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Daniela Gregori · Rainer Metzger
CHRISTIAN LUDWIG
ATTERSEE
Die Biografie
Mit 577 vom Künstler ausgewählten Abbildungen 2., aktualisierte Auflage

Unseren Wiener Freunden
Wir danken für vielfältige Unterstützung: Angela Baillou, Heike Curtze, Andreas Deppe, Dieter Gottwald, Chico Klein, Rudolf Klingohr, Ursula Krinzinger, Monika Lichtenfeld, Horst Ludwig, Markus Lüpertz, Sigrid Nachbar, Walter Pichler, Gerhard Rühm, Hanni Rühm, Susi Saipt, Michaela Spiegel, Peter Weibel, Renate Winkler-Wilde sowie der Familie Saric. Besonders bedanken wir uns, sie wissen, warum, bei Martina Baumung-Hirsch, Ingried Brugger und Michaela Pappernigg. Unser spezieller Dank an Christian Ludwig Attersee.
INHALT
2020
1940–1957
1957–1963
1963–1965
1965–1966
1966–1968
1968–1972
1972–1977
1977–1984
1984–1992
1992–2000
2000–2009
2009–2019
2020
Literatur
Personenregister + Bildnachweis

Vor der Villa Alber, ehemals Villa Leibenfrost. Gartenseite. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
2020
Das Polleross-Haus ist das älteste des Semmering. Wenn man den Kopf einzieht und durch die niedere Tür tritt, vorbei am Kellerzugang, den man bestenfalls gebückt durchmisst, in den Flur kommt und dann eine Kammer erreicht, die heute als Bad dient, dann sieht man den Balken mit dem Handwerkerzeichen und der Datierung: 1595 heißt es da, und man hätte es sich schon an den Maßen und den Proportionen der Keusche denken können, den dicken Mauern, der behäbigen Hingelagertheit und dem ausladenden Dach. Als Christian Ludwig Attersee zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin Evelyn Oswald 1990 sein Anwesen am Semmering erwarb, war das Polleross-Haus, benannt nach den Bauern, die es über die Epochen bewirtschaftet hatten, eine Zutat. Natürlich war es um das Haupthaus gegangen, die anliegende Villa, die einst die „Pension Villa Alber“ war, wie es ein Schild an der Eingangstür zu verstehen gibt, angebracht gleich neben der Fassadenmalerei mit Blumendekor im allerspätesten Jugendstil, die von Alois Koller stammt, dem Vater der nachmaligen österreichischen Weltberühmtheit Dagmar Koller. Die Villa ist ein typisches Produkt der Jahrhundertwende: 1882 erbaut, 1898 von Franz Ritter von Neumann auf die heutige Gestalt hin erweitert, ein wunderbares Beispiel der Bauernhausmanier, die sich ihre Muster für die stadtnahe Sommerfrische in der Schweiz und in Vorarlberg besorgte. Attersee hat die Liegenschaft vorzüglich restaurieren lassen, und so erblickt man, kommt man die Straße vom Südbahnhotel herunter, ein Denkmal der Stilkunst des Fin de Siècle, eingebettet in einen Park, der mit seinen turmhohen Nadelbäumen seinerseits ein Monument der alpinen Vegetation abgibt.
Vor dem Polleross-Haus. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
Treppenhaus der Villa Alber. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
Biografien pflegen mit etwas Bedeutendem in ihr Thema einzusteigen. Wenn schon das individuelle Leben der Banalität milliardenfachen Vorkommens unterliegt, so ist jedenfalls die Beschreibung eines Lebens, nimmt man sie in Angriff, auf das Herausragende, das Singuläre oder das Mustergültige gepolt. Nur unter dieser Prämisse wird die Biografie als Lebenslauf zur Biografie als einem literarischen Genre. Was wir hier vorlegen, ist ein Versuch in eben diesem literarischen Genre, es ist eine Biografie, keine Monografie. Und sie versucht, die Jahre und Jahrzehnte vor Augen zu stellen, in denen Attersee das wurde, was er heute darstellt: einen der bedeutendsten Künstler der Gegenwart in Österreich, aber auch eine öffentliche Gestalt von hoher Prominenz, starkem Einfluss und großer Verbreitung. Natürlich ist das eine Prädikat vom anderen nicht zu trennen, ist doch gerade bei Attersee die Einheit von Kunst und Leben, die alte Obsession der Avantgarde, angestrebt und exemplarisch vollzogen. Die Biografie, die das Leben, und die Monografie, die das Werk in den Mittelpunkt stellt, treffen sich vielfältig. In einer Moderne der Massenkultur sind die Bilder eingepasst in den Kreislauf von Verwertung und Wiederverwertung, und zwar im umfassenden Sinn dessen, was ein Bild sein kann: ein Gemälde und ein Image, ein Porträt und eine Vorstellung, eine bewusste Setzung und ein Missverständnis. Christian Ludwig Attersees öffentliche Existenz bewegt sich in der Interferenzzone all dessen. Dass er dies weiß, darüber verfügt und mit den Bildern entsprechend virtuos jongliert, zeigt ihn nicht unbedingt als Pop-Künstler – er selbst lehnt eine solche Nähe mit dem Hinweis ab, die Kollegen von der Pop-Art würden nur finden, er hingegen würde erfinden. Doch es zeigt ihn auf jeden Fall als Zeitgenossen, als mustergültigen Zeitzeugen des Pop. Was den Umgang mit Öffentlichkeit angeht und wie sie auf die Professionalität des Künstlers rückbeziehbar ist: Bei diesem Vexierspiel macht Attersee in seinem Land Österreich keiner etwas vor.
Das Treppenhaus der Attersee-Villa am Semmering steht unter Denkmalschutz. Es ist vollständig erhalten, mit seiner Stiege und den dreißig steilen Stufen in ihrer großzügigen, um zwei Ecken gezogenen Erstreckung, zwischen deren Wangen als Lampe ein sogenanntes Lüsterweibchen hängt, ein Paradestück des Historismus in seiner Anmutung des Gotischen. Eine Art Balkon markiert die vierte Seite des Treppenhauses, von hier aus ergibt sich der beste Blick auf das zentrale Werk des Traktes, gemalt vom Meister selbst: ein Porträt von Ingried Brugger, der jetzigen Hausherrin, samt Jules, dem tibetanischen Tempelhund. Gemälde gibt es zuhauf in diesem Prachtbau, wenige indes stammen von Attersee. Gehängt sind sie in erstaunlich strenger Systematik: Im Foyer wird man stilecht empfangen von Gustostücken der Jahrhundertwende, von einem Rückenakt des belgischen Symbolisten Willy Schlobach und einem 1899 ins Pastell gebannten Doppelporträt von der Hand des Wiener Gesellschaftsmalers Franz Hohenberger, das zwei Schwestern aus der Dynastie des Sektherstellers Kattus zeigt. In der Küche prangen Küchenstillleben, eines der Gästezimmer ist allerliebst ausgestattet mit Frauenakten sowie, als ließe sich darin eine Logik greifen, einem Leopardenfell; eine andere der im zweiten Stock gelegenen Unterkünfte ist tapeziert mit Hundebildern.

„Ingried und Jules“. 2003/06. Acryl und Lack auf grundierter Leinwand. 187 x 187 cm

Musikzimmer. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
Prachtstück des gesamten Hauses ist das Esszimmer, der ehemalige Salon: In Paris hat der Hausherr dafür eine Speisegarnitur namens „London“, hergestellt von der Wiener Möbelmanufaktur Portois und Fix in dessen großer Zeit um 1900 ausfindig gemacht, mit ausladendem Tisch, an dem leicht fünfzehn Personen Platz nehmen können, mit den entsprechenden Sesseln, mit zwei Vitrinen und einer Anrichte; Attersees 1997 fertiggestelltes Triptychon „Junges Blau“, „Naturbursch“ von 1982 und „Erstes Grün“ von 1991 setzen dieser Schwelgerei in Jugendstil zeitgenössische Akzente entgegen, und es gibt eine Jukebox in bester Fifties-Herrlichkeit, eines jener Ausstattungsstücke, die Attersees Existenz garnieren. Denn jede seiner Wohnungen und jedes seiner Ateliers ist mindestens mit folgenden Unabdingbarkeiten bestückt: mit einem Flügel, einem Großbildschirm samt Abspielgeräten für Video und DVD, einer Musicbox, die ihre besten Tage gesehen hat und meist außer Funktion ist, einem großen Kühlschrank mit entsprechenden Weinvorräten sowie einigen Kommoden und Wandschränken, die der Künstler selbst entworfen hat, erkennbar vor allem an den Griffen in Knopfform, weil nur so, wie er sagt, gewährleistet ist, dass sie auch praktikabel sind.

„Junges Blau“. 1997. Triptychon. Acryl und Lack auf grundierter Leinwand. 105 x 315 cm
„Naturbursch“. 1982. Acryl und Lack auf grundierter Leinwand. 105 x 105 cm
Esszimmer. Fotografie von Kurt-Michael Westermann

„Erstes Grün“. 1991. Acryl, Lack und Farbkreide auf grundierter Leinwand. 105 x 105 cm

Billardzimmer
Eine spezielle Trouvaille unter all den kleinen Sensationen der Villa ist der Billard-Salon im ersten Stock. Der Tisch, der die Mitte besetzt hält, ist wie fast immer bei Attersee ein Vintage-Stück, ein Original aus den amerikanischen fünfziger Jahren, hergestellt von Brunswick, dem ehrwürdigen Unternehmen, 1845 gegründet mit Firmensitz in Chicago. Auch die anderen Ausstattungsstücke des Billard-Salons können sich im Sinn authentischer Herkunft sehen lassen. Den Raum und seine Atmosphäre dominieren mehr als fünfzig afrikanische Standfiguren, allesamt von einem halben Meter Höhe bis zu Lebensgröße, meist weiblichen Geschlechts mit ausladenden Brüsten und überbordenden Unterleiben. Links und rechts an den Seitenwänden postiert, vor Bücherregalen, die es selbstverständlich auch noch gibt, blicken sie einen an und sehen einfach zu, als wären sie jene Schauplatzwächter, die vielfältig Attersees Bildwelten verkörpern und die Menschen verwundert und amüsiert beobachten bei ihren verqueren Verrichtungen. Unter den Plastiken gibt es einige Bangwa-Figuren aus der Gegend des heutigen Kamerun, die Attersee besonders liebt: ausdrucksstarke Gebilde, die eine Art Ponderation auszeichnet, die ausbrechen aus der Starre der Stelenhaftigkeit, die ihren Kopf leicht schräg halten und so etwas wie Kontaktaufnahme erlauben. Weitere solcher Figuren gibt es in Attersees Atelier, wo sie, abermals Schauplatzwächter, dem Künstler beim Malen über die Schulter blicken. Das Atelier hat er sich vor einigen Jahren geleistet, einen Zweckbau modernen Zuschnitts, loftartig mit großen Seitenfenstern und einem grasbewachsenen Flachdach für die Camouflage, dessen Untergeschoss von einer weiteren Besucherattraktion markiert wird, einem geräumigen Schwimmbad.

Schallplattenzimmer
Attersee ist ein manischer Sammler. Das Exquisite der Möbel und Ausstattungsstücke wird gekontert von der Exuberanz der Dinge, die es sonst noch gibt. Vis-à-vis des Eingangs öffnet sich die Tür in das Plattenzimmer, hier sind in raumhohen Vitrinen insgesamt 8.000 Schallplatten gelagert, Unterhaltungsmusik von Elvis und den Rock ’n’ Rollern, aber auch von Caterina Valente oder Udo Jürgens: Meine Lieblingsmusik im Unterhaltungsbereich ab Ende der 1950er Jahre ist bis heute Rhythm ’n’ Blues, Soul- und Jazzmusik, etwa Otis Redding, Ruth Brown, James Brown, Isaac Hayes und Charles Mingus. Die 12.000 Scheiben mit den klassischen Werken hat Attersee in Wien aufbewahrt. Schier jeder Raum ist von Regalen eingegrenzt, die die Bücher aufnehmen, von denen Woche für Woche durchschnittlich vierzig Bände angeschafft werden; viele von ihnen sind noch originalverpackt, doch ihr Besitzer versichert seriös, allein die Beschäftigung, sie zu erwerben, signalisiere ihm den Inhalt der Werke. Unterm Dach erwartet einen die nächste Kollektion: In Regalen und vor allem in Papiersäcken eines Wiener Filmladens auf dem Fußboden sind DVDs angehäuft, geschätzte 25.000 Titel, Filme und filmische Dokumente aus allen Sphären des Kinematografischen, die zum einen erworben wurden, weil Attersees Professur an der Wiener Universität für angewandte Kunst auch Trickfilm beinhaltete, und die zum anderen ein weiterer Beleg sind für die Lust an der Aneignung.
Blick ins Atelier am Semmering. Fotografie von Kurt-Michael Westermann

Atelierhaus am Semmering
Das Englische unterscheidet beim Sammeln zwei Begriffe: das „collecting“ und das „gathering“. Während jenes die räsonierend-detektivische Suche nach dem einen unbedingten Exponat, das fehlt, in den Mittelpunkt stellt, beinhaltet dieses eine Option auf Wahllosigkeit – oder zumindest auf eine Nonchalance, die davon ausgeht, dass unter dem vielen, das man erwirbt, schon das Richtige mit enthalten sein wird. Attersee ist in diesem Sinn ein Gatherer, einer, der hortet und rafft, und er gibt unumwunden zu, dass es die Erfahrung der Kargheit in seinen ersten Lebensjahren ist, die ihn hier motiviert. Nie wieder Mangel, das ist das Motto, und bis zur Verausgabung wird herbeigeschafft und herangeholt. Manche sagen, es sei krank, wie ich sammle. Das Gegenteil stimmt: Weil ich sammle, bin ich gesund. Und bei aller puren Überwältigung durch die Quantität dessen, was alles da ist, kann ihr Besitzer das Gesuchte mit geübtem Sensorium schnell aufspüren. Bücher, Schallplatten, CDs sind meine Verwandten.
Malend im Garten der Villa Alber. Sommer 1992. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
Attersees Villa am Semmering ist ein Ensemble von berückender Stimmigkeit und Eleganz. Sie ist das perfekte Ambiente für jene Reportagen ad personam, die man ganz international Home-Story nennt, die aber besonders ein spezielles Faible der österreichischen Promi-Berichterstattung markieren. Attersee wird davon nicht gerade verschont, wie sollte er auch, ist er doch eine Figur, mit der sich Kapital machen lässt in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Als im Spätsommer 1997 die „Seitenblicke“ ihr zehnjähriges Bestehen feierten, das Gesellschaftsmagazin des Staatssenders ORF, das der nationalen Prominenz auf die Lippen und in die Buffet-Teller schaut, wurde eine Liste derer publiziert, die am häufigsten zur telegenen Wortspende gebeten wurden. Die Liste führte der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk an, der langjährige Bundeskanzler Franz Vranitzky war Fünfter, doch nach Society-Afficionados wie Niki Lauda oder Theatermenschen wie Otto Schenk und Fritz Muliar war an 25. Stelle „Ch. L. Attersee“ gelistet. In einem Land, dessen Feuilletons sich neben dem Ressortleiter die längste Zeit einen zweiten Redakteur für alle Belange der Bühne geleistet hatten, während für Malerei und Bildhauerei meistens ein freier Mitarbeiter verantwortlich zeichnete, ist Attersees Präsenz im Massenmedium Fernsehen doch erstaunlich. Diese Präsenz kommt ihm als bildendem Künstler zu, und es macht sich bemerkbar, dass er der erste war, der in Österreich den Elfenbeinturm der Autonomie verlassen hat. Die „Seitenblicke“-Statistik berücksichtigt nur einige wenige Monate der Ära Rudolf Klingohr, der mit seiner Produktionsfirma „Interspot“ Ende 1996 für das Format verantwortlich wurde. Klingohr, von seinen Freunden „Purzl“ genannt, ist ein wichtiger Weggefährte Attersees. Man darf sagen, dass das Ranking seither einigermaßen stabil geblieben ist. Doch Klingohr war schon 1969 bei „Gruß Attersee“, dem ersten abendfüllenden Streifen, als Kameramann dabei, er hat diverse Sendungen mit und über Attersee betreut, Dokumentationen wie „Gemaltes Leben“ und Künstlerfilme wie „Attersee in Tennessee“. Die Grenzen jedenfalls zwischen Arbeit in der Hochkultur und Produktion für ein Millionenpublikum sind fließend. Eine solche Offenheit ist nicht weniger als die Grundlage künstlerischer Identität in der Gegenwart.
„Attersee in Tennessee". 1987. TV-Film nach einem Konzept von Attersee und Rudolf Klingohr. Attersee-Konzert auf einem River-Shuffle-Boat. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
Attersee-Auftritt in Gabe’s Lounge, Nashvilles berühmtestem Live-Musik-Lokal. 1987. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
Rudolf Klingohr, Eva Deissen, Reinald Nohal, Wolf Fuchs, Herbert Krill, Peter Seemann, Evelyn Oswald, Kurt-Michael Westermann, Attersee, Erwin Wagenhofer – das Filmteam. 1987. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
Mit den konkreten Umständen bekannt zu machen, in denen jemand lebt, über dessen Leben zu erzählen sich lohnt, ist etwas anderes als die Verbreitung von Klatsch. Wolfgang Hildesheimer, der die vielleicht bedeutendste Lebensbeschreibung zu Mozart verfasst und wie kaum ein Zweiter nachgedacht hat über die Grenzen und die Chancen des Prinzips Biografie, bemerkt zu dieser Form von vitaler Nähe zur dargestellten Person, die er „Ausführlichkeit“ nennt: „Ich will ein Element beibringen, das ich in den meisten Biographien, und nicht nur in ihnen, (…) vermisse: die Beschreibung des Alltäglichen, des der großen Rede Unwürdigen oder des als bekannt Vorausgesetzten und zu seiner Zeit nicht Mitteilenswerten, dessen Wichtigkeit als Beitrag zum äußeren Bild des Geschichtlichen sich aber im Lauf von Dekaden, und erst recht von Jahrhunderten, steigert. Der Alltagsablauf als Handlung anhand konkreter Dinge: die Requisiten für Arbeitstage und Reisetage, (…) die Spiele der Mußestunden, die Speisen und Weine der Mahlzeiten, die Räumlichkeiten und Bequemlichkeiten, die Kommoditäten; die zahlreichen unerwähnten Figuren, die es den Erwähnten erst möglich machen, in ihrer Funktion als Hauptdarsteller, als Kommentatoren und Partner (…) aufzutreten“ (Hildesheimer 1984, 23f.).

