Читать книгу: «Exit»

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Der Autor:

Daniel Juhr, geb. 1978, lebt als Autor, Texter und Verleger in Wipperfürth. Er hat nach zahlreichen Arbeiten als Journalist verschiedene Kurzgeschichten veröffentlicht. „Exit“ ist sein erster Roman.

Impressum

© 2011 by Daniel Juhr

Alle Nutzungsrechte by JUHRVerlag

Waldweg 34a

51688 Wipperfürth

www.juhrverlag.de

Lektorat: Volker Maria Neumann

Korrektorat: Christoph Nettersheim

Nutzung des original „Exit“-Logos mit freundlicher

Genehmigung von Wolfgang Hilbrich

Coverreinzeichnung: Grazyna Witkowski

Reprosatz Neumann

www.reprosatz.de

Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten der Hauptfiguren mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Wenn authentische Beschreibungen lebender Personen verwendet wurden, so geschah dies mit ausdrücklicher Genehmigung der betreffenden Personen.

Das Werk ist vollumfänglich geschützt. Jede Verwertung wie zum Beispiel die Verbreitung, der auszugsweise Nachdruck, die fotomechanische Verarbeitung sowie die Verarbeitung und Verbreitung in elektronischen Systemen bedarf der vorherigen Genehmigung durch den Verlag.

ISBN: 978-3-942625-25-8

die

farbe

ist

egal

hauptsache

schwarz

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

Teil 1 Before night falls

Susann

Wolfgang und Vossi

Witold

Susann

Sam und Klaus

Susann

Sam und Klaus

Becky

Guido und Silke

Becky

Guido und Silke

Max

Guido und Silke

Peter

Max

Guido und Silke

Peter

Becky

Max

Zeitlupenbahn

Guido und Silke

Becky

Guido und Silke

Peter

Guido und Silke

Teil 2 Nothing else matters

Becky

Susann

Paul

Max

Zwischenspiel

Paul

Max und Anne

Paul

Max und Anne

Peter

Paul

Peter

Max und Anne

Paul

Peter

Max

Paul

Becky und Peter

Susann

Max

Becky und Peter

Susann

Paul

Susann

Becky und Peter

Paul

Susann

Teil 3 After dark

Wolfgang

Susann

Die Letzten

Anne, Max und Susann

Danke an …

Für Sandra

Im Exit begann auch unsere Geschichte.

Danke für all die schönen Kapitel.

Und die vielen, die wir noch schreiben werden.

Prolog

Die letzten Klänge verschwinden, bis nichts mehr bleibt.

Er nimmt den Kopfhörer ab und schaut auf die rotbraunen Fliesen der Tanzfläche. Die Discokugel, eines dieser Glitzerdinger aus den Achtzigern, reflektiert tapfer das Licht der Scheinwerfer und dreht sich einsam um sich selbst.

Als der letzte Ton verstummt ist, schauen sie ihn an. Er zuckt mit den Schultern und betrachtet sie, einen nach dem anderen.

Einer schnippt seine Kippe weg.

Eine reibt sich die Augen.

Einer schaut sich versonnen um.

Einer wischt sich Schweiß vom Gesicht.

Eine schließt einfach die Augen.

Einer dreht sich um und geht.

Eine lächelt.

Das Ende: Er hat diesen Moment kommen sehen. Er wusste, dass es passieren würde. Doch jetzt, da es so weit ist, spürt er einen Schmerz, den er nicht erwartet hat.

Und wie er so in ihre Augen schaut, während mit einem hellen Blink die Lichter der alten Neonröhren angehen, glaubt er in ihnen denselben Schmerz zu erkennen.

Es ist die Stille.

Sie haben den Laden aufgemacht, am Anfang fast jeden Tag. Das Ding rockt, und Menschen kommen, tanzen, reden, bleiben, leben hier. Freundschaften werden im Suff geboren, Ehen brechen auseinander wie ein Schiffswrack, Verlorene trinken und bemitleiden einander. Es ist eine Welt unterhalb der Welt. Du kommst nach Hause. Du kennst jeden, und es ist egal, was du anhast, wie du drauf bist oder ob du morgen in den Knast musst. Was da draußen zählt, all das Verkehrte, das dich jeden Tag einholt, gibt es hier nicht. Alles ist echt. Der Rauch, der Schweiß, das Schütteln der Hände, die Umarmungen, die Gespräche. Das Klack-klack der beiden Kicker-Tische hinter dem Eingang. Das Ploppen der Flens-Flaschen. Das Quietschen der Federn in den durchgesessenen, alten Sofas, die immer besetzt sind. Mit Einsamen. Mit denen, die jemanden gefunden haben. Und denen, die gerade dabei sind, jemanden zu verlieren.

Es ist Zippl in seinem weißen T-Shirt, wenn er seine einzige Tanzpause der ganzen Nacht vor der silbernen Pinkelrinne auf dem Herren-Klo verbringt. Zippl, der immer da ist, der als Erster tanzt und als Letzter geht.

Es ist das Knacken der Boxen, von denen jede Woche mindestens eine den Geist aufgibt.

Es ist der Kaffee im Bistro, gleich links neben dem Eingang, der dich durch die ganze Nacht bringt.

Es ist Witolds schulterlange Matte, die er nicht aus Überzeugung trägt, sondern nur, weil er es einfach nicht zum Friseur schafft. Es ist die Ironie in seinem Blick, wenn er nachts um drei die letzten Tische selber abräumen muss, weil wieder mal einer der Flaschensammler nicht konnte.

Es ist das Kritzeln des Stiftes auf der Recyclingpapier-Songwunschliste, die auch garantiert gespielt wird. Und es sind die Songs. Es sind Vedder und Dickinson und Stapp und Etheridge und Morissette und Manson und Kiedis und Hetfield. Und all die anderen. Es ist der Gitarrenteppich, auf dem sie stehen, während sie dir einen Rock’n’Roll-Dolchstoß ins Herz jagen. Mitten rein. Du bist getroffen und willst, dass dieser Song, dieser Moment, diese eine Stelle nie endet. Jener Augenblick der Stille, ehe sie dir noch einmal den Refrain entgegenschleudern und du total ausflippst. Und vergisst, dass es hiernach überhaupt noch irgendetwas anderes gibt. Denn du willst nichts anderes.

Nur das hier.

Teil 1

Susann

Sie macht den Wagen aus und dreht Trent Reznor den Saft ab. Klappt den Spiegel runter, betrachtet sich darin. Sie sind wieder dunkler geworden, die Ringe. Die Wangen schmaler. Die Haut blasser. Die Jochbeinknochen auffälliger. Sie holt einen Kajalstift aus der kleinen, braunen Handtasche, die ihr Fred geschenkt hat, bevor es aus war, und verdunkelt ihre Lider. Sie verzichtet auf den Lippenstift.

Ihr Haar ist so, wie es sein soll, dunkelblond, glatt und lang. Ihr Haar, um das sie so große Angst hatte, hat alles mitgemacht.

Als sie vor dem Laden steht, ist es noch hell, Wolfgang muss schon drin sein, Witold sowieso, auch Vossis Wagen hat sie schon gesehen, wahrscheinlich schraubt der wieder an irgendwas rum. Sie schaut auf das weiß-schwarze Schild und lächelt. Vierzehn Jahre Exit. Immer eigentlich. Bis auf die letzten paar Monate, da war sie verhindert.

Und jetzt soll es das also gewesen sein.

Als sie eintritt, steht vorne niemand. Aber es riecht so wie immer: ein bisschen nach Rauch, der nie mehr aus den Wänden weichen wird, ein bisschen auch nach Putzmittel, ein bisschen nach Kaffee. Und es riecht alt. Das Ende steht vielerorts geschrieben. Am Putz, am Türgriff, an den alten Postern. Auf dem Tresen liegen wie vergessen ein paar Getränkechips, die mit dem Bild der Müngstener Brücke drauf. Sie dreht einen in der Hand und muss dabei lächeln. Zu Hause hat sie zwanzig von den Dingern. Sie legt ihn mit einem Klacken zurück.

„Hallo? Wer kommt denn da?“, hört sie Ellis Stimme aus dem Bistro. Sie tritt ein. Elli und Steffi hocken am Tresen, sie quatschen, trinken Kaffee, rauchen, hören Nirvana und wissen nur, dass sie eine Zeitlang krank war. Sie springen auf, laufen auf Susann zu und fallen ihr um den Hals.

Als Elli von ihr ablässt, betrachtet Susann fasziniert ihren Arm. „Es ist schon wieder größer geworden, oder?“

„O ja. Und du willst gar nicht wissen, wo es überall lang führt.“

„Doch, will ich.“

„Steffi, du! Na klar. Dass du das gerne wüsstest, wundert mich überhaupt nicht.“ Steffi lächelt verstohlen, aber es ist Show, sie streicht mit ihren Händen über die Jeans, zieht auffällig lasziv an ihrer Zigarette, pustet den Rauch durch halb zerschundenes, blondes Haar, das viel zu viele versaute Färbeversuche mitmachen musste.

Es entsteht jene Stille, die immer entsteht, wenn man einander weniger zu sagen hat, als man glaubte. Elli betrachtet ihr Tattoo, dann schaut sie Susann in die Augen, die wie geheimnisvolle, große, dunkle Kugeln in einem viel zu kleinen Gesicht stecken.

Susann schaut sich um im Bistro. Das wäre auch was, hat sie schon oft gedacht, wenn sie, irgendwann morgens, noch einen Augenblick zusammensaßen und die Nacht gemeinsam Richtung Morgen schickten: so ein Bistro. So wie das hier, klein, aber nicht winzig, mit einer Couchecke, egal, wie alt und abgesessen, ein einfacher, klarer Ort, an dem es einfache, klare Menschen und Dinge gibt. Dein Bier, dein Kaffee, dein Snack, und wenn wir den nicht haben, dann bestell dir halt ne Pizza hierher. Sie wollte jeden Abend hier sein, viele Menschen um sich haben, ihre Geschichten hören und die vielleicht irgendwann mal aufschreiben.

„Susann?“

Sie schreckt auf wie aus einem Tagtraum.

„Alles klar bei dir?“, fragt Steffi.

