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Daniel Wachter

Leuchtenstadt

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Leuchtenstadt

Impressum

Anmerkung des Verfassers

Danksagung

Karte

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Epilog

Über den Autor

Impressum neobooks

Leuchtenstadt

DANIEL WACHTER

LEUCHTENSTADT

KRIMINALROMAN

Texte: © Copyright by Daniel Wachter

Umschlaggestaltung: © Copyright by Daniel Wachter

Verlag Taschenbuchausgabe:

Daniel Wachter

CH-6036 Dierikon

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Eine E-Book-Version dieses Werkes wurde publiziert von neobooks – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Impressum

Texte: © Copyright by Daniel Wachter

Umschlaggestaltung: © Copyright by Daniel Wachter

Verlag Taschenbuchausgabe:

Daniel Wachter

CH-6036 Dierikon

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Eine E-Book-Version dieses Werkes wurde publiziert von neobooks – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Anmerkung des Verfassers

Die Ereignisse sind fiktiv, ebenso die Charaktere. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind rein zufällig. Gewisse reale Ereignisse wurden an die fiktiven Gegebenheiten angepasst.

Danksagung

Grosser Dank gilt all jenen Leuten, welche mich auf meinem Lebensweg begleiten, insbesondere meinen Eltern.

Karte



©by OpenStreetMap/bearbeitet von Daniel Wachter

Prolog

Götzental, Dierikon, Schweiz,

März 2019

„Wir sind auf dem besten Weg dazu, diese linken Bastarde wieder auszurotten!“

Frenetischer Beifall erklang nach der flammenden Rede dieses mächtigen Hünen im Ledermantel, den Kopf kahl geschoren.

Seinen richtigen Namen kannte niemand, alle sprachen vom Führer – in Reminiszenz vergangener Zeiten.

Keiner der urigen Eidgenossen, wie sich diese Gruppe nannte, hatte besagte Zeiten erlebt, doch trauerten sie diesen nach. Wöchentlich versammelten sie sich in einer verlassenen Scheune, direkt an der Götzentalstrasse zwischen Udligenswil und Dierikon gelegen.

„Unser Blut soll wieder rein werden!“, polterte der Führer.

„Unser Blut soll wieder rein werden!“, wiederholte die Menge und applaudierte.

„Unser Blut! Wieder rein!“, skandierten alle Anwesenden anschliessend im Takt.

Damit war ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Stadt Luzern und Umgebung beschlossen, eines, das als sehr blutiges im kollektiven Gedächtnis verbleiben würde.

Am Kopf des Tisches war jemand sehr zufrieden. Er hatte diese Gruppe ins Leben gerufen, und sie schienen seine Erwartungen zu erfüllen. Er war der einzige, dessen Befehle der Führer Folge leisten musste. Unterwerfend nannte er ihn Boss.

Kapitel 1

Lokomotivdepot SBB, Neustadt, Luzern, Schweiz,

März 2019

Fröhlich pfeifend sperrte Thomas Eiholzer den Führerstand seiner Lokomotive per Vierkantschlüssel zu. Er hatte allen Grund zur Freude, denn schliesslich hatte er nun Feierabend.

War auch Zeit geworden, die Fahrt von Genf nach Luzern war unter normalen Umständen bereits viel zu lange für seinen Geschmack, schliesslich hatte er als Mittfünfziger doch öfters Harndrang als seine jungen Kollegen. Diese waren noch motiviert, solche Arbeiten verrichten zu können, was ihn mit Freude erfüllte.

Zu allem Überfluss war er noch wegen eines Personenunfalls umgeleitet worden und hatte Luzern eine Viertelstunde später erreicht als geplant – und die nette Dame in der Disposition hatte ihn noch charmant gefragt, ob er noch den Zug ins Depot stellen würde. Diesen Zusatzeffort würde man natürlich auch dementsprechend entlohnen.

Jetzt freute sich Thomas auf ein grosses Bier in der Rathaus-Brauerei direkt am Reussufer, welche er als sein Stammlokal auserkoren hatte.

Schliesslich standen drei freie Tage an, die er endlich wieder mit seinen Wanderkumpanen in den Urner Alpen verbringen würde. Welchen Gipfel sie erklimmen würden, hatten sie noch nicht entscheiden, das gemeinsame Bier sollte dabei helfen.

Solche Ausflüge gehörten zur Tradition, kaum ein Berg in der Schweiz hatten sie noch nicht bestiegen. Klar, von den ganz grossen Klassikern wie Eiger oder Matterhorn liessen sie die Finger, waren sie doch keine Sportkletterer, aber dennoch angefressene Berg- und Skitourengänger.

Bei all dieser Vorfreude bemerkte Thomas nicht, wie sich ein Mann mit schwarzer Jacke auf der Langensandbrücke postierte und ein kleines Zielfernrohr auf das Depotgelände richtete.

Als dieser im Sucher Thomas erblickte, der gerade die Treppe, welche vom Depotgelände ins erhöhte Neustadtquartier führte, hochstieg, drückte er den Abzug durch.

Thomas Eiholzers Kopf explodierte regelrecht.

Kapitel 2

Mall of Switzerland, Ebikon, Schweiz,

März 2019

„Vitus!“, erklang die schrille Frauenstimme durch die Regale des Migros-Supermarktes in der Mall of Switzerland.

Major Vitus Bussmann, nebenberuflich Leiter der Fachgruppe Delikte Leib und Leben und zugleich stellvertretender Chef der Luzerner Kriminalpolizei und hauptberuflich Ehemann von Ingrid, verdrehte genervt die Augen, ehe er tief seufzte und den bereits überquellenden Einkaufswagen in Richtung seiner Frau bugsierte, welche ihn zu sich gerufen hatte.

Als er in die richtige Regalreihe einbog, erblickte er, wie seine Frau mit zwei Werkzeugkistensets in beiden Händen wedelte.

„Welches sollen wir nehmen?“, fragte sie. Bussmann seufzte abermals. Vor einigen Wochen hatte Ingrid durch eine Heimwerkersendung Blut geleckt und fortan beschlossen, ihre Wohnung eigenhändig umzubauen.

„Wir haben fast keinen Platz mehr!“, flehte Bussmann, ohne Erfolg; Ingrid warf gleich beide Koffer auf den Wagen, was die Lebensmittelpackungen darunter bedrohlich knacken liess.

Bussmann konnte es auch nicht verstehen, wieso die Filialen von Migros und Coop in der Hofmatt beziehungsweise im Schappe-Center nicht mehr für den Einkauf genügten, und man stattdessen in diesen überflüssigen Konsumtempel in Ebikon gehen musste. Dabei hätten sie doch in ihrer Wohngemeinde Kriens einen eigenen – den Pilatusmarkt, der zudem stets fast immer halb leer war.

Doch Ingrid hatte von ihren Freundinnen nur Gutes gehört, weswegen die Mall of Switzerland nun zum wöchentlichen Pflichtprogramm der Bussmanns gehörte. War die Mall doch zur Zeit hip und total in. Wer etwas auf sich hielt, sollte einer der ersten gewesen sein, der durch die Gänge des Konsumtempels schritt. Und so fühlte es sich im Gedränge auch an. Vitus war sich sicher, in weniger als zwei Monaten wäre er zur selben Uhrzeit alleine hier drin. Er liebte Ingrid ja, aber ihre Freundinnen hatten doch einen eher negativen Einfluss auf sie. Insbesondere diese Annemarie Brunner, welche nach einer Scheidung offenbar ihren zweiten Frühling erleben wollte und wieder zu einem kitschigen Teenagermädchen mutiert war.

Sohn Luca, gerade fünfundzwanzig Jahre alt geworden, hatte sich galant aus der Affäre gezogen, in dem er das elterliche Nest verlassen und mit Freunden eine WG im Luzerner Tribschenquartier gegründet hatte.

Irgendwann hatte der Albtraum ein Ende und Bussmann war fast schon erleichtert, als sie sich in die Schlange an der Kasse einreihten.

Auch wenn Ingrid sehr anstrengend zu sein schien, liebte er sie dennoch sehr. Sie war sein Fels in der Brandung, seine Stütze, wenn ihm bei der Arbeit der Himmel auf den Kopf zu stürzen drohte. Es hatte in seiner langen Karriere schon dutzende Fälle gegeben, bei denen er nach aussen professionell wirkte, aber innerlich beinahe zerbrach. Wie denjenigen des mordenden Pflegers in einem städtischen Altersheim nahe der Grenze zu Kriens oder der Amoklauf in einer Holzverarbeitungsfirma in Menznau, einem beschaulichen Dorf, welches bis zu jener Tat die pure Idylle verkörperte.

„Schatz, warte doch kurz!“ Diese Worte Ingrids verhiessen nie was Gutes.

So war es auch diesmal; ehe sich Bussmann versah, war seine Gattin wieder im Laden verschwunden. Da die Schlange vor ihm noch lang genug war, entschloss er sich, dennoch zu warten.

Eine fatale Entscheidung, denn sie wurde immer kürzer, während Ingrids Abwesenheitszeit immer länger wurde.

