes Wrack, zu wenige Instrumente, Noten, Stühle und so weiter und so fort.
„Anfang kommender Woche sollte das Geld auf dem Schulkonto eingegangen sein“, verabschiedete ich mich. „Aber eines müssen Sie mir versprechen“, fügte ich im Hinausgehen hinzu, „eine riesige Sommerparty mit Pauken und Trompeten“.
Sein herrliches Lachen, durchbrochen von „Ja, ja, ja!“-Rufen, schallte hinter mir her.
Meinen Namen würde Gernot niemals erfahren, so wollte ich es. Die Sternelben hatten nicht zu viel versprochen, glücklich zog ich von dannen.
„Lilia, vor dem Gartentor wartet Katja auf dich.“
Soviel zum Haltbarkeitsdatum des Spaßfaktors.
Die Kommissarin tigerte am Tor entlang, anders ließ sich ihr Verhalten kaum nennen. Ihre braunen Augen huschten unruhig von hier nach dort, bis sie mich entdeckte und streng fixierte.
„Hallo, was gibt es so Dringendes?“
„Wir haben den Mörder dingfest gemacht“, knurrte sie.
„Gut. Wollen wir reingehen?“
Da sie auf dem Weg zum Haus schwieg, organisierte ich schnell ein Mittagessen. Keine gute Idee, wie sich umgehend zeigte.
Kaum in der Küche, fragte Katja mit scharfem Blick auf die zwei Gedecke: „Wohnt hier eigentlich noch jemand?“
„Nein“, spielte ich die Ahnungslose.
Doch sie krallte sich fest. „Besuch?“
„Ja, Sie“, lautete meine ehrliche Antwort, innerlich leicht schwitzend.
„Sie konnten nicht wissen … ich wusste ja selbst nicht … bis vor dem Tor.“
„Langsam, Lilia, sie ist ein Mensch!“ Sphärische Ermahnungen waren zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich überflüssig.
„Setzen Sie sich erst mal hin und nehmen Sie einen ordentlichen Schluck.“
Zu meiner Erleichterung gehorchte die Kommissarin, wenn auch kopfschüttelnd.
Kurze, hochkonzentrierte Denkpause, dann fasste ich einen Entschluss. „Katja“, redete ich sie mit Vornamen an, „du spürst instinktiv, dass bei mir einige Dinge auf eine Weise ablaufen, die sich deinem Kopf verschließt“.
Sie stimmte kaum merklich zu.
„Dein Instinkt liegt richtig. Aber bevor dein Verstand bereit ist, dies ebenfalls zu akzeptieren, braucht er Zeit. Das deutete ich bereits bei unserem ersten Treffen an.“
Erneutes Nicken. Große Pause.
„Kannst du so etwas wie Hellsehen?“ Die Frage musste aus ihr raus.
„Meinst du?“, fragte ich sachte, „mit einem ‚Ja, so ähnlich‘ würdest du irgendwann klarkommen?“
Ihre Hände zitterten leicht, schließlich rang sie sich ein heiser gehauchtes „glaube schon“ ab.
Der Rest des Sonntags verging rasend schnell. Wie an einer Perlenkette aufgereiht, fanden stetig neue Mordslisten ihren Weg in den PC.
Am Abend trat der erste Fall seine Reise in Katjas Büro an. Traurig würde sie lesen, dass das kleine Mädchen längst tot in einem brandenburgischen Waldstück lag. Wenigstens ihre Leiche würde die Polizei nun für die verzweifelten Eltern bergen und den Mörder festnageln. „Wie gut, mich nur als unbeteiligte Dritte mit solchen Gräueltaten befassen zu müssen.“ Das versuchte ich mir zumindest einzureden. Heftiges Gähnen und knurrender Magen brachten mich zu der Überzeugung, für heute genug geleistet zu haben.
Es klingelte.
„Och nö, was denn nun noch?“
Jay grinste auf dem Monitor. Erleichtert öffnete ich ihm die Tür.
„Hallo, Lilia, ist zwar ein bisschen kurzfristig, aber hast du Lust auf Abendessen bei uns? Wir weihen die Küche ein.“
„Klasse! Eine Sekunde, wir nehmen ein paar Flaschen Wein mit.“
„Wie war das gleich mit den Namen und ihrer Herkunft? Jay heißt laut Geburtsurkunde eigentlich Corentin, wie er in einem schwachen Moment verriet. Corentin bedeutet ‚Freund‘.“ Ich strahlte vor guter Laune. Wie der Namensreigen wohl weitergehen mochte?
Als wir die Treppenstufen vor meinem Gartenhaus hinunter gingen, blieb Jay abrupt stehen. „Äh, Lilia, ich will ja nichts sagen, aber du bist noch barfuß.“
Verdutzt schaute ich auf meine nackten Füße. Das Elbenkind fühlte sich pudelwohl so. Grinsend zuckte ich mit den Schultern. „Egal.“
Früh am Dienstag weckte Elin mich erbarmungslos auf.
„Was’n los?“, nuschelte ich verschlafen.
„Raus mit dir, Schlafmütze. Wenn du Tee willst, bevor Katja anruft, dann solltest du dich sputen.“
„Puh. Schläft Katja denn nie?“
„Doch, aber viel zu wenig“, versetzte Elin streng.
Mein prompt schlechtes Gewissen verleitete mich zu dem Gedanken: „Vielleicht kann ich sie ja etwas entlasten.“
„Ja, das kannst du allerdings“, bekräftigte die Elbe, während sie die Fenster aufstieß.
„Brrrrh!“ Schleunigst verschwand ich im warmen Badezimmer. Das war auch so eine Geschichte. Elin konnte wirklich alles mit Magie bewerkstelligen, doch mit dem größten Vergnügen nahm sie manche Dinge selbst in die Hand.
„Hallo, Katja. Was gibt es?“
„Sie – du hast als Adresse des Täters eine Tulipanstraße angegeben. Die existiert gar nicht“, kam von ihr säuerlich zurück.
„Ups, tut mir leid, die liegt in dem großen Marzahner Neubaugebiet, hat dein Navi wahrscheinlich noch gar nicht auf dem Schirm.“
„Das Gebiet kenne ich“, stellte sie erleichtert fest, „alles klar, danke“.
Mir drückte auch etwas auf die Seele. „Katja, tust du mir bitte einen großen Gefallen? Nenne niemals meinen Namen, sag einfach, du müsstest deine anonyme Quelle schützen. Geht das?“
„Versprochen!“ Bislang wäre es ihr ohnehin nie im Leben eingefallen, einem Kollegen oder gar ihrem Vorgesetzten von mir zu berichten.
Am späten Abend beendete ich den dritten ungelösten Fall für die Mordkommission. Noch eine halbe Stunde für die Essensvorbereitung, dann würde Katja läuten. Ihr Faible galt der italienischen Küche, also zauberte ich Minestrone, Ciabatta und überbackenes Fischfilet mit Penne, dazu Rucola.
Sie aß so genießerisch konzentriert, dass ich schmunzeln musste. „Möchtest du noch Wein?“
„Nein danke, ich muss leider noch fahren. Aber hättest du eventuell einen Espresso?“ Satt und zufrieden lehnte sie sich zurück.
„Ups. Was jetzt?“
„Frag sie“, ermunterten mich die Lichtwesen.
„Wenn du dafür mutig genug bist, kann ich Espresso magisch ordern. Ansonsten müsste ich probieren, irgendwie eigenhändig Kaffee auf die Reihe zu kriegen.“ Forschend blickte ich Katja an. Sie hatte eindeutig das Zeug zu dieser Mutprobe.
„Hast du gerade ‚magisch ordern“ gesagt?“ Ihre Augen spiegelten den inneren Kampf zwischen sich verhört haben wollen und der glasklaren Gewissheit, richtig verstanden zu haben.
„Habe ich.“
Halb gespannt, halb angespannt kam: „Na, mach schon.“
Absichtlich erschien der Espresso mit einigem Abstand drüben auf der Anrichte. Katja keuchte. In beruhigendem Ton erklärte ich den Unterschied zwischen Zauberei im Zirkus und magischer Lichtenergie.
„Aber wieso kannst du das?“
Gute Frage, nächste Frage. „Das ist eine sehr lange, komplizierte Geschichte“, wich ich unbeholfen aus. „Ich verspreche dir, du wirst sie später einmal erfahren.“
Denn dafür würde Katja ein anderes Kaliber von Mut brauchen. Immerhin, bislang schlug sie sich tapfer.
In den folgenden Wochen mailte ich der Kommissarin etliche Aufklärungsarbeiten. Beispielsweise zu einem Bandenkrieg im Wedding mit tödlichem Ausgang, einem Raubmord in der City West und einer Wasserleiche im Wannsee. Meine detailreiche Dauerbeschäftigung mit Gewalt, Hass und Mord mündete in beinahe allnächtlichen Albträumen über bluttriefende Messer, Mörderfratzen oder Wasserleichenzombies. Schweißgebadetes, manchmal von Schreien begleitetes Aufwachen wurde fast notorisch. Stück für Stück blieb meine Lebensfreude auf der Strecke.
Allmählich erregten die spektakulären Erfolge der Kriminalpolizei ein größeres Interesse bei den Medien. Katja erwies sich als besonnen genug, ihrem Chef und dem Team sämtliche Lorbeeren zuzuschieben. Die Achtung, besonders der männlichen Kollegen ihr gegenüber, stieg dadurch beträchtlich. Gut so. Leider schwollen deren Fragezeichen bezüglich ihrer anonymen Quelle genauso beträchtlich an. Eine tickende Zeitbombe.
Nach Ansicht der Sternelben näherte sich rasch der Zeitpunkt für den nächsten, heiklen Schritt: ein Mord, der bereits geplant, aber noch nicht geschehen war. Das sollte ich Katja begreiflich machen.
Die Lichtwesen wirkten geradezu nervös und beschieden mich mehrmals, äußerst behutsam vorzugehen. „Achte auf Katjas Verstand“, bläuten sie mir ein.
Zuletzt wurde ich selbst richtig kribbelig.
Am Sonntag sollte unser brisantes Frühstück über die Bühne gehen. Doch die Fallstricke des Schicksals zerschlugen meine Pläne. Katjas Chef überrumpelte alle Beteiligten mit seinem spontanen Entschluss, vor meinem Gartentor auf Katja zu warten. Die Adresse kannte er aus der ersten eMail. Ihm schwante, dass die Sache mit der offiziell anonymen Quelle stank. Also bog der Kommissar kurz entschlossen ab und opferte der akribischen Recherche seinen heiß geliebten Segeltörn auf dem Wannsee.
Mit solchen Kurzschlusshandlungen, lernte ich genervt, war der langsame Schicksalsfluss überfordert. Eine später stets wiederkehrende, boshaft lauernde Gefahrenquelle.
Jetzt blieben mir knapp zwanzig Minuten, mich darauf einzustellen. Plan B kam nie gut, andernfalls hätte er ja auch die A-Note erhalten müssen. Wenigstens reichte die Zeit, um Katja vorzuwarnen.
Das dreisame Frühstück geriet, gelinde ausgedrückt, ungemütlich. Die Spannung ließ sich kaum ertragen. Oberflächlichen Smalltalk verkniff ich mir von vornherein. Katja erzählte recht monoton vom Auffinden der entscheidenden Puzzleteile des letzten Falls, erstarb aber nach und nach. Jeder würgte an seinem Brötchen.
Irgendwann war es wiederum Katja, die die Faxen dicke hatte, wie sie das hinterher nannte. Der andere Grund, so erkannte ich: Sie musste ihr bizarres Geheimnis schlicht mal ausspucken. Also ballerte die Kommissarin ihrem Chef hemmungslos einige schwer verdauliche Tatsachen über mich um die Ohren.
Mit versteinerter Miene stand er wortlos auf und ging.
„Was soll ich tun?“, bat ich die Sphäre um Rat.
„Lass ihn, er wird das Gesagte verdrängen und danach so tun, als kämen die Informationen ausschließlich von Katja selbst.“
Mehr umständlich denn behutsam erklärte ich es der Kommissarin. Sie zeigte sich fürs Erste einverstanden. Dabei schwang noch etwas anderes, Zartes in ihrer Seele mit.
„Ups, Katja beginnt sich in ihren Chef zu verlieben. Da werde ich mich hübsch heraushalten.“
„Sie wird deine Hilfe benötigen, Lilia.“
„Oh nein!“
„Oh ja“, brummten sie im tiefsten Bass zurück.
Befreit genossen wir Frauen unser Frühstück nun doppelt. Nach dem ersten Glas Sekt wagte ich mich an meine eigentliche Mission. „Katja, was wäre, wenn du schon vorher von einem Mordkomplott wüsstest?“
„Na, das wäre echt cool. Jedenfalls, wenn der Täter trotzdem hinter Gittern verschwindet“, erwiderte sie herzhaft. Ganz langsam folgte der schräge Blick in meine Richtung. Ich sah ihr Gehirn förmlich rattern. „Du meinst, du willst sagen, also…“
„Nicht nur tolles Essen und verschwundene Leichen, genau.“
Drückende Unsicherheit musste in ihrem Inneren aufkeimender Angst weichen, flackernder Mut griff an, bevor ihr Instinkt zögerlich das Rudern durch unbekannte Gewässer übernahm. Die Kommissarin würde es schaffen. Sie musste es schaffen!
Was vom Sonntag für mich allein übrig blieb, investierte ich in ein zukünftiges Mordkomplott. Einmal ist immer das erste Mal. Oder?
Zur Belohnung gönnte ich mir hinterher als verspätetes Abendessen eine Pizza der Größe L, belegt mit frischem Gemüse. Der Vorteil, wenn man allein lebte, war, hemmungslos mit den Fingern essen zu können. Mein Bauch nahm unterdessen die Form einer Melone an, sozusagen von der Honig- zur Wassermelone anschwellend. „Ein wenig Bewegung könnte jetzt nicht schaden.“
Aber draußen herrschte längst die Nacht über das Firmament.
Aus einem unergründlichen Nichts ließ mein Kopf in seine Stille hinein Clara Pontys „Melancholy“ erklingen. „Der Flügel!“ Ich ging ins Wohnzimmer, entzündete Kerzen und öffnete ihn. Bedächtig setzte ich mich auf den Schemel, ließ meine Augen über die Tasten gleiten. Mit leicht gespreizten Fingern legten sich meine Hände sacht darüber. Zaghaft wiederholte ich „Melancholy“. Von dem akzeptablen Resultat ermutigt, versuchte ich mich an Chopins „Nocturne“. „Ah, welch eine Wonne!“ Verborgene Sehnsüchte glitten durch meine Finger hinaus wie Freudentränen. Darin versinkend, erklang die „Mondschein-Sonate“. Nun mit geschlossenen Augen wogend, verlor ich jedes Gefühl für Zeit und Raum.
„Lilia! Lilia!“ Mit donnernder Macht riefen die Sternelben.
Verwirrt wusste ich mich kaum in die Realität zurück zu befördern.
„Lilia, komm zu dir!“
„Warum, was ist?“
„Elin, du musst sie retten!“
Ihre Botschaft sprengte sämtliche Träumereien mit Lichtgeschwindigkeit aus meinem Kopf. „Wo ist sie?“
„Schnell, wir führen dich, benutze den Wagen.“
Die Sternelben lotsten, nein, scheuchten mich quer durch die nächtliche Stadt in Richtung Osten, bis eine große Industriebrache auftauchte.
„Spute dich, Lilia, ihr müsst schleunigst fort.“
Ich sprang aus dem Wagen, hastete über Steinbrocken, verrostete Drähte und abgekippten Sperrmüll, begleitet von beißendem Güllegestank. „Ist hier ein Abwasserrohr geplatzt?“ Würgend presste ich eine Hand vor die Nase. Meine Augen schossen hektisch hierhin und dorthin, bis ich ein schwächliches Glimmen zu erkennen glaubte.
Elin lag halb verborgen unter einem zerbeulten Blechstück. Behutsam hob ich sie auf. Die Elbe wog – nichts. Ihr Licht schien beinahe erloschen.
„Elin, Elin, bitte halte durch, ich bin bei dir, alles wird gut.“
Kaum mehr wahrnehmbares Flüstern: „Lilia, in die Kirche.“
Die Sternelben drängten mit brausendem Gesang zur Eile. Im stolpernden Laufschritt trug ich die Elbe zum Auto, legte sie auf die Rückbank und sprang zurück auf den Fahrersitz. Mit Vollgas ging es über rote Ampeln nach Santa Christiana.
Vorsichtig mit dem linken Arm Elin haltend, tastete ich nach dem Schlüssel für die Kirchentür. Die Lichtwesen erleuchteten bereits den Altarraum. Langsam ließ ich mich auf das Kissen sinken, zog Elin auf meinen Schoß und richtete ihre offenen Handflächen zum Licht aus. Mein Herz stolperte vor Kummer, Furcht und Erschöpfung, doch meine Gedanken gehörten allein ihr. „Werdet ihr sie retten? Bleib bei mir, Elin!“
Das Licht erstrahlte heller, immer heller um uns. Aber ihr leiser Gesang schläferte mich bald ein, friedlich gegen die Seitenwand des Altars gelehnt. So wurde niemand Zeuge des ungeheuerlichen Geschehens. Inmitten ihres grellen Lichtkegels erschien ein feiner, silberner Strahl. Er zielte auf meine Seele, verharrte, und verschwand in mir.
Genau diese Horrornacht wählten die Sternelben aus, um klammheimlich die Seele ihrer Elbenfürstin Joerdis in meinen Körper zu geleiten.
„Lilia, aufwachen, die Morgendämmerung beginnt!“
Benommen gewahrte ich meine Umgebung. „Wie geht es ihr?“
„Das Elbenvolk ist zäh, sorge dich nicht länger.“
Die Elbe bewegte sich.
„Elin! Bist du okay? Was ist eigentlich passiert?“
Abwehrend verschloss sie ihren Geist. „Vielleicht später.“
„Aber jetzt bleibst du nachts erst einmal zuhause, bis du wieder richtig fit bist“, forderte ich streng.
Ein kleines Lächeln als Antwort. Doch mir zog sich der Magen zusammen bei dem Gedanken, wie knapp die Elbe ihrem Tod entronnen sein mochte.
„Danke, Elbentochter.“
Raimund öffnete im ungünstigsten Moment den Vorhang seines Schlafzimmerfensters, nämlich als wir über den Kirchhof gingen. Noch bevor er in seinem Kopf die Frage, was ich zu der frühen Uhrzeit dort tat, zu Ende formulieren konnte, sah er mich leuchten.
Gemeinsam mit Elin hatte ich eine so enorme Energiedosis abbekommen, dass trotz des Tagesanbruchs ein unübersehbarer Lichtschein um mich schimmerte.
Raimund stierte. Ruckartig zog er den Vorhang wieder zu, nur um ihn fünf Sekunden später erneut beiseite zu zerren. Eine bockige Stimme in seinem Innern tönte: „Und sie ist doch ein Engel!“
Da saßen Elin und ich bereits im Wagen und fuhren davon.
Aus dem Buch „Inghean“
Die Seelenschmelze wurde in der vergangenen Nacht vollzogen. Noch ist das Menschenkind ahnungslos, wen es nun in sich trägt und welche Bürde damit verbunden ist.
Die Hiobsbotschaft über Raimunds morgendliche Beobachtung erwischte mich beim Frühstück. „Du musst zu ihm“, befahlen die Sternelben.
Irrsinnige Kopfschmerzen malträtierten mich.
„Rufe nach Elin, sie kann den Schmerz lindern.“
„Doch nicht deswegen, sie soll sich erholen.“
„Lilia, tu es.“
Das war mir wahnsinnig peinlich, aber die Elbe winkte ab und setzte sich mir gegenüber an den Küchentisch. „Ein klarer Fall von Energiemissbrauch. Leg deine Hände auf meine.“
Vertrautes Kribbeln erfasste meine Hände.
„Ich zapfe dich ein wenig an“, erklärte Elin.
Zum Zeitvertreib sang sie ein Elbenlied über die Sterne. Der Schmerz verschwand.
„Bitte, kann ich dir jetzt vielleicht helfen?“
„Möchtest du das wirklich?“
Mutig bejahte ich.
„Dann will ich mich mit den Sternelben beraten.“
Im selber Einbrocken hielt ich die einsame Spitze.
Raimund wartete in schierer Seelennot auf mich, berichteten die Sternelben auf dem Weg zum Pfarrhaus. Einmal vor der Tür noch tief Luft holen. Klingeln. Die Haustür wurde derart schnell aufgerissen, als hätte der Priester dahinter gestanden.
„Lilia.“ Er musterte mich von oben nach unten und rückwärts, begleitet von einer lupenreinen Gefühlskakophonie. Dank Elin gab ich zwar keine Leuchtboje mehr, was Raimund dennoch keineswegs beruhigte. Im Gegenteil, jetzt traute er seiner eigenen Beobachtung vom Morgen kaum mehr über den Weg.
„Darf ich trotzdem hereinkommen?“
„Äh, ja natürlich.“
Kaum saßen wir an dem runden Tisch, redete ich Klartext – wie üblich ohne gründliche Überlegung. „Raimund, ich bin kein Engel. Ein Teil von mir ist elbisch, deswegen habe ich heute Morgen geleuchtet.“
„Elbisch?!“
„Engel sind …“
„Elbisch?“
„Sekunde, lass mich ausreden. Also, es hat nie Engel mit Flügeln und all dem Zeug gegeben, sondern es sind Elben. Ein alter Übersetzungsfehler der Mönche. Verstehst du? Der Rest ist einem Übermaß an menschlicher Fantasie geschuldet.“
Ein einziges, gigantisches Fragezeichen saß mir gegenüber.
„Raimund“, nahm ich den nächsten Anlauf, „die Elben sind nicht aus Fleisch und Blut. Sie benötigen zum Leben die Energie des Lichts“. Nochmal tief Luft holen. „Da ich nun mal weder ganz Mensch noch ganz Elbe bin, benötige ich beides, Essen und Licht. Vergangene Nacht bekam ich sozusagen von Letzterem eine Überdosis ab und deshalb habe ich geleuchtet.“
„Sind?!“
„Himmel, an welcher Stelle ist er denn jetzt?“, fragte ich verzweifelt in die Sphäre.
„Lilia, er hat vernommen, dass es noch immer Elben gibt.“
„Verd… !“ Nächster tiefer Atemzug. „Mensch, Raimund, du weißt es doch längst, hör auf dein Herz, deine Seele!“
Mit hängendem Kopf saß er da, minutenlang. Geduldig trank ich Tee.
„Du hast Recht, bis auf meinen Verstand habe ich es erkannt. Aber wo sind sie?“, fragte er flehentlich.
Traurig sah ich ihn an und schüttelte nur meinen Kopf.
Er glaubte zu verstehen. „Wir Menschen sind schuld. Richtig?“
„Ja und nein. Doch diese Geschichte mag ich jetzt nicht über meine Lippen bringen. Die vergangene Nacht war grauenerregend.“
Mitleidig schaute er mir in die Augen. Eine Frage lag jedoch so glühend auf seiner Seele, dass sie hinaus musste: „Sprichst du in der Kirche mit diesen Elben?“
„Ja, mit Sternelben. Sie lehren mich, damit ihr Erbe in mir wachsen kann. Denn sie benötigen meine Hilfe.“ Beinahe hätte ich sarkastisch angefügt: weil der Teufel los ist.
„Lilia!“, trillerte die Sphäre tadelnd.
„Schon gut, ich bin still.“ Trotzig fügte ich hinzu: „Elin und ich benötigen mal Ferien von dem ganzen Horror.“
Nach dem verpatzten Gespräch mit dem Priester trottete ich in die Kirche, auf ein Donnerwetter gefasst.
Ihr Licht schien diesmal kaum stärker als ein Sonnenstrahl. Die Sternelben gingen jedoch über meine Hitzköpfigkeit gnädig hinweg. Stattdessen sangen sie mir ein Lied über den Kampf zwischen Elben und Dämonen. Ich lauschte aufmerksam.
„Lilia, du weißt, lediglich zu Anbeginn kämpften sie mit Blitz und Feuer. Diese gewaltige Macht ist ihnen genommen.“ Dann erzählten sie mir, wie die Elben lernten, aus ihrem inneren Licht eine Waffe zu formen. Zudem ersonnen sie die Kunst des Schwertkampfes. Die tückischen Dämonen benötigten weit weniger Zeit als gedacht, um die neuen elbischen Fähigkeiten in Schwarz zu kopieren. Das Gemetzel zwischen ihnen ging weiter.
Ihre Geschichte klang für mich so lange wie von einem anderen Planeten, bis dies kam: „Dein Mut ist noch wankend, doch soll dich Elin im Gebrauch des Lichts und in anderen Fertigkeiten unterrichten.“
Warum beschlich mich das untrügliche Gefühl, dass sie mit ihrer Entscheidung haderten?
In der Tat wendete sich das Blatt allzu schnell, der Dämonfürst spielte mit Elin – noch. Von dem wahren Ausmaß der vor mir liegenden Geschichte kannte ich damals kaum mehr als den Buchdeckel.
Kapitel 5
Elin leistete mir Gesellschaft, indem sie zum Frühstück ein Lied über das Lichtschwert Hormin sang. Es diente allein der Elbenfürstin, führte sicher ihre Hand, bewachte seine Herrin auf Leben und Tod. Viele Jahrhunderte lang währte der letzte Kampf zwischen ihr und dem Erdfürsten der Dämonen. Als er den grausamen Sieg errang, verschwand Hormin mitsamt Joerdis.
Unverzüglich vergaß ich die angeknabberte Brotscheibe, war völlig in ihrer Geschichte gefangen. Der Dämonfürst schien seit meinem ersten „Buchtag“ wie eine Klette an meinen Eingeweiden zu haften. „Was will er? Oder ist die Frage schon falsch?“ Logisch betrachtet, war es ein Unding, dass ausgerechnet ich gegen unterirdische Monster antrat. Und selbst Elin, eine echte Elbe, besaß keine ausreichende Stärke, es mit dem Fürsten aufzunehmen. „Wie löst man gleich noch den berühmten gordischen Knoten?“ Ich schluckte und antwortete mir selbst: „Mit dem Schwert!“
Die ganze Zeit über beobachtete Elin mich genauestens. Trotz meines rechtzeitig verschlossenen Geistes musste meine Mimik wohl Bände gesprochen haben.
„Mit ungelegten Eiern lässt sich nicht jonglieren“, suchte sie mich abzulenken.
„Wo hast du denn den Spruch aufgegabelt?“
Sie lächelte kurz, kam aber direkt auf Ernsteres zu sprechen. „Nachdem wir ausgiebigen Urlaub genossen haben, werden wir heute mit deinem Unterricht beginnen.“
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Elins eigener Urlaub umfasste zwei und meiner drei Tage.
„Bevor wir für die Übungen in den Park gehen, lehre ich dich zunächst Blickschutz.“
Mein Kopf produzierte ein Fragezeichen.
„Ganz einfach, sähe dich ein Mensch auf dem Rasen wild herumfuchteln, dann kämst du in ziemliche Erklärungsnot.“
Einleuchtend. „Und wie stelle ich das an?“
„Erst aufessen!“
Ein „Ja, Mutti“ lag mir auf der Zunge.
Natürlich hielt die Elbe es für überflüssig zu erwähnen, dass das Gelingen solch magischen Kunststücks bei einer Halbelbe keineswegs ausgemacht war.
Zehn Minuten später standen wir in der Eingangshalle. Dort verschwand die Elbe vor meinen Augen und wurde beinahe im selben Atemzug wieder sichtbar. Sie befahl: „Hülle dich in einen unsichtbaren Kapuzenumhang.“
„Meinst du so einen Tarnumhang wie bei Harry Potter?“
„Bitte?“
„Du sagtest, ich soll …“
„Ich weiß, was ich sagte.“
„Und woher nehme ich das Teil?“
Elin stemmte ihre Hände in die Hüften und sagte betont langsam für extra Doofe: „Aus deinem Querschädel.“
„Ah – ja.“ Damit verbunden vermittelte ich der Elbe einen Wasserfall an Fragezeichen.
Erst riss ihr Blick meinen Kopf ab, dann besann Elin sich. „Für die Menschin nochmal von vorne: Du stellst dir in deinem Geist einen unsichtbaren Umhang vor. Den hängst du dir um. Klar?“
„Äh, versuchsweise. O – kay…“
Es funktionierte! Was Elin richtig schön überrumpelte. Ich gebe zu, die reine Wahrheit war: Gesicht und Hände hingen ohne Körper in der Luft.
Die Elbe zog mich vor den großen Flurspiegel.
„Nun verhülle den Rest.“
Aber ich schüttelte mich bei diesem durchgeknallten Anblick dermaßen vor Lachen, bis mir der Bauch wehtat. Minutenlang ging nichts mehr.
„Albern wie ein Teenager!“, schimpfte Elin.
Dieselbe Botschaft sandte mir meine Gefühlszentrale bereits seit Tagen. Das Elbenkind mauserte sich klammheimlich und in atemraubender Geschwindigkeit zum Teenager. „Hihi!“
Kurz darauf betraten wir beide wie unsichtbare Geister die ausgedehnte Rasenfläche des Parks.
„Na, dann wollen wir gleich mal sehen, ob deine Kampfmagie ebenso stark ist“, forderte die Elbe mich heraus.
„Ach, ich hab ja noch mein Kleid an.“
„Umso besser“, meinte sie.
„Merkwürdig, dass ich zunehmend nach Kleidern, vorzugsweise in Weiß, greife statt nach bequemen Jeans.“
„Lilia, bitte konzentriere dich“, mahnte Elin. „Du hast große Mengen an Licht in dir gespeichert. Jetzt geht es darum, sie wieder hinaus zu lassen. Schließ deine Augen und erspüre die Energie in dir.“
Die Aufgabe dauerte einen Hauch länger. Als ich es geschafft hatte, begann ich vergnügt, ein bisschen mit dem Licht in meinem Innern zu spielen.
Irgendwann hörte ich ein verständnisloses: „Was brauchst du denn so lange dafür?“
An Stelle einer Antwort formte ich eine kleine Lichtkugel und befahl sie in meine rechte Hand. Dann warf ich die Kugel zu Elin hinüber. Könnten Elben in Ohnmacht fallen, sie hätte es getan. Garantiert!
Elin stöhnte nur noch: „Überspringen wir also die Lektionen 1 bis 4. Wozu habe ich überhaupt einen Lehrplan ausgebrütet?“
„Tja“, erwiderte ich schelmisch, „ich werde elbisch und du menschelst.“
Wir lachten uns kringelig.
Den restlichen Vormittag formte ich mit dem absoluten Maximum meiner Konzentrationsfähigkeit abwechselnd Bälle, Kreise, Seile oder Säulen aus gleißendem Licht. Im zweiten Schritt lernte ich, den Lichtkörpern einfache Befehle zu erteilen. Im Grunde genommen agierte ich wie ein Jongleur, bloß ohne Muskelkraft. Eine wahrhaft anstrengende Arbeit.
„Schluss für heute!“
Mehr als einverstanden ging ich mit Elin ins Haus. Irgendwie fühlte ich mich leer, selbst noch nach Sandwiches mit Milch.
„Ab in die Kirche!“, kommandierte die Elbe.
Hungrig nahm ich in Santa Christiana neues Licht in mir auf. „Hungrig?“ Zwar hatte ich es gegenüber Raimund kürzlich erwähnt, doch zum ersten Mal empfand ich das Licht tatsächlich als Nahrungsquelle. Raimund. Manchmal schaute er mir eine Zeit lang in der Kirche zu. Seine Sehnsucht, sein Verlangen galt den Lichtwesen. Ein einziges Mal diese Wesen hören, das war sein unerfüllbarer Traum. Denn hier fand Magie ihre Grenze. Oder fand vielmehr das Wollen der sphärischen Geschöpfe sein hartnäckiges Ende?
Die Sternelben zeigten sich erfreut über meine magischen Fortschritte. Diesmal sangen sie eine Geschichte über die Elbenfürstin. Ihr Mut, ihre Anmut, ihre klare Seele und ihre starke Hand kamen darin vor. Ach, im Vergleich zu Joerdis fühlte ich mich wie ein Wicht.
„Warum nennt ihr und Elin niemals den Namen der Fürstin?“, wollte ich spontan wissen.
„Ehre und Achtung verbieten es“, behaupteten sie.
Ich stutzte. „Warum trage ich dann ihren Namen?“
„Das haben nicht wir entschieden!“
Ende der Durchsage. Ich fühlte mich wie eine abgekanzelte Erstklässlerin. „Schluss mit lustig“, ätzte mein Alter Ego. Womit es leider vorausschauend recht behielt.
Nach der unerquicklichen Zusammenkunft schickten mich die Sängerinnen auf den nahe gelegenen Marktplatz. Als Folge der Magie drückte ich mich vor lästigen Einkäufen jeder Art. Die Kehrseite: Meine Mitmenschen bekam ich so gut wie nie zu Gesicht. Damit verstieß ich gegen den ersten Auftrag der Lichtwesen, zuvorderst die Seelen meiner Mitmenschen hören zu lernen.
Wenige Kunden besuchten am späten Nachmittag die Marktstände. Daher fiel mir die gebrechliche, alte, ärmlich gekleidete Frau sofort auf. Sie schleifte einen Shopper hinter sich her, der kurz vor dem Zerfallsdatum stand. Ihr Geist war überfüllt von seelischer Müdigkeit, Schmerz und Sorgen.
„Eine kleine Steckrübe, bitte.“
„Heute ist Broccoli im Angebot“, empfahl die Marktfrau freundlich.
„Nein, nein, den kann ich mir nicht leisten.“
Es tat mir in der Seele weh, ihr gutes Herz unter der Last des Leids verschüttet zu sehen. Kurz entschlossen trat ich hinzu und sprach sie an. „Heute ist mein Engeltag. Sie dürfen sich aussuchen, was immer sie mögen, und ich bezahle.“
Sogleich blickte sie mich mit tiefem Vertrauen an. Trotzdem musste ich bei Apfelsinen und Frühkartoffeln gut zureden. Nach beglichener Rechnung nahm ich die alte Frau sacht am Ellenbogen und dirigierte sie nacheinander zum Bäckerwagen und zum Metzger. Mein letztes Bargeld tauschte ich gegen Honig ein.
Ordentlich schleppend, geleitete ich sie bis vor ihre schäbige Haustür und entschwand glücklichen Herzens, bevor die Frau auch nur Luft holen konnte.
Auf dem Heimweg befragte ich die Sternelben nach ihrem schweren Schicksal. Ich wollte mehr tun. Sie aber sagten Ja und Nein dazu.
Du wirst allerorts zu viele solcher Menschen finden, wenn du sehen willst, zu viele um allen Bedürftigen helfen können. Erst wenn das Böse in seine Schranken verwiesen wird, kommt eine bessere Zeit für solch geschundene Seelen.
Resigniert gab ich mich geschlagen.
Aber der alten Frau würde ich helfen, beschloss ich dickköpfig. Nicht mit Geld, denn das nähme ihr Kalle, der verwahrloste Sohn, gleich weg. So hatte sie es mir auf dem Heimweg gestanden. Doch mit Sachspenden, wie man so schön sagt, und zwar mit allem, was sie dringend benötigte. „Warum fühlt sich das jetzt falsch an?“ Wie bei einer geschüttelten Limodose kam die Erkenntnis in einem Schwall durch meine Gehirnwindungen geschossen. Jetzt kapierte ich den Sinn: „Um den Guten zu helfen, gehört das Böse in seine Schranken. Also der Sohn der alten Frau!“
„Richtig durchschaut, Lilia.“
„Erzählt mir bitte von ihm und ebenso, wo ich ihn finden werde.“
Kalle hauste in einer Ein-Zimmer-Sozialwohnung, mit Matratze auf dem Boden, reichlich leeren Flaschen, umgekipptem Aschenbecher und sonstigem Müll drum herum. Ein Klischee zum Durchwaten – und Riechen. Magisch eingebrochen, stellte ich einen nagelneuen Koffer neben den wackligen Tisch, setzte mich vorsichtig auf den einzigen Stuhl und erwartete seine Ankunft. Von den Sternelben wusste ich, ihn interessierte nur eins im Leben: Geld.
Bald schwang die Wohnungstür auf.
„Hallo, Kalle.“
„Was suchst’n du in meiner Hütte, Schnalle?“
Na, wenigstens noch nüchtern. „Ich hörte, du bist an Geld interessiert.“
„Wenn ich deinen Alten umnieten soll, biste hier falsch.“
„Mein Job für dich lautet: Verschwinde aus der Stadt, und zwar endgültig.“
„Pah, ich hab nich mal Geld für’n Öffi-Fahrschein.“
„Kalle, mach den Koffer auf.“
Misstrauisch beäugte er ihn. „Bin doch nich blöd, nachher is da ‘ne scheiß Giftschlange oder ‘ne Bombe drin, wat weiß icke. Du machst auf.“
Also kniete ich mich vor den Koffer, ließ die Schlösser aufspringen und klappte die Hälften auseinander. Zum Vorschein kamen saubere Kleidung, Kulturbeutel, Schuhe, ein Reisepass und eine Plastiktüte.
„Was’n in der Tüte?“ Den Rest ignorierte Kalle.
„Eine halbe Million Euro“, antwortete ich, während die offene Tüte unter seine Boxernase wanderte.
„Du willst mich verarschen, Alte.“ Doch sein Kennerblick sprach eine andere Sprache.
„Du hörst mir jetzt ganz genau zu. In fünf Stunden geht dein Flugzeug nach Kanada. Du rührst bis dahin keinen Alkohol an, machst keinen Abschiedsbesuch bei deiner Mutter oder sonst jemandem.“ Aus meiner Handtasche zog ich den Umschlag mit seinem Flugticket, selbstredend One way. Eindringlich blickte ich ihm in die Augen.
Instinktiv wich er zurück.
„Dies ist die einzige Chance deines Lebens, verwirk sie, und du bist so gut wie tot.“
Die folgenden Wochen vergingen rasant und der Sommer rückte näher. Täglich unterrichtete Elin unermüdlich den Gebrauch von Energie, das Wirken einer Lichtbarriere als Selbstschutz oder die Geschmeidigkeit meines Körpers. Auf Deutsch: Lichtzirkus, Ganzkörperkondom und Schlangenmensch.
Anfangs stand ich mir selbst permanent im Weg, weil mein menschlicher Kopf immer wieder Anläufe für das Oberkommando nahm.
„Lass die Elbe ran“, rief Elin unentwegt, wenn mein Verstand eine Übung vermurkste.
Von ihren intergalaktischen Fähigkeiten schien ich noch Lichtjahre entfernt. Ja, zugegeben, auch weil ich in dem Training reine Spielerei sah. Die Dämonenfurcht war allmählich tief im Hinterkopf eingeschlafen. Natürlich bemerkte die Sphäre das und begann, Wissen tröpfelnd Abhilfe zu schaffen.
Fast täglich stand am späten Nachmittag der Kirchenbesuch auf dem Programm. Ich lud Licht und lernte emsig, es nicht in den Kopf steigen zu lassen. Von wiederholt durchlittenen Kopfschmerzen wegen Übertankens hatte ich die Nase gestrichen voll. Die Sternelben hingegen brachten mir die Welt der Finsternis behutsam näher. Besser gesagt das Wenige, was sie darüber wussten. Da kein Licht in die tiefe Schwärze der dämonischen Unterwelt vordringen konnte oder wollte, blieb das höllische Treiben fast komplett ihr Geheimnis.
Dämonen, so fügte ich es mir wie ein Puzzle zusammen, stellten die Umkehrung der Elben dar: schwarz, massig, böse, feindlich, hinterlistig, Qual und Tod befeuernd. Indem sie Detail um Detail für mich Gestalt annahmen, verloren die Gruftlinge den wilden Schrecken des Unbekannten – und mutierten zu fantastischen Sagengestalten. Auch wieder falsch.
