Читать книгу: «Alles anders, aber viel besser»
Dagmar Glüxam
Alles anders,
aber viel besser
Mein Umgang
mit Krebs
ENNSTHALER VERLAG STEYR
Erklärung:
Die in diesem Buch angeführten Vorstellungen, Vorschläge und Therapiemethoden sind nicht als Ersatz für eine professionelle medizinische oder therapeutische Behandlung gedacht. Jede Anwendung der in diesem Buch angeführten Ratschläge geschieht nach alleinigem Gutdünken des Lesers. Autoren, Verlag, Berater, Vertreiber, Händler und alle anderen Personen, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen, können weder Haftung noch Verantwortung für eventuelle Folgen übernehmen, die direkt oder indirekt aus den in diesem Buch gegebenen Informationen resultieren oder resultieren sollen.
Der Verlag dankt für folgende Abdruckgenehmigungen:
Übung »Die Reise des Lächelns« auf Seite 310 entnommen aus: Christine Ranzinger: »Wellness Yoga«, 1. Auflage, Schirner Verlag 2011, S. 35/36
Tabelle entnommen aus: Richard Béliveau/Denis Gingras: »Krebszellen mögen keine Himbeeren«, Übersetzung: Hanna van Laak © 2007, Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
www.ennsthaler.at
1. Auflage 2014
ISBN 978-3-7095-0033-0 EPUB
Dagmar Glüxam · Alles anders, aber viel besser
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2013 by Ennsthaler Verlag, Steyr
Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Österreich
Satz und Umschlaggestaltung: Thomas Traxl, Steyr
Umschlag-Titelbild: istockphoto.com – chaoss
Karikaturen im Buch: Mag. Dr. Franz J. Schweifer
Für Christian in Liebe
»Sobald Frauen die Witterung aufgenommen haben, sind sie gewöhnlich nicht mehr zu bremsen. Der Schreibtisch wird leer gefegt, Beziehungen werden entweder geklärt oder gekündigt, die Gedankenwelt wird entrümpelt, ein Schlußstrich gezogen, eine neue Seite im Buch des Lebens aufgeschlagen. Und falls es gar nicht anders geht, wird die Welt, wie sie uns vorgeschrieben wurde, aus den Angeln gehoben, denn ohne den spürbaren Kontakt zur Wilden Frau gehen wir keinen Schritt weiter.«
Clarissa Pinkola Estés, »Die Wolfsfrau«
Vorwort
Vorwort
Es war Donnerstag, der 10. Juli 2008. Ich saß entspannt zusammen mit meiner damals elfjährigen Tochter in unserem kleinen Landhaus in F. vor dem Fernseher. Draußen herrschte ein herrlicher Sommerabend, nichts deutete darauf hin, dass bereits kurze Zeit später mein Leben gänzlich aus den Fugen geraten sollte. Bis heute weiß ich nicht warum, aber eine unsichtbare Macht bewegte plötzlich meinen linken Arm, und ich griff mit den Fingern exakt auf eine Stelle meiner rechten Brust, wo ich eine Verhärtung, einen Knoten spürte.
Was in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten folgte, bezeichne ich als meinen persönlichen Tsunami. Jeder, der Ähnliches erlebt hat, weiß, wovon ich spreche. Meine Welt wurde in ihren Grundfesten erschüttert; ich dachte, mein Leben sei vorbei. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich zu jenem Zeitpunkt gar nicht weiterleben; nach jahrzehntelang betriebenem Raubbau an meinem Körper und mehreren schweren Schicksalsschlägen fühlte ich mich zu erschöpft dafür. Irgendeinem Funken meines ramponierten Lebenswillens gelang es aber trotzdem, das Lebensfeuer − oder eher zunächst ein »Lebensflämmchen« − in mir wieder zu entfachen.
Nach der Chemotherapie war ich physisch wie psychisch am absoluten Tiefpunkt meines Lebens angelangt. Die behandelnden Ärzte erklärten mich nach Operation und Chemotherapie zwar für tumorfrei und gaben mir auch ausgezeichnete Prognosen, ich spürte aber deutlich, dass wirkliche Gesundheit sich ganz anders anfühlen müsste. Auch beschäftigte mich intensiv die Frage:
»WAS MUSS ICH TUN, DAMIT DER KREBS NICHT ZURÜCKKEHRT?«
In meinem Streben nach vollständiger Genesung fuhr ich nach den langen, zermürbenden Behandlungen auf eine Erholungskur, auf der ich unter anderem eine ausgezeichnete psychotherapeutische Beratung bekam. Während einer Sitzung gab mir meine Psychotherapeutin den − wie sich später zeigen sollte − entscheidenden Rat: »Tun Sie alles, was Ihnen guttut, und lassen Sie alles, was Ihnen schadet.« Ein in der Tat kluger Ratschlag, nicht wahr? Das Problem war lediglich, dass ich zu jenem Zeitpunkt noch überhaupt nicht ahnte, was mir gut tat und was mir schadete. In meiner akademischen Karriere auf einem Höhepunkt angekommen, war ich buchstäblich blind und taub gegenüber allem, was meinen eigenen Körper und meine Seele betraf. Ich wusste gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn es einem gut geht. Ich wusste nur, dass ich mich schlecht fühlte, dass ich depressiv und unglücklich war.
Irgendwie dämmerte es mir aber, dass der Rat der Psychotherapeutin der richtige Weg für meine Genesung sein könnte. So entschied ich mich – nicht zuletzt nach meinen Erfahrungen mit der Schulmedizin, von der ich mich bis auf die Operation im Stich gelassen fühlte –, das zu suchen, was mir − und vielleicht auch anderen betroffenen Menschen − guttun sollte. Zusammen mit meinem Mann – einem praktischen Arzt, der sich neben seiner schulmedizinischen Ausbildung schon immer traute, über den engen Tellerrand des »klassischen« medizinischen Zugangs zu blicken und sich mit alternativen Methoden zu beschäftigen – startete ich die wichtigsten Recherchen meines Lebens. Was ich und wir gefunden und erfahren haben, was sich als entscheidend oder wichtig auf dem Weg der Genesung herausgestellt hat, darüber berichtet dieses Buch.
Als der weltbekannte Journalist Tiziano Terzani an Krebs erkrankte, begab er sich auf eine lange Reise nach Asien, um dort alles über die verschiedenen alternativen Heilmethoden zu erfahren. Auch ich machte mich auf Reisen − wenn auch auf etwas andere Art.
Die erste Reise führte mich in die Welt der Bücher. Hand in Hand mit dem Anstieg der Krebserkrankungen in den westlichen Ländern während der letzten Jahrzehnte gibt es bereits viele Menschen, die sich mit dieser Krankheit auseinandersetzen mussten oder wollten und die faszinierende und hilfreiche Bücher über ihre Erfahrungen geschrieben haben. Ich durfte die Früchte ihrer Arbeit bereits ernten und bin dafür unendlich dankbar. Die dort beschriebenen Erkenntnisse haben mir geholfen, den Weg aus der Krebshölle zu finden und mein Leben auf eine freudige, positive Weise zu gestalten. Die herausragenden Leistungen dieser Buchautoren verdienen es, multipliziert und weitergegeben zu werden. Ich habe die mir wichtigsten Bücher im Literaturverzeichnis angeführt.
Die weitere Reise führte mich direkt in meinen Körper und meine Seele. Zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich, mir selbst zuzuhören. Alles, was ich erfahren hatte, wurde ausprobiert. Zeigten sich mein Körper und meine Seele zufrieden oder riefen sie sogar nach mehr, wusste ich, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand.
Auf meinem Weg der Genesung wurde mir bewusst, wie mühsam ich Informationen gesammelt und mich zu meinem heutigen Wissen durchgearbeitet hatte. Nicht ein Arzt oder Therapeut, sondern viele Ärzte und Therapeuten, nicht ein Buch, sondern viele Bücher begleiteten mich in diesem Prozess. Aus diesem Grund entschied ich mich, die einzelnen Schritte auch für andere zu beschreiben. Man hört so oft, dass geheilte Krebspatienten ihr Leben »auf den Kopf gestellt« hätten. Was heißt das aber konkret? Welches sind die einzelnen Mosaiksteinchen, die jenseits von Chemo- und Hormontherapie oder Bestrahlung zur Heilung führen?
Ziel dieses Buches ist es daher weniger, über die Erkrankung, als vielmehr über meine persönlichen Erfahrungen auf dem Weg der Genesung zu berichten, mit all den Hilfestellungen jenseits der Schulmedizin, die mir durch Bücher oder gleichsam vom »Universum selbst« zugetragen wurden oder die ich selbst entdeckt habe. Für eine erschöpfende Darstellung der verschiedenen alternativen Therapiemöglichkeiten gibt es andere Bücher, wie etwa Heilungschancen bei Krebs. Wegweiser im Krankheitsfall von Dr. Thomas Kroiss oder Chemotherapie heilt Krebs und die Erde ist eine Scheibe von Lothar Hirneise.
Vielmehr ist mein Buch eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Krankheit; es beschreibt meinen Weg von einem fremdbestimmten und unglücklichen Leben zu einer neuen Lebensphase, deren Beginn zwar von einer lebensbedrohlichen Krankheit markiert wurde, die mir aber im Endeffekt Selbsterkenntnis, Freude und Glück gebracht hat.
Ich hoffe, dass es mir gelingt, möglichst viele Menschen, Frauen wie Männer zu inspirieren und ihnen so zu helfen, ihren »richtigen« Weg zu finden. Es geht hier um viel mehr als den Brustkrebs oder Krebs überhaupt: Es geht um ein glückliches Leben.
Savudrija, 8. 6. 2011
Dank
Dank
Ich danke von ganzem Herzen meinem Mann Dr. Christian Glüxam für seine aufopfernde Hilfe während meiner Krankheit, für die zahllosen Anregungen, die entscheidend zu meiner Genesung beigetragen haben, für die vielen nützlichen Bücher, die bis heute immer wieder auf meinem Nachtkästchen landen, für seine Geduld. Er ist mein Fels in der Brandung. Es war viel leichter, sich der Krankheit mit einem Arzt an der Seite zu stellen. Wäre ich allerdings nicht an meinen Mann, sondern an einen ausschließlich schulmedizinisch orientierten Arzt geraten, wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.
Doch möchte ich hier eine innige Bitte an meinen Mann richten. Da ich sie öffentlich ausspreche, hoffe ich, dass sie bei ihrem Adressaten auch ankommt:
»Lieber Christian, nimm dir bitte für dich selbst zumindest einen Bruchteil der Zeit, die du täglich für all deine Patienten aufbringst!«
Darüber hinaus danke ich meinen Kindern Jan-Lucas und Florentina für ihre emotionelle Reife und Selbstständigkeit. Ich danke ihnen auch dafür, dass sie mir stets einen lehrreichen Spiegel vor die Augen hielten, und dafür, dass sie Sonne und Humor in mein Leben bringen.
Ich danke meiner Schwägerin Eva für ihre unverzichtbare Hilfe während der Erkrankung, für ihre scharfen Beobachtungen und für die zahllosen Gespräche, die mir halfen, das Erlittene mit anderen Augen zu betrachten. Dank gilt auch meiner Schwägerin Brigitte und meiner ganzen »Badener Familie« für ihre selbstlose Hilfe und Unterstützung.
Meinen Eltern danke ich dafür, dass sie mich mein Leben lang auf meinem schulischen und beruflichen Weg nach allen Kräften unterstützt haben. Von meiner Mutter habe ich die Liebe zu Büchern vermittelt bekommen, die mir so sehr auf dem Weg der Genesung halfen, von meinem Vater Geduld und Gelassenheit, Eigenschaften, denen ich nun endlich mehr Platz in meinem Leben gebe. Durch meine Eltern habe ich begriffen, dass ich von jedem Menschen das Wertvollste von dem nehmen darf und soll, was er mir geben kann.
Dr. Nikolaus Lilgenau, dem leitenden Oberarzt der Dermatologischen Abteilung des Wiener Krankenhauses Rudolfstiftung, für seine perfekte Operation, die er zusammen mit seinem Team durchführte.
Dr. Jens Wurster aus der Klinik Santa Croce in Locarno (Schweiz) für seine ausgezeichnete und kontinuierliche homöopathische Behandlung. Durch diese Behandlung habe ich gelernt, meiner Seele und meinem Körper zuzuhören.
Herrn Dr. Georg Weidinger, der mit seinen umfangreichen Kenntnissen auf dem Gebiet der Traditionellen Chinesischen Medizin sowie mit seinen Anregungen meine Genesung wesentlich unterstützt hat. Seine Empfehlungen (die ich gewissenhaft einhalte!) trugen dazu bei, dass ich mich heute gesund, vital und um zwanzig Jahre jünger fühle.
Meiner Psychoonkologin Dr. Gabriele Traun-Vogt für ihre ungemein wertvollen Beobachtungen, Tipps und Tricks, mit denen sie mir bisher in wirklich jeder Lebenslage geholfen hat, gelassen und mutig in die Zukunft zu schauen.
Meinen Psychokinesiologinnen Brigitte Schweifer-Winkler MSc, MBA aus Mödling (Management-Oase) und Christine Obermaier aus Wien für ihre überaus wichtigen Hinweise zur physischen Genesung und für ihren einfühlsamen Einsatz, mit dem sie meine Seele von jahrzehntealtem Müll befreiten.
Frau Margit Satyana aus Wien für ihre ausgezeichnete und gefühlvolle »Journey«-Begleitung.
Dem ganzen Team des Rehabilitationszentrums in Bad Schallerbach unter der Leitung von Frau Prim.a Dr.in Anna Schaffelhofer für seine einmalig motivierte und liebevolle Betreuung, seinen Zuspruch und sein ehrliches, wohltuendes Mitgefühl.
Frau Mag. phil. Elfriede Keck-Rapp für ihre unverzichtbaren psychotherapeutischen Sitzungen. Die Gespräche mit ihr gaben meinem Leben und meinem Denken die richtige Richtung; die maltherapeutischen Stunden befreiten mich von durchlebten Traumata.
Frau Dr. Irmgard Slanar aus Wien für ihre wertvollen Beobachtungen und Anregungen, mit denen es ihr gelang, meinen unstillbaren Drang nach Aktivitäten verschiedener Art endlich zu zähmen.
Meinem Frauenarzt für seinen engagierten medizinischen Einsatz in der akuten Phase meiner Erkrankung, der weit über seine beruflichen Pflichten hinausging. Auch danke ich ihm für seine tiefe Empathie und Menschlichkeit. (Leider muss ich seinen Namen so wie die Namen seiner Kollegen im Krankenhaus hier verschweigen.)
Dr. Christine Glos, Dr. Ursula Denison, Dr. Thomas Kroiss und Dr. Detlev Pirkhammer für ihre ausgezeichnete medizinische Betreuung und ihre Toleranz meiner Einstellung gegenüber.
Erst nach dem Abschluss der Arbeiten an diesem Buch lernte ich Frau Dr. med. Theresia Maier-Dobersberger, eine Internistin aus Baden bei Wien kennen, die sich seit mehreren Jahren mit der sogenannten Vitalfeldtechnologie beschäftigt und eine entsprechende Therapie anbietet. Da ich diesen Zugang als sehr hilfreich empfand, möchte ich diese Therapie hier unbedingt erwähnen und auch Frau Dr. Maier-Dobersberger meinen Dank für ihre Betreuung aussprechen.
Frau Mag. Nina Steininger, die aus mir in ihrem Yogakula-Studio in Wien einen körperlich wie geistig wendigen Menschen gemacht hat, sowie ihren Mitarbeiterinnen Daniela und Astrid. Ich weiß nicht, wie ich mein Leben heute ohne Yoga überhaupt bewältigen könnte.
Meinen deutschen Kolleginnen Dr. Uta Omonsky und Monika Lustig aus dem Musikinstitut für Aufführungspraxis, Stiftung Kloster Michaelstein, für ihre wundervolle mentale Unterstützung. Meinen Freunden und Freundinnen Gesine und Anton, Marie, Sabine und Jarmila für ihre Hilfe und gute Laune, mit der sie mir in den schweren Stunden meines Lebens immer wieder halfen, optimistisch in die Zukunft blicken. Frau Edith Hahn für ihre unverzichtbare, rasche Nachbarschaftshilfe im akuten Stadium der Erkrankung.
Meinem hochverehrten Kollegen Jeremy Montagu, MA, FSA, und seiner Tochter Sarah für ihre großzügige Unterstützung während meines Forschungsaufenthaltes in Oxford und ihre liebevolle Aufnahme in ihre Familien. Die wunderschöne – und wissenschaftlich höchst ergiebige – Zeit in Oxford werde ich nie vergessen.
Nicht zuletzt danke ich meinem Kater Leo und meiner Katze Mutzi (in memoriam), die während der Chemotherapie nicht von meiner Seite wichen, sowie meiner Katze Rapunzel, die mir täglich zeigt, wie man im Alltag mit charmanter Überlegenheit gesunden Egoismus durchsetzt.
Ein besonderer Dank gebührt Frau Susanne Kührer-Degener und Prof. Roland Böckle, die mit viel Geduld und Liebe zum Detail nicht nur dieses, sondern bereits andere Bücher von mir lektorierten. Mit Prof. Böckle verbinden mich noch unsere regelmäßige Streichquartettabende, an denen nicht nur wunderbar musiziert, sondern von ihm auch hervorragend und extra für mich vegan gekocht wird. Lieber Roland, danke für Deine Mühe!
An dieser Stelle danke ich auch Mag. Dr. Franz J. Schweifer für seine tollen Karikaturen, mit denen er mein Buch verschönert hat. Möge die Leichtigkeit, mit der er seine Bilder gezeichnet hat, mein Leben und das Leben aller meiner Lieben für immer begleiten!
Es gibt auch Menschen, denen ich nicht danken kann. Ihnen habe ich aber von Herzen vergeben, ähnlich wie ich auf Vergebung von den Menschen hoffe, bei denen ich mich schuldig gemacht habe.
Einleitung
Der Arzt und der Bankberater
(Sie werden sich wahrscheinlich fragen, wie ich zu diesem seltsamen Untertitel meiner Einleitung kam. Nein, es ist kein Märchen von einem Arzt, der zu einem Bankberater ging und dann …)
Werden wir krank, gehen wir meist zum Arzt. Wir lassen uns untersuchen und bekommen Medikamente verschrieben, die wir mehr oder weniger diszipliniert einnehmen. Was der Arzt sagt, das gilt. Er hat sich ja durch sein Studium lange auf seinen Beruf vorbereitet, hat Anatomie, Pathologie und andere seltsam klingende Bereiche studiert und weiß jeden einzelnen Knochen zu benennen. Und außerdem schaut er so überlegen, da fühlt man sich gleich ganz klein! Besonders dann, wenn das eigene Wissen über den Körper nicht allzu groß ist. Wozu auch sich mit dem komplizierten Aufbau des menschlichen Körpers befassen? Dafür sind doch die Ärzte da, die müssen es doch besser wissen. Sie haben es ja schließlich lange studiert … Und je höher die Position (Professor, Primarius …), umso kleiner und unwissender fühlt man sich.
Ich erlaube mir gleich zu Beginn, diese Autoritäten auf eine ungehörige Weise in Frage zu stellen. Und zwar nicht nur deshalb, weil ich in meiner eigenen wissenschaftlichen Praxis immer wieder erleben konnte, wie leitende Stellen besetzt werden. Nicht selten kommen nicht die Kandidaten mit den besten fachlichen Voraussetzungen zum Zug, sondern jene mit den härtesten Ellbogen oder den besten Kontakten. In der Medizin geht es nicht anders zu. Das meiner Meinung noch größere Problem ist aber die oft eingeschränkte Sichtweise dieser Ärzte. Um sozusagen den wissenschaftlichen »Olymp« zu erreichen, ist heutzutage fast immer eine hochgradige Spezialisierung notwendig, die den Blick »aufs Ganze« verschleiert. Während die ganzheitlich orientierte Medizin die Wahrnehmung des ganzen Menschen – mit seinem Denken und Fühlen – nie aus den Augen verlieren möchte, bleibt der hoch spezialisierte Mediziner, um es überspitzt zu formulieren, buchstäblich bei einer defekten Zelle im Körper haften.
Einmal sah ich im Fernsehen eine Talkshow, in der ein sehr angesehener Medizinprofessor vehement die in der Praxis längst erprobten therapeutischen Erfolge der Hypnose bestritt und sie mehr oder weniger als Humbug ohne jede wissenschaftliche Grundlage bezeichnete, obwohl er sich, wie er selbst zugab, nie mit dieser Methode beschäftigt hatte und deshalb auch über keinerlei persönliche Erfahrung verfügte. Ein Experte auf einem eng begrenzten Gebiet zu sein heißt nicht, überall Experte zu sein. Ein weltweit anerkannter Spezialist für Psychoanalyse nach Sigmund Freud zu sein bedeutet nicht, automatisch dieselbe Qualifikation auf dem Gebiet der Hypnose zu besitzen. Nur die wenigsten dieser Kapazitäten trauen sich aber auch zuzugeben, nicht alles zu kennen. Statt zu sagen: »Von diesem Gebiet verstehe ich nichts, aber ich könnte Ihnen den Kollegen XY empfehlen …«, werden nachweisbare Erfolge anderer, alternativer Therapien bestritten oder schlicht ignoriert.
Wir medizinische Laien wollen gern glauben, dass ein Herr Professor einfach alles wissen müsse. Das weiß er aber nicht, vor allem nicht das, was jenseits der Schulmedizin liegt. So kann man von einem eingefleischten und im System fest verankerten Schulmediziner nicht erwarten, dass er profunde Auskunft etwa bezüglich Homöopathie oder Traditioneller Chinesischer Medizin gibt. Und warum sollte ich dann annehmen, gerade von diesem Arzt außer Medikamenten noch Anregungen aus dem Bereich der alternativen Methoden zu bekommen, die für meinen speziellen Fall vielleicht von entscheidender Bedeutung wären?
Beispielsweise wurde im Verlauf meiner Krankheit niemals nach meiner Verdauung gefragt, denn mit meiner Erkrankung war ich ein klarer Fall für den Frauenarzt und nicht für den Internisten. Es dauerte lange, bis ich mit Hilfe der Kinesiologie herausfand, dass ich an einer Laktoseunverträglichkeit leide und dass diese Unverträglichkeit mindestens zehn Jahre lang kontinuierlich meinen Organismus geschwächt hatte. Ich kann es nicht beweisen, fühle aber mehr als deutlich, dass der dauernde Kampf meines Körpers gegen die unerwünschte Substanz zusammen mit hohem emotionalen Stress zum Zusammenbruch meines Immunsystems beitrug und in weiterer Folge wahrscheinlich zum Ausbruch der Krankheit führte.

Bei diesen Überlegungen geht es mir keineswegs darum, allen medizinischen Autoritäten grundsätzlich ihre Qualifikation abzuerkennen, sondern darum, den Blick etwas zu schärfen und sich nicht durch Titel oder Positionen blenden zu lassen. Es ist wichtig, nein lebensnotwendig, stets auf sich zu achten und zu prüfen, ob man sich mit einem bestimmten Anliegen oder bestimmten Fragen beim richtigen Arzt befindet. Würde ich mir etwa einen Markenwagen kaufen wollen, würde ich mich über dieses Auto bestimmt nicht beim Händler einer anderen Marke informieren. Und wahrscheinlich würde kein Händler mir raten, mir einen Wagen einer ganz anderen Marke zuzulegen, der vielleicht noch besser meinen Bedürfnissen entsprechen könnte. Das würde ich selbst herausfinden müssen, mir einen Überblick über möglichst viele aktuelle Modelle verschaffend. Es ist nun einmal so, dass jeder sich mit jener Materie am besten auskennt, mit der er sich am meisten auseinandergesetzt hat. Ob Arzt oder Autohändler, man kann nur das weiter geben, worüber man Bescheid weiß.
Das blinde Vertrauen in die Ärzte geht manchmal so weit, dass sämtliche eigene Empfindungen unterdrückt oder verleugnet werden. Jene Patienten, die es wagen, eine vorgeschlagene Therapie zu hinterfragen, werden schnell als aufmüpfig oder gar lästig charakterisiert, und nur die wenigsten wollen den Doktor verärgern. Der Arzt, der notorisch über wenig Zeit, eine würdevolle Körperhaltung und (manchmal, vor allem in den höheren Positionen) einen kompromisslosen Blick verfügt, ist oft zu sehr mit dem Bildschirm seines Computers oder dem Verschreiben der Pillen beschäftigt, als dass er in der Lage wäre, Ihnen weitere wichtige Einzelheiten für den Weg der Genesung zu verraten. Und er sagt Ihnen bestimmt nicht, dass es bereits eine wissenschaftliche Studie darüber gibt, dass aufmüpfige Patienten länger leben (siehe Ursula Goldmann-Posch, Rita Rosa Martin, Überlebensbuch Brustkrebs, S. 259)!