Zu allem Überfluss klingelte noch sein Mobiltelefon. Nervös suchte er all seine Jackentaschen nach dem fiependen Nervtöter ab und als er diesen endlich in den Händen hielt, schien der Anrufer aufzugeben.

Bussmann entsperrte den Bildschirm seines Smartphones und identifizierte den Anrufer als Frau Oberstleutnant Corinne Eichenberger, Kripochefin der Luzerner Polizei.

Was war so wichtig, dass Eichenberger ihn an seinem freien Tag anrief? Sie war sonst nie so. Sie musste triftige Gründe haben.

Er beschloss, zurückzurufen.

„Eichenberger!“, meldete sich jemand am anderen Ende der Leitung.

„Vitus Bussmann hier! Du wolltest mich anrufen!“

„Genau! Kannst du vorbeikommen?“

„Jetzt?“, fragte Bussmann verblüfft.

„Jetzt!“

„Aber heute ist mein freier Tag!“

„Das Verbrechen hat nie einen freien Tag!“, konterte Eichenberger und legte auf. Bussmann hatte keine Chance, noch etwas zu erwidern.

Als Ingrid mit irgendwelchen Malutensilien zurückkehrte, fand sie nur den verlassenen Einkaufswagen vor, von ihrem Mann fehlte jegliche Spur.

Seufzend stopfte sie ihre Errungenschaften in den bereits übervollen Einkaufswagen und bezahlte. Danach fischte sie ihr Handy hervor und versuchte, Vitus zu erreichen.

Ohne Erfolg.

Kapitel 3

Parkhaus Mall of Switzerland, Dierikon, Schweiz,

März 2019

Mit dem provisorisch aufs Dach gehievten Blaulicht brauste Bussmann aus dem Parkhaus des Einkaufszentrums auf die Hauptstrasse Richtung Stadt Luzern. Auf Höhe Schindler überholte er die wegen eines roten Lichtsignals gebildete Kolonne auf der rechten Spur. Sollte er eine Busse kassieren, würde er dies mit den Kollegen der Streife schon regeln.

Gottseidank hatte er seinen Privatwagen umgerüstet, um auch im zivilen Leben immer für den Einsatz als Polizist vorbereitet zu sein.

Weil ein solcher Polizist eine Vorbildfunktion innehatte, würde er niemals am Steuer telefonieren, weswegen er Ingrids Anrufversuche gekonnt ignorierte.

Dass ihn am Abend ein Donnerwetter erwarten würde, war ihm klar. Doch auch Corinne Eichenberger hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass Bussmann dringend gebraucht würde.

Per Polizeifunk hatte er sich auf den neusten Stand gebracht: Eine männliche Leiche beim Depot der Schweizerischen Bundesbahnen, regelrecht hingerichtet.

Auf dem Schlossberg drückte Bussmann druckvoll auf die Hupe, da sich ein Autofahrer offenbar nicht dazu überwinden konnte, trotz Blaulicht und Sirene zur Seite zu weichen.

Als er beim Bundesplatz in die Neustadtstrasse einbog, sah er die ersten Blaulichter in den Fassaden blitzen. Das Polizeiaufgebot sorgte auch für ordentliche Neugierde bei den Anwohnern, etliche Fenster waren geöffnet. Auch vor dem Tatort waren Polizeibeamte damit beschäftigt, Schaulustige wegzuschicken. Vor einem Restaurant stellte Bussmann seinen Wagen zur Seite und schritt auf die Absperrung zu. Bussmanns Augen suchten die Umgebung vergebens nach Corinnes knallrotem Citroën D2 ab.

Sobald er seinen Dienstausweis gezeigt hatte, wurde Bussmann durchgelassen. Sofort eilte Korporal Pascal Sauter zu ihm, ein noch junger, aber sehr tüchtiger Kollege bei der Kriminalpolizei. Bussmann hielt grosse Stücke auf ihn.

„Was gibt’s?“, fragte Bussmann statt einer Begrüssung.

„Eine männliche Leiche auf Depotgelände, regelrecht hingerichtet. Sein Name ist...ich meine, war...Thomas Eiholzer. Er war Lokomotivführer. Ich warne dich, der Anblick ist nichts für zarte Gemüter. Amelie hat gleich neben die Treppe gekotzt!“

„Jaja“, winkte Bussmann ab. „Ich habe schon viel Schlimmes gesehen! Ist Corinne noch da?“

Sauter schüttelte den Kopf. „Vor ein paar Minuten abgebraust. Sie bräuchte einen Kaffee, hatte sie gemeint!“

Doch selbst Bussmann musste beim Anblick des toten Mannes – oder was von ihm übrig geblieben war – leer schlucken. Am Fuss der Treppe erblickte er, in eine Wolldecke gehüllt, die zitternde Amelie Wicki, frisch aus der Polizeischule, die nun mit der brutalen Wahrheit des Polizeilebens konfrontiert wurde. Sprich: Mit der anderen brutalen Wahrheit als langweiliges Strafzettelverteilen.

Der Kopf des Toten bildete in Form zahlreicher Haut- und Gewebeteile ein menschliches Graffiti an der Stützmauer in seiner hässlichsten Form. Der Torso und die Gliedmassen waren allerdings intakt, ohne Spuren äusserlicher Verletzungen. Man war versucht zu glauben, dass sich hier der Dreh eines absolut brutalen Horrorfilmes abspielen würde, doch es war leider bittere Realität. Die Spurensicherung war bereits an der Arbeit.

„Gibt es Zeugen?“ Bussmann unterdrückte die aufkommende Übelkeit und versuchte, wieder ein wenig Professionalität in die Angelegenheit zu bringen.

Sauter schüttelte den Kopf. „Nein. Die Leiche wurde von einem Arbeitskollegen entdeckt. Ich führe dich gleich zu ihm!“

Im Innern des Depots sass der Finder der Leiche, gemäss Sauter ebenfalls ein Lokomotivführer namens Paul Kost, auf einem Hocker, betreut von weiteren Polizeibeamten und Angestellten der Bundesbahnen. Dieser zitterte noch mehr als Amelie und hatte den wärmespendenden Kaffeebecher umklammert wie ein kleines Kind seinen Teddybären. Traurige Augen blickten ihn aus einem blassen Gesicht an.

„Vitus Bussmann, Kriminalpolizei Luzern!“

„Kost!“, nuschelte dieser.

Bussmann griff sich einen weiteren Hocker, der ihm von einer unbekannten Hand hingestreckt wurde und setzte sich zu Kost. Die anderen Anwesenden machten sich aus dem Staub.

„Es tut mir leid, dass ich Sie befragen muss!“, entschuldigte er sich. Die Verfassung seines Gegenübers erschütterte ihn auf unnatürliche Weise.

„Thomas und ich waren beste Freunde, seit unserer Lehrzeit. Wir haben zur selben Zeit bei der Bahn angefangen und haben auch damals, vor fast dreissig Jahren, in Erstfeld gemeinsam die Ausbildung gemacht. Das war eine schöne Zeit, das sag’ ich Ihnen!“

Bussmann erachtete es als das Beste, Kost nicht zu unterbrechen. Allerdings war da jemand bedauerlicherweise anderer Meinung.

„Du musst nicht alles erzählen!“ Ein kleiner Mann, mit schütterem weissem Haar und grauem Hemd, drängte sich zwischen zwei abgestellten Eisenbahnfahrzeugen in den Vordergrund. Bussmann betrachtete ihn mit skeptischem Blick.

„Oh! Ich habe mich noch nicht vorgestellt. Martin Hauser, ich bin der Vorgesetzte von Herrn Kost. Ist er etwa verdächtig? Ich bedaure, was mit Thomas passiert ist, musste er leiden. Ich meine, ...“

Bussmann verdrehte die Augen. Solch umtriebige Menschen waren ihm schon seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge. Deshalb beschloss er, den Redefluss dieses hibbeligen Vorgesetzten zu unterbrechen.

„Verzeihen Sie, Herr Hauser, aber dies ist eine polizeiliche Befragung und diese führe ich mit Vorlieben am liebsten unter vier Augen durch!“ Er hoffte, diesen Hauser dadurch zur Vernunft gebracht zu haben.

Hausers hoffnungsvoller Blick liess Bussmann kalt und nach einigen weiteren Sekunden Ignoranz schlich Hauser von dannen.

„Sie müssen nichts sagen, was Sie nicht wollen!“, wandte sich Bussmann an Kost, doch der winkte ab.

„Schon klar, aber ein bisschen reden hilft!“

Bussmann nickte und forderte Kost mit einer Handbewegung auf, weiterzureden.

Zufrieden steckte der Führer sein Telefon ein. Der Schütze hatte seine erste Aufgabe mit Bravour geleistet, er erfüllte die Erwartungen, die aufgrund seines Leistungsausweises auf ihm ruhten, vollends. Jetzt hoffte der Führer, dass auch sein Boss zufrieden war.

Doch er war sich auch bewusst, dass dies erst der Anfang war...