Zudem fühlte ich mich wie eine lediglich halb geschlüpfte Schmetterlingslarve im Frühling. Das Elbenerbe und die Menschfrau in einem Körper, dieser Konflikt schien unlösbar. Verstand oder elbische Intuition, Muskelkraft oder Magie, Weisheit des Lichts oder menschliche Lebenserfahrung? Oh ja, ich war die meiste Zeit schwer mit mir selbst beschäftigt. Wie das bei Teenagern halt so ist.
Aus dem Buch „Inghean“
Meine Sternschwestern verweigern dem Menschenkind noch immer die Wahrheit. Auch die Fürstin schweigt. Worauf warten sie?
Das längere Tageslicht nutzte ich inzwischen freiwillig, um von Santa Christiana aus Streifzüge durch die Stadt zu unternehmen. Etwas Unheimliches ging spürbar vor sich. Wann immer ich es zuließ, floss mir weit mehr Schlechtes und Trauriges als Gutes aus den menschlichen Seelen entgegen. „Berliner in kollektiver Depression oder was?“
Katja bekam ich kaum noch zu Gesicht. Die Polizei soff regelrecht in den sprunghaft zunehmenden Gewaltexzessen unter den Einwohnern ab. Selbst Mord und Raub verpesteten ganze Stadtteile. Die Menschen begriffen nicht, wie ihnen geschah. Und ich? Weigerte mich stur zu begreifen, was ich längst wusste.
Nacht um Nacht saß ich für die Mordkommission am PC. Obwohl jeder Bericht des Grauens dank magischer Kraft immer kürzere Zeit beanspruchte, war mir selbst das zuwider. Schlaf geriet zum verzichtbaren Luxus. Sogar Elin hatte anderes als ständige Ermahnungen zum Essen im Kopf. Unterschwellig wuchs unsere Anspannung wie ein Krebsgeschwür, auch unter den Lichtwesen.
Oft sah ich die Elbe einer Statue gleich auf dem Rasen in der Sonne stehen. Ihre Unruhe umwaberte sie wie ein grauer Gazeschleier.
Eher nebenbei erfuhr ich dann auch mal vom sphärischen Gesangsverein, wer hinter all dem Übel steckte. Der Dämonfürst hatte einen magischen Weg gefunden, das Schicksal auszuhebeln. Seine Sklaven manipulierten Menschen für ihre rabenschwarzen Zwecke.
Die Information landete in einer jener Schubladen meines Gehirns, die extra für unverdauliche Härtefälle angelegt waren.
Kein Wunder, dass die menschliche Normalität bei Jay und Schorsch im Vorderhaus auf mich wie ein Magnet wirkte. Manchmal verordnete ich mir eine Normalopause und zauberte den Jungs drüben vor ihrer Heimkehr ein Abendessen. Zur Belohnung lud ich mich selbst zum Essen ein.
Schorsch arbeitete für einen Chemiekonzern. Sein Charakter orientierte sich am Fels der harten Fakten. Er war ehrlich, etwas reserviert und auf das geradlinige Erreichen jedes gesteckten Ziels ausgerichtet. Jay besaß seit knapp zwei Monaten eine eigene Arztpraxis. Als Kinderarzt kam ihm seine eigene geistige Verspieltheit bei den kleinen Patienten gut zupass. Er war ein Träumer, dem Kunst, klassische Musik oder ein funkelnder Sternenhimmel eben solche Freude bereiteten wie mir.
Irgendwie kamen wir an jenem lauen Sommerabend, während wir relaxed in den Korbsesseln auf ihrer Terrasse lümmelten, auf Opern zu sprechen.
Schorsch rollte theatralisch mit den Augen.
„Warst du überhaupt mal selbst in einer Aufführung?“, fragte ich sofort.
„Klar, auf dem Gymnasium. Unser Musiklehrer hat uns in die ‚Zauberflöte‘ gezerrt.“
Jay und ich stöhnten im Duett auf: „Die würde ich mir niemals antun.“
Schnell überlegte ich mir ein Lockangebot: „In der kommenden Opernsaison suchen wir eine Aufführung für dich aus und du gehst mal auf Probe mit.“
Schorsch setzte zum Wolfsgeheul an.
„Stopp, warte.“ Mir fiel gerade noch rechtzeitig ein unwiderstehlicher Köder ein. „War die Oper ehrlich Schrecken ohne Ende für dich, darfst du uns zur Revanche in einen Klub deiner Wahl schleppen.“
Jetzt greinte Jay, aber Schorsch grinste breit und triumphierte schon: „Ihr werdet es nicht bereuen!“
Eines harmlosen Nachmittags überraschten mich die Sternelben mit ihrer Bitte, abermals einen neuen Pfad zu beschreiten. „Lilia, rede mit Katja. Deine Unterstützung für das Kommissariat greift bei weitem zu kurz. Nur wenn du an ihrer Seite wirkst, können die Gräueltaten der Dämonen zurückgedrängt werden.“
„Aber wie soll das funktionieren, ohne dass andere Menschen aufmerksam werden?“ Da plärrte mein Alter Ego dazwischen: „Wie lange willst du dich noch feige an deinem Schreibtisch verstecken?“
Sie sangen gnädig über das kleine Intermezzo hinweg „Du wirst einen Weg finden, Elbentochter.“
Ich erkannte ihren Plan als das, was er war: ein Akt schierer Verzweiflung. Wir alle standen hilflos einem heraufziehenden Orkan gegenüber – und warteten. „Worauf? Können oder wollen sie es nicht sagen?“
Selbstverständlich wussten die Sternelben damals um jene besondere, die Zukunft bestimmende Prophezeiung. Und um die daran geknüpfte Frage: Würde das Schicksal sie bewahren oder durchtrennen?
Ach ja, und außerdem hatten mich die Lichtwesen zum ersten Mal als ‚Elbentochter‘ angesungen. „Wieso das?“ Die Frage ging in dieser aufgewühlten Gemengelage völlig baden. Blöder Fehler!
Grimmig entschlossen versuchte ich den Balanceakt über das Hochseil zu Katja und ihrer Mannschaft.
Als mein Plan stand, überredete ich die Kommissarin zu einem freien Tag. „Gib dir einen Ruck, du drehst sonst komplett durch. Außerdem habe ich äußerst Wichtiges mit dir zu besprechen“, drängte ich am Telefon.
„Schon gut, ich kapituliere, also Samstag.“
Ein grandioser Brunch erwartete Katja auf der von Duftrosen gesäumten Terrasse.
„Ah, paradiesisch. Weißt du eigentlich, wie gut du es hast?“ Dabei blickte sie in meine sorgengewölkten Augen. „Entschuldige, Lil, tut mir leid!“
Mit gespieltem Poltern forderte ich: „Können wir jetzt endlich frühstücken? Die Kalorien müssen schließlich für den Rest der Woche reichen.“
Unsere Sektgläser klirrten aneinander.
„Ein Hoch auf den freien Samstag!“ So sehr freute ich mich über ihre Gesellschaft, dass meine Fröhlichkeit sie ansteckte.
Nach den verspeisten Croissants platzte Katja mit der mir bereits bekannten und eingeplanten Neuigkeit ihrer Beförderung heraus. „Ich kriege das große Büro von Konny mit richtig viel Sonne. Außerdem einen ordentlichen Gehaltssprung, da weiß ich wenigstens, wofür ich mich totschufte.“
Ich gluckste über den Part, den sie verschwieg.
„Warum giggerst du so frech?“
„Och, ich dachte da gerade an eine bestimmte männliche Person, unverheiratet, die jetzt nicht mehr dein Vorgesetzter ist.“
Katjas Gesicht nahm die Farbe einer reifen Kirsche an. „Woher weißt du das denn schon wieder? Na, ist auch egal, stimmt ja.“ Sie strahlte bis über die Ohren.
„Ähm, Katja, wenn wir nachher kein Krümelchen mehr in unsere strammen Bäuche quetschen können, dann sollten wir zur Verdauung shoppen gehen.“
„Wieso? Nö, lieber hier abhängen, ist doch samstags total überlaufen in der City. Das mach mal alleine, dann lege ich mich solange auf eure Riesenwiese in die Sonne.“
„Ups, der Plan gehört in die Tonne.“ Die Alternative … „Okay, dann veranstalten wir eine Modenschau im Kleiderschrank.“
Katja hielt sich den Bauch vor Lachen und japste: „Als Stilberaterin tauge ich ebenso viel wie Torwarthände für Ikebana.“
Ich grinste breit.
„Sag, was hast du vor?“, fragte sie gespielt drohend.
„Deinem Traumprinzen Konny ein bisschen den Kopf verdrehen?!“
Als attraktive Frau, die jedoch stoisch durch Grips statt stylische Klamotten glänzte, machte Katja es der Männerwelt ziemlich schwer. Ihr Noch-Chef war da leider keine Ausnahme.
Nachdem ein gutes Dutzend kompletter Garnituren mitsamt Schuhen und Taschen für jede nur erdenkliche Gelegenheit in Katjas Wohnung beordert war, sanken wir erschöpft in die beiden Strandkörbe vor der Terrasse. Katja liebte solche Magie inzwischen wie kleine Kinder das weiße Kaninchen aus dem Zaubererhut.
Nun verkündete sie strahlend: „Wirklich, Lilia, entweder du hast zu viel Geld oder ein zu großes Herz!“
Mein Gesicht machte auf Unschuldslamm.
„Okay, beides. Aber ganz ohne Revanche kommst du mir nicht davon. Mir wird schon etwas einfallen, verlass dich drauf.“
Wir näherten uns dem Brennpunkt des Tages.
„Tja, ich wüsste da eine Sache.“
„Was hast du noch ausgebrütet?“
Ein wenig spannte ich sie auf die Folter, bis Katja mit den Augen rollte.
„Aber sei vorgewarnt, jetzt kommt ein ziemlich dicker Hammer.“
„Mensch Mädel, mach hinne, bei mir kribbelt schon alles.“
Mein Plan verrunzelte ihre Stirn. „Also, wenn ich das richtig verstanden habe, soll ich dich quasi als so eine Art Medium in meine Mannschaft einschleusen. Und damit die Jungs und Mädels halbwegs auf dem Teppich bleiben, wahrheitsgemäß erklären, dass die Infos der letzten Monate von dir stammten?“
„Mir ist vollkommen klar, dass einige im Team zunächst Hirnverstopfung bekommen werden. Da müssen sie durch. Wir haben keine andere Wahl, Katja.“
Eindringlich blickte ich in ihre Augen, woraufhin sie sich schüttelte. „Du machst mir eine Gänsehaut. Aber mich belastet schon länger das unheimliche Gefühl, ein kleines Rädchen in einer verflucht miesen Sache zu sein.“
Die grundlosen Gewaltexzesse mit nie erlebter, unmenschlicher Brutalität und die Steilkurve an Morden wie Selbstmorden entzogen sich jeglicher Erklärungsversuche versierter Kriminologen.
Weil es keinen Sinn machte, unser Projekt auf die lange Bank zu schieben, legten wir den Termin für unsere Nagelprobe kurzfristig fest. Bereits am Montag würde ich um 9 Uhr zur Teambesprechung im Präsidium erscheinen. Spontaner Lästerkommentar meines Alter Ego: „Die Barbiepuppe als kriminelles Medium, hahaha!“ Ziemlich präzise den Kopf des heiklen Nagels getroffen.
Der schlichte, dunkelblaue Hosenanzug und die im Nacken geknoteten Haare sollten mich weniger jugendlich wirken lassen. Mit innerer Gelassenheit, hervorgerufen durch sternelbische Gesänge, steuerte ich den Wagen an die Pförtnerloge. Der nette Endfünfziger reichte mir einen von Katja hinterlegten Besucherausweis. Viertel vor 9 Uhr betrat ich den sterilen dreistöckigen Zweckbau aus Beton und stupiden Fensterreihen. Begleitet von neugierigen Augen ging es die Treppe zum ersten Stock hinauf.
Niemand von ihnen ahnte, dass die Fäden unzähliger Schicksale an mir klebten. Dieser Tag markierte für mich den eigentlichen Beginn der dunklen Zeit.
Katjas Bürotür stand offen, ihre Nervosität füllte den kompletten Raum aus.
„Hey, sei du selbst, offen und ehrlich, den Rest übernehme ich.“
Sie versuchte ein zittriges Lächeln und stöhnte: „Puh, du hast gut reden. Meine Leute sind quasi am Boden der Tatsachen festgenagelt.“
Ich wusste allzu gut, was sie meinte. Das sphärische Briefing über Katjas Mannschaft am gestrigen Abend war endlos detailliert ausgefallen. „Bringen wir, was auch immer, hinter uns.“
Gemeinsam betraten wir den öden Konferenzraum, in dem das Stimmengewirr von vier Männern und zwei Frauen kreiste. Zunächst schenkten sie uns keine Beachtung.
„John fehlt mal wieder, ich hole ihn schnell“, erklärte Katja und flitzte hinaus.
Eine gute Gelegenheit für mich, kurz das Innenleben jedes Einzelnen anzuzapfen. Bürgerliche Durchschnittsgefühle mit ausnahmslos erhöhter Toleranz gegenüber Gewalteindrücken. Anders ließ sich in diesem Beruf kaum Jahre oder Jahrzehnte überleben. Dennoch rotierte meine Warnblinkanlage: Jeder von ihnen balancierte gefährlich nah am Limit entlang. Das Team stand kurz vor dem Kollaps. In wenigen Sekunden überdachte ich meine Aufgabe. Nicht die Verbrecherjagd, sondern ein Minimum an Ruhe und Entspannung gehörte an die erste Stelle. Diese rein theoretische Überlegung würde schneller in der Tonne landen als jede gut gezielte Papierkugel.
Katja setzte sich an den Kopf der doppelreihigen Tischanordnung. „Okay, Leute. Ich hoffe mal, zumindest einige von euch hatten ein erholsames Wochenende.“
Weder hörten die Kommissare richtig zu noch schauten sie zu ihr hin. „Wir haben ein neues Mitglied im Team“, deutete sie überflüssigerweise auf mich, „das ist Lilia van Luzien“.
Sofort hatten wir die ungeteilte Aufmerksamkeit der notorisch unterbesetzten Truppe.
„Ihr alle kennt ihre Arbeiten.“
Perplexe Gesichter.
„Lilia ist die anonyme Quelle.“
Ungläubiges Gaffen.
Schnell gab ich Katja ein Zeichen und ergriff mit fester Stimme das Wort. „Der einzige Grund, warum ich selbst hierher gekommen bin, ist die ausufernde Gewalt in unserer Stadt. Ich biete euch meine Hilfe an.“
Vereinzeltes Klopfen und eine Frage von links. „Sind Sie sowas wie eine Hellseherin oder woher beziehen Sie die ganzen Informationen?“
Kollektives Murmeln.
Ganz bewusst ignorierte ich das distanzierte „Sie“. „Nennt es so, wie ihr am leichtesten damit klarkommt. Wer oder was ich bin, ist letztlich völlig egal. Hauptsache, wir bekommen diesen Irrsinn in den Griff.“
Laute Kommentare und eine Frage meines Gegenübers. „Können Sie uns mal eine Kostprobe geben?“
Vereinzeltes Gelächter.
„Oh, Vorsicht junger Mann. Willst du wirklich, dass deine Kollegen erfahren, was du gestern um diese Uhrzeit gemacht hast?“
Er bekam einen roten Kopf. Großes Gelächter.
„Aber im Ernst“, nahm ich den Faden wieder auf. „jeder von euch arbeitet seit vielen Wochen hart an der Grenze des Menschenmöglichen. Wollt ihr mir eine Chance geben?“
Jeden Einzelnen schaute ich offen und direkt an. Ihre Gesichter stellten das komplette Spektrum von Offenheit bis absoluter Ablehnung dar.
Katjas Instinkt ließ sie zur Tagesordnung übergehen. „Okay, teilen wir die Arbeit für den heutigen Tag ein …“
Die Sternelben meldeten sich. „Lilia, um halb Sechs findet ein Banküberfall statt.“
Während ich die Details aufnahm, kam Katja zum Schluss. „Noch Fragen?“
„Was macht denn unsere neue Kollegin?“
Alle Augen richteten sich auf mich. „Ich versorge euch mit fehlenden Informationen. Eines müsst ihr euch unbedingt einprägen: Überfälle, Morde oder Entführungen werden vorher geplant. Aber ihr wisst, es gibt auch Ausnahmen, nämlich Akte spontaner Gewalt. Sie sind niemals vorhersehbar!“ Kurze Verdauungspause. „Außerdem werde ich heute Nachmittag ein Team, das Katja gleich benennen wird, zu dem Banküberfall auf der Schlierallee begleiten.“
Eine Tasse fiel um, ein Stuhl schrammte, die Stimmung drohte ins Chaos zu kippen.
Energisch erhob die junge Kommissarin rechts neben mir ihre Stimme: „Du hast uns allen in den letzten Monaten immer wieder den Arsch gerettet – und wir haben auch noch die Lorbeeren kassiert. Mir ist völlig egal, wie du das anstellst.“ Sie warf einen festen Blick in die Runde. „Also, willkommen im Team.“
Am liebsten hätte ich sie umarmt!
Es erwies sich als Segen, wie viel Übung das Team dank meiner täglich übermittelten „Vorschauberichte“ darin besaß, auf dem gleichen Wissensstand wie die Täter zu sein. Den richtigen Moment für einen einbuchtungssicheren Zugriff zu erwischen, war wahrhaftig ein Kunststück. Effektiv und schnell stand der Einsatzplan für den Banküberfall. Wir würden den Schurken erwarten.
Katja verpasste mir vor unserem Aufbruch eine kugelsichere Weste. „Keine Widerrede!“
Meine eindringliche Mahnung über spontane Gewaltanwendung versah der Bankräuber mit dem Echtheitszertifikat. Im Affekt, aussichtslos vom Team in der verschachtelten Filiale eingekesselt, richtete er seine Pistole auf Thomas. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze, ich dankte im Stillen dem elbischen Morgendrill, sprang ich im entscheidenden Sekundenbruchteil dazwischen. So bohrte sich die abgefeuerte Kugel nicht in die Stirn von Thomas, sondern in meine kugelsichere Weste. Ohne das klobig schwere Ding hätten die Schmerzen doch wohl kaum schlimmer ausfallen können.
Mit Atemnot und zusammen gekrümmtem Oberkörper schleppte ich mich nach Santa Christiana. Meine selbstmitleidig maulige Stimmung ignorierten die Lichtwesen, während sie mich kurierten. Anders mein Alter Ego: „Das schimpft sich Lebenserfahrung.“
„Mensch, Lil, du siehst ja fertig aus“, meinte Jay, der am Abend gleichzeitig mit mir vor dem Haupthaus eintraf, ernsthaft besorgt. „Komm, iss mit uns zu Abend, Schorsch müsste auch bald kommen.“
Wir gingen hinein. Jay drückte mir ein Glas Rotwein in die Hand und verordnete Faulenzen. Er selbst klapperte eifrig mit Küchenutensilien. Neuerdings war Kochen für ihn entspannende Leidenschaft, sofern er Zeit dafür fand. Hätte mir nie passieren können. Ich schlenderte zum Flügel, dem einzigen verbliebenen Interieur des Vorbesitzers. Witzig, da keiner von beiden darauf spielen konnte. Doch wer von uns verstand schon seine sämtlichen Bauchbeschlüsse?
Jay guckte aus der Küche. „Möchtest du erzählen?“
Er wusste nicht, dass die Frage korrekt lauten musste: Darfst du erzählen? Egal, der Tageskübel wollte geleert werden. Also berichtete ich, unter Aussparung gewisser Dinge, von meinem neuen Job und dem Banküberfall.
Ganz Arzt, schimpfte Jay: „Lil, eine kugelsichere Weste ist doch kein Ganzkörperpanzer! Das hätte verdammt schief gehen können.“
Tja, leider führten die Sternelben vor dem Überfall scheinbar stichhaltige Argumente gegen den Gebrauch meines Lichtschutzes an. So nach dem Motto: Die Kommissare halten dich glatt für eine unsterbliche Außerirdische. Und Plan B bestand halt aus der harten Tour mit Kugelweste, das Team für mich zu gewinnen. Zur Belohnung hatten am Ende des ersten Tages die vier an der Aktion beteiligten Kollegen hinter mir gestanden.
Jay riss mich aus den Gedanken. „Hey, weißt du überhaupt schon, dass Schorsch und ich übernächsten Samstag zehn Jahre zusammen sind? Wir schmeißen eine super Gartenparty.“
„Wow! Darf ich euch beim Organisieren helfen?“
„Na, du stellst Fragen.“
Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Am Freitag überwältigte mich schließlich das elende Gefühl, die Hälfte meines Lebens in diesem trostlosen Konferenzraum mit seiner deprimierenden Aussicht auf eine sechsspurige Straße verbracht zu haben. Das einzig Ermutigende: Inzwischen scharten sich fünf Kollegen einigermaßen bereitwillig um mich. Einer der beiden Letzten, Kai, hielt mich steif und fest für eine Hochstaplerin. Etwas anderes war für das verödete Vorstellungsvermögen des 55-Jährigen undenkbar. Er tat mir leid.
„Dürfte ich zumindest Pflanzen für die Fensterbänke organisieren?“, bettelte ich in einer Pause bei den Sternelben. Am liebsten hätte ich meiner geschundenen Seele zuliebe Tabula rasa veranstaltet: sämtliche verschlissenen Furniermöbel ersetzen, Farbe an die schmutziggrauen Wände, Pflanzen dazu plus eine Anrichte mit Kaffeeautomat und Wasserkocher.
Die Sphäre riet ab. „Denk an die Menschen, Lilia.“
Ja eben, tat ich doch. Und ein klitzekleines bisschen an mich selbst. Ich vermisste Elin, seit vergangenem Sonntag hatte ich sie nicht gesprochen. Und ich vermisste die friedliche Stille von Santa Christiana.
Meinem triefenden Selbstmitleid setzten die Sternelben ein knalliges Ende: „Arbeit für dich.“
Ein Killer würde mittags auf dem Flughafen Schönefeld landen. Sein Auftrag: Den russischen Mafiaboss töten, um einen Krieg zwischen der russischen und italienischen Unterwelt anzuzetteln.
„Derart intriganten Verstand hätte ich den Dämonen nie zugetraut.“
„Den besitzen sie auch nicht. Die Mafia gebiert ihre Bosheit aus sich selbst.“
Kaum waren die Details in mein Workpad geflossen, marschierte ich zu Katja ins Büro.
Sie schaute, sich müde die Augen reibend, auf. „Noch mehr?“
Zerknirscht ließ ich sie die Infos lesen.
„Der wird von Interpol gesucht? Dann schnappen wir ihn uns direkt am Flughafen. Kurzer Prozess“, atmete sie erleichtert aus.
„Darf ich jetzt heim?“
Die Sternelben stimmten gnädig zu.
Kurz nachdem die Putzfrauen um 8 Uhr am Sonntag, dem normal siebten Arbeitstag der Woche durch waren, füllte ich die fünf Fensterbänke des Konferenzraums magisch mit Pflanzen. Dieses Zugeständnis konnte ich den Lichtwesen abschwatzen. Da ich vernünftigerweise vor allen anderen Kollegen zur Arbeit angerückt war, sollten sie keinen Verdacht schöpfen.
Während der zweiten Woche im Kommissariat überlebte ich die tägliche Überdosis an Gewalt nur, weil jede freie Minute in die Planung der Gartenparty für Jay und Schorsch floss. Die beiden verhedderten sich in ihren unterschiedlichen Ideen so sehr, dass ich kaum Überredungskunst investieren musste, um ihnen die Sache mit diebischer Freude aus der Hand zu nehmen. Sie rechneten mit rund hundert Leuten. Den größten Spaß bereitete es, das Geschenk zu finden. Trotz aller Gegensätze teilten sie gemeinsame Träume. Getoppt wurde meine Euphorie durch die riesige Vorfreude auf mein freies Wochenende.
Am Tag der großen Party zauberte ich in der Morgendämmerung zu allererst trockenes Wetter. Dann erschien vor dem Haupthaus mein Geschenk. Ein rotes Cabriolet, umwickelt mit cremefarbenem Schleifenband. Einen kurzen Moment liebäugelte ich mit der Verlockung einer Probefahrt. Stattdessen stürzte ich mich auf weitere magische Aufgaben. Im Park errichteten sich ein Zelt, verstreut stehende Gruppen aus Gartenmöbeln und eine Bühne für die angeheuerte Oldieband. Üppige Dekopracht ergoss sich in und um das Haus. Zum krönenden Abschluss fehlte noch Konfetti von ihrer Schlafzimmertür hinunter bis zum Hauseingang und weiter bis zum Gartentor. Danach kamen das Champagnerfrühstück sowie der Umschlag mit meiner Glückwunschkarte und dem Autoschlüssel an die Reihe. Ich war so aufgeregt wie ein Kind vor Heiligabend. „Wow, wow, wow!“
Im Überschwang bekam Katjas schäbiger Konferenzraum voll dickköpfig noch Farbe an die Wände. Nachher würde der Raum meine lieben Kollegen in warmem Terracotta erwarten. Ich jauchzte.
Die Sternelben tadelten mich. „Menschen tolerieren keine Magie, denk an deine eigenen Erfahrungen.“
„Solange ich eine akzeptable Erklärung liefern kann, werden sie es schon schlucken.“ Hoffte ich.
Immer wieder erstaunlich, auf welche Art und Weise dieses „Schlucken“ geschah.
Weder Sonntag noch am Montag war die Wandfarbe ein Thema. Der einzige Kommentar, den ich am Montag mitbekam, lautete fast wortgetreu: „Dafür ist Geld da, das hätten sie mal lieber in eine ordentliche Kaffeemaschine gesteckt.“
Durchtrieben griff ich die Meckerei für einen weiteren Schachzug auf. „Wie wäre es, wenn jeder einen Zehner spendiert und ich morgen vernünftige Geräte mitbringe?“
„Spitze“, kommentierte Janine, von allen kurz Jan genannt. Umstandslos sammelte sie sofort die Scheine ein.
„Seht ihr, so geht das!“, grinste ich allwärts. Über die passende Anrichte würde ich mir später den Kopf zerbrechen.
Derart abgelenkt, bekam ich gerade noch den Rest mit. „… kaputter Stuhl. Muss ich mal beim Hausmeister nachhören, ob im Ersatzteilraum noch einer herumsteht.“
„Ersatzteilraum? Genial!“
Mein Sorgenfall unter den Kommissaren hieß Kai. Gemeinsam mit seiner jungen Partnerin Amelie fahndete er nach einem Schwerverbrecher. Da Kai jede Hilfe durch meine „Fähigkeiten“ stur ablehnte, impfte ich Amelie regelmäßig hinter seinem Rücken. So auch diesmal. „Ich weiß zwar, wo er sich gegenwärtig aufhält, aber der Kerl ist impulsiv. Am besten, wir Zwei halten Kontakt per Handy, damit euer Zugriff klappt.“
Drei Stunden später klopfte sich Kai mächtig an die Brust. „Mein Spürsinn hat mich noch nie im Stich gelassen.“
Seine Partnerin verdrehte die Augen und raunte mir zu: „Ohne dich würde Mattmann an Weihnachten noch frei herumlaufen.“
Ihr Lob bekam ich kaum mit, denn die Sternelben schoben ein dickes Paket in meine grauen Zellen.
Innerlich schüttelte es mich vor Abscheu und Ekel, als ich den Weg zu Katjas Büro antrat.
„Nachtschicht?“, fragte sie müde.
„Kindesentführung.“
Ein Schauer des Entsetzens entstieg ihr.
„Der Täter ist ein alter Bekannter eures Dezernats für Sexualdelikte.“
„Dann sollen die sich kümmern!“, brauste Katja auf.
„Liebes, er will zuerst die Mutter töten“, entgegnete ich sanft.
Mit immenser Kraft drückte sie aufsteigende Tränen weg. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“
Mein Herz weinte für sie.
Die Gratwanderung, diesen Mord zu verhindern, aber dennoch den Täter für lange Zeit hinter Gittern zu wissen, überließen die Sternelben mir. Von Tag zu Tag hielten sie sich mehr mit Ratschlägen zurück. Und selbst wenn sie halfen, klang ihr Gesang eigenartig, irgendwie unkonzentriert oder abgelenkt.
Vor Erschöpfung graue Gesichter verfolgten mit rot unterlaufenen Augen die Einsatzbesprechung. Ein anonymer Magen knurrte laut.
Blitzgedanke. „Katja, fünf Minuten Pause bitte. Ich will schnell etwas aus meinem Wagen holen.“
Mit einem überdimensionalen Tablett und dazu einem Korb am Arm balancierte ich zurück in den Raum. Fragende Blicke.
„Holt mal Gläser.“ Zuerst entfernte ich die Folie von den Sandwiches. Gierige Blicke. Dann kamen Servietten und vier Milchtüten auf den Tisch.
„Milch?!“
„Erst ausprobieren, dann meckern. Langt zu.“
Das erste Gelächter des langen Tages.
Katja dehnte die Pause stillschweigend um weitere zehn Minuten aus.
Das Aufputschmittel à la Elin wirkte.
„Okay, Leute, weiter im Takt“, beendete Katja die Schonzeit. „Wir haben folgendes Problem: Der Täter beobachtet das Haus. Wie kommen wir hinein?“
Mein Handzeichen. „Das übernehme ich. Die Mutter wird mich wie eine Freundin begrüßen …“
„Wie soll das denn funktionieren?“, pampte Kai dazwischen.
„Lass Lilia ausreden, Kai!“, schnauzte Katja. „Also, Lilia, dein Plan.“
„Die Mutter erhält von mir die wichtigsten Informationen, dann lasse ich Jan und John durch das Gartentor hinein.“
Kai erwürgte mich in seiner bescheidenen Fantasie qualvoll.
John warf ein: „Solange du im Haus bist, wird er nichts unternehmen.“
„Stimmt. Gebt mir eine Viertelstunde. Ich werde wegfahren und den Wagen auf der rückwärtigen Straße abstellen. So gelange ich von der Hinterseite abermals hinein.“
Nächster Einwand von Jan mit kritischem Blick auf den von mir besorgten Grundriss des Hauses: „In dem kleinen Schlafzimmer können wir uns nicht verstecken.“
„Nein, ihr bleibt bei der Mutter nebenan im Kinderzimmer. Ich lege mich an Stelle der Mutter in ihr Bett.“
Als schwierigster Part erwies sich die Sache mit der kugelsicheren Weste.
„Katja, ich benötige keine“, flüsterte ich eindringlich.
Nur ihre Erschöpfung verhinderte Gehirnchaos, indem sie den Zugang zur überlasteten Logikabteilung blockte.
„Gibt es eigentlich Arbeitsschutzvorschriften für Magier?“, witzelte mein Alter Ego. Zum ersten Mal durfte ich mit höchstsphärischer Erlaubnis meine Schutzmagie anwenden. Sah ja niemand.
Am Tatort legte ich mich in das Futonbett und lenkte meine Konzentration auf den Energiefluss. Ein unsichtbarer Schutzfilm legte sich um meinen Körper.
Die Zeit tröpfelte in der Dunkelheit zum Einschlafen dahin.
Leise öffnete er die Tür. Seine schwarze Seele spürte ich bis ins Bett brodeln. Im geräuschlosen Schleichgang näherte er sich mir. Das Messer in seiner vorschießenden Hand prallte an meinem Schutzschild ab. Bevor er erfassen konnte, was da geschah, stieß ich ihn mit der Wucht meines Oberkörpers um. Hart schlug er mit dem Rücken am Boden auf, während ich bereits laut rief: „Jan, John, Handschellen!“
Der kleine Junge schlief friedlich in seinem Bettchen. Leise vor Glück weinend saß seine Mutter daneben.
„Ins Bett würde ich jetzt auch gerne fallen“, gähnte ich.
„Du darfst.“
Aus dem Buch „Inghean“
Die Dämonen scheinen sich wie ein Krebsgeschwür in den Eingeweiden der Stadt auszubreiten. Ohne Hilfe sind wir bald verloren.
Kapitel 6
Zwei Monate nach meinem ersten Arbeitstag im Kommissariat zog ich Mitte September eine niederschmetternde Bilanz. Sicher, auf der einen Seite wurden etliche Verbrechen vereitelt, die Aufklärungsrate betrug sogar satte hundert Prozent. Andererseits gab es für meine Kollegen dadurch zwangsläufig noch mehr statt weniger Arbeit. Ihre ausgelaugte Stimmung lag auf dem Gefrierpunkt. Für das Team hatte ich nichts erreicht, das Böse sog erbarmungslos jeden Krafttropfen heraus. Selbst der coole John brachte selten mehr als „Scheiße“ über seine Lippen.
Resigniert ließ ich die Sternelben mein Fazit wissen. „Haltet ihr zufällig einen Plan B parat?“
Tja, sie hielten. „Lilia, dein Wissen reicht nun aus, einen Teil der Aufgaben allein zu bewältigen. Deine Magie wird dich schützen.“
Bei genauerer Betrachtung gefiel mir ihre Idee, ohne menschliche Komplikationen ein bisschen aufzuräumen. Schritt für Schritt legte ich aus eigenem Antrieb die vorgesehene Strecke auf dem Pfad meines Schicksals zurück. Allein, mir fehlte in der pausenlosen Action die notwendige Distanz, dies zu erkennen.
Nun aber zu Plan B. Zuerst orderte ich eine Kiste voll Handschellen und ein Prepaidhandy in mein Haus. So ausgerüstet, pendelte ich entweder zwischen Wohnung und Tatort oder Kommissariat und Tatort hin und her. Sieben Tage die Woche von der Sphäre abrufbar, inklusive Nächte. Eifrig absolvierte ich mein Soloprogramm, ohne zu bemerken, wie die Anforderungen dabei langsam auf der sphärischen Skala empor kletterten.
Hier einige Kostproben:
Angetan mit einem langen weißen Kleid, von leichtem Schimmern umgeben, betrat ich die Behausung in einer heruntergekommenen Hochaussiedlung am Rande der Stadt. Das vierjährige Mädchen wimmerte erbärmlich in einer Ecke des Wohnzimmers. Seine Mutter hing besoffen schnarchend auf der Couch. Es stank nach Müll, Fäkalien und Alkohol.
„Bist du ein Engel?“, schluchzte die Kleine.
Lächelnd ging ich in die Hocke. „Ja, ein Schutzengel.“ Und zauberte einen Teddy hinter meinem Rücken hervor.
Mit großen verwunderten Augen, ein Geschenk zu erhalten, presste sie schnell das weiche Teddyfell an ihren mageren Körper.
„Gleich kommen liebe Leute, die dich mitnehmen, damit du nicht mehr weinen musst“, erklärte ich dem Mädchen.
Es nickte ernst.
Vor der Wohnungstür wählte ich die 110, bat für die Kleine um einfühlsame Beamtinnen und verschwand.
Die Pistole war bereits auf den Kopf des Kioskbesitzers gerichtet, als ich gegen 23 Uhr geräuschlos den Verkaufsraum betrat. Der war mit allem vollgestopft, was die junge Szene in Friedrichshain für spontane Partynächte benötigte. Erst als ich das vorderste Regal umrundete, erblickte ich die filmreife Szene. Genau in dem Augenblick sackte der Kioskbesitzer ohnmächtig hinter seinem Tresen zusammen. „Waffe runter“, hörte der Jugendliche plötzlich dicht hinter sich. Seine Schrecksekunde nutzte ich, schlug ihm die Pistole blitzschnell aus der Hand und drehte ihm beide Arme auf den Rücken. Mit einem Stoß in die Kniekehlen auf den Boden befördert, sah er sich im nächsten Moment als handliches Schnürpaket außer Betrieb gesetzt. Die tolle Technik hatte ich bei den Kollegen abgekupfert. Der Jugendliche bleckte aggressiv sein Lückengebiss und wünschte mich stumm in die Hölle. Verpackt in Folie, schwebte die Waffe neben die Kasse. Den Rest konnten die herbeigerufenen Kollegen erledigen. Der ohnmächtige Kioskbesitzer würde in wenigen Minuten zu sich kommen.
Während der bullige Kerl, er trug eine modische Hornbrille und einen teuren Anzug, noch auf seine apathische Ehefrau einprügelte, nahm er im Augenwinkel ein Leuchten an der Tür seines Wohnzimmers wahr. „Wer zum Teufel…?“ Seine Frage blieb eine Unvollendete.
Ich feuerte eine Blendkugel ab, trat ihm die Füße weg und platzierte hastig, der Kerl mochte hundert Kilo wiegen, Handschellen an seinen Händen und Füßen. Die übel zugerichtete Frau stand schwankend da, Blut rann von ihrer Unterlippe zum Kinn hinab. Es tropfte auf den edlen Teppich. Behutsam umfasste ich ihre Taille und geleitete sie zur Couch. Vor Schmerzen stöhnend, sackte sie zusammen.
„Ich rufe Ihnen den Notarzt.“
Wahrscheinlich hörte sie mich gar nicht. Ihre leeren Augen blickten ins Nirgendwo.
Draußen verständigte ich Notarzt und Einsatzzentrale. Rasch verabschiedete ich mich aus der schmucken Reihenhaussiedlung für Besserverdienende. Selbst in diesem Viertel kroch abendlicher Kloakegestank aus den Gullydeckeln hervor.
Frisch aus dem Knast entlassen, besorgte sich der ehemalige Schweißer zuerst eine Knarre bei seinem alten Zellenkumpel. Der Enddreißiger befand sich auf einem Rachefeldzug ohne Gnade gegen seine Exfrau und deren neuen Freund. Ohne ihn! Seine Ex betrachtete er als sein Eigentum. Bekam er die Schlampe nicht, dann auch kein dahergelaufenes Arschgesicht. Danach würde er sich den korrupten Scheidungsrichter vorknöpfen. Nix zu verlieren, lautete ab jetzt sein Motto.
Am frühen Abend, als der Ex-Knacki die Wohnungstür im Erdgeschoss des sanierten Altbaus eintrat, leuchtete ich im Flur still vor mich hin. Seine blindlings losgeballerte Kugel scheiterte an meinem Schutzschild. Die Zweite erwischte ihn selbst als Querschläger. Aufjaulend ließ er seine Waffe fallen. Geübt setzte ich den Brutalo außer Gefecht.
„Nichts anfassen“, beschwor ich kurz darauf das stumm nickende Paar. Die Zwei hielten sich im Schlafzimmer versteckt.
Auf dem Weg zu meinem Auto versuchte ich mal wieder vergeblich, möglichst lange die Luft anzuhalten. „Ständig dieser Kloakengestank!“ Er waberte mit Brechreiz erregender Intensität vor allem zwischen der Abend- und Morgendämmerung durch die Straßenschluchten. Angeblich, weil die Berliner zu sparsam mit dem Wasser umgingen und dadurch die Abwasserrohre verschlickten.
Täter wie Zeugen konnten oder wollten keine Beschreibung von mir liefern. „Ein Engel“, beschieden sie achselzuckend bis schamrot die genervten Beamten. Nachdem sich diese Aussage monoton wiederholte, entstand das Gerücht über den Berliner Racheengel. Es verbreitete sich auf Sturmflügeln durch die Stadt.
Bei meinen Kollegen, die selbstverständlich eins und eins addierten, stießen meine Alleingänge auf ein geteiltes Echo. Kai kämpfte erbittert um den Erhalt seiner Ignoranz. Jan grinste fröhlich und Katja wiederholte gebetsmühlenartig, wenn die neueste Story rund ging: „Wir müssen reden.“
Da die Kriminalchefin zuletzt fast platzte, igelten wir uns eines Nachmittags in ihrem Büro ein.
„Lilia, das ist hart am Rande der Selbstjustiz“, polterte sie los. Irgendwie schwenkten ihre Gedanken um neunzig Grad. Prustend fragte sie: „Wie stellst du das bloß an?“
„Katja, wenn ich Essen ordern kann …“ Den Rest ließ ich offen.