Auf der Atelier-Terrasse in Illetas. April 2010. Fotografie von Kurt-Michael Westermann

Meerblick von der Terrasse in Illetas, Mallorca

Meerblick von der Terrasse in Illetas, Mallorca

„Kocher“. 1994. Acryl und Lack auf grundierter Leinwand. 116 x 89 cm

„Bibel“. 1994. Acryl und Lack auf grundierter Leinwand. 89 x 116 cm

„Ballfleisch“. 1995. Acryl und Lack auf grundierter Leinwand. 89 x 116 cm

„Elektrisches Licht“. 1995. Acryl und Lack auf grundierter Leinwand. 89 x 116 cm
Malend im Atelier in Illetas. April 2010. Fotografien von Kurt-Michael Westermann
Das Erscheinen der Erstauflage dieses Buches im Jahr 2010 hatte den 70. Geburtstag des Künstlers zum Anlass. Die Idee dazu war während unseres Besuches im Sommer 2007 in Attersees Atelier auf Mallorca entstanden. Beim Blick auf den Flügel und die Jukebox, den großen Eisschrank, den großen Bildschirm und die großen Sonnenuntergänge über dem Meer ernteten wir mit unserem Plan jenes milde, jenes typische Attersee-Lächeln, das viel Ironie enthält und ein sonniges Wissen darum, es verdient zu haben, und das niemals ausbricht in Lautstärke oder Kumpanenhaftigkeit und Schulterklopferei. Mittlerweile hat ein weiteres Jahrzehnt seine Runde gedreht, der Meister feiert seinen Achtzigsten, und viel ist passiert in der Zwischenzeit. All das soll diese erweiterte Auflage rechtfertigen. Es ist ein Kapitel hinzugekommen, das die Zeit von 2010 bis 2020 Revue passieren lässt, und Fehler wurden ausgebessert. Einiges musste stehen bleiben, auch wenn die Aktualität darüber hinweg gegangen ist – vor allem in jenen traurigen und leider ziemlich vielfältig eingetretenen Fällen, da Weggefährten Attersees in der Zwischenzeit verstorben sind. Manche Formulierungen in der Mitte des Buche lesen sich deshalb, als würden sie noch leben. Das ist so aus drucktechnischen Gründen, und wir möchten dafür um Nachsicht bitten.
Als wir Christian im April 2010 das Manuskript seiner Biografie präsentierten, war die Reaktion unnachahmlich: Ein schönes Buch sei das geworden, befand er, sehr informativ zum kulturellen Wien der Sechziger bis 2000er Jahre: Ich selber komm darin ja kaum vor. Wir hoffen dennoch, ein wenig von dieser komplexen und ausgiebig von der Künstlermentalität geprägten Persönlichkeit erhellt zu haben.
Christian jedenfalls hat uns im seinerzeitigen und genauso im jetzigen Verlauf des Unternehmens nach allen Kräften unterstützt und uns in jeder Form seine Wohnungen, sein Archiv in den Wiener Tuchlauben und vor allem seine Gedankenwelt geöffnet.* Bei allem Bestreben, mit dem nun vorliegenden Ergebnis eine Hommage zu liefern, denken wir doch auch an einen Anspruch, den Hildesheimer so formuliert hat: Einen „Beitrag“ zu liefern zum „äußeren Bild des Geschichtlichen“, das erst bei den Nachgeborenen für Transparenz sorgen wird. Dass Attersees Schaffen und damit sein Leben von einer Qualität sind, die sich, wieder mit Hildesheimer, „im Lauf von Dekaden und erst recht von Jahrhunderten“ erweist, davon sind wir allerdings überzeugt. Diese Überzeugung hat das letzte Jahrzehnt spielend überdauert.
* In Kursivschrift sind diejenigen Zitate zu lesen, die von Attersee selbst stammen. Folgt auf ein Zitat kein Stellennachweis, so entstammt es den vielen Gesprächen, die wir mit Attersee (und anderen) geführt und dabei aufgenommen haben.
Malend im Atelier in Illetas. April 2010. Fotografien von Kurt-Michael Westermann

Mittelteil des Palais Palugyay. 1942. Ab den 1930er Jahren im Besitz von Karl Ludwig, Attersees Großvater, dem bis 1945 größten Weinhändler der Slowakei
1940–1957
Christian Ludwig wurde am 28. August 1940 in Bratislava, auf deutsch Pressburg, der heutigen Hauptstadt der Slowakei, geboren. Nicht 1941, 1942 oder 1943, auch nicht in Wien oder Linz, wie es in diversen Publikationen, Katalogen und Presseberichten einst verlautete. Es gab eine Zeit, da hielt der junge Künstler nichts von derlei biografischen Festlegungen, weil das alles viel zu wichtig genommen wird (Schmölzer 2008, 30). Entsprechend nonchalant ging er mit seinen Geburtsdaten um. Der Einzige, der sich irgendwann wunderte, war Horst, Christians jüngerer Bruder, der so zwischenzeitlich in die Lage kam, der ältere von beiden zu sein. Doch all das kam viel später, das Verwirrspiel mit Geburtsort und -datum ging einher mit einer Erweiterung des Namens, als aus Ludwig ein zweiter Vorname wurde und aus dem Christian der Attersee.
„Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war.“ Johann Wolfgang Goethe setzt mit diesen Worten in seinen Lebensbericht „Dichtung und Wahrheit“ ein, dessen erste Zeile im ersten Buch lautet: „Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt“ (Goethe 1998, 10). Damit ist festzustellen, dass Goethe und Attersee den Geburtstag teilen. Wenn auch nicht die Stunde: Der kleine Christian wurde Erdenbürger um halb drei Uhr morgens. Zu ergründen, ob die Konstellation der Gestirne am 28. August 1940 so glücklich war wie 191 Jahre vorher, mag sich damit erübrigen.

Im Krankenhaus in Pressburg. 1941
Blick in den Weinkeller des Palais Palugyay. 1943
Mitte des 19. Jahrhunderts waren drei Brüder aus Asch im Egerland, damals zum österreichischen Teil der Doppelmonarchie gehörend, auf die Wanderschaft gegangen, um irgendwann in Pressburg in deren ungarischer Hälfte anzukommen. Einer brachte es im Lauf der Jahre zum Bürgermeister, ein anderer eröffnete ein Wirtshaus. Als der spätere Attersee zur Welt kam, war die Sippschaft weitverzweigt und wohlhabend, seit Generationen schon verstand sich die Linie des Gastronomen auf den Weinhandel. Der Erfolg, den die Familie damit hatte, ist heute noch nochvollziehbar: Wo einst die Firma Christian Ludwig & Sohn ihre Zentrale hatte, residiert jetzt das slowakische Außenministerium. Einer gewissen Tradition entsprechend wurde der erstgeborene Sohn auf den Namen Christian getauft, einer anderen Tradition, in den Weinhandel einzusteigen, hatte sich jedoch bereits Christians Vater verweigert. Nach einer Ausbildung an der Metallgewerbeschule war es zunächst der Wunsch des älteren Christian Ludwig gewesen, sich professionell der Malerei zu widmen, doch wie so oft stieß dieses Ansinnen auf nur wenig Akzeptanz des Vaters. Architektur lautete der Kompromiss, das Studium in Brünn und München schloss Christian Ludwig (1901–1967) mit Diplomen für Hoch- und Tiefbau ab. Zurück in Bratislava arbeitete er zunächst im Büro Kimmer-Szõny, 1928 machte er sich selbständig.
Und das durchaus mit Erfolg, denn wie einige Exempel noch heute veranschaulichen, darf Christian Ludwig als einer der Väter des modernen Bauens in Bratislava gelten. Gemeinsam mit dem Kollegen Augustín Danielis realisierte er, dessen Familie selbst der reformierten protestantischen Kirche angehörte, das Lutherhaus (heute das Generalbischofsamt, Palisady 46–48), ein fünfgeschossiges Paradestück des Funktionalismus, das der Administration und mehreren Wohnungen Platz bot. Zu einer Art „signature building“ für die Stadt wie auch für die beteiligten Architekten Ludwig, Danielis und Emrich Spitz avancierte das Manderla-Gebäude, das erste Hochhaus Bratislavas aus dem Jahr 1935. War da nicht ein Hauch von Metropole zu spüren? Der Auftrag kam von Rudolf Manderla, der, eben zurückgekehrt aus den USA, seine Vorstellungen hatte, das staunend Gesehene in der Heimat für sein Metier zu nutzen. Manderla, ein Wurstfabrikant, hatte sein Verkaufsgeschäft im Parterre, und es gab Platz genug für eine Vielzahl von Läden. Die Architekten hatten einen elegant gebogenen Arkadengang angelegt, eine Passage, die abzweigte von der Betriebsamkeit der Straße und eine großstädtische Gelegenheit bot, einzutreten in eine Welt des Konsums und der Flanerie. Ganz oben, nach dem zehnten Stock mit dem schicken Aussichtscafé, war von weitem sichtbar der Name des Auftraggebers in Leuchtbuchstaben zu lesen.

Weinetikett der Firma Christian Ludwig & Sohn
Der Weinhändler Karl Ludwig, Attersees Großvater. 1943
Multifunktional ist eines der Adjektive, das immer wieder in Beschreibungen der Bauten von Christian Ludwig dem Älteren zu lesen ist; er selbst wiederum war durch seine beiden Diplome so vielseitig wie seine Bauten. Es dauerte nicht allzu lange, bis sich weitere Aufträge einstellten: ab 1939 dann eine Wegstrecke donauaufwärts, aber der Zeit entsprechend nicht in Wien, sondern in Linz. Als sein erstgeborener Sohn zur Welt kam, pendelte der Architekt bereits zwischen seinen beiden Arbeitsplätzen, nicht, wie man meinen würde, zu Land, er pendelte zu Wasser. Die Distanz wurde mit dem Motorboot zurückgelegt. Wie später die beiden Söhne war auch der Vater mit Schiffen vertraut und verbunden, er feierte Sporterfolge in der Klasse der motorbetriebenen Rennboote, zudem waren damals bereits zwei Jollen im Besitz der Familie.

Blick auf das Manderla-Haus und die Stadt Pressburg. 1935
Die Mutter Susanne (1912–2003) und der Neugeborene, der naheliegenderweise „Christi“ gerufen wurde, blieben vorerst in der Heimatstadt. Man kann nicht behaupten, dass das Kind die ersten Jahre seines Lebens gesund gewesen wäre. Mit dem feinen Lächeln, das bis heute für ihn einnimmt, blickt der Einjährige tapfer in die Kamera, gebettet auf ein weiches Kissen, den Kopf dick eingebunden, sodass die Ohren mit ihren schweren, von Zwiebelhälften ausgebeulten Wattepaketen verdeckt sind. Eine in Kriegszeiten mit ihrem Mangel an Medikamenten schwer zu behandelnde Entzündung der Gehörgänge und dazu noch eine Erkrankung der Atemwege erwiesen sich als so hartnäckig wie folgenreich und erforderten in den ersten Jahren mehrere Krankenhausaufenthalte. Mit drei Jahren erst beginnt der Junge zu sprechen, das linke Ohr bleibt taub, der Rücken durch das viele Liegen gekrümmt. Mit einer seinerzeit gängigen Therapie versuchte man, die Wirbelsäule des Kindes zurechtzubiegen. Einen Stock hinter dem Rücken in die beiden Armbeugen geklemmt, machte sich Christian Jahre später auf den Weg zur Schule.

Das Lutherhaus in Pressburg. 1930

Das Warenhaus Brouk und Babka in Pressburg, errichtet nach den Plänen des Architekten Christian Ludwig. 1936

Stehend die Brüder Wilhelm, Aurel, Christian und Karl Ludwig, sitzend die Großeltern Aurora und Karl Ludwig. Nach 1945
Bekanntlich können Kinder beim Anblick der Fehlbarkeiten anderer gnadenlos sein, doch auf Hänseleien wegen seines verformten Rückens entgegnete Christian entwaffnend, dass er seinen Brustkorb eben am Rücken habe. Diese Behinderung wurde ohnedies von jener anderen, dass ein Ohr nicht funktionierte, in den Schatten gestellt, auch später stellte der Buckel, wie ihn der Leidtragende selbst nennt, eine eher geringe Herausforderung an das Ego dar: Ich war ja sonst unheimlich hübsch, und den Buckel hab’ ich ja selbst nicht gesehen, man hat mich auch so ins Bett geliebt. Aus der Zeit der vielen Krankenhausaufenthalte stammt die früheste wie auch seltsamste Erinnerung des schwächelnden, fiebernden Knaben: Von allen Erstprägungen gibt es eine, die ich mir bis heute nicht erklären kann: In meiner Erinnerung sehe ich, im Spitalsbett liegend, im Gegenlicht drei oder vier dunkelhäutige Krankenschwestern auf und ab spazieren. All das wäre – bis auf die Hautfarbe der Schwestern – nicht weiter bemerkenswert, wenn die Damen nicht einzig und allein mit dem einschlägigen Häubchen bekleidet gewesen wären und sich dem Knaben nicht besonders die nackten Hintern ins Gedächtnis geschrieben hätten. Bis zu seinem dritten Lebensjahr war Christian immer wieder im Spital, mit fünf oder sechs schon hat er versucht, dieser in jeder Hinsicht komischen Vision auf den Grund zu gehen. Weder seine Eltern noch irgendwer sonst konnten eine Erklärung bieten, eine Recherche vor Ort noch Jahrzehnte später blieb erfolglos – eigentlich sucht Attersee noch immer nach einer Antwort. Ich bin ja vieles, auch ein Gesäßfetischist, aber auf Krankenschwestern war ich noch nie fixiert. Jedenfalls legt er Wert darauf, dass die obskuren Gesichte mehr sind als ein Traum.

Susanne und Christian Ludwig, Attersees Eltern. 1938
Susanne, Horst und Christian Ludwig. 1943
Zwei Jahre nach Christian kam Horst zur Welt, dessen erste Erinnerungen in Bratislava sich notgedrungen auf den älteren Bruder beziehen. Dass dieser stets größer war und ihm dadurch der Blick aus dem Fenster oder das Ergreifen der höher im Regal platzierten Spielsachen möglich war, erklärt sich rein körperlich; dass der Ältere mehr Zuwendung und diverse Luftveränderungen benötigte, dagegen psychologisch. In Sachen einer Kur für die angegriffenen Lungen von Christian reiste die Mutter mit den beiden Söhnen in die Karpaten, was anfangs als Keuchhusten diagnostiziert wurde, stellte sich im Laufe der Jahre dann als Asthma heraus, ein weiteres Handicap, mit dem das Kind zu leben lernen musste.
Für „Deutsche“, als die die weitverzweigten Ludwigs galten, wurde es in Bratislava vorhersehbarerweise immer schwieriger, sodass Christian Ludwig begann, sukzessive das Hab und Gut der Familie donauaufwärts zu schaffen. Manches auf dem Landweg, vieles aber auch auf einem selbstgebauten Floß, an dem befestigt auch die zwei Motor- und die zwei Segelboote, die der Familie gehörten, in Richtung Oberösterreich verschifft wurden. Über Wien reiste die Ehefrau mit ihren beiden Kindern 1944 hinterher, ein Bombenangriff auf die Stadt, bei dem den dreien der Zutritt in einen Luftschutzkeller nahe dem Schwarzenbergplatz verwehrt wurde, zählt zu den eindrücklichsten Kindheitserinnerungen. Landshaag war die erste Station, wo die Familie bei einem Freund, dem Primarius Dr. Kurt L. Müller, unterkommen konnte. Ein Jahr später setzten die Ludwigs dann, gewarnt vom Vordringen der russischen Truppen, mit dem Floß – in der Mitte des Floßes befand sich eine bescheidene, fast würfelförmige Wohnhütte aus Holz–über die Donau: ins gegenüberliegende Aschach, in die amerikanische Besatzungszone.

Die Eltern Susanne und Christian Ludwig mit ihren Söhnen Christian (li.) und Horst. 1946
Aus „Deutschen“ in Bratislava waren in der Gegend von Linz „Slawen“ geworden, aus alteingesessenen Bürgern Flüchtlinge, und dementsprechend war der Empfang. Mit der einschlägigen Etikettierung „Du Slawensau“ konnte das Kind Christian zu seinem Glück wenig anfangen, viele Jahre später, 1980, hat er mit dem Zyklus „Der Slawe ist die herrlichste Farbe!“ auch die allfälligen Ressentiments abgearbeitet, die in der Kindheit angebrandet waren. Zumindest aber war die gesamte Familie in Sicherheit. Mit einem ausgeprägten Spürsinn für die politischen Entwicklungen hatte der Vater Vorsorge getroffen, dass auch seine Eltern und die Brüder mitsamt Familien irgendwo unterkommen konnten. Nur zwei Tage, bevor die Rote Armee in Bratislava einzog, war er ein letztes Mal vor Ort, um Wertsachen in Sicherheit zu bringen, sodass man in den Nachkriegsjahren, auch wenn es an vielem fehlte, irgendwie das Auskommen hatte. „Es ist uns nie richtig schlecht gegangen“, erinnert sich Horst.

„Slawinocker (Der Slawe ist die herrlichste Farbe)“. 1980. Mischtechnik auf Karton. 87,5 x 62,5 cm
In diese Zeit fallen auch zwei einschneidende Erlebnisse, die, auf ihre Art Initiationen, das Leben und Denken des Jungen nachhaltig prägten: als mein vater nach dem blonden knabenschopf einen meter tief in die donaufluten griff, zog er nicht nur seinen ins stromwasser gefallenen sechsjährigen sohn christian ludwig aus dem flußsog, es war gleichsam auch die geburtsstunde der liebe und des vertrauens des jungen zu wasser, zu blau. weder scheu noch angst wirkte aus dem kind, ein nasses stück menschenobst lachte am landshaager donauufer, der sturz ins wasser war schnell vergessen (Archiv Attersee, 1990, unpubliziert). Der Vater hatte seinem Sohn das Leben gerettet, er hatte mit seiner unaufgeregt-schnellen Reaktion dem Jungen dabei auch die Furcht vor dem nassen Element genommen, und ähnlich sollte es auch beim Eintritt in die Schule sein. Christian war der einzige evangelische Schüler in einer sehr ländlich und sehr katholisch geprägten Lehranstalt. Gleich zu Beginn ließ man ihn das merken, der Junge musste woanders sitzen, und er durfte nicht mit den anderen in den Religionsunterricht. „Gott gibt es nicht, aber du musst hier mitmachen“, hatte der Vater seinem Buben mit auf den katechetischen Weg gegeben. Er hat sich plötzlich umgedreht, und durch seine Ausstrahlung habe ich sofort gewusst, das ist das größte Geheimnis, das ich erfahren werde – und so war es auch. Mit dieser Nachricht musste ich leben und ich musste überleben in diesen Schulen. Bald wurde immerhin das zeichnerische Talent des ruhigen, allein durch die Hörprobleme schüchternen Kindes erkannt: Er durfte für den Lehrer alles an die Tafel malen, was im Unterricht an Illustrationen gebraucht wurde.