Sie sammelt sich, schaut die beiden an, lächelt: „Ja, es ist nur … ihr wisst schon.“

Steffi und Elli tauschen einen Sekundenblick, Elli beendet den seltsamen Moment: „Super, dass du noch mal an Bord bist, ehrlich. Wie geht’s dir? Warst ja jetzt echt ’n paar Monate weg, oder?“

„Ja. Ist wieder ganz okay“, lügt sie. „Also, Mädels, wie machen wir’s?“

„Die Susann: Kaum wieder da und schon voller Tatendrang. Sehr schön! Also: Steffi und ich gehen an die Große. Da kommen nachher noch zwei Aushilfen, dann sind wir zu viert, das muss langen.“

„Dann geh ich also vorne an die Kleine. Wer kommt noch? Betty?“

„Betty, ja. Die muss gleich hier sein“, antwortet Steffi und verdrückt sich hinter die Theke, um sich einen Tote-Aufweck-Kaffee zu machen. Susann schaut ihr nach, dann wirft sie einen Blick in die kleine Garderobe, eigentlich nicht mehr als ein Abstellraum mit einer Bügelstange dran, der ist um neun Uhr leer und um zwölf dann voll und um vier stehen sie dann davor, sind selber voll und haben keinen Plan, was davon eigentlich ihnen gehört, und sind deswegen auch schon im Winter bei minus dreizehn Grad im T-Shirt nach Hause gestiefelt.

Sie muss unwillkürlich lächeln.

Doch als sie einen Stich im Magen spürt, verzieht sich alles in ihrem Gesicht.

Elli schaut sie plötzlich besorgt an. „Schaffst du’s auch wirklich, Susann? Der Laden wird heute platzen.“

„Klar. Die eine Nacht, die mach ich auf einer Arschbacke.“ Die kleine Theke, gleich links neben dem Eingang: Wie viele Nächte hat sie hier gestanden? Wie viele Leute hat sie hier kommen und gehen sehen?

Sie spürt den nächsten Stich im Magen. Ignoriert ihn. Lenkt ab: „Was glaubt ihr, wer so alles kommt?“

„Na, was glaubst du denn? Alle natürlich! Alle werden kommen. Die, die immer da sind, sowieso, aber da werden auch einige auftauchen, die schon ewig nicht mehr hier waren und jetzt mit zur Beerdigung wollen. So wie man halt alle paar Jahre mal an Weihnachten in die Kirche geht. Wolfgang wird gar nicht wissen, wohin mit den Leuten, wart’s ab.“

„Wo ist der eigentlich?“, fragt Susann.

„Drinnen bei Vossi, glaub ich. Kommt gleich. Ist schon alles so weit okay, Vossi hat die Boxen auch eigentlich schon gecheckt. Aber du kennst ihn ja: Besser noch mal alles prüfen.“

Früher hatte Susann immer mal die Schreckensvision, wie eine der Boxen plötzlich einfach runterrauscht, mitten auf die Fläche, und drunter steht einer und der ist dann platt. Aber zum Glück sind die Dinger eben immer nur ausgefallen. Nicht runter. „Der kann schrauben, wie er will“, ruft sie lachend, „da wird auch heute wieder eine ausfallen.“

Steffi hebt ihre Tasse: „Natürlich, was denn sonst? Also: Auf den Abschied!“

Wolfgang und Vossi

„Na, läuft die Kiste?“

„Wenn ich Glück habe, ja.“

Vossi schiebt die Brille von seiner kahlen Stirn zurück auf die Nase und seufzt. Er steht also mal wieder auf der Leiter und fummelt an einer der Boxen rum. Wie fast jede Woche. Wie eigentlich immer. Wolfgang tritt neben ihn und schaut nach oben. „Das wird mir fehlen. Wie du da oben stehst und schraubst. Oder unten. Oder an der Anlage. Eigentlich schraubst du ja ständig. Wenn du nicht grade auflegst.“

„Wenn du Geizhals mal irgendwann zwischendurch ein paar Ocken hättest springen lassen, müsste ich hier gar nicht ständig rumschrauben.“

„Ich hol dir ein Bier.“

„Ja stimmt doch, oder nicht?“

„Stimmt nicht. Und ich hol dir jetzt ein Bier.“

Vossi zieht einen anderen Schraubenzieher aus der Tasche, den kleinen mit dem Schlitz, der ihm schon so manche Minischraube geöffnet hat, mit der ein Kabel fixiert werden musste, und er zieht noch einmal nach, sicher ist sicher. Er schaut zum DJ-Bereich rüber und denkt: Wie oft habe ich da eigentlich gestanden? Wie viele Leute sind die zwei Stufen zu mir hochgestiegen und haben den Block vollgekritzelt mit immer wieder den gleichen Songs? Über die Jahre wurden es mehr, zu den Klassikern kamen neue dazu, aber die alten blieben und er hat sie gespielt, ganz gleich, ob es nun seine Songs waren oder nicht. Er hat nie viel Theater gemacht, nie viel gesagt, er ist für die Musik da gewesen, nicht fürs Quatschen. Gleich wird er hier oben mit Uwe stehen, sie werden CDs durchkramen, ein paar von den Mädels werden sich dazustellen, ein bisschen reden, den Blick von oben auf die anderen genießen. Denn das ist es, hier oben stehen, einfach Musik machen und den Blick nach unten erleben. Er schluckt.

Als Wolfgang die Flasche aus dem Kühlschrank holt, hält er kurz inne. Ja, denkt er, wenn ich hätte. Aber hätte das mehr Leute gebracht? Wann ist der Augenblick gekommen, in der eine Zeit einfach vorbei ist? Ist es heute? War es schon vor ein paar Jahren? Oder ist es vielleicht doch noch gar nicht so weit? Es ist derselbe Moment, in dem Vossi gedankenverloren zum DJ-Bereich hinüberschaut, und er ahnt, dass auch Vossi gerade so einen Flash hat, der ihn in rasender Geschwindigkeit durch die Vergangenheit scheucht, mit vielen Fragen, aber wenigen Antworten.

Als er mit der Flensflasche zu Vossi zurückkehrt, fährt der erschrocken herum.

„Alles klar?“, fragt Wolfgang und reicht ihm die Flasche.

Vossi prüft zum dritten Mal die Lichtanlage, weiß längst, dass alles im Lot ist, pustet durch. „Klappt auch.“

„Ich weiß“, entgegnet Wolfgang. „Du hast es jetzt dreimal geprüft. Also dann.“

Vossi steigt ab, nimmt einen Schluck und lehnt sich an eine der schwarzen Säulen. Wolfgang stellt sich zu ihm, lässt zufrieden den Blick schweifen, streicht sich über den Mund, den alle paar Monate mal ein Schnurrbart bedeckt. Bis er dann wieder keinen Bock mehr drauf hat. Heute Nacht hat er auch keinen Bock drauf.

„Also, ist doch alles gut, wie immer.“

„Ja, alles wie immer.“ Dann, nach einem Moment der Stille: „Jetzt müssen nur noch die Kack-Rohre halten.“

Wolfgang lacht dreckig auf. Die Nummer mit Alfred. Wieder mal. Ein Vossi-Klassiker, auf ewig in den Annalen festgeschrieben. Heute werden noch ein paar Klassiker dazukommen.

„Mann, Vossi, so eine Schweinerei hatten wir bis dahin echt nicht gehabt. Und danach auch nicht mehr. Wer kam eigentlich auf die beknackte Idee, diese blöde Schleuse zu öffnen?“

„Na, der Alfred selber natürlich. Kommt der mitten in der Nacht zu mir und meint: Du, Vossi, das Rohr ist verstopft. Das hängt schon durch. Und ich sag noch: Schön, sammel du mal weiter Flaschen ein, ich hol den Witold. Aber nein, er will ja selber ran an den Revisionsschacht. Steht der davor und meint: So, dann dreh ich das Ding jetzt mal auf. Und ich noch so: Alfred, ich würde das nicht machen. Und er: Wieso? Macht der Witold doch auch. Und ich: Nee, der Witold würde ’nen Klempner holen und fertig. Und er: ’Nen Klempner? Brauch ich nicht. Nee, lass ma, ich mach das schon. Und dann dreht der das Ding mit seinen fetten, gelben Raucherfingern auf und kriegt das ganze Zeug ins Gesicht.“

„Und du hast danebengestanden. Mann, ich hab echt Schwein gehabt, dass ich mir das nicht geben musste.“

„Hunderter Strahl, volles Rohr. Ohne Witz: An Alfreds rechtem Ohr hing ne Binde, links ein Tampon. Den haben wir dann erst mal mit ’nem Schlauch abgespritzt. Und danach bin ich kotzen gegangen.“

„Der war danach auch nicht mehr da, oder?“

„Machst du Witze? Den hab ich gleich danach in die Wüste geschickt. Und Uwe macht mich danach noch an, warum ich so nach Kotze stinke. Da hab ich nur gesagt: Uwe, das möchtest du nicht wissen.“

Sie lachen beide in die Leere des Ladens hinein.

Vossi hat sich vorgenommen, nichts zu sagen. Aber er muss: „Was, wenn wir doch mehr Werbung gemacht hätten? Oder zusammengeschmissen hätten? Irgendwelche Events. Oder wenn wir …“

„Komm, hör auf, Vossi. Das Thema hatten wir schon. Das Ding ist durch. Die wollen ihren Rentnerpark, die kriegen ihn und gut. War doch auch kein Mensch mehr da in der letzten Zeit. Wir wussten, dass es so kommt. Du, ich, Witold, Uwe, alle. Seit die damit angefangen haben, hier unter der Brücke diesen Park hinzupflanzen. Lass einfach gut sein.“

„Wie geht’s denn dem Witold eigentlich?“

„Du kennst ihn doch.“

„Na, immerhin wohnt der hier.“

„Wohnt? Der lebt hier. Kann er doch auch morgen noch und nächste Woche, die Bude selber bleibt ja erst mal stehen. Nur weil hier unten nicht mehr gefeiert wird, lässt es sich doch oben noch hervorragend wohnen.“

„Du wartest also noch ein bisschen ab.“

Wolfgang schüttelt seufzend den Kopf. „Ach, sollen die hier mal ruhig ihre Auen hinsetzen und mir den halben Parkplatz zuklatschen. Ein Teil davon gehört mir, das wissen die, glaub ich, gar nicht. Den können sie dann gleich wieder zurückbauen. Nee, erst mal sollen die Ömchen hier schön an unserem Laden vorbeimarschieren und sich drüber aufregen, wie hässlich der doch ist: Mitten in unserem schönen Park so eine verkommene Hütte, also wirklich!“

Vossi schaut sich mit ernstem Blick um.

„Wir begraben unsere Jugend.“

„Du deine vielleicht. Ich bin doch längst ’n alter Sack.“

„Und? Was machen wir morgen?“

Doch Wolfgang lächelt nur, wie man es halt so macht, wenn einem keine Antwort mehr einfällt.

