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Cornelia Haller

Seelenfeuer

Bodensee-Roman


Zum Buch

Eine junge Frau, die für ihre Heilkunst büßen muss: ein großer historischer Roman. Die neunzehnjährige Luzia Gassner führt als Hebamme ein beschauliches Leben am Bodensee. Doch als ihre Mutter im Jahr 1483 stirbt, muss sie deren Nachfolge als Wehmutter von Ravensburg antreten. Dabei verlässt sie sich bei ihrer Arbeit nicht auf Gebete, sondern auf die Kräuterheilkunde und ihren medizinischen Sachverstand, den sie durch die Freundschaft zu dem jungen Medicus Johannes von der Wehr mehrt. Mit Bilsenkraut und beherztem Eingreifen rettet sie vielen Frauen und Neugeborenen das Leben. Damit fordert sie aber auch den Hass des mächtigen Kaplans heraus. Als ein Hagelunwetter und die Pest die Stadt verwüsten, ergreift der Kaplan die Gelegenheit, Luzia als Hexe anzuklagen. Einzig ihr Onkel und Johannes von der Wehr glauben an ihre Unschuld. Doch werden sie Mittel und Wege finden, Luzia vor dem Scheiterhaufen zu retten?

Cornelia Haller wurde 1966 in Immenstaad am Bodensee geboren. Sie stammt aus einer Familie, in der das Geschichtenerzählen Tradition hat. Vom Schreiben geträumt hat sie lange, verfasste zunächst Kurzgeschichten und schließlich ihren ersten Roman. Sie kocht gerne für die Familie und gute Freunde oder geht zum Skifahren in die nahen Alpen. Zu Recherchezwecken reist sie gerne und viel. Die Autorin ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt am Bodensee – eine Quelle der Inspiration für ihre historischen Romane.

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Alle Rechte vorbehalten

»Seelenfeuer« erschien erstmals 2012 beim Hoffmann und Campe Verlag

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung von: Digital image courtesy of the Getty’s Open Content Program: Joris Hoefnagel (Flemish / Hungarian, 1542–1600), Hyssop, Insect, and Cuckoo Flower, 1561–1562, Ms. 20 (86.MV.527), fol. 124, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles, Ms. 20, fol. 124;

Basil Thyme, Insect, and Herb Robert, 1561–1562; Ms. 20 (86.MV.527), fol. 126, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles, Ms. 20, fol. 126;

Lily-of-the-Valley, Pupa, and Land Snail, 1561–1562; Ms. 20 (86.MV.527), fol. 123, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles, Ms. 20, fol. 123

ISBN 978-3-8392-6842-1

Widmung

Für Andreas

1

Mit aller Kraft stemmte sich Luzia gegen den eisigen Atem des bitterkalten Christmondwinds. Ein Fortkommen war beinahe unmöglich, weil der Sturm die zarte Haut ihrer Wangen mit winzigen Eiskristallen malträtierte und an ihren Röcken zerrte. Mit steifen Fingern zog sie das wollene Tuch enger um die Brust. Die junge Wehmutter ärgerte über sich selbst, weil sie in der Eile des Morgens keine Laterne mitgenommen hatte. So war es kein Wunder, dass sie bereits zum zweiten Mal über eine schneebedeckte Wurzel stolperte. Doch die Zeit drängte, und an Umkehr war nicht zu denken.

Noch schlief die kleine Siedlung am Ufer des Bodensees tief und fest, nur der Wind und sie lieferten sich einen erbitterten Kampf, dessen Sieger noch lange nicht feststand. Während der Sturm erste Strähnen aus dem schweren Zopf löste, mit dem Luzia ihr fuchsrotes Haar in der Eile des Morgens gebändigt hatte, kam sie wieder ins Rutschen und fiel in den eisigen Schnee.

Keuchend erhob sie sich, um ihren beschwerlichen Weg fortzusetzen. Die dicke Schneedecke überzog die ausgetretenen Wege und glitzerte auf den weit hinabgeneigten Dächern. In der Dunkelheit wirkten die niedrigen Häuser wie bucklige, alte Weiber, deren Lebenslasten allzu schwer geworden waren.

Dort, wo sich die schmale Gasse gabelte, blickte Luzia hoffnungsvoll zum östlichen Horizont, obwohl sie wusste, es würde noch Stunden dauern, ehe das Licht des neuen Tages den schwarzen Fluten des winterlichen Sees entsteigen würde. Auf den Brachflächen zwischen den Häusern streckten Weiden ihre Äste wie gewaltige schwarze Finger in den düsteren Himmel. Ohne Laub wirkten sie knorrig und uralt. Der gefrorene Hauch des Frostes glitzerte im fahlen Mondschein, der manchmal zwischen den dunklen, fast schwarzen Schneewolken hervorschaute.