„Dann?“
„Wir fahren nach der Arbeit zu mir, keine Widerrede.“
Schmollmund. „Kriege ich Vitello Tonnato mit Crostini?“ Plötzlich schlug sich Katja mit der flachen Hand an die Stirn. „Habe ich ja total vergessen! Die Kollegen von der Streife beklagen sich, dass der Racheengel nie die Schlüssel zu den Handschellen da lässt.“
Genervt rollte ich mit den Augen. „Sonst noch Probleme?“
Gegen 22 Uhr sanken wir im Gartenhaus fix und fertig auf die Küchenstühle und machten uns über das verspätete Abendessen her.
Jay kam angeflitzt. „Lil, hast du Parmesan?“
„Im Kühlschrank, kannst du mitnehmen.“
„Super!“ Und schon schwang er die langen Beine hinaus.
„Ist der niedlich. Wie konntest du mir den vorenthalten?“, schmachtete Katja.
„Längst vergeben. Aber wo wir gerade beim Thema sind: Wie läuft denn der Fall Konstantin?“
„Nix. Nix läuft. Keine Zeit. Punkt.“ Ihr Riesenfrust kam jammernd aus der Ecke. „Ich sehe Konny fast nie, seit er die Wirtschaftskriminalität leitet. Außerdem ist er genau so ein Arbeitspferd wie ich.“ Mehr sehnsüchtig denn im Spaß fragte sie: „Kannst du ihn vielleicht herzaubern?“
„Mit mir als Anstandsdame dabei?“, ulkte ich. „Tschuldigung! Mal überlegen. Ein Candle-Light-Dinner im Dachrestaurant des Carlssens?“
Katja klimperte verträumt mit ihren Wimpern. „Wann?“
„Samstag.“
Wir klatschten ab.
Satt und zufrieden lehnte sich Katja zurück und kam gleich auf den Themenhit im Kommissariat zu sprechen. „Racheengel, wie?“
Als Teil der Antwort erschien ihr heißgeliebter Espresso. Ich zeigte darauf. „So, das ist ein Gegenstand. Wenn du es ungenau betrachtest, ist ein menschlicher Körper kaum mehr. Du fütterst deinen Körper mit Nahrung, das tue ich ebenfalls. Darüber hinaus speichere ich Licht als zweite Energiequelle.“
Meine Erwartung, sie würde vor Schreck sonst wie darauf reagieren, wischte Katja mit der neugierigen Forderung „zeig mal“ vom Tisch.
Das liebte ich an ihr. Also stellte ich mich ein paar Meter entfernt in die Küchenecke und brachte meinen Körper langsam zum Leuchten.
„Oh!“
Als Nächstes entstand eine Lichtkugel auf meiner ausgestreckten Hand.
„Oh, Lil!“
Einen guten Teil ihres Entzückens schob ich dem zweiten Glas Wein zu. Egal, ihr Herz genoss das Schauspiel. Besser noch, ihr Verstand kam nicht auf die eigentlich naheliegende Idee, dass die Kugel ebenso eine tödliche Waffe sein könnte. Zugegeben, ich selbst hatte die Kleinigkeit bis zu exakt jenem Augenblick erfolgreich verdrängt. Aber mein egoistischer Hinterkopf wühlte immer häufiger die grausigen Schilderungen der Sternelben über Dämonen hervor.
Ende November, an einem miesewettrigen Tag, brachten mir die Sternelben nahe, dass Kai ab dem nächsten Tag fehlen würde. Maßlos entsetzt wollte ich seinen Tod um jeden Preis verhindern.
In der hereinbrechenden Nacht begleitete ich spontan die Gruppe aus Amelie, Kai sowie Kollegen einer Spezialeinheit zu der Tankstelle am Cityring, wo eine Schießerei zwischen zwei rivalisierenden Rockerbanden stattfinden sollte.
Einer der Hells Angels, ausstaffiert mit üppigem Vorstrafenkonto, „roch“ offensichtlich unsere Anwesenheit und suchte nach einem Fluchtweg. Den aber versperrte mittlerweile Kai zwischen zwei Zapfanlagen. Der Rocker zielte ohne jeden Skrupel zu töten auf Kais Hinterkopf. Aber ich flog ihm regelrecht gegen seinen ausgestreckten Arm. Die zornentbrannte Wucht meines Aufpralls schleuderte den Rocker so unglücklich auf die steinerne Gehwegkante, dass sein Genick brach. Der gelöste Schuss aus seiner Waffe verhallte im Verkehrsgetöse.
Zum ersten Mal hatte ich einen Menschen getötet. Dennoch fuhr ich erleichtert, das Schicksal überlistet zu haben, heimwärts.
Am nächsten Morgen plauderte ich entspannt mit Jan im Konferenzraum. Ihr Hobby bestand darin, reihenweise Männer zu erobern.
„Lilia, du solltest wirklich mal mitgehen, in den Klubs wimmelt es von knackigen Typen. Du musst das Leben unbedingt auskosten, bevor die Cellulitis zuschlägt.“
Wir lachten noch, als Katja kreidebleich den Raum betrat. Sie schluckte schwer und verkündete heiser: „Kollegen von der Streife haben mich verständigt. Kai ist – Kai hatte einen Fahrradunfall – ein Lkw – er ist – tot.“
So ließen mich die in ihrer unendlichen Sphäre ruhenden Lichtwesen die volle Bitterkeit irdischen Schicksals schmecken. Die Kollegen um mich herum spendeten einander Trost. Doch mir schnürte Einsamkeit das Herz ab. Totale Isolation. Mit eiskalter Klarheit wurde ich zum ersten Mal seit Monaten meiner Selbst gewahr: Ein menschlicher Restposten unter Sphärenkontrolle. Irgendwann in der zurückliegenden Zeit war sogar mein Alter Ego verstummt.
Eine gefühlstaube Ewigkeit verging, so schien es mir, bis ich nachmittags endlich die Flucht ergreifen konnte. Nicht nach Santa Christiana, um mit den Lichtwesen zu reden. Nein, ich wollte heim – in mein altes Leben.
Es goss wie aus Kübeln, im Schleichtempo erreichte ich in meinem Wagen mit letzter Kraft das Gartenhaus. Zusammengesunken über dem Lenkrad, begannen reumütige Tränen zu fließen. Schluchzendes Weinen, bis die vollkommene Erschöpfung mich in den Schlaf entließ.
Leicht verwirrt erwachte ich in meinem Bett.
Elin betrachtete mich aus unergründlichen Augen. „Sie sorgen sich um dich.“
„Blödsinn! Ich bin doch nur ein willenloses Geschöpf, das sie nach Gutdünken benutzen. Oder besser noch: steuern wie einen Roboter.“ Ungebremst redete ich mich in Rage. „Ja, ja, ich weiß. Damals habe ich mich allzu gern verlocken lassen, mit Schönheit und eigenem Haus und dem ganzen Kram. Aber worauf läuft die Geschichte letztlich hinaus? Am Ende bin ich höchst wahrscheinlich eine verdammte, gefühlskalte Killermaschine!“
Die Elbe drückte mir schweigend einen Becher Tee in die Hand.
Aber mein Zorn lief sich gerade erst warm. „Mach dir doch nichts vor, Elin! Dieser ganze Wahnsinn mit den Dämonen und erst recht ihrem Fürsten. Glaubst du allen Ernstes, wir hätten irgendeine verdammte Chance? Sie schicken uns auf die Schlachtbank und suchen sich danach einfach neue Kandidaten! Ich glaube ihnen das Märchen sowieso nicht, außer uns beiden gäbe es niemanden.“
Elin verließ stumm das Schlafzimmer. Zuerst krachte der Teebecher gegen die Wand, dann ergriff ich das Kopfkissen, pfefferte ein nie gelesenes Buch hinterher, kippte die Nachttischlampe herunter, sprang aus dem Bett und verwandelte das komplette Zimmer in Chaos. Meine Stimme brüllte wieder und wieder heraus: „Ich bin ein Mensch!“
Besinnungslos sank ich über dem Trümmerfeld zusammen.
Erneut wachte ich in meinem Bett auf. Das Zimmer befand sich selbstverständlich wieder in einwandfreiem Zustand. Wild raufte ich mir die Haare, verwünschte meine grenzenlose Naivität, zog kurzerhand meine Joggingsachen an und stürmte aus dem Haus. Weglaufen vor mir, vor ihnen da oben und der ganzen durchgeknallten Welt. Atemlos hastete ich durch das dünne Schneetreiben der frühzeitigen Winternacht. Ziellos folgte ich dunklen Straßen mit hell erleuchteten Häusern, in denen normale Menschen ihr normales Leben führten. Schließlich rannte ich blindlings in den ausgestorbenen Stadtpark, dessen uralte Bäume bedächtig ihre gewaltigen Äste in schwindelerregende Höhen streckten. Jeder kannte seinen Platz – bis auf mich.
Keuchend blieb ich endlich stehen, umschlang trostsuchend den Stamm einer Buche und lehnte meine Stirn daran. Das harte, duftende Holz sog den kranken Schleier des Irrsinns aus meinem Kopf. „Was tue ich hier?“ Statt einer Antwort versetzte ein Pfeilblitz den Park für einen Sekundenbruchteil in grelles Licht.
„Lilia, schnell, fort von hier!“, befahl Elin.
Etwas Tiefschwarzes schoss durch die Dunkelheit. Sofort rief ich einen Pfeil auf. Grauen und bestialischer Gestank schwängerten die Luft. Ich feuerte. Daneben. Feuerte nochmal und nochmal, eine ganze Kaskade. Endlich kam mir die Idee, eine Leuchtkugel zu formen. Mit ihrer Hilfe sah ich sofort ein massiges Wesen zwischen den Baumstämmen huschen.
„Elin?“
„Lauf, Lilia!“ Kurz sah ich ihr Elbengewand aufschimmern.
Das Schattenwesen raste auf die Elbe zu, vielleicht zehn Meter entfernt. Sah sie es nicht? Mein nächster, hastiger Lichtschuss fand sein Ziel, während ich auf Elin zuhielt. Den ersten Dämon erlegte ich mit banaler Beiläufigkeit. Elin kauerte am Boden. Nahebei versickerte die stinkende schwarze Gestalt im Erdreich. Vorsichtig hob ich die Elbe auf und spurtete, so gut es eben mit schwindender Energie ging, nach Hause.
Erst im Licht der Außenleuchte entdeckte ich einen schwarzen Fleck, der sich auf Elins schlaffem Körper hin und her bewegte. Das Dämonengift suchte einen todbringenden Eingang. Noch hatte es ihren Mund nicht gefunden. Instinktiv formte ich aus meiner letzten Kraftreserve eine Lichtkugel und führte sie darüber. Die Elbe stöhnte leise, der Fleck zerfiel.
In meinem Auto rasten wir nach Santa Christiana.
Die durchwachte Nacht neben Elin auf der Couch holte mich endgültig auf den Boden höchst unerquicklicher Tatsachen zurück. Meinen zugewiesenen Platz auf dem undurchsichtigen Schachbrett von Elben und Dämonen konnte ich wohl kaum verlassen. Woher stammte diese betonharte Überzeugung? Letztlich ging es um den Ausgang des Spiels: Schachmatt, Remis oder Sieg. „Sieg? Mit einem Bauernmädchen?“, lachte ich bitter in mich hinein. Warum tat Elin sich dies, einsam und allein wie sie war, überhaupt an? Menschen erschienen ihr ziemlich primitiv, aber dann die ganze Mühe, die sie in mich investierte. Wozu? Zu viele Fragen, kein erkennbarer Sinn. „Nichts heilt die Seele so wunderbar wie Musik“, warf mein Gedächtnis zusammenhanglos dazwischen.
Behutsam öffnete ich den Flügel. Die Morgendämmerung nahte. Leise begleitete ich das in meinem Kopf aufspielende Orchester zu Ravels „Lever du jour“. Das Stück passte hervorragend zu meinem zerzausten Innenleben. Genauso wie Mussorgskys schwermütige „Morgendämmerung“. Elin saß mittlerweile mit geschlossenen Augen auf der Couch und lauschte. Ihr zuliebe ließ ich „Fantasia on Greensleeves“ von Williams erklingen, obwohl seine Komposition mich jedes Mal mit trauriger Sehnsucht nach unbeschwerten Zeiten am Meeresstrand erfüllte.
„Verzeih bitte, dass du meinetwegen in Gefahr geraten bist“, wandte ich mich der Elbe zu.
Sie winkte ab.
Darum fasste ich mir ein Herz und bat: „Elin, erkläre mir, warum der Dämon daran scheiterte, dich sofort zu töten.“
„Das weißt du nicht?“, fragte sie konsterniert über meine Wissenslücke. „Im Gegensatz zu Dämonen verfügen wir über Schutzmagie. Sie wissen um diese Fähigkeit, aber auch, dass ihre Verwendung reichlich Energie kostet. Daher trachten sie stets danach, uns so lange in einen Kampf zu verwickeln, bis unsere Kraft schwindet. Doch genug davon, geh jetzt frühstücken.“ Damit verschwand sie in ihr Zimmer.
Anstatt Tee zu zaubern, fertigte ich ihn per Hand. Beim bloßen Gedanken an Frühstück drehte sich mir der Magen um. „Alles nur noch gequirlte Scheiße!“ Zorn, dein lärmender Begleiter. Völlig daneben, weil absolut nutzlos, verfrachtete ich ihn in die Gesellschaft der Magensäure.
Das Telefon im Flur klingelte.
„Lilia, entschuldige die frühe Störung“, kam es vom anderen Ende der Leitung.
Den Satz konnte ich ihm einfach nicht abgewöhnen.
„Hallo, Raimund. Was hast du auf dem Herzen?“, fragte ich so leichthin wie möglich.
„Na, also“, druckste er herum, „also vergangene Nacht kam ich vom Sterbebett eines Gemeindemitglieds zurück“.
„Ja?“
„Im Altarraum schien Licht. Also ging ich nachsehen. Niemand war dort. Aber es schien eindeutig dein Licht gewesen zu sein.“
„Wer dann?“, fragte ich unsinnigerweise, halb unter Schockstarre.
„Genau, wer dann. Ich dachte, du weißt es.“
„Wer war in der Kirche?“, donnerte ich himmelwärts.
Keine sphärische Auskunft unter dieser Frage.
Ich drohte abermals zu explodieren und sog deshalb tief Luft ein. „Raimund, mach dir keinen Kopf deswegen, das wird sich aufklären“, beschied ich mühsam beherrscht.
Kaum aufgelegt, begann ich sofort mit Ursachenforschung, indem ich brüllte: „Raus damit!“
Die Sternelben weigerten sich.
„Sagt es mir!“, brüllte ich mindestens ein halbes Dutzend Mal.
Piepsig sangen sie endlich: „Es war Leya.“
„Alles klar?!“
„Sie ist eine Verbannte.“
„Was?“
Mit hölzernen Schritten ging ich zurück in die Küche, setzte mich an den Tisch, umklammerte mit sämtlichen Fingern seine Kante, schloss meine Augen und polterte: „Höre ich jetzt von euch die komplette Geschichte oder soll ich diese Leya rufen?“
„Nein, warte!“
„Heißt das, ich könnte sie tatsächlich herbeirufen?“
„Nein, sie darf ihr Haus nur für Santa Christiana verlassen.“
„Und warum?“
Es war, als würde ich eine Stecknadeldose leeren, indem ich jede piekende Nadel einzeln herauspulte.
„Die Elbe Leya zog es zu den Menschen. Sie missachtete die Regel, ihnen fern und unsichtbar zu bleiben. Schließlich kehrte sie uns den Rücken.“
„Das ging?“
„Deshalb wurde die Elbe verbannt“, schmetterten die Lichtwesen theatralisch.
Das wollte mir nicht in den Kopf. „Moment mal, Elin hält doch auch zu mir Kontakt, noch dazu, weil ihr es wollt.“
„Zu jener Zeit galten andere Regeln.“
„Na, dann könnt ihr die Verbannung jetzt ja getrost aufheben.“ Energisch trommelten meine Fingerspitzen auf die Tischplatte. „Ich gehe diese Leya besuchen.“
„Lilia, nein, sie ist eine Abtrünnige!“
„Ist sie bösartig?“
„Nein.“
„Irgendwelche stichhaltigen Einwände?“
Die Sternsängerinnen schwiegen.
„Wo wohnt sie? Raus damit!“ Einmaliges Brüllen war auch bei diesem Punkt zwecklos. Meine Finger zählten acht Anläufe mit.
„Im Feenhaus.“
Tatsächlich freiwillig übermittelten sie mir das Bild eines Hauses im Stadtwald.
„Aber das ist doch mein Wald, wo ich jogge. Da gibt es kein H…“ Natürlich, Magie, was sonst. Mein Zorn meldete sich schäumend aus der Magensäure zurück. „Ihr hattet behauptet, es gäbe niemanden sonst außer Elin und mir. Lügnerinnen!“
Die Grundfeste unseres ungleichen Bündnisses erbebte, splitterte und krachte. Ich kappte die sphärische Verbindung.
Elin stand vor mir, silbrige Tränen weinend.
Wenn eine Elbe weint, lassen die Blumen ihre Blütenblätter fallen und die Sonne verfinstert sich, heißt es in einem ihrer Lieder.
„Elin, wusstest du …?“, stammelte ich.
„Nein“, hauchte sie.
Keine von uns konnte das tränenreiche Leid der Anderen lindern oder ertragen, so strebten wir stumm auseinander.
Dunkelheit senkte sich auf meine Seele und Dunkelheit umhüllte meinen Verstand. Am Anfang war der Gesang und er gebar eine Lüge. „Lüge! Lüge!“
Dumpf kamen und gingen lichtlose Tage. Ich fühlte nichts, dachte nichts, aß nichts. Kein Weg hinaus.
Endlich sang Elin ein Lied, tieftraurige Verse über den Tod der Elbenfürstin. Da weinte ich trockene Tränen. Und das Dunkel lichtete sich zu leblosem Grau.
Nur noch ein Schatten meiner Selbst, quälte ich mich zu Fuß den weiten Weg bis zum Feenhaus.
Aus dem Buch „Inghean“
Ungekannte Gaben der Macht besitzt das Menschenkind. Sie drohen unsere Pläne zu durchkreuzen. Wann endlich erwacht meine Fürstin?
Der satte Geruch heißer Schokolade stieg mir in die Nase, erwartungsvoll öffnete ich meine Lippen. Das sahnige Gebräu rann durch meine trockene Kehle hinunter in einen Magen, der seine Hungerproteste bereits vor Tagen eingestellt hatte. Vorsichtig riskierte ich einen Blick unter den Wimpern hervor und schaute direkt in ein gutmütiges Gesicht. Umkringelt von schwarzen Locken.
„Da bist du ja endlich“, strahlte mich die Fremde an.
„Wo – wer – was?“, krächzte ich.
„Erst Kuchen“, lautete ihre Antwort.
Sie hielt mir eine Gabel voll hin. Diese Delikatesse schmucklos als Kuchen zu bezeichnen, war geradezu sträflich. Er verursachte eine Geschmacksexplosion aus Schokolade, kandierten Früchten, Nüssen, Gewürzen und Honig.
Mit vollem Mund, sie sorgte ständig für Nachschub, versuchte ich den ersten Teil meiner Fragen zu wiederholen. „Wu?“
„Du befindest dich im Feenhaus.“
„Gut.“
Mehr heiße Schokolade.
„Wer?“
Erschrocken fragte die Fremde zurück: „Hast du vergessen, wer du bist?“
„Ich bin Lilia. Aber du?“
„Na, ich bin Leya. Wer sonst.“
Ich machte große Augen ob ihres menschlichen Anblicks. „Du siehst vollkommen anders als Elin aus.“ Obwohl, ihre Augen, ja, das innere Licht und die erfahrene Weisheit darin verrieten den elbischen Geist. Allerdings waren ihre Augen smaragdgrün.
„Alles nur Tarnung, außerdem gefalle ich mir so besser.“
Komisch, sie will überhaupt nicht wissen, wer Elin ist. Leicht schmatzend hakte ich nach: „Kennst du Elin?“
Leya nickte. „Sie erschien heute Morgen und hievte dich über meinen Bannwall.“
„Was?“
„Aha, dritte Frage. Aber danach ruhst du dich aus. Also, deine Kräfte erloschen, kurz bevor du mein Haus erreichen konntest. Ich sah dich zusammenbrechen, ohne zu dir gelangen zu können. Als ich schon anfangen wollte, mir vor Kummer die Haare auszuraufen, kam Elin. Gemeinsam legten wir dich ins Bett und hier bist du nun.“
Den letzten Satz bekam ich bloß noch halb mit, weil mir erneut die Augen zufielen.
Elin gesellte sich zu Leya.
„Meine Güte, bei mir ist mehr los als in den letzten zweihundert Jahren! Schwester, erzähl, was haben die Sternelben nun wieder angerichtet?“
In der Stille ihrer geflügelten Gedanken wirkte das ungleiche Paar wie versteinert. Nur Leyas vor Erstaunen hochschnellende Augenbraue, als sie annähernd am Schluss von meiner Forderung hörte, den Bann aufzuheben, verriet ihre Lebendigkeit. Voller Mitleid und Sorge betrachteten die Elben mich.
„Sie haben versagt und jetzt sollen wir beide den Karren wieder flott machen. Ist es so?“
Elin, von ihren eigenen Konflikten gezeichnet, stellte nüchtern fest: „Lilia wird den Sternelben nie mehr blind vertrauen.“
„Nun, das sollte ohnehin niemand tun“, erwiderte Leya barsch. Sanfter fügte sie hinzu: „Wie dem auch sei, wenn die Kleine es möchte, behalte ich sie erst einmal hier.“
Die nachfolgenden Tage verbrachte ich mehr als zur Hälfte schlafend. In der übrigen Zeit verfrachtete mich die Elbe in einen Gartensessel mit der stets wiederholten Anweisung: „Atmen, riechen, schauen und genießen.“
Ja, sie sprach mit mir tatsächlich unelbisch laut.
Das Feenhaus befand sich mitsamt großzügigem, halb verwildertem Garten unter einer gewaltigen magischen Glocke. Wie in einer Schneekugel, allerdings einer frühsommerlichen.
Leya erklärte dazu achselzuckend: „Wenn schon Bannwall, dann zum Trost mit meiner liebsten Jahreszeit als Dauervergnügen.“
In der warmen Sonne summten Bienen, kleine Vögel zwitscherten in dem üppig blühenden Miniparadies.
Manchmal pirschte die Elbe mit einem Stock umher.
„Was treibst du da eigentlich?“
Verlegen wand sie sich. „Als ich Igel gegen eine Schneckenplage in meinem Garten hinzufügen wollte, sind Gnome mit reingerutscht. Die werde ich nur schwer wieder los.“
Ich prustete los. „Gnome? Das sind doch Märchenwesen!“
„Ja, eben. Ich muss mit meinen Gedanken wohl anderswo geparkt haben.“
Das schien ihr richtig peinlich zu sein.
„Und dagegen existiert kein Mittel?“
„Doch.“ Sie streckte mir den Stock hin. „Wenn ich es schaffe, die flinken Biester mit Rosenholz zu berühren, platzen sie.“
Mir vor Lachen den Bauch haltend, musste ich die naheliegende Frage stellen: „Wieso schickst du die Gnome nicht einfach zurück?“
„Sehr komisch. Dafür müsste ich erst einmal wissen, woher die stammen!“ Verschnupft zog Leya von dannen.
Gnome, Feen, Riesen und all solche Kreaturen kamen in unzähligen Märchen vor. „Also sollte man sie doch irgendwo einschmuggeln können“, überlegte ich.
„Leya, hast du ein Märchenbuch?“
Sie brummelte irgendwas von „keine Dummheiten machen“, brachte jedoch ein dickes, zerfleddertes Exemplar. Leyas heimliche Leidenschaft galt nämlich Märchen und Sagen.
Eifrig las ich darin und wurde nach knapp einer Dreiviertelstunde fündig. „Leya, komm mal!“
Mit gespieltem Murren stand sie vor mir.
Erst drückte ich sie in den Korbstuhl, dann das Buch in ihre Hände. „Lesen.“
Wenige Minuten später schaute sie verwirrt auf. „Und?“
„Na, pack die Gnome da rein“, ahmte ich ihre hemdsärmelige Art nach.
Erleuchtung! „Du bist ja ein richtig ausgebufftes Schätzchen!“
Zur Belohnung bekam ich ein großzügiges Stück von ihrem süchtig machenden Spezialkuchen.
Sämtliche Ereignisse vor meiner Ankunft im Feenhaus schienen allmählich verblassende Albträume zu sein. Und ich besaß null Interesse, daran zu rühren. Leya stellte keine Fragen. Sie erfuhr von Elin, die ab und zu vorbeischaute, ohne mit mir zu sprechen, sicherlich genug. So bekam ich in dieser künstlichen Idylle auch keine Gewissensbisse, einfach Elin, Katja und all die anderen im Stich zu lassen. Logisch, dass dieses egoistische Amüsement von begrenzter Dauer sein würde.
Der Paukenschlag kam über Nacht. Die Seele der Elbenfürstin Joerdis, im Frühling heimlich von den Sternelben in mich hineingestopft, offenbarte sich mir mit maximaler Dramatik per Traumbotschaft:
In der Industrieruine lauern tiefe Schatten und darin das Grauen. Hier fühlen sich Dämonen verdammt wohl. Elin und ich erkunden vorsichtig eine morbide Halle. Undefinierbares Gerümpel bedeckt den Boden, durch das fehlende Dach in schwindelerregender Höhe sickert die Nacht ein. Wir haben keine Ahnung, wieviele Dämonen uns erwarten.
„Worauf warten die Ungeheuer noch?“
„Möglich, dass sie versuchen werden, uns zu umzingeln. Wir sollten besser draußen warten“, beschließt die Elbe.
Zu spät. In der nächsten Sekunde, wir befinden uns noch mitten in der Halle, erfolgt ihr Angriff aus sämtlichen Richtungen. Auseinander stürmend suchen wir Deckung an den Mauern. Weiße und schwarze Blitze, tödliche Peitschen, Schwerter und Würgeringe durchpflügen den Kampfplatz. Mehrere Treffer verschaffen uns ein wenig Zeit. Plötzlich Totenstille. Verwirrt sehe ich mich um, sehe ihn, den Fürsten. Gleichzeitig stürmen zwei Dämonen auf mich ein, der Dämonfürst aber wendet sich Elin zu.
„Neiiiin! Elin!“ Mich in eine rotierende Lichtsäule verwandelnd, zerfetze ich in glühendem Zorn das erste Monster. Der zweite Dämon erlischt durch einen gewaltigen Peitschenschlag. Wo ist Elin? Eine Hand voll Wimpernschläge bis zum Tod.
Ihr sich auflösender Körper liegt im Dreck, der schwarze Fürst ist fort. Bevor Elin die Erde endgültig verlassen würde, erscheint sie in meinem Geist. „Fürstentochter, deine ewige Dienerin.“ Sie verneigt sich und schwindet.
„Eliiin!“ Schreiend fuhr ich aus dem Albtraum hoch. Beide Elben erschienen an meinem Bett. Schluchzend wiederholte ich ihren Namen, schlug die Hände vor mein bodenlos entsetztes Gesicht. Zwecklos.
„Wusstest du, dass dies geschehen wird, Schwester?“
Elin verneinte starr vor ungläubigem Entsetzen.
Die Zeit meines Sehens begann mit erbarmungsloser Härte und eiskalter Klarheit. Nach Monaten stummen Beobachtens hatte Joerdis ihr Urteil über mein Inneres gefällt. Salopp ausgedrückt, hielt sie mich für ein emotionales Weichei. Daher der fürstliche Paukenschlag.
Aus dem Buch „Inghean“
Die Fürstin hat ein Zeichen gesetzt. Warum nur wählte sie diesen Weg?
Schweren Herzens nahm ich Abschied von Leyas kleinem Paradies. „Wirst du uns helfen, Leya?“
„Wie denn? Mit heißer Schokolade und Kuchen etwa?“, mahnte sie sarkastisch den Sachstand an.
Ich schaute ihr ernst in die Augen und verkündete: „Der Bann wird bald gebrochen.“
Leya japste nach Luft. Doch ohne eine weitere Erklärung verließ ich ihr Zauberland.
Mein Zuhause hatte für mich jede Bedeutung verloren. Gefühle gehörten der Vergangenheit an, exakt mit dem Zeitpunkt, da ich den Bannwall des Feenhauses überschritten hatte. Die Anwesenheit der Sternelben nahm ich nüchtern und distanziert zur Kenntnis. Sie sangen monoton. Irgendwie funktionierte ich – mechanisch.
Wie in verflossenen Zeiten saßen Elin und ich am Küchentisch.
„Lilia, bevor du wieder unter Menschen gehst, musst du lernen, deine sehenden Augen zu verschließen. Die Menschen werden deinen Anblick fürchten“, beschwor mich Elin.
Wollte ich unter Menschen gehen? Nein, aber ich musste! „Ja, okay, lehre es mich.“
Die Elbe suchte mich aufzumuntern, indem sie von dem ausgebrochenen Chaos im Dämonenheer berichtete. „Durch deinen Racheengel wurden sie verunsichert. Dabei trauen sie einander sowieso kaum über den Weg. Nun verstricken sich die Bestien in mörderische Ränkespiele.“
„Haben sie schon ein Fahndungsplakat für mich entworfen?“, fragte ich lahm dazwischen.
„Lilia, die Mehrzahl der Dämonen ist strohdumm, reine Kampfmaschinen, die auf Befehle hören. Lediglich ein enger Zirkel, der den Dämonfürsten umgarnt, begreift überhaupt die Vorgänge. Aber es stimmt, ein Teil ihrer Aufmerksamkeit richtet sich auf dich.“
„Na, dann werde ich mal ein bisschen nachlegen. Apropos, sag Bescheid, wenn ich dich nachts begleiten soll.“
Elin überlegte. „Ich denke, das kann noch warten. Konzentriere dich derweil auf die Nöte der Menschen.“
Unser Gesprächston unterschied sich kaum von, sagen wir, zwei Gärtnern, die gerade anstehende Jätarbeiten unter sich aufteilen.
Die Elbe grämte sich deswegen. Scheinbar zusammenhanglos schob sie nach: „In einer Woche ist Weihnachten.“
„Wie?“ Mein Gehirn stolperte über den Begriff, suchte danach mit Kreuz- und Querschaltungen und spuckte schlussendlich ein Emotionspaket aus. Meine Hände umklammerten krampfhaft die Tischkante, während kindliche Glückseligkeit einer heilen Welt aus Weihnachtsbaum und Kerzenschein, noch beschützt vom Opa, hervorflutete. „Autsch!“ Meine Reaktion bewies merkwürdigerweise, dass Joerdis gegen spontane emotionale Ausbrüche ebenso machtlos war wie die Polizei.
„Was soll ich denn damit?“
„Du könntest Freunde einladen und ein Fest geben.“
Elin hatte ihre Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit im Bauernhaus in mich hineingeschaufelt. So verriet die Elbe versehentlich, dass sie bereits damals meine unsichtbare Wächterin war. In meinem kakophonischen Zustand flutschte diese wichtige Erkenntnis erst einmal durch.
Jetzt benötigte ich dringend frische Luft und schritt barfuß die Stufen vor dem Haus hinunter in den Schnee. „Kalte Fliesen unter den Füßen“, erinnerte mein Gedächtnis.
Als ich mich nach einer Weile auf der Wiese umdrehte und das nackte Haus betrachtete, ließ mich sein Anblick frösteln. „Wo bin ich in mir? Warum liebe ich das Leben nicht umso mehr, da die Gefahr stetig wächst?“ Eiskalt berechnend warf mein Alter Ego dazwischen: „Was ist der Unterschied zwischen einer Elbe und einem Dämon?“ „Gibt es dich Stinkstiefel also doch noch.“ Mit der überaus interessanten Frage brachte mein Alter Ego zwangsläufig wieder die, aus meiner Sicht, grundlose Lüge der Lichtwesen aufs Tapet. „Nimm den geraden Weg, frag sie, und zwar noch heute.“
Ob es Elins berechnende Absicht war oder aber Joerdis allein von meinen starken Weihnachtserinnerungen derart überrumpelt wurde? Jedenfalls sah sich die Fürstin unter dem Strich gezwungen, ihr geistiges Handeln nochmals zu überdenken. Und dieser Umstand versetzte meinen Schicksalspfad mal wieder in turbulente Schwingungen.
Kapitel 7
Bei meinem Eintreffen in Santa Christiana wirbelte der Priester geschäftig in der Kirche herum.
Überrascht sah er mich eintreten. „Ich glaubte dich schon verschollen. Geht es dir gut?“
„Ja doch, sicher. Und bei dir alles okay?“, fragte ich Raimund aus purer Nettigkeit.
Er strahlte über das ganze Gesicht. „Hervorragend! Unsere Orgel ist pünktlich zum Weihnachtsfest fertig geworden.“
Das nannte ich mal supertolle Neuigkeiten. Und sie verpassten meinem Stimmungsbarometer einen hübschen Schubs. „Komm, wenn du ein wenig Zeit erübrigen kannst, wollen wir sehen, wie sie klingt.“
„Leider bin ich kein Organist, Lilia. Wenigstens für die Weihnachtstage konnten wir noch eine zwar willige, doch recht unerfahrene Schülerin finden.“
Kurzerhand setzte ich Raimund auf eine Bank und strebte zu der Treppe, die auf die Orgelempore führte. Oben angelangt, floss meine Konzentration zu dem Instrument mit seiner Registratur, den Tasten und Pedalen. Auf die Schnelle fiel mir nur eine Komposition ein, die diesem ersehnten Augenblick gerecht würde: Johann Sebastian Bachs „Toccata und Fuge in D-Moll“.
Als klarer, schallender Lockruf entwichen den ersten Pfeifen kraftvolle Töne. Sie erfüllten den Kirchenraum mit erschauernder Wucht. Immer höher hinauf wie ein explodierender Geysir rauschte der Klang gegen die Mauern, in schnellen Kaskaden wieder hinunterstürzend. Abgelöst von zart ziselierten Zwischentönen, dem fulminanten Ende zustrebend. Dann elektrisierend rein die Fuge in himmelsstrebender Leichtigkeit, sich abwechselnd mit nachdenklichen Passagen. Und zum Schluss folgte ihr traurig irdisches Finale. Eine Ekstase aus Kompositionskunst und Akustik.
Am Ende stand Raimund da und reckte seine Arme euphorisch gen Himmel. „Wärst du ein Engel, würde ich auf Knien vor dir niedersinken“, verkündete er ergriffen.
„Wenn du mich jetzt ein bisschen allein lässt, darfst du mir für Heiligabend eine Wunschliste zusammenstellen.“
„Wirklich?! Du würdest für uns spielen?“
Dem Kerl kamen doch glatt Tränen der Rührung!
Kaum strebte Raimund dem Ausgang entgegen, betrat ich die Stufen zum Altar, kickte mit einem Fuß das Sitzkissen beiseite und verschränkte angriffswütig meine Arme. „Ihr schuldet mir eine Erklärung“, eröffnete ich unumwunden das Verhör.
Die Sternelben zeigten sich gut vorbereitet. „Lilia, wenn du zu Beginn die Wahl zwischen Elin und Leya gehabt hättest, für welche Elbe hättest du dich entschieden?“
Interessante Frage. Die strenge und anfangs sehr distanzierte Elin oder die burschikos warmherzige Leya? Wahrscheinlich wäre damals meine Wahl auf Leya gefallen. Ich spann die Vorstellung weiter. Wohlbehütet in einem „Glaskasten“ mit Dauerferien und seltenen Besuchen in Santa Christiana. Möglicherweise kein Erwachen des Elbenkindes und vor allem keine Hilfe für niemanden. „Wertlos für euch, aber glücklich. Ihr hättet mir die jeweiligen Konsequenzen vor Augen führen können.“
„Wir fürchteten, dies würde dich überfordern.“
„Warum haltet ihr mich andauernd für dermaßen beschränkt?“
„Darum geht es nicht, Lilia. Dein bislang schwerster und bedeutendster Kampf findet in dir selbst statt.“
„In der Tat“, antwortete ich mit unheilschwangerem Unterton, „und ich sehe kein Ende. Die Mischung aus Elbe und Mensch birgt mehr Katastrophengeläut als zweieiige Zwillinge.“
Kein himmlischer Widerspruch.
Die Gunst der Stunde nutzend, begann ich, sie mit einem Stapel unbeantworteter Fragen vor mir her zu treiben. „War es zur Fürstenhochzeit überhaupt statthaft, dass sich die Elbenfürstin mit einem Menschen einließ?“
„Belian trug wenig menschliches Erbe in sich, seine elbische Kühnheit wie Schönheit waren der Fürstin durchaus ebenbürtig.“
Plötzlich sah ich das magische Buch vor Augen. „Wieviele Elben befinden sich gegenwärtig auf der Erde?“
„Mit Leya sind es 28.“
„Wann wird ihr Bann aufgehoben?“, fiel mir eine dringliche Frage außer der Reihe ein.
„In der Neujahrsnacht.“
„Wieviele Mischwesen existieren heute?“
„Uns sind 15 bekannt.“
„Und wo befindet sich das Nächste?“
„In Schottland.“
„Und muss Elins Tod zwangsläufig kommen, weil ich ihn voraussah?“
„Ja und nein.“
Wie ich diese Auskunft liebte!
Die Sternelben hoben zu einem langatmigen Vortrag über die Spielarten des Schicksals an, bis ich kapitulierte.
„Was nützt die Gabe des Sehens überhaupt?“, fragte ich bockig weiter.
„Du siehst wahre gegenwärtige Ereignisse. Dagegen kann die nahe Zukunft beispielsweise durch Dämonen gestört werden. Ferne Ereignisse erscheinen dir als Traumwarnung.“
Zu den Dämonen sollte ich den Sphärenchor ebenfalls löchern, doch für heute langte es. „Habt ihr noch Fragen?“
„Bist du nun gnädiger gestimmt, Lilia?“
„Gnädiger?“ Ich lachte bitter auf. „Euer Nimbus als Unfehlbare und Hüterinnen der reinen Wahrheit ist hinüber. Ihr müsst schleunigst lernen, wie ein Mensch tickt, sonst mündet euer Projekt in einer, zumindest irdischen, Vollkatastrophe.“
Hörte ich da tatsächlich ein vielstimmiges Seufzen?
Auch nach unserem Disput blieb mein Seelenschaden ungeflickt.
Aus dem Buch „Inghean“
Das Menschenkind beginnt, die richtigen Fragen zu stellen. Bald muss Lilia den einen, vorbestimmten Weg des Schicksals wählen.
Von meinem Ausflug nach Santa Christiana zurückgekehrt, wurde ich abermals mit der kalten Atmosphäre meines Gartenhauses konfrontiert. Aufmüpfig machte ich kurzen Prozess. Um die zwei Eingangssäulen wanden sich Tannengirlanden mit silbernen Leuchtsternen in den Zweigen. Die Tontöpfe rechts und links der Treppenstufen erhielten Gestecke mit silbernen Laternen darin. Auch die Balkonbrüstung oberhalb bekam eine Girlande mit roten Schleifen und weißen Lichtern, ebenso diverse Fensterbänke. Dann ging ich um das Haus herum und verpasste der Terrasse weitere Gestecke. Große Laternen mit dicken, roten Kerzenstumpen beleuchteten nun die dünne Schneedecke darauf.
Elins silbernes Lachen erklang. „Willkommen daheim!“
Mühsam schluckte ich einen Kloß im Hals hinunter „Warte erst mal ab, bis ich im Haus fertig bin.“ Und fügte automatisch hinzu: „Nach dem Essen.“
„Du hast sie ins Kreuzverhör genommen“, merkte Elin ernst an, während ich eine Schüssel voll Salat bearbeitete.