Patienten begeben sich freiwillig in völlige Abhängigkeit, legen ihre Gesundheit und ihre Verantwortung in fremde Hände, oft ohne sich vorher zu vergewissern, ob es die richtigen Hände sind. Geht es mir nicht gut? Dann gehe ich eben zum Doktor; der muss es besser wissen als ich. Er gibt mir Tabletten und ich werde wieder gesund. Nicht ich, sondern der Arzt ist für meine Gesundheit verantwortlich. Ich muss nichts tun, nur auf meine Medikamente achten. Eine fatale Einstellung, die etwa das Leben meiner Mutter letztendlich in ein Vegetieren verwandelte und sie vorzeitig das Leben kostete. Das eigene Leben, der eigene Körper und die Verantwortung dafür werden beängstigend oft zur Gänze an andere Personen delegiert.
Die Krankenhausgepflogenheiten schaffen dabei die besten Bedingungen für dieses Gefühl der totalen Ergebenheit des Patienten dem Arzt gegenüber. So begegnet man als Patient dem Arzt nicht sitzend, sozusagen auf Augenhöhe (nach dem Motto: sein Wissen, aber MEIN Körper!), sondern liegend. Der Arzt schaut hinunter, der Patient hinauf. Vor den ganzen Mitpatientinnen im Zimmer werden die intimsten Angelegenheiten besprochen. Hier erinnere ich mich an eine Situation im Krankenhaus in H., als ein Arzt einer alten Dame sozusagen zwischen Tür und Angel zurief, dass sie höchstwahrscheinlich Darmkrebs habe. Die arme alte Frau schaffte es in ihrem Schock nicht, nach einem Gespräch unter vier Augen zu verlangen, so wurden die Details ihrer Erkrankung in aller Öffentlichkeit erörtert. Ich schämte mich in Grund und Boden: Für die alte Dame, deren Innenleben verbal seziert wurde, und für den Arzt, der eindeutig nicht ein Mindestmaß an Empathie und Respekt für andere besaß – auch eine Folge von maßloser Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. SO sollte es nicht sein. Diese Situation erzeugt ein Ungleichgewicht, das für den Patienten äußerst ungünstig ist. Das Gefühl, nichts tun, nichts wissen zu müssen, weil jemand anderer die Verantwortung trägt, wird genährt wie ein Krebsgeschwulst durch ein starkes Blutgefäß.
Es ist erstaunlich, dass ähnlich ungeprüftes Vertrauen die meisten Menschen auch dann an den Tag legen, wenn es um ihre Finanzen geht. Möchte man sich wie beschrieben ein neues Auto kaufen, werden vorher wochen- oder monatelang Prospekte und Zeitschriften studiert, Freunde und Autohändler befragt. Hat man aber zufällig Geld, das man sparen oder anlegen möchte, geht man meist einfach zu einem Finanzberater der »eigenen« Bank und lässt sich dort einige Finanzprodukte vorstellen. Anschließend wird dann mit dem Bankberater das »maßgeschneiderte« (eine tolle, aber leider leicht durchschaubare Marketingtaktik!) Finanzprodukt ausgewählt und Geld angelegt. Auf zehn Jahre gebunden mit 1,5 % Zinsen oder so ähnlich, etwas überspitzt ausgedrückt. Selbstverständlich muss für die Dienstleistungen der Banken etwas bezahlt werden. Aber die Banken kalkulieren ihre Finanzprodukte in der Regel so, dass sie trotz der Zinsen, die sie an den Kunden weiterleiten, mit dem Geld des Kunden noch mächtig verdienen können. Der Kunde bekommt also nur einen geringen Teil des Gewinns, der mit seinem Geld erzielt wird.
Warum tun Menschen so etwas? Warum verlassen sie sich auf die Bank, auch wenn sie wissen, dass diese ihnen einen Teil des Geldes abzieht? Schlicht, weil es ihnen an Finanzwissen fehlt, weil sie nicht wissen, dass es andere, bessere Alternativen gibt. Die Beschäftigung mit dem komplizierten Finanzwesen, mit Aktien, Fonds und Anleihen scheint mühsam zu sein. Außerdem muss man kein Risiko tragen, so glaubt man zumindest. Die Bank vermittelt ein Sicherheitsgefühl, genauso wie der Arzt im weißen Kittel.
Nur, wie uns etliche Skandale mit Banken einerseits und mit gefälschten medizinischen Studien andererseits gezeigt haben: Diese Sicherheit trügt. Wenn wir unsere Gesundheit oder unser Geld blind jemandem anvertrauen, ist das Risiko zu verlieren bzw. nicht das Bestmögliche herauszuholen, ungleich höher, als wenn wir als mündige Patienten oder als Investoren auftreten. Denn: Wer kennt besser meinen Körper und meine Seele, als ich selbst? Wer kann mir am besten sagen, was mir guttut und was nicht? Nur ich selbst, wenn ich mich ausreichend mit mir beschäftigt habe. Der Arzt kann mir höchstens Therapien vorschlagen oder Empfehlungen abgeben; für meine Heilung muss ich selbst sorgen. Das ist eine Tatsache, die in vielen klugen Büchern immer wieder betont wird. Und wer hat das höchste Interesse daran, Ihr Geld optimal anzulegen und zu vermehren? Der Bankberater, der primär die Interessen seiner Bank vertreten muss, oder ich? Freilich bieten Bankberater uninteressante Finanzprodukte oder Sparformen nicht aus purer Böswilligkeit an, sondern sie müssen die Vorgaben ihres Arbeitgebers erfüllen und für Umsatz sorgen.
Ich möchte den Ärzten hier nicht unterstellen, dass sie ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen handeln, wenn auch die Krebstherapie und die Pharmaindustrie ein Kapitel für sich darstellen. Das Krebsbusiness ist ein Milliardengeschäft, so nennt Lothar Hirneise ein Kapitel seines Buchs (S. 183) und trifft damit ins Schwarze. (Ich weiß, was meine eigene schulmedizinische Therapie gekostet hat …) So werden zum Beispiel nur selten wissenschaftliche, großflächig angelegte Studien durchgeführt, die sich mit der heilenden Wirkung natürlicher Nahrungsmittel beschäftigen, dafür aber solche, welche die Wirksamkeit eines bestimmten Medikaments beweisen sollen. Diese Studien werden von Pharmafirmen finanziert, die ihre Medikamente patentieren lassen und damit Unsummen verdienen. Wie schon jemand gesagt hat: Himbeeren lassen sich nicht patentieren und Knoblauch hat keine Lobby …
Ein großes Problem ist meiner Meinung nach, dass die meisten Ärzte zwar Krebs heilen wollen, selbst aber diese Krankheit nicht am eigenen Leib erfuhren. Nein, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich möchte keinem Arzt Krebs wünschen. Es ist aber eine Tatsache, dass jene Ärzte, die selbst erkrankt sind, mit dieser Krankheit anders umgehen. Sie nützen ihr schulmedizinisches Wissen und die Möglichkeiten, die ihnen die Schulmedizin bietet, öffnen sich aber in ihrem eigenen Interesse und vor allem dann, wenn ihnen schulmedizinische Maßnahmen nicht weiterhelfen können, für andere, alternative Wege.
Ein Paradebeispiel dafür ist der Neurowissenschaftler und Psychiater David Servan-Schreiber, der an einem Hirntumor erkrankt war. Auch er ließ sich zunächst schulmedizinisch behandeln. Als er aber nach einigen Jahren einen Rückfall erlitt, begann er, sich intensiv mit seiner Lebensweise zu beschäftigen und damit, wie der Lebensstil die Heilung des Krebses entscheidend begünstigen kann. Servan-Schreiber ist schon als Autor des internationalen Bestsellers Die neue Medizin der Emotionen in Erscheinung getreten (ein Buch, das Krebspatienten auf jeden Fall lesen sollten!). Sein zweites Buch, Das Antikrebs-Buch, in dem er erklärt, wie man durch gezielte Maßnahmen dem Krebs den Nährboden entzieht, sollte als Pflichtlektüre auf jeder Krebsstation ausliegen. Die dort enthaltenen Informationen und Prinzipien sollten als Krebsvorbeugung auch gesunden Menschen nahegelegt werden. Nicht umsonst steht auf der Rückseite des Covers die Empfehlung »Ein unverzichtbares Werk für Kranke wie für Gesunde«. Auch ich fand in dieser Lektüre viele unentbehrliche Hinweise für meine Genesung.
Ich selbst machte in dem Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde (eines der modernsten Krankenhäuser Europas …), eigentlich fast nur deprimierende Erfahrungen, denn es wurde mir vielfach vermittelt, selbst gegen die Krankheit eigentlich nichts tun zu können. Ich sollte mich der Operation und der Chemotherapie unterziehen und den Rest sozusagen in Gottes Hände legen. Ja, und die Nachsorge regelmäßig durchführen, um einen Rückfall rechtzeitig zu entdecken. Ich war verzweifelt, denn ich konnte und wollte nicht tatenlos warten, bis mich die nächste Hiobsbotschaft erreichen würde.
Sie können sich vorstellen, wie mulmig mir wurde, als ich einige Zeit später auf den Seiten 9 bis 10 folgende Zeilen in Servan-Schreibers Antikrebs-Buch lesen konnte. Ich zitiere:
»Nach Operation und Chemotherapie fragte ich meinen Onkologen, der mir so viel geholfen hatte, um Rat. Was sollte ich tun, um ein gesundes Leben zu führen? Welche Vorsichtsmaßnahmen konnte ich treffen, um einen Rückfall zu vermeiden? ›Es gibt nichts Spezielles, was Sie tun können. Leben Sie ganz normal. Wir führen in regelmäßigen Abständen Kontrolluntersuchungen durch, und wenn Ihr Tumor wiederkehrt, können wir das frühzeitig feststellen‹, antwortete der Arzt, einer der führenden amerikanischen Onkologen.«
Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Sind etwa der Arzt von David Servan-Schreiber und meine Ärzte aus dem Krankenhaus in dieselben Vorlesungen gegangen? Und haben sie sich dann nicht weiter informiert? Oder kommt diese Übereinstimmung daher, dass so viele europäische Ärzte einen wichtigen Teil ihrer Ausbildung in den USA absolvieren? Können Sie sich vorstellen, an wie viele Hunderte, Tausende und Abertausende von Krebspatientinnen und -patienten diese typische schulmedizinische »Weisheit« weitergegeben wurde? Und wie viele sich darauf verließen? Mir wird schummrig.
Will man mit dieser verordneten Passivität nicht vielleicht die Hilflosigkeit der Patienten stärken und sie auf diese Weise noch stärker an die Schulmedizin binden? Vielleicht bin ich jetzt ganz böse, aber erlauben Sie mir noch diesen Gedanken: Die Unterbindung des selbstständigen Denkens war schon seit Urzeiten (und in jeder Form von Machtausübung oder Diktatur) eine äußerst wirksame Maßnahme zur Beherrschung der Massen.
Anders aber als diese Ärzte, die sich noch über ihre Gesundheit freuen konnten, war Herr Servan-Schreiber an einem Gehirntumor erkrankt. Er machte sich eigene Gedanken über seine Krankheit sowie über seinen Lebensstil und forschte diesbezüglich. Es ging nämlich um SEIN Leben. Und beim Vergleich der typischen »westlichen« Krebsarten wie Brust-, Darm- oder Prostatakrebs, die in Asien dagegen unverhältnismäßig seltener auftreten, wurde ihm etwas in aller Deutlichkeit bewusst, wofür es schon seit einigen Jahren wissenschaftliche Untersuchungen gibt, dass offenbar »etwas an unserer Lebensweise« nicht stimmt, dass unsere Lebensweise auch unsere Abwehr gegen Krebs schwächt (S. 11).
Ich muss wohl nicht besonders hervorheben, dass ich im Krankenhaus während meiner Behandlungen weder von den von Servan-Schreiber empfohlenen Methoden – die zu jenem Zeitpunkt keineswegs ganz neu oder unbekannt waren – noch von dem Buch selbst erfuhr. Das Antikrebs-Buch, dessen französische Originalausgabe 2007 in Paris und 2008 auch auf Deutsch erschien, fiel mir beim Stöbern in einer Buchhandlung zufällig in die Hände. Im Gegenteil, die Speisen etwa, die den krebskranken Frauen auf der Station zugemutet wurden, sind schon seit Langem als das beste Futter für Krebszellen bekannt. So viel zum blinden Vertrauen …
Dem Anschein nach sind von den Ärzten, die noch keine eigene Erfahrung mit Krebs haben, die wenigsten bereit, sich in Hinsicht auf alternative Heilmethoden und Veränderung der Lebensweise freiwillig weiterzubilden. Irgendwie tritt hier ein typisch menschliches Verhalten zutage: Erst, wenn der Hut brennt, wird etwas unternommen … Es ist viel bequemer, sich auf den ausgetretenen Pfaden der Krebsbehandlung zu bewegen – von denen man allerdings nicht immer weiß, wo sie hinführen –, als sich neues, unkonventionelles Wissen anzueignen. Es muss sich dabei gar nicht um noch unbewiesenen »Hokuspokus« handeln. Ich habe selbst erlebt, wie die sogenannten Krebsspezialisten auch längst bekannte Tatsachen ernsthaft in Frage stellten, wie etwa die wissenschaftlich erwiesene, für die Genesung essenzielle Rolle der Ernährung oder der positiven Emotionen.
Auch hier kann man durchaus einen Vergleich mit dem Bankberater anstellen. Natürlich wird mir ein Bankberater nicht dazu raten, mein Geld lieber in hochwertige (und deshalb sichere) Aktien anzulegen, wenn er keine Erfahrung mit dieser Geldanlage oder selbst ein Minus am Konto hat. Er wird mir auch nichts über die Möglichkeiten von verschiedenen Finanzstrategien erzählen, darüber, wie man etwa das Risiko streuen und dadurch Renditen erzielen kann, die weit über jenen der klassischen Sparbücher liegen. Und was wissen wir überhaupt über unsere Bankberater? Wissen wir, wie diese Menschen mit ihrem eigenen Geld umgehen? Sind sie tatsächlich Finanzexperten? Dann haben sie wahrscheinlich ein moralisches Problem, mit ihrem Wissen für die Bank zu arbeiten, denn sie wissen, dass sie den Kunden nicht den besten Weg vorschlagen können. Dann würden die Menschen ihr Geld anders anlegen wollen und die Bank würde sie als Kunden verlieren. Oder aber sind Bankberater Menschen, die sich aus purer Naivität und/oder Solidarität einfach auf die eigene Bank verlassen und einen guten Teil ihres Gewinnes freiwillig der Bank überlassen? Eine seltsame Form von Idealismus.
Daher sollte man sich bewusst und verantwortungsvoll mit der seelischen und körperlichen Gesundheit UND mit den eigenen Finanzen beschäftigen, denn gerade krebskranke Menschen wissen, wie schnell man durch Krankheit in die Armut hineinrutschen kann. Auch sind es oft finanzielle Sorgen, die enormen psychischen Stress verursachen und zum Ausbruch der Krankheit oder zu ihrer Verschlimmerung führen. Aus diesem Grund führe ich am Ende dieses Buches nicht nur (Pflicht-)Lektüre zum Thema seelische und körperliche Gesundheit an, sondern auch zum Thema Finanzen. Wer möchte, kann sich bedienen. Denn wenn wir mehr über eine bestimmte Materie wissen, können wir uns eigenverantwortlich entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen.
Wenn man Wissen mit dem Hinhören auf den eigenen Körper kombiniert, ist man schon auf einem guten Weg. In beides muss man Zeit investieren. Es kostet Zeit, Bücher zu lesen oder im Internet zu surfen, es kostet Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, in sich hineinzuhorchen und auf diese Weise nach und nach herauszufinden, wie die eigene Seele und der Körper funktionieren und was sie brauchen. Man kann experimentieren: Was passiert mit mir, wenn ich dieses oder jenes ausprobiere? Wenn man das Bedürfnis hat, kann man sich Hilfe von außen holen, denn für die verschiedenen alternativen Zugänge und Therapien, die Seele und Körper heilen, gibt es erfahrene Experten, die einen auf dem Weg der Genesung begleiten können.
Diese Haltung wird Gott sei Dank auch von Ärzten empfohlen, die sich ganzheitlich mit dem Thema Krebs beschäftigten. »Patienten, die allein durch den Arzt oder durch Gott gesund werden wollen, schmälern ihre Chancen«, fasst Bernie S. Siegel auf S. 137 seines Buchs Prognose Hoffnung zusammen. Ich könnte noch hinzufügen: Bankkunden, die sich allein auf ihren Bankberater oder Gott verlassen, schmälern ihre Gewinnchancen … Es heißt darum keineswegs, auf den Doktor, die Schulmedizin oder die Bank zur Gänze zu verzichten, aber man sollte als mündiger Partner aufzutreten und die Eigenverantwortung nie abgeben.
Ein gefülltes Konto und gut verwaltete Finanzen, ein gesunder, gut ernährter Körper und ein ausgeglichenes Gemüt entspannen – das sind die besten Voraussetzungen für ein langes Leben in Freude und Gesundheit.
Lust auf Veränderung
In den verschiedenen »Antikrebs-Büchern« habe ich immer wieder gelesen, dass die größte Chance auf eine komplette Genesung jene Menschen haben, die ihr Leben nach der Diagnose völlig umkrempeln. Im Hintergrund dieser persönlichen Revolution steht der Gedanke, dass die Krankheit eine wichtige Botschaft oder einen Appell enthält, das eigene Leben zu überdenken, zu hinterfragen und zu ändern. Greg Anderson, der Autor des überaus hilfreichen Buches Diagnose Krebs: 50 Erste Hilfen, ist überzeugt, dass in dieser Erkenntnis »die Saat wirklicher Heilung und bleibender Gesundheit« liegt (S. 128). Ich glaube ihm aufs Wort, denn ich habe es selbst an Leib und Seele erfahren. Krebs ist eine chronische Krankheit, »eine echte Heilung kann nur durch viele Aktionen zur Wiederherstellung der Gesundheit – in einem Wechselspiel zwischen medizinischen Maßnahmen und Maßnahmen des Patienten – erreicht werden.« (Thomas Kroiss, Heilungschancen bei Krebs, S. 77). Da man die Ursachen dieser lebensbedrohlichen Erkrankung noch immer nicht genau kennt, ist es tatsächlich ratsam, an mehreren Fronten zu kämpfen.
Auch David Servan-Schreiber fasst verständlich zusammen: »Die Summe der wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigt, dass unsere natürlichen Abwehrkräfte eine entscheidende Rolle beim Kampf gegen Krebs spielen … Zwar schlummern in uns allen Krebszellen, aber unser Körper ist auch dafür gerüstet, den Prozess der Tumorbildung zu bekämpfen. Es liegt an jedem Einzelnen von uns, die natürlichen Abwehrmechanismen seines Körpers zu nutzen …« (Das Antikrebs-Buch, S. 11). Wie der Autor noch erwähnt, sind andere Kulturen auf diesem Gebiet seiner Meinung nach »schon viel weiter«(!).
Der Autor musste auch feststellen, dass die meisten Menschen, aber auch die meisten Ärzte der Meinung sind, dass die Krankheit mit Hilfe von Medikamenten geheilt werden sollte, am besten mit Hilfe EINES Medikaments, das ALLE Krebsarten – wie etwa Penicillin die Tuberkulose – besiegen kann. Menschen wollen sich nicht ändern; wie es scheint, sind die wenigsten bereit, durch gezielte Maßnahmen ihre Genesungschancen zu steigern.

Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: Im Internet habe ich auf der Amazon.de-Seite eine anonyme Kundenrezension vom 11.7.2006 zum Buch Diagnose Krebs. Wendepunkt und Neubeginn von Lawrence LeShan (in deutscher Übersetzung von Annegrete Lösch) gefunden. Abgesehen davon, dass die Rezensentin zu Recht von der positiven Einstellung und Hervorhebung der Fähigkeit der Patienten, wieder gesund zu werden, begeistert war, verlieh sie in ihrer Rezension deutlich ihrem Unwillen Ausdruck über die bei Krebs oft verlangten Veränderungen der Lebensweise. Nachdem sie sehr viel Literatur zum Thema gelesen habe, könne sie sich nur mit diesem Buch identifizieren, denn die meisten Ratgeber enthielten nur Vorschriften und Verbote, was man in dieser Situation tun müsse: »… Du musst jetzt Yoga machen und nur Soja essen und du musst die Schuld in deiner Lebensweise suchen und in deinen Kindheitstraumata und und und – mich stresst das mehr als es mir hilft. …« LeShan jedoch fordere dazu auf, zu sein, wie man ist und genau dies verhelfe ihrer Ansicht nach zur Heilung.
94 Kunden von 95 fanden diese Rezension hilfreich. Und das scheint mir sehr bedenklich zu sein, weil eine vollständige, dauerhafte Genesung ohne grundlegende Veränderung der Lebensweise bei Krebs unwahrscheinlich ist.
Ich denke mir, hier werden zwei wichtige Dinge vertauscht. Denn das Annehmen der eigenen Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten, das vollkommene Akzeptieren der eigenen Person ist zweifelsohne essenziell wichtig für die Genesung. Nur diese bedingungslose Akzeptanz meiner Persönlichkeit ermöglichte mir, zu meinen Fehlern, zu der fatalen Kombination aus übertriebenem Ehrgeiz, Leistungsdruck und über Jahrzehnte betriebenem Raubbau an meiner Gesundheit zu stehen, meine eigene Unwissenheit, ja sogar Dummheit zuzugeben. Und glauben Sie mir, es war keineswegs einfach, mir an einem vorläufigen Höhepunkt meiner akademischen Karriere, die hohe Intelligenz und gesundes Urteilsvermögen voraussetzt, eingestehen zu müssen, dass ich in anderen, viel wichtigeren Lebensbereichen vollkommen versagt habe. Aber erst ab dem Moment des Annehmens konnte ich mir sagen: »Jetzt weiß ich es besser. Es steht in meinen Möglichkeiten, mein Leben künftig so zu ändern, wie es für mich und meine Familie am besten ist. Gott hat mich mit einem Verstand ausgestattet, den ich nun nicht mehr ausschließlich für meinen beruflichen Werdegang, sondern gleichermaßen auch für meine Genesung verwenden werde.«
Ich selbst empfand die Tatsache, dass ich meine Genesung durch die Änderung meines Denkens und meines Lebensstils beschleunigen oder gar herbeiführen könnte, als ausgesprochen befreiend. Denn dadurch hatte ich die Kontrolle über mein Leben wieder, die Hoffnung, dass ich die Krankheit genauso, wie ich sie vorher geradezu heraufbeschworen hatte, für immer in die ewigen Jagdgründe verscheuchen konnte. Das war mir so viel wert, dass Dinge wie die Einführung von regelmäßiger Bewegung und Yoga, veganer Ernährungsweise, tief gehende emotionale Reinigung (die mein bisheriges Denken und Fühlen tatsächlich zur Gänze veränderte) und das endgültige Ablegen meiner negativen Lebenseinstellung lediglich Kleinigkeiten darstellten. Wie gesagt, ich war nach Meinung der Ärzte nach Operation und Chemotherapie tumorfrei, trotzdem fühlte ich mich psychisch wie physisch wie ein Wrack. Ganzheitlich betrachtet bedeutet Gesundheit viel mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Symptomen, daher stellt die Beseitigung des Tumors bloß die Beseitigung des Symptoms, nicht aber der Krankheit dar. Aus dieser Perspektive betrachtet war ich nach den abgeschlossenen schulmedizinischen Behandlungen keineswegs gesund, sondern noch immer krank.
Ich las zahlreiche Berichte darüber, wie Patienten, die passiv blieben und außer den üblichen schulmedizinischen Maßnahmen nichts mehr für die Wiederherstellung ihrer Gesundheit unternahmen, noch Jahre unter den starken Nachwirkungen der Chemotherapie sowie unter Ängsten und Depressionen litten.
Ich war bereit, alles, aber auch alles in meinem Leben zu ändern, falls ich dadurch eine Chance auf vollständige Heilung bekommen sollte. Und mit der Zeit, als ich lernte, besser auf meine Seele und meinen Körper aufzupassen, merkte ich, wie mir all diese Maßnahmen gut taten und wie umgekehrt das Nicht-Befolgen der Signale meines Körpers sich sofort negativ auf mein Wohlbefinden auswirkten. Das vertrieb wiederum meinen inneren Schweinehund, ein mächtiges Untier mit zotteligem Pelz und einem belämmerten Blick – dieser traut sich jetzt gar nicht mehr aus seiner Hundehütte und bewundert insgeheim meine in der Tat eiserne Disziplin.
Die tägliche Disziplin, mit der ich mein neues Leben führe, bedeutet für mich jedoch mittlerweile kaum mehr eine wirkliche Herausforderung, denn, mit Greg Anderson gesprochen, hat Disziplin »nichts mit Sklaverei zu tun«, sondern sehr viel dagegen »mit der Frage, welche Lebensgewohnheiten man sich zu eigen macht.« (Diagnose Krebs, S. 145). Es ist viel schlauer, sich solche Lebensgewohnheiten anzueignen, die der Krankheit sozusagen den Boden unter den Füßen wegziehen. Denn auch Krebs braucht für sein Gedeihen gute Bedingungen. Ich bin aber nicht mehr bereit, ihm diese Bedingungen zu bieten. Ich mag MICH lieber als den Krebs, warum sollte ich dann aus purer Bequemlichkeit die Krankheit und nicht MICH unterstützen?
