Читать книгу: «Die drei Emigrationen der Sonja Berg»
Daniel Becker
DIE DREI EMIGRATIONEN DER SONJA BERG
Biografie einer jüdischen Familie

Erste Auflage 2022
© Osburg Verlag Hamburg 2022
www.osburgverlag.de
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Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg
Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida
Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg
Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste
ISBN 978-3-95510-278-4
eISBN 978-3-95510-287-6
Ach, und du glaubst wirklich, das Vergessen habe das letzte Wort?
Hirsch Oscherowitsch
Inhalt
Filmsequenz
Wie die Geschichte begann
Nach acht
Kindheit in St. Petersburg
Revolution
Strugi Bjelaja
Lenin auf Briefmarken
Elbing
Es war eine verrückte Zeit
Paul – ein Briefroman
Fredy – unter dem Radar
Bobby – Rotes Theater
Südafrika
Heinz und die ›selige Witwe‹
Wiedergefundene Familien
Die Tiergartenstraße
Bonner Jahre
Die falsche Sonja
Perestroika
Vergangenheit
Reise nach St. Petersburg
Dank
Verwendete Literatur
Anmerkungen
Stammbäume
Filmsequenz
Wenn mir Sonjas Erzählung in den Sinn kommt, beginnt sie stets mit folgender Szene, wie die Anfangssequenz eines Films:
Russland, Oktober 1918. Ein Mädchen, etwa 15 Jahre alt, sitzt in einem Zugabteil. Die langen, schwarzen Locken schauen unter einer Mütze hervor. Sie trägt einen ordentlichen Mantel und Knöpfstiefel. Im Gepäcknetz liegen mehrere Koffer und Taschen, manche stehen auch neben ihr auf dem Boden. Das Mädchen ist allein unterwegs. Sie weiß nicht genau, wohin der Zug fährt. Auch wo ihre Eltern sind, weiß sie nicht. Sie ist ängstlich, fängt an zu weinen. Dann wischt sie die Tränen ab, holt aus einer grauen Papiertüte ein Butterbrot und beißt hinein.
Wie die Geschichte begann
Ich lernte Sonja und Heinz Berg im Frühjahr 1987 kennen. Damals ging ich in die 12. Klasse, im Geschichts-Leistungskurs behandelten wir die Oktoberrevolution. Davon war ich fasziniert, ich wollte genau wissen, was sich abgespielt hatte. Aus den Zahlen und Ereignissen, die in meinem Geschichtsbuch standen, ergab sich für mich kein schlüssiges Bild. Wie hatte die mächtige Sowjetunion aus chaotischen Anfängen entstehen können? Wie fühlt sich eine Revolution aus Sicht der Menschen an?
Es war nicht nur historisches Interesse. Ich wollte hinter den Eisernen Vorhang schauen, den es damals noch gab und der noch lange bleiben würde, wie alle dachten. Allerdings hatte Gorbatschow ihn ein kleines Stückchen zurückgezogen. Das machte mich neugierig. Perestroika und Glasnost, seine Begriffe für den Wandel, waren in aller Munde. Reformen in den sozialistischen Staaten – jetzt schienen sie erreichbar zu werden. Nicht nur ich glaubte das. Aber was musste man reparieren, was abschaffen? Was war überhaupt gut gewesen, was schlecht? War die Revolution einfach irgendwo falsch abgebogen, und wenn ja, wann? Wie sollte man das herausfinden, Dinge besser machen? Solche aus heutiger Sicht naiven Fragen stellte ich mir.
Die öffentliche Meinung der damaligen Bundesrepublik war geprägt durch die ›Westbindung‹. In erster Linie war das eine deutliche Gut-Böse-Einteilung der Welt, in zweiter brachte sie ein totales Desinteresse am Leben der Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs mit sich. Die Sowjetunion war abgeschottet, Informationen aus erster Hand so gut wie nicht zu bekommen – im Vergleich mit heutigen Kommunikations- und Reisemöglichkeiten unvorstellbar. In der damaligen Bundesrepublik lebten nur wenige Russen. Reisen in die Sowjetunion waren ausschließlich in Gruppen mit offiziellem Reiseführer möglich und auf wenige vorgegebene Ziele beschränkt. Wenn man etwas darüber zu lesen bekam, hatte es meist eine ideologische Färbung: im Westen antikommunistische Schreckensberichte oder von jenseits des Vorhangs östliche Propaganda, begleitet von seltsam blassen Farbfotos. Was lag zwischen diesen Extremen?
Ich lieh mir Bücher aus der Bibliothek, versuchte die Russische Revolution und die daraus hervorgegangene Gesellschaft zu begreifen. Doch in den Texten, die ich damals vorfand, enttäuschte mich die schematische, theorielastige Darstellungsweise. Erlebnisse von Menschen aus der Revolutionszeit kamen nicht vor, waren verschüttet unter einem riesigen Trümmerhaufen aus – je nach Perspektive – Revolutionstheorie, nachträglicher Deutung, Propaganda.
Was war also – seinerzeit – vor 70 Jahren geschehen? Die Sowjetunion erschien so unverrückbar, dass alles, was vor ihr gewesen war, der grauen Vorzeit angehörte. Dass Leningrad einmal St. Petersburg geheißen hatte, schien doppelt so lange her zu sein.
Anfang 1987 sah ich im Fernsehen eine Dokumentation über Leningrad und seine Vergangenheit unter dem Namen St. Petersburg. So etwas hatte Seltenheitswert. Noch kurz zuvor wäre wohl in der Sowjetunion ein westliches Filmprojekt über die einstige Hauptstadt als ›revisionistisch‹ eingestuft worden und damit tabu gewesen. Glasnost machte es jetzt möglich! Der Film zeichnete anhand historischer Orte auch den Verlauf der Revolution nach. Endlich hatte ich wenigstens ein paar Bilder vor Augen.
Ich erzählte meinem Vater von der Sendung. Zu meinem Erstaunen erwiderte er trocken, er kenne jemanden, der in St. Petersburg geboren sei und die Revolution dort miterlebt habe. Ich könne da sicher mal anrufen, wenn ich mehr erfahren wolle …
Das war im ersten Moment kaum vorstellbar. Das konnte keiner mehr erlebt haben. – Doch, doch, und die Dame sei noch sehr rüstig. Ich hätte jemanden so Interessantes in London oder New York vermutet und nicht im verschlafenen Bad Godesberg. Aber so war’s!
Ich war fasziniert von dieser unerwarteten Möglichkeit, fasste mir ein Herz und rief bei den für mich wildfremden Leuten an. Es meldete sich eine freundliche, alte Stimme: »Berg« – diesen kurzen Namen sprach sie so aus, dass jeder Buchstabe sorgsam einzeln zur Geltung kam, darunter das R auf die russische Art weich gerollt. Ich stellte mich vor und holte dazu aus, den Grund für meinen Anruf zu erklären, ob ich vielleicht mal ein paar Fragen stellen dürfe …
Bevor ich lange geredet hatte, sagte die Stimme ganz aufgeschlossen, ich solle doch am besten vorbeikommen, und wann es mir denn passen würde. Wir einigten uns auf einen Abend im März, ›nach acht‹ – eine Zeitangabe, die auch für alle nachfolgenden Verabredungen immer üblich blieb. Ein Detail dieses ersten Telefonats ist mir besonders in Erinnerung geblieben, weil die Reaktion so gar nicht dem entsprach, was ich von einer 83-jährigen Frau erwartet hatte. Natürlich siezte sie mich, was mir allerdings damals nicht geheuer war, und ich bat sie, mich zu duzen – worauf sie lachend sagte »Na dann – ich auch!«, ich solle sie bitte Sonja nennen.
Nach acht
An dem vereinbarten Abend ›nach acht‹ empfingen mich also Sonja und Heinz. Beide waren – mit ihren über 80 Jahren – quicklebendig. Heinz neben Sonja groß und aufrecht, mit schlohweißen Haaren und einem eleganten Schnurrbart, ähnlich dem von Clark Gable. Sonja ganz klein und rund, mit unglaublich vielen Falten im Gesicht, einer beeindruckend geschwungenen Nase und noch fast schwarzen, leicht gelockten Haaren, die von einem altmodischen Haarnetz festgehalten wurden. Ich bekam einen Platz auf dem Sofa im Wohnzimmer, das in einer geschmackvollen Mischung aus dunklen (wie ich später erfuhr, südafrikanischen) und modernen hellen Holzmöbeln eingerichtet war. Heinz hatte Tee gekocht, der in russischen Teegläsern serviert wurde. Das war ein beeindruckendes Ritual, das ich noch oft erleben durfte. Im Laufe des Abends kam von Sonja mehrmals die Frage: »Darling, gibt es noch Tee?«, eigentlich sagte sie »Daarrlink«, und bei »Tee« hob sie die Stimme. Und selbstverständlich war Heinz als echter Gentleman gleich damit zur Stelle.
Kaum saß ich auf dem Sofa, begann das Erzählen. Beider Augen blitzten, und man merkte sofort, dass sie daran großes Vergnügen hatten. Sonja und Heinz staunten selbst ganz offen darüber, wie viel abenteuerliche und teils absonderliche Dinge sie erlebt hatten. Sie sagten dann oft:
»Man sollte kaum glauben, dass so viel Weltgeschichte in ein Menschenleben hineinpasst!«
Bemerkenswert war, dass trotz manch tragischer Episode die Erzählung zwar zuweilen ernst wurde, aber insgesamt positiv und heiter blieb. Sonjas schwermütige Seite lernte ich später auch kennen, aber die Abende des abwechselnden Erzählens mit Heinz verliefen mit anekdotenhafter Leichtigkeit, und es wurde viel dabei gelacht. Den großen Faden der Erzählung bestritt stets Sonja, Heinz schaltete sich mit einzelnen Ergänzungen ein.
Bei unserem ersten Treffen fragte Sonja mich, was ich denn wissen wolle. Ich sagte mein Sprüchlein von der Oktoberrevolution und dass ich gehört hätte, sie habe diese in St. Petersburg miterlebt …
Sonja begann.
»Ja, darüber kann ich dir gern etwas erzählen. Aber, nu ja …! Du musst wissen, dass dies nur eine kleine Episode in einer sehr langen und komplizierten Familiengeschichte ist, die unzählige weltgeschichtliche Ereignisse des 20. Jahrhunderts berührt« – sie lachte und ihre Augen funkelten, und Heinz nickte bestätigend. »Und ich muss dir dazu sagen, dass meine Familie nicht im engeren Sinne als russische Familie bezeichnet werden kann. Erst meine Eltern sind nach St. Petersburg gezogen. Meine Mutter stammte aus Berlin, mein Vater aus dem Baltikum. Also, wenn du trotz dieser Einschränkung die Geschichte hören möchtest, erzähle ich sie dir gern – oder fragen wir mal so: welchen Teil der Geschichte möchtest du hören? Alles? Na – hab’s mir gedacht! Dann müssen wir mal sehen, wo wir am besten anfangen, für einen Abend ist das viel zu viel …
Meine Familie hat einen jüdischen Ursprung, und das sagt ja schon so einiges. Wir waren nicht religiös, ich bin’s auch heute nicht. Aber diese Herkunft hat das Schicksal vieler Generationen meiner Familie bestimmt, egal ob sie, wie vor einigen Generationen, noch gläubige Juden oder, wie meine Eltern, teils die Großeltern schon, zum Christentum konvertiert waren – meist aus äußerer Notwendigkeit. Immer hat sie das Jüdische wieder eingeholt. Na ja, ich denke, du weißt darüber Bescheid, das muss ich nicht alles erzählen. Und in meinem Leben, wie auch bei Heinz, hat sich das so fortgesetzt. Ich musste in meinem Leben drei Mal emigrieren: zuerst von Russland nach Deutschland, das war 1918. Dann, als die Nazis kamen, musste ich mit Peter, meinem ersten Mann, aus Berlin fort. Wir konnten 1934 nach Südafrika gehen. In Johannesburg lebten wir ganz gut, unsere Kinder kamen dort zur Welt. Aber Peter starb schon 1951, mit nur 44 Jahren. Das war für mich eine schwere Zeit. Die Kinder waren noch klein. Später lernte ich Heinz kennen, das heißt, ich kannte ihn schon lange, unsere Familien waren in Südafrika eng befreundet. Als er mir einen Heiratsantrag machte, war er dabei, sich wieder in Europa niederzulassen – die Situation in Südafrika wurde brenzlig. Und so bin ich zum dritten Mal emigriert und mit ihm nach Bonn gekommen.«
Jetzt schaltete sich Heinz ein, verschmitzt lachend.
»Auf drei Emigrationen bringe ich es nicht, bei mir waren es nur zwei. Ich bin in Berlin aufgewachsen, und musste in der Nazizeit dann auch sehen, wie ich aus Deutschland rauskomme. Unsere Familie war vor ein paar Generationen jüdisch gewesen, aber meine Vorfahren waren konvertiert. Ich fühlte mich überhaupt nicht als Jude, aber für die Nazis war ich das plötzlich. Für mich begannen die Probleme nicht so früh, wie es bei Peter der Fall war, denn ich arbeitete in einem Unternehmen, das Verwandten meiner Mutter gehörte. Die Kaffeerösterei Zuntz war das, damals eine bekannte Firma. Auch nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, konnte ich dort relativ unbehelligt arbeiten. Ich muss sagen, ich habe die Nazis zuerst unterschätzt – das haben viele. Als es irgendwann höchste Zeit wurde zu gehen, waren die meisten Länder nicht mehr bereit, Flüchtlinge aus Deutschland aufzunehmen. Ich war schon verheiratet und hatte kleine Kinder. Gerettet hat uns Peter, Sonjas erster Mann. Er hat für uns finanziell gebürgt. So kamen wir 1936, kurz bevor es zu spät war, auch nach Südafrika. Im Krieg habe ich mich freiwillig zur britischen Armee gemeldet, um etwas gegen Hitler tun zu können.
Ende der 50er-Jahre, in Südafrika regierte inzwischen die Nationalpartei und die Apartheid-Politik hatte begonnen, bekam ich zunehmend politische Schwierigkeiten. Nach der Erfahrung mit den Nazis dachte ich mir, es ist besser du gehst jetzt, bevor es wieder zu spät ist – daraus wurde die zweite Emigration. Ich erhielt die Möglichkeit, eine Stelle in Deutschland anzunehmen. Über ein paar Umwege kam ich 1961 nach Bonn, und kurze Zeit später entschloss sich Sonja, mir hierher zu folgen und meine Frau zu werden.«
Dann ergriff wieder Sonja das Wort. »Und nun leben wir schon 25 Jahre hier. Das ist länger als ich in Petersburg, Berlin oder Johannesburg gewohnt habe. Wir haben uns hier immer sehr wohlgefühlt. Aber wenn du mich fragst, wo meine Heimat ist, dann muss ich dir sagen: Ich weiß es nicht! Meine Kinder und anderen Verwandten sind überall auf der Welt verstreut, in Südafrika, Israel, den USA, England, der Schweiz … Bei Heinz ist es genauso. Diese Emigrationen werden ein Stück von dir.«
Heinz ergänzte, »aber was man auch lernt, ist Dankbarkeit. Wir wären nicht mehr da, wenn es nicht immer wieder Menschen gegeben hätte, die uns geholfen haben.«
Sonja stimmte zu: »Ja, dafür sind wir sehr dankbar! Auf unserer Flucht aus Russland hat ein Offizier seine Kompetenzen überschritten und einen Passierschein – auf Russisch sagt man dazu Propusk – ausgestellt. Wer weiß, was sonst geworden wäre. Man macht sich nicht klar, welche Rolle das spielen kann! Immer wieder gab es solche Menschen in unserem Leben. Um etwas zurückzugeben von der Hilfe, die wir erfahren haben, setzen wir uns für politische Gefangene in Ländern ein, in denen Menschenrechte nicht geachtet werden. Wir haben eine der ersten Amnesty-International-Gruppen in Deutschland gegründet.«

Sonja und Heinz, wie sie in den 1980er-Jahren ihre Geschichte erzählten
Die ›ganze Geschichte‹ war in der Tat für einen Abend zu lang. Mit meinem ersten Besuch begann eine wunderbare Freundschaft, die bis zum Lebensende von Sonja und Heinz bestand. Alle paar Wochen trafen wir uns abends ›nach acht‹, der Rahmen war immer derselbe. Der Reihe nach bekam ich nun ›die ganze Geschichte‹ zu hören.
Sie war so erstaunlich und verschlungen, dass es bestimmt ein Jahr dauerte, bis ich alle wichtigen Episoden kannte. Manche Teile der Erzählung – deren Stoff, wie Sonja einmal sagte, gut für einen klassischen russischen Roman geeignet gewesen wäre – klingen mir noch heute deutlich im Ohr. Ich schrieb mir nie etwas von dem auf, was die beiden erzählten. Ich glaubte, die Intensität ihrer Geschichte sei ausreichend, um jedes Detail in meinem Gedächtnis zu speichern. Und angesichts ihrer Vitalität hatte ich auch nicht das Gefühl, mich beeilen zu müssen.
Ich erinnere mich an einen letzten sehr vergnügten Abend im September oder Oktober 1989. Sonja und Heinz saßen am Tisch, über Reiseprospekte gebeugt. Sie planten eine Reise nach Israel und erzählten mir, wen sie besuchen und was sie anschauen wollten.
Im Laufe des Abends ging es Sonja nicht gut, ich verabschiedete mich früher als gewöhnlich. Es stellte sich heraus, dass Sonjas Unwohlsein der Beginn einer Krebserkrankung war. Zwar konnte sie erfolgreich operiert werden, aber die anschließende Behandlung verursachte ernsthafte Komplikationen. Sonja war über längere Zeit geistig verwirrt. Heinz kümmerte sich rührend um sie, aber man merkte ihm seine Verzweiflung an, als ihr Zustand sich monatelang nicht bessern wollte. Er schirmte sie nach außen ab, wollte nicht, dass Freunde sie in so elendem Zustand sahen. Im Sommer 1990 schien alles langsam etwas ins Lot zu kommen. Ich erinnere mich an einen Tag im August. Ich kam zu Besuch, wir saßen im Garten, und Sonja war wieder so weit hergestellt, dass sie sich an der Unterhaltung beteiligen konnte. Sie saß im Lehnstuhl, ganz ›Grande Dame‹, und trank Saft aus einem Glas mit Strohhalm.
An diesem Tag sah ich Heinz zum letzten Mal. Ziemlich plötzlich, im September 1990, starb er, erschöpft von der Anstrengung der Monate zuvor. Kurz nach seiner Beerdigung besuchte ich Sonja. Sie war erschüttert von Heinz’ Tod, doch ihr körperlicher und geistiger Zustand war, dieses eine Mal noch, so wie vor ihrer Krankheit. Ich erinnere mich, wie sie auf ihrem Sofa saß in einer für sie typischen Haltung: den einen Fuß unter das Knie des anderen Beines geschoben. Ich fragte mich immer, wo sie diese enorme Beweglichkeit hernahm.
Lange saßen wir zusammen, und sie erzählte mir aus ihrem Leben.
