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Von Dagmar Isabell Schmidbauer
Tödliche Kunst
Kriminalroman
Imprint
Tödliche Kunst
Dagmar Isabell Schmidbauer
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Copyright: © 2020 Dagmar Isabell Schmidbauer
Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de


Freitag
Die Passauer Altstadt war praktisch menschenleer, als die dunkelhaarige Frau an diesem Julimorgen mit zwei Taschen in den Händen die Bräugasse erreichte. Die Hitze des Sommers hatte sich seit Tagen über die Stadt gelegt und die meist alten Mauern der Häuser aufgeheizt. Nicht mehr lange, dann würden die Gäste der Kreuzfahrtschiffe, die unweit am Donaukai vor Anker lagen, die schmalen Gassen der Altstadt füllen, und mit den Touristen kämen der Lärm und der intensive Geruch von schwitzenden Leibern. Es war täglich der gleiche allgegenwärtige Spuk, bis sie zum Abend hin, wie auf ein Zeichen, zu ihrem All-Inclusive-Essen wieder im Bauch der jeweiligen Schiffe verschwanden. Verena kannte diese getaktete Übernahme ihrer Geburtsstadt, hatte sie doch alles täglich von ihrem Arbeitsplatz aus im Blick. Die Stadtführerrouten verliefen zwischen dem Rathaus, dem Dom und der Neuen Residenz. Manche wählten einen Abstecher aufs Oberhaus, und die ungarischen Gäste besuchten das Grab der seligen Gisela, das gleich hier um die Ecke, in der Klosterkirche von Niedernburg, lag.
Verena blieb neben dem Fenster der Pizzeria stehen und seufzte gequält. Zu sagen, sie fühle sich unwohl, wäre eine massive Untertreibung. In Wirklichkeit ging es ihr absolut beschissen und im Nachhinein ahnte sie, dass sie besser im Bett geblieben wäre. Zumindest bis zum Nachmittag.
Mit dem Unterarm wischte sie sich eine Haarsträhne aus der feuchten Stirn und stöhnte leise auf. An normalen Tagen hätte es sicher niemanden interessiert, ob sie früher oder später kam, solange sie ihre Aufgaben gewissenhaft erledigte. Doch heute war ein ganz besonderer Tag.
Während sie weiter ging, glaubte sie auf einmal in der Spiegelung der Fenster das schöne Gesicht des Künstlers zu entdecken, den sie momentan betreute. Er sah sie an, wie er es anfangs oft getan hatte. Bestimmt hatte er gewusst, dass er sie mit diesem Blick um den Finger wickeln konnte. Sie hatte alles möglich gemacht, wenn er sie nur so ansah, überlegte Verena. Sie lächelte leicht und spürte, wie allein der Gedanke an ihre gemeinsame Zeit ihren Puls in die Höhe trieb.
Denn das war der wahre Grund, weshalb sie, statt im Bett zu bleiben, auf dem Weg ins Museum Moderner Kunst war. Heute sollte sein großes Geheimnis gelüftet werden, und durch nichts hätte sie sich die Chance entgehen lassen, die erste zu sein, die es zu sehen bekam.
Acht Wochen hatten sie auf diesen Tag hingearbeitet. Acht Wochen voll großer Gefühle, Angst, Schweiß, Streit und Selbstüberwindung. Acht Wochen, in denen sie miteinander gerungen hatten, um für einen großen Traum über sich selbst hinauszuwachsen.
Im Weitergehen spürte sie, wie der dünne Stoff ihres Kleides schweißnass auf Rücken und Bauch klebte. Der Pulsschlag ihres erregten Herzens pochte laut in ihren Schläfen. Vielleicht war es ja doch einfach die Hitze und die Anspannung. Am Abend fand die Passauer Kunstnacht statt. Zwei Ausstellungseröffnungen gab es allein im Museum. Für das Gelingen der einen war sie verantwortlich.
Diese Tatsache war aber noch lange kein Grund für den Schwindel, der sie in der Mitte der Klostermauer erneut zum Stehenbleiben zwang. Verena war lange in diesem Geschäft, sie wusste, was sie tat. Zumindest meistens. Tief durchatmend suchte sie Halt an den rau verputzten Steinen. Gleich hatte sie es geschafft, sie musste nur noch die Straße überqueren, dann stand sie vor der Eingangstür des Museums, holte ihren Schlüssel aus der Tasche und schloss auf.
In der ehemaligen Zufahrt, die die vier Häuser miteinander verbunden hatte, legte sich die kühle Luft auf ihre feuchte Haut und ließ sie erschaudern. Routiniert warf sie einen Blick in den Kassenraum hinüber, aber der Kollege war noch nicht da und damit war auch der Aufzug noch nicht in Betrieb. Außer ihrer Neugierde gab es keinen Grund, schon so früh im Museum zu sein, die ersten Besucher durften erst in zwei Stunden eintreten.
Inzwischen hielt sie sich nur noch mit Mühe aufrecht und war froh, als sie die ersten Stufen und gleich darauf das schwarz gestrichene Eisengitter erreichte, das außerhalb der Öffnungszeiten den Zutritt zu den oberen Stockwerken des MMK versperrte. Halt suchend krallte sie sich mit einer Hand daran fest. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es verschlossen war. Allerdings hatte sie auch nicht damit gerechnet, dass es ihr so schlecht gehen würde.
Langsam ließ sie vom Gitter ab und setzte sich auf eine der kühlen Stufen, um sich auszuruhen. Sie hasste Schwächen wie diese, auch wenn sie sich ihr nur selten in den Weg stellten. Seit ihrer Geburt vor 42 Jahren hatte Verena ein sorgloses Leben geführt und es hatte eigentlich nur ein einziges Mal gegeben, bei dem sie sich ähnlich hilflos und erbärmlich gefühlt hatte wie jetzt hier auf dieser kühlen Steinstufe.
Heute dagegen hatte sie einfach ein Date und das noch nicht einmal mit einem Mann, der sie begehrte, sondern lediglich mit seinem Kunstwerk. Lächelnd lehnte Verena den Kopf an die Wand und schloss die Augen. Wieder sah sie den mehr als zehn Jahre jüngeren und vor Energie und Lebensfreude fast berstenden Künstler vor Augen, der sie regelmäßig zum Träumen brachte.
Quentin von Blümstorf war ein großer, hübscher Kerl mit breiten Schultern und muskulösen Armen. Eine Mischung aus Renaissanceprinz und Räuberhauptmann, überlegte sie voller Zuneigung. Seine dunklen, lockigen Haare fielen ihm immer ein bisschen unordentlich in die Stirn, als hätte sie jemand liebevoll mit den Fingern verwuschelt, und wenn sie ihm so begegnete, hoffte Verena noch immer, sie wäre diejenige gewesen. Sie liebte es, Männern durch die vollen Haare zu fahren, und stellte sich gern vor, wie er sie dabei aus seinen vergissmeinnichtblauen Augen ansah. Ein Blick, für den sie hätte töten können. In ihrer Fantasie lächelte er mit seinen sanft geschwungenen Lippen, bis sie ihn nur noch zärtlich küssen wollte. Verena schmachtete ihrer eigenen Fiktion hinterher. Liebevoll streichelte sie ihm in Gedanken über sein markantes und glattrasiertes Kinn. Sie dachte an die vielen Pizzen to go, die sie in der letzten Zeit zusammen direkt aus dem Karton gefuttert und wie sie sich anschließend ungeniert die fettigen Finger abgeleckt hatten – nur eben leider nicht gegenseitig.
„Wie bist du eigentlich zu deinem Namen gekommen?“, hatte sie ihn anfangs gefragt, und er hatte gelacht und übertrieben geheimnisvoll geflüstert: „Einer meiner Vorfahren war ein Ritter der Tafelrunde beim alten König Artus.“ Irritiert hatte Verena ihn angesehen und schließlich laut aufgelacht. Es war schön, so zusammen zu lachen. „Was, das glaubst du mir nicht?“, hatte er voller Ernst den Gekränkten gespielt, bis er ihr plötzlich offenbarte: „Da geht’s dir wie mir. Die Wahrheit geht nämlich so: Meine Ur-Urgroßmutter stammte aus England, und die brachte neben dem innovativen Namen für ihren ersten Sohn auch eine fette Mitgift über den Kanal nach Deutschland.“ Sie saßen nebeneinander auf zwei Kisten und Verena hing an seinen Lippen. Sie liebte solche Geschichten, vielleicht weil ihre eigene ähnlich spannend war. „So kam‘s, dass mein Urgroßvater Quentin schließlich dieses Baugeschäft gründete, das immer größer wurde und das ihm sogar den Adelstitel vom ollen Kaiser Wilhelm persönlich einbrachte. Großvater Quentin war als strammer Deutscher und Kriegsteilnehmer dann allerdings gar nicht mehr so glücklich über das feindliche Namenserbe und hat meinen Vater, obwohl der eine ganze Weile nach dem Krieg auf die Welt kam, nach seinem anderen Großvater Georg genannt. Aber bei meiner Geburt wurde die Familientradition wiederbelebt und jetzt bin ich Quentin der Jüngste – wer weiß, vielleicht ja auch Quentin der Letzte.“
Nach diesem Tauchgang durch die Vergangenheit nestelte Verena ihr Kleid zurecht und versuchte, sich aufzurappeln. Wenn es irgendeinen Sinn hatte, heute so viel früher als alle anderen hier zu sein, dann sollte sie sich jetzt auf den Weg nach oben machen. Sie nahm alle Kraft zusammen, hob den Arm und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Als sie das Gitter zur Seite führte, ächzte das Scharnier, als wolle es ihr eine Warnung zuflüstern. Der geschwächten Frau lief ein Schauer über den Rücken. Doch sie war nicht in der Verfassung, auf solche Zeichen zu hören.
Stattdessen stemmte sie sich in die Höhe und nahm ihre beiden Taschen auf. Sie musste weiter. Notfalls auf allen Vieren. So kurz vor dem Ziel würde sie niemals aufgeben, schon aus Prinzip nicht.
Eigentlich war Verena eine Frühaufsteherin und eigentlich brachten sie zwei Tassen stark gebrühter Kaffee immer auf die Beine, aber heute schien ihr, als habe sie Kamillentee geschlürft.
Energisch kämpfte sie sich die letzten Stufen bis ins erste Stockwerk hinauf. Ohne einen Blick in die Ausstellungsräume in dieser Etage zu werfen, lief sie den hellen, mit Sandsteinplatten belegten Flur entlang und weiter bis zur nächsten Treppe. Zum Glück gab es hier kein zweites Eisengitter. „Ich schaff das“, flüsterte sie und zog sich am hölzernen Handlauf die Steinstufen hinauf. Sie spürte die Hitze, die mit jedem Schritt größer wurde, und die Nervosität, die sie dennoch antrieb.
In einer Hand hielt sie die Papiertüte mit einem zweiten, in diesem Fall schwarzen und sehr eleganten Kleid für den Abend und ihren Louboutins: spitz, hoch und mit der roten Sohle unverwechselbar. Die teuersten Pumps, die sie besaß. Verena lachte wehmütig auf. Sie hatte alles bis ins kleinste Detail geplant: Die Laudatio, die sie für Direktor Engelmann vorbereitet hatte, Kleid und Schuhe für ihren eigenen Auftritt, sogar bei der Kosmetikerin und ihrem Friseur war sie vorgestern noch gewesen. Doch wenn sich ihr Zustand nicht bald besserte, war alles umsonst gewesen. Das wäre dann der erste wirklich schwere Fauxpas, der ihr in ihrer Karriere passiert war, und sie befürchtete, der Direktor würde nicht zögern ihn gegen sie zu verwenden.
Endlich im zweiten Obergeschoss angekommen, stellte sie ihr Gepäck auf den Boden, strich ein letztes Mal ihr Kleid glatt und sammelte sich für diesen feierlichen Augenblick, den sie ganz allein genießen wollte. Voller Spannung ging sie dem Werk entgegen, das am gestrigen Abend hinter den nächsten Türen ohne Zeugen und Zuschauer entstanden war.
Dabei dachte sie erneut an Quentin, und mit seinem Bild vor Augen erreichte sie den ersten seiner Ausstellungsräume, achtete hier jedoch kaum auf die versammelten Gemälde und Skizzen des Künstlers. Frech, verspielt, innovativ, herausfordernd und ungewöhnlich, um nur einige Attribute zu nennen. Sie sollten den Betrachter in Empfang nehmen, herausfordern, zum Nachdenken animieren. Sie kannte sie alle. Verenas Interesse galt an diesem Morgen einzig der großen Überraschung, die Quentin in den zweiten Raum platziert hatte. Seine Idee hinter dieser Installation war es, Quentin von Blümstorf, den aufsteigenden Stern am Kunsthimmel, wie er lachend erklärt hatte, hinauf ins Universum zu schießen. Mit seinem geradezu charismatischen Blick hatte er sie beschworen, an ihn zu glauben, und sie hatte ihm vertraut.
Während Verena weiterging, knarzte das alte Parkett leise unter ihren Schritten, und die weißgetünchten Wände warfen das Echo zurück. Prüfend sah Verena sich um, aber sie war ganz allein. Ein herrlicher Moment. Sie blickte nach oben zu der wunderbaren Stuckdecke, die in diesem Geschoss auch nach der letzten Renovierung erhalten geblieben war, und auf einmal wurde sie ganz ruhig.
Quentin hatte sie weggeschickt. Er war sich nicht sicher gewesen, ob ihr gefallen würde, was er vorhatte, und Verena hoffte jetzt einfach, dass sie sich für das, was er getan hatte, begeistern konnte. Etwas anderes blieb ihr auch nicht übrig, denn sie hatte versprochen, das Beste aus dem Jungen herauszuholen. Aus einem Jungen, der längst ein Mann war und der doch noch immer so tat, als müsste sich alles nur um ihn drehen.
Kurz bevor sie die geöffnete Tür erreicht hatte, schloss sie die Augen und tastete sich mit einer Hand an der glatt verputzten Wand weiter. Sie atmete tief durch und stellte sich vor, Quentin selbst würde ihr die Sicht nehmen und sie langsam zu seinem Werk führen. Sie spürte die Wärme seiner Hand auf ihrer Schulter und hörte in Gedanken seine Stimme. Verena lächelte und ein lustvoller Schauer rieselte über ihren Rücken. Augenblicklich fühlte sie sich besser.
Ach, wäre das schön, seufzte sie innerlich. Und im Stillen bettelte sie, er möge sie doch nicht so sehr quälen. Obwohl sie genau das, auch bei anderen Gelegenheiten und vor allem bei anderen Männern, so sehr genoss.
Er könnte sie zärtlich auf den Nacken küssen, bevor er ihre Augen freigab, überlegte sie und baute diese innige Geste in ihren Kopfkinofilm mit ein. Und nachdem sie die Augen geöffnet hatte, würde er sie fragen: „Na, was sagst du, meine Liebe, gefällt es dir?“
Verena lächelte glücklich und dachte an jene Tage, als sie sich erst kennenlernen mussten. Damals hatte er sie noch gesiezt und war stets wegen einer neuen Kleinigkeit zu ihr gekommen, um ihren Rat einzuholen. Seither glühte in ihrem Herzen die unerfüllte Liebe zu ihm – bitter und süß zugleich. Noch nie hatte ein Mann sie so sehr fasziniert und war gleichzeitig so unerreichbar für sie gewesen. Ach, wenn sie doch nur seine Liebe sein könnte!
Inzwischen war ihre Neugierde größer als ihre Sehnsucht nach etwas, was nicht in Erfüllung gehen konnte. Doch auch heute würde er sie als Erstes fragen: „Na, meine Liebe, hast du das von mir erwartet?“ Quentin konnte das, einfach so tun, als wäre nichts gewesen.
Langsam öffnete Verena die Augen und starrte voller Entsetzen in den Raum hinein.
Von ihrem Platz hatte sie alles im Blick. Jedes Detail. Jedes verdammte Detail, das sich blitzschnell auf ihrer Netzhaut einbrannte. Obwohl sie sofort die Augen schloss, sah sie immer noch den Raum mit all seinen Abscheulichkeiten vor sich.
Oder war das nur ein Albtraum? Hier oben war es noch heißer als unten in der Bräugasse. Hatte sie das Bewusstsein verloren und bildete sich alles nur ein? Sie öffnete die Augen und ihr Herz galoppierte los, als könne es um ihr Leben laufen.
Verena konnte sich nicht von der Stelle rühren. Sie war wie versteinert. Mit dem Boden verwoben. Wie im Traum war alles völlig surreal. Nichts passte zusammen, nichts entsprach ihren Erwartungen. Es fehlte nur noch, dass sie losfliegen konnte. Bestimmt lag sie in ihrem Bett und … Ich muss aufwachen!, entschied sie. Manchmal funktionierte so ein Wunsch. Heute wünschte sie vergebens.
Am gestrigen Nachmittag hatte sie heimlich einige Teile, die später zu Quentins Installation verbaut werden sollten, inspiziert und sich anschließend so manches zusammengereimt. Doch egal, wie weit sie in ihrer Fantasie gegangen war, nichts, aber auch gar nichts war so verstörend gewesen wie das, was sie in diesem Moment zu sehen bekam.
Halt suchend krallte sie sich mit den Händen am Türrahmen fest. Wellen von Schmerz und Fassungslosigkeit überspülten sie und drohten sie zu ersticken. Sie hatte das Gefühl, der Boden würde sich unter ihren Füßen öffnen und sie in eine unendliche Tiefe saugen.
Sie fiel und fiel und fiel und fiel.
Voller Entsetzen riss sie den Mund auf, konnte aber nicht schreien. Nur ein leises Wimmern kroch langsam ihre Kehle hinauf und ergoss sich zu einem endlosen Klagelaut in den Raum hinein.
„Neeeiiin, neeeiiin“, jammerte sie, und ihr ganzer Körper vibrierte, bis sie am Türrahmen entlang zu Boden rutschte. Kraftlos blieb sie liegen, schlug die Hände vor den Mund, zitterte und bebte am ganzen Leib. Gerade noch vor unerfüllter Liebe glühend, drohte ihr Herz jetzt zu erfrieren, so kalt wurde ihr mit einem Mal. Endlich bahnten sich Tränen ihren Weg und bedeckten die ganze groteske Szene, von der sie den Blick nicht mehr abwenden konnte, mit einem sanften Schleier.
„Warum? Warum?“, schluchzte sie und kroch langsam, jammernd und klagend, auf allen Vieren in den Raum hinein.
Je näher sie der Installation kam, desto weiter musste sie den Kopf heben, und das Erste, was sie sah, waren seine nackten Füße, die eine Handbreit auseinanderstehend in ihre Richtung zeigten. Sie waren blauviolett gefärbt, als hätte er sie in ein Farbbad getaucht. Eine ausgeblichene und an einigen Stellen aufgerissene Jeans bedeckte seine langen Beine bis zu den Knöcheln. Verena erkannte die große Gürtelschnalle, die sie schon des Öfteren bei ihm gesehen hatte und die das Abbild eines Tigerkopfes zeigte. Er liebte Tiger, weil sie so stark und unerbittlich seien, hatte er ihr erklärt, als sie ihn darauf angesprochen hatte. Er wäre auch gern ein Tiger gewesen.
Während sie die Schnalle betrachtete, registrierte sie, dass seine feingliedrigen Hände und seine Unterarme die gleiche blauviolette Farbe aufwiesen wie seine Füße.
Verena spürte den Sekt der letzten Nacht, der unangenehm nach oben drängte. Sie musste würgen, versuchte aber, sich und ihren krampfenden Magen zu beruhigen. ‚Tief ein- und wieder ausatmen!‘, gab sie sich selbst das Kommando.
Trotz des Gürtels war die Jeans ein wenig heruntergerutscht und ließ sie so den Schriftzug von Dolce & Gabbana, der zu seinem Slip gehörte, lesen. Wie schön er doch war, dachte Verena und betrachtete Quentins gut trainierten Bauch und seine stramme Brust – von jeglichem Haarwuchs befreit, mit kleinen braunen Brustwarzen.
Nichts, was sie zu sehen bekam, war tätowiert und nichts gepierct.
Nur ganz langsam wanderte ihr Blick weiter nach oben. Sie hatte Angst davor, was sie sehen musste, wenn sie ihm ins Gesicht schauen würde. Und doch konnte sie nicht länger warten, denn sie brauchte Gewissheit.
Die dunklen, lockigen Haare fielen ihm wie immer in die Stirn. Die Augen – seine unfassbar charismatischen Augen – waren geschlossen. Die langen, vollen, schwarzen Wimpern berührten wie müde Schmetterlingsflügel seine unnatürlich blasse Haut. Nie wieder würde er ihr einen dieser unwiderstehlichen Augenaufschläge schenken.
Aus ihrer Kehle drang leises Wimmern. Aber sie konnte den Blick trotzdem nicht von ihm abwenden.
Auf seinen sonst sorgfältig rasierten Wangen begannen sich leichte, schwarze Bartschatten abzuzeichnen. Fast sah er aus wie für einen Männerkalender zurechtgemacht, dachte sie und erschrak über diese unpassende Idee. Denn um seinen Hals lag ein dünner Draht und sein sonst so markantes Gesicht mit den klar definierten Zügen wirkte aufgedunsen, die Haut schimmerte nicht mehr gesund und leicht gebräunt. Sie hatte einen gelblich-grauen Ton angenommen und wies unappetitliche, rote Sprenkel auf.
Auch seine sonst so rosigen Lippen hatten jede lebendige Farbe verloren. Die Zunge hing ein wenig heraus und war blauschwarz angelaufen. Aus dem rechten Mundwinkel führte eine kleine Speichelspur bis zum Kinn und weiter bis zum Boden. Verena streckte die Hand aus, um zu prüfen, ob er wirklich aus Fleisch und Blut oder vielleicht doch nur ein Trugbild war. Kaum hatte sie seine Füße berührt, da zog sie ihre Hand zurück, als habe sie sich verbrannt. Dabei war er kalt. Eiskalt.
Von Hysterie gepackt rutschte Verena rückwärts, bis sie am Türrahmen anstieß, und weiter bis auf die andere Seite des Durchbruchs. Aus dieser sicheren Perspektive betrachtete sie den ebenholzfarbenen Kasten, der einmal ein Klavier gewesen sein musste, den dicken, dunkel gebeizten Balken, der aus dem Kasten herauszuwachsen schien, und den Querbalken, der verstrebt war wie ein Galgen und um dessen Ausläufer der Draht gewickelt war. Ungläubig musterte Verena die ganze Installation, und je länger sie sie anstarrte, desto harmonischer verbanden sich die einzelnen Teile miteinander. Auch Quentin fand auf makabre Weise seinen Platz darin und vervollständigte das Kunstwerk wie das letzte fehlende Teil in einem Puzzle des Grauens.
„Quentin“, jammerte Verena hilflos. „Oh, Quentin“. Hinter all dem Entsetzen hatte sie immer noch das Bild des jungen, von ihr angebeteten Künstlers vor Augen. So, wie er gewesen war, als sie noch miteinander Pizza verdrückt hatten. Und dann dachte sie an die Geschichte um seine Namensgebung …
„… und jetzt bin ich Quentin der Jüngste – wer weiß, vielleicht ja auch Quentin der Letzte.“
Die Wucht dieser Erinnerung – an die sorglose Zeit einer zaghaften Annäherung und an Quentins beinahe prophetische Aussage – raubte Verena fast den Verstand. Sie rollte sich wie ein verletztes Tier auf dem Parkettboden zusammen und schluchzte hemmungslos.