Natürlich brauchte auch ich für die Umstellung anfangs starken Willen. Keine Frage, der beste Weg muss nicht der bequemste sein. »Der menschliche Geist kann tatsächlich Krebs heilen, aber das bedeutet nicht, daß es einfach ist«, bringt es Bernie S. Siegel auf den Punkt (S. 139). Auch hier bietet sich ein Vergleich mit den Finanzen und Schulden an. Wenn man Jahre oder jahrzehntelang finanziell über seine Verhältnisse lebte, wird es wiederum über Jahre große Anstrengungen und Geduld kosten, die angehäuften Schulden mit Hilfe eines kundigen Finanzberaters und mit einem genauen Finanzplan wieder abzutragen. Und wenn die Schulden nach Jahren endlich abbezahlt sind, heißt das keineswegs, dass man wieder das aufwendige Leben von früher leben kann. Nein, man steht auf Null und muss sich in Zukunft genau überlegen, wofür man sein Geld ausgeben kann. Genauso ist es mit der Gesundheit. Null auf meinem Gesundheitskonto bedeutet, dass ich keine Schulden mehr habe. Es bedeutet aber nicht, dass ich über Reserven verfüge, die ich nach Belieben benützen oder gar verschwenden kann. Ganz im Gegenteil, ich muss meine Reserven erst anlegen. Das kann mir nur dann gelingen, wenn ich jeden Groschen meiner Energie fünfmal umdrehe. Wochen-, monate-, jahrelang.
Es ist einleuchtend: Wenn man dem eigenen Körper über Jahre oder Jahrzehnte mehr zugemutet hat, als er ertragen kann, ist es mehr als naiv zu erwarten, dass die Genesung so schnell wie nach einem grippalen Infekt eintritt. Es reicht deshalb nicht, die Lebensgewohnheiten für ein paar Wochen oder Monate zu ändern. Drei Wochen ohne Schweinsbraten oder Sachertorte, ähnlich wie ein paar Stunden Wandern oder Laufen, sind zwar besser als gar nichts, sie können langfristig aber nur wenig bewirken. Es sind nicht mehr als ein paar Tropfen auf dem heißen Stein. Mit Bestürzung habe ich erfahren, dass der Brustkrebs eine äußerst hinterlistige Krankheit ist, die sich nicht wirklich besiegen lässt. Es kann noch nach zwölf oder sogar vierundzwanzig Jahren zu einem Rückfall kommen (Ursula Goldmann-Posch, Rita Rosa Martin, Überlebensbuch Brustkrebs, S. 258). Umso wichtiger ist es deshalb im Interesse der eigenen Gesundheit, das eigene Leben für IMMER zu verändern. Ich habe für mich folgenden Vergleich gefunden: Mindestens dreißig Jahre meines Lebens habe ich offenbar exzessiven Raubbau an meiner Gesundheit betrieben. Dann wurde ich lebensbedrohlich krank. Jetzt muss ich wohl wieder dreißig Jahre lang daran arbeiten, alles wieder in Ordnung zu bringen.
Ich kann mir vorstellen, dass Sie jetzt vor den zu erwartenden Einschränkungen zurückschrecken. Wir sind in unseren Lebensgewohnheiten oft so festgefahren, dass uns allein die Vorstellung, auf etwas zu verzichten oder etwas dauerhaft ändern zu müssen, Kopfschmerzen und Magenkrämpfe verursachen. Dieses Buch soll keine Lektüre des erhobenen Fingers sein. Jeder Mensch hat die Wahl: Wie lange und vor allem WIE möchte ich leben? MÖCHTE ich überhaupt leben? Wie wichtig sind mir MEIN LEBEN, MEINE GESUNDHEIT?
Wenn man allerdings fühlt, dass das eigene Leben einen gar nicht mehr interessiert, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Als ich kurz nach der Diagnose spürte, dass mein Lebenswille auf ein vegetatives Minimum geschrumpft war und ich, durch meine Lebensführung vollkommen entkräftet, eigentlich keinen Grund mehr sah zu leben, begriff ich mit den letzten Resten geistiger Klarheit, dass ich dringend psychologische Hilfe brauchte. Nach der Befreiung von den seelischen Lasten, die ich zum Teil jahrzehntelang auf meinen Schultern getragen hatte und die mich zu erdrücken drohten, war es keine Frage mehr, ob ich leben wollte. Natürlich wollte ich leben, und wie!
Meinem neu entflammten Lebenswillen habe ich dann alles andere untergeordnet. Und entdeckte dabei sehr rasch, dass es auch eine gute, sogar sehr gute Nachricht in diesem Jammertal des Verzichts gab: Ich konnte für alles, worauf ich verzichten musste, eine Alternative finden! Und zwar eine viel bessere, eine, die meinem Körper und meiner Seele viel mehr Freude und Glück brachte als jene, auf die ich meiner Gesundheit zuliebe verzichten musste. Wer suchet, der findet!
Eine Garantie allerdings, dass die eigenen Bemühungen auch zum gewünschten Erfolg führen, hat man wohl nie. Das naive Sicherheitsdenken wie etwa »ich brauche eine Therapie oder ein Medikament, das mir mit hundertprozentiger Sicherheit hilft …« sollte man, glaube ich, lieber gleich aufgegeben. Denn in die Zukunft kann niemand schauen und es ist auch möglich, dass mir morgen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt. Mit oder ohne Krebs. Die Veränderung der Lebens- und Denkweise, also die Summe von verschiedenen Maßnahmen, erhöht die Wahrscheinlichkeit der Genesung um ein Vielfaches. Und mit hundertprozentiger Sicherheit wird man dadurch neue, ungeahnte Lebensqualität erreichen, die auf echtem Glück und auf Freude basiert.
Erlauben Sie mir, am Ende dieses Kapitels eine Vision, ein Bild zu beschreiben, das gerade vor meinem geistigen Auge entstand. Ich sehe eine Sanduhr, die mein Leben symbolisiert. Der Sand ist schon fast zur Gänze in den unteren Teil der Sanduhr durchgerieselt; im oberen Teil bleiben nur noch wenige Körnchen übrig. Bevor die letzten Sandkörner den oberen Teil des Glasgefäßes verlassen und somit mein Leben zum Stillstand kommt, schaffe ich es gerade noch, die Sanduhr umzudrehen, also auf den Kopf zu stellen. Ich stelle mein ganzes bisheriges Leben auf den Kopf … Jetzt ist der obere Teil der Sanduhr wieder ganz voll, mein Leben kann weitergehen. Ich kann sehen, dass ich die einzig richtige Entscheidung für mein Leben getroffen habe.
Vorgeschichte
Über die Ursachen vom Brustkrebs wird nach wie vor diskutiert, sie konnten aber bis jetzt nicht eindeutig geklärt werden. Warum eigentlich nicht? Weil es, wie der geniale und scharfsinnige Journalist Tiziano Terzani auf S. 86 seines Buchs Noch eine Runde auf dem Karussell bemerkt, vielleicht leichter ist, ein Mittel gegen Krebs zu finden als seine Ursache? Und weil es vielleicht weniger kompromittierend ist? Wenn ich nachdenke, muss ich ihm recht geben. Allzu groß ist die Gefahr, dass man bei der Ursachenforschung auf Tatsachen stoßen könnte, die den wirtschaftlichen Ambitionen der großen Interessengruppen vielleicht gar nicht gefallen würden: der Lebensmittelindustrie, insbesondere der Fleisch- und Milchindustrie, der Kosmetikindustrie und vielen anderen. Wo man hinsieht, wird mit Umweltgiften gearbeitet, von hormon- und pestizidverseuchtem Fleisch, Gemüse und Obst ganz zu schweigen.
Wie dem auch sei – ein renommierter Wiener Frauenarzt, den ich nach meiner Operation konsultierte, erklärte mir, dass die Disposition irgendwann in der Pubertät entstehe und dass es dann nur eine Frage der Zeit bzw. der Umstände sei, wann diese Krankheit ausbräche. Die allgemein anerkannten Risikofaktoren, über die man ausreichend in den Gesundheitsrubriken diverser Zeitschriften informiert wird, sind allgemein bekannt: Übergewicht, Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum, die Einnahme von Hormonpräparaten inklusive der Pille, späte Geburten, kein Stillen, Stress, ungesunde Lebensweise. Bis auf den Stress – unter dem viele Frauen leiden, die dennoch nicht erkranken – trafen sämtliche Risikofaktoren auf mich nicht zu. Daher dachte ich mein Leben lang, dass ich mich, zumindest was den Brustkrebs betrifft, auf der sicheren Seite bewegen würde. Ich war immer eher schlank, in überzeugter Haltung gegenüber meiner Mutter, die stets mit dem Übergewicht kämpfte (oder besser gesagt nicht kämpfte). Da sie an hohem Blutdruck, ständigen Kopfschmerzen und massiven Gelenkbeschwerden litt, lieferte sie mir unwillkürlich drei ausreichende Gründe dafür, auf mein Gewicht zu achten. Ich rauchte nie, trank fast keinen Alkohol, nahm nie die Pille, mein erstes Kind bekam ich mit 25 Jahren und stillte beide Kinder gewissenhaft und lange. Das Stillen betrachtete ich nicht nur als die beste Form der Ernährung für meine Kinder, sondern auch als Brustkrebsprophylaxe für mich.
Aufgrund der zusätzlichen Informationen, die ich in den drei Jahren nach der Diagnose bekommen habe, muss ich allerdings sagen, dass es in meinem Leben mehrere ungünstige Umstände gab, die meiner Gesundheit abträglich waren, wie etwa die geradezu himmelschreiende Unfähigkeit, die Alarmsignale meines Körpers und meiner Seele wahrzunehmen, meine außerordentlich ausgeprägte Fähigkeit, überaus sensibel auf die Bedürfnisse anderer Menschen, dafür aber nicht auf meine zu achten, der exzessive, über Jahrzehnte betriebene Raubbau an meinem Körper, langjährige Depression gepaart mit Burnout, Mobbing im Beruf sowie eine tragische Häufung von Todesfällen in meiner Familie innerhalb weniger Jahre. Die einzelnen Faktoren in ihrer konzentrierten Form ergaben, wie sich zeigte, eine hochexplosive Mischung, die – so bin ich überzeugt – zur Entstehung des Krebses führte.
Sollte ich mein Leben bis zur Diagnose kurz mit einem Satz kurz charakterisieren, müsste ich sagen: Es war eine Jagd nach Liebe und Anerkennung, koste es, was es wolle. Man sagt über ehrgeizige Menschen, dass sie über Leichen gehen – ich war bereit, über meine eigene zu stolpern.
Kindheit und Jugend
Ich kam in einem kleinen nordmährischen Dorf mitten im Kalten Krieg auf die Welt. Meine Mutter – zwar eine durch und durch gutmütige, mit ihren Pflichten aber grenzenlos überforderte Frau – musste aufgrund der damaligen gesetzlichen Bestimmungen bald nach meiner Geburt wieder arbeiten gehen. Ich wurde zusammen mit meinem um fünf Jahre älteren Bruder von meiner Großmutter erzogen. Da die Großmutter nach dem frühzeitigen Tod meines Großvaters allein eine kleine Landwirtschaft mit einem riesigen Garten, einem Feld und unzähligen größeren und kleineren Tieren betrieb, hätte sie auch ohne uns Kinder genug zu tun gehabt. So erwartete sie natürlich von meinen Eltern, vor allem von meiner Mutter tatkräftige Unterstützung. Meine Eltern standen täglich um fünf Uhr auf und gingen in die Arbeit – meine Mutter arbeitete als Buchhalterin, mein Vater als Elektrotechniker –; sie kamen um drei oder vier Uhr nachmittags nach Hause, wo nicht nur zwei Kinder und der gar nicht kleine Haushalt, sondern auch die überaus üppige und nach Versorgung rufende Fauna und Flora am Anwesen der Großmutter auf sie warteten, einen Tag nach dem anderen, das ganze Jahr hindurch.
Die Ehe meiner Eltern dauerte mehr als fünfundfünfzig Jahre und galt als vorbildlich, allerdings – wie sogar mein Vater nach dem Tod meiner Mutter freiwillig zugab – vor allem deshalb, weil meine Mutter sich komplett seinen Vorstellungen unterordnete. Sie tat nie oder selten etwas für sich, dafür alles für uns, für ihren Mann, für ihre Mutter. Mit »alles« meine ich vor allem die aufopfernde Befriedigung von Bedürfnissen materieller Art, denn für Liebe und Zuneigung blieb ihr keine Energie mehr. Sie hatte leider keine Geduld und auch keine besonders gute Hand für Kinder. Erst viel später erfuhr ich, dass sie – nicht zuletzt der harten Lebensumstände in der Kohlengrubenregion und der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges wegen – selbst kaum Liebe und Geborgenheit erfahren hatte. Wohl durch die lange Zeit der Entbehrungen bedingt, wurde materieller Besitz (soweit im Kommunismus möglich), Auto, Farbfernseher (schlicht: Sachen und Gegenstände) in meiner Familie mehr geschätzt als Zufriedenheit, Geborgenheit und Liebe. Materiell hat es mir auch nie an etwas gefehlt. Ich lebte mit meiner Familie in einem großen Haus; mein Bruder und ich konnten mehrere Musikinstrumente erlernen, Privatstunden nehmen und studieren, denn sowohl meine Eltern als auch meine Großmutter waren tüchtige und fleißige Menschen. Der Preis für diese Annehmlichkeiten war allerdings hoch. Meine überaus geliebte Oma starb mit siebzig Jahren inmitten ihrer grenzenlosen Latifundien an einem Herzinfarkt; meine Mutter durfte nie erleben, wie sich ein selbstbestimmtes Leben anfühlt.
Schon sehr früh wurde mir beigebracht, meine chronisch überarbeiteten und unter ständigem Arbeitsdruck leidenden Eltern nicht zu stören, sondern Rücksicht zu nehmen. Draußen, im Garten und im Wald, mit unseren Tieren, meinen Katzen und dem Hund, genoss ich uneingeschränkte Freiheit und eine fantastische Kindheit, voll mit Fantasieabenteuern. Zu Hause lernte ich, auf Zehenspitzen zu gehen und möglichst nicht aufzufallen. Ein Ausweg bot sich für mich in geradezu unkontrolliertem Lesen. Ich las alles, was mir in die Hände kam. Wie etwa die dreibändige Autobiografie von Maxim Gorki oder Madame Bovary von Gustave Flaubert, die ich bereits mit elf Jahren verschlang. Mein Wortschatz explodierte und brachte mir in der Schule viel Lob ein; aus heutiger Sicht betrachte ich dieses Verhalten, das mich übrigens fast mein ganzes Leben begleiten sollte, als eine Art Flucht vor dem Leben.
Ich begriff offenbar schon sehr früh, dass ich – wollte ich meine Eltern, vor allem meine Mutter irgendwie auf mich aufmerksam machen – genau genommen zwei Möglichkeiten hatte: Krankheit oder schulischen Erfolg. So wurde ich häufig, gelegentlich auch ernsthaft krank, wurde eine ausgezeichnete Schülerin, die zwei Instrumente spielte, erfolgreich auf diversen Schulveranstaltungen auftrat und zahlreiche sportliche Wettbewerbe gewann. Sowohl mein Bruder als auch ich lernten nicht nur sehr früh, uns ausschließlich über Leistung und gute Noten zu definieren, sondern auch stets besser als die anderen sein zu müssen; denn das brachte uns relativ verlässlich die Aufmerksamkeit unserer Eltern. Wie ich schnell begriff, reichten normale Leistungen nicht, im Gegenteil, je außerordentlicher, desto besser. Daher wählte ich instinktiv Aufgaben, deren Bewältigung fast einem Wunder ähnelte. So entschied ich mich, Berufsgeigerin zu werden, obwohl ich erst mit zehn Jahren begann, Geige zu spielen und aufgrund der ausgezeichneten Noten viel leichter jedes andere Studium oder jeden anderen Berufsweg hätte wählen können. Trotz der anspruchsvollen Aufnahmeprüfung – die osteuropäischen Konservatorien und Musikakademien waren weltweit für ihr hohes Niveau und ihren Leistungsdruck bekannt – und strenger Auswahlverfahren wurde ich am Konservatorium aufgenommen und beendete die Ausbildung mit Auszeichnung. Gefühlt hatte ich mich die ganze Zeit aber wie ein gehetzter Hund; denn etwa fünf Jahre Musikunterricht, die mir die meisten meiner Schulkollegen voraus waren, mussten irgendwie nachgeholt werden.
Der Drill an der Schule war entsetzlich. Noch Jahrzehnte später erkannte ich die freudlose und auf Leistung getrimmte Ausübung von Musik wieder, als ich den Film »Die Klavierspielerin« nach dem Roman von Elfriede Jelinek gesehen hatte. Von der perversen Beziehung zwischen der Klavierlehrerin und ihrem Schüler abgesehen, erlebte auch ich diesen geradezu vernichtenden Leistungsdruck, der einem die letzten Reste von gesundem Selbstbewusstsein und Selbstachtung raubte. Die zwei größten »Geigerstars« meines Jahrganges, denen damals eine brillante Solokarriere prophezeit wurde, sind heute schwere Alkoholiker. Ich absolvierte das Konservatorium u. a. mit zwei violintechnisch höchst anspruchsvollen Capricen von Niccolò Paganini, dem wohl größten und berühmtesten Geigenvirtuosen aller Zeiten, war aber der festen Überzeugung, nicht Geige spielen zu können.
Schon während der Jahre am Konservatorium dämmerte mir, dass das Unterrichten an einer Musikschule oder eine Orchesterstelle doch nicht das war, was mich erfüllen würde, deshalb musste ich nach einer anderen Ausrichtung suchen. Da ich durch mein Studium am Konservatorium in der beruflichen Auswahl bereits stark spezialisiert, das heißt auch eingeschränkt war, bot sich die Musikwissenschaft als die beste Variante an. Dieses Studium war, wie damals alle universitären Studienrichtungen in der ehemaligen Tschechoslowakei, nicht nur heiß begehrt, sondern auch streng reglementiert. In Hinsicht auf die vorhandenen Stellen – in der Tschechoslowakei gab es im Kommunismus keine arbeitslosen Geisteswissenschaftler – bekamen nur einmal in fünf Jahren lediglich fünf Studenten die Möglichkeit, abwechselnd an den Universitäten in Prag oder Brünn Musikwissenschaft zu studieren. Für mich also gerade exquisit genug. Auch diese Hürde schaffte ich und wurde nach anspruchsvollen und langwierigen Aufnahmetests aufgenommen, trotz der Tatsache, dass bei über vierzig Bewerbern drei der vorhandenen fünf Stellen bereits mit Protektionskindern besetzt waren. Mein Bruder begann ein Technikstudium.
Meine Eltern gaben mit uns beiden an. Konnten aber ihre Freunde regelmäßig davon hören, wie gescheit und begabt mein Bruder und ich waren, hörten wir selbst nur selten Lob oder Anerkennung. Da wir beide damals nie erfuhren, wie es sich anfühlt, von den Eltern geliebt zu werden, ohne dass man sich die Zuneigung zuerst irgendwie verdienen musste, dachten wir, dass unsere Existenz nur durch Leistung begründet sei. Und umgekehrt: Ohne Leistung gibt es kein Recht aufs Leben. Eine fatale Überzeugung, die das Leben meines Bruders mit dreiundvierzig Jahren früh beendete und mich schwer erkranken ließ.
Das ist das Drama der begabten Kinder – es müssen nicht immer Alkohol, Drogen, Vergewaltigung oder Gewalt sein, die dramatische Auswirkungen zu Folge haben. Viel gefährlicher ist diese subtile emotionale Ausbeutung, weil unsichtbar und in ihrer Konsequenz in der Gesellschaft sogar hoch anerkannt (fleißige, ehrgeizige Menschen …). »Burn-out« als die neue Volkskrankheit. Was steckt denn dahinter?
Durch den selbst auferlegten Erfolgsdruck getrieben, absolvierte ich nicht nur die Schule und das Konservatorium, sondern auch die gesamte Universität mit Auszeichnung. Das Problem lag nur darin, dass die guten Noten mit der Zeit irgendwie an Wirksamkeit verloren, ähnlich wie der Ministerempfang auf der Prager Burg, zu dem ich als eine der besten Universitätsabsolventen des Landes eingeladen wurde. Aber meine außerordentlichen schulischen Leistungen waren bereits übersättigend; sie wirkten einfach nicht mehr mit der gewünschten Intensität. Als ich nach meinem letzten Staatsexamen nach Hause kam und die freudige Nachricht (eine »Eins«!) mitteilte, nahm meine Mutter es kaum zur Kenntnis und meinte nur, ich solle mein Zimmer endlich aufräumen.
Meine gesamte Kindheit und Jugend über hatte ich das starke Gefühl, dass ich alles, was ich tat, eigentlich nicht für mich, sondern für meine Eltern tat. Ich musste ihnen Freude machen; ich durfte sie nie enttäuschen. Vielleicht trug auch die damalige politische Situation in der Tschechoslowakei, die kommunistische Diktatur, dazu bei, dass meine Eltern immer irgendwie frustriert und unglücklich auf mich wirkten. Keine Frage, es war nicht einfach, in einer Umgebung von Spitzeln und Geheimpolizei parteilos zu bleiben und das eigene Gesicht zu wahren, die eigenen Kinder politisch zwar aufzuklären, aber doch nicht durch zu viel Freigeist und liberales Denken zu gefährden. (Wer weiß, was sie dann in der Schule erzählen würden …) Ich liebte meine Eltern und wollte auf keinen Fall, dass sie litten. Ja: Ich fühlte mich geradezu verpflichtet, ihre Laune aufhellen, und ich fühlte mich für ihr Wohlergehen zuständig.
Später versuchte ich mehrere Male, mit meiner Mutter und meinem Vater über diese Themen zu sprechen, vor allem mit meiner Mutter, solange sie lebte. Es half nichts. Sowohl sie als auch mein Vater waren fest davon überzeugt, dass sie uns beide bestens erzogen hätten und dass ich mit den Litaneien über mein kindliches Leid grenzenlos übertriebe, denn ich hätte mal einen Krieg erleben müssen … Keine Frage, meine Eltern taten für unseren schulischen Erfolg wirklich alles, was sie konnten. Sie unterstützten uns auch später bei unserer Berufswahl und während des Studiums. Ich aber hätte bedingungslose, uneingeschränkte Liebe und Geborgenheit gebraucht und das Gefühl, dass meine Eltern mich auch dann noch haben wollten, wenn ich mal eine Zwei nach Hause brachte.
Irgendwann gab ich diese zermürbenden Debatten auf. Im Rahmen spezieller geistiger Reisen (der sogenannten »Journeys«), über die ich später berichten werde, hatte ich mich mit meinen Eltern auch ohne ihr physisches Zutun versöhnt. Ich hatte begriffen, dass es nichts bringen würde, Mutter und Vater ein Leben lang die Schuld für mein unbefriedigendes Leben zu geben. Ich war längst erwachsen und mehr als berechtigt, mein Leben selbst und nach MEINEN Vorstellungen zu gestalten. Heute weiß ich, dass meine Eltern mich tatsächlich so gut erzogen hatten, wie sie nur konnten. Sie hatten tatsächlich IHR Bestes gegeben.
Die ständige Sorge um das Wohlergehen meiner Eltern und das Pflichtgefühl ihnen gegenüber, die mich schon seit meiner frühen Kindheit belasteten, waren die ersten Schritte auf meinem Weg der Selbstverleugnung. Weitere boten sich an, als ich älter wurde und mich hie und da verliebte. Es waren IMMER unglückliche, weil stets nur platonische Beziehungen, die sich einerseits durch ungeheure Beständigkeit meiner »Liebe« (oft über Jahre, ganz unerwidert), andererseits durch grenzenlose, absolut unbegründete Hoffnung auszeichneten. Denn ich war es gewohnt, alles für die Liebe zu tun, aber nichts zu bekommen. Und zu warten, auch wenn ich dafür manchmal unsäglich leiden musste. So studierte ich bereits als Vierzehnjährige die Interessen und Bedürfnisse meines Auserwählten und machte sie zu meinen eigenen. Bei meiner ersten Liebe etwa wurde ich eine begeisterte Leichtathletin, die täglich drei bis vier Stunden trainierte, um dann später meinem »Objekt der Zuneigung« mit Erfolgen bei diversen Sportwettbewerben zu imponieren. Abgesehen davon, dass mir Sport ungemein gut tat, frage ich mich heute: »Hatte der junge Mann überhaupt bemerkt, dass ich ihn liebte?« Ich dachte, ich interessiere mich für Sport, in Wirklichkeit interessierte ich mich für diesen Jungen. Es war der Versuch, auch sein Herz durch Leistung zu erobern. (Ein paar Jahre später heiratete der junge Mann ein Mädchen, das gar nicht sportlich, sondern eher kugelrund war …)
Später nahm ich zwar von der platonischen Liebe Abstand, insgesamt betrachtet waren meine Partner jedoch eine Katastrophe. Je komplizierter, unreifer, untreuer, unverlässlicher, desto besser. Das war für mich eine echte, begrüßenswerte Herausforderung, diese Männer auf den »richtigen Weg« zu bringen. Ich liebte Herausforderungen, denn ihre Bewältigung gab mir das Recht auf meine Existenz. Leistung in jeder Lebenslage!