»Ich lese gerade wieder die alten Briefe. Die Korrespondenz mit meinen Brüdern. Viele davon sind auf Russisch geschrieben. Das alte Russisch, von vor der Revolution. In dieser Sprache fühle ich mich mehr und mehr zu Hause, je älter ich werde. Man kann diese Briefe lesen wie einen Roman. Eigentlich müsste jemand all das aufschreiben. Alles, was da drinsteht, was sie und ich erlebt haben. Alle in unserer Familie haben so viel Merkwürdiges erlebt! Viele haben schon mal den Versuch gemacht. Sogar einen Film wollte man draus machen. Oliver Storz1, ein guter Freund meines Neffen Alex, ist Regisseur. Er wollte meine Geschichte verfilmen. Aber bisher ist noch nichts draus geworden …«
Bei meinen folgenden Besuchen hatte sich Sonjas Vitalität wieder verloren. Im ersten Jahr nach Heinz’ Tod stand sie zwar noch auf, war aber oft schwermütig. Ihre Gedanken kreisten mehr und mehr um die Vergangenheit. Ihr Geist war mit Dingen beschäftigt, die sie nicht mehr beeinflussen konnte. Im Laufe der Zeit lag sie meist im Bett, wenn man sie besuchte, rund um die Uhr versorgt durch einen Pflegedienst, für den ihr Neffe Alex aufkam. Meistens war sie in sich gekehrt und sprach kaum etwas, bewegte aber oft, in Gedanken an ferne Zeiten versunken, die Lippen. Wenn man kam, öffnete sie kurz die Augen zu einem dankbaren Blick. Meist saß ich einfach eine Weile bei ihr am Bett und hielt ihre Hand fest, bis sie sagte: »So, und jetzt kannst du wieder gehen.« Bei einem meiner letzten Besuche sagte sie mir: »Es ist schön, wenn Freunde zusammen schweigen können.«
Sonja starb im August 1995, mit fast 92 Jahren. Stephanie, ihre jüngste Tochter, war aus New York gekommen und verbrachte die letzten Wochen mit ihr. So hatte sie es ihrer Mutter versprochen, und Sonja starb in ihren Armen.
Wie vor ihr Heinz hatte Sonja verfügt, eingeäschert zu werden. Ihre Asche sollte verstreut werden, als Symbol für die Heimatlosigkeit, die sie empfanden. All ihre Lieben waren in alle Winde verstreut, dort wollten sie im Tod bei ihnen sein.
Nach der Beerdigung traf ich Stephanie, die die Wohnung auflöste, den Nachlass ordnete und in Kisten verpackte, um ihn nach New York mitzunehmen. Ich setzte mich auf meinen üblichen Platz auf dem Sofa, und wir sprachen lange über Sonja und ihre Geschichte. Auch Stephanie fand, eigentlich müsse man es aufschreiben. Vielleicht werde sie sich daran versuchen.
Mit den Jahren bemerkte ich, dass es ein Irrtum gewesen war, zu glauben, ich würde all das stets im Gedächtnis behalten. Sonjas Geschichte ging mir wieder und wieder durch den Kopf, und darüber freute ich mich. Aber wenn ich gelegentlich Freunden davon erzählte, bemerkte ich, dass ich sie immer schlechter zusammenbekam. Bestimmte Details hatte ich vergessen oder konnte sie nur noch ungefähr wiedergeben, was sehr unbefriedigend war.
Etwa zehn Jahre nach Sonjas Tod wurde mir klar, dass mich diese Geschichte nicht mehr loslassen würde. Ich würde es mir ewig vorwerfen, wenn ich nicht versuchte, die fehlenden Teile zu rekonstruieren, solange sich noch jemand erinnerte. Ich begann, nach Leuten zu suchen, die meine Erinnerung auffrischen könnten. Das war nicht einfach. So präsent Sonja und Heinz zu Lebzeiten gewesen waren, so wenig schien in Bonn von ihnen zurückgeblieben zu sein. Stephanie war inzwischen aus New York weggezogen, ihre neue Adresse hatte ich nicht. Andere Verwandte hatte ich nicht kennengelernt, sie lebten überall auf der Welt. Ich suchte nach gemeinsamen Bekannten aus Bonn. Viele waren verstorben oder nicht mehr ausfindig zu machen. Diejenigen, die ich noch fand, konnten sich wie ich auch nur vom Hörensagen an einzelne Geschichten erinnern.
Lange telefonierte ich mit Frau Risch, in deren Haus Sonja und Heinz gewohnt hatten. Sie war hochbetagt, aber geistig noch sehr rege. Sie freute sich über mein Vorhaben und erinnerte sich, dass da schon mal jemand etwas habe aufschreiben wollen. Der Name sei ihr aber entfallen. Eine junge Slawistin sei das gewesen, mit der sich Sonja gern auf Russisch unterhalten habe. Ich erinnerte mich. Ja, da war jemand gewesen, von dem Sonja immer wieder gesprochen hatte. »Sie ist meine Biografin!«, hatte sie stolz gesagt. Ich hatte sie aber nie kennengelernt und den Namen vergessen.
Eines Tages rief Frau Risch an und sagte, ihr sei der Name der Slawistin wieder eingefallen. Ich fand einen passenden Eintrag im Telefonbuch, rief an – es war tatsächlich Sonjas Freundin. Ich verabredete mich, und siehe da: Sie hatte noch alte Unterlagen, die sie für Sonja aus dem Russischen übersetzt hatte. Zum Teil hatte sie auch Sonjas Kommentare dazu in Fußnoten dokumentiert. Auch sie hatte die Idee gehabt, die Dokumente müssten in ein Buch einfließen, doch dazu war es nie gekommen.
Es handelte sich um drei dicke Ordner mit Briefen und Erinnerungen. Es war, als hätte ich auf einmal Gold gefunden! Über sie bekam ich auch wieder Kontakt zu Stephanie, Sonjas Tochter. Stephanie bot an, mich von Kalifornien aus, wo sie inzwischen lebte, nach Kräften zu unterstützen. Ich führte mit ihr eine Reihe von Telefoninterviews und ergänzte meine eigenen Erinnerungen durch ihre Antworten. Anfang 2015 besuchte ich sie in Kalifornien. In ihrer Garage standen acht riesige Kisten voll Papier. Sonjas Nachlass!
Und Stück für Stück fügte sich alles wie in einem Puzzlespiel wieder zu einer Erzählung zusammen. Die ›ganze Geschichte‹ eben.
1Regisseur/Drehbuchautor der Serien ›Die Magermilchbande‹ (Deutsche Fernsehserie aus dem Jahr 1979, die authentisch die Lebensverhältnisse von Kindern in der sog. ›Kinderlandverschickung‹ gegen Ende des Zweiten Weltkrieges schildert. Nach einer Buchvorlage von Frank Baer) und ›Raumpatrouille Orion‹ (Erste deutsche Science-Fiction-Fernsehserie aus dem Jahr 1965 und damals ein großer Erfolg).
Kindheit in St. Petersburg
Nach acht, Bonn 1987
Sonja schaut mich über den Brillenrand hinweg an, holt tief Luft und beginnt:
»Ich bin, wie auch meine drei Brüder, in St. Petersburg geboren. Für mich wird die Stadt immer so heißen. In Leningrad bin ich nie gewesen, daher weiß ich nicht, ob es meine Stadt ist. Das Petersburg unserer Kindheit, das meine Brüder und ich sehr liebten, mussten wir verlassen, aber unser ganzes Leben hindurch ist es uns eine Heimat der gemeinsamen Erinnerung geblieben.
Es war schon etwas Besonderes mit dieser Stadt. Wunderschön war es, wenn sich die vielen goldenen Kuppeln in den Kanälen spiegelten. Alles schien auf dem Wasser zu schwimmen. Es war herrlich, dort aufzuwachsen. Wir hatten eine glückliche und behütete Kindheit.
Mein Vater liebte die Stadt vielleicht mehr als wir alle zusammen. Er fühlte sich mit Leib und Seele als Petersburger und hat den Verlust nie verwunden. Meine Mutter lebte auch gern dort, sie hatte ein angenehmes Leben, aber sie war manchen Dingen gegenüber kritisch eingestellt.
Ursprünglich kam unsere Familie nicht aus Petersburg, meine Eltern waren erst kurz vor ihrer Heirat auf verschiedenen Wegen, von denen ich noch erzählen werde, dort hingekommen. Streng genommen sind wir auch keine russische Familie, die Muttersprache meiner Mutter war Deutsch, die meines Vaters Jiddisch – eine jüdische Familie eben, mit allem, was das so mit sich bringt. Aber wir Kinder wuchsen in einem russischen Umfeld auf, hatten die russische Staatsbürgerschaft und fühlten uns ganz und gar als Russen. Wahrscheinlich wurden wir darin von unserem Vater beeinflusst, der ein glühender russischer Patriot war.
Mein Vater, 1861 geboren, stammte aus Kurland – da weiß heute keiner mehr, wo es liegt. Geboren wurde er in Mitau, der Provinzhauptstadt. Heute heißt sie auf Lettisch Jelgava, den Namen Mitau benutzt niemand mehr. Das damalige Kurland war eine baltische Provinz, die erst um 1800 ins russische Reich eingegliedert worden war. Die dort ansässigen Juden waren kulturell deutsch geprägt – entsprechend trug mein Vater den Namen Gustav Hackel. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Kurland zu Lettland, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es Teil der Sowjetunion.
Das Elternhaus meines Vaters war jüdisch-religiös. In früheren Generationen hatte die Familie viele Rabbiner hervorgebracht. Seine Mutter Leah, geborene Lewiss bzw. früher Levy, stammte aus einer frommen Familie. Mein Vater hatte drei Brüder und eine Schwester. Als ältester Sohn war er von seinen Eltern dazu bestimmt worden, Kaufmann zu werden. Das geht zurück auf eine alte Tradition. Früher musste immer mindestens ein Sohn Rabbiner werden, zur Ehre der Familie. Weil das aber Geld kostete und meist wenig einbrachte, musste ein anderer für dessen Ausbildung sorgen, ob er wollte oder nicht. Mein Vater war also dazu ausersehen, Kaufmann zu werden, damit sein Bruder studieren konnte. Nicht etwa, dass der Bruder Rabbiner geworden wäre – er studierte Medizin und wurde später Arzt in Petersburg. Ob seine Eltern ihn für den Begabteren hielten oder was sonst den Ausschlag gab, weiß ich nicht, aber mein Vater sollte für seine Ausbildung mit aufkommen und basta. Wenn er gekonnt hätte, wäre er sicher lieber etwas anderes geworden. Doch die Verhältnisse waren nicht danach, und er lernte Textilkaufmann.
Nun darf man nicht vergessen, in welchem Land und zu welcher Zeit sich all dies abspielte. Im zaristischen Russland gab es bis zum Ende der Zarenherrschaft noch eine offene Diskriminierung von Juden. Sie durften sich nur in bestimmten Gegenden ansiedeln (die sog. ›Ansiedlungsrayons‹) und waren bei der Berufswahl stark eingeschränkt. Für alles und jedes brauchten sie eine Sondergenehmigung der Behörden, die sie nur gegen hohe Gebühren und Steuern bekamen.
Vater und Großvater meines Vaters waren beide Schneider. Sie müssen ziemlich arm gewesen sein. Viel weiter zurückverfolgen lässt sich dieser Teil meiner Familie nicht. Von meinem Urgroßvater weiß ich nur, dass er Moses Gittelsohn hieß, Schneider in Mitau war und einen älteren Bruder hatte, der Rabbiner wurde. Sein Sohn – also mein Großvater – hieß Jacob Moses Gittelsohn und wurde um 1821 in Mitau geboren. Der jiddische Familienname Gittelsohn hieß auf Russisch Chatzkelson. Daraus wurde schließlich unser Familienname: Hackel. Das kam so: Mein Großvater konnte als Schneider in Mitau nicht genug verdienen, um seine wachsende Familie zu ernähren. Er beschloss, anderswo Arbeit zu suchen. Aber die Judengesetze verboten ihm das Reisen und Arbeiten in Russland jenseits der ›Ansiedlungsrayons‹! Deshalb änderte er seinen Namen so, dass er nicht mehr jüdisch klingen sollte, und nannte sich: Hackel. Na, warum ausgerechnet Hackel, mag man sich fragen! Die Änderung war obendrein etwas komisch, da es im Russischen den Buchstaben H nicht gibt und man ihn damals immer durch ein G ersetzte. Der Name wurde auf Russisch zu Gakkel, was ja wiederum im Deutschen nicht sehr vorteilhaft klingt. Aber der Name war von ihm absichtlich so gewählt, damit er möglichst deutsch klang, das ursprüngliche Chatzkel für Eingeweihte darin jedoch noch erkennbar sein sollte. Das war eine Methode vieler Juden: sich einerseits äußerlich dem Druck der Verhältnisse zu beugen, aber andererseits den Kontakt zu den eigenen kulturellen und auch religiösen Wurzeln nicht zu verlieren.
Mein Großvater lebte, um seine Familie ernähren zu können, fast zehn Jahre lang getrennt von Frau und Kindern. Er war bis nach Tiflis in Georgien gewandert, weil es ihm dort möglich war zu arbeiten, als Schneider und jüdischer Bestatter. Für seine Frau – mit fünf Kindern daheim – dürfte seine dauernde Abwesenheit kein angenehmer Zustand gewesen sein, aber er war mit ihrer Zustimmung fortgegangen. Mein Großvater bat sie einmal in einem Brief, sie möge ihm mit den Kindern nach Tiflis folgen. Sie soll geantwortet haben, sie werde dies nur tun, wenn er nicht nur für sie sorgen, sondern auch eine gute Erziehung der Kinder sicherstellen könne. Das schien er sich finanziell nicht zuzutrauen, und so blieben sie in Mitau.
Die Familie meiner Großmutter Leah war nicht nur fromm, sondern auch angesehen und wohlhabend. Es gab zwei Brüder, die ihr und ihren Kindern immer wieder halfen. Der eine lebte in Brüssel, der andere in Riga. Besonders er war meinem Vater und seinen Geschwistern in guter Erinnerung.
Die drei jüngeren Brüder meines Vaters (Jeannot, Arthur und Ludwig) konnten die Schule beenden und teilweise sogar studieren, aber für meinen Vater, den ältesten, war das nicht vorgesehen. Ich vermute, sein Vater schickte nicht genug Geld nach Hause. Bald nachdem er aus Tiflis zurückgekehrt war, starb er. So musste mein Vater als Ältester schon in sehr jungen Jahren Verantwortung übernehmen und zum Unterhalt der Familie beitragen.
Um beruflich Erfolg haben zu können, entschied er sich, in der Stadt sein Glück zu versuchen. Das klingt leichter als es war. Es bot sich ihm die Gelegenheit, zu einem von ihm sehr verehrten Onkel zu ziehen, der ihm bei den ersten Schritten half. Ich weiß nicht, wie und wo er seine berufliche Laufbahn begann, aber er handelte auch da schon mit Textilien, meist Wollstoffen. Ich nehme an, Tuchhändler war insofern vorbestimmt, als seine Vorfahren Schneider gewesen waren.
Nun war es im Zarenreich nur Christen erlaubt, sich in großen Städten anzusiedeln. Manche Juden taten es trotzdem, riskierten aber viel. In den 1880er-Jahren nahm der Antisemitismus in Russland immer wildere Züge an. Es kam in verschiedenen Gegenden zu fanatischen Pogromen, und es begann der große Exodus der russischen Juden nach Amerika.
Um nach Petersburg ziehen zu können, trat mein Vater im Jahr 1885 zum lutherischen Glauben über, denn die orthodoxe Kirche nahm keine Juden auf. Seine fromme Mutter war nicht begeistert, akzeptierte aber diesen Schritt, weil er so seinen Lebensunterhalt verdienen konnte.
An meine Großmutter Leah habe ich noch eigene Erinnerungen. Sie war eine stille, freundliche Person, ziemlich schüchtern. Ich glaube, sie sprach nur jiddisch. Sie war ziemlich religiös – sie trug noch den ›Scheitel‹, die traditionelle Perücke der jüdischen Ehefrauen.
Sie kam einmal zu uns auf Besuch. Sie war so entsetzt darüber, dass wir die jüdischen Speiseregeln nicht einhielten – zum Beispiel sollten Milch und Fleisch streng getrennt voneinander aufbewahrt und gegessen werden –, dass sie sich weigerte, bei uns etwas zu essen und über Nacht zu bleiben.
Meine Eltern haben nicht religiös gelebt, aber die jüdische Herkunft war ihnen bewusst. Mein Vater war trotz geringer Schulbildung ein durch und durch weltläufiger Mann. Obwohl er nicht freiwillig konvertiert war, kann ich mir vorstellen, dass es für ihn eine Befreiung darstellte, dem provinziellen jüdischen Milieu in Richtung Petersburg entkommen zu sein. Auch seine drei Brüder lebten später dort und waren erfolgreich. Jeannot wurde Arzt, Arthur und Ludwig führten gemeinsam eine Apotheke. Nur seine Schwester blieb in Mitau. Es hieß, sie habe einen Taugenichts geheiratet.
Nun aber zu meiner Mutter. Sie stammte aus einem ganz anderen Milieu – auch jüdisch, aber schon lange assimiliert. Meine Mutter wurde – wie mein Vater – 1861 geboren, und zwar in Berlin. Das prägte unser Schicksal insofern, als es nach unserer Flucht aus Russland nahelag, dort neu zu beginnen, wo es noch Verwandte und Freunde gab. Die meisten Berliner sind ja gar nicht aus Berlin, so sagt man sicher zu Recht. Aber meine Mutter war von ihrem Naturell her eine Ur-Berlinerin – und obendrein wirklich dort geboren – ausgestattet mit dem dazugehörigen Witz für jede Lebenslage. Das blieb so ihr ganzes Leben lang. Sie war absolut unverwüstlich, egal was auch passierte!
Meine Mutter hieß Flora, vor ihrer Heirat war ihr Nachname Blumenthal – sehr hübsch ist das, nicht wahr? Flora Blumenthal! Ihre Eltern suchten den Vornamen aber nicht passend zum Nachnamen aus, was man vielleicht meinen könnte, sondern sie wurde nach ihrer Mutter genannt, zur Erinnerung, denn die starb im Kindbett. Meine Mutter hatte eine zwei Jahre ältere Schwester, Sophie, nach der ich benannt bin. Sonja ist eine russische Kurzform des Namens. Die beiden Mädchen wuchsen bei einer Halbschwester der Mutter – Tante Bertha – auf. Denn der Vater, Isidor Blumenthal – er muss sehr jähzornig gewesen sein – hatte sich mit der gesamten Verwandtschaft verkracht und brannte durch. Das klingt nach schlimmen Verhältnissen, aber meine Mutter hatte dennoch eine unbeschwerte Kindheit, die für die damalige Zeit ziemlich frei und unkonventionell verlief.
Meine Mutter hat herrliche Kindheitserinnerungen verfasst. Darin schildert sie das Alt-Berliner Milieu, in dem sie aufwuchs, in den Jahren vor der industriellen Revolution, als die Stadt verglichen mit heute noch recht beschaulich war.
Tante Bertha besaß ein Mietshaus in der Holzmarktstraße 61, in dem sie mit den beiden Mädchen in einer kleinen Erdgeschosswohnung lebte. Im Hinterhof hatten Handwerker ihre Werkstätten. Nichts davon steht mehr, es war in etwa dort, wo heute die S-Bahnstation Jannowitzbrücke liegt.
Tante Bertha muss eine gutmütige und nicht sehr durchsetzungsstarke Frau gewesen sein, die zwar auf gute Bildung achtete, den Kindern aber viel Freiheit ließ. Meine Mutter beschrieb anschaulich die wilden Spiele mit den Nachbarskindern im Hof und auf der Straße. Gleich gegenüber lag die Spree, dort lernte meine Mutter in einer ›Fluss-Badeanstalt‹ schwimmen. Unter den beiden Schwestern war Sophiechen die wagemutige, die ihre kleine Schwester wie eine Löwin beschützte. Sophie hatte sich durch allerhand Streiche den Spitznamen ›Emil‹ erworben. Einmal hatte sie beschlossen, ihre Schularbeiten hoch oben in der Astgabel eines Baums im Hinterhof zu erledigen. Ihr französischer ›Ploetz‹, aus dem sie lernen sollte, fiel herunter, und bei dem Versuch, ihn aufzufangen, landeten beide, Buch und Kind, kopfüber in einem großen Wasserfass, das gleich darunter stand. Gerettet wurde sie von ›Mutter Mielitz‹, der Frau eines Glasers, dessen Werkstatt im Hof lag. Sie hatte ein Auge auf alles, was dort geschah. Meine Mutter konnte viele solcher Geschichten erzählen, die sich heute ausnehmen wie Straßenszenen von Heinrich Zille.