Kapitel 4

Lokomotivdepot SBB, Luzern, Schweiz,

März 2019

Kost erzählte von den vielen gemeinsamen Jahren mit Eiholzer und es schien, als würde der Tote in den Erzählungen seines Freundes wenigstens für eine kurze Zeit wieder zum Leben erweckt. Bei den witzigen Anekdoten verschwand auch für wenige Augenblicke der Trauerausdruck in Kosts Augen. An Bussmann nagte sichtlich das schlechte Gewissen, als er sich gezwungen sah, Kost in die Realität zurückzuholen und die Befragung in eine Richtung zu lenken, aus der Bussmann erste wichtige Angaben für die Ermittlungen erhalten könnte.

„Wie haben Sie Herrn Eiholzer denn gefunden?“

Kost benötigte offenbar einen Moment, um wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Dann räusperte er sich.

„Meine Schicht hatte begonnen, ich sollte als erstes einen Zug vom Depot in den Bahnhof stellen. Als ich die Treppe hinunterstieg, sah ich die orange Warnweste dort liegen. Unten erkannte ich, dass es Thomas war!“

„Warum erkannten Sie ihn, der Kopf war völlig zerfetzt, als wir hier auftauchten!“

Statt einer Antwort zog Kost seinen rechten Ärmel zurück. Auf dessen Unterarm prangte eine Tätowierung; ein Anker und ein Papagei. Bussmann nickte. Dasselbe Tattoo war ihm auch bei Eiholzers Leiche aufgefallen.

„Thomas und ich hatten uns dieses Tattoo auf Antigua stechen lassen, als wir auf Weltreise waren!“

„Bussmann! Was geht hier vor?“, platzte ein schwitzender Frank Bachmann, mit einer ebenso gehetzt wirkenden Corinne Eichenberger, in Bussmanns Büro. Bachmann war seines Zeichens Regierungsrat und in Personalunion Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements und somit Bussmanns oberster Vorgesetzter.

Sorry, ich versuchte ihn aufzuhalten!, schien Corinnes entschuldigender Blick zu signalisieren, Bussmann zwinkerte ihr vergebend zu.

„Wie meinen Sie das, Herr Regierungsrat?“

„Dieser Mord, das sieht nach einem Heckenschützen aus, die Leute in Luzern haben Angst!“

Bussmann seufzte. Die spärlichen Anhaltspunkte, die sie hatten, deuteten tatsächlich auf einen Heckenschützen hin. Keiner der befragten Anwohner schien das Geräusch eines Schusses vernommen zu haben, ebenso schien niemand etwas gesehen zu haben.

Kurz nachdem Kost die Geschichte mit der Tätowierung erzählt hatte, war dessen Vorgesetzter wieder hereingeschneit und hatte Bussmann gebeten, dieser stressigen Situation ein Ende zu bereiten. Bussmann hatte zähneknirschend eingewilligt, mehr liess sich aus Kost zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht herausholen.

Nach einer kurzen Besprechung mit dem Einsatzleiter vor Ort waren Bussmann und Sauter ins Hauptquartier an der Kasimir-Pfyffer-Strasse zurückgekehrt. Peinlich berührt musste Bussmann am Empfang seinem jungen Kollegen den Vortritt lassen, weil er seine komplette Ausrüstung inklusive Badge zuhause gelassen hatte. Silvia Immoos am Empfang konnte sich ein Schmunzeln nur schwer verkneifen.

„Wir geben unser Bestes, den Mordfall schnellstmöglich aufzuklären!“

„Das will ich auch hoffen, ich will ein sicheres Luzern für meine Wählerinnen und Wähler. Denken Sie bitte daran, dass Ende Monat Regierungsratswahlen stattfinden und meine politische Zukunft auf dem Spiel steht!“

„Ich verspreche es!“ Zur Unterstreichung seines Schwurs reckte Bussmann Daumen, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand in die Höhe. Bachmann nahm es zufrieden zur Kenntnis.

„Ich weiss, dass Sie es schaffen, Bussmann! Sie sind unser bester Mann!“

Dann rauschte der Regierungsrat aus dem Zimmer und Bussmann wandte sich Kripochefin Eichenberger zu, welche den Wortwechsel schweigend mitverfolgt hatte.

„Es stirbt ein Mensch und für ihn ist die Politik am Wichtigsten!“, enervierte sie sich und stemmte ihre Hände in die Hüfte, was Bussmann zum Lachen brachte.

„Ich kann ihn irgendwie verstehen“, entgegnete er. „Wenn seine Abteilung gute Arbeit macht, dann kann er sich auf die Schulter klopfen.“

Augenrollend seufzte Eichenberger. „Was ist der neuste Stand der Ermittlungen?“

„Ich schlage vor, wir treffen uns alle in fünfzehn Minuten im Besprechungsraum RIGI zum Rapport. Aber zuerst muss ich noch meine Frau anrufen!“

„Was zum Henker ist nur in dich gefahren?!“ Automatisch entfernte Bussmann sein Mobiltelefon vom Ohr, um die Gefahr eines Tinnitus stark zu reduzieren.

„Schatz, es tut...“

„Dein Schatz kannst du dir in den Arsch schieben!“, keifte Ingrid. Bussmann stutzte. Seit wann hatte die denn ein solches lautstarkes Organ?

„Es war ein Notfall...“, versuchte er zu beschwichtigen, doch Ingrid unterbrach ihn erneut.

„Ein Notfall? So nennst du das also, wenn diese blonde Tusse auf dem Schreibtisch die Beine breit macht?“

Ach, daher wehte der Wind: Die liebe Eifersucht... Bussmann biss sich auf die Lippe, um nicht loszuprusten.

„Die blonde Tusse ist Kripochefin und sie ist vergeben, genauso wie ich!“

„Spielt das eine Rolle? Viele Menschen betrügen ihre Partner am Arbeitsplatz. In der Beate...“

„Ingrid!“, jetzt wurde Bussmann bestimmt. „Du sollst mehr deinem Ehemann als diesen nervigen Hochglanzpostillen Glauben schenken! Ich. Liebe. Dich. Und zudem ist Corinne viel zu jung! Die hat einen Fitnesstrainer als Freund, was will die von so einem alten Knacker wie mir!“

Bussmann bemerkte, wie Ingrid ein paar Mal nach Luft schnappte. Er wusste nicht, wieso sie plötzlich solch eine Paranoia besass, dass er sie betrügen würde. Dies würde ihm niemals in den Sinn kommen, zumal er als Polizist genau weiss, dass solche Affären immer auffliegen. Komplett alle Spuren verwischen können nicht mal Profitäter.

Kapitel 5

Hauptquartier Luzerner Polizei, Kasimir-Pfyffer-Strasse, Luzern, Schweiz,

März 2019

Nachdem er sich mit Ingrid versöhnt hatte, schneite auch Bussmann ins Sitzungszimmer RIGI.

Als man die Räumlichkeiten an der Kasimir-Pfyffer-Strasse saniert hatte, war wohl einem Genie ein Licht aufgegangen: Es war auf die absolut einmalige Idee gekommen, die Sitzungs- und Besprechungszimmer nach Bergen der Umgebung zu benennen. Jetzt tagten sie je nach Lust und Laune – oder besser gesagt, Versammlungsgrösse – im Pilatus, in der Rigi, im Napf oder im Sonnenberg.

Es waren alle versammelt: Nebst Kripochefin Eichenberger und Korporal Sauter auch die treue Seele der Kriminalpolizei, Korporal Christian Welti, ihm zur Seite hatte sich Neuzugang Gefreiter Sabrina Schmidig niedergelassen, auf den ersten Blick zierlich, ist sie für manchen Betrachter überraschend durchsetzungsfähig. Ihrem Dickschädel machte so schnell niemand Konkurrenz. Genauso wie Sauter gehörte auch Schmidig zu der aufstrebenden jungen Garde der Luzerner Polizei, in die Bussmann grosse Hoffnungen hegte.

Sich ebenfalls eingefunden hatte sich Staatsanwältin Gisela Wyniger. Mit Bedauern musste Bussmann feststellen, dass sich auch sein Widersacher, Hauptmann Alois Burkhalter, offenbar für den Depot-Mordfall zuständig fühlte. Burkhalter war stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei und hatte damals bei Bussmanns Wahl zum Leiter der Kriminalpolizei ebenfalls ein Auge auf diesen Posten geworfen und hatte es bis dato nicht verkraften können, dass er Bussmann bei der internen Ausmarchung unterlegen war.

Die beiden waren wie Tonya Harding und Nancy Kerrigan; wobei sich Burkhalter bislang noch keiner Eisenstange zu Nutzen machte, sondern eher anderen Intrigen.

Eine war, jeder Erläuterung Bussmanns seinen Senf beigeben zu müssen. Auf diese Eigenheit verzichtete er natürlich auch dieses Mal nicht, als Bussmann in knappen Sätzen die Sachlage erklärte.

„Ist sicher ein anderer Lokomotivführer!“, ätzte Burkhalter. „Das sind die grössten Neidhammel, die ich kenne. Zudem halten sie sich für die Besten, dabei tun die ja nichts anderes als ihre Hebel nach vorne und nach hinten legen!“

Wie er denn darauf käme, wollte Bussmann wissen, woraufhin Burkhalter zu einer langen Tirade loslegte. Die Gesichtsfarbe Burkhalters wurde immer röter, weswegen sich Bussmann trotz der gigantischen Antipathie gewisse Sorgen um Burkhalters Blutdruck machte.