Franziska Steinbacher, Oberkommissarin bei der Passauer Mordkommission, erwachte an diesem Freitagmorgen vom Hupen eines LKWs und den wüsten Beschimpfungen zweier Männer, die sich auf dem Parkplatz unter ihrem Wohnhaus in der Wolle zu haben schienen. Der Hitze wegen hatte sie die ganze Nacht über ihre Fenster weit geöffnet gehabt, was sich jetzt als Nachteil herausstellte. Seufzend wollte sie sich gerade das Kissen über den Kopf ziehen, um weiterschlafen zu können, als ihr Blick den Wecker streifte. Kurz vor acht. „Verdammt!“ Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und lief barfuß den Flur entlang. Wie konnte ihr das nur passieren, wo sie doch Ramona versprochen hatte, deren Tochter Bianca heute Morgen erneut beim Streichen der neuen Wohnung zu helfen. Natürlich gleich in der Früh, weil es später zu heiß werden würde.
Im Badezimmer schnappte sie sich die mit Farbe bekleckerten Sachen vom Vortag und schlüpfte hinein. Dann lief sie in die Küche, um sich vor Beginn der Arbeit mit einem Glas Milch zu stärken.
Als Kriminalkommissarin rannte Franziska täglich viele Stufen rauf und runter und manchmal blieb ihr auch Zeit für einen Waldlauf oder eine Runde Schwimmen im See. Als besonders sportlich hätte sie sich allerdings nicht bezeichnet, auch wenn man das aufgrund ihrer Figur vielleicht vermutet hätte. Das Streichen einer Wohnung hatte sie bis zum gestrigen Tag erfolgreich anderen überlassen, ihrem Exfreund zum Beispiel, der als Künstler darin geübt war, den Pinsel zu schwingen.
Weil Walter nun aber nicht mehr zu ihrem Leben gehörte, und Ramona, die Sekretärin des Kommissariats, Rücken hatte und seit Tagen mit leidendem Blick durchs Büro schlich, war sie unter die Anstreicher gegangen. Zumindest aushilfsweise. Franziska mochte die ältere Kollegin, die sie im vergangenen Herbst mit unzähligen Aufmunterungen unterstützt hatte. Damals hatte sie sich gerade von Walter getrennt, weil der sich auf unmögliche Weise in ihr Leben eingemischt hatte, und Ramonas mütterliche Fürsorge hatte ihr gutgetan. Darum war es für sie auch selbstverständlich, sich dadurch zu revanchieren, indem sie Bianca beim Umzug ein wenig unter die Arme griff.
Nach einem weiteren Aufenthalt im Badezimmer und eingehüllt in eine Wolke ihres Lieblingsparfüms hastete Franziska, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter zum inzwischen menschenleeren Parkplatz.
Bisher hatten sich Ramona und ihre Töchter ganz gut allein durchs Leben geschlagen. Dann war Julia für ein Jahr nach Neuseeland geflogen und Bianca hatte eröffnet, dass sie mit zwei weiteren Mädels eine WG gründen wollte. Diese Veränderungen machten Ramona sehr zu schaffen, und daher, so vermutete Franziska, kam auch die Geschichte mit dem Rücken. Nur wie sollte sie das einer Mutter sagen, der das Herz blutete? Franziska lebte inzwischen auch wieder allein, aber das hatte sie, bevor Walter in ihr Leben getreten war, ja auch getan, sagte sie sich dann trotzig und spürte doch, dass ihr Leben ohne ihn ein wenig unvollkommen war.
Gerade hatte Franziska den Ilzdurchbruch in Richtung Hals hinter sich gelassen, als ihr Telefon einen eingehenden Anruf meldete.
„Ach, hallo, Ramona!“, grüßte sie mit zerknirschter Stimme und wollte sich schon für die Verspätung entschuldigen, als ihr auffiel, dass es sich nicht um deren Handynummer, sondern um die Nummer des Büros handelte. „Ich bin gleich da“, versprach sie. „Aber warum bist du denn im Büro?“
„Na, zu irgendetwas muss ich doch noch nützlich sein“, entgegnete die Sekretärin mit leidender Stimme, und Franziska fürchtete, dass jetzt wieder die Nummer kam mit: „All die Jahre habe ich mich gekümmert, aber jetzt müssen die Damen natürlich auf eigenen Füßen stehen.“
„Du, ich bin schon in der Freyunger Straße, es kann wirklich nicht mehr lange dauern“, berichtete Franziska betont munter und hängte als Erklärung an. „Ich habe tatsächlich verschlafen, wahrscheinlich bin ich die körperliche Arbeit einfach nicht mehr gewohnt.“ Sie schloss mit einem gekünstelten Lachen.
„Kannst du vergessen!“, entgegnete Ramona und Franziska verdrehte die Augen. „Dreh um und fahr in die Bräugasse. Es gibt einen Toten im Museum Moderner Kunst. Der Chef und Hannes sind auch schon auf dem Weg.“
„Nicht dein Ernst?“, entfuhr es Franziska. Mechanisch setzte sie den Blinker und lenkte ihr Auto vor der Abzweigung zur Alten Straße in die Bushaltestelle, um auf der Fahrbahn zu wenden und über die Hängebrücke an die Ortsspitze zu gelangen. Ein Toter im MMK, dachte sie, und dann fiel ihr ein, dass das nicht einfach werden würde, weil am Abend die Kunstnacht stattfinden sollte und die Altstadt dann jedes Jahr im Ausnahmezustand war.

Franziska setzte ihren Wagen rückwärts in den letzten der Parkplätze, die vor der Mauer zum Kloster Niedernburg eingezeichnet waren, und entdeckte Hannes in Jeans und kurzärmligem Hemd vor der Eingangstür des Museums.
„Na, das nenne ich ja mal einen Heimateinsatz, oder?“, begrüßte sie ihren jungen Kollegen, der nur wenige Häuser entfernt direkt an der Ortsspitze wohnte. Hannes war im vergangenen Dezember Papa geworden und wirkte seither immer ein wenig unausgeschlafen. Franziska hatte sich an seinen Zustand schon richtig gewöhnt: Die Haare ein wenig wirr, die Mundwinkel ein bisschen zu tief, die Augen mit dunklen Schatten unterlegt. Freude kam bei ihm so richtig erst auf, wenn er auf seinem neuen, supermodernen Smartphone weitere Schnappschüsse der kleinen Anjetta Franziska, die aber alle im Büro nur Klein-Franzi nannten, präsentieren konnte. „Hast du schon erste Erkenntnisse?“ Zumindest Franziska versuchte, seine Karriere nicht aus den Augen zu verlieren, doch Hannes lächelte sie nur fragend an. „Bist du unter die Maler gegangen?“
„Sehr witzig!“, konterte Franziska. „Wenn du uns geholfen hättest, wären wir fertig geworden und ich hätte jetzt was Ordentliches an.“
Entwaffnet hob Hannes die Hände. „Steht dir aber, hat so was Bodenständiges“, lächelte er, und als sie ihn schon anfauchen wollte, fügte er hinzu: „Notarzt und KTU parken unten am Donaukai.“
„Okay. Und seit du das erfahren hast, stehst du hier und wartest?“ Jetzt war es an Franziska, ihn aufzuziehen. „Wolltest wohl mal wieder nicht der Erste am Tatort sein.“ Franziska kannte ihren Kollegen lange genug und freute sich gleichzeitig. Denn sie war sehr gerne vor allen anderen am Schauplatz des Verbrechens. „Na, dann komm, lassen wir den Toten nicht länger warten!“ Lässig ergriff sie Hannes‘ Ellenbogen und zog ihn mit sich in den kühlen Eingangsbereich des Museums, als ein Porsche Boxster über das Pflaster der Bräugasse entlang gebrettert kam und sich quer vor ihren Wagen stellte. Gleich darauf schälte sich ihr Chef, der leitende Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger, aus dem Fahrersitz und schlüpfte in sein Sakko.
„Guten Morgen! Ach, wie schön – alle versammelt“, trällerte Schneidlinger ausgelassen.
Im Vergleich zu Hannes war Schneidlinger seit Monaten in Höchstform. Kein Wunder. Nachdem seine Ehefrau Gabi, die Mutter der vier gemeinsamen Kinder, die Scheidung eingereicht hatte, war er nun ganz offiziell mit Paulina, seiner langjährigen Passauer Flamme, liiert. Jünger, sehr hübsch, um nicht zu sagen sehr schön, und ausgesprochen sympathisch, wie Franziska fand.
„Dann mal los!“ Ohne auf das „Guten Morgen, Chef!“ seiner Mitarbeiter zu achten, stürmte Schneidlinger durch die offenstehende Eingangstür in die ehemalige Zufahrt des mehrere Jahrhunderte alten Häuserensembles und prallte prompt mit dem Museumsdirektor zusammen, der gerade im Begriff war, sich eine Zigarette anzuzünden. Durch den Zusammenstoß fiel ihm der Glimmstängel aus der Hand, und er musste ihn ächzend wieder aufheben. Genau wie der Hauptkommissar trug er eine dunkle Hose und ein weißes Hemd, allerdings zeigte beides bereits Spuren seiner morgendlichen Hektik: Auf der anthrazitgrauen Stoffhose zeichnete sich ein stümperhaft gereinigter Kaffeefleck ab, und das Hemd war an einigen Stellen bereits durchgeschwitzt und zerknittert „Sind Sie Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger?“
„Das ist korrekt. Und Ihr werter Name ist …?“
„Dr. Hubertus Engelmann. Ich bin hier der Direktor und habe Sie informiert.“ Sein Blick ging zum Kassenraum und dort zur Uhr, die über einem halbhohen Regal mit Broschüren hing. „Nur noch neun Stunden. Eine Katastrophe, eine ein-zi-ge Katastrophe ist das“, betonte er, nahm seine randlose Brille ab und wischte sich mit einem großen Taschentuch über Stirn und Augen, bevor er sie wieder aufsetzte. „Und das ausgerechnet heute und ausgerechnet, wenn der Minister kommt. Wie konnte er mir das nur antun!“ Energisch schob er seine Brille an ihren Platz und schimpfte dabei weiter. „Wie sollen wir das unseren ungarischen Gästen und unseren Besuchern erklären …?“ Er holte tief Luft, doch bevor er Gelegenheit fand, den Rest seiner Tirade loszulassen, fiel ihm Schneidlinger freundlich ins Wort.
„Wir gehen jetzt erst einmal zum Tatort, und dann sehen wir weiter“, entschied der Hauptkommissar und zeigte mit einem Nicken an, dass Franziska und Hannes vorangehen sollten. „Meine Kollegen kümmern sich.“
„Noch mehr Kollegen.“ Engelmann seufzte unglücklich. „Die Treppe hinauf. Zweiter Stock. Das können Sie gar nicht verfehlen, so ein Durcheinander, wie da oben gerade herrscht.“
„Warst du schon mal hier?“, wollte Franziska wissen, während sie am offenstehenden Gitter vorbei die Stufen erklomm. Eine Wand des Treppenaufgangs war komplett mit den Namensschildern derer bedeckt, die hier in den vergangenen dreißig Jahren ausgestellt hatten.
Hannes schüttelte den Kopf. „Nein, aber angeblich sollen Teile des Hauses aus dem 12. Jahrhundert stammen. Und ich weiß, dass es ursprünglich vier Häuser waren, die zusammengefügt wurden. Eigentlich sollten es Sozialwohnungen werden, aber na ja …“ Während Hannes sein Wissen kundtat, blickte Franziska den eben erreichten Flur des ersten Stockwerkes entlang und entschied sich spontan für einen Rundgang.
Die erste Tür auf der linken Seite führte sie in einen großen Raum, der mit dunklen Holzdielen belegt war. Die Decke bestand aus massiven Holzbalken, die Wände waren weiß gestrichen. Zwei Fenster führten in Richtung Donau. In der Mitte stand eine Skulptur mit großen Köpfen, rechts befand sich ein offener Durchgang ins nächste Zimmer, das sie schnell und ohne auf die Ausstellungsstücke zu achten durchquerte. Nach einem weiteren, aber deutlich tieferen Mauerdurchbruch landete sie in einem noch größeren Raum, von dem sie annahm, dass es sich um das zweite ehemalige Haus handelte. Vor den weit geöffneten Fenstern stand ein Rednerpult, während der ganze Saal für den Abend bestuhlt war. Die nächste Tür führte sie zurück in den Flur, der sich an dieser Stelle zu einem offenen Raum weitete und temporär Platz für Tische und Getränkekühlschränke bot. Gegenüber führte sie ihr Rundweg über ein paar Stufen hinauf in einen kleineren Raum, durch dessen Fenster sie auf die Bräugasse hinunterblicken konnte. Auch sie standen weit offen, und sie sah ihr Auto an der Klostermauer stehen.
Franziska sah sich nach Hannes um. „Jetzt weiß ich, was du meinst. Dieses Zimmer hier müsste früher das dritte Haus gewesen sein.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, stieg sie erneut zwei Stufen hinauf und landete auf der nächsten Ebene. Um in einen weiteren Raum zu kommen, musste sie dann wieder eine Stufe hinabsteigen. Überall gab es Holzdielen, überall wunderschöne alte Deckenbalken. Durch eine weitere Tür und eine weitere Stufe gelangte sie zurück in den Flur. Links gab es einen Aufzug und zwei geschlossene Türen, direkt vor ihr lag ihr Ausgangspunkt.
„Können wir?“, wollte Hannes wissen. Er schien nervös zu sein.
„Ja klar, worauf wartest du?“, gab Franziska neckend zurück. „Ich wollte mir ja nur schnell einen Überblick verschaffen. Wenige Augenblicke später betrat sie einen Stock höher abermals das erste ehemalige Haus mit dem Unterschied, dass die Grundfläche hier oben von einem einzigen, großen Zimmer eingenommen wurde, dessen Eingang direkt neben der Treppe lag. Franziska vermutete, dass der untere Bereich wegen einer tragenden Mauer eine andere Aufteilung hatte. Der Durchgang in das rechts davon liegende Zimmer war weniger tief, und der Raum schien auch größer als der untere. Im Unterschied zum unteren Stock gab es hier oben keine Holzbalken, sondern geschwungene Stuckdecken. Die Türstöcke aus Eichenholz wirkten auf Franziska barock und ließen sie einen Moment ehrfürchtig innehalten, bevor sie dem Lärm folgend hindurchging und vor einer skurril anmutenden Klavierinstallation stand, an der ein nur teilweise bekleideter junger Mann hing. Um ihn herum wuselten die Kollegen der Kriminaltechnik, und ein uniformierter Beamter stand an der Tür Wache. Franziska trat näher. Der Tote schien noch keine dreißig zu sein. Er trug eine ausgebleichte Jeans, die von einem Gürtel gehalten wurde. Ansonsten war er nackt, und die Kommissarin überlegte, ob er mit dieser Zurschaustellung seines durchaus ansprechenden Körpers wohl etwas hatte beabsichtigen wollen.
„Hey, Franze, wie siehst du denn aus?“ Franziska wandte sich um und entdeckte ihre Freundin, die im Klinikum arbeitete und auch als Notärztin tätig war.
„Hallo, Freddy, dir auch einen schönen Tag!“ Betont gleichmütig lächelte sie der Medizinerin zu. Denn seit sie im vergangenen Herbst nach einem ausgiebigen Stadtbummel durchgefroren gemeinsam in der Badewanne der Freundin gelandet waren und Freddy ihr erklärt hatte, dass sie kein Interesse an Männern, sondern lediglich an Frauen hatte, wusste Franziska nie, ob sie nicht gerade von ihr angebaggert wurde. „Das ist mein Kollege Hannes. Hannes, das ist Frederike, die neue Notärztin und eine Freundin von mir. Ich glaube, ihr kennt euch noch nicht.“
Hannes wollte ihr die Hand entgegenstrecken, als er jedoch ihre Handschuhe bemerkte, zog er sie rasch wieder zurück.
„Hast du schon irgendwelche sachdienlichen Hinweise oder Erkenntnisse?“, erkundigte sich Franziska nüchtern und musterte dabei den Mann am Drahtseil.
„Also, ich würde sagen, Suizid können wir ausschließen. Er sieht zwar sehr gut trainiert aus, aber ich traue ihm nicht zu, in die Höhe gesprungen zu sein und gleichzeitig seinen Kopf in die Schlinge gesteckt zu haben.“ Die Notärztin blickte von Hannes zu Franziska und zog dabei die Stirn in Falten. Als beide unisono zustimmten, fuhr sie fort.
„Ein weiterer Hinweis sind seine Fingerspitzen.“ Frederike ergriff die beiden Hände des Toten und präsentierte sie Franziska. Die Nägel waren eingerissen, die Fingerspitzen bräunlich eingetrocknet. „Ich schätze, dass er, als sich die Drahtschlinge um seinen Hals zuzog – was im Übrigen sehr schmerzhaft gewesen sein muss – verzweifelt versucht hat, die Finger zwischen Hals und Schlinge zu bringen, um seine Atemwege freizubekommen.“ Resigniert schüttelte sie den Kopf. „Allerdings ist so etwas bei Draht aussichtslos und letztlich wird man dann ja auch ganz schnell bewusstlos.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Wer sich selbst töten will, der bleibt einfach hängen und wartet auf den Tod, weil genau das sein Ansinnen ist. Der zappelt nicht und wehrt sich nicht. Das machst du nur, wenn du voller Panik erkennst, dass du gleich am Arsch bist“, erklärte die Ärztin, von der Franziska wusste, dass sie einige Jahre bei Professor Wassly in der Rechtsmedizin in München gearbeitet hatte.
Der Blick der Oberkommissarin ruhte auf den unbekleideten Stellen des perfekten Männerkörpers. „Das heißt, es muss ihn jemand angehoben, ihm die Schlinge um den Hals gelegt und ihn dann fallen gelassen haben“, überlegte sie.
„Dazu muss man ganz schön viel Kraft haben, oder?“, warf Hannes ein.
„Dazu musst du mindestens zu zweit sein. Einer packt den Körper, hebt ihn hoch und weicht gleichzeitig den Abwehrschlägen aus, während ein zweiter ihm die Schlinge um den Hals legt.“ Die Ärztin sah Hannes herausfordernd an. „Aber dann müsste man das sehen.“
„Und was schätzt du? War er vielleicht bewusstlos, und hat sich deshalb nicht gewehrt?“, überlegte Franziska, bis ihr einfiel. „Aber dann hätte er nicht versucht, die Finger unter die Drahtschlinge zu schieben.“
„Richtig!“ Freddy zwinkerte Franziska anerkennend zu. „Meine Vermutung lautet: Der Tote hat sich selbst auf diesen Hocker gestellt“, sie deutete auf einen Klavierhocker, der weit abseits an der Tür zum Flur stand.
„Er soll sich freiwillig die Schlinge um den Hals gelegt haben?“ Hannes blickte skeptisch zwischen dem Hocker und den Füßen des Toten hin und her, als könne ihm das die Wahrheit offenbaren. „Warum sollte er das getan haben?“
„Das könnte uns wohl nur er mit Sicherheit beantworten. Es gibt so viel zwischen Himmel und Erde …“, ergänzte die Ärztin kryptisch und blickte zu Franziska, während sie mit den Schultern zuckte. „Oder, stimmt doch, Franze?“
„Hast du denn schon eine Ahnung, wann es passiert sein könnte?“, wich Franziska aus. Kurz blieb ihr Blick an einer lebensgroßen Stoffpuppe hängen, die in einem Frack steckte, wie sie Dirigenten trugen, bevor sie sich ihrer Freundin zuwandte.
Frederike schenkte ihr ein warmes Lächeln und erklärte: „Da die Totenstarre vollkommen ausgeprägt ist, muss es vor ein Uhr nachts passiert sein. Aber wenn ihr genug gesehen habt, können wir ihn zusammen abnehmen und ausziehen, damit ich ihn mir näher ansehen und die Körpertemperatur exakt messen kann.“ Bevor Franziska mit anpacken konnte, stellte sich Annemarie Michl, die Chefin der Kriminaltechnik, in ihrem weißen Overall zu ihnen.
„Der Titel dieser eigenartigen Installation lautet übrigens Klaviatur des Todes, und interessant ist auch, dass der Erschaffer alles so verbaut hat, dass es einen Menschen tragen konnte“, informierte sie das kleine Grüppchen. „Ich habe mir die Verstrebungen und das Innenleben des Korpus bereits angesehen, weil ich wissen wollte, wie die Konstruktion dieser Wucht, die vom Herumzappeln des Opfers ausging, überhaupt standgehalten hat …“
Annemarie ging auf die andere Seite und rief anerkennend: „So ein altes Klavier wiegt gut und gerne 400 Kilo, und der Querbalken ist so kurz, dass es keine großen Hebelwirkungen gab. Außerdem hat er den Korpus mit großen Steinen befüllt.“ Franziska trat hinzu und blickte in den Kasten. „Siehst du die langen Schrauben? Das war eine Heidenarbeit, den Balken so zu befestigen.“
„Das würde ja heißen: Der Künstler hat ein Werk geschaffen, bei dem nicht die Kunst im Vordergrund stand, sondern die Möglichkeit, tatsächlich einen Menschen aufzuhängen?“ Die Oberkommissarin blickte die Kriminaltechnikerin aufmerksam an.
„Zumindest hat er es so gebaut, dass es nicht nur bei diesem Kandidaten funktionieren würde“, bestätigte Annemarie und deutete auf die an der Wand lehnende Dirigenten-Stoffpuppe. Franziskas Blick schweifte erneut kurz zur Wand mit der lebensgroßen Puppe.
„Soll das heißen, der Künstler hat geplant, jemanden umzubringen?“, fragte Hannes voller Skepsis in der Stimme.
„Wäre auf jeden Fall interessant, genau das den Künstler zu fragen. Und die nächste Frage lautet: Hat der Künstler den Toten gekannt?“, erklärte Franziska. „Haben wir eigentlich schon die Identität des Toten und wer hat ihn überhaupt gefunden?“
Die Kriminaltechnikerin deutete in Richtung der Tür, neben der der bereits erwähnte Klavierhocker stand. „Da fragst du am besten Obermüller, der war als einer der Ersten hier und weiß sicher schon mehr darüber.“
„Aber zuerst hilfst du mir beim Abnehmen!“, forderte Frederike energisch, doch noch bevor Franziska sich in Bewegung setzen konnte, wurde sie lautstark unterbrochen.
„So, meine Herrschaften, da bin ich.“ Kriminalhauptkommissar Schneidlinger betrat mit energischen Schritten den Raum, musterte erst den Toten und dann das anwesende Team, bevor er offenbarte: „Quentin von Blümstorf. Ein hübscher Kerl aus wohlhabendem Hause, dem es an nichts gemangelt hat. Zumindest behauptet das Direktor Engelmann.“
„Sprechen Sie von ihm?“ Franziska wies auf den Toten.
„Ja“, bestätigte Schneidlinger. „Opfer und Künstler zugleich, falls das Ihre nächste Frage wäre.“
„Gut“, erkannte Franziska. „Dann wäre das geklärt.“
„Wenn wir ihn vielleicht jetzt herunternehmen könnten“, erinnerte Freddy ungeduldig und blickte Schneidlinger dabei an.
„Ah, Frau Doktor Semmelweis, unsere neue Notärztin! Wir hatten noch nicht das Vergnügen.“ Schneidlinger kehrte seine besten Manieren hervor, deutete einen Diener an und streckte seine Hand in ihre Richtung, bis er sah, dass sie noch die Handschuhe von der Leichenschau trug. „Sie sind aber nicht zufällig …“
„… eine Nachfahrin des großen Ignaz Semmelweis, des Retters der Mütter?“, die junge Ärztin lächelte bescheiden, man sah ihr an, dass sie diese Frage schon sehr oft hatte beantworten müssen. „Und wenn?“, fragte sie kokett.
Schneidlinger lächelte ein wenig überdreht. „Es wird mir eine Ehre sein, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, so oder so“, erklärte er diplomatisch.
„Gut, dann wollen wir beide mal“, meinte sie, und der Kriminalhauptkommissar reichte in Ermangelung einer Ablagemöglichkeit sein Sakko an Franziska weiter, bevor er in seine Handschuhe schlüpfte. Gemeinsam mit der Notärztin hob er den Toten an und wartete, bis Annemarie mit einer Zange den Draht ein gutes Stück über dem Kopf des Toten durchtrennt hatte. Danach legten sie den Leichnam auf eine zuvor ausgebreitete Plane. Nachdem Mona, die ebenfalls zum Team der KTU gehörte, weitere Aufnahmen gemacht hatte, zwickte Annemarie vorsichtig auch den Draht um den Hals des Toten durch und legte so die dünne, rotbraune, an manchen Stellen schon eingetrocknete Strangfurche frei. Mit einem schwarzen Faden verband sie die losen Enden der Schlinge wieder, um später alles bei Bedarf rekonstruieren zu können.
„Hier sieht man sehr schön, dass sich das Opfer, wie ich schon vermutet habe, zu wehren versucht hat“, erklärte die Ärztin an Schneidlinger gerichtet und zeigte auf die Abschürfungen am Hals.
„Also definitiv kein Suizid? Direktor Engelmann hofft inständig darauf.“
„Tun wir das nicht alle?“, mischte sich Franziska ein und reichte Schneidlinger sein Sakko zurück.
Ohne auf diese Frage einzugehen, öffnete die Ärztin Gürtel und Hose und streifte beides über die Beine nach unten. „Hier sehe ich allerdings keine Spuren, die für ein gewaltsames Festhalten sprechen würden“, erklärte sie, nachdem sie den Unterleib des Toten inspiziert hatte, drehte ihn zur Seite und begann mit der rektalen Temperaturmessung.
„Oh, wir haben Glück“, verkündete sie nach einer Weile. „Die Körpertemperatur liegt noch höher als die Umgebungstemperatur.“ Die Ärztin starrte auf ihre Uhr und begann im Kopf zu rechnen. „Ja, wie ich ebenfalls schon vermutet habe: zwischen 23 und 1 Uhr, genauer geht das leider im Moment nicht.“
„Nachts im Museum. Das scheint ja modern zu werden“, kommentierte Franziska und wandte sich an ihren Chef. „Wer hat ihn eigentlich gefunden?“.
„Frau Tomasko, die Museumspädagogin. Sie war für das Gelingen dieser Ausstellung zuständig.“
„… und sie sei sich ganz sicher, dass sich der Künstler selbst aufgehängt habe“, verkündete Obermüller, der gerade zu ihrem Grüppchen hinzugetreten war. „Sagt zumindest Direktor Engelmann.“ Der korpulente Ermittler blickte auf den Toten auf der Plastikplane und zuckte mit den Schultern, als ginge es ihn nichts an.
„Also, das ist doch wirklich …“ Schneidlinger konnte sich gerade noch beherrschen. „Ich spreche noch einmal mit ihm!“, erklärte er mit fester Stimme, blieb aber, wo er war.
„Ja, das sollten Sie, und ich spreche mit Frau Tomasko“, beschloss Franziska, wartete aber darauf, dass Schneidlinger ihre Entscheidung gutheißen würde. Sie blickte zu dem Klavierhocker. „Am Ende hat sie den Hocker weggestellt …“.
„Und sagt deshalb, dass es ein Selbstmord war“, überlegte Hannes.
„Was aber nicht zu den Fingerspitzen passt“, gab Freddy zu bedenken.
„Obermüller, weißt du, wo sich Frau Tomasko gerade aufhält?“, erkundigte sich Franziska und sah zu, wie Annemarie den Hocker in eine übergroße Tüte steckte, um das Verwischen von Spuren zu verhindern.
„Laut Direktor hat sie sich zurückgezogen, weil es ihr nicht so gut geht“, murmelte er. „Ich weiß allerdings nicht, wohin.“
„Das krieg ich raus“, versicherte Franziska.
„Und ich bin dann auch mal weg“, meldete sich die Notärztin zu Wort und raffte ihre Sachen zusammen. „Wenn du mich brauchst, Franze, weißt du ja, wo ich zu erreichen bin.“
Im Gehen hob Franziska die Hand, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. „Ja, mach ich. Tschau dann.“