Durch diesen permanenten Leistungsdruck sank meine Fähigkeit, mich selbst zu spüren und zu fühlen, was ich selbst für meine gute Laune und mein eigenes Wohlergehen benötigte. Dafür aber wurden im Lauf der Jahre meine Sensoren für die Bedürfnisse anderer Menschen immer empfindlicher. Als ich meinen zweiten Mann heiratete, der sich als praktischer Arzt schon immer für ganzheitliche Medizin, Homöopathie und Akupunktur interessierte, merkte ich, ohne mich je selbst mit der Materie zu befassen, dass ich spüren und bestimmen konnte, welches homöopathische Mittel ein bestimmter Mensch braucht. Ich konnte sogar gestörte Punkte an seinem Körper spüren, die sozusagen nach einer Akupunkturnadel riefen. Es ist kein Scherz – ich wurde von meinem Mann auf diese Fähigkeit bei unseren sich freiwillig meldenden Familienangehörigen unzählige Male getestet und es klappte immer. Eine tolle Gabe, nicht wahr? Das einzige Problem war nur, dass ich zwar bei allen anderen Menschen sehen und spüren konnte, was sie brauchten und was ihnen fehlte, nicht aber bei mir selbst. Absolut symptomatisch, muss ich heute sagen, denn meine komplette und durch jahrelange Übung bis zur Meisterschaft gesteigerte Sensibilität war nach außen und nicht nach innen gerichtet – weg, ganz weit weg von mir.
Die diversen Botschaften, die mein Körper mir schon früh sendete – etwa eine monatelang leicht erhöhte Körpertemperatur in meinem zwanzigsten Lebensjahr, deren Ursache nie festgestellt werden konnte –, hielt ich für harmlos. Ansonsten hatte ich aber schon immer sehr viel für gesundes Leben übrig. Auf dem Land aufgewachsen, war ich gewohnt, qualitativ hochwertige Nahrung zu mir zu nehmen. Auch aß ich massenhaft Obst und Gemüse und versuchte, mich regelmäßig zu bewegen. In meiner Jugend mochte ich Sport und Bewegung auch dann, wenn ich nicht platonisch verliebt war. Je mehr ich mich aber dem Violinstudium, später den Musikwissenschaften sowie dem Beruf und meiner Familie widmete, desto weniger Zeit nahm ich mir für einen körperlichen Ausgleich. Einige Jahre konnte ich noch aus meinen Reserven schöpfen oder besser gesagt zehren, aber spätestens mit der Geburt meines Sohnes im Jahr 1987 geriet mein Körper aus dem Gleichgewicht.
Der Schritt durch den Eisernen Vorhang
Während eines Musikseminars, zu dem ich als Studentin der Universität Brünn nach Wien eingeladen worden war, lernte ich meinen ersten Mann kennen, einen Musiker. Da ich offensichtlich dazu neigte, Hindernisse und Schwierigkeiten anzuziehen, war das Liebe auf den ersten Blick, die wir beide trotz des Eisernen Vorhangs, des Kalten Krieges und des Kommunismus unbedingt leben wollten. Nach einer ungeheuren Odyssee durch die tschechoslowakischen Behörden (mir war noch nie etwas zu anstrengend) gelang es uns zu heiraten. Zwei Wochen nach meiner Übersiedlung nach Wien, auch diesmal nach einem zermürbenden Kampf mit den (diesmal österreichischen) Behörden, kam mein Sohn auf die Welt. Wir freuten uns riesig, es kamen jedoch schwere Prüfungen auf uns zu, denen wir beide nicht gewachsen waren.
Nach nur wenigen Wochen erkrankte unser Sohn am sogenannten Pylorospasmus (Magenpförtnerkrampf), wobei seine Erkrankung ungewöhnlich dramatisch verlief. Aufgrund ärztlicher Versäumnisse musste mein vier Wochen alter Sohn innerhalb von vier Tagen zwei Operationen durchstehen. Vor der zweiten Operation befand er sich in einem sehr kritischen Zustand. Diese Zeit musste ich allein in einem fremden Land durchstehen, denn mein Mann – damals noch sehr jung und noch nicht reif, für seine junge Familie die Verantwortung zu übernehmen – probte gerade in Eisenstadt und rief mich in diesen drei kritischen Tagen kein einziges Mal an. Mein Vertrauen zu ihm erlitt einen Riss, der nie mehr wirklich heilte. Die Situation mit meinem Sohn entwickelte sich inzwischen so dramatisch, dass ich kaum mehr Hoffnung hatte. Den außerordentlichen Ernst der Lage erkannte ich daran, dass sich vor seinem Bettchen zweimal stündlich die gesamte Ärzteschaft inklusive Krankenhausdirektor versammelte. Erst Jahre später verriet mir mein damaliger Mann, dass ihm von der Krankenhausleitung im Fall des Todes unseres Sohnes eine finanzielle Entschädigung angeboten worden war, offenbar um zu verhindern, dass offenkundige ärztliche Fehler an die Öffentlichkeit gelangten.
Aber die enorme Lebenskraft unseres Sohnes siegte; allerdings war das Kind schwer traumatisiert. Mein kleiner Lucas brüllte Tag und Nacht und er schlief monatelang nie länger als zwanzig Minuten am Stück. Mein damaliger Mann spielte nach wie vor als Geiger in Eisenstadt, er war also die meiste Zeit nicht zu Hause, und ich musste mit meinem Sohn allein zurechtkommen. Ich war froh, auch nur irgendwie vegetieren zu können. Daran jedoch, auch etwas für mich zu machen, meine Kräfte nach Schwangerschaft und Geburt sowie nach der entsetzlichen Krankenhausperiode wieder aufzubauen und mir von jemandem helfen zu lassen, daran dachte ich nicht. Ganz im Gegenteil, mit meinem »angeborenen«, und – wie ich heute sagen würde, krankhaften – Perfektionismus ausgestattet, betrachtete ich es als Versagen, mich nicht als GUTE MUTTER allein (weil der Mann ja arbeitet!) um mein Kind zu kümmern. Es kam mir nicht einmal in den Sinn, jemanden – nicht einmal meinen damaligen Mann – um Hilfe zu bitten, um mich einmal ausschlafen zu können.
Erst im Alter von drei Jahren schaffte es mein Sohn durchzuschlafen. Zuerst eine Nacht in der Woche, dann zwei, irgendwann war der Spuk vorbei. Meine Gesundheit hatte jedoch schwer gelitten, genauso meine Ehe, was wiederum dazu führte, dass mein Sohn sich zu einem anstrengenden und hyperaktiven Kind entwickelte. Mein Körper begann sich zu melden und ich wurde in regelmäßigen Abständen ohnmächtig. Der Zusammenbruch, der meinen ganzen Körper lahmlegte, dauerte einige Minuten, dann konnte ich wieder zur Tagesordnung übergehen. Ich besuchte meinen Hausarzt, der sämtliche notwendigen Untersuchungen durchführte und feststellte, dass ich kerngesund war. Damals wusste ich es noch nicht; heute bin ich davon überzeugt, dass es sich bereits zu jener Zeit um ernst zu nehmende Symptome handelte, die nach einer Umstellung der Lebensweise förmlich schrien. Ich wusste noch nichts vom anderen Zugang der Traditionellen Chinesischen Medizin; ich verließ mich auf meinen damaligen netten Hausarzt und machte weiter wie bisher.
Meinen Mann verließ ich nicht, obwohl ich längst wusste, dass unsere Ehe unwiderruflich kaputt war. Ich hetzte von einer Tätigkeit zur anderen, weil unsere viel zu große und teure Wohnung mit riesigem Kristallluster und Stuckdecken, die eigentlich niemand wollte, irgendwie finanziert werden musste. So investierte ich meine ganze Energie in Projekte, die wenig bis keinen Erfolg versprachen. Und vor allem: Ich tat NICHTS für mich. Keine Zeit, keine Energie. Kein Geld. (Seit wann braucht man Geld, um auf einer Parkbank zu sitzen und sich zu entspannen? Seit wann braucht man Geld, um laufen zu gehen oder in der Früh Übungen zu machen?) Der Teufelskreis schloss sich und ich war mittendrin.
Es gab aber noch etwas Gravierendes, das mein Leben in seinen Grundfesten erschütterte. Als ich nach Österreich kam, wurde ich – so hatte ich es zumindest empfunden – meines schwer erarbeiteten Berufsstatus und der gewohnten Exklusivität »beraubt«. Anders als damals in der Tschechoslowakei, wo Geisteswissenschaftler hoch angesehen waren und sozusagen zur geistigen Elite des Landes zählten, wurde ich in meinem neuen Leben in Österreich – auch durch die Eltern meines damaligen Mannes – mit der Überzeugung konfrontiert, dass es sich bei den Geisteswissenschaften um nutzlose, weil brotlose Berufe handle, die eigentlich niemand brauche. Da ich neu im Land war, glaubte ich das auch. Es war tatsächlich außerordentlich schwierig, sich in Wien zu etablieren. Erst nach drei Jahren konnte ich die erste, allerdings nur befristete Anstellung ergattern. Ein weiterer schwerer Rückschlag ergab sich dadurch, dass meine tschechische Dissertation aufgrund der damaligen Gesetze in Österreich nicht anerkannt wurde und ich eine neue verfassen musste.
Hier eine kurze Zusammenfassung der Folgen, welche die Übersiedlung nach Österreich mit sich brachte: Von einer erfolgreichen Studentin und einem hoffnungsvollen wissenschaftlichen Nachwuchstalent mutierte ich zu einer Mutter mit krankem Kind, zur Ehefrau, deren Ehe ein reines Desaster war, zur Musikhistorikerin, deren bisheriger akademischer Werdegang komplett in Frage gestellt und zurück auf null gestellt wurde. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass es mir gelingen würde, eine neue, harmonische Familie zu gründen und auch beruflich Fuß zu fassen. Am schlimmsten war für mich damals die schockierende Tatsache, dass die ganze Familie, vor allem aber meine Mutter und meine Schwiegermutter von mir erwarteten, dass ich meinen beruflichen Ehrgeiz über Bord werfen und mich nur mehr meinem Sohn und dem Haushalt widmen würde. Vor allem von meiner Mutter fühlte ich mich verraten. Wozu die lange Ausbildung, wozu das ganze Studium? Erschwerend war, dass ich mich doch ohne meinen akademischen Status als ein NICHTS betrachtete.
Ich entschied mich – was denn sonst – beides zu betreiben, und zwar so, dass mir niemand hätte vorwerfen können, mich zu wenig um mein Kind zu kümmern. Überall perfekt zu sein, überall herausragende »Leistungen« zu bringen, darin war ich mehr als gut geübt. Je schwieriger, desto besser. Ohne es zu merken, hatte ich mir unbewusst die »besten« Bedingungen für meinen Leistungswahn geschaffen. Ich wollte in einem fremden Land, in dem ich keine Familie und keine Freunde hatte und dessen Sprache ich noch nicht ausreichend beherrschte, Fuß in einem geisteswissenschaftlichen Beruf fassen, in dem es bereits für gebürtige Österreicher, von Frauen ganz zu schweigen, schwer genug war meinem Sohn ein schönes Zuhause und ein harmonisches Familienleben bieten, und zwar mit einem Mann, zu dem ich kein Vertrauen hatte und mit dem ich todunglücklich war. Geld verdienen musste und wollte ich freilich auch. Ich arbeitete emsig an meinen musikwissenschaftlichen Aufträgen. Als gefragte Geigerin und Bratschistin auf freiberuflicher Basis in zahlreichen Wiener Orchestern spielend, musste ich regelmäßig üben. Ich gab Violin- und Klavierunterricht, versorgte meinen Sohn, unsere 160 m2 große Wohnung und einen Garten in Klosterneuburg bei Wien. Nach und nach gelang es mir tatsächlich, in die hermetisch verschlossenen Kreise der Wiener Musikforschung einzudringen. Der Preis dafür war allerdings hoch, denn ich bezahlte meine Verbissenheit mit meiner Gesundheit.
Nach sieben langen Jahren war meine erste Ehe endgültig vorbei. Heute würde ich sagen, sie dauerte sieben Jahre zu lang. Aus purem, falsch verstandenem Verantwortungsgefühl meinem Sohn gegenüber hatte ich mich nie getraut, meinen Mann zu verlassen. Auch wusste ich nicht, wohin ich gehen sollte; mir fehlte eine finanzielle Absicherung, ein fixes Einkommen. Auf die Hilfe meiner Eltern konnte ich nicht zählen, denn sie waren der Meinung, dass meine Ehekatastrophe ausschließlich meine Schuld war. Um sie zu schonen, hatte ich ihnen nie Einzelheiten meines tristen Ehelebens erzählt, mit dem Resultat, dass sie davon eine komplett verzerrte Vorstellung hatten. Auch hatte ich kein Selbstvertrauen, die Situation als alleinerziehende Mutter in Österreich, damals noch ohne die österreichische Staatsbürgerschaft, zu bewältigen.
Doch dann tat mir mein damaliger Mann den Gefallen, dass er sich in eine andere Frau verliebte – allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, sodass er von einem Tag auf den anderen und ohne jede Vorankündigung die Familie verließ. Ich saß mit 15.000 Schilling Fixkosten, einem hyperaktiven Kind, dafür aber ohne regelmäßiges Einkommen in unserer Wohnung mit den Stuckdecken und überlegte, wie das Leben weitergehen sollte. Zu meiner Überraschung sollte ich aber schon bald feststellen, dass ein Leben ohne einen Mann, den man nicht mehr liebt und mit dem man nichts anderes als Streit und emotionellen Stress erlebt, plötzlich viel EINFACHER UND SCHÖNER wurde. Die Zeit, die ich früher mit kräfteraubenden Auseinandersetzungen verbrachte, nutzte ich nun dafür, meine österreichische Dissertation ernsthaft voranzutreiben. Ich leitete ein Ensemble auf historischen Instrumenten, mit dem ich nicht nur eine preisgekrönte CD-Aufnahme einspielte, sondern auch zahlreiche erfolgreiche Konzerte und Auftritte im Tschechischen Fernsehen absolvierte.
Verluste
Bald nach der Scheidung, offenbar als Belohnung dafür, dass ich – auch hier, aber diesmal Gott sei Dank, mit verbissener Konsequenz – jeglichen Rosenkrieg vermied und mich ausschließlich um mein Kind und »meine Geschäfte« kümmerte, gelang es mir, neben diesen beruflichen Erfolgen auch mein seelisches Gleichgewicht wiederzugewinnen.
Mit fünfunddreißig Jahren bekam ich ein Buch in die Hände, das mein Leben für immer verändern sollte, »Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht, gebraucht zu werden« von Robin Norwood. Ich würde dieses Buch als Pflichtfach in den Schulen einführen, denn Frauen, die zu viel lieben und ihr Leben für egoistische, unreife Männer opfern, gibt es beängstigend viele. Kurz nach dieser Lektüre, die ich buchstäblich mit Haut und Haaren verinnerlichte, lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Besser gesagt, ich registrierte ihn endlich, denn ich kannte ihn schon von früher. Er war allerdings zu »normal«, um mir überhaupt aufzufallen. Nett, verlässlich, verantwortungsvoll, treu – alles Eigenschaften, die ich früher als fad und uninteressant empfand. Eine Partnerschaft in Vertrauen und Entspannung? Eine völlig neue Erfahrung für mich, die ich heute bereits fünfzehn Jahre lang genießen darf.
Nicht einmal ein Jahr nach der Scheidung war ich wieder verheiratet und mit einem Wunschkind schwanger.
Mit der neuen Ehe sah ich allerdings einer neuen Herausforderung in die Augen. Mein Mann führte mich in seinen Bekannten- und Freundeskreis ein, wo ich zwar herzlich aufgenommen, stets aber als die »Frau von …« gesehen wurde. Das widersprach mächtig meiner Überzeugung von meiner Eigenständigkeit, denn ich wollte auf keinen Fall auf eine Ehefrau und Mutter reduziert werden. Man sprach mir schon wieder meine Existenzberechtigung ab, dachte ich, und überlegte radikale Gegenmaßnahmen.
Mit meiner kleinen Tochter unter dem Schreibtisch (verzeihe mir bitte, Florentina, aber du hast die Zeit ohnehin verschlafen!) beendete ich schwungvoll meine österreichische Dissertation. Als meine Tochter drei Jahre alt war, bewarb ich mich für ein renommiertes, hoch dotiertes österreichisches Habilitationsstipendium, das ich auch bekam. Ich war überglücklich und hatte alles, was ich mir immer gewünscht hatte: Eine tolle Familie mit zwei Kindern, einen netten und verständnisvollen (wenn auch überbeschäftigten) Ehemann, der mich in allen meinen Tätigkeiten unterstützte, und plötzlich auch beachtliche Perspektiven in meinem normalerweise zugegebenermaßen nicht gerade lukrativen Beruf.
Es wäre alles wunderbar gewesen, trotz Arbeit und Stress, und es hätte ruhig so bleiben können. Es blieb aber nicht. Am 22. November 2000 erhielt ich einen Anruf von meiner Mutter, die mir weinend mitteilte, dass mein 43-jähriger Bruder völlig unerwartet einen Herzstillstand erlitten hatte und nach einer Wiederbelebung im Koma lag.
Mein Bruder war ein sehr intelligenter, technisch hochbegabter Mann mit einem ausgeprägten Unternehmergeist. Deshalb versuchte er sofort nach der Wende in der Tschechoslowakei ein Immobilienimperium aufzubauen. Er kaufte zahlreiche desolate Häuser, die er mit Hilfe von Bankkrediten renovieren und anschließend veräußern wollte. In den ersten Jahren nach der Revolution befand sich das tschechische Bankwesen aber noch im totalen gesetzlichen Chaos, wobei insbesondere die Zinssetzung bei den Krediten durch Willkürlichkeit gekennzeichnet war. So konnten die Kreditzinsen innerhalb von wenigen Jahren auf fast 30 % steigen – für einen Unternehmer und seine vorherige Kalkulation eine Katastrophe. Mein Bruder, ähnlich verbissen wie ich, reagierte nicht darauf, in dem er etwa rechtzeitig ausgestiegen wäre. Im Gegenteil, er versuchte mit weiteren, immer waghalsigeren Geschäftsideen seine Haut und seine Häuser zu retten. Er trank literweise starken Espresso und arbeitete immer mehr und mehr, bis er nicht mehr konnte.
Für mich brach die Welt zusammen. Ich hatte zu meinem um fünf Jahre älteren Bruder, der ein Technikstudium hinter sich hatte und deshalb schon von seinem Wesen her komplett anders war als ich, zwar nie ein besonders inniges Verhältnis. Trotzdem war er mein GROSSER, GESCHEITER Bruder und allein der Gedanke, dass es ihn gibt – auch wenn sich unsere Familien aufgrund der großen Distanz vielleicht nur ein- oder zweimal im Jahr trafen – vermittelte mir ein Gefühl der Sicherheit. In diesem Punkt war ich noch immer ein Kind geblieben. Ich glaubte, sollte jemand böse zu mir sein, würde mein großer Bruder kommen und mich verteidigen.
Nun lag mein großer Bruder im Koma und die Chancen auf eine Genesung waren gleich Null. Mein Mann unternahm, was er konnte; als zusätzliche Maßnahmen versuchte er auch Akupunktur und Homöopathie. Ich zerbrach mir sechs Wochen lang meinen Kopf darüber, was ihm sonst noch helfen könnte, inklusive von stundenlangem Senden positiver Energie. Es half alles nichts. Während seines bewusstlosen Zustandes, von dem niemand wusste, wie lange er dauern würde, besprach ich mit meiner Schwägerin die Möglichkeit, zumindest einige seiner Häuser, die gerade renoviert wurden, zu verkaufen, um die prekäre finanzielle Lage seiner Familie zu entlasten. »Nein, das geht nicht. Er würde lieber sterben, als sich von seinen Häusern zu trennen«, meinte sie.
Das hat er auch getan. Am 4. Januar 2001 starb mein Bruder mit nicht einmal 44 Jahren. Er musste sich auf diese Weise doch von seinem Imperium verabschieden, das ihm vor allem vor meinem Vater das Gefühl eines tüchtigen Geschäftsmannes verlieh. Er war lieber tot, als vor meinen Eltern als erfolgloser Unternehmer mit einer konkursreifen Firma dazustehen. Mein Bruder hinterließ eine Frau, zwei minderjährige Kinder, riesige Firmenschulden sowie gigantischen Schmerz und ein emotionelles Chaos ohne Ende.
Meine Eltern, seine Frau und seine Kinder waren wie gelähmt. Der Tod meines Bruders verursachte in meiner Familie einen riesigen Krater, wie nach einem heftigen Bombenanschlag. Die Landschaft meiner Familie wurde bis zur Unkenntlichkeit und für immer verändert. Die Familie zerfiel, denn mein Bruder hatte immer als Vermittler zwischen meinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern fungiert. Nach seinem Tod gab es kein Band mehr, das die Familie zusammengehalten hätte. Ich versuchte, meinen Schock durch überhöhte Geschäftigkeit zu überwinden, die allerdings schnell zu einem großen Produktivitätsverlust führte. Also musste ich meinen Einsatz vervielfachen. Gleichzeitig versuchte ich, auf beiden Seiten zu vermitteln – ein durch und durch aussichtsloses Unternehmen. Meine Eltern suchten einen Schuldigen und fanden auch bald einen. Meine anspruchsvolle Schwägerin, die meinen Bruder angeblich zu Höchstleistungen antrieb, sollte allein die Verantwortung für dieses Desaster tragen. Die Selbstverantwortung meines Bruders für sein Leben und ihren eigenen Anteil am Größenwahn meines Bruders wollten und konnten meine Eltern nicht sehen.
Ich saß in der Falle. Einerseits überfielen mich tiefe Trauer und Depression, andererseits war ich gezwungen, aufgrund meines Stipendiums täglich stundenlang Archivmaterial zu sichten, Tonnen Fachliteratur zu lesen und mich um Wohnung, Haus und Garten sowie meine zwei Kinder zu kümmern. Meine Tochter war drei und im Trotzalter, mein Sohn dreizehn und in der Pubertät. Dazu kam, dass die zwei sich damals absolut nichts zu sagen hatten und sich gegenseitig permanent sabotierten.
Heute verstehe ich, was mir meine Psychotherapeutin damals auf der Kur riet: »Bürden Sie sich immer nur so viel Arbeit auf, wie sie auch unter geänderten, erschwerten Umständen noch bewältigen können.« Wenn ich genau überlege, war bereits die Kombination von einem kleinen und einem pubertierenden Kind plus Dissertation und danach Habilitation eigentlich um zwei Nummern zu groß. Insbesondere dann, wenn keine funktionierende Oma in der Nähe war. Der Tod meines Bruders und mein daraus resultierender Schock sowie die Unfähigkeit, bei so viel Arbeit die Situation und die Trauer zu bewältigen, machten aus meiner damaligen Aufgabe eine Rakete, mit der ich mich ins Weltall weiterer Katastrophen katapultierte.
Mein Körper begann, sich erneut zu melden. Zu den regelmäßigen Kollapsen diverser Art – einer davon führte mich vom Skiurlaub mit Blaulicht direkt ins Krankenhaus – kam eine harmlose Schulterverletzung, die sich aufgrund eines Behandlungsfehlers zu einer äußerst schmerzhaften und langwierigen Erkrankung entwickelte. Ich kann mich noch erinnern, wie ich in der Bibliothek saß und wegen starker Schmerzen kaum mehr die Tastatur meines Computers bedienen konnte. Die Tränen liefen mir herunter, ich wusste aber, dass ich, sollte ich alle Vorgaben erfüllen, sitzen bleiben und arbeiten musste.
So vegetierte ich irgendwie dahin, war auf einer Rehabilitationskur, wo man mich gewissermaßen »wiederherstellen« konnte, bis mich ein weiterer Schlag erwischte. An einem Oktobersonntag 2004 rief mich zu Mittag wiederum meine Mutter an. Diesmal teilte sie mir mit, dass auch meine Schwägerin, die Frau meines Bruders, plötzlich verstorben war. Ich konnte meinen Ohren nicht trauen; ich dachte, ich halluzinierte bereits. Was niemand ahnte, weil meine Schwägerin es sehr gut zu kaschieren wusste: Nach dem Tod meines Bruders begann sie aus purer Verzweiflung über ihre hoffnungslose Situation zu trinken. Sie war nicht in der Lage, die hohen Firmenschulden, die nicht ausreichend vom Privatvermögen getrennt waren, zu bewältigen. An jenem Sonntagmorgen platzte eine Ader in ihrer Speiseröhre und sie verblutete innerhalb von wenigen Minuten.