„Nun, wenn du es so nennen willst. Jedenfalls ist die Zeit ihrer Winkelzüge und Märchenstunden vorbei – hoffe ich. Sie wissen, dass ich ihr Handeln gründlich hinterfrage. Und ebenso, dass ich sie im Stich lassen werde, wenn die Karten ab sofort nicht offen auf dem Tisch liegen. Egal, wie hoch mein Preis dafür sein sollte.“
Die Elbe erschrak über meine Worte. „Lilia, verkenne niemals ihre Macht!“
„Nein, im Gegenteil, die Macht der Sternelben versagt auf der Erde. Wir drei allein werden hier in der Stadt auf dem Schicksalsseil balancieren.“
„Wir drei?“, fragte sie verwirrt.
„Ja. Leya, du und ich.“
Elin guckte komisch.
„Was ist denn?“
„Ich dachte gerade an das naive Mädchen vor kaum einem Jahr. Aus meiner Schülerin ist meine Meisterin hervorgegangen.“
„Ach, hör auf! Du bist Jahrhunderte ohne mich zurechtgekommen. Im Gegensatz zu mir benötigst du weder Ausbildung noch Rat.“
„Was macht dich da so sicher, sehende Schwester?“ Sie erhob sich. „Die Arbeit ruft.“
„Gib auf dich acht, Elin!“
Nach vollendeter Mahlzeit zauberte ich, wie angekündigt, die Innendekoration. Frisches Tannengrün, rote und blaue Weihachssterne, Dufthölzer, Kerzen in jeder Größe, was immer das Sortiment an plastikfreien Zutaten hergab. Zur Belohnung winkte ein Schaumbad.
Anschließend trat ich, quasi um Buße zu tun, eine Nachtschicht am Schreibtisch an. Eingekuschelt in meinen Bademantel, stürzte ich mich auf die ellenlange Liste unerledigter Fälle für Katja. „Die Arme muss inzwischen schier verzweifeln“, gestand ich mir reumütig ein.
Mehrere Stunden später fehlte zum Schluss noch die mörderische Vorhersage für den kommenden Tag. Dieses Instrument entspannte die Lage zwischen den übrigen Kommissaren und mir deutlich. Meine anfängliche Praxis, ihnen allmorgendlich einen blutigen Prognosevortrag zum Kaffee zu servieren, hatte unausweichlich zu kollektivem Pulsrasen geführt. Schlicht zu ungesund. „So, fertig und senden.“ In meinem Geist hörte ich die Kriminalchefin über den unerwarteten eMail-Fund gleichzeitig lachen und weinen.
Bald würde die Morgendämmerung anbrechen.
Ich rief die Sternelben. „Wenn ich in diesem Augenblick wissen möchte, wo in der Stadt üble Machenschaften vor sich gehen, wie stelle ich das an?“
„Dies ist dir unmöglich. Das Sehen all der Gewalt und Not zugleich würde dich in den Wahnsinn treiben. Hüte dich!“
„Und die Alternative?“, maulte ich ob der neuerlichen Einschränkung.
„Du bekommst das Wissen von uns, wie gehabt.“
Autonomie ging anders. „Euer Rapport, bitteschön.“
Die alljährlich wiederkehrende Häufung von Diebstählen und Einbrüchen in der Vorweihnachtszeit produzierte aggressive Anspannung bei Dieben wie Ladenbesitzern.
Verständlich, dass der Inhaber eines Elektronikgeschäfts, vor dessen Laden ich eben aus dem Wagen stieg, nach der zweiten Totalplünderung seinem drohenden Ruin nicht länger tatenlos zusehen wollte. Aber deswegen gleich mit illegaler Pistole und Schlafsack in seinem Laden zu nächtigen, nun ja. Jedenfalls besaß der Einbrecher, der den Auftrag zur neuerlichen „Räumung“ ausführen sollte, ebenfalls eine Knarre. Mein Job, logisch: Blutvergießen verhindern, Täter festnageln.
Leider stellte sich der Inhaber als das größere Problem heraus. Ein ausgegorener Macho mit Phobie gegenüber Frauen – nur den intelligenten, versteht sich. Um vor dem Einbruch mit diesem Idioten rechtzeitig in die Pötte zu kommen, mussten unverschleierter Augenkontakt und obendrein Leuchteinsatz nachhelfen.
Äußerst knappe zehn Minuten später lagen Einbrecher und Inhaber derb fluchend nebeneinander.
Bis zum Sonnenaufgang sammelten sich auf der Habenseite vier unberechenbare Kriminelle, ein ausgebüxter Teenager, zwei vor dem Erfrieren gerettete Obdachlose, eine liebeskranke Selbstmörderin und ein im Pyjama umherirrender Rentner mit Alzheimer.
Millionenstädte kennen keine Pause.
Ohne eine einzige Stunde geschlafen zu haben, saß ich hinterher hellwach am Küchentisch. Nacheinander tanzten sieben verschiedene Weihnachtskarten an, bis die Letzte endlich meine Gnade zur Vervielfältigung fand. An den Fingern zählte ich durch: Raimund, Katja und Konny, Jan und John, Jay und Schorsch. Jede Einladung enthielt ein fett unterstrichenes Geschenke-Mitbringverbot. Den Spaß des Beschenkens wollte ich exklusiv für mich.
Als die Elbe kurz auftauchte, dämmerte mir die Kehrseite des Festes. „Aber, Elin, was machst du denn dann an Weihachten?“
„Oh, ich habe mich in Leyas Sommerparadies eingeladen.“
Befreit lachend war ich einen Augenblick versucht, ihr die Schote mit den Gnomen zu erzählen. „Nein, das wäre gemein gegenüber Leya.“ Stattdessen bot ich ganz harmlos an: „Du kannst ihr mein Weihnachtsgeschenk überbringen.“
„Was denn?“
„Ihr Bann wird in der Neujahrsnacht aufgehoben!“
Elin purzelten vor Staunen fast die Augen heraus. „Ja, ja, von wegen keine Meisterin“, murmelte sie im Entschwinden. Dann fiel ihr noch etwas ein und sie sandte folgende Botschaft: „Die Dämonen ziehen sich jedes Jahr zu Heiligabend zurück, sie hassen das pausenlose Glockengeläut. Erst nach Neujahr endet die himmlische Ruhe.“
Dämonen machten Ferien? „Echt skurril.“
Am späten Vormittag des Sonntags meldete sich Katja aus ihrem Büro und feuerte direkt eine krisendurchschüttelte Kanonade ab. „Verdammt, Lil, wo hast du gesteckt? Was meinst du eigentlich, was hier los ist?! Konntest du dein Verschwinden nicht mal vorher ankündigen? Mich einfach so im Stich zu lassen!“ Und der vorerst letzte Satz, flehentlich: „Kommst du morgen wieder?“
„Ja und nein.“
„Was jetzt?“
„Ich konnte nicht Bescheid sagen und ich bin morgen wieder dabei.“
„Na, wenigstens etwas.“
„Sei fair, letzte Nacht habe ich für dich stundenlang Fleißarbeit geleistet.“
„Ja-a, aber das Team.“
Wut und Frust der Kommissare summierten sich mittlerweile zu einem veritablen Tornado.
„Katja, behalte zwischen Weihnachten und Neujahr eine dünne Notbesetzung aus zwei Freiwilligen. Für alle anderen kündigst du morgen früh Urlaub an.“
„Bist du verrückt?“
„Tu es!“
„Unmöglich, ich …“
„Tu es einfach.“
„Aber die ganze Stadt kocht!“
„Katja, vertrau mir und mach.“
Zur Friedensinitiative am Montagmorgen im Kommissariat steuerte ich Leyas Spezialkuchen plus eine ehrliche Entschuldigung, das Team im Stich gelassen zu haben, bei. Keine Begründung, stattdessen die bauchgefühlte Vorwarnung, dies könne jederzeit erneut passieren. Kaum dadurch besänftigt, aber mit zaghaft aufkeimender Urlaubsstimmung, schritten wir zur Tagesordnung.
Das Stimmungsbarometer wurde ausgerechnet durch die Sternelben zurück in den Sturzflug katapultiert. Ergeben angelte ich Block und Kuli aus meiner Handtasche, schob beides Amelie nebenan zu und meldete mich energisch zu Wort.
Katja unterbrach sich mit unwilligem Schnauben, alle anderen schauten stirnrunzelnd auf.
Den Blick nach innen gerichtet, begann ich: „Vor fünfundzwanzig Minuten stieg eine 13-jährige Ausreißerin aus Potsdam an der Auffahrt Babelsberg in ein Fahrzeug nach Berlin. Ihr niedlicher Anblick hat dem Fahrer seinen Verstand verklebt.“ Hintendran diktierte ich sämtliche für die Fahndung notwendigen Daten.
Katja donnerte Befehle, zwei Leute sprangen auf.
Mich an den Ort des Geschehens versetzend, schilderte ich monoton: „Der Fahrer biegt auf den leeren Parkplatz an der Spanischen Allee ein. Er überwältigt sie. Er schließt sie im Kofferraum ein. Er fährt weiter. Er steuert die Ausfahrt ‚Hüttenweg‘ an. Er biegt in den Grunewald ein, sucht nach einem menschenleeren Weg. Er hält an. Er wird sich verschwommen seines Tuns bewusst, glaubt, er kann nicht zurück. Er steigt aus, öffnet den Kofferraum. Das Mädchen springt ihn verzweifelt an, entreißt sich seinen Armen, läuft los.“
Von einer Sekunde auf die andere schlug das Schicksal derart unerbittlich zu, dass mir Tränen in die Augen stiegen. Wie in Zeitlupe sehe ich das rennende Mädchen sich an sein kränkliches Herz fassen. Mit panisch aufgerissenen Augen fällt sie nieder. „Zu spät, sie ist tot“, flüsterte ich tränenüberströmt.
Grabesstille im Raum.
Von weitem vernahm ich Katjas belegte Stimme. „Schnappt ihn euch.“
Sämtliche Augen ruhten auf mir, einige verstanden endlich, andere kämpften mit ihren Gefühlen.
Katja brüllte: „Holt mir den Scheißkerl! Sofort!“
Der Konferenzraum füllte sich unerträglich mit Ausdünstungen ihrer Emotionen, die die ganze Palette von Mitleid bis zu blankem Grauen abdeckten. Mühsam schaffte ich es, meinen Geist davor zu verschließen.
Elendig langsam begannen sich die Kollegen zu rühren. Mit schockstarrer Stummheit schrammten sie ihre Stühle überlaut zurück.
Ausgerechnet der stille Björn legte mir im Hinausgehen eine Hand behutsam auf die Schulter und meinte: „Damit würde ich nicht leben wollen.“
Vielleicht vermochte der tragische Tod des Teenagers jenes Bündnis zwischen uns allen zu schmieden, das ich mir so sehr wünschte.
Kurz danach kam Katja, nahe an der Schwelle zum Ausrasten, ratlos mit dem nächsten drängenden Problem an. Eigentlich hatte sie es bei unserer Morgenrunde thematisieren wollen. „Wir brauchen endlich Ersatz für Kai, und zwar eine Frau.“
„Soll ich mich darum kümmern?“
„Wenn du kannst, wäre das eine echte Entlastung.“ Sie blickte mir beinahe schüchtern in die Augen und krächzte schließlich: „Verdammt, Lil, wie hältst du das bloß aus?“
Nachdem sich der Raum geleert hatte, wandte ich mich mit hängendem Kopf meinen Grünpflanzen auf den Fensterbänken zu. Geistesabwesend griff ich nach der Gießkanne. Die Sternelben summten voller Trost. Solch eine Geste von ihnen lag weit zurück.
Doch die nächste Aufgabe drängte.
„Wo finde ich eine Ersatzfrau für Kai?“
„In Hamburg. Reise selbst dorthin, um sie zu überzeugen.“
„Wann?“
„Heute Nachmittag.“
Umgehend informierte ich die total überraschte Katja. „Ach, und noch etwas. Ich habe nicht nur dich, sondern Konny ebenfalls zum Fest am 1. Weihnachtstag eingeladen. Der Haken ist Konny.“
„Du willst einen Tipp, um ihn gnädig zu stimmen?“
„Kluges Mädchen.“
„Sein frustriertes Team beißt sich an einem miesen Fall die Zähne aus. Nach den super Erfolgen bei uns sieht Konny jetzt echt alt aus. Vielleicht macht ihn dieser Umstand ja zugänglicher für deine speziellen Fähigkeiten.“
Meine nachfolgende Schalte zu den Lichtwesen dauerte keine zehn Minuten. Die Einspeisung ihrer Informationen in mein Workpad erforderte ungefähr die doppelte Zeitspanne.
Entschlossen klemmte ich das Workpad unter meinen Arm und marschierte los zu Konnys Büro, Dezernat Wirtschaftskriminalität, im anderen Gebäudeflügel.
„Darf ich reinkommen?“
Die Überrumpelungstaktik funktionierte, der Kommissar wies auf einen Stuhl. „Soll ich raten? Katja hat Sie geschickt.“
„Falsch, ich suche einen Weg, Sie zur Anwesenheit bei meinem Weihnachtsfest zu bewegen.“
Entspannt lehnte er sich zurück. „Sie können doch angeblich in den Sternen lesen. Was steht denn dort so über mich?“
Ich grinste dreist. „Nichts Gutes! Sie sind ein Dickschädel, ein Arbeitspferd, ein Ignorant und vor allem ein gnadenloser Herzensbrecher.“
Er lachte schallend los. „Und solch einen Unhold wollen Sie einladen?“
„Katja steht leider auf Unholde.“
„Arbeiten Sie jetzt auch noch als Kupplerin?“
„Nur für meine liebste Freundin.“
Amüsiert kam er auf den entscheidenden Punkt: „Wie sieht denn nun Ihre Strategie aus?“
„Erst bringe ich Sie zum Lachen, Sie vergessen Ihre Furcht vor mir, ich öffne meinen Zauberkasten, Sie buchten endlich Ihre cleveren Täter ein. Als Happy End feiern wir ausgelassen Weihnachten.“
Pause.
Konny saß mit aufgestützten Ellenbogen hinter seinem hässlichen achtziger Jahre Furniertisch und ließ seine gespreizten Finger aneinander tippen. „Gans oder Truthahn?“
„Truthahn.“
Richtige Antwort.
„Na, dann zeigen Sie mal Ihren Zauberkasten her.“
Später fragte Konny zum Abschied leicht spöttisch: „Und Sie spielen den Racheengel? Können Sie überhaupt schießen?“
„Ich trage keine Waffen.“
Das stimmte zwar nur für irdische Verhältnisse. Aber ich genoss seine, leider kaum in Worte fassbare, komplett entgleitende Mimik, als ich ohne weitere Erklärung davonging.
Spiel, Satz und Sieg!
Die Zugfahrt nach Hamburg nutzte ich, um über passende Geschenke für meine Kollegen und Weihnachtsgäste zu grübeln. Jeder sollte etwas ganz Besonderes bekommen. Ungeniert spannte ich die Lichtwesen mit ein. Die Abwechslung schien ihnen sogar zu gefallen.
Zumindest bis zu der Frage: „Und was wünscht sich Elin?“
Erst wollten sie mal wieder nicht mit dem Sound heraus. Unwirsch erinnerte ich die Sternelben an unsere Vereinbarung. Wobei es sich dabei ehrlicherweise um meine einseitige Forderung nach Offenheit und Ehrlichkeit handelte, egal.
„Elin möchte den Unterricht mit dir fortführen.“
„Ach! Und wieso verschweigt sie mir das?“
„Weil wir dich pausenlos in Beschlag nehmen.“
„Der Unterricht ist wichtig, oder?“
„Ja, ausgesprochen wichtig.“
„Also, dann strengt euch mal an, dass wir nach Neujahr irgendwie Zeit dafür finden.“
„Sehr wohl, Lilia!“
Auf den letzten Drücker besprachen wir hintendrein noch hastig meine Vorgehensweise in Hamburg.
Nach Ankunft des ICE in Hamburg-Altona gegen 18 Uhr lotsten mich die Lichtwesen durch ein Gewirr unbekannter Straßen bis zu einer Bar. Deren Eingangstür erinnerte an einen riesigen Fassdeckel. Unschlüssig blieb ich davor stehen. „Eine Bar? Um diese Uhrzeit?“
„Sie gehört ihrem Vater. Du hast gerade noch Zeit, um Katja die Aufklärung des tödlichen Unfalls mit Fahrerflucht zu übermitteln, der sich zwischenzeitlich ereignete.“
Ich hörte kaum, mein Hinterkopf dafür umso präziser zu. Während ich die Fasstür anstarrte, klickten in meinem Gehirn einige Denksteine aneinander. „Machen die Dämonen das? Treiben sie die Menschen zu solch perversem Handeln?“
„Ja, Lilia, daraus saugen sie ihre Befriedigung – sofern sie satt sind.“
Die wichtigste Info unseres Gesprächs überhaupt, nämliche ihre Anmerkung „sofern sie satt sind“, landete zu meiner Schande direkt im Langzeitspeicher.
„Aber wussten die Dämonen im Gegensatz zu euch schon vorher von der hirnlosen Fahrerflucht?“
„Nein, sie greifen ein, wenn sie zufällig in der Nähe lauern.“
„Am Nachmittag?! Bedeutet das, im Winter mit seinem ständigen, wolkenverhangenen Zwielicht und seinen ewig langen Nächten laufen die Monster zur Hochform auf?“
„Gut mitgedacht.“
„Aber wie manipulieren sie die Menschen?“
„Die Dämonen hauchen ihre Opfer an.“
Eine widerlich abartige Vorstellung, die mir Brechreiz verursachte. „Kann das jeden treffen?“, fragte ich würgend und betrat dabei sichtlich überstürzt die schummrige Bar.“
„Nein, nur jene Menschen mit sehr wenig Gutem in ihrer Seele.“
Über die Horrormonster vergaß ich glatt Katja anzurufen. Und bevor ich das ebenfalls vergesse: Die Bar bot keinerlei Schutz vor Dämonen.
Trotz der frühen Uhrzeit bestellte ich an der Theke einen Gin Tonic.
„Achtung, Lilia, deine Kandidatin betritt die Bar.“
Rachel, eine rothaarige Mittzwanzigerin, schlenderte lässig auf den Tresen zu. „Hi Paps.“
„Na, wieder erfolgreich Verbrecher gejagt?“
„Geht so. Im Grunde genommen bräuchte man dafür einen siebten Sinn. Dann müssten wir nicht pausenlos hinter solchen Typen her humpeln.“
Ungeniert mischte ich mich in ihr Gespräch ein. „Siebter Sinn? Und wenn Sie den besäßen?“
Cool abschätzend guckte sie herüber. „Verstehen Sie einen Funken von Polizeiarbeit?“
„Kripo Berlin“, gab ich ebenso lässig zurück.
„Ach nee, die mit dem Racheengel! Stimmen die Gerüchte?“
Die Story zog anscheinend langsam Kreise.
„Ja, absolut.“
Sie blinzelte irritiert und rückte zwei Barhocker näher. „Eher weniger gesetzestreu, euer Treiben, was?“
Ich sah ihr direkt in die grünen Augen. Prompt begann ihre coole Fassade zu bröckeln.
„Der Racheengel arbeitet erstens unbewaffnet, zweitens verübt er, anders als der Name behauptet, niemals Rache.“
„Und wer steckt hinter dieser mysteriösen Person?“
„Ich.“
Rachel schnappte verärgert nach Luft. „Sie sind doch höchstens mal 20 Jahre alt. Verarschen kann ich mich selber!“
„Rufen Sie an“, forderte ich die Kommissarin auf und hielt ihr mein Handy hin.
Unwillig raunzte sie: „Weiß die Nummer nicht.“
„Chefin ist Katja Rainer, für die Durchwahl drücken Sie einfach auf ihren Namen im Adressbuch.“
„Und wie heißen Sie?“
„Lilia.“
Drei am Telefon gelauschte Minuten später hatte sich eine gewisse Blässe in Rachels sommersprossigem Gesicht breitgemacht.
„Können wir uns in Ruhe unterhalten?“
Langsam wies sie auf eine halbrunde, plüschrote Couch in einer düsteren Ecke der noch leeren Bar. „Möchten Sie einen Kaffee?“
„Danke, ich bin versorgt“, deutete ich auf mein halb volles Glas.
„Paps, bist du so lieb und machst mir einen Espresso?“
„Kommt sofort.“
Kaum saßen wir, fragte Rachel mit spürbarer Verwunderung: „Warum sind Sie überhaupt hier?“
„Um Sie für Katjas Team abzuwerben.“
Erstaunt schossen ihre Augenbrauen hoch. „Wieso ausgerechnet mich, eine Anfängerin?“
„Sie sind jung, engagiert und verfügen über einen wachen Instinkt. Aber vor allem besitzen Sie eine ausgeprägte Antenne für Mystizismus.“
Erschrocken wollte sie wissen: „Wie haben Sie das herausbekommen?“
„Reine Begabung, tut hier nichts zur Sache. Entscheiden Sie sich für Berlin, werden Sie garantiert mehr Geheimnisvolles oder Irrationales erleben, als Sie sich im Moment vorstellen können.“ Mit voller Absicht stellte ich den Mut der blutjungen Kommissarin auf die Probe.
„Ich – muss mir Ihre Geschichte erst mal durch den Kopf gehen lassen.“ Wie ein Stehaufmännchen schwankte sie zwischen krasser Neugier und unbestimmter Furcht.
Beschwichtigend unterbreitete ich Rachel einen Vorschlag. „Nutzen Sie Ihren morgigen freien Tag und erscheinen Sie im Berliner Präsidium. Um Punkt 9 Uhr beginnt unsere Teambesprechung.“
Die Adresse kritzelte ich auf einen Bierdeckel und erhob mich. Ernst fügte ich hinzu: „Sie sind unsere erste Wahl.“
„Wird Rachel kommen?“
„Natürlich.“
Vom Zug aus informierte ich Katja – auch über den flüchtigen Todesfahrer. Sie war mit ihrem Kopf ganz woanders und schimpfte: „Wir machen uns gerade für die Operation Supermarkt startklar. Warum müssen die bis Mitternacht geöffnet haben? Irgendwann wollen wir auch mal schlafen.“
Kein normaler Mensch kam, so wie ich mittlerweile, auf Dauer mit maximal drei Stunden Schlaf aus. Über diesen Gedanken schlief ich ein.
Die Sternelben hetzten mich erneut los, kaum dass ich wieder im Berliner Hauptbahnhof einlief. Mein angeschwollener Lichthunger musste noch länger warten.
„Lilia, der Überfall auf den Supermarkt hat eine dramatische Wendung genommen. Sie brauchen dich.“
Noch vom Bahnsteig aus unterrichtete ich Katja. „Bin auf dem Weg. Ruf sofort Krankenwagen und Notarzt.“
Wie eine Furie raste ich aus der Tiefgarage des Hauptbahnhofs, nahm auf dem Großen Stern einem Lieferwagen die Vorfahrt, trat auf der Straße des 17. Juni das Gaspedal bis zum Anschlag durch, als mein Fahrstil der Besatzung eines Streifenwagens übel aufstieß. Mit jaulendem Blaulicht zwangen sie mich auf die Bremse.
„Katja, zwei Streifenkollegen wollen meinen Führerschein kassieren.“
„Gib dein Handy weiter.“
Kostbare Minuten gingen verloren. Endlich forderte mich der ältere Kollege auf: „Fahren Sie dicht hinter mir!“
Mit Blaulicht und Jauline trafen wir am weiträumig abgesperrten Supermarkt in der Schützenstraße ein.
„Bereiten Sie sich auf einen Bauchschuss vor“, befahl ich dem desinteressiert dreinblickenden Sanitäter des Krankenwagens im Vorbeilaufen. Katja kam mir entgegen gesprintet. Mit abwehrenden Händen keuchte ich: „Keine Zeit, alle in Deckung, sofort. Wartet, bis ich rauskomme.“
Kurz vor der gläsernen Eingangstür aktivierte ich ohne Stopp meinen Körperschutz und formte eine Blendkugel. Schon stürmte ich ins Innere des Supermarktes, pfefferte dem überraschten Täter die Kugel ins Gesicht, setzte nach, entwand ihm die Pistole und rammte fast gleichzeitig mein spitzes Knie in seinen Magen. Atemlos zauberte ich Handschellen für Hände und Füße herbei. Vorsichtshalber bekam seine Waffe einen Tritt gen Tür.
Der Filialleiter lag in seiner Blutlache, genau zwischen den zwei Kassen. Mit meinem jämmerlichen Restposten magischer Kraft mussten gut achtzig ohnmächtige Kilo behutsam auf die Arme genommen werden. So stolperte ich, Zähne zusammen gebissen, hinaus zum Krankenwagen.
„Wird er es schaffen?“
„Ja, gut gemacht, Lilia.“
„Lil?“ Katja steuerte, aschfahl im Gesicht, auf mich zu. „Du bist ein Engel! Aber du brauchst unbedingt Dienstausweis und Blaulicht.“
„Könnte mich irgendwer nach Santa Christiana bringen?“, flüsterte ich matt durch heftigen Schwindel.
Katja fing mich geistesgegenwärtig auf.
Als Björn mit seinem Dienstwagen den Parkplatz der Kirche erreichte, hing ich bewusstlos im Sicherheitsgurt. Ein Segen, dass Raimund just in diesem Moment ebenfalls sein Auto abstellte.
Mein Kollege stieg aus und sprach ihn ebenso ratlos wie hoffnungsvoll an. „Lilia sitzt ohnmächtig im Wagen.“
„Ich kümmere mich um sie, alles in Ordnung.“ Raimund trat an die Beifahrertür, löste meinen Sicherheitsgurt und hob mich heraus. „Fahren Sie ruhig, Lilia wird länger hier bleiben.“
Bei Björn stauten sich immer neue Fragen über mich auf, mehr noch als bei anderen Teammitgliedern. Restlos ausgepowert zog er kopfschüttelnd Leine.
Tief in der Nacht kam Raimund nochmals nach mir sehen. In bedauernd gebührendem Abstand zum sternelbischen Lichtkegel blieb er stehen. „Was machst du bloß für Sachen, Lilia? Als Racheengel durch die Stadt ziehen, du bist doch keine Superwoman.“
So, so, selbst bei ihm war der Groschen gefallen. „Raimund, ich habe keine Wahl. In dieser Stadt findet eine Schlacht statt, bei der Menschen die ersten Opfer sind.“
„Aber du bist selbst ein Mensch“, mahnte er voller Sorge.
„Ich fürchte, würdest du mich in Aktion erleben, dann kämst du zu einem anderen Schluss.“
Seine wichtigste Frage kam mit gärender Verzweiflung unterlegt heraus: „Sind sie gar keine Friedensstifter, sondern kriegerische Wesen?“
„Glaub mir, sie wünschen sich Frieden auf der Erde. Doch ihr mächtiger Feind vertritt nun mal gegensätzliche Ansichten“, lächelte ich verkrampft.
Kapitel 8
„Erst Dienstag“, registrierte ich fassungslos. In der Nacht hatte Tauwetter eingesetzt. An meinem Schreibtisch hockend hörte ich es in der Dunkelheit leise tropfen. Um 7 Uhr bugsierte ich den Tagesplan in Katjas virtuelles Postfach.
Kaum erledigt, meldeten sich die Sternelben gewichtig zu Wort: „Lilia, im Team rumort es.“
„Weswegen denn nun schon wieder?“
Da ich keine Lust verspürte, meinen Kopf anzustrengen, halfen sie notgedrungen aus. „Weil sie Menschen sind, begreifen sie dein Handeln nicht. Warum es dir offensichtlich möglich war, den Tod des Mädchens zu verfolgen. Wie du zum Beispiel erst gestern ohne Waffe und Schutzweste in den Supermarkt stürmen konntest. Und deine bekannt gewordenen Aufenthalte in der Kirche sorgen inzwischen ebenfalls für Gesprächsstoff.“
Natürlich kam dieses neuerliche Pulverfass mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Doch mein Gehirn meldete auch so schon volle Auslastung.
„Morgen musst du mit ihnen reden.“
„Erst morgen?“, sandte ich total erleichtert.
„Rachel wird heute anwesend sein.“
Mit aufgesetzter Fröhlichkeit sang ich laut den Reim: „Morgen, morgen nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.“
„Lilia, bereite dich vor!“
„Ja, ja.“
Als ich im sturmverwirbelten Nieselregen das Tor zur Straße schloss, traf ich Jay.
„Lil, gut dass wir uns sehen. Schorsch und ich haben uns gefragt, ob du Heiligabend bei uns verbringen magst.“
Gerührt über sein ehrlich gemeintes Angebot, obwohl die beiden sich riesig auf das erste zweisame Fest im neuen Zuhause freuten, antwortete ich ebenso ehrlich: „Total lieb von euch, aber ich habe ein volles Programm.“
„Etwa Weihnachten auch noch arbeiten?“, rief er entsetzt.
„Orgel spielen, unter anderem.“
„Du bist ‘ne Marke!“
„Und tschüss.“
Heiligabend verhieß für mich erstens ausschlafen. Zweitens wollte ich gerne zumindest für ein paar unglückliche Menschen den Weihnachtsengel spielen. Drittens möglichst keine Einsätze für die Lichtwesen erledigen müssen. Wobei, der Punkt gehörte eindeutig an die unverrückbar erste Position. Viertens zum krönenden Abschluss der wunderbaren Orgel in Santa Christiana die schönsten, je nach Geschmacksempfinden auch kitschigsten, Weihnachtslieder entlocken.
Putzmunter und bestens gelaunt fuhr ich in meinem Wagen der Arbeit entgegen.
An der vierten roten Ampel rappelte das Handy los.
John meldete sich. „Verflucht Lilia, wenigstens du bist erreichbar. Auf der Glaskuppel des Hauptbahnhofs turnt ein Selbstmörder herum.“
„Bist du dort?“
„Ja, und zwar allein mit einer Herde aufgescheuchter Bahnleute.“
„Ruhig Blut, ich beeile mich.“ „Schaffe ich das noch rechtzeitig?“
„Das ist ungewiss, seine Emotionen sind kollabiert.“
„Falls ja, was unternehme ich?“
„Du musst zu dem Jungen auf das Dach gelangen.“
„Ein Kind?“, fragte ich entsetzt.
„Ein Jugendlicher mit Liebeskummer.“
„Und wo steckt seine Liebste?“
„Sie ist mit einem Anderen in die Ferien geflogen.“
„Ach du grüne Neune. Bleibt bloß auf Sendung!“
Die Lichtwesen lotsten mich im Hauptbahnhof über eine verborgene Montageleiter auf das gigantische, röhrenförmige Glasdach.
Nebenbei klingelte ich seine Ex-Freundin auf Mallorca aus dem Bett. „Marie, du hast Pierre verlassen. Bleibt es dabei?“
„Wer ist denn da?“ Verschlafen murmelte sie: „Das mit Micha und dem Mallorca Trip war ‘ne saublöde Idee.“
„Willst du Pierre wiederhaben?“
„Glaub nich‘, dass der mich noch anguckt.“
„Bleib dran, schlaf nicht ein!“
Gut fünfzehn Minuten später dirigierten mich die Sternelben mitsamt dem Jungen vom Dach. Sie schmuggelten uns tatsächlich unbemerkt aus dem vielstöckigen Irrgarten des Bahnhofs. Unterwegs flötete Pierre unablässig Geschmuse in sein Handy, als säße er lässig beim Frühstück.
„John, hier Lilia. Fall erledigt.“
„Wie, was? Wo steckt der Verrückte?“
„Hattest du noch nie Liebeskummer?“ Damit legte ich auf, schwer hoffend, er würde bis zur Morgenrunde innerlich abkühlen.
„Lilia, du bist ein Aas!“
Aber mein kandiertes Lächeln zielte so eindeutig an John vorbei, dass er sich umdrehte – und Amor tat seinen Job aus grünen Augen. Im Türrahmen des Konferenzraums stand nämlich unser Gast aus Hamburg.
„Hi, Rachel, das hier ist mein wortgewaltiger Kollege John.“
Nordisch kühl, streckte sie ihm gnädig die Hand entgegen. „Moin.“
Ausgerechnet unseren coolen Obermacho ereilte mit grandiosem Aufschlag die Liebeskrankheit. Selbst das Schicksal besaß eine humoristische Seite.
Katja eröffnete die Runde. „Guten Morgen an alle, wir haben heute einen Gast von der Kripo Hamburg. Unsere Kollegin möchte mal schnuppern, wie bei uns der Laden läuft. Die Tagesordnung sieht bislang ruhig aus. Eventuell weitere vorweihnachtliche Selbstmordkandidaten, die Lilia und Amelie hoffentlich zur Vernunft bringen. Dann der nächste Überfall auf eine Postbankfiliale in drei Stunden. Bleibt es dabei, Lil?“
Nickend stimmte ich zu, weshalb Rachel fast ihre Augen aus dem Kopf kullerten.
Katja ratterte weiter herunter: „Und ein Einbruch beim Autohändler. Der tangiert uns insofern, als der Täter bewaffnet ist und wegen schwerer Körperverletzung auf der Fahndungsliste der Brandenburger Kollegen steht.“
Es platzte förmlich aus Rachel heraus: „Ihr wisst das alles im Voraus?“
Mit dieser schlichten Frage wurde noch dem Letzten im Raum schlagartig bewusst, wie weit sich unsere Arbeit von der Normalität entfernt hatte.
„Ein gutes Fundament für morgen“, registrierte ich im Hinterkopf.
Kaum strebten wir auseinander, flüsterte Katja mir zu: „Willst du Rachel mitnehmen?“
„Auf gar keinen Fall, sie dreht mir glatt durch.“
Daraufhin glitt ihr Blick über das Team. „Okay, Jan und John, ihr kümmert euch um unseren Gast.“
John grinste Rachel erwartungsvoll entgegen. Doch leider, leider steuerte die geradewegs Jan an und bestürmte sie mit Fragen. Sein Grinsen erschlaffte.
Zur ausgleichenden Gerechtigkeit bekamen wir einen erträglichen Arbeitstag, von dem ich mich am späten Nachmittag getrost verabschiedete. Auf dem Flur stand Katja mit unserem Gast, in ein Gespräch vertieft.
„Na, genug Berliner Luft geschnuppert?“, erkundigte ich mich bei Rachel.
Mit schiefem Lächeln meinte sie: „Ziemlich starker Tobak bei euch, aber unwiderstehlich.“
„Na, wer sagt’s denn.“
Dem Inneren von Santa Christiana entströmte eine schwatzende Besuchergruppe, angeführt von Raimund. Gegen das Auto gelehnt wartete ich, bis sich der Pulk auflöste. Nachdem der Priester seinen letzten Gast verabschiedet hatte, steuerte er mit langen Schritten auf mich zu.
„Ich hoffe, du rührst ordentlich die Spendentrommel bei deinen kostenlosen Orgelvorträgen“, begrüßte ich meinen Freund lachend.
„Wenn die Anfragen weiter steigen, benötigen wir jemanden, der die Führungen übernimmt und nebenbei ein bisschen aufpasst. Aber dafür fehlt mal wieder das nötige Kleingeld.“
„Habt ihr in der Gemeinde keine pensionierten Lehrer oder etwas in der Art, die sich nach solch einer Beschäftigung die Finger lecken würden?“
„Das ist eine erstklassige Idee! Kommst du nachher auf einen Tee vorbei?“
„Müsste hinhauen.“
Aber zuvorderst wollte ich von den Sternelben weitere Antworten. Energischen Schrittes betrat ich die dämmrige Kirche und besetzte das Kissen am Altar.
„Also, da ich mich nicht zweiteilen kann, stellt sich die drängende Frage: Wie soll das Ganze weitergehen? Meine Kapazitätsgrenze ist erreicht. Spätestens, wenn der Unterricht mit Elin starten soll, muss ich mir das Schlafen komplett abgewöhnen. Allein der Gedanke, Elin könnte nachts auch noch Unterstützung anfordern, ist Albtraum verdächtig.“
„Elin benötigt bereits jetzt Hilfe.“
„Jetzt schon? Und das erfahre ich so nebenbei?“, regte ich mich bis unter die Decke auf.
„Leya wird Elin im neuen Jahr bereitwillig unterstützen“, beschwichtigten sie.
„Ach?! Kann Leya überhaupt kämpfen?“
„Selbstverständlich, sie ist eine Elbe!“
„Uh, ein Fettnäpfchen.“
„Erst wenn deine Ausbildung abgeschlossen ist, müssen wir deine Aufgaben neu überdenken.“
Mir fielen das kürzlich erwähnte Dämonenheer und meine aufgeschobenen Fragen dazu wieder ein. „Wieviele Dämonen schleichen in der Stadt herum?“
Stille.
„Na?“
„Elin glaubt, ihre Zahl ist auf einige Hundert angewachsen.“
Mir blieb die Spucke weg. „Einige Hundert? Ihr lasst Elin allein auf hunderte von Monstern los?“
„Ihre Macht und ihre Intelligenz wiegen vieles auf.“
Mein Blut warf Kochblasen, aber mein Hirn vollführte einen seiner berüchtigten Bocksprünge. „Dann müssten mir nachts doch ständig Dämonen begegnen!“
„Elin wacht über dich, auch wenn du sie nicht wahrnimmst.“
„Wollt ihr damit sagen, der berüchtigte Berliner Kloakengestank ist in Wahrheit …“
„… die Dämonenbrut. Gut erkannt, Lilia.“
Zutiefst verstört und eingeschüchtert angesichts der haarigen Erkenntnis, scheußlichen Dämonen bei meiner Verbrecherjagd quasi auf ihren Köpfen herumzutanzen, verbrachte ich wortlos eine weitere Stunde mit Energie schöpfen.
„Ähem, sagt mal.“, aktivierte ich die Verbindung nochmals, „Was wünscht ihr euch denn zu Weihnachten?“
Sie ließen eine himmlische Gesangswolke erklingen.
„Nanu? Will sagen?“
„Oh Lilia, bitte lege die Fresken frei, die sich im Deckengewölbe befinden.“
Verblüfft schaute ich empor. „Unter der schmutzig weißen Farbe?“
„Ja, richtig.“
„Wollt ihr euer Geschenk sofort?“
Natürlich wollten sie, untermalt von einem hymnischen Kanon. Dass diese Sache mal wieder einen ihrer berüchtigten Schachzüge darstellte, darauf wäre höchstens ein Superhirn sofort gestoßen.
Vorsichtshalber marschierte ich nach draußen und schloss die Tür hinter mir. Wer wollte schon eventuell eine Lawine aus verdrecktem Deckenputz abkriegen? Draußen konzentrierte ich mich bis zum Anschlag auf die Magie.
Gespannt wie ein Flitzebogen riss ich die Tür wieder auf und lugte hinein. Tja, die Fresken lagen frei, oder vielmehr ein blasser Rest aus Bilderinseln. Echt kein Highlight. „So lassen oder vervollständigen?“
Die Sternelben sandten umgehend Fresken in herrlich leuchtenden Farben in meinen Kopf. Sie wurden von mir in das Gewölbe projiziert.
Wenige Minuten vergingen, dann jubelten wir ausgelassen über das Kunstwerk. Es stellte Kampfszenen zwischen „Engeln“ und „Teufeln“ dar. Mit Blitz, Feuer und gleißendem Himmelsstrahl.
„Aber hallo, aktueller geht es wirklich nicht“, entfuhr es mir laut.
Das Wunder musste Raimund auf der Stelle sehen!
Ungeduldig läutete ich am Pfarrhaus.
Kaum hatte mir Raimund geöffnet, überfiel ich ihn ohne Erklärung. „Los, komm mit, eine Überraschung!“
Im Sturmschritt zog ich den überrumpelten Priester mit zur Kirchentür. „Augen zu. Mach schon.“
Langsam führte ich ihn unter das Deckengewölbe. „Sieh nach oben.“
Er blinzelte mehrfach angestrengt, wie um eine Fata Morgana zu vertreiben, dann schlug er sich die Hand vor den sperrangelweit offenen Mund.
Eine lange Minute später begann Raimund zu stammeln: „Aber wie – woher? – Wie dahin?“
„Weil sie“, dabei deutete ich zum Lichtfenster, „sich den Originalzustand deines Kirchengewölbes gewünscht haben“.
