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FRAUEN IM SINN


Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

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Daniela Schenk

Mein Herz ist wie das Meer

Roman

K+S digital

Für alle, die in der inneren Hölle geschmort haben.

Inhalt

Zug um Zug

Die Nadel im Heuhaufen

Sardinien

Hin und drüber hinweg

Wellenschläge

Hölle auf Erden

Kein Schritt und Tritt

Dem Schicksal in die Speichen greifen

Patentanten

Zug um Zug

Es wäre Zufall,

wenn es Zufälle gäbe.

Mirette Kamal

Zazou

Alle Gegenstände ziehen sich an, egal wie weit sie voneinander entfernt sind. Das hat Newton herausgefunden. Und ich sollte es in den folgenden Jahren verstehen.

Die Anziehungskraft zwischen Gegenständen ist umso stärker, je schwerer die Körper sind und je näher sie sich kommen. Das erfuhr ich an jenem Januarmorgen, als eine schwere Tasche auf meinen Oberschenkel plumpste und mein Leben veränderte. Die Tasche fiel nicht seitwärts oder aufwärts, sondern dank der Gravitationskraft wie immer abwärts. Alles fällt auf die Erde, nur der Mond nicht, der bewegt sich schnell genug, um der irdischen Anziehungskraft zu trotzen, und ist doch groß genug, um die Erde zu beeinflussen: Er zieht das Wasser an wie ein Magnet und bewirkt Ebbe und Flut.

Das überlegte ich mir, als die schwere Tasche auf mir landete. Ich neige dazu, in schwierigen Momenten wissenschaftliche Überlegungen anzustellen, als Ablenkung. Der Oberschenkel schmerzte trotzdem.

»Sakrament, habe ich Sie erschlagen?« Die Attentäterin blickte mich zerknirscht an.

Als ich den Kopf schüttelte, atmete sie sichtlich auf und setzte sich mir gegenüber, sie holte ihren E-Reader aus der Mördertasche und begann zu lesen. Das gefiel mir. Ich vermeide Gespräche mit anderen Fahrgästen, weil ich sonst bei einem nächsten Aufeinandertreffen wieder reden müsste oder abschätzen, ob es drin läge, nur zu grüßen. Ich setzte die Kopfhörer auf und schloss die Augen, während mein Oberschenkel pochte. Kurz vor dem Hauptbahnhof tippte die Frau mir zum Abschied leicht auf die Schulter, lächelte entschuldigend und schleppte ihre Tasche Richtung Ausgang.

Am Abend entdeckte ich auf dem linken Oberschenkel einen großen blauen Fleck. Da kam mir die Tasche in den Sinn – nicht ahnend, dass dies die erste von vielen Spuren war, die diese Frau bei mir hinterlassen sollte.

Am nächsten Morgen setzte ich mich in den vordersten Wagen, was für mich ein großes Opfer bedeutete: Der hinterste kam im Hauptbahnhof an genau der richtigen Stelle zum Stehen, außerdem hasse ich es, Routinen zu ändern. Ich brachte dieses Opfer, weil ich mich vor herunterfallenden Taschen schützen und mit keiner Attentäterin plaudern wollte. An die Scheibe gelehnt schaute ich aus dem Fenster. Der Himmel hatte sich rot verfärbt, vermutlich würde es am Abend regnen. Die Landschaft schlummerte im rötlichen Zwielicht, ich schlummerte mit und ließ mich mit der Musik treiben.

Diese entzückende Idylle fand ihr Ende, als jemand etwas auf meinen Oberschenkel legte. Mit geschlossenen Augen fegte ich den Störenfried weg, dann erst schaute ich auf: vor mir eine gebeugte Gestalt, die sich nun aufrichtete und mich ansah. Eine Hand hielt mir etwas hin. Ich streifte die Kopfhörer ab.

»Wegen gestern«, erklärte die Frau.

»Wie bitte?«

»Weil ich Sie mit meiner Tasche fast erschlagen habe.«

Da erkannte ich sie: die Frau mit der Mordwaffe. Diesmal hatte sie das Haar nach hinten gebunden, ihre Wangen waren gerötet, die Finger von der Kälte rosa gefärbt. Sie setzte sich neben mich.

Unentschlossen schaute ich auf das Ding in meiner Hand. »Das wäre nicht nötig gewesen. Es ist ja nichts geschehen – nur ein blauer Oberschenkel und eine malträtierte Zeitung.«

»Oje! Ich kaufe Ihnen eine neue.«

»Das wird schwierig werden – es war eine Gratiszeitung.«

»Also doch mein Geschenk.« Sie hielt es mir vor die Nase.

»Schokolade. Mag ich leider nicht so.«

»Machen Sie Witze?!« Sie betrachtete einen Moment lang sehnsüchtig die Schokolade, die weit mehr war, nämlich eine pralle Praline, und dann sagte sie: »Na, dann halt nicht« und stopfte sich die Praline in den Mund. Ihre linke Wange sah aus, als wäre sie im neunten Monat schwanger. Als sie fertig gegessen hatte, seufzte sie und fuhr sich wie eine Katze mit der Zunge mehrmals über die Lippen. »Aarauer Brändli Bombe, im Kern Marzipan, drumherum dunkle Schokolade, gefolgt von einer cremigen Schicht, zuäußerst Milchschokolade mit Mandelsplittern durchsetzt.«

»Ziemlich viele Mandeln. Ich bin allergisch gegen Mandeln.«

»Nur ein paar Mandelsplitter.«

»Was ist mit dem Marzipan?«

Verständnisloser Blick.

»Marzipan besteht aus Mandeln.«

»Das wäre mir das Neueste.« Neugierig geworden, zog die Frau das Handy aus der Manteltasche, befragte Siri und las den Wikipedia-Eintrag über Marzipan.

»Da bellt der Kuckuck – Sie haben recht!«

»Ich habe meistens recht.«

»So?« Sie drückte, bis Siri sich wieder in Form eines Strichs meldete, und fragte: »Hat meine Zugnachbarin immer recht?«

Siris Antwort: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe.

»Lügt meine Zugnachbarin?«

Siri wieder: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe.

»Wer ist meine Zugnachbarin?«

Und Siri: Interessante Frage, Amelie.

Diese seltsame Frau hieß also Amelie. Laut sagte ich: »Siri ist eben auch nur kein Mensch.«

Amelie nickte. Sie schaute hinaus, die Welt spiegelte sich glitzernd in ihren dunklen Augen. »Ich bin gespannt, ob man heute die Berge sieht: Welches Glückgefühl, wenn sie gestochen scharf dastehen oder eine verträumte Ahnung am Horizont sind. Tagelang halten sie sich verborgen, und plötzlich stehen sie da und tun so, als wären sie nie weggewesen.«

Am Horizont zeigten sich graue Wolken, die Berge waren nicht auszumachen, ein typischer Januarmorgen.

Als wir im Bahnhof einfuhren, stand Amelie auf, die Tasche schon geschultert. »Dir einen schönen Tag, du Pralinenverächterin.« Lächelnd hob sie die Hand zum Gruß und strebte dem Ausgang entgegen, obschon der Zug noch gar nicht hielt. Sie hatte es wohl eilig. Und sie hatte mich geduzt.

Es macht mir nichts aus, nach der Arbeit den Zug zu nehmen, aber es macht mir etwas aus, dass andere das ebenfalls tun. Ich frage mich, warum Menschen nicht harmonisch im Gleichschritt gehen können – vor allem im Gleichschritt mit mir. Warum stoppen sie abrupt vor mir oder trampeln beim Vorbeihasten meine Füße platt? Zombies mit Handy vor der Nase rammen mich oder täten es, wenn ich nicht zur Seite springen würde. Reisende mit Rollkoffern begreifen nicht, dass ihr Wirkungskreis sich durch das Gepäck fast verdoppelt, und schauen mich entrüstet an, wenn sie mir ein Bein stellen. Und warum stehen gesunde Menschen auf Rolltreppen, anstatt zügig voranzugehen? Manchmal höre ich, wie jemand zu seiner Begleitung stöhnt: Ach, die vielen Leute, wie nervig! Offensichtlich zählen sie sich nicht zu den Leuten. Wie schön mussten es unsere Vorfahren gehabt haben, als sie höchstens mit Mammuts oder Bäumen kollidierten – keine Probleme mit Bahnhöfen samt Rollkoffern und -treppen.

An diesem Abend stand ich unruhig auf dem Bahnsteig, weil ich befürchtete, Amelie zu begegnen. Gerade abends bin ich froh um Ruhe. Ich äugte um mich, bereit, mich hinter Säulen, Werbetafeln oder dicken Menschen zu verstecken. Zu meiner Erleichterung tauchte sie nicht auf.

Raffiniert wie ich bin, stieg ich am folgenden Morgen in einen mittleren Wagen ein – Amelie würde mich nicht finden. Amelies Station kam. Ich atmete gerade schon auf, als eine strahlende Amelie vor mir stand. Verflixt! Sie warf die Tasche auf den Boden und nahm mir gegenüber Platz. Keine höfliche Frage, ob der Platz noch frei sei. Durchsuchte Amelie etwa den Zug nach mir? Eine äußerst unangenehme Vorstellung!

Amelie grüßte mich mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln. Das schwarze Haar trug sie offen – ein Großteil davon steckte unter einer dunkelblauen Wollmütze mit weißen Tupfen. Sie blickte mich prüfend an. »Was magst du so?«

»Ich verstehe nicht.«

»Was magst du auf die gleiche Weise wie ich Brändli Bomben?«

»Da müsste ich erst wissen, auf welche Weise du sie magst.«

»Wenn sich jemand frühmorgens einen Schokoladenball in den Mund stopft, dann wohl auf gierige Weise. Mein Geschenk war wieder einmal der Beweis: Man schenkt oft das, was einem selber gefällt, nicht unbedingt der anderen. Das ist der Grund, warum viele Geschenke in einer Ecke verstauben, im Küchenschrank vergammeln oder weiterverschenkt werden.«

»Ich schenke nie Dinge, die nicht gefallen.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Weil die Beschenkten sich freuen.«

»Vielleicht spielen sie dir etwas vor.«

»Niemals.« Ich ließ vor meinem inneren Auge ein paar meiner Geschenke Revue passieren, und auf einmal war ich mir nicht mehr sicher, ob der Roman, den ich so spannend fand, meiner Mutter auch gefiel (sie hatte ihn jedenfalls nie mehr erwähnt) – und was war mit den weißen Orchideen für meine Freundin Annika – hatte sie nicht mal gesagt, dass weiße Blumen sie an Begräbnisse erinnerten?

Ich räusperte mich. »Also, ein Chai wäre nicht schlecht.«

»Keinen Jang Wong Hu Tee?«

»Was soll das sein?«

»Ein chinesischer Schwarztee – würde doch passen.« Amelie lächelte leicht. Ich wusste, worauf sie anspielte, aber ich ging nicht darauf ein. »Einen Chai also, das lässt sich bewerkstelligen.« Sie zog ihren E-Reader aus der Tasche und begann zu lesen. Sie tat das, ohne sich zu erklären – das gefiel mir, es vermittelte mir das Gefühl, dass ich auch tun konnte, wozu immer ich Lust hatte. Ich setzte meine Kopfhörer auf.

Wie letztes Mal schulterte Amelie ihre Tasche, noch während wir in den Bahnhof einfuhren, und winkte mir zum Abschied.

Am nächsten Morgen nahm ich wieder meinen geliebten hintersten Wagen. Falls Amelie zustieg, würde sie mich sowieso finden, und eigentlich war das nicht schlimm. Ich schloss die Augen und merkte erst auf, als jemand sich an meiner Seite des Tischchens zu schaffen machte. Ich öffnete die Augen einen Hauch weit: Ein Becher landete vor mir, eine Hand schwebte auf mein rechtes Auge zu und öffnete es sachte. Wie frech!

»Hier also ein Chai aus der hauseigenen Brauerei«, grinste Amelie, wobei um ihre Augen Lachfältchen entstanden. Der Anzahl und Tiefe nach zu urteilen befand sie sich in meinem Alter, irgendwo in den Dreißigern. Kommentarlos beugte ich mich vor und schnupperte an dem Getränk. Es roch – wie soll ich sagen? – wild. Als wäre Amelie über einen indischen Markt gestreift und hätte von jedem Gewürzhügel eine großzügige Prise genommen. Vorsichtig kostete ich. Der Tee kratzte im Hals – er war staubiger als der Dachboden meiner Oma. Ich schmeckte Safran und Kreuzkümmel, Gewürze, die in eine Paella oder in ein Dhal gepasst hätten, aber nicht in einen Chai. Ich zwang mich zu einem zweiten Schluck – hustete und hechelte (hatte sie Chili reingetan?!).

Amelie schaute besorgt zu. »Nicht gut? Ist zu wenig Zucker drin oder die falsche Teesorte? Ich habe Liptons genommen, etwas anderes hatte ich nicht im Haus. Gell, du erstickst nicht? Wie heißt du eigentlich? Es wäre doch unschön, wenn du sterben würdest und ich wüsste deinen Namen nicht.«

Ein paar Huster später sagte ich mit verwirrtem und erhitztem Mund: »Ich glaube, an der Gewürzauswahl musst du noch arbeiten. Und ich heiße Zazou.«

»Wie das Internet TV?«

»Nein, nicht Zattoo.«

»Jetzt wo du es sagst … Du, es gibt doch eine französische Sängerin, die Zazou heißt.«

»Die heißt Zaz.«

»Aber vielleicht ist Zazou ihr richtiger Name und Zaz die Abkürzung.«

»Möglich, keine Ahnung.«

»Ist ja auch egal. Zazou … kann man wirklich so heißen?« Während sie das fragte, griff sie nach dem Becher und trank. Erwartungsvoll beobachtete ich sie. Zu meinem Erstaunen verkostete sie das Gebräu wie einen exquisiten Wein: »Nicht schlecht. Es müsste aber mehr Zucker rein«, erklärte sie. Entgeistert sah ich zu, wie sie einen zweiten Schluck nahm. War sie irre oder kann man sich über Geschmack einfach nicht streiten? Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit. Ich sitze nicht gerne mit einer Irren im Zug.

Amelie deutete hinaus. »Wieder keine Berge, nur Grau.«

»Ich habe keine Ahnung, warum die Sicht manchmal gut ist, dann wieder nicht. Ich weiß nur, dass bei Föhn die Berge gleich hinter dem Münster stehen. Aber warum das so ist? Keinen blassen Dunst.«

Amelie trank den Becher leer – unglaublich! »Unser Geografielehrer war ein Wetterfanatiker. Am Anfang der Stunde erklärte er uns immer, wie das Wetter an diesem Tag zustande kam. Der Föhn ist ein feuchter Südwind aus Italien. Auf dem Weg in den Norden prallt er an die Alpensüdseite. Um weiterzukommen, muss er aufsteigen, dabei entstehen Wolken, die sich auf der Tessiner Seite der Berge abregnen. Der Regen säubert die Luft von Staub- und Schmutzpartikeln, der Wind gelangt frisch gewaschen, sauber und trocken auf die Alpennordseite und schafft damit die ideale Voraussetzung für eine gute Fernsicht. Und ich muss jetzt …« Sie griff nach ihrer Tasche, zwinkerte mir zu und strebte wie immer zu früh dem Ausgang entgegen.

Warum nur diese Eile?

Von meiner Station bis zu Amelies dauert es rund sieben Minuten, neuerdings gefühlt dreißig. Die Zeit hat diese unheimliche Fähigkeit, sich bei der Ewigkeit anzubiedern oder zu Nichts zusammenzufallen und dies gerne im falschen Moment: Die sieben Minuten zu Amelies Station schlugen Wurzeln, dann gesellte sich Amelie zu mir und die restlichen dreiunddreißig Minuten mutierten zu Nanonichts – schon stand Amelie auf, nicht ohne vorher nach den Bergen geschaut zu haben, schulterte ihre Tasche und eilte zum Ausgang. Während sie aufstand und den Mantel oder die Jacke überzog, während sie die Tasche schulterte und mir ein Tschüss zuwarf, gab es keinen Augenblick, in dem sie mir bedeutete, mit ihr gemeinsam auszusteigen. Warum nur?

Mit den Wochen entwickelte sich die Zugfahrt mit Amelie zu einem kleinen Höhepunkt des Tages und wenn Amelie nicht erschien, zu einem Tiefpunkt. Die Begegnung mit Amelie hatte etwas in Gang gesetzt, das mir nicht behagte: Bis dahin hatte ich mich gedankenlos im Zug niedergelassen, hatte gedöst, gelesen oder selbstvergessen Musik gehört. Es war mir einerlei gewesen, wer zustieg, ob ich gut aussah und mich strategisch richtig positioniert hatte oder nicht. Nun war mir diese Unschuld abhandengekommen, nun wartete ich auf Amelie.

Man könnte meinen, dass man Expertin in eigener Sache ist, schließlich lebt man immer mit sich zusammen. Und trotzdem gibt es Situationen, die mich mit Fragezeichen zurücklassen, wie jetzt mit Amelie. Ich hasse Fragezeichen – ich will Punkte: Das sind die Fakten. Punkt. In meinem Leben ist alles an seinem Platz. Punkt. Ich lebe in einer guten Beziehung. Punkt. Ich bin ein vernünftiger Mensch. Punkt. Ich bestimme, wann ich Höhe- und Tiefpunkte habe. Punkt. Keine Frau hat Einfluss auf meine Höhe- und Tiefpunkte. Punkt. Punkt. Punkt.

O ja, ich wusste, dass etwas im Gange war, aber ich ignorierte es. Punkt. Ich hätte die Notbremse ziehen und einen anderen Zug nehmen sollen, doch dieses Vorhaben scheiterte erbärmlich: Ich fand tausend Gründe, warum ich keinen anderen Zug nehmen konnte und fieberte Amelies Station entgegen. Ich wollte, dass Amelie sich zu mir setzte; wollte mit ihr reden, diskutieren, streiten, lachen und eine Menge Gesprächsthemen streifen. Und ich wollte alles über Amelie erfahren.

Doch schon bei der vierten gemeinsamen Fahrt machte Amelie klar, wo ihre Grenzen lagen. Als ich sie fragte, was sie beruflich mache, bedachte sie mich mit einem langen Blick, der gleichermaßen bestimmt und schelmisch war, und sagte: »Halten wir uns an die Regel: keine Koordinaten. Ich möchte nicht über Berufliches reden. Auch nicht über Beziehung und Familie – es gibt genug andere Themen.«

»Und die wären?«

»Bücher, Filme, Essen, Wetter, Leberflecken.«

»Was gibt’s denn über Leberflecken zu sagen?«

»Wo man sie hat, was sie einem bedeuten – Leberflecken sind für mich Abdrücke des Sternenhimmels auf der Haut. Ich finde sie geheimnisvoll und sexy.«

Ich, skeptisch: »Und jetzt willst du wissen, wie viele Leberflecke ich habe und an welcher Stelle?«

»Ich würde nicht wollen sagen – es würde mich interessieren. Falls es dich Wunder nimmt, ich habe sechsundzwanzig. Sie haben alle einen Namen, aber leider vergesse ich entweder den Namen oder welcher zu welchem Flecken gehört.«

»Warum sollte man den Leberflecken einen Namen geben? Das ist sinnlos!«

»Es ist nur dann etwas sinnlos, wenn man es als sinnlos empfindet.«

»Es gibt Dinge, die auch objektiv gesehen sinnlos sind.«

»Zum Beispiel?«

Ich zupfte am Ohrläppchen in der Hoffnung, nützliche Hirnbereiche zu aktivieren, doch bei jeder Idee kam mir gleich ein Gegenargument in den Sinn. Bis mir etwas einfiel: »Es ist sinnlos, etwas zu erwarten oder zu wollen, was man nicht bekommen kann.«

»Finde ich nicht: Unerfülltes Begehren kann sich sehr förderlich auf die Kreativität auswirken. Vieles in der Weltliteratur und Kunst ist entstanden, gerade weil die Kreativen nicht das bekamen, was sie sich ersehnt hatten. Es ist manchmal schöner, etwas zu ersehnen, als es zu bekommen.«

»Ja, sag das mal den Flüchtlingen auf einem überfüllten Boot, das demnächst kentern wird.«

»Deshalb habe ich ja manchmal gesagt, nicht immer. Aber wir können auch mit einem banaleren Thema beginnen: Was ist deine Lieblingsfarbe?«

In diesem Moment setzte sich eine Dame mit toupiertem Haar neben Amelie. Ihr Parfum klatschte die Härchen an meine Nasenwände. »Das ist eine Frage, die sich Kinder stellen«, näselte ich.

»Ach was!« Amelie wandte sich an die Parfumwolke und fragte sie nach ihrer Lieblingsfarbe.

»Lieblingsnarbe? Junge Frau, man fragt fremde Menschen nicht nach Narben!«, kam es von der Dame zurück.

Amelie lächelte. »Lieblingsfarbe – welche Farbe mögen Sie am liebsten?«

»Auch das ist eine seltsame Frage«, erwiderte die Dame. »Aber wenn Sie schon fragen: Apricot gefällt mir. Und was jetzt?«

»Nichts, ich finde es einfach spannend, was Menschen gefällt.« Amelie musterte mich. »Also Zsa Zsa, was ist deine Lieblingsfarbe?«

»Zazou.«

»Zsa Zsa gefällt mir besser.«

»Du kannst nicht nach Gutdünken meinen Namen ändern! Ich heiße Zazou.«

»Aber mich erinnert das an Internet TV. Zsa Zsa ist schöner. Wie die Gabor.«

»Ich höre einfach nicht darauf.«

»Du willst nur von deiner Lieblingsfarbe ablenken.« Sie hielt kurz inne, fügte ein »Zsa Zsa« an und schmunzelte.