Meine Familie löste sich auf. Ich konnte nicht begreifen, dass die Menschen, die mir so nahe standen, so einfach und viel zu früh starben. Zugleich fühlte ich mich für die Kinder verantwortlich, insbesondere für meine damals 18-jährige Nichte. Dieser Verantwortung zusammen mit meinen eigenen Verpflichtungen und auf die Distanz von fast über 400 Kilometern nachzukommen, war jedoch beinahe unmöglich. Auch zog sich das Mädchen, das aufgrund der Ereignisse schwer traumatisiert war, zunehmend zurück. Da meine bereits älteren und kranken Eltern mit der gesamten Situation überfordert und noch immer ausschließlich mit dem Verlust ihres Sohnes beschäftigt waren, konnten sie meiner Nichte nicht das geben, was ich mir vorgestellte. Ich sah das Mädchen vor mir, das mit fünfzehn Jahren ihren Vater und mit achtzehn ihre Mutter verloren hatte, und redete meinen Eltern zu. Ohne Erfolg. SIE wollten getröstet werden, sie waren einfach nicht in der Lage, jemand anderen zu trösten. Und so begann in jener Zeit eine schwere familiäre Krise, die noch Jahre andauern sollte.
Die familiären Katastrophen, der Dauerstress in meinem Job sowie die berufliche Hyperaktivität meines Mannes führten langsam, aber sicher dazu, dass auch meine Ehe sich im berüchtigten siebenten Jahr in einer Krise befand. Mein Mann verbrachte damals die Tage in der Ordination und in der Berufsschule, wo er als Schularzt arbeitete, die Abende als ausgezeichneter und leidenschaftlicher Geiger als Konzertmeister in einem Hobbyorchester und in zahllosen Proben für sein damaliges Streichquartett, die Nächte oft in den Nachtdiensten. Vor einiger Zeit bekam ich zufällig unseren Terminkalender aus der damaligen Zeit in die Hände. Noch nach Jahren ließ bereits der bloße Blick auf die vollgefüllten Zeilen mein Adrenalin heftig ansteigen. Damals fühlte ich mich allein gelassen und nur die starke gegenseitige Zuneigung, also die gute Basis unserer Beziehung, konnte den Zerfall unserer Ehe verhindern.
Auf dem Höhepunkt der Schwierigkeiten erreichte mich die dritte Hiobsbotschaft. Einer meiner engsten Freunde und Kollegen, der Cellist Christoph, war nach fünfzehnjährigem Kampf gegen Hodenkrebs mit 40 Jahren gestorben. Christoph war ein ungemein talentierter Mensch, ein toller Musiker, mit dem ich mein Ensemble auf historischen Instrumenten aufgebaut hatte, ein witziger, intelligenter und lebensfroher Mann. Als ich von seinem Tod erfuhr, weinte ich hemmungslos. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, fühlte mich von allen verlassen und allein gelassen. Freilich war der Verlust meines Bruders ein enormer Verlust für mich; mit Christoph konnte ich mich aber über alles unterhalten und Ideen entwickeln wie kaum mit jemand anderem. Christoph war homosexuell – vielleicht deshalb konnte sich unsere Freundschaft so prächtig und ungestört entwickeln. Er lebte mit seinem Freund in der Bretagne, wo ich ihn mit meiner Familie öfters besuchte. Durch seinen Tod verlor ich einen der wichtigsten Menschen in meinem Leben.
Mein Körper ruft nach Hilfe
Heute, nach sechs Jahren, weiß ich eigentlich gar nicht mehr, wie es mir gelang, meine Habilitationsschrift mehr oder minder termingerecht zu beenden und danach noch bravourös das ganze Habilitationsverfahren zu meistern, das zu meiner Qualifikation als Universitätsdozentin führte. Neben meiner Lehrtätigkeit an der Universität schrieb ich unter nie enden wollendem entsetzlichem Termindruck unzählige wissenschaftliche Arbeiten, gab Noteneditionen heraus, verfasste und illustrierte Kinderbücher, kümmerte mich um meine Familie, drei Katzen und einen Hund, stritt regelmäßig und heftig mit meinem widerborstigen und jeden schulischen Ehrgeiz verweigernden Sohn, pflegte Wohnung, Haus und Garten in F. und entwickelte auch beim Tomaten- und Karottenanbau ungeheuren Ehrgeiz.
Die Tomaten gediehen prächtig, ich dagegen verlor die letzten Reste meines Glanzes. Auch hörte ich auf, Geige zu spielen, so wie mir Musik überhaupt prinzipiell auf die Nerven ging. Im Gegensatz zu meinem Mann, der sozusagen nicht einmal das Zähneputzen ohne eine Bruckner-Symphonie absolvierte, schaltete ich sofort jedes Radio aus; das Anhören von CDs wurde bei uns zu Hause beinahe ein Tabu. Heute deute ich diesen völligen Verzicht auf meine einstige Leidenschaft als Alarmstufe Rot. Alles, was ich früher leidenschaftlich gern gemacht hatte, freute mich nicht mehr. Die Fotos aus der Zeit zeigen eine Frau, die erschöpft und ohne jeden Funken Freude in den Augen wirkt. Heute spiele ich wieder meine heiß geliebte Violine in diversen Konzerten und freue mich über jede gute Musik.
Weitere »Zwischenfälle« kamen dazu. Zum Beispiel wurde meine rechte Gesichtshälfte plötzlich völlig gefühllos. Ich wollte gerade aus F. nach Wien fahren, da bemerkte ich, dass es mich große Mühe kostete, den Wagen richtig zu steuern, als ob mich eine unsichtbare Kraft stets nach rechts ziehen würde. Mein Sohn hatte damals noch keinen Führerschein, so blieb mir also nichts anderes übrig, als es unter größter Anstrengung irgendwie nach Wien zu schaffen. Heute weiß ich, dass ich damals äußerst fahrlässig gehandelt habe, und danke Gott, dass uns nichts passiert ist. Zu Hause angekommen besprach ich die Lage mit meinem Mann, der mich sofort ins Wiener AKH schickte. Nach dreistündigem Warten und einer zehnminütigen Untersuchung kam heraus, dass ich nur leichtes Fieber und möglicherweise eine Entzündung des Hirnstammes hatte. Da ich mir – bis zum Hals in meinem Arbeitswahn versunken – nicht vorstellen konnte, ein paar Verpflichtungen abzusagen und mich gründlich untersuchen zu lassen, schob ich lediglich drei Tage Erholung ein. Die Lähmung verschwand, sie blieb ungeklärt und ich begann nach diesem Zwischenfall ziemlich schnell wieder dort, wo ich aufgehört hatte – mit ein paar zusätzlichen Aufträgen dazu.
Ein paar Wochen später entschied ich mich – ebenso mit leichtem Fieber – unseren 1.000 m2 großen Garten mit der Sense zu mähen. Aus Liebe zu Wiesenblumen, Schmetterlingen und Käfern ließen wir das Gras hoch wachsen und hatten zwar eine herrliche Blumenwiese, dafür aber viel Arbeit, als es irgendwann doch notwendig wurde, das hohe Gras zu mähen. Das war sehr anstrengend, vor allem für jemanden, der den ganzen Tag in der Bibliothek saß, körperliche Arbeit nicht gewohnt war und darüber hinaus gerade einen Infekt ausbrütete. Am nächsten Tag verspürte ich Schmerzen hinter dem Brustbein, die ich noch beharrlich ignorierte. Meine damals zehnjährige Tochter kam von der Schule nach Hause; ich bereitete ihr ihre Lieblingsspeise zu, einen Grießkoch mit Zimt und Honig, und wir begannen zu essen. Plötzlich wurde mir schwarz vor den Augen, ich spürte erneut den Schmerz hinter dem Brustbein und klappte buchstäblich zusammen. Im letzten Moment klaren Denkens fiel mir ein, dass wir uns in F. befanden, wo zwar viel wunderschöne Natur, dafür aber weit und breit keine medizinische Notstelle war und hauchte deshalb meiner Tochter zu, sie solle die Rettung rufen. »Bitte kommen Sie, meiner Mama geht es schlecht«, höre ich sie noch sagen. Die Rettung landete in F. in Form eines Hubschraubers, am frühen Freitagnachmittag, und zwar gleich neben dem Gemeindeamt. Die Inszenierung konnte nicht besser, die Aufregung nicht größer sein. Der ganze Ort wusste sofort, was los war, eine professionelle Nachrichtenagentur hätte nicht besser funktionieren können. In Windeseile verbreitete sich im Dorf die Nachricht, dass ich wahrscheinlich schon tot sei. Mitten drin meine Tochter, die seitdem nie wieder Grießkoch essen wollte.
Nach einer Infusion vor Ort ging es mir etwas besser, so gelang es mir, mich sozusagen vor der Rettung zu retten. Die anwesende Ärztin wollte mich nämlich in eine aufblasbare Trage stecken und ins Krankenhaus nach Wiener Neustadt mit dem Hubschrauber transportieren, für mich der blanke Horror. Als ich spürte, wie das aufblasbare Bett vor allem meinen Hals einschnürte, überfiel mich ein – seit Jahren immer wieder präsenter – Anfall von Klaustrophobie, und ich sah in Panik das Ende nahen. Gott sei Dank erschien gerade noch rechtzeitig mein Mann, der, von unserer Tochter alarmiert, aus Wien angerast war und dabei in sämtliche Radarfallen gefahren war. Ich kratzte die letzten Reste meiner Kraft zusammen und erklärte, auf keinen Fall irgendwohin mit dem Hubschrauber geflogen werden zu wollen. Wir machten aus, dass mich die Sanitäter im Auto ins Krankenhaus nach Baden bringen sollten, das näher lag und zu dem mein Mann bessere Kontakte hatte.
Und wieder dasselbe: Untersuchungen, aber weder greifbare Ergebnisse noch eine Erklärung für meine Zustände. Einen Herzinfarkt konnten die Ärzte definitiv ausschließen, deshalb unterschrieb ich schnell einen Revers und fand mich nach einer fünfstündigen Odyssee in meinem Bett in F. wieder, wo ich die nächsten vier Tage beinahe unbeweglich liegen blieb. Ich war zu müde zu sprechen, zu lesen oder mich auch nur umzudrehen.
Aber auch Unfälle blieben mir nicht erspart. Abgesehen davon, dass mir vor lauter Hektik dauernd Dinge aus den Händen fielen und ich mich ständig irgendwo verletzte, kam es in F. auf eisglatter Straße zum Zusammenstoß meines Autos mit dem Auto einer Dorfbewohnerin. Gott sei Dank auf beiden Seiten nur ein Blechschaden, die Beule an meinem Kopf rechne ich nicht mit. Eine kleine Mahnung sozusagen. Ich verstand sie aber nicht, ebenso wenig wie ich in einem Seminar über Selbstfindung (ich besuchte diese Veranstaltung, weil ich doch irgendwie geahnt habe, dass mein Leben nicht so verlief, wie ich es gern hätte) es verstand, als mir die Seminarleiterin direkt in die Augen schaute und sagte: »Dagmar, bitte, bevor Du mit neuen Ideen und Projekten anfängst, musst du dich zuerst sammeln!« Was meinte sie denn damit? Es war mir damals zu dumm, zu fragen: Ich wollte nicht zeigen, dass es irgendetwas auf der Welt gab, das ich nicht verstehen konnte. Stattdessen nickte ich nur bedeutungsvoll und startete am darauf folgenden Montag eine neue berufliche Offensive.
Die letzte Mahnung dieser Art bekam ich durch einen Unfall mit meinem Hund Arthur, einem überaus dynamischen Labrador in der Hundepubertät, mit dem ich am späteren Abend »noch ein bisschen« joggen wollte. Meine Tochter war dabei. Wie gesagt, ich war überzeugt, dass meine entsetzliche Dauermüdigkeit auf meiner angeborenen Faulheit basierte, die ich nur mit Aktivitäten aller Art bekämpfen könnte. Arthur freute sich über den unerwarteten Lauf so sehr, dass er mit seinen vierzig Kilogramm und einer Extraportion jugendlichen Übermuts einen riesigen Satz nach vorne machte. Leider hielt ich seine Leine fest in der Hand, so musste ich, ob ich wollte oder nicht, völlig unvorbereitet den Sprung nach vorn zusammen mit ihm durchführen. Der Flug ins Unbekannte endete für mich äußerst unsanft. Ich landete mit meinem Gesicht auf der harten Asphaltstraße; bremsen konnte ich nur mit meinem Kinn.
Von heftigen Schmerzen übermannt, blieb ich regungslos liegen. Nach einigen Schrecksekunden fing meine arme Tochter an, in Panik nach mir zu rufen. Auch diesmal war sie es, die alles ausbaden durfte. Ich weiß nicht mehr, wie ich die hundert Meter nach Hause schaffte. Der Weg fühlte sich an wie eine Überquerung des Himalaya. Ich zitterte am ganzen Körper, das Blut floss von meinem Kinn, der Kopf fühlte sich an, als ob ich mit einem Mähdrescher traktiert worden wäre. Mein Kreislauf drohte definitiv zu versagen. Endlich im Bett, verbat ich meiner Tochter ausdrücklich, den Papa anzurufen, der in Wien gerade einen Nachtdienst absolvierte. (Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen, dass der Arzt in der Familie nie anwesend ist, wenn man ihn braucht.) Ich wollte meinen Mann nicht unnötig beunruhigen und dachte, auch ohne ihn zurechtzukommen. Meine Tochter achtete jedoch nicht darauf und tat, was notwendig war. Als mein Mann – wieder einmal – mitten in der Nacht von Wien nach F. eilte, war ich ihr unendlich dankbar dafür, dass sie so klug und selbstständig das einzig Richtige getan hatte.
Am nächsten Tag also wieder einmal das Badener Krankenhaus, Röntgen, schmerzhafte Reinigung und Zusammenkleben der Wunde (fürs Nähen war es bereits zu spät) und eine Halskrause. Summa summarum brachte mir der Unfall zwei Wochen Krankenstand, in denen ich aufgrund der Kieferverletzung kaum feste Nahrung zu mir nehmen konnte, außerdem eine tiefe Schnittwunde am Kinn, eine leichte Gehirnerschütterung und heftiges Kopfschütteln über die Ursachen von so vielen Missgeschicken. Heute verstehe ich es. Heute lebe ich unfallfrei.
Sie werden sich jetzt wahrscheinlich denken, dass ich nicht ganz bei Sinnen war und Sie haben recht. Das wahre Problem ist nur, dass die meisten Menschen in vergleichbarer Situation längst jedes Gefühl für sich selbst und ihren Körper verloren haben. Wenn ich noch Gespür für mich gehabt hätte, wäre ich niemals in eine solche Lebenslage gekommen. Sprechen Sie mit einem Workaholic nach einem gerade überstandenen Zusammenbruch. Er wird mit allen Mitteln versuchen, Sie zu überzeugen, dass es ihm bestens gehe und alle anderen maßlos übertreiben – obwohl genau hier die Chance zur Genesung liegt: gegen ALLE UMSTÄNDE Stopp zu sagen und sich am besten sofort in eine Therapie zu begeben. Leider schaffen es nur die wenigsten, ins Rad des Schicksals rechtzeitig einzugreifen. Meist muss es erst zu einer lebensbedrohlichen Krankheit oder einem schweren Unfall kommen, die entweder das Leben des Betroffenen auf eine mehr oder minder gewaltsame Weise beenden oder – wenn man Glück hat und überlebt – eine radikale Lebensveränderung erzwingen.
Musikforschung brutal
Auch ich spürte irgendwann, dass ich mein Leben nicht mehr allein bewältigen konnte. Meine Seele schrie nach Hilfe. Ich fühlte, dass mir mein Kummer längst über den Kopf hinausgewachsen war. Zu den gesundheitlichen und familiären Problemen – vor allem mit meinen Eltern, deren Ansichten bezüglich der zwei Waisenkinder meines Bruders sich komplett von meinen unterschieden – kamen auch berufliche Schwierigkeiten dazu. Ich interessierte mich sehr für die Geschichte der Musik, insbesondere für die Musik der Barockzeit, war aber gleichzeitig sehr verunsichert in Hinsicht darauf, ob ich mir mein Interesse überhaupt gestatten durfte. »Mach doch was Gescheites!«, war der Tenor in meinem Hinterkopf, der mich in regelmäßigen Abständen mahnte.
Ich träumte von einer sicheren Stelle in der Forschung oder besser gesagt von einer konkreten Stelle in einer bestimmten Institution, die noch dazu noch gar nicht ausgeschrieben, also noch nicht vakant war. Also entschied ich mich zu warten, arbeitete wie eine Besessene und ruinierte sukzessive meine Gesundheit mit unzähligen, in Summe betrachtet und auf die tatsächlichen Arbeitsstunden umgerechnet aber miserabel bezahlten Aufträgen. Nach mehrjähriger Wartezeit kam endlich der lang ersehnte Moment: Die Forschungsstelle in der auserwählten Institution wurde ausgeschrieben und ich bewarb mich dafür. Mittlerweile war ich für diese Stelle zwar eindeutig überqualifiziert, entschied mich aber in einem Anflug von Großzügigkeit, diese Tatsache zu ignorieren. Nicht aber so meine »Kollegen«, die in mir offenbar eine ernsthafte Bedrohung witterten. Da sollte jetzt jemand Neuer kommen, noch dazu eine Frau, die über eine höhere Qualifikation verfügt?
Da ich dort seit Jahren verlässlich auf freiberuflicher Basis ausgezeichnete Arbeit leistete – so zumindest das Feedback, das ich regelmäßig bekam –, erwartete ich, wie ich meine nicht ganz ohne Grund, dass die Belegschaft sich bei der Abstimmung für mich einsetzen würde. Meine damalige Naivität war grenzenlos. Die beiden Vorgesetzten hatten ihre viel jüngeren, dafür aber nicht überqualifizierten, Wunschkandidaten und ich war nicht darunter. Über das Ergebnis sollten jedoch nicht sie, sondern die Mitarbeiter entscheiden. Im Nachhinein erfuhr ich, dass die Kollegen 10:0 für einen anderen Kandidaten gestimmt hatten. Erst da wurde mir bewusst, dass dieses »Wahlergebnis« nur das Tüpfelchen auf dem »i« war, denn schon im Vorfeld gab es genug Aktionen und Anzeichen, die dieses Fiasko ahnen ließen, die ich aber standhaft ignorierte.
Meine Welt brach wieder einmal zusammen. Wie ein Puzzle fügten sich einzelne Erlebnisse vor meinem geistigen Auge zusammen. Ich begriff, dass all jene Menschen, die ich als meine Kollegen betrachtete und mit denen ich zusammenarbeiten wollte, bereits im Vorfeld sukzessive daran arbeiteten, mich offenbar ein für alle Mal loszuwerden. Auch das Vorstellungsgespräch verlief seltsam. Alle kannten mich, eine Vorstellung meiner Person und die Hervorhebung meiner Qualitäten und Qualifikationen schien also überflüssig zu sein – so dachte ich zumindest. Stattdessen wurde mir die Frage gestellt, ob ich die Frage der Kinderbetreuung verlässlich gelöst hätte. Heute könnte ich brüllen vor Lachen. Man fragte mich, eine habilitierte(!) Musikhistorikerin mit zwei Kindern (10 und 20 Jahre alt!), ob ich meine Kinderbetreuung organisieren konnte(!). Wie sonst hätte ich es geschafft, eine fünfhundert Seiten umfassende Dissertation, eine mehr als achthundert Seiten lange und von allen Begutachtern als ausgezeichnet bewertete Habilitationsschrift, fast einhundert – zum Teil sehr umfangreiche und anspruchsvolle – Lexikonartikel, zahlreiche weitere Aufsätze, mehrere Noteneditionen und Kinderbücher – das alles ohne Großeltern in der Nähe – zu produzieren?
Es war die bitterste Enttäuschung meines Lebens, ausgehend von Menschen, die ich mochte und beruflich schätzte. Man hätte mich zwar gebraucht, mein Wissen und durch jahrelange intensive Forschungsarbeit gewonnenen Kenntnisse wären für jene Institution von Bedeutung gewesen; die Zusammenarbeit sollte sich aber nach wie vor nur auf zeitlich aufwendige und unterbezahlte Werkverträge beschränken. Nach der elektronischen Absage auf meine Bewerbung (ich habe diese E-Mail gar nicht gelesen, schon während des Vorstellungsgesprächs fühlte ich, dass das Ganze eine Farce war) und einem weiteren, zu nichts führenden Gespräch mit einem meiner Fast-Vorgesetzten entschied ich mich endlich zum ersten notwendigen Schritt: Auf weitere Bewerbungen und Hoffnungen hinsichtlich jener Institution für immer zu verzichten. Meine Toleranzfähigkeit bezüglich einer weiteren Absage war unwiderruflich auf null gesunken.
Heute frage ich mich, warum ich mich damals überhaupt derartigen Situationen ausgesetzt habe. Finanziell wäre es nicht notwendig gewesen. Mein Mann war in der Lage, die Familie allein zu versorgen. Ich wollte aber unbedingt meinen Beitrag leisten und merkte dabei nicht, dass ich alles, was ich sonst noch neben meiner beruflichen Arbeit erledigte, komplett unterbewertet hatte. In meinen Augen zählte nur der berufliche Erfolg. Die Tatsache, dass ich für meine Familie mit ungeheurem Einsatz ein schönes Zuhause mit einem gut organisierten Haushalt und zwei bis drei warmen, frisch zubereiteten Mahlzeiten am Tag geschaffen hatte, zählte für mich gar nicht. Das war doch eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht sprach. Hier erkenne ich deutlich die Einstellung meiner Mutter wieder. Diese Haltung spiegelt aber auch die Meinung der Gesellschaft wider, nach der Hausarbeit und Kindererziehung auf der Werteskala der Tätigkeiten ganz unten stehen. Mittlerweile habe ich begriffen, dass ich diesen meinen Beitrag vor allem selbst anerkennen muss. Das, was ich für meine Familie mein Leben lang getan habe und noch immer tue, ist viel wert. Als ich krank wurde, mussten wir uns für einige Arbeiten in Haus und Garten Hilfe von außen holen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich erfahren, wie teuer diese Arbeit eigentlich ist. Da wurde mir bewusst, dass es zwei Zugänge zur Geldbeschaffung beziehungsweise Gelderhaltung gibt: Entweder Geld zu verdienen oder aber mit dem eigenen Einsatz dafür zu sorgen, dass weniger Geld ausgegeben wird. Heute sehe ich beide Tätigkeiten als völlig gleichwertig an.
Damals war es für mich jedoch nur »selbstverständlich«, dass ich neben meiner kräfteraubenden »Schreiberei« den gesamten Haushalt und Garten versorgte und meiner Familie noch dazu frisches, selbst gezogenes Gemüse lieferte. Mein Mann hatte doch seine anstrengenden Nachtdienste und die emotional aufwühlenden Quartett- und Orchesterproben, in denen er sich mit all seinen Kollegen, einer wahren Ansammlung von »Alpha-Tieren«, auseinandersetzten musste. Wenn er zu Hause war, brauchte er meiner Meinung nach selbstverständlich Ruhe. Fairerweise muss ich an dieser Stelle sagen, dass er mir – wenn er zu Hause war – nie seine Hilfe verweigerte. Er korrigierte meine sämtlichen Aufsätze und Bücher; ohne ihn wäre ich nie dort, wo ich jetzt bin. Das einzige Problem lag lediglich darin, dass er so selten zu Hause war. Angesichts seines äußerst respektablen Berufes getraute ich mich nie, meine Ansprüche durchzusetzen. Ich dachte, ich hätte kein Recht darauf, gegen sein musikalisches (wenn auch zeitlich höchst aufwendiges) Hobby anzutreten. Er brauchte doch einen Ausgleich nach den vielen anstrengenden und/oder schwer kranken Patienten. Ich schilderte meine durch und durch unbefriedigende Situation zwar meiner damaligen Psychotherapeutin, als sie mich aber aufforderte, nicht andauernd über die Bedürfnisse meines Mannes, sondern über MEINE Bedürfnisse zu sprechen, verstand ich wieder einmal überhaupt nicht, was sie meinte. Statt resolut auf den Tisch zu hauen und mit entschlossenem Blick eine Änderung seines Tagesablaufes zu verlangen, knirschte ich jedes Mal mit den Zähnen und warf zornig die Wäsche in die Waschmaschine, wenn er sich nach einem dreißigminütigen Aufenthalt zu Hause mit einem liebevollen Blick und Kuss auf die Wange von mir verabschiedete und zur Musikprobe eilte.
Selbstkritisch und mit einer gehörigen Portion Scham muss ich heute zugeben: Auch hier verließ ich mich feige auf meine Tochter. Als sie größer wurde, verlangte sie mehr und mehr nach ihrem geliebten Papa und schrie jedes Mal lautstark, als er zu einer Probe oder einem Konzert ging. Solange er noch zu Hause war, ließ ich sie brüllen, das war mein einziger »aktiver« Beitrag. Irgendwann wurde es ihm zu viel und er verließ zumindest das Streichquartett, meiner Tochter sei Dank.
