Читать книгу: «Das Geheimnis der Väter»

Daniel Eichenauer
Das Geheimnis der Väter
Roman
Jaron Verlag
Daniel Eichenauer wurde 1976 in West-Berlin geboren und wuchs mit der allgegenwärtigen Mauer im Garten seines Elternhauses auf. Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaften in Berlin und Sydney. Heute arbeitet er als Rechtsanwalt in Berlin. «Das Geheimnis der Väter» ist sein erster Roman.
Originalausgabe
1. Auflage 2017
© 2017 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin
Satz: Prill Partners|producing, Barcelona
ISBN 978-3-955522-46-9
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Valentin Faber, 1985
Jakob Chrumm
Jakob Chrumm, 1984
Jakob Chrumm
Jakob Chrumm, 1981
Neele van Lenk, 1985
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Hilmar van Lenk, 1985
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Helena van Lenk
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Kathi Karrenschmidt
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk, sieben Tage zuvor
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Helena van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Neele van Lenk
Jakob Chrumm
Jakob Chrumm, drei Jahre später
Valentin Faber, 1985
Valentin Faber hatte sich entschieden. Endlich. Viel zu lange hatte er ein Leben geführt, in das er einfach hineingeraten war und über das er irgendwann die Kontrolle verloren hatte. Damit sollte nun Schluss sein, alter Ballast musste über Bord geworfen und das Schiff gesäubert werden. Auch wenn man in seinem Alter eine Lebensentscheidung nicht mehr leichtfertig traf, so musste er doch einsehen, dass er sich davor gedrückt hatte. Er war mit den Jahren feige geworden. Kaum jemand wusste von dem Teil seines Lebens, unter den er nun, im Herbst des Jahres 1985, einen Schlussstrich ziehen wollte. Er nahm all seinen Mut zusammen und griff zum Telefon.
«Ich will mit dir reden», sagte er, als jemand abgehoben hatte.
Als er den Hörer zurück auf die Gabel legte, atmete er auf. Er hatte lange genug sein Leben einfach so geschehen lassen, es wie ein Außenstehender betrachtet, nun wollte er es wieder selbst in die Hand nehmen. Sein Gesprächspartner würde nicht darüber erfreut sein.
Gegen 18 Uhr erhielt er einen Anruf – Treffen erst um 22 Uhr. Die Verschiebung kam ihm nicht ungelegen. Sie ließ ihm Zeit für ein Zwiegespräch mit dem Weingeist. Der Gedanke, dass er auf das Auto angewiesen war, kam ihm nicht. Die Zeit war sein Gegner, nicht das Gesetz. Gegen 21.30 Uhr trank er den letzten Brandy, zog den Mantel an, verabschiedete sich von seiner Frau und rannte durch die Dunkelheit zu seinem Auto.
Es regnete in Strömen, Sturzbäche rannen die Bordsteine hinunter. Hektisch quietschten die Scheibenwischer seines alten VWs. Der Sturm peitschte die Blätter und klatschte sie gegen die Windschutzscheibe. Entgegen seiner Gewohnheit sang Valentin nervös die Lieder aus dem Radio mit. Der Brandy zeigte seine Wirkung. Valentin Faber war aufgekratzt. Er bog in die stockfinstere Straße ein, die durch den Wald führte. Nur undeutlich konnte er vor sich den kurvigen Straßenverlauf im Scheinwerferlicht erkennen. Er musste die Augen zusammenkneifen, um überhaupt noch etwas zu sehen.
Plötzlich blendete ihn gleißendes Licht. Noch nie in seinem Leben hatte er in ein solch grelles Licht geblickt. Unwillkürlich dachte er an das Fernlicht eines Autos, doch dafür war es viel zu intensiv. Er konnte die Straße nicht mehr sehen. Seine Augen brannten. Kurz schloss er sie, doch die Lichtreflexe ließen nicht nach. Panisch betätigte er die Lichthupe, aber nichts geschah. Das Licht schien auf ihn zuzurasen. Eben noch nahm er die Umrisse eines Menschen wahr. Geblendet schlug er die Hände vors Gesicht und schrie. Dann spürte er nichts mehr.
Jakob Chrumm
Alles begann am Abend von Kathis dreißigstem Geburtstag. Und das, obwohl Kathi in meinem Leben nie zuvor irgendeine Bedeutung gehabt hatte. Ich könnte sagen, dass ich Kathi länger kenne, als ich sie nicht kenne. Schließlich kenne ich sie, seitdem ich denken kann.
Gemeinsam mit Neele van Lenk und Tom Tauber waren wir in einer Straße eines kleinen, verschlafenen Außenpostens von West-Berlin an der südwestlichen Grenze zu Potsdam aufgewachsen. Er war so klein, dass man gesagt hatte, man fahre «in die Stadt», selbst wenn man nur eine Fahrt in das kleine, grüne Zehlendorf unternehmen wollte. Der Sage nach hatte Hans Kohlhase hier seinen Schatz unter einer Brücke versteckt – und das hatte der Ortschaft ihren Namen eingebracht: Kohlhasenbrück. Die alte Brücke gab es jedoch schon lange nicht mehr, und auch der Fluss, über den sie geführt hatte, die Bäke, war verschwunden und hatte dem Teltowkanal Platz gemacht. Das ruhige, kleine Dorf bestand nur aus ein paar Straßen, an denen eine Handvoll alter Villen stand. Um den Stölpchensee und den Rest der Stadt zu erreichen, musste man den Teltowkanal überqueren und die Straße durch den Wald benutzen.
Wenn die Erben der Bewohner Geld brauchten und ihre Gärten groß genug waren, teilten sie ihre Grundstücke, und einige neue Häuser kamen hinzu. Der Dorfladen war aus Altersgründen bereits seit den Siebzigern geschlossen, nur noch die Autobücherei kam einmal in der Woche vorbei. Unsere Straße endete an der Mauer, und hinter dem anderen Ende des Dorfes, markiert durch den Teltowkanal, erstreckte sich der Wald. Oft hatten wir in diesem Wald gespielt, denn dort lag eine seit Jahrzehnten stillgelegte S-Bahn-Strecke in tiefem Dornröschenschlaf. Seit dem Mauerbau rollten auf ihr keine Züge mehr. Vom ehemaligen Betrieb zeugten nur noch die verrosteten, von Rankgewächsen überwucherten Schienen und Signalanlagen, die geduldig und pflichtbewusst auf ihren nächsten Einsatz zu warten schienen und an der Mauer endeten. Als Kinder waren wir oft auf die Signale geklettert, hatten die Stromschienen erforscht und uns ausgemalt, wie plötzlich ein Zug krachend durch Sträucher und Bäume pflügen und uns zur Seite scheuchen würde.
Obwohl ich mit Kathi, Tom und den anderen Kindern aus unserem kleinen Dorf auf diesem verwunschenen Abenteuerspielplatz so viele Stunden verbracht hatte, war es mir in all den Jahren nicht gelungen, eine tiefere Verbindung zu Kathi aufzubauen. Ich schäme mich fast, es zu sagen, aber das war wohl auch der Grund, weshalb ich an diesem Abend mit dem Anziehen trödelte.
«Langsam musst du dich fertig machen!», sagte meine Freundin Nina streng.
«Jetzt schon?», quengelte ich.
«Jakob, es sind deine Freunde! Mir ist es egal, wann du dort ankommst, aber ich dachte, du magst sie.»
«Das schon, aber …»
Nina sah mich fragend an.
«… aber man darf in Anwesenheit von Kathis Lehrerfreundinnen bestimmt nicht lachen», maulte ich.
«Du bist aber auch ein alter Stinkstiefel!» Sie zwickte mich in die Wange. «Wenn du so weitermachst, lebst du bald ganz alleine in einem alten Haus im Wald und hast eine krumme Nase.»
Im Gegensatz zu Kathi spielte ihr Freund Tom Tauber seit jeher eine große Rolle in meinem Leben. Und normalerweise hätte ich die Party, die sie in ihrem gemeinsamen neuen Haus gaben, nur aus Pflichtbewusstsein ihm gegenüber besucht. Doch diesmal war es Kathi gelungen, meine Neugier zu wecken.
Vor einigen Wochen hatten wir am Pool gesessen, den Tom mit Unterstützung seiner Freunde in seinem Garten gebaut hatte. Ich war nie ein Freund körperlicher Arbeit gewesen, aber Baggerfahren machte Spaß, und jetzt, im Sommer, hatten wir die Früchte unserer Arbeit ernten können. Beim Biertrinken war uns die Idee gekommen, die Mädchen von damals, Neele und ihre Freundinnen, ausfindig zu machen und zu einer Poolparty einzuladen. Doch leider hatte auch diese Idee das Schicksal der meisten Einfälle erlitten, die abends geboren werden: Sie war schon im Morgengrauen verstorben. Es war dann aber Kathi, die mich einige Tage später plötzlich fragte, ob ich Pläne für übernächsten Samstag habe.
«Gibt’s was zu feiern?», hatte ich mich erkundigt.
«Ja», hatte sie geantwortet, «meinen Geburtstag. Jährlich wiederkehrend, ganz unvorhersehbar! Es wird sogar eine Überraschung geben.»
Ich gestehe, dass ich den Köder, den Kathi damit ausgelegt hatte, anfangs misstrauisch beäugte. Daran hatte sich auch nichts geändert, bis ich nun mein Auto in ihrer Straße abstellte und laute Musik und Gelächter hörte. Der Lärm kommt bestimmt nicht von Kathis Feier, dachte ich, als ich ausstieg. Wenn es mir auf ihrem Geburtstag zu langweilig wird, gehe ich später einfach auf die andere Party.
Doch als ich eintrat, traute ich meinen Augen kaum: Die Quelle von Musik, Lachen und Gekreische lag tatsächlich in diesem Haus, dem Haus von Tom und Kathi. Das hatte es noch nie zuvor gegeben. Tom und Kathi waren keine lauten und impulsiven Menschen. Sie waren eher das Gegenteil: beständig und ruhig. Experimente waren nicht ihre Sache, selbst in Beziehungssachen nicht. Sie waren schon seit ihrem vierzehnten Lebensjahr ein Paar und machten trotzdem immer noch einen glücklichen Eindruck. Nach meiner Erfahrung pflegen sich Menschen, die in jungen Jahren zusammenkommen, nach dem Ende ihrer Ausbildung oder wenig später zu trennen. Man rettet einfach keine Überbleibsel aus einer vergangenen Ära mit in eine neue hinüber. Wollten die beiden nie etwas anderes ausprobieren?, überlegte ich so manches Mal. Waren sie zufrieden mit dem, was sie aneinander hatten? Ich wusste nicht, ob das beneidenswert oder Feigheit vor dem Leben war.
«Kathi», sagte Tom oft, «begeistert mich jeden Tag aufs Neue. Sie ist so lebensfroh.» An dieser Stelle seufzte und lächelte er immer. «Mit ihrer Energie ist sie für mich ein wahres Zugpferd.»
Liebe macht bekanntlich blind. Das einzig Zugpferdähnliche an Kathi war ihr Hintern. Die Frage, was Tom an ihr fand, war für mich eines der großen ungelösten Rätsel der Menschheit. Kathi Karrenschmidt war weder hübsch noch hässlich. Sie war klein, brünett und unscheinbar. Lehrerin. Selten diskutierte sie über ihre Ansichten, und man wusste nie, ob sie überhaupt welche hatte. Sie hatte sich zu einer rundum durchschnittlichen Person entwickelt, nicht zu einem Menschen, der Leidenschaft entfachte. Die meisten unserer gemeinsamen Bekannten hatten weder eine gute noch eine schlechte Meinung von ihr. Allein aus diesem Grund wunderte ich mich, woher Tom und Kathi auf einmal diese aufregend verkleideten Leute kannten. Wo waren nur die Lehrerfreundinnen abgeblieben? Es machte ganz den Eindruck, als könnte der Abend unerwartet lustig werden.
Ich entdeckte Tom, der sich mit bunt gekleideten Leuten unterhielt. Gerade als ich zu ihm gehen wollte, bemerkte er mich. Er entfernte sich von der Gruppe und kam mit einem strahlenden Lächeln auf mich zu. Es gab viele Gründe, weshalb ich Tom seit unserer Kindheit, in der wir gemeinsam die Geheimnisse unzähliger Sandkisten erkundet, uns fürs Bobbycar begeistert und Fahrradfahren gelernt hatten, gerne mochte. Ich liebte seine Loyalität ebenso wie seinen unerschütterlichen Glauben an unsere Freundschaft, mit dem er mich, der sich gelegentlich allzu sehr von negativen Gedanken mitreißen ließ, so manches Mal an das Gute im Leben erinnerte. Vor allem aber mochte ich ihn, weil er das totale Gegenteil von mir war. Tom Tauber hatte bereits in der zehnten Klasse gewusst, welchen Beruf er einmal ergreifen wollte – eine Gewissheit, die mir völlig rätselhaft war. Woher sollte man in so jungen Jahren wissen, womit man den Rest seines Lebens verbringen wollte? Seitdem er eine Banklehre absolviert hatte, ging er einem geregelten Leben nach und war vollkommen zufrieden mit seiner Berufswahl. Ich hingegen hatte gerade erst mein Studium der Wirtschaftswissenschaften beendet, und nach dem Sprung aus dem warmen Nest der Universität war der Aufprall auf den Asphalt der Realität härter als erwartet. Die Arbeit bei einer Versicherung erwies sich als weniger befriedigend als auf den Karrieremessen angepriesen. Tom war mit den Jahren verbindlicher und zurückhaltender geworden, kurz, er war erwachsen geworden.
«Tom!», rief ich zur Begrüßung und lachte. «Im weißen Anzug?» Ich sah ihn bewundernd an. «Steht dir ausgezeichnet!»
Alles war so verändert. Auf einmal stolzierte eine Frau in einem sehr kurzen Rock und mit umso höheren Stiefeln an uns vorbei und lächelte mich sündig an. Sie hatte lange schwarzgefärbte Haare und stahlblaue Augen.
«Wer war das denn?», fragte ich Tom sogleich.
«Weiß ich auch nicht, muss irgendeine Freundin von Kathi sein», erwiderte er gleichgültig.
«Irgendeine Freundin von Kathi?» Ich prustete.
Die Sündige ging zu einer Blondine und tuschelte mit ihr. Neben der stand eine Brünette in einem Rock mit Leopardenmuster und einer orangefarbenen Strumpfhose. Alle drei nahmen die Partygäste prüfend in Augenschein, saugten an ihren Strohhalmen und lachten frivol.
«Diese Überraschung ist Kathi aber gelungen!»
«Das ist noch nicht die Überraschung.» Tom klopfte mir auf die Schulter. «In der Küche findest du was zu trinken.»