»Du willst Kampf? Okay, den kannst du haben, Montmartre.«

Amelies Augenbrauen hoben sich.

»Amélie de Montmartre. Wenn ich Zsa Zsa bin, bist du Montmartre.«

Amelies dunkle Augen wurden eine Nuance dunkler. »Das soll originell sein? Jeder fühlt sich bemüßigt, mich mit diesem verdammten Film in Verbindung zu bringen.«

»Besser damit als mit Conan der Barbar.« Ich grinste breit und auch ein bisschen gemein. Amelie beugte sich vor und boxte mich leicht in den Oberarm.

Das toupierte Haar rauschte. »Fräulein, sie sind mir eine! Man boxt doch nicht, schon gar nicht als Frau eine Frau.«

»Aber als Mann einen Mann schon?«

»Wie soll ich sagen: um Männer ist es weniger schade«, erklärte die Dame.

Montmartre und Zsa Zsa schauten sie verblüfft an und begannen zu lachen.

»Sie retten meinen Tag«, gluckste Amelie.

»Muss der denn um diese Zeit schon gerettet werden?«, fragte ich verwundert.

»So früh ist es für mich nicht«, erwiderte sie in einem Ton, der klar signalisierte: keine weiteren Fragen. Diesen Ton würde ich noch oft hören: Amelie zog Grenzen und das oft an Stellen, die ich nie erwartet hätte.

Als die Dame ausstieg, verließ die Parfumwolke den Wagen, aber ein Rest davon blieb bis zum Hauptbahnhof in der Luft hängen.

»Entzückende Frau«, sagte Amelie.

»Ja, und welch ein Parfum!«

»Rezeptpflichtig – gehört unter das Betäubungsmittelgesetz.« Amelie zwinkerte.

Die Wochen vergingen. Ich erfuhr nichts von Amelie, mal abgesehen davon, dass sie Pralinen und Berge mochte, abscheulichen Chai braute, sechsundzwanzig Leberflecken hatte und eine Menge über das Wetter wusste. Anfangs konnte ich es hinnehmen, dass die Fremde im Zug fremd blieb, ich fand es sogar spannend. Doch allmählich begann mich die Geheimnistuerei zu stören, und je mehr Zeit wir zusammen verbrachten, desto größer wurde meine Neugier. Raffiniert streute ich Fragen nach ihr und ihrem Leben ein, aber sie roch jedes Mal sofort Lunte und antwortete mit Schweigen oder lenkte gekonnt ab.

Nicht dass unsere Gespräche etwas hätten vermissen lassen – sie waren wie eine CD mit Lieblingsliedern, die mich einfach glücklich machte! Aber gerade weil unser Zusammensein beschwingt und reich war, wollte ich mehr über Amelie erfahren und nicht nur Banalitäten wie ihre Lieblingsfarbe (das helle Grün der Birkenblätter im Frühling).

Ich erfuhr nichts. Was nur mochte der Grund sein, dass sie die Koordinaten ihres Lebens hermetisch unter Verschluss hielt? War sie Dompteuse von Salamandern? Fährenfrau? Übersetzerin Suaheli–Deutsch? Besitzerin eines Spielzeugladens? Hatte sie Hobbys? Geschwister? Allergien? Was war der glücklichste Moment in ihrem Leben und welcher der schlimmste? Wünschte sie sich Kinder – hatte sie gar welche? Ich wollte die Eckdaten ihres Lebens erfahren, wollte Schubladen öffnen, wollte einordnen und zuordnen können.

Und es irritierte mich, dass sie sich nicht für mein Leben und für mich als Person interessierte – auch wenn ich es genoss, dass Amelie und ich uns in einem leeren Raum begegneten, unbeschwert von den Geschichten, die wir mit uns herumtrugen und die vielleicht schon lange fertigerzählt waren und jegliche Pointe verloren hatten.

So gesehen waren Amelie und ich auf einem interessanten Weg. Trotzdem hätte ich gern gewusst, ob sie Single war, einen Freund oder Ehemann hatte oder Frauen zugeneigt war. Gefiel ich ihr? Als Mensch, als Frau? Dass ich mich das fragte, sprach Bände – von denen ich aber keinen einzigen aufschlagen wollte, denn sonst hätte ich mir ernsthafte Fragen stellen müssen.

Was ich an Amelie besonders schätzte: Sie war immer für eine Überraschung gut. Einmal saßen wir zu zweit in einem Viererabteil. Amelie holte eine bunte Schachtel hervor. »Spielst du mit?«, fragte sie und hatte die Schachtel schon geöffnet.

»Ich bin keine Spielernatur«, brummte ich. »Was ist das?«

»Memory.«

»Wir sind keine Kinder mehr.«

»Hast du es nicht gern gespielt?«

»Doch, sicher.«

»Eben – deshalb spielen wir Memory.«

Seufzend schaute ich zu, wie Amelie die Kärtchen auf dem freien Sitz neben ihr verteilte. Die Frau und der Mann nebenan sahen uns belustigt zu. Wie war es mir peinlich!

Amelie stieß mich an. »Du darfst anfangen.«

Es blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich in mein Schicksal zu fügen. Von drei Augenpaaren beobachtet, deckte ich zwei Kärtchen auf, darauf Fische, jedoch nicht identische. Bald zeigte sich, dass sich auf allen Karten Fische befanden, mit Ausnahme eines Seepferdchens und eines Seeigels. Für mich sahen die Fische alle gleich aus: mit schillernden Farben, Flossen und Schuppen. Wie sollte ich die auseinanderhalten und mir merken können?

Ich konnte nicht – Amelie jedoch schon: Während ich drei Pärchen rein zufällig fand, graste sie mit schlafwandlerischer Sicherheit ab. Zu allem Übel fühlten der Herr und die Dame sich bemüßigt, mich zu unterstützen. Kaum hatte ich eine Karte umgedreht, bedeuteten sie mir, wo sich die zweite befand, wobei sie nicht auf dieselbe zeigten. Amelie amüsierte sich prächtig. Am Schluss stapelte sie ihre Pärchen und legte meinen Stapel neben ihren. »Dir fehlt die Übung«, erklärte sie gönnerhaft. »Das kommt noch.«

»Das kommt nicht, denn ich habe keine Lust auf eine weitere Geisterfahrt durch diese Meeresunterwelt mit tausend Fischklonen.«

»Aha, eine schlechte Verliererin.«

»Nein, eine, die sich nichts aus Fischen macht.«

Schweigend begann Amelie die Karten einzupacken, schon hing die Tasche über ihrer Schulter, schon sagte sie tschüss und eilte davon.

Ich rief: »Kannst du nicht auf mich warten?« Aber sie hörte mich nicht oder wollte mich nicht hören. Kopfschüttelnd griff ich zu meiner Jacke.

Auf dem Weg zur Bahnstation ging ich einen Block entlang, dessen Treppenhaus nach Weichspüler roch. Manchmal schrubbte eine ältere Dame frühmorgens die Steinplatten vor dem Eingang, sie nahm auch den Schuhrost heraus und putzte die Vertiefung. Eines Morgens im März, ich kannte Amelie schon über zwei Monate, trat ein alter Mann aus diesem Häuserblock und ging vor mir Richtung Bahnstation. Nach ein paar Schritten drehte er sich um, schaute nach oben und lächelte. Er ging weiter, drehte sich wieder um, winkte lächelnd. Bestimmt seine Frau, mit der er schon ein halbes Jahrhundert zusammen war.

Die Szene rührte mich. Ich fragte mich, ob sich in ferner Zukunft jemand auf solch wunderbare Weise auch von mir verabschieden würde. Zweifelhaft.

An diesem Morgen erklärte Amelie, dass sie ein Memory mit einfacheren Bildern für die begriffsstutzige Zsa Zsa auftreiben würde. Ich erwiderte, dass sie aufhören solle, mich Zsa Zsa zu nennen und dass ich nicht auf diesen Namen reagieren würde. Amelie wies darauf hin, dass ich soeben darauf reagiert hätte, deshalb könne sie meine Erklärung nicht ernst nehmen. Bis zur nächsten Station stritten wir darüber; danach erzählte ich ihr von der Abschiedsszene, die ich gesehen und wie sehr sie mich gerührt hatte.

Amelie stützte sich lässig mit dem Ellenbogen auf den schmalen Fenstersims. »Vielleicht war das die Liebhaberin.«

»Aber sicher!«

»Oder der Hund. Oder die Putzfrau, mit der er ein Verhältnis hat.«

»Hör auf, du bist doch nur neidisch.«

»Auf wen genau? Dich, den Hund, den alten Mann oder die Putzfrau?«

»Darauf, dass zwei es auch nach vierzig Ehejahren noch schön miteinander haben.«

»Vielleicht sind sie frisch verheiratet. Oder beide heucheln. Sie denkt beim Winken: Hau bloß ab!, und er: Endlich habe ich ein paar Stunden Ruhe vor der!«

»Ich hätte dir das nicht erzählen sollen – du zerstörst mir das Erlebnis!«

»Das Einzige, was ich in Frage stelle, ist deine Interpretation der Situation, die rein spekulativ war. Fakt ist, dass du nicht weißt, wem er zugewinkt hat, weil du nicht geguckt hast.«

»Es war schön und aufbauend, es so zu sehen.«

»Zum Glück bist du keine Journalistin.«

»Woher willst du das wissen?!«

»Wer so voreilige Schlüsse zieht, eignet sich nicht für den Journalismus.«

»Du weißt aber nicht, ob ich Journalistin bin oder nicht. Du nimmst es bloß an.«

»Ich bin mir sicher.«

»Denk, was du willst – ich werde deine Vermutung weder bestätigen noch berichtigen.«

»Gut.«

Für mich jedoch war nichts gut. Ich hatte Amelies Versteckspiel so satt. »Können wir bitte das Thema wechseln?«

Amelie nickte nur, nahm den E-Reader aus der Tasche und begann zu lesen. So konnte man das Thema auch wechseln.

»Wie billig, zu lesen«, sagte ich.

»Nicht billig, aber billiger als die papierene Version.«

»Sehr lustig!«

»Jetzt sag nicht, dass du sauer bist.«

»Doch.«

»Aber wir haben doch bloß rumgealbert.«

»So nennst du das? Du hast mir ein schönes Erlebnis kaputtgemacht! Unter Herumalbern stelle ich mir was anderes vor.«

»Da gibt jemand einen Kommentar ab und schon ist bei dir alles kaputt? In deinem Universum bist du die Einzige, die etwas kaputtmachen oder kaputtmachen lassen kann. Es steht dir frei.«

»Klar, haut mir einer in die Fresse, entscheide ich, ob mir das wehgetan hat oder nicht. Schießt mir jemand ins Herz, bestimme ich, ob ich sterben will oder nicht.«

Ruhig schaltete Amelie den E-Reader aus. »Warum gleich so krasse Beispiele? Natürlich funktioniert es da etwas anders. Aber es ist trotzdem so: Du hast es in der Hand, ob jemand dir eine Geschichte verderben kann oder nicht. Und du hättest nicht sauer werden müssen, nur weil ich Schrott erzählt habe.«

»Du gibst also zu, dass du Unsinn erzählt hast?«

»Jein.«

»Argh!!« Ich raufte mir die Haare, was Amelie offenbar lustig fand.

»Könnte es sein, dass du mir demnächst den Kopf abreißt?«

»Ja, aber zuerst steche ich dir die Augen aus, schneide dir die Ohren ab und die Zunge in Scheiben.«

»Das hört sich gründlich an – saubere Sache.« Amelie neigte den Kopf zur Seite und blickte mich – wie soll ich sagen? – zärtlich an. Meine Haare auf den Unterarmen stellten sich auf.

Der Zug fuhr über die Brücke, die Häuser waren hier so nah an die Gleise gebaut (oder wohl eher hatte man die Zugbrücke direkt daneben errichtet), dass man in die Wohnungen hätte sehen können, wenn die Fenster nicht die Umgebung gespiegelt hätten. Es gab einen Boxclub, ein Fitnessstudio, einen Lokalradiosender und Wohnungen, in denen mehrheitlich ausländische Familien lebten. Amelie verstaute ihr Handy in einem Außenfach der Tasche und zog Reißverschlüsse zu. Dann schaute sie hinaus und klagte darüber, dass man wieder mal nichts vom Oberland sah. Sie stand auf und zog die Jacke über. Ich wollte sie fragen, warum sie sich immer so früh bereitmachte, aber die Frage blieb mir im Hals stecken – keine Ahnung warum. Ich hob die Hand zum Gruß. Amelie lächelte.

Amelie besaß einiges an Kleidung, und das ist die Untertreibung des Jahres: Sie war Königin über Berge von Klamotten, vermutlich Herrscherin einer Heerschar von Kleiderschränken. Ich hatte sie nie zwei Mal in der gleichen Hose, Bluse oder demselben Pullover gesehen, einzig bei den Jacken gab es Wiederholungen. Ihre Farb- und Musterkombinationen waren oft waghalsig. An diesem Tag trug sie ein schachbrettgemustertes Jackett und darunter eine blau-weiß-lila geblümte Bluse. Und das Verrückteste war: Die unmöglichen Muster- und Farbkombinationen sahen gut aus!

»Was schaust du?«, fragte Amelie.

Errötend beugte ich mich vor und deutete auf den unteren Rand des Jacketts. »Da hängt ein Zettel.«

Amelie schaute an sich hinunter und begann zu lachen. »Schau an, der Preis.« Sie riss am Etikettenfaden, und als der nicht reißen wollte, holte sie eine Streichholzschachtel aus der Tasche. Zuerst verstand ich nicht, was sie damit wollte, aber als sie dann ein Streichholz entzündete und unter den Faden hielt, begriff ich. Der Faden fing Feuer und riss, Amelie reichte mir das Preisetikett. »Wirfst du es bitte in den Abfall? Du sitzt näher dran.«

Ich warf einen Blick auf das Etikett, gespannt, wie viel das Schachbrett gekostet hatte, und staunte nicht schlecht, als da von Hand Fr. 15.- geschrieben stand und über dem Preis in Druckbuchstaben 2ND-BOUTIQUE MARA.

Amelie: »Toller Secondhand-Schuppen – mein Lieblingsladen überhaupt.«

»Ich hasse es, Klamotten zu kaufen. Wenn ich etwas gefunden habe, das mir gefällt, nehme ich es oft in zwei- oder dreifacher Ausführung. Ich verstehe Steve Jobs, der fast nur Blue Jeans und schwarze Pullover trug.«

»Besitzt du auch was anderes als Blue Jeans?«, fragte Amelie lächelnd.

»Ja, schwarze.«

»Wenn du mal keine Jeans trägst, werde ich ein Kreuz an die Decke des Wagens malen.«

»Und ich mache ein Kreuz, wenn du tatsächlich ein Kreuz an die Decke malst«, entgegnete ich augenzwinkernd.

»Wir werden sehen«, sagte Amelie. Dann folgte ein für sie typischer Themenwechsel. »Hast du dir schon mal überlegt, wie viele Stunden, Tage und Wochen du mit Pendeln zugebracht hast und wie viele noch folgen werden?«

»Bewahre nein, das wäre zu deprimierend! Noch schlimmer wäre es zu wissen, wie viele Wochen man auf dem Klo gesessen, Zähne geputzt, gegessen, geschlafen, gewartet, Schuhe gebunden, ferngesehen und gegähnt hat. Bekanntlich macht die Dosis das Gift. Ein paar Minuten pro Tag Zähne putzen ist okay, aber alles Zähneputzen auf einmal – eine Horrorvorstellung.«

»Monatelang Sex wäre aber nicht zu verachten.« Amelie bekam einen genießerisch-verzückten Gesichtsausdruck, und einen Moment lang konnte ich mir nur zu genau vorstellen, wie sie während dieser Monate aussehen würde. »Das würde aber heißen, dass man nach dieser Zeit nie mehr Sex haben könnte, weil man alles auf einmal genossen hätte.«

Amelie nickte ernsthaft, als würden wir über ein reales Problem diskutieren, und fügte hinzu: »Sex ist zwar nicht alles – aber ohne Nichts ist alles sexy. Oder so.«

Wir lachten, dann schwiegen wir einträchtig, bis ich mich überwand und Amelie das fragte, was ich schon lange hatte wissen wollen: »Sag mal, warum brichst du immer so früh auf, ohne auf mich zu warten?«

Verdutzter Blick, leichte Anspannung auf Amelies Gesicht, eine Andeutung nur. Sie sagte gereizt: »Das tut nichts zur Sache.«

»Zu welcher Sache?«

»Dieser hier. Ich habe dir gesagt, dass ich nicht über Persönliches reden will.«

»Über Kleidung zu reden ist nicht persönlich, über das Verlassen des Zuges schon?«

»Ja.« Demonstrativ schaute sie hinaus. Ebenso demonstrativ zog sie später ihre Jacke über, nahm ihre Tasche und sagte: »Ich frage dich ja auch nicht wegen deiner Augen.« Sie verabschiedete sich und schon war sie verschwunden.

Perplex überlegte ich mir, was an meiner Frage so fürchterlich persönlich gewesen war. Um dann in mich hineinzulächeln: Es gab also Dinge an mir, die sie interessieren würden. Vermutlich aber würde sie sich eher die Zunge abbeißen, als ihr Gesetz zu brechen und mich zu fragen. Beim Aufstehen fiel mein Blick auf die Streichholzschachtel, die Amelie auf dem Tischchen liegengelassen hatte. Ich steckte sie in die Tasche und musste an unsere Ur-Ur-Urahnen denken, für die ein Streichholz nichts weniger als göttlicher Zauber gewesen wäre.

Eines Morgens setzte sich Amelie mir gegenüber und sagte finster: »Fürchte dich nicht.«

»Wie bitte?!«

»Hast du es nicht gesehen? Das blaue Plakat. Auf dem steht: Fürchte dich nicht. Die Bibel.«

»Ach das.« Eine christliche Gemeinde verschwendete seit Jahren Geld für große Plakate mit biblischen Sprüchen.

»Je nachdem, wie ein Lastwagen vor dem Plakat parkt, wäre nur zu lesen: Fürchte dich. Nicht gerade tröstlich. Wenn ich das Wort fürchten lese, erinnere ich mich daran, wie dieses Gefühl sich anfühlt, nämlich Scheiße. Aber vielleicht beabsichtigen sie genau das – wenn ich mich schlecht fühle, brauche ich etwas, das mich davon erlöst, und wer würde sich da besser eignen als der liebe Gott? Warum reicht es den Gläubigen nicht, ihren Glauben zu glauben?«

»Vielleicht wollen sie andere an ihrem Glück teilhaben lassen.«

»Ach was, so selbstlos sind die nicht. Sagen wir mal, ich will mich aus gesundheitlichen Gründen mehr bewegen. Dann habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder bewege ich mich mehr oder ich versuche meine Umgebung davon zu überzeugen, dass sie sich mehr bewegt – vielleicht würde mich das motivieren. Anders gesagt: Je weniger ich etwas auf der Reihe habe, desto mehr will ich, dass die anderen es auf der Reihe haben, in der Hoffnung, dass ich es dann auch auf die Reihe kriege.«

»Man will andere bekehren, weil man sich selbst bekehren möchte?«

»Genau.« Amelie rückte näher zu mir und flüsterte: »Siehst du da vorn die junge Frau, die strickt?«

Ich atmete Amelies Körperduft ein. Sie war nicht parfümiert – es war ihr Körper, den ich roch, und ich geriet durcheinander. Ich konnte nicht sagen, ob sie herb roch oder süßlich, sauer, irdisch, bitter. Aber ich konnte die Bilder beschreiben, die Amelies Geruch in mir entstehen ließ: der Hauch von Ferne; das Glitzern der Sonne auf einem See, wenn der Wind mit ihm spielt; der sommerliche Schatten in Griechenland; eine Allee mit blühenden Magnolienbäumen.

»Siehst du, wie sie ins Stricken vertieft ist? Steht sie etwa auf, um andere Leute zum Stricken zu bekehren? Nein, sie hat keine Zeit dafür, sie ist ganz bei der Sache, die ihr sicher viel Spaß bereitet. Sie will niemanden bekehren – sie will den Pulli fertigstellen.«

»Das wird eine Socke.«

»Nein, der Ärmel eines Pullovers.«

»Sie kommt gleich zur Ferse. Ich habe nie kapiert, wie man die macht.«

Amelie machte ihr überhebliches Du-hast-zwar-recht-aber-das-gebe-ich-nicht-zu-Gesicht und fuhr mit ihren Ausführungen fort. »Wenn die Gläubigen und Missionare von ihrer Religion wirklich überzeugt und erfüllt wären, hätten sie keine Zeit für Bekehrungsversuche. Es könnte höchstens sein, dass manche zu ihnen gehen, um von ihnen zu lernen. Das ist dann etwas anderes. Schau dort!« Sie deutete hinaus, wo ein weiteres Plakat stand mit dem Spruch Der Herr gebe dir Frieden. »Ja, Herr, gib mir Frieden, indem du diese Plakate wegnimmst. Amen.«

Amelie hatte sich in die Rede hineingesteigert, ihre Wangen leuchteten mit ihrer roten Lederjacke um die Wette. Sie sah zum Anbeißen süß aus, aber ich würde mich hüten, ihr das zu sagen.