Meine Mutter bewunderte Sophiechen für ihren Mut und wollte immer so sein wie sie. Daraus erklärt sich das enge Verhältnis zu ihrer Schwester. Das ist insofern hier von Bedeutung, weil es sie später nach Petersburg führte. Das trug sich so zu: Als Sophiechen gerade 18 Jahre alt war, verliebte sie sich unsterblich in einen gewissen Benno Becker. Sie war jung und hübsch und hatte viele Verehrer. Benno sah weder gut aus noch hatte er Manieren, aber Sophie sagte: ›Diesen oder keinen!‹ und heiratete ihn, zur grenzenlosen Enttäuschung der gesamten Verwandtschaft. Mit geliehenem Kapital eröffnete Benno ein Textilgeschäft an der Landsberger Straße (heute Landsberger Allee). Die lag in den östlichen Randbezirken Berlins und galt weiß Gott nicht als gute Gegend. Damit nicht genug: Sophiechen stand den ganzen Tag mit Benno im Laden – das gehörte sich nach damaligen Ansichten gar nicht für eine Frau aus ihrer Gesellschaftsschicht, und nach Feierabend ging sie mit ihm und seinen Geschäftsfreunden zu Kegelabenden und zum Bier …
Nachdem das etwa zwei Jahre so gegangen war, waren eines Tages Benno und Sophie plötzlich verschwunden. Es stellte sich heraus, dass Benno Bankrott gemacht hatte und, um die Schande noch zu vergrößern, ins Ausland ›getürmt‹ war. Die Begleichung der Schulden überließ er großzügig seinem Bruder. Du kannst dir ungefähr vorstellen, was da in der Verwandtschaft los war!
Nach ein paar Monaten erhielt Flora einen Brief von Sophiechen – aus St. Petersburg. Dort versuchten sie, mit nichts in der Tasche neu anzufangen. Das Ganze war ein ziemliches Husarenstück. Beide sprachen kein Wort Russisch und kannten niemanden. Als sie, so gut wie mittellos, dort umherliefen, trafen sie durch Zufall einen alten Schulfreund von Benno, der gerade am Newski-Prospekt ein Krawattengeschäft eröffnet hatte – damals waren Krawatten dort neueste Mode. Sophiechen konnte gut schneidern, und so wurden sie schnell einig, dass Sophiechen für sein Geschäft Krawatten nähen sollte. Benno würde beim Verkauf helfen. In den ersten Jahren klappte das mehr schlecht als recht. Benno versuchte, ein eigenes Geschäft zu eröffnen und machte mehrmals Pleite. Das Geld reichte hinten und vorne nicht, vier Kinder wurden geboren, Sophie nähte und stand den ganzen Tag im Laden.
Nachdem ein paar Briefe mit solchen Nachrichten gekommen waren, entschloss sich meine Mutter, zu ihr zu fahren und sie zu unterstützen. Ab 1883 verbrachte sie jedes Jahr ein paar Wochen, manchmal sogar Monate, bei den Beckers in Petersburg. Mit der Zeit kamen sie besser zurecht, Benno wurde schließlich doch ein erfolgreicher Geschäftsmann mit eigenem Unternehmen, und später, als ich schon auf der Welt war, waren Beckers unsere reichen Verwandten.
Aber zurück zu meiner Mutter – ich war noch bei den Jahren, als sie in Berlin lebte. Die Berliner Verwandten erwarteten, dass meine Mutter demnächst heiraten und eine ›gute Partie‹ machen werde – hoffentlich eine bessere als Benno! Durch das Erbe ihrer Mutter, von einem Onkel treuhänderisch verwaltet, war sie materiell abgesichert. Sie hatte durchaus viele Verehrer, aber sie konnte und konnte sich nicht für den richtigen Mann entscheiden. Die sorgsam arrangierte Verlobung mit einem gut situierten Fabrikanten von Möbelstoffen (›Gardinenfransen‹, sagte meine Mutter) löste sie nach einigen Wochen wieder, weil er ihr viel zu langweilig war, sehr zum Verdruss der Verwandtschaft. So vergingen mehrere Jahre. Mit Ende zwanzig galt man damals als alte Jungfer. Auch Sophie und Benno setzten alles daran, sie bei ihren Besuchen in Petersburg mit geeigneten Kandidaten in Verbindung zu bringen. Opern- und Konzertbesuche mit Bennos Geschäftsfreunden wurden arrangiert, aber immer hatte meine Mutter etwas auszusetzen und sagte Nein. Schließlich setzte Benno ihr die Pistole auf die Brust: ›Jetzt stelle ich dir noch einen vor. Im Ernst: wenn du den nicht nimmst, schmeiß’ ich dich raus!‹
Na, was soll ich sagen. Zum Glück sagte Flora Ja zu ihm. Dieser eine war der Textilkaufmann Gustav Hackel, der ›kleine Hackel‹, wie Beckers ihn nannten. Meine Mutter pflegte zu diesem Thema zu sagen: ›Wenn er auch nur ein bisschen größer gewesen wäre, hätt’ ich ihn nicht genommen. Denn dann hätte er einfach zu gut ausgesehen!‹
Flora durfte also weiterhin zu den Beckers kommen – und meine späteren Eltern hielten im Jahr 1890 in St. Petersburg Hochzeit. (Was für ein Glück, dass sie Ja gesagt hat! Sonst säßen wir jetzt wohl nicht hier.)
So kam es, dass meine Eltern dort ansässig wurden und wir Kinder alle in Petersburg zur Welt kamen.
Ja, wie war das Leben zur damaligen Zeit? Ich kann aus eigenem Erleben nur über die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg erzählen. Ich war ein Nachzügler, 1903 geboren. Meine Brüder waren alle deutlich älter. Sie und auch meine Mutter haben mir oft von den Jahren davor erzählt. Und dann gibt es unzählige alte Briefe – die sind etwas besonders Schönes, weil die Art ihrer Überlieferung so ungewöhnlich ist. Als wir 1918 aus Russland fortmussten, blieb fast alles, was wir besaßen, in unserer Petersburger Wohnung zurück. Besonders schmerzlich war der Verlust der persönlichen Dinge und der damit verbundenen Erinnerungen. Meine Mutter war zeitlebens – und sie wurde 94 – eine unermüdliche Briefschreiberin, und bewahrte ihre Korrespondenz sorgfältig auf. Ihre beste Freundin, noch aus Berliner Jugendtagen, war Jenny Aron. Sie schrieben sich zum Teil mehrmals pro Woche, sodass im Laufe der Jahre Hunderte von Briefen zusammenkamen. Jenny hatte nach Elbing in Westpreußen geheiratet. Ihr Mann, Paul Aron, war dort Rechtsanwalt. Nach unserer Flucht nahmen sie meine Mutter und mich eine Weile lang bei sich auf. Wir hatten nur ein paar Koffer dabei, in denen lediglich Platz für das Notwendigste gewesen war. Jenny spürte, wie traurig meine Mutter über den Verlust ihrer gesammelten Briefe war und machte ihr deshalb ein ganz besonderes Geschenk. Sie schrieb per Hand jede einzelne Zeile ab, die sie von meiner Mutter seit dem Jahr 1890 erhalten hatte und band die Blätter zu einer Art Tagebuch zusammen, damit sie wenigstens etwas von den verlorenen persönlichen Erinnerungen zurückbekäme. Dieses Buch hütete meine Mutter fortan wie einen Schatz. Es hieß bei uns das ›Kindertagebuch‹, weil man darin alles nachlesen kann, was uns Kinder und unser Familienleben in Petersburg betrifft, fast 25 Jahre lang, bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, als der zivile Briefverkehr zwischen Deutschland und Russland unterbrochen wurde.
Meine drei Brüder wurden kurz nacheinander geboren: Paul 1891, Alfred – genannt Fredy – 1892 und Robert – genannt Bobby – 1894. Das war für meine Eltern eine große Freude, aber besonders meine Mutter hatte die nächsten Jahre alle Hände voll zu tun. Eine Schar von drei Jungen mit so kurzem Altersabstand war nicht einfach zu bändigen. Als sie dachte, mit den Jungs aus dem Gröbsten raus zu sein, sie selbst war schon 42, kündigte auf einmal ich mich an. Davon war sie nicht begeistert. Aber dann wurde ich das Nesthäkchen der Familie und sowohl von meinen Eltern als auch meinen drei großen Brüdern sehr geliebt und verwöhnt. Mein Vater nannte mich – bis zu seinem Lebensende – ›mein Herzzipfel‹.
Meine Mutter genoss es, Kinder zu haben. Sie beschäftigte sich viel mit meinen Brüdern und später mit mir. Sie gab uns viel Freiheit – was nicht selbstverständlich war in dieser Zeit. Viele Mütter überließen die Erziehung komplett irgendwelchen Kindermädchen oder Gouvernanten und widmeten sich ganz der Repräsentation nach außen. Aber so etwas lag meiner Mutter nicht.
Natürlich hatte sie, wie damals üblich, Unterstützung durch eine Köchin und ein Kindermädchen, die ihr im Alltag Arbeit abnahmen, einkauften und mit uns spazieren gingen. Aber um alle wesentlichen Aspekte der Erziehung und Bildung kümmerte sie sich selbst. Meine Brüder unterrichtete sie in den ersten Jahren zu Hause. Paul ging erst im Alter von neun Jahren zur Schule, gemeinsam mit dem ein Jahr jüngeren Fredy. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass man wegen der in St. Petersburg immer wieder grassierenden Seuchen sich davor scheute, die Kinder zu früh in die öffentlichen Schulen zu schicken.
Meine Mutter war eine erstaunlich gebildete Frau. Sie wäre gern Lehrerin geworden, was aber in ihrer Jugend als unschicklich galt – da werde sie keinen Mann bekommen. Während unserer gesamten Schulzeit überwachte sie unsere Hausaufgaben mit Strenge und Humor. Eines ihrer Lieblingswortspiele – sie liebte Wortspiele – war: ›Früh krümmt sich, was ein Häckelchen werden will‹, in Anspielung auf unseren Familiennamen. Sie hatte ihre eigene Meinung über Sinn und Unsinn dessen, was in der Schule gelehrt wurde, und sie diskutierte mit uns viel über philosophische und sogar politische Fragen.
Wir wuchsen zweisprachig auf, Russisch und Deutsch. In den ersten Jahren konnten wir besser Russisch, das lernten wir von den Kindermädchen und im Umgang mit anderen Kindern. Aber meine Eltern sprachen zu Hause meist Deutsch mit uns, und meine Mutter führte uns, sobald wir lesen konnten, an Literatur heran. Kinderbücher gab es damals nicht, sodass sie mit uns deutsche Klassiker las, Schiller, Goethe oder Heine, die sie alle sehr schätzte. Oft konnten wir ganze Passagen auswendig, lange bevor wir den Sinn der Worte verstanden. Ein besonderes Faible hatte sie für den niederdeutschen Mundartdichter Fritz Reuter, den wir später im Familienkreis oft auf gemeinsamen Leseabenden rezitierten. Viele Literaturzitate wurden zum festen Repertoire unserer Familie. Wenn wir uns an bestimmte Situationen unserer Petersburger Kindheit erinnerten, kamen sie in unseren Briefen und Gesprächen zum Einsatz.
Auch die russische Literatur und das Theater lernten wir früh kennen und lieben. Russisches Theater war eine besondere Leidenschaft meines Vaters, und er nahm meine Brüder und später mich von klein auf mit in die Aufführungen. Das damals sehr populäre Stück ›Der Revisor‹ von Nikolai Gogol, eine Satire auf die in Russland allgegenwärtige Korruption und den Schlendrian der Obrigkeit, konnte mein Bruder Bobby bereits mit sieben fast komplett auswendig. Was politisch im Zarenreich nicht gesagt werden konnte, ließ sich auf der Bühne in mancher Hinsicht doch ausdrücken. St. Petersburg war damals eine der bedeutendsten europäischen Theaterstädte. Russische Regisseure und Schauspieler waren weltberühmt. Ich erinnere mich lebhaft, wie es war, wenn mein Vater mit meinen Brüdern spätabends aus der Vorstellung nach Hause kam. Meine Mutter lag gewöhnlich schon im Bett, aber alle vier stürmten geradewegs ins Schlafzimmer, um ihr von der Inszenierung bis ins kleinste Detail zu berichten.
Ebenfalls die Sache meines Vaters war es, mit uns in die berühmten Museen und Bildergalerien zu gehen, hauptsächlich in die Eremitage. Das war unser sonntägliches Ritual nach dem Frühstück. Mein Vater kannte sich mit Malerei und Bildhauerei erstaunlich gut aus und konnte wunderbar von den Kunstwerken erzählen. Ich könnte heute noch sagen, wo seine Lieblingsbilder hingen. Wenn er nicht Kaufmann hätte werden müssen, wäre er vermutlich gern Kunsthistoriker geworden. Er gab uns Kindern immer den Rat: ›Geh sooft du kannst ins Museum, aber nie länger als zwei Stunden. Sonst verdirbst du dir den Spaß!‹ Ich beherzige das noch heute.
Zum damaligen Bildungsanspruch gehörte auch, dass wir Klavierunterricht bekamen. Paul und Bobby waren sehr musikalisch, sie lernten gut Klavier spielen. Bei Fredy und mir hat es nicht viel genützt.
Als wir größer waren, erhielten wir zusätzlich zur Schule Fremdsprachenunterricht: Englisch, Französisch und ein bisschen Italienisch. Wir mussten auch in den Ferien regelmäßig üben. Die Kindermädchen wurden, als wir älter waren, durch junge Damen aus Frankreich oder Italien ersetzt, die für ein Jahr zu uns kamen und uns – wie heute vielleicht Au-pair-Mädchen – die entsprechenden Sprachen und daneben gute Manieren beibringen sollten, mal mehr und mal weniger erfolgreich. Je nachdem, wie hübsch sie waren, fanden meine Brüder es mitunter interessanter, mit ihnen anzubandeln. Aber meine Mutter kriegte es raus und sorgte für manch schmerzhafte Trennung.
Wir gehörten einer Schicht an, die man die ›Intelligenzija‹ nannte – der Begriff stammt daher, dass in Russland die große Masse der Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnte. Wer zum Bürgertum gehörte, hatte Zugang zu Bildung. Materiell gab es innerhalb der Intelligenzija eine große Spannweite. Unsere Familie war nicht reich – wie etwa Beckers in späteren Jahren –, aber wir hatten ein sorgloses Leben. Unseren Verhältnissen entsprechend wohnten wir im ›Admiralitätsviertel‹ in einer geräumigen Mietwohnung. Mein Vater arbeitete viel, und uns Kindern wurde von klein auf beigebracht, dass man sich anstrengen muss, wenn man im Leben Erfolg haben will. Mein Vater stammte aus bescheidenen Verhältnissen in der Provinz und hatte sich hochgearbeitet. Er war sehr stolz auf das, was er erreicht hatte. Wenn meine Brüder schlechte Noten nach Hause brachten, machte er aus seiner Missbilligung keinen Hehl. Er hielt ihnen vor, sie könnten bald nur noch ›dworniki‹, d. h. Straßenkehrer werden. Bildung, Fleiß und Bescheidenheit waren für ihn die höchsten Tugenden. Es galt meinen Eltern als selbstverständlich, dass meine Brüder, sobald sie mit der Schule fertig waren, sich zum Studium selbst Geld hinzuverdienten, durch Nachhilfestunden oder in den Ferien als Hauslehrer bei reichen Familien.
Mein Vater verbrachte die meiste Zeit der Woche in seinem Kontor, das mit importierten Textilien – vor allem Wollstoffen – handelte. Es lag nicht allzu weit von unserer Wohnung entfernt, er ging zu Fuß, den Weg am Kanal entlang liebte er sehr, und manchmal besuchten wir ihn dort. Ab und zu fuhr er zu Messen im Ausland, nach London oder Paris, um neue Ware zu kaufen. Von dort brachte er feine Stoffe mit, aus denen meine Mutter für uns etwas schneiderte – sie hatte sich das Nähen in ihrer Jugend selbst beigebracht und nähte ihre und unsere Kleider alle selbst.
Meine Mutter, die gern und viel gereist war, musste davon Abstand nehmen, mit kleinen Kindern war es zu beschwerlich. Eine Bahnfahrt nach Deutschland dauerte mehrere Tage. Gelegentlich trafen sich meine Eltern mit Jenny und Paul Aron auf ein, zwei Wochen Urlaub in Cranz, einem beliebten Ostseebad bei Königsberg. Eine größere Deutschlandreise mit Station bei den Verwandten in Berlin unternahmen sie erst 1898, als meine Brüder im Vorschulalter waren. Meine erste Deutschlandreise war im Sommer 1908, als ich vier Jahre alt war. Alle zusammen fuhren wir über Elbing nach Berlin und von dort weiter nach Süddeutschland.
Gelegentlich verreisten meine Eltern zu zweit. Dann ließen sie uns für zwei, drei Wochen in der Obhut von Tante Jenny und Onkel Paul in Elbing zurück. Meine Eltern fuhren zusammen nach Venedig, Tirol oder in die bayerischen Alpen zum Wandern. Meinem Vater tat Bergluft sehr gut. Vor meiner Geburt war er längere Zeit ernsthaft krank gewesen. Als starker Raucher hatte er sich eine chronische Halskrankheit zugezogen, Verdacht auf Krebs, aber damals gab es dazu keine präzisen Diagnosen. Im Jahr 1901 musste er in ein Sanatorium nach Davos in der Schweiz. Der Arzt riet ihm, möglichst wenig zu sprechen. Das hielt er drei Monate lang so eisern durch, dass die anderen Patienten ihn nur ›den verrückten Russen‹ nannten, weil er kein Wort sagte – denn den Russen wurde immer nachgesagt, ein sehr lautstarkes Auftreten zu haben. Und tatsächlich konnte mein Vater geheilt werden.
Meine Mutter litt unter den endlos langen Wintern in Petersburg. Oft fiel schon im September Schnee, und er verschwand meist erst im April. Dazu die Dunkelheit – im Dezember und Januar wurde es gar nicht richtig hell. Ich selbst habe an den dortigen Winter schöne Erinnerungen: Die Iswostschiks, von Pferdchen gezogene Mietdroschken wurden, sobald der Schnee kam, zu Schlitten umgebaut. Das war herrlich, der Kutscher saß mit schwerem Pelzmantel und Pelzmütze vor einem, man selbst wurde in dicke Felldecken eingepackt, und dann ging es für 10 Kopeken mit klingelnden Glöckchen durch die verschneite Stadt.
Nach den langen Wintermonaten nutzte man die kurzen Sommer umso intensiver. Als wir Kinder klein waren, mieteten meine Eltern meist auf dem Land eine Datscha, ein einfaches Holzhaus, wo wir drei Monate wohnten, von Mitte Mai bis Mitte August. Diese nordischen Sommer sind unbeschreiblich, noch heute habe ich danach Sehnsucht.
Der Umzug aufs Land war immer eine größere Unternehmung, da der ganze Hausrat mitmusste. Er wurde auf einen Pferdewagen verladen. Wir reisten per Eisenbahn. In der Umgebung von Petersburg gab es viele Ferienorte für die Städter, weitläufige Siedlungen schlichter Holzhäuser mit schön geschnitzten Veranden, die auf großen Wald- oder Wiesengrundstücken standen. Als wir Kinder klein waren, suchten meine Eltern Datschen aus, die schnell mit dem Zug erreichbar waren, Pargolowo, Schuwalowo oder Lewaschowo. Als wir größer waren, fuhren wir weiter weg an die finnische Küste.
Besonders an den Ort Terijoki2 habe ich wunderschöne Erinnerungen. Er liegt etwa 50 km nordwestlich der Stadt, in Karelien, das damals zu Finnland gehörte. Dort verbrachten wir mehrere Sommer. Terijoki war ein Fischerdorf. Wir wohnten in einem zweistöckigen möblierten Holzhaus. Drum herum lagen blühende Wiesen. Der Strand war nicht weit, wir konnten baden gehen und ließen im flachen Wasser Schiffchen schwimmen. Wir spielten den ganzen Tag draußen oder saßen zusammen auf dem Balkon, wo meine Brüder mit meinem Vater stundenlang Schach spielten.