Auf dem Weg dorthin fiel mir eine Frau auf, die mir auf rätselhafte Weise bekannt vorkam. Verstohlen beobachtete ich sie, während ich mein Glas füllte. Die ersten Männer versuchten indes, bei der sündigen Damenrunde zu landen. Lautes Gegacker war die Folge. Die rätselhafte Schöne aber stand alleine da. Sie ließ ihre Blicke durch den Raum schweifen, während sie mit ihren langen Haaren spielte. Als sich unsere Blicke trafen, lächelte sie geheimnisvoll. Knallrot wandte ich mich den Speisen zu. Ich verfluchte mich und meine Gedanken, womöglich auch meine Schüchternheit. Als ich mich wieder umdrehte, sah sie in eine andere Richtung. Da betrat Kathi die Küche.
«Was ist denn eigentlich mit der versprochenen Überraschung, Kathi?», fragte ich betont gleichgültig, nachdem wir uns begrüßt hatten. «Wolltest du diesmal nicht lieber deine Gäste überraschen, statt selbst überrascht zu werden?»
«Hattest du mir etwa wieder einen Polizisten schicken wollen, der sich auszieht?», entgegnete sie tadelnd. Dann nahm sie meine Hand und zog so hastig an mir, dass ich gerade noch mein Glas abstellen konnte.
In diesem Moment drehte sich die Geheimnisvolle um und lächelte mich erneut an. Sofort versuchte ich, mich von Kathis Hand zu befreien, aber sie ließ mich nicht los. Die Unbekannte sah mich an. Kathi führte mich zu ihr. Als wir vor ihr zum Stehen kamen, schob Kathi mich vor. Keiner sagte ein Wort. Mein Herz schlug bis zum Hals.
Kathi schaute uns abwechselnd an. «Na, kennt ihr euch noch?», fragte sie aufgeregt.
«Irgendwie kommt sie mir bekannt vor …», stotterte ich, um überhaupt irgendetwas zu sagen.
«Hallo, Jakob!», sagte die Schöne lächelnd.
«Kathi!», flehte ich leise.
Die Unbekannte lachte rauchig.
«Na?», bohrte Kathi nach.
Ich verfluchte sie, während ich um meine Selbstbeherrschung kämpfte.
«Mensch, Jakob, das ist Neele van Lenk! Erinnerst du dich nicht mehr an sie?»
Und wie ich mich plötzlich erinnerte! Die Überraschung war Kathi gelungen. Ich hatte Neele van Lenk nicht mehr gesehen, seit sich ihr Vater im Gefängnis erhängt hatte. Dieses fürchterliche Ereignis hatte Neele ein Stück ihrer Unbeschwertheit und uns anderen Kindern die Schulfreundin genommen, die mit uns gemeinsam zwischen den überwucherten Signalanlagen bei den Schienen Verstecken gespielt hatte. Schon bald nach dem Tod ihres Vaters hatte sie Berlin verlassen und war gemeinsam mit ihrer Mutter in eine Kleinstadt in deren westfälischer Heimat gezogen. Anfangs hatten wir uns noch krakelige Briefchen geschrieben, der Kontakt war aber bereits nach kurzer Zeit abgebrochen. Neele hat neue Freunde gefunden und uns vergessen, hatte ich damals gedacht. Das war nun fast zwanzig Jahre her. Ich erinnerte mich an ihr dunkelblondes Haar, an ihre spitze Nase und die schönen blauen Augen. Und tatsächlich – sie sah noch genauso aus wie in meiner Erinnerung. Selbst das Grübchen, für das sie sich früher so geschämt hatte, das ihr Lächeln aber so einzigartig und gewinnend gemacht hatte, war noch da. Gerade schlug sie verschämt lachend die Augenlider mit den langen Wimpern nieder, hielt schüchtern eine Hand vor die Wange und neigte den Kopf, nur weil ich ihr Grübchen allzu auffällig angestarrt hatte.
Neele erzählte von ihren Erinnerungen an Berlin und wie oft sie an die Stadt zurückgedacht hatte. Stets habe sie dabei ein Gefühl überkommen, das sie zunächst nicht recht einzuordnen gewusst und das sie irgendwann als Heimweh interpretiert hatte. «Weißt du, woran ich oft gedacht habe? An den Pool im neuen Haus deiner Eltern!» Sie lachte.
Ich erinnerte mich, wie meine Eltern, meine Mutter und Georg Chrumm, dieses Haus gekauft hatten.
Jakob Chrumm, 1984
Georg Chrumm hatte mich vor einigen Monaten als Sohn angenommen. Meinen leiblichen Vater hatte ich nie kennengelernt. Ich wusste nur, dass er ein harmloser Urlaubsflirt meiner Mutter gewesen war. Mein neuer Vater bemühte sich nun um ein schönes Heim für seine Familie. Wie passend war es da, dass eines Abends ganz in der Nähe, in derselben Straße, in der wir wohnten, ein Mann seine Ehefrau nicht wie gewöhnlich auf dem Sofa sitzend erwartete, sondern hinter der Tür lauerte – mit einem Hackebeil. Ihre Erben wussten die Konsequenzen geschickt zu nutzen: Bald stand der Tatort zum Verkauf. Das Besondere an dem Grundstück, auf dem keine der typischen Villen, sondern eine schäbige kleine Laube stand, war, dass es direkt an die Mauer grenzte. Es befand sich genau dort, wo die S-Bahn-Strecke, die zum Abenteuerspielplatz von uns Kindern geworden war, entlanggeführt hatte, bevor sie durch die Mauer eingeschläfert und wenig später von ihr verschluckt worden war. Bedrohlich, hässlich und grau durchtrennte die Mauer nur zwei Häuser weiter auch die Straße und den Verbindungsweg zwischen Berlin und Potsdam. Kein Auto verirrte sich mehr hierher. Nur die Giebel der alten Villen in Babelsberg konnte man noch über die Mauer hinweg erblicken. Filmstars und berühmte Regisseure der nahegelegenen UFA hatten dort angeblich scharenweise Quartier bezogen, bevor sie von den Kommunisten um ihr Hab und Gut gebracht und verjagt worden waren.
Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, sich das genaueste Bild stets von denjenigen zu machen, die man am wenigsten kennt. Und so hatte man natürlich auch eine genaue Vorstellung von denen, die dort drüben in den Villen der Filmstars wohnten. Selbst wenn es möglich gewesen wäre – mit solchen Menschen wollte hier keiner Kontakt haben.
Im Grenzstreifen direkt hinter der Mauer befand sich ein Wachturm, eines dieser achteckigen Betonmonster mit Scheinwerfern auf dem Dach, das rund um die Uhr besetzt war. Die große Kanzel saß auf einer dünnen Säule, sodass das Monster unförmig und storchbeinig wirkte. Von ihm ging eine Ruhe aus, die nicht entspannend und erholsam war, sondern höchst bedrohlich wirkte. Da das Gefühl des Bedrohtseins bekanntlich den Genuss stört, entschied man, das Monster zu ignorieren und sich erst dann mit den möglichen Gefahren, die von ihm ausgingen, auseinanderzusetzen, wenn sie eintreten sollten.
Einige Monate nach der beklagenswerten Ehefrau wurde auch die schreckliche Laube auf unserem neuen Grundstück zu Grabe getragen, denn an ihrer Stelle sollte ein Pool errichtet werden. Berge von Müll, darunter auch Sachen, die in den Sondermüll gehörten, türmten sich in dem Bau, verpackt in Säcken, offenen Kartons und allen möglichen anderen Behältnissen.
«Wir werfen das ganze Zeug einfach über die Mauer.» Mein Stiefvater sah meine Mutter und mich an und wartete auf Beifall.
Schweigen.
«Dann hat die Mauer wenigstens einen Sinn», legte er nach.
«Georg, das können wir nicht machen!» Meine Mutter kicherte hinter vorgehaltener Hand.
«Warum denn nicht? Probieren wir’s aus!» Er genoss sichtlich, dass wir seine Unerschrockenheit bewunderten.
Auf dem Gesicht meiner Mutter zeigte sich ein scheeles Teenagergrinsen.
«Aber wenn die uns vom Turm aus erschießen?», gab ich zu bedenken.
«Ach was, die können gar nicht zielen!», beruhigte mich mein Vater.
Das überzeugte mich nicht. «Dann machen die uns anderen Ärger!»
«Was sollen die denn tun? Von ihrem Turm runterkrabbeln, über die Mauer springen und uns verprügeln?»
«Sie könnten die Polizei holen, und wir müssen Strafe zahlen», erwiderte ich ängstlich.
«Das will ich sehen, dass der Grenzer von drüben bei der West-Berliner Polizei anruft und sich darüber beschwert, dass die DDR von umherfliegendem Müll angegriffen wird.» Er lachte aus vollem Halse. «Ach, das wäre mir der Spaß wert!»
«Und wenn ein Müllsack auf eine der Minen fällt und die hochgeht?» Meiner Meinung nach stellte sich mein Vater die Sache zu einfach vor.
«Dann knallt es, und es ist eine Mine weniger. Vielleicht überlegen die sich da drüben dann, ob es richtig ist, das Gelände zu verminen.»
Schon flog der erste Sack über die Mauer. Ich verfolgte seine Flugbahn. Um Haaresbreite hätte er es nicht geschafft. Ich hielt den Atem an und die Ohren zu. Jeden Moment würde es knallen. Doch ich hörte nur einen dumpfen Aufschlag. Keine Explosion, kein Geschrei. Diese Ruhe war verdächtig. Da der Mensch jedoch nur lernt, wenn die Strafe auf dem Fuße folgt, fasste ich Mut. «Ich will auch einen werfen!»
«Na gut, aber einen leichten. Oder lieber erst mal eines von diesen kleinen Brettern zur Probe. Und mit viel Schwung, sonst landet es noch auf der Mauer, und wir müssen es wieder herunterholen. Das wollen wir doch nicht, oder? Peinlich wäre das! Also mit Anlauf, ungefähr so …»
Mein Vater setzte zu einer eigenartigen Demonstration an, deren Ausführung verriet, dass er schon seit Längerem keinen Sport mehr trieb. Da ich ahnte, was er meinte, wartete ich das Ende seiner Vorführung gar nicht erst ab, sondern nahm ein langes, sperriges, aber sehr leichtes Brett und warf es nach einigem Anlauf in Richtung Grenze. Im hohen Bogen flog es über die Mauer, und nach einer Weile hörten wir einen dumpfen Widerhall aus dem Reich des Schweigens.
«Yippie, viel weiter als du, Papa!», johlte ich.
Jakob Chrumm
Neele lachte so herzlich, nachdem ich diese Geschichte erzählt hatte, dass sie sogar ihr Grübchen vergaß. «Ich war wirklich beeindruckt: ein Pool – cool!»
Wir lachten und stießen auf den Pool an.
Während wir über die alten Zeiten geplaudert hatten, hatte die Party mächtig Fahrt aufgenommen. Von drinnen sahen wir, wie sich einige Männer bis auf die Unterhose auszogen und unter lautem Gegröle ins Wasser sprangen. Die sündigen drei standen am Rand des Schwimmbeckens und sahen dem Treiben kreischend zu. Jemand fand einen riesigen aufblasbaren Wal und warf ihn ins Becken. Die Dreierbande trompetete. Da hatte endlich jemand genug von der Koketterie, schnappte sich kurzerhand die Blondine und warf sie vollbekleidet ins Wasser. Die übrigen zwei wieherten umso lauter, wodurch sich zwei weitere Männer ermutigt fühlten, sie ebenfalls ins Becken zu schubsen.
Bei diesem Anblick erzählte Neele, wie froh sie sei, dem Kleinstadtleben entflohen zu sein. Sie hatte beschlossen, ihre Arbeit als Sekretärin im Westfälischen aufzugeben und zurück nach Berlin zu ziehen. Durch Zufall hatte Kathi sie genau zu diesem Zeitpunkt in einem Internetportal wiedergefunden.
«Seit zwei Wochen bin ich nun hier, und mein Arbeitsplatz – ich versuch’s erst mal wieder als Sekretärin – ist schon vollständig eingerichtet, was man von meiner Wohnung nicht gerade behaupten kann.»
Ich konnte es nicht fassen. «Seit zwei Wochen? Und da wartest du bis jetzt, um mich …», ich stockte, «… um uns alle wiederzutreffen?»
Neele kaute auf ihrem Strohhalm herum und sah mich an. Die Wasserfreunde stiegen aus dem Pool und watschelten pitschnass zu uns ins Haus. Blondi stand mit einem der Männer tropfend vor der Toilette an, was die anderen aus der Schwimmgruppe zu zweideutigen Bemerkungen anstachelte.
Ich hätte mich noch stundenlang mit Neele unterhalten können, doch sie schaute nachdenklich aus dem Fenster. Das erste zarte Blau des Morgens zeichnete sich bereits am Himmel ab. Ein neuer Tag brach an.
«Es war ein wunderschöner Abend. Danke!»
«Er ist noch nicht zu Ende», erwiderte ich.
Sie legte ihre Hand auf meine Schulter. «Doch.» Sie sah mich nicht an. «Leider», fügte sie hinzu, bevor sie sich abwandte.
Ich wollte ihr folgen, aber Tom kam mit einer Schnapsflasche angelaufen und hielt mich fest. Hastig stürzte ich ein Glas hinunter und schob ihn zur Seite. Doch Neele war bereits im Morgengrauen verschwunden.
In dieser Nacht fand ich keine Ruhe. Ich wanderte ziellos durch meine stille Wohnung, die mir in dem fahlblauen Licht der Nacht unwirklich erschien. Erinnerungen besetzten meinen Kopf und verweigerten dem Schlaf den Zutritt. Seltsamerweise waren es nicht so sehr die Gedanken an Neele, die mich nicht schlafen ließen, sondern eher jene an meine Familie. Wieder und wieder ging mir durch den Kopf, wie meine Mutter meinen Stiefvater kennengelernt hatte.
Jakob Chrumm, 1981
«Am nächsten Wochenende fahren wir nach Braunschweig», verkündete meine Mutter eines Tages und bereitete damit den Boden für das Unheil, das uns Jahre später heimsuchen sollte.
Am nächsten Wochenende fahren wir nach Braunschweig. Meine Großmutter sollte uns begleiten. Ich traute meinen Ohren nicht. Braunschweig? Ich wusste zwar, dass Onkel Leberecht – als Bruder meines Großvaters war er eigentlich nur mein Nennonkel – Gutsbesitzer in der Nähe von Braunschweig war, allerdings hatte sich die Kontaktpflege bisher auf eine Postkarte zu Weihnachten beschränkt. Das hatte seine Gründe. Onkel Leberecht legte größten Wert darauf, nicht als ein Bauer auf einem schnöden Hof abgestempelt zu werden. Er war etwas anderes, etwas Besseres. Eben Gutsbesitzer. Die Schöpfung hatte ihn nicht gerade mit Frohsinn verwöhnt, das Schicksal hatte ihm seine Gattin gesandt, und das Leben hatte den Rest erledigt. Als einziger Trost war ihm sein gefestigter Klassenstandpunkt geblieben, der ihn auf seinem Gut ein strenges Regiment führen ließ. Selbst mit zunehmendem Alter, bereits 82-mal hatte er Geburtstag gefeiert, war er nicht milder geworden. Das Verhältnis zu seinen beiden Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, war seit deren Kindheit unverändert schlecht geblieben. Doch an ihm lag das natürlich nicht! Diese undankbare, missratene Brut hatte es doch nur auf das Erbe abgesehen!