Witold

Der Dicke spielt wieder. Er hockt in seiner Bude, hämmert auf seine Orgel ein, die ihm Witold am liebsten aus der Wohnung holen würde. Früher kam der Dicke auch mal runter, in den Laden, haute sich eine Pizza rein, als es die hier noch gab, die gute vom Italiener, die machte ihn noch dicker, und er stampfte wieder nach oben in seine Bude, die mit dem Fenster zur Straße raus.

Witold schließt seine Wohnungstür ab, da fängt der Dicke auch noch an zu singen, es ist irgendwas von den Flippers, nur, dass die so halbwegs die Töne treffen. Der Dicke übt, denn morgen Nachmittag, wenn hier unten schon Feierabend sein wird, macht er munter weiter und spielt in irgendeinem Altenheim ein paar Omis einen vor.

Unten trifft er Wolfgang und Vossi.

„Wisst ihr, was ich so richtig schlimm finde?“

„Die Flippers?“, grinst Wolfgang.

„Ach, da bin ich ja fast schon dran gewöhnt. Nee, was ich viel schlimmer finde, ist, dass der die auch morgen noch spielt und übermorgen und nächste Woche auch noch. Wenn hier unten schon Sense ist, macht der da oben einfach weiter mit seinem Schlagermüll.“

„Aber passt doch“, überlegt Vossi, „Schlager, grüne Auen und Kaffeeklatsch. Wart mal ab, der Typ wird noch zum Star hier unten. Und Schlager machen wir doch auch manchmal.“

„Ja, aber das willst du ja jetzt nicht vergleichen, oder?“

Vossi schweigt grinsend.

„Vielleicht schafft er es ja mit seinen Auftritten wenigstens bald mal, die Miete zu bezahlen.“

„Keine Sorge, Wolfgang, wenn nicht, gehen wir morgen zu ihm rein und klauen ihm die Orgel. Und dann ist Ruhe.“

Als wäre es heimlich von der Decke gepurzelt, ist plötzlich wieder so ein Schweigen da. Nur der Dicke oben, der schweigt nicht.

Susann

Eben noch den Kaffee zum Wachbleiben, jetzt ein Flens: Sie machen es wie früher, ein Flens vorab, danach nur noch Cola und Wasser. Ab halb vier vielleicht mal einen Kurzen. Oder zwei. Oder drei. Ihre Flaschen klacken aneinander, sie schweigen für einen Augenblick, hängen ihren Gedanken nach. Susann blickt aus den Fenstern nach draußen, Steffi lässt den Blick über die alten Bilder an den Wänden gleiten, Elli dreht lächelnd ihre Flasche in der Hand. Aus den Boxen dröhnt Spacelord von Monster Magnet.

Es ist Steffi, die beginnt. „Wisst ihr noch, der Typ, den der Dirk mal hier angeschleppt hat, als ich noch gar nicht bedient habe? Dieser Schweizer?“

„Was war denn mit dem noch mal? War der nicht nur zu Besuch oder so?“

„Dachte ich auch“, antwortet Steffi und wippt wie immer automatisch im Takt mit. „Da sacht der Dirk: Guck mal, das ist der Schweizer. Der Typ stellt sich neben mich, kaum größer als ich, so die Kategorie Danny De Vito. Und ich, höflich wie immer …“

„Höflich? Du?“ Susann und Elli funkeln sich spöttisch grinsend an.

„Ruhe …“

„Mother-Mother!“, rufen die beiden plötzlich wie aus einem Mund, und Steffi wird langsam ungeduldig.

„Also: Wollt ihr das jetzt hören oder lieber singen? Und außerdem heißt es Fucker.“

„Quatsch, Fucker kommt erst am Ende. Zuerst heißt es Mother“, protestiert Elli und klopft im Takt des Songs auf ihrer schwarzen Lederhose herum. „Nee nee“, sagt sie dann übertrieben großzügig, „fahr mal schön fort.“

„Ja, danke“, beginnt Steffi. „Ja, ich dreh mich also zu dem um und frag ihn: Heißt du denn jetzt mit Nachnamen so oder kommst du nur aus der Schweiz? Der hört erst mal gar nicht zu, sondern starrt plötzlich wie besessen auf mein Bauchnabelpiercing, so als hätte der so was noch nie gesehen und wolle er das gleich rausziehen oder so. Ist mir ja direkt mal total suspekt. Er fragt also Häh?, ist ja auch laut im Laden, wie immer. Und ich frag ihn wieder, ob er denn aus der Schweiz komme. Da wird er ganz blass und ganz klein und meint nur: Nee, die nennen mich nur alle so, weil ich immer ein bisschen rieche wie ein Schweizer Käse.“

Elli prustet das halbe Bier über den Tresen, Susann grölt so laut los, dass es sie wieder in den Magen sticht, aber sie lacht es einfach weg. Und macht gleich weiter. „Ich hatte mal einen, der war auch immer da, Michael oder so. Oder Martin? Der war jedenfalls ganz früher auch immer da, dann mal weniger, aber egal. Der kommt irgendwann an ’nem Donnerstag um halb drei an die Bar, als schon kaum einer mehr im Laden ist, und meint nur: Du, ich muss jetzt leider gehen, aber ich wollte dich fragen, ob ich dich nächsten Donnerstag vielleicht mal kennen lernen darf?“

Elli prustet wieder los. „Susann, hör auf! Jetzt läuft mir die Suppe schon durch die Nase!“

„Was trinkst du auch, wenn ich zur Pointe komme?“

„Ist er wenigstens wiedergekommen?“

„Ja, aber sonst ist dann keiner mehr gekommen von uns, falls du das meinst.“

Sie hat ihn sogar noch vor Augen, wie er damals vor ihr stand, dieser Michael oder Martin, es standen danach noch so viele vor ihr. Mit manchen ging sie mit, krallte sich die kleinen Abenteuer, wenn ihr danach war. Wenn die Lampen angingen und die Relikte einer Rocknacht in alle Ecken des Exit gekrochen waren. Wenn sich Kippen in den Aschenbechern stapelten, bis sie über den Rand fielen, wenn Vergessene im Halbkoma mit vereinten Kräften von der Couch gehievt werden mussten, wenn das Schwarz der Wände nicht mehr schwarz, sondern seltsam dunkelgrau schimmerte im grellen Neonröhrenlicht. Sie liebte diese Zeit nach der Zeit, wenn alles egal war, wenn Ebenen verschwammen und sie absolut keine Ahnung hatte, wie der nächste Tag aussehen würde. Auch mit Fred hatte sie später viele solcher Nächte verbracht. Sie hatten sich in diese Nächte hineingestürzt, wie in einen tiefen dunklen Ozean, aus dem sie nie wieder auftauchen wollten. Schwerelos. Vielleicht war es die schönste Zeit überhaupt gewesen, das mit ihm. Es war ein 13. Juli, an dem sie plötzlich auftauchen musste. Um unterzugehen.

„Susann? Alles klar? Hallo!“

Sie zuckt zusammen, schüttelt sich kurz, schaut die beiden an. „Ich … ja … ich war nur gerade irgendwie …“

„Mal wieder ein bisschen weg, was? Vielleicht bei dem Typen, mit dem dann so gar nichts lief, oder wie?“, grinst Steffi, „also so ganz unwichtig scheint der ja dann wohl doch nicht gewesen zu sein, oder?“

Sie erwidert Steffis Grinsen mit Mühe, schüttelt auf eine Weise den Kopf, wie man es immer macht, wenn man einen unbequemen Moment zu überspielen versucht, und sagt plötzlich, mit klarer, fester Stimme: „Nein, Steffi. Es ging um jemand ganz anderen.“

Sie zieht damit eine Schneise des Schweigens, in dieser Sekunde macht der Lautsprecher dasselbe, spuckt dann die ersten Töne von L´Ame Immortelles Bitterkeit aus, und jetzt überlegt Susann, ob das vielleicht der Moment für sie ist zu gehen. Elli und Steffi tauschen hilflose Blicke, doch dann greift Elli sich ihr Flens, leert es in einem Zug, knallt es auf den Tresen und fragt: „Sagt mal, kennt ihr eigentlich noch den Foxy?“

Steffi nimmt es dankbar auf. „War doch dein Terrier, oder? Kreativer Name übrigens: Foxy für ’n Fox-Terrier.“

„Wart’s ab. Jedenfalls, mit dem hat mich mal einer beim Gassigehen gesehen. So ’n großer Schmaler, der war auch oft freitags mal da. Schaut mich an, von wegen, die kenn ich doch und so, ich also zurückgeschaut, genickt, er dann weiter.“

„Und?“

Und? Das fragt sich auch Susann, die den Versuch der beiden, das hier irgendwie am Laufen zu halten, so liebenswert findet, dass sie ihnen um den Hals fallen möchte. Und sie beschließt, dass sie bleibt, dass sie hierher gehört, zu diesen beiden und zu denen, die da drin jetzt noch schrauben oder aufräumen oder Musik sortieren oder was auch immer sie noch machen müssen, um diese Nummer hier heute Nacht durchzuziehen.

„Ihr seid echt so geil“, ruft sie plötzlich. Steffi antwortet sofort mit einem Lächeln und nimmt Susanns Hand in ihre, und Susann begreift, dass diese Hand jetzt das Beste ist, was ihr passieren konnte. Steffi dreht sich wieder zu Elli: „So, jetzt also: du und der Terrier.“

„Ja, sag ich doch, aber vor lauter Händchenhalten kommt ja hier keiner mehr auf den Punkt.“

„Jetzt erzähl.“

„Also“, fährt Elli fort, „der Typ trifft mich also beim Gassigehen.“

„Da warst du schon“, erinnert sie Steffi.

„Ja ja, jedenfalls, dann also derselbe Abend, ja? Merken: derselbe Abend. Und ich mach gerade Thekenpause. Und Vossi spielt irgendwas richtig Geiles, ich glaub, es war Toxity von System of a Down.“

„Sehr geil.“

„Und ich also auf die Fläche, da hatte ich grade das Riesen-Armtattoo ganz neu.“

„Das Ding, das jetzt überall ist“, hakt Susann noch kurz ein.

„Du sagst es. Ich gehe also richtig ab, und wer steht da plötzlich vor mir? Der Typ vom Gassigehen.“

„Und? Was macht der?“

„Was der macht? Der drückt mir ’ne Packung Frolic in die Hand. Mitten auf der Tanzfläche.“

„Hat der nicht gemacht.“

„Hat der gemacht!“

Wieder bricht das Lachen aus ihnen heraus, bei Susann sticht es zugleich in ihren Magen, sie schiebt den Schmerz wieder weg. Aber nicht weit genug.