„Nachtslawin (Der Slawe ist die herrlichste Farbe)“. 1980. Mischtechnik auf Karton. 62,5 x 87,5 cm

„Zärtlich färbt die Slawin, das Wetter füttert (Der Slawe ist die herrlichste Farbe)“. 1979. Mischtechnik auf Karton. 56,5 x 44 cm
Christian Ludwig auf dem Floß. 1951
Nun blieb auch Zeit, musikalische Neigungen bei Christian wahrzunehmen und zu fördern. Blockflöte, Klavier und Okarina, jenes kleine tönerne, meist in Vogelform gestaltete Blasinstrument, wurden eingeübt, später kam Gitarre hinzu. Hatte der Vater Muße, zeichnete er mit ihm, und dann gab es noch das Wasser, den Wind und die Boote: siebenjährig wurde derselbe bub mitten am attersee in eine alte, von südwindwellen umspielte olympiajolle, baujahr 1936, bootsname „thetis“, gesetzt, und ob er wollte oder nicht, alleine sollte er ans festland segeln. eine stunde später legte der junge segler das bugtau der jolle um den alten anlegepöller des union jacht club attersee, ein relikt aus dem alten österreichischen kriegshafen pula und lange zierde des jachtclubufers. es war die erste wetterstunde des später so erfolgreichen seglers, es war aber auch der beginn des knabens liebe zu wetter, zu wetterfarben (Archiv Attersee, 1990, unpubliziert). Das Floß, mit dem man sich nach Westen gerettet hatte, das über die gesamte Zeit an der Donau als Ponton gedient hatte, wurde 1947 an das Ufer des Jachtclubs am Attersee verschifft, wo es, nochmals um eine Plette und einen Raum erweitert, das Sommerdomizil der Ludwigs sowie Anlauf- und Anlegestelle aller Freunde wurde. Ein dramatisches Ende erlitt die „Arche Noah“, wie die Leute es nannten, zwei Jahrzehnte später, als sie bei den Dreharbeiten zu Luchino Viscontis 1969 fertiggestelltem Spätwerk „Die Verdammten“ ihre eigene Götterdämmerung fand und verbrannte.
Mit dem Abschluss der Grundschule begann für den gerade Zehnjährigen auch schon die Zeit der Abnabelung. Aus dem Jungen sollte schließlich, wie es sich gehörte, etwas werden, er musste aufs Gymnasium, und das bedeutete, dass er in einem evangelischen Schülerheim in Linz zu wohnen hatte. So hätte er seine Eltern früh verloren, erzählt Attersee heute, vielleicht bezeichnet er auch deshalb die Beziehung speziell zu seiner Mutter als schwierig. Um 36 Jahre überlebte Susanne Ludwig ihren Mann, sie konnte den Lebenslauf ihres Sohnes in allen Facetten verfolgen, und zur Ausstellung anlässlich von dessen 60. Geburtstag erschien die betagte Dame mit sichtlichem Stolz. Der Vater – schwer herzkrank, er starb 1967 – sollte hingegen nur den zaghaften Beginn der Künstlerkarriere erleben. Zweieinhalb Jahre nach Christians Übertritt auf das Linzer Gymnasium zog 1953 dann die gesamte Familie in die Landeshauptstadt. Man wohnte wieder wie vor der Flucht: in einer schönen Gründerzeitvilla. Christian Ludwig senior, vorerst als kommunaler Architekt am Wiederaufbau der Stadt beteiligt, wollte es im Alter von 48 Jahren noch einmal wissen, verabschiedete sich von der sicheren Beamtenlaufbahn und machte sich selbständig.
Das Floß am Attersee mit den Booten „Brummer“ (X 39) und den beiden Piraten „Thetis 2“ (OE 108) und „Wasserfloh 2“ (OE 103). 1953
Für den künstlerisch begabten Sohn organisierte er privaten Zeichenunterricht bei Alfons Ortner, Lehrer an der Kunstschule Linz und Gründungsrektor der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung, die heute Kunstuniversität Linz heißt. Eine Handvoll Streichholzschachteln wurden auf den Tisch geworfen, der Mittelschüler sollte sie originalgetreu und in penibler Perspektive zeichnen. Das Künstlertum war vorgebahnt. Nicht zuletzt weil die Lehrer am Gymnasium wenig Rücksicht darauf zeigten, dass ihr Schüler einseitig taub war, gab es wenig Interesse an den Fächern; motivierter zeigte er sich beim Verfassen kleinerer Theaterstücke, von Partituren für Kurzopern, und auch ein Kriminalroman floss dem Eleven aus der Feder. Englischsprachige Comics, von den US-amerikanischen Soldaten zurückgelassen, faszinierten den Jugendlichen, und der Rock ’n’ Roll, vor allem von Elvis, tat sein Übriges. So bitter für Christian das Regime des Schuljahres gewesen sein muss, im Sommer, am Attersee, war er in seinem Element. Aus der Musicbox des Strandcafés kam Einschlägiges, und neben „She’s Got It“ von Little Richard ist es „Heimweh“ von Freddy Quinn, die die Erinnerung prägen, wie schön die Zeit war. Wenn ihm schon eine Laufbahn als Opernsänger gleich dem Vorbild Mario Lanza versagt war, so blieb dem Teenager zumindest der Traum, als Rock ’n’ Roller zu reüssieren. Bis weit in seine Wiener Studienzeit hing er diesem Traum nach, und als Attersee Jahrzehnte später nach dem Tag gefragt wurde, den er ein zweites Mal erleben wollte, war die Antwort: Als bei meinem Konzert das Publikum tobte (Oberösterreichische Nachrichten, 10. August 1985).

Susanne Ludwig auf dem Floß am Attersee, rundum die Boote der Familie. 1953
Horst Ludwig am Steuer, Christian Ludwig an der Vorschot. 1951
Ob sich Horst jemals von den Talenten des Bruders in den Schatten gestellt sah? Dieser Frage steht der Jurist und vierfache Familienvater damals wie heute entspannt gegenüber. Anfangs war es Christians Gesundheitszustand, der nicht nur eine erhöhte Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern einforderte, sondern auch eine gewisse geschwisterliche Nachsicht gestattete. Später gingen die Neigungen und Talente des Jüngeren ohnedies in eine ganz andere, lebens- und ausbildungspraktische Richtung. Schließlich hatten die ungleichen Brüder ein gemeinsames Faible: die Freude am Segeln, die sie bis heute teilen, wie neuerdings auch wieder ein Boot. Richtig wasserfeste Kleidung hätte es nicht gegeben, erzählt Attersee von damals, eigentlich wären Horst und er immer im Nassen gesessen, und wenn sie dann vollkommen durchfroren heimgekommen sind, gab es von der Mutter zuallererst eine gehörige Portion heißen Tee mit Rum. Das konnte nicht verhindern, dass ihm eine gewisse Empfindlichkeit gegen Kälte geblieben ist.
Blau ist Attersees koloristisches Markenzeichen. Selbstverständlich hat es mit dem Wasser zu tun, doch vielleicht nicht mit dem Fluss, der seiner Familie eine stete Perspektive gab. „Die Donau“, schreibt Claudio Magris in seiner Monografie des Stromes, „die Donau ist nicht blau, wie es die Verse von Karl Isidor Beck wollen, die Strauß zu seinem verführerischen und verlogenen Titel seines Walzers inspiriert haben. Die Donau ist blond, ‚a szöke Duna‘, wie die Ungarn sagen“ (Magris 1988, 204). Aber, fügt Magris an anderer Stelle hinzu, die Donau ist weiblich, das grammatikalische Geschlecht stimmt mit dem natürlichen überein, und wer hätte nicht ein Werk von Attersee vor Augen angesichts dieser Sätze: „Um diesen Mund, unter dieser Nase, in der leichten Andeutung einer Falte, in dem dunklen Glanz der Augen wandern die vergangenen und gegenwärtigen Jahre, hat die Zeit sich eingeprägt und eingezeichnet; die geschwungene Linie das Halses ist das Bett der Zeit, das Bett ihres Flusses. Der Mund, den dieser Fluß mit sich führt, ist der gestrige und heutige; vielleicht hat Heraklith unrecht, man badet doch immer in demselben Fluß, in der unendlichen Gegenwart seines Fließens“ (ebd., 171). Man badet in demselben Fluss; doch mit dem Boot befährt man andere Gewässer. Nochmal Magris, der Mitteleuropa-Programmatiker, der aus Triest stammt: „Jenes Blau, das die Kultur der Donau nicht kennt, ist das Meer, das gespannte Segel, die Reise nach Westindien“ (ebd., 158). Im Jahr 1979 hat Attersee dann eine solche Tour im Fahrwasser von Kolumbus angetreten, er hat den Atlantik überquert, 17 volle Segeltage bis zur Landung auf Barbados.
„Piratenregatta“. 1956. Aquarell auf Karton. 31 x 44 cm
Noch ist der Aktionsradius überschaubar. Mit einem segeltauglich umgebauten Ruderboot namens „Wasserfloh I“ bestritten die Brüder Ludwig ihre ersten Regatten gemeinsam, mit „Wasserfloh II“ und seinem Vorschoter Karl Haitzinger (1938–1988) konnte Christian dann 1952 den ersten Sieg einfahren. Beim Segeln war ich nicht nur ein Genie des Wetters, sondern auch des Schachspieles auf dem Wasser, immer zwischen Risiko und Naturinstinkt, ich konnte den Wind früher sehen als die andern, hatte ein Gefühl für jeden Baum am Ufer und dachte, da könnte ein Windzug sein. Zu erkennen, wie dem Wind eine Optik zukommt, ist das Privileg eines Augenmenschen – um nicht zu sagen: eines Impressionisten. Offenbar war hier ein synästhetisches Talent vorhanden. Nach den Erfolgen in der Klasse „Pirat“ wechselte das Genie des Wetters bald zum schnellen, anspruchsvollen, als Königsdisziplin erachteten Flying Dutchman. Sein Vorschoter wurde Erich Moritz (1941–2005).

Attersees erster Flying Dutchman, „Susanne“ (OE 27), mit dem er seinen zweiten österreichischen Staatsmeister-Titel ersegelte. 1957
Dieter Gottwald, Konkurrent in der FD-Klasse mit Heimathafen am Wörthersee, erinnert sich an Christian Ludwig als „beständig guten Segler; ein sehr ruhiger Mensch damals, sehr überlegt, er wusste genau, was er wollte und wie er es wollte. Er ist immer alles sehr genau angegangen und war damals eigentlich kaum zu schlagen.“ Auch im Ausland trat man gegeneinander an, in Triest beispielsweise. „1. Tag sehr stürmisch“, ist als Eintrag vom 11. September 1960 im Logbuch der Familie Gottwald zu lesen, „hinter Ludwig Chr. falscher Kurs, weit nach Jugoslawien gefahren. Durch hohe Wellen, schweres Segeln“. Im Vertrauen, der Ludwig würde schon das Richtige machen, waren ihm ausnahmslos alle Teilnehmer hinterhergesegelt, vorbei an Motorbooten mit schwer bewaffnetem Militär in fremdes Hoheitsgebiet hinein und wieder retour in die Triestiner Bucht, allen voran der Ludwig. Auch in den beiden folgenden Jahren konnte der Segler vom Attersee die Herbstregatta in der Adria für sich entscheiden, dafür gab es das „Blaue Band“ und den Triestiner Goldpokal auf Dauer.

„Starterhaus des Union-Yacht-Club Attersee“. 1959. Öl auf Karton. 45 x 60 cm (auf dem Floß gemalt)
Dem wachsenden Erfolg beim Segeln gingen Reisen einher – und dem Reisen der Zugang zur Kunst. Einen Bildband über Vincent van Gogh und eine Wilhelm-Busch-Ausgabe hatte es im ludwigschen Haushalt nach der Flucht aus Bratislava gegeben. Das war natürlich Prägung; ein van-Gogh-Buch und ein Wilhelm-Busch-Buch, und genau diese Mischung bin ich als Künstler dann auch geworden. Nun, da die vierköpfige Familie samt Vorschotern und den Booten zu Wettkämpfen in ganz Europa unterwegs war, boten sich reichlich Gelegenheiten, Ausstellungen zu besuchen und das Gewusste mit Angeschautem zu verbinden. Wohin man auch immer und auch jenseits der Wettkämpfe reiste, Kunst war fester Bestandteil, das nächste Museum immer der nächste Weg. Am meisten beeindruckte den damals 17-Jährigen die Fahrt mit einem Dampfer von 1906 von Triest nach Athen. Dort waren es weniger die antiken als die christlichen Bilder: Ich habe nie vorher etwas Besseres, Tolleres gesehen als die Ikonen, die ich in Athen im Museum antraf. Michelangelo in Florenz, van Gogh in Amsterdam, in Split Mestrowitsch, in Paris Toulouse-Lautrec und nochmals, in Augenschein genommen 1962 im Art Institute von Chicago, der Meister der Sonnenblumen und, von Attersee besonders geliebt, der Blütenzweige: Van Gogh hatte gute und schlechte Tage, gemalt hat er die letzteren, die guten hat er für sich behalten, zum Schutz der Schmerzhändler, sicher auch, um Kadaversinne in Schwung zu halten, um Zufluchtsorte zu malen für die Rast abseits von Blüten. An malfreien Tagen saß er bei den jungen Vögeln im Nest, weit weg von Krankheit und Geldnot, saß er zwitschernd in veronesergrünen Hellen, zwitschernd in den Farben lebensfroh vagabundisierender Karren, so wollen wir es jetzt sehen. Nur wer Meister der linkischen Hand ist, versteht auch die wahre Rechte im warmen Schatten des Lichtes. Vincent gehört zu den Auserwählten, zu den beidhändigen Meistern, sein schwarzer Fleck im Sonnigen Tag ist nicht der Schatten des Herzens eines Geisteskranken, sein schwarzer Fleck ist der gemalte Anspruch auf Mitsprache bei der ununterbrochenen Weiterschöpfung dieser Welt (Taulocke 1992, 91).

Vorschoter Erich Moritz und Christian Ludwig erhalten nach dem dritten Regattasieg (1959, 1960, 1961) das „Blaue Band“ im Yachtclub Adriatico in Triest. 1961
Anton Lutz. „Junger Segler“. 1958. Öl auf Holz. 84 x 60 cm
Zwischen den musealen Werken das Wasser, Wind und Wetter vor den hungrigen Augen. Dreimal werde ich Staatsmeister, danach gehe ich nach Wien und werde ein berühmter Künstler, lautete die Prämisse. Als „Junger Segler“ stand er erst einmal auf der anderen Seite der Leinwand – nämlich dem oberösterreichischen Maler Anton Lutz 1958 Porträt. Es ist ein Werk von deutlich mediterraner Atmosphäre, das hier entstanden ist, der Sonnenhut wie bei van Gogh, das gestreifte Hemd wie bei Picasso und der Bildausschnitt, der am Oberschenkel Halt macht, wie bei Cézanne. Erster Flaum ist auf dem Weg zum Oberlippenbärtchen, der Blick weniger nach außen als auf die eigene Nachdenklichkeit gerichtet, und die Augenbrauen sind hochgezogen, schon einmal die Skepsis markierend, die Zurückhaltung und leise Melancholie, die sein Leben begleiten und leiten. „Junger Segler“ ist beileibe kein Meisterwerk. Aber seinerseits hat es dieses Leben begleitet. Heute findet man es in Attersees Wiener Atelier im dritten Bezirk.
Der junge Segler ist ein berühmter Künstler geworden. In beiden Metiers geht es darum, mit Eleganz Erfolg zu haben, das Elementare von Materie und Material überzuführen in den hochartifiziellen Einsatz von Kalkül, Geschick, Virtuosität. In beiden benötigt man bei aller Rationalität der Verfahren eine gewisse Instinktivität, und beide lassen ein gehöriges Quantum Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit im Raum zu: Die Kontingenz der Welt, die unhintergehbare Erfahrung, dass alles auch ganz anders kommen kann, haben im Sport und in der Kunst ihre speziellen Refugien, ihre Spielwiesen gewissermaßen, denn es sind Felder, wo ein Scheitern reversibel ist. Als Attersee in die Kunstwelt kam, vollzog diese gerade ihre physische Wende, ästhetische Arbeit nahm sich mit Happening, Fluxus, Performance und Body-Art auf neue Weise den Leitfaden des Leibes vor und wurde körperlich, als sei sie ihrerseits Ertüchtigung. Dass Attersee den Paradigmenwechsel zum eigenen Körper als Medium der Kunst weniger buchstäblich nahm als viele seiner Freunde im Wien der Sechziger, dass seine Arbeiten Schaubilder blieben und sich nicht zum Aktionismus radikalisierten und brachialisierten, mag speziell mit dem Segeln zu tun haben. Für diesen Sport braucht man ein Hilfsmittel, das Boot und seine Ausstattung, die eine Verlängerung bedeuten, eine Hybridbildung zwischen Körper und Instrument – und damit von vornherein ein Distanzmoment einbauen. Immer wieder tauchen in Attersees artifizieller Welt Prothesen auf, die ebenso als Hilfsmittel funktionieren und bisweilen, als Takelagen oder Ruderblätter, die Bilder als Motive bevölkern. Dass irgendwann, nämlich 1971/72, ein „Zyklus Segelsport“ in diesem Œuvre auftauchen würde, ist da nur konsequent. Um dort anzukommen, bedurfte es zunächst der Einführung in die Kunst: in Gestalt einer Ausbildung.

„Der Siegbild“. Attersee in seiner Segelpokal-Welt. 1967. Fotografie von Hanni Rühm

Christine Melichar (später Gironcoli), Attersee und Günter Brus in der Meisterklasse Eduard Bäumer. 1959
1957–1963
„Fürstin Grace hat den Monegassen einen blauäugigen braunhaarigen Prinzen geschenkt, und Françoise Sagan hat sich endlich vermählt, nachdem sie sich mit frühem Ruhm und früher Katastrophe hinreichend bekannt gemacht hat; die persische Operette, in der unsere Staatsoberhäupter animiert mitspielen, schrillt aus. Je mehr solcher Nachrichten man zusammenträgt, um so gespenstischer wird der Aspekt: Gesellschaft defiliert auf dem Fernsehschirm. Zu welcher Melodie? Und der Fernsehschirm ist in den Verdacht radioaktiver Tücke geraten, welcher Verdacht sicherlich von Sachverständigen behoben werden wird – während die Sputniks der alten Mutter Erde um die Ohren brummen“ (Schneider 1958, 260).
Im Herbst 1957, da ein junger Mensch nach Wien gekommen ist, um hier sein künstlerisches Leben zu beginnen, ist auch ein alter Mann in die Hauptstadt Österreichs gereist, und er wird es hier beschließen: Reinhold Schneider, Literat aus Freiburg im Breisgau, katholisch, reaktionär, aber auch im Widerstand gegen die NS-Diktatur, verbringt hier eine letzte Saison, seinen „Winter in Wien“, wie die posthum erschienenen Extrakte aus seinen Notizbüchern betitelt sind. Drei Wochen, nachdem er die zitierten Gedanken zu einer Welt, die sich zunehmend in die Massenkommunikation schickt, mit allzu argen Vorahnungen zu Papier gebracht hat, ist er tot.
Die Monate davor hatte Schneider in der Kaiserstadt seine Honneurs gemacht, die Oper besucht, die am 5. November 1955 mit großem Aplomb wiedereröffnet worden war, hatte die monumentale Vergangenheit besehen und die nicht ganz so beeindruckende Gegenwart: „Millionen schnupfen und husten mit tränenden Augen und fiebrigen Stimmen; der Friede der Ehe- und Liebespaare wird von verständlicher Gereiztheit beeinträchtigt, während die Cafés von Patienten beherrscht werden, die ihr Kranksein rücksichtslos ausüben“ (ebd., 57). Was der Wiener Journalist Robert Scheu über Karl Kraus geschrieben hat – „Er wurde der Anwalt der Nerven und nahm den Kampf gegen die kleinen Belästiger des Alltags auf, aber der Gegenstand wuchs ihm unter den Händen, er wurde zum Problem des Privatlebens. Es zu verteidigen gegen Polizei, Presse, Moral und Begriffe, schließlich überhaupt gegen den Nebenmenschen, immer neue Feinde zu entdecken, wurde sein Beruf“ (zit. n. Benjamin 1980, 360) –, es gilt auch für den Besucher aus dem Nachbarland: Was man in der großen Stadt von seinen Menschen wahrnimmt, ist immer schon die Beeinträchtigung, für die sie sorgen. Wien ist kein Paradies für Umarmungen. „Tauwetter – Sonntagmorgen von bemerkenswerter Tristesse, im Februar eben, der den alten Kant, als die Vorhänge immer dichter fielen, zu Dankesversen bewegte. Schnee, Schnee; unter den hoffnungslosen Fronten der mißmutige, obligate Spaziergang behoster Hausfrauen mit den in Mänteln steckenden Lieblingen. So habe ich mir Petersburg gedacht“ (Schneider 1958, 196). Wien, als wäre es eine Metropole des Ostblocks: Diese griesgrämige Bemerkung fällt oft bei der Betrachtung seiner Nachkriegszeit.