Oft mieteten wir eine Datscha gemeinsam mit Beckers oder den Brüdern meines Vaters. So hatten wir Gesellschaft. Die Kinder von Beckers waren etwa gleich alt mit meinen Brüdern. Meine Cousinen väterlicherseits, Nora und Eva Hackel, waren ungefähr in meinem Alter.
Wir suchten zusammen Blaubeeren und Pilze. In Terijoki brachten uns die finnischen Fischer jeden Tag frischen Fisch ins Haus. Für unsere Lebensmittel wurde in einem Hügel neben dem Haus eine seitliche Vertiefung ausgegraben. Die wurde mit Eisbarren ausgelegt, die man hin und wieder erneuern musste. Das war der sogenannte Lednik, unser Kühlschrank.
Während unsere Familie die Sommermonate auf der Datscha verlebte, musste mein Vater meist arbeiten, dennoch versuchte er, so viel Zeit wie möglich bei uns zu verbringen. Oft fuhr er von der Datscha aus täglich in die Stadt. Das muss ziemlich anstrengend für ihn gewesen sein. Nach Terijoki dauerte es pro Strecke über zwei Stunden. Während der Zeit der ›weißen Nächte‹ gingen wir Kinder abends oft zur Bahnstation und holten ihn ab.
So unbeschwert die Sommer in Finnland und unser Familienleben im Alltag auch waren – die Zeiten, in denen wir lebten, waren politisch unruhig. Meine Eltern nahmen das aufmerksam wahr. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Zeitungsleser und über russische und internationale Politik immer bestens informiert. Mit Sicherheit war ihm klar, wie desolat das Zarenregime war. Aber er war auch ein glühender russischer Patriot. Meine Mutter erzählte mir später, dass er in Tränen ausgebrochen sei, als er von der schweren Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg 1904 erfuhr. Meine Mutter hatte zu den Verhältnissen in Russland eine wesentlich distanziertere Haltung. In ihren Briefen an Jenny äußerte sie oft, sie hätte es lieber gesehen, wenn ihre Kinder in Deutschland aufgewachsen wären. Sie fürchtete um unsere Zukunft in diesem instabilen und zutiefst rückständigen Land. St. Petersburg mit all seiner Pracht war zwar eine europäisch geprägte Stadt, die sich in mancher Hinsicht mit London oder Paris messen konnte. Aber Regierung und Verwaltung waren korrupt und unfähig. Alle paar Jahre brachen Epidemien aus, Cholera oder Ruhr. Das muss man sich in so einer Großstadt mal vorstellen. Dann waren die Schulen und die meisten öffentlichen Einrichtungen wochen- oder monatelang geschlossen, jeder Kontakt mit Menschen konnte lebensgefährlich sein. Wir mussten zu Hause alles Wasser abkochen, manchmal auch das über Monate hinweg. Meine Mutter erzählte besonders von einer der Cholera-Epidemien. Sie konnte von Sommer 1908 bis März 1909 nicht unter Kontrolle gebracht werden. Mir ist davon im Gedächtnis geblieben – ich aß zum Frühstück immer am liebsten Obst –, dass dies plötzlich zu meinem großen Verdruss streng verboten war wegen der Keime, was ich nicht begreifen wollte.
Trotz solcher Misslichkeiten ging es uns im Grunde sehr gut. Die starken Gegensätze, die Russland seit jeher prägten, zeigten sich auch in Petersburg. Die Stadt war erst 1703 gegründet worden. Peter der Große hatte Tausende von Leibeigenen gezwungen, ihm diese neue Hauptstadt zu bauen. Mitten in einem Sumpf, hoch im Norden, unter unvorstellbar harten Bedingungen. Zustände ähnlich der Sklaverei! Die Leibeigenschaft wurde erst 1861 abgeschafft. Und auch zu unserer Zeit noch war die soziale Lage der ärmeren Bevölkerungsschichten katastrophal. Die Menschen wohnten in unbeschreiblichen Elendsquartieren, viele hatten nicht einmal ein eigenes Bett. Die berüchtigten Kellerwohnungen wurden regelmäßig vom Hochwasser überschwemmt. Man hätte schon lange an bestimmten Stellen Dämme gegen das Wasser bauen müssen, aber die Regierung verschleppte es immer wieder.
Am 9. Januar 1905 kam es zu einer Massendemonstration für Reformen – Verfassung, Wahlrecht, Achtstundentag. Auslöser waren die sozialen Missstände im Land, die sich nach dem verlorenen Russisch-Japanischen Krieg verschärft hatten. Vor dem Winterpalais, dem Wohnsitz des Zaren, eröffnete die Armee ohne Ankündigung das Feuer auf die friedlichen, eigentlich zarentreuen Demonstranten, weit über 100 Menschen starben. Meine Mutter hätte in diesem Moment am liebsten die Koffer gepackt und wäre mit uns nach Deutschland gefahren. Nach diesem als ›Blutsonntag‹ in die Geschichte eingegangenen Datum kam es zu revolutionsartigen Unruhen, die das ganze Jahr über anhielten. Die Regierung konnte Pressezensur und Versammlungsverbote nicht mehr durchsetzen, sodass große Demonstrationen und Protestversammlungen stattfanden. Erstmals gab es in Russland eine ›kritische Öffentlichkeit‹. Die Schulen wurden geschlossen und das öffentliche Leben durch einen Generalstreik der Arbeiterbewegung lahmgelegt.
Gegen Ende des Jahres wurde der Volksaufstand gewaltsam beendet. Meine Eltern waren einerseits erleichtert, dass die damit verbundene Gefahr vorüber war. Andererseits waren sie, was die politische Zukunft Russlands betraf, sehr unzufrieden. Die dringend nötigen Reformen schienen in weite Ferne gerückt und spätere Wiederholungen revolutionärer Unruhen wohl unvermeidlich.
Auch der Antisemitismus flackerte in diesen Jahren wieder auf, es kam in vielen russischen Städten zu mörderischen Judenpogromen, angeheizt von der Geheimpolizei. Meine Eltern wollten um jeden Preis, dass uns Nachteile im Zusammenhang mit der jüdischen Herkunft unserer Familie erspart blieben.
Meine Mutter war bereits kurz nach ihrer Geburt in Berlin evangelisch getauft worden, mein Vater war bei seiner Übersiedelung nach Petersburg konvertiert. Mit der jüdischen Familienherkunft identifizierten sich meine Eltern in kultureller Hinsicht, und dieses Bewusstsein gaben sie auch an uns weiter. Aber religiös hatten sie mit dem Judentum keine Berührungspunkte mehr. Wir Kinder wurden alle gleich nach der Geburt getauft, allerdings auch das ohne rechte Begeisterung meiner Eltern. Die Umstände waren reichlich kurios, denn es musste jedes Mal in der französisch-reformierten Gemeinde geschehen. Der dortige Pfarrer war der Einzige, der bereit war, konvertierte Juden und deren Angehörige zu taufen – auf Französisch, sodass kaum jemand ein Wort verstand.
Ob die Taufe, unser nicht jüdisch klingender Familienname und unser so gar nicht jüdisch-religiöser Lebensstil ausreichend sein würden, uns vor dem Antisemitismus zu schützen, daran kamen meiner Mutter angesichts der Ereignisse immer neue Zweifel. Sie machte sich Sorgen, dass wir ›zu jüdisch‹ aussehen könnten und freute sich, dass ich als kleines Mädchen blond und blauäugig war – na ja, das gab sich dann später.
Trotz aller düsteren Vorahnungen und politischen Unruhen war unsere Kindheit in St. Petersburg eine herrliche Zeit, die meine Brüder und mich für unser ganzes Leben geprägt hat. Die Erinnerung daran, an die Stimmung in dieser herrlichen Stadt und unser behütetes und inspirierendes Elternhaus hat uns später über vieles getröstet.«
Spurensuche, Berlin 2017
Sonjas Erzählung klingt mir nach drei Jahrzehnten noch gut im Ohr, aber ich bin doch etwas skeptisch gegenüber meiner eigenen Erinnerung und zugleich neugierig darauf, mehr herauszufinden über Personen und Orte der Geschichte.
Da ist zunächst Sonjas Vater Gustav Hackel und seine jüdisch-orthodoxe Familie aus Mitau, heute Jelgava in Lettland.3 Vor meinem inneren Auge stelle ich mir, wenn Sonja von der ärmlichen Herkunft ihres Vaters und der Wanderschaft des Großvaters erzählte4, ein ostjüdisches Schtetl vor. Im Laufe meiner Recherche muss ich dieses Bild revidieren. Auf alten AufnahmenI ähnelt Mitau – mit herzoglichem Schloss, humanistischem Gymnasium und baumbestandenem Marktplatz mit klassizistischen Fassaden – eher einer deutschen Provinzstadt.5
Im Mitauer Adressbuch von 1892 finde ich den Eintrag J. M. Hackel, Große Straße 39. J. M. könnte für Jacob Moses stehen, so hieß Gustavs Vater – vielleicht wurde seine Mutter Leah, geb. Lewiss, noch unter dem Namen ihres (damals bereits lange verstorbenen6) Mannes geführt? Hier ist diese Spur leider zu Ende. Es müssen außer Gustavs Mutter noch weitere Verwandte in Mitau gelebt haben, denn Flora erwähnt in einem Brief aus dem Jahr 1905: »… haben unseren Neffen aus Mitau zu Besuch, der eben sein Abiturium macht und unsere Jungen während der Sommermonate beschäftigen soll.« Dies muss ein Sohn von Gustavs einziger Schwester sein, denn seine drei Brüder lebten alle inzwischen in St. Petersburg. Leider wird sein Name nicht angegeben, wie auch von Gustavs Schwester in den Familienannalen weder Name7 noch Geburtsdatum je erwähnt werdenII. All dies sind wohl Indizien, dass die Beziehung nach Mitau nicht allzu eng war, wenn nicht sogar von bewusster Distanz geprägt. Ich erinnere mich nicht, dass Sonja je erzählt hätte, sie sei in Mitau gewesen, noch findet sich in Floras umfangreichen Aufzeichnung irgendein Hinweis darauf. Vielleicht ist hier ein – damals unter assimilierten Juden durchaus verbreitetes – Verhaltensmuster erkennbar, die als rückständig empfundenen Wurzeln abzustreifen.III
Auch über die von Sonja – dann doch mit etwas Stolz – erwähnten Vorfahren der Hackels, die Rabbiner wurden, kann ich nichts Gesichertes herausfinden. Offenbar muss diese Tradition bereits mindestens zwei Generationen zurückgelegen haben.8 IV Gustav und seine Geschwister wuchsen jedenfalls bereits in einem Milieu auf, das stark von bürgerlich-weltlichen Einflüssen geprägt war. Seine drei jüngeren Brüder machten alle am Mitauer Gymnasium Abitur. Die beiden jüngeren, Ludwig und Arthur9, besuchten jeweils für ein Jahr die Universität in Dorpat und eröffneten 1895 in St. Petersburg gemeinsam eine Apotheke.V JeannotVI, der zweitälteste, schloss in Dorpat ein Medizinstudium ab und wurde Arzt, ebenfalls in Petersburg.10 Seine 1891 abgeschlossene Doktorarbeit ›Ein Beitrag zum Erhängungs- und Erstickungstode im engern Sinn‹ finde ich in der Staatsbibliothek Berlin. Die Universität Dorpat war die einzige deutschsprachige Universität im zaristischen Russland. Die Beibehaltung von Deutsch als Lehrsprache gehörte zu den Privilegien, die Russland den Provinzen Kurland und Livland gewährt hatte, als diese Teil des russischen Reiches wurden. In den 1880er-Jahren fand eine umfangreiche Russifizierung statt, von der die auf Deutsch abgefasste Dissertation von Jeannot Hackel jedoch noch nicht betroffen gewesen zu sein scheint. Auf dem Vorblatt steht: ›Meinem Vetter Doctor Edward Lewiss aus Petersburg in Liebe und Dankbarkeit gewidmet.‹ Wahrscheinlich hatte dieser Verwandte mütterlicherseits ihn während seiner Ausbildung finanziell unterstützt. Offenbar beruhte dies auf einer umfassenderen Abmachung der Familien Lewiss und Hackel. Flora berichtet in ihren Erinnerungen, Gustav habe ihre Mitgift benötigt, um seinem Bruder Jeannot die ›Kaltwasserheilanstalt von Dr. Lewiss‹ zu kaufen.

Gustav Hackel, St. Petersburg, um 1910
Bei meiner Recherche finde ich einen weiteren Hinweis zur kulturellen Sonderrolle Kurlands. Aus den Privilegien, die der kurländischen Bevölkerung bei der Einverleibung ins Zarenreich zugestanden wurden, ergab sich auch innerhalb des Ostjudentums eine Sonderstellung: Ein ›Kurischer‹ war kulturell nach Deutschland ausgerichtet und hatte üblicherweise eine deutsche Schulbildung erhalten, der Gebrauch des Jiddischen war auf dem Rückzug. Zugleich fühlten sich die kurischen Juden Russland besonders verbunden, als Treuebezeugung für die relative Unabhängigkeit innerhalb Kurlands – oder als Schutzmechanismus, um angesichts des erstarkenden Nationalismus den Vorwurf des ›vaterlandslosen Gesellen‹ zu entkräften, der den Juden in Zeiten der Verfolgung immer wieder gemacht wurde.VII
Sonja charakterisiert ihren Vater so: seines kulturellen jüdischen Hintergrundes bewusst, dabei stark in der deutschen Sprache und Kultur verwurzelt, zugleich glühender russischer Patriot – vielleicht hätten seine Zeitgenossen Gustav als typisches Beispiel für einen ›Kurischen‹ angesehen.
Zum Schluss frage ich mich, was aus möglichen in Mitau verbliebenen Verwandten geworden sein mag. Im Mitauer Adressbuch finde ich den Eintrag: ›Hebräischer Friedhof, an der Ruhenthal-Bauska-Straße, 4 Werst von der Stadt, vis-à-vis der Strautneek-Buschwächterei‹. Es gibt in Lettland ein Projekt zur Abschrift jüdischer Grabsteine. Aber Jelgava/Mitau ist aus irgendeinem Grund nicht dabei. Schließlich finde ich eine Quelle, die Aufschluss gibt: Beim Einmarsch der Deutschen nach Lettland 1941 war Mitau einer der ersten Orte, an denen die jüdische Bevölkerung zusammengetrieben und an Ort und Stelle von Erschießungskommandos getötet wurde. Dies geschah unter anderem auf dem jüdischen Friedhof, der anschließend vernichtet wurde.VIII Die Welt der Mitauer Hackels und Gittelsohns existiert nicht mehr.
Einfacher als bei Gustav Hackel stellt sich die Quellenlage bei Sonjas Mutter dar. Hunderte von ihr verfasste Briefe finden sich in Sonjas Nachlass, ebenso ein langer Text, in dem sie für ihre Kinder und Enkel Erinnerungen an ihre Jugend in Berlin festhält. Sie erzählt darin auch von ihrer im Kindbett verstorbenen Mutter und dem Vater, der kurz danach die Familie verließ und der erst wiederauftauchte, als sie erwachsen war:
Meine Mutter war 1830 geboren, sie war 27 Jahre alt, als sie heiratete. Zart, feinknochig und feinnervig, mit wunderschönen Händen und einem hübschen Gesicht, welches durch das gescheitelte über die Ohren frisierte Haar noch schmaler erscheint, muss sie nach damaligen Ansprüchen »charmant« gewesen sein. Die Handschrift hatte absolut Sophiechen von ihr geerbt. Wir hatten als einziges Andenken von ihr ein Poesiealbum, in denen Goethesche und Heinesche Gedichte in der Mehrzahl waren.
Es war nicht zu ihrem Glücke, dass sie den Schlossermeister Isidor Blumenthal heiratete. Zwar war er durchaus nicht das, was man sich unter einem Schlossermeister vorstellte. Doch war es durchaus charakteristisch für ihn, dass er gerade dieses Metier erwählt hatte. Als die Eltern (in Friedeberg in der Neumark) sich seinem glühenden Wunsch zu studieren, widersetzten und einen Kaufmann aus ihm machen wollten, erklärte er trotzig, er wolle Handwerker werden und zwar das schwerste Handwerk erlernen. Das war in damaliger Zeit für jüdische Begriffe ein Rückschritt in niedere Sphären! Er selbst erzählte aber später mit Freude und Humor von seinen Wanderjahren als sangesfroher Geselle, und wenn wir im Harz oder Thüringen waren, knüpfte er mit jedem Handwerksburschen teilnehmende Gespräche an.
An einer anderen Stelle ihrer Memoiren skizziert Flora das Umfeld in der Berliner Holzmarktstraße 61, wo sie gemeinsam mit ihrer Schwester Sophie im Haus ihrer Tante Bertha aufwuchs:
Unsere Wohnung lag im Parterre, einige Stufen hoch, darunter ein an einen Sattler vermieteter Keller. Aus einem kleinen Entree kam man in ein zweifenstriges Wohnzimmer, ein Tritt am Fenster mit Stuhl und Nähtisch darauf, war Tantes Lieblingsplatz. Nach hinten war ein einfenstriges Schlafzimmer, wo Tante mit uns schlief, und dann eine geräumige Küche, wo auch das Mädchen [Hausmädchen] schlief. Unser liebster Aufenthalt waren der sehr große Hausflur und der geräumige Hof, und ich meine noch Tante Berthas, »Töni« genannt, – Stimme zu hören, wenn sie immer wieder zu den Mahlzeiten rief und wir uns doch von den Spielen nicht trennen konnten.
Wir nahmen sowohl unter den Kindern des Vorderhauses wie unter den Handwerkskindern der Kleinwohnungen (24 Mieter waren es im Ganzen) als »Wirtskinder« eine besondere Stellung ein, alle – und wir mit – waren überzeugt, dass die Beutel mit harten Talern, das Ergebnis der Miete, zu unserem ureigensten Gebrauche da seien. Ich machte von unserer Vorzugsstellung wenig Gebrauch, Sophiechen aber war der »Führer« mit uneingeschränkter Macht und dem entsprechenden Despotismus. Ob Räuber und Prinzessin oder Theater gespielt wurde, wer die Hauptpersonen sein sollten, bestimmte nur sie, trotz freigiebig verteilter Ohrfeigen war sie aber beliebt, als »Emil« in der Straße bekannt, denn sie kletterte und sprang und war unternehmungslustig wie ein Junge. Ich war ihr zärtlich gehüteter Schützling, und vergalt’s ihr mit Liebe, Bewunderung und dem durch lange Jahre anhaltenden Wunsche, ihr zu gleichen.
Auch der Alltag der Petersburger Jahre, sie dauerten für Flora von ihrer Heirat 1890 bis zur Flucht 1918, ist bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges nahezu lückenlos durch das sogenannte Kindertagebuch (die Abschriften der Briefe, die sie an ihre Freundin Jenny Aron in Elbing schrieb) dokumentiert. Bemerkenswert ist ihr vollendeter Briefstil, aber auch ihre umfassende Bildung, ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ihre differenzierte Meinung zu den politischen Ereignissen der Zeit. Das Kindertagebuch beginnt damit, dass sie sich für eine verspätete Antwort entschuldigt und vage Andeutungen über ihre erste Schwangerschaft macht:
den 28. April 1891
Nicht böse sein bitte! Aber mir war nicht so recht in letzter Zeit.
Im nächsten Brief erzählt sie bereits ganz selbstverständlich, wie sie sich mit den Umständen arrangiert hat:
Einen Doktor oder eine ›sage femme‹ habe ich bisher nicht zu Rat gezogen und rechne mittels eigener Kombination, dass ›dat Würmchen‹ Ende October in die Erscheinung treten wird.