Über eine hölzerne Treppe, die für Besucher mit einer dicken Kordel gesperrt war, stieg Franziska ins dritte Obergeschoss des Museums hinauf und gelangte so in den Verwaltungstrakt. In diesem vor der Öffentlichkeit verborgenen Teil des Museums bestand der Fußboden aus roten Klinkersteinen, und auch hier konnte man die verschiedenen Häuser anhand der Übergänge noch immer erkennen, wenn auch nicht so offensichtlich wie unten. Der vor ihr liegende Flur war verwinkelt, die Decken weniger hoch. Entlang der Wände standen Schränke, deren Türen teils schief in den Angeln hingen, Stühle, Kisten und kleine Tische. Es wirkte wie ein Sammelsurium all dessen, was man in den Beletagen des Hauses nicht sehen sollte. Kaum zehn Uhr vormittags, schien das Thermometer hier oben die 30-Grad-Grenze bereits überschritten zu haben, und es war ausgesprochen stickig, was an der Glaskuppel liegen musste, die den Lichthof überspannte und die Sonne ungehindert hereinscheinen ließ. Neugierig trat Franziska an die Brüstung und schaute hinunter. Wenn man sein Leben beenden wollte, wäre es sicher einfacher, hier hinunterzuspringen, als sich an einer Klavierinstallation aufzuhängen, überlegte sie und wandte sich unschlüssig um. Vielleicht konnte ihr Frau Tomasko eine Antwort auf die Frage geben, was Quentin von Blümstorf mit seinem Kunstwerk hatte aussagen wollen, und am Ende mochte sie sogar eine Ahnung davon haben, wer den jungen Künstler so sehr gehasst hatte, dass er ihm diese Art der zur Schaustellung antat.
Um ihre Suche zu starten, hielt sie auf den Raum zu, der ihrer Einschätzung nach über dem Tatort liegen musste. „Museumspädagogik“ stand auf dem Hinweisschild, und Franziska vermutete, dass es sich hier um die Wirkungsstätte der Museumspädagogin handelte. Als sie die Tür einen Spaltbreit öffnete, um hineinzusehen, entdeckte sie am offenen Fenster statt der Gesuchten jedoch Direktor Engelmann. Der Raum an sich war schlicht eingerichtet. Es gab ein paar Tische mit eingeschobenen Stühlen und an einer Wand Sideboards und offene Regale, die mit Büchern, Papierstapeln und verschiedenen Boxen bestückt waren. Engelmann schien sie nicht bemerkt zu haben, denn sein Blick ruhte weiterhin auf Donau oder Oberhaus. Gierig zog er an seiner Zigarette und inhalierte den Rauch tief, bevor er ihn energisch zum Fenster hinausstieß.
Franziska räusperte sich. „Herr Direktor Engelmann!“, rief sie, und der Angesprochene, den sie auf Mitte 50 schätzte, zuckte zusammen, als habe sie ihn gerade bei einer verbotenen Handlung erwischt. „Sie können mir bestimmt weiterhelfen“, mutmaßte sie, worauf Engelmann rasch seine Zigarette in einer kleinen Metalldose ausdrückte, sich umdrehte und Franziska unverhohlen musterte.
„Tut mir wirklich leid, aber heute bin ich nicht in der Stimmung, mich mit jungen Künstlern auseinanderzusetzen“, erklärte er und sein Blick wanderte über ihr T-Shirt, wo er an einem kräftig gelben Farbklecks in Brusthöhe hängenblieb.
In sich hineinschmunzelnd schüttelte Franziska den Kopf. „Kriminaloberkommissarin Franziska Steinbacher, wir hatten uns ja schon kurz in der Halle gesehen“, erinnerte sie ihn und lächelte, um ihm Zeit für ein Zeichen des Wiedererkennens zu geben. „Ich ermittle im Tötungsdelikt Quentin von Blümstorf“, stellte sie sich trotzdem noch einmal ganz formell vor. „Und zu Ihrer Info: Ich hätte eigentlich Urlaub und war im Begriff, einer Freundin beim Renovieren zu helfen. Aber bei ungeklärter Todesursache müssen solche Dinge halt warten.“
„Ungeklärte Todesursache“, echote Engelmann mit einem Kopfschütteln. „Aber, aber“, er kam ein paar Schritte auf sie zu. Schweiß stand auf seiner Stirn. „Das ist doch überhaupt nicht zu beweisen. Wahrscheinlich wurde dem jungen Mann die ganze Geschichte zu groß und darum hat er sich …“ Mit der rechten Hand holte der Direktor die nächste Zigarette aus der Schachtel und führte sie zu seinen Lippen, wo er sie kurz hängen ließ, dann aber wieder in die Schachtel zurücksteckte, in seine Hosentasche griff und ein Taschentuch zutage förderte, mit dessen Hilfe er sein Gesicht trocknete. Unschlüssig zuckte er mit den Schultern, und Franziska vermutete, dass er einfach noch nicht begriffen hatte, was einen Stock tiefer wirklich geschehen war.
„Sie haben Herrn von Blümstorf ja sicher gekannt. Hat er Ihnen gegenüber etwas Derartiges geäußert?“, fragte sie, um zu erkennen, wie Engelmann zu dieser Meinung kam, doch der schüttelte nur den Kopf. „Nein, das hat er nicht, aber ich hatte ja auch nicht viel mit ihm zu tun.“
„Aber Sie als Direktor haben doch sicher gewusst, welche Art Kunst er ausstellen würde, oder etwa nicht?“
„Ich muss zugeben, dass ich diese Entscheidung Frau Tomasko überlassen habe.“ Noch einmal wischte er sich übers Gesicht, bevor er umständlich seine Brille zurechtrückte. „Ich war mit anderen Dingen beschäftigt. Immerhin beginnt heute im ersten Stock diese durchaus und vor allem politisch bedeutendere Ausstellung, wenn Sie verstehen, was ich meine?“ Gönnerhaft musterte er die Kommissarin, wobei sein Blick erneut und eine Spur zu lange auf dem gelben Fleck ihres T-Shirts ruhte. Mit einem wissenden Lächeln im Gesicht ging Franziska auf den Direktor zu, bis sie knapp vor ihm stand, und blickte ihm herausfordernd in die Augen. „Nein, ich weiß tatsächlich nicht, was Sie meinen, aber ich erkenne an dieser Aussage, dass Sie nicht einschätzen konnten, ob Quentin von Blümstorf seine Ausstellung über den Kopf wuchs oder nicht.“
„Ich bringe Sie zu Frau Tomasko, dann können Sie das ja mit ihr klären. Verena, also Frau Tomasko, hat ja doch in den letzten Wochen sehr eng mit dem jungen Mann zusammengearbeitet.“
„Sehr gern“, lächelte Franziska und machte ihm Platz, damit er zwischen ihr und einer Tischgruppe hindurch zur Tür gehen konnte.
„Ja, dann folgen Sie mir bitte“, lud Engelmann die Kommissarin mit einer wegweisenden Handbewegung ein. „Wir haben hier oben ein kleines Appartement mit Bad. Einer meiner Vorgänger hat sich dort manchmal häuslich niedergelassen. Inzwischen dient es den Mitarbeitern als Aufenthaltsraum und zum Lagern ausgefallener Stücke“, erzählte er im Plauderton einer Museumsführung. „Auf einem der Regale liegen sogar zwei Leichen, aber keine Angst, die sind schon seit vielen hundert Jahren tot, und über den Grund ihres Todes kann man heute nur noch spekulieren. Ihre Skelette wurden bei den Ausgrabungsarbeiten im Kellergeschoss gefunden … So, da sind wir auch schon.“ Ohne anzuklopfen, öffnete er eine weißlackierte Tür. „Frau Tomasko, hier ist eine junge Dame von der Polizei. Bitte versichern Sie ihr …“ Franziska warf Engelmann einen mahnenden Blick zu, woraufhin dieser verstummte und entschuldigend beide Hände hob. „Tut mir leid“, nuschelte er und wollte sich gerade umwenden, um zurückzugehen.
„Ach übrigens, Herr Direktor, mein Chef sucht Sie, vielleicht könnten Sie sich bei ihm melden. Er ist am Tatort und hat ebenfalls Fragen an Sie.“ Seufzend verschwand Engelmann in den Tiefen des Flurs.
Vorsichtig schloss Franziska die Tür und ließ ihren Blick über Regale, eine Anrichte mit einer Kaffeemaschine samt Zubehör, einzelne Stühle, jede Menge Schachteln und schließlich ein Sofa schweifen, auf dem eine schlanke und ausgesprochen hübsche Frau zwischen altmodischen, lichtgebleichten Kissen halb saß, halb lag. Ihre braunen Haare waren schulterlang. Sie trug ein luftiges Sommerkleid mit Streublumen auf hellblauem Grund, das ihre jugendliche Figur betonte. Im Gegensatz zu ihrer mädchenhaften Aufmachung war sie stark geschminkt und erinnerte Franziska damit eher an Frauen, die von ihrem Mann oder Zuhälter verprügelt worden waren und die Spuren dieser Übergriffe verdecken wollten. Fragte sich nur, was Verena Tomasko zu verbergen hatte.
„Ich bin Kriminaloberkommissarin Franziska Steinbacher von der Passauer Mordkommission. Wie fühlen Sie sich?“ Die Tür zum angrenzenden Bad stand einen Spalt offen, und die Luft war von einem säuerlich-schalen Geruch erfüllt, als habe sich gerade erst jemand erbrochen.
„Es geht schon“, räumte die Museumspädagogin ein und erhob sich umständlich vom Sofa, um ihre Besucherin zu begrüßen. Als sie Franziska die Hand entgegenstreckte, zog das Feuer eines Brillantringes, der am Mittelfinger ihrer rechten Hand steckte, diese in seinen Bann. Während sie ihn beeindruckt betrachtete, registrierte sie aber auch das leichte Schwanken seiner Trägerin.
„Bitte setzen Sie sich doch wieder“, bat sie rasch und schenkte ihrem Gegenüber ein warmes Lächeln. „Darf ich?“, Franziska zog sich einen der Stühle heran und setzte sich ihrer Zeugin gegenüber. „Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Ist das für Sie in Ordnung?“
Verena Tomasko ließ sich auf die vordere Kante des Sofas zurücksinken, legte die Hände in den Schoß und versuchte sich ebenfalls in einem Lächeln. „Ja, natürlich. Ich verstehe das gar nicht. Normalerweise bin ich nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, aber …“
„Machen Sie sich bitte keine Vorwürfe, das, was Sie sich ansehen mussten, lässt kaum jemanden kalt“, versuchte die Kommissarin sie zu trösten. „Und bitte entschuldigen Sie meine Kleidung, aber ich war gerade auf dem Weg zu einer Freundin, um beim Renovieren zu helfen.“ Franziska hatte schon bei Engelmann erkannt, dass das ein guter Einstieg war, um ein Gespräch zu beginnen.
„Oh, das ist aber schade, dass Sie jetzt extra …“
„Ja, schade, aber bei einem ungeklärten Todesfall lasse ich alles stehen und liegen“, versicherte Franziska und hörte die nächste Frage im Geiste, ehe sie gestellt wurde.
„Sie meinen, es war Mord?“ Interessiert beugte sich Verena Tomasko über den Tisch. „Quentin hat sich nicht selbst – also vielleicht nur aus Versehen – sein Leben … genommen?“ Sie blickte auf ihre Hände, die sie umständlich knetete.
„Nein, das können wir ausschließen. Im Gegenteil, er hat alles versucht, um sich zu wehren, aber er hatte keine Chance“, verriet Franziska, und die Zeugin schien diese Erkenntnis zu überdenken. „Haben Sie eine Idee, wer ihm das angetan haben könnte?“ Die Kommissarin schaute nun ebenfalls auf die Hände der Befragten und sah, wie der Ring erneut in den unterschiedlichsten Spektralfarben aufblitzte. Sie wusste nichts über so richtig teuren Schmuck, aber sie vermutete, dass dieses Exemplar ein kleines Vermögen wert war.
Verena hob den Kopf. Entsetzen lag in ihrem Blick. „Nein“, beteuerte sie nachdrücklich. „Ich, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wer Quentin so etwas …“ Vehement schüttelte sie den Kopf und brachte damit ihre auffällig langen, glitzernden Ohrringe zum Klimpern, von denen Franziska annahm, dass es sich dabei ebenfalls nicht um billigen Modeschmuck handelte. „Allerdings kenne ich ihn auch noch nicht lange genug, um mir eine Einschätzung zu erlauben.“ Vorsichtig nahm sie den Schmuck ab und legte ihn auf den niedrigen Tisch zu ihrem Wasserglas, wo sie die einzelnen Goldglieder mit ihren zitternden Fingern so lange hin- und herschob, bis beide Ohrringe exakt nebeneinander lagen. „Die waren schon für heute Abend“, erklärte sie leise und fügte ungefragt hinzu: „Mein Papa hat sie mir nach dem Abitur geschenkt und ich habe immer Angst, ich könnte sie verlieren.“ Kurz ertappte sich Franziska bei der Vermutung, dass Papa Tomasko entweder sehr stolz auf seine Tochter war oder sehr reich oder beides. „Mir zeigte sich Quentin voller Lebenslust, Tatendrang und stets zuvorkommend. Aber wie schon mein Papa immer sagte: Man kann in die Menschen nicht hineinschauen.“
„Frau Tomasko, Sie waren heute Morgen die Erste im Museum und die Erste am Tatort. Haben Sie etwas angefasst oder gar verändert?“
„Ja, ich, ich habe ihn angefasst. Ich konnte nicht glauben, was ich sehe. Aber er war so kalt“, flüsterte sie mit einer Stimme, der das Grauen deutlich anzuhören war.
„Das war sicher schlimm. Aber was ich wissen muss, ist: Haben Sie am Tatort etwas verändert, vielleicht etwas weggenommen oder an einen anderen Platz gestellt?“ Franziska musste aufpassen, denn wenn sie direkt nach dem Hocker fragen würde, könnte die Zeugin am Ende vorgeben: Ach ja, das habe ich ja ganz vergessen. Den habe ich zur Seite gestellt, tut mir leid und so weiter. Andererseits: Hätte sie nach allem, was Direktor Engelmann von ihr erwartete, nicht eher den Hocker unter den Hängenden gestellt und so die Theorie eines Suizids untermauert?
Verena legte die Hände vors Gesicht und seufzte leise, bevor sie berichtete: „Diese ganze Installation – niemand hatte sie vorher gesehen – es war, es war ein Schock für mich. Ich war auf eine Überraschung vorbereitet, habe mich darauf gefreut, aber doch nicht auf so etwas“, erzählte sie stoßweise, bevor ihr die Tränen über die Wangen liefen.
Die Kommissarin brauchte einen Moment, bis sie die ganze Tragweite dieser Aussage begriffen hatte. „Wie bitte?“, fragte sie schließlich verwundert und versuchte, sich vorzustellen, wie der Künstler allein mit all den Teilen hantierte.
„Als Quentin die Kiste gestern Nachmittag mitten im Raum abstellen ließ, dachte ich tatsächlich, es wäre nur eine Kiste voll irgendwelcher Teile. Ich war natürlich sehr neugierig, aber Quentin untersagte jedem, unter die Abdeckung zu schauen. Niemand sollte sein Werk sehen, bevor es fertig war.“ Mit großen Augen schaute sie Franziska an. „Und als ich ihn gefunden habe, musste ich erkennen, dass es sich um ein Klavier handelte. Die Kiste war in Wirklichkeit der Klavierkorpus, an dem er einen Galgen befestigt hat, um sich aufzuhängen.“ Entsetzt schluchzte sie auf.
Diese Information musste Franziska erst einmal verarbeiten. Wenn das stimmte, was Frau Tomasko ihr gerade erzählt hatte, dann könnte man tatsächlich glauben, Quentin von Blümstorf habe seinen eigenen Tod inszeniert, um mit einem Paukenschlag aus der Welt zu gehen. Warum aber hatte er sich dann gewehrt? Weil Sterben doch nicht so schön war, wie sich das manch jugendliches Gehirn ausmalte? Und dann blieb ja auch noch die Frage nach dem Hocker. Warum hatte der an der Wand gestanden? Der Tote konnte ihn ja schlecht dort hingestellt haben. Am meisten aber wunderte Franziska die Vorgehensweise der Verantwortlichen des Museums. „Ich verstehe nicht, warum nicht Sie oder Direktor Engelmann diese sehr spezielle Installation abgenickt haben, ich meine, sie wäre selbst mit einer Puppe sehr makaber. Ist das denn nicht üblich, dass Sie sich erst die Entwürfe dazu zeigen lassen?“
„Nein, eigentlich nicht, aber wer konnte denn so etwas ahnen?“ Ein Satz, der die Kommissarin in seiner Stereotypie innerlich zusammenzucken ließ. Wie oft hatte sie den schon zu hören bekommen?
„Ich glaube, in diesem Fall kam einfach alles zusammen“, begann Verena nach einer Weile des Schweigens. „Wie Sie sicher wissen, findet heute die Kunstnacht statt. Das ist ein Termin im Passauer Kulturjahr, an dem jeder, der etwas mit Kunst zu tun hat, dabei sein will. Und da das alle tun, versucht natürlich jeder, etwas Besonderes auf die Beine zu stellen.“ Sie blickte Franziska kurz an, doch die signalisierte ihr, fortzufahren. „Aus gegebenem Anlass planten wir für dieses Jahr eine Ausstellung zum Thema: 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs. Mit den Mitgliedern der ungarischen Kunstakademie, die das Ganze bestreiten sollten, hatten wir alles längst in trockenen Tüchern. Trotzdem gab es natürlich viel zu tun. Und letztlich werden bei uns ständig Ausstellungen auf- und abgebaut. Wir eröffnen pro Jahr 12 bis 15 Schauen mit ganz unterschiedlichen Laufzeiten.“
„Hätten Sie ihm zugetraut, dass er sich selbst töten wollte? Hatte Herr von Blümstorf etwas in der Richtung geäußert?“, forschte die Kommissarin weiter, ohne auf den Hinweis zu Anzahl und Laufzeit einzugehen.
„Nein, nein, aber was sollte ich denn sonst denken?“, sie hob entschuldigend die Hände, bevor sie aufstand und auf wackeligen Beinen ins Bad lief.
Gleich darauf hörte Franziska das Wasser laufen und wartete geduldig, bis ihre Zeugin wieder zurückkam und sich gesetzt hatte. „Und wie kam es zu der Ausstellung von Quentin von Blümstorf?“
„Das ist tatsächlich erstaunlich. Quentin war ein junger Künstler, der noch nicht viel von sich reden gemacht hatte. Ich muss gestehen, ich habe erst von ihm gehört, als mich Direktor Engelmann vor etwa acht Wochen bat, ich solle mich um ihn kümmern, weil er zeitgleich zu den Ungarn im ersten Stock die Gelegenheit für eine Ausstellung im Obergeschoss bekommen sollte.“
„Das heißt also“, fasste die Kommissarin zusammen: „Herr von Blümstorf war ein kaum bekannter Künstler, der sehr überraschend eine Ausstellung erhielt, und trotzdem durfte er spätabends seiner Kreativität freien Lauf lassen, die letztendlich zu seinem Tod führte.“ Verena nickte, aber Franziska erkannte, dass sie sich nicht wohl dabei fühlte.
„Frau Tomasko, ich muss Sie das fragen, waren Sie und Herr von Blümstorf mehr als nur“, sie zögerte, „Kollegen?“
„Sie meinen …?“ Fragend blickte Verena die Kommissarin an. „Ha!“, lachte sie dann schrill und überdreht auf, „aber das ist doch wohl nur ein Scherz. Wie kommen Sie darauf?“
„Nun, ich habe das Gefühl, dass Ihnen sein Tod doch sehr nahegeht …“
„Ja, aber ist das denn nicht selbstverständlich?“
Franziska schaute nur undurchdringlich und ließ die Frage fürs Erste auf sich beruhen. „Haben Sie in der Zeit, in der Sie mit Quentin von Blümstorf zusammengearbeitet haben, Freunde, Bekannte oder Kollegen von ihm kennengelernt? Hatte er vielleicht Besuch von jemandem, der sich für seine Arbeiten interessiert?“
„Also, ich habe tatsächlich nur seinen Freund und Kollegen Moritz Haushofer kennengelernt. Die beiden verstehen sich sehr gut.“ Verena hielt inne und korrigierte sich. „Ich meine, sie verstanden sich sehr gut. Er hat oft geholfen, wobei Moritz selbst schon auch sehr interessante Sachen macht.“ Sie lächelte kurz. „Aber Moritz hatte nie Interesse daran, so in der Öffentlichkeit zu stehen wie Quentin.“
„Moritz Haushofer war also sein Freund?“
„Ja, die beiden kannten sich schon seit dem Kindergarten. Waren sozusagen allerbeste Freunde.“
„Und gestern Abend?“, warf Franziska zwischen diese Lobeshymne auf eine Männerfreundschaft ein. „Wo war dieser allerbeste Freund da?“
„Moritz durfte genau wie ich nicht dabei sein, als das große Werk erschaffen wurde.“ Ihr Gesicht spiegelte Zufriedenheit. „Tatsächlich war es sogar Moritz, der zu mir kam und sagte, dass Quentin allein sein wollte.“
„Und was haben Sie daraufhin gemacht?“, fragte Franziska und wunderte sich noch immer, dass ein ausstellender Künstler bestimmen konnte, ob eine Mitarbeiterin die Museumsräume betreten durfte. „Sie sind doch sicher hingegangen und haben von Blümstorf zur Rede gestellt?“
„Nein“, antwortete sie schlicht und rang ihre Hände. „Ich habe dann meine Sachen zusammengepackt und bin nach Hause. Genau wie Moritz.“
„Einfach so?“
„Einfach so! Wissen Sie, ich habe mich tatsächlich auf einen freien Abend gefreut. In den letzten Tagen wurde es häufig spät, und irgendwann hinterlässt das Spuren und …“, sie blickte Franziska an und schien zu erkennen, dass diese sich mit Überstunden auskannte. „Aber was erzähle ich Ihnen. Heute Abend ist Kunstnacht, und in unserem Haus sollten zwei Ausstellungen eröffnet werden“, erinnerte sie noch voller Stolz, bis sie erkannte, dass das inzwischen eher ungewiss war. „Was glauben Sie, findet die jetzt überhaupt noch statt?“
„Darüber gibt es noch keine Entscheidung“, wiegelte die Kommissarin ab. „Aber sagen Sie, wann genau haben Sie das Museum gestern Abend verlassen?“
„So gegen acht vielleicht“, überlegte Verena.
„Und haben Sie dann hinter sich abgeschlossen, oder konnte hier jeder ein- und ausgehen?“
„Weder noch. Helmut Rother, unser Mitarbeiter vom Empfang, hatte den Auftrag zu warten, bis Quentin fertig war, um dann abzuschließen.“
„Das heißt, Herr Rother muss wissen, ob der Künstler noch Besuch erhielt?“, erkundigte sich Franziska vorsichtig, weil sie an eine derartige Möglichkeit bisher nicht gedacht hatte.
„Im Prinzip schon“, bestätigte Verena und Franziska wollte schon zu ihrer nächsten Frage ansetzen, als sie bemerkte, dass mit ihrem Gegenüber eine Veränderung vor sich zu gehen schien. „Frau Tomasko, kann es sein, dass Herr Rother beim Aufbau mitgeholfen hat?“
„Nein, nein, auf keinen Fall, das hätte Helmut nie gemacht, dazu mochte er ihn …“ Nachdenklich ließ sie das Satzende offen, aber ihr Gesicht verriet, dass sie so etwas wie: zu wenig sagen wollte, vermutete Franziska und forschte nach: „Gab es Streit zwischen Herrn von Blümstorf und Herrn Rother?“
„Nein, also ich weiß es nicht. Es ist mehr eine Vermutung.“ Verena straffte ihren Rücken. Sie hatte sich wieder im Griff. „Es ist mir nur aufgefallen, dass Helmut nie heraufkam, wenn wir an dem Ausstellungskonzept gearbeitet haben, und sonst schaut er immer mal vorbei und interessiert sich für meinen Ansatz, schon um den Besuchern die Ausstellung später anpreisen zu können.“
Interessant, dachte Franziska. „Ja gut, dann werde ich ihn einfach danach fragen“, erklärte sie. „Aber von Ihnen wüsste ich gerne, wo ich diesen Freund, Moritz Haushofer, finden kann?“
„Moritz arbeitet um diese Zeit im Schlachthof. Er hat heute Frühschicht, damit er am Abend dabei sein kann.“
„Er ist Metzger?“, wunderte sich Franziska.
„Ja, Metzger. Das ist eine ehrliche Arbeit, oder etwa nicht?“
„Ja, ja natürlich, aber es schien mir doch ein wenig ungewöhnlich, ich meine angesichts des finanziellen Hintergrunds und der gesellschaftlichen Stellung der Familie von Blümstorf.“
„Das stimmt. Aber die Kunst verbindet halt die unterschiedlichsten Menschen.“ Müde schloss sie die Augen, bis ihr etwas einzufallen schien. „Oh je, Moritz weiß ja noch gar nicht, was mit Quentin passiert ist …“
„Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, darum kümmere ich mich. Sie sagten vorhin, dass Sie gegen acht Uhr gegangen sind. Wer außer Ihnen und Herrn Rother konnte davon gewusst haben, dass Herr von Blümstorf so spät noch aufgebaut hat?“
„Außer Moritz, Helmut und mir?“ Sie schien angestrengt zu überlegen. „Auf jeden Fall Direktor Engelmann. Aber man weiß ja ohnehin nie, wer was von wem aufschnappt und in welcher Form dann weitergibt. Es könnte also durchaus sein, dass selbst die Aussteller aus Ungarn davon wussten“, gab sie zu bedenken. „War es das? Ich glaube, ich muss jetzt mal ein bisschen runterkommen. Mir wird das gerade alles zu viel.“
„Ja, ruhen Sie sich aus, ich sage Ihnen Bescheid, wenn es etwas Neues gibt.“ Franziska legte ihre Karte neben Ohrringe und Wasserglas. „Und Sie melden sich bitte bei mir, wenn Ihnen noch etwas einfällt.“
„Das mache ich“, versprach Verena und ließ ihren Kopf auf eines der ausgeblichenen Kissen sinken, während Franziska sich der Überlegung hingab, ob die Museumspädagogin ihr am Ende das Wichtigste verschwiegen hatte. Etwa den Grund dafür, warum Helmut Rother nicht hinaufgegangen war, während sie arbeitete. Und ob er das vielleicht in den gestrigen Abendstunden nachgeholt, den jungen Künstler vielleicht beim Posieren im Draht überrascht und die Gelegenheit genutzt hatte, um so einen Streit ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Sie war gespannt darauf, was er dazu sagen würde.