Attersee stehend in der Meisterklasse Eduard Bäumer an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst. 1961
Porträt H. C. Artmann. 1956. Fotografie von Franz Hubmann
„wo is den da greissla?“ ist ein Stück Lyrik betitelt, in dem sich H. C. Artmann 1958 mit einer schwarzen Tinte aufschreibt, was seine Stadt ausmacht. Auch bei Artmann ist es Sonntag, und „de sundeg“, wie er es mundartdichterisch nimmt, „henkn ma schon so zun hoes ausse“ (Artmann 1970, 42). Alles hat zu, das Lebensmittelgeschäft, die Kohlenhandlung, die Parfümerie und selbst die Bäckerei. Das Einzige, was zu haben ist, und auch bei Artmann setzt die Welt zum Tigersprung ins Globale an, sind Töne aus dem Radio. Immerhin, wie es Artmann, später einer der besten Freunde und wichtigsten ästhetischen Gewährsleute Attersees, in seiner berühmten Hommage an Wien, „wos en weana olas en s gmiad ged“, formulieren wird: „und en hintagrund auf jedn foe: da liawe oede schdeffö“, der Turm des Stephansdoms (ebd., 48). Wien ist Ödnis, die sich am Sonntag verdichtet, Wien ist Denkmal, und Wien ist eine spezielle Mentalität seiner Bewohner, bei der es durchaus angezeigt ist, ihr aus dem Weg zu gehen – darüber sind sich der Vertreter soignierten Schriftstellertums und der Kader der Avantgarde einig. Das augenzwinkernde Faible für den Umschlag in die Perversion kommt bei Artmann aber schon hinzu. So gehört zu den Dingen, die einem Wiener ans Gemüt gehen, auch Folgendes, Unübersetzbares: „a kindafazara wossaleichn foxln“ oder „a rodlbadii met dode“ (ebd., 48). Für die kommende Dekade ist mit einem solchen Tunnelblick aufs menschliche Fleisch auch eine Perspektive künstlerischer Beschäftigung abgesteckt.
Vorbereitet durch das Zeichnen mit dem Vater und dem Unterricht bei Alfons Ortner in Linz, war Christian Ludwig im Frühjahr 1957 in Wien zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für angewandte Kunst angetreten. Im Herbst des Jahres konnte das Ausnahmetalent mit einer Sondergenehmigung, jünger als die anderen und ohne Matura, mit dem Studium beginnen. Wie bereits in der vorhergehenden Generation lief es auch diesmal – bei aller Förderung und allem Wohlwollen von väterlicher Seite – auf einen Kompromiss hinaus: nämlich nicht freie Malerei anzustreben, sondern eines der Fächer mit technisch-kunstgewerblicher Ausrichtung. Mit dem Ziel vor Augen, einmal als Filmarchitekt berühmt zu werden, hieß die Entscheidung vorerst Bühnenbild. In den zwei Jahren an Vorbereitungskursen bei den Professoren Friedrich Böhm für allgemeine Formenlehre und Alfred Soulek für Innenarchitektur und Möbelbau wurde allerdings für den phantasiebegabten Anfänger deutlich, dass er das für dieses Studium notwendige technische Zeichnen, Entwerfen von Barocksesseln und all das klassische Inneneinrichtungsmobiliar zu konstruieren, nicht aushält. So wechselte er doch zur Malerei, und zwar in die Klasse von Professor Eduard Bäumer. Durch diese zu eng gebundene Ausbildung, die mir zu technisch war, bin ich erst zur Malerei gekippt.

„Aktstudie“. 1959. Kohle auf Papier. 44 x 31 cm
Nach den vielen naturgetreu gezeichneten Streichholzschachteln während der Schulzeit und den zwei Jahren Interieur-Skizzen samt historischen Schnörkeln interessierte sich der Student bald nur mehr wenig für Aufgabenstellungen wie Proportions- oder Naturstudien, mit denen man in der klassischen Ausbildung der Malerei zu beginnen pflegt. Er widmete sich gleich den „abstrakten Kompositionen“, wie es der überaus tolerante Klassenleiter im Protokoll festhielt (zit. n. Werkverzeichnis [WV] 1994, 7). „Komposition mit Fleischstücken“ ist eine allererste Werkgruppe betitelt, es ist ein Vortasten, eine Initiierung, eine Spurensuche – das nahrhafte Motiv immerhin wird Attersee als Bildzeichen ein Leben lang begleiten. Etwas später während des Studiums folgen dann Experimente mit 3-D-Bildern, zu betrachten mit rot-grün-brille. Gemäß Bäumers Grundsatz, den Studenten nie seinen eigenen Stil aufzudrängen und sie vielmehr nach ihren eigenen Fähigkeiten sehen zu lehren, konnte sich in seiner Klasse jeder durchaus nach seiner Fasson entwickeln. Während sich der junge Ludwig an eben den „abstrakten Kompositionen“ abarbeitete, schulte Kommilitone Günter Brus sein Zeichentalent mit steten Wiederholungen und Verbesserungen auf Pauspapier; Bruno Gironcoli zeigte ein Faible für welke Blätter, die wieder und wieder auf Papier festgehalten werden mussten; und Alfons Schilling, auf der Suche nach der „totalen Malerei“, fand sich mit gestisch bis ekstatischen Pinselstrichen schon auf dem besten Weg zur nachmaligen Aktionsgestaltung auf rotierenden Leinwänden.

„Aktstudie“. 1959. Rötel auf Papier. 44 x 31 cm

„Abstrakte Komposition“. 1959. Aquarell auf Karton. 44 x 31 cm

„Jesus mit schwarzer Nase“. 1959. Bleistift und Tusche auf Karton. 44 x 31 cm
Eduard Bäumer. Um 1960
Bei all den unterschiedlichen Auffassungen, wie sie zwischen Student und Professor zur Aufgabenteilung gehören – was dem Schüler gemein war mit seinem Lehrer, das war das Interesse an Wassily Kandinsky. Zusammen mit František Kupka und Robert Delaunay kommt Kandinsky das Etikett des ersten Abstrakten zu. Beispielhaft verkörpert er eine der Meistererzählungen der Moderne, ein heroisches Projekt, das von der Ablösung des Wiedererkennbaren handelt. Ausgehend vom Vorgefundenen schält Kandinsky an den Motiven die Schichten ab, die ihm beiläufig vorkommen, nebensächlich und fadenscheinig. Es ist ein Purifizierungsprozess, bei dem weniger nach einem vorhandenen Programm als in der Ad-hoc-Gestaltung eine Kunst des Weglassens exerziert wird. An deren Ende entsteht ein Eindruck dessen, was das „Wesen“ sein könnte, ein Wesen, das selbst erst aus der Konstruktion erwächst. Das Gemälde erlangt Autonomie, und in der Tat werden die Relationen, die sich innerhalb des Karrees abspielen – die Verteilungen reiner Farbe, das Verhältnis von Linie und Fläche, die Ponderation in oben und unten –, immer wichtiger. Die Visualität der Welt ist etwas anderes als die Piktoralität des Bildes. Der Eleve wusste, was er an dem Vorbild hatte. Zu der Ausgewogenheit von Einfall und Vielfalt in Kandinskys Bildern fühlt er Verwandtschaft, schreibt Attersee später in seinem selbst zusammengestellten, in der dritten Person verfassten Curriculum, heute fügt er hinzu: Diese Bilder muss man absolut ergänzen, weil sie Ausschnitte einer unheimlichen Dynamik sind. Das ist etwas, was mich interessiert hat. Meine Bilder sind sowieso nur Ausschnitte einer großen Dynamik. Bäumer indes, der den großen Russen persönlich gekannt hatte, sollte Kandinsky zum Verhängnis werden. Als er 15 Jahre nach seiner Emeritierung am 21. Januar 1977 aus dem Münchner Haus der Kunst tritt, ganz in Gedanken versunken nach dem Besuch der großen Kandinsky-Schau, wird er von einem Fahrzeug erfasst und getötet.
Während der gesamten Studienzeit lebte der angehende Künstler in einem Untermietzimmer in der Köstlergasse im sechsten Bezirk, einer einigermaßen bürgerlichen Gegend am Rande der damaligen Halbwelt des Naschmarktes mit ihrem einschlägigen Personal. Frau Wutschka, die Vermieterin, zeigte sich fürsorglich, und sie schmierte die „Frühstückssemmerln“, die selten verzehrt, sondern lieber mitgenommen wurden an die Schule. „Der Christian kam immer später als die andern, hatte manchmal die Gitarre und einen Doppelliter dabei und verteilte sein Frühstück an Kollegen“, erinnert sich Hanni Rühm, Mitstudentin und langjährige Lebensgefährtin Attersees. 1959 hatte Hanni in Bäumers Klasse begonnen, doch der Beau war ihr bereits im Vorbereitungskurs bei Professor Soulek aufgefallen. Nicht unbedingt positiv: „So ein furchtbarer Schnösel, hab’ ich mir gedacht, alleine wie der dahergekommen ist, mit seiner weißen Lammfelljacke, das Hemd fast bis zum Nabel geöffnet und so unheimlich schön.“ Mit der Zeit bemerkte Hanni auch, dass sich hinter der geschmackvoll aufgeputzten, schick gekleideten und auf Upperclass getrimmten Schönheit ein schüchterner, liebenswerter Zeitgenosse mit einem gewaltigen Hörproblem verschanzt hatte. Ebenso blieb nicht verborgen, dass dieser Mensch ganz ernsthaft arbeitete, und so kam es, dass sich manchmal von Staffelei zu Staffelei Blicke begegneten; auf einer Party lernte man sich schließlich besser kennen.

Bernd Griesel und Attersee, Meisterklasse Eduard Bäumer. 1960
Wassily Kandinsky. „Komposition VI“. 1913. Öl auf Leinwand. 195 x 300 cm

„Kompostion mit Fleischstücken“. 1962. Öl auf grundiertem Papier (auf Leinwand aufgezogen). 70,5 x 100,5 cm
Hanni Rühm und Attersee in der Bauernstube der Rühm’schen Wohnung in Wien. 1961
Die vorlesungsfreie Zeit freilich sah ganz anders aus, das Segeln und das Reisen wurden noch lange beibehalten. Im Sommer bin ich gesegelt und gereist, zum Beispiel nach Griechenland. Diese Reisen hat ja jeder von uns gemacht, mit Schlafsack und ohne Geld, damals ging das noch. Mit ein, zwei Freunden, anfangs noch aus Seglerkreisen, später dann aus den Künstlerkreisen. Ich bin meist mit dem Pichler unterwegs gewesen, das hat so lange gedauert, bis wir beide erfolgreich wurden, dann hat es die Mittelmeerreisen nicht mehr in dieser Form gegeben; da wurde dann auch der Sommer in den künstlerischen Arbeitsbereich mit einbezogen. Destinationen waren Italien, Griechenland Frankreich, Schweden, Holland, Belgien, Türkei sowie die USA. So mancher Auslandsaufenthalt schlug sich aufs junge Œuvre nieder – die Serie „Gemona“ wurde etwa Teil der Diplomarbeit.

„Komposition mit Augenpaar“. 1961. Öl und bemaltes Papier auf grundiertem Papier. 65 x 90 cm
„Porträt Hanni Rühm“. 1962. Öl und bemaltes Papier auf Holzplatte. 125 x 125 cm
Der gemeinsam mit Walter Pichler nach Beendigung des Studiums unternommene Besuch auf Kreta sollte Christian dann überhaupt ausgiebiger beschäftigen, nämlich gleich zwei Jahre lang. Der legendäre kretische König Minos hatte in Knossos seinen Palast, der in den heroischen Tagen der Archäologie von Sir Arthur Evans ausgegraben und ab 1900 in einer durchaus eigenwilligen Variante von Historismus und Secessionsstil wieder aufgebaut worden war. Dies hatte des jungen Künstlers Unwillen erregt, der sich daraufhin eine Figur aus der Dekoration der königlichen Anlage nahm – einen Prinzen, ansehnlich, wohlgestaltet und deutlich Produkt einer Rekonstruktion – und ihn einer grundlegenden Veränderung zu einer nahezu obszönen Hässlichkeit unterzog. Ich war in Knossos, und natürlich hab’ ich sofort gemerkt, dass das ganze eine Art-déco-Rekonstruktion ist und mit dem Original nichts zu tun haben kann. Darum hab’ ich bei meiner Untersuchung zum Begriff Schönheit die absolut höchstmögliche Hässlichkeit mit der sogenannten Rekonstruktion von Knossos gegenübergestellt. Der Schwindelprinz der hässlichen Schönheit ist bereits mit dem Knossos-Prinzen definiert. Diese Arbeit steht relativ alleine da, sie ist eine Reaktion auf die Reise, auf eine Bildungsinformation, die ich so nicht akzeptieren konnte. Es gibt auch noch eine Variante von Pichler, der das natürlich ganz anders sieht, er hat die Ästhetik nie in seinem Leben verlassen.
Walter Pichler vor seiner Arbeit „Fundstücke aus Kreta“ im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien. 1967. Fotografie von Barbara Pflaum
Und dann gab es da die Auftritte, in denen der Kunststudent und Paradeskipper zum Rock ’n’ Roller wurde. Unter den vielen Lieblingsliedern seines Lebens – es hat immer welche gegeben, aber es hat sich auch immer wieder geändert – ist Attersee „I Forgot to Remember to Forget“ im Gedächtnis geblieben. Gesungen wird es vom König des Rock ’n’ Roll, Elvis Presley hat es 1955 zusammen mit „Mystery Train“ als Single veröffentlicht. „Vor Elvis“, schreibt Nik Cohn in seiner wunderbaren Geschichte der Popmusik in ihren großen Jahren bis 1969, „war der Rock nur eine vage Geste der Rebellion gewesen. Mit Elvis aber wurde er auf einen Schlag unabhängig und stabil, und dann brachte er seinen eigenen Stil hervor, in Kleidung, Sprache und Sex, eine totale Unabhängigkeit in fast allen Dingen – alles das, was man jetzt für selbstverständlich ansieht“ (Cohn 1971, 19).

„Prinz von Knossos“. 1967. Acryl und Lack auf grundierter Leinwand. 80 x 60 cm
Damals war es in der Tat nicht selbstverständlich. Es gab nichts Eigenes für die genuine Welt der Heranwachsenden, die man mit einem Begriff, der so medizinisch klingt, wie er gemeint war, die „Adoleszenz“ nannte. Auch die Musik war ein Hort des „comme il faut“. „So ist Mozart für uns Vorbild, Vollendung und Zukunft, völlig zeitlos in seiner Vollkommenheit, zeitfern und zeitnah zugleich, wie alle Leistungen der Menschheit. Wen solche Lehren nicht erfreun, verdienet nicht, ein Mensch zu sein; und erst recht nicht ein Österreicher“ (Karl Franz Müller, Herausgeber des Köchelverzeichnisses, zit. n. Hildesheimer 1977, 12). Dergestalt hatte es im einschlägigen Jargon noch ein paar Jahre zuvor, 1951, geklungen, mit Musik einher gingen Idolatrie, Chauvinismus und Allüren auf Ewigkeit. Mit Elvis kam das Gegenteil: Auflehnung, Internationalität und die Bereitschaft, Moden zu folgen. Elvis konnte ein Terrain erobern, das brachlag; die Quantitäten, die in der Nachkriegszeit die Welt veränderten, schlugen mit ihm um in eine neue Qualität. Es gab mehr Wohlstand, es gab mehr Jugend, es gab mehr Massenkommunikation: Sie taten sich nun zusammen und schufen mit einer Teenagerkultur die Popkultur.

Fanpostkarte. 1960
Wie immer, wenn es ein Produkt aus der Kultur der Schwarzen ist, das sich aufmacht, die Welt zu erobern, war es ein Weißer, der dafür die Meriten einheimste. Mit Elvis, nicht zuletzt machte das seinen Erfolg aus, ließ sich auch die Auflehnung portionieren. Nik Cohn hat das perfekt beschrieben: „Die Schwierigkeit war, wie er sich aus einem jugendlichen Rebellen in eine respektable Persönlichkeit des Establishments verwandeln konnte, ohne den Fans das Gefühl zu geben, daß sie betrogen wurden. Da kam ein Geschenk vom Himmel: Presley wurde von der Armee eingezogen (…) Seine Vorgesetzten lobten ihn überschwenglich, die Presse schwenkte um. Amerikas Eltern waren beruhigt – das Schaf hatte seinen Wolfspelz abgelegt“ (Cohn 1971, 22). Mit Elvis wurde das, was den Rock ’n’ Roll ausmachte, Kleidung, Sprache, Sex, vermittelbar an die Autoritäten.
Attersees Stimme und die Stimme von Elvis ähneln einander. So bot sich an und ließ sich vor allem auch umsetzen, was damals ohnedies alle wollten: dem Idol nacheifern und Auftritte hinlegen, dass die Fetzen und manchmal auch die Stühle flogen. Noch in Linz, in einem Etablissement namens „Rosenstüberl“, begann Attersee als Rock ’n’ Roller, nachdem er sich schon während seiner Gymnasialzeit als Pausenentertainer versucht hatte: Natürlich bin ich auch in der Mittelschule aufgetreten, mit der Gitarre. Immer wenn Pause war, bin ich auf die Bühne der Schule, habe schnell irgendwelche Lieder gesungen und bin dann gleich wieder verschwunden. „Christel“ war sein Künstlername, später nannte er sich auch, inspiriert vom Segeln, „Europameister“. Siebzehn Jahre war er alt, und bei allem Selbstvertrauen und individuellem Elan ist das kein Zufall. Siebzehn ist das spezielle Alter, da die Jugend und die Kalküle des Pop-Geschäfts einander zu entdecken beginnen, „Seventeen“ hieß die 1944 erstmals auf den US-amerikanischen Markt gebrachte Zeitschrift, in der sich, wie Jon Savage in seiner Geschichte der Teenager schreibt, „Demokratie, nationale Identität, altersorientierte Kultur, Zielgruppenmarketing und jugendlicher Konsum zu einem unwiderstehlichen Gesamtpaket verbanden“ (Savage 2008, 457). Siebzehn Jahre waren auch vom biologischen Standpunkt her, jedenfalls bei gutem Willen, unbedenklich. Wenn die Beatles in ihr „I Saw Her Standing There“ mit der Zeile „Well, she was just seventeen, you know what I mean“ einstiegen oder Udo Jürgens „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ besingt, dann kam zum Ausdruck, dass es genau die paar Monate später waren, die einen Abgrund an Unverständnis überbrückten. Chuck Berry jedenfalls, der Anarchist, bei dem sich alle bedienten und der in ihrer aller Schatten blieb, hatte eine „Sweet Little Sixteen“ im Gepäck. Das war ein entscheidendes Stück zu jung. In der erfolgreichsten Schmonzette der Sechziger, „The Sound of Music“, der Story um die Salzburger Trapp-Familie, die den Nazis trotzt, wird der notorische Abstand mit dem Lied „Sixteen Going on Seventeen“ besungen: Es gelte ein Jahr zu warten, um nicht „totally unprepared“ zu sein, „to face a world of men“. Man wusste, worauf es ankam.