In Acht nehme ich mich nach Kräften, fahre so wenig wie möglich Iswostschik [Pferdedroschke, im Winter Schlitten], ängstige mich in schwarzen Stunden und freue mich wiederum unsäglich, dass auch dies Glück uns zuteil werden soll.

Flora und Sophiechen als Kinder, Berlin, um 1868
In den darauffolgenden Jahren beschreibt Flora anschaulich den Alltag mit ihren größer werdenden drei Jungen:
November 1902
In der Schule [war] Tanzabend für die großen Schüler von sechs bis zehn Uhr, und Bobby hat so lange gebettelt, bis er mitgenommen wurde. Bruno [ältester Sohn von Benno und Sophie Becker] der Arrangeur und wir Alten alle dabei. Sehr hübsch. Bobby sehr tanzlustig, aber leider in all den Tänzen nicht bewandert. Paul und Fredy waren im Tanzsaal nicht sichtbar, zogen es vor, sich in den Korridoren Schlachten zu liefern.
März 1903
Die Babyfrage ist wieder einmal bei uns auf die Tagesordnung gesetzt, und alles, was du in diesem Augenblicke denkst, denke ich schon seit Wochen. Ich hab einen ordentlichen Hass auf die Leute, die mir immer zu einem Mädel so freundschaftlich zugeredet haben, obgleich die sozusagen ja nicht die Schuld tragen. Gustav ist noch mehr außer sich wie ich, wir hatten uns das Altwerden schon so bequem zurechtgelegt, und nun sollen wir wieder jung werden. Sophiechen findet das sehr hübsch; ich bin einerseits zu träge dazu, andererseits tut mir das Baby leid, das unfehlbar verzogen werden wird. Bitte davon niemandem etwas verlauten zu lassen, ich liebe es nicht, wenn acht Monate vor der Geburt des Kindes von ihm schon die Rede ist.
Sophiechen spielt im Schweiße ihres Angesichts Klavier, täglich 2 Stunden. Und ich? Lerne wieder Babys wickeln.
An dem Wohnungswechsel ist übrigens nicht Baby schuld, sondern in erster Linie Bobby, der uns im Schlafzimmer beschwerlich wird, obgleich er, wie aus dem Erfolg zu ersehen, das Eheleben nicht gestört hat.
Ich bin beeindruckt über die Offenheit, mit der Flora ihren Gefühlen hier freien Lauf lässt. Als Sonja dann glücklich auf der Welt ist, ist sie wieder mit dem Schicksal versöhnt:
Ihr glaubt gar nicht, wie einem zu Mute ist, wenn man den Berg hinter sich hat, und so ein kleines Wesen mit gesunden Gliedern vor sich. Das ist wirklich ein Wunder, so oft man es von neuem erlebt. Und wenn man dazu in guter Pflege ohne Zwischenfälle der Genesung entgegen geht, und der Gatte strahlend, wie er nur strahlen kann, sich mit Mutter und Kind freut, und wenn man die Tausend, vorläufig kleinen Sorgen und Mühen mit Feuereifer übernimmt, dann vergisst man schnell die ausgestandenen Beschwerden und wundert sich nur, dass man sich nicht schon neun Monate auf das Kind gefreut hat.

Paul, Fredy, Bobby, St. Petersburg, um 1900

Sonja, St. Petersburg, um 1912
Floras Ansichten über Erziehung sind wahrscheinlich geprägt von ihrer eigenen Kindheit, in der sie – für die damalige Zeit und die Gesellschaftsschicht, der sie angehörte – ungewöhnlich viel Freiheit besaß:
Ich genieße die Kinder ordentlich und finde sie interessanter als meinen sonstigen Verkehr. Dein Lob, dass ich mit den Kindern in gesunden Tagen nicht ängstlich bin, verdiene ich nur bedingt. Im innersten Herzen bin ich’s und zwar in der tollsten Weise, alle möglichen Ängste ausdenkend. Aber ich beschränke die Kinder deshalb nicht in ihrer Freiheit, wohl wissend, dass ihnen, wenn man sie an der Leine führt, auch alles Unglück zustoßen kann. Mit anderen Müttern aber herumzuunken, Krankheitsgeschichten auszutauschen et cetera, finde ich die größte der zahllosen Geschmacklosigkeiten, an denen unsere Gesellschaft so reich ist.
[…]
Wir hatten kürzlich ein Schulerlebnis; gottlob nicht mit unseren Kindern, sondern mit Franks [einer befreundeten Familie] ältestem, 14-jährigen. Der Junge hat unanständige Bilder in die Schule gebracht und ist ausgeschlossen worden. Zu streng nach unser aller Urteil, da er nicht, wie der Direktor annimmt, den Knaben damit etwas Neues gezeigt hat, vielmehr etwas, von dem sie alle wussten. Als wir unsere Jungen ins Gebet nahmen, zeigten sie sich sehr wohl unterrichtet und behaupteten ›es‹ zu wissen, seit sie die Schule besuchen. Ich sagte, ich wolle gar nicht wissen, was auf den Bildern gewesen, ich könne mir denken, es hänge damit zusammen, wie die Kinder geboren werden. Ja, wie es anfängt, lautete Fredys klassische Antwort.
[…]
Klavierunterricht der Kinder, [davor] graue ich mich umso mehr, als ich dabei gar nicht helfen kann, und die Lust meiner Söhne zum Spiel gewiss nicht größer sein wird als in anderen Häusern. Falls sich die Jungen als ganz talentlos oder ganz unlustig erweisen, gebe ich nach zweijähriger Probe das Spiel auf. Soviel Genuss die Musik bietet, hab ich doch nie verstanden, warum gerade sie zur Kunst für alle bestimmt sein soll, warum ein heranwachsender Mensch die wenigen freien Stunden, die ihm das Lernen lässt, gerade darauf verwenden muss.
Über eine Affäre, die Paul mit einer der Gouvernanten anfing, schreibt sie:
Mademoiselle est de retour, aber ich nehme sie nicht mehr wieder, ich glaube, ich schrieb dir schon, dass Paul ihr im vorigen Jahr hinter unserem Rücken Besuche gemacht hat. Große Frage: A-t-il déjà quelque chose à déclarer?11 Er sagt Nein.
Flora sieht die Verhältnisse in Russland kritisch. 1903 schreibt sie:
Meine Jungen sind heute nicht in der Schule, und die Elektrizität brennt nicht, beides aus demselben Grund: Überschwemmung. Heute Morgen sah es schrecklich aus, die Straßen ganz überschwemmt. Seit mehr als 100 Jahren soll da Remedur geschaffen werden, aber der berühmte Schlendrian.
Und etwa um dieselbe Zeit:
Mir tut es leid, dass die Jungen Russen geworden sind, sie sind selbst aber sehr zufrieden damit. Wo soll’s auch herkommen? Bei jeder freien Meinungsäußerung heißt es von allen Seiten: um Gottes willen den Mund halten! Unsere Auslandsstudenten12 sind ganz anders. Was wird aus meinen kleinen Russen werden? Ich bin wie die törichte Else im Grimmschen Märchen und gräme mich jetzt schon um alles, was nicht aus ihnen werden kann.
Den Russisch-Japanischen Krieg 1904 sieht Flora schon als Vorboten weit schlimmerer Ereignisse, sie schreibt an Jenny:
Wer weiß, zu wessen höherer Ehre ich dereinst meine Jungen totschießen lassen muss!
Im gleichen Jahr, als Gustav in einer Lotterie eine größere Summe gewinnt und davon ein Bankkonto für Sonjas spätere Aussteuer anlegt, ist Flora strikt dagegen – sie blickt skeptisch in die Zukunft:
Ich bin eine schlechte Mutter, denn wenn ich das Geld gewonnen hätte, so hätte ich nicht für Sonetschka weggelegt, sondern zunächst einmal eine feine Reise gemacht, die wieder eine goldene Erinnerung fürs Leben hätte werden können und uns allen somit bessere Zinsen tragen könnte, als Sonja das schnöde Geld. Muss denn in 20 Jahren das Mädel auch noch eine Mitgift haben? Und wenn in Russland alles drunter und drüber geht, wird dies Geld gerade festliegen? Und wenn man das Geld hat, kriegt man darum einen besseren Mann?
Die Ereignisse der Revolution von 1905 kommentiert sie so:
26. Oktober 1905
Eben kommt Bobby nach Hause; die Kinder sind aus der Schule entlassen. ›Goworjat bunt‹13. Es wird ernst. Möchtest du gern in einer historischen Zeit leben? Hätte ich die Kinder im Ausland, zum Beispiel bei dir, dann glaube ich, wäre ich bereit, die Sache als historisch interessant zu betrachten. Danke! Aber schicken kann ich sie dir nicht, denn erstens geht keine Eisenbahn und zweitens geht überhaupt nichts. Meine Kinder hätte ich auch lieber nach deutschen Prinzipien in Deutschland erzogen, da sie nun einmal Russen sind, so heißt es doch damit fertig werden. Was aus dem Sturm der Bastille, des politischen Gefängnisses, das auf der Wyborger Seite14 ist, geworden ist, die für Nachmittag geplant war, weiß ich nicht. Gus ist mit den Jungen hingegangen, sich die Demonstrationen ansehen, ich wäre auch mitgegangen, aber Bob ist bettlägerig, und das Stubenmädchen hat eine starke Angina. Dass wir totgeschlagen werden, kann uns allen passieren. Und geschieht es uns, und Sophiechen dazu, dann empfehle ich dir unsere Kinder. Gus glaubt immer noch nicht an eine Gefahr, und das ist gut, sonst wäre es um meinen Mut noch schlechter bestellt. Paulchen sagt, er möchte jetzt in keinem Falle von Petersburg weg; und ich muss sagen, wenn ich die Kinder im Ausland hätte, und unser Geld dazu, würde ich recht ruhig die Sache mit ansehen.
14. November 1905
Seit drei Tagen gehen die Jungen wieder nicht in die Schule, obgleich unsere nicht mitstreikt. In den anderen verlangen die Schüler Rauchzimmer, Versammlungsfreiheit und beratende Stimme in den Lehrerkonferenzen. – Blub! – Paul macht noch nicht mit, trotzdem er seit gestern lange Hosen trägt. Ob Dir die Eisenbahn oder ein deutsches Minenboot diese Briefe zuführen wird? Grüßt herzlich. Sonja quatscht herzerquickend neben mir.
4. Januar 1906
Und so kann ich nicht sagen, dass es schön bei uns wäre. Die Reaktion erhebt mächtig ihr Haupt, wir werden ganz nach altem Regime regiert15, und den Freiheitskampf werden wohl meine Jungens noch mitkämpfen. Hoffentlich fangen sie’s dann besser an wie die armen Verblendeten, die sich schon jetzt stark genug glaubten und im Herrn und Volk auf Beistand rechneten, der versagte. Schade um all die Jugend, die sich hinmorden ließ, schade um all unsere Hoffnungen, die wir nun wohl begraben müssen. Und doch können wir nur mit Freude die Wiederherstellung der Ordnung begrüßen.
22. Februar 1906
Genommen haben mir diese Zeiten etwas, nämlich das Vertrauen in die Zukunft. Wozu erziehe ich meine Söhne? Für die Lunte? Oder als Bombenopfer? An gedeihliche Entwicklung ist auf Jahre hinaus nicht zu denken. Und wie soll ich sie erziehen? Freiheitsdurstig, auf Menschenrecht gehend, oder mit dem Ideal der wohl bestallten Tschinowniks [Beamte] im Auge? Ja, erziehen wir denn überhaupt, erzieht sie nicht die Zeit, in der wir leben? Die allmächtige Zeit und das eherne Schicksal?
Als ich ihre Zeilen lese, bin ich beeindruckt von Floras scharfer Beobachtungsgabe. Nicht nur wegen der bevorstehenden Kriege, sondern auch mit Blick auf die Rolle, die der Antisemitismus im Leben ihrer Kinder noch spielen sollte. Bereits 1895, als Fredy, ihr Zweitgeborener, ein paar Monate alt ist, notiert sie:
Der kleine schwarze Alfred scheint weniger gut getauft, das Näschen zeigt keine Neigung nach oben, und das ist bedenklich. Oder glaubt ihr, dass bis zu seiner Großjährigkeit der Unterschied zwischen Jud’ und Christ vergessen sein wird?
Wenn man die späteren Erlebnisse der Familie Hackel bedenkt, kann man Flora fast hellseherische Fähigkeiten zusprechen!
Im Verlauf meiner Recherche fällt mir noch ein anderes Dokument aus Sonjas Nachlass in die Hände. Es sind Jugenderinnerungen von Sonjas Cousine Eva. Sie war die Tochter von Gustavs jüngerem Bruder, dem Apotheker Ludwig Hackel. Eva stand mit Sonja bis zu ihrem Lebensende in Briefkontakt. Sie schickte ihr die Aufzeichnungen in Erinnerung an die gemeinsame Kindheit. Eine Passage darin beschreibt die Sommerurlaube in Finnland, die Eva ganz ähnlich erlebt hat wie Sonja:
In unseren Sommerferien zog die ganze Familie für drei Monate aus der Stadt hinaus nach Finnland, um dem sehr ungesunden feuchten Klima von St. Petersburg zu entgehen.
Vater blieb zurück und kam nur an den Wochenenden, mit Ausnahme seiner drei Wochen Ferien. Wenn wir auf’s Land zogen nahmen wir buchstäblich alles mit: Blumentöpfe, Spielsachen, kleine Möbelstücke, alles wurde eingepackt und auf einem großen Pferdewagen transportiert. Unsere Köchin und das Kindermädchen fuhren gewöhnlich mit dem Wagen, sie liebten es, langsam zu Pferd unterwegs zu sein.
Die Familie inklusive der Haustiere fuhr mit dem Zug, wir nahmen Goldfische, Vögel und sogar Kaulquappen mit. Auf einer dieser Reisen zerbrach das Glas mit den Kaulquappen, und wir hatten keine andere Wahl, als die Kaulquappen zur Rettung in das Glas mit den Goldfischen zu tun. Ich erinnere mich noch, wie erschüttert ich war, als wir bei unserer Ankunft zwei Stunden später feststellten, dass die Kaulquappen von den Goldfischen verspeist worden waren.
Unsere drei Monate in Finnland waren immer unbeschreiblich glücklich, und ich habe die herrlichsten Erinnerungen daran, mit meinem Vater in den Wald zum Blaubeer- oder Preiselbeerpflücken oder zum Pilzesammeln zu gehen.
Er war Experte für Pflanzen und lehrte uns eine Menge, in dem er jede Pflanze benannte, die wir Kinder pflückten. Er gibt in Finnland zahlreiche Arten essbarer Pilze, und Vater bestand darauf, uns jede einzelne zu zeigen. Auf diese Weise lernten wir schnell zu erkennen, welche giftig waren.
Gewöhnlich hatten wir einen großen Garten um das gemietete Haus, das meine Eltern bereits im April sorgfältig aussuchten.
Wenn irgendwo im Garten Birken standen, nahm Vater das Haus nicht, denn das war ein Anzeichen von Feuchtigkeit. Und dort spielten wir Indianer, Verstecken, oder wir gingen schon vor dem Frühstück Pilze suchen.
Ich erinnere mich besonders an einen Garten, denn er war groß genug, dass ich darin Fahrrad fahren lernte. Am Abend spielten wir unseren Eltern kleine Theaterstücke vor, die wir uns draußen überlegt und eingeübt hatten. Und in den Sommern, in denen wir unsere geliebte Lehrerin Shura bei uns hatten (sie wurde später zu meiner angeheirateten Cousine16) malten wir, modellierten mit Ton und machten Picknick am Meer. Baden und Sandburgen bauen waren unsere größten Vergnügungen.
Wie wunderbar war es, wenn am Freitag Abend Vater herauskam; gewöhnlich holten wir ihn an der Haltestelle der ›Diligence‹ ab (einem Pferdewagen, der ihn von der Bahnstation brachte).
Auf unserem Heimweg kamen wir an einem runden Platz vorbei, dort hingen Seilschlingen an einem langen Pfahl [eine Art Schaukel]17, und es war gleichgültig, wie müde Vater war, er blieb immer stehen, um uns einen festen Schwung zu geben, und wartete, bis wir wieder herunterkamen.
Unter den vielen Papieren aus Sonjas Nachlass finde ich schließlich noch ein paar Schreibmaschinenseiten, auf denen Alfred (Fredy), der zweitälteste Bruder, ein paar kleine Szenen aus seiner Kindheit festgehalten hat. Sie lassen den Alltag der Hackels um die Jahre 1906/1907 lebendig werden:
Szene eins
Grauer Morgen, Sonntag in Petersburg. Ich werde wach. Jemand gibt mir einen Kuss. Ich öffne die Augen, lächle im Halbschlaf. Gleich schneide ich eine Grimasse. Sie kichert fröhlich. ›Sie‹ ist Sonjetschka, meine Schwester; ihre Haare sind sorgfältig gekämmt, eine große Seidenschleife darin, sie trägt ein schwarzes Samtkleid, auf der Brust ein Medaillon. Ich strecke den Arm aus, packe zu und ziehe sie heran. Ich will sie schnappen, aber sie macht sich frei, mit Quieken und Geschrei. Eine Stimme aus dem Nebenzimmer: »Na warte, Dir werd’ ich was erzählen!« Die Stimme bringt mich sofort zurück in die Wirklichkeit. Ich strecke mich. Tap-tap-tap den Flur entlang, jemand eilt zum ›Heiligen Örtchen‹, sagt dabei: »Kinder, aufstehen«. Das vertraute leichte Hüsteln, »ehem, ehem«, folgt Papa auf einen Platz, von dem jetzt für lange Zeit das Rascheln einer Zeitung zu hören ist. Denn das ist das ›Heilige Örtchen‹. Es ist der Ort, wo er sich die neuesten Nachrichten und die Theaterkritiken zu Gemüte führt. Mit einem Gefühl der Erleichterung einerseits, andererseits prall gefüllt mit den Berichten aus ›Das Wort‹18 oder dem ›St. Petersburger Herold‹19 IX, kommt er erfrischt wieder heraus und geht geradewegs in die Wanne. Meine Aufgabe ist es, ihm den Rücken zu schrubben, bis er rot wird. Er beugt sich vor, seine weiche Haut und sein muskulöser Rücken glitzern, und ich reibe richtig fest mit einem harten Schwamm. Papa knurrt zufrieden. »Feste rubbeln, feste!« Ich gehorche. Dann eilt er, um sich anzuziehen. Gestern ist er spät nach Hause gekommen, ›in Geschäften‹, nach einem Besuch bei Boris [gemeint ist Benno Becker], zusammen mit Rudi, Felix, Gerson und dem anderen Boris … Gerade jetzt ist er jedenfalls munterer als wir.