Auf ihrem Weg hinunter zum Kassenraum, und damit zu Helmut Rother, entdeckte Franziska ihren Kollegen Hannes. Er lehnte in sein Smartphone vertieft an der Wand zwischen zwei Fensterdurchbrüchen, die zum Innenhof gingen. „Na, hat dir dein Schätzchen wieder Fotos von Klein-Franzi geschickt?“, fragte sie frotzelnd, doch Hannes hob nur die Hand, zum Zeichen, dass sie ihn nicht stören solle. „Oh, so wichtig“, stichelte sie weiter und stellte sich neben ihn, um einen Blick auf sein Handy erhaschen zu können. Seit seine Tochter auf der Welt war, besaß Hannes dieses schicke Ding, und seine Frau Sabrina, Polizistin in Elternzeit, wurde nicht müde, ihn mit Schnappschüssen der Kleinen, deren Patentante Franziska war, zu versorgen.
Als Hannes endlich aufblickte, lag ein überlegenes Lächeln auf seinem Gesicht. „Du kannst dir deinen Spott sparen. Schau lieber, was ich entdeckt habe!“ Er reichte ihr sein Smartphone, und Franziska erkannte schnell, dass es sich um ein online gestelltes Interview mit Quentin von Blümstorf handelte. „Wow, nicht schlecht“, kommentierte sie mehrmals, während sie den gesamten Text überflog. In teils heftigen Anschuldigungen rechnete der wenig bekannte Künstler mit einer Maschinerie ab, zu der er dennoch gern gehört hätte, wie Franziska sehr wohl herauslas. Dabei waren die Worte ausgenutzt und ausgebeutet noch nicht einmal die schärfsten. „Da hat einer aber mächtig Dampf abgelassen“, erkannte sie und wollte Hannes schon sein Handy zurückgeben. Doch der forderte nur: „Lies ruhig weiter, das wird noch besser!“
„Das ist ja interessant: Herr von Blümstorf schimpft über die ungarische Delegation! Wie die Adressaten seiner Kritik darauf wohl reagiert haben?“, überlegte sie und blickte ihren Kollegen an, der aber nur mit den Schultern zuckte, weshalb Franziska spekulierte: „Wenn er so unglücklich darüber war, warum hat er die Ausstellung dann überhaupt gemacht?“ Sie reichte Hannes das Gerät zurück. „Und warum klärt er solche Vorwürfe nicht einfach direkt?“
„Also, ich an seiner Stelle hätte mich sicher nicht so weit aus dem Fenster gelehnt“, bekannte Hannes.
Diese Aussage quittierte Franziska mit einem Lächeln. Ihr Kollege war dafür bekannt, eher etwas zurückhaltend zu sein, nicht nur beim Ermitteln. Sie dagegen ging gern aufs Ganze, und so war es schon einige Male vorgekommen, dass der besonnenere Hannes sie in letzter Minute aus einer gefährlichen Situation retten musste.
„Ich weiß, was du jetzt denkst“, kommentierte er. „Aber überleg doch mal. Wenn einer noch fast am Anfang steht, dann kann er sich das doch eigentlich nicht leisten.“
„Das stimmt. Aber vielleicht dachte er, wenn er solche Dinge anprangert, dann bringt er etwas in Gang, wofür man ihn in der Kunstszene achtet.“ Franziska sah sich kurz um, aber es war niemand in der Nähe. Trotzdem sprach sie weiterhin mit gesenkter Stimme. „Wenn ich nicht wüsste, dass es kein Suizid sein konnte, würde ich glatt annehmen, dass er seinen Abgang doch selbst geplant hat und mit einem Paukenschlag aus dem Leben treten wollte.“ Sie blickte ihren Kollegen abwägend an.
„Wenn wir es nicht besser wüssten …“, bekräftigte dieser.
„Hat der Chef das schon gesehen?“
„Nein, ich habe es ja selbst gerade erst entdeckt.“ Über sein Gesicht huschte wieder ein kleines Lächeln.
„Dann solltest du es ihm zeigen“, entschied Franziska, streckte sich und legte ihm die Hände auf die mageren Schultern. Belustigt schaute sie zu ihm auf. „Keine neuen Fotos von Zuhause?“
„Immerhin habe ich den Artikel entdeckt.“
„Stimmt!“ Franziska zog ihn mit sich in Richtung Treppe zum Erdgeschoss. „Komm, ich habe auch einiges herausgefunden.“ Während sie die Treppe hinunterliefen, berichtete sie ihm von ihrem Gespräch mit Verena Tomasko.
„Das heißt, es saß jemand den ganzen Abend an der Kasse …“ Abrupt blieb Hannes stehen und deutete unauffällig die Treppe hinunter, wo der Chef untätig im Lichthof herumstand.
„Haben Sie neue Erkenntnisse?“, begrüßte sie Schneidlinger, der auf ihre fragenden Blicke hin seine Untätigkeit erklärte. „Ich erwarte jeden Moment Oberstaatsanwalt Dr. Schwertfeger, und in diesem Fall bin ich froh, dass er entscheiden muss, wie es heute hier weitergeht.“
„Seit wann denn das?“, entfuhr es Franziska vorlaut, woraufhin Hannes sie in die Seite stieß, doch da hatte sie ihren Ausrutscher schon erkannt. „Tut mir leid!“, schob sie lahm hinterher, was wiederum Schneidlinger zum Schmunzeln brachte.
„Liebe Frau Steinbacher, Sie wissen, ich schätze Sie sehr und tatsächlich liegen Sie nicht so verkehrt. Allerdings bin ich mir auch sicher, dass Sie nicht entscheiden möchten, ob hier heute Abend eine Ausstellung eröffnet wird oder ob Minister und Diplomaten wieder nach Hause geschickt werden.“
„Stimmt“, ließ sich Franziska kleinlaut vernehmen und kniff nun ihrerseits Hannes in die Seite. „Haben Sie schon das Interview mit Quentin von Blümstorf in der heutigen Heimatzeitung gelesen?“
„Interview, was denn für ein Interview?“ Schneidlinger zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Trotz der sommerlichen Temperaturen trug er noch immer sein Sakko, nur dass er inzwischen damit nicht mehr taufrisch wirkte. „Haben die Medien etwa schon über den Vorfall berichtet?“
„Nein, so schnell sind die nun auch wieder nicht. Aber der junge Mann hat wohl kurz vor seinem Tod noch ein Interview gegeben und darin mit der Kunstszene abgerechnet. Sehr forsch!“, klärte sie ihren Chef auf und blickte Hannes an, denn sie erwartete, dass er sein Smartphone weiterreichte, doch stattdessen scrollte er nur durch einige Seiten.
„Interessanterweise wurde der Artikel bereits gestern Abend online gestellt“, ließ er die beiden an seinen Erkenntnissen teilhaben.
„Gestern schon, das würde ja bedeuten, dass sich hier gerade ein Motiv auftut“, erkannte Schneidlinger.
„Und es wurde kurz darauf in etlichen sozialen Medien geteilt“, berichtete Hannes weiter und blickte auf. „Zum Beispiel auf Facebook, und dort hat es bisher 197 Likes bekommen.“
„Nicht schlecht, wenn man auf diese Art von Erfolg aus ist“, kommentierte Franziska. „Und interessant ist auch, dass mir Frau Tomasko gar nichts von den Unstimmigkeiten zwischen Quentin von Blümstorf und einigen Mitgliedern der ungarischen Akademie berichtet hat.“
„Vorsicht, Frau Steinbacher!“, mahnte Schneidlinger und fügte eine Spur leiser hinzu: „Verdächtigen Sie bitte niemanden leichtfertig. Hier geht es auch um politische Interessen!“
Franziska blickte sich um und sah Engelmann oberhalb der Treppe stehen. Er hatte eine Hand auf den Griff der Eisengittertür gelegt, als überlege er gerade, ob er sie nicht verschließen und sich dahinter verbarrikadieren solle.
„Direktor Engelmann scheint mir völlig integer. Er hätte alles getan, um es nicht nach Mord aussehen zu lassen, oder zumindest den Hocker wieder unter den Toten gestellt“, versicherte sie.
„Na endlich“, kommentierte Schneidlinger mit Blick auf die Tür, durch die Dr. Dieter Schwertfeger gerade hereinkam. „Ach, und Frau Steinbacher, bitte sehen Sie zu, dass Sie etwas anderes zum Anziehen für sich auftreiben. Wir sind schließlich die Mordkommission.“ Mit dieser dringenden, wenn auch nicht unfreundlich vorgetragenen Bitte löste er sich von seinem Team, um den Oberstaatsanwalt in Empfang zu nehmen, der sich bereits suchend nach einem Ansprechpartner umsah.
„Mache ich, Chef“, rief sie zackig ihrem Chef hinterher, obwohl sie sicher war, dass er sie nicht mehr hören konnte.
„Wollen wir vorher trotzdem noch mit Helmut Rother reden?“, fragte Hannes und fügte augenzwinkernd hinzu: „Der wird schon nicht gleich in Ohnmacht fallen, wenn er dich so sieht.“

Nachdem die Kommissarin in ihrem farbbefleckten T-Shirt den Raum verlassen hatte und ihre Schritte sich immer weiter den Gang entlang entfernten, blieb Verena still auf dem Sofa liegen und versuchte sich, ganz auf ihren Atem zu konzentrieren. Sie fühlte sich wie ein waidwundes Tier, das immer mehr in die Enge getrieben wurde.
Wie oft hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, wenn zwischen ihr und Quentin mehr passieren würde und wenn sich aus ihrer Zusammenarbeit Liebe und körperliche Lust entwickelte? Verena seufzte. Jeden Tag hatte sie sich darauf gefreut, ihn zu sehen, selbst als er sie schmerzvoll erkennen ließ, dass sie vergebens hoffte.
Verdammt, Verena, wach auf, schimpfte sie sich. Quentin war tot – und irgendjemand hatte ihn auf dem Gewissen. Bei diesem Gedanken und der Erinnerung an die Kälte seiner Haut erschauderte Verena erneut. Denn sie ahnte, dass sie denjenigen, der für Quentins Tod verantwortlich war, kannte. Zumindest befürchtete sie es. Der Kommissarin hatte sie gesagt, dass sie nach Hause gegangen war und geschlafen hatte. Doch das war nicht die ganze Wahrheit, denn letztlich wusste sie noch nicht einmal, ob sie selbst die ganze Wahrheit dieser letzten Nacht kannte.
Als sie sich jäh aufsetzte, begann sich in ihrem Kopf alles zu drehen und ihr wurde speiübel. Nur mit Mühe konnte sie einen weiteren Brechanfall verhindern. In den folgenden Minuten versuchte Verena, ihre Gedanken auf etwas Schönes zu lenken, auf etwas, das sie von der schrecklichen Begegnung am Morgen hätte ablenken können, aber es wollte ihr nicht gelingen. Einzig ihr Magen beruhigte sich wieder.
Alles an diesem Tag war so unwirklich, als wäre sie in einem schlechten Film und kein Ende in Sicht. Verena stöhnte leise auf. Ihr Kopf dröhnte nach den vielen Fragen der Kommissarin und inzwischen auch von ihren eigenen. Es machte sie fertig, dass sie keine Antworten fand, dass sie nicht wusste, was mit ihr los war, dass sie sich schämte für das, was sie getan hatte, und dass sie die Schuld aus lauter Verzweiflung sogar auf Helmut Rother geschoben hatte. Dabei war doch klar, wenn Rother schuld war, dann trug auch sie eine Teilschuld an Quentins Tod.
„Warum! Warum hast du das getan?“, hatte sie den über ihr hängenden Quentin vor nicht einmal zwei Stunden gefragt. Inzwischen schien es bewiesen zu sein, dass er sein Leben nicht freiwillig beendet hatte. Quentin habe sich gewehrt, hatte die Kommissarin gesagt, und Verena hatte sich gedacht: Natürlich hat er sich gewehrt. Wer würde sich nicht wehren, wenn man ihn aufhängen würde, um an einem Drahtseil baumelnd zu ersticken? Im letzten Moment schlug sie sich die Hand vor den Mund, um einen spitzen Schrei zu unterdrücken. Sie hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlte zu sterben, aber sie hatte oft versucht, sich vorzustellen, wie es sein musste, zu erkennen, dass der Tod unausweichlich bevorstand. Und sie glaubte, egal wie kurz diese Zeitspanne anhielt, sie musste grausam und brutal sein. Verena drückte ihr Gesicht mit einem Schluchzen in die ausgebleichten Kissen.
Schon einmal hatte sie den Tod eines Menschen billigend hingenommen, musste sie das bei Quentin nun auch machen? Sagte man nicht, beim zweiten Mal gehe es leichter? Alles geht leichter, wenn man die erste Hürde genommen hat. Von diesem alten Schmerz übermannt blieb sie liegen, bis sich ihr Kampfgeist zu Wort meldete und sie daran denken musste, wie erniedrigend es wäre, wenn Direktor Engelmann sie suchen und in diesem Zustand finden würde. Ausgerechnet er.
Vom Schrecken dieser Möglichkeit aufgescheucht richtete sich Verena auf dem Sofa auf. Es hatte keinen Sinn, weiter ahnungslos auf diesem Sofa zu liegen und sich die Augen aus dem Kopf zu heulen. Sie musste sich der Wahrheit stellen. Jetzt. Ganz egal, wie sie aussah.
Und dazu musste sie herausfinden, was sie in der vergangenen Nacht getan hatte. Ihr Schlafzimmer hatte ihr am Morgen zu verstehen gegeben, dass sie sich mit einem Mann getröstet hatte, und dieser Mann war nicht Quentin gewesen, auch wenn ihr das gefallen hätte. Obwohl …, sie dachte an ihren Streit. Vielleicht auch nicht.
Das meiste waren Vermutungen, nichts als Vermutungen. Aber vielleicht sollte sie genau an diesem Punkt anfangen, nach der Wahrheit und nichts als der Wahrheit zu suchen. Verena hatte die Kommissarin angelogen. Wenn sie dahinterkam, würde sie sich auf ihren Zustand herausreden. Das könnte reichen, um sie zu überzeugen, aber es reichte nicht, um sie selbst zufriedenzustellen.
Verena hatte diesen Job erst Anfang des Jahres angetreten, und als Engelmann ihr den jungen Künstler vorgestellt hatte, war ihr sofort klar gewesen, dass das eine Prüfung für sie darstellen und Engelmann sie sehr genau im Auge behalten würde. Und obwohl es mit dem verwöhnten Quentin nicht einfach gewesen war, hatte Verena alles gegeben, um aus seinen Werken ein großartiges Ausstellungskonzept zu entwickeln. So hatte sie auch Moritz kennengelernt. Quentin hatte ihn mitgebracht und als seinen Helfer vorgestellt. Beste Freunde, hatten sie ihr erklärt, und Verena hatte schnell bemerkt, wie sehr sich der elternlose Moritz zu ihr hingezogen fühlte. Sie hatte die beiden mit Pizza und Pasta oder deftigen Burgern versorgt, um sie bei der Stange zu halten. Denn längst ging es nicht mehr nur um Quentins Chance, sondern auch um ihre Reputation.
Noch einmal erhob sie sich und lief barfuß über den rauen Klinkerboden bis zum Fenster, und als sie hinausblickte, sah sie unten auf dem Pflaster der Bräugasse den Leichenwagen des Bestattungsunternehmens „Pietät“ von Anton Stadlbauer stehen. Entsetzt lief sie ins Bad und starrte lange in den Spiegel, der an einigen Stellen bereits trübe war und den grauen Untergrund durchschimmern ließ.
Sie tat alles, um ihr Gesicht und ihren Körper jugendlich zu halten. In ihren Schränken stapelten sich die Cremetiegel und Schminkdöschen namhafter Hersteller. Jetzt allerdings mochte sie kaum glauben, dass das Gesicht, das sie zwischen den blinden Flecken ansah, wirklich noch das ihre war. Hastig riss sie ein paar Papierhandtücher aus der Box, feuchtete sie an und rubbelte sich die Schminke herunter. Das war unprofessionell, aber es tat ihr auf eine seltsame Weise gut.
Sie musste raus aus dieser Selbstverleugnung, raus aus diesem muffigen Zimmer, raus aus dem völlig überhitzten Museum mit dem Toten, den sie noch immer an seinem eigenen Galgen hängen sah.
Wieder lief sie zum Fenster und riss es auf, doch die Luft, die hereindrang, war keinen Deut erfrischend. Unten wurde jetzt der Sarg aus Edelstahl eingeladen. Sie würden Quentin in die Rechtsmedizin bringen. Das ahnte Verena, ohne dass man es ihr sagen musste.
Und sie ahnte auch, dass die Kommissarin nicht locker lassen würde, bis sie seinen Mörder gefunden hatte. Sie würde sich in die Jagd verbeißen. Eine Frau, die in einem solchen Freizeit-T-Shirt zum Ermitteln ging, verlor keine Zeit. Nur deshalb hatte sie ihr nicht gleich die ganze bittere Wahrheit gesagt. Sie würde es selbst herausfinden oder nachfragen, bis sie ihr alles erzählen würde.
Trotz aller guten Vorsätze schwankte Verena auf dem Weg zurück zum Sofa. Ihr Körper kannte die Wahrheit, er ließ sich nicht betrügen.
Engelmann hatte ihr eingeschärft, die Mär vom Selbstmord zu betonen. Und sie dumme Kuh hatte das auch noch versucht. Glaubte Engelmann wirklich, er könne so mit ihr umgehen? Was glaubte er eigentlich, wer er war? Und wer war sie denn überhaupt in seinen Augen? Eine, die sich an jeden Mann ranschmiss, auch an einen viel Jüngeren, dachte sie bitter. Rother hatte es mitbekommen und sie war sich nicht sicher, ob er es Engelmann erzählt hatte, aber sie musste davon ausgehen.
Und obwohl Engelmann sie nur zu gern scheitern sehen würde, würde er auch alles tun, um die Ausstellung am Abend nicht zu gefährden. Aber nur, weil aus München ein bayerischer Staatsminister und aus Ungarn ein Generalkonsul, ein Generalsekretär und ein Minister a. D. ihr Kommen angekündigt hatten.
Verena lächelte schwach, auch sie freute sich, wenn derartig wichtige oder zumindest wichtig erscheinende Persönlichkeiten das MMK besuchten – die Presse und unzählige Besucher im Schlepptau.
Einige der Künstler waren, wie sie gehört hatte, nicht sehr begeistert davon gewesen, dass zeitgleich mit der ihren auch eine Ausstellung dieses jungen Deutschen eröffnet werden sollte. Und da fragte sie sich jetzt nach Quentins Tod, weshalb er nicht Nein gesagt hatte. Aber Verena kannte auch nicht die ganze Geschichte, mit der Engelmann geködert worden war, sondern nur den Teil, den sie kennen sollte.
Während Verena dieses ganze Hin und Her überdachte, kam ihr noch ein anderes Problem in den Sinn. Die Kommissarin hatte nicht gewusst, ob die Eröffnungen wie geplant durchgeführt werden würden. Würde Engelmann es trotzdem durchsetzen? Nur wenige Stunden, nachdem sie den toten Quentin gefunden hatte, gerade so, als wäre nichts gewesen?
Und was würden die Ungarn dazu sagen, wenn sie erfuhren, dass im Stockwerk über ihren Ausstellungsräumen der Künstler ermordet worden war? Wären sie entsetzt? Oder wären sie insgeheim zufrieden, weil es mit Quentin den Richtigen erwischt hatte?
Verena versuchte, nüchtern zu denken und ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Ein verheultes Gesicht konnte sie sich heute gar nicht leisten. Denn um wenigstens einige ihrer Fragen zu beantworten, musste sie dieses Zimmer verlassen. Und wenn sie das tat, dann sollte niemand sehen, wie sehr sie alles mitnahm. Vor allem Engelmann nicht.
Daher brauchte sie, bevor sie das Museum verlassen konnte, erst noch einen starken Kaffee. Sie schaltete die Maschine ein, die brodelnd und gurgelnd ihre Arbeit aufnahm. Die schwarze Brühe, die gleich darauf aus dem Filter tröpfelte, schmeckte niemandem. Wenn sie einen Kaffee genießen wollte, unternahm sie einen Spaziergang ins Café Unterhaus in der Höllgasse oder ins Café Minoo, das weiter oben am Residenzplatz lag. Sie liebte diese kleinen Ausflüge zwischendurch und die Begegnungen mit den Menschen, die sie dabei traf. Doch heute war der Kaffee Medizin, und da reichte die Brühe, die sie sich einschenkte und mit viel Zucker in kleinen Schlucken trank. Während Koffein und Glukose ihr Gehirn fluteten und ihr einen wahren Energie-Flash bescherten, schmiedete sie einen Plan und hoffte, es würde ihr gelingen, ihn so schnell wie möglich umzusetzen.

Mord, wieso jetzt Mord? Davon war doch nie die Rede gewesen. Nur ein kleiner Spaß sollte es werden. Anderenfalls hätte er doch gar nicht mitgemacht. Dass Quentin jetzt tot war, wollte Helmut Rother nicht so recht gefallen, aber was ging das letztlich ihn an?
Irgendwie waren die ja selbst schuld. Die hatten ihm ja auch alles weggenommen.
Sonst traf es immer ihn und jetzt eben mal die anderen. Vielleicht war die Welt doch gerechter, als er bisher angenommen hatte. Vielleicht auch nicht, denn jetzt stand die Kriminalpolizei vor seinem Tresen und wollte wissen, was er wusste.
Mann und Frau. Beide noch jung.
Der Chef war nicht dabei, aber vielleicht kam der später. Als Chef musst du nicht immer der Erste sein. Chef sein war eine feine Sache.
Er konzentrierte sich auf die Zahlen vor ihm, wobei das nicht so einfach war, denn die Frau fixierte ihn mit ihrem Blick. Das hatte er aus dem Augenwinkel beobachtet, und der Kollege schaute ihn auch die ganze Zeit über an.
Herrgott noch mal, musste das sein, wie sollte man denn dabei ruhig bleiben?
Ihre Fragen kamen Schlag auf Schlag. Sie führte, das kannte er.
Doch er selbst sagte zu alldem: Nichts. Zuerst einmal immer Nichts. Dann konnte man sich auch nicht verquatschen.
Und bei ihm hatten sie es damals schließlich auch so gemacht.
Niemand hatte etwas mitbekommen, niemand etwas gewusst und machen hätten sie sowieso nichts können. Auch die Polizei nicht.
Pech – selber schuld und Tschüss!
War doch eigentlich ganz einfach. Er schwieg, bis man ihm etwas nachweisen konnte. Und dann gab er es halt zu. Aber immer nur so viel, wie sie ohnehin bereits wussten.
Und im Moment wussten sie nichts. Sie nicht und er nicht.
Bloß die Fragen nervten: „Wo waren Sie zwischen 23 Uhr und ein Uhr nachts? Was haben Sie denn die ganze Zeit über gemacht? Sind Sie denn nicht nach oben gegangen, um nachzusehen, wie lange es noch dauern würde? Wussten Sie, was da oben vor sich ging? Und Sie haben Ihren Platz wirklich nicht verlassen? Kann es sein, dass sich jemand an Ihnen vorbeigeschlichen hat?“
Mann, das nervt, würde er zu gern schreien, aber das wäre nicht gut. Besser ruhig bleiben. Er fühlte sich heute sowieso nicht wohl.
„Ich war hier, die ganze Zeit, und nein, ich bin nicht nach oben gegangen, weil es mich nicht interessiert hat, was der da oben für einen Krampf fabriziert hat.“
Die Frau Kommissarin könnte ihm gefallen. Sie war hübsch. Anders als Verena, aber hübsch. Und das T-Shirt gefiel ihm – das hatte was. Er würde ihr gern ein Lächeln schenken, aber das wäre vielleicht nicht so gut, denn ihr Blick verriet ihm, dass man mit ihr grad nicht scherzen sollte.
„Aber wenn Sie behaupten, dass niemand reingekommen sein konnte, dann kämen ja eigentlich nur Sie als Täter infrage“, stellte sie auf einmal fest, und er ärgerte sich, dass er sich ihren Namen nicht gemerkt hatte. Denn dann hätte er jetzt ganz anders antworten können.
Verena hatte ihn abblitzen lassen. Er war nicht gut genug für sie. Klare Ansage. Natürlich. Langfristig war er nie für jemand gut genug. Es war anderen schon immer leicht gefallen, ihn zurückzuweisen. Da wäre er doch der perfekte Sündenbock. Der Richtige, um ihn als Mörder abzuführen. Aber nicht in dieser Sache. Er kannte seine Rechte.
Trotzdem sah es gerade nicht so rosig für ihn aus. Beinahe hätte er gelacht. Als ob es in letzter Zeit überhaupt einmal für ihn wirklich gut ausgesehen hatte.
„Er war irgendwann weg und ich konnte heimgehen!“, gab er zu Protokoll und freute sich, weil sich das ganz gut anhörte. Vage, nichtssagend.
„Wie jetzt? Quentin von Blümstorf ging durch diese Tür?“, wollte der Mann wissen, der die ganze Zeit über still gewesen war. Er kannte ihn vom Sehen. Der ging manchmal mit dem Kinderwagen draußen auf der Bräugasse vorbei. Er hätte ihm gar nicht zugetraut, dass er bei der Kriminalpolizei war.
Sie räusperte sich. Scheiße, er musste etwas sagen. „Nein, also, ja, ich weiß es nicht. Vielleicht.“ Aufmerksam schaute er die beiden der Reihe nach an. Ihre Blicke ruhten auf ihm. Vielleicht dachten sie bereits darüber nach, wie sie ihn als Täter präsentieren konnten. Der Chef würde ihnen die Hand auf die Schulter legen, sicher erst ihr, und sagen: Das ging aber schnell – gut gemacht. Eins mit Sternchen und Beförderung.
„Ich war kurz auf dem Klo“, durchkreuzte er ihre Karriereaussichten, „und als ich zurückkam, war er weg und ich konnte heimgehen.“
„So einfach?“, fragte sie, aber er hörte deutlich den Spott in ihrer Stimme. Genau wie bei Verena. Frauen konnten solche Biester sein.
„Ja, so einfach“, wandte er sich daher an den jungen Vater, wobei er ja gar nicht wusste, ob es überhaupt sein Kind war, mit dem er immer spazieren fuhr. „Ich ging hinauf und rief nach ihm und als er sich nicht rührte, wusste ich, dass er heimgegangen war.“
„Aber Sie sind nicht hineingegangen und haben sich davon überzeugt, dass er weg war?“, fragte die falsche Schlange.
„Nein, und wissen Sie auch, warum?“ Er schaute ihr direkt auf den gelben Fleck, der sich jetzt mit jedem Atemzug hob und senkte. Er hatte sie in der Hand. Gleich würde er seinen größten Trumpf ausspielen. „Weil er es jedem von uns verboten hatte!“ Das saß. Tatsächlich. Erstaunlicherweise. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah.
„Gut“, sagte sie und lächelte ihn jetzt doch ein klein wenig an. „Dann haben Sie erst einmal vielen Dank. Wir kommen sicher noch einmal auf Sie zu. Und falls Ihnen doch noch etwas einfällt, dann melden Sie sich bitte.“
Ja, dachte er und schaute vor allem der Frau nach. Auf einen Anruf von ihm konnte sie allerdings lange warten. Zunächst musste er sich erst einmal ganz woanders melden. Er war schlau und besonnen gewesen. Hatte alles richtig gemacht, da sollte sich das eigentlich auch für ihn auszahlen, überlegte er. Vielleicht war das hier ja endlich die lang ersehnte Wende in seinem Leben.