Ruhe vor dem Sturm
Die Lage spitzte sich allmählich zu. Die unverarbeitete Trauer über die Verluste von drei geliebten Menschen, der körperliche und emotionelle Dauerstress hatten mich zunehmend erschöpft. Ich konnte nicht schlafen, wachte in der Nacht schweißgebadet auf und überlegte fieberhaft, ob ich in irgendeinem meiner Aufsätze nicht irgendeine wichtige Studie oder Information vergessen hatte. Mein Rücken schmerzte, meine Schultern schmerzten, auch der Schmerz meiner Seele wurde unerträglich. Ich konnte fast nicht atmen; es fühlte sich an, als ob auf meinem Brustkorb ein tonnenschwerer Felsenbrocken lastete. Meine Verdauung verweigerte mir zeitweise komplett den Dienst. Und die entsetzliche, bleierne Müdigkeit, die mich nach jedem Essen überfiel! Da ich oft und ziemlich viel aß – gutes Essen war die einzige Freude meines Lebens, die ich mir damals gestattete –, fühlte ich mich dauernd todmüde. Eigentlich war ich den ganzen Tag damit beschäftigt, mit Hilfe von unzähligen Espresso-Kapseln wieder irgendwie auf die Beine zu kommen. Die Angelegenheit mit meinen Kollegen hatte mir zusätzlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Enttäuschung darüber, wie mich jemand, mit dem ich über Jahre in bestem Einvernehmen erfolgreich gearbeitet hatte, in meinen Augen dermaßen gemein hatte übergehen können, verkraftete ich nicht. Ich beschloss, meine musikwissenschaftliche Forschung auf Eis zu legen und widmete mich meiner weiteren Tätigkeit, dem Kinderbuch. Ich schrieb und illustrierte, und während ich mit meiner Tochter und dem Hund Arthur spazieren ging, löste ich ihre (!) Probleme mit Mobbing in der Schule. Ist es nicht beängstigend zu beobachten, wie Kinder Verhaltensmuster ihrer Eltern übernehmen und sich mit denselben Problemen herumschlagen? In der wunderbaren Natur in F. gelang es mir, einigermaßen meine seelische Balance wiederzufinden, aber die bittere Enttäuschung in meinem Berufsleben blieb an meiner Seele haften und ätzte sich immer tiefer ein.
Es gab jedoch auch erfreuliche Lichtblicke in jener Zeit, die ich im Nachhinein absolut treffend als die »Ruhe vor dem Sturm« bezeichnen würde. Als Anhänger der alternativen Medizin, der Akupunktur und der Traditionellen Chinesischen Medizin wünschte sich mein Mann schon seit Jahren, China zu besuchen. Da er gerade seinen fünfzigsten Geburtstag feierte, beschlossen wir, dieses Jubiläum zum Anlass zu nehmen und den Wunsch zu verwirklichen. Wie zufällig flatterte uns ein Prospekt ins Haus, in dem spezielle China-Reisen für Ärzte, kombiniert mit einem Alternativprogramm von Qi Gong und chinesischer Malerei angeboten wurden. Für uns also wie maßgeschneidert. Vierzehn Tage um Weihnachten und Neujahr sollte mein Mann in einem chinesischen Krankenhaus in Sanya auf der chinesischen Halbinsel Hainan verbringen und ich mit meiner Tochter unter Palmen am Strand des Südchinesischen Meeres. Keine schlechte Option, wie ich fand. Als zusätzlichen Bonus gelang es mir, von meinem Mann die Erlaubnis für einen Aufenthalt im kommenden Herbst für drei Monate als »visiting academic« in Oxford zu erhalten. Anders als in Österreich wurde meine Forschungsarbeit im Ausland offenbar doch anerkannt. Durch die großzügige Hilfe von Jeremy Montagu, einem der weltweit bedeutendsten Instrumentensammler und -experten, bekam ich die Möglichkeit, an einem Oxforder College und in der berühmten Bodleian Library meine musikhistorische Forschung zu betreiben. Wir überlegten, wie sich die »Dinge« (d. h. Tochter, Hund, drei Katzen, Haus und Garten in F.) organisieren lassen würden, und beschlossen beides anzugehen.
Die Reise nach China gehört zu den schönsten Erlebnissen meines Lebens. Die chinesische Kultur und die Gartenarchitektur hinterließen nachhaltigen Eindruck auf mich. Auch der Heilige Abend unter Palmen und mein Mann im Weihnachtsmannkostüm, von allen Chinesen als Attraktion des Abends fotografiert, waren nicht zu verachten. Ich verfiel buchstäblich den wunderbaren Stränden und der Sanftheit der chinesischen Frauen. Jeden Morgen betrieben wir am Strand Qi Gong, mit dem leisen Schlagen der Meereswellen als Geräuschkulisse und einer mächtigen (500 Meter hohen, so schien es mir zumindest) Buddha-Statue im Hintergrund. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich an »unserem« Strand auf Hainan am liebsten Wurzel geschlagen. Dabei konnten wir uns überhaupt nicht verständigen. Auf Englisch verstanden die Menschen nicht einmal »good morning«, das Zeigen mit den Fingern nutzte auch nichts, weil die Chinesen etwa Zahlen anders zeigen. Diese absolute Isolation erzeugte jedoch himmlische Ruhe, die meine Welt mit Mobbing und beruflichem Frust ganz weit weg und unwirklich erscheinen ließ. Nur unsere Tochter fürchtete sich fortwährend, dort irgendwo einen gebratenen Hund aufgetischt zu bekommen. Unsere Beruhigungsversuche halfen nicht. Als sie auf einem riesigen Stadtmarkt in Sanya, einer Attraktion für sich, eine Schweineleiche mit Kopf entdeckte, hielt sie sie für einen toten Hund, rettete sich schreiend zu uns und wollte sofort wieder abreisen.
Was ich in diesem Zusammenhang noch ganz besonders hervorheben möchte, ist die chinesische Art der Ernährung. Wir bekamen WARMES Frühstück an einem wunderbaren Buffet mit allen möglichen gekochten, gedünsteten und gebratenen Köstlichkeiten in Form von allerlei Gemüsesorten, gefüllten Knödeln, Suppen und Algen. Brot, Butter und Marmelade lagen dagegen im letzten Eck der riesigen Restauranthalle und waren eigentlich nur für russische Touristen gedacht, die dort versuchten, ihre europäische Identität zu wahren. Auch Mittag- und Abendessen wurden warm serviert, mit viel, viel Gemüse, Reis, diversen ausgefallenen Teigwaren (bei denen man oft nicht unterscheiden konnte, ob es sich um echte Schnecken oder eben nur um sonderbare Nudeln handelte), mit fantastischem Fisch und Meeresfrüchten. Vor allem diese unglaubliche Gemüsevielfalt gibt es wahrscheinlich nur in China. Alles, was wächst und auch nur annähernd grün ist, wird gekocht und gegessen. Ich liebte die ausgezeichnete Hainan-Küche, die zu Recht zu den besten des Landes zählt. Und als positiver Nebeneffekt verschwanden alle meine mitteleuropäischen Verdauungsbeschwerden. Mein Innenleben lief wie am Schnürchen, was auch mein »Außenleben« ungemein positiv beeinflusste. An diese Erfahrung aus China sollte ich mich später immer wieder erinnern. Heute kann ich sagen, dass die Orientierung an der chinesischen Ernährungsweise ein wesentlicher Bestandteil meiner Genesung war.
Wie gesagt, die Reise war für mich und meinen Mann ein Volltreffer. Unsere Tochter hasst das Reisen, sie würde niemals zugeben, dass jene Winterferien in den Subtropen doch ihren Reiz hatten. Was ich jedoch im Nachhinein als problematisch betrachte, war der plötzliche Wechsel zwischen den Jahreszeiten. In F. herrschten minus 10 °C, auf Hainan plus 30 °C, dazu kam der Unterschied von mehreren Zeitzonen. In meinen Augen ist das eine ungeheure Attacke auf den Organismus, die in unseren Zeiten der grenzenlosen Mobilität meist völlig missachtet wird. Dasselbe dachte ich mir wieder, als ich zu Beginn meiner Chemotherapie das bereits erwähnte Buch Noch eine Runde auf dem Karussell von Tiziano Terzani las. Wie ich bereits erzählte, machte dieser Journalist nach seiner Krebsdiagnose ausgedehnte Reisen in ganz Asien, auf denen er verschiedene alternative Heilmethoden wie auch die Meditation ausprobierte. Ungeachtet seiner Krankheit und der gerade erst durchgestandenen Chemotherapie, bewegte er sich aber wie gewohnt und in relativ kurzen Zeitabständen zwischen New York, Hongkong, Indien, den Philippinen und dem Himalaja. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser stete Wechsel zwischen den Zeit- und Temperaturzonen und Höhenunterschieden der Wiederherstellung seiner Gesundheit zuträglich war. Vielmehr bedeutete dieses Reisen wahrscheinlich massiven Stress für seinen erkrankten Körper. Wie wir wissen, hat Terzani den Krebs trotz seines immensen Einsatzes leider nicht besiegen können.
Kurz gesagt, es war relativ einfach, in China die Winterkleidung abzulegen und sich am Strand zu sonnen. Nach der Rückkehr nach Hause brauchte es dagegen lange, bis sich mein Körper wieder an die eisigen Temperaturen gewöhnt hatte. Aus diesem Grund betrachte ich Fernreisen in den Süden im Winter als etwas für gesunde, robuste Menschen, die diese Veränderungen leicht wegstecken können. Auch dann sollte es sich aber um längere Aufenthalte handeln. Ein einwöchiger Urlaub im Winter in Thailand ist eine Herausforderung für den gesamten Organismus, von der ökologischen Belastung ganz zu schweigen. Erst anlässlich der Tsunami-Katastrophe wurde mir bewusst, wie viele Abertausende von Menschen in der Weihnachtszeit Flugreisen in den Süden antreten. Es ist zwar traumhaft, im Dezember unter Palmen zu liegen, vielleicht täte man aber besser, die Winterzeit in einer Therme oder in den herrlichen österreichischen Bergen zu verbringen.
Damals beschäftigten mich jedoch noch nicht Gedanken dieser Art. Im Gegenteil, ich bekam erst so richtig Reiselust. Von der berauschenden Kraft des Fliehens vor der Realität übermannt, überredete ich nur zwei Monate später meine Schwägerin Eva, die Osterferien mit mir in New York zu verbringen. Wir beide waren noch nie dort gewesen, unsere Ehemänner hatten keine Lust und waren anderwärtig beschäftigt, und so brauchte die Entscheidung nur wenige Minuten. Auch in New York verbrachten wir eine wunderschöne Zeit, inklusive Museen, Kultur, Theater und nicht zuletzt Porridge mit Zimt und Ahornsirup, den ich jeden Morgen am Eck vis-à-vis von unserem Hotel bekam.
Das warme Frühstück tat mir also schon damals sehr gut, ansonsten sah die Bilanz dieser Zeit so aus, dass ich innerhalb von drei Monaten zwei anstrengende Fernreisen unternommen hatte, noch nicht ahnend, dass sich in meinem Körper eine lebensbedrohliche Krankheit ausbreitete. Meine konstante Müdigkeit bekämpfte ich nach wie vor mehr oder minder erfolgreich mit steigendem Kaffeekonsum. (Eigentlich sollte ich von der Firma Nestlé für meine unerschütterliche Treue ein paar Aktien geschenkt bekommen; ich werde mich diesbezüglich erkundigen.) Auch schlief ich viel, eigentlich immer mehr und mehr, ohne auch nur einmal wirklich erholt aufzuwachen, und mit letzter Kraft betrieb ich Laufwettbewerbe mit meinem verrückten Hund. Die Tatsache, dass er immer und noch dazu mit einem leisen Lächeln der gelebten Überlegenheit gewann, frustrierte mich zusätzlich. Ich spürte zwar deutlich, dass etwas Grundlegendes mit meinem Körper nicht in Ordnung war, hatte aber keinen blassen Schimmer, was es sein konnte. Auch mein Mann reagierte nicht wirklich auf meine Wehklagen, denn erstens war er dauernd überarbeitet und zweitens hatte er mich seit Jahren nur jammern gehört. Es war für ihn also nichts Neues. Die üblichen Untersuchungen zeigten nichts Besonderes, den Besuch beim Frauenarzt ignorierte ich, weil ich meiner Meinung nach zu keiner der Risikogruppen gehörte. Ich rauchte nicht, nahm keine Pille, war nicht erblich vorbelastet, auch nicht übergewichtig und aß viel frisches Obst und Gemüse. Wenn ich mich vor etwas gefürchtet hatte, dann vor einem Gehirntumor durch zu viel Grübeln.
Inzwischen entschied sich unsere Tochter aufgrund des unerträglichen Mobbings, die Schule in B. zu verlassen (ein kluges Kind!) und ins Wiener Musikgymnasium zu wechseln. Da sie in ihre Wiege eine nicht zu übersehende musikalische Begabung gelegt bekommen hatte, unterstützten wir sie. In der Praxis bedeutete dies aber, nicht nur schnell einen Musiklehrer in Wien finden zu müssen und sie regelmäßig zum Unterricht zu bringen, sondern auch nach Wien zu übersiedeln. Das tägliche Hin- und Herfahren, insgesamt mehr als drei Stunden Fahrzeit, schätzten wir für sie als unzumutbar ein. Es war offenbar die richtige Entscheidung, denn eine neue Dachgeschoßwohnung in Wien wurde auf Anhieb gefunden und der Umzug rasend schnell organisiert. In meinen immer seltener werdenden dynamischen Phasen erledigte ich alles mit links (so redete ich mir das zumindest ein) auf die Art eines Autofahrers, der in kurzen Abständen zwischen Vollgas und Vollbremsung wechselt. Mein Mann arbeitete, ich kümmerte mich, im Übersiedeln und Schleppen von schweren Gegenständen gut trainiert, um den Rest.
Zu Beginn der Ferien war der Umzug mehr oder minder erledigt, die Wohnung stand aber noch leer, weil wir die Sommermonate auch künftig in unserem paradiesischen F. verbringen wollten. Ich veranstaltete noch einen Malkurs für die Dorfkinder, ein Erfolg wie immer, und sollte am darauffolgenden Montag mit meiner Tochter und zwei weiteren Mädchen zu einer befreundeten Familie nach Italien verreisen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Der laue Donnerstagabend vor dem Fernseher bei »Liebesgeschichten und Heiratssachen« veränderte mein Leben für immer.
Aus meinem Tagebuch
Die ersten Eintragungen in mein Tagebuch konnte ich erst zehn Tage später schreiben. Und erst nach drei Jahren war ich in der Lage, diese Notizen auch zu lesen.
Donnerstag, 10. Juli 2008
Ich sitze in unserem gemütlichen Wohnzimmer in F. und versuche, wenn auch todmüde, die Soap-Doku »Liebesgeschichten und Heiratssachen« im Fernsehen zu verfolgen. Eigentlich sollte ich schlafen gehen; die letzten Tage (oder Wochen oder Monate?) waren mehr als anstrengend für mich. Neben den endlosen Auseinandersetzungen mit meinen »Kollegen« machte mir insbesondere meine Tochter zu schaffen. Elf Jahre alt, an der Schwelle zur Pubertät und unglücklich in der Schule und mit sich selbst, forderte sie mich täglich zu psychologischen Höchstleistungen heraus. Ich versuchte ihr zu helfen, was allerdings nur selten gelang. Stattdessen hatte ich ein raunzendes Kind zu Hause, das seinen Protest gegen die ganze Welt in Form von allübergreifendem Chaos manifestierte. So fand ich die Socken meiner Tochter an den unmöglichsten Stellen (das Telefonbuch inbegriffen), ebenso wie verfaulte Jausen. Anderes, wie etwa der Fahrausweis, die Geldbörse oder der Hausschlüssel, verschwanden dagegen für immer. Ihr Jammern über die unmögliche Familie, in der sie aufwachsen musste (mit mir an der Spitze als der Mutter, die stark von allen normalen Müttern abwich und ihr das Leben ruinierte), zierte mein Leben wie die Litaneien die christliche Liturgie.
Trotzdem wollte ich mein irdisches Dasein mühelos meistern, siegreich und deutlich allen anderen Normalsterblichen überlegen. Hier eine kleine Liste davon: Erfolgreich und gefragt in meinem Beruf wollte ich sein (was mir trotz intensiver und mehr als kontraproduktiver Bemühungen meiner sogenannten »Kollegen« meist sogar gelang), eine zufriedene Partnerschaft und Familie haben, glückliche Kinder, ein (einigermaßen) repräsentatives Zuhause, einen wohlerzogenen Hund, der die Gäste nicht abschleckte und ihnen auch nicht die weggelegten Handtaschen auf dem Komposthaufen versteckte. Zu meinem Bild der persönlichen Mindestanforderung gehörte weiter ein gepflegter Garten (freilich mit den höchsten Gurken- und Tomatenerträgen im Ort), saubere Fenster und ein ansprechendes persönliches Äußeres. Und noch vieles mehr, wie etwa täglich mehrere Male leckeres warmes Essen auf dem Tisch, selbstverständlich selbst gekocht. Und außerdem wollte ich noch so einiges werden: Neben meinem Beruf als Musikhistorikerin hatte ich vor, mir auch als Malerin und Kinderbuchautorin einen Namen zu machen.
Seit Jahren mit all diesen Wünschen schwanger, saß ich also vor dem Fernseher und überlegte in einem zwanghaften gedanklichen Durcheinander, wie ich die nächsten Tage meistern sollte. Es stand einiges bevor. Eine einwöchige Reise nach Italien mit meiner Tochter und ihren zwei Freudinnen, die für sie Ferien, für mich jedoch eine Herausforderung bedeutete, wollte ich ihnen doch die Grundlagen des klassischen Zeichnens beibringen – wenn es sein musste, auch gegen ihren Willen. Einige organisatorische Dinge warteten da, die mit meiner geplanten dreimonatigen Reise nach Oxford Ende September und mit zwei wissenschaftlichen Symposien in Deutschland zusammenhingen. Schon der bloße Gedanke, mehrere Male zwischen Oxford, London und Deutschland hin- und herzuhetzen, bereitete mir heftige Übelkeit, die ich jedoch geflissentlich übersah. Man muss doch flexibel sein, andere Menschen fliegen auch dauernd hin und her. (Was ich noch nicht wusste: Andere Menschen sind vielleicht gesund …) Also Flüge buchen, Koffer packen. Die Vollendung unserer Übersiedlung nach Wien stand an. In der neuen Wohnung sollte allerdings kommende Woche der Fußboden gewechselt werden. Ein zusätzlicher Krampf in meinem Magen. Kommen die Handwerker wirklich …?
Auf einmal – ich weiß bis heute nicht warum, wie von einer höheren Instanz geführt – hob ich meinen Arm und griff an meine rechte Brust. Nach kaum zwei Sekunden fiel mir auf der Seite ein kleiner, harter Knoten auf. Später erinnerte ich mich, dass ich meine Hand exakt auf die Stelle gelegt hatte, an welcher sich der Knoten befand. Ich erstarrte. Eine Hitze überfiel mich, als ob jemand über mir einen riesigen Suppentopf ausgeleert hätte. Nein, das hat nichts zu bedeuten, versuchte ich mich zu beruhigen. Zur Kontrolle griff ich auch auf die linke Seite. Nichts. Und zurück auf die rechte Brust. Nein, der Knoten verschwand nicht, er war noch immer deutlich zu spüren. Wie in Trance, aber mit dem festen Vorhaben, keine Panik mehr in meiner aufgewühlten Fantasie entstehen zu lassen, ging ich unter die Dusche. Das Duschen konnte mich bis jetzt immer beruhigen, vielleicht schaffte das warme Wasser auch, etwaige Blutansammlungen in meinem Körper in Bewegung zu bringen und den Knoten aufzulösen. Nach zwanzig Minuten Duschen war der Knoten aber noch immer da. Ich ging ins Bett und betete, dass ich nächsten Morgen aufwachen würde und alles wie früher wäre.
Freitag, 11. Juli 2008
Es war fast halb neun, als ich wach wurde. Trotz der gestrigen Aufregung hatte ich ganz tief und entspannt geschlafen. Der erste Gedanke galt jedoch wieder der beunruhigenden gestrigen Entdeckung. Da ich mich so gut fühlte, dachte ich, dass der Knoten sich in dieser erholsamen Nacht vielleicht in nichts aufgelöst hätte. Nein. Er war noch immer da. Ich ging zum Telefon und rief in der Ordination eines Radiologen in B. an. Ich wollte sofort einen Termin bei der Mammografie bekommen. Sofort, das hieß eineinhalb Stunden später. Noch immer war ich ganz ruhig und dachte nicht im Entferntesten daran, ernsthaft erkrankt zu sein. Gut, die monatelang andauernde Müdigkeit gehörte irgendwie zu meinem Leben, ich war aber trotzdem felsenfest davon überzeugt, gesund zu sein. Also lief ich in die Garage, wo ich in dem Chaos nach der Übersiedlung meine alten Mammografie-Bilder finden wollte. Eine unsichtbare himmlische Kraft half mir offensichtlich auch jetzt. Bald hielt ich einige riesige Umschläge mit diversen Röntgenbildern meiner Familie in der Hand. Zwischen dem Knöchel meines Sohnes und dem Schädel meines Mannes fand ich Gott sein Dank auch meine zwei Brüste. Gut, jetzt kann der Arzt alles vergleichen und sehen, dass es mir an nichts fehlt. Nicht ich, sondern die anderen werden krank. Mich betrifft das alles nicht. Ich möchte mich nur absichern.
Meine einzige Sorge drehte sich jetzt noch um meinen Mann. Um ihn nicht unnötig zu beunruhigen, wollte ich ursprünglich alles für mich behalten, dann fiel mir aber ein, dass ich eine Überweisung für die Mammografie brauchte. Eine eher seltene Kombination: Mein Ehemann ist gleichzeitig mein Hausarzt; ohne diese dumme Überweisung brauche ich gar nicht zur Untersuchung zu fahren. Also gut. Ich griff zum Telefon und wählte seine Nummer. Er meldete sich bald. Ich erkannte allerdings an seiner Stimme, dass er müde und gereizt war. Er hatte einen Nachtdienst hinter sich. Es war sicher nicht einfach, gleich danach wieder in der Ordination zu sitzen und zahlreiche Patienten mit ihren großen und kleinen gesundheitlichen Beschwerden zu betreuen. Ich beschränkte mich auf das Wesentliche. »Hallo, Christian, entschuldige bitte die Störung, aber ich habe einen Knoten in meiner rechten Brust entdeckt … Kannst Du bitte dem Radiologen XY … eine Überweisung faxen?« Ein paar Sekunden Stille am anderen Ende. »Was? … Wo? …«, konnte ich schließlich hören. Die präzise digitale Telefonleitung machte die Fassungslosigkeit meines Mannes überdeutlich. Ich versuchte ihn noch schnell zu beruhigen, viel wichtiger war mir in jenem Moment aber, das Gespräch schnell zu beenden.
Ich zog mich an, teilte meiner Tochter mit, dass ich zum Arzt fahre, und verließ das Haus. Was ich nicht wusste: Ein paar Minuten später rief meine Schwiegermutter an, um mit uns ein wenig zu plaudern. Florentina, aufgeregt wie sie war, schilderte ihr brühwarm die Geschichte mit dem Knoten in meiner Brust.
Nach der Anmeldung in der Ordination setzte ich mich im Wartezimmer nieder und wartete. Ich griff nach einigen Zeitungen und begann zu lesen. Seltsamerweise fielen mir nur prallbusige Schönheiten auf und ich bekam fast das Gefühl, dass sich das Leben und die mediale Berichtserstattung ausschließlich um die weiblichen Brüste drehten. Bevor ich allerdings weitere Überlegungen zu diesem Thema anstellen konnte, wurde ich aufgerufen. Der Untersuchungsraum war nur spärlich beleuchtet. Ich versuchte, das als gemütliche Wohnzimmeratmosphäre auszulegen. Unnötig zu sagen: Ich hasse Krankheiten, sämtliche Untersuchungen, gesundheitliche Einrichtungen aller Art, ich hasse das Kranksein. Die Besuche beim Frauenarzt sowie die Mammografie stehen dabei ganz oben auf der Skala. Mein Verstand verbot mir zwar, die nötigen Vorsorgeuntersuchungen ganz aus meinem Leben zu eliminieren, ich hielt die ärztlichen Besuche aber auf einem Mindestmaß. Für die verschiedenen Wehwehchen wie Schnupfen, Husten, Kopf- oder Kreuzschmerzen hatte ich meinen Mann.
Die anwesende Röntgenassistentin war noch ziemlich jung und sehr nett. Deshalb versuchte ich, meine Missstimmung über den verdorbenen Vormittag (eigentlich wollte ich meinen Flug nach London buchen) im Rahmen zu halten, als sie mit den Aufnahmen begann. Oh Gott, lass diese Zeit schnell vergehen, dachte ich mir und atmete um fünf Zentimeter höher und tiefer als üblich.
Danach wartete ich auf das Ergebnis. Ursprünglich hieß es, der Befund würde erst am Montag vorliegen, die Intervention meines Mannes bei seinem Kollegen bewirkte aber, dass ich bereits eine Viertelstunde später mit dem Radiologen sprechen konnte. »Sie haben im Vergleich zu den früheren Aufnahmen viel mehr Verkalkung in der rechten Brust«, teilte er mir mit einer unaufgeregten Stimme mit. »Na ja«, dachte ich, »irgendwann verkalken wir doch alle …« Seine Diagnose hörte sich noch nicht bedrohlich an. »Sieht der Knoten wie ein Tumor aus?«, wollte ich wissen und ging aufs Ganze. »Nein, nein, aber sie sollten den Befund unbedingt mit einer Biopsie abklären lassen«, beruhigte mich der Arzt, etwas zu übereifrig. Ich wollte mich schnell beruhigen lassen. »Biopsie? Ist die Untersuchung schmerzhaft?« Meine panische Angst vor Schmerzen ließ einen überdimensionalen Dinosaurier in meiner Fantasie entstehen, der mich mit einer einzigen Bewegung zu erdrücken versuchte. »Nein, haben Sie keine Angst, die Untersuchung ist völlig schmerzfrei«, ließ er mich wissen.