Das Frühstück beginnt um 10 Uhr. Bloß nicht zu spät kommen! Die frische Unterwäsche kratzt. Ich bin durcheinander, die Manschettenknöpfe sind irgendwo abgeblieben. Der Hemdkragen lässt sich kaum biegen, so sehr ist er gestärkt. Natürlich bin ich wieder der Letzte. Ich gebe Papa einen Kuss auf die sauber rasierte, leicht duftende Wange. (Gerade gestern hat er bei Louis [einem Friseur] haltgemacht). Ich gebe Mamas Hand einen Kuss, Sonjas Mund. Nicht nötig Paul und Bobus [Bobby] zu begrüßen, wir schlafen alle im selben Zimmer. Bei Tisch geht es lebhaft zu. Der Kaffee duftet, es gibt Honig, Butter, Brötchen. Schmatzgeräusche … lecker und bedeutungsvoll – Essen und Kauen. Papa weiß schon alle Neuigkeiten von der Börse. Es macht ihm Spaß, uns mit Nachrichten aus Slowo [die Zeitung ›Das Wort‹] zu erschrecken. Ich esse schnell, weil ich noch in die Zeitung schauen muss, bevor es losgeht. Zusammen mit Papa gehen wir hinüber zum Museum, natürlich zur Eremitage. Früher war es so: wir machten einen Spaziergang zum Palast, gingen am Ufer spazieren, aber jetzt ist es die Eremitage. Er nimmt uns mit zu ›seinen Lieben‹. Wir gehen die Marmortreppe hinauf zu den ›Drei Grazien‹, zu ›Vol’ter‹20. Vol’ters LächelnX – Satire, Spott. Zieht uns an und stößt uns ab. Aber Papa hat seinen Spaß. Dann geht es weiter zu ›Danaya‹21 und ›Venus vor einem Spiegel‹ von Tizian. Für Papa ist sie die Offenbarung weiblicher Schönheit. Dann zum großen Saal der italienischen Kunst. Papa ist verzückt. Dann ein Porträt eines Fremden, der Papa erstaunlich ähnlich sieht. Dann müssen wir noch einen Moment zu den Franzosen, dann zwei Minuten Rembrandt, dann wieder nach Hause. Aus zwei Minuten wird eine Stunde. Es ist Mittag. Ich schaue mich um, höre noch den Kanonenschuss, der 12 Uhr Mittag anzeigt. Er ist wie ein Zeichen für alle, auf die Uhr zu schauen. Die Fensterscheiben beben. Und jetzt die Musik, der Siegesmarsch. Wie in alten Zeiten möchte ich mitlaufen, den Gardisten folgen. Aber ich reiße mich zusammen, bin kein kleiner Junge mehr, ich bin gekommen, um Rembrandt anzuschauen! Aber mein Herz will nach unten rennen, und dann, anstelle von Rembrandt, anstatt der Gemälde, erscheint ein anderes Bild. Ich horche nach der Garde. Sie holen die Flagge ein, und so, zwischen Rembrandt und dem militärischen Spektakel, ist eine Kinderseele hin und hergerissen.
Schließlich gehen wir heim. Auf dem Nachhauseweg gehen wir mit Papa noch für ein paar Minuten in die französische Bäckerei. Papa will einen anständigen Laib Brot. Was ist ein sonntägliches Mittagessen ohne einen Laib Brot? Schließlich, Brot in der Hand, gehen wir triumphierend nach Hause. Viele vertraute Gesichter auf der Straße, sie kommen aus der Kirche zurück. Begrüßung, manchmal bleibt man stehen, manchmal nur ein Lächeln. Über die Brücke am Kanal, und wir sind zu Hause. Sonjetschka war draußen spazieren, sie hat rote Bäckchen von der Kälte. Es ist unwahrscheinlich weich, ihre leicht gefrorenen, samtigen Wangen zu küssen. Der Esszimmertisch ist schon gedeckt. Heute gibt es Blätterteig mit Kohl, ein wunderbares Gericht von Katja, der Köchin. Dann Eintopf und schließlich einen leichten Kuchen. Papa lässt es sich schmecken. Jeder Bissen ein Geschenk. Jeder Schluck Bier ein Genuss. Die Kunst, das Essen und ein gutes Schlückchen dazu, das ist die Sonntagssinfonie. Natürlich ist Kunst kein Fleisch, sie lässt sich mit Katjas Blätterteig nicht vergleichen, aber trotzdem ist sie seine allgegenwärtige Freude. Das lehrt er uns nicht mit Worten, sondern als Vorbild, durch sein eigenes, erfülltes Leben.
Szene zwei
Das Leben geht seinen Gang, geschmeidig wie Butter. Die Zeit vergeht, jeder Tag folgt einer bestimmten Routine. Im ruhigen Fluss der Zeit manchmal Pausen und Sprünge, Konzerte, Theater oder Partys zu Hause oder bei Freunden.
Abend: Ich lerne; die Prüfungen bringen mich noch um. Paul sitzt mir gegenüber und liest. Auf dem Tisch steht Schnaps, den wir in einem Bücherschrank verstecken. Der Schnaps steht hinter den französischen Büchern. ›Wie wär’s mit etwas französischer Dichtung?‹ In unserer Räubersprache bedeutet das ›Wie wär’s mit einem kleinen Drink?‹. Mama ist im Bett, Papa im Theater, und Bobus ist ausgegangen, natürlich irgendwo zum Tanzen. Plötzlich das vertraute »ehem, ehem«, Papas Hüsteln. Er ist zurück. Wir laufen ins Wohnzimmer, aber er ist bei Mama. Laute Stimmen sind zu hören, Papa ist offenbar aufgebracht. Er spricht schnell und aufgeregt. Vielleicht ist er im Theater bestohlen worden? Wir kommen rein. Papa steht am Bett und spricht wie in Trance. Nein, er ist nicht ausgeraubt worden. Im Gegenteil, er ist überwältigt von dem, was er gesehen und erlebt hat. In seinen Augen leuchtet eine Spur von etwas, das ich nie bei ihm gesehen habe. Seine Nasenflügel beben wie bei einem Vollblutpferd. Er ist irgendwie verwirrt, überwältigt. Stockend spricht er darüber, über das Theater, über ewige Liebe und den Tod. Der Samowar auf dem Esszimmertisch zischt. Dort stehen ein kleiner Imbiss und Obst. Aber Papa redet weiter. Manchmal versagt seine Stimme. Er gestikuliert hilflos mit den Händen und lächelt schuldbewusst. Mama legt sich hin und strahlt. Es tut ihr nicht leid, dass sie nicht dabei war. Sie freut sich, dass er da war, und sie versteht und fühlt, dass seine Seele aufgewühlt ist.
Es ist wieder Abend. Wir sind um den Tisch versammelt. Mama und die Kinder. Wie immer unterhalten wir uns lange. Und es gibt Tee aus dem Samowar, dazu Marmelade. Papa ist nicht da. Er ist einen Ringkampf anschauen gegangen zwischen den beiden Welt-Champions. Das ist ein bisschen merkwürdig. Papa ist kein Ringer, und an solch einen Ort zu gehen, der nach Tabak und Schweiß riecht, ist schon etwas unangenehm. Aber Papa ist trotzdem hingegangen.
Da ist sein »ehem, ehem« im Flur. Er kommt rein, freudestrahlend. Und? Wer hat gewonnen? Papa verwandelt sich. Er beginnt zu erzählen. Über Zaikin, wie er Zbitko zu packen bekam. Nein, gar nicht leicht. »Fredy, komm her.« Ich gehe hin. Papa ist Zbitko und ich bin Zaikin.22 XI
Papa packt mich fest mit seinen Händen und hebt mich hoch. Meine Hose reißt. Die Knöpfe fallen ab. Aber Papa ist voll bei der Sache. Und dann lief es genau so … das tut weh, kein Witz. Papa setzt mich auf dem Teppich ab. Er schnappt mich. Jetzt steigt auch bei mir die Spannung. Wir ringen. Mama und alle anderen lachen. Und so hat Zaikin ihn gepackt, aber Zbitko … Ich merke, wie meine Hosenknöpfe in den Kamin springen. Aber Papa ist voller Erregung. Er ist in Hochform, unter Volldampf. Und er steckt uns alle damit an.
Szene drei
›Weihnachtsbaum‹
Draußen liegt ein weißlicher Nebel. Die Fenster sind frostüberzogen. Es ist kalt. Die Stimmung ist hell und festlich. Mit meinen Zeugniszensuren ist es gut gelaufen. Vielleicht ist es wegen Weihnachten, aber die übliche Vier plus in Algebra ist raufgegangen zu einer Drei minus. Offensichtlich hat der Lehrer ein gutes Herz. Er versteht, dass sonst Papas Weihnachtslaune hin gewesen wäre. Besser nicht an die Schule denken – sinnlos!
[…] Das Arbeitszimmer ist außer Reichweite. Der Weihnachtsbaum steht darin. Er ist wunderschön. Wir haben ihn gestern zusammen mit Papa gekauft. Papa ist in dieser Hinsicht ein Profi. Der Baum muss der Beste sein, und billig dazu. Wenn er sieben Rubel kosten soll, feilscht Papa. Bis es dunkel wird. Aber er verliert nicht, er kriegt ihn für drei. Zwei kräftige Kerle tragen ihn auf den Schultern, wir gehen hinter ihnen nach Hause, während Papa zur Arbeit geht. Aber vielleicht verkaufen die beiden Typen ihn auch weiter, für eine Flasche Wodka?
Als wir gestern dort standen, war es so kalt, dass uns die Tränen in den Lammfellkragen rollten, aber Papa kümmerte das nicht. Sein Spazierstock hat eine Besonderheit: er hat am oberen Ende einen goldenen Knauf. Der Baum muss genau so groß sein, dass, wenn er den Arm mit dem Spazierstock hochstreckt, die Baumspitze über den Knauf hervorschaut. Wir fanden einen genau solchen Baum … das Gefeilsche dauerte eine ganze Weile. Es begann dunkel zu werden, die Straßenlaternen gingen an. Durch sie wurde es sogar ein bisschen wärmer und freundlicher. Die Bäume sahen aus wie mit Zucker überzogen, andere, als ob sie in Baumwolle gewickelt wären.
Wir kamen also zurück nach Hause. Die zwei Burschen schleppten den Baum vor uns her. Interessant, wie sie ihn die Treppe raufbrachten … der Teppich wurde ganz dreckig dabei … Kuprian [der Hausmeister] wurde wütend. Aber uns war’s egal, der Baum ist prima! Auf keinen Fall wollten wir den durch die Hintertür reinholen.
Nur ein kleines Missverständnis gab es. Die Burschen gaben Mama ein Stück Papier. Papas Unterschrift, Papas Handschrift, sieht echt aus – aber teuer … 13 Rubel!! »Nun, meine Dame, der Baum kommt aus Archangelsk.« Keine Chance, wir mussten zahlen … Papa hatte so entschieden. Er hat manchmal leichtfertige Phasen. Die beiden Riesenkerle bedankten sich und kriegten obendrauf noch ein Trinkgeld. Weg waren sie, nur ein säuerlicher Geruch blieb zurück. Papa kam abends zurück und erfuhr von den 13 Rubeln. Er bebte. Es stellte sich heraus, dass die Kerle, die den Baum geschleppt hatten, am Rand eine eins vor die drei geschrieben hatten, mit Bleistift … eigenmächtig, und so wurden 13 daraus. Papa hatte davon keine Ahnung, er hatte ihn für 3 gekauft. Aber schließlich ist es ihm egal, all das Gefeilsche, Geschrei und Gezänk. Er fühlt sich jetzt behaglich und zufrieden. […]
Das Wohnzimmer ist hell erleuchtet. Bronzene Engel mit ausgestreckten Armen halten die Kerzen und stehen dabei auf einem Bein. Der gläserne Kronleuchter glitzert in allen Farben des Regenbogens. Alle sind versammelt. Die Wolle des neuen Matrosenanzugs kratzt. Das Haar ist mit viel Pomade gescheitelt. Paul und Bobka brillieren am Klavier, Sonjetschka trägt ihr schwarzes Samtkleid, ihre Haare werden von einer großen Seidenschleife auf dem Kopf zusammengehalten. Papa und Mama sind im Arbeitszimmer und zünden die Kerzen am Baum an. Endlich das lang ersehnte Glöckchen. Wir sind sehr aufgeregt, und schließlich gehen die Türen auf. Der funkelnde Baum blendet uns. Aus dem Esszimmer kommt der verführerisch köstliche Duft von Gänsebraten. »Alle zu Tisch bitte …!«
2Früher finnisch, seit 1947 russisch, umbenannt in Selenogorsk.
3Jelgava, heute eine Kreisstadt in Lettland, muss in den beiden Kriegen so gründlich zerstört worden sein, dass kaum noch ein altes Haus vorhanden ist. Das Zentrum ist ein sowjetisches Plattenbau-Ensemble aus den 1960er-Jahren. Nur in den Randbezirken erinnern hier und da ein paar windschiefe Holzhäuser an die damalige Zeit.
4Russland erlebte durch Eisenbahn und Dampfschiffe seit den 1840er-Jahren einen Aufschwung des Außenhandels. Davon profitierten zunächst die Küstenstädte, in Kurland waren das Windau und Libau, sodass viele Menschen dorthin übersiedelten. Das war Juden jedoch verboten und wurde streng kontrolliert, sodass in dieser Zeit viele Juden in südliche Regionen ausweichen mussten um Arbeit zu finden. Die Arbeitsmigration von Jacob Moses Gittelsohn nach Tiflis scheint unter kurischen Juden kein Einzelfall gewesen zu sein.
5Das Mitauer Adressbuch von 1892 ist vollständig auf Deutsch verfasst, alle Straßennamen sind deutschsprachig, über 90 Prozent der verzeichneten Einwohner haben deutsche oder eingedeutschte jüdische Namen; auch alle öffentlichen Institutionen scheinen ausschließlich deutsche Namen gehabt zu haben. In Kurland, obwohl seit 1797 russische Provinz, war damals noch Deutsch die Behördensprache und die Sprache der gebildeten Oberschicht. Allerdings erschienen neben der deutschen ›Mitauschen Zeitung‹ auch eine russisch- und zwei lettischsprachige Zeitungen, offenbar waren also mehrere Sprachen im Alltag gebräuchlich.
6Laut Überlieferung starb Gustavs Vater, als dieser noch ein Kind war, weshalb Gustav früh zum Unterhalt der Familie beitragen musste.
7Im Heiratsregister der jüdischen Gemeinde in Mitau gibt es einen Eintrag vom 9. 1. 1883, der wahrscheinlich auf Gustavs Schwester verweist: Eheschließung von Levin Gittelsohn (31, geb. in Mitau, Sohn von Nekhmeje Gittelsohn) mit Julie Hackel (22, geb. in Mitau). Sie wäre somit ein Jahr älter als Gustav gewesen. Möglicherweise bestand mit der Familie des Bräutigams eine entfernte Verwandtschaft.
8In Mitau ist für das 19. Jahrhundert kein Rabbiner mit Namen Gittelsohn nachweisbar. Eine Besonderheit von Kurland war, dass es dort keine Talmudschule (Jeshiva) gab. Deshalb besuchten angehende Rabbiner aus Kurland zur Ausbildung Jeshivot im nahe gelegenen Litauen oder der Ukraine. In US-amerikanischen Rabbinerverzeichnissen taucht der Name Gittelsohn nur einmal auf: Benjamin Gittelsohn, geboren 1853 in Russland und Sohn von Jehuda Gittelsohn. Er studierte an der Talmudschule in Kaunas, Litauen, und wanderte später nach Cleveland, Ohio aus. Nach Alter und o.g. Umständen könnte Jehuda möglicherweise der von Sonja erwähnte ältere Bruder von Gustavs Großvater Moses Gittelsohn aus Mitau sein.
9Arthur Hackel, geb. 1864, Sterbedatum und -ort unbekannt, und Ludwig Hackel (Vater von Eva und Nora Hackel) geb. 1867, gestorben 1936 in Berlin, studierten beide je ein Jahr in Dorpat (ihre Berufsbezeichnung lautete ›Provisor‹) und führten seit 1895 gemeinsam in St. Petersburg die Puschkin-Apotheke. Sie befand sich in der Puschkinskaja 9, das Haus steht heute noch. Ludwigs Wohnung lag ein paar Häuser weiter in der Nr. 19. Er war unter anderem geschäftlich erfolgreich durch Herstellung und Vertrieb eines selbst entwickelten Mittels gegen Hämorrhoiden.
10Jeannot Hackel, geb. 1862 in Mitau, Sterbedatum und -ort unbekannt.
11Frz.: ›Gibt es da schon etwas mitzuteilen?‹
12Wahrscheinlich meinte sie damit Gaststudenten, die sie gelegentlich als Hauslehrer aufnahm.
13Russisch: ›Jetzt wird’s bunt‹, sinngemäß: ›Man sagt, dass es einen Aufstand geben wird.‹
14Teil von St. Petersburg nordwestlich der Newa.
15Nach der Niederschlagung der Unruhen versuchte das Zarenregime, die versprochenen Reformen wieder rückgängig zu machen.
16Siehe Kapitel ›Fredy – Unter dem Radar‹.
17In Finnland und Estland ist das Schaukeln eine Art Volkssport.
18Russisch: ›Das Wort‹ – gemeint ist mit Sicherheit ›Russkoje Slovo‹, die damals größte russischsprachige Tageszeitung, die seit 1895 in Moskau erschien und 1917 von den Bolschewiki verboten wurde.
19Der ›St. Petersburger Herold‹ war eine von zwei deutschsprachigen Tageszeitungen und erschien von 1871 bis 1914, dann wurde er verboten, weil mit Kriegsbeginn aller deutsche Einfluss aus Russland verbannt werden sollte. Der Herold war die Konkurrenz der älteren ›Petersburger Zeitung‹, vertrat politisch einen liberalen Standpunkt und legte zu dieser Zeit vor allem Wert auf eine kritische Berichterstattung gegenüber der konservativen Zarenmacht. Er brachte täglich unter dem Motto Unsere Presse eine exklusive Presseschau über die Top-Nachrichten der damals größten russischen Tageszeitungen. Weitere Inhalte waren Stadtnachrichten, Wichtiges aus dem Deutschen Reich, Wirtschaftsnachrichten, Romane sowie monatliche Beilagen zu Mode und Landwirtschaft.
20Gemeint ist die Marmorskulptur von Voltaire von Jean-Antoine Houdon, noch heute eines der vielen Glanzstücke der Eremitage.
21Danae von Tizian, 1930 von der Eremitage verkauft, seither National Gallery of Art, Washington DC.
22Gemeint ist offenbar der polnische Ringkämpfer Stanislaus Zbyszko, der um 1905 in ganz Europa und später in den USA sehr erfolgreich wurde. 1906 gastierte er für eine Saison in St. Petersburg. Eine amerikanische Website listet alle Matches auf. Sie verzeichnet: Sieg über Alexander Saikin, am 2. August, am 7. und 14. August, und nochmals am 1. September. An einem dieser Tage muss Gustav dem Kampf zugeschaut haben.
Revolution
Nach acht, Bonn 1987
»Unser geruhsames Leben in Petersburg endete schlagartig mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Meine Brüder, die inzwischen alle die Schule beendet hatten, die älteren beiden studierten bereits, mussten in den Krieg. Zum Glück nicht gleich, aber 1916 wurden alle drei eingezogen. Als Angehörige der ›Intelligenzija‹ wurden sie Nachwuchsoffiziere. Das machte die Sache für sie insofern besser, als sie nicht als Kanonenfutter verheizt wurden wie die Leute aus dem einfachen Volk, aber die Befürchtungen meiner Mutter, ihre Jungen ›zu irgendjemandes höherer Ehre‹ opfern zu müssen, rückten in den Bereich des Möglichen.
Russland war auf den Krieg miserabel vorbereitet, sowohl militärisch als auch im zivilen Leben. In den Geschäften gab es kaum noch etwas zu kaufen, für Lebensmittel zahlte man horrende Preise. Auf den Feldern und in den Fabriken fehlten die Arbeiter. Die meisten arbeitsfähigen Männer waren an der Front, wo sie wegen der schlechten Ausrüstung wie die Fliegen starben. Die Familien der Gefallenen stürzten oft in bodenloses Elend.
St. Petersburg wurde in Petrograd umbenannt – die Stimmung richtete sich zunehmend gegen alles Deutsche, und man tat besser daran, nicht in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen. Viele in Russland lebende Deutsche wurden ausgewiesen oder sagten sich, dass es besser sei, zu gehen. Wir waren davon nicht unmittelbar betroffen. Mein Vater hatte die russische Staatsbürgerschaft, meine Mutter war Deutsche, aber ihre Ehe mit einem Russen schützte sie vor der Ausweisung. Wir Kinder waren in Petersburg geboren und daher auch Russen. Aber selbst deutsch klingende Namen waren verdächtig. Zur Sicherheit setzte mein Vater seinem Vornamen damals ein e hinzu, Gustave, damit man es für Französisch halten konnte.