„Der Mann verschweigt uns etwas“, flüsterte Franziska Hannes zu, nachdem sie das Gespräch mit dem Sudoku ausfüllenden Helmut Rother beendet hatten. „Oder warum sonst beharrt er so sehr darauf, dass niemand hereinkam?“ Sie hatten den Lichthof erreicht, doch Hannes schien nichts zu ihrer These beitragen zu wollen. „Er hätte doch einfach sagen können: Mir ist niemand aufgefallen, aber ich habe natürlich nicht die ganze Zeit über auf die Tür gestarrt. Er ist ja nicht Aufseher in Alcatraz.“ Als Hannes noch immer nichts sagte, folgte Franziska seinem Blick und sah, wie erwähnte Eingangstür aufgerissen wurde und eine sehr zierliche Dame hereingestürmt kam.
Zumal er ja nicht davon ausgehen musste, dass ein Mörder durchs Haus schleichen würde, wollte sie gerade ergänzen, als auch ihre Aufmerksamkeit von den undamenhaft langen Schritten in klackernden schwarzen Pumps, die ein hellgelbes, ärmelloses Etuikleid strapazierten, gefangen genommen wurde.
Fasziniert starrte Franziska auf das Gesicht, das halb hinter einer Sonnenbrille verschwand, wie sie in den fünfziger Jahren schon einmal modern gewesen war. Die schwarzen Haare hatte sie zu einem eleganten Knoten geschlungen, die Lippen sehr rot geschminkt, das übrige Make-up dezent aufgetragen.
Zielstrebig lief sie am Kassenraum und an den beiden Kommissaren vorbei, die Treppe hinauf, bis sie auf der Hälfte das eiserne Gitter passierte.
Franziska wechselte einen schnellen Blick mit Hannes. „Komm, die hat irgendetwas vor!“, vermutete sie und stürmte ebenfalls die Treppe hinauf. Im ersten Stock hatte Franziska die Dame erreicht und versuchte, sie beherzt am Arm zu fassen. „Entschuldigung. Würden Sie bitte einen Moment warten?“
„Lassen Sie mich, ich habe es eilig!“, rief die Schwarzhaarige schnippisch, machte sich mit einer schnellen Bewegung los und stöckelte auf ihren Pumps auch die nächste Treppe hinauf. „Ich muss zu meinem Sohn!“
Sie schaffte es bis in den ersten Ausstellungsraum, dort aber stellte sich ihr Obermüller mit seiner ganzen Leibesfülle in den Weg.
„Ja, bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“, rief sie an ihm vorbei in den Raum hinein, als wäre Obermüller nur eine Attrappe.
„Tut mir leid, aber Sie können hier nicht durch!“, konstatierte der dicke Ermittler sachlich und blickte hilfesuchend Franziska an, die die beiden erreicht hatte.
„Kriminaloberkommissarin Franziska Steinbacher. Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Nina von Blümstorf. Ich will zu meinem Sohn“, erklärte sie hochmütig und versuchte, sich erneut an Obermüller vorbeizuschieben. Als ihr das nicht gelingen wollte, begann sie, ihn zu beschimpfen. „Was erlauben Sie sich? Lassen Sie mich durch!“, kreischte sie aufgebracht. „Wo ist Ihr Vorgesetzter?“
„Was ist denn hier los?“ Unwirsch dreinblickend kam Schneidlinger von der anderen Seite des Raumes bis zum Mauerdurchbruch, woraufhin Obermüller zur Seite trat. „Nina, bitte!“ Zur Verwunderung aller legte Schneidlinger der aufgebrachten Frau eine Hand auf die Schulter und versuchte, sie so vom Durchgang wegzuziehen.
„Josef!?“ Energisch wischte sie seine Hand zur Seite. „Was machst du hier? Und würdest du mir bitte erklären, warum ich nicht zu Quentin gelassen werde? Ich bin seine Mutter!“
„Ja, Nina, ich weiß. Komm, dein Sohn ist nicht hier, lass uns bitte hinunter ins Café gehen, dann können wir in Ruhe reden.“ Schneidlinger dirigierte Frau von Blümstorf in Richtung Aufzug, drückte den Knopf, und als sich die Tür öffnete, zog er sie mit sich hinein.
„Hast du gewusst, dass die beiden sich kennen?“, wollte Hannes wissen. Franziska schüttelte den Kopf. „Los, komm mit, ich muss wissen, was da abgeht.“ Franziska und Hannes nahmen die Treppe und erreichten noch vor dem Aufzug das Erdgeschoss.
Die Räumlichkeiten des Café Museum lagen im ehemals dritten Haus, einige Stufen tiefer als der Kassenraum und in Richtung Bräugasse gelegen. Eine simple Absperrkordel trennte sie vom Lichthof. Franziska und Hannes schoben sich in den Raum und konnten so verfolgen, wie Schneidlinger mit seiner Begleitung hinunterging, persönlich zwei Stühle von einem Tisch nahm und ihr die Sitzgelegenheit zurechtrückte. Diskret blieben sie auf ihrem Posten und beobachteten, wie ihr Chef auf die Dame in Gelb einredete, mitfühlend ihre Hand nahm und ihr ein Taschentuch anbot. Stumm schüttelte sie immer wieder den Kopf, und Schneidlinger, der sie bereits entdeckt hatte, winkte sein Team schließlich heran. Als Franziska näherkam, erkannte sie das Glitzern in den Augen seiner Gesprächspartnerin, das zeigte, wie nahe diese den Tränen war.
„Mein Beileid“, versicherte Franziska und ignorierte den mahnenden Blick ihres Chef, der zu ihrem bemalten T-Shirt ging.
„Warum hat er das nur getan?“, schniefte die trauernde Mutter und tupfte mit dem Stofftaschentuch vorsichtig über ihre Augen. Verwundert schaute Franziska Hannes an. Wusste die Mutter noch gar nicht, dass ihr Sohn ermordet worden war?
„Wir dachten, du könntest uns vielleicht etwas dazu sagen“, hakte Schneidlinger nach, und Franziska erkannte, dass sich das Gespräch um den online gestellten Artikel drehte. „Für einen solchen Rundumschlag musste er doch einen triftigen Grund gehabt haben.“
„Ich weiß es nicht. Quentin war so seltsam in letzter Zeit. Ich habe ihn gar nicht wiedererkannt. Er war wie besessen von dieser Ausstellung und …“, sie ließ den Satz unbeendet in der Luft hängen.
„Aber so eine Ausstellung ist doch in erster Linie eine große Chance“, gab Schneidlinger zu bedenken. „Da muss sich dein Sohn doch gefreut haben.“
„Ich weiß es doch auch nicht. Ach, Josef, du kennst das doch. Ich bin in so vielen Hilfsorganisationen, und in diesem Jahr bin ich für den Ladies Cup im Golfclub in Freinberg zuständig, und Georg hat mit der Firma auch genug zu tun. Man nimmt sich immer so viel vor, und dann ist es auf einmal zu spät.“
Die übliche Entschuldigung, wenn Eltern ihre Kinder von der Wache abholen müssen, weil sie etwas angestellt haben. Aber Quentin war kein kleiner Bub mehr und er hatte auch nichts angestellt, oder doch? Franziska fragte sich, ob die Mutter tatsächlich keine Ahnung gehabt hatte, was ihren Sohn bewegte.
„Seit er sein Studium abgeschlossen hat, hatte er nur noch seine Kunst im Kopf“, jammerte Frau von Blümstorf.
„Wohnte Ihr Sohn noch bei Ihnen zuhause?“, erkundigte sich Franziska, weil sie sich vorgenommen hatte, als Nächstes das Umfeld des Toten anzusehen.
„Nein, wo denken Sie hin! Er hatte sein Appartement im neuen Innviertel. Georg hatte es für ihn und seine kleine Freundin gekauft.“ Sie hielt inne und blickte eine Weile auf die Getränkekarte, die vor ihr auf dem Tisch lag. „Wobei sich das ja inzwischen auch erledigt hat.“
Franziska und Hannes blickten sich stumm an. Wie meinen Sie das, wollte Franziska gerade fragen, als Frau von Blümstorf anklagend die Stimme hob: „Langsam glaube ich, dass er mich damit verletzen wollte.“ Erschrocken blickte sie sich um, seufzte und erklärte zurückhaltender. „In dem Alter macht doch jeder mal einen Blödsinn, aber muss das gleich die ganze Welt erfahren?“
„Nina, bitte, wovon redest du?“
„Davon, dass das heute nicht der erste Artikel war. Vor ein paar Monaten erfuhren wir aus der Zeitung, dass unser Sohn von nun an schwul sei und dass das ruhig jeder wissen dürfe, weil: gerade er als Künstler dazu stehen müsse, denn Kunst dulde natürlich keine Tabus, und da wäre es doch sinnvoll, bei sich selbst anzufangen. So ein Unsinn, sag ich dir.“
„Und Moritz war sein Geliebter!“, kombinierte Franziska.
„Natürlich nicht!“, fuhr Frau von Blümstorf sie an. „Quentin hatte keinen Geliebten, und Moritz schon gar nicht. Mit dem war er lediglich im Kindergarten und in der Schule, bis der nach der neunten Klasse abgehen musste. Und sonst nichts.“
„Nina, ich verstehe, dass so ein Coming-out nicht einfach ist, aber wenn er damit glücklich war, dann gibt es doch auch keinen Grund, sich dafür zu schämen“, versuchte Schneidlinger zu vermitteln.
„Josef, hast du mir nicht zugehört: Quentin war nicht schwul!“, erklärte sie mit Nachdruck und sprang von ihrem Stuhl auf. „Das war alles nur ein völlig bescheuertes Kalkül.“
„Wissen Sie eigentlich, warum Ihr Sohn so hart mit der Kunstszene ins Gericht gegangen ist?“, versuchte Franziska dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, denn sie fürchtete, dass das Thema Homosexualität gleich für eine Explosion sorgen würde. „Und kennen Sie den Grund dafür, warum er etwas gegen die Künstler aus Ungarn hatte?“
Traurig schüttelte Frau von Blümstorf den Kopf. „Nein, leider kann ich mir darauf auch keinen Reim machen. Ich selbst fand, dass er froh darüber sein sollte, überhaupt so eine Chance zu bekommen. Aber er hat nur gesagt: Das habe ich mir verdient und jetzt sind da diese Ungarn und der Minister kommt und alles nur wegen denen, das ist nicht fair .“
„Chef, kann ich Sie mal kurz unter vier Augen sprechen?“, wandte sich Franziska leise an ihren Vorgesetzten und blickte ihn eindringlich an.
„Herr Hollermann, Sie bleiben bitte bei Frau von Blümstorf“, wies Schneidlinger an und folgte seiner Oberkommissarin bis zur Tür.
„Darf ich Sie fragen, woher Sie sich kennen?“, wollte Franziska sofort wissen.
Schneidlinger schmunzelte. „Sie dürfen. Paulina hat mir Nina von Blümstorf vorgestellt, sie haben sich beim Golfen kennengelernt.“ Interessiert lauschte Franziska seiner Erklärung. „Sie sammelte Geld für ein Hilfsprojekt“, erklärte Schneidlinger weiter. „Nina ist eine sehr großzügige Spenderin. Und inzwischen spielen wir auch zusammen Golf.“
„Aha!“ Franziska hatte den Zusammenhang erkannt. „Gut, ich frage das auch nur, weil Sie sich dann ja vielleicht auch in den Familienverhältnissen auskennen.“
„Ein wenig. Aber Sie fragen Nina – Frau von Blümstorf – bitte alles, was Sie wissen möchten. Im Grunde bin ich in diesem Fall befangen und möchte, dass Sie sich darum kümmern.“
„Danke, Chef, das mache ich natürlich gern, aber ehrlicherweise wäre es mir lieber, wenn Sie sich weiter um die Familie von Blümstorf kümmern würden.“ Ohne auf eine Zustimmung ihres Chefs zu warten, berichtete Franziska, was sie über Moritz Haushofer wusste. „… daher würde ich mit Hannes gern zunächst in das Appartement in der Innstadt und dann in den Schlachthof fahren.“
„Gut, dann bringe ich Frau von Blümstorf nach Hause und spreche auch mit Georg, dem Vater. Das darf er von mir erwarten, auch wenn es mir nicht leichtfällt.“
Franziska war sich nicht sicher, ob ihr Chef hoffte, dass sie ihm diesen Weg abnehmen würde, machte aber kein entsprechendes Angebot. „Was hat eigentlich der Oberstaatsanwalt entschieden?“, fragte sie stattdessen, während sie Hannes´ mahnenden Blick auffing. Sie machte eine besänftigende Handbewegung in seine Richtung.
„Bisher nichts. Dr. Schwertfeger sitzt noch mit Direktor Engelmann zusammen. Der will um jeden Preis eröffnen, und die KTU, Sie wissen ja, wie genau Frau Michel ist, sagt nein. Ich persönlich würde auch nicht eröffnen, aber bei so viel politischer Prominenz … der Druck ist schon sehr groß.“
„Ich glaube, man kann beide Seiten verstehen, aber zum Glück kann ich mich da ganz raushalten.“
Schneidlinger stimmte ihr zu. „Seien Sie froh darüber, ich bin es auch.“

In dem festen Wissen, dass er nicht nach Hause gehen konnte, nicht so und nicht in diesem Zustand, war Thomas die halbe Nacht durch Passaus Altstadtstraßen gelaufen.
Und weil er danach noch immer nicht zur Ruhe kommen konnte und sich daher nicht ins Haus getraut hatte, war er in seine Schreinerwerkstatt gegangen und konzentrierte sich seither auf die antike Kommode, die er zunächst mit feinstem Sandpapier sorgfältig anschliff, um sie im Anschluss mit Schleiföl anzufeuern, wie man diesen Schritt nannte. Arbeit war nach allem, was er erlebt hatte, die beste Medizin, um seine Nerven wieder zu beruhigen.
Stunden waren inzwischen vergangen, und seine Arme wurden zunehmend schwerer. Trotzdem rieb er jetzt mit Hilfe eines Baumwollballens, der mit einem Stück Leinenstoff umhüllt war, die dickliche Paste aus verdünnter Politur und Bimsmehl in das vorbehandelte Holz ein. Ohne Unterlass fuhr seine Hand in kreisförmigen Bewegungen über die Kommode. Und obwohl er seine Augen kaum noch offenhalten konnte, nervte ihn sein schlechtes Gewissen mit der Frage: „Wie hat das alles nur passieren können?“
Seit er vor rund 20 Jahren seine Frau Renate kennen und lieben gelernt hatte, war sie es gewesen, die all seine Probleme mit einem praktischen Vorschlag aus der Welt räumte, und zu gerne hätte er gewusst, ob ihr das auch dieses Mal gelingen würde. Er seufzte. Arme und Schultern brannten wie von Feuer versengt, doch was war dieser Schmerz im Vergleich zu dem Kummer in seinem Herzen?
So nah war er dran gewesen, so nah, und dann hatte er alles vermasselt.
Und warum? Weil er zu lange gezögert hatte, aus Angst, etwas falsch zu machen. Natürlich war er sich seiner Sache sicher gewesen, sonst wäre er ja überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dort hinzugehen. Seit Wochen drehten sich seine Gedanken um dieses erste Treffen.
Inzwischen polierte er mit Schellack weiter und achtete darauf, in gleichmäßigen Kreisbewegungen über das Holz zu gehen. Schellack war etwas für Könner. Vertieft in diese anspruchsvolle Arbeit schrak er zusammen, als er draußen im Hof Schritte hörte und sich gleich darauf die Tür zu seiner Werkstatt langsam öffnete.
Renate. Was, wenn sie es ihm ansah? Bestimmt erkannte sie nach einem Blick in sein Gesicht, dass etwas Schlimmes passiert war. Was, wenn sie ihn fragen, in ihn dringen würde, bis es ihm herausrutschte? Was, wenn sie ihn deshalb verlassen würde und die Töchter gleich mitnähme? Ihre Mutter würde über ihn schimpfen. Habe ich dir nicht gesagt, er ist ein Tunichtgut? Seine Schwiegermutter hatte ihn nie leiden mögen. Und wenn sie je die Wahrheit erfahren sollte, dann würde zumindest sie triumphieren.
Er liebte seine Familie, sie war sein Ein und Alles. Also musste er sich schnell eine Ausrede ausdenken. Am besten eine gute. Vielleicht konnte er es auf die Hitze schieben, und vielleicht würde sie ihm Glauben schenken. Hoffnungsvoll polierte er weiter und weiter, jetzt nur keine Pause machen und ja kein Öl auf dem schönen Holz stehen lassen, sonst wäre auch noch die Oberfläche ruiniert.

„Komm, wir sollten uns beeilen“, mahnte Franziska und zog ihren Kollegen Hannes mit sich zu ihrem vor der Klostermauer geparkten Auto. „Nicht, dass vor uns noch jemand auf die Idee kommt, sich die Wohnung anzuschauen.“
Kurz darauf umkreiste Franziska den Römerplatz in Richtung Untere Donaulände. Während sie sich auf den Verkehr entlang der Schiffsanlegestellen konzentrierte, schaltete Hannes sein Handy an. Franziska hatte keinen Hinweiston vernommen, aber seinem Lächeln nach zu urteilen, hatte er die Nachricht erwartet.
„Wir müssen unbedingt herausfinden, wer Quentin von Blümstorf wirklich war“, verkündete sie nach einer Weile, und da Hannes noch immer auf das Display starrte, stellte sie ihre eigene Gesprächsbereitschaft ebenfalls ein und gab sich stattdessen der Überlegung hin, was man wohl über sie als absolute Wahrheit erzählen würde, wenn sie tot aufgefunden worden wäre.
Von wem würde eine ermittelnde Kollegin erfahren, wer sie war und was sie umgetrieben hatte?
Von Hannes? Vielleicht. Wobei der auch nur wusste, was sie ihm erzählte. Und so richtig Privates erzählte sie ihm meist nicht.
Oder von Walter? Der wusste nach all den Jahren, in denen sie zusammen gewesen waren, schon recht viel über sie. Wobei der eher ihre Vorlieben kannte … Franziska verkniff sich rasch ein Grinsen. Nicht dass Hannes in diesem Moment aus seiner Handywelt auftauchte und sie bei solchen Gedanken erwischte. Er wüsste sofort, an was sie dachte, dafür kannte er sie dann doch zu gut.
Welches Bild wollte Quentin von Blümstorf von sich zeigen, überlegte sie weiter. Das eines modernen Don Quijote, der sich in den Medien gegen die Kunstszene auflehnte? Na ja, im Grunde hatte er nur ein Interview gegeben und hätte, wenn er noch lebte, jetzt mit den Folgen zurechtkommen müssen. Oder war sein Tod bereits eine Folge des Interviews? Franziska schaute zu Hannes, der noch immer in sein Handy vertieft war, und wusste auf einmal, was sie wirklich störte.
„Findest du es nicht auch seltsam, dass der junge von Blümstorf kein Handy bei sich hatte?“ Annemarie hatte sie extra darauf hingewiesen, als sie ihr den Wohnungsschlüssel aushändigte. Und natürlich auch darauf, dass sie keine Spuren vernichten sollten. Als ob sie das nicht selbst am besten wüsste.
„Vielleicht hat es ja auch der Täter mitgenommen“, mutmaßte Hannes.
„Wahrscheinlich sogar“, seufzte Franziska. Handys sagten oft mehr über den Besitzer aus, als jeder noch so gute Freund wissen konnte. Vor allem die neuen, die über so viel Speicherplatz verfügten, dass ein Dialog oft über Monate zurückverfolgt werden konnte. Seit Franziska das erkannt hatte, löschte sie so manchen Chatverlauf. Ihren Austausch mit Walter hatte sie aber trotz der Trennung aufgehoben. Zumindest die schönsten Dialoge. Und manchmal, wenn auch selten, schaute sie hinein und erinnerte sich wehmütig an diese Verabredungen. Walter konnte wunderbare, zweideutige Textnachrichten verschicken.
Erneut seufzend löste sie sich von diesem schwierigen Thema und stellte weitere Überlegungen zu ihrem Fall an.
„Wir müssen unbedingt mit dem Mann reden, für den Quentin sich geoutet hat“, erkannte Franziska und blickte ihren Kollegen an.
„Vielleicht gibt es diesen Mann ja auch gar nicht“, Hannes schaute kritisch zurück. „Du hast doch seine Mutter gehört.“
„Ja klar. Aber welche Mutter und vor allem welche Mutter, die wie Nina von Blümstorf ist, will schon wahrhaben, dass ihr Sohn auf Männer steht?“ Franziska hatte das Innviertel erreicht und fuhr in einen freien Stellplatz vor dem Blumenladen, der zum Hauskomplex gehörte. Endlich steckte auch Hannes sein Handy weg.
„Mist, ich wollte ja nach Hause und dieses peinliche T-Shirt ausziehen“, erkannte sie ihr Versäumnis, kaum dass sie den superschicken, teilweise verspiegelten Aufzug betreten hatte, der sie leise schnurrend nach oben beförderte.
Die Wohnung war klimatisiert und großzügig geschnitten. Das Mobiliar bestand aus einer so gelungenen Mischung von modernen Hochglanzschränken, Antiquitäten, Bodenbelägen und Dekoobjekten, dass Franziska unwillkürlich an einen teuren Innenausstatter denken musste. Fast ehrfürchtig schritt sie über das Echtholzparkett in den beschatteten Wohnraum, und als sie neugierig die Jalousien teilte, um hinausschauen zu können, fiel ihr Blick auf das Oberhaus, das auf der anderen Seite über der Altstadt thronte.
„Ganz schön nobel“, kommentierte sie, was sie sah. Franziska wandte sich um und schaute sich den großen Wohnraum genauer an. Auf der einen Seite gab es eine Luxusküchenzeile und eine Kochinsel, die ihr Hausfrauenherz höher schlagen ließ. Das galt auch für die Tischgruppe, die aus einem Glastisch mit Edelstahlunterbau sowie untergeschobenen Holzstühlen bestand. Richtig einladend wirkte die Loungezone aus hellem Leder, die auf ihren dünnen Füßen zu schweben schien und in Richtung Kamin ausgerichtet war. Im Winter musste es ein Traum sein, hier zu liegen, ein Buch in der Hand und das Knistern des Kamins im Ohr. Auf einem Sideboard stand ein Tablett mit Gläsern und einer Karaffe, und in einem schmalen Regal reihten sich Bücher nach Farbe und Größen sortiert. Alles war blitzblank, wirkte aber auch völlig unpersönlich. Fast wie in einem Möbelgeschäft, überlegte sie und verließ auf der Suche nach Hannes den Raum.
Im gegenüberliegenden Zimmer gab es ebenfalls einen Glastisch, dieser war aber über und über mit Skizzen, Stiften und Kunstbüchern beladen. In einem dazu passenden Regal standen neben weiteren Kunstbüchern auch etliche Studienunterlagen und Fachbücher, die so gar nichts mit Kunst zu tun hatten: „Dynamik der Baukonstruktion“, „Englisch für Architekten und Bauingenieure“. Sie ging zum Schreibtisch zurück, schlüpfte in ein paar Latexhandschuhe und hob einige der Blätter an. Sie mussten von Quentin sein, denn der Malstil entsprach dem, was sie schon im MMK gesehen hatte. An den Wänden hingen fertige Bilder und auf weiß lackierten Podesten standen kleinere Objekte.
„Hübsch“, kommentierte Hannes, der ebenfalls Handschuhe trug, und schaute auf die Regale und Wandschränke.
„Hast du schon etwas entdeckt, was auf einen Geliebten schließen lässt?“, wollte Franziska wissen, denn in diesem Raum gab es genau wie im Wohnraum keine Fotos.
„Das Gegenteil“, antwortete er kryptisch. Franziska folgte ihm ins Schlafzimmer und stieß einen anerkennenden Schrei aus. Nicht wegen der Kommode aus Nussbaum mit Messinggriffen, die zwischen zwei französischen Fenstern stand und deren Schubladen nur nachlässig geschlossen waren. Und auch nicht wegen des weiß lackierten Kleiderschranks, dessen eine Tür weit offen stand, und schon gar nicht wegen der Matratze, die ein wenig schief auf dem Bettrahmen lag, auch wenn das alles zeigte, dass hier jemand etwas gesucht hatte.
„Nicht schlecht!“ Franziska ging bis zum Fußteil des Bettes und blickte anerkennend auf das riesige Aktfoto, das über dem Kopfteil hing. „Nackt, wie Gott sie schuf, mit reichlich Bling Bling an den intimsten Stellen!“ Im Blick ihres Kollegen erkannte sie, dass ihm das, was er sah, durchaus gefiel. „Schöne Frau und sehr erotisch. Nur, warum hängt sich ein Mann, der eigentlich auf Männer steht, eine solche Frau über sein Bett?“
Hannes löste sich aus seiner Verzückung. „Weil seine Mutter eben doch richtig liegt.“
„Und warum steht dann in der Presse, dass er schwul ist?“, ließ sie nicht locker.
„Weil, weil …“, unschlüssig blieb Hannes die Antwort schuldig und fragte stattdessen: „Hat dein Bühnenkünstler auch so ein Bild von dir über dem Bett hängen?“
„Jetzt fängst du schon wieder mit dem an! Wir haben uns getrennt, es ist mir egal, was über seinem Bett hängt“, behauptete sie und wandte sich der Einrichtung zu. „Du hast recht, hier hat jemand etwas gesucht, oder warst du das etwa auf der Suche nach dem Handy?“
„Wo denkst du hin“, beschwerte sich Hannes. „Ich weiß doch, wie man sich in fremden Wohnungen verhält.“ Er hielt kurz inne und fügte dann nachdenklich hinzu: „Aber ich habe tatsächlich nichts in der Richtung gesehen.“
„Wenn hier jemand nach dem Handy gesucht hat, dann hat er es sicher mitgenommen und dann sollten wir lieber alles so lassen, wie es ist, sonst schimpft uns Annemarie zu Recht, und außerdem haben wir keine Zeit dafür.“ Franziska steuerte den Flur an, blieb aber an der Wohnungstür noch einmal stehen. „Außerdem finde ich dieses Bild schon aussagekräftig genug: Für die Zeitung gab Quentin von Blümstorf sein Coming-out, seine Mutter sagt, das sei Quatsch, und über seinem Bett hängt das Aktfoto einer weiblichen Schönheit. Wenn es zur Klärung seiner Todesumstände wichtig ist, ob er nun homo- oder heterosexueller Natur war, dann fällt mir momentan nur einer ein, den wir dazu befragen könnten“, entschied sie.