„Die wollen nichts tun, nur faul rumsitzen und fett absahnen! Aber kaum geht es einem von ihnen besser als dem anderen, schrecken sie vor Mord nicht zurück! Ich würde mir diesen Kost vorknöpfen, das sag’ ich euch!“

„Zuerst bestimme ich, wer im Team ist!“, ging Kripochefin Eichenberger dazwischen. Bussmann schenkte ihr einen dankbaren Blick.

„Bussmann übernimmt die Leitung, Sauter, Welti und Schmidig stehen ihm zur Seite. Viel Glück bei der Arbeit!“ Eichenberger sortierte ihre Akte und Bussmann nahm belustigt war, wie ein erzürnter Alois Burkhalter das Sitzungszimmer verliess.

„Bussmann und Sauter, unser neustes Ermittlerteam. Könnte man gleich eine Fernsehserie draus machen!“, grinste Corinne Eichenberger, woraufhin Bussmann schnaubte.

„Stell mir doch lieber eine Frau zur Seite, wie beim Tatort!“

„Wir sind hier aber nicht beim Tatort, zudem bist du viel freundlicher als Reto Flückiger!“

Bussmann grinste. Danke für die Blumen!

„Und Liz Ritschart ist lesbisch!“, warf Sabrina Schmidig ein.

„Ist gut, ist gut!“ Bussmann hob abwehrend die Hände! „Pascal ist natürlich auch eine tolle Wahl!“

Noch röter als dieser durch dieses Kompliment wurde allerdings Sabrina, was Bussmann schmunzelnd zur Kenntnis nahm. Er verkniff sich einen Kommentar und nahm sich die Aufgabenverteilung vor.

Korporal Christian Welti nahm den Weg von der Kasimir-Pfyffer-Strasse zum Bahnhof per Schusters Rappen auf sich. Er hatte den Auftrag gefasst, Eiholzers Arbeitskollegen unter die Lupe zu nehmen.

In der Bahnhofshalle sprach er einen Mann in SBB-Uniform an, welcher sich bereit erklärte, nach Vorweisen von Weltis Dienstausweis, diesem den Weg zu den Personalräumlichkeiten zu erläutern.

Dort angekommen, empfing Welti eine düstere Stimmung. Es waren etliche Lokomotivführer anwesend, alle sassen stumm an einem grossen weissen Tisch, andere in Relax-Sesseln oder auf einem Sofa. Keiner sprach ein Wort.

Auf dem Tisch war ein Foto Thomas Eiholzers aufgestellt, mit schwarzem Trauerflor dekoriert.

Welti räusperte sich, einige blickten auf.

„Kein guter Zeitpunkt, hierhin zu kommen!“, brummte einer.

„Ich fürchte doch!“ Welti hob seinen Dienstausweis. „Welti, Kriminalpolizei Luzern. Ich hätte da...“

„Jetzt belästigen Sie uns schon wieder!“ Wie aus dem Nichts war wieder dieser Hauser aufgekreuzt, der auch Welti am Nachmittag am Depot ordentlich auf die Nerven gegangen war.

„Ich mache nur meine Arbeit!“, verteidigte sich Welti bestimmt, doch Hauser liess nicht locker.

„Die Menschen hier haben einen Arbeitskollegen verloren und...“

„Genau deswegen bin ich hier. Wenigstens eine gerechte Strafe für den Täter hätte der arme Herr Eiholzer verdient, finden Sie nicht? Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe, ansonsten sehe ich mich gezwungen, Sie wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt festzunehmen!“

Das hatte gesessen, Hauser war wie ein geprügelter Hund davongerauscht.

Der Disput hatte längst die Aufmerksamkeit aller Anwesenden erregt.

„Zunächst möchte ich mein tiefstes Beileid zum Tode Eures Kollegen aussprechen!“, begann Welti. „Ich weiss, dass Ihr Bähnler genau wie wir Polizisten eine Familie seid, und solche Verluste tragisch sind.“

„Sind Sie jetzt gekommen, um auf Mitleid zu machen?“, polterte einer, der ganz am Fenster sass. Er hatte seine Haarpracht längst verloren und trug ein fies wirkendes Lächeln auf seinen Lippen.

„Nein!“ Welti betrat den Raum. „Ich will nur Antworten auf unsere offenen Fragen erhalten, Herr...“

„Buholzer. Max Buholzer. Ich bin der Elitelokführer hier in diesem Depot.“

„Schön!“ Welti schien dies zu beeindrucken wie ein verwelktes Gänseblümchen.

„Der Eiholzer war ein wilder Kerl!“, dozierte Buholzer nun. „Fragen Sie mal den Kost Paul, wo ist der überhaupt?“

„Warum denn? Waren die beiden Freunde?“ Welti liess sich nichts anmerken, dass er über die tiefe Freundschaft der beiden Männer beste Kenntnisse besass.

„Nein! Der Eiholzer hat Kosts Frau gevögelt!“

Offenbar waren Weltis Kenntnisse doch nicht so gut gewesen.

Als Bussmann am Abend das Polizeigebäude verliess, atmete er tief durch. Lange hatte er noch Akten gewälzt, selbst dann, als sonst alle gegangen waren. Doch er konnte sich keinen Reim auf das Geschehene machen. Bis Welti aufgeregt ins Büro stürmte und die Neuigkeiten überbrachte. Doch Bussmann verzichtete, Kost noch an diesem Abend zu vernehmen, er sollte sich in Sicherheit wiegen.

Als er in den Hirschengraben einbog, um zu seinem im Kesselturm geparkten Wagen zu gelangen, bemerkte er im Augenwinkel ein umschlungenes Pärchen, das sich im Kegel einer Strassenlaterne innig küsste.

Die haben sich wohl im Jodlerwirt zu tief in die Augen geschaut!, sagte er zu sich selbst und schenkte dem Pärchen zu Beginn kaum Beachtung.

Doch beim Nähertreten erkannte er, dass es sich um Sabrina Schmidig und Pascal Sauter handelte. Leise wollte er an ihnen vorbeischleichen, als sich just in diesem Moment Sabrina vom Kuss löste und ihre Augen geradewegs in diejenigen Bussmanns blickten.

„Ach du Scheisse!“, entfuhr es ihr, erschrocken stiess sie Sauter von sich weg.

„E-Es sieht nicht danach aus, wie es...“, stotterte dieser, woraufhin Bussmann laut loslachte.

„Schon klar, ihr habt eure Kaugummis ausgetauscht!“

Die beiden Jungpolizisten lieferten sich einen Wettkampf im Rotwerden. Manche Tomate im Gewächshaus wäre neidisch geworden. Auch wenn es ihn reizen würde, die beiden noch ein wenig mehr zu nerven, besann sich Bussmann eines Besseren.

„Hört zu, ich finde es toll, wenn sich zwei Menschen verlieben, ihr müsst euch nicht schämen.“

„Aber der Job...“

„Sabrina, das ist doch kein Problem. Solange die Arbeit nicht unter eurem Techtelmechtel leidet und ihr vielleicht nicht die Bürotische für irgendwelche Aktivitäten missbraucht, spielt doch das keine Rolle.“

Sauter wurde noch röter, was Bussmann nicht entging.

„Pascal...habt ihr die Tische etwa schon missbraucht?“

Langsam nahmen die Gesichtsfarben der beiden gesundheitsgefährdende Rottöne an. Bussmann lachte noch mehr.

Ach, er war ja auch mal jung gewesen.

Kapitel 6

Nahe Khalil-Gibran-Park, Beirut, Libanon

März 2019

Saïd Mahmoudi schulterte seinen olivgrünen Rucksack und schlüpfte in seine orangenen Sneakers. Nervös blickte er immer wieder auf seine Armbanduhr.

In den letzten Tagen war er aus Syrien in den Libanon geflüchtet, zuvor hatte er für den Islamischen Staat gegen die Kurden gekämpft. Eigentlich wollte er sein Leben für das Kalifat geben, doch offenbar hatte jemand andere Pläne für ihn. Man wollte ihn an einer anderen Stelle gebrauchen. Hatte sich etwa herumgesprochen, welche Glanztaten er in Aleppo oder an anderen Orten verbracht hatte?

Schnell konnte er im Flüchtlingsstrom über die Grenze zum Libanon untertauchen und wurde heute früh in eine Wohnung im Stadtzentrum Beiruts gebracht. Jemand hatte wohl seine Beziehungen spielen lassen. Nicht zu seinem Nachteil war es auch gewesen, dass der Libanon Hauptanlaufstelle der aus Syrien Flüchtigen war und als bevölkerungsmässig eher kleines Land mit der Menschenflut eher überfordert war.

Als Saïd die Menschen betrachtete, wurde ihm bewusst, dass diese wegen Typen wie ihm flohen. Kurz überkam ihn das schlechte Gewissen, doch er wusste dies zu beseitigen.

Er war ein Profi. Ein Profi mit einem Auftrag: Baschar al-Assad zu beseitigen, um dann seinen Artgenossen zur Macht in Damaskus zu verhelfen.