„Unglaublich!“ Und das meinte er wörtlich. Denn Raimund starrte jetzt entgeistert zwischen den „Engeln“ und mir hin und her, rauf und runter.
Wann würde er endlich die Schlüsselfrage stellen? Im Geist zählte ich bis zwanzig, als mein Magen vernehmbar knurrte. „Tee und Kuchen?“
Er starrte mich an wie eine Außerirdische.
„Lilia, jetzt hast du überzogen“, tadelte sphärischer Gesang.
„Ja-a.“
„Gehen wir besser zum Pfarrhaus zurück.“
Widerstrebend ließ Raimund sich mitschleifen. Seine Haushälterin machte bereits Feierabend. So konnte ich ungeniert, für Kuchen war es doch reichlich spät, Sandwiches, Milch und Tee bereitstellen.
Im Wohnzimmer drückte ich Raimund auf einen Stuhl.
„Greif zu, danach fühlst du dich besser und wir können reden.“
Erst nachdem ich ihm ein Sandwich in die linke und das Milchglas in die rechte Hand gedrückt hatte, begann er mechanisch mit der Mahlzeit. Seine glasigen Augen sahen dabei ins Leere.
Nach dem ersten verschlungenen Sandwich gab mein Magen seinen Gehirnterror dran. Freie Bahn für den Kamikaze-Grundkurs in Magie.
Mein Freund spannte mich über Gebühr auf die Folter, bis er schlussendlich zu fragen wagte: „Lilia, was bist du wirklich?“
„Ah, ein Hoch auf die Intelligenz!“ „Ein Mischwesen, so ähnlich wie ein Muli. Nein, nochmal von vorne. Elben sind dir inzwischen ein Begriff.“
In Zeitlupe senkte er zustimmend seinen Kopf.
„Elben und Menschen sind grundverschieden. Aber vor Urzeiten kam es, zwar äußerst selten, aber dennoch vor, dass sie sich miteinander verbanden. Meine Urahne war Elbe, ihr Gemahl entstammte bereits einer Mischlinie. Das Resultat, also ich, beinhaltet seltsamerweise noch heute einen Teil dieses Erbes. Und das, obwohl unendlich viele Jahrhunderte seitdem verstrichen sind.“
Geduldig ließ ich Raimund das Gesagte verdauen.
„Und Elben konnten, sie konnten …“
„Magie bewirken?“
Raimund blickte mich ängstlich an.
Also lenkte ich sein Augenmerk auf das Kirchengewölbe. „Hast du das Motiv der Fresken noch vor Augen? Sie zeigen Blitz und Feuer, die ursprüngliche Kampftechnik von Elben und Dämonen. Von dieser urgewaltigen Kraft blieb ihnen am Ende nur schwache Magie.“
Der Priester holte tief Luft. „Und du kannst – das ebenfalls?“
„Magie ist nichts Böses, Raimund! Denk nur an die Freilegung der Fresken. Du hättest ihre Freude über mein Geschenk hören sollen. Sie jubelten vor Entzücken!“
„Wirklich wahr?“
„Ja, ich schwöre es dir.“ Die reine Ehrlichkeit meiner Augen half ihm über den Schock hinweg. „Raimund, die Magie hilft mir sehr. Ich rette dadurch Leben, bewirke Gutes und schütze obendrein mich selbst.“
Skeptisch hakte er nach: „Aber warum nennt man dich dann den Racheengel?“
„Gute Frage!“ „Tja, das wüsste ich auch mal gerne. Wahrscheinlich ein typischer Fall der berüchtigten Berliner Schnauze. Doch Rachegelüste haben keinen Platz in meiner Seele.“
Er schenkte mir ein warmherziges Lächeln. „Ich weiß.“
Nachdenklich fuhr ich heim. Je weiter sich meine Kräfte, mein Wissen und mein elbisches Handeln entwickelten, desto mehr entfernte ich mich von meinen neu gewonnenen Freunden. In absehbarer Zeit würden sie meinem Wesen kaum mehr folgen können. Das schien am heutigen Abend so zwangsläufig wie das Amen in der Kirche. „Du wirst neue Freunde finden“, dieses Versprechen der Sternelben stand ganz am Anfang. „Aber wie lange werden sie noch zu mir halten?“
Als elendes Schniefbündel, mich wieder einmal unendlich einsam fühlend, traf ich eine knappe Stunde später am Gartenhaus ein. Plötzlich keimte Trotz auf und ich stemmte mich wild entschlossen gegen den innerlichen Trauerschwan. „Irgendwie muss die Geschichte im Guten weiter gehen. Die Schlacht ist keineswegs verloren. Punkt, Ausrufezeichen in fett!“ Klar, dass mein Alter Ego angesichts solch eines optimistischen Traumschaums kontern musste: „Wieso? Hat die Schlacht etwa schon angefangen?“
Einige Zeit danach schritt ich mit zwei riesigen Apfelpfannkuchen plus Salat im Magen nach draußen auf die Wiese. Argwöhnisch schnupperte ich, ob die Luft dämonenrein war. Derweil betrachtete ich hingebungsvoll den aus abziehenden Wolken hervortretenden, winterlich funkelnden Sternenhimmel. Die Lichtwesen sangen dazu ein zauberhaftes Lied über ihren Traumgarten. Keine menschliche Sprache kam der ihren annähernd gleich. Sie glich Musik und ihre Musik bildete ihre Sprache. Jedes Wort gebar Klang und Bild, jede Tonfolge erzählte eine Geschichte.
Unerwartet trat Elin zu mir.
„Ruhige Nacht?“
Lächelnd hob sie ihr leuchtendes Gesicht den Sternen entgegen.
Anschließend machten wir es uns vor dem Kaminfeuer gemütlich. Während ich an meinem Weinglas nippte und dem Flammenspiel zusah, forderte mich irgendetwas mit anschwellender Intensität zur Kenntnisnahme auf. Der vergebliche Versuch, an meinen abgeschalteten Grübelregionen festzuhalten, endete in einem gequälten Seufzer. „Sag schon, was dir auf der Seele brutzelt.“
„Leya wird mit mir kämpfen.“
„Bin im Bilde.“
„Du bist vollkommen ausgelastet, Lilia. Aber dein Unterricht …“, sie knetete ihre Hände, „du musst noch Unmengen an immens Wichtigem erlernen“.
Mit vorgetäuschter Verärgerung tadelte ich sie: „Konntest du dich nicht noch die paar Tage gedulden?“
Völlig perplex huschten ihre Augen in meine.
„Du ruinierst gerade mein Weihnachtsgeschenk für dich!“
„Oh!“
„Ja!“
„Ach so?!“ Amüsant, so eine Elbe im Chaos. „Oh, bitte entschuldige, Lilia.“
„Schon gut, aber an Heiligabend bekommst du kein Geschenk mehr, dass das mal klar ist“, grummelte ich. „Nach Neujahr wollen sie Sorge für ausreichend Trainingszeit tragen.“
„Ja, gut, dann gehe ich jetzt noch ein bisschen auf die Pirsch.“
„Aber leise“, rief ich ihr frech nach.
Aus dem Buch „Inghean“
Noch immer verkennt das Menschenkind den tiefen Sinn seines elbischen Erbes. Der Plan meiner Sternschwestern, Lilia das Antlitz unserer Fürstin zu offenbaren und so ihr menschliches Herz zu überlisten, schlug fehl. Wie Lilia sich selbst verleugnet, so verleugnet sie auch die Fürstin.
Der nebelverhangen trostlose Mittwoch vor den herbeigesehnten Weihnachtstagen stand unvermeidbar im Zeichen des kollektiven Pulverfasses. „Seufz!“ Früh morgens setzte ich als den ersten Punkt auf Katjas gewalttriefenden Tagesplan: Das Team erhält ausgiebig Gelegenheit, mir gegenüber Dampf abzulassen! Fett unterstrichen. In Klammern fügte ich hinzu: Wir drohen zu implodieren, wenn sie keine verständlichen Erklärungen zu meiner Art des Arbeitens erhalten.
Als ich nach dem Frühstück aufbrechen wollte, stand Elin, tief in Gedanken versunken, im Wintergarten. „Du schaffst das schon.“
Gequält nickte ich ihr zu. „Seide taugt für edle Kleider, nicht als Halteseil.“
„Na, dann drehst du eben einen soliden Strick aus den Fädchen.“
„Ach, sei froh, dass du dich bloß mit mir herumschlagen musst“, frotzelte ich unter absichtlicher Verkennung dämonischer Fakten.
Auf dem Weg zum Auto dachte ich: „Kann man sich mit einem tumben Dämon eigentlich unterhalten?“
„Was ist Magie?“ Mit dieser schlichten Frage eröffnete ich meine heikle Mission im Konferenzraum.
Der erste Querschuss kam umgehend. Nämlich von Axel, der mir bislang unauffällig, aber kontinuierlich aus dem Weg ging. „Was soll denn das jetzt werden?“
Mein Blick schweifte in die Runde. „Das soll Folgendes: Jeder von euch beherbergt im Hinterkopf diverse Fragen an oder über mich, die eine Antwort verlangen.“
Zustimmendes Gemurmel.
„Also nochmals dieselbe Frage, und zwar ernsthaft.“
„Kaninchen aus dem Hut.“
Allgemeines Gelächter.
„Frauen zersägen.“
„Träum weiter, Junge.“
Gejohle der Männer.
„Hellseherei.“
„Dafür bist du nicht helle genug.“
Die Sache drohte ins Lächerliche zu kippen und ich hob beschwichtigend die Hand. „Magie bedeutet erstens, Dinge zu bewegen, ohne dafür einen Finger krumm zu machen. Also mit reiner Geisteskraft.“
„Geht das wirklich?“, wollte Amelie wissen.
„Ja. Ihr dagegen habt gerade Zaubertricks genannt, die so fern von echter Magie sind wie die Sonne vom Mond.“
Misstrauen dünstete aus diversen Ecken heran.
„Ich zeige euch den Unterschied.“ Dabei fixierte ich Axel, der schräg gegenüber saß. Prompt sackte er auf seinem Stuhl tiefer. „Leg mal deine Brieftasche auf den Tisch.“
Alle Augen konzentrierten sich darauf. Mein Geist rief sie auf meinen Platz.
Ein Chor aus „Scheiße“, „häh“, „wie“, „och“ ertönte.
„Beruhigt euch bitte. Der Unterschied zwischen mir und euch ist diese zusätzliche Begabung“, erläuterte ich sachlich, als ginge es hier um die Anwendung neuer Software. „Magie ist einfach ein Werkzeug, das sauber angewendet werden muss. Sicherlich kennt ihr die Klagen über fehlende Schlüssel an den von mir verwendeten Handschellen.“
Halbherziges Gelächter machte die Runde.
Mit offensichtlichen Rachegelüsten gab Axel den nächsten Querschuss ab. Er knurrte: „Wieso kannst du ohne Schutzweste und Waffe rumlaufen?“
„Der scheint ja eine dicke Rechnung mit mir offen zu haben.“
„Neid, Lilia“, kommentierte die Sphäre.
Wenigstens kam mir ein rettender Gedanke. „Okay, lasst mich kurz ausholen, indem ich eine Gegenfrage stelle. Was geschieht, wenn ihr euch der Sonne aussetzt?“
„Hoffentlich braun werden.“
„Und schlapp, müde.“
„Bei mir läuft das aber anders. Ich werde nicht braun, dafür putzmunter.“
„Ach, deswegen hast du so ‘ne tolle Haut.“ Typisch Jan.
„Wenn man ein dickes Metallstück in die Sonne legt, strahlt es später im Schatten noch lange Wärme ab.“
„Hey, sind wir hier in der Schule? So blöd sind wir nun auch wieder nicht“, fuhr mir John sichtlich genervt in die Parade.
„Mach hier keine Riesenwelle, da ist sowieso nur mächtiger Hohlraum drunter“, fauchte Katja ihn mit blank liegenden Nerven an.
Gegen den zu recht einsetzenden Tumult laut anredend, antwortete ich John: „Dann verrate mir bitteschön mal, wie ich euch sonst verklickern soll, dass ich Licht als Energie aufnehmen und gezielt wieder abgeben kann.“
„Willst du uns verarschen?“
Das Chaos feierte fröhlich High Fidelity.
Ich brüllte: „Ruhe! Und wenn mir jetzt gleich einer in Ohnmacht fällt, ist John für die Mund-zu-Mund-Beatmung zuständig. Kapiert?“
Neuerliches Gejohle und ein weibliches „Iiih!“ schallten durch den Raum.
Jan schloss die Jalousien und ich begab mich bei gedämpftem Licht in die Mitte der beiden Tischreihen.
„So, ich demonstriere euch die Abgabe von Energie.“
Mucksmäuschenstille.
Während ich allmählich erleuchtete, redete ich betont ruhig weiter. „Dieses Licht schützt meinen Körper vor Kugeln, Messerstichen und ähnlichen Brutalitäten unseres Jobs. Aber es leistet noch mehr. Axel fragte eben nach meiner fehlenden Waffe. Wenn ich will, entsteht aus einem Teil der Energie beispielsweise eine Lichtkugel. Mit so einem Ding habe ich den Täter im Supermarkt geblendet.“ Nebenbei erschien eine Kugel auf meiner ausgestreckten Hand.
„Ach du Scheiße!“
„Echt jetzt?!“
„Ich muss high sein.“
„Boah, coole Nummer.“
Wenige Augenblicke später endete meine Darbietung. „Macht mal die Jalousien hoch.“
„Kannst du das etwa nicht?“, muffelte John.
„Ich denke, für heute ist euer Bedarf an Magie gedeckt. Obwohl …“, skeptisch blickte ich reihum, „… wollt ihr Sandwiches?“
Ein vielstimmiges „Haben wir uns verdient“ und „her damit“ kam als Antwort. Also zauberte ich direkt vor ihren Nasen das wohlbekannte Riesentablett herbei.
Unverkennbar biss der eine oder die andere recht zögerlich in die Köstlichkeit.
Ich grinste erleichtert über den durchgestandenen Schleudergang. Ehrlich betrachtet, hatten sie höchstens auf die Hälfte ihrer Fragen eine halbwegs akzeptable Antwort erhalten. „Sei auf der Hut“, schärfte ich mir ein.
Nach der normalen Besprechung unter Katjas einigermaßen entspannter Regie schnappte ich mir das Problemkind.
„Axel, tritt deinen Neid in die Tonne. Wüsstest du alles über mich, würdest du dich lieber tot wünschen, als mit mir zu tauschen.“
Er fuhr zusammen, weil ich ihm dicht auf die Pelle rückte und zudem direkt in seine blassblauen Augen schaute.
Mit ausgestreckter Hand bot ich an: „Komm, lass uns Frieden schließen.“
Seine schlaffe Hand griff zögerlich zu, dann trollte er sich schleunigst.
Sofort bat ich die Sternelben um Auskünfte.
„Axel übt den falschen Job aus. Dabei besitzt er außergewöhnliche Fähigkeiten für virtuelle Technologien. Außerdem sieht er sich im Team sehr starken Frauen gegenüber. Er hingegen konnte sich bislang nicht eingestehen, schwul zu sein.“
„Wüsstet ihr passende Arbeit für ihn?“
„Ja, beim Nachrichtendienst. Doch dafür müsste Axel vorab seine eigene Identität finden. Die Eignungsprüfung ist erbarmungslos.“
Im Tagesverlauf nutzte ich jede freie Sekunde, um mir über Axel den Kopf zu zermartern. „Wie? Wie? Wie?“ Irgendwann rasteten dann doch die richtigen Gehirnverbindungen ein. „Mensch, Jay! Die Lösung liegt direkt vor der Haustür!“ Ich griff zum Handy und wurde flott von Schwester Janine durchgestellt.
„Hi Lil, was hast du auf dem Herzen?“
Kurz schilderte ich ihm Axels privates Drama.
„Also ich würde mit ihm keinesfalls in einschlägige Bars gehen. Oder woran dachtest du?“
Zaghaft fragte ich: „An einen Besuch bei euch heute Abend in meiner Begleitung?“
„Hmmh, wäre durchaus eine Möglichkeit. Aber ich kann keine Erfolgsgarantie übernehmen.“
„Du bist ein Schatz!“
Gegen Abend beobachtete ich den Kandidaten für mein Überfallkommando unentwegt. Im entscheidenden Moment griff ich beherzt zu. „Hast du schon was vor?“
Völlig irritiert guckte Axel erst einmal um sich, wer wohl gemeint sein könnte. „Wer? Ich?“
„Ich möchte mich nochmal in Ruhe mit dir unterhalten. Magst du mitkommen?“
„Äh, ich habe, ich weiß nicht …“
„Auf geht’s.“
„Wohin denn?“, fragte Axel misstrauisch.
„In mein Haus.“
Aus unerfindlichen Gründen lief er brav neben mir her und stieg dann auf dem Parkplatz in meinen Wagen.
Schweigsam brachten wir die Autofahrt hinter uns.
Erst als wir das Tor zum Gartenhaus passierten, begann mein Kollege sich unruhig umzuschauen.
„Hier wohne ich.“
Er glotzte das Haus an. „Toll! Du musst ja Kohle haben.“
Gemächlich betraten wir mein Zuhause und schließlich die Küche.
„Ein Wintergarten.“ Axel marschierte los. „Echt gute Pflege. Auch Kakteen-Fan, was?“, kommentierte er mit offensichtlichem Kennerblick.
„Okay, parlieren wir über Pflanzen, wenn es denn hilft.“
Während die stacheligen Objekte ihre auftauende Wirkung entfalteten, drückte ich ihm sein Lieblingsbier in die Hand.
Ein sinnvoller Übergang von Kakteen hin zu IT? „Puh, nee!“ Dann auf die beiläufige Art. „Zufällig weiß ich, wo ein Job zu haben wäre, bei dem du dich richtig austoben kannst.“
Sein erschrockenes Gesicht schnellte zu mir herum. „Will Katja mich loswerden?“
„Nein, nichts dergleichen.“
Er überlegte, worauf das Ganze hier hinauslaufen sollte. „Ich meine, ich komme schon klar mit dir“, versicherte er lahm.
„Axel, hier geht es einzig und allein um dich, deine herausragenden Talente und deine Zukunft.“
Seine Neugierde siegte tatsächlich. „Was für ein Job?“
Meine Beschreibung brachte seine Augen zum Leuchten. „Das wäre der Hammer!“
„Tja, bliebe der zweite Akt zu bewältigen.“ Auch wenn Beiläufigkeit als Taktik eben gescheitert war, musste sie nochmals ran. „Gleich bin ich mit lieben Freunden zum Essen verabredet. Die beiden wissen bereits, dass du mitkommst.“
Totale Unsicherheit waberte. „Einfach so? Ohne mich zu kennen?“
„Einfach so.“
Erst als der komplette halbe Liter Bier sein Gehirn minimal beruhigte, zogen wir los. Da ich am Auto vorbei in Richtung des Brunnens strebte, blieb mein Kollege plötzlich wie angewurzelt stehen.
Hinter mir ertönte: „Zu Fuß? Echt?“
Ganz früher einmal hätte ich als Antwort sarkastisch Lauflernschuhe zur Ausleihe angeboten. Stattdessen deutete ich auf das hell erleuchtete Vorderhaus und erklärte: „Dort wohnen sie.“
Wenige Schritte vor ihrer Haustür zündete ich einen perfekten Rohrkrepierer. „Meine Freunde heißen übrigens Jay und Schorsch.“
Bei jedem Schwulen würde es auf der Stelle klicken. Von Axel hingegen kam keine Reaktion.
„Das wird entweder ein extrem langer Abend oder ein totales Fiasko. Habe ich Recht?“
Die Sternelben pflichteten mir bei.
Doch meine Freunde verhielten sich absolut brillant. Ihr ganz normales, lockeres Paarleben lief vor Axels wachsamen Augen ab. Diese Selbstverständlichkeit löste irgendwann während der nächsten drei Stunden sachte jenen Schalter, der im Innenleben meines Kollegen klemmte. Als sein Gesicht vor Glück glühte, atmete ich auf.
Schorsch behielt bis zum Schluss fest die Zügel in seiner Hand. „Morgen Abend gehen wir mit ein paar Freunden ins Kino. Wie wär’s, kommst du mit, Axel?“
„Ja, super Idee und echt ein dickes Danke für den tollen Abend bei euch.“
Das bestellte Taxi verschluckte den Bierseeligen und ich stöhnte: „Gebt mir mehr Wein.“
Jay und Schorsch bogen sich vor Lachen.
Dann aber wurde Schorsch unerwartet ernst. „Ich weiß aus eigener Erfahrung genau, was Axel durchmacht. Und da er ein netter Kerl zu sein scheint, sollten wir ihn vorerst unter unsere Fittiche nehmen. Oder, Jay?“
Meine Freunde klatschten ab, und ich fiel ihnen dankbar um den Hals. Manche Menschen besaßen eben ihre ganz eigene, wunderbare Magie.
Die verlockende Aussicht, noch vor Mitternacht freie Zeit für mich zu haben, erwies sich beim Verlassen ihres Hauses als Trugschluss. Vor dem Tor wieselte Konny herum.
„Wie sehr Katja und er sich manchmal ähneln!“ Alarmiert fragte ich nur: „Wo brennt es?“
Verlegen entgegnete er: „Ich könnte deine Spürnase gebrauchen, inoffiziell.“
Noch während wir den Kiesweg entlang gingen, sprudelte sein Anliegen ohne Punkt und Komma heraus. Konny berichtete von einem Informanten, der behauptete, an brisantes Material über einen globalen Konzern gelangt zu sein.
„Du willst wissen, ob an der Sache was dran ist“, riet ich und öffnete dabei „menschlich“ die Haustür.
„Na ja, das wäre ein ziemlicher Brocken, vorsichtig formuliert.“
„Schon kapiert. Hast du Hunger?“
„Ehrlich gesagt, mein Magen klebt unter der Schuhsohle. Ich habe mal was von deinen genialen Sandwiches läuten hören“, meinte er hoffnungsvoll.
So lotste ich den zweiten Gast dieses überlangen Abends in meine Küche. „Setz dich doch.“
Um ihn keine Magie sehen zu lassen, holte ich die gezauberten Sandwiches mitsamt der Milchflasche aus dem Kühlschrank.
„Milch?!“, sagte Konny exakt so, als würde ich ihn für einen Dreijährigen halten.
„Immer das gleiche Theater“, dachte ich meine Augen verdrehend. „Absolut Milch. Du stärkst dich und ich benötige ein paar Minuten zum Denken.“ Damit zog ich mich in den Wintergarten zurück.
Dort begann ich auf und ab zu schlendern, derweil die Sternschalte anlief.
„Seid ihr für Wirtschaftskriminalität überhaupt zuständig?“
„Sehr komisch, Lilia. Das ist keine klassische Wirtschaftskriminalität. An den Händen des Konzernvorstands klebt literweise Blut. Konrad könnte in ernste Gefahr geraten, wenn seine Ermittlungen durchsickern.“
„Soll ich Konny abraten?“
„Nein, du musst jedoch auf sein Team achtgeben.“
„Habt Ihr Informationen für mich?“
„Selbstverständlich“, brummten sie, „aber öffne zuerst deinen Zauberkasten, sonst stehst du heute früh noch hier.“
Mit einer frisch geöffneten Worddatei setzte ich mich Konny gegenüber. Bevor er fragen konnte, versetzte ich: „Sei bitte still, bis ich wieder rede.“
Entspannt griff der Kommissar nach dem letzten Sandwich. Sein Milchglas war übrigens fast geleert.
So ungefähr musste sich ein Durchlauferhitzer im Betrieb fühlen. Es dauerte und dauerte und dauerte. Gedankenversunken orderte ich magisch Tee. Konny zuckte zusammen.
„Tschuldigung.“
Tapfer blinzelte der Kommissar seine starke Irritation weg.
Unumwunden bekam er nun das Ausmaß seines Vorhabens geschildert. Danach zog ich ein Fazit: „Im Klartext erwarten dich Killer, Korruption und Lebensgefahr für jeden von euch, der es wagt, in dem Sumpf herumzuschnüffeln. Auf der Habenseite stehen für den Anfang 153 Dateien.“
„Für den Anfang?“, rief Konny geschockt aus.
„Für den Überblick, wie fett der Fall ist. Um es deutlich zu betonen, bislang warten die Seelen von sechs Leichen auf Gerechtigkeit. Wenn überhaupt, lässt sich die Hälfte davon als Mord nachweisen.“
Erschüttert kam nur: „Hast du was Hartes im Haus?“
Hinter seinem Rücken zauberte ich Grappa herbei.
Nach einer Runde des Schweigens mit zwei hinunter gekippten Gläsern fragte ich: „Besser?“
„Geht schon.“
„Konny, schlaf erst mal drüber. Aber hör vorab noch meinen dringenden Rat: Bevor du diese Daten bei euch aufspielst, wende dich unbedingt an Axel. Lass ihn zunächst ein absolut wasserdichtes internes Kommunikationssystem für dein Team einrichten.“
„Mein alter Axel?“, überlegte er ungläubig.
„Eben jener“, bekräftigte ich, „eine IT-Perle am falschen Platz.“
Total groggy schaute ich auf die Küchenuhr, kaum dass die Haustür hinter Konny ins Schloss fiel. Beinahe 2 Uhr morgens. Gerade als ich gähnend wie ein Scheunentor die Treppe bettwärts erklimmen wollte, läuteten die Sternelben zur Late Night Show.
Am ersten zu verhindernden Tatort in der City West fand ich sogar eine freie Parkbucht. Noch bevor der Wagen drin stand, drang würgeverdächtiger Gestank durch die Lüftungsschlitze ins Innere. Schockartig fiel mir ein, wer hinter dem Kloakengestank steckte – und haute auf die automatische Türverriegelung.
Bereits vor Längerem bekundeten die Sternelben, dass mein Auto kein luxuriöser Schnickschnack war, sondern bei Dunkelheit als ein galvanischer Käfig gegen die schwarzen Monster dienen sollte. Das würde aber nur bei geschlossenen Türen und laufendem Motor funktionieren, hatten sie mir eingetrichtert. „Magische Physik? Keinen blassen Schimmer.“
Geschlagene elf Minuten saß ich stocksteif, aber mit umherflitzenden Augen, auf dem Fahrersitz und suchte verzweifelt nach hinreichendem Mut, auszusteigen. Übermäßige Kopfverstopfung gepaart mit bleierner Müdigkeit lähmte jede Zufuhr positiver Restenergie. Erst als Elin sich mir zeigte, öffnete ich beschämt und mit puterrotem Kopf die Wagentür.
Dicke Schneeflocken kündigten die Rückkehr des eisigen Winters an.
Kapitel 9
Die sogenannten Tagstunden servierten ein ebenso deftiges Programm. Im frostigen Morgengrauen startete ich mit Überlegungen, wie all jene am Weihnachtsfest zu beglücken wären, die mir im Laufe des Jahres in ihrer Not begegneten. Etwa die frustriert-verhuschte Designerin, die es einfach nicht fertig brachte, ihren alten Studentenjob aufzugeben. Statt Werbung für ihre todschicken Entwürfe zu machen, fristete sie als Garderobenfrau im Volkstheater ihr ärmliches Dasein. Kurz bevor der letzte Lebensfunke erlöschen wollte, zündete ich flammenden Mut in ihr. Oder der arbeitslose Verkäufer von Obdachlosen-Zeitungen, den ich in der S-Bahn traf. Ein talentierter Kopf voller Ideen, der sich mit Suff und Drogen selbst den Boden unter seinen Füßen weggedröhnt hatte. Mit festem Wohnsitz und geringem Startkapital beförderte ich ihn auf eine neue Zielgerade. Jeder noch so winzige Anschub bedeutete ein gerettetes Leben. Und jedes erneut geschenkte Leben versprach wiederum, dass ein weiterer Mensch mit wachen Augen und helfenden Händen durch die Stadt ging. Die Chancen, marodierenden Dämonen ihre Hölle unter den Füßen zu vereisen, mussten eben bloß genutzt werden. „Aber wieso kapiere ich die Zusammenhänge erst jetzt?“
Die Sternelben kappten meine ausschweifenden Gedanken, indem sie noch vor dem Frühstück weitere Arbeit anmeldeten. „Raimund quält sich, besuche ihn bitte am Nachmittag.“
„Was treibt ihn nun wieder um?“
„Er sah abermals Licht in der Kirche und hat eine Erklärung verdient.“
„Finden die Fragen meiner Mitmenschen denn nie ein Ende?“, maulte ich.
„Frag dich selbst!“
„Haha, überaus witzig.“
Im Kommissariat saß Katja ebenfalls auf vor Neugierde glühenden Kohlen.
„Du siehst ziemlich alt aus“, bemerkte sie in ihrer direkt-schmeichelhaften Art, als ich auf ihren Schreibtisch zusteuerte.
„Danke, die Gnade herrlichen Schlafes wurde mir leider verwehrt.“
Sofort besorgt, übte sie mütterliche Kritik: „Du treibst es mit deiner Maloche echt ziemlich auf die Spitze.“
„Klar, der super Aussicht wegen“, hielt ich flapsig dagegen.
„Du, sag mal, was ist denn jetzt mit Konny und der Weihnachtsfeier?“
„Och, der ist inzwischen mein größter Fan.“
„Lilia!“
„Katja!“
„Nun sag schon“, quengelte sie wie auf Schokoentzug.
„Hab ich doch!“
Sie machte auf Rumpelstilzchen, biss bei mir jedoch auf Granit. Schmollend blieb sie hinter ihrem Schreibtisch zurück.
Am Ende unserer morgendlichen Teamrunde schwärmten die Kollegen in Zweiergrüppchen zu ihren Einsätzen oder zumindest entsprechenden Vorbereitungen aus.
Der Gebrauch von Headsets war mir schlicht ein Gräuel. Aber Vierteilung war nun mal keine machbare Option, um überall gleichzeitig mitzumischen. Folglich mussten die Trupps bei überlanger Arbeitsliste, so wie heute, aus dem Konferenzraum heraus von mir dirigiert werden.
Die Kommissare hingen bereits halb in ihren Urlaubsseilen. Freie Bahn für geistige Aussetzer.
„Lilia, wir haben den Kerl festgesetzt.“
„Und seine Komplizin?“
„Häh?“
„Ich hatte John doch gebrieft, dass sie zu zweit arbeiten.“
Jan brüllte in mein Ohr: „John, du Vollidiot!“
Axel und Katja bewältigten ihren Zugriff erst im dritten Anlauf. Der getürkte Dealer wollte auf sehr spezielle Art selbst mal den Racheengel spielen. Also verschenkte er reines, todbringendes Heroin an seine besonders zahlungssäumigen Kunden. Da der Mauerpark sein angestammtes Revier war, kannte er jedes Versteck, jede Fluchtachse. Und außerdem roch er Bullenpack bereits 100 Meter gegen den Wind.
Mit Wucht hätte ich sie allesamt in den Allerwertesten treten mögen.
Letztlich ging auch dieser Tag vorüber.
Total genervt begab ich mich auf den Weg zur geistigen Baustelle im Pfarrhaus.
Die mit jedem städtischen Staukilometer anwachsende Vorfreude auf frisch gebackenen Trostkuchen wurde herb enttäuscht. Raimunds wunderbare Backgöttin weilte im Urlaub und so öffnete er selbst die Haustür.
„Na, Weihnachtspredigten fertig?“, begrüßte ich meinen Freund, der ungesund fahl im Gesicht wirkte. Ein leises Schnuppern an seiner Gefühlslage katapultierte mich auf Trockeneis.
Tonlos antwortete der Priester: „Nicht mal angefangen.“
Mit gebeugten Schultern klebte Raimund in den Abgründen einer Sinnkrise fest. Ich hakte mich bei ihm unter und bugsierte meinen Seelenpatienten ins Wohnzimmer an den runden Tisch.
„Na komm, erzähl, gib dir einen Ruck.“ Nebenbei ersetzte ich heimlich den abgestandenen Tee in der Kanne, das ausgebrannte Teelicht im Stövchen und beugte mich zuletzt noch unter den Tisch. Eine Tüte gezauberter Schokoladenplätzchen kam aus dem Shopper zum Vorschein. „Hier, greif zu, hilft prima gegen Gedankentriefen.“
„Ach Lilia, wo soll ich überhaupt beginnen?“
„Bei dem unbekannten Verursacher des Lichts?“
Seine Miene hellte sich geringfügig auf. „Weißt du denn die Antwort?“
„Sicher kenne ich die Antwort. Wir beide sprachen neulich sogar darüber.“
Erstaunt schaute er auf. „So, tatsächlich?“
„Elben, lieber Raimund.“
Mit vollem Mund brachte er nur ein gekeuchtes „Wos?“ hervor.
„Einige wenige befinden sich auf der Erde.“
„Großer Gott“, entschlüpfte es ihm, begleitet vom nächsten Gefühlsschwall.
Aus Selbstschutz zog ich eine innere Wand dagegen hoch. „Nein, falsch“, korrigierte ich Raimund. „Das Licht ist göttlich, gut und weiblich, die Finsternis ist göttlich, böse und männlich. Ergibt in der Summe also Götter, wie du dich vielleicht erinnerst.“ Am Ende meiner Geduld angelangt, gab ich schnodderig hinzu: „Brate dir daraus, was du willst für deine Predigten.“
„Lilia!“, pfiff es misstönend aus der Sphäre.
„Ruhe da oben!“
„Was tun sie hier?“, fragte Raimund jetzt ratlos.
„Okay, weiter im Takt“, seufzte ich still und ergeben. „Dasselbe wie ich, sie nehmen in der Kirche ihre lebensnotwendige Lichtenergie auf.“
Ungeduldig fuchtelte er mit den Armen. „Ja sicher, aber was tun sie?“
„Sie kämpfen gegen Dämonen.“
Zusammenhanglos stieß Raimund unvermittelt bitter aus: „Du darfst sie sehen!“
„Aha, das ist also sein Casus Knacktus. Und ich kann seine Sehnsucht niemals lindern. Fremde Menschen mit einem neuen Leben beschenken, aber dann den eigenen Freund hängen lassen.“ Verstohlen wischte ich mir Verzweiflungstränen aus den brennenden Augen. „Liebster Freund, bitte glaube mir, spätestens bei den Dämonen ist ‚dürfen‘ die falsche Umschreibung. Sei froh, dass sie vor euch verborgen bleiben. Im Angesicht ihres teuflischen Treibens fühlst du dich als Mensch echt miserabel. Jedenfalls, sofern sie dich dafür lange genug am Leben lassen.“
Weder in meinen eigenen Ohren noch in Raimunds aufgeputschtem Geist klang das Argument überzeugend. Eben dies stand auf seiner gefurchten Stirn. Fieber bekämpfte man nicht mit Ratio, sondern mit Eis.
„Hat euer Lichtgeschwader da oben rein zufällig eine Eisbombe für mich?“
„Seinen vermeintlichen Gott bekam er niemals zu Gesicht!“
„Das ist knallhart gefühllos!“, warf ich ihnen entrüstet vor.
„Dann mach es besser, Lilia“, erwiderten die Sternelben pikiert.
„Pah, geht euch etwa tatsächlich auch mal die Puste aus?“
„Mäßige dich!“
Ich hatte kein bisschen ein schlechtes Gewissen.
Raimund wartete noch immer auf mehr.
„Eine vernünftige Eingebung, bitte!“
Was ich etliche Sekunden später absonderte, war weit entfernt von hitverdächtig: „Fast dein gesamtes Leben glaubst du an einen Gott, ohne ihn jemals gehört, geschweige denn gesehen zu haben, Raimund. Und ausgerechnet jetzt, wo du von mir exklusiv mehr Erkenntnisse über das Göttliche bekommst als jeder andere Priester, was sage ich, jeder andere Mensch auf diesem Planeten, läuft deine demütige Wissensaskese regelrecht Amok.“
Damit traf ich voll ins Schwarze. Mein Priester machte mit reuiger Miene und erhobenen Händen das Peace-Symbol.
„So, nun schreibst du brav eine Predigt über das Seelenleuchten in der Finsternis. Das passt zum Fest, zur Jahreszeit, zum Stadtmoloch und überhaupt. Noch Fragen?“
„Aber …“
„Was noch?“, stöhnte ich auf.
„Warum existieren dann überhaupt unsere Religionen?“
„Diese Frage musst du bitte an die versammelte Menschheit richten“, kam meine prompte Antwort aus dem Bauch heraus.
„Ich gebe mich geschlagen, Einstein.“
Für meinen Hinterkopf war Raimunds spannende Frage dagegen alles andere als abgehakt.
Ausgebrannt sprang ich ohne Kirchenbesuch ins Auto. „Genug! Keine Ergüsse menschlicher oder göttlicher Gehirnwindungen mehr in meine bemitleidenswerten Ohren.“
Sie gaben sich und mir für die Abkühlungsphase noch weitere neun Minuten.
„Lilia.“
„Nein!“
„Wir bitten dich“, säuselten sie.
„Also wirklich! Jetzt kommt ihr mir auf die Tour?“
„Ein Kinderheim?“
Ergeben steuerte ich den Wagen in die nächste Haltebucht für Linienbusse. „Also schön. Wie, wo, was, warum und so weiter, schießt los.“
Keine zwei Minuten danach empörte ich mich: „So eine Sauerei! Wenn ich die alte Hexe zu fassen kriege, klaut das Geld für die Weihnachtsgeschenke der Heimkinder. Erst Hexe einbuchten oder erst Geschenke organisieren?“
„Lass Konrad die Übeltäterin schnappen, du hast Einiges gut bei ihm.“
„Auch wieder wahr.“ Sofort griff ich zum Handy. „Hallo, Konny. Könntest du für mich eine Hexe fassen?“
„Bist du betrunken?“
„Sie ist Leiterin des Kinderheims Bärwald.“ Atemlos spulte ich die Fakten herunter, bis er einlenkte.
„Wir rücken ihr auf den Buckel.“
Offensichtlich besaß er doch ein klitzekleines bisschen Humor.
Einen Kleintransporter, vollgepackt mit Geschenken, mal eben in die Nähe des Lankwitzer Kinderheims zu zaubern, kostete mich eine geballte Ladung an Energie. Augenblicklich bereute ich den starrsinnigen Aufbruch von Santa Christiana. Doch meine Sorge, der interne Akku könnte warnblinken, erwies sich als grundlos.
Beim Entladen der vielen bunt verpackten Pakete mangelte es keineswegs an hilfreichen Händen. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde über das Wundermobil unter den kleinen Bewohnern ausgebreitet. Logisch, dass sie am liebsten auf der Stelle ihre Bescherung wollten. Darauf war ich vorbereitet. Zum Schluss kam ein mächtig großer Karton, beklebt mit funkelnden Sternen, zum Vorschein. Daraus verteilte ich lauter kleine Überraschungen, die die ungeduldigen Kinderseelen bis Heiligabend besänftigen würden.
„Bist du ein Weihnachtsengel?“, erkundigte sich ein braungelockter Dreikäsehoch mit gewichtiger Miene, als er sein Päckchen bekam.
„Und falls ja?“
„Dann wünsche ich mir von dir statt Geschenke ganz liebe neue Eltern.“
Am liebsten hätte ich den Bengel einfach unter den Arm geklemmt und mitgenommen. Doch genauer hinschauend, stand in den viel zu ernsten Augen all der anderen Kinder derselbe Wunsch geschrieben – in Großbuchstaben. Das tat schrecklich weh.
„Die neue Heimleitung wird sich gut um sie kümmern, Lilia.“
Lächelnd blickte ich reihum in ihre zarten Gesichter. „Alles wird gut.“ Zu mehr als dieser blöden Floskel sah ich mich außerstande. Dann winkte ich zum Abschied.