„Hast du ihn getötet?“, fragte Rother, nachdem sich sein Gesprächspartner gemeldet hatte, und schwankte zwischen Hoffen und Bangen.
„Nein, wo denkst du hin?“, kam die Antwort prompt und überzeugend.
Rother atmete auf. „Gut, ich glaube dir natürlich, aber wir müssen uns sehen. Ich kann so nicht weitermachen.“ Er lauschte, aber auf der anderen Seite blieb es still. „Ich brauche jetzt mehr, es geht nicht anders“, hörte er sich sagen und war entsetzt darüber, wie bedürftig das klang.
„Ist schon gut, ich kümmere mich“, versprach die Stimme, und Rother lehnte sich entspannt zurück. Natürlich tut er das, dachte er. Warum hatte er sich überhaupt Sorgen gemacht? Schließlich war er auch ein Mann, auf den man zählen konnte. Einer, der für andere da war, und …
Das Gespräch war beendet und auf einmal musste er an Emilia denken. Er könnte sie anrufen, begann schon ihre Nummer einzutippen und hielt dann doch inne. Was sollte er ihr jetzt sagen?
Vielleicht konnte er ihr irgendwann einmal die Wahrheit sagen. Dann, wenn alles vorbei war. Die würde Augen machen. Doch dann sah er ihr Gesicht vor sich. Den strengen Blick, wenn ihr etwas nicht gefiel, und er legte das Telefon weg.
Nein, heute würde er sie nicht anrufen. Heute war er nicht in der Stimmung, um eine Abfuhr zu erhalten.
Außerdem hoffte er, dass sie sich bei ihm melden würde, denn sie hatte sicher schon gehört, dass es bei ihnen im Museum einen Mord gegeben hatte.
Am Ende hatte sie sogar ein bisschen Angst um ihn.
Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht. Es tat noch immer gut, an sie zu denken, auch wenn sie das gar nicht richtig verdient hatte.

„Herr Haushofer, Moritz Haushofer?“ Der junge Metzger nickte. „Ich bin Franziska Steinbacher von der Passauer Mordkommission; das ist mein Kollege Hollermann.“ Franziska deutete auf Hannes und musterte dann den jungen Mann, der auf ihre Bitte hin von einem Vorarbeiter aus dem Zerlegeraum des Schlachthofes herausgeholt worden war. Er war gut eins achtzig groß und trug eine weiße Jacke und eine passende Hose. Beides wurde von einer teils blutbeschmierten Gummischürze und einem weißen Käppi, unter dem vereinzelt hellblonde Haare herauslugten, komplettiert. Seine Füße steckten in weißen Gummistiefeln, an der linken Hand trug er einen Stechschutzhandschuh aus Metall, der den Unterarm fast zur Gänze bedeckte. Nichts, was Franziska bei diesem Wetter tragen wollte. Hinzu kam dieser penetrante Geruch, der, wie sie vermutete, im Inneren der Halle noch intensiver war als hier draußen auf dem Parkplatz.
„Sie sind mit Quentin von Blümstorf befreundet?“ Franziska ließ den jungen Mann nicht aus den Augen. Er nickte und betrachtete seinen Handschuh, als sehe er ihn zum ersten Mal. Franziskas Gespür sagte ihr, dass er bereits Bescheid wusste. „Wissen Sie schon, was mit Ihrem Freund passiert ist?“, erkundigte sie sich daher, nachdem Moritz Haushofer keine Anstalten machte, etwas zu sagen.
„Ja, Verena, also Frau Tomasko, hat mich angerufen.“ Hilflos zuckte er mit den Schultern. „Schlimme Sache, die Ärmste ist ganz fertig.“
Franziska seufzte. So etwas hatte sie sich schon gedacht.
„Sie sagte, jemand hat Quen getötet.“ Moritz Haushofer schaute weiter auf seinen Handschuh, bevor er in aller Seelenruhe die Verschlüsse öffnete, um ihn abzustreifen. „Aber das glaube ich nicht.“ Franziska bemerkte den Stoffhandschuh, der zum Vorschein gekommen war. Genau wie die Schürze war er voller Blut. Schweineblut, vermutete sie.
„Leider stimmt es aber, Ihr Freund ist tot“, versicherte Franziska.
„Ja schon. Aber ich dachte halt, er hätte, also ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ihn jemand …“, hilflos zuckte er mit den Schultern. „Ist ja nur, weil er halt so beschissen drauf war in letzter Zeit. Da hätte das vielleicht …“
Die Art und Weise, wie Moritz von Quentin sprach, erinnerte Franziska daran, dass Nina von Blümstorf von einer gemeinsamen Kindergartenzeit berichtet hatte. Sie warf Hannes einen schnellen Blick zu, während sich Moritz den Stechhandschuh unter den Arm klemmte, mit der rechten Hand ein Päckchen tschechische Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Hosentasche zog, mit der linken einen der Glimmstängel herausholte und anzündete. Fasziniert betrachtete Franziska den blutigen Handschuh mit der Zigarette.
Nach einigen Zügen erklärte sie ihm: „Quentin von Blümstorf hat sich nicht selbst das Leben genommen. Er wurde getötet. Daran gibt es keinen Zweifel.“ Moritz zog noch ein paarmal an und warf die Kippe dann auf den Boden, wo er sie mit dem weißen Gummistiefel nachdenklich austrat. „Herr Haushofer, ich muss Sie das jetzt fragen, waren Sie und Herr von Blümstorf ein Paar?“, erkundigte sich Franziska und behielt den jungen Mann genau im Auge.
„Fuck, was? Wer behauptet denn so was?“, stieß er aufgebracht hervor und fuchtelte mit dem Feuerzeug herum. Sie war froh, dass er seine Messer im Zerlegeraum zurückgelassen hatte.
„Quentin von Blümstorf hat in einem Interview verkündet, dass er homosexuell sei. Und Frau Tomasko sagte, dass Sie viel Zeit miteinander verbracht haben, da …“
„Verena hat gesagt, dass ich schwul bin?“, fauchte der junge Mann und funkelte die Kommissarin böse an.
„Nein, das hat sie nicht. Sie sagte nur, dass Sie beide viel Zeit zusammen mit Ihrer Kunst verbracht haben.“
„Was soll das!“, fuhr er erst Franziska und dann Hannes an. „Ich bin keine verdammte Schwuchtel und Quen auch nicht!“ Er redete sich in Rage, bis die Kommissarin ihm Einhalt gebot.
„Wenn Sie das sagen, dann glauben wir Ihnen das“, besänftigte sie ihn.
„Aber warum hat Quentin von Blümstorf sich dann überhaupt als homosexuell geoutet, wenn das gar nicht stimmte?“, hakte Hannes sofort nach.
„Weil sein bescheuerter Agent das so wollte. Der sagte: Kunst allein reicht nicht, du musst schon ein bisschen mehr liefern “, blaffte Moritz. „Hat ja auch geklappt. Auf einmal hatte er einen Freund mit dicker Brieftasche und den richtigen Kontakten.“
„Einen Mäzen, also?“, erkannte Franziska, und der junge Mann zeigte mit einer unschlüssigen Handbewegung, dass sie ihn so nennen durfte. „Und kennen Sie dann vielleicht auch die Namen dieser beiden Männer?“
Moritz zuckte lustlos mit den Schultern. „Joe, Joe Irgendwas hieß der Agent, und der Mäzen war ein Doktor Sowieso. Am besten fragen Sie Quens Alten!“
Das würde sie, nahm sich Franziska nicht zum ersten Mal vor, aber zunächst musste sie, wenn sie zum Umziehen nach Hause fuhr, ihre Tasche und ihr Notizbuch holen. Sie schielte zu Hannes, der etwas in sein Handy tippte, und hoffte, es seien die Infos, die der Zeuge gerade lieferte. Sie selbst schrieb lieber mit der Hand. Das ging schneller und konnte nicht so leicht fehlinterpretiert werden. Außerdem schadete es nie, sich die Notizen beim Abschreiben noch einmal anzuschauen und zu sortieren.
„Okay, das machen wir“, versicherte sie. „Haben Sie eigentlich auch von dem gestrigen Zeitungsanterview gewusst?“
„Nein, also erzählt hat er mir schon, dass er da hingehen will, aber mehr auch nicht. Ich hab das erst heute in Facebook gelesen.“ Er schaute die Kommissarin unschuldig an und holte eine weitere Zigarette aus der Packung. „In der Frühstückspause.“
„Er hat Ihnen also nicht erzählt, warum er sich im Interview derart geäußert hat? Ich meine, Sie waren Freunde, und Herr von Blümstorf schien sehr aufgebracht, da spricht man doch über so was, oder nicht?“, fragte Hannes.
„In Sachen Kunst hat Quen sein Ding gemacht. Aber es wäre sicher besser gewesen, er hätte mich mal gefragt. Allerdings war er, nachdem er diesen Agenten hatte, für meine Ratschläge taub.“
„Sie sagten, Sie waren kein Paar. Und das glaube ich Ihnen natürlich auch. Aber was war Quentin dann für Sie?“ Gespannt schaute Franziska den Zeugen an.
Moritz zog mehrmals an seiner Zigarette und paffte den Rauch in Ringen in die Luft. Er ließ sich Zeit, und als sein Gesicht einen ernsten Ausdruck annahm, fürchtete sie schon, er werde erneut lospoltern. Aber dann kam die Antwort eher kleinlaut. „Quen war mein Kumpel. Der beste, von allen. Echt cooler Typ. Solange ich denken kann.“
Allerbeste Freunde, erinnerte sie sich an Frau Tomaskos Worte.
„Und warum könnte so ein echt cooler Typ umgebracht werden?“, erkundigte sich Hannes.
„Keine Ahnung“, meinte Moritz ratlos.
„Niemand wird ohne einen Grund getötet. Zumindest nicht so“, beharrte Franziska, die sich sicher war, dass Täter und Opfer sich gekannt haben mussten. Bei Quentin von Blümstorfs Tod wies alles auf eine Beziehungstat hin, und da kannten sich nun mal beide Parteien und meist hatte das Opfer den Täter mit irgendetwas gereizt. Man sprach zwar in der Regel vom armen Opfer, aber ganz so unschuldig war es oft halt doch nicht. Auch wenn sie damit niemals den Täter von seiner Schuld freigesprochen hätte. „Hatte Quentin jemand gereizt, hatte er mit jemandem Streit? Haben Sie etwas mitbekommen?“
„Außer mit Karla?“ Moritz zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Ich hab ja meine Arbeit und kann nicht ständig sein Kindermädchen spielen.“ Nervös schaute er über die Schulter in Richtung Eingangstür zum Schlachthaus.
„Wer ist Karla?“
„Na, seine Freundin. Ihr könnt sie ja gern mal fragen, was sie dazu sagt. Die fand das genauso beschissen wie ich. War auf einmal die Ex von ‘ner Schwuchtel. Gab ganz schön Zoff, kann ich Ihnen sagen.“ Dabei lachte er diebisch und schüttelte seine behandschuhte Hand mit der Kippe dazwischen, als habe er sich an etwas verbrannt. „Echt krass, wie die abgegangen ist.“
„Karla? Und mit ganzem Namen?“, forderte Hannes, das Handy einsatzbereit.
„Liebermann, glaube ich. Ihre Mutter hat eine Galerie in der Altstadt.“ Haushofer schielte erneut auf die Eingangstür zum Zerlegebereich. „War‘s das? Mein Job ruft, sonst ziehen die mir das vom Lohn ab.“
„Ich kann das gern Ihrem Chef erklären, dann haben Sie keine Nachteile“, bot Franziska an.
„Nein danke. Bloß nicht!“, wiegelte er ab.
„Gut. Das heißt also, Quentin hat sich von seiner Freundin getrennt, weil er sich angeblich homosexuell ausgerichtet hat“, überlegte Franziska laut. „Und Sie sagen, dass das nicht stimmt. Aber warum hat er sich dann von ihr getrennt? Hat er Ihnen auch das nicht erzählt?“
„Kein bisschen, aber vielleicht fragen Sie mal besser diesen Joe. Der wollte Kohle machen und da war ihm alles recht. Ganz egal, wie Quen in der Öffentlichkeit dastand.“
„Immerhin hat es ihn bekannt gemacht“, bedachte Hannes.
„Dass ich nicht lache!“ Abfällig warf Moritz die Kippe auf den Boden und trat sie genauso platt wie die erste. „Kaputt hat es ihn gemacht! Der war doch gar nicht mehr er selber. Und seit ihn dieser Typ gefördert hat …“
„Ja?“
„Ja nichts. Er war einfach so verbissen. Konnte gar nicht mehr genug kriegen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ständig musste ich mit anpacken, aber das war schon okay, ich lasse meinen Kumpel nicht hängen.“ Wieder blickte er über die Schulter zu der Tür, durch die er herausgekommen war. „Kann ich jetzt? Meine Kollegen warten.“
„Ja, das war‘s eigentlich schon. Das heißt, ich müsste von Ihnen noch wissen, wo Sie gestern Abend waren, nachdem Sie mit Frau Tomasko das Museum Moderner Kunst verlassen haben.“
Haushofer druckste herum. „Wollen Sie mir jetzt was anhängen?“
„Nein, wir wollen niemandem etwas anhängen, wir sind nur an der Wahrheit interessiert.“
„Ja, also ich bin dann nach Hause. Musste ja heute früh raus“, erklärte er und zuckte erneut mit den Schultern.
„Hey Moritz, was ist jetzt, brauchst du ‘ne Sondereinladung?“, rief plötzlich der Vorarbeiter von der Tür her.
„Ja, ja, schon gut, ich komm ja schon!“, schrie Moritz zurück und warf den beiden Kommissaren einen entschuldigenden Blick zu. „Tut mir echt leid, ich hätte gern noch ein bisschen gequatscht.“ Mit einem schiefen Grinsen im Gesicht wandte er sich um und verschwand kurz darauf durch die Tür im Schlachtraum.

In der Freinberger Villa angekommen, schickte Nina von Blümstorf Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger zu ihrem Mann in dessen Arbeitszimmer, um ihm die schlimme Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu überbringen. Denn sie wusste ganz genau, wenn sie alles, was passiert war, noch einmal mit anhören musste, würde sie es niemals schaffen, das Gesicht zu wahren. Außerdem gab es so viel zu bedenken, Dinge, die jetzt wichtiger waren. Dinge, die ihren Ruin bedeuten konnten. Wenn auch sicher nicht ihren finanziellen.
Nachdem Schneidlinger in Richtung Arbeitszimmer aufgebrochen war, nicht ohne ihr zu versichern, dass er nichts unversucht lassen würde, um den Mörder ihres Sohnes zu finden, und die Frau des Hauses allein an der Treppe zurückgeblieben war, konnte sie endlich ihre Maske fallen lassen. Rasch schlüpfte sie aus ihren hohen Pumps, denn sie spürte, wie ihre Knie weich wurden. Zitternd und müde stieg sie die Stufen in den ersten Stock hinauf, wo sie einen Moment stehen blieb. Sie lauschte, aber es drang kein Laut aus dem Erdgeschoss zu ihr herauf. Die Tür zu Quentins Zimmer war geschlossen. Wie immer, dachte sie resigniert, denn tatsächlich hatte sie sich längst daran gewöhnt, dass ihr Sohn sein eigenes Leben führte.
Sie ging ins Schlafzimmer und schloss leise hinter sich die Tür. Auch hier war alles unverändert, und doch wusste sie, dass schon bald nichts mehr wie immer sein würde. Einen Moment blieb sie reglos stehen, dann ging sie zu ihrer Bettseite und öffnete die Nachttischschublade, um ein Döschen herauszunehmen, in dem sie ihre Beruhigungstabletten aufbewahrte. Noch bevor sie sich aus dem benachbarten Bad ein Glas mit Wasser geholt hatte, schluckte sie zwei Pillen hinunter. Sie wusste, dass sie noch nicht wirken konnten, aber allein der Gedanke an diese wattierte Ruhe, die sich gleich in ihr ausbreiten würde, gab ihr die Kraft, sich auszuziehen.
Stück für Stück nahm Nina ihren Goldschmuck ab und sortierte ihn in die entsprechenden Fächer ihrer Schmuckschublade ganz oben in der Kommode, die der Mittelpunkt ihres Ankleidezimmers war. Die Ohrringe mit den Brillanten, die sie zum ersten Hochzeitstag bekommen hatte, das Collier zu Quentins Geburt, die Ringe, das Armband.
18 Karat Gold, lupenreine Diamanten im Vollschliff. Seit sie mit Georg verheiratet war, kannte sie sich aus. Danach schlüpfte sie aus ihrem Kleid und hängte es auf einen Bügel. Obwohl sie sich inzwischen praktisch alles leisten konnte, waren wertvolle Schmuckstücke und teure Kleider für sie immer noch etwas sehr Besonderes.
In Büstenhalter und Taillenslip ging Nina zurück ins Schlafzimmer und ließ sich seufzend auf die Tagesdecke des Bettes sinken. Ihr ganzer Körper begann zu zittern und ihr war schrecklich kalt. So gerne hätte sie jetzt geweint und mit den Tränen den ganzen Schmerz aus ihrem Körper gespült, aber Tränen waren nur etwas für junge Mädchen. In ihrem Alter sollte man sich im Griff haben, egal was passierte. Die Folgen sah man ewig. Während sie noch über die damit verbundenen Schönheitseingriffe nachdachte, drängte sich mit Macht eine Frage in ihr Bewusstsein, die sie nicht mehr losließ. War sie schuld an Quentins Tod? Nina erschrak, so etwas durfte sie noch nicht einmal denken, und doch ließ ihr Gewissen sie nicht ruhen. Hatte sie ihm zu viel abverlangt? Ihr Sohn war nicht wie sie gewesen, er war so sensibel. Frierend zog sie die Seidendecke um sich und wickelte sich darin ein.
Später würde sie mit Georg darüber reden müssen, aber jetzt fragte sie sich, welchen Sinn Quentins Tod machte, wenn er überhaupt einen Sinn machte, nach allem, was bereits entschieden war.
Sie hätte es verstanden, wenn jemand Georg getötet hätte, wobei auch das für sie unfassbar gewesen wäre, aber immerhin hatte Georg viele Neider. Das war so, wenn man Erfolg hatte, und Georg hatte mit der Blümstorf-Bau GmbH großen Erfolg. Hoch und Tiefbau, Bauträger und Fuhrunternehmer. Perfekt vernetzt, zukunftsorientiert, leistungsstark und seriös. Georg war in den Erfolg hineingeboren worden und hatte immer das Richtige getan. Keine Flausen, keine Dummheiten. Zielstrebig war er gewesen, immer schon. Er hatte die Firma übernommen, erweitert und gefestigt. Immer wieder, bis er sie dahin gebracht hatte, wo sie jetzt stand. An der Spitze der Niederbayerischen Baubranche.
Und Quentin hätte sein Nachfolger werden sollen, zumindest war das von Georg so vorgesehen gewesen. Schließlich hatte er dafür studiert, an der TU München erst seinen Bachelor und dann seinen Master in Bauingenieurwesen gemacht. Sie waren stolz und glücklich nach München gefahren, um dabei zu sein, als er sein Masterdiplom in Empfang genommen hatte. Alles, alles war in seinem und ihrem Leben perfekt gelaufen – erneut wurde Nina von einer Welle der Trauer erfasst – bis Quentin beschlossen hatte, Künstler zu werden.
Bis heute konnte sie nicht verstehen, warum ihm Georg das nicht einfach verboten hatte, denn dann hätte es nie diesen Artikel gegeben und nicht dieses schreckliche Gebilde, an dem er jetzt zu Tode gekommen war. Vor Ninas geistigem Auge sah sie ihr Kind leiden, obwohl sie gar nicht wusste, wie genau es geschehen war. „Aufgehängt“, hatte Josef gesagt. Aufgehängt, was immer das bedeuten musste, es zog ihr das Herz zusammen. Erneut holte sie zwei Pillen aus dem Döschen und schluckte sie. Dann setzte sie sich aufs Bett zurück und wartete auf die Wirkung. Sie wusste, dass sie jetzt nicht alles hinwerfen konnte. Sie musste sich herrichten und hinuntergehen, um mit Georg zu reden. Sie mussten sich überlegen, was sie wem sagen würden, sonst würden sie bald von allen Seiten mit Fragen überrollt werden. Fragen, denen sie bisher ausgewichen war. Nina begann zu zittern. Sie hatte Angst. Angst davor, dass Georg gerade jetzt den ganzen Schwindel um seine heile Familie durchschauen könnte, und dann, was sollte sie dann machen? Panik machte sich in ihr breit. Sie schloss die Augen. Sie musste noch warten, bis die Ruhe zurückkam und ihr die ersehnte Leere in ihrem Kopf schenkte. Denn solange sie derart durcheinander war, durfte sie auf keinen Fall mit Georg sprechen.

„Wie passen die beiden bloß zusammen?“, kommentierte Hannes das Gespräch vom Schlachthof, während sie in Hacklberg die Stephanstraße hinauffuhren.
„Bin ich froh, dass ich gleich zuhause bin“, seufzte Franziska und hob ihren linken Arm, um an ihrem T-Shirt zu schnuppern. „Ich habe das Gefühl, dieser schreckliche Gestank hängt überall an mir fest. Wie kann man da nur arbeiten?“, grummelte sie, bis sie bemerkte, dass diese Feststellung überhaupt nichts mit Hannes´ Frage zu tun hatte. „Tatsächlich hatte ich mir Moritz Haushofer auch ein wenig anders vorgestellt“, gab sie schließlich zu. „Ich meine, der Adel hat zwar bei uns seit hundert Jahren keine Privilegien mehr, aber irgendwie halten die ja doch zusammen und bleiben gern unter sich.“
„Die Österreicher waren da konsequenter“, wusste ihr Kollege, „die haben das Von und Zu gleich ganz abgeschafft.“ Sie antwortete nur mit einem unbestimmten „Hmm“.
„Traust du ihm zu, den coolsten Kumpel von allen vom Hocker geschubst zu haben?“, wollte Hannes wissen.
„Das kann man ja nie sagen. Von seiner Art und seinem Beruf würde ich mich da nicht hinreißen lassen.“ Franziska zuckte mit den Schultern. „Vom Gefühl her denke ich, er war eher auf die sauer, die aus Quentin eine Schwuchtel gemacht haben, wie er’s nennt, als auf ihn selbst. Und letztlich sehe ich bei ihm auch kein Mordmotiv. Er hätte sich einfach andere Freunde suchen können, dann wäre er ihn doch auch los gewesen.“
Sie blickte ihren Kollegen an, doch der machte ein undurchdringliches Gesicht. „Vielleicht war das nicht so einfach.“ Franziska hatte ihren Stellplatz vor dem Haus erreicht.
„Kommst du mit rauf?“
„Wie lange brauchst du denn?“
Sie schüttelte belustigt den Kopf. „Ich gehe mich umziehen, dann mache ich mir ein Pausenbrot, und dann können wir los.“
„Hast du etwa nicht gefrühstückt?“, frotzelte Hannes und warf einen Blick auf die Uhr.
„Nein, stell dir vor. Ich habe ja nicht so ein Schätzchen zuhause, das mir morgens das Frühstück richtet. Außerdem wollte Ramona uns versorgen.“
„Ich könnte Sabrina fragen, ob sie uns was vorbeibringt“, bot Hannes an und zückte sein Smartphone.
„Nein, lass mal. So eine Brotzeit krieg ich auch noch selber hin“, erklärte sie schnippischer als geplant und steuerte auf ihre Haustür zu. Sie gönnte Hannes seine Sabrina von Herzen, aber manchmal wurde ihr seine heile Welt einfach zu viel.
Kaum in der Wohnung angekommen schickte sie Hannes in die Küche, um dort auf sie zu warten. Nach der Ermahnung ihres Chefs holte sie im Schlafzimmer ihr schönstes Sommerkleid und die passende Unterwäsche aus dem Kleiderschrank und verschwand damit im Badezimmer. Nachdem sie geduscht und angezogen war, öffnete sie die Tür, um Hannes an ihren Gedanken zum aktuellen Mordfall teilhaben zu lassen.
„Mein Lieber, schaut das gut aus!“, entfuhr es Hannes bei ihrem Anblick.
Franziska schenkte ihrem Kollegen ein vielsagendes Lächeln und erklärte: „Ist das nicht seltsam, dass Quentin angeblich vorher mit niemandem über den Inhalt dieses Interviews gesprochen hat?“ Sie beugte sich über den Vergrößerungsspiegel auf dem Fensterbrett und tuschte hingebungsvoll ihre Wimpern. „Ich meine, wenn ihn etwas so sehr aufgeregt oder geärgert hat, dann hätte er doch sicher mit jemandem darüber gesprochen, und wäre nicht als Erstes zur Presse gelaufen, um es aller Welt mitzuteilen.“ Zufrieden mit dem Ergebnis blickte sie auf.
„Mit wem hättest du denn in so einer Situation gesprochen?“
„Also sicher nicht mit einem Journalisten, bei dem ich mir ja letztlich nicht sicher sein kann, ob er den Inhalt so wiedergibt, wie ich ihn rüberbringen will“, überlegte sie und stäubte sich etwas Rouge auf die Wangen. „Aber sonst, hmm, ich schätze, mit dir.“
„Bist du sicher? Ich meine, du hast mir bis heute nicht erzählt, warum du dich wirklich von Walter getrennt hast.“
„Aber das ist doch was ganz anderes, das geht doch nur ihn und mich etwas an“, wunderte sie sich kurz über diese Verknüpfung, während sie ihre langen Haare mit einem durchscheinenden Gummiband zu einem Pferdeschwanz zusammennahm. „Kannst du bitte mal beim Chef anrufen und fragen, ob schon geklärt wurde, wie das heute Abend ablaufen soll? Vernissage ja oder nein.“
„Und ich dachte, das würde schon feststehen, so wie du dich aufbrezelst.“ Hannes erhob sich und verließ das Badezimmer, während sie Parfüm aufsprühte und einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel warf.
„Und …“, wollte Franziska gerade noch ergänzen, aber ihr Kollege verschwand bereits zielstrebig im Wohnzimmer. Gleich darauf hörte sie seine Telefonstimme. Sie folgte ihm und wurde so Ohrenzeugin. „Okay, dann treffen wir uns im Büro. Ja, das sag ich ihr. Ja, machen wir. Ja, bis gleich.“ Damit drückte Hannes den Anruf weg.
„Ja?“, fragte Franziska lauernd auf die Auskunft ihres Chefs.
„Wir sollen ins Büro kommen, er möchte eine Teambesprechung abhalten.“
Franziska klaubte ihre Tasche vom Haken, überprüfte den Inhalt und schnappte sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Wasser. „Komm, den Rest kriegen wir unterwegs beim Bäcker.“ Sie war gespannt darauf, ob Schneidlinger ihre Verwandlung auffallen würde.