Die Wohnung war eher eine Kammer, durch ein kleines Fenster wurde diese mit Tageslicht versorgt. Das einzige, was er als Anweisung erhalten hatte, war sich zu rasieren. Die Haare seines Bartes verschwanden im Abfluss.

In seiner Kammer wartete er, bis gut zwei Stunden später ein Kurier mit einem braunen Briefumschlag auftauchte, nach Abgabe der Sendung aber wieder wortlos verschwand. In dem Umschlag hatte sich ein Flugticket der Aigle Azur nach Paris befunden, beigelegt ein Hinweis, dass um sieben Uhr abends ein schwarzer Audi vorbeigeschickt würde, um Saïd abzuholen.

Saïd war nervös, die verabredete Zeit war längst vorüber. Hatte er den Wagen verpasst?

Langsam bekam er es mit der Angst zu tun, hatte er versagt? Er kannte die Schergen des IS gut genug, um zu wissen, dass mit denen nicht zu spassen war. Enttäuschte er sie, musste er mit dem Leben bezahlen. Das war stets Ansporn genug gewesen, im Krieg gegen Assad und den Kurden alles zu geben.

Sein Puls schien zu explodieren, als es an der Türe klopfte.

Zaghaft öffnete er die Tür. Ihm gegenüber stand ein H zwei Meter gross und breit wie eine Telefonzelle.n Hlopfte.genug, um zu wissen, dass mit denen nicht zu spassen war. Enttäuschtüne, sicherlich zwei Meter gross und breit wie eine Kommode.

„Mitkommen!“, befahl dieser nur und hastete los. Saïd hatte Mühe, ihm zu folgen.

Der Fond des schwarzen Audis war geräumig, selten war Saïd in einem solch modernen Wagen gesessen. Damals beim IS wurden ihm alle Annehmlichkeiten versprochen, den klischeehaften Jungfrauen im Himmel inklusive. Er hoffte, eines Tages noch für seinen Einsatz belohnt zu werden.

Der Riese lenkte den Wagen geschickt durch die Strassen Beiruts in Richtung Süden. Saïd bemerkte das Nationalstadion des Libanon, welches sich zu seiner Linken erhob. Bald erkannte er auch die stetig zunehmende Anzahl Schilder, welche auf den nahen internationalen Flughafen der Stadt hinwiesen.

„Viel Glück!“, brummte der Riese nur, als er Saïd bei der Abflughalle aussteigen liess. Bevor dieser auch nur antworten konnte, war der Audi bereits wieder davongebraust.

„Also los!“, sprach sich Saïd Mut zu, als er sich bei der Check-in-Schlange der Aigle Azur einreihte.

Kapitel 7

Widenmatt, Malters, Schweiz,

März 2019

Paul Kost war nicht ganz erfreut, als er um fünf Uhr in der Früh durch ein Sondereinsatzkommando der Luzerner Polizei aus seinem wohlverdienten Schlaf gerissen wurde. In ausgeleierten Unterhosen und einem weissen Unterhemd bot er nicht gerade einen schönen Anblick.

„Was soll das?“, erboste er sich.

Bussmann, dessen Augenringe noch vom Schlafmangel der letzten Nacht gezeichnet, blieb cool.

„Sie wussten, dass Ihre Frau eine Affäre mit Eiholzer hatte?“

„Klar, darum ist sie auch ausgezogen.“

„Warum haben Sie uns denn das nicht gesagt?“

„Weil ich Ihnen sonst ein Tatmotiv gegeben hätte...“

„Tja“, Bussmann unterdrückte ein Grinsen. „Wir haben es selbst herausgefunden. Und ja, Sie haben Recht: Es ist ein Tatmotiv!“

„Ich bin aber unschuldig!“, protestierte Kost und wehrte sich mit Händen und Füssen gegen die Festnahme, doch die zwei jungen Beamten des SOK waren ihm kräftemässig weit überlegen.

„Also gut. Pfeifen Sie Ihre Gorillas zurück, ich komme freiwillig mit!“, gab er sich nach einer Weile geschlagen. „Aber ich möchte mir noch was anziehen!“

„Das wäre von Vorteil!“, kommentierte Bussmann.

Dass an einem frühen Morgen ein Grossaufgebot von Polizeikräften im beschaulichen Malters aufkreuzte, sorgte für ordentlich Gesprächsstoff im Dorf. Schnell machte die Runde, dass der Lokführer Kost mit auf den Posten genommen wurde; schlaue Köpfe spannten sogleich ein Netz von Zusammenhängen mit dem Mord in Luzern.

„Selbst wenn er unschuldig ist, vom Image wird er nie wieder loskommen!“, meinte ein Dorfbewohner zu einer Video-Journalistin eines lokalen Fernsehsenders, die sich noch am Morgen in Malters umgehört hatten.

Auch Kosts Noch-Ehefrau Marlies wurde aus ihrer neuen Wohnung am Haslirain in Perlen ins Luzerner Präsidium verfrachtet; wie es der Zufall wollte, begegneten sich die Eheleute Kost im Flur, die Begrüssung fiel entsprechend frostig aus. Doch die Atmosphäre erhitzte sich, Marlies sei Dank.

„Gib’s doch zu!“, keifte sie ihren Noch-Ehegatten an.

„Was?“

„Dass du Thomas die Rübe weggeknallt hast! Du konntest nicht verkraften, dass ich ihn mehr geliebt habe als dich!“

„Was unterstellst du mir?“

Bevor Marlies etwas erwidern konnte, wurden die beiden in getrennte Verhörräume gebracht. Sauter und Sabrina kümmerten sich um Marlies, während Welti sich gemeinsam mit Staatsanwältin Wyniger Kost vorknöpfte. Bussmann und Kripochefin Eichenberger verfolgten beide Vernehmungen aus einem Überwachungsraum, welcher mit einem einseitigen Spiegel hervorragende Ausblicke in die beiden Verhörräume bot. Je ein Mikrofon pro Raum übertrug das Gesprochene in den Observationsraum.

„Seit wann haben Sie eine Affäre mit Thomas Eiholzer?“, fragte Sabrina sachte. Marlies Kost schnäuzte sich die Nase.

„Seit gut einem halben Jahr. Wir haben uns bei einer Veranstaltung getroffen und es hat sofort gefunkt!“

„Seit wann wissen Sie von der Affäre Ihrer Frau?“ Gisela Wyniger fixierte Kost mit eisigem Blick.

„Seit zwei Wochen!“

„Wie haben Sie davon erfahren?“

„Ich habe es ihm gestanden, ich konnte mir dem schlechten Gewissen nicht mehr leben!“ Tränen rannen über Marlies' Wangen. tersetzteronnte mir dem schlechten Gewissen nicht mehr leben!"at sofort gefunkt!"ein kleiner, untersetzterüber Marlies' Wangen.

Kapitel 8

Aéroport Paris-Orly, Paray-Ville-Poste, Île-de-France, Frankreich

März 2019

Pünktlich um sieben Uhr in der Früh setzte der Airbus A320 der Aigle Azur auf der Landebahn des Flughafens Paris-Orly auf. Die knapp vier Stunden Schlaf, die Saïd während des Fluges hatte, liessen ihn gerädert aussehen.

Die nächste Sorge bereitete ihn die Einreisekontrolle im Terminal. Er hatte noch ein laufendes Schengen-Visum, doch war die Einreise aus dem Libanon nach Frankreich für einen algerischen Staatsbürger nicht gerade einfach.

Tatsächlich wurde er einer vertiefenden Kontrolle unterzogen.

„Grund Ihres Frankreichaufenthaltes?“

„Ich bin hier aufgewachsen und besuche meine Verwandten?“

„Wo denn?“

„In Saint-Denis!“

„Da wäre doch der Flughafen Charles-de-Gaulle näher gewesen?“ Was war denn das für eine Frage? Saïd runzelte kurz die Stirn.

„Ich habe den erstbesten Flug gebucht!“

Nachdem die Leibesvisitation erfolgreich verlaufen war, erhielt Saïd seinen Einreisestempel und einen Hinweis, dass sein Schengen-Visum bald zu erneuern wäre.

Da er kein Gepäck mit sich hatte, konnte er direkt in die Ankunftshalle durchgehen. Dort erwartete ihn ein kleiner, untersetzter Mann mit orientalischem Aussehen, der ein Schild mit Saïds Namen mit sich trug. Er stellte sich als Pierre vor.

„Gehen wir zu meinem Wagen!“ Saïd folgte Pierre.

In einem düsteren Parkhaus, dessen Sichtbeton längst mit einer hässlichen dunkelgrauen Farbe versehen war, wartete Pierres Wagen.

Saïd hatte mit allem gerechnet: Einem klapprigen Peugeot, einem Citroën D2 oder einem designmässig verunstalteten Renault, doch nicht erwartet hatte er, dass Pierre einen Tesla steuern würde.

„Ein Model S!“, erklärte Pierre mit ganzem Stolz. Offenbar hatte er Saïds verblüffenden Blick bemerkt.