Amelie blickte düster aus dem Fenster. »Der Herr gebe mir Frieden – ha! Man könnte tausend Mal darum bitten und dieser tattrige Greis würde einem nicht ein Quäntchen Frieden schenken.«

Nachdem sie ihre Jacke angezogen und ihre Tasche geschultert hatte, beugte sie sich zu mir – und küsste mich auf die Wange! Sie hob die Hand zum Gruß und rauschte davon. Ihre Wangen hatten sich wieder gerötet.

In meinem Magen blubberte es. Warum hatte sie mich geküsst? Warum heute? Und was plagte sie? Eine Laus schien ihr über die Leber gekrabbelt zu sein – oder vielmehr eine ganze Läusearmee.

Am nächsten Tag schenkte sie mir am Schluss der Fahrt ein Lächeln und gab mir wieder einen Kuss auf die Wange. »Du musst eine Woche ohne mich auskommen«, sagte sie. Mit diesen Worten drehte sie sich um und fort war sie.

Eine Woche ohne Amelie – eine seltsame Vorstellung. Sie war das, worauf ich mich morgens freute; sie war das, was ich ungern ziehen ließ – und sie war das, woran ich beim Zubettgehen dachte. Ob sie Urlaub hatte? Ob sie verreiste? Und wohin? Mit wem? Die letzte Frage provozierte einen dummen Stich ins Herz. Und mein Tag war verdorben.

Es sollte sich zeigen, dass die ganze Woche verdorben war. Zugfahren ohne Amelie war öde, eine ganze Woche auf sie zu verzichten eine Zumutung, aber ich hütete mich, meine Reaktion auf Amelies Fernbleiben innerlich zu kommentieren. Ich hatte ein erfülltes Leben, zumindest ein ausgefülltes – wir waren Zuggefährtinnen, damit hatte es sich. In dieser Woche las ich einen Krimi, am Ende der Woche hatte ich ihn ausgelesen, aber wer der Mörder war und wen er ermordet hatte? Keine Ahnung.

Nach einem nicht enden wollenden Wochenende saß ich am Montag erwartungsvoll im Zug. Bei Amelies Station drückte ich mir die Nase am Fenster platt, und da war sie – Amelie! Sie strahlte mich an, und ich strahlte zurück, unsere Sonne ging auf und flutete durch den Wagen. Ich sagte: »Welcome back!«

Und sie entgegnete: »Yeah, babe.«

»Schön, dass du wieder da bist«, sagte ich. »Ich hoffe, du hattest eine gute Zeit.«

»Nun, das hängt davon ab, woran man Güte misst«, antwortete sie kryptisch.

»Das ist glücklicherweise jeder freigestellt.«

»Genau, wir sind die Herrscherinnen unseres Kosmos’«, grinste Amelie. »Ist hier etwas Spannendes passiert?«

»Die Strickerin hat einen Schal in Angriff genommen.«

»Gut. Und du?«

»Ich arbeite noch an der Sockenferse.«

Lachend stellte Amelie ihre Tasche auf den Sitz neben sich und sagte: »Zsa Zsa, du bist mir eine.«

»Ich heiße nicht –«

»– Zsa Zsa, ich weiß. Du heißt Zazou. Für mich bleibst du aber Zsa Zsa. Ich kann dich mit Zazou ansprechen, aber innerlich nenne ich dich Zsa Zsa, das kannst du mir nicht verbieten.«

»Hauptsache, du sprichst mich mit Zazou an.«

»Ist das ein asiatischer Name?«

»Nicht dass ich wüsste. Warum?« Ich wusste natürlich, warum sie das fragte.

»Ach egal, Zsa Zsa.« Amelie schlug die Hände vor den Mund und sah mich gespielt erschrocken an. »Ups, sorry!«, rief sie.

»Erstens hast du’s absichtlich gesagt, und zweitens tut es dir nicht leid!«, fauchte ich.

Amelie machte ein zerknirschtes Gesicht.

»Du würdest eine passable Schauspielerin abgeben, falls du nicht eine bist.«

Als Antwort bekam ich einen Schubs und dann einen zweiten. Worauf ich mich mit einem Schlag revanchierte und Amelie aufschrie, als hätte ich ihr mehrere Knochen gebrochen.

»Wer austeilt, muss auch einstecken können, und zwar ohne dabei so erbärmlich zu schreien.«

»Ich habe dir zärtlich über den Arm gestreichelt. Du hingegen hast gnadenlos zugeschlagen.«

»Wenn das zärtlich über den Arm gestreichelt war, bin ich froh, dass ich keine Beziehung mit dir habe – nach zwei Wochen würde ich ins Frauenhaus flüchten.«

Wir erreichten die Eisenbahnbrücke, die Häuserreihe mit dem Box- und Fitnessclub zog an uns vorbei, die Fahne des Lokalradios, die aus dem Fenster hing, flatterte träge im Wind. Amelie schaute selbstvergessen hinaus, bis das Münster sichtbar wurde und dahinter die Berge, die in der Morgensonne leuchteten. Sie begann zu strahlen. »Diese treuen Kerle und Damen, so wunderschön.« Sie schulterte die Tasche, dann hob sie zögernd den Arm und strich mir mit der Hand über die Wange. »Ich kann auch so«, sagte sie verlegen lächelnd und fort war sie.

Ihre Berührung blieb wie ein samtener Abdruck auf meiner Haut, und nun flatterte mein Herz ebenfalls im Wind.

Der April brachte hier und da die Ahnung des Frühlings, um sie dann wieder schadenfreudig mit Schneeregen kaputtzumachen. Seit drei Monaten fuhren Amelie und ich miteinander, und mit jeder gemeinsamen Fahrt wurde ich neugieriger auf sie. Eines Morgens dann nahm ich meinen Mut zusammen und sagte so beiläufig wie möglich: »Du könntest mir deine Nummer geben – man weiß ja nie.«

Ich musste nicht aufschauen, um ihren Blick zu spüren, der halb stechend, halb prüfend und halb wütend war. Ich weiß, das ist eine Hälfte zu viel, aber so war es – eineinhalb Mal intensiver als sonst. Als ich diesem Blick begegnete, wurde mir siedend heiß – es war nur zu deutlich: Ich hatte eine unsichtbare Grenze überschritten.

Sie sagte: »Geht nicht.«

Nochmals den Mut zusammenreißen. »Und warum nicht?«

»Es war unsere Abmachung.«

»Es war deine Bedingung.«

»Der du zugestimmt hast.«

»Ich habe nichts dazu gesagt.«

»Das nennt man schweigende Zustimmung.«

»Es war ja bloß eine Frage.«

»Du hast gegen die Regel verstoßen.«

»Amelie, übertreibst du nicht ein bisschen?«

In ihren Augen flackerte Feuer auf – kein gemütliches Kaminfeuer, sondern ein Buschfeuer, das sich explosionsartig ausbreitete.

»Schon gut, ich habe verstanden.« Ich hatte überhaupt nicht verstanden.

»Dann ist gut.« Und Amelie begann übergangslos von etwas anderem zu reden. Ich ließ mich darauf ein, einmal mehr verwundert, warum ihr das Wahren ihrer Privatsphäre so wichtig war.

Beim Abschied gab Amelie mir nah beim Ohr einen Kuss und sagte: »Bis Montag.«

»Nein, leider nicht bis Montag«, erwiderte ich. »Ich fahre drei Wochen in Urlaub.«

Amelie schaute mich überrascht an, und mir schien, als würde sie zusammenzucken. Sie sagte: »Ach, so«, dann umarmte sie mich ein paar Wagenradumdrehungen lang. Sie murmelte: »Pass auf dich auf«, und wandte sich ab.

Ich ergriff ihre Hand.

Irritiert drehte Amelie sich um.

Ich sagte: »Wenn ich zurück bin, möchte ich dich besser kennenlernen. Ich finde, es ist an der Zeit. Meinst du nicht auch?«

Das zu sagen hatte ich nicht geplant, es sprudelte einfach aus mir heraus – ich wunderte mich über meinen Mut oder meine Unbedachtheit. Erschrocken zog Montmartre ihre Hand zurück. »Ich … Was? Muss jetzt gehen.« Ich sah noch ihren Rücken, dann war sie verschwunden.

Der Urlaub: Alles war so, wie es sein musste: der Himmel himmelblau, der Strand weiß, das Meer erfrischend, die Wanderungen traumhaft und die Abende lauschig – die besten Voraussetzungen, um die Seele baumeln zu lassen. Meine aber ruckelte eingerostet. Vielleicht hatte ich die falsche Lektüre mitgenommen, vielleicht waren die Gespräche mit Jo zu absehbar, vielleicht war alles zu absehbar. Vielleicht aber lag es an etwas anderem – an jemand anderem. Aber nein, so beschloss ich, an Amelie lag es nun wirklich nicht. Was immer es war, es ruinierte meinen Urlaub.

Als ich nach meiner Heimkehr die Wohnungstür hinter mir schloss, schüttelte ich den Kopf. Ich fühlte mich weder aufgetankt noch lebendig noch inspiriert. Im Bett dachte ich an Amelie, und eine riesige Vorfreude überkam mich.

Wie ungeduldig ich darauf wartete, dass wir Amelies Station erreichten! Aufgeregt hielt ich nach ihr Ausschau, als die Reisenden zustiegen. Doch der letzte Fahrgast war hereingekommen, der Zug setzte sich in Bewegung … keine Amelie. Bestimmt erscheint sie morgen, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich gab mich der Musik hin – etwa zehn Takte lang, dann stand ich auf und ging den ganzen Zug ab auf der Suche nach ihr. Erfolglos.

Am nächsten Tag wieder keine Amelie.

Weder am Mittwoch, noch am Donnerstag, noch am Freitag.

Nicht in der nächsten Woche.

Oder in der übernächsten.

Ein Monat verstrich, fünf Wochen.

Keine Amelie.

Erst dachte ich, dass sie krank war oder im Urlaub. Dann tippte ich auf eine Weltreise. Oder einen Flug zum Mars. Oder hatte sie die Stelle gewechselt? War sie gar gestorben?! Mied Amelie mich, weil ich sie hatte kennenlernen wollen?

Wo um Himmels willen war sie nur?!

Die Nadel im Heuhaufen

Ich würde dich nicht suchen,

wenn ich dich nicht gefunden hätte.

Tilly Boesche-Zacharow

Amelie

Als ich Zsa Zsa das erste Mal sah, wurde die Welt eine andere. Ich erinnere mich an diese Begegnung, als wäre sie eine Szene aus einem Film: Die Geräusche wurden ausgeblendet, ein Orchester begann mit schmalzigen Geigen, Harfen und einem Chor, der in höchsten Tönen sang; Scheinwerfer wurden auf Zsa Zsa gerichtet, das restliche Licht ging aus; die Zeit nahm die Lupe heraus, es gab nur noch die Schöne und mich, getroffen vom süßen Cupido, wie ihn Julius Kronberg gemalt hatte: ein frecher kleiner geflügelter Bub, der vergnügt zielt und trifft. Ja, Cupido ist ein Kind, denn Verliebtsein ist eine kindische Angelegenheit, jenseits jeglicher Vernunft. Und ja, Verliebtsein ist wunderschön – aber sehr, sehr gefährlich. Vor allem für mich.

Wie hatte es mich erwischt! Und das durfte nicht sein. Ich scheuchte Cupido weg, als hätte das etwas ändern können: Der Pfeil steckte ja schon im Herzen.

Ich hatte an diesem Tag einen Termin mit meinem Bruder – es gab Geschäftliches zu besprechen. Zsa Zsa saß ein Abteil weiter, versunken betrachtete sie die dämmrige Landschaft, ab und zu strich sie sich das Haar hinters Ohr. Sie strahlte anmutige Gelassenheit aus. Und was für ein Gesicht: als hätte der Ferne Osten ihr beim Vorbeigehen Kusshändchen zugeworfen. Sie sah nicht europäisch aus, sie sah nicht asiatisch aus, sie sah aus wie beides zusammen und doch keines davon, und das war wunderschön.

Weißt du, hätte ich mich in meiner Bestform befunden, wäre ich zu ihr gegangen und hätte auf Teufel komm raus mit ihr geflirtet. Glücklicherweise jedoch befand ich mich in einem wohltemperierten Zustand. Ich blieb sitzen, beobachtete, wie sie bei der Ankunft im Hauptbahnhof die Kopfhörer absetzte und in eine Schachtel legte; wie sie die Zeitung glattstrich und bei ihrem Rucksack sorgsam alle Reißverschlüsse zuzog.

Ich habe in meinen Beziehungen verdammt viel Schaden angerichtet, so dass ich mir geschworen habe, nie mehr eine einzugehen. Du findest das übertrieben? Du kennst mich eben nicht: Ich bin oft zu viel des Guten und dann wieder des Guten viel zu wenig und mache die Liebe kaputt. Seit Jahren erlaube ich mir deshalb nur Affären. Diesem Credo würde ich treu bleiben. Und doch nahm ich am nächsten Tag um die gleiche Zeit wieder den Zug, in der Hoffnung, der geheimnisvollen Frau erneut zu begegnen.

Ich hatte vorgehabt, Zsa Zsa nur ein bisschen zu beobachten, aber die durchtriebene Verliebtheit schubste mich in Zsa Zsas Abteil und hieß mich die Tasche auf sie fallenzulassen. Auf meine Frage, ob alles in Ordnung sei, antwortete Zsa Zsa etwas, was ich in meiner Aufregung nicht verstand. Aber ich hörte, wie ihre dunkle Stimme weiche Worte und Sätze formte, die geschmeidig in meine Ohren flossen und mich in Aufruhr versetzten. Wider alle Vernunft fuhr ich von da an täglich diese Strecke. Im Hauptbahnhof angekommen, sputete ich mich, um den Zug zu erwischen, der mich zurück nach Hause brachte.

Was war ich für ein Dummkopf! Ich tat das alles, obschon mein Gesetz unumstößlich blieb: Es würde nichts geschehen. Ich wäre Gift für Zsa Zsa, ich bin Gift für alle – im Moment vielleicht nicht, aber irgendwann bestimmt. Dass ich mich nicht widersprüchlicher hätte verhalten können, war mir bewusst, aber ich versuchte, mich in dieser Widersprüchlichkeit eindeutig zu verhalten. Ungeduldig wartete ich darauf, dass Zsa Zsa etwas tun oder sagen würde, was mein Verliebtsein zerstörte. Ich wartete vergebens.

Erst als Zsa Zsa in den Urlaub fuhr, fielen die Scheuklappen herunter, und ich begriff, was immer klar gewesen war: Es gab nicht nur sie und mich und den Zug – Zsa Zsa führte ein Leben außerhalb, vermutlich war sie in einer Beziehung und würde nun viel Zeit mit ihr verbringen.

Nun, da sie fort war, glücklich mit ihrer Liebe, nun spürte ich einen Klumpen in mir entstehen, der größer wurde und schwer. Er dröhnte: Dummkopf, was hast du dir gedacht – wie konntest du dein Herz vergeben?! Wie töricht von dir, Dummkopf! Jetzt stehst du ohne dein Herz da, Dummkopf, Zsa Zsa turtelt im Urlaub mit ihrer Liebe und denkt keine Sekunde an dich, Dummkopf! Der Klumpen redete pausenlos auf mich ein, schalt mich, warf mir vor, dass ich ein Nichtsnutz sei, wertlos, dumm und nochmals dumm.

Als ich Zsa Zsa Anfang des Jahres kennengelernt hatte, war in meinem Leben kein Eisberg in Sicht gewesen, ich genoss eine ruhige Zeit in warmen Gefilden. Aber das Verliebtsein und mein Verbot, mich zu verlieben – dieser unlösbare Widerspruch – trieben mich allmählich in eisscholliges Gebiet. Meine labile innere Ordnung geriet in Schieflage, bis sie das gleiche Schicksal ereilte wie die Titanic: Ich hörte das Eis knacken und brechen, ich glitt aus, ich brach durch. Und sank …

… sank wie eine Bleikugel, viel zu schnell, viel schneller als sonst. War das so, weil ich unglücklich verliebt war? Weil ich wieder daran erinnert wurde, dass die Liebe für mich ein Minenfeld ist, das ich nicht mehr betreten kann und will? Ich weiß es nicht. Ich wusste nur, dass die Welt sich einmal mehr komplett veränderte …

… in der morgendämmerung mit den unerträglich fröhlichen vögeln wälze ich mich von einer bettseite zur anderen, kaskaden von angst im bauch ..............................

............ ich drücke das kissen fest gegen diese angst, der druck auf den bauch gibt mir trost, after eight häppchen großen trost – einen klitzekleinen moment lang und schon wieder vorbei ......

............ ich sollte aufstehen ............ nach dieser schlaflosen nacht ............ müde bin ich, geh nicht zur ruh, schließe meine äuglein nicht zu .........

...... das graue licht der morgendämmerung ist so schwarz, als gäbe es kein einziges photon im ganzen kosmos ........ ich lebe in einem schwarzen loch, wo die materie abartig dicht ist, kein licht kann mehr abstrahlen, nie mehr, es verschluckt alles, was sich ihm nähert ......

...... bitte, nur ein bisschen schlafen! ich weiß, ich kann nicht, ich sollte aufstehen, kaffee trinken, an etwas schönes denken ............ ich finde nichts schönes, stattdessen verletze ich mich an den bruchkanten meines lebens ............ mit gedanken, die kübel grauer farbe organisiert haben und alles übermalen, was sie in die finger kriegen ............

......... ich kann nicht aufstehen, will nicht ............ nur ein kleines bisschen schlaf, bitte! ............ es sind die därme, die mich schließlich aus dem bett treiben, wieder durchfall – woher das zeug kommt, ist mir ein rätsel, wo ich doch kaum mehr etwas hinunterbringe ...............

......... und wenn ich dann am küchentisch sitze ............ starre ......... starre ......... starre ich auf den kaffeelöffel .........

......... der tag uneinnehmbar vor mir ............ spiegelglatte wand ............

......... die gedanken sind an der leine, sie wollen flüchten und erwürgen sich dabei fast.

......... ich habe angst, ich habe solche angst …!

......... und ich weiß nicht wovor ............... und ich weiß nicht wovor nicht ......

........................ allgegenwärtige panik .....................

Spätestens jetzt muss ich mich geschlagen geben, muss anerkennen, was Sache ist: Der Liebeskummer hat mein fragiles chemisches Gleichgewicht im Hirn zerstört. Die Depression hat mich wieder.

Depression … Das Wort ist dir sicher geläufig. Vielleicht hast du auch schon gesagt: Ich bin heute total deprimiert und meintest damit, dass du niedergeschlagen und betrübt warst, schlechte Laune oder keine Freude empfunden hast. Vermutlich ging dieser Zustand bald vorbei, spätestens nach ein paar Tagen. Nun, dieses Deprigefühl meine ich nicht, sondern die Krankheit Depression, der hartnäckige Gast, den man nicht mehr loswird, im Schlepptau Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit, schlechte Laune, Angst und Erschöpfung. Sie raubt dir den Schlaf und die Konzentration, sie benebelt dich mit Furcht, sie zerschmettert dein Selbstvertrauen, bürdet dir Schuldgefühle auf, klaut dir die Lebensfreude, raubt die Farben, zerstört Sinn und jegliche Perspektive.

Das Wort Depression stammt aus dem Lateinischen und bedeutet niederdrücken. Ich finde das zu milde ausgedrückt: Hineinrammen trifft es besser, und zwar ungespitzt in den Boden. Wenn du schon einmal versucht hast, einen Pfosten mit stumpfem Ende in die Erde zu schlagen, weißt du, welche Wucht und Brutalität man dazu braucht – und dass der Pfosten eher splittert, als dass man ihn hineinbringt.

Ja, die Depression schlägt mich in die Erde, ich splittere, schnappe nach Luft und schlucke Dreck. Ein Loch im Bauch öffnet sich, und schreckliche Gefühle kringeln sich darin wie Maden. Angst legt Stein auf Stein, bis sie als bedrohliche Mauer vor mir steht. Das Blut verliert sein leuchtendes Rot und graut die Zellen ein – fifty shades of fucking grey. Immer deutlicher zieht ein Riss durch die Welt, und diesen Riss versuche ich erfolglos zu kitten.

Wie gut ich doch die Anzeichen kenne. Wie stur ich sie nicht anerkenne!

… dafür erkenne ich umso deutlicher, was ich in den sorglosen zeiten vergesse: wir leben in einer illusion – das lebendtote zapft unsere energie an, macht uns glauben, dass wir leben, dabei vegetieren wir nur, es sei denn, wir stoßen zur wahrhaften welt vor.

hätte der wasserstoffkern einen durchmesser von der größe eines menschen, wäre das elektron 0,1 millimeter klein und würde den atomkern in 50 kilometer entfernung umkreisen. 50 km leere – die materie ist nichts! ......... das dasein ein flüchtiges kräuseln auf einem meer von nichts ......... nur schaum, der von den gebrochenen wellen übrigbleibt, schon vergangen, schon aufgelöst im nichts ......... nichtig und flüchtig – alles ist nichtig. Was bleibt dem Menschen von all seiner Mühe, von seiner Plage unter der Sonne? Die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter. Der Wind weht nach Süden, er kreist nach Norden, er dreht und dreht und weht und kommt zum Ausgangspunkt zurück. Alle Flüsse fließen ins Meer, und das Meer wird nicht voll.

meine lieblingsstelle in der bibel, kohelet ist mein seelenverwandter.

ich möchte aus meinem kopf fliehen … denn alles, was meine gedanken berühren, verwelkt ......... kaffee kann manchmal kleine, leichte gedanken aus dem hirnsumpf locken – und alles ist einen lichtblitz lang anders ......... dann sinke ich in den alarmierten angstzustand zurück ......... die zeit fließt träge wie wasser in einem ölverseuchten fluss und stinkt.