«Man kann sich seine Familie eben nicht aussuchen», schnaufte meine Mutter, während sie die Koffer ins Auto lud. Sie schlug die Heckklappe zu und schaute gequält. Meine Großmutter lächelte zaghaft.
Meine Freude auf die erste Reise, die mich aus Berlin hinausführen sollte, erlitt am Grenzübergang Dreilinden einen herben Rückschlag. Wir gerieten in einen endlosen Stau, und das graue Dach, das über den albernen Kontrollhäuschen des Grenzübergangs auf zahlreiche Metallstreben gespannt war, näherte sich nur unerträglich langsam. Meine Mutter schaltete nach allen paar Metern, die wir vorgerückt waren, den Motor aus. Gelangweilt beobachtete ich, wie einige der Fahrer neben uns ausgestiegen waren und ihre Autos schoben – Rentnerautomobile, an deren Heckscheibe unzählige Aufkleber von klingenden Orten wie Cochem oder Würselen prangten, und andere mit Atomkraft-nein-danke-Aufklebern.
Meine Mutter schaute abfällig zu ihnen hinüber. «Wer sein Auto liebt, der schiebt!», höhnte sie und startete wieder den Motor, um ein Stückchen vorzurücken.
Grenzer patrouillierten durch die Autoreihen vor den Häuschen und fragten jeden Fahrer in breitem Sächsisch: «Haben Sie Waffen, Funkgeräte?»
Nach einigen Stunden kamen wir endlich am ersten der mickrigen Kontrollhäuschen an. Meine Mutter ermahnte mich, dass dieses Hüttchen und ihre Bewohner ernst genommen werden wollten – auch wenn es schwerfalle. Der Wärter in Häuschen Nummer eins nahm unsere Pässe entgegen, schaute uns scharf an, legte die Dokumente beiseite und gebot uns weiterzufahren.
«Wo sind denn unsere Pässe hin?», wunderte ich mich.
«Die fahren jetzt auf einem Rollband in das nächste Häuschen, und da bekommen wir sie wieder», erklärte meine Mutter.
Die graue «Pass-Rollbahn» machte seltsame Geräusche. Das Dach über dem Rollband wirkte noch alberner als der Rest der Maschinerie. Der Wärter in Häuschen Nummer zwei gab uns schweigend die Pässe wieder, schaute sich aber zuvor unsere Namen und Gesichter noch einmal genau an.
«Und dafür mussten wir jetzt so lange warten?», fragte ich laut.
«Pst!», zischte meine Mutter.
Nachdem uns die Sphinx hatte passieren lassen, durften wir endlich die ersehnte Transitautobahn befahren. Das Tacktack-tacktack-tacktack der Autoreifen auf den Betonplatten machte mich zwar schläfrig, aber meine Neugier siegte. In unregelmäßigen Abständen standen auf den Parkplätzen kleine, raupenartige Baracken. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen.
«Das sind Intershops», erklärte meine Mutter. «Da kann man zollfrei Zigaretten, Alkohol und Ähnliches kaufen.»
«Bäh!», rief ich aus.
«Die haben auch andere Sachen.»
Mein Misstrauen aber war geweckt. Deutlich konnte ich mich an eine Szene erinnern, die sich in der Weihnachtszeit zugetragen hatte. Damals hatte ich meiner Großmutter einen Besuch abgestattet. Als ich ins Haus getreten war, hatte ich sie in der Küche hantieren gehört und zunächst durch den Türspalt gespäht. Ich traute meinen Augen kaum: Auf dem Holztisch in ihrer gemütlichen, alten Küche stand ein großes Paket, um das herum Schokoladentafeln, Päckchen mit Kaugummis und Gummibärchen und anderes, was ein gutes Weihnachtsgeschenk ausmachte, lagen. Strumpfhosen und Deo irritierten mich aber. Je länger ich nachdachte, desto seltsamer kam mir das alles vor. Meine Großmutter neigte üblicherweise nicht zu Übertreibungen, das hier aber war der Inbegriff des Überflusses. Was hatte das nur zu bedeuten? Offenbar bereitete sie eine Weihnachtsüberraschung für mich vor. Ich sollte ihr Zeit geben, die Sachen vor mir verstecken zu können. Vorsichtig schlich ich von der Küchentür zurück. Der alte Boden knarrte.
«Jakob? Bist du schon da? Wie schön! Ich bin in der Küche. Komm doch zu mir!»
Ich stutzte. Zaghaft öffnete ich die Tür. Als ich eintrat, ging meine Großmutter um den Tisch herum und sah konzentriert auf einen Zettel, den sie in der Rechten hielt. Die Linke hatte sie in ihre Hüfte gestemmt. Ihr weißes Haar war zusammengebunden. Sie murmelte etwas vor sich hin. Als sie mich sah, ließ sie den Zettel sinken, lachte und hob mich hoch.
Ich schaute auf den Tisch und heuchelte Überraschung. «Oh, so viel Schokolade, wie toll!» Ich befreite mich aus ihren Armen und wollte die Sachen genauer inspizieren.
«Finger weg, das ist nicht für dich!»
Wie bitte? Meine Traumblase platzte. Ich war entsetzt. Wie konnte sie nur so herzlos sein?
«Das ist für deinen Onkel Ortwin und seine Familie in Chemnitz.»
Genau genommen war auch Onkel Ortwin gar nicht mein Onkel, sondern einer ihrer Brüder. Ihre eigensinnige Wortwahl betraf nicht nur ihn, sondern auch seinen Wohnort: Den Namen «Karl-Marx-Stadt» durfte niemand von uns in den Mund nehmen.
«Aber … warum bekommt er all die schönen Sachen und ich gar nichts?», fragte ich enttäuscht. «Die kann er sich doch selbst kaufen wie alle anderen Erwachsenen auch!» Wahrscheinlich hatte ich meine Großmutter nur in einem ungünstigen Moment erwischt, und sie versuchte nun mit Ausreden, ihre Überraschung für Weihnachten zu retten, überlegte ich.
Doch sie beugte sich zu mir herunter und sagte im verschwörerischen Tonfall: «Du weißt doch, dass Onkel Ortwin drüben wohnt.»
«Und deswegen bekommt er alles und ich gar nichts? Das ist gemein!»
«Red keinen Unsinn!», wies sie mich zurecht und fügte streng hinzu: «Die Menschen da drüben bekommen gar nichts!» Energisch schnaufend legte sie eine Packung Kaffee ins Paket. «Deswegen schicken wir ihm ja diese Sachen. Onkel Ortwin kann nicht einfach in einen Laden gehen und sich Dinge kaufen, die er gerne hätte. Dinge wie diese bekommt man drüben eben nicht so leicht.»
Ich hatte das damals ungerecht gefunden und sogar noch ein Stofftier von mir für Onkel Ortwin dazugelegt.
Nun aber brachten die Raupenbaracken an der Autobahn die Wahrheit ans Licht: Dort konnte man doch alles kaufen! Ich fühlte mich belogen und betrogen.
«Im Intershop kann Onkel Ortwin nichts einkaufen, dort kann man nur mit D-Mark bezahlen», belehrte mich meine Mutter, als ich sie darauf ansprach, und blickte finster geradeaus auf die Autobahn.
«Die nehmen ihr eigenes Geld nicht?» Ich verstand das alles nicht. «Warum kaufen wir dann nicht dort ein, wenn da alles günstiger ist?» Ich wollte der Wahrheit auf den Grund gehen.
«Wir werden diesen Staat nicht unterstützen!», erwiderte meine Mutter knapp und ließ keine weitere Diskussion zu.
Schweigend sah ich aus dem Fenster. So würde ich nie erfahren, ob der Onkel dort tatsächlich nicht einkaufen konnte. Während ich grübelte, kam es mir so vor, als stünden fast ebenso viele DDR-Fahrzeuge am Rand der Autobahn, wie auf ihr unterwegs waren – meist mit geöffneter Motorhaube. Die fahrtauglichen Autos waren überwiegend voll besetzt, und ihre Insassen winkten mir stets freundlich zu, auch wenn sie in den kleinen Fahrzeugen arg zusammengequetscht wirkten.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als meine Mutter laut triumphierend «Da ist wieder einer!» rief und auf den Straßenrand zeigte, an dem ein mit Tarnnetzen abgedeckter Polizei-Lada stand. Kurz darauf, vor dem nächsten Parkplatz, führte ein Volkspolizist am Rand der Autobahn ein seltsames, aber beeindruckendes Tänzchen auf, bei dem er so gekonnt mit einem schwarz-weiß gestreiften Stock herumfuchtelte, dass man sich gar nicht daran sattsehen konnte. Ein Verkehrssünder sollte zur Strecke gebracht werden. Meine Mutter hielt sich genauestens an die zugelassene Höchstgeschwindigkeit, denn auch in dieser Hinsicht wollte sie «diesem Staat kein Geld in den Rachen werfen».
Das war auch nicht nötig, denn nach einer Weile erreichten wir die Grenze. Die westdeutsche Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung erschien mir wie ein Werbetrick: Nach der stundenlangen «Hunderterei» in der Zone sollte der freie Bürger auch endlich freie Fahrt haben. So flogen wir durch Niedersachsen, und nachdem wir die Autobahn verlassen hatten, führte uns eine Landstraße durch zahlreiche kleine Örtchen.
«Toll, dass hier vor jedem Dorf steht, wie es heißt», freute ich mich.
«Jetzt mach dich nicht dümmer, als du bist!», sagte meine Mutter ärgerlich.
Meine Großmutter kam mir zur Hilfe. «Woher soll der Junge die gelben Schilder denn kennen? In Berlin brauchen wir so etwas schließlich nicht!»
Bald erreichten wir eine kleine Anhöhe, von der aus man eine prächtige Einfahrt sehen konnte. Ein großes schmiedeeisernes Tor thronte zwischen zwei hohen Säulen, die den Weg zu einem kleinen Schloss bewachten.
«Da wohnt Onkel Leberecht», flüsterte meine Großmutter.
Wir passierten das mächtige Tor und fuhren über das alte Kopfsteinpflaster an hohen Scheunen vorbei auf das große alte Gutshaus zu. Es war hell gestrichen, hatte ein rotes Dach und kleine Gauben. An den Hausecken rankten Rosen empor. Die grünen Fensterläden waren geöffnet, und eine kleine Treppe führte zum Eingang, über dem ein prächtiges Vordach thronte.
Onkel Leberecht öffnete die Tür. «Der Junge ist ja groß geworden, groß geworden, ni wa, ni wa!», rief er zackig aus und schüttelte mir die Hand. Wie hätte er wohl gestrahlt, wenn ich die Hacken zusammengeschlagen hätte!
«Und das ist alles deins?», fragte ich staunend. «Ich will auch Bauer werden!»
Von der Diele, die die arme Haushälterin täglich mit kochendem Wasser schrubben musste, führte eine breite Treppe aus dunklem Holz hinauf ins Obergeschoss, das schon lange keine Rolle mehr im täglichen Leben meines Onkels spielte und nur noch selten von Gästen genutzt wurde. Onkel Leberecht ging voran, um uns die Zimmer zu zeigen. Düstere Bilder hingen an den Wänden. Und die Ahnen beobachteten uns finster aus ihren Holzrahmen, als wir die knarrende Treppe emporstiegen. Es fiel kaum Licht in den Flur, der Fußboden ächzte. Das Zimmer, das mir der Onkel zuwies, war ebenso trostlos wie dunkel. Alte Tapeten klebten an den Wänden, die staubigen Vorhänge waren zugezogen. Aus der Mode gekommene Möbel der frühen Fünfzigerjahre waren in diesem Raum abgestellt und warteten auf eine neue Verwendung. Es roch muffig. Hier war man lebendig begraben. Seufzend setzte ich mich auf die Bettkante. Ich hörte meine Mutter im Nebenzimmer fluchen.
«Im Dorf ist am Wochenende Schützenfest, Schützenfest, ni wa, ni wa!», schmetterte Onkel Leberecht, als wir gemeinsam Kaffee tranken.
Meiner Großmutter fiel fast die Kaffeetasse aus der Hand. Entsetzt sah sie den Onkel an. Meine Mutter ließ die Kuchengabel sinken und schaute wiederum ihre Mutter verblüfft an.
«Hurra!», rief ich und freute mich.
Es war noch früh am Abend, vielleicht gegen achtzehn Uhr, als wir zum Festplatz gingen, doch die ersten Betrunkenen wankten uns bereits entgegen. Schon von Weitem hörte man die Musik aus dem Festzelt. Onkel Leberecht steuerte auf einen Bierwagen zu, vor dem zwei Männer im Alter meiner Mutter standen. Einer von ihnen trug ein gelbes Sakko und eine schmale schwarze Lederkrawatte.
«Bitte nicht!», flehte meine Mutter leise.
Schon beim Kaffeetrinken hatte Onkel Leberecht unverhohlen die Meinung geäußert, dass meine Mutter endlich einen vernünftigen Mann finden solle. Einen vom Lande. Einen aus gutem Hause. Seine Familie solle schließlich guten Umgang haben. Und nun stellte sich heraus, was er damit meinte. Den Mann mit dem gelben Sakko machte er uns als Thomas Deuchter bekannt. Mit dessen Vater Eberhard sei er bereits seit Kindertagen befreundet, tönte er. Warum Eberhard Deuchter mit Onkel Leberecht befreundet war, wusste niemand mehr, jedoch war seine Familie für Onkel Leberecht ohne jeden Zweifel «guter Umgang».
Thomas Deuchter schien sich darum allerdings nicht zu scheren. Er war nicht einmal umgänglich. Ein Gespräch kam kaum in Gang, aber Onkel Leberecht bekümmerte dies nicht. Familie ist Familie. Punktum! Die abweisende Haltung Deuchters war förmlich mit den Händen zu greifen. Einzig sein Freund Georg Chrumm hielt das Gespräch am Leben, nicht zuletzt, weil er in Berlin arbeitete. Aber was genau er dort machte, begriff ich trotz all seiner Erklärungsversuche nicht. Dass er im Hahn-Meitner-Institut, einem Forschungsreaktor in Wannsee, irgendetwas mit Atomen zu tun hatte, war das Einzige, was ich damals verstand. Chrumm war ein zurückhaltender und vornehmer Herr, gut gekleidet und höflich, ein Mensch, zu dem man schnell Vertrauen fasste – das genaue Gegenteil von seinem Freund Thomas Deuchter.
Da Onkel Leberecht keinen Widerspruch duldete, waren Thomas Deuchter und Georg Chrumm am nächsten Tag zum Abendessen eingeladen. Nach dem Essen wollte ich mir die Traktoren anschauen. Meine Mutter war jedoch dagegen, und so schlich ich mich verstohlen aus dem Haus. Das Licht schien nur spärlich durch das halboffene Tor in die riesige Scheune. Eine Schwalbe flatterte im Giebel umher. Plötzlich hörte ich Stimmen. Ich erschrak.