Josef Holstayn. „Elvis und Attersee“. Ende der 1980er Jahre. Ölstudie. 69 x 59 cm
Mit siebzehn also schlüpfte Christian Ludwig alias Christel in die Fußstapfen von Elvis Presley. Vier Möglichkeiten hat die amerikanische Gender-Forscherin Jackie Stacey unterschieden, nach denen eine Anverwandlung ans Idol funktioniert: Es gibt das „pretending“, bei dem man sich selbst vorspielt, der jeweilige Star zu sein; das „imitating“, bei dem versucht wird, die Identität mit ihm völlig zu teilen; das „copying“, das der physischen Erscheinung des Idols nachstrebt; sowie das „resembling“, das ein Merkmal forciert, das man mit ihm gemeinsam hat (Rainer 1997, 17). Im Sinne dieses „resembling“ ließ sich auf die Ähnlichkeit in der Stimme setzen. Und doch gibt es da etwas, das diesem Siebzehnjährigen eine eigene Faszination verleiht. Anders als die vielen Epigonen, die aus dem Boden schossen, hatte der junge Mann einen eigenen Stil, eine eigene Art zu musizieren – vor allem hatte er auch eigene Lieder. Ein Talent erschöpft sich niemals in der Nachahmung. Hinzu kam die ureigene Reaktion darauf, dass ihm seiner Hörprobleme wegen eine professionelle Stimmausbildung versagt war. Und schon akustisch bedingt war er unfähig, ein fremdes Idiom zu erlernen. Das Englisch, das er fortan singt, ist eine Kunstsprache, ein artifizielles Gebilde, ist eine Lingua franca, der widerfuhr, was stets passiert bei Attersee: Sie wurde atterseeisiert.
Die frühen Auftritte, die sich neben dem „Rosenstüberl“ noch im Linzer „Phoenix Kino“, in Bad Ischl oder am Traunsee abspielten, dürften nach der Schilderung des damaligen Interpreten eher als bizarr zu bezeichnen sein. Und ich war sehr gut. Es wurden meist auch am Attersee sofort die Tische geworfen oder die Sessel. Ich bin unter dem Künstlernamen „Europa-meister“ aufgetreten, der sich gut gemacht hat. Als Begleiter hatte ich jemanden, der konnte nur ein Lied spielen, er war zwei Jahre älter als ich und er war bei den Amerikanern in den Bars. Den „Saint Louis Blues“ konnte er sehr gut spielen. Also hat er den Bass unten gespielt und ich habe oben etwas ganz anderes gespielt, das hat eine Musik ergeben, die die Leute wahnsinnig überrascht hat. Nur nach drei, vier Liedern ist das dann fad geworden, da wussten wir, länger spielen wir nicht. Mein Begleiter konnte dafür gut Atom-explosionen und Autounfälle imitieren und die hab’ ich ihn vorher immer ins Mikrofon machen lassen; akut, also mit der Stimme. Das hat den Leuten ganz gut gefallen. Dann habe ich mich hingesetzt und mit meiner unheimlichen Stimme und mit erfundenem Englisch Elvis-Presley-nahe oder meine eigenen Lieder gesungen. Es gibt ja sehr früh von mir geschriebene: „Susi, sei nicht fad, komm mit mir mit dem Motorrad, Susi komme bald, wir fahren in den Wald …“. Drei, vier Griffe beherrschte der Barde auf der Gitarre, er bezeichnet sich heute noch als Drei-Akkord-Sänger, wie auch am Klavier. Solos konnte ich keine spielen, das war auch nicht notwendig, die Leute haben schon Freude an meiner Stimme gehabt. Wie groß die Freude der sechshundert Kühe im burgenländischen Apetlon war, für die Christian am 21. Mai 1962 ganz allein und quasi als Auftritt gesungen hat, ist allerdings nicht überliefert.

Fanpostkarte. 1960
Attersee und Bernd Griesel beim Musizieren in einem Salzburger Wirtshaus. 1960
Auch Hanni hätte in der Jugend gerne eine musikalische Laufbahn eingeschlagen; zumindest einmal, einige Jahre später, als der Christian schon Attersee hieß, sollten sie in einer Art One-Hit-Wonder ein legendäres Duett zum Besten geben – 1969 im Film „Gruß Attersee“, wo die beiden mit „Es war am Attersee“ das Heimatlied persiflieren. Hannis Wunsch, Balletttänzerin zu werden, fand beim Vater, der als Kontrabassist bei den Wiener Philharmonikern selbst Musiker war, ebenso wenig Anklang wie das Bestreben, eine klassische Gesangskarriere zu starten. Den Neuen seiner einzigen Tochter konnte Otto Rühm vorerst auch nicht leiden, die Tatsache, dass der schüchterne junge Mann ihm nicht in die Augen sehen konnte, erfüllte ihn mit Misstrauen – und der Umstand, dass Hanni in Begleitung eines angehenden „Künstlers“ daherkam, dessen Dasein als Hungerleider ohnedies gleichsam vorgezeichnet war, sowieso, hatte Rühm senior doch schon einen davon in Gestalt des Sohnes Gerhard. Hanni ließ sich nicht beirren, sie brachte ihren Freund weiterhin in ihr Elternhaus und nahm ihn mit ins Café Hawelka. Dort konnte man sich über den Schweigsamen mit großzügig zur Schau gestellter Brustbehaarung und schwerem Silberarmreif nur wundern. Hannis Bekanntschaft traf sich vornehmlich im legendären Etablissement in der Dorotheergasse, und es war hauptsächlich jene ihres großen Bruders. Gerhard Rühm hatte unter anderem bei Josef Matthias Hauer Klavier und Komposition studiert und bildete zusammen mit Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener jenen Kreis, der als „Wiener Gruppe“ Literaturgeschichte geschrieben hat; die Maler Hubert Aratym und Ernst Fuchs waren, erinnert sich Hanni, auch oft dabei. Ohne ein Wort von sich zu geben, konnte der sonderbare junge Mann über zwei Stunden einfach dasitzen – dass er in der Hawelka-Kakophonie nahezu nichts verstand und versuchte, möglichst viel von den Lippen abzulesen, konnte niemand von den Anwesenden ahnen. Irgendwann fasste sich der 19-Jährige dann doch ein Herz, zeigte dem großen Bruder seiner Partnerin eine Mappe mit seinen Werken, überzeugte ihn durch seine Begabung und gewann einen Freund fürs Leben.

Fanpostkarte. 1962
Attersee und Kollegen der Bäumer-Klasse beim Musizieren in Apetlon im Burgenland anlässlich einer Studienreise. Mai 1962
Mehr als ein halbes Jahrhundert währt diese Freundschaft nun, ungebrochen und herzlich. Der Rühm und der Attersee haben sich nie aus den Augen verloren, sie haben gemeinsam Bücher gemacht, sind gemeinsam aufgetreten und haben miteinander eine Schallplatte aufgenommen; hinzu kommen die Abende, an denen die Kunst und das Leben eins werden an einem Esstisch. Irgendwann war der Christian nicht mehr das Anhängsel von der Hanni, er war aufgenommen in den Freundeszirkel, auch als man sich weniger im Hawelka als im kleinen, privaten Café in Oswald Wieners Wohnung in der Judengasse traf. Ideen wurden ausgetauscht und diskutiert: „Es war anregend für jeden, auch wurde genügend geblödelt“, erzählt Hanni Rühm heute. Gerhard Rühm, belesen und bibliophil, konnte dem zehn Jahre Jüngeren nicht nur mit Empfehlenswertem und Seltenem aus seinem opulenten Bücherschrank aushelfen. Bald, in Berlin, sollte er seine Schwester und deren Freund bei sich aufnehmen und die nötigen Kontakte für erste Ausstellungen herstellen.
Aber noch wurde studiert. Noch war es das Ziel, über einen persönlichen Kontakt, den Eduard Bäumer für seinen Schüler mit Caspar Neher hergestellt hatte, wieder zum ursprünglich ins Auge gefassten Berufsfeld des Bühnenbildners zu gelangen. Neher war der lebenslange Mitstreiter und kongeniale Kollege seines Augsburger Schulfreundes Bertolt Brecht, er war international gefragt und durch eine Professur an der Akademie am Schillerplatz auch in Österreich verankert, dessen Staatsbürger er nach dem Zweiten Weltkrieg geworden war. Tatsächlich hatte er sich bereit erklärt, Christian Ludwig nach dessen Diplom als Mitarbeiter bei sich aufzunehmen. Einer der großen Bühnenbildner seiner Zeit mit Aufträgen an den Bühnen der Welt, das war natürlich ein tolles Angebot für einen, der 22, 23 ist. Doch sollte es anders kommen: Weniger als ein Jahr vor Abschluss des Studiums starb der 65-jährige Mentor, sein dadurch verhinderter Assistent stand da mit einem Diplom für Malerei, dem zwei Jahre später eines im angewandten Bereich für Vitrinenbau, Kirchenfenster und den Umgang mit Mosaiksteinen und Schmelzungen folgen sollte. Nun musste erst einmal ein neuer Plan für die Zukunft gefasst werden.
Bühnenausstattung war eine fixe Idee gewesen und der Umgang mit Räumen eine Neigung, die Christian 1961 und 1962 mit der Gestaltung der großen Säle für die Gschnas-, die Faschingsfeste an der Angewandten vorgeführt hatte. Auch seine mit dem Preis der Akademie prämierte Diplomarbeit im Jahr 1963 ging in diese Richtung. Neben einem verschollenen Ensemble aus Materialbildern mit dem Titel „Parkscheiben-Triptychon“ und der „Serie Gemona“ bestand die Abschlusspräsentation aus einem „Diptychon zur variablen Wandgestaltung eines Innenraumes“, das Hanni gewidmet ist. „Eine große beachtenswerte Gesamtleistung“ liest man in den Unterlagen der Studien- und Prüfungsabteilung der Hochschule als Beurteilung Bäumers; und weiter: „künstlerische Freiheit mit Ordnungswillen, aus dem Zeitgeist geboren, verbürgen eine weitere schöne Entwicklung“ (zit. n. WV 1994, 7). Wie damals üblich wurden die Arbeiten im Anschluss an die Diplome von der Angewandten entsorgt. Das sogenannte „Hanni-Diptychon“ kann daher – sollte es nicht von jemandem in Sicherheit gebracht worden sein – als zerstört gelten. Dennoch markiert das Arrangement aus Plastikäpfeln und vier Porträts von Hanni auf bemalten Spanplatten den Beginn von Christian Ludwigs künstlerischer Laufbahn. Es trägt im Werkverzeichnis die Nummer 1.

Hanni Rühm, Gerhard Rühm, Attersee, Wolfgang Rühm, Werner Krenn und Gunda Reichl in Attersees Atelier im 9. Wiener Bezirk. Mitte der 1960er Jahre
Hubert Aratym in Paris. Frühe 1960er Jahre

Renovierungsarbeiten im ersten Atelier Attersees im 9. Wiener Bezirk. 1964
1963–1965
Was also malen? Diese Sache hat mich bereits als Kind fasziniert, wie man eigentlich zu Kunstfindungen kommt. Spätestens nun, 1963, musste aus der Faszination Ernst geworden sein, der geschützte Bereich der Hochschule war verlassen, ebenso die bürgerliche Gemütlichkeit im Untermietzimmer bei der fürsorglichen Frau Wutschka in der Köstlergasse. Auch die Zeit als Segler scheint abgelaufen zu sein, die Weltmeisterschaft in Saint Petersburg, Florida, verlief für den erfolgsverwöhnten Sportler alles andere als zufriedenstellend: Gleich bei der ersten Wende der ersten Regatta war der Mast gebrochen, Christian konnte von Glück reden, dass nicht mehr passiert war. Überhaupt stimmte das Segeln nicht mehr mit dem Dasein als junger Künstler überein. Geldnot nach Beendigung des ersten Studiums war nur einer der Gründe. Und natürlich auch, weil mir diese Gesellschaft der Segler keine echte Befriedigung war als Lebensbegleiter. Ich hab’ schon einige tolle Freunde gehabt in dieser Zeit, aber das waren nicht Menschen, die mir weiterhelfen konnten in meiner Neugierde auf die Welt der Kunst. Und diese Welt der Kunst, das wusste ich, ist die einzige, in der ich überleben kann, wenn ich überleben will. Weil ich hier eben die Welt täglich neu erfinden kann und weil ich in einer Clique bin, an die ich heute noch glaube. (…) In dieser Zeit mussten sich auch Feinde treffen. Die „Feinde“ verschiedenster Haltungen und Kunstfindungen, denn sie haben ja kein anderes Publikum gehabt außer Künstler.
Es mussten sich auch Feinde treffen, denn das einzige Publikum, das die Künstler hatten, das waren die Künstler – das war der Status quo. Bis in die sechziger Jahre hinein, so hat es der amerikanische Kulturhistoriker William M. Johnston in einer 2009 erschienenen Studie rekonstruiert, gab es die Suche nach dem „österreichischen Menschen“. Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr, Anton Wildgans, Franz Werfel und Friedrich Torberg haben sich an dieser Suche nach der „Eigenart Österreichs“ beteiligt. Robert Musil hat ihr in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ eine weltgeschichtliche Dimension verliehen und Ulrich geschaffen, seinen Helden, den „Möglichkeitsmenschen“, der „die Einrichtung seines Hauses dem Genie seiner Lieferanten“ überließ, damit er sich nur ja nicht selber entscheiden muss. Vielerlei ist zutage gefördert worden über diesen Typus, die einen lobten seine Herkunft vom theresianischen Beamten, die anderen sagten es wie Hermann Bahr: „Keiner, der einmal dem österreichischen Bureaukratismus verfallen ist, hat je die Kraft, innerlich der schlimmsten Abart des Cäsarenwahns zu widerstehen: unserem Beamtenwahn“ (zit. n. Johnston 2009, 55). Vielleicht trifft das Sowohl-als-auch, das schon Musil betonte – und das Dieter Ronte im Vorwort zum „Werksquer“-Katalog von 1982 ganz deutlich und mit beflissener Herausarbeitung von Parallelen mit Attersee in Verbindung bringen wird –, diesen Homo sapiens austriacus am besten. So konnte entsprechend ein heute vergessener Wiener Landesschulinspektor – allein dieses Amt spricht schon Bände – namens Oskar Benda im Jahre 1936 folgende sechs Begriffspaare zu Papier bringen: „1. Anpässlichkeit und Schwerfälligkeit, 2. unruhiger Aktivismus und ein Hang zum Quietismus, 3. einschmeichlerische Liebenswürdigkeit und galliges Nörglertum, 4. überschäumende Lebensfreude und abgründige Schwermut, 5. leicht entzündlicher Optimismus und rasche Resignationsbereitschaft und 6. Phantasieflug ins Heroische und kritischer Blick für alle Subtilitäten des Privaten und Persönlichen“ (ebd., 234).
Um 1970 war es dann vorbei mit der Archäologie des Österreichischen, sagt Johnston, und es trat die Identitätsdebatte auf den Plan. „Der Hauptunterschied betrifft die Wechselwirkung zwischen Kultur und Politik“ (ebd., 333). Während früher eine Mentalität gesucht wurde, eine verallgemeinerbare Disposition, eine Psychologie des Österreichischen, erscheint es nun im Lichte des Ästhetischen. Während früher selbstverständlich war, dass Kultur und Politik, die Produktion des Wahren-Guten-Schönen und die Hervorbringungen des Alltags strikt getrennt existierten, gab es fortan einen „Konsens, dass die Zweite Republik nicht nur eine nuancierte Kulturpolitik treiben solle, sondern ein durch die Kultur nuanciertes politisches Leben führen müsse“ (ebd., 336). Nun schießen Ideen von Österreich als Kulturstaat aus dem Boden, und sein bevorzugter Repräsentant ist der Politiker, der in einem dezidierten Nahverhältnis zu einem Künstler steht oder, noch besser, gleich dieser Künstler selber ist, der mit seiner Verkanntheit auch die Allüren des Bürgerschrecks längst abgelegt hat. Die Allgemeinheit des Öffentlichen und die Besonderheit des Künstlerischen haben sich versöhnt. Ein solches Kuschelverhältnis, für das Österreich heute bekannt und auch ein wenig berüchtigt ist, war Anfang der Sechziger jedenfalls keineswegs gegeben, als in Wien ein neuer Stern sich Richtung Horizont mühte.

Attersee. 1964
Vorerst ging es darum, einer eigenen Produktion räumliche Voraussetzungen zu schaffen. Überhaupt gestaltete sich das Leben nach der Hochschule schwierig, es tendierte eher zum Überleben. Ich kenne den Hunger zwischen 1960 und 1970, der wirklich durchgehend war mit wenigen Ausnahmen. Freilich war es auch im Krieg und in der Zeit danach manchmal knapp geworden mit den Nahrungsmitteln, doch die Mutter tauschte dann und wann ein Kleidungsstück gegen ein Stück Butter oder Ähnliches. Aber nun, als Erwachsener, wurde es existenziell, und das Jahrzehnt ist garniert mit Anekdoten aus dem Freundeskreis, in denen sich alles um das Essen, besser: um sein Nichtvorhandensein dreht. Eine Zeit lang lebte der Akademie-Absolvent in der geräumigen Wohnung der Familie Rühm im siebten Bezirk, allerdings mitnichten in einem Raum mit der Tochter des Hauses. Christian bekam seinen Schlafplatz im Zimmer von Wolfgang, dem mittleren Sohn, als Klarinettist ebenfalls bei den Wiener Philharmonikern tätig. Noch lange nicht hatte sich die Einstellung von Hannis Vater zu ihrem Freund gebessert – nicht, dass er den jungen Mann unsympathisch gefunden hätte, doch als Vater stellte er sich den Partner seiner einzigen Tochter schlicht anders vor. Diese hingegen, vor die Alternative Trennen oder Ausziehen gestellt, entschied sich für die Trennung – allerdings vom Vater. Rund zweieinhalb Jahre war offiziell der Kontakt zum Elternhaus abgebrochen, inoffiziell hatte die Mutter nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch immer ein wenig zur Seite gelegt, sei es finanzieller oder kalorisch-kulinarischer Natur.

Hanni Rühm und Attersee. 1965
Was also malen? Trotz seiner durch Reisen und Museumsbesuche erworbenen Kenntnisse war es nie Attersees Interesse, sich mit der Kunstgeschichte ins Benehmen zu setzen. Ich komme nicht aus der Kunstgeschichte, ich komme aus dem Leben. Während alle anderen die Kunstgeschichte auflösen wollten, was immer wieder passiert ist, wollte ich das Leben erneuern. Wasser und Wetter waren die dynamischen Komponenten, die bislang das Leben als Segler bestimmt hatten. Wieso also nicht noch einmal dort beginnen? Und dann die Wetter am Wasser. Über dem Atlantik (…) die Wetter sind ganz nah, auch in meinen Bildern sind ja die Wetter ganz nahe. Zwanzig Regenbogen zugleich, niedrig, die Wolken fünfzig Meter über dem Wasser. Diese Wetterwände, die ich ja auch habe, dieses Gebäudezickzack aus nassem Material, aus Dampf und Wolken (Gemalte Reise 1990, 218). So stand der Regenbogen Pate für die Motivwelt des Frühwerks. Das Licht der Sonne wird ins Farbspektrum zerlegt durch die Wassertropfen, die als Prisma fungieren. Bis heute kann Attersee nicht akzeptieren, dass es nur ein Wetter gibt, es gibt immer tausende Wetter, in Räume gefasst, Wetterzimmer, Wettertüren, Wetterlöcher (ebd., 219), dementsprechend gab es in diesen ersten „Wetterstücken“ und den etwas späteren „Regenbogenanomalien“ meist mehrere der bunten Naturerscheinungen, die sich mitunter recht sonderbar verhielten.