Steffi schaut gedankenverloren an die Decke, mit einem ungeduldigen Geschichten-Sucher-Blick, und sie wird fündig: „Also, ich weiß noch, mich hat mal einer unter die Müngstener Brücke zum Kiffen eingeladen, in einer Vollmondnacht. Das fand ich echt romantisch.“

„Ach, Steffi …“

„Echt. Und ich bin mitgegangen. Natürlich nicht nur zum Kiffen.“

„Nee, natürlich nicht … Susann, alles klar bei dir? Susann? Susann!“

Aber bei Susann ist gar nichts klar. Sie entreißt Steffi ihre Hand, ganz unbewusst, presst sie gegen ihren Bauch, sie krümmt sich vor Schmerzen, denn die haben gerade wieder einfach so zugestochen, aber diesmal mit einem Riesenstachel, der durch ihr Innerstes durchgeht, und sie spürt, wie ihr alles hochkommt, sie versucht zu rennen, aber sie schafft nur drei Schritte und übergibt sich mitten ins Bistro, als Wolfgang durch die Türe kommt.

Sam und Klaus

Klaus steht irgendwo in Wuppertal-Vohwinkel am Ufer der Wupper, zieht sein Stirntuch nach und schiebt die abgewetzte schwarze Lederjacke mit den langen Fransen zurecht, die er sich mal irgendwann in Amiland besorgt hat. Das Ding ist älter als das Exit, und es hat auch mal deutlich besser gepasst. Er zieht sie vorne zusammen, zwingt einen Knopf ins Knopfloch, spannt den Bauch, der Knopf bricht aus. Eine Katastrophe.

„Verdammt, ich werde alt.“

„Du bist alt, Klaus. Was ist, passt die Jacke nicht mehr?“

„Sei ruhig und pump.“

„Musst mehr Bierchen trinken.“

„Du sollst pumpen!“

„Mach ich. Aber nicht mehr lange.“

Ein paar Meter weiter hat Sam aus einem überdimensionalen Gummilappen mit viel fester Treterei ein putziges, orangefarbenes Schlauchboot gemacht. Er tritt die Pumpe noch ein paar Mal kräftig durch, aus seinen grauen Schläfen rinnt der Schweiß bis zum Kinn, dort verfangen sich die Tropfen in einem langen, grauen Bart, der ihm bis auf die Brust reicht und immer länger wird, je mehr sich sein Chef darüber aufregt. Er prüft den Luftdruck, schließt das Ventil, pustet tief durch, streicht seine Mähne nach hinten, bindet einen neuen Zopf, zündet sich eine Kippe an, röchelt nach ein paar Zügen wie ein sterbender Büffel und ist nicht zufrieden. Skeptisch betrachtet er das Boot. „Also ich weiß nicht, Klaus. Das sieht so klein aus, das Teil.“

Klaus stutzt. „Stimmt. Was steht denn drauf, wie viele Leute da reinpassen?“, fragt er.

„Die Anleitung liegt bei deinen Sachen.“ Seine Sachen, dazu gehören auch eine Kiste Bier, sein alter Ghettoblaster und Schwimmwesten. Sie haben die Wagen oben an der Straße geparkt, alles den Hang runtergeschleppt, sie sind vorbereitet. Eigentlich. Klaus findet die Anleitung unter dem Bierkasten. „Hab sie“, ruft er, „hier steht: für vier Leute.“

Sam tritt neben ihn. „Zeig mal her … och, nee, oder? Nee …“

„Was denn? Sind doch vier Striche drauf.“

„Ja, du Idiot. Zwei große und zwei kleine. Das is ’n Familienboot. Mama, Papa und zwei Kinder. Schön mit Schwimmflügeln. Und da sollen jetzt wir beide rein, dazu deine Wampe, und Guido und Silke. Geil, Klaus, echt. Vielleicht setzt du beim nächsten Mal einfach deine Brille auf, wenn du so ein Ding kaufst.“

„Ich kauf garantiert nie wieder so ein Ding. Außerdem bist du doch da in dem Schwimmverein.“

„DLRG.“

„Ist auch egal. Wann kommen die denn eigentlich?“

„Müssten gleich da sein.“

„Und die wissen von gar nix?“

„Nee, die wissen nur, dass sie um acht hier sein sollen“, antwortet Sam, „mach doch schon mal ein bisschen Mucke an.“

Klaus schaut sich um und grinst. Sie werden also über die Wupper schippern. Zu viert in einem kleinen Bötchen.

„Auf so was kannst auch nur du kommen, Sam. Ist die wenigstens nett?“

„Das wird super, glaub ma. Und Silke wird dir gefallen, die ist absolute Klasse. Ehrlich, wenn zwei zusammenpassen, dann die und Guido.“

„Und heute sind das zwanzig Jahre?“

„Auf den Tag genau. Was suchst du denn jetzt wieder?“

Klaus hat sich hingekniet und nimmt die Schwimmwesten hoch. Schaut auf dem Boden herum, sucht, findet nichts. „Sam, wir haben nur drei Westen.“

„Was? Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Doch, hier. Oder siehst du noch eine? Also, ich nicht.“

„Scheiße.“

„Ja, Scheiße, Sam. Vielleicht setzt du beim nächsten Mal einfach deine Brille auf, wenn du wieder dein DLRG-Häuschen leerräumst.“

„Ja, ist gut, Klaus, ja? Ist gut. Unentschieden. Dann dürfen halt maximal drei von Bord gehen. Der Vierte säuft dann eben ab.“

„Solange du es bist und nicht Guido und seine Silke, ist es ja gut. Und ich schwimm ja eh oben. Mit meiner Wampe …“

„Weißt du was, Klaus? Vergiss die Westen. Lass die liegen, die braucht keine Sau. Ich setz mich doch nicht wie so ’ne Leuchtboje da rein.“

Susann

Es dauert eine halbe Stunde, bis sie sich wieder gesammelt hat und die Schmerzattacke weg ist. Sie haben sie im Bistro auf die Couch gesetzt. Wolfgang kniet vor ihr, Steffi und Elli sitzen neben ihr auf den Lehnen, halten ihre Hände, streicheln sie, sind einfach da und irgendwie doch ziemlich weit weg.

„So kann ich dich nicht arbeiten lassen. Das geht nicht. Letzte Nacht hin oder her.“

„Wolfgang, bitte. Ich hab mein Zeug dabei, ich nehme gleich zwei Tabletten, das sind echte Killer, aber die bringen mich schon durch. Es ist die letzte Nacht, und das ist meine Bar da vorne.“

„Ich kann das nicht verantworten.“

Sie schaut sie alle nacheinander an, sieht die Sorge in ihren Gesichtern. Wolfgang zieht die Stirn in tiefe Falten, Elli streichelt sanft ihre Hand, Steffi zieht nervös an einer Kippe und weiß nicht, wohin mit sich. Sie wissen, dass sie krank ist, aber nicht, wie krank sie ist. Sie haben keine Ahnung von dem, was die Ärzte ihr schon vor Monaten gesagt haben und auf welche Weise. Sie haben nicht da gesessen, allein, in irgendeinem Behandlungszimmer vor irgendeinem Typ, kaum älter als sie selbst, irgendwie Anfang dreißig. Sie waren nicht dabei, als er den Satz sagte, der sogleich etwas in ihr abtötete, jenen Satz, der mit „Tja, Frau Wilhelmi …“ begann, und als er diesen Satz, diesen endlosen Satz, schließlich mit irgendwas beendete, das so klang wie „… aber es gibt Möglichkeiten, zumindest die Schmerzen einigermaßen im Rahmen zu halten“, da hörte sie schon gar nicht mehr zu. Da liefen ihr längst die Tränen runter, aber die interessierten den Doktor nicht die Bohne, der sah jeden Tag Tränen, und je mehr er davon sah, desto mehr trocknete er selber aus.

Sie sitzen da, Wolfgang und Steffi und Elli, und sie haben keinen Plan, warum sie wirklich Schluss gemacht hat mit Fred, der sie aufrichtig liebte, aber sie wollte ihm das nicht zumuten, sie wollte ihm das ersparen, was mit ihr geschehen würde. Geschehen ist. Die Schmerzen, die Schwäche und das Kotzen. Vor allem das Kotzen.

Sie zog wieder zu ihrer Mutter, die alles aufgab für ihr einziges Kind. Ihre Mutter, diese wunderbare, starke Frau, die als Einzige Bescheid weiß. Über alles.

„Wolfgang, lass sie es versuchen.“ Es ist Vossis ruhige Stimme, als er plötzlich in der Tür steht. Susann springt auf, geht auf ihn zu, sie umarmen sich. Er lässt von ihr ab und schaut ihr in die Augen: „Du siehst jetzt nicht so superfit aus, aber du machst das schon.“

„Hab dich auch lieb, danke.“

Wolfgang wirft ihm einen ernsten Blick zu, Vossi nickt nur leicht zurück. „Also schön. Aber ich übernehme …“

Doch sie lässt ihn nicht weiter: „Alles gut, Wolfgang. Ich schaff das, fertig aus, ja?“

Sam und Klaus

Sam öffnet zwei Flaschen. Sie stoßen an, setzen sich auf die Kieselsteine und schauen der Wupper nach. Im Refrain von Paranoid springt Sam auf. „Ich geh mal in ’n Busch.“

„Verbrenn dir nicht den Sack. Da sind Brennnesseln.“

Während Sam verschwindet, nimmt Klaus einen tiefen Schluck und schaut der Wupper beim Fließen zu.

„Eigentlich war Riverside ja auch ein guter Name für den Laden, oder?“, sinniert Klaus vor sich hin.

„Wenn nicht sogar der bessere!“, ruft Sam aus dem Gebüsch.

„Warst du eigentlich auch mal in dem Puff oben drüber? Als es den noch gab?“

„Klar, du nicht?“

„Was? Du warst da drin? Im Ernst?

„Ja. Klar. Du also nicht?“

„Doch, doch“, murmelt Klaus.

„Bitte?“

„Doch, do-hoch!“

„Ach so. Und mir traust du’s nicht zu, oder was? Der Sam, der macht so was nicht, oder wie?“

„Nee, so ja auch nicht. Also, mein Gott …“

„Der Typ, dem der Laden gehörte, also der Puff, der wohnt immer noch oben drüber, wusstest du das? Hat mir Wolfgang mal erzählt. Überleg mal: Der Typ, also der Mieter, der hat da unten anschaffen lassen und damit Kohle gemacht und die überweist er jetzt als Miete an Wolfgang. Hammer, oder?“

„Wie oft warst ’n du damals da, Sam? Im Puff, mein ich.“

„Einmal und nie wieder, was sonst. Gibt so Sachen, die macht man einmal und nie wieder. Heiraten zum Beispiel. Mach ich auch nie wieder. Nee, im Ernst: Ich hab das einmal gemacht und bin danach lieber nur unten geblieben. Und du?“

Klaus zögert.