Mit verdächtig feuchten Augen wieder hinter meinem Lenkrad hockend, vergaß ich den Motor zu starten. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Kleinen glücklich werden. All diese bösartigen Menschen, wo kommen die bloß her? Das Christentum appelliert doch pausenlos an das Gute im Menschen, von Kindesbeinen an.“
„Du kennst die Antwort darauf, Lilia.“
Innerlich ausgequetscht wie eine Zitrone, verschob ich unter heftigen Gähnattacken das Thema. Vor allem mochte ich keinesfalls daran denken, wieviele Kinderheime noch in dieser Stadt existierten. Egal in welches Fass die Lichtwesen meinen Kopf steckten, grundsätzlich fehlte der Boden. Energisch wischte ich mir über die Augen, bevor ich endgültig den Motor anwarf.
Sechs Stunden geschlafen, welch ein Luxus. Beinahe wäre Katjas neues Schlachtmenü für den letzten Arbeitstag vor der Weihnachtspause verspätet in ihrem Postfach gelandet.
„Was ist das für eine merkwürdige Geschichte mit Amelie?“, begehrte ich von den Sternelben während des Frühstücks zu erfahren.
„Die Kommissarin hat an einem Beichtstuhl gelauscht.“
„Unsere tugendhafte Amelie?“
„Leider fehlen ihr die Beweise, um einer mordsmäßigen Heiratsschwindlerin das Handwerk legen zu können.“
„Aber ihr habt Beweise?“
„Eine heikle Aufgabe für die Spurensicherung. Nur ein falsch gesetzter Fuß, und aus.“
„Ach so, das ist deren Spielwiese.“
„Irrtum, Lilia. Denn Katja erhält von dir den Wohnungsgrundriss mit eingezeichneten Nummern. Eine Liste schlüsselt die dazugehörigen Beweisstücke auf.“
Ich lachte rau. „Ihr klingt inzwischen wie die Rentner-Gang der Kripo.“
Meist traf ich eine halbe Stunde vor meinen Kollegen im Kommissariat ein. Dann saßen Katja und ich in ihrem Chefbüro zusammen. Wir tranken Tee beziehungsweise tintenschwarzen Kaffee und besprachen dabei ihre Detailfragen zum Tagesmenü.
Heute dagegen blieb ich mit dem Wagen im „Blitzeisberufsverkehrschaos“ stecken, wie es der Radiomoderator nannte.
Gemeinsam mit Jan und Axel traf ich erst zehn Minuten nach dem regulären Beginn unseres Meetings ein. Doch es hatte noch gar nicht begonnen, als wir schnell unsere Plätze einnahmen.
„John hängt mitten in der Vollsperrung der Stadtautobahn, also fangen wir an“, bestimmte Katja.
Zunächst ließ sie Amelie ihre Zufallsentdeckung mit der Heiratsschwindlerin schildern.
„Die wollte sich doch nur beim Priester wichtigmachen, vielleicht steht sie auf den.“ Thomas, Oberschwafler vom Dienst und Experte für Handfestes, verpasste mal wieder als Einziger, dass ich Amelie bestätigend zunickte. Die Verständigung per Mimik unter Kollegen endete regelmäßig mit seinem Einwurf: „Kann mir mal einer sagen, was gebacken wird?“
Doch siehe da, Axel machte ihn rund. „Mann, Thomas, halt die Luft an. Je schneller wir fertig werden, desto eher fängt der Urlaub an. Oder, Lilia?“
Innerlich schmunzelnd dachte ich an seine freudig-erregte Vorstellung von Urlaub, nämlich komplexe Programmierarbeiten bei den Wirtschaftskollegen. Laut forderte ich: „Ihr müsst bewerkstelligen, dass kein noch so winziger Beweis vernichtet wird.“
„Das bedeutet Zugriff auf die Tatverdächtige außerhalb ihrer Wohnung“, zog Katja die richtigen Schlüsse aus meinen Unterlagen. „Lil, kannst du die Frau aufspüren?“
„Klar.“
Katja erteilte Amelie zum ersten Mal das Kommando.
Bildfetzen, wie aus einem unscharfen Clip, funkten meine grauen Zellen an. „Was ist das denn?“ Mich aus der Besprechung abkoppelnd, schien es, als säße ich vor einer Kinoleinwand. „Der Jungenstrich am Bahnhof Zoo?“ Jugendliche steigen ein und aus …
„Lilia. Lilia?“
Verwirrung, das Bild verzerrte, löste sich auf.
„Lilia, wann soll es losgehen?“
„Lilia, du musst zurück in deinen Geist, schnell! Die Heiratsschwindlerin in zwei Stunden“, kommandierten die Sternelben im Marschgesang.
Hektisch rief ich: „In zwei Stunden. Stellt sofort ein weiteres Team auf. Absolute Funkstille für mich!“
Die aufkeimenden Frustgesichter im Konferenzraum verblassten, je stärker sich mein Blick nach innen richtete.
Der Junge, kleinwüchsig und dürr, beugt sich in ein geöffnetes Wagenfenster, feilscht um den Preis. Er steigt ein. „Ist das bereits Vergangenheit?“ Sofort fährt der SUV los und verlässt die City. Der Fahrer lenkt seinen Wagen in ein Neuköllner Wohngebiet und steuert dort eine Tiefgarage an. Oben drüber befinden sich Eigentumswohnungen aus den 80ern.
Unterirdischer Filmriss für anderthalb Minuten.
Die Zwei tauchen aus dem Fahrstuhl im Dachgeschoss auf. Es enthält lediglich eine einzige Wohnung.
Mit gespielt lässiger Neugier betritt der Junge, sicher höchstens 15 Jahre alt, die fremde Wohnung. Der kräftig gebaute, etwa 50-jährige Freier holt aus seiner Küche zwei Gläser Bier. Das geübt präparierte Glas in seiner linken Hand reicht er dem Jungen. Gemeinsam setzen sie sich auf die rustikale Couch. Plötzlich hebt der Junge mit verwirrtem Blick seinen Kopf, der nur Sekunden später vornüber sackt. Sein Freier trägt ihn in das schallisolierte Hinterzimmer. Dort wirft er den Jungen auf das Bett, zerrt ihm sämtliche Kleider vom Leib und fesselt ihn an das Geländer des massiven Bettgestells.
Jan, Thomas sowie der mittlerweile eingetroffene John saßen, geduldig wartend, mir gegenüber.
„Lilia, ihr müsst in 25 Minuten dort sein, sonst ist es zu spät.“
„Keine Zeit für Erklärungen. Wer kann Türen aufbrechen?“
Thomas hob den Arm.
Die Kollegen spurteten hinter mir her zu den Fahrzeugen.
In allerletzter Minute hob ich diesen schmächtigen Körper, der sich sofort in purer Verzweiflung an mich klammerte, hoch. Der Servierwagen neben dem Bett, vollgepackt mit penibel sortierten Folterinstrumenten, zeigte erst geringe Blutspuren. Schiere Verzweiflung packte mich.
„Lilia, verschließe deine Augen, du marterst sie.“
„Entschuldigt bitte“, flüsterte ich und kümmerte mich um die Schnittwunden des Jungen.
Jan kämpfte mit ihren Tränen, John starrte eine Wand an. Thomas führte das Schwein ab.
Mit dem vor Schock zitternden Jungen betrat ich kurz darauf das Wohnzimmer. Krampfhaft versuchte ich zu witzeln: „Na dann, veranstalten wir mal Tütentango.“ Von der Couch aus dirigierte ich das Team durch die Wohnräume.
„Was wird nun aus dem Jungen? Er soll nie wieder auf den Straßenstrich!“
„Fahre den Jungen nach Bärwald.“
„Ist er für das Heim nicht zu alt?“
„Keine Sorge. Erzähle ihm unterwegs die Geschichte von dem gestohlenen Geld.“
„Wieso?“ Wo war jetzt der Zusammenhang?
Ihre kryptische Ansage: „Darin steckt seine einzige Chance, den neuen Schicksalsweg für sich zu erkennen.“
Am frühen Abend versammelte sich nach und nach die komplette Mannschaft im Konferenzraum. Der Duft von Kerzen, Kuchen und Punsch hing schwer in der Luft.
Auf meinem Platz stapelten sich Geschenke zu einem beachtlichen Haufen. Sehnsüchtig wartete ich auf Santa Christiana, aber das Team verdiente Vorfahrt. Für ihre Aufmerksamkeit klopfte ich resolut mit dem Teelöffel gegen meinen Becher. „Einige, die nichts Besseres vorhaben, feiern das Fest bei mir. Euch übrige“, verkündete ich auf die Pakete deutend, „beschert schon vorab der Weihnachtsengel“.
„Hey, wenn ich das geahnt hätte, läge deine Einladung jetzt in der Tonne“, protestierte John zwinkernd.
„Pech für dich, her mit den Geschenken“, lärmten die Kollegen fröhlich durcheinander und schmatzten mir großzügig Küsschen auf die Wangen.
„Übermorgen ist Silvester!“ Kaum zu fassen, wie schnell mir die herrlich normal menschlichen Urlaubstage durch die Finger glitten. Allmählich verstärkte mein ausgeruhter Hinterkopf seine grüblerischen Aktivitäten. Etliche gewichtige Fragen tauten auf seiner Eisschicht an. Zum Beispiel, ob es den Menschen erheblich besser ginge, wenn sämtliche Dämonen erledigt wären. Nein, daran glaubte ich keinen Fingerbreit mehr. Und bestand das einzige Ziel der Elben im Dämonenkampf? Auch das würde keineswegs sämtliche Vorgänge erklären. Welches Ziel, quasi als persönlichen Leitstern, wollte ich mir für das kommende Jahr selbst stecken? „Austauschen müsste frau sich können.“ Warum trudelte erst jetzt der Einfall herein, dass ich dafür im Urlaub nach Schottland hätte düsen können? „Gelaufen, na toll.“ Als Nächstes fiel mir Leya ein. „Die verstreuten Elben kommunizieren doch bestimmt untereinander? Ob auch Halbelben das, genauso wie den Umgang mit Magie, während ihrer Ausbildung erlernen?“ Jede Frage poppte eine neue Frage auf, Fragenpopkorn, Fragensalat, Quizfrage. „Mensch, hör auf mit dem Mist!“, keifte mein Alter Ego. „Spreng deiner ewigen Fragerei mal die Abschussrampe weg.“ „Ja, ja. Was hältst du von folgendem Vorschlag? Erst frühstücken und danach im Feenhaus eine Runde brauchbarer Antworten einsammeln.“ „Wenn’s unbedingt sein muss.“
Den Bauch erheblich zu vollgestopft für die weite Strecke, kam ich im Jogger-Outfit schliddernd bis zum Gartentor. Die Nachtfröste, kombiniert mit sonnigem Tauwetter am Tage, hatten den allerorts festgetretenen Schnee in spiegelglatte Eispanzer verwandelt. „Spikes müsste frau haben. Niemand in Sichtweite?“ Abwechselnd hielt ich die Schuhsohlen zwecks magischer Nachrüstung in die Luft. Blieb nur noch zu hoffen, dass auf den Waldwegen keine Schneeverwehungen lagen.
Bald lief ich, die klare Luft tief inhalierend, mit Wonne durch die winterstille Landschaft. Hier und da wurde sie von einem rötlich-goldenen Sonnenstrahl beleuchtet.
„Och nö, sie sind fort!“ Das Feenhaus lag verlassen da. Erschöpft machte ich mich im Garten breit und grinste vergnügt über Leyas skurriles Kontrastprogramm. Im Haus hatte ich ein Übermaß höchst ausgefallener Weihnachtsdekoration bestaunt. Etwa tönerne Gnome, denen gläserne Engel mit dem Nudelholz drohten. Oder rote Filzteufel, die auf Eisschollen bibberten. Draußen wie immer flirrende Sommerzeit. „Eiskrem-Wetter mit Blues im Gehirn.“ Über diesen komischen Gedanken schlief ich ein.
„Nun seht euch diese Faulenzerin an“, empörte sich Leya, als ich von dem Duft heißen Kakaos aufwachte.
„Na, eine muss ja nach dem Rechten sehen, ihr Rumtreiberinnen“, konterte ich. „Wo wart ihr denn?“
„Wir haben bei Tageslicht die Fresken in Santa Christiana bestaunt.“ Leichthin bemerkte die Elbe: „Unsere Fürstin ist ausnehmend gut getroffen.“
Entgeistert stand mir der Mund offen. „Sie hängt unter der Decke?“
Die Zwei amüsierten sich königlich. So gegensätzlich waren sie in ihrer Art, dass sie einander wie Magnete anzogen.
„Wieso sagt mir das keiner?“, nörgelte ich und rief die Malerei in meinem Gedächtnis auf. „Welche ist es denn?“
„Die Elbe mit der winzigen Krone“, half Elin.
Die Krone war mir völlig entgangen. „Oh, Joerdis ist … ihre Augen sind …“ Mir fehlten die Worte für das Sehen und Fühlen beim Anblick der überirdisch schönen und stolzen Elbenfürstin. „Aber, sah sie denn wirklich so aus?“
Beide bestätigten es. Nun konnte ich gar nicht genug von ihrem Antlitz bekommen.
„Reiß dich mal los, du brauchst doch bloß in den eigenen Spiegel zu schauen“, polterte Leya ungeduldig.
Das Bild verflog.
„Du bist echt doof, niemals könnte ein Mensch so wundergeheimschön aussehen.“
Elin und Leya guckten sich an und brachen in trällerndes Gelächter aus.
Doch genau mit dieser fatalen Reaktion, so dämmerte Elin wenige Augenblicke später, hatten sie die nächste Chance verspielt, mich von dem real existierenden Double zu überzeugen.
„Lässt sich mit euch heute noch vernünftig reden? Ich müsste ein paar Fragen loswerden.“
Ergeben hockten sich die Elben vor mir auf den Rasen und wir begannen unseren Gedankenaustausch.
„Ja, Lilia, die Dämonen sprechen unsere universelle Sprache, denn wir besitzen einen gemeinsamen Stamm“, beantwortete Elin meine erste Frage.
„Und ihr verstreuten Elben, wie könnt ihr untereinander Kontakt halten?“
Überraschend traurig erklärte Leya, dies sei einzig über die Sternelben möglich.
Das war mir echt zu hoch. „Aber ihr besitzt doch die Fähigkeit, da zu erscheinen, wo immer ihr wollt.“
„Die Grenzen der Kontinente begrenzen auch unsere Fähigkeit des Seelensprungs von Ort zu Ort. Wir müssten wie die Menschen reisen. Doch ist es uns untersagt, unseren Wirkungsort zu verlassen.“
Wehmütig fuhr Elin fort: „Du bist Trägerin des letzten verbliebenen Amuletts. Vor langer Zeit dienten diese vor allem unserer Verständigung. Aber sie gingen in den Dämonenschlachten und Menschenkriegen verloren. Die Suche nach verschollenen Amuletten bleibt uns verwehrt, wie Leya dir gerade erklärte.“
Ein inneres Bild flackerte auf. Es zeigte mich vor einer Festung oder gewaltigen Mauer stehend. Mit spontaner Begeisterung verkündete ich: „Aber ich kann sie suchen!“
„Nein! Du würdest in unkalkulierbare Gefahren rennen, das ist die Sache nicht wert“, wiegelte Leya energisch ab.
„Nicht wert? Die wenigen für uns Menschen unschätzbar wertvollen Elben zusammenführen? Das nennst du wertlos?“
Elin ergänzte beschwichtigend, ich selbst sei für sie wertvoller als die Amulette. Dahinter keimte jedoch ihre Erkenntnis, dass dieser Zug bereits unaufhaltsam rollte.
„Absolut, Elin! Wenn die Sternelben wissen, wo die Amulette verborgen liegen, hole ich sie.“ Die Gelegenheit, mich mal zu revanchieren, musste beim Schopf gepackt werden.
„Dickköpfig wie ein Teenager …“, grummelte Leya.
„… und stur wie ein Maulesel“, vollendete Elin klagend den Satz.
„Na und?“, zuckte ich bloß mit den Schultern. „Falls ihr mich sucht, ich fahre vom Gartenhaus aus sofort nach Santa Christiana.“
„Wie umständlich“, murmelte Leya deutlich hörbar.
Selbstverständlich wusste der Sphärenchor etliches über den Verbleib der Amulette. Bloß wollten sie zum x-ten Mal keine Arie über ihre Geheimnisse singen. Ihre vorgeschobene Furcht um meine Sicherheit fand ich zwar nett, mir selbst war sie jedoch total egal.
Letztlich rang ich ihnen einen einzigen Versuch in Italien ab. Das Land war uralte Heimstätte der Dämonen, kam nebenbei heraus. Und da dachte jeder halbwegs gebildete Mensch bei Italien zuallererst an Kunstschätze, Kirchen und Kardinäle.
Neben italienisch trichterten mir die Lichtwesen noch ein gerütteltes Maß an guten Ratschlägen ein. Außerdem stellten sie die nicht verhandelbare Bedingung, die komplette Prozedur müsse binnen Tageslichtfrist bewältigt sein. Das bedeutete jetzt im Winter ein arg knappes Zeitbudget.
Am nächsten Morgen flog ich von Berlin-Tegel aus mit der ersten Maschine nach Rom.
Die Aktion verlief dermaßen unspektakulär, sprich Amulett am Ufer des Tibers aus dem Schlick aufrufen und wieder zurückfliegen, dass weitere Worte darum nur Papier verschwenden würden.
Elin und Leya erwarteten mich halb irre vor Sorge und Ungeduld im Feenhaus. Ich glaube, sie hätten mir am liebsten bei Jubelgesängen den blanken Hintern versohlt. Ehrfürchtig brachten sie das blütenförmige, mit Rosenquarz besetzte Schmuckstück wieder auf Hochglanz.
Übrigens umklammerte mich das Jagdfieber von diesem Tag an so fest wie zusammengeschmiedete Ketten. Doch wie das echte Leben so herumspielt, folgte zunächst eine harte Geduldsprüfung.
Am heutigen Abend allerdings feierten wir im Feenhaus ausgiebig die Aufhebung von Leyas ewigem Bannmartyrium. Sprich, wir steckten all unsere geballte Frauenpower an Magie in die Wahnsinnsarbeit, ihr Sommerparadies über das Verschwinden des Bannwalls hinaus zu retten.
In der Silvesternacht hingen wir Drei völlig erledigt, umflattert von Nachtfaltern, in unseren Gartensesseln.
Am Neujahrstag legten die Sternelben für mich drei elbische Unterrichtstage pro Woche fest. Nämlich montags, mittwochs und samstags von fünf bis sieben Uhr – morgens, versteht sich.
„Könnte jemand für meine Wenigkeit das Schlafdoubeln übernehmen?“
„Du warst einverstanden“, summte die Lichtschar.
„Aber die Amulette …“
„… gehören an das Listenende deiner Aufgaben.“
Kleine Prioritätenverschiedenheit unter Freunden.
Wenn überhaupt, kamen ausschließlich Sonntage für Abenteuertrips infrage, passende Flugverbindungen vorausgesetzt. Wodurch das schwierig zu erreichende Albanien schon mal flach fiel. Um in Nordnorwegen herumzustochern, reichte das dortige Tageslicht nicht aus.
„Sind das bereits alle erreichbaren Plätze?“, löcherte ich die Sternelben trotz ihrer Planvorstellungen erbarmungslos.
„In Schottland findest du ein weiteres Amulett.“
Ihre Auskunft kam im Rückblick sowohl zu freiwillig, als auch zu schnell.
Klar biss ich fiebrig den Köder ab. „Erste Sahne. Wo?“
Aus dem Buch „Inghean“
Die Schicksalsfäden sind in unheilvolle Schwingungen geraten. Weder Lilias menschlicher Seelenteil noch ihr Herz wollen sich unterwerfen.
Katjas Team startete ausgeruht in das neue Jahr. Die Kollegen brachten mir nie dagewesene Sympathie oder zumindest Anerkennung entgegen. Ein wundervoller Silberstreif, endlich gehörte ihre misstrauisch-ängstliche Passivität der Vergangenheit an. Frohgemut trat ich meine wachsame Anspannung in die Tonne.
„Eine Leiche und ihr verzweifelter Henker warten“, las Katja aus dem Tagespensum vor. Der brutale Vater malträtierte seinen sensiblen Sohn solange, bis der ihm vergangene Nacht an die Gurgel gegangen war. Inzwischen bereute der Junge seine Tat und überlegte, auf welche Weise er sich selbst dafür mit dem Tod bestrafen könnte.
Gedankenverloren aus dem Fenster in den Schneegriesel schauend, hing mir der Winter zum Hals heraus. Jedes Mal, wenn wir im Auto zu Einsätzen jagten, schlitterten wir dermaßen durch die Kurven, egal ob vereist oder zu dick bestreut, dass mir schlecht wurde. Inzwischen konnte ich die elbische Abneigung gegen den Winter vollkommen nachvollziehen.
Erst drei Wochen später jettete ich über London nach Inverness, in die schottischen Highlands. Mit einem dieser urigen englischen Taxis gelangte ich nach stundenlanger Fahrt zu dem jahrhundertealten Castle. Es lag gut verborgen in einem langgestreckten, von Wald umgebenen Tal.
Während ich das schmiedeeiserne Tor durchschritt, spürte ich einen Wall aus Schutzmagie. „Seltsam, hier müssen noch uralte elbische Kräfte wirken.“ Aufkeimende Unruhe veranlasste mich, aufmerksamer hinzuschauen. Verwahrlost wirkte der Park keinesfalls, den ordentlichen Kiesweg säumten kunstvoll gestutzte Koniferen. „Ob hier noch Menschen leben?“
So nahe wie möglich pirschte ich mich an das trutzige Gemäuer heran. Es sah exakt so aus wie in der kurzen Vision, die ich Silvester hatte.
Ausgerechnet als ich das Amulett aufrief, öffnete sich die riesige Eichentür des Haupteingangs.
„Was wollen …?“
Unsere Augen prallten aufeinander, unsere Körper wichen reflexartig zurück. Allein mein Herz tat ein paar wilde Glückshüpfer.
„Hier war er also! Diese Sternelben! Hatten sie gehofft, wir würden einander nicht begegnen?“
Der schottische Halbelb fasste sich zuerst und schnauzte: „Was wollen Sie hier?“
Wie charmant. „Ich stehle das Elbenamulett.“
Er lachte hart. „Das können Sie sich abschminken.“
„Männer!“ Das runde, mit Rubinen besetzte Amulett hoch ins Licht haltend, bekundete ich: „Eine Tasse Tee käme jetzt goldrichtig.“
Wortlos drehte sich der Mann um, unaufgefordert heftete ich mich an seine Fersen.
Zu seinem Rücken sagte ich: „Mein Name ist Lilia. Und wie heißt du?“
Ohne stehen zu bleiben, geschweige denn sich umzudrehen, knurrte er: „Alexis Albin, Lord of Lightninghouse.”
„Komische Kombination“, fuhr es mir durch den Kopf. „Alexis stammt aus dem Griechischen und bedeutet ‚der Abwehrende‘. Albin dagegen ist Althochdeutsch und bedeutet ‚Elbenfreund‘.“ Der Lord musste tiefsinnige Eltern gehabt haben. Oder aber die Lichtwesen steckten dahinter.
„Was willst du mit dem Amulett?“, unterbrach der Lord meine flirrenden Gedanken und stieß dabei die Tür zu einer Wohnhalle auf.
Ich folgte seiner übertrieben einladenden Geste hinein. „Brrrh, soll das hier sein Wohnzimmer darstellen? Wieviele Jahrhunderte alt ist das gruftig-gammelige Zeugs darin?“
Das vernehmliche Räuspern des Lords erinnerte mich an seine gestellte Frage.
Also hockte ich mich vorsichtig auf eine Sesselkante und erklärte ihm mein Vorhaben.
Daraufhin lachte er nur wieder grimmig, wobei er mir kein einziges Wort zu glauben schien. „Da haben die Elben ja eine willige Dienerin aufgetan.“
„Na super, so ein sarkastischer Knochen gleich bei der ersten Misch-Zusammenkunft. Okay, mal wieder vorher das Denken vergessen.“ Laut wollte ich wissen: „Und womit vertreibst du dir so die Zeit hier draußen?“
„Das Übliche, Dämonenjagd“, log Alexis mit lauerndem Blick.
Ganz offensichtlich traute er mir keine Liveanalyse seines Hartschädels zu. Lässig schlug ich die Beine übereinander. „Und, wie steht’s damit?“
„Ab und an sickert einer über den Schiffsverkehr ein.“
„Na, absolut überschaubar. Wenn dich die Langeweile quält, komm nach Berlin. Da spuken noch einige Hundert mitsamt ihrem Oberboss herum.“
„Ha, kalt erwischt!“ Seine rechte Augenbraue ging in die Steilkurve, bevor er sie zur Aufrechterhaltung seines arroganten Faltengesichts kontrollieren konnte. Dieser hochgewachsene etwa Fünfzigjährige besaß mehr Dunkles an sich, als bei einem Mischwesen vorstellbar war. Seine langen schwarzen Haare, schwarze Augenbrauen, eher dunkler Teint und die im düsteren Licht seiner Wohnhalle beinahe schwarz wirkenden Augen. Und nicht zu vergessen, er trug ausgerechnet schwarze Klamotten.
Wahrscheinlich hatte ich Mylord angestarrt, so dass er unvermittelt bemerkte: „Du bist reichlich neugierig.“
In meinem Kopf erfand ich dafür die Bezeichnung „unflätiger Tadel“. Laut konterte ich: „Magie allein macht wohl kaum glücklich.“ Mein Alter Ego befand: „Seltsamer Satz, irgendwie schräg.“
Nun sollte ich aber schleunigst aufbrechen. Die Lichtzeit erwies sich wegen des ungeplanten Smalltalks als denkbar knapp. „Wäre es zu viel verlangt, darum zu bitten, mich zum Flughafen zu fahren?“
Immerhin verstand er, wo mein dämonisches Problem lag.
Unterwegs, und zwar in einem Oldtimer namens Morris Roadster, lud ich den Lord nach Berlin ein.
Zwar fühlte er sich geschmeichelt, lehnte jedoch ab. „Mein Platz ist in Schottland.“
„Wieso sind immer alle dermaßen unflexibel?“ Aus reinem Bauchgefühl heraus fasste ich einen Entschluss. „Hier, behalte das Amulett für den Notfall.“
„Damit lässt sich rein gar nichts anfangen, nimm es ruhig mit.“
Mit beiden Händen zog ich mein Gegenstück unter dem Pullover hervor und hielt es ihm seitlich hin. „Jetzt klar? Die Elbe Elin schenkte es mir.“
Beinahe wäre sein Wagen schlingernd im Straßengraben gelandet. Und das ohne Sicherheitsgurte. Erschrocken klammerte ich mich an das Armaturenbrett.
„Du … Nenne mir deinen vollständigen Namen“, presste er zwischen den Zähnen hervor.
„Lilia Joerdis van Luzien.“
Kein weiteres Wort fand den Weg über seine Lippen, sein Gesicht glich einer Totenmaske. Seine Hände krallten sich weiß um das Lenkrad.
Erst am Flughafen sprach Mylord düstere Abschiedsworte. „Lerne, so schnell du kannst.“
Mit diesen dürren fünf Worten ängstigte mich Alexis zu Tode.
Daheim angekommen, war ich dermaßen eingeschüchtert, dass ich vergaß, die Sternelben wegen Alexis in den Senkel zu stellen. Präzise gesagt, tauschten wir keine einzige Silbe miteinander aus.
Weil die letzte vernünftige Mahlzeit in Form von Frühstück 16 Stunden zurücklag, reihten sich trotz fortgeschrittener Abendstunde vor mir auf dem Küchentisch kleine griechische Köstlichkeiten aneinander. Doch mein Magen machte rücksichtslos den Eingang dicht. „Ich bin noch immer die Dümmste von allen, korrekt?!“ Vor die Füße geworfene Brocken aus Warnungen, Ermahnungen und Andeutungen, davon konnte niemand klug werden. Und dann dämmerte mir etwas richtig Schlimmes: Im vergangenen Jahr bat ich doch die Sternelben, den überflüssigen Teil meiner Furcht zu bannen. „Wie ist es möglich, durch den Lord dennoch solch schreckliche Angst zu empfinden?“ Das konnte nur eins bedeuten: Diese Angst war richtig und wichtig!
Mit aufflammendem Zorn strebte ich zu meinem Auto. Eine Kirchturmuhr sandte zwei helle Schläge für halb Zwölf über das schläfrige Stadtviertel.
Noch bevor ich den Wagen auf dem Parkplatz von Santa Christiana überhaupt verlassen konnte, pfiffen die Sternelben den Alarmzustand heraus. „Lilia, zwischen den Gräbern treibt sich ein Dämon herum!“
„Mir egal, die Gräber befinden sich auf der Rückseite“, knurrte ich und stieg kampfbereit leuchtend aus.
„Lilia!“
Das streunende Monstrum bot genau jenes Ventil, das ich jetzt zur Triebabfuhr benötigte.
Anstatt in die sichere Kirche zu schlüpfen, schlich ich im Stockdunklen dicht an ihr entlang. Das Stinktier witterte mich mit Lichtgeschwindigkeit, eigentlich ein Wunder bei dessen eigenen Ausdünstungen. Rasend schnell schoss der Dämon aus dem undurchdringlichen Schatten der Kirchenmauer hervor. Er warf seinen Speer, noch bevor ich ihn erblickte. Aber die Klinge prallte in Bauchhöhe ab, brachte mich nur kurz aus dem Gleichgewicht. Mit Tornadogeschwindigkeit wich er meinem ersten Lichtschuss aus. Als Antwort schleuderte das Monster einen Würgering. Diesmal war ich schnell genug. Meine Lichtkugel traf das Geschoss mitten im Flug. Geblendet durch den funkensprühenden Aufprall sah der Dämon dummerweise den linkshändig befohlenen Pfeil nicht heran sirren. „Wieder einer weniger!“
Schweißgebadet in der Kirche angelangt, brach ein absurdes Wortgetöse los. Wir ereiferten uns wie von Sinnen. Als ich angenervt die Augen verdrehte, fielen sie zufällig genau auf die Elbenfürstin unter der Decke. Abrupt herrschte Ruhe in den weibischen Zankreihen. Joerdis schaute weltentrückt und doch voller Ernst auf mich herab.
„Was tätest du an meiner Stelle?“ Ein abgespeicherter Gedanke beendete die kurze innere Stille. „Die Kunst besteht darin, die richtige Frage zu stellen.“ Eine echt gigantische, aber zwingend zu meisternde Herausforderung für eine Oberchaotin wie mich.
Langsam ließ ich mich auf dem Kissen neben dem Altar nieder. Zunächst wollte meinen Denkkanälen kein klarer Gedanke entspringen. Lauter ausgefranste Enden. Versuchsweise stellte ich einen Rundumschlag in den sphärischen Raum. „Was wollt ihr eigentlich wirklich von mir?“
Die Sternelben verweigerten sich stur.
„Haltet ihr euer Schweigen auf Dauer für sinnvoll und ungefährlich?“
Kein Ton.
„Dann jagte mir Alexis also aus purem Spaß solch eine Angst ein?“
„Alexis spricht nicht mit Sternelben.“
„Das ist keine Antwort“, keifte ich. Prompt entging mir über den eigenen Gefühlsschaum mal wieder eine entscheidende Botschaft. Stattdessen erregte ich mich gedankenblind weiter. „Außerdem weiß der Lord offensichtlich mehr über mich als ich selbst. Seit einem Jahr lasst ihr mich kreuz und quer alle möglichen Sachen lernen und erledigen, die für mich keine logische Summe, geschweige denn ein Ziel ergeben.“
„Lilia, sie dienen deiner Vorbereitung“, summten sie zur Beschwichtigung.
„Ja, ja, euren leeren Standardsatz kenne ich auswendig.“
Nach einer Denkpause säuselten sie allen Ernstes, gemäß einer Prophezeiung würde ich Regentin der Stadt des Lichts sein. „Bedenke, Lilia, lassen wir dich in die Zukunft schauen, droht unwillkürlich dein Scheitern. Prophezeiungen bergen keine absolute Wahrheit, sie fließen und verändern sich stetig, genau wie die unberechenbaren Fäden des Schicksals.“
Zielsicher verpasste ich erneut das Hauptthema und protestierte stinksauer: „Regentin? Was soll denn der Mist? Ich lebe hier in einer Demokratie, verdammt nochmal!“
Die Lichtwesen entgegneten lahm, das eine habe mit dem anderen keine Berührungspunkte.
„Heißt das, ihr wollt, dass ich kopflos so weitermache?“
„Dein Tun und Lassen folgt dem wahren Weg, sofern deine Dickköpfigkeit es zulässt.“
Hitzig entgegnete ich: „Wollt ihr ein Lämmchen?“
„Wir warten darauf, dass du deinen Verstand und dein großzügiges Herz sinnvoll einsetzt.“
„Sinnvoll oder in eurem Sinne?“, schnaubte ich eine bissige Retourkutsche.
Funkstille von himmelwärts.
Mit imaginären Wuthörnern auf meinem Kopf machte ich mich wieder auf den Weg. Die Geheimniskrämerei der Elben hier wie dort strapazierte permanent meine Nerven. Selbst mit diesem Alexis ließ sich anscheinend kein normales Gespräch führen. „Shit! Ob der Lord in seinem Tal eventuell eMails empfangen kann?“ Erstklassige Steilvorlage für mein Alter Ego. „Glaubst du etwa, ausgerechnet der gruftige Typ würde dir schriftlich deinen Mischkopf inklusive Weltall erklären?“, höhnte es. Meine beiden Fäuste bearbeiteten im Stakkato das Lenkrad. „Was heißt hier Kopf? Elben, Dämonen, Magie und all das Zeug dazu!“ „Da empfehle ich doch mal Selberdenken.“ Das stachelte mich noch mehr auf. „Ach ja? Und was ist mit der ominösen Regentin? Total abstrus, durchgeknallt, meschugge und so weiter und so fort.“
Nachdem wirklich alles heraus war, entwich meiner Kehle zum krönenden Schluss ein selbstmitleidiges Schluchzen. Hinter meinem Wagen hupte jemand. Ich stand vor einer grünen Ampel. „Krieg dich ein!“, brüllte ich. „Empfehle ich dir ebenfalls“, brummte mein Alter Ego. Widerwillig versuchte ich es mit tiefem Luftholen. Der Effekt fiel minimal aus.
Kurz vor meiner Toreinfahrt zündete aus nächtlichem Himmel die vorerst letzte Eskalationsstufe.
„Ich kann dir vieles erklären“, erklang eine sanfte fremde Stimme in meinem Kopf.
„Scheiße nochmal!“, schnauzte ich. „Wer bist du jetzt wieder?“
„Ich bin Joerdis, deine Seelenschwester. Die Fürstin der Elben und Gebieterin über das mächtige Lichtschwert.“
Elbensilber
Unaufhörlich trieb die junge Erde
Durch das siebenfache Licht des Himmels.
Flüchtig nur wie einer Wolke Schatten
Lag auf ihrem Angesicht die Nacht.
Marie Luise Kaschnitz
Kapitel 10
Verführt von Schönheit, Reichtum und eigenem Heim, bedeuteten mir die Geschenke der Sternelben, als ich sie besaß – nichts! Das Märchen vom glücklich sorglosen Mädchen entpuppte sich als unentrinnbare Falle, in der meuchelnde Dämonen auf mich warteten. Die schmeichelnd singende Elbensphäre unterschlug nach Gusto sämtliche Informationen, die mich zum abrupten Spurwechsel auf den vertrackt schwingenden Schicksalspfaden verleiten könnten. Nachdem sie mir, ungefragt selbstverständlich, die Seele der Elbenfürstin Joerdis eingetrichtert hatten, mussten sie lediglich abwarten. Allerdings stellte mein berüchtigter Dickschädel ein echtes Problem für die durchtriebenen Sternsängerinnen dar.
Aus dem Buch „Inghean“
Selbst die Macht meiner Fürstin versagt bei diesem seltsamen Menschenkind. Traf sie die falsche Wahl? Ist unser aller Schicksal nun besiegelt?
Mittlerweile wechselten sich die beiden Elben, Leya und Elin, mit den frühmorgendlichen Unterrichtsstunden ab. Leya weckte mich vorher mit verführerischem Kakaoduft und vermittelte mir ausgebuffte Kühnheit im Kampf. Elin riss als Muntermacher das Fenster in meinem Schlafzimmer weit auf und lehrte mich elegante Geschmeidigkeit. Optisch wirkte das wie akrobatisches Ballett im Zeitraffer.
An diesem Morgen, nach kaum zwei Stunden mit Albträumen gespickten Schlafens, erfolgte die Frischluftvariante. Als ich gähnend quengelte, riss Elin mir die Bettdecke weg.
„Raus!“, brüllte ich absichtlich laut.
Sie erschrak und flüchtete.
Ihre Unterweisung auf der Rasenfläche vor meinem Gartenhaus geriet zum Fiasko.
„Lilia, entweder du schaltest deinen Kopf freiwillig ab, oder ich zaubere ihn dir weg“, versetzte die Elbe unwirsch.
„Geht einfach nicht“, schluchzte ich auf, wobei hemmungslos Tränen loskullerten.
„Was ist geschehen?“
Stammelnd produzierte ich drei abgehackte Worte: „Kopf – Kamikaze – Kram.“
Elin besorgte sich sphärenwärts taugliche Auskünfte über die Gründe meines miserablen Gemütszustands.
Schlussendlich schlug sie vor, in die Küche zu gehen.
Während ich den dampfend heißen Teebecher so fest umklammerte, dass mir fast die Finger verbrühten, schaute ich die Elbe traurig an.
„Du machst dir zu viele Gedanken und Sorgen, Lilia.“
„Sag mir, Elin, was bitte ist der Sinn? Denn ich sehe durchweg nur Chaos, so wie ein gigantisches Puzzle ohne Vorlage.“
Einen schwergewichtigen Grund dafür kannte ich natürlich. Ich weigerte mich weiterhin strikt, mit Elbenfürstin Joerdis, meiner Zwillingsseele, zu sprechen. Also herrschte in puncto Durchblick meiner Innenlage zappenschwarz. Doch jeder Gedanke an die Vorstellung, außer den unverschämten Kommentaren meines Alter Ego auch noch ungebetene Wortmeldungen von Joerdis im Kopf anhören zu müssen, machte mich stinksauer. Ehrlich gesagt, war mein chaotischer Status quo keinen Deut besser. Meine ausströmende Verzweiflung verursachte in der Küche dicke Luft. Passenderweise goss es draußen in Strömen.
Elin sah mir in die Augen. „Wenn dein Herz wahrhaft verzweifelt ist, weinen die Sternelben.“
„Was?“
Der Tee schwappte auf den Küchentisch.
Tatsächlich existierten etliche Legenden, gespickt mit solch herzerwärmenden Ammenmärchen, über die Sternelben. Sie wurden im Laufe der Zeit eigens für die Umgarnung von Mischwesen wie mir erdacht.
„Entschuldige, Lilia, aber du musst langsam deine Macht erkennen.“
„Wie denn, wenn mir nie einer Zusammenhänge erklärt?“, jammerte ich wie Klein Lilia zu ihrer großen Schwester.
„Und warum ist das wohl so?“
Ratlos blickte ich zu ihr auf.
„Weil deine Macht anders und größer ist als die von Leya oder mir. Darum können wir dir weder erklären, zu was du fähig bist, noch was daraus entstehen mag. Wir können es lediglich mit dir gemeinsam herausfinden. Meine Lichtschwestern hingegen fürchten sich über jedes vorstellbare Maß davor, dich unnötig zu verängstigen oder in die Irre zu führen. Allzu oft durchkreuzte ein winziger Schicksalsfaden ihre Pläne und Ziele.“
Schluchzend gestand ich: „Das klingt ungeheuerlich – und gefährlich.“
Elin stritt es nicht ab.
Nur, welcher Art waren die galaktischen Pläne und Ziele der Sternelben?
Mitte März brachte der Frühling endgültig Tauwetter und damit eine neue Chance, auf die Jagd nach den verschollenen Elbenamuletten zu gehen. Die mordsbrodelige Berliner Fieberkurve wies kontinuierlich nach unten. Anders ausgedrückt, zeigte das Dämonen meuchelnde Team aus Elin und Leya scheinbar Wirkung. Also verursachte mein Beschluss, in Norwegen das nächste Amulett zu bergen, keinerlei Widerstand.