Als ich zwanzig Minuten später den schriftlichen Befund in meinen Händen hielt, läutete mein Handy. Zwischen mir und meinem Mann besteht eine seltene seelische Verbindung, die einen bloßen Gedanken an ihn sofort in ein Handyklingeln verwandelt. Manchmal ein Vorteil, manchmal ein Nachteil. Diesmal war ich froh. Ich zog den Befund aus dem Umschlag und begann vorzulesen. Inhaltlich konnte ich die hier vorhandenen Feststellungen, in üppige Fachsprache eingepackt, nicht immer einordnen; es fiel mir aber die Länge des Berichts auf. Irgendwie zu ausführlich. Irgendwie zu viele kleine Details. Irgendwie wollten sich meine Brüste nicht mehr so benehmen, wie ich es von ihnen erwartet hätte. Irgendwie hatten sie einen selbstständigen Weg eingeschlagen. Völlig gegen meinen Willen. Eine Revolution in meinem Körper, die ich nicht mehr unterdrücken konnte. Eine seltsame Kraft direkt aus der Hölle. In mir, nur dreißig Zentimeter weit von meinem meist klar (dachte ich zumindest) denkenden Kopf entfernt. Wie gibt es denn so etwas? Bin ich nicht mehr Herrin meines eigenen Körpers?
»Was heißt das alles? … Was soll ich machen?«, fragte ich meinen Mann. Wir überlegten gemeinsam, wo ich diese verdammte Biopsie machen lassen könnte. Christians schlichte Antwort »in irgendeiner chirurgischen Abteilung« ließ meinen Adrenalinspiegel erneut stark ansteigen. Ich habe Angst vor Chirurgen. Seit meiner unnötigen Blinddarmoperation vor mehr als fünfundzwanzig Jahren kann ich die Vorstellung nicht loswerden, dass Chirurgen Freude am Schneiden haben.
Um 13.00 Uhr kam mein Mann nach Hause und ich begrüßte ihn mit seiner Lieblingsspeise: Marillenknödel. Ich dachte, mit den Marillenknödeln könne ich so etwas wie ein Stück Normalität und Sicherheit in unser Leben zurückbringen. Immer, wenn ich Marillenknödel aß, ging es mir gut. Meine Mutter machte sie, meine Großmutter machte sie, es war immer im Sommer und die Welt war in Ordnung.
Auch diesmal gelang es mir, mit den Marillenknödeln zumindest vorübergehend eine etwas entspannte Situation zu schaffen. Ich wusste noch nicht, dass diese Minuten die letzten ruhigen für etliche kommende Monate sein würden.
Freitag 11. Juli 2008, 16.00 Uhr
»So, wie es aussieht, ist der Tumor bösartig … Wir wollen auf jeden Fall eine komplette Heilung anstreben … Mit den Therapien danach haben sie sehr hohe Heilungschancen … Das müssen Sie in Ihre Gesundheit investieren …«
Wortfetzen drangen in mein rechtes Ohr ein wie scharfe Gewehrschüsse. Ich hätte mir gewünscht, dass sie den Körper durch mein linkes Ohr wieder verlassen würden. Das taten sie aber nicht. Jedes Wort brannte sich in mein Gedächtnis ein, während die Welt um mich aufhörte, sich zu drehen. Ich saß benommen auf einem unbequemen Plastiksessel in der Ambulanz eines Krankenhauses, umgeben vom schummrigen Licht der versteckten Neonröhren, und versuchte, nicht zuzuhören. Ich glaubte in dem Moment, dass ich im Tiefschlaf läge und gerade hilflos einem bösen Traum ausgeliefert sei. Der Arzt schaute mich an. Seine Brille spiegelte meine Erstarrung wider, die mir aber in jenem Augenblick wie abgeklärte Ruhe und Ausgeglichenheit vorkam. In seinen Augen sah ich Besorgnis und Ernst, die ich aber als Beschwichtigung und Beruhigung lesen wollte. Ich hielt ganz fest die Hand meines Mannes und wünschte, bald aufzuwachen. Ich sprach nicht, denn im Traum spricht man nicht, dachte ich. »Wann wache ich auf?«, fragte ich mich die ganze Zeit. »Wovon spricht er eigentlich?« Ich bin doch hierher nur deshalb gekommen, um zu erfahren, dass das Ganze nur eine Lappalie ist und dass ich mich nicht unnötig, sozusagen wegen jedem Unsinn, aufregen soll!
Der Arzt empfiehlt mir, meine Reise nach Mailand zu stornieren.
Erst nach mindestens einer Stunde fange ich an zu reden. Wir sind schon längst wieder auf der Autobahn, auf der Fahrt zurück nach F. Aus den Worten werden jedoch schnell Tränen, die diesmal vergeblich versuchen, meine Seele zu reinigen. Mein Mann schweigt und bemüht sich nach Kräften, das Auto auf der richtigen Fahrbahnseite zu halten. Zu Hause angekommen rufe ich die Mütter meiner Schüler an und sage den Unterricht für die nächsten Wochen ab. Es meldet sich zum ersten Mal etwas in mir, das ich als den gesunden Menschenverstand bezeichnen möchte, und ich frage mich, wo, um Gottes Willen, er die ganze Zeit geblieben ist. Ich fühle, dass ich meine Belastungen dringend reduzieren muss. Das erste Opfer soll unser Labrador Arthur werden. Wir müssen eine neue Familie für ihn finden. Die Wiener Wohnung, in der wir ab September wohnen werden, ohne Garten und mit einer Chemotherapie am Hals, das wäre zu viel für uns alle und auch für den übermütigen Arthur. Zum ersten Mal fange ich an, Prioritäten zu setzen. Was ist wichtiger: Soll ich mich ohne Rücksicht auf Verluste um meinen Hund kümmern, dem ich die Treue versprochen habe, bis dass der Tod uns scheidet (wobei mein Tod vielleicht noch vor seinem eintreten würde) oder aber um MICH? Und ich fühle immer deutlicher, dass ich nie wieder in die Bibliothek gehen und meine sogenannten »Kollegen« sehen will.
Das Wochenende vor der Operation verbringe ich wie in Trance. Gespräche mit meinem Mann. Er versucht mich zu beruhigen, ich glaube ihm nicht. Mittagessen beim »Schwarzen Adler« in Altenmarkt; denn niemand von uns ist in der Lage zu kochen. Während des köstlichen Hauptganges weine ich, die Wirtin zeigt berechtigte Verunsicherung. War vielleicht etwas nicht in Ordnung? Von mir kommt keine Antwort, statt dessen eine andere, unausgesprochene Frage: »Wie wird das Leben weitergehen?« Meine Tochter weint nach dem Mittagessen. Ich bin von der ganzen Diagnose derart überrumpelt, dass ich nicht einmal dazu gekommen bin, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich die schreckliche Nachricht meinem Kind beibringen soll.
Wir fahren nach Hause. Der Garten verrät mich. Die Bäume, der Rasen und die Sträucher kommen mir grüner vor als vorher, die Rosen blühen und Arthur führt sein übliches Begrüßungsritual durch. Die Welt scheint trotz meiner Erkrankung weiter zu funktionieren. Diese Gleichgültigkeit meinem Schicksal gegenüber kann ich nicht verstehen. Ginge es nach mir, hätte ich die ganze Landschaft dunkelgrau, anthrazit oder bestenfalls violett angestrichen.
Erschöpft lege ich mich ins Bett. Als ich aufwache, steht Christian neben meinem Bett und teilt mir mit, dass er mit seiner Schwester Eva, meiner Schwägerin, gesprochen hat. Sie und ihr Mann haben ihren Urlaub in Kärnten abgebrochen und eilen nach Hause. In jenem Augenblick kann ich ihre Entscheidung, den lang ersehnten Urlaub zu unterbrechen, noch nicht wirklich nachvollziehen. Vielleicht zeigt sich am Montag im Krankenhaus, dass das Ganze ein Irrtum sei ...
Eva verspricht zu kommen. Ich rufe auch meinen Sohn an und bitte ihn zu kommen. Es ist schwierig, denn sonntags gibt es kaum Busverbindungen zwischen unseren Wohnorten, die beide am Ende der Welt liegen, nur an entgegengesetzten. Mein Sohn wohnt seit ein paar Jahren bei seinem Vater in B. Er spricht mit seiner Stiefmutter, die zwar zuerst keine Lust hat, mit ihren drei Kindern das Taxi für ihn zu spielen, nach einer Erklärung startet sie aber das Auto und liefert Lucas vor der Haustür ab. Ich bin ihr sehr dankbar.
Eva kündigt an, bei uns in F. zu bleiben und sich um unsere Tochter zu kümmern. Erst jetzt dämmert es mir, wie unverzichtbar ihre Rückkehr nach Hause für uns alle eigentlich ist. Eine riesige Sorge weniger. Wie der weitere Abend verläuft, weiß ich nicht mehr.
Sonntag, 13. Juli 2008
Eva ist da. Ich ernte im Garten fünf riesige Gurken und einige Zucchini, die in der Zwischenzeit ganz ohne mein Zutun gigantische Ausmaße bekommen haben. Die Fülle der Gartenschätze lässt mich meine Tragödie für eine Weile vergessen. Danach schließe ich mich in der Küche ein und kreiere ein aufwendiges Mittagessen: Hühnerkeulen auf Salbei und Weißwein, Rote Rübe mit Dille, Rote Rübe mit Rucola, Kartoffeln, gebratene Zucchini für meine Tochter, eine Rindsuppe. Ich kochte so ziemlich alles, was mir die im Haus vorhandenen Zutaten erlauben. Das Kochen als das Erden meiner Psyche. Wenn’s möglich gewesen wäre, wäre ich am liebsten die nächsten sechs Monate ohne Unterbrechung in der Küche gestanden. Gegessen habe ich dagegen kaum etwas.
Um die Mittagszeit kommt Lucas. Ich schaffe es, Witze zu machen. Wir lachen, ich spüre aber zugleich deutlich die Angst und das Mitgefühl meines Sohnes. Wir hatten es lange Zeit nicht leicht miteinander, ich als bodenständiger und sturer Steinbock, er als unbekümmerter und wendiger Zwilling, der sich über alle scheinbaren Notwendigkeiten des Lebens elegant erhob. Lange Zeit konnte ich nicht verstehen, dass er seine eigene Wahrheit verfolgte. Er zeigte mir auch, eigentlich sein Leben lang, dass meine Auffassung, der einzige Sinn der irdischen Existenz liege darin, zu arbeiten bis man tot umfällt, mehr als fragwürdig ist. Das heißt nicht, dass er faul wäre. Er bestimmte nur immer genau, schon als Kind, wo er sich anstrengen möchte und wo eben nicht. In der letzten Zeit, vor allem nach seinem Zivildienst, war er sehr gereift und wurde nun zu meiner ganz wichtigen Stütze. Ich liebe meinen großen, tollen Sohn.
Am Nachmittag beschäftigt sich Lucas mit Florentina. Sie streiten nicht, das macht den Ernst der Lage überdeutlich. Eva und ich gehen mit Arthur spazieren. Ich wähle Wege, an denen wir kaum Menschen treffen können. Ich will mit niemandem reden, ich will nicht grüßen und nicht lächeln müssen. Die Bewegung an der frischen Luft tut mir gut und lässt meine Situation ein wenig erträglicher werden. Ich mochte meine Schwägerin schon immer sehr und seit unserer gemeinsamen Reise nach New York im März sind wir uns noch viel näher gekommen. Ich nenne sie seitdem meine »sister in law«, wobei ich mehr Betonung auf »sister« als auf »in law« lege. Wir reden, zunächst über Belangloses, danach geht es zum Kern der Sache. Ich frage mich, wie alles – mein Leben, meine Ehe – weitergehen soll. Obwohl ich die Zeit zu dritt mit unserem Kind immer als wunderschön empfand, bekam unsere Partnerschaft nur wenig Raum. Ich äußerte zwar immer den Wunsch nach ein paar Tagen Zweisamkeit, für Christian nahmen aber seine Arbeit, seine musikalischen Aktivitäten und unsere Tochter die ersten drei Plätze in seinem Leben ein. Ich fühlte mich als Ehefrau auf ein Nebengleis gestellt. In den ersten Jahren versuchte ich noch dagegen anzukämpfen, danach zog ich mich beleidigt zurück. Die letzte Zeit war von Resignation erfüllt. Unser Leben verlief zwar in geregelten Bahnen und es fehlte mir an nichts. Aber da war ein Vakuum, eine gewichtslose Leere, die man nicht angreifen und deshalb auch nicht bekämpfen konnte. Und nun? Würde mein Mann mit einer todkranken Frau leben müssen?
Am Abend dachte ich, mein Kopf würde zerspringen. Am Montag sollte sich meine Mutter einer Hüftoperation unterziehen und ich hatte schon seit Wochen große Angst, dass sie die Operation nicht oder aber nur mit Schäden überleben würde. Sie war nicht mehr mobil, übergewichtig, mit hohem Blutdruck und in schlechtem körperlichen Allgemeinzustand. Ich hätte sie gern angerufen und mich am Telefon ausgeweint, wollte sie aber nicht vor ihrer schweren, in der Folge bereits dritten Gelenksoperation belasten. Auch meinen Kindern erteilte ich Sprechverbot. Meine Eltern erfuhren von meiner Krankheit erst, als ich nach der Operation wieder zu Hause zurück war. Ich schonte sie wie immer, auch dann, wenn ich ihre Unterstützung bitter nötig gehabt hätte.
Ich packe meinen kleinen, aus New York mitgebrachten Koffer. Zuerst stopfe ich eine Unmenge von Büchern hinein, die ich dann wieder aussortiere. Intuitiv ahne ich, dass Simone Beauvoirs existenzialistisch gefärbte Autobiographie Memoiren einer Tochter aus gutem Hause wohl nicht die beste Krankenhauslektüre für mich sein würde. Das Buch wird wieder aus dem Koffer entfernt. Ein Buch in Englisch, russische und italienische Erzählungen, beide Taschenbücher im Original. Ein Lehrbuch der englischen Grammatik. (Ich hoffte noch immer, nach Oxford fahren zu können.) Ich nehme mir viel vor für den Krankenhausaufenthalt. Intellektuelle Herausforderung als bewährte Flucht vor der Realität. Nach einigen Minuten wird mir durch das Gewicht des Gepäcks die Unsinnigkeit meines Tuns bewusst und ich nehme fast alle Bücher aus dem Koffer wieder heraus.
In der Nacht liege ich in inniger Umarmung mit meinem Mann im Bett. Er sagt mir nach langer Zeit wieder einmal, dass er mich liebt.
Montag, 14. Juli 2008
Wir wachen um halb sechs auf. Oder besser gesagt: Christian wacht auf; ich habe gar nicht schlafen können. Bereits angezogen sitzen wir an der Bettkante. Im Schlafzimmer ist es noch dunkel. Wir beide weinen. Es ist seltsam, aber ich empfinde die Tränen meines Mannes als riesige Erleichterung. Er zeigt mir, was er empfindet. Aus einem stark introvertierten Mann wird mein Christian, der sich traut, Gefühle zu zeigen. Vielleicht war das alles doch für etwas gut. Draußen regnet es. Als ob der Himmel bewusst das passende Wetter zu diesem Trauerspiel inszenierte. Während der Autofahrt äußere ich den Wunsch, ganz weit wegzugehen. Gehen und gehen und gehen. Ganz weit weg, ohne die Last des Alltags. Mein Mann meint, dass ich dabei vielleicht auf gefährliche Gedanken kommen könnte. Vielleicht ganz weg zu bleiben … vielleicht für immer …? Ein mächtiger, elektrischer Stoß schießt durch meinen Körper. Er hat ins Schwarze getroffen. Obwohl unausgesprochen, wussten wir beide, woran wir denken. Unsere Ehe … Offenbar vermissten wir beide etwas.
Wir fangen an, miteinander zu sprechen. Ich traue mich endlich, meinem Mann all das zu sagen, was mir in den letzten Jahren auf meiner ramponierten Seele lag. Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.
Als ich aber die Krebsstation betrete, breche ich innerlich zusammen. Ich habe so etwas in meinem Leben noch nie gesehen, die lebensbedrohliche Krankheit in ihrer Höchstkonzentration, mit all den sichtbaren Nebenwirkungen der Chemotherapie, der intensiven Beklommenheit in der Luft und ergrauten Gesichtern. Graue Haare habe ich dagegen nicht gesehen, denn Haare waren kaum welche da.
Man zeigt mir mein Zimmer. Ich hoffe insgeheim, zumindest eine nette Zimmergenossin zu bekommen, mit der ich mein Leid teilen kann. Der Blick auf die Belegschaft zeigt mir jedoch, dass ich die kommenden Tage bereits aufgrund des großen Altersunterschiedes offenbar in völliger Isolation verbringen werde. Die alte Dame nebenan entpuppt sich jedoch als angenehme Zimmergenossin. Sie schweigt und lässt mich schweigen, das Beste, was mir passieren kann. (Am Ende unseres Aufenthaltes haben wir uns so richtig lieb geschwiegen. Ihre Schwester arbeitet als Hebamme auf der Geburtenstation und so können wir an einem Abend unsere nagelneuen Erdenbürger bewundern. Es gibt vier Stück dort, ein Baby süßer als das andere. Wunderhübsche, frisch gekämmte Frisuren, süße Händchen und das herzige Dauernuckeln. Neues Leben und Hoffnung, ich würde sie am liebsten alle vier nach Hause mitnehmen.) Ich befreie mich langsam aus meinem isolierten Glasturm akademischer Überheblichkeit und nehme die Menschen um mich herum wahr. Angesicht der Todesangst verschwindet so mancher Unterschied in Bildung oder sozialem Status. Was zählt und hilft, ist Mitgefühl und ein offenes, warmes Herz.
9. 00 Uhr
Vom Schock innerlich erstarrt sitze ich auf einem Sessel und weigere mich standhaft, das mir angebotene Bett als mein neues Zuhause zu betrachten. Ich weine nicht, vergesse aber zu atmen. Draußen ist es bewölkt, in meiner Seele der Himmel schwarz, ein bedrohlicher Tornado am Horizont. Bald wird mich der Sturm komplett niedermähen, und zwar in Form einer ärztlichen Visite.
Ich habe wegen der diversen geplanten Untersuchungen noch nicht gefrühstückt (aufgrund des Schocks habe ich eigentlich schon seit zwei Tagen kaum etwas gegessen), als der Herr Primarius mit der gesamten Belegschaft erscheint. Wenn es mir nicht so scheußlich ginge, müsste ich lachen, der typischen Konstellation dieser Visite wegen. Als Erste die wichtigste Person mit der aufrechtesten Körperhaltung und der lautesten Stimme. Dann die zweitwichtigste Person mit einer etwas leiseren Stimme, einem Hauch von Ehrfurcht in der Körperhaltung, aber einem unbändigen Ehrgeiz in den Augen. Es ist ja nur eine Frage der Zeit, wann sich dieser Ehrgeiz in einen Karrieresprung, eine adäquate Körperhaltung und eine lautere Stimme verwandelt. Danach folgt eine für den Patienten undefinierbare Masse an nickenden Köpfen und wissenden Blicken. Niemand will hier als unwissend auffallen, deshalb weckt diese weiß gekleidete Gruppe den Eindruck, als ob sie mit einem Zauberstab und Abrakadabra alle Krankheiten der Welt vertreiben könne. Ich frage mich, wann sich dieses unnötige Überheblichkeitsgehabe der Ärzte und das Hierarchiedenken zwischen Arzt und Patient endlich in eine sinnvolle Zusammenarbeit und gegenseitige Achtung verwandeln. Es ist mir klar, dass es eine Verantwortung tragende Person geben muss, die Entscheidungen trifft, in der Wirtschaft hat jedoch Jack Welch schon vor Jahrzehnten vorgemacht, wie das Abschaffen von starren, autoritären Strukturen sich positiv auf die Qualität und Effizienz der Arbeit auswirkt. In den Spitälern herrscht aber offenbar noch immer das Mittelalter. Die Halbgötter in Weiß polieren ihr oft nur mangelhaft entwickeltes Selbstwertgefühl durch einen Blick von oben und mit einer Überheblichkeit, für die man als Mensch in schwerster Not kein Verständnis aufbringen kann.
»Wie geht es ihnen, Frau Glüxam«, fragt mich der Herr Primar, während ich verkrampft zu Boden starre, mit aller Kraft versuche, nicht zu weinen und mir noch immer überlege, wie ich dem Ganzen entfliehen könnte. Normalerweise bin ich nicht auf Titel fixiert, auf der anderen Seite hasse ich es, wenn jemand rücksichtslos Tatsachen ignoriert und mich auf brutale Weise nur auf meine Krankheit reduziert – in den Krankenhäusern leider gängige Praxis. Die akademischen Titel werden stillschweigend abgeschafft: an den Namenskärtchen an der Tür und am Bett und in der Anrede. Die Ärzte muss man freilich ansprechen, wie es sich gehört: Herr Primarius, Herr Oberarzt, Frau Doktor. Man könnte einwenden, sie sind im Dienst, der Patient aber sozusagen in seiner Freizeit, also befreit von seinem irdischen Status. Der Arzt David Servan-Schreiber schreibt über seine Erfahrungen als Patient mit einem Gehirntumor: »Ich geriet in eine graue Welt, in der die Patienten keinen Titel, keine Qualifikation, keinen Beruf hatten. Hier interessierte sich niemand dafür, was man im Leben machte oder was einem durch den Kopf ging. Das einzig Interessante an mir war oft nur die neueste Aufnahme meines Gehirns …« (Das Antikrebs-Buch, S. 36).
Abgesehen davon, dass man sich für sich selbst angesichts der bedrohlichen Situation zumindest etwas wie ein Stückchen der Normalität bewahren möchte, kann diese Ignoranz mitunter zu skurrilen Situationen führen. Wie etwa bei meinem Mann, als er einmal mit massiver Übelkeit im Krankenhaus landete. Auch er, obwohl selbst Arzt, wurde plötzlich – sogar bei Ärzten, die viel jünger waren als er selbst – nicht mit Herr Doktor, sondern mit Herr Glüxam angesprochen, worüber er sich ziemlich ärgerte. Er wollte mitwirken an seiner Genesung, wollte ein Gespräch und einen Meinungsaustausch mit seinen Kollegen führen, stattdessen wurde er wie ein unmündiges Objekt behandelt. Offenbar geht das Hierarchiedenken so weit, dass ein niedergelassener praktischer Arzt mit fünfundzwanzig Jahren Berufserfahrung in der Hierarchie weiter unten steht als ein blutjunger Turnusarzt in einem städtischen Krankenhaus.
Ich habe meine Dissertation und meine Habilitation nicht abgeschrieben, sondern unter harten Umständen – als nicht deutschsprachige Forscherin und Mutter von zwei Kindern – in jahrelanger mühsamer Arbeit erarbeitet. Ich bin stolz auf meine Leistung. Ich möchte meine Leistung respektiert sehen.
Meine Situation im Krankenhaus empfand ich als extrem erniedrigend. Es ist peinlich genug, sich von wildfremden Männern (warum gibt es noch immer so wenig Frauenärztinnen, Himmelherrgott?), die ich nie zuvor gesehen habe, die Brüste und das Innenleben begutachten zu lassen. Die Angelegenheiten, die mit meinem Körper zusammenhängen, sind etwas sehr Intimes für mich, und ich erwarte, dass die Ärzte sich dessen bewusst sind. Wird einem in so einer Situation auch noch der Titel stillschweigend weggenommen, ist es, als ob man nur auf den NICHT FUNKTIONIERENDEN Körper reduziert wäre. In meinem Fall schrumpfte mein ganzes Dasein auf den Knoten in meiner Brust zusammen. Ich fühlte mich beschämt und sehr verletzt.
»Wie geht es ihnen, Frau Glüxam«, fragt der Kopf der Visite. »Super«, antworte ich mit Mühe, ohne auch nur für einen kurzen Moment aufzublicken. Wenn man Respekt erfahren will, Herr Primar, muss man sich selbst respektvoll benehmen. Er wie ich, beide haben wir in unserer Laufbahn die höchste akademische Qualifikation erreicht, die man erreichen kann. Ich sehe nicht ein (seit ich meine Person nicht mehr ausschließlich über meine Leistung definiere, noch viel weniger), warum ich von ihm von oben herab behandelt werden sollte. Ich weiß zwar nicht viel über Brustkrebs, bin aber auf einem anderen Gebiet top und verfüge außerdem noch immer über den Körper, über den gesprochen wird. Es geht mir durch den Kopf, dass der Besitz von Sachgegenständen offenbar allgemein weitaus mehr Wertschätzung hervorruft.