Schon lange war es bergab gegangen mit der Macht der Zaren. Nikolai II., der letzte Zar, interessierte sich kaum für die Regierungsgeschäfte. Er zog sich lieber in seine Sommerresidenz nach Zarskoje Selo zurück. Gelegentlich hatte er ein paar fähige Minister, die er aber beim nächsten Aufstand wieder davonjagte.
An seinem Hof gab es viele Günstlinge und andere finstere Gestalten, die auf die Politik Einfluss nahmen. Unter diesen war ein ganz Besonderer, das war Rasputin, ein sibirischer Wanderprediger und Wahrsager.
Mit der Zarenfamilie, den Romanows, war es ja so, dass sie an der Bluterkrankheit litten. Besonders der Thronfolger, der Zarewitsch. Er war noch ein Kind, für ihn war das lebensbedrohlich. Vor der Öffentlichkeit wurde die Sache geheim gehalten. Medizinisch gab es damals kaum Möglichkeiten, die Krankheit zu behandeln. Es hieß nun, dass Rasputin der Einzige gewesen sei, der mittels Hypnose die Blutungen des Jungen habe stoppen können. Dadurch gewann er großen Einfluss auf die Zarin Alexandra Fjodorowna. Es hieß, Rasputin hypnotisiere auch sie. Er muss unglaubliche Augen gehabt haben! Ihm wurden allerlei magische Kräfte zugeschrieben. Wahrscheinlich war das Hokuspokus, aber im damaligen Russland war Aberglaube sehr verbreitet. Weil er Macht über die Zarenfamilie hatte, machte Rasputin sich viele Feinde. Je schlechter die Lage wurde, umso mehr glaubte man, er habe die Zaren verhext. Eine Gruppe von Adligen überlegte sich, Rasputin zu beseitigen. Zum Jahresende 1916 organisierten sie eine Verschwörung, in einem Haus gleich in unserer Nachbarschaft. Man lud Rasputin dort zu einem Bankett ein, wo man ihn mit vergiftetem Nachtisch umbringen wollte. Der Plan schlug aber fehl23 und Rasputin entkam ins Freie. Die Verschwörer liefen ihm hinterher, erschossen ihn schließlich auf der Straße – die Schießerei konnten wir zu Hause hören – und steckten ihn anschließend in ein Eisloch, um sicherzugehen, dass der Teufelskerl auch wirklich tot war.
Kurz nach der Sache mit Rasputin wurde in der Februarrevolution 1917 der Zar abgesetzt. Kerenski24 von der Partei der gemäßigten Sozialrevolutionäre wurde Regierungschef. Aber Russland steckte da schon so tief im Schlamassel, dass er sich nicht lange halten konnte. Schuld daran war letztlich die deutsche Regierung. Sie hatte die Idee, Lenin nach Russland einzuschleusen, um das Chaos beim Kriegsgegner noch größer zu machen. Eigentlich war damals schon klar, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Um aber noch etwas herauszuschlagen, holten die Deutschen Lenin aus seinem Exil in der Schweiz, setzten ihn in einen verplombten Eisenbahnwagen, fuhren ihn durch halb Europa über Finnland nach St. Petersburg – diese Geschichte ist ja bekannt. Damit begann dann die Oktoberrevolution. Die Schüsse, die vom Panzerkreuzer Aurora das Startsignal dazu gaben, konnten wir ebenfalls zu Hause hören.
Als die Bolschewiki die Macht übernahmen, hat kaum einer sie richtig ernst genommen. Mein Vater sagte immer: ›In ein paar Wochen ist der Spuk vorbei‹ – na ja, diese Erwartung hat sich bekanntlich nicht erfüllt. Die Lage war sowieso schon chaotisch, aber es wurde nur noch schlimmer. Es gab nichts mehr zu kaufen – höchstens auf dem Schwarzmarkt für astronomische Preise. Die Menschen hungerten, auf den Straßen ging es gewalttätig zu. Das waren die Vorboten des Bürgerkriegs, der im Sommer 1918 ausbrach. Irgendwann in dieser Zeit wurden dann sämtliche Geschäfte, Fabriken usw. enteignet. Alle Geschäftsleute, so auch mein Vater, verloren ihre Existenzgrundlage.
Ob dies den Anlass gab oder etwas anderes, weiß ich nicht – meine Eltern sprachen über solche Dinge nicht mit mir –, aber im Oktober 1918, ein Jahr nach der Revolution, beschlossen sie ziemlich plötzlich, dass wir jetzt fliehen müssten. Ich erinnere mich, dass das für mich überraschend kam. Meine Eltern hatten so gut es ging versucht, die Schrecken der Zeit von mir fernzuhalten. Auf einmal musste alles ganz schnell gehen. Wir packten eilig zusammen, was wir tragen konnten, und verließen die Wohnung. Es hieß, dass die Abriegelung der Grenze kurz bevorstehe. Meinem Vater war es gelungen, Fahrkarten für den letzten Zug zu ergattern, der noch die Grenze passieren durfte. Damit es nicht so sehr nach Flucht aussah, gaben wir die Reise als Fahrt zur Datscha unserer Verwandten aus. Das stimmte fürs Erste sogar. Unser Ziel war die Datscha von Beckers in Libau25, südlich von Riga an der Ostseeküste. Viele Menschen fuhren damals aufs Land, um sich besser versorgen zu können. Es kann sein, dass meine Eltern zu diesem Zeitpunkt ahnten, dass wir vielleicht nicht mehr zurückkehren könnten, aber das hielten sie vor mir verborgen.
Die Fahrt mit dem Zug dauerte viele Stunden. Es war Krieg, und entsprechend waren die Verhältnisse. An irgendeiner Stelle war die Bahnlinie unterbrochen, dort lag die militärische Demarkationslinie. Wir mussten alle aus dem Zug aussteigen und in einen anderen, der auf der anderen Seite wartete, wieder hinein. Es war natürlich ein gewaltiges Durcheinander. Hunderte von Leuten liefen hin und her. Mein Vater ging mit mir und einem Teil der Koffer schon vor, suchte mir in dem wartenden Zug einen Platz, und befahl mir, gut auf das Gepäck aufzupassen. Dann ging er noch einmal los, um meine Mutter zu holen, die bei den restlichen Koffern geblieben war. Aber kaum, dass ich in diesem Zug saß, fuhr der plötzlich los. Ohne meine Eltern. Da saß ich nun mutterseelenallein in einem Zug, von dem ich nicht mal genau wusste, wo er hinfuhr. Ich war noch nie allein verreist und wusste nicht, was ich tun sollte. Nach dem ersten Schreck sagte ich mir: ›Na ja, heulen nützt ja nu nüscht!‹26 Und ich begann, die Butterbrote aufzuessen. Die waren in einer der Taschen, die ich bewachen sollte. Irgendwann kam der Zug an der Endstation an. Ich stieg aus, setzte mich auf die Koffer und wartete.
Wer weiß, was aus mir geworden wäre. In Russland und halb Europa war Krieg. Massen von Flüchtlingen waren unterwegs, und es war keine Seltenheit, dass Familien auseinandergerissen wurden und schreckliche Flüchtlingsschicksale ihren Anfang nahmen.
So saß ich ganz allein auf einem fremden Bahnsteig auf den Koffern und wusste nicht, was als Nächstes geschehen würde. Nun – tatsächlich kamen nach einigen Stunden meine Eltern. Das war ein ziemliches Wunder, denn ich hatte ja eigentlich in dem Zug gesessen, der als letzter aus Russland herausgelassen werden sollte. Wie dem auch sei: da waren meine Eltern, auch das Gepäck hatten sie bei sich. Ich erwartete natürlich, dass sie als Erstes zu mir sagen würden: ›Kind, gut, dass du wohlbehalten hier bist‹ oder so etwas. Stattdessen sagten sie: ›Was hast du mit den Butterbroten gemacht?‹ Ich erwiderte schuldbewusst: ›Die habe ich aufgegessen‹, und dachte, das könnten sie mir ja wohl kaum vorwerfen, denn ich hatte lange warten müssen. Aber meine Eltern fragten eilig weiter: ›… und was hast du mit den Tüten gemacht, wo sind die Tüten?‹ Auch darüber wunderte ich mich, denn solcher Art Sparsamkeit war bisher nicht die Hauptsorge meiner Eltern gewesen. Ich weiß nicht warum: die Tüten hatte ich ordentlich glatt gestrichen und aufgehoben. Es hätte genauso gut sein können, dass ich sie weggeworfen hätte. Aber die Tüten waren da. ›Na, Gott sei Dank!‹ – meinen Eltern fiel hörbar ein Stein vom Herzen. In den doppelten Böden der Tüten hatten sie Bargeld versteckt, das sie vor der Flucht noch hatten zusammenkratzen können. Man hätte es uns sonst an der Grenze abgenommen. Und als dieser Schreck vorbei war, wurde ich von ihnen richtig begrüßt, wie ich’s am Anfang erwartet hatte.

Der ›Propusk‹, ausgestellt am 8. Oktober 1918
Meinen Eltern war inzwischen Folgendes geschehen: Nachdem der Zug, in dem ich saß, weggefahren war, wandte sich mein Vater verzweifelt an die Soldaten, die die Bahnstation und die russische Grenze kontrollierten. Sie hatten den Befehl, niemanden mehr durchzulassen. Er lief überall hin und sagte, seine minderjährige Tochter sei allein in diesem Zug, und er müsse doch zu ihr. Nichts zu machen. Aber irgendwann gelang es meinem Vater, einen ranghöheren Befehlshaber27 zu überzeugen, dass er unbedingt durchgelassen werden müsse. Der Mann hörte ihm widerwillig zu, dann riss er schließlich eine Seite aus seinem Notizbuch und kritzelte ein paar Sätze darauf.
Was er da schrieb, nannte man in Russland einen Propusk, das bedeutet Passierschein – das Wort hat aber eine viel weiter gefasste Bedeutung als auf Deutsch. Es heißt auch Genehmigung und vieles mehr. In Russland brauchte man für alles Mögliche einen Propusk, damals wie heute. Ohne diesen improvisierten Propusk hätte ich meine Eltern vielleicht nie wiedergesehen, und was dann aus mir geworden wäre, wissen die Götter. Ich habe große Hochachtung vor diesem Kommissar, denn er hat aus reiner Menschlichkeit gegen seine Weisung gehandelt. Bestochen haben konnte mein Vater ihn nicht, das Geld war in den Butterbrottüten, und die hatte ich. Den Zettel habe ich noch heute – Heinz, gib mir doch mal das Fotoalbum! Hier siehst du, was für ein kleines Zettelchen das ist. Ich hüte es wie einen Talisman. Sinngemäß steht dort, dass man meine Eltern mit einem Güterzug noch durchfahren lassen soll, weil ich allein vorausgefahren bin.
Dieses kleine Stück Papier war wahrscheinlich lebensrettend für mich und meine Eltern. Das habe ich mir im Laufe der Jahre immer wieder gesagt. Aus dieser sehr persönlichen Erfahrung, wie wichtig es ist, dass es auf der Welt uneigennützige Helfer gibt, haben Heinz und ich beschlossen, Menschen in politisch bedingter Bedrängnis zu unterstützen. Deshalb kümmern wir uns heute um politische Gefangene bei Amnesty International.«
23Bei einer anschließenden Rekonstruktion des Falles fand man heraus, dass aufgrund einer chemischen Reaktion der Zucker im Nachtisch das Strychnin neutralisiert hatte.
24Alexander Fjodorowitsch Kerenski (1881–1970) war seit Juli 1917 Chef der nach der Februarrevolution geschaffenen provisorischen Regierung, wurde von den Bolschewiki in der Oktoberrevolution abgesetzt und ging ins Exil.
25Heute Liepaja, Lettland.
26Dass Sonja an dieser Stelle berlinerte, was sie sonst nicht tat, mag damit zusammenhängen, dass ihre Mutter – zumindest scherzhaft – gelegentlich so mit ihr sprach.
27Wahrscheinlich war dies ein sogenannter ›Politkommissar‹ – die Kommunistische Partei setzte solche Kommissare zur Kontrolle aller öffentlichen Institutionen ein, damit diese stets im Sinne der Partei entschieden.
Strugi Bjelaja
Spurensuche, Berlin 2017
Warum entschloss sich Sonjas Vater gerade im Oktober 1918 zur Flucht? Was geschah in diesen Tagen genau in St. Petersburg? Wie verlief die Fluchtroute? Wo fuhr der Zug ab, wo war der Umsteigepunkt, an dem Sonja ihre Eltern verlor, und wo der Endbahnhof, an dem sie sie wieder traf?
Zunächst scheint es, als sei niemand mehr da, der mir diese Fragen beantworten könnte. Ich sende Stephanie meine Aufzeichnungen, aber weitere Details dazu kennt sie auch nicht. Aber sie schickt mir einen Scan des Propusk. Es handelt sich um ein winziges vergilbtes Zettelchen. Ich erinnere mich: Sonja bewahrte es in einem kleinen Pergamenttütchen in ihrem Fotoalbum auf. Es ist eine aus einem Notizbuch herausgetrennte Seite, fast quadratisch, mit vielleicht 3 x 3 cm Seitenlänge. Jemand hat mit Tinte nur ein paar Worte darauf geschrieben – übersetzt heißt es:
»Ich bitte das Mitfahren mit dem Güterzug zu erlauben, da deren Tochter 14 J. alleine nach Toroschino weggefahren ist.
8/10-18 Stempel: Strugi-Bjelaja. Kommissar [unleserliche Unterschrift]«
Das genaue Datum der Ausreise kenne ich damit auch – der 8. Oktober 1918. Toroschino muss eine Bahnstation sein. Aber wo im Umkreis von St. Petersburg und in welcher Entfernung könnte sich ein solcher Ort befinden? Auf der Landkarte finde ich nichts Passendes – er ist wahrscheinlich zu klein. Heißt er überhaupt noch so, nach den Ortsumbenennungen der Revolution und der Sowjetzeit? Auch die richtige Umschrift aus dem Kyrillischen erschwert die Suche. Ich nehme mir den Propusk wieder vor. Auf dem kleinen Stempelabdruck steht ›Strugi Bjelaja‹. Bjelaja heißt weiß – was bedeutet Strugi? Meine paar Brocken Russisch reichen dafür nicht. In der Hoffnung auf eine Übersetzung gebe ich ›Strugi Bjelaja‹ in die Suchfunktion des Browsers ein. Zu meiner Überraschung erscheint eine Website mit einem estnischen Text. Dazu fehlt mir nun jeder sprachliche Zugang … Aber so viel erkenne ich: er handelt von einer für Estland bedeutsamen Persönlichkeit – es steht ein Geburtsdatum da, dahinter ›Strugi Bjelaja‹. Also auch ein Ortsname – offenbar an der damaligen Grenze. Außerdem steht auf der Website etwas über das Jahr 1919, und danach ›Strugi Krasnyje‹. Krasnyj bedeutet rot. Ohne Estnisch zu können, verstehe ich: Strugi Bjelaja wurde 1919 in Strugi Krasnyje umbenannt, von weiß zu rot, unter dem Eindruck der neuen Machtverhältnisse. Die Zaristen, die Weißen, waren von den Roten besiegt worden. Ich suche weiter, gebe Strugi Krasnyje ein. Zu meiner Überraschung öffnet sich die Homepage der Deutschen Bahn. Ein Auslandsfahrplan erscheint:
St. Petersburg Vitebski 18:44, …, Strugi Krasnyje 22:14, Toroshino 23:06, Pskow Pass 23:43.
Da habe ich den Zug! Er endet – nach etwa 90 Kilometern – am Zielbahnhof Pskow (Pleskau). Dort muss Sonja auf die Eltern gewartet haben. Ich schaue mir die Karte an. Von Pskow geht eine Bahnlinie nach Westen, mit Endpunkt Riga. Von dort kann man nach Libau weiterfahren. Mit Hilfe der Deutschen Bahn habe ich die Fluchtroute rekonstruiert. Die Fahrt ist wahrscheinlich auch damals am Witebsker Bahnhof in St. Petersburg losgegangen. Die Hauptstrecke nach Pskow verläuft heute anders, aber auf alten Karten sehe ich, dass die Züge damals alle die Strecke benutzten, an der Strugi Bjelaja liegt.
Beim Betrachten der Landkarte stellt sich mir die nächste Frage: Wieso war hier, nördlich von Pskow, eine Grenze? Welche Länder grenzten hier aneinander? Die baltischen Staaten existierten damals noch nicht, sie entstanden erst durch den Versailler Vertrag 1919. Ich schaue historische Karten mit damaligen Grenzverläufen an. 1918 galt der Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Die darin festgelegte Grenze verläuft etwa 200 km weiter westlich, bei Riga, nicht bei Pskow.
Erst nach einigem Suchen finde ich den fehlenden BausteinXII: Etwa seit Mitte 1917 war die russische Armee faktisch kampfunfähig. Es kam zum Waffenstillstand mit Deutschland, dem es nicht ungelegen kam, keinen Zweifrontenkrieg mehr führen zu müssen. Die deutsche Regierung versuchte daraufhin, einen Separatfrieden mit Russland auszuhandeln – angesichts der schlechten Lage an der Westfront so schnell wie möglich. Die russische Regierung zögerte, denn die darin gestellten Konditionen waren denkbar schlecht. Um Russland zum Vertragsabschluss zu zwingen, rückten deutsche Truppen im Februar 1918 über die Waffenstillstandslinie vor. Die russische Seite war nicht in der Lage, Widerstand zu leisten. Um einen Vormarsch der Deutschen bis St. Petersburg zu verhindern, unterzeichnete die Sowjetregierung am 3. März 1918 hastig den Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Die deutschen Truppen befanden sich zu diesem Zeitpunkt schon gut 200 km östlich der Vertragsgrenze von Brest-Litowsk, Pskow war bereits besetzt. Nach dem Friedensschluss zog sich das deutsche Militär nicht etwa hinter die Waffenstillstandslinie zurück, sondern eine sogenannte ›Deutsche Polizeimacht‹ blieb in den besetzten russischen Gebieten. Die deutsche Regierung plante, sich diese Gebiete entweder nach Kriegsende einzuverleiben oder als Faustpfand gegen andere Forderungen einzusetzen.
Aus diesen in vielen Geschichtsbüchern nicht erwähnten Umständen des Friedens von Brest-Litowsk ergab sich die eigentümliche Demarkationslinie nördlich von Pskow, mit Strugi Bjelaja als Grenzbahnhof. Pskow, wohin der Zug weiterfuhr, war noch im Oktober 1918 von deutschen Truppen besetzt. Andererseits war zu dieser Zeit die totale Niederlage Deutschlands bereits absehbar, sodass es eine Frage der Zeit war, bis die sogenannte deutsche Polizeimacht abgezogen würde. Ich finde eine weitere wichtige Information: Am 27. August 1918 wurde im sogenannten Deutsch-Russischen Ergänzungsvertrag (zum Vertrag von Brest-Litowsk) die Räumung der von Deutschland besetzten Gebiete festgelegt. Die Ratifizierungsurkunden wurden am 6. September 1918 ausgetauscht, darin war ein sofortiges Inkrafttreten festgelegt. Die Bekanntmachung darüber erfolgte am 1. Oktober 1918. Tatsächlich wurden Pskow und die Gebiete östlich der Linie von Brest-Litowsk im November 1918 mit der deutschen Kapitulation geräumt.
Vielleicht hatten Sonjas Eltern von diesen Vorgängen Kenntnis erhalten. Vielleicht packten sie die Koffer aus der Überlegung heraus, dass es umso schwieriger würde, Russland zu verlassen, wenn diese Demarkationslinie zurückwich. Verbreitete sich diese Nachricht mündlich unter den verbliebenen deutschsprachigen Petersburgern, las Gustav möglicherweise in der Zeitung davon? Hätte eine solche Information damals noch in einem in der Stadt erhältlichen Blatt gestanden? Wohl eher nicht. Es lässt sich nicht mehr rekonstruieren, über welche Informationskanäle die Hackels verfügten, aber in irgendeiner Weise werden diese Vorgänge den Ausschlag zur Flucht gegeben haben.