Als Zsa Zsa aus dem Urlaub zurückkehrte, war ich innerlich so zerstört, dass ich den Zug nicht mehr nehmen konnte, ich schaffte es kaum noch vor die Tür. Kurz war diesmal die Anlaufzeit gewesen, bis die Depression die Diktatur erputschte.

Wie jedes Mal wurden meine Schwestern lästig und baten um Einlass, aber ich verbarrikadierte mich in meiner Wohnung und schickte sie zum Teufel. Da ließen diese Niederträchtigen meine Wohnung vom Hauseigentümer öffnen und brachen rücksichtslos in meine fragile Welt ein. Die Stimmen meiner Schwestern schrillten in meinem Kopf, verzweifelt hielt ich mir die Ohren zu. Delphine und Josephine beschämten mich, indem sie aufräumten, dabei ging mein Abfallhaufen sie einen Dreck an. Ich verweigerte mich ihren Vor- und Ratschlägen – aber ich wäre besser kooperativ gewesen, denn nun entschieden sie, dass ich umfassende Betreuung brauchte.

Meine älteste Schwester Lea blickte mich theatralisch-sorgenvoll an, dabei war es ihr scheiße egal. »Du kannst nicht hierbleiben, und das weißt du. Entweder du kommst mit zu einer von uns oder du musst in die Klinik.« Sie tätschelte meinen Arm. »Du bist fürchterlich abgemagert, und wer weiß, vielleicht willst du dir etwas antun – es wäre nicht das erste Mal. Wenn du nicht freiwillig mitkommst, machen wir es mit Freiheitsentzug. Das möchten wir aber nicht.«

Weinend sank ich aufs Sofa. »Ihr wollt mir das Letzte nehmen, was ich noch habe, ich habe doch nur noch meine Wohnung, ich darf niemanden lieben, schon gar nicht Zsa Zsa.« Ich vergrub mein Gesicht im Kissen.

Lea setzte sich neben mich. »Komm mit zu mir, da bist du gut aufgehoben.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Dann musst du in die Klinik.«

»Ihr wisst, dass ich es dort hasse!«

»Wir haben eine gefunden, die etwas für dich sein könnte: Der Klinik Hofberg ist ein Bauerngut angeschlossen. Dort kannst du mitarbeiten, soweit es dir möglich ist. Sie haben Kühe, Ponys, Ziegen, Schafe, Kaninchen, Katzen, Hühner und so weiter.«

Die Aussicht auf Tiere ließ mich meine Meinung ändern. Ich liebe Tiere, sie geben keine blödsinnigen Ratschläge; Tiere sind wahrhaftig, sie lassen mich so sein, wie ich bin. Sie fordern nicht, sie labern nicht, sie scheißtherapieren nicht.

Weinend gab ich nach.

Zazou

»Was ist los mit dir?« Mutter röntgte mich über ihre Lesebrille hinweg. Sie war dazu übergegangen, die Gläser immer auf der Nase zu tragen; sie scherzte, dass sie sonst einen Brillenarm vom Auf- und Absetzen bekäme. Es war Anfang Juni, wir saßen in ihrem Garten am schmiedeeisernen Tisch, die Frühsommersonne brachte Mutters von Grau durchzogenen krausen Rotschopf zum Glühen.

»Nichts«, erwiderte ich, während ich lustlos in der Teetasse rührte.

»Damit kommst du vielleicht bei anderen durch, aber nicht bei mir.« Sie hatte diese Miene aufgesetzt, die ich nur allzu gut kannte. Sie bedeutete so viel wie: Ich werde nicht nachlassen, bis du mit der Wahrheit herausrückst. Als ich vierzehn Jahre alt gewesen war, blieben wir einmal bis ein Uhr nachts sitzen, weil Mutter sagte, dass ich erst ins Bett gehen dürfe, wenn ich ihr erzählt hätte, was mit mir los sei. Schließlich gab ich auf und eröffnete ihr, dass ich mich unglücklich in ein Mädchen verliebt hatte. Mein Coming-out. Mutter sagte bloß: »Ach, und wegen einer solchen Lappalie musste ich so lange aufbleiben?« Mit Lappalie meinte sie natürlich nicht mein gebrochenes Herz, sondern mein Bekenntnis zur Frauenliebe.

»Ist etwas mit dir und Jo?«

»Alles bestens.«

»Versuch’s nochmal, aber glaubhafter.«

»Der Urlaub war etwas langweilig – das kommt vor.«

»Wenn es nicht wegen Jo ist, warum dann? Nervige Schulklassen?«

Ich schüttelte den Kopf und wünschte mir, ich könnte mich in der Tasse verstecken, aber Tassen sind ja lächerlich klein.

»Ich kenne diesen Gesichtsausdruck – den hast du, wenn du unglücklich verliebt bist. Bist du unglücklich verliebt?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Zazou!«

»Es ist nichts, wirklich.«

»Zazou!«

»Wenn du es unbedingt wissen willst: Amelie ist nicht mehr aufgetaucht.«

Mutter sah mich fragend an – natürlich, ich hatte diesen Namen in ihrer Gegenwart noch nie erwähnt, auch nicht in anderen Gegenwarten. Das hier war sozusagen mein Amelie Coming-out.

»Wir sind in den letzten Monaten morgens zusammen Zug gefahren.«

»Und da du in der Vergangenheitsform sprichst, jetzt nicht mehr?«

»Nach meinem Urlaub ist sie nicht mehr aufgetaucht.« Ich schluckte leer.

»Und?«

»Es hat Spaß gemacht, mit ihr Zug zu fahren.«

»Und?«

Ich wand mich auf dem Stuhl.

»Na gut, bis du dich artikulieren kannst, zeige ich dir meine Pfingstrosen – die gedeihen dieses Jahr phänomenal.« Mutter war Besitzerin eines Blumenladens und dieses prächtigen Gartens. Sie hatte nicht nur einen grünen Daumen, sondern mindestens zwei: Sie musste eine Pflanze nur anschauen, schon stellten die Stängel sich auf, ploppten die Blüten aus den Knospen und fielen die Früchte reif von den Ästen. Die brave Tochter folgte der Mutter durch den paradiesisch-verwunschenen Garten. Die Pfingstrosen waren wirklich Mordsdinger – Amelie hätte das Dunkelrot gefallen.

Amelie …

Nachdem ich die Pfingstrosen und weitere Blumen begutachtet und gepriesen hatte, setzten wir uns wieder an den Gartentisch. Mutter war raffiniert; sie wusste, wie sie mir die Würmer aus der Nase ziehen konnte – logisch, als passionierte Gärtnerin kannte sie sich mit denen aus. Sie wollte schon etwas über ihre Himbeeren erzählen, und wenn ich das zuließ, wäre sie als Nächstes mit den Rosen, dem Farn und weiß die Gärtnerin was gekommen. Also gab ich auf. »Dass Amelie verschwunden ist, macht mich wahnsinnig.«

Mutter hob fragend die Augenbrauen.

»Ich bin doch mit Jo zusammen. Sie merkt, dass ich absorbiert bin, lässt mich aber gewähren.«

Mutter nickte. »Eure Beziehung ist bemerkenswert erwachsen und großzügig. Viele Paare könnten von euch lernen.«

Ich hob seufzend einen Stein vom Boden auf und drehte und wendete ihn in den Händen. »Ich hoffe, dass Jo und ich noch lange zusammenbleiben.«

»Aber jetzt ist da Amelie, die dich entflammt hat – von der du nichts weißt und die verschwunden ist. Warum weißt du nichts über sie?«

Ich erzählte ihr von Amelies Auflagen und der Geheimniskrämerei und dass ich mir keinen Reim darauf machen könne. »Keinen Hintergrundkram zu wissen hat etwas Schönes und Befreiendes, jetzt aber ist es mehr als lästig.« Gedankenverloren legte ich den Stein auf den Tisch und ließ ihn um die eigene Achse kreisen.

Mutter schaute einige Zeit zu, dann strich sie mir zärtlich über den Arm. »Es ist offensichtlich: Du bist von Amelie hin und weg. Dir bleibt nichts anderes übrig, als die Frau zu finden, die deine Welt ins Wanken gebracht hat.«

»Warum sollte ich? Wenn ich ihr etwas bedeutet hätte, wäre sie nicht sang- und klanglos verschwunden.«

»Sie könnte entführt worden sein oder krank, vielleicht hat sie es nicht mehr ausgehalten, weil sie sich in dich verliebt hat und du dir nicht hast anmerken lassen, wie es um dich steht. Es war schon immer deine Spezialität, im Falle von Verliebtsein ein Pokerface aufzusetzen oder gar nicht zu merken, dass du verliebt bist.«

»Also bitte!«

»Jede deiner Beziehungen hat wegen deiner undurchdringlichen Art am Anfang fast eine Bruchlandung erlitten.«

»Wie soll ich sie suchen? Ich habe keinen Anhaltspunkt!«

»Immerhin weißt du, an welcher Station sie zugestiegen ist.«

»Ja, und dort steht nur ein einziges Haus!«

»Na siehst du!« Mutter lachte und bückte sich zu ihrem Kater. Er war ein rotes Ungeheuer mit langem Haar und scharfen Krallen. Mutter hatte ihn Chef getauft. »Hast du ein Foto von ihr?«

Meine Wangen begannen ohne meine Erlaubnis zu glühen. Rasch holte ich mein Handy aus dem Wohnzimmer und zeigte Mutter das Bild, das ich einmal heimlich von Amelie gemacht hatte.

»Sympathisch, frisch und lebendig. Verwegen gekleidet.«

»O ja«, seufzte ich sehnsüchtig.

Aus dem Inneren des Hauses waren Geräusche zu hören, dann eine Männerstimme: »Wo seid ihr? Ach, was frage ich – natürlich seid ihr im Garten.« Ein grinsender Kopf erschien in der Terrassentür: Alfons, Mutters Langzeitfreund, mit dem sie seit meinem fünften Lebensjahr zusammen war. Er war so etwas wie mein Ziehvater, aber da die beiden nicht zusammenlebten, blieb es bei dem so etwas wie. Alle zwei, drei Jahre machte er Mutter einen Heiratsantrag und bekam eine Abfuhr. Sie sei nicht aus der Kirche ausgetreten, um diesen Firlefanz mitzumachen, erklärte sie. Er umarmte mich, dann ging er zu Mutter und küsste sie liebevoll. Als er sich gesetzt hatte, musterte er mich. »Du hast auch schon fröhlicher ausgesehen«, konstatierte er.

»Jetzt du auch noch!«

»Okay, ich verschwinde ja schon. Brauche erst mal eine Dusche und dann ein Bier.« Augenzwinkernd verschwand er ins Haus.

Mutter sah ihm lächelnd hinterher, dann wandte sie sich wieder mir zu. »Du hast ein Foto von ihr, du weißt ihren Vornamen, kennst die Station, an der sie eingestiegen ist. Das ist nicht allzu viel, aber auch nicht nichts. Finde sie!«

Ich hatte mit Mutter und Alfons zu Abend gegessen und auf dem Heimweg den Frühsommer genossen, die Wärme, die mich wie ein luftiger Umhang einhüllte. Beinahe glücklich stieg ich von meiner Vespa, als mein Nachbar Pepe aus dem Haus stürzte. Er war Italiener der dritten Generation mit einem südländischen Temperament erster Klasse. Wie üblich küsste er mich begeistert ab, dann versuchte er mich davon zu überzeugen, in die Disco zu kommen, wo er auflegen würde. Neben seinem Beruf als Tontechniker arbeitete er als DJ. »Da findest du bestimmt ein divertimento«, erklärte er augenzwinkernd, obschon er wusste, dass ich es mit der Treue wesentlich genauer nahm als er – ich weiß nicht, wie viele Frauen ich bei ihm hatte ein und aus gehen sehen. Ich schüttelte den Kopf. Da zuckte er mit den Schultern und ging pfeifend seiner Wege.

Mit meinem ganzen Körpergewicht stemmte ich mich gegen die schwere Haustür. Der Türklopfer in Löwenkopfform könnte auch heute noch das ganze Haus wachrütteln. Das grünliche Sandsteinhaus war ursprünglich der Kornspeicher des Schlosses gewesen. Er hatte im neunzehnten Jahrhundert seine Aufgabe als Speicher verloren und wurde in ein Wohnhaus umgebaut. Heute wohnen sechs Parteien darin. Der vordere Teil meiner Wohnung war einer belebten Gasse zugewandt, der rückwärtige ging auf einen großen Innenhof hinaus, zu dem der Lärm des Städtchens keinen Zutritt hatte – man konnte höchstens die Nachbarinnen und Nachbarn hören, wenn sie auf dem Balkon Besuch empfingen, allen voran Pepes laute Familie.

Ich setzte mich mit einem Glas Rotwein hinaus. Mein Balkon war zwar nicht allzu sonnig, aber da der Innenhof die Wärme hielt, konnte man dort viele laue Abende genießen. Ich notierte auf einem Blatt Papier, was ich von Amelie wusste. Ein Konfetti hätte platzmäßig gereicht, so wenig wusste ich. Das Wort Konfetti kommt vom italienischen confetti, Mehrzahl von confetto – Bonbon. An Karneval wurden Bonbons unter die Menge geworfen und später durch bunte Papierschnitzel ersetzt. Dies am Rande. Auf ein solches Konfetti schrieb ich alles, was ich von Amelie wusste: 2nd-Boutique Mara – Amelies Lieblingsladen.

Nun denn.

2nd-Boutique Mara befand sich in einer Hintergasse, die früher für ihre zwie- und rotlichtigen Salons bekannt gewesen war, die Massage anboten – angeblich. Heute gab es eine kleine Bar, eine Schneiderei und ein paar Läden, im Angebot Schnickschnack und Klimbim, den niemand brauchte, der aber schön anzusehen war. Und eben der Secondhandladen Mara. Von außen erschien er klein, aber tatsächlich war er groß und erstreckte sich vom Untergeschoss bis in den ersten Stock.

Natürlich war dies Amelies Lieblingsladen: Er war voller ausgefallener farbiger Klamotten in der Art, wie Amelie sie trug. Die Ladenfrau – vermutlich Mara – grüßte mich freundlich. Ich zog mein Handy aus der Tasche mit der Bemerkung, dass ich jemanden suche und sie mir vielleicht weiterhelfen könne. Die Frau nahm das Telefon entgegen und betrachtete das Foto. »Natürlich kenne ich sie!«, sagte sie und lächelte. »Amelie ist eine unserer Stammkundinnen.«

Kleines Glücksgefühl. »Es ist so, dass ich sie suche, aber keinen Anhaltspunkt habe, wo ich sie finden könnte. Wissen Sie vielleicht, wie sie mit Nachnamen heißt?«

»Leider nein.«

»Wissen Sie sonst etwas, das mir weiterhelfen könnte?«

Bedauernd schüttelte Mara den Kopf. »Wir sprechen eigentlich nur über Mode.«

»Könnten Sie ihr eine Nachricht übermitteln, wenn sie das nächste Mal hierherkommt?«

Sie nickte und schob mir einen Block zu, dann kratzte sie sich am Kopf. »Nur ist es so, dass ich sie in letzter Zeit nicht gesehen habe.«

»In letzter Zeit?«

»Mehrere Wochen oder gar Monate.«

»Hat sie erzählt, dass sie irgendwo hinfahren würde?«

Wieder schüttelte die Frau den Kopf, dann lächelte sie mich aufmunternd an. »Ich bewahre Ihre Mitteilung auf und gebe sie ihr, falls sie wieder auftauchen sollte.«

Dieses Falls hörte sich an wie: Das wird nie passieren. Ich seufzte innerlich: Ich könnte ebenso gut die berühmte Nadel im berüchtigten Heuhaufen suchen. – Was eine Nadel im Heuhaufen zu suchen hat, ist mir schleierhaft. Ich hatte den Ursprung dieser Redewendung nachgeschlagen, war aber nicht fündig geworden. Vermutlich flickte eine Magd Kleider, als der Knecht sie für ein Schäferstündchen ins Heu lockte. Die Magd steckte die Nadel an ihr Kleid, aber in der Hitze des Gefechts ging sie verloren. Verzweifelt suchten sie im Heuhaufen, ohne Erfolg. Die Magd bekam von der Bäuerin einen Satz Ohrfeigen und eine Standpauke und musste von ihrem Lohn eine neue Nadel kaufen. So könnte es gewesen sein.

Ein paar Tage später saß ich auf dem Balkon und las einen Krimi. Als die Dämmerung das Licht vom Balkon kehrte, holte ich Kerzen. Mit zwei Kerzenständern in der Hand machte ich mich auf die Suche nach einem Feuerzeug – und fand keines. Da kam mir die Streichholzschachtel in den Sinn, die Amelie damals im Zug hatte liegenlassen. Ob sie noch im Rucksack war? Nach einigem Suchen fand ich sie versteckt hinter einer Schachtel Hustenbonbons. Nachdem ich die Kerzen angezündet hatte, fiel mein Blick auf die Vorderseite der Schachtel: Darauf prangten das Logo und die Adresse des Café Madagaskar. Vielleicht ging Amelie regelmäßig dorthin und das Servierpersonal kannte sie.

Selbstvergessen trank ich einen Schluck Wein und betrachtete die Schachtel. Da entdeckte ich auf der Rückseite den Abdruck von Zahlen. Sie waren Teil einer Telefonnummer – das nahm ich jedenfalls an: Die Vorwahl wies auf eine Handynummer hin, sechs weitere Zahlen waren auszumachen, die letzten beiden fehlten. Ich könnte die Telefonnummer herausfinden, wenn ich alle Zahlen von 00 bis 99 durchprobierte. Höchstens hundert Versuche also. Mit schlotternden Knien stand ich auf und stellte mich an die Brüstung. Vielleicht war das ein Anhaltspunkt!

Am nächsten Tag, es war ein Sonntag, stattete ich dem Café Madagaskar einen Besuch ab. Das Lokal befand sich im Bahnhofsviertel, eingezwängt zwischen einem Schuhladen und einem Handyshop. Alle Tische waren belegt, freie Plätze gab es nur an der Bar. Ich bestellte einen Kaffee und schaute der Barfrau beim Hantieren zu. Ihre Bewegungen harmonierten mit Kaffeemaschine, Tassen, Tresen und Kuchenvitrine, als wären die Einrichtungsgegenstände Teil von ihr. Als gerade nicht viel los war, fragte ich sie, ob ich ihr ein Foto zeigen dürfe – ich sei auf der Suche nach einer Frau, und offenbar sei sie auch schon hier gewesen. Neugierig kam die Barfrau näher und warf einen Blick auf das Display. »Ich bin mir nicht sicher. Darf ich?«, fragte sie, nahm mein Handy und ging damit zu ihrer Kollegin, deren besonderes Merkmal eine schwindelerregend hohe Frisur war, die wasserstoffblond leuchtete. Zusammen betrachteten sie das Foto und besprachen sich. Die Barfrau kam zurück und reichte mir das Telefon. »Ist sie lebendig und redselig?«

»O ja!«, lächelte ich.

»Ja, dann ist sie es vermutlich.«

»Und? Was wissen Sie über sie?«

»Nichts. Sie trinkt hier gelegentlich etwas, quatscht ein bisschen und geht.«

»Hat sie ihren Namen gesagt, etwas Persönliches?«

Die Barfrau schüttelte den Kopf.

»Vielleicht Ihrer Kollegin?«

Anstelle einer Antwort winkte sie die blonde Turmfrisur zu sich und fragte, was ich sie gefragt hatte. Auch diese schüttelte den Kopf.

»Hat sie erwähnt, was sie arbeitet?«

Schulterzucken. »Einmal bat sie uns, ihr die Daumen zu halten, damit sie ein Stipendium gewinnt«, sagte die zweite Barfrau. »Ja, wie hieß das noch? Etwas mit ACDC.«

»AC/DC-Stipendium? Also eines für Rockmusik?«

»Ich glaube nicht, dass es um Musik ging. Wissen Sie, die Gäste reden viel – wir können nicht alles behalten.«

Ich sagte, dass ich das verstand, dankte ihnen und gab ihnen meine Visitenkarte – falls Amelie auftauchen würde. Die Barfrau betrachtete die Visitenkarte. »Sie unterrichten Geschichte? Ich habe Geschichte gehasst – da mussten wir so viele Jahreszahlen auswendig lernen.«

»Ja, so sollte es nicht sein. Die Zusammenhänge hinter den Ereignissen sind wesentlich spannender.« Ich verabschiedete mich von ihnen und verließ das Madagaskar.

Am Abend rief Jo an. Unser Gespräch wurde durch seltsame künstliche Pausen unterbrochen. Nach acht Jahren, in denen wir uns problemlos unterhalten hatten, war dieses Stocken irritierend – der Beziehungsboden wies Löcher auf, wir mussten aufpassen, nicht hineinzutreten und zu straucheln.