Da ich mit den Tränen kämpfe, sehe ich mich nicht in der Lage, meine Rechte einzufordern. Herrn Primar entgeht allerdings nicht der sarkastische Ton in meiner Stimme. Offenbar, um das Gesicht vor seiner kopfnickenden Mannschaft zu bewahren, geht er auf mich los. Es rollt eine verbale Lawine über mein Haupt, welche die letzten Reste meiner Selbstbeherrschung wegspült. Während ich hemmungslos weine, hält er mir einen Vortrag: »Wenn sie wollen, dass wir ihnen helfen (er spricht die Worte »Sie« und »Ihnen« hörbar mit kleinen Buchstaben aus), müssen sie (schon wieder ein kleines »s«) mit uns in Kontakt treten!« Mein Problem ist allerdings, dass ich NICHT WILL, dass mir JEMAND HILFT. Ich will nämlich nicht krank sein, ich will nicht auf der Krebsstation sein, ich will nicht operiert werden. Da die Ereignisse so rasend schnell über mich herfielen, bin ich noch überhaupt nicht in der Lage, meine Krankheit zu AKZEPTIEREN.
Der gute Herr Primar, trotz seiner sechshundert Jahre Berufserfahrung, steht also komplett daneben. Kein Mensch, nicht einmal der Herr Primar, hat das Recht über jemanden zu urteilen, der sich gerade ganz offenkundig in der schlimmsten Phase seines Lebens befindet. Eine anwesende Schwester, für mich in jenem Moment ein auf der Erde niedergelassener Engel, traut sich, leise zu piepsen: »Der Dame geht es nicht gut …« – »Ja, das sehe ich, dass es ihr nicht gut geht (mit drei Ausrufzeichen)!« Wie er aber mit Patientinnen umgehen muss, um eine Vertrauensbrücke zu bauen und ihnen tatsächlich helfen zu können, das hat er ganz offenkundig trotz seines fortgeschrittenen Alters noch nicht gelernt.
»Am schnellsten läßt sich Vertrauen und Unabhängigkeit des Patienten herstellen, wenn man ihn menschlich behandelt, seinen Schmerz mit ihm teilt und es vermeidet, die Rolle eines Lebenrettungsmechanikers zu spielen.« (Bernie S. Siegel, Prognose Hoffnung, S. 175).
Ich verlasse fluchtartig das Zimmer. Mein Mann, der mir die ganze Zeit nicht von der Seite gewichen ist, läuft mir nach. Auf dem Gang nimmt er mich in den Arm und sagte: »Du kannst gar nicht reden, stimmt’s?« Er hat recht. Ich fühlte mich unglaublich erniedrigt und gedemütigt. Noch monatelang beherrscht dieses Erlebnis meine Träume und meinen Alltag.
Ich ahne jedoch nicht, dass dies erst der Anfang ist. Man schickt mir zwar sofort eine Psychologin, eine junge Dame mit einer beeindruckenden Oberweite (das Schicksal hat offenbar beschlossen, mich ordentlich durchzurütteln), die aber eben erst ihre Ausbildung beendet hat. Sie bemüht sich ehrlich um mich, ich merke aber schnell, dass sie meiner Sache nicht gewachsen ist. Ich verstehe nicht, warum man einerseits Geld für einen Psychologen ausgibt, andererseits aber diese Stelle mit einer Person besetzt, die schon aufgrund ihres Alters die ihr gestellte Aufgabe – Betreuung von todkranken Menschen – vermutlich nicht bewältigen kann. Das Gespräch mit ihr kommt mir vor, als ob sie am Strand Eis schleckend seelenruhig einen kommenden Tsunami betrachten würde. Ich brauche echte Hilfe, aber die bekomme ich erst ein halbes Jahr später, und zwar anderswo.
Noch immer ohne Frühstück, komplett geschwächt, werde ich zur Biopsie geführt. Man verspricht mir, dass ich nichts spüren werde. Stattdessen habe ich das Gefühl, dass ich bei lebendigem Leibe durchbohrt werde. Man hat offenbar zu früh begonnen, noch bevor die Anästhesie vollständig wirken konnte. Ich brülle wie am Spieß, der offenbar ratlose Arzt, der schlecht deutsch spricht und auf die Fragen meines Mannes nicht verständlich antworten kann, gießt zusätzliches Anästhetikum in meine Venen hinein. Und zwar so viel, dass ich kurz danach kollabiere.
Noch bevor das passiert, verlange ich, dass man mich über solche Untersuchungen ordentlich aufklärt. Hätte ich gewusst, was mir bevorsteht, hätte ich der Untersuchung nur mit Vollnarkose zugestimmt.
Dienstag, 15. Juli 2008
Heute hätte ich nach Mailand fliegen sollen. Stattdessen fliege ich ungebremst auf den Abgrund meiner Seele zu. Der Tag ist mit Warten auf die Befunde ausgefüllt. Am Vormittag rede ich noch mit der Psychologin. »Sagen sie bitte ihren Kollegen, dass ich künftig adäquat aufgeklärt werden möchte«, deponiere ich noch einmal überdeutlich. Das hätte ich nicht machen sollen. Oder vielleicht doch und noch deutlicher?
In den späten Vormittagsstunden sagt mir mein Mann, dass auch bei ihm ein Verdacht auf eine schwere Erkrankung bestehe. Nach der Erfahrung mit mir weigert er sich aber standhaft, sich einer Biopsie zu unterziehen. (Erst etwa zwei Jahre später (!), die er zum Teil mit einer strengen Diät verbrachte, konnte mit den neuesten diagnostischen Methoden Entwarnung gegeben werden.) Ich fühle mich wie in einem schrecklichen Horrorfilm, aus dem es kein Entrinnen gibt. Noch immer hoffe ich, dass die bevorstehenden Untersuchungen zeigen werden, dass alles ein Irrtum war und ich kerngesund bin. Es passiert doch immer wieder, dass Befunde vertauscht werden, rede ich mir ein.
Woran soll ich eigentlich zuerst denken? An meine frisch operierte Mutter mit ihren hunderttausend Beschwerden? Ich habe sie nach ihrer Operation gar nicht angerufen, war allzu sehr in meinem eigenen Lebenskampf verstrickt. Ich hätte es nicht geschafft, während des Gesprächs nicht in Tränen auszubrechen.
Oder soll ich lieber an die bevorstehende Operation und die Schmerzen denken, vor denen ich mich entsetzlich fürchte? Als ich zwanzig war, wurde ich am Blinddarm operiert. Man hatte mit der Operation offenbar zu früh begonnen, denn ich war zwar bereits narkotisiert, konnte aber noch den ersten Schnitt mit dem Skalpell in meine Bauchdecke spüren, ein Erlebnis, das bis heute nicht verblasst ist. – Diese Ohnmacht, wenn man Schmerzen spürt, sich aber nicht wehren kann. Ich habe panische Angst davor, dass es wieder passieren wird.
Oder soll ich an meinen Mann denken, der vielleicht ebenso schwer krank ist wie ich? Oder an meine elfjährige Tochter, deren Welt sich in wenigen Stunden auf drastische Weise verändert hat? Das Leben ihrer beiden Eltern scheint ernsthaft bedroht zu sein. Ich weiß nicht, wie es wirklich um mich steht, ob sich in meinem Körper bereits Metastasen verbreiten, ob ich überleben werde oder nicht. All das wissen die Doktoren auch nicht, die wenig später über mich urteilen. Sie fragen nicht nach dem Grund meiner äußerst labilen Verfassung.
Es wird vereinbart, dass ich am Nachmittag die Ergebnisse der Biopsie erfahre. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ich doch zu den wenigen Fällen auf der Welt gehöre, bei denen sich ein ganz böse aussehender Tumor in eine harmlose Laune der Natur verwandelt. Ich warte mit »meiner« Psychologin in einem Besprechungszimmer, mein Mann verspätet sich etwas. So kann er nicht miterleben, zu welchen Taten seine Kollegen fähig sind.
»Die Urteilsverkünder kommen«, sage ich sarkastisch zur Psychologin, noch nicht ahnend, dass ich mir gleich noch viel mehr anhören muss als die schreckliche Diagnose. Die wird mir, genauer gesagt, eigentlich gar nicht mitgeteilt. Da ich es gewohnt bin, zwischen den Zeilen zu lesen, verstehe ich die Hiobsbotschaft aus dem Zusammenhang. »Alle meine Kollegen sind sich einig, dass ihre (mit kleinem »i«) Schwierigkeiten nicht im psychologischen, sondern im psychiatrischen Bereich liegen (auf Patientisch: = ich bin bescheuert) … Seit fünfzehn Jahren werden diese Untersuchungen durchgeführt und noch nie ist ein vergleichbarer Fall passiert (= nur ich bin bescheuert, alle anderen sind normal). Wir sind uns nicht sicher, ob sie (kleines »s«) zurechnungsfähig sind, und deshalb können wir sie nicht operieren (= da ich bescheuert bin, wäre es am besten, wenn ich gleich sterben würde. Patienten, die Probleme machen, können wir hier nicht gebrauchen).« Ungeheure Wut bäumt sich in mir auf. Ich fange an zu schluchzen, versuche dabei gar nicht mehr, mich irgendwie zu beherrschen.
Am schlimmsten ist aber in jenem Moment, dass »meine« junge vollbusige Psychologin einträchtig mit ihren Kollegen im Vier-Viertel-Takt nickt. Ich fühlte mich verraten in einem gigantischen Vertrauensbruch. Im Nachhinein begreife ich, dass sie in ihrer instabilen Position offenbar viel mehr an der Fortsetzung ihrer Karriere als an der Loyalität mir gegenüber interessiert ist. Ein Grund mehr, derartige Posten mit Menschen zu besetzen, die ihren beruflichen Ehrgeiz bereits anderswo befriedigen konnten. Im Geiste hätte ich sie am liebsten auf den Mond geschossen. Sieben gegen eins. Fünf Ärzte, eine Krankenschwester und sie, alle gegen mich.
Der Psychiater, ein älterer Herr mit Brille, kommt bereits einige Minuten später. Ich schildere ihm kurz und in klaren Sätzen, was passiert ist: dass ich auf den Befund gewartet habe, dessen Inhalt mir gar nicht gesagt wurde, dass stattdessen die Ärzte bereits begonnen hatten, den Termin der Operation zu besprechen, dass mir offiziell noch gar nicht mitgeteilt worden war, dass ich Krebs hatte! Die Ärzte waren mir seit Beginn meines Aufenthaltes im Krankenhaus und ohne sich dessen bewusst zu sein um zwei Schritte voraus gewesen. In ihrer alltäglichen Routine, in der sie nichts anderes taten, als Frauen mit Brustkrebs zu behandeln und Chemotherapie zu verabreichen, war ihnen entgangen, dass mein Wissensstand und meine Kenntnis der Situation nicht im Geringsten mit der ihren übereingestimmt hatte. Auch unterschied sich mein Fall deutlich von anderen, in denen Frauen mehr Zeit gehabt hatten, mit ihrer niederschmetternden Diagnose irgendwie zurechtzukommen. Anstatt mir zumindest Zeit zum Aufatmen zu lassen, hatten die Ärzte mich hinter sich her geschleift wie einen zu reparierenden Gegenstand.
Der Besuch des Psychiaters dauert höchstens fünf Minuten. Er schüttelt nach meinem Bericht den Kopf. Nach der Krankenschwester in der Früh die erste menschliche Reaktion des Tages. An seinem Gesichtsausdruck merke ich, dass er von meinem gesunden Urteilsvermögen mehr als überzeugt ist. Er verspricht, sein psychiatrisches Gutachten schnell weiterzuleiten. »Das ist alles, was ich für Sie jetzt tun kann«, sagt er. »Das reicht mir, danke vielmals«, verabschiede ich mich von ihm.
Er schließt hinter sich die Tür. Ich bleibe sitzen und warte, was passieren wird. Es passiert tatsächlich etwas, und zwar sofort. Auf einmal spüre ich, wie diese unverschämten Anschuldigungen, diese himmelschreiende Arroganz und Ungerechtigkeit mich aus meinem Schock, aus meiner Erstarrung herausreißen. Plötzlich spüre ich eine Zuversicht und Kraft, die ich mir noch vor ein paar Minuten nicht hätte vorstellen können. Mir schießt die Technik der paradoxen Intervention durch den Kopf, einer Vorgangsweise in der Psychotherapie, bei der die Patienten absichtlich seelisch erschüttert werden, um auf diese Weise ihre durchlebten Traumata zu lösen. Ich glaube jedoch nicht wirklich an eine Absicht. Zu raffiniert wäre das für die brutalen Krankenhausumstände, in denen Technik und messbare Daten längst den wahren Zugang zum Patienten verstellt haben. Vielmehr sind meine Schutzengel erwacht, ist meine Urkraft zurückgekehrt. Die Angst ist weg und ich bin mir plötzlich ganz sicher, dass alles gut gehen wird.
Bald danach kommt Christian. Er merkt sofort die Veränderung. Es bleibt nur die Angst, dass die Operation wegen des mir zu Unrecht bescheinigten Verrücktseins tatsächlich verschoben wird.
Dann kommt per SMS (Gott lobe die Mobiltelefonie!) die erlösende Nachricht von meinem Frauenarzt: »Die Operation ist für morgen festgesetzt, ich komme zu Ihnen.« Mein Mann schaltet seinen Laptop ein und wir suchen gemeinsam nach Informationen im Internet. Ich bin zum ersten Mal bereit, mich mit meiner Krankheit zu beschäftigen. Wir lesen gemeinsam die Berichte betroffener Frauen und ich merke, dass ich mich gar nicht abartig verhalte. Diese Erkenntnis verschafft mir spürbare Erleichterung. Ich bin normal. Mein Körper versagt mir zwar den Dienst, mein Verstand funktioniert aber noch voll und ganz.
Abends um halb neun kommt endlich mein Frauenarzt, der uns den Verlauf der Operation erklärt. Als ich erfahre, dass er mich gemeinsam mit seinem Kollegen (mit demjenigen, der mich Stunden vorher auf einen Schandfleck in der Geschichte des Krankenhauses dezimiert hatte) operieren wird, bin ich dankbar und erleichtert zugleich. Mein Frauenarzt hat eine buchstäblich narkotisierende Wirkung auf mich. Seine Ruhe und Gelassenheit bewirken, dass mich selbst die von ihm als sehr wahrscheinlich eingestufte Chemotherapie nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen kann. Ich bedauere, dass er nicht auf der Station beschäftigt ist. Stattdessen werde ich in den kommenden Monaten zu spüren bekommen, wie es ist, eine Privatpatientin von »jemand anderem« (also nicht von den Stationsärzten) zu sein. Der Konkurrenzkampf und die manchmal gar nicht subtilen Reibereien zwischen den »Kollegen« lassen mich an meine eigenen Erfahrungen denken, mit dem Unterschied, dass es in der Musikwissenschaft nicht um Menschenleben geht. Als Patientin mit chemotherapeutischen Infusionen in den Adern fühlt man sich zwischen den Fronten wie zwischen zwei Mühlsteinen.
Mittwoch, 16. Juli 2008
Die Vorfälle der letzten Tage, die mir den Ruf einer in der Geschichte des Krankenhauses einmalig sonderbaren Patientin verschafft haben, führen offenbar dazu, dass ich wie ein rohes Ei behandelt werde. Ich könnte nicht sagen, dass dies meine Absicht war, aber vielleicht rütteln meine Emotionen auch an jenen des behandelnden ärztlichen Personals.
In der Nacht schlief ich tief. Die letzten fünf de facto schlaflosen Nächte bewirken, dass ich am Operationstag nicht in der Lage bin aufzuwachen. An meinem Bett hängt ein Schild »nüchtern«, das mich vom Frühstück befreit und mir zusätzliche Zeit im Bett erlaubt. Ich bemühe mich aufzustehen, um auf die Toilette zu gehen. Dann schlafe ich wieder ein.
Ein ziemlich junger Anästhesist, der mich unglaublich an meinen Freund Christoph erinnert (gutes Zeichen), kommt und erklärt mir den gesamten Verlauf der Operation. Er verspricht mir, dass ich keine Schmerzen spüren werde und ich glaube ihm. Er konnte sein Wort tatsächlich halten. Leider habe ich es verabsäumt, mich rechtzeitig nach seinem Namen zu erkundigen, um mich bei ihm bedanken zu können.
Ich schlafe wieder ein. Die Schwester weckt mich, um mich für den OP umzuziehen. Ich schlafe. Keine Spur von Nervosität oder Angst, ich bin zu erschöpft, um aufgeregt zu sein. Wie der Operationssaal aussieht, kann ich nicht feststellen. Ich höre nur eine weibliche Stimme, die meinen Namen ruft. Die Schwester glaubt, dass ich bereits narkotisiert bin. Den Stimmen nach fahren verschiedene Personen mit meinem Bett herum.
Offenbar einige Stunden später: Ich komme mir vor wie ein Nudelsieb. Überall in meinem Körper sind Löcher und Schläuche. Ich bestelle eine Rindsuppe und kann eine halbe Stunde später aufstehen.
Donnerstag, 17. Juli 2008
In der Früh kommt mein Frauenarzt zu mir. Erst jetzt nehme ich bewusst wahr, dass er mich in seinem Urlaub operiert hat. Wie vielen Menschen habe ich um Gottes Willen heuer schon den Urlaub verdorben?
Lucas kommt. Ich habe Angst vor der Chemo und den grauenhaften Nebenwirkungen. »Wir wollen dich haben, alles andere ist egal«, sagt er. Mein Sohn ist mit seinen zwanzig Jahren emotionell reifer als der Herr Primar.
Die erste Veränderung, die ich nach meinem Wachwerden veranlasse, ist der Wunsch nach einer anderen Psychologin. Die bekomme ich auch tatsächlich Tage später. Sie empfiehlt mir Antidepressiva. »Wann, wenn nicht jetzt?«, fragt sie mich. Nie, denke ich, während ich das Rezept in meine Handtasche stecke.
Montag, 21. Juli 2008
Visite mit dem Herrn Primar. Er versucht, mit mir zu scherzen. Seine Bemühungen bleiben ohne Erfolg. Ich möchte nicht scherzen. Ich möchte mich nicht bemühen. Das ist zwar unhöflich, aber ganz wichtig für meine Genesung.
Ich schreibe und das tut mir gut. Meine schweigsame Zimmergenossin, mit der ich die Geburtenstation besucht hatte, verlässt das Krankenhaus. Statt ihr kommt eine ungefähr vierzigjährige mollige und resche Dame. Sie ist bestens gelaunt, scherzt mit den Krankenschwestern, während ich noch tiefer in meinem Ich versinke. Ich will mit niemandem reden.
Ich habe viele Patientinnen im Krankenhaus erlebt. Jede Patientin verhielt sich angesichts ihres gefährdeten Lebens anders. Das muss erlaubt sein.
Am Nachmittag schleppe ich mich durch das Krankenhaus zum Knochenscan. Das Gerät verursacht in mir eine Riesenangst. Als der große Teil direkt über meinem Kopf landet, ergreift mich Panik. Der Arzt steht neben mir, hält meine Hand und sagt auf die Sekunde genau, wie lang ich dieses Martyrium noch durchstehen muss. Drei Minuten Ewigkeit. Danach warte ich auf den Befund. Eine nette und höfliche japanische Ärztin versichert mir, dass meine Knochen schön und symmetrisch und ganz ohne Auffälligkeiten seien. Juchhe! Keine Knochenmetastasen. 1 : 0 für mich!
Die neue Patientin nimmt im Gegensatz zu mir Schlafmittel und schläft tief und fest. Ihr vitales Schnarchen bringt mich zur Verzweiflung. Ich mache Lärm, um sie aufzuwecken, jedoch ohne Erfolg. Dafür aber erfahre ich beim Ultraschalltermin am nächsten Tag, dass meine Leber wunderschön sei. Höchste Zeit also, sie mit einer Chemotherapie zu quälen.
Dienstag, 22. Juli 2008
In der Früh werde ich von einem Helfer des Krankentransports aufgeweckt, der meine neue Bettnachbarin zur OP bringen soll. Ich dagegen gehe auf die Dermatologiestation. Ich bin hellhäutig und habe viele Muttermale, werde irgendwie sensibler auf meinen Körper. Im Keller sitzend muss ich trotz des fixierten Termins eine Stunde lang warten. Bis mir schlecht wird. Ich melde gequält meine Übelkeit und siehe da, plötzlich komme ich an die Reihe. Man sollte frisch operierte Patienten doch lieber nicht auf einem harten Plastiksessel und ohne anständige Lüftung so lang warten lassen. Dann Entwarnung. Meine Haut scheint (noch) in Ordnung zu sein … 2 : 0 für mich!
Mittwoch, 23. Juli 2008
Heute werde ich entlassen. Nach dem Frühstück ruft mich mein Frauenarzt an und bespricht mit mir die Einzelheiten bezüglich der geplanten Chemotherapie. Als ich versuche, das Handy fest am Ohr, jedes Wort aufmerksam aufzunehmen, kommt die Visite. Ich deute an, dass ich gerade nicht kann (3 : 0 für mich).
Nach der Visite, die meinerseits wie üblich einsilbig verlaufen ist, versuche ich, auf dem Gang mein Tagebuch weiterzuschreiben. In dem Augenblick, als ich meinen Laptop hochfahre, steht mein Operateur neben mir. Ich bin zu einem Waffenstillstand bereit. Angesicht der Tatsache, dass er mich mit seinem entsetzlichen Verhalten aus meiner Schockstarre geholt hat, entscheide ich mich großzügig, ihm zu vergeben. Wir reden darüber und ich sage ihm, dass ich mich aufgrund seiner, wenn auch nicht beabsichtigten, »paradoxen Intervention« entschieden habe, ihn nicht wegen seelischer Grausamkeit zu klagen. Er sieht mich verwundert an und versteht gar nichts. Er möchte mir gleich die Nähte entfernen. Irgendwie bin ich aber noch nicht so weit, denn ich habe das Gefühl, dass mein Körper und auch meine Seele noch eine Weile irgendwie – zumindest mit Nähten – zusammengehalten werden müssen.
Während des Ziehens der Nähte plaudern wir ein wenig. Er erzählt von den Arbeitsumständen im Krankenhaus und mir wird bewusst, dass er wie jeden Tag auch an jenem Nachmittag selbst unter massivem Druck stand. Nach einigen Operationen, die er an jenem Tag absolvieren musste, wurde er mit meiner zusammengebrochenen Welt konfrontiert. Einen Menschen in meiner Lebenslage konnte er nicht mehr verkraften. Viel Arbeit, viel Stress, wenig Bezahlung … wir lesen es schließlich fast täglich in der Zeitung. Ich schätze die Situation also richtig ein. Jeder Täter ist zugleich auch ein Opfer. Ich entscheide mich, diesem Mann definitiv zu verzeihen, nicht zuletzt weil er als Operateur exzellente Arbeit geleistet hat.
Aber ich erzähle ihm in aller Ruhe meine Sicht der Dinge. Davon, dass ich mit dem Kopf nach vorn und ganz ohne Vorwarnung ins eisige Wasser geworfen wurde. Wie ich gar nicht zum Nachdenken, geschweige denn zur Bewältigung der Situation kommen konnte. Am Freitagnachmittag die Diagnose, am Montag der Beginn des Martyriums. Und davon, was ich inzwischen von anderen Patientinnen, über das Internet oder direkt im Krankenhaus erfahren habe. Es geht uns Patientinnen allen gleich, mit dem Unterschied, dass andere Frauen sich vielleicht etwas länger mit der neuen Situation auseinandersetzen konnten. Und er sagt mir, dass er dies in dieser Form noch von keiner Patientin gehört hat. Kann es sein, dass nicht nur die Ärzte mit den Patienten, sondern auch die Patienten mit den Ärzten zu wenig reden?
Die Zeit bis zum Termin bei meiner neuen Psychologin verbringe ich auf dem Gang sitzend. Plötzlich überfällt mich Schwermut. Ich kann nicht lesen, auch nicht schreiben, bin noch immer wie erstarrt. Eine indische Schwester kommt zu mir, hält mich an der Hand und versucht, mir Mut zu geben. Ihre Schwester traf ein ähnliches Schicksal, vor vier Jahren. Sie sagt mir, dass ich es mit Beten versuchen solle und strahlt dabei so viel Menschlichkeit aus, dass mir warm ums Herz wird.
Zurück auf der Station, warten schon mein Mann und meine Tochter auf mich. Ich habe Angst davor, nach Hause zu kommen. Ich habe Angst davor, dass ich mein Leben so, wie wir es immer gelebt haben, nicht mehr bewältigen kann. In der Garage des Krankenhauses wird mir schlecht und ich habe Angst umzukippen. Während der Autofahrt sprechen wir fast nicht. Zu Hause angekommen bin ich überrascht von der Ordnung. Alles ist sauber, die Wäsche gewaschen. Ein ausgezeichneter Stachelbeerkuchen (den ich nicht selber backen musste) und grüner Tee (wegen Antioxidantien) stehen auf dem Tisch. Mein Mann sah die vielen reifen Stachelbeeren im Garten und fand ein Rezept im Internet. Ich sehe, ein neues Zeitalter ist angebrochen.
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