Die Fahrt führte vom Flughafen Orly nach Norden. Der Selbstfahrmodus des Tesla funktionierte im stockenden Verkehr der südlichen Pariser Vororte vorzüglich, musste dann aber auch beim Stau beim Anschluss zum Boulevard Péripherique kapitulieren. Pierre fluchte und warf immer wieder nervöse Blicke auf seine Armbanduhr.

„Wohin fahren wir?“ Saïd hoffte auf Saint-Denis. Als er als Teenager Mitte der 2000er-Jahre aus dem Maghreb via die Schweiz nach Frankreich geflüchtet war, war Saint-Denis zu seiner ersten Heimat geworden. Im Schatten des gloriosen Stade de France war er aufgewachsen, in einer der für die Pariser Banlieue typische Plattenbausiedlung. Die einzige Freizeitbeschäftigung war Fussball gewesen, die Perspektiven für die Zukunft schlecht, zu gross waren die Klassenunterschiede zwischen ihnen und dem französischen Kleinbürgertum.

Die Tatsache, dass aus ihm und seinen Freunden kaum die nächste Generation neuer Zinedine Zidanes entstehen würde, war hart. Fussball wäre wohl der einzige Weg gewesen, dieser Gosse, die sich Banlieue schimpfte, zu entfliehen. Saïd nahm an den regelmässig stattfindenden Vorstadtunruhen teil, verbrachte etliche Nächte in Polizeigewahrsam und war empfänglich für die Botschaften des Islamischen Staates. Die Imame hatten ihm eine Zukunft versprochen.

Und so kam es, dass er im Jahre 2014 den Weg nach Syrien auf sich nahm, um gegen das Regime von Baschar Al-Assad zu kämpfen. Saïd war der heimliche Herrscher Aleppos – und jetzt, als das Kalifat des IS dem Ende entgegen zu gehen schien, wurde er für andere Aufgaben abkommandiert.

„Ich darf Ihnen den Zielort nicht verraten!“, entgegnete Pierre knapp und drückte auf die Hupe, als ein gestresster Renaultfahrer ihm im wieder anzurollenden Verkehr die Spur abschnitt.

Während der ganzen Fahrt, bei der die beiden das Pariser Stadtgebiet umrundeten, war Saïd gespannt wie eine Feder.

Des Rätsels Lösung folgte, als Pierre vor der Place Auguste Baron im 19. Arrondissement den Blinker setzte und den Boulevard Péripherique verliess.

Kurz darauf erreichten sie das Stadtgebiet von Aubervilliers. Die östliche Nachbarstadt von Saint-Denis war wie diese einer der hässlichen Vororte der französischen Hauptstadt und nicht viel mehr als eine Ansammlung hässlicher Plattenbauten.

Pierre bog in eine Zufahrtsstrasse zu einer Sozialwohnungssiedlung ab. Der Tesla wirkte nun hier mehr als fehl am Platze.

Ganz im Gegensatz zu Saïd; dieser wusste, weswegen er hier war.

Aubervilliers war eine Hochburg von Schläfern des Islamischen Staates.

Kapitel 9

Pilatusplatz, Luzern, Schweiz

März 2019

Hansruedi Zwyssig, seines Zeichens Stadtrat von Luzern, stieg am Pilatusplatz aus dem Bus. Er wartete, bis die Fussgängerampel auf Grün sprang, ehe er in die Obergrundstrasse einbog.

Heute stand eine wichtige Sitzung auf dem Programm, es sollte ein gigantisches Strassenbauprojekt im Norden Luzerns diskutiert werden, das vom Kanton befürwortet, von der Stadt als Direktbetroffene allerdings vehement bekämpft wurde. Zu verheerend wären die Folgen für die Anwohner der Quartiere rund um den Schlossberg, das Kantonsspital und den Lochhof.

Auch Zwyssig war ein Gegner des Projekts, er hatte von der Autolawine, die bereits jetzt im Zentrum Luzerns herrschte, die Nase gestrichen voll. Noch mehr Beton sollte seiner Meinung nach nicht verbaut werden.

Er unterquerte das TEKO-Gebäude, welches die Obergrundstrasse überspannte, und hielt auf das Stadthaus zu.

Er bemerkte nicht, dass er vom Vorplatz der Pfarrkirche St. Maria zu Franziskanern aus observiert wurde.

Kapitel 10

Hauptquartier Luzerner Polizei, Kasimir-Pfyffer-Strasse, Luzern, Schweiz

März 2019

„Herr Kost. Wir haben Ihre Karriere analysiert...“, begann Staatsanwältin Gisela Wyniger, erntete aber nur ein zynisches Lachen.

„Dann sind Sie ja fast wie mein Chef!“, warf er ein, doch Wyniger liess sich nicht beirren.

„Sie waren im Militär bei den Infanteristen als Scharfschützen eingeteilt! So konnten Sie Eiholzer aus nächster Nähe erschiessen!“

Kost lachte auf. „Glauben Sie, dass eine sinnlose Übungsreihe im jurassischen Wald mir die Ausbildung gegeben hätte, einen Menschen aus dutzenden Metern Entfernung abzuknallen? Meine Güte, für eine Staatsanwältin sind sie enttäuschend naiv!“

Welti wollte gerade intervenieren und der Staatsanwältin zur Seite gehen, als Vitus Bussmann ohne anzuklopfen in den Verhörraum stürmte. In leisen Worten besprach er etwas mit Welti und Wyniger. Deren Mienen verdüsterten sich. Dann drehte sich Staatsanwältin Wyniger zu Kost um.

„Vielen Dank, Herr Kost. Sie können nun gehen, wir bitten Sie aber, die Stadt nicht zu verlassen und sich stets zu unserer Verfügung zu halten!“

„Die Stadt nicht verlassen? Meine Güte, ich bin Lokomotivführer! Soll ich etwa immer zwischen dem Bahnhof und dem Verkehrshaus hin- und herfahren?“

„Das ist mit Ihrem Arbeitgeber bereits geklärt!“

„Wir haben ein zweites Opfer!“, eröffnete Bussmann die Sitzung. Auch Marlies Kost wurde unter Vorbehalt entlassen. Anwesend waren wieder die üblichen Verdächtigen wie Kripochefin Eichenberger, Sauter, Sabrina und Staatsanwältin Wyniger. Selbst Regierungsrat Bachmann hatte sich eingefunden. Nur Christian Welti fehlte; er hatte die Leitung der Ermittlung vor Ort übernommen, dies hauptsächlich, um Bussmann zu entlasten.

Bussmann drückte auf eine Fernbedienung, auf der Leinwand hinter ihm erschien das Portrait eines Mannes Anfang Fünfzig mit Nickelbrille, zurückweichendem Haar und Spitzbart.

„Hansruedi Zwyssig, Stadtrat und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Stadt Luzern. Heute vor dem Eingang des Stadthauses am Hirschengraben tot aufgefunden!“

„Gibt es Parallelen zum Fall Eiholzer?“, fragte Sabrina.

Bussmann nickte. „Deshalb mussten wir die Kosts vorerst laufen lassen. Für die zweite Tat hatten beide ein Alibi, sie sassen bei uns im Verhörraum. Bei Zwyssig wurde dieselbe Munition verwendet wie bei Eiholzer, auch sein Kopf ist zur Unendlichkeit explodiert, entschuldigt bitte den Ausdruck!“

„Gab es Zeugen?“, fragte Sauter. Bussmann schüttelte den Kopf.

„Niemand wollte etwas gesehen oder gehört haben!“

„Sie müssen diesen Fall so schnell wie möglich aufklären!“, forderte Bachmann. Auch wenn er in politischer Sicht das Heu nicht auf derselben Bühne wie Zwyssig hatte, war er zutiefst besorgt. Dann verliess Bachmann den Raum.

„Leute, jetzt gilt es ernst: Wir müssen dem Täter auf die Schliche kommen, bevor er ein drittes Mal zuschlägt. Wir müssen alle Spuren verfolgen, am ehesten mal einen gemeinsamen Nenner zwischen Eiholzer und Zwyssig finden!“

Das Luzerner Stadthaus wurde von diversen Polizeibeamten auf den Kopf gestellt. Zwyssigs Ratskollegen wurden vernommen, die Büros durchsucht und Unterlagen konfisziert.

„Wussten Sie, ob Stadtrat Zwyssig einen gewissen Thomas Eiholzer kannte?“, fragte Bussmann Stadtpräsident Bruno Hösli. Dieser zuckte mit den Schultern.

„Was wir Politiker ausserhalb des politischen Lebens tun, sollte Privatsache sein. Aber leider scheint sich nicht nur die Boulevardpresse die Finger danach abzulecken, sondern auch die Polizei...“

„Herr Stadtpräsident, dies ist eine offizielle Ermittlung und deshalb ist jedes Detail aus dem Leben der Verstorbenen wichtig.“

„Ich wünschte, ich könnte Ihnen weiterhelfen!“

Als Christian Welti nur kurz nach Bussmanns Information beim Stadthaus vorgefahren war, erblickte er eine chaotische Situation vor Ort. Um die Leiche Zwyssigs, welche direkt vor der Eingangspforte auf dem Trottoir des Hirschengrabens lag, hatten sich etliche Schauslustige versammelt, welche erst durch die Martinshörner der anbrausenden Streifen- und Rettungswagen die Polizei und die Sanität wahrnahmen.