»Wie geht es dir so?«, fragte ich vorsichtig.

»Nun, abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was mit meiner Partnerin los ist, geht’s passabel.« Sie lachte bitter.

»Was meinst du damit?« Was für eine Frage – ich wusste, was sie meinte.

»Du bist weit weg von mir.«

»Ja, rund hundert Kilometer.«

»Du weißt, was ich meine.«

»Entschuldige! Wenn ich gestresst bin, rede ich Blödsinn.«

»Ja, natürlich.«

»Wie gut du mich kennst – wohl ein bisschen zu gut. Vielleicht ist das unser Problem: Wir wissen alles voneinander. Wo ist das Überraschende geblieben?«

»Seine Partnerin zu kennen macht eine gute Beziehung aus.«

»Du weißt, was passiert, wenn man bei mir diesen oder jenen Knopf drückt. Vielleicht kennst du mich besser als ich mich, und vielleicht ist das falsch.«

Jo seufzte. »Zazou, hast du dich verliebt?«

Ich zuckte zusammen. »Nein! Ich stehe gerade etwas schief in der Landschaft – das wird schon wieder. Bitte hab etwas Geduld mit mir.«

Jo versicherte mir, dass sie Geduld habe, es aber begrüßen würde, das Problem gemeinsam zu besprechen. Wir verabschiedeten uns. Irritiert blieb ich zurück. Ihr Ton hatte mich genervt und was sie gesagt hatte auch. Und dass mich das nervte, beängstigte mich. Außerdem hatte ich sie angelogen. Nüchtern betrachtet konnte man meine Gefühle für Amelie nur als Verliebtsein bezeichnen. Wie mies war es, das nicht zuzugeben?! Ich betrachtete ein Foto, das Jo und mich im Urlaub auf den Malediven zeigte: Hinter uns ein stahlblauer Himmel und ein paar Palmen, im Vordergrund wir, braungebrannt und fröhlich. Ich mit Sonnenbrille, mein langes Haar war verstrubelt, Jo trug ihre Brille auf der Nasenspitze und blinzelte in die Sonne, das kurze, nasse Haar stand ihr vom Kopf ab. Wir gaben ein hübsches Bild ab, wir schienen zufrieden zu sein, und das waren wir wohl auch gewesen – doch wie sollte man auf den Malediven nicht glücklich sein?

Wir hatten uns in einem Internetportal für Frauen kennengelernt. Bevor ich sie das erste Mal traf, kannte ich schon ihr Lieblingsessen, ihre Hobbys, ihren Büchergeschmack und wusste eine Menge über ihre Lebenshaltung und ihren Arbeitsplatz. Sie war gelernte Hochbauzeichnerin, hatte sich weitergebildet und arbeitete nun bei der Stadt: Ihre Aufgabe war es, unwirtliche Orte in attraktive zu verwandeln. Das betraf Unterführungen, Bahn- und Busstationen, öffentliche Treppen und Parkhäuser.

Doch so perfekt unsere Beziehung auch war, uns fehlte es an Leidenschaft. In diesen Tagen versuchte ich mich davon zu überzeugen, dass der Leidenschaft zu viel Bedeutung beigemessen wurde, ihr Ablaufdatum war bekanntlich kurz; ich versuchte mich davon zu überzeugen, dass eine Partnerschaft in erster Linie auf Zuneigung, Treue, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit gebaut sein sollte; ich versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich verrückt war, die Beziehung mit Jo in Frage zu stellen, nur weil eine Reisegefährtin meinen Bauch zum Schwirren gebracht hatte.

Pepe hatte mich einmal gefragt, wie viel Sex man in einer achtjährigen Beziehung habe – er mit seinem permanenten Frauenwechsel habe keine Ahnung. Ich antwortete ihm so umständlich und vage, dass er am Ende meiner Ausführungen nicht schlauer war als zuvor – was er glücklicherweise nicht merkte. Ich hätte seine Reaktion auf eine ehrliche Antwort nicht ertragen. Er hätte wohl ungläubig gerufen: »Alle paar Wochen?! So was nennst du Liebesbeziehung? Ich fasse es nicht!«

Jo und ich gingen in der Anfangszeit zwar regelmäßig miteinander ins Bett, aber es war nicht so, dass wir kaum mehr aus diesem Bett herausgefunden hätten. Sogar in der Verliebtheitsphase waren wir vernünftige Menschen, die dafür sorgten, vor einem Arbeitstag genug Schlaf zu bekommen. Dass wir nicht verrückt vor Verliebtsein waren, hatte mich nicht gestört, denn das Glück, eine großartige Partnerin gefunden zu haben, wog das auf. Ich liebte die ruhige und reiche Energie zwischen uns. Und wenn ich mich in all den Jahren auch einmal in eine andere Frau verguckt hatte, war das nie Grund genug gewesen, die Beziehung zu Jo in Frage zu stellen.

Bis jetzt. Ich wusste, wie weit ich mich von Jo entfernt hatte. Gefährlich weit.

Amelie

Ich erkläre es mal so: Eine Depressive ist wie ein Auto, das in Ordnung zu sein scheint: der Tank gefüllt, der Ölstand prima, die Bremsen gut, die Pneus neu und der Motor einwandfrei. Nur gibt es da eine Kleinigkeit: Der Anlasser funktioniert nicht – kein elektrischer Impuls, der den Motor startet, kein Funke der Zündkerze, der das Benzin-Luft-Gemisch entzündet. Du kannst den Schlüssel tausend Mal drehen – es bleibt dabei: ohne Starter keine Fahrt. Und so bleibt die verdammte Karre, wo sie ist.

So die Depressive: Ihr Herz schlägt, Leber und Nieren tun ihre Arbeit, die Lungen füllen und leeren sich – wenn sie einen Check-up machen ließe, wären die Werte wohl im grünen Bereich. Aber was ist mit dem Anlasser im Hirn? Fehlzündungen, wohin man schaut – zwischen den Nervenzellen klaffen Abgründe, die ein paar havarierte Botenstoffe nicht überbrücken können. Da ist nur noch wenig Funken Verstand, kein Esprit, keine Freude, das Leben elektrisiert nicht mehr – willkommen im Reich der Lebendtoten.

Das Schlimme an der Depression: Sie ist eine unsichtbare Krankheit. Genauso wie man beim Auto den defekten Starter nicht sofort erkennt, sieht man bei Depressiven die Krankheit nicht. Da ist kein eingegipster Arm, der Mitgefühl auslösen würde; keine durch die Chemotherapie entstandene Glatze; keine Wunden der Neurodermitis; keine glasigen Grippeaugen. Wenn Depressive sich zusammennehmen – und darin sind sie hervorragend! –, merken Außenstehende lange Zeit nichts. Sie bleiben in ihrer Krankheit unerkannt, und das macht sie einsam. Verzweifelt versuchen sie sich einzureden, dass mit ihnen alles in Ordnung ist, dass sie sich nur etwas Mühe geben müssten, dann ginge es ihnen gut. Schlimmer noch: Sie denken, dass sie schuld an ihrem Zustand sind.

Manchmal schaue ich Fliegen zu, wie sie gegen die Scheibe knallen, und frage mich, wie das wohl für sie sein muss: Sie sehen kein Hindernis, darum fliegen sie wacker drauflos und – bummm – kollidieren sie mit dem Fenster. Nehmen wir einmal an: Fliege Hugo sitzt auf dem Gummibaum und beobachtet, wie Fritz gegen die Scheibe knallt. Hugo schüttelt den Kopf und ruft seinem Kollegen zu: »Flieg raus!«

»Ich kann nicht!«

»Ach was, flieg einfach!«

Also versucht der arme Fritz es wieder und wieder – ohne Erfolg. »Etwas hindert mich«, beteuert er. Hugo glaubt ihm nicht und hält ihn für einen Versager.

Die Depression ist eine solche Scheibe. Man sieht sie nicht, und trotzdem steht sie als schier unüberwindbare Barriere zwischen uns und dem Leben.

Und wie Hugo dem Fritz zuruft, da sei nichts, sagen wir den depressiv Erkrankten: He, raff dich auf – nimm den Finger aus dem Arsch – tu nicht so wehleidig – lass den Kopf nicht hängen, so schlimm kann es nun wirklich nicht sein. Ist den Depressiven mit solchen Ratschlägen geholfen? Guter Witz – im Gegenteil, als wäre die innere Hölle nicht schon schlimm genug, fühlen sie sich dank solcher Ratschläge auch noch als Versager. Wie der arme Fritz, der glaubt, es liege an ihm und nicht an der Scheibe, dass er nicht hinausfliegen kann.

Wenn du deine Wahrnehmung ein wenig schärfst, erkennst du depressiv Erkrankte mitunter: Vielleicht ist es die Frau, die vor dir zur Bahnstation schlurft – ganz am Rand des Sträßchens –, rauchend, der Schlüsselbund baumelt an ihrer schlaffen Hand, ihre Haare hängen schlaff wie die Blätter einer dürstenden Pflanze. Und wenn du an ihr vorbeigehst, siehst du ihr graues Gesicht und den stumpfen Blick, der über den Asphalt schleift.

Vielleicht ist es ein Freund, der säuft wie ein Loch oder aus Bergen von Koks kreditkartengerade Linien zieht, um seine depressive Erkrankung zu medikamentieren – nur leider mit den völlig falschen Substanzen.

Vielleicht ist es die Tante mit den heruntergezogenen Mundwinkeln, die Kinder dafür tadelt, dass sie lachen und lebendig sind – böser Blick und Lippen, die bei einem Lächeln einen Muskelkrampf bekommen würden. Kein gutes Haar lässt sie an anderen, findet aber in jeder Suppe eines.

Es sind Menschen, die uns erspart bleiben können – lieber gehen wir zum Zahnarzt, als Zeit mit ihnen zu verbringen. Und wir vergessen, dass niemand freiwillig so ist, dass in diesen Menschen Grau bis Schwarz vorherrscht und das vielleicht schon seit Jahren. Und was das Schlimmste ist: Niemand – inklusive sie selbst – erkennt, was los ist.

Wo keine Diagnose ist, gibt es auch keine Behandlung und keine Heilung.

Nehmen wir an, du triffst dich mit Freundinnen zu einem Filmabend. Ihr habt euch für einen lustigen Film entschieden – sagen wir, Some Like It Hot von Billy Wilder, mit Jack Lemmon, Tony Curtis und Marilyn Monroe. Die DVD ist im Gerät, ihr sinkt behaglich in die Sessel und freut euch auf den Film. Metro Goldwyn Mayers Löwe brüllt verheißungsvoll, dann: Chicago 1929 – Verfolgungsjagd zwischen der Polizei und einem angeblichen Leichenwagen, in dem ein Sarg voller Whisky liegt. Gerade als ihr dem Mafioso in die angebliche Abdankungsfeier folgt, die in Tat und Wahrheit ein Saufgelage ist, verschwindet das Bild hinter einer grauen Fläche, aus der nur zögernd Quadrate springen, die sich allmählich zu einem Bild zusammenfügen. Das war wohl ein kleiner Fehler der DVD, egal, schon vergessen. Doch als die Bullen die Party auffliegen lassen, verpixelt der Film erneut. Ihr verspannt euch ein bisschen … Der Film läuft weiter, und ihr wollt aufatmen, als das Bild einfriert, minutenlang in der Garage, wo Jack Lemmon mit Bassgeige und Tony Curtis mit Saxophon von den Mafiosi entdeckt werden. Ungeduldig starrt ihr auf das Standbild – wie geht es weiter?! – es soll weitergehen! – ah, endlich tut es das! o nein, Jack und Tony fliehen mit stotternden Bewegungen!

Und so geht es weiter: Störung um Störung um Störung. Der spritzige, witzige Film kann seinen Charme nicht entfalten, er verliert Sinn, Schönheit und Eleganz, und ihr brecht genervt ab.

Etwas Ähnliches geschieht in einem depressiv erkrankten Gehirn: Die lädierten Botenstoffe verpixeln, verzerren und stoppen den inneren Gedankenfilm, Sinn und Zusammenhang gehen verloren, das Leben zerfällt in irritierende Fragmente, verkommt zu einer Geisterfahrt, die Freude ist dahin. Aber im Unterschied zur DVD am Filmabend kannst du den inneren defekten Film nicht einfach stoppen. Und so findest du dich in einer verstörenden, sinnlosen fremden Welt wieder.

Zazou

Seit ich mich erinnern kann, ist Geschichte meine Leidenschaft. Als Kind habe ich begeistert aus Papiervorlagen römische oder keltische Häuser und mittelalterliche Burgen zusammengesetzt. Ich erinnere mich an den Geruch des weißen geschmeidigen Leims, den ich großzügig einsetzte, und ich erinnere mich an den Ärger über die ewig verstopften Leimtuben. Mutter witzelte, dass sie Aktien des Leimproduzenten kaufen sollte, dann aber fand sie Leimreste im Fell der Katze und drohte, meine Häuser und Burgen plattzumachen und damit das Katzenklo auszulegen. Mein Zimmer war nicht groß, die Anzahl der Kartontempel, -häuser und -burgen hingegen schon, und so ging ich dazu über, die Gebäude an die Wände und die Decke zu pinnen, was recht skurril aussah.

Ich habe Massen von historischen Romanen verschlungen und mit einem Kissen fest an mich gedrückt historische Filme geschaut. Als ich in der achten Klasse eine Arbeit über Ägypten schreiben musste, verfiel ich mit Haut und Pferdeschwanz dem alten Ägypten mit seinen Pharaonen, Nofretetes und Pyramiden. So war es naheliegend, dass ich Geschichte studierte, im Nebenfach Archäologie. Seit dem Abschluss des Studiums bringe ich meine Leidenschaft den Lernenden in der Schule näher – oder versuche es jedenfalls. Ich habe auf jeder Stufe unterrichtet und bin fasziniert davon, dass dasselbe Thema je nach Stufe eine ganz andere Art des Unterrichtens verlangt. Und geradezu verblüffend ist es, wie unterschiedlich Klassen derselben Stufe sein können: Jede bringt ihre eigene Energie und Dynamik mit. Die große Kunst besteht darin, den Charakter der jeweiligen Klasse zu erfassen und den richtigen Umgang damit zu finden.

Einmal die Woche unterrichte ich Attestklassen – Jugendliche, die eine einfache kurze Ausbildung absolvieren, darunter viele ausländische Kinder, von denen die meisten in den ersten Lebensjahren nur die Sprache ihrer Eltern gesprochen haben. Und da die Eltern ihnen bei den Hausaufgaben nicht helfen können – dazu reicht ihr Deutsch meist nicht –, sind diese Kinder oft schlecht in der Schule und hassen sie. Attestklassen sind wild, chaotisch und widerständig. Sie sind aber auch leidenschaftlich, freimütig und herzlich. Wenn sie sich mitreißen lassen, tun sie das vorbehaltlos; wenn sie sich langweilen, zeigen sie es unverblümt. Sie zu unterrichten erfordert Raffinesse, Fantasie und unkonventionelles Vorgehen. Aber wenn man Leidenschaft in den Unterricht steckt, fliegen einem die Herzen der Jugendlichen zu. Kurz: Ich liebe es, sie zu unterrichten.

Am Montagmorgen nach dem Besuch im Café Madagaskar war mein Unterricht in den Attestklassen nicht gerade von Erfolg gekrönt – kein Wunder: Ich hatte nur die Telefonnummern im Sinn. Ein paar Mädchen führten einen Zickenkrieg, ein Serbe und ein Eritreer hatten das dringende Bedürfnis, einander zu Mus zu schlagen. In diesem Chaos versuchte ich, den Schaden klein zu halten. Ich setzte Streithammel und Zicken auseinander, mit dem Resultat, dass sie nun über die Pulte hinweg zickten und zofften.

Als der Unterricht mit Ach und Krach zu Ende gegangen war, begann ich hinter dem Schulhaus meine Liste der Telefonate abzuarbeiten. Unter manchen Nummern gab es keinen Anschluss, bei anderen erreichte ich nur den Anrufbeantworter. Manche nahmen den Anruf entgegen und erklärten mir freundlich, irritiert oder unwirsch, dass sie keine Amelie kannten.

Zwei Tage später hatte ich dreiundsiebzig Anrufe hinter mir, als ich endlich – vielleicht – hoffentlich – fündig wurde: Mit krächzender Stimme meldete sich ein Mann. Da ich ihn nicht verstanden hatte, fragte ich nach.

»Bärtschi, Malffnnnuntensiln.«

Der Mann musste uralt sein. Ich erklärte ihm laut und deutlich, dass ich auf der Suche nach einer Amelie sei, ob er vielleicht eine solche kenne.

»Junge Dame, wenn Sie weiter so schreien, zerspringt mein Hörgerät. Sie suchen Amelie? Ich kenne eine, aber wie soll ich wissen, ob es die ist, welche Sie suchen?«

Nachdem ich mich für die Lautstärke entschuldigt hatte, beschrieb ich ihm Amelie.

Er kicherte. »Ja, das ist wohl meine Amelie. Was ist mit ihr?«

Mein Herz machte einen Hüpfer. »Ich suche sie, kenne aber nur ihren Vornamen. In welcher Hinsicht hat sie denn mit Ihnen zu tun?«

»Na, sie kauft bei mir ein.«

»Was denn?«

»Sie stellen Fragen – Malutensilien natürlich.«

»Amelie malt also?«

»Junge Frau, sind Sie sicher, dass Sie Amelie kennen?«

»Wir sind oft zusammen Zug gefahren, aber wir haben nicht über Privates gesprochen.«

Bärtschi lachte, was sich eher wie staubtrockenes Husten anhörte. »Jaja, typisch! Wenn es Amelie nicht gäbe, müsste man sie erfinden – und bräuchte dafür eine blühende Fantasie.«

»Wo befindet sich Ihr Geschäft? Ich würde gern vorbeikommen.«

Er gab mir die Adresse mit der Bemerkung, er müsse wissen, wann ich komme, damit er auch zu Hause sei, und ich solle einfach bei Bärtschi klingeln.

Das Haus stand etwas zurückversetzt hinter Büschen und Bäumen. Im Unterschied zu den anderen Gärten dieses Viertels genossen die Pflanzen ein unbegrenztes Wachstum – Mutter hätte es gefallen. Das Haus selbst war ein fantasieloser Bau aus den Siebzigern, aber da Clematis und Weinranken die Mauern hochkletterten, wirkte es verwunschen. Gespannt läutete ich und wartete (die Clematis wuchs unterdessen etwa fünf Zentimeter), bis ein uraltes Männchen öffnete, dessen weißes Haar unter einem Béret hervorlugte. Es hätte nach Paris gepasst, an die Seine, vor eine Staffelei.

»Ah, die junge Dame, die Amelie sucht!« Er trat zur Seite und bedeutete mir einzutreten. Als ich über die Schwelle trat, fand ich mich in einer anderen Welt: Die Wände des Ladens waren hinter Regalen und Schubladenschränken verschwunden. Ich entdeckte die unterschiedlichsten Farben: Öl-, Acryl-, Wasserfarben, Farben für Buch- und Linoldruck; Tusche, Kreide, Bleistifte, Pigmente, Bindemittel. Es gab Papiere aller Art: handgeschöpfte, transparente, für Kalligrafie, Acrylmalerei, Wasser- und Ölfarben. Und jede Menge Pinsel. Bärtschi erklärte mir, dass er schweizweit das größte Angebot an Pinseln habe, darunter handgemachte, die er in China anfertigen ließ. Staffeleien jeglicher Preisklassen standen herum. An einer Wand lehnten bezogene und leere Keilrahmen von unterschiedlicher Größe. Während Bärtschi in die Küche verschwand, um uns einen Tee zu brauen, betrachtete ich all diese Schätze mit offenem Mund. Bärtschi kam mit einer Teekanne und zwei Porzellantassen auf einem antiken Silbertablett zurück. Der Tee roch exotisch.

Herr Bärtschi setzte sich. »Sagen Sie mir, warum Sie Amelie suchen.«

Ich erzählte ihm von unseren Zugfahrten und dass Amelie verschwunden war und ich mir Sorgen machte.

Nachdenklich hörte Bärtschi zu. »Diese verrückte Amelie – letztendlich weiß ich auch nicht viel über sie.«

»Keinen Nachnamen? Keine Handynummer?«

»Weder noch. Sie kommt zu mir, wir plaudern über dies und das, vor allem über Kunst, sie kauft ihre Dinge und geht.«

»Wissen Sie wenigstens, wo sie wohnt?«

Achselzucken. »Etwas außerhalb der Stadt.«

Ich erinnerte mich an das Stipendium, das die Kellnerin vom Café Madagaskar erwähnt hatte. »Haben Sie schon mal von einem AC/DC-Stipendium gehört?«

Bärtschi schüttelte den Kopf. »AC/DC ist doch eine lärmige Band. Ich habe es nicht so mit moderner Musik.«

»Na ja, so modern ist sie auch wieder nicht. Jedenfalls hat Amelie sich um ein Stipendium mit einem solchen Namen beworben.«

»Amelie? Das wäre mir das Neueste – sie ist Malerin, keine Musikerin.«

»Gibt es kein Kunststipendium, das so oder so ähnlich heißt?«

Nach einem Schluck Tee schaute Bärtschi strahlend auf. »Ach, natürlich, gemeint ist wohl das AC-Stipendium. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen! Ja, das hat Amelie vorletztes Jahr gewonnen. Es ist das Linda Andermatt und Monika Cattaneo-Stipendium oder eben AC-Stipendium und gilt als eines der wichtigsten Stipendien für bildende Kunst im Kanton Bern. Das hat Amelie gewonnen!«

»Dann kennen Sie ja ihren Namen!«

»Nur ihren Künstlernamen.«

»Und der ist?« Mir wurde schier schwindlig, so aufgeregt war ich.