„Prospekt zum Verkauf von Regenbogen (Der kleine Regenbogenverkäufer)“. 1964. Collage mit Regenbogenelementen (Farbstift auf Karton) und Farbstift auf Karton. 42 x 58 cm
Attersee-Konzert anlässlich der Erstpräsentation des Bildes „Wetterwand“ im November 1993. Großwandbild für die Aula des Neubaus der Technischen Universität Graz (Architekt: Günther Domenig). Acryl und Lack auf grundierter Leinwand (Metallspannrahmen). 11,04 x 3,52 m
Jahrzehnte später wird man sehen, wie Attersee – beispielsweise in der monumentalen „Wetterwand“, von 1991 bis 1993 für die Aula im Neubau der Grazer TU gestaltet – seine Wettererfahrungen, -erlebnisse und auch -erfindungen verdichtet. Immer wieder möchte der Künstler Perspektiven schaffen, denen man das Phänomen der tausende Wetter zutraut, Perspektiven, die nahelegen, dass sich hinter ihnen eine ganz andere barometrische Lage verbirgt und hinter dieser nochmals eine andere. In den frühen Collagen indes werden die verschiedenen meteorologischen Konstellationen schlicht nebeneinander gesetzt. Auch wenn man bei den Anordnungen in verschiedene Bildfelder an Comics denken möchte, gibt es keinerlei Hinweise auf Narration oder sonstige chronologisch bedingte Abfolgen: Es sind Montagen von Atmosphären, wenn schon keine Parallelwelten, dann zumindest Parallelwetter.
Diese Arbeiten markieren den Übergang von den Materialbildern, wie das „Hanni-Diptychon“ eines war, zu den „Regenbogenanomalien“, die mit ihrer wohlgeordneten Disposition wissenschaftlichen Schautafeln nahe kommen – und wiederum beinahe nahtlos zur Werkgruppe der „Erfindungen“ übergehen werden. Anfangs, 1964, da musste noch ganz viel auf einmal sein: Der Regenbogen, die ungreifbare, aber mit Sentiment aufgeladene Erscheinung, wird in Kontrast zu abstrakt-geometrischen Motiven gesetzt und diese Collage dann mit triefend nasser und dadurch transparenter Farbe übermalt. Ganz viel auf einmal: „Ich die Operette“ aus dieser Werkgruppe gerät zum Schlüsselbild für das hybride Sowohl-als-auch von Figuration und Abstraktion, von Durchsichtigkeit und Opazität oder von Gefühligkeit und Deutlichkeit (WV 1994, 25). Erstmals hat der eben 23-Jährige hier ein Foto von sich ins Spiel gebracht, und gleichzeitig ist meine gesamte Kunst, die ich damals gemacht habe, dabei. Das Foto eines jungen Mannes, singend am Klavier, die Reproduktion der kulissenartigen Architektur aus dem Hintergrund der sogenannten „Sposalizio“, der Szene der Verlobung von Maria und Joseph, von Raffael – immerhin ein anderer junger schöner Mann – samt spektralfarbigem Baldachin sowie verschiedene Farbkarten aus der Drucktechnik bilden den Fond für einen spärlichen Auftrag sich selbst überlassener Farbe, der die verschiedenen Bereiche mehr verbindet als überdeckt. Die Verlobung, die im Vordergrund des Gemäldes von Raffael zu sehen gewesen wäre, sie findet auf dem Papier statt – in Gestalt der verschiedenen Neigungen, die sich in einer künstlerischen Individualität verbinden.

„Regenbogenanomalien“. 1964. Collage mit Illustriertenabbildungen und Regenbogenelementen (Farbstift auf Karton) auf Karton. 70 x 100 cm
„Nach dem Regen“. 1964. Collage mit eingefärbtem Papier, Spektralelementen (Farbstift auf Karton) und Kasein auf Karton. 44 x 62 cm

„Seitenraum der Metropolitan Opera“. 1964. Collage mit Regenbogenteilstücken (Farbstift auf Karton), eingefärbtem Papier und Kasein auf Karton. 44 x 63 cm
„Draußen im Garten“. 1964. Collage mit Regenbogenteilstücken (Farbstift auf Karton) und Kasein auf Karton. 44 x 62 cm
Ganz viel auf einmal: War dem Künstler das Zusammentreffen von malerischer Geste mit der Idee, Naturphänomene zu verändern, vielleicht selbst zu viel an Information geworden? Als hätten sich die trüben Wolken nach einem Gewitter verzogen, erscheinen die anschließenden, 1965 ins Werk gesetzten „Regenbogenanomalien“ in der Klarheit, in der sich eine feine Ironie zur Geltung bringt (WV 1994, 29). In einem 1965 verfassten Lebenslauf beschreibt Christian Ludwig die Werkfolge so: das in allen arbeiten erscheinende motiv des regenbogens wird meistens als kontrast zu klaren quadratischen oder tachistischen formelementen verwendet. der regenbogen kann schwarz, weiss oder auch farbig sein, tritt aber auch würfel- oder kugelförmig in diesen bildern auf. meistens verändert der regenbogen seine ursprüngliche form und erscheint schlingenförmig oder schwebt perspektivisch in würfeln aufgelöst über wasserfälle und gebirgslandschaften (Archiv Attersee, unpubliziert). In Schwüngen und Kehrtwendungen, in Schlangenlinien und zum Kreis gebogen, kubisch und mehrere Fotos der Tafeln überspannend, ließ der Wettererfinder seine Regenbogen über die Bildgründe tanzen. Eine Anweisung für derlei naturwissenschaftliche Kuriosa wurde dann auf dem Informationsblatt für die Ausstellung der Berliner Galerie Katz 1966 mitgeliefert. 10 anweisungen zur betrachtung von regenbogenerscheinungen ist es überschrieben, und beinahe möchte man den Anweisungen folgen und beispielsweise die masten der auf hoher see segelnden schiffe erklettern, um in den Genuss zu kommen, den regenbogen als vollen kreis zu beobachten. Nummer 9 nimmt es ganz genau: gelegenheit, einen schwarzen regenbogen zu beschauen, haben sie nur bei besichtigung des bildes „regenbogen in trauer“ von christian ludwig. Die Nummer 10 schließlich bringt die Sache auf den Punkt nonchalanter Eigenwerbung: besuchen sie die ausstellung der bilder christian ludwigs in der galerie benjamin katz. sie werden regenbogenanomalien sowie abbildungen regenbogenförmiger würfel und kugeln betrachten können. Gleichsam zur Bestätigung der Mobilität dieser Himmelserscheinungen war dem Faltblatt eine kleine Zellophantüte, beinhaltend „2 bewegliche Regenbogenteilstücke“ aus Papier, angeheftet. Aber das war Monate später, als der österreichische Künstler seine erste Ausstellung hatte, nicht in Wien, sondern im benachbarten Ausland.

„Ich die Operette (Christian Ludwig als Solist in der Wiener Staatsoper oder Der schwarze Regenbogen)“. 1964. Collage mit Fotografie des Künstlers, Farbstift und Kasein auf Karton. 44 x 62 cm
Teilstück der Einladung zur Attersee-Ausstellung in der Galerie Benjamin Katz in Berlin. Mai 1966

„Mutti spricht Regenbogen Nr. 2“. 1964. Reliefbild. Montage mit Buntpapier, Holzwürfeln, Regenbogenelementen (Farbstift auf Karton), Kasein und Kunstharz auf Novopanplatte. 100 x 110 cm

„Wettermal“. 1965. Linker Teil des „Regenbogentriptychons“. Collage mit Buntpapier, Regenbogenelementen (Farbstift auf Karton) und Farbstift auf Karton. 70 x 100 cm

„Regenbogen in Trauer (Trauerbogen)“. 1965. Mittelstück des „Regenbogentriptychons“. Collage mit Buntpapier, Regenbogenanomalien (Farbstift auf Karton) und Farbstift auf Karton. 70 x 100 cm

„Rückkehr“. 1965. Rechter Teil des „Regenbogentriptychons“. Collage mit Buntpapier, Regenbogenelementen (Farbstift auf Karton) und Farbstiften auf Karton. 70 x 100 cm
Blickt man aus dem Abstand von fast einem halben Jahrhundert auf das künstlerische Leben Wiens, so fällt vor allem auf, dass man auf Wien blickt. Drei Gruppierungen haben sich gehalten, und alle tragen sie die Herkunftsbezeichnung im Namen. Die Hartnäckigkeit, mit der die Wiener Gruppe, der Wiener Aktionismus und die Wiener Schule des Phantastischen Realismus auf ihre Provenienz verweisen und in der Wahrnehmung auch verwiesen sind, mag sich von Präzedenzfällen her erklären, die es in der Wiener Moderne gab. Speziell die von Egon Wellesz bereits 1912 auf den Begriff gebrachte Wiener Schule der Neutöner, also der Musiker um Arnold Schönberg, und der in den Zwanzigern und Dreißigern operierende Wiener Kreis der analytischen Philosophen hatten Vorarbeit geleistet in Sachen Avanciertheit und Avantgarde. Und auch die Missverständnisse, die mit Innovationen stets einherzugehen pflegen, hatten sie schon gekannt. Wien war Prädikat und Bürde in einem. Der Kunsteleve, so lässt sich vorwegnehmen, hat von allen drei Gruppierungen der Jahre um 1960 gelernt. Auf die – von Kritiker Johann Muschik so genannten – Phantastischen Realisten lässt sich ein gewisses Faible für die Feinmalerei zurückführen, für eine handwerkliche Sorgfalt und Gediegenheit der Gestaltung, bei der stets ein kontrollierender Geist waltet. Die Aktionisten haben mit Attersee die Neigung zur obsessiven Beschäftigung gemein, die sich vor allem auf zweierlei Essenzialitäten richtet: Nahrung und Sexualität. Die Wiener Gruppe schließlich war das Trainingsfeld schlechthin, sie war das ästhetische Milieu, in das der heranreifende Mensch eintauchte, um als Künstler wieder aufzutauchen. Die Wiener Gruppe hat mir geholfen, weil ihre Mitglieder sehr gebildet waren. Maler sind ja meist dumme Leute, darum war ich bei ihnen selten anzutreffen. Dichter haben mich mehr interessiert, und die waren auch bei der Hand. Vor allem die Freundschaft mit Gerhard Rühm hat dem jungen Mann das Entree verschafft in einen Zirkel, der durchweg zehn Jahre älter war als er. Allein die Übungen in Kleinschreibung, die Attersees Texte speziell der Sechziger durchzieht, sind dem Literatenkreis zu verdanken, wie er der Sprache und ihrer Orthografie so etwas wie ein demokratisches Bewusstsein zu geben suchte, Egalität und kollektive Identität.
Konrad Bayer hat am 3. September 1964, einen Monat vor seinem Selbstmord, im „Times Literary Supplement“ Rückschau gehalten auf die exquisite Runde. Von 1954 bis 1959, sagt er, war „die periode unserer intensivsten zusammenarbeit“. In verschiedenen Konstellationen sind Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm und Wiener als illustres Quintett, im Duo oder Trio und auch allein hervorgetreten, und gerade diesen Wechselgesang haben sie als ihre Unverwechselbarkeit gepflegt – heute würde man sagen: ihr Alleinstellungsmerkmal. „die tatsache“, schreibt Bayer in seinem Artikel, „dass wirkliche gemeinschaftsarbeiten produziert werden konnten, und zwar als teil unseres programms und nicht nur als gelegentliche nebenprodukte: dieses drängen auf anonymität, diese selbstauslöschung des autors zugunsten der zusammenarbeit – eine haltung, die zweifellos auch auf unsere jugend zurückgeführt werden kann – war ein hauptmerkmal unserer gruppe, und ich halte es immer noch für eine der wenigen vorstellbaren begründungen literarischer zusammenarbeit. die wiener gruppe war nicht so sehr ökonomisch motiviert, sie war vielmehr ein labor und ein experimentierfeld“ (zit. n. Weibel 1997, 30). Diese Literatur hat die Zauberformeln der orthodoxen Moderne eingearbeitet: das Kalkül mit dem Zufall und die Aleatorik, wie sie von Dada und Surrealismus kommen, den Hang zum Reduktiven und den Purismus, wie sie die Abstraktion und der Konstruktivismus entwickelten, und überhaupt das Spiel mit dem Vernachlässigten, Ephemeren, gegen den Kanon Gerichteten, das die Avantgarde immer schon betrieb.
H. C. Artmann und Konrad Bayer im Café Hawelka in Wien. 1956. Fotografie von Franz Hubmann
Konrad Bayer, H. C. Artmann, Gerhard Rühm, Friedrich Achleitner und Oswald Wiener (mit dem Rücken zur Kamera) im Café Hawelka in Wien. 1956. Fotografie von Franz Hubmann
Attersee bringt die Differenzen und die Kompetenzen der einzelnen Gruppemitglieder schön auf den Punkt: Artmann war ein Musketier als Sprachtalent, er war der Surrealist der Wiener Gruppe. Der Konkrete war der Rühm. Der Bastler war der Achleitner. Der Wissenschaftler, der sich immer wieder versucht hat, in philosophische und theoretische Projekte hineinzubringen, das war der Ossi Wiener. Auf jeden Fall war die Dialektlyrik die publikumswirksamste der Hervorbringungen der Wiener Gruppe; H. C. Artmann drohte mit seinem Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ (1958) gar zum „volksbarden“ zu werden, wie Gerhard Rühm es pointiert formulierte. Rühms Text „das phänomen der ‚wiener gruppe‘ im wien der fünfziger und sechziger jahre“ ist im Jahr 1967 geschrieben, und er fasst die Geschichte dieses veritablen Phänomens wunderbar zusammen. Einer breiten Würdigung zugänglich ist das Phänomen dank jener voluminösen Publikation, die Peter Weibel, treibende Kraft, Impresario und Kompilator der avantgardistischen Tendenzen in den späteren Sechzigern, für die österreichische Präsentation auf der Biennale di Venezia 1997 der Gruppe gewidmet hat: Der dickleibige Band stellte das Exponat dar, das im Pavillon zu sehen war, gestapelt auf Paletten, zur freien Entnahme, und es war ein Auftritt von eigener künstlerischer Qualität, wie die Beinahe-Folianten von den schwitzenden Besuchern durchs Gelände, auf die Vaporetti und in die Hotels geschleppt wurden.
Einband zu H. C. Artmanns „med ana schwoazzn dintn. gedichta aus bradnsee“. Salzburg: Otto Müller Verlag 1958
Das „1. literarische cabaret“ der Wiener Gruppe mit Gerhard Rühm, Oswald Wiener, Friedrich Achleitner und Konrad Bayer. Wien, Künstlervereinigung „alte welt“, Windmühlgasse. 1958. Fotografie von Franz Hubmann
In das Jahr 1958 fällt die erstmalige Zuerkennung des einschlägigen Etiketts, als Dorothea Zeemann im „Neuen Kurier“ vom 23. Juni von der „Wiener Dichtergruppe“ berichtet. Im Dezember findet das „1. literarische cabaret“ statt, in einem Theatersaal in der Wiener Windmühlgasse, bei einem „alle erwartungen übertreffenden andrang“ und einem dezidierten „nachträglichen echo“, wie Rühm sich erinnert (ebd., 27). Im April des folgenden Jahres fand man sich im Porrhaus am Naschmarkt zur zweiten Veranstaltung ein, diesmal reagierte auch die Presse, „mit der typischen mischung von entrüstung und sensationsgier“, schreibt Rühm. Es waren die Jahre, da die Kunst ihre performative Wende nahm und das Werk, das vordem als in sich ruhend, autonom und vollendet gedacht war, dynamische Züge eines Ereignisses erhielt. Handlung, Ablauf, Auftritt, Vortrag waren die neuen Medien, und was eine Gattungsästhetik streng in Dichtung, Bildnerei, Musik getrennt hatte, wurde theatralisch und fügte sich zusammen zu einer gewichtigen Vorstellung von Totalität. Verwandte Tendenzen gab es weltweit, im Happening Allan Kaprows in den USA etwa oder bei Dieter Roth in der Schweiz, später ein zentraler Weggefährte Attersees. In Österreich jedenfalls bestellte die Wiener Gruppe das neue Terrain, als Proponenten eines „totalen theaters“ und der entsprechenden öffentlichen Ablehnung.
Wie immer, wenn es um Expeditionen ins Unbekannte geht, hatte es mit der Pioniertruppe bald ein Ende. Am 10. April 1964 brachte man die bereits 1958 gemeinsam verfasste „kinderoper“ zur Uraufführung, es war im „Chattanooga“, einem Lokal am Graben, zu dessen Eröffnung der Betreiber Uzzi Förster auf die Spektakeleffekte von Skandalen setzte und das Radikalste der Wiener Szene einlud, sich zu exponieren. Es wurde die „abschiedsvorstellung“, formuliert Rühm: „achleitner wandte sich wieder ganz der architekturtheorie zu, bayer zog sich nach schloss hagenberg in niederösterreich zurück, um seinen roman (unvollendet geblieben und ,der sechste sinn‘ betitelt, Anm. d. Verf.) fertig zu schreiben, wiener hatte einen job bei ‚olivetti‘ und arbeitete an der ‚verbesserung von mitteleuropa‘, ich übersiedelte zwei tage nach der aufführung nach berlin“ (ebd., 29). Auf diese Übersiedelung und ihre Folgen für die Biografie eines aufstrebenden Künstlers wird zurückzukommen sein. Artmann übrigens lebte zu der Zeit schon im schwedischen Malmö. Er war seiner seltsamen Reputation als Wiener Mundartdichter entflohen.
Schon am 14. April 1964 kommt es im „Chattanooga“ zum Auftritt einer illustren neuen Tendenz, die die Wiener Gruppe an Direktheit und Streben nach Unmittelbarkeit, an Skandalträchtigkeit und Kriminalisierung weit in den Schatten stellen wird. Die Literaten und die jungen Radikalen, die im Jahr 1969 von Peter Weibel auf den Begriff „Wiener Aktionisten“ gebracht werden, haben trotz der räumlichen und zeitlichen Koinzidenz miteinander nichts zu tun, einzig Oswald Wiener nimmt von ihnen Notiz. Er ist mit Otto Muehl befreundet, und eben Muehl setzt im „Chattanooga“ seine „Materialaktion Nr. 6“ in Szene. „Ein weibliches Modell“, stellt es Hilde Spiel, die Grande Dame der Kulturberichterstattung aus Österreich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 30. April 1964 leicht konsterniert dar, „dessen übliche Entblößung hier durch einen Bikini angedeutet ist, wird nach und nach mit unappetitlichem Abfall aller Art beworfen, in durchlöcherte Nylonsäcke gehüllt, mit roten Gartenschläuchen verschnürt und zuletzt mit Brettern umgeben“ (zit. n. Loers/Schwarz 1988, 264). So gingen sie zu Werke, die Aktionisten, und was hier reportiert wird, gehört noch zu den harmloseren Manifestationen, zum Frühwerk gewissermaßen. 1958 hatten Rühm und Bayer ein Stück Lyrik erdacht, das mit den Zeilen „scheissen und brunzen / sind kunsten“ einsetzt – was in den Sechzigern bei Muehl und seinen Mitstreitern, zu denen man speziell Günter Brus, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler rechnen kann, zu gewahren ist, wäre die ganz buchstäbliche Umsetzung dieses Diktums in eine künstlerische Darbietung.
Das „2. literarische cabaret“ der Wiener Gruppe. In der Nummer „2 welten" zertrümmern Friedrich Achleitner und Gerhard Rühm ein Klavier auf der Bühne im Wiener Porrhaus. 1959. Fotografie von Franz Hubmann
Szenenbild aus der „kinderoper“ mit Gerhard Rühm, Friedrich Achleitner und Konrad Bayer. 1964. Fotografie von Franz Hubmann
Der Wiener Aktionismus ist eine perfekte Demonstration in Selbstüberbietung, bei der sich das vollkommene Unverständnis der Öffentlichkeit und die Permissivität, die in den Sechzigern mit jedem Jahr zunimmt, in einem Mechanismus der Radikalisierung gegenseitig, man könnte sagen, anfeuern. Die seriöserweise ambitionierten Ideen des Aktionismus – die Frage nach dem Dionysischen, nach Exzess und Verausgabung, etwa bei Nitsch, oder die vom Expressionismus eines Oskar Kokoschka abgeleitete Herausstellung von Fleisch und Exkrementen bei Muehl oder Brus – stoßen auf die strikteste Ablehnung bei allen, die nicht selbst zum Zirkel gehören. Die einmal erlebte Ablehnung wird in bester avantgardistischer Manier zur Raison d’Être und zum Motor der folgenden Auftritte, die diese Erfahrung des Scheiterns bereits eingebaut haben und sie als Prämisse nehmen für die Selffulfilling Prophecy des nächsten Skandals. Bis heute ist Attersee mit Nitsch und Brus sehr gut befreundet, er hat diverse Gemeinschaftsarbeiten mit ihnen ins Werk gesetzt, er war und ist Bestandteil dieser aufsehenerregendsten aller künstlerischen Bewegungen nicht nur Wiens, sondern man darf sagen, weltweit. Mit einem eigenen Auftritt beteiligt war Attersee – mit einer Ausnahme, auf die wir selbstverständlich zurückkommen – an den Darbietungen nicht.
Katalogumschlag zu Rudolf Schwarzkoglers Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan in Wien. 1970
Friedl Muehl, Hermann Nitsch, Otto Muehl, Eva Nitsch, Ingrid und Oswald Wiener (mit dem Kreuz), Kurt Kren, Anni und Günter Brus. 1966
Renovierungsarbeiten im ersten Atelier Attersees im 9. Wiener Bezirk. Stehend Horst Ludwig. 1964
Was das für eine Gesellschaft war, in der und gegen die eine Kunst von solch ausgreifender Fasson entstand, lässt sich an einem Ereignis von März 1963 ersehen. Es hatte ein Mord stattgefunden, eine elfjährige Ballettschülerin, die an der Oper tanzte, war im ehrwürdigen Haus am Ring erstochen worden. Verdächtige wurden verhört, und so kam es zu einer ganz unfreiwilligen Gemeinsamkeit von Wiener Gruppe und Aktionisten, als man zum einen Artmann und Rühm und zum anderen Muehl und Nitsch bei der Polizei vorlud. Sie hatten sich nichts zuschulden kommen lassen, außer, dass sie eine Ästhetik der Grausamkeit, des Exzesses oder der Obsessivität vertraten, als Künstler wohlgemerkt, nicht als Bürger. In einer notorischen Vorstellung einer Einheit von Kunst und Leben, die das Spießertum immer dann pflegt, wenn sie ihm im Zirkelschluss vom einen auf das andere Empörung, Verdacht oder gleich Schuldzuweisung gestattet, waren die vier ins Visier geraten. Es wurden auch andere auf ihr Alibi hin befragt. Was die vielen anderen aber nicht hatten, war eine Schlagzeile wie „Die Blutorgel-Maler brauchen Alibi“. Gerhard Rühm durfte zudem Folgendes von sich in der Zeitung lesen: „Die Kriminalisten hatten einen Hinweis erhalten, daß der Wiener Lyriker (…) in einem Gedicht die Erregung eines Triebmörders nachempfindet. Da auch der Sexualmörder am Abend in die Stadt geht und dort sein Opfer durch Messerstiche tötet, schienen dem Anzeiger gewisse Parallelen zum Opernmord gegeben“ (zit. n. Weibel 1997, 732). Kunst tritt auf den Plan, wenn sie als Anlass zur Denunziation taugt. Kultur und Öffentlichkeit hatten sich in der Tat noch nicht, wie es später der Fall sein wird, miteinander geeinigt.
Nach geraumer Suche hatte sich für Christian eben in Wien ein Ort zum Arbeiten und zu einem Leben zu zweit mit Hanni aufgetan. Irgendwann zwischen 1963 und 1964 habe ich dieses Loch gefunden, das ich bewohnbar gemacht habe, mit Sand und ein paar Holzbrettern. In der Boltzmanngasse im neunten Bezirk lagen im ersten Stock diese nicht eben heimeligen Räumlichkeiten. Ursprünglich hatte die Lokalität als Atelier für den Hoffotografen von Kaiser Franz Joseph gedient, wobei er seine fahrbaren Apparaturen auf fest im Boden verankerten Schienen bewegen konnte. Nun wurde der Zwischenraum mit Sand aufgefüllt, der die Feuchtigkeit des Bodens regulieren sollte, und das ganze mit Brettern bedeckt. Ein Atelier mit einfachen Fenstern. Es war schwierig, aber für mich halt mein Platz. Es war ein rechtes Provisorium, man hauste, und es war so ungemütlich, dass der junge Künstler immer wieder nach Linz aufbrach, ins Elternhaus, heim, wie man es macht, wenn es einem anderswo unheimelig oder gar unheimlich wird. Ein Gutteil der Wetterbilder aus 1964 ist daher in Oberösterreich entstanden. Mit den Jahren sollte aus der Bude dann doch ein halbwegs gemütliches Wohnatelier werden. Aufnahmen aus der Zeit zeigen ein wohlgeordnetes Kunterbunt an ausgestopften Tieren, kunstvoll bestickten Kissen, diversen Pokalen aus der Seglerzeit, Spielautomaten vom Prater, und selbstverständlich gehörten ein Klavier und Schallplatten samt Anlage schon damals zum Arrangement. Zu einer Existenz als Bohemien trug auch bei, dass sich das Etablissement eher nicht heizen ließ. „Was haben wir geschlottert“, erinnert sich Hanni, „manchmal sind wir bis zwei am Nachmittag im Bett geblieben, weil es so kalt war.“ Hanni erwies sich als geschickt im Nähen und finanzierte die Zweisamkeit vorerst mit dem Verkauf von Selbstgefertigtem wie Kleidung, Puppen oder Kissen, die mit ihren ironischen Motiven heute als genderbewegte Konzeptkunst durchaus erfolgreich wären.
Hermann Nitsch und Christian Ludwig Attersee beim „6-Tage-Spiel“ auf Schloss Prinzendorf. 1998. Fotografie von Kurt-Michael Westermann
Renovierungsarbeiten im ersten Atelier Attersees im 9. Wiener Bezirk. 1964
Auch Christian hätte gerne das Seinige zum Haushaltsbudget beigetragen, allerdings war er dabei von Anfang an eher glücklos. 1958, noch als Jugendlicher, hätte er es beinahe zu einem Auftritt als Minnesänger in „Das Wirtshaus im Spessart“ gebracht, der deutschen Filmkomödie, in der Lilo Pulver in einer Hosenrolle brilliert; beinahe, denn der Cameo fiel dem Schnitt zum Opfer. Später musste dann ein Job in Linz als Kameramann für die Sportberichterstattung schnell wieder aufgegeben werden, denn das trinkfreudige Team benötigte nicht nur jemanden hinter der Kamera, sondern auch jemanden, der nüchtern hinter dem Steuer saß. Nüchternheit wäre sich womöglich, wie man in Österreich sagt, ausgegangen, doch hinderte die filmische Karriere das Fehlen eines Führerscheines. Wie so viele seiner Kollegen und Künstlerfreunde, von Walter Pichler über Hermann Nitsch bis Martin Kippenberger, erfreut sich Attersee eines Daseins ohne Fahrerlaubnis – bis heute, und man hat nicht den Eindruck, als wäre ihm das ein Manko. Der nach dem Studium angegangene Versuch, ein Messeplakat zu gestalten, scheiterte an den Auftraggebern, denen das vom Künstler ins Auge gefasste Motiv, eine Affe, deutlich missfiel. Ein medizinischer Versuch, für den er sich hergegeben hatte, missfiel wiederum dem Künstler. Zum Auspumpen des Mageninhaltes sollte der Proband einen Schlauch schlucken, der indes an der Speiseröhre haften blieb. Mit leerem Magen und verletzten Schlund wollte der Patient im Anschluss an das Experiment seinen Hunger stillen – mit einer Salzstange, der Schmerz beim Schlucken muss unbeschreiblich gewesen sein. Also hab’ ich weder mit Leichenwaschen noch als Grafiker oder als Türsteher Geld verdient. Ich hab’ mir auch nie nur zehn Schillinge von jemanden ausgeborgt, dafür war ich viel zu schüchtern. Durchgefüttert hat mich am Anfang lange die Hanni – die an ihn glaubte wie kaum jemand anderer.