Am letzten Sonntag des Monats flog ich von Berlin über Bergen nach Alta. Ausgerüstet mit der Landessprache, sollte die Unternehmung keine größeren Probleme bereiten – dachte ich. Leider liegen Theorie und Praxis manchmal rein zufällig so weit auseinander wie Galaxien.
Erstens hielt das Taxi mitten in der norwegischen Pampa, also quasi im Nirgendwo. Weder Baum noch Strauch boten den geringsten Blickschutz für meine Aktion. Zweitens konnte der wartende Taxifahrer zwar bis zum Nordpol gucken. Allerdings fand der alte Mann meine Wenigkeit interessanter, die gerade querfeldein durch gut dreißig Zentimeter tiefen Schnee stapfte. Drittens ignorierte das Amulett meinen zunehmend drängenden Ruf. Also musste ich viertens einen Spaten ‚ordern‘ und schweißtreibend graben. Das wiederum veranlasste den neugierigen Taxifahrer auszusteigen.
Nachdem erst der Schnee, dann kartoffelgroße Kieselsteine und als unterste Schicht tonartige Erde weggeschaufelt waren, knirschte es unter der Spatenspitze. Behutsam schabte ich die restliche Erde von einem Zinkirgendwas mit Deckel in der Größe eines Schuhkartons. „Zink ist magieallergisch?“ Zumindest gab besagter Deckel meinem Ziehen umstandslos nach. In dem zerbeulten Behältnis lag ein angelaufenes Durcheinander an Schmuck und Münzen.
Ja, okay, das schimpft sich Schatz.
Aus meinem Rucksack fischte ich zwei Tüten und teilte, bis auf das Amulett, die Beute in gleiche Teile.
Dem halb verdutzten und halb verdatterten Taxifahrer drückte ich eine Tüte in die Hand. Schweigebeute. Kurz nachdem wir losgefahren waren, bemerkte ich, dass der Alte plötzlich das Gaspedal für sich entdeckt hatte.
Wieder am Flughafen von Alta angelangt, marschierte ich zum Postschalter und erstand ein Päckchen. Darin verstaute ich Schmuck und Münzen, selbstverständlich abzüglich Amulett. Adressiert an das Historische Museum in Bergen, waren die wertvollen Stücke in Windeseile aus der Welt geschafft.
Da mein Rückflug erst um 19 Uhr 20 starten würde, gab ich meinem Magen nach, der knurrend Füllbedarf anmahnte. Auf der Suche nach einem Imbiss in den fensterlosen, spärlich ausgeleuchteten Korridoren des Gebäudes nahm, zur Krönung des Tages, ein herumlungernder Dämon meine Lichtspur auf. Sein Gestank verriet ihn noch rechtzeitig.
Mit Ach und Krach lockte ich den Stinkstiefel erst mal in eine verlassene Herrentoilette. Er sah eher wie ein alter, halb verhungerter Lumpensammler aus – bis auf die Peitsche in seiner Hand. Auf jeden Fall agierte der Dämon echt lahm im Vergleich mit seiner Berliner Verwandtschaft. Voll illuminierte Halbelben kannte er schon mal überhaupt nicht. Andernfalls wäre ihm klar gewesen, dass er bereits mit einem Bein in der Hölle stand. Statt geiferndem Angriff servierte er mir einen Ekelhauch. Ich revanchierte mich mit einem gezielten Lichtpfeil dorthin, wo menschliche Wesen ihr Herz haben. Der Rest war Sterben. „Wobei“, sinnierte ich, „kann man solch einen Auflösungsvorgang tatsächlich als Sterben bezeichnen? Das würde mich mal interessieren.“
Leya reinigte mein stolzes Mitbringsel, ein ovales Amulett, besetzt mit geschliffenen Amethysten. Dabei schüttelte sie ungehalten den Kopf. Übrigens verwandelte sich Leya mehr und mehr zurück in eine Elbe, zum Beispiel, indem sie sich lautes Sprechen abgewöhnte. Nun stöhnte sie: „Welchen Unterschied soll das beim Sterben für die Seelen machen, woraus ihre Hülle besteht und ob die dann schnell oder langsam versickert? Auf was für Fragen du ständig kommst.“
„Ich hätte da direkt noch eine. Und zwar, wie wir die Amulette zu den verstreuten Elben befördern wollen.“
„Papperlapapp, ungelegte Eier lassen sich nicht ausbrüten“, wischte sie die Frage weg.
Leya hatte also keinen Schimmer!
Montag, der 1. April, bescherte Katjas Team im Berliner Kriminalkommissariat zwei Veränderungen. Axels angestammter Platz blieb leer. Enthusiastisch begann er sein neues Berufsleben beim BND. Gleichzeitig würde heute Rachel aus Hamburg, als Ersatz für den verunglückten Kai, ihren Start hinlegen.
John, dessen Zerstreutheit in den vergangenen Monaten vor allem seine Partnerin Jan die Wände rauf und runter katapultierte, sehnte Rachel kopflos herbei. Bereits eine halbe Stunde vor der Besprechung zappelte er, der sonst regelmäßig zu spät kam, wie ein Erstklässler bei der Einschulung auf seinem Stuhl herum.
Ich schnappte ihn mir. „John, möchtest du einen kostenlosen Tipp, wie du Rachel beeindrucken kannst?“
Seine Augen leuchteten fiebrig. „Das wäre?“
„Cool einen absolut perfekten Job hinlegen.“
„Sehr witzig, Lilia.“
„Ich meine es ernst. Rachel ist wissbegierig, sie steht aufs Dazulernen.“
„Eine Streberin“, schlussfolgerte er entgeistert.
„Sie nutzt ihren Kopf einfach zu dem Zweck, für den die Evolution ihn vorgesehen hat.“
John ließ seinen Kopf theatralisch auf die Tischplatte sacken. „Frauen sind echt anstrengend“, mokierte er sich.
Soweit emotional abgekühlt, verringerte sich die Gefahr, gleich am ersten Tag bei Rachel blamabel aufzuschlagen. Den Rest musste der Kerl schon selbst managen.
Hintendrein knöpfte ich mir Katja in ihrem Büro vor. Sie lebte zwar seit Kurzem vereint mit ihrem Liebsten Konny, vernachlässigte darüber aber uncool ihren Chefjob. Drastisch formuliert, folgte auf das stampfende Arbeitspferd eine außersphärische Schwebekür der Glückseligen.
Katja saß verträumt hinter ihrem Schreibtisch. Eine Hand stand mitsamt Kaffeetasse reglos in der Luft.
„Darf ich dich auf Wolke 7 kurz stören?“
„Aber nicht so laut, bitte.“
„Funkspruch von Lilia an die Chefermittlerin: SOS im Teambereich.“
Erschreckt knallte sie ihre Tasse auf den Tisch. „Was jetzt?“
„Genau, beam dich schleunigst hinunter in die Wirren des Alltags. Erstens: Wo bleibt der Ersatz für Axel?“
„Der fängt erst morgen an, muss wohl wegen vergessener Übergabe nachsitzen.“
„Zweitens, genehmige Jan und Thomas schnellstmöglich Urlaub.“
„Stopp mal, das ist momentan wirklich total ausgeschlossen.“
Mit dem Arm wedelte ich ihren Einwand weg. „Das Team muss ohnehin neu aufgeteilt werden, Rachel kommt zu mir und Amelie zu John.“
„Du hast doch alles schön im Griff, also lass mich noch ein paar Minuten weiterträumen.“
Mit ausgestrecktem Zeigefinger wild vor ihrer Nase herumfuchtelnd, polterte ich: „Das Team erhält übermorgen ungebetenen Besuch, genehmigt von ganz oben. Wir reden beim Abendessen darüber.“
„Schei…!“
„Erfasst!“
Im Laufe der Monate wanderten die Erfolgsstories des Teams bis hinauf in die Politik. Begleitet von schmetternden Brusttönen, verbreiteten imaginäre Lorbeerkränze sowohl den Radius der Krönungsbalz, als auch den des Neidfunks. Böse Zungen unterstellten dem Berliner Innensenator geschönte Statistiken. Gewitztere Naturen versuchten Spione ins Kommissariat einzuschleusen. Die Sternelben warnten mich vor letzteren frühzeitig. Allein, mit dem versetzten Schock hoffte ich Katja wieder in die Spur eigener Denkvorgänge zu befördern. Denn ihre bequeme Abhängigkeit von mir barg immense Gefahren.
Etliches wäre denkbar gewesen, nur nicht, dass Rachel mir gegenüber Schüchternheit an den Tag legte. Nach der morgendlichen Teambesprechung mit ihr allein im Sitzungsraum, beabsichtigte ich einen Crashkurs.
„Rachel, welche Schlüsse hast du aus deinem Besuch bei uns im Dezember gezogen?“
„Alles hier hängt an dir, sonst wäre an dem Team kaum etwas Besonderes. Aber was du bist, darauf fand ich keine Antwort.“
„Hast du darüber spekuliert?“
„Na ja, schon.“ Es war ihr peinlich zu sagen, vielleicht sei ich eine Hellseherin, zumal sie selbst dies für die falsche Lösung hielt. Rachel rang sich durch und schoss ihre Alternativlösung ab: „Also ehrlich, die Geschichten vom Racheengel klingen eher weniger menschlich.“
„Ein Hoch auf kluge Köpfe!“ Laut verkündete ich: „Ausgezeichnet, dann werde ich dir mal meine Ahnengalerie zeigen.“
Mit bis zum Pony hochgezogenen Augenbrauen folgte mir die junge Kommissarin stumm durch das Gebäude und auf den Parkplatz.
Wir fuhren nach Santa Christiana, der lichtmagischen Kirche. Dort verhielt sich Rachel angesichts meiner phantastischen Geschichte beeindruckend tapfer. Gleichzeitig wurde mir bei dem Gedanken an Axels Nachfolger ganz anders. Der würde am nächsten Tag ahnungslos wie ein Neugeborenes seinen Dienst antreten.
Doch vorerst verbrachten Rachel und ich den restlichen Tag mit Innendienst, so dass sie mich ausgiebig löchern konnte.
„Darf Konny mitkommen?“, wollte Katja wissen, als wir abends im Kommissariat aufbrachen.
„Nein, wir zwei Hübschen haben äußerst Wichtiges vor.“
Sie zog einen Flunsch.
„Deinen Süßen wird schon eine Pommesbude vor dem Hungertod bewahren“, frotzelte ich auf dem Weg zum Auto.
„Bist du sauer auf mich?“
Den Kopf schüttelnd stellte ich meiner Freundin eine Denkaufgabe. „Was würde geschehen, wenn ich, sagen wir mal, für eine Woche verschwände?“
Ihre hin und her flitzenden Augen glichen denen eines gejagten Tieres, ihre Atmung beschleunigte sich. „Ich wäre aufgeschmissen!“
Schweigend fuhren wir vor das Gartenhaus.
In der Küche stocherte jede von uns lustlos in ihrer Gemüse-Lasagne herum.
„Lil, du machst mir Angst.“
„Angst taugt nie als Ratgeber und sie ist auch nicht Sinn der Übung. Katja, momentan stürzt eine Unmenge fieser Probleme auf uns zu, die ich allein weder bewältigen kann noch will.“
Zerknirscht kippte sie ihren restlichen Wein herunter und streckte mir das Glas zur magischen Befüllung hin.
Während wir uns beratschlagten, entfachte langsam ihr altes Feuer. „Kannst du mir verzeihen? Ich hatte die eMail mit der obskuren Besucherankündigung glatt ungelesen in den Papierkorb befördert.“
„Klar. Aber was stellen wir mit dem Mann an?“
„Ins Klo sperren? Die Morgenrunde vorverlegen? Schlafpulver in seinen Kaffee schütten?“
Kurz bevor Katjas graue Zellen ihren Siedepunkt erreichten, stand der genial simple Schlachtplan. Der Mann würde ins magische Messer laufen. Wir nannten das kichernd zauberhafte Experimentalphysik.
Später in der Nacht schleppte ich mich in die Kirche.
„Mir wächst die Arbeit über den Kopf“, stellte ich nüchtern fest. „Mein menschliches Gehirn kapituliert langsam, aber sicher vor euren Anforderungen. Mörder und Verrückte laufen auch ohne Dämonenstänkerei genug herum. Das Fass ist unmöglich zu deckeln.“
„Lilia, halte durch“, baten die himmlischen Gesangsschwestern.
Zur Antwort schlief ich ein.
Die Sternelben würden mich gnadenlos vor sich her jagen, bis ihr erstes Ziel erreicht war.
„Guten Morgen und ein herzliches Willkommen an Bert“, eröffnete Katja am Dienstag die Morgenrunde.
Lahmes Klopfen und einige skeptische Blicke in meine Richtung.
„Thomas übernimmt bis zu seinem Urlaub deine Einarbeitung, Bert.“ Dabei wies ihr Arm auf den Genannten.
Thomas verzog das Gesicht und verschränkte demonstrativ seine Arme vor der Brust.
„Ausgerechnet Thomas?“, dachte ich kopfschüttelnd.
Mittlerweile kam Katja auf unseren avisierten Besucher zu sprechen: „Noch ein wichtiger Hinweis an euch: Der Potsdamer Innenminister schickt uns für den morgigen Tag einen Überraschungsgast von den Brandenburger Kollegen. Alles läuft dann wie gehabt.“
Erstaunte Kommentare tuschelten durch die Reihen.
Jan fragte entgeistert: „Heißt das, der kriegt alles mit?“
„Korrekt. Weiter mit der Aufgabenverteilung …“
Neuling Bert verstand, wen wundert es, nur Bahnhof.
Aber ich musste, nachdem frische Hinweise der Sternelben im Workpad lagerten, dringend zu Konny, Dezernat Wirtschaftskriminalität. Schnell gab ich Katja ein Zeichen.
Ich sprintete los in den anderen Gebäudeflügel, stürmte in sein Büro und knallte die offen stehende Tür hinter mir zu. Atemlos eröffnete ich Konny: „Ihr kriegt ein Leck. Hanno hat vergangene Nacht bei seiner Sauftour geplaudert und ist damit auf die falschen Ohren getroffen.“
Sprachlos fuchtelte er mit den Armen herum.
„Die Informationen werden dem von euch observierten Konzern am Nachmittag zum Kauf angeboten“, fuhr ich ungerührt fort.
„Können wir das stoppen?“, presste er wütend hervor.
„Ja. Öffne die Datei von mir, da findest du die Lösung. Und schmeiß Hanno möglichst so clever aus dem Team, dass er keine Rachegelüste entwickelt.“
Bei meiner Rückkehr in den Konferenzraum hatte sich das Team bereits an diverse Arbeiten begeben. Neben Rachel wartete obendrein der verstörte Bert. Alldieweil Thomas ihn unter dem Vorwand abserviert hatte, trockenen Schreibkram erledigen zu müssen. „Prickelnd!“ Kurzerhand verfrachtete ich Bert zu Katja. Sie musste lernen, mit solchen Situationen umzugehen.
Dann startete der zweite Teil des Einführungskurses für eine sichtlich übermüdete Rachel.
Nebenher liefen eine versuchte Entführung im Familienkreis, das Einfangen eines entflohenen Schwerkriminellen mit Gipsbein sowie Hinweise an die Drogenfahnder wegen einer Kreativ-Werkstatt für tödliche Partydrogen.
Abends drückte mir Katja einen dicken Schmatz auf die Wange. „Von Konny, du weißt schon wofür.“
„Wie bist du mit Bert klargekommen?“
„Es würde mich echt wundern, wenn der bleibt“, zog sie stirnrunzelnd ein erstes Fazit. Die Schultern zuckend fuhr sie fort: „Auch egal, wenn sich die Herrschaften oben erdreisten, ohne mich Personalentscheidungen zu treffen.“
„Wird Bert durchhalten?“
„Nein, Katja bekommt ihren Wunschkandidaten.“
„Katja, dein Favorit soll sich schon mal inoffiziell in die Startlöcher begeben.“
Sie fiel mir aufgekratzt um den Hals. „Du bist eine Göttin!“
Ein Abendessen mit meinen Nachbarn Jay und Schorsch im Vorderhaus versprach Labsal für meine desillusionierte Seele. Die beiden fanden es völlig okay, wenn ich, so wie an diesem Abend, hungrig an ihre Terrassentür klopfte.
Bei Kerzenschein und Rotwein begann Jay irgendwann von seinen kleinen Patienten zu erzählen, die Tag für Tag in die Kinderarztpraxis kamen. Doch während Schorsch und ich uns über komische oder kuriose Situationen kugelten, lag Jay spürbar etwas auf der Seele.
Die Sternsängerinnen verschafften mir ungefragt Aufklärung: „Jay verdächtigt eine Mutter, ihr Kind zu misshandeln. Er liegt richtig.“
„Und tschüss, schöner Abend!“
Zum ungewollt frühen Abschied sprach ich hilflos aus: „Jay, alles wird gut.“
Verwirrt schaute er mir nach. Kaum hatte sich die Terrassentür hinter mir geschlossen, strebte ich mit langen Schritten meinem Wagen entgegen. Startbereit parkte er vor der Garage. Nebenbei sangen die Sternelben ein Trauerlied von Mutter und Sohn. Die sitzen gelassene Mutter reagierte Wut und Frust an Simon, ihrem siebenjährigen Sohn ab, nur weil er seinem Vater ähnelte. Für solche Fälle hielt ich inzwischen eine Notfamilie bei Nina parat. Als gelernte Psychologin und allein erziehende Mutter mit unerschöpflichem Elan leistete sie erste Hilfe für weinende Herzen und verkümmernde Seelen.
Trotz fortgeschrittener Nachtzeit stand Jay bei meiner Rückkehr vor seiner Haustür und rauchte gedankenverloren Zigarillo. „Starker Tobak für eine zarte Seele.“
„Lilia, erzähl ihm ruhig, was du unternommen hast.“
Das mussten sie mir kein zweites Mal vorschlagen. „Hey, deinem Sorgenkind geht es gut.“
„Wie?“
„Tausche Gute-Nacht-Geschichte gegen ein letztes Glas Wein.“
„Mit Happy End?“
„Garantiert.“
„Der Deal gilt.“
Im Wohnzimmer streckten wir unsere Beine in den bequemen Sesseln vor dem noch stark glimmenden Kamin aus.
Nachdem ich meine Geschichte erzählt hatte, ließ er mit tiefem Seufzen alle Anspannung fahren. Und dann kam, völlig gelassen, sein denkwürdiger Satz: „Du bist wahrhaftig ein Engel. Oder, Lil?“
Ich schenkte ihm ein zauberhaftes Lächeln. „Schlaf schön, Jay.“
„Genau, und jetzt ab ins Bett“, freute ich mich wie eine Schneekönigin, während sich vor meinem saumäßig auf dem Gehweg geparkten Wagen das Tor öffnete. Auf den paar Metern zur Garage begann Gesumme in meinem Kopf. „Das Summen dient keinem Zweck, nein, da sind ausschließlich wonnige Gedanken an Bett und Schlaf.“ Kapitulierend raunzte ich: „Schlaft ihr denn niemals da Obendraußen oder wo auch immer?“
„Wir wachen, Lilia.“
„Wie schön für euch. Im Zwei- oder Dreischichtsystem?“
„Lilia, bitte.“
„Bitte was noch wieder außerdem obendrauf?“
„Fahr bitte zum Hotel Mondäne und hole Sarah Valen zu dir nach Hause.“
„Wer, wie, was und wieso?“
„Die Schauspielerin.“
„Nie gehört den Namen. Für Kulturluxus fehlt mir die Zeit“, ätzte ich.
„Sie wird von einem Stalker bedroht. Bitte bring sie in Sicherheit.“
„Ja, ja, eure treue Dienerin.“
Schlafwandlerisch lenkte ich das Auto um den Brunnen herum, zur Straße hinaus und zum zweiten Mal durch den spärlichen Nachtverkehr. Gut immerhin, dass Amelie und John im Kommissariat die Nachtschicht absaßen.
Der Fahrstuhl des Nobelhotels brachte mich aus der Tiefgarage direkt in den fünften Stock. Eine Steilvorlage für herumschleichende Verrückte, zugegeben.
„Lilia, spute dich, er ist auf dem Weg.“
An Sarahs Zimmertür klopfend, rief ich ihren Namen plus den Hier-ist-die-Polizei-Spruch. Sie öffnete einen Spaltbreit, warf einen verschwommenen Blick auf meinen Ausweis und torkelte dann zu einem Sessel.
„Heiliger Strohsack!“ Kurz und knapp verkündete ich: „Sarah, ich bringe dich zu mir nach Hause. Die Polizei wird dem Stalker hier im Zimmer eine Falle stellen.“
„Die glauben mir ja nicht, dass der mich umbringen wird.“
„Mir schon. Meine Kollegen müssten jeden Moment eintreffen.“
Schon ertönte das vereinbarte Klopfzeichen. Rasch ließ ich meine Kollegen hinein. „Der Stalker bewegt sich zu Fuß in Richtung Hotel, wir Zwei haben kaum mehr fünf Minuten, um zu verschwinden.“
Der Schauspielerin, ausstaffiert mit Pyjama und Einweg-Hotellatschen, hängte ich ihren Wollmantel über und half ihr notgedrungen zupackend hinaus. Im Türrahmen drehte ich mich nochmals halb um. „Er hat Tränengas und Würgeschnur in seiner linken, ein Klappmesser in der rechten Jackentasche.“
John reckte den Daumen hoch. Aber Sarah holte geräuschvoll tief Luft und fasste sich dramatisch ans Herz. Vor Begeisterung hätte ich auf einem Nagelkissen hüpfen mögen.
Von unterwegs musste schleunigst die Gästewohnung in meinem Haus hergerichtet werden. Seit meinem Einzug hatte ich sie mangels Verwendung ignoriert. Volle magische Konzentration, bis ich Sternchen über die Fahrbahn flimmern sah. Nur gut, dass die Schauspielerin im Halbrausch dämmerte.
„Apropos, was soll sie ausgerechnet in meinem Haus? An Hotels herrscht in Berlin wahrlich kein Mangel“, grummelte ich missbilligend in die Sphäre.
„Sarah betäubt ihre Angst mit Alkohol und Tabletten. Sie ist einsam, unglücklich und verstört.“
Unter dem Mitteilungsstrich steuerte eine ehemals lebenslustige, talentierte Frau von gerade einmal 30 Jahren ihr Leben mit Vollgas gegen die Betonwand.
„Ist euch klar, dass Elben bei mir herumturnen und ich so gut wie nie daheim bin? Wie um alles in der Welt stellt ihr euch das vor?“, wetterte ich nur noch halbsäuerlich.
„Sarah wird dir für die Stille unendlich dankbar sein“, schmeichelten die Sternelben.
Eine echt schwache Leistung.
„Ist die Stalker-Verschnüraktion von Amelie und John glatt gelaufen?“
„Ja. Aber du kannst Sarahs Zimmer erst heute früh räumen.“
„Wenn ich das schon höre, ‚heute früh‘!“
Mit nur mehr halb offenen Augen parkte ich den Wagen direkt vor meinem Hauseingang.
Nachdem mein Gast irgendwie ins Bett verfrachtet war, flöteten sie: „Danke, Lilia!“
„Ja, ja! Wie wäre es stattdessen mit einem netten Schlaflied für meine verbleibenden zwei Stunden?“
Ihr sphärisches Schlaflied musste ultrakurz ausgefallen sein. Ein veritabler Albtraum nutzte seine Chance:
Schwarze Monster umzingeln mich, ich kämpfe um mein Leben. Die Lichtenergie versiegt schneller, als ich sie zu töten vermag. Ein schattenhafter Mann erscheint wie aus dem Nichts, er wütet unter den brüllenden Dämonen. Als er mich hochhebt, wache ich auf.
Merkwürdigerweise saß ich aufrecht im Bett, das Nachthemd klebte nass an meinem zitternden Körper. Fiese Stiche jagten durch mein Herz. Dass ich den Traumkampf mit wilden Schreien begleitet hatte, wusste ich in dem Moment nicht.
Die aber hatten Elin alarmiert. „Geh schnell duschen, Lilia.“ Der angestrengte Versuch, ihren tief besorgten Blick zu verbergen, war zwecklos.
Unter der dampfend heißen Brause fragte ich mich, ob der Traum nur Nonsens oder eine Vorahnung bedeutete. „Schattenhafter Mann, woran erinnert mich das? ‚Alexis redet nicht mit uns‘. Genau, der schottische Lord!“
Nach dem Frühstück quetschte ich Leya aus, kaum dass die Elbe erschienen war.
„Das haben die Sternschwestern gesagt?“
„Wörtlich.“
„Und jetzt soll ich mal nachforschen, was es mit dem Lord of Lightninghouse auf sich hat?“
Ich bettelte mit klimpernden Wimpern.
„Du sehnst dich nach deinesgleichen“, stellte sie fest.
„Manchmal ja“, gab ich zu.
„Kein Wunder“, kommentierte die Elbe, „aber an dein Wohlergehen verschwenden unsere Lichtschwestern keinen Gedanken.“
Die frühmorgendliche Arbeitsliste für Katja endete mit einem kleinen Knaller: „Heute dürft ihr ohne mich schuften, habe anderweitige Aufgaben!!!“
Danach rief ich Sarahs vier Koffer, die Amelie netterweise gepackt hatte, in die Gästewohnung. Sie schlief noch tief, mit einem Lächeln auf ihren Lippen. Möglicherweise erwies sich die Schauspielerin in nüchternem Zustand doch als genießbar.
In der Tat tauchte zwei Stunden später ein schüchternes Gesicht um die Küchenecke auf.
Frisch geduscht, in Jeans und Bluse, stieg ihr Sympathiewert um ein Scheibchen. „Hallo, ich habe leider deinen Namen vergessen.“
„Ich bin Lilia. Komm, setz dich, dein Frühstück wartet.“
„Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.“
„Schon gut, jetzt wohnst du zunächst einmal bei mir.“
Sie machte große Augen. „Einfach so?“
„Ja, weil du da oben mächtige Fürsprecherinnen hast“, dachte ich angenervt, versicherte aber laut: „Kein Problem, fühl dich wie zuhause.“
Ihrer Seele entströmte ein stinkender Fluss. Bühnenreife Intrigen, Missgunst unter Kollegen, hinterhältige Pseudo-Freunde und vor allem der Stalker trieben sie aus dem Leben.
Ich beschloss, meine Widerspenstigkeit aufzugeben. „Sag deine Termine für die nächsten Tage ab. Die Story von dem versuchten Überfall und der Festnahme des Stalkers rast wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Niemand wird dir Vorwürfe machen.“
„Sie haben ihn erwischt?“
„Allerdings, und er wird für Jahre hinter Gittern schmoren.“
Tränen der Erleichterung flossen unter langen Wimpern hervor, dankbar drückte Sarah meine Hand.
Zufällig trafen Leya und ich am frühen Abend erneut aufeinander. Sie wollte Elin zur allnächtlichen Jagd abholen.
Süffisant bemerkte die Elbe: „Tja, wie es aussieht, gebärdet sich dein schottisches Gegenstück noch dickköpfiger als du.“
Ich bekam Elefantenohren. „Und weiter?“
Genüsslich erzählte Leya die Geschichte: „Alexis entstammt einer langen Mischlinie. Seit annähernd tausend Jahren wacht seine Familie in dem Land – oder sollte das tun. Deshalb halten sich dort keine Elben auf.“
„Hat der es gut“, seufzte ich dazwischen.
„Sei still. Jedenfalls ignoriert Mylord das Oberkommando unserer Sternschwestern. Er betrachtet sie als bloße Bittstellerinnen. Selbst an die Menschen in seinem Land verschwendet er längst keinen Gedanken mehr. Dahinter verbirgt sich ein tragisches Ereignis. Er verlor seine große Liebe. Das Leben seiner jungen Gattin auf dem Kindbett zu retten, war die einzige Bitte, die er jemals an die Sternelben richtete. Aber sie konnten der Menschenfrau selbstredend nicht helfen. Seitdem wüten Zorn und Verbitterung in seiner Seele, die Verbindung ist gekappt.“
„Und seit wann läuft das so?“, wollte ich wissen.
„Das Drama liegt rund 150 Jahre zurück.“
Ich musste mich verhört haben! „Du meinst sicher 15 Jahre.“
„Nein, Lilia, der Lord geht auf die 200 zu.“
„Ab – ab – aber …“
„Kleines, nicht nur in Elbenaugen bist du noch ein Baby.“ Mit diesem Hammer verduftete Leya.
Endlich glitten ein paar Puzzleteile ineinander.
Höchst zufrieden kümmerte ich mich um das Abendessen und lockte Sarah aus ihrer Gästehöhle, in die sie sich regelrecht verliebt hatte.
Nach unserer gemeinsamen Mahlzeit bot sie sogar an, die Küche aufzuräumen. Energisch lotste ich meinen Gast stattdessen ins Wohnzimmer vor den Kamin. Auf gar keinen Fall durfte Sarah auch nur den Schimmer einer Ahnung von magischen Umtrieben à la Waschen, Putzen, Einkaufen bekommen. „Du kannst dir nehmen und im Haus tun, wonach dir der Kopf steht. Ab morgen früh werde ich ohnehin meistens unterwegs sein.“
Sarah schlich sich binnen weniger Tage tief in mein Herz. Allen Ernstes bot sie mir eine beträchtliche Summe für meine Gastfreundschaft an. Schamlos lenkte ich solch seltene Großzügigkeit zu der ewig klammen Musikschule um.
Schwieriger gestaltete sich die Aufgabe, ihr frischen Mut für die Außenwelt einzuflößen. Die Sternelben suchten für Sarah derweil einen Gefährten. Er sollte möglichst Geborgenheit, Sinn für die Schauspielerei und ein breites Rückgrat aufbieten.
Mit viel Überredungskunst lockte ich die Schauspielerin auf höhere Anweisung nach gut einer Woche aus ihrem Kokon. Gemeinsam besuchten wir eine Lesung des Bestsellerautors Michael Wert im Haus der Kulturen. Hinterher folgte ein vielversprechend dreisamer Abend in der angesagten Bar des Maritim. Zum gelungenen Schluss strahlte Sarah über meine Einladung des Autors für ein Dinner am nächsten Abend.
„Also ich spiele bei ihrem Dinner dann die Anstandsdame, oder wie?“, lästerte ich leicht angebläut bei meinem anschließenden, tiefnächtlichen Tankbesuch in Santa Christiana.
„Nein, Lilia, du wirst zu einem dringenden Fall gerufen.“
„Aber ihr seid ja überhaupt nicht durchtrieben.“
Die Sternelben amüsierten sich prächtig, nur um im nächsten Augenblick reichlich widerwärtige Polizeiarbeit in meinem Kopf abzukippen.
Kurz darauf schloss ich die Kirche ab und atmete tief die pralle Frühlingsluft ein. „Die erste laue Nacht des Jahres. Wie kann die irgendein Mensch mit Grausamkeiten verbringen?“
Das menschliche Böse tobte sich im faden Kunstlicht eines muffigen Bürogebäudes im Wedding aus.
Die bullige Vorarbeiterin, Marke ‚behaarte Zähne‘, der nächtlichen Putzkolonne drangsalierte ihre persönlichen Arbeitssklaven vorzugsweise mit einem abgebrochenen Besenstil. „Los, ihr Penner, das geht schneller! Und du da, geh verdammt noch mal sparsam mit dem Reiniger um. Oder glaubst du etwa, ich will hinterher noch Geld in den Eimer schmeißen?“ Wutschnaubend versetzte sie der Neuen einen Schlag auf den Arm.
Meine herbei gerufenen Streifenkollegen beobachteten live an den Bildschirmen in der Pförtnerloge die widerwärtige Szene. Sie beschlagnahmten die Aufzeichnungen sämtlicher Überwachungskameras und stürmten los.
Ich raste zum nächsten Brandherd, müde die Morgendämmerung herbeisehnend.
Am folgenden Abend läutete der Herr Schriftsteller, treffsicher beladen mit Lilien für mich und Rosen für Sarah, pünktlichst zum Rendezvous.
Den Wintergarten hatte ich zuvor liebevoll umgestaltet. Ein ovaler Tisch, wunderschön dekoriert, lud bei romantischem Kerzenschein, schweren Blütendüften und eiskaltem Champagner zu einer langen Nacht.
So deplatziert ich mich fühlte und ungeduldig auf das Vibrieren meines Handys wartete, so gründlich ignorierten mich die zwei Turteltauben.
Nach der Vorspeise genossen sie das opulente französische Dîner endlich ohne meine Wenigkeit. Sarah wünschte ich von Herzen alles Glück dieser Erde.
Draußen verlief die Nacht, wen überraschte es noch, weit weniger harmonisch. Hinterher servierte die kurze Bettzeit den gnadenlosen Overkill:
„Alexis, lass mich gehen“, flüstere ich mit letzter Kraft.
„Bleib bei mir. Bitte, Lilia!“
Schwärze. Licht. Schwärze. Licht. Schwärze.
„Aus welch süßen Träumen tauchst du denn auf? Du bist ja kaum wach zu kriegen“, scherzte Leya frühmorgens.
Benommen legte ich eine Hand auf mein stichelndes Herz und murmelte: „Gerade wollte ich unbedingt sterben.“
Wortlos schloss die Elbe mich in ihre Arme, geschwind ihre Besorgnis verhüllend.
Träume hin oder her, unerbittlich stand unser Training im Park an.
Als ich die Haustür öffnete, erwartete uns davor eine dicke, dunkelgraue Nebelsuppe. Ohne hirnreiche Vorwarnung klebten meine nackten Füße auf den Flurfliesen fest.
„Mach voran“, drängelte die Elbe hinter mir.
Doch ich wich zurück, schlug die Tür zu und rang schwer atmend nach Luft. „Leya, hüte dich vor dem Nebel! Er richtet über Leben und Tod.“
So verwirrt wie vergeblich schaute sie mir in die Augen.
Oft ist in der klassischen Literatur von blinden Sehern zu lesen. Einem Sinnbild für wahre Erkenntnis mit den inneren, ewig wachsamen Augen.
Verbissen befahlen wir schließlich die zähen Schwaden in die Höhe. Unsere Unterrichtsstunde geriet zu keinem Glanzstück, jede von uns kämpfte hauptsächlich mit ihren eigenen Gedanken.
„Okay Leute, ab heute sind wir wieder vollzählig. Begrüßt bitte Raul in unserem Klub“, eröffnete Katja total erleichtert die morgendliche Teambesprechung.
Das beifällige Tische klopfen fiel länger als üblich aus.
„Genehmigst du uns mehr Urlaub?“, bohrte John nach.
„Worauf du dich verlassen kannst. Leider erwartet uns vorher noch ein dicker Hammer.“ Katja blickte dramatisch in die Runde. „Ein Praktikant vom Bundeskriminalamt – für eine volle Woche.“
Das Stöhnen und Maulen in der Runde nahm kein Ende.
„Gleiches Prozedere wie bei unserem letzten Gast“, merkte sie an, womit die Stimmung leicht nach oben drehte.
Zwar hatte ich leider die Schote wegen Sarah verpasst, kannte mittlerweile jedoch etliche Versionen über das Besuchsfiasko eines restlos verwirrten Kollegen aus dem Brandenburgischen.
„Und wann beglückt uns dieser Praktikant?“, fragte Amelie.
„Montag. Und nun zum Tagesbuffet à la Lilia.“ Mit dieser kuriosen Bezeichnung landete Katja einen echten Brüller.
Übrigens war Raul ein alter Bekannter von Katja und zwei oder drei anderen des Teams. Dadurch erschien mein Crashkurs überflüssig. Dennoch beäugte er mich zwischendurch neugierig.
Nach der Besprechung kürzte ich seine distanzierte Umkreisung ab. „Möchtest du Fragen loswerden?“
„Theoretisch bin ich ja über dich im Bilde.“ Raul zögerte leicht verlegen. „Aber Katja wollte oder konnte nicht mit der Sprache herausrücken, warum und wie genau du anders bist.“
„Ah, ein gründelnder Mensch, beste Voraussetzung.“ Laut gab ich zurück: „Dann lass uns zuerst eine kleine Spritztour unternehmen.“ Unbedacht erwartete ich ein lockeres Heimspiel, ähnlich dem bei Rachel.
Seine Kollegen erfuhren niemals, was in Santa Christiana geschah.
Bereits unterwegs hatte ich hartnäckig die Einstellung meines neuen Kollegen zu „übernatürlichen“ Phänomenen herausgekitzelt. Scheinbar gab er sich locker. Ziemlich dilettantisch, veranlassten mich weder Rauls angespannte Körpersignale noch sein ausströmendes Unbehagen zu angemessener Behutsamkeit. Stattdessen bekam Raul in Santa Christiana eine eiskalte Lichtdusche verpasst, die ihn in Ohnmacht fallen ließ. Die Sternelben brummten mir dafür einen Supertadel ins Denkorgan. Nebenbei verklickerten sie mir auch noch, dass es sich bei dem avisierten „Praktikanten“ für das Kommissariat in Wahrheit um einen gestandenen BKA-Mitarbeiter handeln würde. Er sollte gründliche Aufklärung über meine Machenschaften betreiben.
„Der Praktikant will unseren ‚oberfaulen Hokuspokus‘ entlarven“, berichtete ich meiner Kommissariatsbossin mittags in der Kantine zwischen zwei Gabeln voll Salat.
Das veränderte die Lage, wie Katja schnell einsah, erheblich. „Der hat es also auf dich abgesehen! Willst du untertauchen?“
„Nö, den Spaß lasse ich mir nicht durch die Lappen gehen. Aber zieh deinen Kopf ein, das gibt einen heißen Tanz!“
Ungläubig versetzte sie: „Donnerwetter, knackige Ansage.“
„Tja.“
So seltsam es erschien, Sarahs menschliche Nähe, gepaart mit dem lehrenden Elbenduo, transferierte mich bockigen, halbelbischen Teenager quasi über Nacht in eine forsche Rebellin. Mit elbischer Klarheit, doch menschlichem Begreifen durchleuchtete ich jetzt zumindest das irdische Treiben.
Die unwahrscheinliche Gefahr aufkommender Langeweile bannte ein völlig anderes Kaliber von Gegenspieler.
Der Dämonfürst begann, meine kurzen Nächte mit seiner speziellen, tintenfinsteren Note zu garnieren. Wobei er mich selbst, im menschlichen Sinn, ignorierte:
„Ist das alles, was du gegen mich noch aufbieten kannst, Joerdis? Zwei elbische Weiber?“, verhöhnt das Monster meine fürstliche Zwillingsseele.
Am Montag stand der angekündigte „Praktikant“ namens Thorben Holder im Türrahmen des Kommissariats und schaute sich grimmig um. Dieser Tag würde ein Leben lang im Gedächtnis des gestandenen BKA-Mannes kleben bleiben.
Holder, Typ dürrer Vollglatzenträger, suchte sich ungefragt einen Sitzplatz annähernd mir gegenüber aus. Nach seiner Begrüßung schoss Katja die erste Denksalve für ihn mittels unseres spirituellen Tagesplans ab. Der Mann warf etliche Fragen dazwischen, woher diese oder jene Information stammte. Katja zeigte stets, ohne wirklich aufzublicken, in meine Richtung. Ehrlich, das Team lümmelte sich bühnenreif, mit einem Hauch routinierter Langeweile in den Gesichtern, auf den Stühlen herum. Nur Thomas richtete trockene technische Detailfragen an mich. Die einzige Ebene, auf der die Verständigung im Laufe der Zeit zwischen ihm und mir funktionierte.
Bald strebte unsere Versammlung auseinander. Just als Holder auf mich zusteuerte, rückten die Sternelben mit einem Eilauftrag heraus.
Wie üblich rief ich: „Katja, Rolle rückwärts! Hol, wen du noch kriegen kannst!“ Den grimassierenden BKA-Beamten ignorierend, vernahm ich die sphärische Botschaft.