»Pia Brol.«

»Was soll das heißen?«

»Vermutlich nichts. Es ist einfach ihr Künstlername.«

»Wann war sie das letzte Mal bei Ihnen?«

Er nahm sein Béret ab und kratzte sich am Hinterkopf. »Ist schon eine Weile her.«

»Und wissen Sie wirklich nichts Näheres über sie – Wohnort, Nachname, Telefonnummer?«

Er schüttelte den Kopf. Ich hätte schreien mögen! Diese verflixte Amelie, diese verflixte Geheimniskrämerin! Ich war eine Idiotin, die so schnell als möglich ihre Beziehung mit Jo ins Lot bringen sollte, anstatt auf Miss Marple zu machen. »Sie ist also Künstlerin«, sagte ich.

»Ja, und eine äußerst talentierte. Sie hat eine große Karriere vor sich, wenn sie nur lernen würde, kontinuierlich zu arbeiten.« Auf meinen fragenden Blick hin erklärte er: »Sie hat intensive Schaffensphasen, dann wieder liegt sie auf der faulen Haut. Ich habe ihr erklärt, dass sie sich das nicht leisten könne, aber sie behauptet, es gehe nicht anders, Punktum. Künstler seien halt so. Ich zählte ihr die vielen Künstler auf, die jeden Tag diszipliniert arbeiteten, aber sie winkte nur ab.«

»Vielleicht hindert etwas sie an der Arbeit.«

»Ja, die Faulheit.« Er hustete staubig.

Zu Hause schnappte ich mir den Laptop und stürzte auf den Balkon. Bei Google gab ich den Begriff AC-Stipendium ein, die Website erschien zuoberst auf der Trefferliste. Das Stipendium wird seit den Fünfzigern vergeben. Die Preisgelder waren in den Jahrzehnten stark gestiegen, heute erhält der Sieger oder die Siegerin dreißigtausend Franken.

Ich klickte den Link Stipendien an und fand Amelie als Siegerin des vorletzten Jahres. Und wie Bärtschi richtig vermutet hatte, stand da nur der Künstlername Pia Brol. Die Jury erklärte in einem ausführlichen Bericht, warum Amelie den ersten Preis verdient hatte, aber gab sie nähere Angaben über die Künstlerin? Nein, natürlich nicht! Ich schaute Amelies Exponate an, mit denen sie ins Rennen gegangen war: fünf Gemälde, die sehr farbig und wild waren, wohl eine Weiterentwicklung des Expressionismus. Abstrakte Bilder und doch wiederum nicht: Amelie hatte etwas Konkretes so abstrahiert, dass man erst auf den zweiten Blick erkennt, dass es ein Berg, ein Haus, eine Person, ein Tier, eine Pflanze ist. Ich verstehe nicht besonders viel von Kunst, aber diese Werke waren zweifelsohne großartig.

Als Nächstes durchforschte ich das Netz nach der Künstlerin Pia Brol. Sie hatte keine eigene Website, aber ich fand Galerien und Museen, die ihre Werke ausgestellt hatten. Zu meiner Freude zeigte eine hiesige Galerie zurzeit Exponate. Ihr würde ich einen Besuch abstatten.

Ich holte mir ein Glas Rotwein und ein paar Oliven, stolz und glücklich, auf der Suche nach Amelie ein Stück weitergekommen zu sein, gleichzeitig aber war ich beunruhigt und hatte ein mulmiges Gefühl: War ich von allen meinen geliebten vernünftigen Geistern verlassen? Ich suchte wie besessen nach einer Frau, die ich kaum kannte, und setzte eine gute Beziehung aufs Spiel. Wie oft hatten Jo und ich den Kopf geschüttelt über Freundinnen oder Bekannte, die ihre Beziehung verließen, um sich kopflos in eine Liebschaft zu stürzen, und in einem heillosen Chaos landeten. Die größte Meisterin in solch unsinnigen Unternehmungen war meine beste Freundin Lala, deshalb hatte ich ihr noch nicht von Amelie erzählt. Sie wäre sofort Feuer und Flamme gewesen und hätte mich ungefragt in der Suche nach Montmartre gecoacht. Sie wäre aber die Letzte, die ich als Coach für dieses Unternehmen haben wollte. Mir genügte es vollauf, dass Mutter mich vorangetrieben hatte. Sie war wagemutiger als ich, lebte aus dem Bauch heraus; sie traute dem, dem ich misstraute: den Gefühlen. Oft genug sagte sie: »Die Vernunft musst du von deinem Vater haben.«

»Woher willst du das wissen – du hast ihn ja kaum gekannt!«, schnappte ich.

»Er war Attaché. Da muss man schon was auf dem Kasten haben.«

»Als hättest du das beurteilen können. Dein Englisch ist ja nicht gerade outstanding.«

»Ich habe ihn geliebt, und bekanntlich sieht man nur mit dem Herzen gut.« Sinnend blickte sie in die Ferne. »Wo er stecken mag? Wie er wohl reagieren würde, wenn er wüsste, dass er eine Tochter hat – und welch ein Prachtexemplar sie ist, gesegnet mit seinen Augen. Ich weiß, das ist eine müßige Frage – und trotzdem stelle ich sie mir von Zeit zu Zeit.«

»Hör auf!«

An diesem Punkt geschah immer dasselbe: Unser Gespräch legte sich wie ein krankes Tier nieder, denn ich hatte keine Lust über jemanden zu reden, dem ich nie begegnet war, ja von dem ich nicht einmal auch nur ein Foto gesehen hatte.

Die Geschichte meiner Zeugung ist schnell erzählt: Mutter arbeitete damals in einem Blumengeschäft und hatte den Auftrag, die chinesische Botschaft für einen Empfang zu dekorieren. So lernte sie meinen Samenspender kennen – es war eine amour fou und ich das Resultat. Bevor Mutter merkte, dass sie schwanger war, war Xuan schon wieder abgereist. So sehr meine Mutter auch bat und bettelte – die Botschaft schwieg sich über seinen Verbleib aus. Es war bestimmt alles andere als einfach für Mutter gewesen, mich allein aufzuziehen und die Kommentare über mein asiatisch inspiriertes Gesicht zu ertragen. Sie sprach aber immer liebevoll über meinen Samenspender und betonte, wie sehr sie ihn geliebt habe. Worauf ich entgegnete, dass man nicht von Liebe sprechen könne, wenn man jemanden nur ein paar Wochen gekannt habe, und dass dieser Xuan nicht mein Vater sei, sondern der Samenspender. Über Letzteres stritten wir uns oft. Ich schimpfte, dass kein Mann zu einem Vater werde, nur weil er seinen Samen in einer Frau deponiert habe – Windeln wechseln und bei den Hausaufgaben helfen gehörte dazu, deshalb sei Alfons tausend Mal mehr mein Vater als Xuan. Darauf argumentierte Mutter mehr schlecht als recht mit kosmischen Gesetzen, dem systemischen Ansatz und den Genen – der biologische Vater sei fundamental wichtig. Wir wurden uns nie einig.

Doch zurück zu Amelie. Nun, da ich einen Anhaltspunkt hatte, schreckte ich vor dem Gedanken zurück, mit der Suche weiterzumachen. Nach dem dritten Glas Wein schnappte ich mir mein Handy und rief Jo an. Vielleicht brachte ihre Stimme mich zur Vernunft. Sie nahm den Anruf nicht entgegen – als ich sah, dass es schon nach eins war, verstand ich warum. Ich sprach ihr nichts auf den Anrufbeantworter.

Ich trank das Glas leer, schaute zum Himmel hinauf, in dem ein halber Mond hing. Wenn Amelie jetzt zum Sternenhimmel schauen würde, träfen sich unsere Blicke im Mond. Ich weiß, dass sich heutzutage die Blicke öfters bei Skype treffen, aber die Vorstellung, über den Mond miteinander verbunden zu sein, war romantischer. Ich fragte den Mond stumm: Wo ist Amelie?

Aber der Mond blieb stumm.

Amelie

Meine älteste Schwester Lea fuhr mich in die Klinik Hofberg. Es würde mein vierter Aufenthalt in der Klapse sein. Hallo, ihr irren Leute, hier kommt eine Seelenverwandte!

Manchmal fragen mich Freundinnen und Freunde, ob es nicht kontraproduktiv sei, in der Depression mit anderen psychisch kranken Menschen zusammen zu sein – ob man nicht lieber von gesunden Menschen umgeben wäre.

Ja und nein.

Wenn ich im Morast sitze und Gesunde mich aufmunternd volllabern, fühle ich mich noch mieser, denn ich befinde mich Lichtjahre von jeglicher Munterkeit entfernt. Die irren Leute in der Klinik wissen zwar nicht genau, wie es in mir aussieht, aber sie wissen ganz genau, wie beschissen es sich anfühlt. Wir sind eine eingeschworene Gruppe; wir reden über die innere Hölle, über Medikamente, über Nebenwirkungen und erwartete Wirkungen. Ja, auf die Wirkung muss man warten. Als würde es nicht genügen, dass man sich elend fühlt, nützen die Tabletten – auch wenn es die richtigen sind – erst nach einiger Zeit: Es vergehen mindestens zwei Wochen, bis eine Wirkung spürbar wird, meist dauert es länger. Und dieses Warten auf Linderung ist eine Tortur.

Doch so unterstützend es sein kann, mit Menschen zusammen zu sein, die Ähnliches erleben, so ätzend ist es in anderen Momenten: Es gibt nichts Trostloseres als einen Haufen Depressiver in einem Raum – die Stimmung ist etwa so beschwingt wie eine Seekuh an Land.

Die Klinik Hofberg war wider Erwarten das Beste, was mir passieren konnte. Ich bekam die nötigen Medikamente, doch mehr als das hatte der Kontakt mit den Schafen, Ziegen, Ponys, Kaninchen und Hühnern eine heilsame Wirkung auf mich. Ich half, die Ställe auszumisten, die Tiere zu füttern und zu pflegen. Einmal konnte ich mich kaum rühren, weil jede Bewegung Kaskaden von Angst auslöste. Das hört sich übertrieben an – es braucht doch etwas, das Angst auslöst. In der Depression ist das anders: Die Angst fließt wie ein steter Strom durch mich, ohne Grund, ohne Anlass und Auslöser, es ist wie eine psychische Übelkeit. Ich stand also von Angst überschwemmt und mit hängendem Kopf neben dem Pony Jack. Nichts ging mehr. Da drehte Jack seinen Kopf zu mir, stupste mich an, schüttelte die Mähne und stupste mich noch einmal. Einfach so. Zärtlich. Diese absichtslose, zutiefst liebevolle Geste löste meine Erstarrung auf, ich begann zu weinen und lehnte mich an Jack, der geduldig stillstand. Als ich ausgeweint hatte, kletterte ich auf seinen Rücken und ließ mich von ihm tragen. Für einen kurzen Moment breitete sich Frieden in mir aus – eine flüchtige Erinnerung an das Leben grüßte freundlich und verschwand wieder.

Ach, die Klinik, ich hätte sie trotzdem lieber früher als später verlassen, aber ich wusste, dass ich noch nicht so weit war – ich wäre für die Umgebung eine Belastung, und das war mir zuwider. Auch wollte ich nicht wieder in meiner Wohnung absaufen.

Jedes Mal, wenn ich in der Klinik die breite Steintreppe hinauf zu meinem Zimmer nahm, schaute ich durch die hohen Fenster hinaus in den Park, zu den anderen Backsteingebäuden der Klinik, und es rief in mir: Ich will nach Hause, nach Hause, nach Hause! Im Zimmer trat ich immer zuerst ans Fenster, das sich nur mickrige zwanzig Zentimeter weit öffnen ließ – für mich Freiluftliebhaberin eine Tortur –, schaute ins Geäst einer riesigen Thuja und in den Park, wo die Gartenequipe Rasen mähte, Sträucher schnitt, Holz herumfuhr – ihre Aufgabe bestand darin, den lieben langen Tag etwas zu tun, was lärmte. Nach einer halben Stunde in meinem Zimmer fühlte ich mich so einsam, dass ich es wieder verließ und herumwandelte: Wo war wer und mit wem wollte ich mich unterhalten und wenn ich wollte, konnte ich es denn auch? Manchmal reichte ein falsches Wort und ich fühlte mich so mies, dass ich den Raum verlassen musste. Wenn ich nicht bei den Tieren war, saß ich meistens herum, unfähig zu lesen, Musik zu hören, Filme zu schauen, denn alles, was von außen kam, erreichte mich ungefiltert und löste hässliche Gefühle aus. Ich saß also da, wartete auf die Therapie, auf die Medikamente, auf das Essen – auf irgendetwas, das die Zeit beschleunigen würde, oder ich ging die immer gleichen Wege mit den immer gleichen Bäumen, Wiesen und Häusern. Von weitem waren die Kirchenglocken zu hören, und ich hätte sie am liebsten in die Luft gejagt, so sehr hasste ich ihren Klang.

Ich freundete mich mit meiner Zimmernachbarin an. Olivia war in eine tiefe Depression gefallen, als ihr Freund sie verließ. Es war nicht das erste Mal, dass sie depressiv wurde, aber diesmal war die Qual so groß, dass sie eine Ladung Schlaftabletten schluckte. Wie das mit Schlaftabletten oft der Fall ist: Sie wirkten nicht schnell genug – schon war jemand da, der die Ambulanz rief, und bald pumpte man Olivia den Magen aus und das Leben ging zwangsläufig weiter.

Olivia war ein chaotischer Mensch mit einem riesigen Herzen und einem einnehmenden Wesen. Man musste sie einfach mögen und das taten Viele, was den regen Besuch erklärte. Im Laufe der Wochen wurden wir ein eingeschworenes Team: Wir lästerten über die anderen in unserer Gruppe, diskutierten über den Sinn des Lebens (den wir nirgends fanden), erzählten einander von gescheiterten Lieben. Mit den Tieren auf dem Hof konnte sie nicht viel anfangen – lieber saß sie rauchend auf einer Bank und schaute mir bei der Arbeit zu.

Dank ihr und den Tieren – vor allem Pony Jack – ging es mit mir allmählich aufwärts.

Solange ich nicht an Zsa Zsa dachte.

Zazou

Die Galerie Vogt kannte ich vom Sehen her – ich war schon oft an ihr vorbeigegangen, hatte durchs Schaufenster in den länglichen, weiß gestrichenen Raum geschaut, war aber nie hineingegangen. Kunst ist nicht mein Ding. Mich interessieren nur Gemälde, die Hinweise auf das Leben und die Gepflogenheiten ihrer Zeit geben. Solche Bilder setze ich ein, um den Lernenden eine Epoche näherzubringen. Zum Beispiel zeige ich ihnen das Porträt des Kaufmanns Georg Gisze von Hans Holbein dem Jüngeren: Ein ernster junger Mann steht hinter einem Tisch, an der Wand hinter ihm sind Leisten angebracht, die Briefe halten – eine frühe Form des Ablagesystems. Auf dem Tisch ein Schnurbehälter, eine Dosenuhr mit einem Zeiger (man richtete sich im sechzehnten Jahrhundert nach dem Glockenschlag der Kirchen), Siegelringe, Siegelstempel, Federkiele, Lackstangen und Sand (um die Tinte zu trocknen). Anhand dieses Gemäldes beschreibe ich die Situation der Händler in dieser Zeit, erzähle von der Sitte, Verträge zweimal auf das gleiche Blatt Papier zu schreiben und dies anschließend auseinanderzuschneiden. Falls es zu Streitigkeiten kam, prüfte man zuerst, ob die zwei Teile zusammenpassten, also beide Parteien den Originalvertrag besaßen. Welch geniale Idee!

Es war späterer Nachmittag, in der Galerie befanden sich vier Personen. Zögernd trat ich ein und schaute mir Amelie-Pia Brols Ausstellung an. Die Originale waren noch eindrücklicher als die Abbildungen im Internet. Nachdem ich mich umgeschaut hatte, ging ich zum Galeristen und fragte ihn, wie Pia Brol mit richtigem Namen heiße und ob es jemanden gäbe, der sie vertrete.

Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich kenne die Künstlerin nur unter diesem Namen – ich bin ihr nie persönlich begegnet. Und ja, Pia Brol hat einen Manager. Kontaktieren Sie ihn doch. Vielleicht erfahren Sie von ihm mehr.«

Mit diesen Worten führte er mich in sein Büro, wo er mir eine Visitenkarte überreichte. Darauf stand: PHILIPPE HUNGER. MANAGEMENT PIA BROL.

»Soviel ich weiß, ist es der Bruder der Künstlerin. Sicher bin ich aber nicht.«

Ich bedankte mich und verließ mit klopfendem Herzen die Galerie. Falls Philippe Amelies Bruder war, hieß sie wohl Amelie Hunger! Ich hetzte zum Café Madagaskar, wo ich mich mit Lala treffen wollte. Ich war zu früh und nutzte die Gelegenheit, die Barfrau zu fragen, ob Amelie in der Zwischenzeit aufgetaucht sei. Sie verneinte. Danach gab ich in der Telefon-App Amelie Hunger ein. Muss ich es erwähnen? Keine Amelie Hunger.

Langsam fragte ich mich, ob Montmartre nicht einfach höchst neurotisch war und eine Sozialphobikerin. Doch bevor ich dazu kam, von Amelie ein differenziertes Psychogramm à la Zazou zu erstellen, kam Lala herein.

Lala heißt eigentlich Laura. Sie gehört zu der Sorte Frauen, die man unmöglich übersehen kann – als Mister Gott sie erschuf, befand er sich in einer überschwänglichen, lustvollen Phase – das Resultat: lange Mähne, sinnliche Lippen, große, knackige Brüste und Augenlider, die zusammen mit dem Augenaufschlag eine sündige Versuchung bilden. Lala rauschte an meinen Tisch, küsste mich ab und sprudelte los – wie üblich ohne Punkt und Komma, aber mit vielen Ausrufezeichen. Hätte ich sie erst im Erwachsenenalter getroffen, wäre ich kaum daran interessiert gewesen, sie näher kennenzulernen. Aber ich kannte sie immer schon – sie war die Schwester, die ich nie gehabt hatte: Unsere Familien lebten viele Jahre im selben Haus, und so war unsere Freundschaft auf dem Sand der Spielplätze gebaut; auf den Rutschbahnen und Rodelhügeln, auf der Liegewiese, wo wir uns wie Schlangen häuteten; in versteckten Ecken, wo wir verbotene Zigaretten pafften; auf Partys, wo wir uns das erste Mal mit billigem Fusel betranken und danach unzählige Male wieder (mit etwas besserem Fusel).

Wie verschieden wir waren: Ich entwickelte mich beruflich wie auch partnerschaftlich geradlinig und auf ein ganzes Leben ausgerichtet; Lala hingegen brüstete sich mit tausend Liebschaften und ebenso vielen Jobs – letztere scheiterten oft daran, dass sie etwas mit einem Arbeitskollegen oder gar mit dem Chef anfing. Jede Liebschaft begann sie voller Feuer und Flamme, um früher oder später (meist früher) die Flammen zu löschen. Kopfschüttelnd und gleichzeitig bewundernd schaute ich ihrem Entflammen und Löschen zu und half ihr, die Brandwunden zu pflegen. Lala hingegen staunte über meine Konstanz in Beruf und Beziehung, manchmal anerkennend, meistens kopfschüttelnd. Wenn wir über unsere Lebensweisen stritten, sagte sie gern: »Zazou, ich lebe nur einmal – du jedoch keinmal.«

Zur Feier des Tages bestellte Lala Champagner. Für sie gibt es immer etwas, das nach Champagner verlangt: Geburtstag, Todestag einer berühmten Persönlichkeit, Missgeschick, Glück, eine neue Frisur, ein Schnäppchen, der Beginn oder das Ende einer Liebschaft. Und wenn ich missbilligend sage: »Immer trinkst du Champagner!«, entgegnet sie: »Nein, manchmal auch Prosecco.«

Der Champagner kam, wir stießen an. Lala klagte, dass wir uns schon ewig nicht mehr gesehen hätten, und berichtete von ihren aufregenden Neuigkeiten, die nur etwas anders gekleidet schon tausend Mal dagewesen waren. Als sie fertig geplappert hatte, betrachtete sie mich eingehend. »Du siehst irgendwie anders aus. Eine neue Frisur? Iwo! Ausnahmsweise geschminkt? Natürlich nicht! Hast du dir ein Tattoo stechen lassen? Rolle nicht mit den Augen – sag, was los ist!«

»Nichts! Nicht viel. Vielleicht ein bisschen. Nein, nicht der Rede wert.«

Lala trommelte ungeduldig auf die Tischplatte. Also begann ich zu erzählen. Ihre Augen wurden runder und runder, der Mund ebenfalls, eine Haarsträhne wurde begeistert um den Finger gewickelt, gelöst und wieder neu aufwickelt. Als ich fertig war, jubelte Lala: »Endlich passiert mal etwas in deinem Leben!«

Warum eigentlich verwechseln Menschen Freundschaft mit einem Freipass für Beleidigungen? Ich setzte dazu an, mein Leben zu verteidigen, aber Lala winkte ab. »Du wirst deine Suche hoffentlich fortsetzen.«

Ich drehte das Champagnerglas zwischen meinen Händen.