„Klaus?“

Keine Antwort.

„Wie jetzt? Etwa öfter?“

„Och so … ein, zwei Mal öfter vielleicht als du. Da kannten wir uns aber noch nicht, glaub ich.“

„Echt? Mehrmals? Sieh mal an … aua!“

„Aha, jetzt ist es passiert, oder? Hab dir doch gesagt, da sind Brennnesseln drin! Und, zieht ordentlich, was?“

Ozzy Osbourne gröhlt ein People say I’m insane in die Nacht, aber in der nächsten Sekunde streikt der Blaster und spuckt nur noch ein zackiges Gn-gn-gn aus.

„Sag mal, Sam, wie lange pinkelst du eigentlich? Das Teil hier springt schon wieder! Wie letztens beim Grillen an der Bever. Also, wenn wir das Ding schon ständig mitnehmen, dann will ich auch was Richtiges und nicht jedes Mal so ein blödes Gn-gn-gn. Und grad läuft Paranoid!“

„Wieso? Ozzy und Gn-gn-gn, das passt doch!“

Sam ist aus dem Busch herausgekrochen und setzt sich wieder ans Ufer. Die Puffabenteuer von Klaus findet er jetzt spannend.

„Also, Klaus, dann pack doch mal aus: Du warst also öfter mal da oben einen wegstecken, ja?“

„Ist gut jetzt.“

„Nee, ist doch gar nicht schlimm, wir haben alle so unsere Macken. Wie alt warst ’n du da? Mitte zwanzig? Kommt hin, oder, wenn du nächsten Monat fünfzig wirst.“

„Ich werde niemals fünfzig.“ Doch, denkt er im selben Moment, das werde ich, und ich weiß wirklich noch nicht, wie ich das aushalten soll.

„Und, immer bei derselben oder Bäumchen, wechsel dich?“, beginnt Sam wieder.

Klaus verzieht das Gesicht. „Geht dich zwar gar nix an, aber: immer bei derselben. Können wir jetzt über was anderes reden?“

„Du hast damit angefangen.“

„Ja, und jetzt beende ich es.“

Klaus schaut mit ernstem Blick aufs Wasser. Sam betrachtet seinen Freund und spürt, dass er da gerade etwas entdeckt hat, was wohl eigentlich verborgen bleiben sollte. Eine lapidare Laberei hat plötzlich etwas zu Tage gefördert. Da war was zwischen ihm und einer Nutte im Riverside. Und es scheint wohl was bedeutet zu haben.

„Wie hieß sie denn?“

„Noch ein Wort und du kannst alleine Bötchen fahren.“

In diesem Augenblick durchschneiden Scheinwerfer das kleine Waldstück über ihnen, ein Hupen ertönt.

„Na endlich“, murrt Klaus, froh, erst mal aus der Nummer raus zu sein.

Sam steht lachend auf. „Dann kann die Party ja beginnen.“ Dann, grinsend an Klaus gewandt: „Aber ich komm garantiert später noch mal drauf zurück!“

Becky

Es klappt wieder nicht. Verdammt. Sie reißt sich zusammen: Ganz ruhig, du kannst das. Also: Schön den rechten Fuß hochziehen und aufstampfen.

Stampf.

Nein, doch nicht so! Gleichzeitig! Ferse und Vorderfuß im selben Augenblick, nicht nacheinander. Zugegeben: Das geht in Pantoffeln ganz gut, aber nicht in kniehohen, schwarzen Lackstiefeln. Sie atmet tief durch. Der siebzehnte Versuch ist das jetzt gewesen. Fuß hoch und …

Blödsinn. Blödsinn! Das kann ja gar nicht gehen. Der siebzehnte Versuch, wie lächerlich. Bei so einer krummen Scheißzahl geht das schon mal überhaupt gar nicht.

Stampf.

Stampf.

Stampf.

So, jetzt ist sie bei zwanzig. Das klingt schon besser. Zwanzig: prima Zahl. Durch vier teilbar, eine Null hinten, ja, das mag gehen. Aber wenn es jetzt nicht klappt, was dann?

Vierundzwanzig? Vierundzwanzig, das ist gut, fast besser als zwanzig sogar, aber erst mal schauen, ob es nicht jetzt schon funktioniert.

Sie schließt die Augen und konzentriert sich. Fuß hoch. Sie hält inne. Und runter:

Ja! Ja! Ja? Wirklich?

Verdammt: Ja! Jetzt red mir nix anderes ein!

Sie atmet tief aus. Endlich. Ein kleines Lächeln aus Erleichterung huscht ihr über die Wangen. Eigentlich eine echt gute Zahl, diese Zwanzig, findet sie. Von ihrem Sechsundneunzig-Rekord ist sie da noch ganz weit entfernt.

Der Sechsundneunzig-Rekord, aufgestellt am 27. Februar 1997 um 2 : 27 Uhr in der Früh, das war wirklich hart. Anderthalb Stunden stand sie damals vor dem Bett und war nicht in der Lage, sich einfach hineinzulegen.

Jetzt sitzt sie im Auto und hat gerade ihren rechten Fuß rausgehievt. Kurz nach acht, sie ist natürlich wie immer die Erste, das lässt sich doch ganz gut an. Jetzt muss sie nur noch den linken Fuß nachziehen, darf dabei aber den rechten nicht bewegen. Sie weiß: Da ist eine Vierundzwanzig nicht drin.

Eins.

Nein! Mit den Zehen zuerst aufgekommen, also so geht’s nun echt nicht.

Zwei.

Jetzt ist es die Ferse. Sie setzt sich eine Dreißig als Ziel.

Bei fünfunddreißig hat sie das Gefühl, der Absatz breche gerade ab, bei siebenunddreißig macht sie eine Pause. Sie ist nicht in Form heute mit dem linken Fuß. Vielleicht ist der Tag in der Klinik zu hart gewesen? Oder die verdammte Fahrerei nach Hause? Vier Umwege hat sie machen müssen, weil die Stadt vier neue Baustellen aufgemacht hat und alle liegen auf ihrem Weg zur Arbeit. Oder war es vielleicht doch der Anruf von Lily, die sich wieder von ihrem Freund hat verdreschen lassen und deswegen die letzte Nacht des Exit leider nicht live erleben wird? Oder … jetzt auch noch Ursachenforschung zu betreiben, ist ihr eigentlich ein bisschen zu anstrengend.

20 : 20 Uhr.

Sie muss jetzt mal zu Potte kommen, denn gleich sind die anderen da. Das ist ihr in all den Jahren erst dreimal passiert: nicht die Erste im Schuppen zu sein. Es endete sogar einmal damit, dass sie keinen Song in Ruhe durchtanzen konnte. Dass sie abbrach. Dass sie eher ging. Dass sie danach drei Stunden brauchte, um es von der Wohnungstür bis ins Bett zu schaffen. Dass sie die ganze Nacht wach lag. Und sich in Gedanken zur Ersten machte. Sich vorstellte, minutiös, wie sie um halb neun als Allererste an Wolfgang vorbei in diesen Schuppen spaziert, jeden Song durchtanzt, wie sie erst um halb vier wieder aus dem Laden heraustaumelt, wie sie erlöst zu Bett geht.

Das ist das Schlimme: Jetzt ist es schon wieder spät und jetzt muss sie. Dann geht es meist gar nicht.

Hör auf zu denken. Ha, das ist gut, flüstert sie, gerade jetzt aufhören zu denken, wo ich mittendrin bin, ihr Schlauberger da oben, ihr seid ja wohl nicht mehr ganz dicht!

Nummer achtundfünfzig schlägt fehl, aber sie ist zuversichtlich, dass es bei sechzig hinhauen wird. Schnell die neunundfünfzig machen: Stampf.

Okay. Und jetzt ganz locker, ganz in Ruhe, 20 : 52 Uhr, da hinten sieht sie Scheinwerfer, da kommen welche, jetzt geht’s um alles.

Sie fixiert den rechten Fuß auf dem Asphalt, hebt den anderen heraus, kommt auf, stampf, Ferse und Vorderfuß gleich! Gleich? Hat sich da nicht doch einer vorgedrängelt?

Nein, das Kampfgericht in ihr hebt den Daumen, das sieht gut aus. Sie hat es geschafft, aus ihrem Auto zu steigen, in fast hundert kleinen Schritten. Es hat schon bessere Tage gegeben. Aber auch schlechtere. Und jetzt aber nichts wie rein.

Sie schließt den Wagen ab und auf, ab und auf, ab und auf und ab, beim achten Versuch ist es gut und sie rennt zum Eingang und endlich …

Verdammt: Heute ist Samstag.

Ja, schon, aber es ist doch die letzte Nacht.

Das zählt aber nicht, zischt die Stimme in ihr.

Es ist Samstag, und samstags wird gewürgt. Auch das noch.

„Mann, ich will da rein!“, ruft sie zu niemandem.

Keine Chance, das lässt die Stimme in ihrem Kopf niemals zu, sie weiß es. Nicht ohne Würgen. Sie schließt die Augen, berührt jeden ihrer acht Ohrringe im linken Ohr, dann alle acht im rechten Ohr. Sie zieht viermal an ihrem Zungenpiercing, beim vierten Mal bleibt sie hängen und schreit quiekend auf.

Aber das war’s noch nicht. Sie muss noch würgen. Viermal, Minimum. Bis ihr die Tränen kommen.

Guido und Silke

Oben steigen Guido und Silke aus einem alten grünen Fort Taunus, den Guido so lange behalten wird, bis ihn nur noch der Dreck zusammenhält. Bis dahin wird er ihm jede Woche einmal Waschstraße gönnen, mit einem Durchschnittsverbrauch von sechzehn Litern zufrieden sein und sich von Silke an den Wochenenden durch die Gegend kutschieren lassen. Er schaut ihr zu, wie sie den Wagen abschließt und ihn umkurvt. Betrachtet ihr langes rotes Haar, wie sie es über die Schulter wirft, ihr markantes Gesicht, in dem er jede einzelne Sommersprosse liebt, ihren großen, weichen Mund, die kleinen Fältchen um ihre Katzenaugen, den herausfordernden Blick, den sie ihm so oft zuwirft. In ihrer schwarzen Wildlederhose gehört sie eigentlich auf eine Harley, und vielleicht kann er sich auch mal irgendwann eine für sie leisten. Aber bis dahin muss Guido noch eine Menge Bürgersteige und Straßen bauen und Silke noch viele Jahre Kaffee und Kuchen servieren und sich dabei von cholerischen alten Gastroweibern ankacken lassen.