Es war bereits zwei Uhr mittags, als die beiden Kommissare ein wenig außer Atem im Besprechungszimmer ankamen. Annemarie und die deutlich jüngere Mona diskutierten leise über ihren Laptop gebeugt. Schneidlinger sortierte einige Aufzeichnungen, während Obermüller einfach nur darauf wartete, dass es losging.
Ramona hatte wie immer Kaffee und Tee gemacht. Eher unüblich waren die verschieden großen Tupperdosen, die auf der Tischplatte aus Resopal standen. Hannes suchte sich sofort einen freien Platz, Franziska dagegen ging erst noch zu Ramona und bekräftigte: „Tut mir so leid, dass wir nicht weitermachen können. Wie geht es deinem Rücken?“
„Geht schon, hilft ja nichts, da muss ich jetzt halt durch.“
„Ach, Ramona, das wird schon wieder, vielleicht ist es ja auch nur der Stress“, versuchte sich Franziska in einer Erklärung und tätschelte tröstend den Arm der älteren Kollegin, bevor sie sich auf den freien Platz neben Hannes setzte. Erleichtert holte sie ihr grünes Notizbuch und einen Stift aus der Tasche und begann damit, die bisher aufgeschnappten Informationen einzutragen.
„So, meine Herrschaften, zunächst einmal die Nachricht, die uns alle im Moment am meisten beschäftigt: Die Vernissage findet wie geplant statt.“
„Was?“ Fassungslos hielt Franziska im Schreiben inne.
„Geht das denn?“, überlegte Hannes und blickte zu ihr herüber.
„Nicht wirklich, oder?“, kommentierte Obermüller.
Schneidlinger mahnte mit beiden Händen zur Besonnenheit. „Oberstaatsanwalt Dr. Schwertfeger hat sie ausdrücklich genehmigt. Und“, er blickte Hannes, Obermüller und Franziska an, „Sie drei werden heute Abend dort anwesend sein.“
„War ja fast klar, wenn der Minister kommt“, bemerkte Franziska seufzend und erntete dafür einen strengen Seitenblick ihres Chefs, der in einen fragenden und dann in einen anerkennenden Gesichtsausdruck überging. Immerhin schien er bemerkt zu haben, dass sie sich umgezogen hatte, registrierte sie zufrieden.
„Ich muss Sie wohl nicht an unseren Eid erinnern, Frau Steinbacher?“
„Wir müssen nicht arbeiten, sondern nur treu dienen“, kommentierte Obermüller an ihrer Stelle mit belustigter Stimme, woraufhin Schneidlinger erneut mahnend beide Hände hob. „Okay, okay!“
„Soviel ich weiß, gibt es bei einer Vernissage auch was zu essen“, tröstete Franziska ihn und als hätte er nur auf die Erwähnung des Wortes Essen gewartet, nahm Obermüller einen Teller vom Stapel und öffnete der Reihe nach die Deckel der Plastikschüsseln.
„Ja, nur zu, bitte bedienen Sie sich doch!“, forderte Schneidlinger an alle gewandt auf und wies mit einer Hand auf die Verpflegung. „Frau Meier war so freundlich, uns mit diesen Köstlichkeiten zu versorgen.“ Er schenkte Ramona ein dankbares Lächeln.
„War ja eigentlich für die Renovierung gedacht“, murmelte die Angesprochene so bescheiden, wie man sie in der Runde kannte.
Franziska dachte kurz an ihr Vollkornsandwich, das sie unterwegs beim Bio-Bäcker erstanden hatte, und beschloss, es für später aufzuheben. „Sobald der Fall gelöst ist, mache ich weiter“, versprach sie an Ramona gewandt und warf ebenfalls einen Blick in die Schüsseln. Außer kleinen Fleischpflanzerln gab es Kartoffel- und Nudelsalat sowie Pizzastangen. „Und so, wie es aussieht, kriegen wir Unterstützung von unserem lieben Kollegen Obermüller. Stimmt‘s?“
Der Angesprochene hatte sich bereits reichlich aufgeladen und die erste volle Gabel in den Mund geschoben. „Mit dir, Franzilein, mache ich doch alles“, versprach er und erhob seine Stimme: „Auf die edle Spenderin!“
„Gut, dann wollen wir mal alles tun, um unseren Fall möglichst schnell zu lösen“, forderte Schneidlinger und berichtete über Quentin von Blümstorfs Familienverhältnisse und seinen Studiengang im Bauingenieurswesen. „Seine Eltern leben nahe der oberösterreichischen Gemeinde Freinberg“, schloss er.
„Tja, aber Geld allein …“, kommentierte Obermüller und ließ den Satz doch unvollendet, weil er sich gerade ein weiteres Fleischpflanzerl in den Mund schob.
„Herr Obermüller, bitte!“ Schneidlinger fuhr fort. „Die von Blümstorfs sind Mehrheitseigner der Firma Blümstorf Bau GmbH, die in dritter Generation in Familienbesitz ist.“
„Na, was sag ich denn?“, fügte Obermüller hinzu und schob einen Löffel Kartoffelsalat hinterher.
„Okay, Geld war nicht das Problem. Aber wissen Sie zufällig auch etwas über diesen Agenten, der das Mordopfer vermarktet hat?“, mischte sich die Kommissarin ein und zückte ihren Stift.
„Und über den Förderer, diesen Doktor … Sowieso?“, legte Hannes mit einer weiteren Frage nach.
„Georg von Blümstorf hat mir tatsächlich Namen und Adressen von zwei Herren gegeben, die mit seinem Sohn gearbeitet haben.“ Schneidlinger schob einen Zettel mit den entsprechenden Angaben über den Tisch. „Der obere, Joe Büchner, hatte als sein Agent den Auftrag, Quentin bekannt und erfolgreich zu machen. Welche Maßnahmen er dazu genau ergriff, weiß der Vater nicht. Übrigens zeigte sich von Blümstorf genau wie seine Frau sehr verwundert über den Artikel, um es einmal vorsichtig auszudrücken.“
„Dr. Klaus Freudenthaler wohnt in Bad Griesbach“, las Franziska den unteren Namen vor und schrieb die Adresse in ihr Notizbuch. „Das müsste dann der Mäzen sein, von dem Moritz Haushofer erzählt hat“, kommentierte sie an Hannes gewandt. „Und Joe Büchner wohnt in der Ostuzzistraße. Das ist hier gleich um die Ecke, wo die Glasscherbenvilla steht.“ Sie reichte den Zettel an den Kollegen weiter.
„Moritz Haushofer war übrigens ein enger Freund von Quentin und hat mit ihm an seinen Projekten gearbeitet“, erklärte Franziska für alle im Raum. „Er hat uns erzählt, dass der Agent auf die Idee gekommen sei, Quentin solle sich als Teil der Homosexuellen-Szene outen, weil er damit etwas Besonderes wäre und sich von der breiten Masse abheben könnte“, wiederholte sie die Worte des jungen Mannes aus dem Schlachthof in entschärfter Ausführung.
„Dann ist das unter Künstlern vermutlich anders als zum Beispiel unter Fußballern oder Politikern, die lieber zum Schein eine Frau heiraten, als den Stempel der Homosexualität zu tragen“, gab Annemarie zu bedenken.
„Keine Ahnung. Aber bisher wissen wir auch nicht, ob das so ist oder ob Quentin von Blümstorf nicht tatsächlich gleichgeschlechtlich ausgerichtet war und sich erst auf die Ermunterung seines Agenten hin offenbart hat.“
„Halten Sie das für so wichtig?“, erkundigte sich Schneidlinger. „Sieht es denn so aus, als wäre er deshalb getötet worden?“
„Na ja, momentan wissen wir nur, dass es deshalb Streit gegeben hatte. Mit seiner Freundin zum Beispiel“, erläuterte Franziska.
„Die natürlich nicht begeistert war, dass ihr ehemaliger Freund auf einmal mit Männern ins Bett ging“, erkannte Annemarie. „Verständlich, wie ich finde.“
„Wenn sie ihn deshalb getötet hat, hört das mit dem Verstehen aber hoffentlich auf“, mahnte Schneidlinger ungewohnt barsch. Annemarie hob entwaffnend die Hände.
„Seine Mutter behauptet, er war auf keinen Fall schwul, das alles sei nur eine dumme Laune, oder so.“ Hannes blickte sich im Raum um. „Weiß jemand, ob man das im Nachhinein feststellen kann? Ich meine, ob ein Mann auf Männer steht oder ob er das einfach so behauptet hat? Ich meine, anatomisch?“, schob Hannes schnell hinterher.
„Ich weiß nur, dass ich es nicht bin“, ließ sich Obermüller schmunzelnd vernehmen.
„Ich könnte ja mal Frau Dr. Semmelweis fragen. Vielleicht weiß die das“, überlegte Franziska laut. „Immerhin hat sie bei Professor Wassly in der Rechtsmedizin gearbeitet, bevor sie nach Passau kam.“
„Damit könnten wir natürlich diese ganzen Vermutungen aus dem Weg räumen“, stimmte auch Schneidlinger zu und Franziska zückte ihr Handy, um die Frage mittels SMS an Freddy weiterzureichen.
„Gibt es schon etwas Neues aus der KTU?“, wollte Schneidlinger mit versöhnlicher Stimme wissen.
„Wie befürchtet, gab es natürlich jede Menge Spuren. Fingerabdrücke von unzähligen Personen, Speichel und sogar Tränenflüssigkeiten“, begann Annemarie und richtete sich in ihrem Stuhl auf. „Allerdings ist die Auswertung schwierig, weil sich vieles überlagert hat.“ In ihrer Stimme schwang Bedauern mit.
„Soll heißen, es kann dauern“, übersetzte Mona keck. „Mich wundert tatsächlich, dass wir kein Handy gefunden haben.“ Sie blickte Franziska an, die sie bereits über den Zustand der Wohnung im Innviertel informiert hatte.
„Dazu kann ich beitragen: Sein Vater meinte, Quentin benutzte seit ungefähr acht Wochen kein Handy mehr. Wie es zu dieser Entscheidung kam, wissen die Eltern nicht, aber das war wohl der Grund dafür, weshalb seine Mutter heute im Museum war.“
„Wie geht ein Leben ohne Handy?“, überlegte Mona und zog nachdenklich ihr Smartphone aus der Tasche.
„Ach komm, früher war das ganz normal!“, verkündete Obermüller, der seinen leergegessenen Teller wehmütig wegschob. „Und stell dir vor, das hat geklappt. Da hieß es um zwoa an der Uhr, und da hat man sich dann getroffen.“
„Was denn für eine Uhr?“ Mona blickte ihren Kollegen skeptisch an.
„Na, die an der Nibelungenhalle, also da, wo früher die Niha stand“, mischte sich auch Annemarie ein. „Die erste war echt ein hässliches Ding, aber sie zeigte die Zeit an, und das war wichtig.“
„Gut, so viel zur Passauer Stadtgeschichte“, beendete Schneidlinger den Ausflug in die Vergangenheit und beugte sich über die Tischplatte zu Annemarie Michl. „Bleiben Sie bitte trotzdem an einem möglichen Handy dran. Nur weil er den Eltern gegenüber behauptet hat, er benutze keines mehr, muss das ja noch lange nicht stimmen. Vielleicht wollte er einfach nicht für jeden erreichbar sein.“
Alle Achtung, dachte Franziska, da sieht man, dass der Chef Kinder hat, und laut verkündete sie: „Bei der Mutter würde ich mir vielleicht auch ein Zweithandy zulegen und sagen, ich verzichte.“
Schneidlinger verzog das Gesicht, hielt sich aber zurück.
„Immerhin hat Quentin viele Fans, die seinen Artikel gelikt haben. Inzwischen sind es 236 Namen, die mehr oder weniger originell klingen. Da müsste doch was draus zu machen sein“, kommentierte Hannes seine Suche, während er aufmerksam in sein Smartphone stierte, und zeigte Franziska die aktualisierte Liste.
„Mona!“, forderte die, und reichte es weiter, „kannst du damit was anfangen?“
Die Kriminaltechnikerin ergriff Hannes‘ Handy und scrollte sich durch. „Im Prinzip schon, aber können wir vielleicht einen Kollegen hinzuziehen?“, erklärte sie an Schneidlinger gewandt. „Die meisten hiervon hören sich wie Nicknames an. Das kann dauern, bis ich die dazugehörigen Personen gefunden habe.“
„Ich schau, was ich machen kann“, versprach der Chef.
„Ich habe mich um die Freundin des Burschen gekümmert“, verkündete Obermüller und riss damit alle Aufmerksamkeit an sich.
„Karla?“, erkundigte sich Franziska verwundert über diesen Vorstoß. „Woher weißt du, dass sie …“
„Karla Liebermann. Frau von Blümstorf war so freundlich, ihren Namen zu nennen“, klärte Schneidlinger auf.
„Karla Liebermann. Genau. Ich habe sie und ihre Mutter im Internet gesucht. Und siehe da! Ich bin mit ihr in die Schule gegangen.“
„Mit seiner Freundin? Ja, ist die denn schon so alt?“
„Vorsicht, Franzilein, vergreif dich nicht im Ton, du befindest dich auf ganz dünnem Eis!“, rügte Obermüller gutmütig. „Natürlich mit der Mutter, die sich aber ausgesprochen gut gehalten hat.“ Er wiegte anerkennend den Kopf.
„Oder gut mit Photoshop umgehen kann“, kam es von Mona, die nebenbei auf ihrem Tablet herumwischte. „Hast du sie denn schon getroffen?“
„Naa“, wich Obermüller aus.
„Sie soll eine Galerie haben“, prüfte Franziska das Wissen von Moritz Haushofer.
„Galerie Liebermann“, bestätigte Schneidlinger. „Die kenne ich. Die liegt in der Michaeligasse schräg gegenüber der Staatlichen Bibliothek.“
„Das liegt ja nur ein paar Minuten vom MMK entfernt“, wunderte sich Franziska über diesen Zufall. Wobei sie natürlich wusste, dass die ganze Ortsspitze der Altstadt von Galerien und Werkstätten geradezu durchdrungen war, weshalb eine gemeinsame Kunstnacht nahelag. „Dann schlage ich vor, dass wir zuerst dorthin fahren“, entschied Franziska. „Ich könnte mir vorstellen, dass sie einiges über Quentin von Blümstorf und das Mysterium seiner Homosexualität wissen dürfte.“ In diesem Moment meldete sich ihr Handy und Franziska sprang auf. „Ruf mich an!“, hatte Freddy geschrieben. „Tschuldigung, aber ich muss mal schnell telefonieren, es ist wichtig.“ Mit diesen Worten verließ sie den Raum und verschwand in ihrem Büro.
„Hey, Franze, wie geht’s mit eurem Fall?“, eröffnete Freddy das Gespräch.
„Wir sind noch ziemlich am Anfang. Aber was ich dich fragen wollte, ist …“
„Ob man erkennt, ob ein Mann Analverkehr hatte oder nicht! Ich habe deine SMS schon richtig verstanden“, ergänzte Freddy, woraufhin Franziska lächelte. Wie gut, dass die Ärztin mit solchen Fragen kein Problem hatte.
„Also, wenn ein Mann häufig Analverkehr hat und das vielleicht nicht nur mit dem Penis eines anderen Mannes, sondern auch mit anderen Sachen, also du verstehst … dann wird der Schließmuskel mit der Zeit ziemlich weit und das kannst du schon erkennen, wenn du dir seinen Anus anschaust. Manche tragen da auch ganz heftige Verletzungen davon, weil sie zum Beispiel Glasflaschen verwenden, und wenn so eine abbricht, dann gibt das eine ziemlich blutige Geschichte“, erläuterte sie.
Franziska lauschte den Worten ihrer Freundin und verzog schmerzvoll das Gesicht. „Heftig!“, bestätigte sie schließlich. „Das heißt, wenn wir Glück haben, findet Professor Wassly einen Hinweis, aber wenn er keinen findet, heißt das noch lange nicht, dass das Opfer hetero war?“
„Korrekt“, bestätigte Freddy. „Es gibt auch Hetero-Männer, die mal ein paar Sachen ausprobieren und bei Homosexuellen gibt es ja auch den einen Partner, der agiert und dem du das nicht nachweisen kannst, und den anderen Partner, der einfach nur ein bisschen entspannter ist, wenn er z.B. eine Darmspiegelung bekommt.“
„Du meinst … ach so, jetzt verstehe ich“, gab Franziska zu und überlegte, wie sie das ihren Kollegen weitergeben sollte.
Freddy lachte, als könnte sie ihr Gesicht sehen. „Und sonst, wie geht’s dir sonst so? Hast du Lust, mal wieder bummeln zu gehen?“
Leider nein, wollte Franziska schon angesichts dieser Erkenntnisse sagen, wobei das ja nichts mit der Freundin zu tun hatte. „Bei einem neuen Fall bleibt mir immer wenig Zeit“, wich sie stattdessen aus und erklärte: „Heute Abend müssen wir zum Beispiel im MMK Dienst schieben, und ich habe Ramona versprochen, ihr beim Renovieren zu helfen, weil sie Probleme mit dem Rücken hat“, zählte Franziska auf, bis Freddy erneut laut ins Telefon lachte. „Na, wenn das keine triftigen Gründe sind. Sag mal, geht es bei dieser Frage eigentlich um den Toten von heute Vormittag, diesen hübschen Burschen?“
„Das darf ich dir jetzt eigentlich nicht sagen“, wich Franziska aus.
„Eigentlich nicht, aber da ich ja auch der Schweigepflicht unterliege, kannst du es ruhig tun.“ Franziska zögerte. „Wenn dem so ist, dann solltest du nämlich Professor Wassly darauf aufmerksam machen“, empfahl die Ärztin. „Er wird sicher genau wie ich recht zügig erkennen, dass es sich um einen klassischen Strangtod handelt. Und dann nicht zwingend seinen Anus untersuchen.“ Die letzten Worte hatte Freddy sehr leise gesprochen.
„Hast du Besuch bekommen?“, erkundigte sich Franziska daher.
„Ein Kollege. Also wir sehen uns. Und viel Erfolg bei der Mördersuche!“ Freddy hatte aufgelegt.
Auf dem Weg zurück ins Besprechungszimmer musste Franziska lächeln. Denn natürlich hatte Freddy ihre Ausreden erkannt. Wenn sie wollte, würde sie eine Möglichkeit finden, und sie mochte die junge Ärztin ja auch wirklich sehr gern, aber sie war sich nicht sicher, ob sich ihrer beider Vorstellungen von einer Freundschaft deckten.
„Dr. Semmelweis meint, man könne es eventuell erkennen“, erklärte sie den wartenden Kollegen. „Allerdings nur, wenn er schon länger und intensiver …“ Sie brach ab und fragte an Schneidlinger gewandt: „Haben Sie schon Infos von Professor Wassly?“
„Nein!“, erklärte der und warf einen Blick auf seine Uhr. „Allerdings ist es dafür wohl auch noch zu früh.“
„Ja schon, aber dann könnten Sie ihn vielleicht noch rechtzeitig erwischen und ihn bitten, dass er eine Einschätzung abgibt, ob etwas darauf hindeutet, dass Quentin von Blümstorf homosexuellen Verkehr hatte.“
Schneidlinger überdachte diese Bitte und versicherte ohne weitere Nachfrage: „Das mache ich.“
Franziska wollte sich gerade zurück auf ihren Platz setzen, als sich Hannes erhob. „Na, dann komm, lass uns zu Karla Liebermann fahren.“
Verwundert blickte sie ihren Kollegen an. „Weißt du denn, wo sie zu finden ist?“
Hannes nickte Obermüller zu.
Der Ermittler schmunzelte. „Ich habe sie gebeten, in der Galerie auf uns zu warten.“
„Auf uns?“, wiederholte Franziska.
„Ja klar, ich kümmere mich um die Mutter, während ihr mit der Kleinen reden könnt. Deal?“
Franziska raffte seufzend ihre Sachen zusammen. „Deal.“
„Ja, das ist doch gut, schließlich haben wir nicht mehr viel Zeit, bis die Vernissage beginnt“, erkannte auch Schneidlinger, bevor er hinzufügte: „Ich werde Sie in der Zwischenzeit bei Dr. Freudenthaler ankündigen. Ich denke, Sie sollten ihn nicht überfallen. Immerhin ist er ein angesehener Mann, und wenn er Quentin von Blümstorf gefördert hat, dann war das eine Auszeichnung für den jungen Burschen. Ich möchte daher auf keinen Fall, dass dieser Ruf sinnlos beschädigt wird. Wir verstehen uns?“
Franziska ließ ihre Tasche zurück auf den Stuhl sinken und stemmte die Hände in die Seiten. Seit wann kümmert uns, wie angesehen ein Mann ist, sollte diese Geste bedeuten. Doch sie schwieg.
„Ist doch gut“, vermittelte Hannes. „Dann fahren wir nicht umsonst nach Bad Griesbach.“
Franziska nahm ihre Tasche auf und nickte. „Ja, das ist natürlich gut“, erklärte sie ihrem Chef, und an Hannes gewandt zischte sie: „Ich kann es nur nicht leiden, wenn jemand, nur weil er angesehen ist, eine Sonderbehandlung bekommt.“

Seit Stunden dachte Verena an nichts anderes als an das, was in der vergangenen Nacht passiert war oder passiert sein könnte. Denn genau darüber war sie sich nicht sicher.
Sie wusste nur, dass sie langsam durchdrehte.
Quentin hatte ihr eine Abfuhr erteilt und Engelmann hatte es mitbekommen und deshalb nahm er sich jetzt heraus, sie zum Lügen zu animieren. War das so, oder bildete sie sich das alles nur ein?
Irgendetwas war in der vergangenen Nacht passiert, was sie zurück in eine längst abgeschlossen geglaubte Zeit warf. In eine schlimme Zeit. In den größten Horror ihres Lebens.
Verena saß noch immer oder eigentlich schon wieder auf dem Sofa. Sie schielte zur Uhr. Gleich drei. Sie musste etwas tun. Mühsam erhob sie sich. Ihre Beine waren schwer, und ihr Kampfgeist hatte sich in ein ihr wohlbekanntes Schneckenhaus aus Trauer, Wut und Verzweiflung zurückgezogen. Wütend war sie vor allem auf sich selbst. Wie hatte ihr das nur erneut passieren können. Hatte sie denn nichts gelernt?
Sie musste hier raus, sie musste endlich hier raus. Und sie musste etwas unternehmen.
Bei ihrem ersten Versuch, gleich nachdem die Kommissarin mit dem gelbfleckigen T-Shirt gegangen war, war sie Engelmann in die Arme gelaufen. Wortwörtlich. Ausgerechnet ihm.
„Auf keinen Fall dürfen Sie das Haus verlassen“, hatte er festgestellt, nachdem er sie einer eingehenden Musterung unterzogen hatte. Das war vor etwas mehr als einer Stunde gewesen, schätzte sie. Er war auf dem Weg zu ihr gewesen, weil er sich die Laudatio, die sie ihm versprochen hatte, abholen wollte.
Die Eröffnungen würden also stattfinden. Grad so, als wäre nichts gewesen.
„Ich brauche Sie jetzt. Kann ich mich auf Sie verlassen?“, hatte er gefragt und sie unsicher angesehen. „Selbstverständlich. Ich habe ja noch ein anderes Kleid dabei“, hatte sie kleinlaut erklärt und sich sofort für diese Unterwürfigkeit gehasst. Noch immer reagierte sie in bestimmten Situationen mit Hilflosigkeit. Verdammt, und das ausgerechnet bei Engelmann!
Ganz gleich, was in ihrer Jugend passiert war – inzwischen war sie eine Frau, die man um Rat fragte, die man um Hilfe bat und der man zutraute, auch die schwierigsten Situationen souverän zu meistern.
Verena ging zur Tür und schielte hinaus. Niemand war zu sehen. Sie trat in den Flur, auch hier war niemand. Dieses Gefühl, im falschen Film zu sein, nagte an ihr. Vielleicht hatte sie die Sache mit Engelmann ja auch nur geträumt? Sie ging zurück und sah nach – die Laudatio fehlte. Also war er wirklich hier gewesen. Oder …, nein daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie musste aufhören, sich fertig zu machen. Jetzt war nicht damals. Jetzt war jetzt. Heute. Eine andere Zeit mit einer anderen Verena. Eine, die dunkle Haare hatte und genau wusste, mit wem sie es zu tun hatte. Nur eben nicht in der vergangenen Nacht, und das war ihr Problem.
Sie ging zum Fenster und schaute hinunter. Dahin, wo zuvor der Leichenwagen geparkt hatte. Den hatte sie sich nicht eingebildet. Trotzdem öffnete sie beide Fensterflügel und lehnte sich so weit wie möglich hinaus, um die Bräugasse einsehen zu können. Einsatzfahrzeuge der Polizei standen unterhalb und oberhalb des Museums.
Mit einem erleichterten Lächeln ging sie zurück zum Sofa und zog ihr Handy unter den Kissen heraus. Sie hatte es auf lautlos gestellt, um ihre Ruhe zu haben, und auch jetzt ignorierte sie die zahlreichen verpassten Anrufe. Die konnten warten.
Sie musste jetzt an sich denken und an das, was bleiben würde von einem Tag wie diesem.
„Hallo Monika, ich bin es, Verena. Du, habt ihr vielleicht ein …“ Zimmer frei, wollte sie fragen, wurde aber unterbrochen. „Ja, schlimme Sache …“ Monika war die Rezeptionistin aus dem direkt an das Museum anschließenden Boutique-Hotel, das auch Wellness und Kosmetikbehandlungen anbot und in dem Verena schon öfter Künstler von auswärts untergebracht hatte. „Das glaub ich dir gern …“ Verena lauschte noch eine Weile dem Redeschwall ihrer Freundin.
„Ich bräuchte ein Zimmer, also eigentlich nur das Bad, und vielleicht hast du etwas da, um mich ein wenig aufzuhübschen.“ Verena lachte verlegen. „Ja, bis gleich.“
Rasch sammelte Verena alles zusammen, was sie brauchte, und verließ auf Zehenspitzen das kleine schäbige Museumsappartement. Ihr Entschluss stand fest: Von jetzt an wollte sie nur noch diesen Tag überstehen und ab morgen konnte sie sich dann immer noch Gedanken darüber machen, ob sie in der vergangenen Nacht doch noch einmal ins Museum zurückgekehrt war.