»Komm schon, Zazou! Normalerweise bringt dich nichts aus dem Konzept. Wer das schafft, muss unbedingt gefunden werden.«

»Aber was ist mit Jo?«

»Rein gar nichts – und das schon immer. Ihr zwei habt die Ausstrahlung einer Vollnarkose.«

»Du bist heute wieder einmal äußerst liebenswürdig.«

»Dafür sind gute Freundinnen da«, grinste Lala. »Lass uns darauf trinken!« Schon winkte sie der Kellnerin und bestellte mehr Schampus.

»Weißt du«, begann Lala, »ich konnte Jo noch nie besonders leiden.«

»Wirklich?! Das ist mir das Neueste«, erwiderte ich sarkastisch.

»Sie ist unerträglich vernünftig – das sollte verboten sein.«

»Aber deine abgewrackten Beziehungen nicht?«

»Immerhin erlebe ich etwas – wann war das bei dir das letzte Mal der Fall?«

»Wenn man mit offenen Sinnen durch die Welt geht, erlebt man ungeheuer viel. Ich habe ein erfülltes Leben.«

»Fragt sich nur, womit erfüllt. Ein Müllsack ist auch erfüllt, sozusagen, aber niemand möchte den im Wohnzimmer stehen haben. Wärst du echt glücklich und zufrieden, hättest du dich nicht verliebt.«

»Erstens nur verguckt, und zweitens kann so was passieren, muss aber nichts heißen.«

Da wurde Lala ausnahmsweise ernst. »Zazouli, ich kenne dich nun ein Leben lang und ich sage dir: Etwas ist mit dir geschehen! Du bist verändert, da ist was in deinen Augen, was ich nicht kenne. Jo mag in Ordnung sein und eure Beziehung passabel, aber ich sage dir: Dahin führt kein Weg zurück.« Sie hob ihr fast leeres Glas und sagte: »Lass uns auf das Unbekannte anstoßen und hoffentlich auf deinen Mut!«

Ich ließ mein Glas stehen.

»Komm schon!« Lala hielt mir auffordernd das Glas entgegen.

»Dadurch taucht Amelie auch nicht auf.«

Lala zuckte mit den Schultern. »Ich sage dir jetzt was – ich gebe dir einen Rat und du weißt, ich gebe normalerweise keine Ratschläge, ich lasse dich gern selber an deinem Leben rummurksen, aber jetzt kriegst du einen Rat von mir: Also, mein vorletzter Liebhaber war so ein Esofutzi, der beim Orgasmus nicht abspritzte, sondern das Ganze hochzog, keine Ahnung, was man mit Samen im Kopf macht. Tao Yoga nennt sich das, da leitet man die Sexualenergie in den Energiekreislauf – dem hat’s ins Hirn gehagelt, besser gesagt gespritzt! Nie wusste ich, ob der jetzt gekommen war oder nicht. Dass der keinen Samen verteilte, fand ich nicht spirituell, sondern äußerst geizig. Und dann hat –«

»Lala, du wolltest mir einen Rat geben, nicht eklige Details aus deinem Sexleben erzählen.«

»Stimmt, ja, also dieser Futzi sagte mal was Interessantes, er sagte: Man sieht nur mit dem Herzen gut.«

»Ja, Der kleine Prinz.«

Lala nickte. »Verstehst du, was damit gemeint ist? Folge deinem Herzen, denn das sieht gut und führt dich zu Amelie.«

Meine liebe Freundin hatte sich selbst übertroffen – so viel Weisheit auf einmal, das kriegt man von ihr nur alle zehn Jahre. Ich schaute zu, wie sie ihre Haarmähne schüttelte und dann ihren Nagellack prüfte.

»Danke«, sagte ich lächelnd.

»Wofür?«

»Na, dass du du bist und dass manchmal sogar was Brauchbares aus deinem Mund purzelt.«

Daraufhin bestellte sie nochmals Champagner.

Später radelte ich nicht hochgradig nüchtern zu Hause vor und sah Licht in meiner Wohnung. Falls nicht ein dreister Einbrecher es sich bequem gemacht hatte, konnte das nur Jo sein. Ab und zu überraschten wir einander mit einem Besuch – am Anfang unserer Beziehung oft, in den letzten Jahren nur mehr selten. Als ich die Wohnungstür öffnete, kam Jo aus der Küche. Sie umarmte und küsste mich mit überraschender Intensität. »Du riechst nach Alkohol«, konstatierte sie.

»Ich habe den Abend mit Lala verbracht.« Mehr brauchte ich nicht zu sagen, Jo kannte – und missbilligte – Lalas Champagnerfimmel, wie ungefähr alles andere an Lala auch. Ich fand, dass unangekündigte Besuche zurzeit nicht angebracht waren. Wie gerne wäre ich allein gewesen und hätte meinen Gedanken nachgehangen.

»Du freust dich nicht«, konstatierte Jo gekränkt.

»Du hast das lange nicht mehr gemacht … Überwachst du mich?«

Nun war sie wirklich verletzt. »In der letzten Zeit haben wir uns kaum gesehen, und das ging von dir aus. Ich will über uns reden.«

Sie war mir in die Küche gefolgt und setzte sich mir gegenüber. Ich wollte meine Hand auf ihre legen, aber sie zog sie zurück. »Du hast ja recht«, sagte ich, »aber es ist spät, ich habe Alkohol intus, und ich würde gern mitbestimmen, wann wir uns zu einem Gespräch treffen.«

»Zazou, bist du verliebt?«

»Spinnst du?«

»Verkauf mich nicht für blöd!«

»Ich …« Was sollte ich sagen, wo ich selber nicht wusste – oder nicht wissen wollte –, was Sache war? Vielleicht genau das?

Ja, das war ich Jo schuldig.

Nein, ich wagte es nicht.

Ehrlichkeit in Ehren, aber es ist mir ein Gräuel, jemanden zurückzustoßen und zu verletzen. Die Sache mit Amelie würde vorübergehen. Also warum davon erzählen? Es würde Jo unnötiges Leid bereiten.

»Es ist nichts los. Vielleicht eine kleine Sinnkrise.«

Jos Mundwinkeln sanken. »Seit Wochen bist du innerlich abwesend. Mir kommt es vor, als wärst du gegangen.«

»Unsinn.«

»Ich spüre doch, dass mit dir etwas nicht stimmt!« Ihre Augen funkelten mich durch die Brille an. Jo war wütend. Das wäre ich an ihrer Stelle auch, aber ich brachte es nicht übers Herz, von Amelie zu erzählen. Schließlich stand Jo auf, ging zur Anrichte und trank ein Glas Wasser. Sie stellte es laut ab. »Ich gehe jetzt.« Sie hielt kurz inne, als wartete sie darauf, dass ich sie bat zu bleiben. »Ich schlage vor, dass wir eine Beziehungspause machen. Finde du deinen Sinn, dann sehen wir weiter – falls ich dann noch weitersehen will.« Das war typisch Jo: wenn schon, denn schon, am liebsten gleich das Kind mit dem Bade ausschütten, Hauptsache, eine Entscheidung war getroffen. Jo wollte ihr Leben im Griff haben, deshalb traf sie lieber eine Entscheidung zu viel als eine zu wenig.

Ich nickte nur und beobachtete schweigend, wie sie ihre Sachen packte und die Wohnung verließ. Ihre Schritte hallten im Treppenhaus, die Haustür krachte. Vom Küchenfenster aus sah ich zu, wie sie auf ihre typisch zackige Art zum Parkplatz ging. Mir war übel wegen meiner Verlogenheit. Leere dehnte sich in alle Richtungen aus.

Es gibt Hunde, die können den Kiefer nicht mehr lösen, wenn sie zugebissen haben – sie stecken im Biss fest. Das wurde manchen Rassen absichtlich angezüchtet, zum Beispiel Jack-Russell-Terriern und Dackeln: Wenn diese Hunde einen Dachs im Bau erwischen, beißen sie zu und lassen nicht mehr los – zu ihrem eigenen Schutz, denn wenn sie es täten, wäre dies vermutlich ihr Tod. Sie lassen erst los, wenn sie den Dachs aus dem Bau herausgezogen haben und der Jäger sie dazu auffordert.

Ich war ein solcher Hund – in die Erinnerung an Amelie festgebissen und unfähig, loszulassen, unfähig, die Suche aufzugeben. Ob es mich wie die Hunde töten würde, wenn ich losließ, sei dahingestellt. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterzusuchen. Die nächste Station war Philippe Hunger, Amelies Bruder.

Amelie

An einem Nachmittag beim Ausmisten, ich machte gerade im Stall eine Pause, da geschah ein kleines Wunder: Etwas in mir hellte sich auf, und die Welt veränderte sich. Vollkommen. Radikal. Dieser Vorgang ist immer wieder erstaunlich und grenzt an Zauberei. Stell dir vor, du sitzt in einem dunklen Raum und plötzlich wird das Licht angemacht. Ich weiß, das kennst du, aber bist du dir bewusst, wie komplett anders die Welt dann ist? Eben wie Tag und Nacht zwei völlig verschiedene Zustände. Die Verwandlung in mir geschieht genauso: Ist der Schalter umgelegt, befinde ich mich in einer Welt, die von ihrer Gegenwelt nichts weiß.

Ich stand also im Stall und betrachtete ein Kreuz, das in einen Pfosten gekerbt war. Da kam mir eine Szene in den Sinn: als ich Zsa Zsa versprach, ein Kreuz an die Decke des Zugs zu malen, wenn sie einmal keine Jeans trug.

Eines Tages erschien Zsa Zsa in einer beigen Hose. Erwartungsvoll sah sie mich an. Als ich verstand, warum sie mich so anschaute, lachte ich: »Du hast das Unmögliche geschafft – Gratulation! Hast du einen roten Stift?« Sie schüttelte den Kopf. Da stand ich auf und rief die Frage durch den Wagen. Es meldete sich ein Junge, stolz überreichte er mir einen roten wasserfesten Filzstift. Bevor ich auf den Sitz stieg, legte ich eine Gratiszeitung auf das Polster (man muss der Jugend ein Vorbild sein). Die Fahrgäste schauten mir zu, wie ich ein großes Kreuz an die Decke malte. Manche kicherten, andere schüttelten den Kopf. Dem Jungen erklärte ich, dass man das nicht tun dürfe, ich aber schon, denn ich hätte es Zsa Zsa versprochen. Zugegeben, das war pädagogisch keine lupenreine Erklärung – Zsa Zsa runzelte jedenfalls gehörig die Stirn. Nach meiner Heldentat boxte ich Zsa Zsa in die Seite und hielt ihr den Stift hin. »Dein Kreuz, weil ich ein Kreuz gemacht habe.« Widerstrebend nahm sie den Stift, stieg auf den Sitz und malte ein Kreuz neben meines. Ein Kreuzchen. Ein klitzekleines Wischiwaschi. Als sie hinuntersteigen wollte, verstellte ich ihr den Weg. »Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich dieses feige Nichts akzeptiere?«

»Es stand nie zur Debatte, wie das Kreuz aussehen muss.«

»Ich lasse dich erst runter, wenn du ein anständiges Kreuz hinmalst.«

»Seit wann gibt es anständige und unanständige Kreuze?«

»Seit du das da hingemalt hast.«

So stritten wir eine Weile, bis sie nachgab – vermutlich weil sie nicht mehr so exponiert da stehen wollte. Zögernd machte sie ihr Kreuz größer und dicker. Da griff ich nach ihrer Hand und half ihr beim Heruntersteigen (als hätte sie es nicht allein gekonnt) und gab dem Jungen den Stift zurück. Er hielt uns offensichtlich für bekloppt – gleichzeitig stand ihm die Begeisterung über unsere verwegene Tat ins Gesicht geschrieben.

Ich hätte ihr nicht die Hand geben dürfen, doch meine Hand hatte getan, was sie wollte. Wie oft hatten Zsa Zsa und ich uns beiläufig berührt: beiläufig auf die Wange geküsst, beiläufig über den Arm gestrichen, beiläufig einander mit den Knien berührt. So hatte es jedenfalls gewirkt. Aber es war nicht beiläufig, und das wussten wir. Ein Blatt, das vom Baum fällt, kann beiläufig das Gesicht berühren. Im Gedränge geschehen ungewollte, beiläufige Körperkontakte, aber unsere Berührungen waren zu zielgerichtet, als dass man sie als zufällig hätte bezeichnen können.

Ich seufzte. Zsa Zsa und ich, wir wären ein fantastisches Gespann gewesen. Ich seufzte ein zweites Mal, diesmal weil etwas den Schalter im Hirn betätigt hatte und es wieder Nacht wurde.

Zazou

Die Visitenkarte in meiner Hand zitterte, als ich Philippe Hungers Nummer wählte. Eine angenehm tiefe Männerstimme meldete sich, und mich traf schier der Schlag zu wissen, dass dieser Mann mit Amelie aufgewachsen war und vielleicht kürzlich mit ihr gesprochen oder sie gesehen hatte. Montmartre schien in greifbare Nähe zu rücken. Ich stotterte meinen Namen und erklärte, dass ich an Pia Brols Werken interessiert sei – ob es eine Möglichkeit gäbe, sie zu besichtigen. Er bejahte das, und wir vereinbarten einen Besichtigungstermin.

Seine Agentur befand sich im umgebauten Dachgeschoss einer ehemaligen Schule, wo sich verschiedene Kulturschaffende eingemietet hatten. Philippe Hunger kam mir freundlich lächelnd entgegen und reichte mir die Hand. Ich sah Amelie in seinem Gesicht: die gleichen dunklen Haare, die gleichen braunen Augen, die gleiche gerade Nase. Wenn es nicht unangebracht gewesen wäre, hätte ich ihn umarmt. Nach etwas Small Talk gab er mir eine Liste der Werke mitsamt Preisen. Ob er mich begleiten solle, fragte er mich. Ich erklärte, dass ich mich gerne allein umschauen würde, und fragte, ob das Pia Brols Atelier sei.

Er verneinte.

Der Raum reichte in der Mitte bis in den Dachgiebel, Oberlichter tauchten ihn in ein gleichmäßiges Licht. Kunstwerke hingen an den Wänden und standen hintereinander auf dem Boden, an die Wand gelehnt. Philippe erklärte mir, dass ich mich ruhig durch die Gemälde am Boden »blättern« dürfe.

Ich blieb lange, schaute und schaute, nur zögernd kehrte ich ins Büro zurück. Ich erklärte Philippe, dass mir die Werke sehr gefielen, ich mich aber noch nicht entscheiden könne. Dann fragte ich übergangslos: »Pia Brol ist Ihre Schwester, hat mir ein Galerist gesagt. Stimmt das?«

Er nickte zögernd, so als wäre er nicht sicher, ob das stimmte.

»Und Pia Brol heißt in Tat und Wahrheit Amelie. Amelie Hunger.«

Er runzelte die Stirn.

»Wissen Sie, ich bin sehr daran interessiert, ein Werk zu kaufen, aber mehr noch daran interessiert, Amelie zu finden.« Ich erzählte ihm von unserer Zugbeziehung, dass ich mir Sorgen machte und so weiter. Ob er mir nicht ihre Handynummer geben könne.

»Meinen Sie nicht, dass es einen Grund gibt, warum Amelie Ihnen ihre Telefonnummer nicht gegeben hat?«

»Ja, vermutlich hatte sie ihre Gründe, aber sagen Sie mir: Geht es ihr gut? Und könnten Sie ihr eine Nachricht überbringen?«

»Ich glaube nicht, dass meine Schwester es gutheißen würde, wenn ich mit Ihnen über sie spräche.« Er reichte mir einen Zettel. »Schreiben Sie Ihre Botschaft auf. Ich werde sie ihr weiterleiten.«

Ich schrieb: Montmartre, ich möchte dich unbedingt wiedersehen. Ruf mich bitte an! Als Belohnung erwartet dich eine Brändli Bombe. xxx Zsa Zsa. Dem fügte ich meine Telefonnummer hinzu, faltete das Papier und gab es Philippe. Er nahm es mit ausdrucksloser Miene entgegen.

Mutlos verließ ich die Agentur. Offenbar blieb mir nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass Amelie meine Notiz im Madagaskar, Secondhandladen oder von ihrem Bruder erhielt und sich dann bei mir meldete. Auf dem Weg zur Tramstation kickte ich jeden Stein weg, der mir in die Quere kam.

Aber nein, ich konnte nicht nur abwarten – ich war im Biss gefangen, ich brauchte Befreiung: Ich würde alle Galerien und Museen abklappern, in denen Pia Brols Werke ausgestellt waren – jemand musste etwas über diese unmögliche Frau wissen, nicht alle konnten verschwiegen wie ein Grab sein.

Also klapperte ich, sprach mit den Galeristinnen und Galeristen, aber alle hatten die Geschäfte mit Philippe abgewickelt und verwiesen mich an ihn. Die Ausstellungen in den Museen waren klein, und oft handelte es sich um Gemeinschaftsausstellungen. Ich fragte nach den Kuratoren und Kuratorinnen und bekam deren Kontaktdaten. Dann endlich kam ich einen kleinen Schritt weiter: Frau Lehmann, eine Kuratorin des Luzerner Kunstmuseums, hatte mit Amelie gearbeitet; vor einem Jahr hatten sie gemeinsam Bilder gehängt. Ich rief sie an und erklärte ihr, wie wichtig es sei, dass ich Pia Brol fände, und stieß bei Frau Lehmann auf Verständnis. »Sie ist eine bezaubernde Frau. Es hat Spaß gemacht, mit ihr zu arbeiten. Ich schätze ihren untrüglichen Blick und ihren umwerfenden Humor. Sie hat erwähnt, dass sie oft auf Sardinien arbeitet. Ihre Familie besitzt dort ein Haus.«

»Hat sie gesagt, wo sich das befindet?«

»Etwas außerhalb von La Maddalena. Ich habe ihr erzählt, dass ich schon lange einmal auf Sardinien Urlaub machen wollte, und sie gefragt, ob sie mir etwas empfehlen könnte. Da hat sie mir eine Pension genannt, die eine gute Freundin von ihr betreibt.«

»Und haben Sie diese Adresse noch?« Wummer – wummer – wummer!

»Moment.«

Da war sie wieder: die Zeit, die zu einer Schnecke mutierte, die bei jedem Salatblatt innehielt, um gemächlich zu fressen. Die gefühlten Stunden vergingen, dann meldete die Kuratorin sich wieder. »Haben Sie etwas zu schreiben? Pensione Rosalia in der Via Ammiraglio Mirabello.«

Nach dem Gespräch tanzte ich durch die Wohnung. Dann verlor ich allen Mut. Was sollte ich jetzt tun? Nach Sardinien fahren? Vielleicht täten andere das, aber nicht ich! Ich übte mich lieber in Geduld und wartete ab, bis eine meiner Mitteilungen Montmartre erreichte und sie sich dann bei mir meldete. Vielleicht meldete.

Ein paar Tage später sperrte Jo mich auf Facebook, und das machte mich fassungslos. Ich benutzte Facebook selten und war nur mit Menschen »befreundet«, die ich näher kannte. Jo und ich hatten einige Male über die Leute gespottet, die einander in den sozialen Medien abstraften. Wir fanden das dämlich, und dass Jo jetzt genau das getan hatte, schien ein böser Witz zu sein. Ich rief sie an.

Grußlos sagte sie: »Hast du vergessen, dass wir eine Beziehungspause haben?«

»Du hast mich also auf Facebook gesperrt. Was soll das?«

»Ich brauche das im Moment.«

»Und wozu?«

»Um Distanz zu bekommen. Ich will keine Einträge von dir lesen müssen.«

»Mein letzter war vor sechs Monaten. Willst du mir eins auswischen?«

»Ich brauche Distanz. Lass es dabei bewenden.«

»Was bleibt mir anderes übrig? Ich finde es trotzdem daneben.«

Da legte Jo einfach auf. Konsterniert schaute ich das Handy an. Warum konnten wir uns nicht wie sonst bei Konflikten zusammen aufs Sofa setzen und vernünftig darüber reden?

Doch ich muss gestehen: Viel mehr als das beschäftigten mich drei andere Fragen. Erstens: War ich schon immer ein so unehrliches Aas gewesen? Zweitens: Sollte ich nach Sardinien fahren? Drittens: War ich verrückt geworden?!

Amelie

Was geschieht, wenn man aus der Depression findet, ist in der Bibel treffend beschrieben. Ich kenne die Bibel ziemlich gut seit der Zeit in der Florentiner Kunstschule. Lehrer Anselmi sagte immer: Wollt ihr die europäische Kunst verstehen, müsst ihr die Bibel kennen – sie lieferte der Malerei über Jahrhunderte die meisten Motive. Also, in der Bibel ist beschrieben, was geschieht, wenn man aus der Depression findet: Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. So einfach ist das. Natürlich ist das nicht so einfach, aber letztendlich eben schon: Es wurde Licht.

Wenn man bereit ist, Medikamente zu nehmen – in meinem Fall ein atypisches Neuroleptikum in Kombination mit einem Antidepressivum und Lithium –, bedeutet das leider nicht, dass bald eine Besserung eintritt. Die lästigen Nebenwirkungen jedoch treten sofort auf den Plan – Mundtrockenheit, Müdigkeit oder Unruhe, und wie immer verzog sich die Orgasmusfähigkeit ins hinterletzte Loch, was in der trüben Zeit egal ist: Wenn ich mich mies fühle, rangiert meine Lust auf Sex noch hinter Kloputzen. Aber geht es mir dann wieder besser, ist dieser sexuelle Defekt ätzend.