»Der volle Mond bringt die ungeborenen Seelen. So ist es schon seit Anbeginn der Zeit.« Die Worte der Tante formten sich in Luzias Kopf. In Gedanken gab sie Elisabeth recht. Die meisten Kinder machten sich in Vollmondnächten auf den Weg ins Leben.

Wenn sich also das Kind der Korbmacherin entschlossen hatte, an diesem unwirtlichen Christmondtag zur Welt zu kommen, so war es nur recht, wenn sie der werdenden Mutter in ihrer schwersten Stunde beistand. In der abgegriffenen Hebammentasche, die sie an ihren Körper presste, um sie vor der Nässe zu schützen, fanden sich deshalb neben einem Gefäß mit Schmalz die wichtigsten Heilpflanzen. Sie waren den Hebammen heilig. In jedem einzelnen Kraut verschenkte die Erdenmutter ihre Seele zum Wohl der Menschen.

Bald hatte Luzia den Schutz der Häuser verlassen und kämpfte sich durch kniehohen Schnee den leicht ansteigenden Weg hinauf.

Als sie, halbblind von den Schneeflocken, die ihr in den Augen brannten, ein weiteres Mal zu Boden stürzte, wäre sie am liebsten liegen geblieben. Um überhaupt etwas sehen zu können, schob sie sich das schneenasse Haar unter die Haube. Nur mühsam und unter Ächzen erhob sie sich wieder.

Wenn wenigsten Nepomuk bei ihr wäre. Aber der faule Pelz lag zusammengerollt auf der warmen Winterdecke am Fußende ihres Bettes. Bei schönem Wetter begleitete der rabenschwarze Kater die Wehmutter überall hin, und während sie in den Häusern ihrer Arbeit nachging, erleichterte der flinke Räuber Seefelden um ein paar fette Mäuse.

Hinter einer scharfen Biegung schien der Weg plötzlich zu enden. Während Luzia verwirrt stehenblieb, fragte sie sich, ob sie sich im dichten Schneetreiben verlaufen hätte. Noch immer misshandelten die scharfen Eiskristalle ihr Gesicht und ihre blaugefrorenen Hände. Wie alle Rothaarigen besaß auch Luzia eine sehr helle, zarte Haut. Ihre erinnerte an frische Milch. Weiß, rein und fast ohne eine Sommersprosse.

Verunsichert sah sie sich um, ehe sie ihren Weg langsam fortsetzte. Die eiskalte Luft brannte in ihren Lungen und machte das Atmen fast unmöglich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ein erschöpftes Schluchzen bahnte sich den Weg durch ihre Kehle.

Da! War das nicht das langgezogene Heulen eines Wolfes? Die Angst fuhr Luzia wie eine eisige Klinge durch die Eingeweide, und trotz der Kälte spürte sie, wie ihr der Schweiß auf die Stirn trat. Also war sie doch vom Weg abgekommen! Schließlich wäre sie in diesem Winter nicht die Erste. Ein paar Männer aus dem Dorf hatten erst gestern den Braunwart Sepp aus dem Schnee gezogen. Auch er war den falschen Weg gegangen und im tiefen Schnee erfroren. Die Wölfe hatten den Leichnam bereits so übel zugerichtet, dass selbst Pater Wendelin beim Anblick des Toten erschrocken war. Abermals hallte das Heulen mehrerer Wölfe vom nahen Wald her. Während ihr das Blut in den Ohren rauschte, hinderte sie lähmende Angst am Weitergehen.

»Geh weiter! Du bist auf dem rechten Weg!«, drang das kaum wahrnehmbare Flüstern an ihr Ohr. Die Schneeflocken glitzerten auf einmal wie verzauberte Kristallsterne. Perchta, die uralte Erdenmutter, die Hüterin der Elemente und des Wetters, war ihr also gnädig.

»Große Mutter, Quelle der ungeborenen Seelen, danke, dass du mir den sicheren Weg weist«, flüsterte Luzia dankbar.

Mit frischer Hoffnung stapfte sie weiter. Jetzt würde sie den Weg schaffen, und da vorne, war das nicht bereits die Schmiede, die ihr warmes Licht durch den dichten Vorhang aus Schneeflocken zu ihr sandte? Wenn sie erst bei der Schmiede angekommen war, war der Weg nicht mehr weit.

Ihre Gedanken eilten voraus und waren bereits bei der Frau des Korbmachers. Hoffentlich würde Anselma die Geburt gut überstehen. Und das Kind?

Irgendwo verfing sich der Wind in einem offenen Scheunentor und begann ein trauriges Lied anzustimmen.