Puppenkopf von Hanni Rühm. Zweite Hälfte der 1960er Jahre
Polster mit Stickereien und Applikationen von Hanni Rühm. Zweite Hälfte der 1960er Jahre
„Komm mit nach Österreich“ (WV 1994, 41–49): Es ist eine Hommage zum Abschied, was Attersee im Oktober 1965 neunfach, der Zahl der Bundesländer entsprechend, zu Papier bringt. Komm mit, sagt er, doch er selbst ist in diesem Monat zusammen mit Hanni auf dem Weg nach Berlin. Als würde damit eine Fremdheit gebannt, ist die Folge als „Führer durch Österreich für Außerirdische“ gedacht, und damit die Gäste aus dem All es glauben, ist pro Blatt jeweils einer von ihnen abgebildet. Androiden und Aliens, Humanoide, Hybride und sonstwie extraterrestrisch anmutende Wesen zeigen sich, wie sie sich vor den malerischen Kulissen, die man an der Alpenrepublik so liebt, ergehen und wie sie sich mit ausgiebig vorgezeigten Geschlechtswerkzeugen an Schönheiten zu schaffen machen, Pin-ups im Bikini oder gleich nackt, in der Almwiese sich räkelnd oder heftig Widerstand leistend gegen das Ungetüm aus einer anderen Welt. Schloss Persenbeug in Niederösterreich und das Tal der Enns in der Steiermark, ein Heuriger in Wien, das Stift Sankt Florian in Oberösterreich, der Bregenzerwald, Saalbach und das Mölltal, die unendliche Tiefebene des Burgenlandes und die kühnen Mauern des Karwendels werden Zeugen einer unheimlichen Begegnung der dritten Art. Begleitet von Texten Gerhard Rühms ist „Komm mit nach Österreich“ eine Inversion der Collagen, wie sie bisher entstanden: Fotos, Titelseiten von damals gängigen Schundheften entnommen, liefern den Fond, denen der Künstler seine skurrilen Gestalten appliziert hat – Gestalten, die changieren zwischen femininer Appetitlichkeit und insektenhaft Ekeligem; Gestalten, die in Kaseinfarben aufgebracht wurden, deren Bindemittel aus Milcheiweiß hergestellt wird, als würde abermals vom Essen die Rede sein. Für den Künstler selbst steht die neunteilige Folge ganz unter seinem Lebensthema Erotik. In der „Taulocke“, der Anthologie mit Attersee-Texten, die 1992 erschienen ist, sind Überlegungen Zum Bereich Erotik innerhalb meiner künstlerischen Tätigkeit in den 60er, 70er und 80er Jahren nachzulesen. Darin heißt es zu „Komm mit nach Österreich“: Collagen aus Science-fiction-Illustrationen, Abbildungen von nackten Mädchen aus amerikanischen Magazinen und österreichische Landschaftsfotografien aus Bildkalendern, dazu Malerei, sind die Darstellungselemente dieses Reiseführers. Ein wichtiges Teilgebiet der Abbildungen dieses Führers ist die Darstellung der Geschlechtsmerkmale außerirdischer Wesen, immerhin werden sie im Körperkontakt mit Österreicherinnen gezeigt. Auch das am Rande ein Beitrag zum ewigen Thema der Pubertätszeit: Wie schaut eigentlich die Welt der Micky Maus zwischen den Beinen aus (Taulocke 1992, 13f.).

Schutzumschlag zu Attersees „Taulocke“. Wien: Christian Brandstätter Verlag 1992

„Oberösterreich, Stift St. Florian (Komm mit nach Österreich Nr. 4)“. 1965

„Niederösterreich, die Wachau (Komm mit nach Österreich Nr. 1)“. 1965
„Komm mit nach Österreich“ ist darüber hinaus Attersees vielleicht prägnantester Beitrag zur Frage nach einer etwaigen nationalen Eigenart seiner Kunst. Wird man des Themas einmal gewahr, erkennt man die vielfältigsten Bezüge zur Topik des Österreichischen in seiner Arbeit. Dass die neunteilige Folge sich Vorlagen nimmt, die von der Tourismuswerbung kommen, ist offensichtlich: Österreich ist zuallererst das Image, das man von ihm hat und um das das Land selbst am eifrigsten bemüht ist. Österreich ist die Karte seiner Kulinarik, ist das Klischee vom Phäakischen, das schon in Goethes und Schillers Xenien am Ende des 18. Jahrhunderts besungen wird – „Mich umwohnt mit glänzendem Aug das Volk der Phajaken / Immer ist’s Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß“: Am Essen gebricht es in Attersees Motivwelt niemals. Österreich ist bis heute ganz bei sich im Sport und vor allem in seinen sportlichen Erfolgen, und auch hier liefert der Künstler genuine Beiträge zum nationalen Selbstbild. Dass die Zweimann-Schau, die er 1969 mit Walter Pichler in der Galerie nächst St. Stephan inszeniert, „Österreichs Stolz“ betitelt ist und im Jahr darauf ein Wahlplakat entsteht, in dem „ein echter Österreicher“ affichiert und angepriesen wird, versteht sich dann fast von selbst. Am einschlägigsten schließlich der Künstlername, Attersee, der viel mehr ist als ein Attribut, der ein Ort ist, ein Ort, bei dem das Topografische ins Topische übergeht.

„Steiermark, die Enns (Komm mit nach Österreich Nr. 2)“. 1965

„Kärnten, das Mölltal (Komm mit nach Österreich Nr. 5)“. 1965
Der spielerische Einsatz von Signets des Nationalen gehört zum internationalen Stil der Sechziger. Ob Jasper Johns das Star-Spangled Banner, die Flagge der USA, zum Ausgangspunkt seiner Gemälde nimmt, um die Frage zu stellen, was ein Objekt ist und was eine Fläche; ob Andy Warhol sich ganz einschwört auf die Darstellung, die Huldigung der amerikanischen Heroen, heißen sie Elvis, Marilyn und Jackie oder Coca-Cola, Campbell’s und Green Back, die Dollarnote; und ob die Who, die britische Rock-Band mit dem aggressivsten Auftritt und dem dezidiertesten Appell zum Aufruhr, in der berühmt gewordenen Fotografie von Colin Jones den Union Jack hinter sich drapieren und auch noch Jacketts aus dem Stoff der königlichen Standarte tragen: Es ist ein Kennzeichen der Pop-Kultur, wie sie die Sechziger insgesamt prägt, locker-affirmativen Umgang zu pflegen mit den Images und Unverwechselbarkeiten, den Identifikationsangeboten und Etiketten der Alltagswelt. Attersee ist immer wieder als Pop-Künstler apostrophiert worden – und er wäre der einzige, den Österreich hervorgebracht hat. Immer wieder auch hat er sich dagegen verwahrt: Die Pop-Künstler finden, ich dagegen erfinde. Und doch sind es die eigene Unverwechselbarkeit und das eigene Image, die in den Arbeiten Mitte der Sechziger ausgebildet werden, und selbstverständlich nährt sich die ureigene künstlerische Sprache, die dabei greifbar wird, von Gesten, die dem Pop zumindest ähneln. Attersees Unverwechselbarkeit besteht in einer durchaus schrillen Sprache, die koketten Umgang pflegt mit dem Trivialen, dem Populären und dem ganz Innerweltlichen eines Lebens im Präsens – gegen den Rigorismus der literarischen Wiener Gruppe, gegen den Ritualismus des Wiener Aktionismus und gegen die pure Ausgedachtheit der Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

„Salzburg, Saalbach (Komm mit nach Österreich Nr. 6)“. 1965
„Burgenland, Neusiedlersee (Komm mit nach Österreich Nr. 7)“. 1965
Attersee findet zu künstlerischer Reife im Aufgreifen von Dingen, Formen und Vorstellungen, wie sie einer kollektiven Praxis und einem kollektiven Konsum entstammen, die sich in Geschichte und Gegenwart seines Landes entwickelt haben. Er findet zur Typik über die Topik. Dass es ganz generelle Bereiche sind, Pools des Vertrauten und Gebräuchlichen, in denen er sich bedient, gehört zur Logik der Aneignung. Es sind allgemeine, generelle, vernakuläre Erscheinungen, und sie werden gerade in dieser Selbstverständlichkeit engagiert, um sie zu atterseeisieren. Das betrifft auch die Tradition. Fünf Bedeutungsfelder hat Ernst Robert Curtius in seinem Klassiker zur abendländischen Kulturgeschichte – „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“, erstmals 1948 erschienen – abgezirkelt, bei denen man sich im Verlauf der Jahrhunderte besonders gern bedient hätte, um Metaphern zu finden, triftige Begriffe und malerische Bilder. Die fünf Felder sind: Schifffahrt, Personen, Speisen, Körperteile und Theater. Alle fünf spielen auch bei Attersee eine exquisite Rolle, und hätte Curtius noch die Tiere als weiteres Feld erwähnt, so wäre das Kompendium der artifiziellen Welt des Christian Ludwig Attersee fast schon erstellt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Einschlägigkeit der Motivbereiche ist eine Qualität, kein Defizit; es steht vor allem für die Zeitgenossenschaft eines Künstlers in einer Realität, in der alles mit allem vernetzt ist; in der das Genie, wie Umberto Eco es einmal besonders pointierte, zu neunzig Prozent aus Transpiration und nur zu zehn Prozent aus Inspiration besteht (Eco 1984, 18); und in der die herausragende Mentalität ohnedies die Ironie darstellt, jene Originalität der Spätgeborenen, die um ihre Verstricktheiten weiß. Avant la lettre, nimmt man William Johnstons anfangs dieses Kapitels bemühte Unterscheidung, hat sich Attersee mit dem österreichischen Menschen der neuen Fasson ins Benehmen gesetzt; es ist von vornherein ein internationaler Mensch, der, eingebettet in seine regionalen Bedingtheiten, sein Ziel in der Fremdwirkung hat, sein Telos im Telegenen. Dieser internationale Mensch wird sich entsprechend um eine andere Form der Verwirklichung bemühen. Da ihn ohnedies nichts hält in Wien, schon überhaupt nicht die Aussicht auf Karriere, geht er, zusammen mit seiner Lebensgefährtin, nach Berlin.