Von der Anfahrt genervt kam das Kripoteam, bestehend aus Franziska, Hannes und Obermüller, in der Michaeligasse an. Inzwischen war es früher Nachmittag, und in den Straßen der unteren Altstadt wurde es immer enger. Lieferwagen parkten Gehsteige und Einfahrten zu, und ihre Fahrer luden ungerührt und mit dem Versprechen, gleich wieder wegzufahren, immer weitere Biergarnituren und Getränkekästen aus. Ein ganzer Stadtteil war im Ausnahmezustand. Vor dem Schaufenster der Galerie Liebermann standen zwei Frauen, die prüfend auf die Deko für die Kunstnacht blickten. Unverkennbar waren die beiden Mutter und Tochter.
Und als die drei näherkamen, machte Franziska eine überraschende Entdeckung. Vor ihnen stand der weibliche Akt aus Quentin von Blümstorfs Schlafzimmer. Karla Liebermann, die jüngere der beiden Frauen. Heute natürlich weder nackt noch aufreizend, aber freundlich, wie sich bei der persönlichen Vorstellung herausstellte. Sie schien etwas jünger als Quentin zu sein, war fast noch schlanker als auf dem Foto und auf eine natürliche Weise hübsch. Die langen, blonden Haare trug sie in einer komplizierten Gretchenfrisur um den gesamten Kopf geflochten, was einen sehr braven Eindruck vermittelte und im totalen Gegensatz zu den Intimpiercings stand, die Franziska in Quentins Schlafzimmer an ihr bewundert hatte.
Auf Bitten der Tochter folgten sie ihr in das fensterlose Hinterzimmer der Galerie, während sich Obermüller draußen im Schatten des Hauses mit der Mutter über alte Schulzeiten unterhielt.
Auf einer Seite dieses Nebenzimmers gab es einen großen Tisch, auf dem Getränkeflaschen und Gebäckschälchen bereitstanden. Die andere Seite wurde von einer unbehandelten Holzkommode eingenommen, während in einer Ecke drei Hocker mit Samtkissen drapiert zusammengestellt waren. Insgesamt war es eng, weshalb Hannes nahe der Tür stehen blieb.
„Frau Liebermann, was passiert ist, tut uns sehr leid. Können wir trotzdem reden?“ Karla lehnte an der Kommode und nickte mehrmals tonlos, bevor sie Franziska mit großen Augen ansah. „Sie und Quentin waren ein Paar. Wie lange waren Sie zusammen?“
„Etwas mehr als drei Jahre. Das lässt sich schwer sagen, weil“, versuchte die junge Frau mit emotionsloser Stimme zu versichern und brach dann doch in Tränen aus, „weil, weil“, schniefte sie schließlich, „weil ich ja nicht weiß, wann das mit diesem Kerl anfing und mit uns aufhörte.“ Trotzig zog Karla mehrmals die Nase hoch, wandte sich schließlich um und riss der Reihe nach die Schubladen der Kommode auf, um sie gleich darauf mit enttäuschtem Gesicht wieder zuzuschieben, bis sie endlich ein Päckchen Taschentücher zutage förderte. Inzwischen bebten ihre Schultern, und Franziska registrierte ihr Schluchzen unterbrochen von heftigem Schnäuzen.
„Sie kannten den Mann, mit dem Quentin zusammen war?“, setzte sie behutsam nach, trat einen Schritt vor und legte der bebenden Frau eine Hand auf die Schulter.
Schniefend schüttelte diese den Kopf und drehte sich wieder um. „Nein“, behauptete sie energisch. „Quentin hat ihn mir nicht vorgestellt, aber das war auch nicht nötig.“ Sie schien sich wieder unter Kontrolle zu haben.
„Aber Moritz Haushofer kennen Sie schon?“ Franziska warf Hannes einen skeptischen Blick zu.
„Aber Sie meinen doch nicht, dass dieser Moritz sein … also der doch nicht, oder?“ Obwohl ihr die Tränen noch immer über die Wangen liefen, lachte sie kurz und ein wenig überdreht auf. „Moritz, das war sein Lakai, oder wie Sie das nennen möchten. Er hat alles für Quentin getan, aber … Nein!“ Energisch schüttelte sie den Kopf.
Bedauernd wiegte Franziska den Kopf. „Wir wissen es nicht und tatsächlich verwehrt sich auch Moritz gegen diesen Verdacht.“ Karla wirkte erleichtert. „Hat es Sie denn gar nicht interessiert, mit wem Quentin zusammen war?“, wollte sie dennoch wissen.
Karla schniefte und schob das benutzte Taschentuch in ihre Hosentasche. „Was kann eine Frau schon tun, wenn ihr Freund ihr eröffnet, dass er auf Männer steht?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage, bevor sie gestand: „Ich habe mich so hilflos gefühlt, so gedemütigt.“
„Sie haben sich mit Quentin gestritten?“
Karla machte eine hilflose Handbewegung. „Ja, natürlich habe ich mich mit ihm gestritten, ich lass mich doch nicht einfach so abservieren. Aber Sie glauben doch nicht etwa, ich hätte …“
„Haben Sie?“, forschte Hannes nach.
„Nein, natürlich nicht! Quentin war meine große Liebe!“ Dabei blickte sie Franziska fest in die Augen.
„Erzählen Sie mir von Ihrem Streit.“
„Das ist schon ein Weilchen her“, begann sie, ging zu den Hockern in der Ecke, setzte sich auf einen und nahm das Kissen eines weiteren in den Arm. „Wir waren in Quentins Wohnung, und aus heiterem Himmel erklärte er mir, dass wir uns in der Öffentlichkeit nicht mehr zusammen zeigen dürften, weil das für ihn jetzt wichtig wäre.“ Die junge Frau blickte kurz auf, umklammerte das Kissen noch fester und sprach leise weiter. „Mein Seminar ist richtig viel Arbeit, wissen Sie, da war ich dann manchmal froh, wenn ich meinen Abend noch für eine Unterrichtsvorbereitung nutzen konnte.“
Franziska wusste inzwischen, dass Karla Liebermann Lehramt für Grundschule studiert hatte und sich gerade in ihrer Seminarausbildung befand. Sie dachte an Walter, den sie auch immer auf Abstand gehalten hatte, wenn sie an einem neuen Fall arbeitete.
„Also habe ich erst einmal mitgespielt. Ich wusste ja, wie wichtig es für Quentin war. Seine Eltern lassen ihn alles machen, aber er muss erfolgreich sein.“ Schweigend blickte sie zu Boden. „Wenn wir miteinander telefoniert haben, war ja alles ganz normal, wie immer.“ Ihr Blick wanderte zu einem der Bilder, die an der Wand lehnten. „Nur dass wir uns nicht sehen sollten, das war schon seltsam. Und irgendwann dachte ich dann, er hätte vielleicht eine andere Frau. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass er so ganz ohne Sex auskam.“ Eine feine Röte überzog ihr Gesicht, während sie gebannt auf das Kissen schaute.
„Ja, und dann war er am Handy gar nicht mehr zu erreichen. Also habe ich seine Mutter angerufen. Die war wie immer sehr nett und hat mir erzählt, dass Quentin jetzt eine Ausstellung im MMK vorbereiten würde und auch dass ich ihn dort bestimmt antreffen könnte. Ich bin dann hingegangen und habe ihn zur Rede gestellt. Und da sagte er mir, er habe sich entschieden. Er sei jetzt eben schwul und da gebe es auch kein Zurück mehr, weil er das jetzt durchziehen müsse. Er habe dafür zu viel in Kauf genommen.“
Karla schaute kurz auf, aber Franziska bedeutete ihr nur, sie solle weitererzählen. „Ich habe ihn angeschrien, wie er mir das antun könne, und ausgerechnet mit einem Mann! Aber da hat er nur gesagt: D as würde ich nicht verstehen und ich solle nicht so zickig sein. Es sei nicht so schlimm, wie es mir jetzt vielleicht vorkomme. Da bin ich dann weggelaufen. Er war so kühl, so unnahbar, und ich wollte ja nicht, dass er sieht, wie es mir damit geht. Ich liebe ihn doch!“, fügte sie flüsternd hinzu und zog das Taschentuch aus ihren Shorts.
„Wann war dieses Treffen im MMK?“
„Vor drei Wochen vielleicht. Ich weiß nicht mehr so genau.“
„Und wann hat er beschlossen, dass er Sie vorerst nicht mehr sehen möchte?“
„Vielleicht vor zwei Monaten.“ Karla war nahe daran, erneut in Tränen auszubrechen. „Glauben Sie, es war ein Fehler, dass ich ihn besucht habe?“, fragte sie vorsichtig und schaute die Kommissarin beinahe bettelnd an. „Bin ich am Ende schuld, dass er jetzt tot ist?“
Irritiert dachte Franziska kurz über diese Frage nach, bis sie verstand, dass Karla Liebermann davon ausging, dass Quentin sie vielleicht nicht mehr hatte sehen dürfen und ihr Besuch im MMK für diesen eine tödliche Folge hatte. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie ehrlich. „Hat es sich für Sie denn so angehört, als würde Ihrem Freund etwas Schlimmes passieren, wenn er sich doch weiterhin mit Ihnen trifft?“
Karla erhob sich von ihrem Hocker, das Kissen noch immer fest umklammert. „Etwas Schlimmes? Nein.“
„Trotzdem müssen wir Sie das jetzt fragen: Wo waren Sie gestern Abend?“, mischte sich erneut Hannes in das Gespräch ein.
Fassungslos blickte die junge Frau ihn an. „Ich war hier. Wir mussten ja alles ausräumen und für die heutige Kunstnacht herrichten. Wenn Sie schon einmal während der Kunstnacht unterwegs waren, dann wissen Sie, wie es da in den Galerien zugeht.“ Sie legte das Kissen zurück und richtete sich auf.
„Und Ihre Mutter kann das sicher bezeugen?“, fragte Franziska, obwohl sie wusste, wie die Antwort ausfallen würde. Karla nickte zögernd. „Ja, ja natürlich.“ Sie hatte ihre Gedanken erraten.

„Also, eines muss man Stanze ja lassen: Sie hat sich wirklich gut gehalten. Das Mädl ist ja inzwischen auch schon fast fünfzig.“ Ein zufriedenes Schmunzeln überzog Obermüllers Gesicht, woraufhin Franziska vermutete: „Du warst wohl mal in sie verknallt, was?“
„Aber das ist lange her, Franzilein, da gab es dich noch gar nicht.“
„Ich hoffe nur, du hast sie nicht nur angeschwärmt, sondern auch befragt?“, bangte die Kommissarin und überquerte die Straße in Richtung Staatliche Bibliothek, wo sie ihr Auto im Schatten der beiden großen Gebäude geparkt hatte.
„Spinnst leicht. Natürlich habe ich mir nicht anmerken lassen, dass sie mir noch immer gefällt. Da bin ich ganz der Profi“, behauptete Obermüller und baute sich zu seiner vollen Größe auf. „Also, zum einen hat Stanze das Alibi ihrer Tochter bestätigt …“
„… was klar war und nicht wirklich aussagekräftig ist.“
Obermüller nickte, „und zum anderen hätte sie Quentin sehr gerne bei sich ausstellen lassen, aber das war ihm nicht genug. Er sagte sehr höflich ab, weil er ein besseres Angebot in Aussicht hatte.“
„Das MMK. Verständlich“, brachte sich Hannes ein und zeigte gerade in Richtung Auto, als sich sein Smartphone meldete. Mit einer energischen Handbewegung scheuchte Franziska ihren Kollegen davon.
„Nein, das wusste er da noch nicht“, korrigierte sie Obermüller. „Aber er sagte, er werde jetzt ganz groß rauskommen.“
„Und wann war das?“
„Das wusste sie nicht mehr auswendig, aber sie hat mir versprochen, noch einmal darüber nachzudenken.“
„Schau, schau, sie hält dich hin!“, frotzelte Franziska. „Habt ihr euch verabredet?“
„Wer weiß?“
„Dann lass das bloß deine Frau nicht wissen!“
„Ach, an was du wieder denkst! In meinem Alter ist die häusliche Versorgung doch wichtiger als ein bisschen Geschmuse.“ Und dabei strich er zärtlich über seinen beachtlichen Bauch.
„Dann werde ich hoffentlich nie so alt wie du“, seufzte Franziska und blickte sich nach Hannes um, der bereits am Auto stand und auf die Uhr zeigte. „Okay, Obermüller, wir müssen jetzt los, die Zeit drängt. Wenn sich deine Stanze meldet, dann ruf mich an, ja?“
„Was gab‘s?“, fragte sie, nachdem sie den Motor gestartet und sich auf die Fritz-Schäffer-Promenade eingefädelt hatte.
„Der Chef hat sich gemeldet. Der Obduktionsbefund ist schon da.“
„Wahnsinn, das ging aber schnell. Scheinbar hat Freddy doch noch ganz nützliche Kontakte. Lies vor!“
Hannes öffnete die Datei und überflog den Inhalt. „Also, nach Entkleiden der Leiche zeigen sich strumpf- bzw. handschuhartige Totenflecken an Armen und Beinen, … todesursächlich ist das Erhängen, … strangfremde Gewalt ergab sich nicht, … der ventrale Bandapparat der Lendenwirbelsäule, … die Fingerspitzen weisen massive Abschürfungen auf …“
„Ja, das wissen wir ja schon“, drängelte Franziska, die noch immer an der Donau entlangfuhr. „Was schreibt er zu der Frage der möglichen Analdehnung?“
Hannes scrollte das ganze Dokument durch. „Nichts!“ Verwundert blickte er Franziska an.
„Oh Mann“, kommentierte diese und schlug mit einer Hand aufs Lenkrad. Dabei fuhr sie immer schneller, bis ihr Beifahrer sich am Türgriff festhielt. „Willst du uns umbringen?“, schimpfte er.
„Nein, entschuldige.“ Sie nahm den Fuß vom Gas und ließ den Wagen Tempo abbauen. „Weißt du, was mich wundert: Da geht so ein junger und wirklich hübscher Kerl her und bricht sein ganzes Sexualleben ab, nur um zu behaupten – ich bin dann mal schwul! Ich habe zwar keinen Kerl vorzuweisen, aber ich bin dann mal schwul. Ich zeig mich nicht mehr mit meiner langjährigen und ausgesprochen attraktiven Freundin in der Öffentlichkeit, denn ich bin dann mal schwul.“
„Vielleicht gibt es den Mann ja doch? Vielleicht hat uns ja auch Moritz Haushofer angelogen? Oder wir haben bisher nur mit Leuten gesprochen, denen er seinen Liebhaber nicht vorgestellt hat.“
„Siehst du, und genau deshalb wüsste ich zu gerne, ob es diese Analdehnung gab, von der Freddy gesprochen hat.“
Hannes antwortete nicht. Stattdessen scrollte er weiter in seinem Smartphone herum. „Ach, entschuldige, es war nur der vorläufige Obduktionsbefund.“ Franziska gab einen grummelnden Ton von sich. „Vielleicht interessiert dich aber das hier noch: Der Todeszeitpunkt war tatsächlich gegen ein Uhr nachts.“
Ohne weiter darüber zu reden, fädelten sie sich in Passau Süd auf die Autobahn in Richtung Linz ein und verließen sie wenig später in Richtung Pocking, um dann weiter nach Bad Griesbach zu fahren. Sie mussten zur Ruhe kommen, sich mental auf das nächste Gespräch vorbereiten. Sie hatten keine Zeit gehabt, ihren neuen Gesprächspartner zu googeln.
„Da vorne, das müsste das Anwesen sein!“ Franziska deutete mit dem Kinn zu dem Haus, das auf der linken Seite erschienen war. „Herrlich!“, schwärmte sie. „In so einem Garten kannst du dich nackt sonnen, und keiner sieht dich.“ Sie fuhr am Haus vorbei und wendete dann, um in einen Feldweg einzubiegen. Der holprige Weg verlief entlang einer dichten Hecke, die rund um den Garten zu führen schien.
„Das hier ist bestimmt schon so alt wie unser Haus.“
„Du meinst das Haus von deinem Schätzchen?“, neckte ihn Franziska.
„Irgendwie gehört es doch auch mir nach allem, was ich an Arbeit reingesteckt habe. Wobei ich mir so ein Zuhause auch gut vorstellen könnte. Also nicht so groß, aber so abseits gelegen.“
„Und nicht so hochwasseranfällig wie euer Haus.“ Franziska öffnete die Autotür und stieg aus. Das Erste, was ihr auffiel, war eine unglaubliche Stille. Nur das Summen unzähliger Insekten und das verhaltene Plätschern eines kleinen Baches war zu vernehmen. Irgendwo hinter den Hecken, die das nahe Feld abgrenzten, musste er vorbeifließen. Während sie neben ihrem Auto stand und einfach innehielt, setzte sich ein Schmetterling auf ihr Autodach. „Ja, du hast recht, das könnte etwas für Klein-Franzi sein.“ Sie zwinkerte Hannes zu. „Aber jetzt komm, ich bin gespannt, was das für ein Mensch ist, dieser Dr. Freudenthaler.“

„Mordkommission Passau? Ach, du meine Güte, was ist denn passiert?“ Nach dem zweiten Klingeln hatte Dr. Klaus Freudenthaler die Haustür geöffnet und stand jetzt zwei Stufen erhöht vor den beiden Kriminalkommissaren, die ihm ihre Dienstausweise entgegenhielten.
„Herr Dr. Freudenthaler, dürfen wir reinkommen?“ Energisch trat Franziska einen Schritt auf den Kunstförderer zu. Er war kaum mehr als eins sechzig groß, trug blaue Shorts mit Bügelfalte und ein helles Poloshirt, dazu cognacfarbene Mokassins. Seine vollen Haare waren aufwändig geföhnt. Die Lippen mussten künstlich aufgespritzt sein, überlegte sie und ließ ihren Blick zu seinen gepflegten Händen schweifen, an denen mehrere üppige Silberringe steckten.
„Ja, natürlich, kommen Sie bitte!“ Freudenthaler ging zur Seite und machte eine einladende Geste. Franziska schob sich an ihm vorbei und Hannes folgte ihr mit eingezogenem Kopf durch die niedrige Haustür.
Die Eingangshalle besaß nur ein kleines Fenster gleich neben der Tür, war aber mit Spots eindrucksvoll beleuchtet und wunderbar kühl. Auf dem Boden lagen dunkle Holzdielen, die Wände waren schlicht verputzt und weiß gestrichen. Es gab mehrere Türen und eine Treppe, die ins Obergeschoss führte. Freudenthaler dirigierte sie, wie er kommentierte, in seinen Wohnraum, dessen Gewölbedecke von mehreren Granitsäulen gestützt wurde. „Das hier war früher der Pferdestall“, erläuterte er dabei nicht ohne Stolz.
Beeindruckt schenkte Franziska Decke und Wänden einen interessierten Blick und nahm dann neben Hannes auf einem großen, hellbraunen Ledersofa mit reichlich Patina Platz, um ihren Gastgeber über den Tod von Quentin von Blümstorf zu informieren. Der Hausherr setzte sich in einen tiefen Ledersessel mit breiter Lehne.
Während sie ihm berichtete, behielt Franziska Dr. Freudenthaler im Auge, aber nur, als sie das Wort Tod aussprach, zuckte er kurz zusammen, ansonsten blieb sein Gesicht ausdruckslos, bis er mit theatralischer Geste ausrief: „Was für ein Verlust! Quentin war so ein großes Talent.“ Franziska konnte nicht sagen, ob seine Betroffenheit echt oder nur gespielt war. „Und so jung, wie konnte das nur passieren?“ Er sprang auf und lief einige Male nachdenklich hin und her, bevor er sich zurück in seinen Sessel fallen ließ und geradezu in sich zusammensackte. „Haben Sie schon Hinweise darauf, wer das getan hat?“
„Nein, leider. Wir hoffen, Sie können uns helfen. Bitte erzählen Sie uns von Ihrer Zusammenarbeit mit Quentin.“ Während sie auf seine Antwort wartete, musterte sie den Raum nun genauer. Tatsächlich gefielen ihr vor allem die großen, bogenförmigen Fenster, die den Blick in einen Garten lenkten, der voller blühender Blumen, Sträucher und Skulpturen war. Weiter hinten wurde er von jener hohen Hecke umgeben, neben der sie das Auto geparkt hatte.
„Ich würde gerne weiterhelfen, aber dafür bin ich wohl nicht der Richtige. Ich habe den Jungen ja kaum gekannt, eher seine Kunst“, erklärte Freudenthaler und erhob sich, um zu einem antiken Servierwagen mit feinen gedrechselten Beinen zu gehen. Zögernd wählte er eine der geschliffenen Kristallkaraffen aus. „Laphroaig Single Malt. Mögen Sie auch einen Schluck?“
„Nein, danke“, lehnte Franziska ausdrücklich ab, und auch Hannes schüttelte den Kopf. Der Kunstförderer schob einen Whiskybecher zurecht, nahm den Deckel eines silbernen Gefäßes ab und verzog ärgerlich das Gesicht. „Einen Moment bitte!“, bat er in Richtung der Kommissare und lief zur Tür. „Tristan!“, rief er so aufgebracht, dass Franziska zusammenzuckte.
„Ja, Herr“, entgegnete eine körperlose Männerstimme unterwürfig.
„Es ist kein Eis da, ich habe dich doch gebeten, den Eisbehälter zu füllen!“
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung …“ Franziska stieß Hannes in die Seite, denn vor ihrem geistigen Auge ging der Mann gerade auf die Knie.
„Wir haben Besuch!“, mahnte Freudenthaler.
„Ich kümmere mich darum“, versprach die Stimme nun gut gelaunt und die Schritte entfernten sich. Der Hausherr kam zurück zum Sessel und nahm wieder Platz.
„Quentin hat mir einige seiner Entwürfe und Werke gezeigt und …“ Die Tür ging auf und ein hübscher junger Mann mit wilden, braunen Locken kam herein. Einen Kopf größer als Freudenthaler trug er die gleichen Shorts, allerdings mit einem offenen Hawaiihemd. Seiner Figur nach verbrachte er viel Zeit in der Sonne und im Fitnessstudio. „Das Eis, Klaus. Soll ich dir gleich einschenken?“
„Ja bitte. Und hast du gehört: Quentin ist tot!“
„Wer war noch einmal Quentin?“ Der junge Mann gab drei Eiswürfel ins Glas, hob eine Karaffe in Freudenthalers Richtung und als der nickte, schenkte er zwei Finger breit ein und brachte den Drink zum Sessel. Der Hausherr nahm einen kräftigen Schluck und schwenkte das Glas, dass die Eiswürfel klimperten. „Tristan!“, mahnte Freudenthaler erneut, ließ den Grund dafür aber offen.
„Darf es für die Herrschaften auch etwas sein? Vielleicht ein belebtes Wasser?“, wandte sich Tristan mit einem fröhlichen Lächeln jetzt an die Gäste, ohne die Frage nach Quentin aufzuklären. Franziska überlegte, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein, danke!“ Sie hatte es eilig und wollte auf ihr eigentliches Anliegen zurückkommen.
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