Gefunden hatte Zwyssigs Leiche Melinda Bührer, Serviceangestellte beim nahen Hotel Stern. Sie war auf dem Weg in Richtung Bahnhof, als sie den zusammenbrechenden Zwyssig erblickte.

„Ich dachte zuerst, er hätte einen Herzinfarkt. Erst beim Näherkommen sah ich, dass sein Kopf völlig zerfetzt war“

Die Frage, ob sie etwas gehört oder gesehen hatte, beantwortete sie mit einem Kopfschütteln.

„Hier ist das Regionaljournal Zentralschweiz von Radio SRF!“, dröhnte die Stimme des Moderators aus den Boxen Bussmanns Autoradios. „Unser Topthema: Der Sniper hält Luzern in Atem. Vor ein paar Stunden wurde Stadtrat Hansruedi Zwyssig am Eingangstor zum Stadthaus am Hirschengraben ermordet aufgefunden. Alle Spuren deuten auf den Heckenschützen hin, der bereits gestern einen Lokomotivführer beim Depot in der Neustadt erschossen hatte. Die weiteren Meldungen des Tages...“

Bussmann drehte der sympathischen Radiostimme den Saft ab. Im Fond seines Wagens sass Hösli. Der Stadtpräsident hatte ausdrücklich darauf bestanden, dass der Kommissar höchstpersönlich ihn zurück ins Stadthaus chauffieren möge – obwohl der Fussweg zwischen der Kasimir-Pfyffer-Strasse und dem Stadthaus Nur wenige hundert Meter betragen würde. Hösli sah dies allerdings quasi als Entschädigung, dass ihm wertvolle Arbeitszeit gestohlen wurde. Bussmann hatte nicht viel gesagt, er nahm die Fahrt gerade als Anlass, sich ein wenig in Zwyssigs Büro umschauen zu können. Deswegen hatte er den bissigen Kommentar heruntergeschluckt, dass die Autofahrt – dem Umweg via Pilatusplatz sei Dank! – länger dauern würde als der Fussweg.

An besagtem Pilatusplatz vollzog Bussmann ein waghalsiges Wendemanöver und fädelte sich in den dichter werden Verkehr Richtung Obergrundstrasse ein. Beim Franziskanerplatz setzte er den rechten Blinker und stellte den Wagen mit Warnblinker und Blaulicht vor den Eingang zum Stadthaus. Zwei Streifenwagen der Luzerner Polizei waren noch vor Ort, der Fundort von Zwyssigs Leiche war abgeriegelt. Daneben stand Welti, dieser unterhielt sich mit Dr. Anneliese Roth, Leiterin des Pathologischen Instituts und einem Mann mit langem, grauen Bart, den Bussmann beim Näherkommen als Dr. Furrer, Leiter des Forensischen Dienstes der Kantonspolizei Zürich identifizierte. Dieser war eine Koryphäe auf seinem Gebiet und kam auch ausserhalb des eigenen Kantonsgebietes zum Einsatz.

Kapitel 11

Aubervilliers, Île-de-France, Frankreich

März 2019

Saïd erklomm die Stufen und verfluchte den defekten Aufzug. Pierre hatte ihm einen Zettel mit dem letzten Hinweis überreicht; sein Ziel war die zweite Wohnung rechts auf der sechsundzwanzigsten Etage. Der Chauffeur hatte noch vor der Eingangstür auf dem Absatz kehrt gemacht und war zu seinem Tesla zurückgekehrt.

Die Wohnung war gross, im Wohnzimmer waren sechs Männer um einen Tisch versammelt. Die Wohnungstür war offen gewesen, Saïd hatte geklopft und war nach einer gerufenen Aufforderung eingetreten. Die Männer musterten ihn und nickten.

„Ja, er war’s!“ Saïd runzelte zuerst verwundert die Stirn, dann erkannte er den Sprecher dieses Satzes. Saïd glaubte, der Typ hiess Samal.

„Sehr gut!“, sprach der wohl Älteste im Raum, der sich ihm als Mohammed vorstellte. Saïd wusste sofort, wer dieser Mann war; voller Ehrfurcht starrte er ihn an, denn dieser Mann war einer der Mächtigsten des Islamischen Staates. So mächtig, dass sogar der selbsternannte Kalif von Aleppo Angst vor ihm hatte.

Mohammed startete nach einer kurzen Begrüssung eine Präsentation, die auf die weisse Wand hinter ihm projiziert war.

Es wurden zahlreiche Bilder diverser Anschläge gezeigt. Das World Trade Center in New York, der Vorortszug im Madrider Atocha-Bahnhof sowie der gesprengte Doppeldeckerbus an Londons Russell Square.

„Das waren Bin Laden und seine Leute!“, brummte Mohammed und wartete einen kurzen Augenblick. „Wir werden dies alles vergessen machen!“

Dann startete eine weitere Bilderserie, Saïd konnte sie automatisch den jeweiligen Ereignissen zuordnen: Die diversen Tatorte im Pariser Oberkampf-Quartier wie beispielsweise das Bataclan oder das Café Bonne Bière, das Stade de France in Saint-Denis, die Abflughalle des Flughafens Brüssel-Zaventem, der Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz oder die Promenade des Anglais in Nizza. Saïd nickte, ja, der IS hatte es beinahe geschafft, die Attentate Al Kaidas zu übertrumpfen. Doch eben nur beinahe.

„Wir werden stärker sein als Al Kaida es je war. Mehr Angst und Schrecken verbreiten als jemals eine Terrororganisation zuvor!“ Mohammeds Worte wirkten wie ein Schlachtruf, alle hingen gebannt an seinen Lippen. Dann wandte sich Mohammed persönlich an Saïd.

„Saïd“, sprach er. „Du bist unser Auserwählter! Wir haben schon lange nichts mehr von uns hören lassen!“

Saïd seufzte. „Also wieder ein Anschlag. Wo diesmal? Hamburg? Lissabon? Rom?“

„Rom?“ Mohammed lachte laut auf. „Wohl kaum. Wir dürfen es uns nicht mit der Mafia verscherzen, die sind gute Lieferanten von uns!“

Die Präsentation sprang zur nächsten Folie. Ein modernes Gebäude mit einem markanten Flachdach wurde gezeigt, davor befand sich eine grosse Wasserfläche, in der Enten schwammen.

„Nein, es gibt eine bessere Idee!“ Mohammed glühte vor Aufregung. „Wir knöpfen uns ein Land vor, das niemand auf der Rechnung hat. Es gilt als sehr sicher, politisch stabil und sehr reich: Die Schweiz!“

„Wir bauen eine Zelle in der Schweiz auf?“, fragte ein anderer Anwesender. Saïd kannte ihn nicht.

„Die Schweiz ist unser Tresor. Dort können wir ungestört unser Geld horten. Wir würden unser Nest beschmutzen!“, wandte wieder ein anderer, Saïd ebenso unbekannter Mann ein.

„Nein!“ Wieder wechselte die Folie und das Gesicht einer Frau mittleren Alters mit blondem Kurzhaarschnitt und eher kühlem Gesichtsausdruck tauchte auf. Unter dem Bild prangte die Aufschrit:

MARIA MÜLLER-STEINER, Justizministerin

„Diese Frau ist gefährlich für uns. Sie ist Schweizer Justizministerin und lässt alle Terrorverdächtigen und Dschihadtouristen durch den Bundesnachrichtendienst überwachen. Wir hätten keine Chance, in der Schweiz eine Zelle aufzubauen.“

„Was wollen wir denn sonst tun?“, warf Samel ein.

„Wir organisieren den Anschlag von hier aus! Und Saïd ist unser Mann!“

Wieder erschein die Folie mit dem modernen Gebäude am Seeufer.

„Das Kultur- und Kongresszentrum in Luzern am Vierwaldstätter See. Der grosse Stolz des französischen Stararchitekten Jean Nouvel – und bald nur noch ein Haufen Schutt und Asche! Unser Vorteil ist: Die Stadt wurde gerade durch einen Mord erschüttert, der alle Ressourcen der Polizei benötigt. Sie haben keine Leute, um uns in die Quere zu kommen!“

Mohammed verbeugte sich gespielt, alle Anwesenden applaudierten, auch Saïd. Das klang nach einer anspruchsvollen Aufgabe!

Knapp eineinhalb Stunden später stieg Saïd am Pariser Gare de Lyon aus dem Zug der RER B und eilte zur Bahnhofshalle, aus der die Fernzüge in Richtung Schweiz abfuhren. Die Tickets für den TGV nach Basel und die Weiterfahrt nach Luzern hatte ihm Mohammed bereits organisiert.

Saïd passierte die Sperre und trat auf den Bahnsteig. Der Zug war längst abfahrbereit, begleitet vom Pfiff des Schaffners sprang Saïd in den Zug, unmittelbar darauf schlossen sich die Türen und der TGV setzte sich in Bewegung.