„Tirol, Innsbruck (Komm mit nach Österreich Nr. 3)“. 1965
Diese Seite und die beiden folgenden Doppelseiten: „Komm mit nach Österreich (Ein Führer durch Österreich für außerirdische Wesen)“. 1965. Entwürfe für ein Album mit Texten von Gerhard Rühm. Collagen mit Illustriertenabbildungen, Kalenderlandschaften und Abbildungen von außerirdischen Wesen (Teilstücke von Romanheftumschlägen) auf Karton. Jeweils 27 x 26 auf 28 x 27 cm
„Vorarlberg, Bregenzer Wald (Komm mit nach Österreich Nr. 8)“. 1965

„Wien, Heuriger in Grinzing (Komm mit nach Österreich Nr. 9)“. 1965

Attersee mit einem Teller voll Speisekugeln. Mai 1966
1965–1966
„allgemein machte sich eine gewisse unruhe bei uns bemerkbar“, heißt es in Rühms Text von 1967, „eine fast beklemmende ungeduld, in wien festzusitzen. artmann hatte österreich bereits 1960 verlassen. wir fühlten uns hier abgeschnitten, auf verlorenem posten. Von wenigen abdrucken in zeitschriften und anthologien abgesehen, häuften sich unsere unpublizierten manuskripte in der schublade. wir hatten hier kaum eine chance“ (zit. n. Weibel 1997, 29). Auf Halde konnte man in der Tat überall produzieren, und so war Rühms im April 1964 in die Tat umgesetzte Entscheidung, nach Berlin zu gehen, auf ihre Art so gut wie jede andere. In der Retrospektion hat er dafür die Enge Wiens verantwortlich gemacht, das Unverständnis und die Ignoranz, all die Charakteristika kleinstädtischer Überschaubarkeit, die umso eklatanter war, als man sich die Prätention aufs Metropolitane leistete.
Doch das war es nicht allein. Was vordem das Präfix „Wiener“ trug und einem Gruppengedanken verpflichtet war, internationalisierte und individualisierte sich. Man ging seine eigenen Wege mit eigenem Plan. Ein solcher Dispens von Beschränkung, aber auch von angestammter Umgebung war der Zeit insgesamt geschuldet. Künstlerische Identität hatte man fortan mit sich allein auszumachen. Die Ästhetik der Sechziger macht durch, was der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn in seinem 1962 publizierten Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ einen „Paradigmenwechsel“ nennt. Sie wird sich fundamental verändern, und damit ist, im Grunde bis heute, kein Stein mehr auf dem anderen. In den siebziger und achtziger Jahren wird man diese prinzipielle Andersartigkeit „postmodern“ nennen, auch wenn der Begriff unzulänglich ist, weil er von einer Spätphase und damit von einer Kontinuität zum Früheren redet, jedoch nicht von einer Zäsur. Dass die künstlerischen Dinge einer neuen Idee unterliegen, nämlich was überhaupt ein Werk sein kann, kam schon zur Sprache: Ereignis, Handlung, Auftritt, Theatralik setzen sich durch – und mit ihnen die Erkenntnis, dass auch das Unverständnis eine Komponente des Spektakulären besitzt und jeder Skandal vor allem der Aufmerksamkeit dient. Kunst war stets auch eine Sache der Ökonomie gewesen, denn bei aller Anti-Haltung musste man ja immer von irgendetwas leben. Nun beginnt man zu begreifen, dass das Ökonomische Bestandteil des Ästhetischen ist – ein Mechanismus, der auch umgekehrt gilt. In keinem Fall aber steht das eine zum anderen in radikaler Andersheit.
In der Rückschau sind es vor allem zwei Vorstellungen, die der Kunst eine neue Mentalität verleihen. Zum einen gilt, was der französische Philosoph Jean-François Lyotard als „das Ende der großen Erzählungen“ beschrieben hat. Bis in die Sechziger konnten sich die künstlerischen Positionen einer Art Gesamtprojekt verpflichtet fühlen. Man arbeitete an einer großen Idee: sei es schlicht der Fortschritt der Menschheit – etwa im Futurismus und seinen konstruktivistischen Ablegern –, sei es die Emanzipation von der Verpflichtung auf Abbildung, wie in der Abstraktion, oder sei es das Ausloten der morphologischen Möglichkeiten bis in die kleinste Nuance. Gerade in Sachen Formentwicklung war um 1960 ein gewisser Erschöpfungszustand erreicht: Wenn Malerei sich als unbearbeitete Leinwand darbietet, Musik aus den Geräuschen besteht, die bei der Aufführung vom Publikum kommen, oder Literatur allein in ihrer zeichenspezifischen Grundausstattung – also im Graphem, im Buchstaben – greifbar wird, dann bedarf die Programmatik dessen, wie es weitergeht, neuer Wege. Diese Wege wurden nun zuallererst die Schneisen, die jeder für sich selbst schlug.
Kunst seit den Sechzigern ist Sache einer persönlichen Entscheidung, um nicht zu sagen: einer Selbsternennung; der Anspruch auf Verbindlichkeit wird eigenmächtig erhoben.
Zum anderen macht die Rede vom „Tod des Autors“ die Runde. Der französische Strukturalismus ist der Seismograf dieser Verwerfung: weg von der Künstlerperson hin zu seiner Wahrnehmung durch die und in der Öffentlichkeit. Man könne wetten, schrieb Michel Foucault 1966 in seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“, das nicht zuletzt wegen dieser so verwegen klingenden Schlusszeile zum Theorie-Bestseller seiner Zeit wurde, „daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ (Foucault 1971, 462). Arbeit wurde ohne Autorschaft gedacht, Kunst ohne Künstler, und jenseits des Atlantiks verfügte Andy Warhol: „I want to be a machine“, auch die Conceptual-Art verkündete mit Sol LeWitt: „The idea becomes the machine that makes the art“. Eine Maschinenästhetik eigener Art: Natürlich waren dies mehr Parolen als Produktionsprämissen. Die Künstlerperson feierte bald Urstände als jene Figur, auf der dann doch alles basiert. Aber es bleibt bemerkbar, dass sich diese Person verändert hat, sie ist reflektierter geworden, ironischer vielleicht, spielerischer im Umgang mit den Rollen, die man ihr zwischen Genialität, Verkanntheit und Provokationsgesten zuteilt. Der deutsche Maler Sigmar Polke dachte sich 1968 „höhere Wesen“ aus, die „befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ Tatsächlich trägt auf seiner Leinwand das besagte Areal Trauer; augenzwinkernd ist dargestellt, dass Kunst womöglich etwas mit Einflüsterung aus fremden Sphären zu tun hat.
Der junge Künstler, der im Oktober 1965 sein österreichisches Biotop verlässt, macht sich auf seine Weise auf zu Internationalität und Individualität. Die Veränderungen, die die Dekade fordert, finden auch in seiner Arbeit statt. Trotz aller Verwurzeltheit in den Träumen und Traditionen des Landes geht er seinen eigenen, seinen ganz eigenen Weg und emanzipiert sich von den Einflüssen seiner Frühzeit. Bald wird er sich einen speziellen Namen zulegen und seinerseits Autorschaft zum Thema machen: Attersee ist als Pseudonym, besser: als Toponym ein herausragender Beitrag zur Diskussion, wie es sie Mitte der Sechziger gibt, immer wieder wird der Künstler von sich in der dritten Person sprechen, Distanz zu sich selbst einfordern und das große, souveräne, autonome Ego in Frage stellen, das man bis dahin bei seinesgleichen voraussetzte.
Im Sommer war ich sicher auf irgendeiner Reise, dann sind die Hanni und ich auf Einladung von Gerhard Rühm nach Berlin. Wir haben Wien verlassen, und es war nicht klar, für wie lange. Ich habe meine Mappe mitgenommen, mein Lieblingsmaterial, das waren dreißig bis vierzig Ess-Abbildungen, und das Österreichbuch (damals noch nicht verlegt). Ich hatte meine ganze Kunst in dieser Mappe, die später so wichtig geworden ist, es war ja schon alles fertig. Nach der Abschlussarbeit für sein zweites Diplom an der Hochschule für angewandte Kunst – der Klasse für Glasgestaltung entsprechend mit einem achtzig Quadratmeter großen Fenster für einen Fabrikbau – hatte Christian den Sommer 1965 mit ersten Überlegungen zu einer Knossos-Rekonstruktion auf Kreta verbracht, danach folgte die Arbeit zum Österreichbuch, die im Oktober abgeschlossen war. Aufträge oder gar Ausstellungen waren nicht in Sicht. Hungern konnte man auch in Berlin, und gemeinsam mit Gerhard Rühm in dessen Zimmer in der Offenbacher Straße betrieb man das auch nach Kräften. Der Gerhard hatte eine Wohnung mit einem Max Pechstein an der Wand, aber der hat dem Hausherren gehört, sonst hat er auch nichts gehabt. Wir haben auf dem Boden geschlafen. Versilbern hätte sich der Wert an der Wand ohnehin nicht lassen, er war nämlich als Fresko ganz buchstäblich an dieser Wand – vor dem Krieg war der Raum das Atelier des Brücke-Veteranen gewesen.
Hunger war ein steter Begleiter. Jeder von den dreien musste sich seine eigene List bereithalten, um dagegen anzukämpfen. Hanni Rühm erinnert sich, dass ein Karamelllutscher manchmal die einzige Tagesration war, ihr Bruder biss sich, jedenfalls angesichts dessen, was er zu Hause vorfand, auf die Zunge – aber Christian konnte seinen Hunger visuell stillen. Ja, der Hunger spielt insofern eine Rolle, weil ich das Essen nur mit den Augen zu mir genommen habe, durch meine Fantasie. Es war eine schöne Zeit, ich habe dann immer diese Essenscollagen aufgeblättert, der Gerhard hat wahnsinnig gelitten bei all den Stelzen, dem Gulasch, der gefüllten Paprika. Außer Haus hatte Gerhard Rühm allerdings eine andere Strategie entwickelt, die ihm mitunter zu einem heimlichen Imbiss verhalf. Der Rühm hat einen Trick gehabt, er hat immer ein Lied gesungen: „In Graz, in Graz, in Graz“, und da sind die Leute aufgesprungen und haben ihm einige Pfennige gegeben. Wenn er dann 1,40 Mark oder so beisammen hatte, ist er gleich zum Hühner-Hugo und hat sich ein Hendlhaxerl dafür gekauft. Einmal hab’ ich ihn dabei erwischt, und er hat mich nicht abbeißen lassen. So etwas merkt man sich natürlich. Jahre später ist auf den Vulkanen der karibischen Insel Saint Vincent die Geschichte dann zu Ende gegangen. Und zwar folgendermaßen: Als bei einer langen Wanderung auf der Karibikinsel Hunger und Durst unerträglich wurden, fand sich als einzige Abhilfe eine Orange im Marschgepäck Attersees. Der Jüngere vergalt die seinerzeitige Not mit Großmut, auch wenn man sich über das Ausmaß der Gabe uneinig ist: Hat nun der eine dem anderen wirklich die ganze Frucht überlassen, oder war es, wie der Beschenkte behauptet, doch nur die Hälfte?
Futterneid spielte in der Freundschaft der beiden ohnedies eine untergeordnete Rolle, vielmehr verhalf der Ältere dem Neuling in der Stadt zu den ersten Kontakten im Kunstbetrieb: Fluxus war angesagt. Im Fahrwasser von Gerhard Rühm lernte Christian schnell Figuren der Szene wie Tomas Schmit, Ludwig Gosewitz oder S. D. Sauerbier kennen; Dieter Roth, der später in Wien zu einem guten Freund werden sollte, war noch nicht darunter, er weilte damals gerade in Amerika. Mit dem Rühm hab’ ich damals an so Kleintheater-Geschichten gearbeitet, eine Art Tischtheater, mehr Platz ist ja in einer Galerie nicht, also für kleines Publikum, aber das war immer nur geplant. Und man ist gereist – auf der Suche nach dem einen oder anderen Auftrag: Wir sind herumgezogen in diesem kalten Winter, wir hatten ja nichts zum Heizen. Und dann sind wir auf Reisen gegangen. Ich hatte eine dicke Mappe dabei, das waren hauptsächlich meine sogenannten „Erfindungen“, halb Collagen, halb Schautafeln. Städtereisen waren es, eine Jagd nach Kleinverlagen, damit der Gerhard etwas unterbringt.

„Attersee mit Zierbauch und Pinsel”. 1965. Collage mit Illustriertenabbildungen, regenbogenfarbenen Würfeln (Farbstift auf Karton) und einer Porträtfotografie des Künstlers auf Karton. 17 x 23 cm
Die Erfolge gestalteten sich sehr übersichtlich, man hatte Galerien und Verleger en gros heimgesucht, doch niemand hat sich wirklich erwärmt für diese malerischen Vertreter eines Lebens der Boheme. Ich weiß nicht, vielleicht hab’ ich aber doch irgendein Bild an diesen Kölner Buchhändler – ich glaube, er hieß Nibbe – verkauft. In Erinnerung bleiben zumindest einige Stunden der Begegnung mit Hans Bellmer, dem Surrealisten und Liebhaber sadomasochistisch drapierter Puppen, sowie diverse skurrile Situationen, die sich alleine aus der Tatsache ergaben, dass für eine Übernachtung kein Budget vorhanden war. Es war eher eine traurige Reise, weil niemand von uns etwas aufgerissen hat. Weihnachten zumindest fand dann daheim in den warmen Elternhäusern in Österreich statt, der Weg dorthin war einmal mehr abenteuerlich. Wir sind dann irgendwie im Zug heimgekommen, ohne Fahrkarten, es war absolute Armut.
Später bin ich wieder nach Berlin zurück, wo hätte ich denn sonst hin sollen? Im Januar 1966 nahmen Christian und Hanni also den nächsten Anlauf, nur wohnten sie diesmal nicht mehr beim beschützenden Freund und großen Bruder, sondern allein, auf sich gestellt in der Kleiststraße im Stadtteil Schöneberg. Naja, das war das schlechteste Haus von Berlin, das billigste, und es waren lauter Künstler drin. Unterhalb war eine Einrichtung für Schwule, in einer Wohnung gab es ein Zimmer, da wurde eine Frau tot aufgefunden. Niemand wollte es mieten, so bin ich dann mit der Hanni eingezogen. Selbst nach vier Jahrzehnten spürt man etwas von dem Unbehagen, das Hanni in der Behausung nicht zur Ruhe kommen ließ: „Das war eine große Wohnung, fünf Zimmer oder so, alle einzeln vermietet. Ich hatte immer Angst, wenn der Christian nicht da war, dauernd hat es an der Türe geklopft, und dann noch dieses Zimmer, in dem die Frau ermordet wurde. Es war alles ärmlichst. Aus den Aschenbechern in Lokalen hab’ ich die Zigarettenstummel gesammelt und neue gedreht, damals bin ich süchtig nach Nikotin geworden.“ Aber man war zumindest nicht ganz alleine. Im Stock darüber hatte H. C. Artmann mit Sohn Patrick sein Domizil, ebenso René Block, der Galerist und Fluxus-Impresario, und auch sonst gab es noch die eine oder andere Person, deren Hoffnung, einmal im Kunst- und Kulturbetrieb eine gewisse Bekanntheit zu erlangen, sich schließlich erfüllen sollte. Wieland Schmied, später bedeutend als Ausstellungsmacher, Kunstgeschichte-Professor und Katalog-Autor zu Attersee, half den beiden mit der ersten Miete aus. Gegen den Trübsinn und die Kälte halfen wiederum algerischer Wein für 1,20 DM und deutscher Korn für 4,50 DM die Flasche – samt begleitender Übelkeit, weil wir ja nichts zum Essen gehabt haben außer Semmeln, die hat’s beim Aschinger umsonst gegeben.
Berlin. 1961/62. Fotografie von Franz Hubmann.
Die Hähnchenteile beim Hühner-Hugo, dem Klassiker an Geflügelbraterei, und die Schrippen beim Aschinger, dem ersten, noch vor der Jahrhundertwende eröffneten Schnellrestaurant der Stadt – beides sind klingende Namen für leere Brieftaschen und sentimentale Erinnerungen, wenn es um das Berlin der sechziger und siebziger Jahre geht. Auch bei dem Etablissement im Parterre des Hauses in der Kleiststraße handelte es sich mitnichten um irgendeine Homosexuellenspelunke, sondern um das Kleist-Casino, kurz KC, eine der ältesten einschlägigen Bars Europas und jenen Club mit Disco, in dem ein gewisser Klaus Sperber erstmals öffentlich als Countertenor seine Arien vortrug – als Klaus Nomi sollte er dann jenseits des großen Teichs reüssieren. 2002 schloss das KC endgültig seine Pforten. Ein Problem mit der Hintertüre hatte man offenbar aber schon 1966: Möbel gab es auch keine in dem Zimmer, ich hab’ dann vis-à-vis von einer Baustelle Ziegel gestohlen und daraus etwas zum Sitzen gebaut. Tisch hatten wir auch keinen, da bin ich in der Nacht, als die in der Bar alle besoffen waren, einen Stock tiefer gegangen, hab’ denen die Hintertüre ausgehängt und bin schnell wieder rauf. Das war dann unsere Tischplatte, nicht sehr eben, aber immerhin hatten wir eine Unterlage. Viel zum Zeichnen bin ich damals ohnehin nicht gekommen.
Umschlag zu H. C. Artmanns „Fleiß und Industrie“. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1967
Auch H. C. Artmann im Stockwerk darüber hatte nichts als Hunger, er war unentwegt am Arbeiten, um sich mit seinem Sohn irgendwie durchzuschlagen. Einmal schaue ich zum Fenster hinaus und sehe den Artmann in einem Mülleimer herumsuchen, wo er dann irgendwie eine weggeworfene gekochte Kartoffel gefunden und verzehrt hat. Der war ja zwanzig Jahre älter als ich, und als ich das gesehen habe, sind mir die Tränen gekommen. Ich habe mir gesagt, ich werde im Leben nie etwas anderes als ein Künstler; das hat mich so ergriffen, dass dieser Mensch, der ja damals schon 45 war, noch immer nichts für sein tägliches Auskommen hatte. Die beiden Hausgenossen waren überhaupt oft zusammen. Fasziniert verfolgte der junge Künstler, wie er Theaterstücke übersetzt hat und wie „Fleiß und Industrie“ entstanden ist. Er hat davon gelebt, dass er Schelmenstücke aus dem Spanischen übersetzt hat, direkt ins Reine, weil wir auch kein Papier gehabt haben. Innerhalb von zwei bis drei Tagen waren diese Stücke fertig. Das war ein absolut genialer Mann, der sich innerhalb von wenigen Tagen jede Sprache aneignen konnte. Er ist auch in der Schweiz als Schauspieler aufgetreten in Schwyzerdütsch, das war ein Mann, von dem man etwas lernen konnte, ein Musketier an Sprachtalent. Jahrzehnte später, als viele der Künstlerfreunde von damals es zu Wohlstand gebracht hatten, ging es dem durchaus berühmten Literaten finanziell immer noch nicht rosig. Mit der Begründung „bildende Künstler haben ein unverhältnismäßig höheres Einkommen als Dichter“ (art 5/1987, 23) werden sich 1987 zu seinen Gunsten Attersee, Brus, Gosewitz, Kurt Kocherscheidt, Markus Lüpertz, Nitsch, Pichler, Arnulf Rainer und Dominik Steiger mit einer Grafikmappe zusammentun und den „Kunstpreis der Künstler“ ausloben. Die Aktion war einmalig – der Preis in Höhe von 150.000 Schilling ging eben an Artmann.
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