Um mehr Hintergründe zu bekommen, wie sich die Lage für die Hackels zwischen der Oktoberrevolution 1917 und ihrer Flucht im Oktober 1918 darstellte, suche ich nach großen und kleinen Ereignissen, die schrittweise das Leben der Menschen in Russland veränderten. Ich lese über die Schüsse des Panzerkreuzers ›Aurora‹, die Besetzung der Bahnhöfe und Telegrafenstationen durch die Bolschewiki usw. – die großen politischen Linien. Aber wie erlebten die Menschen in ihrem Alltag die bolschewistische Machtübernahme? Es mag sein, dass sie die heute als Meilensteine der Revolution betrachteten Ereignisse in ihrem Kriegsalltag zunächst kaum zur Kenntnis nahmen.
Die Dekrete der Sowjetregierung entfalteten nur langsam eine Wirkung auf den Alltag der Menschen. Die Kommunalisierung des Wohnraums wurde im März 1918 begonnen. Zunächst geschah dies aber vereinzelt und unsystematisch in Form willkürlicher Einquartierungen. Wer kein Haus besaß, merkte vielleicht zunächst nichts von der grundlegenden Änderung der politischen Ordnung.
Anfang 1918 dürfte das Geschehen in Petrograd mehr von der Endphase des Ersten Weltkrieges (und damit auch dem Verlauf der baltischen Front) als von der noch ungefestigten bolschewistischen Herrschaft bestimmt worden sein. Der deutsche Vormarsch, mit dem die Unterzeichnung des Friedensvertrages erzwungen werden sollte, löste bei der Regierung Panik aus. Sie fürchtete, im Falle der Einnahme Petrograds von den Deutschen entmachtet zu werden. Noch vor der Unterzeichnung des Friedens von Brest-Litowsk wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alle Regierungsfunktionen nach Moskau verlagert.XIII Vor der Bevölkerung wurde die faktische Flucht der Regierung zunächst geheim gehalten, aber sie wurde bald spürbar, weil sie zur weiteren Verschärfung der wirtschaftlich katastrophalen Lage beitrug. Die Eisenbahnlinien nach Süden waren durch die deutsche Besatzung unterbrochen, damit gab es keine Möglichkeit mehr, Getreide aus der Ukraine in die Stadt zu bringen. Auf den noch befahrbaren Eisenbahnlinien in Richtung Osten waren alle Transportkapazitäten wochenlang blockiert durch den Umzug der Regierung nach Moskau. Die Industrie erhielt keine Lieferungen mehr, sodass reihenweise Fabriken schließen mussten. Zwischen Januar und April 1918 wurde fast die Hälfte aller Petrograder Fabrikarbeiter entlassen.XIV Die Stadt entvölkerte sich zusehends – wer konnte, floh aufs Land, um sich irgendwie versorgen zu können. Die städtische Verwaltung funktionierte nicht mehr, Müll und Tierkadaver bleiben auf den Straßen liegen, es kam zur schlimmsten Choleraepidemie in der Geschichte der Stadt. In einer zeitgenössischen Quelle beschrieb ein Epidemiologe die Situation so: »Ich habe China, Persien und ganz Asien bereist, aber Zustände wie jetzt in Petrograd habe ich noch nirgendwo erlebt.«XV
Seit April 1918 kam es zu Hungerrevolten der Arbeiter, im Mai ging die Stadtregierung dazu über, diese gewaltsam niederzuschlagen. Damit begann die Phase des sogenannten ›Roten Terrors‹. Zunächst waren dies einzelne Maßnahmen wie Streikverbot, Einschränkung der Pressefreiheit, Razzien der Geheimpolizei, Erschießungen. Während des Sommers wurde die Situation immer chaotischer, und Ende August 1918 gingen die Bolschewiki zu einer strategischen Großoffensive über, um sich durch brutale Gewalt und Einschüchterung an der Macht zu halten. Es begann eine regelrechte Hatz auf sogenannte ›Feinde der Revolution‹, begleitet durch eine Pressekampagne, in der die Arbeiter in allen Zeitungen zum Hass auf die Bourgeoisie angestachelt wurden. Am 31. August erschien in der ›Krasnaja Gaseta‹ ein Leitartikel unter dem Titel ›Blut gegen Blut‹, der mit den Worten endete: »Soll das Blut der Bourgeoisie und ihrer Diener fließen – mehr Blut!«.XVI
Die ›Krasnaja Gaseta‹ war ganz sicher keine Zeitung nach Gustav Hackels Geschmack. Vielleicht wird er sie aber trotzdem gelesen haben, nachdem seine beiden bevorzugten Blätter, ›Slowo‹ und der ›St. Petersburger Herold‹, verboten worden waren. Las er die Leitartikel, in denen zur Lynchjustiz am Bürgertum aufgerufen wurde? Tat er das – wie früher – morgens auf der Toilette, oder war ihm die Freude an diesem Ritual inzwischen verleidet?
So oder so muss er die politische Radikalisierung der Revolution wahrgenommen haben – wahrscheinlich wurde auch das Textilimportgeschäft, für das er arbeitete, in dieser Zeit geschlossen und enteignet.
Sinowjew, Chef des Petrograder Stadtsowjets und enger Weggefährte Lenins, sagte im September 1918 in einer öffentlichen Rede: »Die Arbeiterklasse muss endgültig eine stahlharte Diktatur errichten und mit all ihren Feinden schonungslos abrechnen!«XVII
Jeder, der als ›Bourgeois‹ oder sonstiger Feind der Revolution ausgemacht wurde – zum Beispiel durch Denunziation der Nachbarn –, war nach neuer Rechtslage praktisch vogelfrei und konnte jederzeit abgeführt und erschossen werden. Tausende wurden nach diesem Prinzip im Sommer 1918 verhaftet. Der deutsche Konsul setzte sich im September für die Freilassung derjenigen ein, die aus Polen oder dem Baltikum stammten, und organisierte Ausreisemöglichkeiten in das deutsch besetzte Gebiet. Auch dies geschah vor dem Hintergrund, dass Deutschland beabsichtigte, in Friedensverhandlungen Ansprüche auf das Baltikum zu erheben. Diesem Schritt sah man sich näher, wenn man sich als eine Art Schutzmacht der dortigen Bevölkerung präsentierte. Eventuell bekam Gustav Hackel die Zugfahrkarten im Rahmen dieser Intervention des Konsuls. Soweit ich mich an Sonjas Erzählung erinnere, war ihr Vater nicht verhaftet worden. Er gehörte aber eindeutig zu einer Gruppe, der dies jederzeit widerfahren konnte. Er war im Baltikum geboren, seine Frau war Deutsche, das ließ die Hackels möglicherweise auf die Liste derjenigen rücken, denen die Deutsche Botschaft zu helfen bereit war.
Auch wenn sich all dies nicht mehr im Einzelnen klären lässt: den Entschluss zur Flucht trafen Hackels sowohl aus der Einschätzung ihrer faktischen Gefährdung als auch der präzisen Beobachtung der innen- und außenpolitischen Lage.
Lenin auf Briefmarken
Spurensuche, Berlin 2017
Gegen Ende meiner Recherchen stoße ich unverhofft auf die – oben bereits zitierten – Erinnerungen von Sonjas Cousine Eva Hackel. Als ich bei Stephanie in Kalifornien zu Besuch bin, um Sonjas Nachlass zu sichten, finde ich sie in einer der Kisten. Ich habe Jetlag, wache um zwei Uhr früh auf. Neben meinem Bett liegt für solche Fälle ein Stapel mit Dokumenten griffbereit. Mitten in der Nacht lese ich Evas Aufzeichnungen und finde dort eine sehr eindrückliche Passage über die Revolution und die Flucht aus St. Petersburg. Eva schreibt:
Die Sorglosigkeit unserer Familie ging 1914 verloren, und endgültig 1918 durch die Revolution. Nie werde ich die Eindrücke jener Monate vergessen: Soldaten und Kosaken randalierten auf den Straßen, Leichen schwammen in der Newa, auf unserem Schulweg waren ständig Schießereien, und der Hunger war zum Verzweifeln.
Vater verlor über Nacht alles, was er besaß – seine große Apotheke, sein Bankkonto, alles wurde verstaatlicht (d. h. konfisziert) und Vater hatte kein Recht mehr, auch nur den kleinsten Betrag abzuheben. Das war ein schwerer Schlag für meinen Vater, der sein ganzes Leben lang sehr hart gearbeitet und für die Zukunft gespart hatte, damit seine Familie abgesichert war. Er gönnte sich keine Extravaganzen, und wir lebten immer sehr bescheiden. Erst sehr viel später erfuhr ich, dass Vater in Russland ein ziemlich wohlhabender Mann gewesen war. […]
Als die russische Revolution ausbrach, waren wir – zum ersten Mal in unserem Leben – mit Gewalt, Krieg, Hunger und Armut konfrontiert.
Junge Offiziere, die aus dem Krieg heimkehrten, wurden grausam ermordet und in den Fluss geworfen, die Kosaken ritten die Hauptstraßen entlang und knallten mit den Peitschen, Soldaten plünderten und die Bevölkerung stand Schlange für ein Stückchen Trockenfisch oder matschiges Brot. An dieses Brot erinnere ich mich noch: man konnte das Wasser herausquetschen, und die Überreste waren Getreidespelzen und ein schwärzlicher Brei. Aber wir waren hungrig und aßen es. Mutter machte leckere Kartoffelpuffer aus Kartoffelschalen.
Nach einiger Zeit ergab sich die Gelegenheit, Russland zu verlassen, weil Vater in Lettland geboren war, das damals zu Deutschland gehörte. Das war im September 1918, und die Entscheidung zu gehen fiel meinen Eltern nicht leicht, weil wir nur persönliche Gegenstände mitnehmen durften, keinerlei Geld oder Wertsachen.
Aber auch die Ausreise aus Russland selbst war nicht einfach. Wir mussten uns am Bahnhof anstellen, nur zentimeterweise ging es voran, bis alle 1000 Leute durchsucht worden waren und durchgelassen wurden. Zum Glück war der September nicht sehr kalt, denn das Anstehen dauerte zwei Tage, und die Schlange begann schon draußen vor dem Bahnhof.
Als wir an der Reihe waren, wurden wir nach Bargeld, Schmuck und Lebensmitteln durchsucht. Wir durften nur so viel zu essen mitnehmen, wie wir für die Reise brauchten. Endlich wurden alle Reisenden in Viehwaggons geladen, 36 in jeden, mit kleinen Kindern, Hunden und Gepäck. Mutter war kurz vor einem Nervenzusammenbruch, denn sie hatte seit Tagen kaum etwas gegessen, damit wir Kinder ein bisschen mehr hätten. In diesem Zug verbrachten wir vier Tage und Nächte, wir wuschen uns draußen, immer wenn der Zug irgendwo im Nichts anhielt. Die kleineren Kinder und die alten Leute durften nicht aussteigen, denn man musste ziemlich weit herunterspringen, aber mein Vater und ich (meine Schwester Nora war auch krank) rannten nach vorne zur Lokomotive, um ein bisschen heißes Wasser für uns alle zum Waschen zu bekommen. Ich war damals 15, und obwohl ich all das Tragische um mich herum sah und hörte, genoss ich dieses Abenteuer sehr.
Bei der Ankunft in Pleskau wurden wir unter Quarantäne gestellt, um zu verhindern, dass wir Typhus oder irgendeine andere Krankheit nach Deutschland brächten. Zu dieser Zeit war Pleskau von den Deutschen besetzt. Wir wurden in Baracken gesteckt, die während des Krieges mehrfach zwischen Russen und Deutschen den Besitz gewechselt hatten und entsprechend verdreckt und voller Wanzen waren. Jedem von uns wurde ein Strohlager zugewiesen, je drei bis vier Familien zusammen in einem kleinen Raum. Am nächsten Morgen war Mutter überall am Körper und im Gesicht ganz geschwollen von Floh- und Wanzenbissen. Alle Beschwerden waren vergebens, bis Mutter nach 24 Stunden ernsthaft krank wurde. Danach durfte unsere Familie und noch eine weitere in einen kleinen Raum mit Pritschen umziehen.
Wir wurden alle geimpft gegen Typhus und in Gruppen von je 50 zur Entlausung geschickt. Von Soldaten bewacht mussten wir durch die Stadt zu einem öffentlichen Bad gehen, wo unsere Kleider desinfiziert werden sollten.
10 Tage dauerte dieser Albtraum, dann wurden wir herausgelassen, und mit dem wenigen Geld, das Vater herausgeschmuggelt hatte, fuhren wir nach Libau, um dort zu wohnen. Dort trafen wir Vaters Bruder [Gustav], seine Frau [Flora] und seine Tochter Sonja, die in meinem Alter war.
Alle zusammen lebten wir in vier möblierten Räumen, vier Erwachsene und vier Kinder. Die Erwachsenen waren sehr niedergeschlagen und unruhig, aber sie hofften immer noch darauf, dass die Bolschewiken sich nicht länger als drei oder vier Monate halten könnten.
Mutter war für’s Einkaufen und Kochen zuständig, und meine Tante für unsere Erziehung, und sie versuchte, uns bei Laune zu halten. Mein Vater und sein Bruder waren die meiste Zeit des Tages unterwegs und versuchten, Arbeit zu finden, aber natürlich gab es keine Hoffnung darauf.
Unsere Tante unterrichtete uns, und nebenbei las sie uns deutsche Klassiker vor. Was uns davon am besten gefiel, war Reuter auf Plattdeutsch.
Die restliche Zeit genossen wir unsere Freiheit als Teenager. Wir fanden bald heraus, wie klein die Stadt war und wie schnell sich Klatsch und Gerüchte verbreiteten. Eines Tages beschlossen meine Cousine Sonja und ich, ein ganz und gar absurdes Gerücht in die Welt zu setzen, um zu sehen, wie schnell es zu uns zurückkäme. Nach angeregter Beratschlagung setzten wir die Geschichte in Umlauf, Russland habe Briefmarken mit Lenins Bild herausgebracht. Wir brauchten nicht lange zu warten, bis unsere Väter mit eben dieser Geschichte nach Hause kamen. Wir hatten große Mühe, ernst zu bleiben – aber sagten kein Wörtchen – und bis zum heutigen Tag weiß niemand, dass dies unser Werk war, aber ein Jahr später geschah es tatsächlich.
Obwohl wir entwurzelt waren und unsere Eltern in großer Sorge, genossen wir Kinder (16, 15 und 8 Jahre alt) das Leben, wo immer wir konnten, und unsere Eltern konnten oft nichts ausrichten gegen unser grundloses Gekicher.
Im Jahr 1919, sobald der Krieg vorbei war, zogen wir nach Berlin, zu einer Schwester meiner Mutter, die eine Arztpraxis hatte (unsere Tante Hanna) und in einer ziemlich großen Wohnung lebte. In ihrer Großzügigkeit und immerwährenden Hilfsbereitschaft bot sie an, uns alle bei sich aufzunehmen. Die erste Sorge, für Vater eine Arbeit zu finden, war bald gelöst, er machte Schichtarbeit in einer Apotheke, die viel kleiner war als die, die er besessen hatte.
Vater war damals 50 Jahre alt, und es war kein einfacher Schritt für ihn. Aber mit seinem üblichen Optimismus – er sagte in egal welcher Situation: ›Wahrscheinlich ist das zu irgendetwas gut‹ – kam er gut zurecht und war glücklich, wieder für seine Familie sorgen zu können.
Das nächste Problem war, für uns eine Schule zu finden, meine ältere Schwester Nora und ich verstanden und sprachen ein bisschen Deutsch, aber meine kleine Schwester Nina konnte es gar nicht. Meine Schwester und ich wurden in dieselbe Klasse einer Mädchenschule geschickt, um irgendeinen Abschluss zu bekommen. Mit unserem Wissen waren wir in unserer russischen Schule ziemlich weit fortgeschritten gewesen, aber die Sprachschwierigkeiten machten uns zu schaffen. Die Mädchen in unserer Klasse kriegten bald heraus, dass Algebra und Geometrie für uns kein Problem waren, weil wir das schon gehabt hatten, und schrieben von uns die Hausaufgaben ab, wenn sie sie alleine nicht konnten. Eines Tages fragte die Lehrerin die Klasse, warum auf einmal alle Mädchen ihre mustergültige Lösung der Aufgaben in fehlerhaftem Deutsch schrieben. Dieses Schuljahr mit meiner älteren Schwester in derselben Klasse war eine unglückliche Zeit, wir vermissten unsere alte, wunderbare Schule, hatten Heimweh und mussten uns die Schulbücher teilen, denn meine Eltern konnten sich zwei Exemplare nicht leisten. Unsere Art zu lernen war sehr unterschiedlich. Meine Schwester war sehr gewissenhaft. Ich lernte schnell, aber vergaß alles genau so schnell wieder. Die meiste Zeit zankten wir uns und gingen oft auf getrennten Wegen nach Hause, um uns nicht sehen zu müssen. Trotz dieser unglücklichen Schulzeit hatte ich in diesem ersten Jahr in Deutschland auch viel Spaß. Ich war 16 und tanzte für mein Leben gern – es war mein Glück, dass wir bei unserer Ankunft in Berlin eingeladen wurden, einmal in der Woche bei Freunden meiner Tante an Tanzstunden teilzunehmen. Das war die Familie Zuntz, und damit begann eine lebenslange Freundschaft.
Ich machte begeistert mit und konnte es vom einen bis zum nächsten Mittwoch kaum aushalten […].
Während ich Evas Geschichte lese, fällt mir ein, dass Sonja mir damals die Anekdote mit der Lenin-Briefmarke erzählte – das hatte ich ganz vergessen. Die trügerische Natur des Erinnerns wird mir hier bewusst: viele von Sonjas Formulierungen klingen mir noch wörtlich im Ohr. Aber auch Bilder im Kopf prägen meine Vorstellung. Die an den Anfang dieses Buches gestellte Filmsequenz, die immer wieder in meinem Kopf ablief – Sonja allein im Eisenbahnwaggon – drückt aus, wie ich mir die Flucht damals vorstellte. Angesichts der Diskrepanz zu Evas Schilderung überlege ich, ob Sonjas Flucht weniger beschwerlich abgelaufen sein kann. In gewissem Rahmen mag das sein: Aus dem Propusk geht hervor, dass die Ausreise am 8. Oktober war. Eva schreibt, dass ihre Familie St. Petersburg schon Ende September verließ, Sonjas Familie jedoch bereits in Libau war, als sie endlich dort eintrafen. Deren Reise ging also offenbar trotz späterer Abfahrt schneller. Dass der Zug rascher durchkam, ist nur mäßig wahrscheinlich. Vielleicht hatten sie aus irgendeinem Grund die Quarantäne in den Militärbaracken von Pskow vermeiden oder abkürzen können.
Aber hat Sonja mir die Flucht nicht so hart geschildert, wie sie gewesen sein muss? Oder habe ich die Dinge, die jenseits meiner damaligen Vorstellung lagen, schlicht vergessen? Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Sonja genoss es, ihren abenteuerlichen Lebensweg spannend und für Zuhörer eher unbeschwert zu erzählen. Eigenes Leid in den Mittelpunkt zu rücken, lag ihr nicht. Die Fluchtgeschichte hörte ich gleich am ersten Abend. Heute denke ich, dass meine damalige Vorstellung der Revolution von romantisierten Darstellungen (etwa der Hollywood-Verfilmung von ›Doktor Schiwago‹) beeinflusst war. Sofern Sonja solche Umstände wie eine viertägige Reise im Viehwaggon, Krankheit, Entlausung, Quarantäne mir gegenüber erwähnt hat, fehlte mir wahrscheinlich damals die Vorstellungskraft, diese in das naturalistische Bild umzusetzen, das sich aus Evas Beschreibung ergibt.
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