Wenn ich mich bei Freundinnen darüber beklage, bekomme ich meistens den zweifelhaften Trost: Ach, weißt du, ein Orgasmus ist nicht so wichtig. Das sagen sie, die kein Problem haben, zum Höhepunkt zu kommen. Wäre interessant zu wissen, ob sie noch dieser Meinung wären, wenn ihnen solches geschähe: bis kurz vor den Höhepunkt zu gelangen – und das war’s. Die vielversprechenden Empfindungen zerfleddern vor der Erlösung. Sie gehen nicht rückwärts, sie gehen nicht vorwärts. Und je weniger es dir gelingt, das süße Ende zu erreichen, desto mehr willst du es und strengst dich verbissen an. Verbissenheit ist keine Zutat für befriedigenden Sex. Vielleicht kommst du nach ewigem Versuchen – und bevor deine Liebhaberin vor Erschöpfung zusammenbricht – zu einem kläglichen Orgasmus. Meistens hörst du vorher genervt auf, der Körper gefangen in der gespannten Erwartung der Befriedigung. Es dauert seine Zeit, bis du und dein Körper die Unerfüllung loslassen können. Gut gelaunt bist du dann nicht.

Während ich auf die lindernde Wirkung der Medikamente wartete, fragte ich mich wie jedes Mal angstvoll: Was ist, wenn sie diesmal nicht wirken? Nie mehr? Wenn ich für immer und ewig in diesem Loch sitze? Ging es letztes Mal nicht schon früher aufwärts? Vielleicht geht es nie mehr aufwärts. Wenn das so ist, bringe ich mich um. Ich spielte verschiedene Selbsttötungsarten durch auf der Suche nach der todsicheren, das gab mir Trost, die Gewissheit: Irgendeinen Ausweg würde ich finden.

Die Angehörigen und Freundinnen merken vor mir, wenn es mit mir aufwärts geht. Sie sehen es in meinem Gesicht, im Blick, in der Körperhaltung; sie merken es daran, dass ich mich wieder ab und zu per SMS melde und hier und da ein bisschen lächle. Ich bin blind für diese Fortschritte, denn die Depression lässt mich nur das sehen, was immer noch negativ, schmerzvoll und leer ist. Die Beteuerungen der Umgebung, dass mein Zustand sich verbessert, perlen lange an mir ab.

Etwa zwei Wochen nach der Erinnerung an die zwei Kreuze an der Decke lichtete sich mein Kopf zum zweiten Mal: Auf einmal gab es wieder Anknüpfungen mit der Außenwelt, Interesse flackerte auf, so etwas wie Freude. Ich ging guten Mutes ins Bett und konnte mir nicht vorstellen, dass ich mich am nächsten Morgen wieder schlecht fühlen würde. Aber so war es: Früh morgens weckten mich zusammen mit den Vögeln Angst und Trostlosigkeit, was sich nun wegen der Erinnerung an den Vorabend noch schlimmer anfühlte. Gegen Abend wieder eine Lichterkette im Kopf: Nachdem ich so lange in einem öden grauen Raum gesessen hatte – nur in Begleitung der Angst –, stand ich auf einmal in einer farbenfrohen Landschaft, meine Fühler streckten sich aus und erreichten die Welt, meine Augen sahen glänzende Farben, Musik fand in meinem Körper Resonanz, da waren Möglichkeiten, die lockten, Gefühle, die sich regten; nun fand ich das eine oder andere lustig, meine Mundwinkel lösten sich aus der Erstarrung und hoben sich ein wenig.

Es war eine Wiedergeburt und wie jedes Mal überwältigend. Teile meiner Persönlichkeit kehrten zurück – ich hatte nicht bemerkt, dass sie gegangen waren (meine Umgebung schon!), nun waren sie da und die Wiedersehensfreude groß: die humorvolle Amelie klopfte an, die unternehmungslustige, die kreative, redefreudige, gesellige. Nachdem ich wochenlang nichts mehr hatte lesen und keine Filme hatte sehen können, erwachte der Hunger auf Geschichten und Nachrichten.

Aber was sich nun auch wieder meldete: die Gefühle für Zsa Zsa und der Schmerz darüber, dass wir nie zusammenkommen würden.

Und doch war ich fast so etwas wie glücklich: Die Zeit rückte näher, da ich in mein Leben zurückkehren konnte.

Zazou

Ein paar Tage nach dem traurigen Gespräch mit Jo setzte ich mich nach acht Stunden Unterricht müde auf den Balkon und sah einem warmen Juniregen bei seiner Arbeit zu: Wie er nässte, was immer er erreichte, wie er dem aufgeheizten Boden Gerüche entlockte, die mich an früher erinnerten, als wir Kinder bei einem Wolkenbruch halbnackt im warmen Regen tanzten und uns auf den Asphalt legten, begierig den würzigen Duft einatmend. Zu meinem Erstaunen plauderten die Mütter währenddessen im Trockenen, mit unseren Klamotten über dem Arm, und rauchten. Ich verstand nicht, warum sie nicht mitmachten.

An der Tür klingelte es zweimal kurz, einmal lang. Das konnte nur einer sein: Pepe, der vermutlich am Kochen war und dem es an Zutaten fehlte. Verlegen lächelnd stand er im Türrahmen. »Cara Zazou, hättest du vielleicht ein Tröpflein Rahm für mich?«

»Komm rein.« Ich holte Rahm aus dem Kühlschrank. »Was brauchst du sonst noch?«

Pepe, verschämt: »Eine Zwiebel wäre schön …«

Ich gab ihm eine. »Das war sicher noch nicht alles, oder?«

Theatralisch wand er sich. »Nun, wenn du so fragst – etwas Safran vielleicht, nur ganz wenig.«

»Safran gibt es immer nur ganz wenig.« Ich öffnete den Gewürzschrank. »Tatsächlich, ich kann dir ein paar Fäden abtreten.«

»Carissima, du bist die Beste«, flötete er. »Wie kann ich das wiedergutmachen?«

»Indem du mich zum Abendessen einlädst.«

»Esattamente, das machen wir! In einer halben Stunde bin ich so weit.«

Pepe war ein begnadeter Koch und ein miserabler Organisator. Er dachte sich die wundersamsten Menus aus, ohne an die Zutaten zu denken. Aber dafür hatte er ja mich, die ihm meistens weiterhelfen konnte. Eine Stunde später saßen wir an einem schön gedeckten Tisch, von der geöffneten Balkontür her war das gleichmäßige Trommeln des Regens zu hören. Das Essen war superb, der Wein trank sich wie von allein. Pepe erzählte von seinen neuesten Frauengeschichten. Es war immer dasselbe: Je nachdem wie gut der Sex war, pflegte er eine ultrakurze bis nicht ganz so kurze Affäre. Zwischendurch gab es ein Drama à l’Italienne: Der Sex war fantastisch gewesen, aber diesmal war es die Frau, die nur einen One-Night-Stand wollte. Welch ein ungeheurer Schock für Pepe! Und da wusste er: Sie war die Liebe seines Lebens! Natürlich war sie es nicht – es war bloß die Abfuhr, die ihn ekstatisch werden ließ.

Er war der italienische Gigolo, wie er im Buche steht. Manchmal fragte ich mich, ob sein gutes Aussehen ein Fluch oder ein Segen für ihn war: dichtes, schwarzgelocktes Haar, dunkle, feurige Augen, markantes Kinn, volle Küsserlippen, überdies war er unterhaltsam, lustig und galant. Wenn er sein Netz auswarf, blieben unzählige Frauen darin hängen, und so fischte er die Gründe des schönen Geschlechts leer, ohne aber wirklich Erfüllung zu finden, was er manchmal in betrunkenem Zustand zugab beziehungsweise lallte.

An diesem Abend waren seine Neueroberungen schnell erzählt. Dann fragte Pepe nach Jo, worauf ich so ausweichend reagierte, dass er hellhörig wurde und Genaueres wissen wollte. So erzählte ich ihm die Geschichte der verschwundenen Amelie, was er wahnsinnig spannend fand – so leidenschaftlich und dramatisch! Dummerweise erzählte ich ihm auch, dass Amelie anscheinend häufig auf Sardinien weilte. Da war er nicht mehr zu halten: »Sardegna, großartig! Du musst runterfahren, unbedingt!«

»So weit kommt’s noch.«

»Ja, genau, so weit kommt’s. Du willst sie finden – nun weißt du, wo sie zu finden ist, also los!«

»Ich bin doch nicht verrückt.«

»Ja, auch du bist nicht vollkommen.«

»Stell dir vor, ich fahre runter und sie will mich nicht sehen.«

»Dann wartest du so lange, bis sie Vernunft annimmt. Ich könnte dich übrigens begleiten.«

Ich sah ihn verständnislos an.

»Nach Sardinien! Auf dem Weg zu meiner Familie kann ich dort vorbeifahren.«

»Lebt deine Familie nicht in der Nähe von Neapel? Sardinien ist bekanntlich eine Insel, die liegt nicht am Weg.«

»Dir zuliebe schon.« Als er mir ein Casanova-Lächeln schenkte, blitzten seine Zähne auf. »Wie auch immer es weitergeht – mit oder ohne Jo –, du musst herausfinden, was es mit Amelie auf sich hat.«

Amelie

Im Juni, nach der Klinik, reiste ich nach Sardinien und begann mich zu erholen – für meine Begriffe aber viel zu langsam. Einmal mehr hatte ich das Vertrauen in mein Gehirn verloren – der Schock über meinen Zustand saß mir tief in den Knochen. Und obwohl es aufwärts ging, fand ich nicht ganz aus dem Sumpf heraus, und ich wusste auch, warum das so war: Zsa Zsa hielt mich an den Füßen fest. So gerne wäre ich wieder mit ihr Zug gefahren, aber warum sollte ich? Das würde meine Sehnsucht nicht stillen können, mehr noch: Es würde meinen zerbrechlichen Zustand gefährden.

Die Eltern meiner Mutter stammen aus Sardinien und sind wie so viele ihrer Landsleute in den Fünfzigerjahren in die Schweiz ausgewandert. Ihr Haus in Maddalena, auf der kleinen, Sardinien vorgelagerten Insel, blieb im Familienbesitz und wird seit den Achtzigerjahren als Ferienhaus benutzt. Es ist ein großes zartrosa Gebäude mit grauen Fensterläden, dreistöckig, auf jeder Etage befinden sich fünf Zimmer, die so hoch sind, dass man darin Federball spielen könnte. Neben dem Eingang steht eine riesige Pinie, die großzügig Schatten spendet. Ein halber Hektar Buschwald gehört zum Anwesen. Das Haus steht etwas außerhalb von La Maddalena; man sieht von dort aus aufs Meer hinaus und zur Küste Sardiniens. Schon als Kind bin ich in den Ferien hierhergekommen und tue es immer noch – manchmal um zu malen, manchmal zur Erholung.

Ich war glücklich, auf Sardinien zu sein, meine Nonna zu treffen, die wieder hier lebte, nicht im Haus, sondern in einer kleinen Wohnung; Verwandte zu sehen, Rosalia und all die anderen. Ich wurde von Einladung zu Einladung weitergereicht. Meine ausgetrocknete Seele saugte den sardischen Überschwang und die Wärme auf.

Malen jedoch konnte ich nicht: Ich ging zwar jeden Tag ins Atelier, schlenderte durch die Unordnung, holte eine Leinwand hervor und stellte sie wieder zurück. Mir fehlte die innere Stabilität, um abstrakt zu malen. Aber ich begann, in meinem Notizbuch Skizzen von der Umgebung zu machen. Die Welt abzuzeichnen schaffte eine Verbindung zu ihr und stärkte den Boden unter den Füßen. Auch beim Lesen brauchte ich klare Strukturen: Ich las Fantasyromane, in denen das Gute und das Böse nichts anderes als gut oder böse waren; Biografien von Menschen, die etwas Erfreuliches geschaffen haben oder große Hindernisse überwunden. Ich las wieder das kleine Buch Der Mann, der Bäume pflanzte von Jean Giono. Bäumchen für Bäumchen hatte der Schäfer angepflanzt und mit den Jahren einen Wald hingezaubert, der die Tiere zurückbrachte. Ich las Bücher, die ich als Mädchen gelesen hatte – sie brachten mich in die unschuldige Zeit vor meiner Krankheit zurück.

Zu Beginn der Schulferien kam mein Lieblingsneffe Moritz auf Besuch. Er war der Sohn meiner Schwester Delphine, elf Jahre alt, handwerklich geschickt und ein tüchtiger Arbeiter. Zusammen bauten wir Fabelwesen im Garten. Seine unbekümmerte Art tat mir gut. In Gesellschaft von Kindern und Tieren fühle ich mich nie krank – das ist ihre wunderbare Magie. Ihnen fehlt der nötige Intellekt, um mich in Schubladen zu stecken. Und so war Moritz’ Anwesenheit das Beste, was mir passieren konnte. Mich um ihn zu kümmern erinnerte mich daran, dass ich mich auch um mich kümmern musste – eine Fähigkeit, die ich während der Depression verliere. Manchmal ist allein der Gedanke zu duschen eine totale Überforderung.

Ja, es ging mir verhältnismäßig gut, aber es würde wohl noch einige Zeit dauern, bis der Schatten der Depression mich ganz verlassen haben würde.

Zazou

Die Wochen vor den Sommerferien waren anstrengend: Ein paar meiner Klassen standen vor dem Abschluss ihrer Ausbildung, sie mussten büffeln und ich einen Fragenkatalog zusammenstellen, anhand dessen ich prüfen würde, ob sie genug gebüffelt hatten. Im Fach Geschichte gab es nur mündliche Prüfungen, das bedeutete, dass ich von morgens bis abends im Viertelstundentakt nervöse Prüflinge noch nervöser machte. Mündliche Prüfungen waren meiner Ansicht nach eine ungerechte Mischung aus Lotterie und Stresstest – ein gefundenes Fressen für Sprachgewandte, ein Albtraum für Schüchterne. Ich hasste sie und war mehr als glücklich, wenn das Theater vorüber war.

Mutter und ich begaben uns auf unseren traditionellen Sommerausflug. Wir fuhren nach Biel, dort mit der Bahn hinauf nach Magglingen, durch Wälder und über Hügel durch die Twannbachschlucht hinab nach Twann und an den Bielersee. Kürzlich hatte ich Mutter am Telefon gesagt, was der Stand der Dinge bei Jo und mir war, nun wollte sie mehr darüber erfahren. Ich erzählte ihr alles und fragte sie nach ihrer Meinung.

Mama ließ sich für ihre Meinung viele Schritte Zeit. Durch die Bäume sah man das blaue Glitzern des Sees, dahinter verschwommen die Alpen, der Himmel von einem ausgewaschenen Jeansblau. Obschon wir früh losgegangen waren, begann sich die Hitze elefantenschwer auf uns zu legen. Ich hätte aus der Haut fahren können, so ungeduldig erwartete ich Mutters Einschätzung.

Endlich begann sie. »Eigentlich weißt du die Antwort schon.«

»Mama, kannst du mich nicht wie eine normale Mutter mit Ratschlägen eindecken, anstatt auf Sphinx zu machen?!«

Sie lachte. »Und wenn ich das täte, würdest du mir wütend erklären, dass ich mir die mütterlichen Ratschläge sonst wohin stecken soll.« Als sie mein missmutiges Gesicht sah, sagte sie: »Ich schätze deine Situation folgendermaßen ein: Gleichgültig, was mit Amelie sein wird oder nicht, seid Jo und du am Endpunkt angelangt. Macht man eine Beziehungspause, bedeutet das in den meisten Fällen das Beziehungsende. Wenn ich an die letzten zwei, drei Jahre denke, so kommt es mir vor, als wäre die Beziehung für dich nur noch nebenhergelaufen. Gemütlich, geborgen und sicher sind wichtige Zutaten für eine Partnerschaft, doch sie allein genügen nicht.«

Ich blickte zu Mutter, deren Gesicht unter dem großen geflochtenen Hut nachdenklich aussah. »Aber wie kann ich sicher sein, dass die Beziehung mit Jo zu Ende ist?«

»Nehmen wir mal an, du findest Amelie nicht oder du findest sie, aber sie erwidert deine Gefühle nicht – was würde das Jo gegenüber verändern? Würdest du um eure Beziehung kämpfen?«

Ich blieb stehen, nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack und trank. Mutter machte es mir gleich. Wir lupften unsere verschwitzten T-Shirts, genossen die Luft, die den verklebten Rücken kühlte. Ich dachte an Lalas Hinweis, dass wir nur mit dem Herzen gut sehen, und versuchte mit meinem zu schauen. Ich räusperte mich. Schwieg. Räusperte mich. Dann: »Ich würde wohl nicht zu Jo zurückwollen, so sehr ich sie auch mag.«

Diese Erkenntnis aus meinem Mund zu hören traf mich wie der Schlag. Die Wörter segelten durch die Luft, in die Freiheit hinaus, und ich machte keine Anstalten, sie zurückzurufen. Sie ritten auf einer Brise und veränderten mein Leben. Dann dachte ich an die liebe Jo und was auf uns zukommen würde, und mir graute davor. Mutter drückte mich an sich. Tränen schossen mir in die Augen.

Nachdenklich sagte Mutter: »Man kann nie genug bekommen von dem, was man nicht will. Jo kann dir offenbar nicht das geben, was du brauchst. Einfach weil sie nicht ganz die Richtige ist.«

Wir setzten uns unter eine Buche, die einsam auf einer Lichtung stand, und aßen unter ihrem großzügigen Schatten unser Mittagsbrot. Und während des Essens und auch als wir die Wanderung fortsetzten und später am See, redete und redete ich. Sprach alles aus, was es zu Amelie, Jo und mir zu sagen gab. Mutter hörte zu; selten stellte sie eine Frage. Am Abend verabschiedete ich mich dankbar von ihr, und zu Hause angekommen setzte ich mich mit einem Glas Rotwein und ein paar Teelichtern auf den Balkon.

Ich grübelte: Wie kann es sein, dass man sich in einer guten Beziehung wähnt und wie aus dem Nichts ist diese zu Ende? Zu sagen, dass Amelie der Grund war, greift zu kurz. Mir kam die Bank im Garten meiner Mutter in den Sinn: Jeden Sommer riss die Sonne Spalten in den weinroten Belag, jeden Herbst musste ich diese Risse überstreichen. Dafür hätte ich zuerst die alte Schicht anschleifen müssen, aber das tat ich faule Teenagerin natürlich nicht. So legte ich Schicht über Schicht über Schicht, und eines Tages begannen diese Schichten in einem Stück abzublättern und legten das Holz darunter frei – man konnte die Farbe einfach abziehen. Das geschah unerwartet (jedenfalls für mich als Laiin), die Oberfläche hatte doch passabel ausgesehen! Unter der Oberfläche aber hatten physikalische und chemische Prozesse gewirkt, die schließlich die Farbe komplett vom Holz lösten.

Nun hatte ich erkannt, dass ich die Beziehung mit Jo nicht mehr weiterführen wollte, egal was mit Amelie sein würde. Die einzig richtige Konsequenz, die man aus dieser Erkenntnis ziehen konnte, bestand darin, die Beziehung zu beenden.

Tat ich das?

Ich tat es nicht.

Weil ich zu feige war, weil ich Jo nicht verletzen wollte, weil ich der Realität nicht ins Auge schaute, weil ich hoffte, dass doch noch alles in Ordnung käme. Oder einfacher ausgedrückt: weil ich eine Memme war. Eine Zeit lang sah ich nicht in den Spiegel – ich hätte mir jedes Mal die Zunge rausgestreckt.

Normalerweise freute ich mich auf die Sommerferien, auf den Urlaub mit Jo. Dieses Jahr hatten wir Irland bereisen wollen, daraus wurde jetzt nichts. Ratlos lungerte ich zu Hause herum, ging mit Freundinnen baden, half Mutter im Garten. In der zweiten Woche war ich auf ein Bier bei Pepe eingeladen. Wir plauderten über dies und das, dann fragte er mich nach dem Stand der Dinge mit Amelie und Jo. Seltsamerweise freute er sich über die Entwicklungen und erklärte dann, warum er mich eingeladen hatte: »In zwei Tagen fahre ich nach Neapel zu Verwandten – Zeit für dich also, die Koffer zu packen.«

Mir verschlug es die Sprache.

»Um vier Uhr morgens geht’s los. Ich klingele bei dir. Du kommst doch mit? Du musst – ein solches Taxi kriegst du nicht wieder. Leider konnte ich es dir nicht früher sagen, weil ich von der Reise auch erst seit heute Morgen weiß. Meine liebe Cousine Arianna liegt in den Wehen. Ich würde am liebsten heute noch losfahren, aber ich muss vorher ein paar Dinge erledigen.«

Er blickte mich erwartungsvoll an. »Was sagst du – kommst du mit?«

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Mit einer solchen Chance hatte ich nicht gerechnet. Mir kam Einsteins Aussage in den Sinn, dass Gott nicht würfelt, aber trotzdem sind die Würfel manchmal gefallen.

»Du kommst mit, oder?«

Und während es in mir nein! – nein! – nein! rief, glühte mein Herz und ich sagte: »Ja!«

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9783959172202
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