«Warum hast du so lange gewartet, verdammt?», zischte eine Männerstimme.
Vorsichtig tastete ich mich an den großen Traktor heran und versteckte mich dahinter. Ölgeruch stieg mir in die Nase.
«Kannst du ihm vertrauen?»
«Ja, natürlich!», flüsterte ein anderer.
«Du unternimmst nichts weiter, verstanden? Ich veranlasse alles Notwendige.»
Ängstlich blickte ich an dem großen Motorblock vorbei. Im Dämmerlicht konnte ich die Gesichter der beiden Männer nicht erkennen. Ich sah nur, wie der eine dem anderen etwas in die Hand legte. Dann drehten sich die beiden um. Vor Schreck trat ich einen Schritt zurück, doch ich blieb mit dem Fuß an etwas hängen. Hektisch versuchte ich mich zu befreien, als auf einmal einige Schaufeln und Forken scheppernd zu Boden krachten. Ich schrie leise auf.
«Was war das?», raunte der eine.
«Wer ist da?», rief der andere drohend.
Ich zog meinen schmerzenden Fuß unter den Geräten hervor und wollte wegrennen. Doch als ich mich umdrehte, stieß ich gegen einen Mähdrescher und fiel hin.
«Komm heraus, wir wissen, dass du da bist!»
Unter der Maschine hindurch sah ich die Füße der beiden Männer auf mich zukommen.
«Was hast du denn hier zu suchen?», fuhr mich Thomas Deuchter an.
Neele van Lenk, 1985
Das dunkelste Kapitel in Neeles Kindheit begann am Abend des 19. Oktober 1985. An jenem Abend konnte ihr Vater sich nicht einmal in Ruhe die Schuhe ausziehen, als er nach Hause kam, weil sie ihm so aufgeregt entgegenrannte.
«An der Straße durch den Wald!», japste sie. «Ein Auto am Baum! Total kaputt! Die Feuerwehr hat Pulver verstreut. Keiner mehr da. Nur noch das kaputte Auto.» Wild fuchtelte sie mit ihren Armen umher und sprang von einem Satz zum nächsten, sodass ihr Vater offensichtlich alle Mühe hatte, ihren Ausführungen zu folgen.
«Ich weiß, Kleines, ich bin auch daran vorbeigefahren», versuchte er sie zu beruhigen.
«Ja, aber …» Bevor Neele ihren Satz beenden konnte, klingelte es an der Tür.
«Erwartest du jemanden?», fragte Hilmar van Lenk seine Frau, die auf dem Sofa saß, ein Magazin las und Schlünz, den Hund, kraulte.
Sie schüttelte nur den Kopf.
«Herr van Lenk?», fragte eine blonde Endzwanzigerin, nachdem der Vater ihr und ihrem Begleiter die Tür geöffnet hatte. «Mein Name ist Wendlandt, Kripo Berlin. Könnte ich kurz mit Ihnen sprechen?»
«Eine Dame von der Kripo!», rief der Vater erstaunt seiner Frau zu.
«Was möchte die Dame denn?», fragte die Mutter zurück, nahm ihre Beine von der Fußablage und erwiderte den Gruß, bevor sie sich zu ihrer Tochter drehte. «Neele, geh hinauf in dein Zimmer!»
Neele beobachtete noch, wie ihre Mutter das Klatschmagazin zur Seite legte, verließ dann aber widerspruchslos den Raum. Sie wusste, dass eine Diskussion zwecklos war. Sie hatte bessere Wege entdeckt, ihre Ziele zu erreichen. Unbemerkt blieb sie auf dem oberen Treppenabsatz sitzen und lauschte. Von dort aus hatte sie einen guten Blick in den offenen Wohnraum. Polizei – das fand Neele sehr spannend!
Ihr Vater setzte sich mit der Kommissarin an den Esstisch. Die fremde Frau redete nicht lange um den heißen Brei herum, sondern legte ihm ein Polaroid vor. «Herr van Lenk, haben Sie dieses Fahrrad schon einmal gesehen?»
Er schaute genauer hin, offenbar war die Aufnahme von schlechter Qualität. «Ja, ja», rief er nach einer Weile aus, «das ist doch mein Rad! Gott, was ist denn damit passiert? Das ist ja vollkommen demoliert. Gestern erst sprachen wir noch darüber. Meine Frau hat es einem – wie soll ich sagen? – Bekannten, oder besser, dem Vater eines Schulfreundes meiner Tochter ausgeliehen.»
«Sie haben es verliehen? Wie heißt denn der Mann, dem Sie es gegeben haben?»
«Georg Chrumm, er wohnt hier gleich um die Ecke», antwortete nun Neeles Mutter. Sie war vom Sofa aufgestanden und näherte sich dem Tisch, an dem der Vater mit der Kommissarin saß. «Eigentlich wollte er es gestern Abend wieder zurückbringen, aber anscheinend hat er es noch nicht getan. Er wollte es am Zaun abstellen. Oder ermitteln Sie, weil das Rad gestohlen wurde? Wir haben doch noch gar keine Anzeige erstattet.» Sie sah ihren Mann an und zog einen Stuhl zurück, um sich zu setzen. «Hast du …»
«Nein, Frau van Lenk, ich bin nicht wegen eines Diebstahls hier», unterbrach sie die Kommissarin mit ernster Miene. Sie stand auf, ging zu ihrem Kollegen, der die ganze Zeit an der Tür gewartet hatte, und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der nickte und verließ das Haus. Die Kommissarin ging zurück an den Tisch, blieb hinter dem Vater stehen, sah auf ihn herab und fragte: «Herr van Lenk, wo waren Sie gestern Abend gegen 22.15 Uhr?»
Der Vater blinzelte irritiert und drehte sich zur Kommissarin. «Ich war mit meinem Hund spazieren. Wieso fragen Sie?»
«Im Regen?» Die Kommissarin setzte sich wieder. «War noch jemand dabei?»
«Nein, ich war alleine. Ich gehe gerne allein im Dunkeln spazieren. Und bei Regenwetter ist es besonders einsam, da kann ich meine Gedanken voll und ganz der Arbeit widmen. Ich bin Journalist, müssen Sie wissen.»
«Aha.» Sie nickte desinteressiert. «Wo lang?»
«Wie bitte?»
«Ihr Weg – wo führte der lang?»
«Ach so. Ich ging unter der Eisenbahnbrücke hindurch, dann in den Wald, an den Schienen entlang, unter der nächsten Unterführung hindurch auf die andere Seite der Gleise, schließlich auf die Straße und dann wieder über den Kanal zurück nach Hause. Warum ist das wichtig?» Es war deutlich zu spüren, dass Neeles Vater langsam ungeduldig wurde.
«Sie sind alleine im Dunkeln bei strömendem Regen durch den Wald gelaufen?» Die Polizistin runzelte die Stirn.
«Mein Mann geht diese Strecke jeden Abend um die gleiche Zeit. Nach dem Ende des Abendspielfilms macht er für gewöhnlich die letzte Runde mit dem Hund», kam ihm die Mutter zur Hilfe. «Hören Sie, was soll das eigentlich?» Jetzt wurde auch sie ungeduldig.
«Herr van Lenk, es gab gestern Abend gegen 22.15 Uhr einen schweren Unfall auf der Straße kurz vor der Brücke über den Teltowkanal. Ein Autofahrer wollte offenbar einer Person ausweichen, die ein Fahrrad schob und gerade aus dem Wald kam. Die wechselte nämlich plötzlich, ohne nach links und rechts zu schauen, auf die andere Straßenseite. Bei dem Ausweichmanöver fuhr der Autofahrer gegen einen Baum und war sofort tot. Die Person, die das Fahrrad mit sich geführt hat, ist flüchtig. Ein Passant hat den Unfall beobachtet und sofort die Polizei verständigt.»
Hilmar van Lenk unterbrach sie. «Ich habe das Autowrack heute gesehen. Aber warum erzählen Sie mir das alles?»
«Das Fahrrad, das über die Straße geschoben wurde, ist Ihres, Herr van Lenk», sagte die Kommissarin schneidend. «Sie haben es gerade identifiziert.»
Neeles Vater ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen. Nach einem kurzen Moment legte er einen Zeigefinger an die Lippen und fragte: «Wollen Sie damit sagen, ich hätte einen Unfall verursacht und wäre dann abgehauen? Das ist hoffentlich nicht Ihr Ernst! Ich habe doch eben erklärt, dass ich mit dem Hund unterwegs war und mein Fahrrad verliehen hatte. Jemand müsste mich dort gesehen haben. Denn irgendeine Person lief auf der anderen Straßenseite.»
«Das stimmt – das war der, der die Polizei rief. Der Mann hat aber auch ausgesagt, dass Sie einen Gegenstand mit sich führten, der Ihnen bis über die Hüfte reichte. Genaueres konnte er aufgrund der Dunkelheit und des Regens nicht erkennen, da er zu weit von Ihnen entfernt war. Und nun erzählen Sie mir, dass Sie Ihr Fahrrad an einen entfernten Bekannten verliehen hätten, den Sie anscheinend noch nicht einmal sonderlich mögen, der es aber nach seiner Fahrradtour vor Ihrem Grundstück abgestellt haben soll, ohne es anzuschließen. Der große Unbekannte soll es dann geklaut haben. Und Sie? Sie gehen zufällig zur selben Zeit alleine bei einem Wetter, bei dem man nicht einmal einen Hund vor die Tür jagt, mit Ihrem Hund im Wald spazieren.» Sie holte Luft. «Wollen Sie mir das ernsthaft weismachen?», fragte sie schließlich und sah ihn herausfordernd an. «Es geht hier um ein Tötungsdelikt, wenn dieses auch – soviel wir bis jetzt wissen – nur fahrlässig begangen wurde, in Tatmehrheit mit Unfallflucht.»
Neeles Mutter schüttelte empört den Kopf. «So ein Unsinn! Mein Mann würde so etwas nie tun!»
«Herr van Lenk, Sie sind bereits wegen Unfallflucht vorbestraft. Damals versuchten Sie, sich der Verurteilung wegen fahrlässiger Köperverletzung zu entziehen. Und jetzt das!», sagte die Kommissarin provozierend.
«Das ist doch schon ewig her und hat rein gar nichts hiermit zu tun! Ich habe damals nicht bemerkt …»
Er wollte sich erklären, doch Helena van Lenk hatte genug. Sie schlug mit der Hand auf den Tisch und sprang auf. «Was erlauben Sie sich? Verlassen Sie sofort unser Haus!» Sie war außer sich.
Da klingelte es an der Tür. Der zweite Polizist stand davor.
«Haben Sie auch noch etwas Geistreiches beizutragen?», herrschte die Mutter den Mann an, nachdem sie ihm geöffnet hatte, drehte sich um und ging wieder zum Esstisch.
«Ich muss dringend mit Frau Wendlandt sprechen», rechtfertigte sich der Uniformierte.
«Für Sie», sagte Neeles Mutter zu der Kommissarin und zeigte mit dem Daumen auf die Tür, obwohl die das selbst mitbekommen hatte.
Die Kommissarin erhob sich und ging zu ihrem Kollegen.
«Sie wollte sowieso gerade gehen», rief ihr der Vater hinterher. Offenbar kam er langsam in Stimmung. «Wenn es schon unglaubwürdig ist, dass ich alleine spazieren gehe – warum ist das bei dem Zeugen nicht der Fall?», fügte er hinzu. «Und der Gegenstand, den ich angeblich mit mir geführt habe, muss unser Hund gewesen sein.»
Die beiden Polizisten sprachen leise miteinander, dann kehrte die Kommissarin zurück an den Tisch. Sie blieb neben Neeles Vater stehen und sah ihn an. «Herr van Lenk, es tut mir leid, aber ich muss Sie bitten, ein paar Sachen zusammenzupacken!»
«Das ist ein Scherz, oder? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich das Fahrrad verliehen habe. Fragen Sie doch den Chrumm!»
«Ich komme gerade von ihm», erklärte der Kollege der Kommissarin mit Amtsmiene. «Er sagt aus, er habe das Fahrrad gestern gegen 19.30 Uhr in Ihrem Garten abgestellt. An die Zeit erinnere er sich ganz genau, da er rechtzeitig zur Tagesschau wieder daheim sein wollte.»
«Und warum habe ich das Fahrrad dann nicht gesehen, als ich losgegangen bin?»
«Das fragen wir Sie.»
«Weil es wohl jemand geklaut haben muss, verdammt noch mal! So schwer ist das doch nicht zu verstehen!» Wütend ging er im Zimmer auf und ab, massierte sich die Schläfen und vergrub dann schnaufend sein Gesicht in den Händen.
«Im Regen?», fragte die Kommissarin.
«Bricht man im Regen nicht in Häuser ein?»
«Machen Sie sich nicht lächerlich, Ihr Fahrrad ist kein Haus! Es ist auch nicht wertvoll. Ein wertloses Fahrrad wird nur entwendet, wenn es gerade gebraucht wird, sprich, man klaut es, weil man irgendwohin möchte, und nicht, um es zu verkaufen. Aber wer sollte das bei solch einem Wetter schon getan haben?»
«Woher soll ich denn wissen, wer im Dunkeln mein Fahrrad klaut? Verwechseln Sie nicht etwas? Es ist doch Ihre Aufgabe, das herauszufinden!»
«Sehen Sie, da wir das wissen, haben wir unsere Aufgabe auch prompt erledigt: Ihr Fahrrad wurde nicht gestohlen. Sie sind, nachdem Sie es in Ihrem Garten gefunden haben, damit in den Wald gefahren. Dort stellten Sie fest, dass der Boden durch den Regen viel zu weich war, um darauf zu fahren. Deshalb wollten Sie das Rad nach Hause schieben. Als Sie über die Straße gingen, haben Sie nicht auf das Auto geachtet, das sich Ihnen näherte. Der Fahrer wollte Ihnen ausweichen und ist dabei zu Tode gekommen. Das ist die Sachlage!»
Die Kommissarin schien es wirklich ernst zu meinen. «Und warum sollte ich im Regen mit Fahrrad und Hund durch die Gegend laufen?»
«Ich denke, Sie gehen gerne im Regen spazieren?», erwiderte die Frau schnippisch.
«Ja, spazieren, aber nicht Rad fahren!»
«Viele Menschen fahren Fahrrad, wenn sie ihren Hund spazieren führen. Dadurch wird das Tier trainiert, und man kann die übliche Strecke in kürzerer Zeit zurücklegen. Sehr praktisch. Vor allem bei Regen. Außerdem soll Ihr Hund ja sicher nicht verfetten. Er ist ja auch groß und kräftig genug für einen Fahrradausflug. Packen Sie bitte ein paar Sachen zusammen!»
«Sie verhaften mich wegen eines Verkehrsverstoßes? Ich will sofort mit meinem Anwalt telefonieren! Helena, ruf sofort Dieter an, der soll herkommen!»