„So ein Teil. Das wäre noch viel, viel geiler als der hier.“

„Was meinst du, Schatz?“

Er hat wieder laut gedacht und es nicht gemerkt. Er lächelt.

Sie erwidert es sofort, stellt sich dicht vor ihn, wuschelt mit ihren Händen durch sein kurzes braunes Haar und küsst ihn zärtlich auf den Mund, lässt dann ihre Lippen wandern. Auf sein blindes linkes Auge. Auf die Narbe, die sich wie ein schmaler, dunkler Faden kurz vor seinem Ohr am hinteren Rand der linken Wange bis zum Hals hinunterschlängelt. Sie hat ihn so kennen gelernt. Als es passierte, baute er gerade seinen zweiten Bürgersteig. Es kamen später Hunderte dazu, da passierte nichts. Aber es war ja auch genug geschehen. Es gibt Kollegen, die sagen, er dürfe gar nicht mehr arbeiten, mit nur einem Auge. Und dass irgendwann wieder was passiere. Aber er kann nichts anderes als Bürgersteige und Straßen bauen. Also baut er.

Sie lässt ihre Zunge an seiner Narbe entlangwandern, und ihm wird heiß und kalt. Sie liebt mich, denkt er.

„Och nichts. Ich hatte nur schon wieder unsere Harley vor Augen.“

„Zur Silberhochzeit. Das sind noch fünf Jahre, das schaffen wir. Versprochen.“ Und sie sagt es so, dass er es ihr einen Moment lang wirklich glaubt.

„Hallo?“, ruft er jetzt in den Wald hinein. „Wo seid ihr denn? Wir sehen nur eure Autos!“

„Hier unten!“ Sams Stimme. „Runter mit euch, worauf wartet ihr? Du warst doch schon hier, du kennst doch den Weg.“

„Echt, du kennst die Ecke?“ Silke schaut ihn ungläubig an.

„Wir haben uns hier früher ein paar Mal zum Trinken getroffen. Schön da unten am Wasser. Meine Fresse, das ist schon so lange her, das glaub ich gar nicht mehr.“

„Und was das jetzt hier werden soll, davon hast du gar keine Ahnung, ja? Das verstehe ich richtig?“

„Keinen Plan, ehrlich. Überraschung halt!“

„Und der andere ist jetzt auch ein Kollege von dir?“ „Klaus, genau.“

„Ach ja, richtig, Klaus.“

„Na, dann komm.“ Er nimmt sie an die Hand, steigt über die graue Leitplanke, die den kleinen Parkplatz vom Wald abtrennt, schiebt einen Busch beiseite und entdeckt den schmalen Trampelpfad, der hinunter ans Ufer führt.

Es sind nur ein paar Schritte nach unten.

„Downhill!“, schreit Guido plötzlich und beginnt zu laufen, er zieht Silke mit sich, die beschwert sich lachend, sie stürmen zwischen den Bäumen hindurch, stolpern ans Ufer, Guido erblickt Sam, dann das Schlauchboot, dann das Bier, und er versteht sofort und ist total begeistert, aber im selben Moment lässt Silke seine Hand los, denn sie erkennt Klaus, und Klaus erkennt Silke, und beide stehen sich starr gegenüber und sie sind alles, aber nicht begeistert.

Becky

Sie hört schon die Musik von drinnen. Die Counting Crows. Sie sieht Wolfgang an der Türe stehen. Verdammt, ihr Schweine da oben, ruft sie in sich selbst hinein, es sind die Counting Crows, es ist Mr. Jones, und ich sollte schon längst drin sein!

Sie hält inne. Ein Wagen fährt hupend an ihr vorbei, sie ist nicht sicher, ob da einer grüßen oder sie von der Straße scheuchen will, sie stolpert an den Wegesrand, bleibt stehen und denkt an Kotze. Sie denkt so lange an Kotze, bis es irgendwann reicht. Sie steht röchelnd neben einem Baum, und beim vierten Würgen muss sie sich sogar noch zusammenreißen, um sich nicht wirklich vor dem Eingang zu übergeben. Tränen schießen ihr in die Augen und laufen wie kleine Salzbäche an ihren Wangen hinunter.

Sie wischt sie weg, und es überkommt sie eine Erschöpfung, die zugleich eine tiefe Traurigkeit im Schlepptau führt. Die Stampferei, das war ja in Ordnung. Aber dieses Würgen ist jetzt echt zu viel. Direkt vor ihr huscht eine Gruppe von Leuten in den Laden. Sie schließt die Augen. „Was mache ich hier eigentlich?“

Aber niemand antwortet. So wie nie jemand antwortet, wenn sie diese Dinge tun muss.

Als sie endlich so weit ist, dass sie durch die Eingangstüre treten kann, lächelt Wolfgang sie an: „Hi, heute mal nicht die Erste? Hab mir schon Sorgen gemacht.“

Sie erwidert bemüht sein Lächeln, wischt sich die Augen, Wolfgang erkennt, trotz ihrer kleinen Nickelbrille mit dem schmalen, schwarzen Kassengestell, dass es Tränen sind.

„Hey, ist doch alles gut!“, ruft ihr Wolfgang zu.

„Ja?“

„Klar. Und? Lila oder grün oder gelb?“

„Lila.“

Witold knallt den lila-schwarzen Getränkechip auf den Tisch, sie hat von jeder Farbe einen zu Hause, so wie sie vier Exit-Feuerzeuge zu Hause hat und eine Exit-Tasse. Sie wird ihn gleich gegen das erste Flens des Abends eintauschen. Nein, vorher Kaffee.

Plötzlich fällt sie Wolfgang um den Hals, drückt ihn an sich, er spürt ihren schlanken, knochigen Körper, das schwarze Lackoberteil. Seine Hände umschließen ihre dünnen, tätowierten Oberarme, legen sich dann auf ihr kurzes, pechschwarzes Haar. Als sie von ihm ablässt, schauen sich beide in die Augen. Ihre funkeln tiefschwarz, seine strahlen die Ruhe von einem aus, der schon all das gesehen hat, worüber andere maximal schreiben.

„War schön.“ Beinahe schluchzt sie.

„Ist es doch. Noch ist nicht zu. Rein mit dir, lass es krachen.“

„Gleich. Erst brauch ich meinen Kaffee. Auch heute.“

Steffi erwartet sie bereits im Bistro.

„Ultrastark, das Zeug, das schwör ich dir. Damit kannste bis morgen um neun durchmachen.“

„Danke.“

Sie hält eine dunkelrote Tasse hoch, auf der in weißer, halb abgebröckelter Schrift das Wort „Lovely” steht. Becky streckt die Hand aus, spreizt die Finger und umfasst die Tasse so, dass sie einander nicht berühren und auch den Henkel nicht erreichen können. Das ist der einzige Nachteil an der Tasse: dass sie einen Henkel hat. In diese Tasse hat Steffi ihr am 13. Juni 1992 ihren ersten Exit-Kaffee eingeschenkt. Seither ist es ihre Tasse. Die Lovely-Tasse.

Steffi lächelt, Becky schaut ihr einen Augenblick länger in die Augen als sonst und erkennt, wie sie funkeln. Steffis Augen funkeln sonst nur so, wenn ihr eine gefällt. Sie bildet sich ein, dass sie für den Moment diese eine sein darf.

Guido und Silke

Guido weiß nicht, dass er sie einander nicht mehr vorstellen muss. Mit feierlichem Ton verkündet er: „Silke – Klaus. Klaus – Silke.“

„Hallo.“

„Freut mich.“

Schweigen.

Sam und Guido schauen sich an, irgendwas ist schief an diesem Bild, hier in der beginnenden Dämmerung am Kiesufer, über ihnen Wälder, vor ihnen der Fluss, zwischen ihnen etwas Undefinierbares. Vielleicht ist es auch der Rahmen, vielleicht sogar die ganze Wand. Aber sie wissen nicht, was es wirklich ist. In so einem Moment spult man den Film gerne einfach vor, man vergisst die Szene, aber rausschneiden kann man sie auch nicht. Sie ist da und sie wird irgendwann, später, noch einmal eine Rolle spielen. Sam ergreift die Initiative, reicht den beiden ein Bier, alle vier stoßen an: „Also, auf euren Zwanzigsten!“

„Und jetzt fahren wir Boot, oder was?“ Silke hat ihre Sprache wiedergefunden.

„Ja, nur leider ist es ein Familienboot für Eltern mit kleinen Kindern, wir werden also alle ein bisschen kuscheln, denn der Kasten Bier muss ja auch noch rein. Aber das passt schon. Und dann ab auf die Wupper.“

„Ach, und es fehlt genau eine Schwimmweste, also lassen wir die einfach ganz weg“, erklärt Klaus. Sie lächelt ihn höflich an und wünscht sich einen winzigen Augenblick lang, dass er gleich reinplumpst und nie wieder auftaucht. Und Klaus schaut sie so an, als wünsche er sich das auch.

„Und wo fahren wir hin?“, fragt Silke, „bis zum Rhein? Da sind wir dann aber erst morgen früh, oder?“

„Nee, nicht bis zum Rhein“, sagt Guido und funkelt plötzlich Sam an, „lass mich raten: Wir fahren ins Exit, richtig? Ich glaub’s nicht, das ist doch die Nummer, die wir immer mal machen wollten: mit dem Schlauchboot ins Exit fahren. Und dann da ’ne Runde abrocken. Mein Gott, wie lange war ich nicht mehr da?“

„Und du kannst auch nur noch heute. Der Laden macht morgen zu.“

„Richtig, hab ich gelesen. Bitter ist das, wirklich. Aber eine echt geniale Idee von dir, Sam.“ Und dann, an Silke gewandt: „Schatz, du warst noch nie im Exit, oder? Komisch eigentlich, wir waren da nie zusammen drin, dabei ist die Musik doch eigentlich … also, das wird sicher gut.“ Für einen kurzen Moment überlegt er, dass sie in der Tat nie mitwollte, wenn er hinging, und dass er sich da nie weiter Gedanken drum gemacht hat. Und er macht es auch jetzt nicht. Aber Silke steckt inzwischen in so einer Szene, die später noch einmal eine Bedeutung haben wird, und wenn Guido wüsste, warum das so ist, dann würde er sicher nicht nur diese eine Szene rausschneiden wollen. Er würde die ganze Filmrolle wegwerfen. Ganz weit weg.