Pfeilschnell flitzte der Schnellzug durch die unendlichen Weiten Ostfrankreichs. Saïd bekam von der Reise nichts mit, denn gedanklich ging er seinen Auftrag durch. Auf keinen Fall durfte er sich einen Patzer leisten, dies wäre verheerend.

Mohammed vertraute ihm, und dieses Vertrauen wollte er nicht missbrauchen, war Mohammed doch ein mächtiger Mann, der keine Sekunde zögern würde, beim Misslingen des Auftrags Saïds Zukunft zu zerstören, ja gar dessen Leben zu opfern, um das eigene zu retten.

Saïd versuchte, ruhig zu bleiben. Auch dann, als nach Mulhouse die Schweizer Grenzwacht durch den Waggon schritt und seine Ausweispapiere verlangte.

Kapitel 12

Kultur- und Kongresszentrum KKL, Luzern, Schweiz

März 2019

Jean Nouvel hatte wahrlich ganze Arbeit geleistet: Das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) mit seinem markanten Flachdach prägte gemeinsam mit dem benachbarten Bahnhof, mitentworfen von Nouvels Architekturkollegen Santiago Calatrava, den modernen Teil von Luzerns Skyline.

Die Schlange vor dem Eingangsbereich des KKL war lang. Alle waren feierlich gekleidet, Bussmann fühlte sich total unwohl in seinem Frack. Ingrid hatte sich in ein rotes Kleid gehüllt, das nicht nur ihrer Figur schmeichelte, sondern auch die Schulterpartie freiliess.

Eigentlich hätte er nach der Inspektion von Zwyssigs Büro wieder ins Präsidium zurückkehren wollen, doch konnte er Ingrid ein weiteres Mal nicht enttäuschen, freute sie sich doch seit Monaten auf den Auftritt des berühmten ukrainischen Cellovirtuosen Andryi Poroschenko.

Etliche der anwesenden Gesichter erkannte Bussmann. Das Konzert war wahrlich ein Anlass der High Society Luzerns, was sich auch in den eher gepfefferten Ticketpreisen wiederspiegelte. Aber was tat man(n) nicht alles aus Liebe?

Irgendwie war Bussmann aber auch froh, wenigstens für ein paar Stunden aus dem Trubel der Ermittlungen zu entrinnen. Regierungsrat Bachmann hatte es sich nämlich nicht nehmen lassen, sich noch telefonisch bei Bussmann zu vergewissern, dass die Aufklärung der zwei Morde auch tatsächlich oberste Priorität geniessen würde.

Allerdings waren die Spuren der beiden Morde auch im KKL zu spüren. Unter den Gästen war es das Thema Nummer eins und manche, die Bussmann erkannten, glotzten ihn unverhohlen an. Er konnte deren Gedanken lesen.

Der sollte die Morde aufklären und nicht Konzerte besuchen!

Des Weiteren war auch die Polizeipräsenz stark erweitert worden. So schritten diverse Patrouillen rund um den Europaplatz und das Inseli, ein Hubschrauber kreiste unentwegt über der Stadt und auf den Dächern benachbarter Gebäude wie der Universität und dem Bahnhof hatte die Polizei selbst Scharfschützen postiert. Bussmann liess es sich nicht nehmen, einen Blick in das Sicherheitsdispositiv des Anlasses zu werfen. Die Luzerner Polizei war in der glücklichen Lage, mit Wachtmeister Lukas Düringer einen ausgewiesenen Experten in Sachen Scharfschützen in den eigenen Reihen zu wissen. Dieser hatte auch das Dispositiv zusammengestellt und war Bussmann bereits in den laufenden Ermittlungen zur Seite gestanden.

Ingrid und Bussmann hatten die Ticket- und Sicherheitskontrolle passiert und durften nun das Foyer betreten. Auf kleinen Tischchen wurden Apérohäppchen serviert und diverse Kellnerinnen und Kellner huschten mit offenen Champagnerflaschen durch die Menge.

„Nein, danke!“, lehnte Bussmann ab, als ihm just eine solche Champagnerflasche unter die Nase gehalten wurde. Auch wenn dies offiziell Freizeit war, irgendwie fühlte sich Bussmann immer im Dienst. Ingrid würde dies wieder als Paranoia bezeichnen, doch Bussmann wollte für alle Fälle gewappnet sein. Die Szene in der Mall of Switzerland war ein gutes Beispiel hierfür.

In den Augenwinkeln bemerkte Bussmann, wie sich Regierungsrat Bachmann angeregt mit einem weiteren Herrn mittleren Alters in einem dunkelgrauen Sakko unterhielt und dabei versuchte, möglichst unauffällig die aufgestellte Chipsschale zu leeren. Auf den zweiten Blick erkannte Bussmann, dass es sich bei dem Mann im Sakko um Peter Isenring handelte, einem der Vertreter des Kantons Luzern im Nationalrat und zugleich Parteikollege Bachmanns.

Freilich nicht fehlen durfte Stadtpräsident Hösli, dieser schlich durch die Menge, sichtlich in der Hoffnung, dass ihn jemand ansprechen möge. Doch diesem Wunsch schien niemand Folge zu leisten.

Riesige Plakate kündeten den Star des heutigen Abends an, doch Bussmann bezweifelte, dass alle der Musik wegen hierher gekommen waren.

„Ach, ich freue mich auf seine Interpretation von Beethovens Neunte!“, freute sich Ingrid an seiner Seite und hakte sich bei ihm ein. Bussmann gab ein zustimmendes Brummen von sich, von klassischer Musik verstand er etwa so viel wie eine Kuh von der deutschen Sprache. Beethovens Neunte kannte er nur wegen Freude, schöner Götterfunken.

Die Tore zum gigantischen Konzertsaal wurden geöffnet und die Leute strömten hinein, auf der Suche nach ihrem zugewiesenen Platz. Auch Ingrid und Bussmann nahmen ihre Plätze ein. Die Bühne wurde noch von einem gigantischen Vorhang vor den Blicken der neugierigen Zuschauer geschützt.

Dann brandete Applaus auf, als Poroschenko mit einem Mikrofon die Bühne betrat. Gleichzeitig öffnete sich der Vorhang und sein Cello erschien, sehr zur Freude der Anwesenden.

„Guten Abend, meine Damen und Herren!“, begann Poroschenko in bemühtem Deutsch. Den Rest der Eröffnungsrede hielt er in beinah akzentfreiem Englisch. Um nicht gerade als ultimative Kulturbanause zu gelten, hatte sich Bussmann mit der Biografie des ukrainischen Cellisten vertraut gemacht: Dieser war bereits zu Zeiten der Sowjetunion ein gefeierter Star innerhalb dieser gewesen. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der damit verbundenen Unabhängigkeit Kiews von Moskau war Poroschenko in die USA gereist und hatte sich zunächst den New Yorker Philharmonikern angeschlossen, später hatte er auch Konzerte in Berlin, Wien und Tokio gegeben. Für Luzern war der Auftritt Poroschenkos ein weiterer Meilenstein auf dem Weg, in die erste Riege der weltweiten Musikstädte aufzusteigen.

Begleitet wurde Poroschenko von den Musikantinnen und Musikanten des Luzerner Symphonieorchesters. Dieses nahm gerade im Orchestergraben Platz, der Dirigent richtete sich an seinem Pult ein. Erste Stimmtöne der Instrumente erklangen.

Zur selben Zeit befragte Korporal Welti Elisabeth Zwyssig, der Witwe des erschossenen Stadtrates, im Haus der Familie im Rothenhof im Stadtteil Reussbühl. Ihr zur Seite standen die beiden gemeinsamen Kinder, Sohn Florian und Tochter Jessica, beide in den Mittzwanzigern. Nicht dabei war Yannick, das dritte und jüngste Kind der Familie Zwyssig. Seit der Nachricht über den Tod seines Vaters hätte Yannick kein Wort mehr gesagt und wäre wie jeden zweiten Tag ins Handballtraining nach Kriens gefahren.

Die Augen aller dreien waren verweint und Welti brachte es kaum übers Herz, seine Fragen zu stellen.

„Wissen Sie, ob Ihr Ehemann einen gewissen Thomas Eiholzer gekannt hatte?“

„Den Lokführer?“, schniefte Elisabeth, Welti nickte. „Ja klar, die beiden waren die besten Freunde!“

„Wir durften mal mit Thomas im Führerstand über den Gotthard!“, schaltete sich Florian mit seinen Erinnerungen ein. „War eine ganz tolle und schöne Sache!“

„War irgendwas vorgefallen? Trachtete jemand nach dem Leben der beiden?“, fuhr Welti mit seinem Fragenkatalog fort. Er tat dies sichtlich ungerne, doch wollte er mit den Ermittlungen vorankommen, wollte Bussmann etwas präsentieren, während dieser sich von einem ukrainischen Cellisten die Ohren zugeigen liess.

„Ich wusste von Hansruedi, dass Thomas Probleme mit seinem Vorgesetzten hatte. Dieser hatte offenbar exzessives Mobbing betrieben. Hansruedi wollte als neutraler Vermittler helfen, was bei den SBB und insbesondere diesem Vorgesetzten nicht gerne gesehen worden wäre.“

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