«Herr van Lenk, das ist kein normaler Verkehrsverstoß. Sie sind nicht bei Rot über eine Straße gegangen. Ein Mensch ist zu Tode gekommen, und Sie haben nicht einmal einen Arzt gerufen, sondern sind einfach weitergegangen. Außerdem sind Sie einschlägig vorbestraft, und diese Vorstrafe ist noch gar nicht so alt. Haben Sie nicht heute ein Visum für eine Reise in die DDR beantragt?», fragte die Kommissarin Wendlandt scharf.
Hilmar van Lenk wurde kreidebleich. «Ja, das habe ich. Aber es dauert ewig, bis das Visum erteilt wird.»
«Manchmal auch nicht. In jedem Falle wird es vor Abschluss unseres Ermittlungsverfahrens ausgestellt. Und wer sagt uns, dass Sie dann tatsächlich zurückkommen?»
«Das ist albern! Wenn ich abhauen wollte, dann bestimmt nicht in die DDR. Mein Antrag auf ein Visum hat doch nichts mit diesem Unfall zu tun. Ich bin Journalist und schreibe über innerdeutsche Themen. Das dürfte Ihnen nicht entgangen sein, sofern Sie nicht nur die Boulevardpresse lesen. Allein aus diesem Grund habe ich das Visum beantragt.»
«Das mag alles sein. Tatsache aber ist: Wenn Sie erst einmal drüben sind, werden wir Sie nicht mehr befragen können. Den Rest erzählen Sie am besten dem Haftrichter. Die Strafe, die Sie wegen der Vorstrafe erwartet, wird ohnehin hoch genug sein, um Fluchtgefahr zu rechtfertigen.»
Neeles Mutter war inzwischen zum Telefon gegangen und versuchte erfolglos, den befreundeten Anwalt zu erreichen.
«Ich bitte Sie jetzt ein letztes Mal, mit uns zu kommen, anderenfalls wird mein Kollege unmittelbaren Zwang anwenden müssen!»
Hilmar van Lenk gab sich geschlagen und sagte, er wolle noch ein paar Sachen zusammenpacken.
Neele war wie versteinert. Als ihr Vater die Treppe hinaufkam und sie auf der obersten Treppenstufe erblickte, starrte sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
Neele van Lenk
Neeles Ohnmacht und Verzweiflung über die Verhaftung ihres Vaters waren über die Jahre hinweg dem Ehrgeiz gewichen, mehr über die Umstände des dubiosen Vorfalls in Erfahrung zu bringen. Und diesmal würde sie nicht aufgeben, bevor sie nicht die Wahrheit ans Licht gebracht hatte! Sie war zwar in den letzten Jahren nicht untätig geblieben, dennoch war es an der Zeit, ihr Ziel nachdrücklicher als bisher zu verfolgen.
Schon seit Jahren hatte Neele keinen Zweifel daran, dass ihren Vater nicht die geringste Schuld an dem Unfall traf. Es war kein normaler Unfall gewesen, so viel stand für sie fest. Und sie wollte wissen, warum man sie all die Jahre belogen hatte. Warum verdrängte ihre Mutter dieses Thema, das Neele seit damals nicht mehr losließ und sie sogar bis in ihre Träume verfolgte? Nein, dahinter steckte mehr! Niemals hätte sich ihr Vater einfach so umgebracht. Außerdem hatte er ihr seine Unschuld beteuert, als er sie am Abend seiner Verhaftung beim Lauschen auf der Treppe erwischt hatte.
«Du warst damals ein kleines Mädchen, Neele. Was hätte er dir denn erzählen sollen?» Das war es, was ihr seitdem alle sagten. Aber in Neeles Augen war ihr Vater stets aufrichtig gewesen. «Neele, Kind, Aufrichtigkeit hat ihre Grenzen!», antworteten sie wieder im Chor, wenn sie das zu erklären versuchte. Doch Neele wollte das nicht hören. Natürlich war ihr klar, dass sich die Worte ihres Vaters an ein Kind gerichtet hatten, aber sie wusste auch, dass es die Worte ihres Vaters gewesen waren. Sollten die anderen sie doch für ein naives Mädchen halten! Sie wollte wissen, wer ihrem Vater das angetan hatte, wer ihn belasten wollte. Punktum!
Bei einer dieser scheußlichen Familienfeiern hatte sie einen Bekannten der Eltern ihres Freundes Tino kennengelernt, Rainer Voß, der bei der Berliner Polizei Dienst tat. Zu Tinos Eltern hatte sie seit Jahren ein enges Verhältnis. Sie war öfter bei ihnen, selbst wenn Tino nicht dabei war, was in den letzten Jahren, seit er zum BWL-Studium nach Freiburg gegangen war und anschließend eine Tätigkeit in Hamburg aufgenommen hatte, häufiger vorkam. Neele und Tino hatten sich als Teenager kennengelernt. Er hatte eine Nachbarschule besucht, und Neele hatte von Anfang an nur Augen für ihn gehabt. Bald waren sie ein Paar geworden. Selbst seine Eltern und ihre Mutter hatten sich beinahe angefreundet. Doch seit Beginn des Studiums hatte er sich verändert und schien ein anderes Leben zu führen, eines, in dem nur noch wenig Platz für sie war und an dem er sie kaum noch teilhaben ließ. Am meisten schmerzte sie, dass er ihr gegenüber so tat, als wäre alles wie eh und je.
Jedenfalls hatte sie es bei der besagten Feier nicht gewagt, Rainer Voß, den sportlichen Fünfzigjährigen, direkt auf den Fall ihres Vaters anzusprechen und ihn zu fragen, ob er ihr bei den Recherchen behilflich sein könne. Dieses Versäumnis wollte sie nun, als sie wieder einmal bei Tinos Eltern am Küchentisch saß, wettmachen.
«Ja», dachte sie laut, den Kopf in ihre Hände gestützt, «wenn ich nur ein wenig in der Ermittlungsakte blättern könnte! Ich würde die Wahrheit erfahren und endlich Ruhe finden.» Sie machte einen Schmollmund und wiegte ihren Kopf sanft hin und her, sodass ihr Pferdeschwanz wippte. «Aber leider, leider kommt man an solche Akten nicht heran. Schade! Jammerschade! Es sei denn, man kennt jemanden bei der Polizei.» Sie setzte ihr süßestes Lächeln auf und sah Tinos Eltern an.
Die zogen entsetzt die Augenbrauen hoch. Anscheinend wollten sie es um jeden Preis vermeiden, dass Neele in der Vergangenheit wühlte. Neele hatte ihnen oft genug von der ablehnenden Haltung ihrer Mutter berichtet. Und stets hatten sie versichert, dass sie das Verhalten der Mutter absolut nachvollziehen könnten. Sie hatten ihr geraten, dieses Thema ruhen zu lassen.
«Ich möchte doch nur wissen, wie mein Vater starb», erklärte Neele deshalb flehentlich. «Ist das nicht verständlich?»
«Natürlich», beruhigte sie Tinos Mutter, «natürlich! Allerdings weißt du doch schon, was damals geschah. Dein Vater hat sich selbst gerichtet, seine Schuld erdrückte ihn, und er hätte das Leben im Gefängnis nicht ertragen. Du hast uns doch selbst erzählt, wie sehr er seine Freiheit brauchte», sagte sie.
«Das glaubt ihr doch wohl selbst nicht!», brauste Neele auf. «Wegen eines Verkehrsverstoßes nimmt man sich doch nicht das Leben! Aber gut, wenn es tatsächlich die Wahrheit ist, finde ich mich damit ab. Denn dann ist der Zweifel ausgeräumt – der Verdacht, dass man mir seit Jahren aus irgendeinem Grunde nur die halbe Wahrheit erzählt. Wenn es tatsächlich so war, wie ihr sagt, muss niemand Angst davor haben, mir zu helfen.» Neele packte den Stier bei den Hörnern. «Fragt ihr Rainer Voß, ob er mich bei meinen Recherchen unterstützt?» Sie sah Tinos Mutter an. «Bitte! Oder soll ich ihn selbst anrufen?»
Jakob Chrumm
Ich wälzte gerade Bücher über Berlin. Stadtgeschichte, Sehenswürdigkeiten, ähnlich Langweiliges. Doch nichts half mir weiter. Keine Tipps, keine Anekdoten. Ich hatte Neele eine Stadtführung versprochen und suchte nach etwas Besonderem. Als ob sich Neele für das Baujahr des Brandenburger Tors interessierte! Entnervt legte ich die Bücher zur Seite. Ich seufzte. Dass es überhaupt so weit gekommen war, konnte ich mir nicht erklären. Das heißt, erklären konnte ich es mir schon, doch ich hatte es nicht beabsichtigt. Seit dem Abend der Party vor fast zwei Wochen dachte ich darüber nach, womit ich Neele überraschen konnte. Ich hätte mich eigentlich gegen diese Gedanken wehren müssen, schon alleine wegen Nina. Was nun?
Plötzlich hatte ich eine Idee: die «Hafenbar»! Die freitägliche Schlagerparty dort musste man erlebt haben. Die «Hafenbar» lag im ersten Stock eines kleinen alten Hauses im Ostteil der Stadt und war seit DDR-Zeiten unverändert. Sie war die älteste Disco der Stadt und auch bei jungen Leuten sehr beliebt. Ein hölzerner Segelmast stand in der Mitte der Tanzfläche, Fischernetze, Bullaugen und Plastikfische mit Riesenaugen hingen an den Wänden. Nachts pflegten sich die Tänzerinnen um den Segelmast zu schlängeln. Die Besucher der «Hafenbar» waren ein offenes und fröhliches Völkchen, fahrtüchtig war von ihnen meist bald keiner mehr, und so kannte nach einer halben Stunde fast jeder jeden – falls man den Namen des Gegenübers im Lärm überhaupt verstand.
Als wir die Bar am Abend betraten, tobte das Partyvolk bereits. Schlager wurden mitgegrölt, Arme flogen in die Höhe, Frauen wurden torkelnd übers Parkett gewirbelt oder kreischend in Hebefiguren gezwungen. Ein angetrunkener Gast schüttete versehentlich sein Getränk über meinen Arm aus und versuchte sich mühsam in Entschuldigungen. Ich holte zwei Bier, und Neele und ich setzten uns in eine ruhigere Ecke. Sie plauderte munter drauflos.
Es wurde immer später, die Musik langsamer. Irgendwann begaben wir uns auf die Tanzfläche. Neele lag in meinen Armen, langsam bewegten wir uns im Kreis. Ihre Hände glitten zaghaft über meinen Rücken. Ich spürte ihren Körper. Mein Herz begann zu klopfen. Sie umfasste meine Schulterblätter und ließ ihren Kopf auf meine Brust sinken. Hoffentlich spürte sie meinen Herzschlag nicht! Meine Hände wurden mutiger und suchten neue Ziele. Sie glitten ihren Rücken herab und befühlten ihren Gürtel. Ein neues Lied begann. Ich fuhr an ihrem Gürtel entlang, spürte keine Gegenwehr. Langsam ertasteten meine Hände ihr Gesäß. Ich zog sie an mich heran. Mein Kinn berührte ihre Haare. Ich schloss die Augen und streichelte ihren Nacken. Sie hob ihren Kopf und hielt ihre Wange an meine. Nein, das ging zu weit! Ich hatte Angst. Unsere Gesichter bewegten sich langsam aufeinander zu. Meine Lippen suchten nach ihren.
Nina!, schoss es mit durch den Kopf. Nina! Doch es war zu schön. So schön, dass ich jeden Moment erwartete, dass Neele mich plötzlich von sich stoßen und sich für ihren Moment der Schwäche entschuldigen würde. Ihre Lippen öffneten sich.
Nach einer gefühlten halben Stunde sahen wir uns in die Augen. War das nicht zu gut, um wahr zu sein? Ein Kuss muss schließlich nichts bedeuten. Neele konnte sich immer noch anders entscheiden. Doch was war mit Nina? Ich presste die Handflächen gegen meinen Kopf. Was war mit Nina?
Neele van Lenk
Neele hatte unruhig geschlafen. Früh verließ sie das Haus und ging im Park des Schlosses Charlottenburg spazieren, bevor sie auf ein Café zusteuerte. Kein Platz war besetzt, und doch legte die junge Bedienung ihre Zeitung nur missmutig beiseite, als Neele den Raum betrat. Die sah sich um und schüttelte den Kopf. Eigentlich hatte man hier den schönsten Blick auf das herrschaftliche Anwesen, doch der wurde durch Plastikpalmen verstellt. Sie nahm an einem Tisch Platz, legte ihre Handtasche auf den Nachbarstuhl und wartete. Pünktlichkeit war ein Charakterzug, den Neele sehr schätzte.
Just in dem Moment, als sie darüber nachdachte, flog die Tür auf, und Rainer Voß wehte herein. Er winkte ihr schon vom Eingang aus zu und begrüßte sie mit lautem Hallo. Schwunghaft ließ er sich auf einen Stuhl fallen, warf einen von einem Gummiband zusammengehaltenen Stapel loser Blätter auf den Tisch und strahlte Neele für ein paar Sekunden wortlos an. Dann schlug er mit der Hand auf den Papierhaufen und sagte: «Hier ist die Akte. Eine Kopie. Kannst du behalten. Und weißt du, was das Beste ist?» Eine Antwort wartete er gar nicht ab. «Ich habe schon hineingeschaut, damit ich dich besser beraten kann. Nee, nee, keenen Applaus, dit hab ick doch jerne jemacht!» Er hob die Arme wie ein drittklassiger Moderator bei der Eröffnung eines Kaufhauses. «Und dit war wirklich dein Vater? Respekt!»
Neele schaute ihn verwundert an. «Hallo erst mal!», sagte sie trocken. Rainer sah genauso aus wie auf der Feier, auf der sie ihn kennengelernt hatte: raspelkurze graue Haare, schlanke Figur und enge Jeans mit einem Ledergürtel, den eine Schnalle mit Schädelknochen und Hörnern zierte. Cowboystiefel und gebräunte Haut rundeten sein Erscheinungsbild ab.
«Du spielst doch zum ersten Mal Detektiv», sagte Rainer, ohne ihr zugehört zu haben. «Da wollte ich dir natürlich mit Rat und Tat zur Seite stehen.» Er lachte selbstgefällig. «Aber warum ich ‹Respekt› sagte: Schau dir mal das Fahrrad auf dem Bild an! Das hat ordentlich was abbekommen. Dein Vater hatte nicht einmal einen Kratzer. Das muss man erst mal hinbekommen.»
Neele war viel zu aufgeregt, um auf diese Äußerung einzugehen. Endlich hatte sie die Akte vor sich – dieses papierne Ziel ihrer Wünsche, um das sie so lange gekämpft hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie den amtlich festgestellten Tatsachen und damit der Wahrheit ganz nahe. Sie nahm den Stapel Papier in die Hand. War sie sich wirklich sicher, dass sie mit den Berichten und Bildern umgehen konnte, die darin auf sie warteten? Oder hatte sie vor langer Zeit damit begonnen, Geister heraufzubeschwören, die sie nicht mehr würde kontrollieren können? Sie mochte Goethes Zauberlehrling, aber das bedeutete nicht, dass sie sich in dessen Lage wiederfinden wollte. Sie atmete tief ein, öffnete die Akte und begann darin zu blättern. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Bilder, so dachte sie, sind immer ein guter Einstieg. Doch eigentlich war ihr Kopf leer. Sie war viel zu angespannt zum Denken. Das Fahrrad auf den Bildern, eindeutig das ihres Vaters, war in der Tat nicht nur verbogen, sondern völlig zerstört.