Als Katja zurück in den Konferenzraum stürzte, eröffnete ich: „Schießerei unter vietnamesischen Schmugglern.“
Unsere Chefin kommandierte: „Zollfahnder und Sondereinsatz rufen.“
Effizient wie ein Bienenschwarm legten vier aus dem Team los, indes ich die Details in mein Workpad beförderte. Die Lichtwesen fütterten mich ohne Punkt und Komma. Dem „Praktikanten“ sprengte es das Denkvermögen, übrig blieb ein unästhetisch weit aufklaffender Unterkiefer. Wir rannten zu den Fahrzeugen im Innenhof.
Katja bellte, mit meinem Workpad auf dem Schoß, unterwegs Befehle in ihr Mikro.
Die Sternelben lieferten ständig Updates.
„Katja, das wird gefährlich, in dem Lagerhaus sind weitere Waffen versteckt.“
Ihr Hinterkopf nickte bestätigend.
Aus zwei Richtungen rasten die Einsatzwagen in das kleine Industriegebiet am Rande Lichtenbergs. Einige Kollegen verteilten sich um die rund 1.000 Quadratmeter große Lagerhalle, andere gingen zunächst hinter ihren Fahrzeugen in Deckung. Vereinzelt waren Schüsse zu hören. Der Leiter der Zollfahndung brüllte seinen „Waffen fallen lassen“-Spruch ins Megafon. Das zeigte ungeahnte Wirkung. Anstatt sich weiter gegenseitig abzuknallen, verstanden die Vietnamesen seine Durchsage als Aufforderung, spontan ein Bündnis gegen die Staatsmacht zu schließen.
Zwischen der Übermacht an Beamten außerhalb und einem knappen Dutzend Schmugglern innerhalb der Halle entwickelte sich ein hitziges Feuergefecht. Magisch befahl ich die Waffen der Vietnamesen zu mir. Nichts. Zweiter magischer Versuch. Keine Reaktion. „Was geschieht hier?“
„Beinschuss!“, brüllte eine fremde Stimme in sämtliche Headsets.
Zwei unerfahrene junge Heißsporne der Zollfahndung hatten ohne geringstes Nachdenken versucht, rückseitig in das Lagerhaus einzudringen.
„Katja, ich gehe rein.“
Sie befahl: „Feuer einstellen!“
Hinter der Lagerhalle baute ich meinen Lichtschutz auf, rannte in die Schusslinie der aufgebrochenen Tür und befahl eine Leuchtkugel hinein. Die Vietnamesen schrien vor Entsetzen. Ihre Schrecksekunde ausnutzend, schaffte ich den Schwerverletzten aus ihrer Schusslinie. Jetzt trieb ich die Schmuggler mit weiteren Leuchtkugeln endgültig in Deckung. Ihre Waffen reagierten noch immer nicht auf Magie. Notgedrungen war Handarbeit einziges Angebot der Stunde.
Kurze Zeit später begann das Sondereinsatzkommando, meine Schnürpäckchen hinauszutragen.
„Was – geht – hier – vor – sich?“ Unser Praktikant fand offenbar seine Stimme wieder.
„Schmugglerring ausheben“, schnauzte Katja.
Warnend hob ich die Augenbrauen und sie suchte schleunigst das Weite.
Holder baute sich dicht vor mir auf. Er überragte mich fast um eine Kopflänge, so dass er von oben herab in meine Augen starrte. Mein mitleidiger Augenaufschlag reizte ihn zum Überschäumen.
„Wer sind Sie?“, blaffte der BKA-Mann.
„Das ist die falsche Frage“, blaffte ich zurück.
„Wollen Sie mir jetzt etwa weismachen, Sie seien eine Außerirdische?“, zischte Holder so dicht vor meiner Nase, dass ich ekligen Kontakt mit seinem Mundgeruch bekam.
Ich ließ ihn einfach stehen und begann schallend zu lachen. Doch mein Herz war anderer Meinung. Es sandte zittrige Stiche in meinen Körper.
Mittags im Präsidium, alle anderen beschäftigten sich mit ihren Arbeiten, erwischte mich der BKA-Typ am Fenster.
„Über Sie existiert keine Akte.“
Halbwegs geduldig schaute ich zu Holder hin.
„Woher stammen Ihre Informationen?“ Sein Gehirn rotierte abermals nahe an der Überhitzungsgrenze. „Was taten Sie in der Lagerhalle?“
Auf meine sehr spezielle Art erhielt er eine Antwort. Sprich, ich ging seelenruhig zu einem Stuhl, natürlich genauestens von ihm beobachtet, setzte mich und „beschaffte“ Tee mit Sandwiches. „Haben Sie auch Hunger?“
Sein Gesicht verzerrte sich im Angesicht meiner praktizierten Magie zu einer grässlichen, puterrot anschwellenden Fratze.
„Es kann nicht sein, was nicht sein darf. So denken Sie. Damit kommen Sie bei mir keinen Schritt weiter. Punkt.“
Holder stand und starrte wie in Stein gemeißelt.
„Sie können mich einzig jenseits Ihres Verstandes begreifen.“ Wobei ich jedes einzelne Wort überdeutlich betonte.
Holdens stummer Rückzug hielt bis zu meinem Aufbruch am Abend.
Mit seiner schwarzen Dienstlimousine, die das Praktikantenmärchen ad absurdum führte, verfolgte er mich bis nach Santa Christiana.
Auf dem dortigen Parkplatz kamen mir leise Bedenken. „Hoffentlich bekommt er in der Kirche keinen Herzinfarkt.“
„Nur einen Schock, Lilia.“
Gerade wollte mein eingeschworener Freund, Pater Raimund, im Pfarrhaus verschwinden.
Schnell rief ich hinüber: „Kann ich gleich bei dir klingeln?“
Er winkte freudig.
„Wenn der wüsste!“
Ohne Eile schloss ich die Kirchentür auf und ließ sie für meinen Verfolger direkt weit offen. Während ich es mir auf dem dicken Kissen am Altar bequem machte, hallten Holders schnelle Schritte auf dem Steinboden. Seine Augen mussten sich erst an den Kontrast aus dumpfem Kirchenlicht und grellem Sphärenstrahl gewöhnen. Derweil streckte ich meine müden Beine aus und begann, eine gehörige Energieportion zu inhalieren.
„Zeit, ihn aufzusammeln, Lilia.“
Brav raffte ich mich hoch, wuchtete den schockstarrenden BKA-Mann von der vordersten Kirchenbank und schleifte ihn ächzend bis zum Pfarrhaus.
Verdutzt half der rausgeklingelte Raimund mit, Herrn Schlaffke auf die Couch zu befördern. Aus meiner Umhängetasche kam Whisky zum Vorschein.
„Solches Zeug trinkst du?“, fragte mein Freund ungläubig.
Kopfschüttelnd deutete ich auf den BKA-Lulatsch und goss ein halbes Wasserglas voll. Fahren konnte der sowieso nicht mehr.
Eine halbe Stunde später verfrachteten Raimund und ich den betrunkenen Holder in mein Auto. Das Sphärennavi lotste mich gen Wilmersdorf.
Als sich die Tür seines langweiligen Null-acht-fünfzehn-Reihenhauses schloss, sah ich Thorben Holder zum letzten Mal.
Aus dem Buch „Inghean“
Das Menschenkind hat seine Lektionen über die Spielarten menschlicher Bosheit gelernt. Es nähert sich die Zeit, dem wahrhaft Bösen in sein glühendrotes Auge zu blicken.
Kapitel 11
Sonntägliches Frühstück an einem milden Frühlingsmorgen auf der Terrasse, welch ein Luxus.
Mein mit Fragen gespickter Hinterkopf versaute ungefragt die Faulenzerei. „Erkläre mir bitte, Elin, warum es mir unmöglich war, die vietnamesischen Schmuggler magisch zu entwaffnen.“
„Alle Dinge, die von einem Menschen berührt werden, entziehen sich deiner Magie.“
Schließlich fasste ich mir ein Herz und stellte jene Frage, die mich seit längerer Zeit nachhaltig umtrieb: „Kannst du die Sternelben sehen?“
„Ja, jedoch mit einer dir fremden Art des Sehens.“
Enttäuscht bohrte ich nach: „Die mir verschlossen bleibt?“
„Unsere Sternschwestern allein entscheiden darüber.“
„Muss ich mir ihren Anblick etwa erst verdienen?“
Elin lächelte angesichts dieses Gedankens. „Die Lösung lautet Reife, Lilia.“
„Hmmh.“ Meine grauen Zellen schweiften nochmals ab. „Ich würde gerne mal wieder ein Amulett-Abenteuer starten.“
„Dafür sind sie ebenfalls zuständig.“
„Ich weiß.“ Schweigend kaute ich an Müsli und spontanen Eingebungen. Unversehens tauchte eine weitere angeschimmelte, weil niemals gestellte Frage aus der Versenkung meiner Hirnwindungen auf. „Elin, könnte ich so wie Elben einfach verschwinden und woanders wieder auftauchen?“
„Ich dachte schon, die Frage würde dir erst einfallen, wenn du 100 Jahre alt bist!“
Perplex registrierte ich gleichzeitig ihre wahnsinnige Erleichterung und die Ankunft einer strahlenden Leya.
Sie rief nur aus: „Na endlich!“
Logischerweise verstand ich nur Quark mit Soße.
„Erst frühstücken!“, befahlen die Elben im Duett.
Für die nun eiligst herunter geschlungenen Reste rächte sich mein Magen umgehend mit Schluckauf.
Die Elben erwarteten mich voller Ungeduld in Santa Christiana.
Gemeinsam schritten wir in den mächtigen Lichtkegel. Vorneweg schütteten sie ein gerütteltes Maß an Informationen über die Risiken eines jeden Seelensprungs aus. Ohne pedantisch sein zu wollen, schienen sie denen eines Gefahrguttransporters ebenbürtig – mindestens.
Aber was hätte von sämtlichen nichtmenschlichen Beteiligten zuvorderst unter Top 1 der Nebenwirkungen gelistet werden müssen, versehen mit drei knallroten, fetten Ausrufezeichen? Dass bereits mein erster gelungener Seelensprung für Fürstin Joerdis das ersehnte Einfallstor in mein Herz und Hirn öffnete. Diese verflixten Geheimniskrämerinnen!
Kleinlaut fragte ich jetzt in die Runde: „Lieber die Finger davon lassen?“
„Wenn du zum echten Dämonenkampf entschlossen bist, führt kein Weg daran vorbei“, eröffnete mir Elin.
Und die Sphäre sang schmucklos: „Leider beherrschen auch der Dämonfürst und seine Anführer diese Fähigkeit. Doch ihre einfachen Sklaven müssen so wie du zu Fuß gehen.“
„So wie du zu Fuß gehen“, echote mein Alter Ego. „Klingt irgendwie nach dem bahnbrechenden IQ eines Neandertalers.“ Ich ignorierte den Spott und dachte in Ruhe nach. „Zeit beziehungsweise nie genug Zeit haben ist mein drängendstes Problem. Allein Stunden verplempere ich täglich mit Autofahrten. Ich müsste nie mehr im Stau stehen und dabei absolut hilflos das Sterben von Menschen ertragen.“ Nochmals tief Luft holend, verkündete ich meine Entscheidung: „Okay!“
Von dieser bedeutenden Stunde an verbrachte ich zwei Tage mehr bewusstlos als wach. Immer wenn ich zu mir kam, hielten mich entweder Elin oder Leya im Arm.
„Wird euch das nicht allmählich langweilig?“
„Sicher, aber du bist uns jede Mühe wert“, beschied Leya.
Mindestens zum zehnten Mal jammerte ich: „Was mache ich bloß falsch?“
„Kleines, dein menschlicher Geist steht dir wie immer im Weg. Du versuchst, den Vorgang rational zu steuern, versuchst dein Ziel zu denken anstatt zu fühlen. Aber nur wenn deine Seele an einen anderen Ort möchte, wird dein Körper ihr folgen“, leierte Leya automatisch herunter.
Klang ja auch total simpel, so eigentlich. Erneut schloss ich die Augen, verbot meinem Gehirn jeglichen Pieps und horchte in mich hinein. „Wie fühlt sich der Rasen vor dem Haus an?“ Weg war ich!
Elin und Leya tanzten im Park ausgelassen um mich herum.
„Das ist alles? Das ist die ganze Kunst?“
Die Elben bogen sich vor Lachen.
Aber im Ernst, das war keineswegs alles. Wie fühlten sich beispielsweise die nächste Straßenecke oder der Konferenzraum im Kommissariat an? Oder, weit schwieriger, solche Orte, die ich vorher noch nie gesehen, geschweige denn betreten hatte? Üben, üben, üben!
Aus dem Buch „Inghean“
Endlich hat das Menschenkind seine Seele für unsere Fürstin geöffnet. Nun kann sie den entscheidenden Schritt, vollständig Besitz von Lilia zu ergreifen, vollziehen.
Meine überbordende Euphorie über den gemeisterten Seelensprung killte der Dämonfürst nächtens mit sadistischem Gebaren:
„Joerdis, komm zu mir. War dir ein Tod durch mich noch nicht genug?“, lästert er selbstzufrieden.
Ein gleißender Stern rast heran, explodiert und zerstört so die alles verschlingende Finsternis des Grauens.
Schreiend erwachte ich in meinem Bett.
Elin eilte herbei. „Lilia, was ist geschehen?“ Sie sah das nackte Grauen in meinen Augen und dahinter den schwarzen Fürsten. „Was wollte er?“
„Joerdis töten.“
„Niemals!“
Zum ersten Mal spürte ich die unverhüllte Macht beider Seiten – und erschauderte bis ins tiefste Mark. „Diese Krieger würden mich im Handstreich zerquetschen. Welch ein Wahnsinn, mich in ihre Angelegenheiten einzumischen!“
Die Elbe schaltete sich zwischen meine Gedanken. „Du irrst, Lilia. Nur weil du deine ganze Macht noch nicht erkannt und erweckt hast, fühlst du dich schwach.“
Doch ich schrie verzweifelt: „Ich bin ein Menschenkind, niemals werde ich sein wie ihr! Begreift das endlich!“ Mein geplagtes Herz unterlegte das Gesagte mit schmerzhaften Stichen. Instinktiv legte ich meine rechte Hand schützend darüber.
Hilflos flehten Elins schöne Augen, ihr Glauben zu schenken. Und das bei einer Sache, an der sie selbst noch wenige Monate zuvor zutiefst zweifelte.
Wie traurig die Elbe immerfort war hinter ihrer strengen Fassade. „Warum?“
„Die Fürstin starb in meinen Armen“, verriet sie tonlos ihr seit Jahrhunderten gehütetes Geheimnis. Kaum eingestanden, verschwand die Elbe aus meinem Schlafzimmer.
Lange wälzte ich mich danach im Bett hin und her, bis schließlich die Erschöpfung siegte.
Ring frei für die zweite Runde der Mächtigen:
In meiner Seele regt sich ein Wesen wie ein gleißender Lichtfleck, aufgeweckt von loderndem Zorn. Es sieht Elin grübelnd im Observatorium auf und ab gehen. Es erblickt Leya in ihrem ewig währenden Sommergarten, den Blick mürrisch gen Himmel richtend. Es erspäht Dämonen in den dreckigsten Ecken der Stadt lauern. Und dann schaut es empor zu den Sternschwestern. Weißlich transparente Gestalten im ewigen Licht sich bewegend, undeutlich in ihrer befremdlichen Form, wie durch hauchdünnes Milchglas weichgezeichnet.
Sie erwidern den kristallklaren Blick und sprechen das Wesen an: „Fürstin, du bist erwacht.“
„Bin ich jetzt wach oder nicht?“, frage ich mich. „Was ist Traum, was Vision und was Wirklichkeit?“
Erneut entbrennt ihr fürstlicher Zorn, richtet sich gegen den Dämonherrscher und er bekommt ihn zu spüren. Kurz flackert seine schwarze Seele in ihrer überheblichen Selbstsicherheit auf, bevor er droht: „Du willst spielen, Joerdis? Dann spielen wir.“
Wieder steht Elin vor meinem Bett. Ihr Körper bebt. Rasch ergreift die Elbe meine Hand und schließt ihre Augen. „Meine Fürstin, was hast du getan? Zu früh! Lilia ist bei Weitem noch zu schwach für den Kampf gegen ihn.“
„Beruhige dich, er wird lediglich sein Fußvolk schicken“, beschwört Joerdis ihre Dienerin.
Erkaltender Schweiß und staubtrockene Kehle überzeugten mich. „Wach, endlich!“, krächzte ich und schwang die Beine aus meinem Bett. Es war gegen drei Uhr nachts. Völlig konfus im Kopf tappte ich in die Küche hinunter.
Mit einem Becher dampfend heißem Orangentee wanderte ich in den Wintergarten. Durch ein offen gelassenes Fenster strömte der schwere Frühlingsduft von Hyazinthen herein. Mit hängenden Schultern dachte ich: „Nur eine Woche lang mal wieder ein normales Leben führen.“ Für weitere sinnlose Wünsche ließen mir die anrückenden Dämonen keine Zeit. Ihr Gestank mischte sich unter den Blütenduft.
„Warum habt ihr mich nicht gewarnt?“, schrie ich in die Sphäre.
„Du wusstest, sie würden kommen.“
„Nein, das wusste … zum Teufel!“
„Lilia, schließ das Fenster! Im Haus bist du sicher“, meldete sich Elin. „Ich rufe Leya.“
Aus dem Nirgendwo senkte sich draußen im Park zu meinem Entsetzen eine Nebelbarriere herab. „Nebel?!“ Panisch schrie ich auf: „Leya, spring nicht in den Nebel!“
Von dem trotzig offen gelassenen Fenster aus versuchte ich reichlich naiv, gleichzeitig den Nebel zu befehligen, Angriffe abzuwehren und zu feuern. Die Dämonenhorde wütete und ihr Fürst formte den Nebel mit blickdichter Schwärze zu einer Wand. Dann wieder leuchtete die Teersuppe gespenstisch auf.
„Weiche, verflixt noch mal! Wo sind die Monster? Wo stecken die Elben?“ Grausames Brüllen und Gefechtslärm malträtierten meine Ohren umso mehr, je weniger ich sah.
Der Sekundenzeiger raste im Kreis, ließ unzählige kostbare Minuten ungenutzt verstreichen, bis der Tod geruhsam sein grausiges Werk verrichtet hatte. Plötzlich hob sich der Nebel wie von Geisterhand empor gezogen. Leya existierte nicht mehr.
Elin kauerte zusammengekrümmt eben dort, wo der Elbenkörper auf ewig verschwunden war. Ich stürmte hinaus und rannte zu Elin auf den Rasen. Ihre Augen, ausgefüllt mit maßloser Seelenpein, schauten zu mir empor. Die letzte Stunde der Nacht überschüttete uns mit unbeschreiblichem Schmerz. Nie mehr würde Leya mich in ihren mütterlichen Armen halten, nie mehr mir burschikos den wirren Kopf gerade rücken. Und mein Anteil an ihrem Tod? Feige im sicheren Haus geblieben, drückten mich nun Versagen und tonnenschwere Schuld zu Boden. Mein Herz schien vor Schmerz zerspringen zu wollen. Die heftigen Stiche lähmten mich, so kniete ich lange vornüber gebeugt neben der trauernden Elbe.
Allein saß ich, innerlich vereisend, am Küchentisch. Jay betäubte, wenn es ihm ‚zu dicke‘ wurde, sein Gehirn mit Zigarillos. ‚Zwar kein Joint, aber besser als nichts‘, pflegte er die Stinkerei zu kommentieren. Jetzt bröselte Asche auf meinen Küchentisch, dazu kippte ich lauwarmen Gin runter.
Das vibrierende Handy weckte mich auf dem Küchenstuhl.
„Lil, wo bleibt die Liste?“
„Kommt gleich“, nuschelte ich und ließ mein Workpad ungeschickt auf die Tischplatte krachen.
„Was habt ihr für Katja?“, befragte ich harsch die Sphärensängerinnen.
Mit äußerster Mühe gelangte der angehäufte Mordskram ins Kommissariat.
Mein Kopf dröhnte, mein Magen drehte sich. Würgend über der Spüle hängend, ergossen sich heiße Tränenströme aus meinen blinden Augen.
„Lilia, um alles in der Welt!“ Behutsam führte mich Sarah zum Tisch. „Du siehst aus wie eine Leiche. Bist du krank?“ Sie drückte mir Küchenkrepp in die Hand und setzte Teewasser auf.
„Muss Zähne putzen.“
Mit ihrer tatkräftigen Unterstützung schaffte ich es die Treppe hinauf und bis zum Toilettendeckel.
„Kommst du hier klar?“
Ich nickte ansatzweise.
Kaum allein, schrie ich mir stumm die Seele aus dem Leib. „Leya!“ Schrie wie nie zuvor in meinem Leben. „Leya! Das ist meine Schuld! Alles meine Schuld! Leya!“ Schmerzgekrümmt kippte ich zu Boden.
„Nein, Lilia, allein die Sternelben tragen Schuld, sie haben versagt.“
Blinzelnd blickte ich zu Elin hoch. Solch gewaltiger, unmenschlicher Zorn stand in ihrem Gesicht, dass ich bis an die Wand zurückkroch.
Schnell verhüllte die Elbe ihre Augen und flüsterte voller Verzweiflung: „Bitte, Lilia, fürchte dich nicht vor mir.“ Da war sie wieder, ihre alles verzehrende Traurigkeit. „Ich muss fort. Bleib im Haus, egal was passiert“, mahnte sie eindringlich.
Kaum fort, brachte Sarah den Tee nach oben ins Bad. Dann ließ sie ein Ölbad für mich einlaufen. „Hey, wird schon wieder.“
Zwei Welten, mit mir als durchgeknallter Schnittmenge, wie gehabt. Mit glühendem Herzschmerz und seelischer Unterkühlung sank ich in das heiße Wasser. Das Melissenöl tat bald seine Wirkung. So kühlten meine aufgekochten Emotionen langsam bis knapp unter den Siedepunkt ab.
In meinen Bademantel gewickelt schlurfte ich irgendwann nach unten, fand jedoch das Haus leer vor. Mit einigem Widerstreben durchschritt ich den Wintergarten und schaute hinaus auf den leeren Kampfplatz. Keine noch so winzige Spur verriet mehr das barbarische Abschlachten der vergangenen Nacht.
Mein Alter Ego keifte los: „Du tötest ebenso skrupellos wie die Dämonen.“ „Hör auf!“ „Blick der Wahrheit ins Gesicht, sie machen aus dir eine Killermaschine.“ „Wie, bitteschön, willst du denn sonst gegen das Böse kämpfen?“ Schweigen. „Der Punkt geht wohl an mich.“ „Noch kannst du aussteigen, so wie der schottische Lord.“ „Ach ja? Und dafür Elin, Katja und all die anderen Freunde auch noch im Stich lassen? Vergiss es!“ „Genau darauf zielen die listigen Sternelben ab: auf dein butterweiches Herz.“ „Dann erkläre mir mal, wieso Elin bei der Stange bleibt.“
Unaufgefordert unterbrachen die Lichtwesen mein hitziges Zwiegespräch. „Elin fühlt sich mitschuldig am Tod der Fürstin, der ihr das Leben rettete und nicht umgekehrt.“
Zornig richtete ich meine Gedanken auf sie. „Es gibt keine Wiedergeburt. Richtig?“
„Das stimmt.“
„Dennoch klammert sich Elin daran?“
„Sie weiß um die Kraft elbischer Seelen.“
„Was bedeutet das?“
„Elbenseelen können sich vereinigen.“
„Und Elin hofft, dass sich die Seele der Fürstin ausgerechnet mit meiner kümmerlichen Menschenseele zusammentut?“
„Dies geschieht bereits und du weißt es. Auch wenn du dich weigerst, die Fürstin zur Kenntnis zu nehmen.“
Ohne Vorwarnung schmiss ich die Sternelben aus meinem schleudernden Kopf und schlang hilflos beide Arme um meinen ausgezehrten Körper. Wieviel davon gehörte überhaupt noch mir? „Bitte“, bat ich mein Gehirn, „schalte dich ab, lass mein Herz um Leya trauern.“
Mittags fand Elin mich schon wieder am Küchentisch vor, umgeben von einer stinkenden Zigarillowolke. Sie ging klugerweise darüber hinweg.
„Wenn wir gegen die Sternschwestern rebellieren, spielen wir unserem Feind in die Hände. Da liegt das Problem“, analysierte Elin punktgenau unser Dilemma.
„Ja, ich weiß, aber dass ihnen Leyas Tod offensichtlich völlig egal ist, lässt mein Herz schreien. Sie brachten heute Morgen weder eine Entschuldigung für ihr eklatantes Versagen noch Trost zustande. Stattdessen knallten sie mir deine persönliche Motivation für den Dämonenkampf auf den Esstisch.“
Umgehend bereute ich mein kopfloses Geschwafel. Zu spät. Elin erstarrte und tauchte ab.
Zehn lange Minuten verstrichen.
„Elin, meine Freundin“, rief ich die Elbe an, „du weißt alles über mich und verachtest mich dennoch nicht. Warum sollte es umgekehrt anders sein?“
Tatsächlich kehrte sie zurück. „Ihr Menschenkinder seid schnell mit eurem Zorn und großzügig mit eurer Liebe.“
Thema abgefrühstückt, auf zum rabiaten Kirchgang.
In Santa Christiana gestattete ich meinen überschäumenden Gefühlen aus flammendem Zorn und intergalaktischer Enttäuschung ohne einen Hauch von Rücksicht freien Auslauf. „Entschuldigt ihr euch freiwillig und glaubhaft oder muss ich erst in den Streik treten? Und die Art, wie ihr Elin behandelt, ist unter aller Sau. Da wir gerade beim Thema sind, bestehe ich auf richtigen Urlaub, das heißt mindestens eine Woche am Meer.“ Warum funkte mein Alter Ego „Etwa Schottland?“ dazwischen?
Im Zuge unserer energiegeladenen Auseinandersetzung wurde mir eines deutlicher, als mir lieb war: Die Sternelben standen immer ratloser vor dem Faktor – oder eher Faktotum – Mensch. Ich hielt mich weiterhin im Vergleich des Wissensstandes für primitiv, sie scheiterten an meiner Vielschichtigkeit.
„Eine hundsmiserable Arbeitsgrundlage“, zog ich am Ende mein kümmerliches Fazit.
Sie antworteten mit der wild interpretierten Fassung von „Fuoco di gioia“ aus Verdis „Otello“. Zumindest klang ihre Gesangsmischung ganz ähnlich.
„Bloß raus hier aus dem verfluchten Chaos“, war zum Schluss mein einziger Wunsch. Doch zuvor musste ich mich um andere kümmern.
Mit zusammen gebissenen Zähnen, ausnahmslos sämtliche Gefühle wegsperrend, kratzte ich auf dem Weg zum Parkplatz letzte Krumen an Durchhaltevermögen zusammen. Ein schier unmenschlicher Kraftakt. Denn immerfort schlichen sich Erinnerungen an Leya in Bildern und Gesprächsfetzen in meinem Kopf dazwischen. Jede Einzelne davon versetzte meinem Herz einen elendig schmerzhaften Stich. So musste sich ein Mensch fühlen, der mit Elektroschocks gefoltert wurde. Langsam begannen die Signale herzlicher Erschöpfung mich ernsthaft zu beunruhigen.
Minutenlang saß ich in meinem Auto vor der Kirche, zu keiner Regung fähig.
„Du musst dich zusammen reißen, los jetzt.“ Mit ineinander verkeilten Zähnen drehte ich den Zündschlüssel um. Die Mordsabteilung wartete.
Direkt von Santa Christiana kommend, erreichte ich am späten Nachmittag das Kommissariat. Unterwegs hatte ich den felsenfesten Entschluss gefasst, auf der Stelle eine Auszeit zu nehmen.
Die Chefin brütete in ihrem Büro über Formularkram, als ich eintrat.
„Katja, ich brauche schnellstens, das heißt möglichst vorgestern, Urlaub. Bekommen wir das geschaukelt?“, fiel ich mit der Tür ins Haus.
„Urlaub?“, erregte sie sich. „So wie du aussiehst, wäre glatt eine Schlafkur inklusive 24-Stunden-Wellness-Paket angesagt.“ Dann druckste sie herum. „Müsste dein Urlaub auf der Stelle beginnen oder schaukelst du morgen noch die spionierende BKA-Psychologin?“
„Meintest du jetzt schaukeln oder verschaukeln? Ja, ja, mache ich.“
Katja lachte, doch ihre wachsamen Augen blieben voller Sorge.
„Können wir morgen für das Gespräch dein Büro beschlagnahmen?“
„Logo.“
Trotz meiner etlichen Fehltage kam das Team leidlich zurecht, solange ich morgens das Arbeitsprogramm mailte. Der spionierversessene Besuch der Psychologin stand auf einem anderen Blatt. Sie tanzte ausschließlich meinetwegen an.
Eine Frau um die 40 mit ruhiger, freundlicher Ausstrahlung, Duttfrisur und eisblauem Blazer zu ihrer Jeans, kam am folgenden Morgen den Flur im Kommissariat entlang. Ohne lange zu fackeln, steuerte ich die Besucherin direkt an.
„Hallo, Frau Kirsten, ich bin Lilia van Luzien. Da Sie nur meinetwegen gekommen sind, schlage ich ein Gespräch unter vier Augen vor.“
Die Psychologin streckte mir ihre kühle Hand entgegen. „Frau van Luzien, guten Tag. Wo könnten wir uns ungestört unterhalten?“
„Im Büro von Frau Rainer.“
Wir nahmen schräg zueinander liegende Plätze auf der Sitzgruppe in Katjas verwaistem Büro ein. Unaufdringlich, dennoch konzentriert studierte die erfahrene Psychologin mein Gesicht.
„Was wollen Sie?“, ging ich die Frau emotionslos an.
Frau Kirsten entgegnete freundlich, aber bestimmt: „Wir möchten gerne herausfinden, was hier vor sich geht. Es kursieren seltsame Gerüchte und Geschichten, deren Ursache Sie zu sein scheinen.“
„Korrekt“, warf ich den imaginären Ball sofort zurück.
Die Psychologin begann Unsicherheit auszudünsten. Ursprünglich war ihr Plan gewesen, mich in ein möglichst ausführliches Gespräch zu verwickeln, um nach und nach ein Bild von meinem Charakter zu erhalten. Aber ihr Gegenüber schien absolut nicht bereit, sich darauf einzulassen. Rasch disponierte sie um. Zu ihrem Glück entschied sie mit der Wahrheit heraus zu rücken. „Das BKA würde sich gerne Ihre Fähigkeiten zunutze machen.“
„Ich weiß. Meine Hauptsorge gilt dieser Stadt. Doch wenn das BKA in besonders schwerwiegenden Fällen um Informationen bittet, stehe ich zur Verfügung. Wie beispielsweise bei der bislang erfolglosen Suche nach der Omega-Terrorzelle.“
Jetzt bröckelte ihre Fassung, gleichwohl bemüht, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten. „Sie wissen von Omega?“, fragte Kirsten spürbar konsterniert.
Anstelle meiner Antwort legte ich einen USB-Stick auf den Tisch und tippte mit dem Zeigefinger darauf. „Hier haben Sie sämtliche Fakten, die dem ermittelnden Team fehlen. Mögen Sie grünen Tee?“
Gegen ihre wachsende Verwirrung ankämpfend, nickte die Psychologin flüchtig. Und ich hörte ihr Gehirn förmlich nach einer Lösung durchrattern, wie die Situation noch unter ihre Kontrolle zu bringen wäre.
Das auf dem Couchtisch erscheinende Tablett traf sie wie ein unvermittelter Schlag gegen den Kopf. Dabei hätte sie von Holder eigentlich vorgewarnt sein müssen. Frau Kirsten erhob sich stocksteif, murmelte eine Entschuldigung und verließ das Büro.
Schwer atmend fand ich sie zwei Minuten später am Flurfenster.
Ein letztes Mal musste ich die Psychologin noch behelligen. „Richten Sie Ihrem Direktor aus, dass ich eine zuverlässige Kontaktperson benötige. Außerdem soll er von weiteren Spielchen absehen, ich habe Wichtigeres zu tun.“ Damit drückte ich ihr den liegen gelassenen Stick in die Hand.
Den Impuls, wegen neuerlicher Herzbeschwerden gekrümmt zurück in Katjas Büro zu schleichen, unterdrückte ich stoisch. Die restliche Teambesprechung ließ ich immerhin für eine halbwegs beruhigende Tasse Tee auf Katjas Couch sausen. Mein Alter Ego weidete natürlich die Steilvorlage meines vermasselten Gesprächs aus. „Ziemlich unfair, die Kirsten mit der Kneifzange zu traktieren, wo sie als halb aufgepumpter Spielball ins Feld bugsiert wurde.“ „Ja.“ „Ja?“ „Ja, stimmt“, grummelte ich ehrlich. Aber meine eigene Geduldsgrenze sah ich satt rot von hinten aufleuchten. „Ich – muss – hier – weg!“ „Reichlich spät, die Ansage.“
Nach unserem spät vormittäglichen Frühstück standen Elin und ich auf dem frühlingsgrünen Rasen vor dem Gartenhaus.
„Darf ich dich wirklich so lange allein lassen?“, fragte ich die Elbe zum wiederholten Mal voller Zweifel. Beim leisesten Gedanken an den Dämonfürsten nagte mein schlechtes Gewissen pausenlos vor sich hin.
Doch Elin lächelte beruhigend und versprach, brav zu sein. „Ich werde auf Sarah achtgeben und nachts im Haus verweilen.“
Voller Dankbarkeit schloss ich die Elbe in meine Arme. „Offen gestanden mache ich mir wegen des Seelensprungs nach Schottland fast in die Hose.“
„Aber Liebes, deine Seele sehnt sich so sehr nach diesem Ort. Was soll da schiefgehen?“ Sie trat ein Stück beiseite.
Mit geschlossenen Augen atmete ich tief ein und aus, bis ich bereit war, meiner Seele das Kommando zu überlassen. Umgehend ertastete sie den von meinem ersten Besuch bekannten Kiesweg, der zum Castle führte. Dies lag in einem schmalen Tal, tief verborgen in den Highlands.
Als ich ängstlich meine Augen wieder aufschlug, lag Alexis mittelalterliche Trutzburg vor mir. Jetzt galt es, noch ein klitzekleines Problem zu bewältigen. Denn der Lord of Lightninghouse ahnte bislang gar nichts von seinem Urlaubsgast.
Die blank polierte Türglocke aus Messing erklang hell. Butler Andrew öffnete mir sichtlich erstaunt. Hinter ihm tauchte ein höchst irritierter Alexis auf.
„Ist etwas passiert?“
„Zu viel.“ Ich erlaubte ihm einen kurzen Blick in meine unverhüllten Augen.
Daraufhin fuhr er heftig zusammen und schickte seinen betagten Butler fort.
Meine seit Leyas grausamem Tod eisern aufrecht erhaltene Fassade bröckelte bedrohlich schnell. Kaum verschwand Butler Andrew hinter einer Tür, flehte ich Alexis an: „Bitte, hilf mir!“
Meine nächste Erinnerung bestand aus der Innenansicht eines royalblauen Himmelbetts mit dem sichtlich besorgten Alexis auf meiner Bettkante.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er eher sachlich, als er meine aufgeschlagenen Augen bemerkte.
„Durst“, krächzte ich.
Während ich mich zwischen den Kissenbergen aufrichtete, reichte er mir eine filigrane Teetasse aus chinesischem Porzellan.
Gierig trinkend, schaute ich schüchtern über den Tassenrand zu ihm hin. „Darf ich eventuell ein paar Tage bleiben?“
Zögernd stimmte er zu, gefolgt von der halb misstrauischen, halb tadelnden Frage: „Wie bist du überhaupt hier hinein gekommen? Die Schutzmagie des Castle hat versagt.“
„Meine Seele wollte hierher.“
Sprachlos rang Alexis sekundenlang um Fassung, bis er schließlich ausrief: „Aber du bist keine Elbe!“
Eine Kakophonie an Gefühlen huschte über mein Gesicht und vereinte sich im Zimmer mit seiner chaotischen Gefühlsschwade.
Entsetzt fragte er mehr sich selbst denn mich: „Was haben sie getan?“
Schweigend füllte ich die ungewohnt kleine Tasse selbst auf. „Ich habe solche Sehnsucht nach dem Meer. Ist es weit weg? Könnten wir hinfahren?“
Mein Gedankensprung sickerte in Zeitlupe durch seine rotierenden Gehirnwindungen. „Ja, sicher.“
Ein kaum erkennbarer, steiler Pfad führte uns die Klippen hinunter in eine traumhaft schöne, einsame Sandbucht. Frischer Wind trieb die Wellen, versehen mit kleinen Schaumgipfeln, an Land. Das klare Wasser glitzerte hellgrün in der Sonne. Kreischende Möwen schossen hoch am Himmel umher. Alexis zauberte einen Picknickkorb herbei und breitete das große, karierte Plaid aus. Ich hingegen entledigte mich schnellstens meiner Sandalen, krempelte die Hosenbeine auf und strebte dem Meer entgegen.
„Vorsicht, es ist ziemlich kalt“, warnte der Lord.
Lachend erwiderte ich, das sei mir egal.
Die Wellen leckten an meinen Füßen, ihr leises Rauschen betörte meine Sinne. Mit jedem rauschenden Wellenschlag fühlte ich mich ein Stückchen befreiter. Mein ganzes Leben lang liebte ich das Meer innig. Wohin ich auch gereist war, stets lockte mich nur dieses eine Ziel. Weinend vor grenzenlosem Glück, vergaß ich die Welt.
Alexis beobachtete mich. Sein Innenleben begann einen Akt des Aufwühlens, wie er ihn seit elendigen Jahrzehnten nicht mehr kannte. Er versuchte, sich gegen diesen Ansturm zu stemmen, als gelte es, sein Leben zu retten. Natürlich ahnte er seit unserem ersten, kurzen Aufeinandertreffen, dass das Schicksal ihm ungefragt einen neuen Pfad zuweisen wollte. Doch ohne Kontakt zu den Sternelben vermochte er weder vorauszuschauen, noch Verbindungen zu erkennen. Also beharrte sein ausgeprägter, eigenbrötlerischer Starrsinn auf die gewählte Abschottung vom Rest der Welt. Dummerweise beinhaltete dies im Gegenzug ein Übermaß an öder Langeweile – auch das seit Jahrzehnten.
Geraume Zeit später unterbrach ich seine inneren Kämpfe ungewollt mit einem weiteren Schock. Mit glücklich strahlendem Gesicht drehte ich mich zu Alexis um. So erblickte der Lord eine leuchtende Schönheit jenseits menschlicher Maßstäbe. Das blaue, sternförmige Elbenamulett um meinen Hals flammte in nie dagewesener Intensität auf. Solch einen Schmerz musste er seit dem Tod seiner geliebten Frau nicht mehr ertragen. Alexis schlug halb besinnungslos vor Verzweiflung beide Hände vor sein Gesicht.
Die nachfolgenden Stunden wechselten wir wenige belanglose Worte.
Erst nach dem Dinner, wir saßen inzwischen vor dem knisternden Kaminfeuer in der abscheulich muffigen Wohnhalle, bekannte ich offen: „Ich wollte dir keinen Schmerz zufügen, bitte verzeih mir.“
„Nein, aber sie wollten es“, knurrte er mit finsterer Miene.
Nun musste ausgerechnet ich die Sternelben in Schutz nehmen: „Du irrst. Ich bin aus eigenem Antrieb gekommen, ohne sie um ihre Meinung zu fragen.“
Überrascht blickte er auf. „Warum das?“
Atemlos stieß ich hervor: „Weil du ein Mischwesen bist, so wie ich. Niemand versteht mich, mit niemandem kann ich wirklich reden, niemanden fragen, was mit mir geschieht und endlich klare Auskünfte erhalten.“
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