Silke spürt, wie ihr das Herz klopft, wie ihr das Blut in den Kopf steigt und sich ihre Gesichtsfarbe der ihrer Haare angleicht. „Alles klar, Schatz? Schatz?“

Sie starrt Klaus an. Klaus schaut zur Seite. Er hält ihrem Blick nicht stand. Sie muss jetzt was sagen. „Ja, alles super, ich war da nur wirklich noch nie drin. Und was man so hört, na ja …“

„Ist eine Rockdisco, mehr nicht“, beginnt Guido, „eigentlich auch echt deine Musik. Da war mal was anderes drin, vor zwanzig Jahren oder so, sicher, aber da war ich noch nicht drin, nur der Sam hier. Klaus, du auch, oder?“

Aber als niemand mehr etwas sagt und Guido spürt, dass hier gerade irgendwie was zu kippen scheint, nur nicht was, und in welche Richtung, und warum überhaupt, da bricht er es einfach ab.

Er marschiert zum Boot, stellt den Kasten rein, dazu den Ghettoblaster, der sich nach dem Paranoid-Desaster selbst ausgeschaltet hat, und ruft: „Also, wollen wir oder liegt das Boot hier nur zur Zierde?“

Während sich Guido mit dem Schlauchboot befasst, schaut Sam die beiden an, erst ihn, dann sie, dann wieder ihn, er liest in ihren Gesichtern, und als Silke an ihm vorbeimarschiert und sich von Guido ins Boot helfen lässt und ihm einen Kuss gibt, der ihn beruhigen soll, nutzt Sam genau den Bruchteil einer Sekunde, der ihm bleibt, und kommt Klaus ganz nah: „Das ist jetzt nicht das, was mir gerade irgendeine irrwitzige Stimme in meinem Kopf einreden will, oder? Das kann es nicht sein.“

„Halt dein Maul“, schnauzt Klaus ihn gepresst an, Sam begreift, dass die Irrwitzstimme wohl recht hat, und er hat keine Ahnung, wie er diese Nummer hier überstehen soll.

Max

Max ist kein Hardcore-Rocker. Er war ein Donnerstagskind, eines von denen, die den Freitag noch mal eben auf der halben Arschbacke abgerissen haben. Vier Stunden Schlaf reichen, wenn am nächsten Tag um 14 Uhr Schluss ist. Er braucht keine Verwandlung, bevor er hierhin kommt, wie so manch andere. Keine Kutte, keine lange Matte, kein Pathologie-Parfüm, seine Idee von einem Tattoo verwarf er, als er Paul bei dessen zweitem Tattoo begleitete und der einmal so schrie, dass ihm selber schlecht wurde. Er schaut an sich herunter und findet sich mal wieder langweilig. Blaue Levis, schwarzes Shirt, Sneakers und alles so klein. Er könnte in diesem Outfit auch auf eine Schlagerparty gehen oder ins Kabarett, das würde keiner Sau auffallen. Klein eben.

Aber das hier ist die letzte Nacht, und da haben alle und alles ihren Platz, auch er und sogar Juli mit Geile Zeit, das lief vorhin schon und eben wieder und es war ja auch eine geile Zeit. Er hat hier drin noch nie auf Juli getanzt. Aber jetzt ist Vossi dran, der hat auch schon mal die Donnerstage gemacht, jetzt holt er die Hardcore-Menschen ab, sind schon genügend am Start, und da steht er selbst lieber nur rum und schaut, wie sie total abgehen auf die Songs. Er liebt es, hier ordentlich abzurocken, aber fast genauso geil ist das Zuschauen. Beim Great Song of Indifference vorhin ist einer ganz alleine draufgestürmt, der ist total ausgerastet, in der Luft herumgesprungen, alles barfuß und dann bei so einem Song, der muss sich alles ausgerenkt haben. Jedes Instrument, von der Geige bis zur Flöte, hat sich als Zucken seines Körpers widergespiegelt, und nach 4 : 30 Minuten, als sich Bob Geldof aus seinem eigenen Song herausgelacht hat, da ist der Typ so lässig wieder runtergeschlendert, als latsche er vom Bett ins Bad, hat sich auf eine Couchecke gehockt, an seiner Flasche genippt und war glücklich. Was macht ihr nur alle morgen?, fragt er sich. Natürlich gibt es andere Läden, natürlich werden sich einige wiedertreffen, wieder gemeinsam rocken, aber …

Von irgendwo hinten winkt ihm Anne zu, er winkt zurück, sie macht eine Geste, die sagen soll, ich komme gleich mal zu euch, aber jetzt muss ich zu meinen Leuten. Verdammte Cliquenwirtschaft, denkt er, aber das war nie anders hier. Sie kommen in Rudeln oder schließen sich ihnen an, und ein Wechsel ist gar nicht so gern gesehen, da wird über Ablösesummen auch mal gar nicht erst verhandelt. Er hasst diese Rudelbildung, er ist oft und gerne auch mal alleine gekommen, donnerstags, wenn er einfach nur tanzen wollte, nicht reden, nicht trinken, nur versinken in der Musik, stundenlang. Rudel kann er nicht.

Anne kennt er seit Ewigkeiten, aber trotzdem nur ein winziges bisschen. Er weiß nicht, wie viele Male sie gemeinsam auf einer von Pauls sinnlosen Partys total abgestürzt sind, die hat er früher ständig veranstaltet, ehe er sich aus seinem wahren Leben verabschiedet und dann auch nie wieder wirklich dahin zurückgefunden hat. Aber gelaufen ist da nie was, und immer dann, wenn sie halbwegs über eine Art Smalltalk hinausgekommen waren, schmierten sie ab.

Sie winken beide zurück, Max und Paul, der neben ihm steht, anderthalb Kopf größer ist als er und zwei Jahre älter, aber zehn Jahre älter aussieht, und Paul hebt wie zum Gruß seine zweite Flensflasche. Max schaut auf Pauls Bauch und kann es noch immer nicht fassen: Paul hat es gewagt, sein uraltes Manowar-T-Shirt rauszukramen, bei dem das M fehlt. Eigentlich ist genau das hier gerade seine Musik, die Hardcoreschiene. Sein Musikstil hat sich seinem Leben angepasst, seinem ganzen Sein, alles ist härter geworden bei ihm als früher. Aber anowar, das geht gar nicht.

Paul braucht einen Pegel, sonst kann er gar nicht erst draufgehen, er braucht diesen Gleichgültigkeitsblick in seinen dunkelgrauen, alten Augen, dieses Scheißegal-Gefühl, und das tritt frühestens ab dem fünften Flens ein. So war es früher hier, so war es in den anderen Clubs, in denen er in der Zwischenzeit gelandet ist, so wird es heute wieder sein. Paul und sein Pegel. Er hat sich längst krank gesoffen, sein Magen rebelliert seit Monaten, Max weiß das, er hat sie erlebt, die Rebellion, er war einmal dabei, als sie im Krankenhaus endete, er hat erfahren, dass der Arzt ihn warnte, aber für Paul haben Freundschaften dann ihre Grenzen, wenn sie sich zu sehr in seine Belange einmischen.

Und einer dieser Belange ist Sonja gewesen, und die hat ihn für ein paar Jahre von allem ferngehalten. Doch das ist lange vorbei. Paul ist wieder mit ihm hier. Noch einmal, nach all den Jahren.

Guido und Silke

Klaus hat eine Überraschung dabei. Sie haben kaum abgelegt, da fingert er etwas Gras aus der Lederjackentasche und dreht einen Joint.

„Klaus, du bist der König“, ruft ihm Guido zu, Silke ringt sich ein Lächeln ab, Sam wischt so lange an der CD herum, bis keine Krümel mehr drauf sind und sie diesmal vielleicht unfallfrei durchläuft. Er drückt auf Play, es beginnt mit Deep Purple, und wenn an diesem Abend für diese vier irgendwas stimmig ist, dann dieser Moment. Die Tüte geht rum, sie lassen sich ein Stück treiben und grölen so laut Smoke on the water!, dass es durch das ganze Tal schallt.

Sie wechseln sich später mit dem Rudern ab, nur Silke ist befreit, sie zieht die Hälfte des Joints alleine weg, sie hat keine Wahl, sonst wird sie hier wahnsinnig.

Nach einer Stunde legt sie den Kopf zurück, schaut in den Himmel, der sich seinen bergischen Regen endlich mal spart, und lauscht dem sinnlosen Gequatsche der Kerle, die sich so hemmungslos betrinken, dass sie keine Ahnung hat, wo das hier enden soll, aber jetzt ist es ihr gerade fast ein bisschen egal.

In der Kohlfurth nimmt die Wupper an Fahrt auf, jetzt ist Sam gefragt, der DLRG-Held. Guido reicht ihm das Ruder.

„Komm, du Rettungsschwimmer, nimm mal das Paddel, jetzt wird’s brenzlig.“

„Brenzlig. So’n Quatsch, du Weichei. Los, her damit.“

Der alte Ghettoblaster schleudert die Ur-Fassung von Whiskey in the Jar in den feuchten Augustabend hinaus, die beginnende Dunkelheit hat sie längst erfasst, das Wasser schimmert dunkelgrau, es ist kühler geworden. Guido krabbelt zu ihr nach hinten, das Boot wackelt bedenklich, er setzt sich dicht neben sie, sie schmiegt sich an ihn.

Links von ihr kauert Klaus, der schon seit einer Ewigkeit sein Bein gegen ihres lehnt, sie lässt das zu, und er genießt es, doch wie sie sich jetzt an ihren Mann kuschelt, mit ihren Fingern in seinen Haaren spielt, sich dann zu ihm dreht, mit ihrer Zunge sein Ohrläppchen massiert, ihn küsst, lange und intensiv, das kann er nicht sehen, auch nach all den Jahren nicht, und er blickt verbittert in die Ferne. Sam fängt seinen Blick ein, während er das Boot nach fünf großen Pils immer noch ziemlich ordentlich über die Wupper steuert, und fragt sich, was ihn geritten hat, ausgerechnet Klaus mitzunehmen. Ausgerechnet Klaus.

Peter

„So lonely, so lonely, so loneleeeey!“ Sie springen auf, jetzt kommt das Solo, der Part danach ist fast wie Reggae, dann ziehen sie das Tempo wieder an, und Britt und Tom werfen in Peters kleinem Wohnklo die Köpfe hin und her. „Lo lo lo“, beginnt Britt, und Tom ergänzt: „I feel so, I feel so, I feel so!!!” Und umgekehrt.