«Das Auto muss über das Fahrrad gefahren sein und es eine Weile mitgeschleift haben, bevor es gegen den Baum gefahren ist», hörte sie Rainer aus weiter Ferne sagen.
Ihr Blick versank in den Bildern des Fahrrads. Erinnerungen aus Kindertagen wurden wach.
«Neele?»
«Ja?» Sie schreckte hoch. «Du hast recht, es sieht scheußlich aus. Also das Fahrrad. Das hier …» Sie tippte mit dem Zeigefinger auf das Foto und murmelte, ohne Rainer anzusehen: «Dass das überhaupt jemand überlebt hat …»
«Ich habe gefragt, ob du auch noch etwas trinken möchtest», sagte Rainer und schaute sie lächelnd an.
Die Kellnerin stand am Tisch und grinste ihn an. Neele hatte sie gar nicht kommen sehen.
«Sie sind besonders niedlich, wenn sie noch so schüchtern sind», flüsterte Rainer ihr verschwörerisch zu, nachdem sich die Kellnerin wieder entfernt hatte.
«War sonst noch irgendwas in der Akte, das dir seltsam vorkam?», fragte sie schroff.
Rainer hatte den Kopf auf den Ellenbogen gestützt, rappelte sich nun aber auf, verschränkte seine Arme vor der Brust und lehnte sich im Stuhl zurück. Er sah Neele herausfordernd an. «Wie kommst du darauf, dass etwas seltsam war?»
«Warum sonst hättest du dich wundern sollen, dass der Fahrradfahrer den Unfall unbeschadet überstanden hat?»
«Für jemanden, der nicht tagtäglich mit derlei Ereignissen zu tun hat, hört sich vieles eigenartig an. Aber mit der Zeit bekommt man einen Blick fürs Wesentliche», sagte er gönnerhaft und inspizierte das Heck der Kellnerin, als sie die Getränke brachte. «Ich habe mich nur gewundert, wie es dazu kommen konnte, dass ein Fahrradfahrer einen Unfall ohne jeden Kratzer überlebt, während der eigentlich besser geschützte Autofahrer dabei ums Leben kommt. Mir ist so etwas noch nie zu Ohren gekommen.» Rainer zuckte mit den Schultern und sah Neele an. «Aber in meinem Job erlebt man jeden Tag Dinge, die man noch nie zuvor erlebt hat.»
«Also ist dir nichts Verdächtiges oder Ungewöhnliches an dem Verfahren aufgefallen?»
«Wolltest du die Akte haben, um etwas über deinen Vater herauszufinden oder um unsere Arbeit madigzumachen? In letzterem Fall nehme ich sie auch gerne wieder mit, wenn dir die Lektüre nicht gefällt.»
«Das meinte ich doch gar nicht!», beeilte sich Neele zu erklären. «Ich möchte nur wissen, was damals passiert ist. Das ist alles. Und da mir an diesem Umfall einfach alles merkwürdig vorkommt … Es tut mir leid.»
«Dit war Spaß, Kleene, aber is nett von dir, dass du dich entschuldigen möchtest! Lies dir das Ding einfach durch, und du wirst sehen, dass alles ganz normal verlief. Ich kann verstehen, dass du nach einem Strohhalm suchst. Wir haben öfter mit Menschen zu tun, die nach ihren Eltern forschen oder der Meinung sind, dass in ihrer Kindheit ein Verbrechen begangen wurde.» Er nippte an seinem Glas. «Das ist Routine. Kommt ohnehin nie was dabei heraus. Wenn du meinst, dass du Anhaltspunkte für Unregelmäßigkeiten findest, gib mir Bescheid. Ich erkläre es dir dann. Denk aber immer daran, dass dir die Geschichte deines Vaters erzählt wurde, als du noch ein Kind warst.»
Im Auto konnte Neele sich nur schwer auf den Verkehr konzentrieren. Sie wollte so schnell wie möglich nach Hause. Ihre Gedanken waren wie in einem Tunnel gefangen, der sie in die Vergangenheit führte und dessen Ende nicht zu sehen war. Tief ging es hinab in ihre Erinnerungen: das Gesicht ihres Vaters, seine Stimme, das Fahrrad …
Zu Hause begann Neele zu lesen. Laut den amtlichen Akten hatte ein Zeuge des Verkehrsunfalls die Polizei gerufen und damit die Ermittlungen in Gang gebracht. Am Unfallort hatte sich beim Eintreffen der Polizei niemand außer dem Zeugen befunden – niemand, der noch lebte. Der Zeuge war ein älterer Herr namens Hans-Georg Raven, der zum Unfallzeitpunkt in unmittelbarer Nähe des Ereignisortes seinen Hund ausgeführt hatte. Seine vollständige Aussage studierte Neele als Erstes.
Ich heiße Hans-Georg Raven, wohnhaft in 1 Berlin 39, Stölpchenweg 304, bin 61 Jahre alt und ledig. Am Abend des Unfalls ging ich mit meinem Hund spazieren. Es regnete fürchterlich, sodass ich kaum die Hand vor Augen sehen konnte, aber der Hund musste noch mal raus. Ich bin Hobbyangler, weshalb ich wasserfeste Kleidung besitze und mir der Regen nicht allzu viel ausmacht. Normalerweise begegnet man bei solch einem Wetter keiner Menschenseele, aber dieses Mal war das anders. Ich ging gerade wieder von der Brücke über den Teltowkanal nach Hause Richtung Stölpchensee, als mir plötzlich auf der anderen Straßenseite jemand entgegenkam. Erkennen konnte ich den Mann nicht.
Auf Fragen der Vernehmenden: Ich weiß nicht genau, ob es ein Mann war. Alles andere würde mich aber wundern. Eine Frau geht ja bei solch einem Wetter nicht aus dem Haus. Der Mann führte etwas mit sich, das ihm ungefähr bis zur Hüfte reichte, vielleicht war es ein Hund. Es war aber so dunkel und regnerisch, dass ich nicht genau erkennen konnte, was es war. Ich habe darauf allerdings auch nicht geachtet.
Auf Fragen der Vernehmenden: Der Größe nach könnte es sich bei dem Gegenstand auch um ein Fahrrad gehandelt haben.
Ich habe mich gefragt, wer die Person sein könnte, schließlich kennt man sich in diesem Winkel der Stadt. Ich bin aber weitergegangen, weil es zu stark regnete, und sprach den Mann nicht an. Nach ein paar Minuten kam mir ein Auto entgegen. Es fuhr eindeutig zu schnell. Vermutlich hatte es der Fahrer eilig. Kurz nachdem das Auto an mir vorbeigefahren war, vernahm ich lautes Geschepper und den Aufprall des Autos gegen einen Baum. Ich habe mich sofort umgedreht und sah noch eine Gestalt in den Wald springen. Dann bin ich sofort zum Wagen gerannt, dort fand ich einen regungslosen Mann hinter dem Steuer. Ich bin schnell in die nächste Kneipe gelaufen, um von dort aus die Polizei zu rufen, die dann ja auch bald darauf eintraf.
Auf Fragen der Vernehmenden: Ich weiß nicht, ob ich den Mann mit dem Fahrrad wiedererkennen würde. Ich bin mir aber sicher, dass er einen sehr langen gelben Mantel trug.
Neele blätterte weiter. Sie stieß auf den Bericht der Kommissarin Wendlandt, der Frau, die ihren Vater verhaftet hatte. Neele erinnerte sich nur noch vage und mit Abscheu an sie. Die Kommissarin hielt fest, dass der Zeuge seine Angaben bereits vor Ort gemacht habe und sie auf dem Präsidium haargenau wiederholt habe. Seine Aussage sei deshalb von hoher Glaubwürdigkeit. Einen ausschließlich durch Regenglätte verursachten Unfall schloss sie aus, denn man hatte ja das Fahrrad, nicht aber den Fahrer dazu gefunden. Fahrerflucht. Das spräche nach der festen Überzeugung von Frau Wendlandt dafür, dass nicht die Naturgewalten, sondern der flüchtige Fahrradfahrer den Unfall verursacht habe. Als Täter kam für sie nur Hilmar van Lenk, der Eigentümer des Fahrrads, in Betracht. Laut seiner Aussage habe der sich auf einem abendlichen Spaziergang mit seinem Hund befunden, um alleine zu sein.
Neele lächelte. Genau so hatte sie ihren Vater in Erinnerung. Bereits früher hatte sie beiläufig mitbekommen, dass sich so manch einer über diese Marotte ihres Vaters wunderte. Sie selbst hatte dies übrigens auch getan, aber er war nun einmal ihr Vater gewesen.
Der Aussage ihres Vaters maß die Kommissarin keinerlei Bedeutung bei. Hilmar van Lenk hatte für sie unglaubwürdige Angaben gemacht, die den Verdacht gegen ihn nur erhärteten. Eine Schutzbehauptung, wie die Kommissarin formulierte. Als sie zudem über eine Routineanfrage herausgefunden habe, dass er kurz nach dem Unfall in die DDR reisen wollte, sei für sie klar gewesen, dass er sofort in Untersuchungshaft genommen werde müsse.
«Dämliche Kuh!», schnaubte Neele wütend.
Dem Obduktionsbericht des Gerichtsmediziners entnahm sie nur ein einziges nennenswertes Detail: Der Fahrer des Autos, ein Herr Valentin Faber, war mit 1,9 Promille stark alkoholisiert gewesen.
Neele stockte und las den Namen erneut. Valentin Faber. Nie hatten ihre Mutter oder jemand anderes seinen Namen erwähnt. Zum ersten Mal nach Jahren bekam das Opfer eine Identität. Was Valentin Faber wohl für ein Mensch gewesen war? Ob er eine Familie zurückgelassen hatte? Auf eine seltsame Art kam Neele sein Name bekannt vor. Wahrscheinlich verwechsele ich ihn nur mit einem anderen, dachte sie und las weiter. Vielleicht war ihr Vater gar nicht auf die Straße gelaufen, sondern der Autofahrer war aufgrund seines hohen Alkoholpegels von der Straße abgekommen. Warum war die bornierte Kommissarin dieser Möglichkeit nicht nachgegangen? Die Frage, warum das Fahrrad ihres Vaters am Unfallort gefunden worden war, konnte diese Vermutung allerdings auch nicht beantworten.
Sie blätterte weiter. Das Fahrrad war kriminaltechnisch untersucht worden, und laut dem Bericht des Gutachters war es vom Auto des Opfers zermalmt worden. Es schien also alles ziemlich eindeutig.
Neele schlug die Akte zu und legte sie beiseite. Sie wollte einfach nicht glauben, dass ihr Vater sie belogen hatte. Aber war das so abwegig? Hatten ihre Freunde nicht recht, wenn sie meinten, sie sei damals ein kleines Mädchen gewesen, das ihren Vater vergötterte? Tat sie das nicht bis heute? Sie seufzte. Ein Kind versuchte man zu trösten, und sie war damals ein Kind gewesen. Wäre es nicht seltsam, wenn sich ihr Vater anders verhalten hätte? Er hatte bei seiner Verhaftung wohl kaum ein Gespräch über die Gründe seiner Tat mit ihr führen wollen und können. Trotzdem wehrte sich Neele mit aller Kraft gegen den Gedanken, dass ihr Vater sie mit einer Lüge hatte schützen wollen. Aber warum sagte ihre Mutter ihr nicht die Wahrheit – so wie sie hier in der Akte stand? Neeles Gedanken kreisten und kreisten. Langsam nickte sie ein.
Neele schrak hoch, als das Telefon klingelte.
«Ich denke, wir sollten uns am Sonntag treffen. Was hältst du davon?»
«Hat die Kellnerin keine Zeit?», fragte Neele grantig. Sie hasste es, wenn sie vom Telefon geweckt wurde. Wie spät war es eigentlich?
«Die ist am Samstag dran.» Rainer lachte, dann wurde er ernster. «Es gibt etwas, über das ich mit dir reden muss.»
«Ich höre aufmerksam zu», erwiderte Neele trocken. Die Erwähnung der Kellnerin ärgerte sie.
«Manche Dinge kann man nicht am Telefon besprechen. Keine Sorge, es hat etwas mit dem Fall zu tun! Mir ist etwas aufgefallen.»
«Ich bin am Sonntag nicht in Berlin.» Sie zögerte. «Wenn das jetzt ein Trick ist …»
«Ernsthaft, es geht wirklich um den Fall deines Vaters! Dann sehen wir uns am Dienstag. Um acht am Winterfeldtplatz. Bis dann!» Rainer legte auf.
Verdutzt sah Neele das Telefon an.
Jakob Chrumm
Endlich rückte er näher, der Tag, dem ich schon sehnlichst entgegenfieberte. Ein Monat war nun vergangen, seitdem ich Neele nach zwanzig Jahren wiedergetroffen hatte, und dieses Wiedersehen hatte mein Leben gründlich durcheinandergebracht. Es quälte mich, dass wir uns seit dem Abend in der «Hafenbar» nicht mehr gesehen hatten. Es quälte mich, dass wir uns regelmäßig E-Mails schrieben, aber nie eine Verabredung zustande kam. Immer dieselben Ausreden: die Arbeit, zu viel zu tun … Vor allem aber quälte mich der Gedanke, einem großen Irrtum aufgesessen zu sein. Hatte ich mich in etwas verrannt? Hatte ich etwas missverstanden? Ich wollte ihren Erklärungen so gerne glauben, aber warum konnte ich mir Zeit für sie nehmen, sie sich aber umgekehrt nicht für mich? Und was sollte ich von der wirklich großen Verabredung halten, die wir vor einer Woche getroffen hatten? Wir wollten das kommende Wochenende gemeinsam an der Ostsee verbringen. Natürlich war diese Idee zunächst im Spaß geboren, schließlich hatten wir uns gerade erst nach vielen Jahren wiedergetroffen. Im Verlauf der Zeit war sie aber zu einem festen Vorhaben mutiert. Trotz allem ließ mich die Befürchtung nicht los, dass Neele es nicht ernst meinen könnte. Nicht, dass sich diese Vermutung auf Tatsachen gründete, nein, sie nahm meine Gefühle ganz ohne Grund in Beschlag. Ihre Kraft schöpfte sie aus meiner Erfahrung, dass sich meine Wünsche bisher noch nie erfüllt hatten.
Den gesamten Freitag war ich hin- und hergerissen zwischen Euphorie und tiefer Traurigkeit. Vor allem aber war ich erschöpft. Erschöpft davon, immerzu von überschwänglicher Freude in tiefe Betrübtheit zu fallen.
Meine Zweifel erwiesen sich als grundlos, als Neele tatsächlich ihr baldiges Kommen ankündigte. Dennoch beutelte mich meine Angst, während ich auf Neele wartete. Das ist reine Hinhaltetaktik. Sieh dich doch an, wie lächerlich du bist!, sagte eine innere Stimme zu mir. Ich bäumte mich auf. Warum sollte Neele so etwas tun? Das ist deine gerechte Strafe! Woher nimmst du das Recht, glücklich sein zu wollen? Glück muss man sich erarbeiten! Und was hast du bisher dafür getan?
Mehrmals hatte ich schon gedacht, Neeles Auto gesehen zu haben, als ich vor meiner Wohnung auf sie wartete. Aber die Wagen hatten ihrem auf den zweiten Blick nicht einmal farblich geglichen. Siehst du!, höhnte die innere Stimme, als ich mich wieder einmal getäuscht hatte. Doch dann bog Neele tatsächlich um die Ecke.
«Siehst du!», äffte ich meine zweifelnde Stimme laut lachend nach und zeigte ihr eine lange Nase. Sie war besiegt! Hoffentlich ein für alle Mal. Vor mir lag eine wunderbare Zukunft mit einer wundervollen Frau. Überglücklich stieg ich zu Neele ins Auto und stellte mir vor, wie mein innerer Widersacher allein auf dem Bürgersteig zurückblieb. Auf dass es ihm eine Lehre sein mochte! Mich umzudrehen, um mich zu vergewissern, dass ich ihn wirklich abgehängt hatte, traute ich mich allerdings nicht. Zu groß wäre die Enttäuschung gewesen, wenn ich mich getäuscht hätte.
Ich freute mich darauf, das ganze Wochenende auf einem Schloss zu verbringen. Bei der Ankunft erwartete uns bereits die mecklenburgische Dunkelheit. Aber sie vermochte es nicht, die Schönheit des abgeschiedenen Ortes unter ihrem langen schwarzen Mantel zu verstecken. Die kunstvolle Beleuchtung des alten Schlossguts Groß Schwansee und des rustikal verzierten Stalls unterstrich die würdevolle Atmosphäre. Vom Balkon unseres Zimmers aus konnte man die Sterne sehen, so klar war der Himmel und so dunkel die Umgebung. Wir genossen den Anblick und lauschten der Melodie der Stille. Einzig das entfernte Rauschen des Meeres war zu hören. Die Luft schmeckte frisch, ein wenig salzig und mit einer Prise Alge versetzt. Die Pappeln raschelten, ihre Silhouetten zitterten im Mondschein. Das spärliche Licht ließ den Park nur erahnen.
Wir gingen zurück ins Innere und nahmen auf dem Sofa Platz. Neele schlängelte sich um mich herum, als ob ihr Körper ohne Knochen auskäme. Ich öffnete eine Flasche Champagner. Worüber wir sprachen? Ich weiß es nicht mehr. Ich genoss ihre Gegenwart. Allmählich verloren unsere Berührungen an Schüchternheit, sie wurden intensiver und vertrauter. Meine Hände streiften ihren Oberschenkel, meine Lippen küssten ihren Hals. Wir sanken aufs Bett. Champagner perlte auf ihrem Körper. Meine Hand glitt in ihren Schoß. Sie stöhnte. Einige Zeit später schliefen wir erschöpft ein.
Mitten in der Nacht wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Neele war hochgeschreckt und starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit hinaus. Sie war aufgewühlt. «Mein Gott», hörte ich sie leise ausrufen, «jetzt weiß ich, woher ich den Namen kenne!»
Vom Schloss führte eine Allee zum Strand. Durch die Baumwipfel konnte man das Wasser schon von Weitem erkennen. Das Wetter war umgeschlagen. Der Wind blies heftig und kalt. Er zerpflügte das Meer nach seiner Façon. Schaumkronen tanzten auf den riesigen Wellen, die gierig am Strand leckten. Auf der anderen Seite der Bucht lag Travemünde fast unsichtbar hinter den tief hängenden Wolken. Der Sturm presste salzige Meeresluft in unsere Lungen. Ich brüllte ihn an und war ob seiner Lautstärke doch so klein und unwichtig, dass Neele neben mir mein Gebrüll nicht einmal wahrnahm. Auf der wütenden See hatten einige übermütige Schwäne einen Riesenspaß. Sie bewegten sich zur Musik des Meeres, begleitet vom prächtigen Farbenspiel der wenigen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Wolken erkämpften. Ein einzelnes Boot mit Sturmsegel bahnte sich entgegen aller Vernunft seinen Weg durch die Wellen. Vor uns lag die Steilküste. An einer geeigneten Stelle kletterten wir empor und blickten hinab.
«Kannst du dir vorstellen, dass sich dieser friedliche Ort vor gar nicht so langer Zeit ganz anders präsentierte? Bestens bewacht und abgesichert? Für niemanden zugänglich und doch Schauplatz zahlreicher Fluchtversuche?», sinnierte Neele laut. «Schau mal da vorne zum Beispiel», sagte sie und schlang einen Arm um meine Hüfte, während sie mit der anderen Hand direkt vor meiner Nase herumfuchtelte und auf irgendeinen Punkt am Strand zeigte. «Da vorne stieg bestimmt ein junger Mann mit seiner Liebsten ins Wasser, um sich ans gegenüberliegende Ufer abzusetzen. Flucht in den Westen. Schon Monate zuvor schlichen sie deswegen heimlich hier umher und erkundeten die Umgebung. Eines Nachts, es war stockfinster, der Mond war von Wolken bedeckt, glitten sie gemeinsam ins Wasser. Sie waren jung und gut trainiert, schwammen los und ließen alles hinter sich.»
«Ich liebe deine Fantasie!»
«Ach, tu nicht so!», schmollte sie. «Du hast ja recht, Männer mögen lieber Technik. Also gut, vielleicht benutzten sie diese Propellerbrettchen, die man aus Agentenfilmen kennt.» Sie lachte, umkreiste mich, zog mich an sich und küsste mich, bevor sie mir zuhauchte: «Wenn es die damals schon gab …»
«Dir ist ja heute sehr agentisch zumute», stotterte ich.
«Ich bin zu einer Hobbyagentin geworden.» Sie entfernte sich von mir mit herausforderndem Blick, streckte mir die Hand entgegen und zog mich zu sich. Dann erzählte sie mir von ihrem Vater und ihren Nachforschungen.
Hilmar van Lenk, 1985
Hilmar van Lenk brach jeden Abend zur gleichen Zeit zu einem Spaziergang mit dem Familienhund Schlünz auf. Besonders mochte er den Herbst, nicht nur seiner Farbenpracht wegen, sondern auch wegen der ungefesselten Kräfte der Natur. Starker Wind und kräftiger Regen zogen ihn hinaus in den Wald und zu den kleinen Wiesen. Der Regen machte ihm nichts aus, im Gegenteil, er war das Besondere. Hilmar von Lenk liebte den Regen. Er liebte ihn nicht um seiner selbst willen, er liebte ihn, weil er in ihm die Sehnsucht nach dem warmen Heim mit den hellen Fenstern, dem Kamin mit dem prasselnden Feuer und dem Sofa mit der weichen Decke weckte. Sehnsucht, davon war er überzeugt, war keine unangenehme Empfindung, die es zu bekämpfen galt. Sehnsucht lieferte ihm Energie, Sehnsucht führte ihm den Wert seines Lebens erst vor Augen.
Hilmar unternahm Ausflüge, um zurückzukehren. Selten fühlte er sich so frei wie in diesen Momenten, deshalb genoss er sie. Im Alltag überkam ihn häufig ein Gefühl der Enge, obwohl ihn weder seine Familie noch seine Arbeit einengten, im Gegenteil, sein Leben war wunderbar. Er hatte eine liebevolle Frau und eine zauberhafte kleine Tochter, er ging in seinem Beruf auf und kam mit seinen Kollegen gut aus. Es war das Leben in dieser Stadt, die von einer Mauer umgeben war, das ihm die Luft zum Atmen nahm. Die physische Enge, das bloße Bewusstsein, eingeschlossen zu sein, schnürte ihm die Kehle zu. Wie oft hatte er darüber nachgedacht, hinaus aufs Land nach Westdeutschland zu ziehen! Aber seine Tätigkeit als Journalist konnte er nur hier so ausüben, wie er es sich vorstellte.
Wenn er an einem typischen Herbsttag abends im Dunkeln unterwegs war, freute er sich über die Einsamkeit. Dann konnte er sicher sein, dass ihm weder auf der Straße noch im Wald jemand begegnete. Keine verliebten Pärchen, die einen «total verrückten» Spaziergang im Sommerregen unternahmen. Selbst der Hirsch würde ihn nicht stören, denn auch der hatte sich an einen trockenen Ort verkrochen.
Am regnerischen Abend des 18. Oktober 1985 trug Hilmar van Lenk seinen gelben Friesennerz, den er so lieb gewonnen hatte. Allen Familienmitgliedern hatte er solch einen praktischen Mantel geschenkt, dennoch wollten ihn Tochter und Frau nie auf seiner Runde begleiten. Selbst der Hund konnte bei diesem Wetter nur schwer dazu bewegt werden.
Hilmars Weg führte ihn an der einzigen Kneipe im Dorf vorbei. Durch die beleuchteten Fenster konnte er die Silhouetten der Gäste erkennen, Musik und Gelächter drangen nach draußen. Sehnsucht. Gehen, um zurückzukehren.
Schlünz hatte den Schwanz eingezogen und trottete mit hängendem Kopf neben ihm her. Als sie die Straße nach Stölpchensee erreichten, traute Hilmar van Lenk seinen Augen kaum: Trotz des schlechten Wetters kam ihm jemand auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegen, auch er führte einen Hund mit sich. Im schwachen Licht der Gaslaternen konnte Hilmar van Lenk die Umrisse der Person nur vage erkennen, sie schien keine Notiz von ihm zu nehmen. Er beschleunigte seinen Schritt.
Plötzlich, er hatte bereits die Brücke über den Teltowkanal überquert, hörte er einen dumpfen Aufprall. Er drehte sich um und horchte. Niemand schrie, niemand machte sich bemerkbar. Angestrengt schaute er in die Dunkelheit – nichts. Dann wandte er den Blick wieder nach vorne und setzte seinen Weg in Richtung seines Hauses fort.
Er fand seine Familie vor dem Fernseher. Schlünz schüttelte sich im Flur die Nässe aus dem Fell. Hilmar van Lenk hängte seinen Mantel auf und ging in den Keller, um Holz für den Kamin zu holen. Heute gelangte er ohne Umweg an die aufgestapelten Bretter. Er lächelte. Seine Frau musste sein Fahrrad, das ihm sonst immer den Weg versperrte, beiseitegeräumt haben. Er sah sich im Keller um, konnte es aber nirgends entdecken.
«Wo ist denn eigentlich mein Fahrrad?», fragte Hilmar van Lenk seine Frau, als er wieder nach oben kam.
«Das habe ich am letzten Wochenende an Jakobs Vater ausgeliehen. Er wollte eine Radtour mit Jakob machen.»
«An den? Warum hat er es denn noch nicht wieder zurückgebracht?»
«Merkwürdig, er wollte es heute Abend an unserem Zaun abstellen. Hat er das etwa nicht getan?»
«Nein», murmelte er. «Das muss er wohl vergessen haben.»
Neele van Lenk
Neele beobachtete Rainer Voß dabei, wie er seinen blauen Ford Mustang mit den roten Ledersitzen einparkte. Er ließ den Sechszylindermotor noch einmal laut aufheulen und zwinkerte ihr lässig zu, bevor er ihn abstellte. Nachdem er ausgestiegen war, umarmte er sie und gab ihr ein Küsschen.
Wie sie das hasste! Sie fragte sich, wann es eigentlich Usus geworden war, einer jungen Frau so distanzlos zu begegnen. Neeles ausgestreckte Hand wurde selten geschüttelt, stattdessen wurde sie umarmt oder abgeschmatzt. Nein, ich will das nicht!, wollte sie dann stets laut schreien. Sie war nicht altmodisch, aber eine gewisse Zurückhaltung wusste sie als Zeichen guter Erziehung durchaus zu schätzen. Im Wesentlichen gab es, so hatte sie festgestellt, zwei Sorten von Männern. Die einen waren etwas schüchterner und gaben einem beim ersten Kennenlernen noch die Hand. Hatte man allerdings mehr als zwei Sätze mit ihnen gewechselt, ging das Angetatsche los. Die anderen waren noch schlimmer. Wurde man ihnen vorgestellt, ließen sie sogleich alle Hemmungen fallen. Als ob die Tatsache, dass man einen Dritten als gemeinsamen Bekannten hatte, Vertraulichkeit rechtfertigen würde. Wann war es so weit, dass auch die Königin von England abgeknutscht würde?
Rainer schien das alles nicht zu interessieren. Er hielt Neele lachend an beiden Schultern fest und sagte: «Ich freue mich, dich zu sehen. Komm!» Dann zog er sie in eine Bar.
«Mach’s nicht so spannend!», drängelte Neele neugierig, nachdem Rainer ohne langes Überlegen einen Old Fashioned und sie einen Gin Fizz bestellt hatte. «Was hast du mir zu erzählen?»
Doch Rainer dachte anscheinend gar nicht daran, sein Geheimnis zu lüften. «Ich verstehe überhaupt nicht, was du an dieser Pfeife von Tino eigentlich findest», begann er. «Der ist doch total unreif.»
Der Kellner servierte die Drinks, und es dauerte eine Ewigkeit, bis er die kleinen Papierserviettchen, die als Untersetzer dienen sollten, in die richtige Position bugsiert hatte.
Neele konnte Rainer schwer einschätzen. Es war etwas Hinterhältiges in seiner Art. Vielleicht wollte er auch einfach nur bei ihr landen. «Also, was möchtest du mir erzählen?», fragte sie erneut.
«Das habe ich dir doch eben gesagt», antwortete er mit einem breiten Grinsen.
«Zahlen bitte!», rief Neele in Richtung des verdutzten Barkeepers.
«Schon gut, schon gut!», beruhigte Rainer sie. «Es gibt etwas, das tatsächlich mit dem Fall zu tun hat.»
«Moment noch!», wies Neele den Barkeeper an, der sich kopfschüttelnd wieder der Minze zuwandte, die er gerade zerkleinerte.
«Ich habe die Akte gelesen, weil ich weiß, warum du sie haben wolltest.»
«Und?»
«Ist dir nichts aufgefallen?»
«Mir ist nur aufgefallen, dass anscheinend niemand in Erwägung gezogen hat, dass der Autofahrer den Unfall auch selbst verursacht haben kann. So voll, wie der war! Es wurde aber alles so dargestellt, als wäre mein Vater unzweifelhaft der Schuldige.»
«Mag sein. Viel erstaunlicher ist aber doch, dass der Zeuge deinen Vater überhaupt nicht erkannt hat! Er hat ja nicht einmal gesehen, was er mit sich geführt hat. Von so viel schlechterer Qualität als heute waren die Brillen damals auch nicht, dass man einen Hund nicht von einem Fahrrad unterscheiden konnte. Und wenn dein Vater tatsächlich ein Fahrrad mitgeführt hat, dann hat der Zeuge den Hund überhaupt nicht gesehen.»