Peter sitzt einfach nur in der Ecke, er verschwindet fast in seinem abgewetzten schwarzen Riesensessel und setzt das dritte Bier an, er hat sich einen guten Vorsprung herausgearbeitet, die beiden anderen sind gerade mal beim zweiten, und das teilen sie sich auch noch. Aber er braucht diesen Vorsprung. Er wird noch viele Flaschen brauchen, um es auszuhalten, um so wenig zu spüren wie möglich, vor allem, wenn der Morgen naht.

Aber jetzt hat die Nacht noch nicht einmal angeklopft, es ist kurz nach zehn, sie glühen gerade erst vor, und als Pearl Jam kommen und Stings Uralt-Polizisten ablösen, da wiegen sie sich im Dreivierteltakt von I am mine. Er hat seine Exit-Top 500 diesmal einfach nur auf Zufallswiedergabe gestellt, da sind dann halt auch mal Police und Pearl Jam dabei. Sonst hat er immer einen wahren Kult betrieben, wenn sie sich bei ihm trafen, manchmal waren sie zu fünft, manchmal zu zehnt, er brachte auch mal zwanzig Leute auf den zwölf Quadratmetern seines Wohnzimmers unter. Immer genau eine Stunde vorher hat er die Songs ausgewählt, hat Vorglüh-Themenabende veranstaltet, natürlich auf den Wochentag angepasst. Das Dark-Wave-Glühen. Das Hardcore-Glühen. Das Alternative-Glühen. Heute gibt es nur das Exit-Glühen.

Er schaut sich um in den zwölf Quadratmetern. Das Type-o-Negative-Poster hat sich über die Jahre völlig verfärbt. Er wollte es immer in einen Rahmen stecken. Aber, Gott, es ist ein Poster. Für seine CDs hat er sich einen Turm gebaut, der reicht bis an die Zimmerdecke. Er mag das eigentlich nicht, alles nur noch digital und auf dem Rechner, er braucht eine Platte und auch von denen, den echten Vinyl-Dingern, hat er noch Hunderte. Sie stapeln sich in dem kleinen Miniraum, den sein Vermieter als Keller bezeichnet. Er braucht auch die Hüllen und die Booklets und ihren Geruch, wenn sie neu sind, und er braucht die ersten Fingertatschen auf schwarzem Glanzpapier. Und das Lesen der Texte in seinem alten Sessel unter der Funzel des blassgelben Deckenfluters, den er vor ein paar Jahren auf dem Flohmarkt erstanden hat. Eigentlich passt gar nichts zusammen in dieser Bude, alles ist alt und billig. Trotzdem hat er sich hier immer wohlgefühlt.

Er streicht sich durch die Haare, die mal lang und schwarz waren, ehe die Stirn immer höher, die Frisur immer kürzer, das Trinken heftiger, sein Gesicht schmaler und die Zeit einfach eine andere wurde, er zündet sich eine Kippe an und betrachtet die Anlage hinten in der Ecke. Fixiert die Digitalanzeige des Equalizers und die silbernen Klangtropfen, die im Takt der Musik von oben nach unten regnen. Dann die riesigen Boxen, die unendlich hässlich aussehen und immer noch einen unendlich geilen Klang erzeugen und ihm schon unendlich viele Besenstiel-an-die-Decke-Attacken aus dem ersten Stock eingebracht haben. Heute ist es ihm egal. Eddie Vedder singt auf voller Lautstärke, und er hockt einfach nur da und wiegt sich jetzt auch wie automatisiert im Rhythmus, dabei mag er Pearl Jam nicht mal.

„Was ist los? Auf mit dir, Alter!“, ruft ihm Tom zu, aber er lächelt nur stumm. Und in Toms Augen stehen offene Fragen, denn Peter ist heute nicht Peter, er ist anders, er ist irgendwie weg.

Eine seltsame Ernsthaftigkeit tritt in Toms Augen, jetzt wechseln sie kurz die Blicke, lassen den Song Song sein und schauen ihn wieder an, wie er da einfach nur hockt, so seltsam weit entfernt.

„Alles gut!“, ruft er ihnen zu, „macht ihr mal.“

Irgendein Song von einem Film-Soundtrack läuft an und nimmt das Tempo raus und die beiden Tanzenden setzen sich. Britt schmiegt sich an Tom, sie teilen sich ihre Flasche und lauschen einfach nur.

„Wer ist das?“

„Keine Ahnung, klingt ganz okay. Aber heute Abend klingt ja sowieso alles okay.“

Wieder schweigen sie, minutenlang, Song für Song.

Britt prustet plötzlich los: „Wisst ihr noch, als Holger in die Wupper gefallen ist?“

Eine Bierfontäne schießt aus Toms Mund. Die Suppe läuft ihm übers Kinn auf das schwarze Rüschenhemd. „Mann, warum musst du damit anfangen, während ich trinke?“

„Auf Schwarz sieht man doch eh nix!“

„Der Holger war so blau, so was hab ich überhaupt noch nicht gesehen“, lacht Tom und zündet sich eine Kippe an. „Der ist aus dem Laden raus und will einfach nur frische Luft schnappen. Torkelt am Ufer rum und fällt voll rein.“

„Und ich hab ihn rausgezogen.“ Jetzt schauen sie Peter an, aber er schaut nicht zurück, sondern aus dem Fenster in die Dunkelheit hinaus und er sieht sich an der Wupper stehen, Jahre ist das jetzt her, und er packt Holger am Kragen und dann unter den Armen und zieht ihn aus dem Wasser, und Holger faselt irgendwas von „Boh, jetzt regnet’s aber richtig“ und Peter hält ihn auch dann noch, als er das ganze Ufer vollkotzt. Und er legt Stunden später seinen Arm um ihn, als sie irgendwo im Wald, hoch über dem steinigen Weg nach Schaberg, die Nacht unter einer Decke verbringen. Weil es einfach nicht mehr anders geht.

„Wir haben damals da geschlafen“, sagt er, den Blick immer noch auf das Fenster gerichtet, und leert die dritte Flasche.

„Wer? Du und Holger?“

„Mann, Tom, das hat er doch schon ein paar Mal erzählt. Du hast aber auch ein Gedächtnis wie ein Sieb.“ Britt gibt Tom einen Stups und sie lachen, jetzt auch Peter.

Er wird schnell wieder ernst: „So was haben wir danach nie wieder gemacht … wir haben danach überhaupt nicht mehr viel mit ihm gemacht.“

Sie schauen alle auf die linke Box und auf den dunkelbraunen Rahmen, der oben draufsteht, und auf das Schwarz-Weiß-Foto, das dort drinsteckt, und auf das freundliche, lebensfrohe Gesicht auf diesem Foto, auf die wachen Augen, auf die Grübchen neben dem Mund, auf die Stirn, die viel zu hoch reicht für sein Alter und seine Haare dreist in Richtung Hinterkopf verdrängt hat.

Und sie schauen auf das schwarze Band, das über der rechten oberen Ecke des Rahmens hängt.

Als die Boxen die Live-Version von Asche zu Asche ausspucken, vibriert der Rahmen ein wenig, und alle drei schließen die Augen und singen mit: „Warmer Körper, weißes Kreuz, falsches Urteil, falsches Grab …“

Sie springen auf und rocken die zwölf Quadratmeter, und unten, im ersten Stock, stößt ein alter Mann mit einem Besenstiel gegen seine Zimmerdecke, wieder mal, denn er möchte gerne im Ersten einen blonden Mann verstehen, der Menschen in Trachtensachen ankündigt, aber im Moment hört er nur ein Wummern, so dunkel wie die schwärzeste Nacht, und der Alte ist der Verzweiflung nahe, denn das da oben geht jetzt schon seit mindestens drei Jahren so mit dem verdammten Wummern, seit dieser Irre hier ins Haus gezogen ist. Und wenn er nicht schon im Schlafanzug hier säße, dann ginge er sich jetzt beschweren, dann würde er diesem Typen da oben aber endlich mal ordentlich die Meinung sagen. Der mit seiner ständigen Sauferei und seinen beknackten Freunden da jedes Wochenende und dem verfluchten Lärm, das kann doch kein normaler Mensch aushalten.

Ab Montag muss der Alte keine Sorge mehr haben. Ab Montag wird es ruhiger sein im Haus. Aber das weiß der Alte nicht. Das wissen auch Britt und Tom nicht und auch nicht Ina und Alex, die gleich noch kommen werden.

Das weiß nur Peter.

Als es an der Tür klingelt, schreit die Box gerade Thunder. Peter stellt Bier Nummer vier ab und spürt auch schon ein bisschen, dass es bereits Nummer vier ist, und schlendert durch seinen schmalen Flur, vorbei an der Küchenzeile, zur Tür. Er hört nicht, wie die beiden flüstern.

„Was ist denn mit dem los heute?“

„Was soll los sein? Es ist die letzte Nacht.“

„Der ist doch sonst nicht so. Der trinkt und trinkt und sitzt nur rum und nichts passiert.“

„Frag ihn doch einfach. Was soll denn diese Lästerei jetzt hier?“

„Ich läster doch gar nicht! Man wird sich ja wohl noch Gedanken machen dürfen.“

„Was meinst du, kommen heute alle?“

„Lenk nicht ab. Was juckt mich das denn jetzt? So oder so: Wir sollten jetzt langsam mal los.“

Die Bierflasche wird geleert, Kippen werden ausgedrückt und Outfits halbwegs geradegerückt. Britt steht prüfend vor Peters kleinem Spiegel mit dem gesprungenen Glas in der Ecke und schaut sich selbst tief in die Augen. Tom tritt neben sie, prüft sein schwarzes Rüschenhemd, nestelt am Kragen herum, zieht eine metallene Runenkette hervor und betrachtet sie. „Was schaust du so skeptisch? Doch zu viel Puder genommen?“

„Ach, bin ich dem Herrn zu blass, oder was?“

Sie dreht sich zu ihm, legt ihm ihre zierlichen Hände um den Hals, fährt mit dem Nagel durch das Fleisch, bis es genauso schmerzt, dass es gut tut, und küsst ihn. Sie lächelt ihn an, wendet sich noch einmal zum Spiegel, und ihr Blick verfinstert sich: „Wenn die, die heute alle da sein wollen, mal in den letzten zwei Jahren immer da gewesen wären, dann wäre es so weit gar nicht gekommen.“

Die Worte sind kaum gesagt, da steht Peter mit Ina und Alex bei ihnen, und auch die Hosen erzählen gerade von einem Alex, und sie umarmen sich alle, drücken sich, küssen sich schweigend und kommen sich ein bisschen vor wie vor einer Beerdigung. Vielleicht ist es das auch, aber das, was sie heute Nacht zu Grabe tragen, mit den vielen anderen, die sie gleich treffen werden, ist kein geliebter Mensch.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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201 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783942625258
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