«Es war dunkel und hat geregnet. Kennst du den Unfallort? Ich habe dort gewohnt und weiß, dass die Straße durch den Wald nur sehr schwach beleuchtet ist. Gestern erst war ich dort. Außerdem könnte ich mich auch nicht daran erinnern, wer mir bei einem solchen Wetter auf der anderen Straßenseite entgegengekommen ist.»
«Ich will dir ja nichts einreden, aber wenn man schon gesehen haben will, dass jemand etwas mit sich führt, dann muss man doch wenigstens erkannt haben, ob es von alleine lief oder geschoben wurde. Die Kollegin damals ist mit Sicherheit auch nicht auf den Kopf gefallen. Wie gesagt, ich will dir nichts einreden. Aber wenn du immer noch ein ungutes Gefühl bei der Sache hast, dann sollte man sich etwas näher mit diesem Zeugen beschäftigen. Schließlich hat er nie eine Aussage gemacht, die in einem Prozess hinterfragt werden konnte, denn leider …»
«Ich weiß, was du sagen willst», unterbrach ihn Neele. «Eine unschöne Erinnerung!»
«Entschuldige! Trotzdem können Untersuchungen nicht einfach abgebrochen werden, wenn der Hauptverdächtige verstirbt. Nicht bei einem solchen Ermittlungsergebnis! Es könnte ja sein, dass der wirkliche Täter noch frei herumläuft.»
«Was willst du damit sagen?»
«Bei solch einem Ermittlungsergebnis hätte kein Staatsanwalt jemals Anklage gegen deinen Vater erhoben! Wir hätten die Sache postwendend wieder auf unseren Tisch bekommen, mit der Aufforderung, unsere Arbeit vernünftig zu machen.»
«Weiß man eigentlich irgendetwas über das Opfer?»
«Das Opfer? Warum sollte das wichtig sein?»
«Nur so. Aber vielleicht können wir dem Zeugen mal einen Besuch abstatten.» Früher hatte Neele nie verstanden, was Menschen daran reizte, Detektiv zu spielen.
Rainer schien ihre Gedanken erraten zu haben. «Hör zu, das hier ist keine Fernsehserie!»
«Nicht?», fragte sie ironisch.
«Das mit dem Zeugen ist zum Beispiel so eine Sache. Ich habe versucht, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen, aber irgendwie ist er von der Bildfläche verschwunden. Vielleicht ist er bereits tot.»
«Und warum, lieber Rainer, säst du dann Zweifel in mir, wenn der Zeuge vielleicht gar nicht mehr befragt werden kann?»
«Was sagt eigentlich Tino zu der ganzen Sache?» Rainer schien ablenken zu wollen.
«Jetzt lass mich doch endlich mit Tino in Frieden!» Sie wusste wirklich nicht, was diese Fragerei nach ihrem Freund sollte. «Ich habe ihm nichts von meinen Nachforschungen erzählt, und ich weiß auch nicht, warum du immerzu nach ihm fragst.»
«Redet man nicht eigentlich über solche Dinge, wenn man in einer Beziehung ist?»
Wie sie solche Fragen hasste! Ja, das tat man. Aber sie tat es nicht – gezwungenermaßen. Seit Wochen schon hatte sie nichts mehr von Tino gehört. Eigentlich wusste sie gar nicht mehr so genau, ob sie überhaupt noch mit ihm zusammen war. Am meisten erstaunte sie jedoch, dass sie sich zum ersten Mal nicht mehr sicher war, ob sie noch eine Beziehung mit ihm führen wollte.
Tags darauf war Neele überzeugt, sie müsse endlich flügge werden. Sie wollte nicht länger nur von Rainers Flügeln getragen werden. Sie wollte nicht alles mit ihm planen und unternehmen, sie wollte die Richtung ihrer Nachforschungen selbst bestimmen. Es sollte ihre Suche sein, es sollte ihr Ergebnis sein!
Sie hatte das Gefühl, dass sich Rainer in Angelegenheiten einmischte, die ihn nichts angingen. Vorsichtig tapste sie zum Nestrand. Den ersten Schritt des Flüggewerdens hatte sie bereits hinter sich gebracht: Sie hatte den Willen zum Fliegen entwickelt. Neele war eigentlich kein aufmüpfiger Mensch, aber wenn sie die damaligen Ermittlungsberichte überdachte, ging ihr die Hutschnur hoch. Der Unfall konnte sich eindeutig auch anders zugetragen haben, als amtlich festgestellt worden war. Der zweite Schritt des Flüggewerdens stand kurz bevor: losfliegen. Entschlossen machte sie sich auf den Weg, um ihre eigenen Erkenntnisse zu gewinnen.
Zweimal sah Neele auf das Straßenschild, um zu prüfen, ob sie sich nicht getäuscht hatte. Dieser Pfad sollte die Breite Straße sein? Da hatten doch bestimmt ein paar Halbstarke im Appelkornrausch die Schilder vertauscht! Sie schaute im Stadtplan nach. Tatsächlich – die Breite Straße war weder breit noch groß, sie war schmal und eng. Die Mehrfamilienhäuser, die sie rechts und links säumten, waren dafür umso prächtiger. Neele näherte sich dem Haus Nummer 24, einem der wenigen schmucklosen Altbauten der Straße.
In der Schule hatte sie viel über den Kampf um Berlin im Jahre 1945 gelernt, deshalb war sie verwundert, dass es hier noch so viele schöne alte Gebäude gab. Einige davon wirkten allerdings wie Pfauen mit Federnausfall. Von diesen Häusern, allesamt zu Kaisers Zeiten erbaut, hatte man in der Nachkriegszeit den Stuck abgeschlagen. Neele war entsetzt gewesen, als sie davon zum ersten Mal gehört hatte. Wie hatte man nur so etwas tun können? Dieses Vorgehen war jedoch nicht als Akt der Barbarei, sondern als ein Beitrag zur schnellen Beseitigung der Kriegsschäden gedacht gewesen. Stucksanierung war aufwendig, so hatte man Neele erklärt, und damit teuer. Also hatte man kurzerhand den Stuckmord mit Prämien für die finanzschwachen Hauseigentümer gefördert. Entstuckungsprämie – scheußliches Wort!
Der Türöffner der Nummer 24 summte, und Neele betrat das großzügige, mit aufwendigen Schnitzereien verzierte Treppenhaus. Im zweiten Stock erwartete sie eine Frau, deren Alter sie nur schwer einschätzen konnte. Also war sie wohl in den besten Jahren. Sie hatte kurzes, dauergewelltes Haar und wirkte weder langweilig noch altmodisch. Neele gefiel, dass sie offensichtlich nicht den albernen Versuch unternahm, jünger zu wirken, als sie tatsächlich war.
«Neele, wie schön, dich zu sehen! Auch nach all den Jahren hätte ich dich sofort wiedererkannt», begrüßte Sabine Wilke sie. Dann führte sie Neele in ihr Wohnzimmer.
Der Raum war auffallend sauber, selbst der helle Teppich war makellos. Und die verschnörkelten Möbel waren mit Häkeldeckchen verziert, auf denen kleine bunte Porzellanfiguren standen.
Neele kam ohne Umschweife auf ihr Anliegen zu sprechen. «Du hast dich bestimmt schon gefragt, warum ich dich treffen wollte», sagte sie, griff in ihre Tasche, holte ein Foto heraus und reichte es Sabine.
Die betrachtete das Bild intensiv, bevor sie langsam sagte: «Das ist wirklich sehr aufmerksam von dir.» Sie deutete ein Lächeln an, aber es wirkte traurig. Dann gab sie Neele das Foto zurück.
«Es wäre schön, wenn du es behalten würdest. Ich dachte, es wäre vielleicht eine nette Erinnerung. Du und meine Mutter, ihr seht so glücklich aus auf dem Foto. Ich wusste ja nicht, dass du so viele Bilder hast …», erwiderte Neele und sah sich im Wohnzimmer um. Überall standen eingerahmte Fotografien.
«Das ist wirklich sehr aufmerksam von dir», wiederholte Sabine. «Aber das Bild stammt aus einer Zeit, die ich eigentlich aus meiner Erinnerung verbannt habe. Bitte versteh mich nicht falsch, Neele! Ich denke nicht schlecht über deine Mutter, das Gegenteil ist der Fall. Nur, die Umstände, die uns damals zusammengeführt haben, gehörten nicht zu den schönsten meines Lebens. Aber wem sage ich das! Du warst noch klein, als ich deine Mutter kennenlernte. Weißt du noch?»
Merkwürdig. Neele konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, Sabine Wilke jemals zuvor getroffen zu haben. Vor ihrem inneren Auge sah sie nur immer wieder das Foto von Sabine und ihrer Mutter auf deren Kommode stehen. Einige Jahre war es nun schon her, dass Neele ihre Mutter gefragt hatte, wer die fremde Frau auf dem Bild sei. Doch Helena van Lenk hatte nur unwirsch Sabines Namen genannt und kurz erklärt, es handele sich um eine alte Bekannte. Sie hatte Neele weder gefragt, ob sie sich an Sabines Besuche erinnern könne, noch etwas über gemeinsame Erlebnisse erzählt. Über die Vergangenheit verlor ihre Mutter niemals ein Wort.
Während des Wochenendes an der Ostsee hatte Neele an ihre Heimat denken müssen. Im Traum war sie durch das Haus ihrer Mutter gelaufen und vor der Kommode mit den Fotos stehen geblieben. Plötzlich war sie hochgeschreckt. Der Name! Auf einmal hatte sie gewusst, woher sie den Namen kannte, den sie vor Kurzem in den Akten gelesen hatte: Valentin Faber. So hatte das Unfallopfer geheißen, und Sabine Faber lautete der Name der unbekannten Freundin ihrer Mutter auf dem Foto. Das war unheimlich. Neele hatte sich in dieser Nacht fest vorgenommen herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Personen gab. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass ihre Mutter ihr darüber bestimmt nichts sagen würde. Also hatte sie sich entschlossen, der Sache selbst auf den Grund zu gehen.
Dennoch hatte sie noch am Abend ihrer Rückkehr ihre Mutter angerufen. Sie war ihr so lange auf die Nerven gegangen, bis Helena van Lenk ärgerlich geworden war. Ungehalten hatte die irgendwann erzählt, dass Sabine nach dem Unfalltod ihres Mannes einen alten Bekannten namens Robert Wilke, der schon seit Jahren hoffnungslos in sie verliebt gewesen war, geheiratet hatte und seitdem seinen Namen trug. Kaum hatte sie aufgelegt, hatte Neele zum Telefonbuch gegriffen.
«Sabine, ich möchte mich bei dir dafür entschuldigen, was deinem Mann damals passiert ist», sagte sie nun.
«Wie bitte?», fragte Sabine überrascht. «Neele, die Sippenhaft ist abgeschafft. Wenngleich es den Anschein hat, dass wir dazu neigen, viele der hart erkämpften Errungenschaften unserer Zivilisation allzu leichtfertig zur Disposition zu stellen.»
«Eigentlich weiß ich das», heuchelte Neele und fühlte sich dabei ziemlich durchtrieben, «aber es ist nicht ganz das, um was es mir geht.»
«Um was geht es dir dann?»
«Ich glaube, ich wollte nicht, dass du meinen Vater als Feigling in Erinnerung behältst, der deinem Mann das Leben nimmt und dann noch nicht einmal den Mut hat, die Konsequenzen dafür zu tragen. Ich bin mir sicher, er hätte gerne mit dir gesprochen.»
Sabines Gesicht war wie versteinert, hellte sich aber schnell wieder auf. Ihre Gesichtszüge wurden weich, fast zärtlich. «Neele, zu keinem Zeitpunkt habe ich deinen Vater verurteilt! Ich habe ihn nicht als Feigling in Erinnerung. Sei also ganz beruhigt. Ich möchte dir allerdings für die Zukunft noch etwas mit auf den Weg geben. Andere wären vielleicht ob deines doch recht eigensinnigen Gesuchs ziemlich ungehalten. Der Sache nach geht es dir nicht um eine Entschuldigung, sondern um etwas ganz anderes.»
Neele schluckte.
«Du möchtest die Witwe um Verständnis für den vermeintlichen Täter bitten! Schon deine Mutter wollte sich für ihren Mann entschuldigen. So entstand ja überhaupt erst unser Kontakt. Wir waren natürlich nicht die besten Freundinnen, das versteht sich von selbst, aber wir unterstützten uns gegenseitig in einer schweren Zeit. Seltsam, nicht wahr? Später verloren wir uns aus den Augen. Vor einigen Jahren habe ich dann erneut geheiratet. Das heißt nicht, dass Valentin nicht mehr in meinen Gedanken ist. Ich möchte aber nach vorne blicken und nicht für immer die Fesseln der Vergangenheit spüren.»
Neele senkte den Blick. «Vermeintlicher Täter? Du meinst also auch, dass mein Vater unschuldig ist?»
«Ich kenne deinen Vater als sehr aufrichtigen Menschen, und ich denke nicht, dass er dich jemals angelogen hätte.»
«Wie bitte?»
«Ich meine das, was mir deine Mutter über ihn erzählt hat. Nichts weiter.» Nervös rang sie ihre Hände.
«Du stimmst mir also zu, dass man den Fall noch einmal aufrollen müsste?» Neeles Plan schien aufzugehen. Sie wagte sich noch weiter vor. «Vielleicht können wir ja zusammenarbeiten.»
Sabine Wilkes Gesicht verfinsterte sich. «Nein, das ist überhaupt keine gute Idee! Wir werden niemals zusammenarbeiten. Es gibt nämlich nichts, woran wir zusammenarbeiten könnten.» Sie sprach langsam. «Du solltest nicht nach alten Geistern rufen!»
«Wenn wir sie gemeinsam rufen und verjagen, können wir beide besser schlafen.»
«Ich schlafe sehr gut.»
«Aber willst du denn gar nicht die Wahrheit erfahren?», drängelte Neele aufgeregt.
«Nein, liebe Neele, das möchte ich nicht», versetzte Sabine schroff. «Und weißt du auch, warum? Weil ich sie schon kenne. Und du kennst sie auch. Es tut mir leid, wenn ich mich eben missverständlich ausgedrückt habe. Du solltest im Übrigen auch nicht weiter in der Sache herumbohren. Erst am Ende der Suche wird sich nämlich zeigen, ob du mit der Wahrheit besser leben kannst als mit der Lüge. Aber dann ist es zu spät.»
«Es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe, Sabine! Oder gibt es etwas, das ich wissen sollte?»
«Ich bin müde. Mach dir nicht zu viele Gedanken um das Geschwätz einer alten Frau.»
«Darf ich dich noch einmal besuchen, wenn ich etwas Neues erfahre?», fragte Neele.
«Mach dir bitte keine Mühe. Versprich mir lieber, dich nicht auf ein Spiel einzulassen, dessen Regeln du nicht kennst. Leb wohl!»
Бесплатный фрагмент закончился.