Nach wenigen Schritten erreichte sie das Haus des Schmieds Sie hatte sich nicht getäuscht. Dort wurde schon gearbeitet. Luzia reckte ihren Hals, um durch die schmale, kleine Fensterluke zu spähen. In der Esse brannte bereits ein warmes, fröhliches Feuer.

Also hatte Matthias vor nicht allzu langer Zeit denselben Weg zurückgelegt wie sie. Diese Gewissheit wärmte ihr das Herz. Sie lehnte sich im Windschatten an das Fenster, um für einen Augenblick neue Kraft zu schöpfen.

Matthias war Geselle in der alten Schmiede. Daheim in der Fischergasse wohnten Luzia und er Haus an Haus. Sein Vater fuhr genau wie Luzias Onkel Jakob als Fischer auf den Bodensee hinaus, um Tag für Tag die Ernte des Wassers einzubringen. Vor sechs Jahren hatten sie sich kennengelernt, kurz, nachdem sie zur Frau geworden war und ihre Mutter sie aus Ravensburg weggeschickt hatte. Dreizehn war sie damals gewesen.

Matthias war für Luzia wie der große Bruder, den sie nie gehabt hatte. Sie mochte ihn sehr. Sein Humor vermochte selbst in der dunkelsten Stunde ein Licht zu entzünden. Luzia liebte ihn für seine Wärme und für die Gabe, ihr in den unmöglichsten Situationen ein Lächeln zu entlocken. Für all seine Unbeschwertheit und Fröhlichkeit. Er war breitschultrig und groß gewachsen und wirkte wie ein gutmütiger Bär.

Oft glitzerten seine braunen Augen vor Übermut, dann sah Luzia einen kleinen Jungen vor sich und manchmal lachte er so albern, dass sie nur den Kopf schütteln konnte. Luzia fand schon immer, dass Matthias irgendwie von innen heraus strahlte. Wie es die Esse tat oder die Sonne.

Sie hatte ihn vom ersten Tag an gemocht, denn er hatte zu den Wenigen gehört, die sie vor sechs Sommersonnwenden nicht wegen ihres Haares angestarrt hatten, als gäbe es nichts anderes zu sehen. Damals war ihr Haar noch von einem geradezu leuchtenden Rübenrot gewesen. Mit der Zeit war ein warmes, strahlendes Fuchsrot daraus geworden.

Mittlerweile waren beide dem Jugendalter entwachsen. Während Luzia gerade ihren neunzehnten Winter erlebte, zählte Matthias schon etwas über zwanzig Sommer. Dennoch glaubte sie manchmal, dass er wohl nie erwachsen werden würde. Sie seufzte, dann machte sie sich wieder auf den Weg. Noch ein paar Minuten, und sie würde das Haus der Korbmacher erreichen.

»Luzia! Luuziia!«

Zunächst hörte sie Matthias’ Rufe gar nicht. Erst als er mit wenigen Schritten seiner langen Beine hinter ihr stand und abermals rief, drehte sie sich um.

»Gott zum Gruße, Luzia!«, sagte Matthias mit einem fröhlichen Lachen. Dabei strich er sich die braunen Locken aus den Augen. Ein paar Schneeflocken hatten sich bereits in seinen Wimpern verfangen. »Dachte ich es mir doch, zu dieser frühen Stunde kämpft sich entweder der Pfarrer oder die Hebamme durch den Schnee, und weißt du was?«, fragte er lachend.

Luzia schüttelte den Kopf.

»Ich freue mich, dass du es bist und nicht Pater Wendelin.«

»So, und warum, wenn ich fragen darf?«, neckte Luzia ihn. »Fürchtest du dich am Ende davor, dass der Gute dir schon vor der Morgensuppe die Leviten liest? Oder was hast du sonst gegen Pater Wendelin einzuwenden?«

Er schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich …, nein, vor dem Pater fürchte ich mich bestimmt nicht! Schließlich bist du weitaus strenger mit mir«, beeilte er sich zu sagen. »Aber über Pater Wendelins Besuch hätte ich mich eben nicht halb so gefreut wie über deinen.« Voller Übermut breitete er seine Arme aus und lachte wie ein kleiner Junge.

Luzia verdrehte ihre Augen. »Statt den ganzen Tag an der Esse zu stehen, um mit Feuer und Wasser zu spielen, wäre dein Platz wohl eher bei den Gauklern«, lachte sie. »Aber jetzt muss ich weiter.« Sie raffte ihr Wolltuch vor der Brust zusammen.

Matthias’ raue Schmiedhände griffen nach ihren blaugefrorenen Fingern. »Du bist ja völlig durchgefroren! Wo um Gottes willen wird in dieser Herrgottsfrühe und bei diesem Wetter nach dir verlangt?«, rief er besorgt.

»Der Korbmacher war bei mir, seine Frau liegt in den Wehen. Er klang sehr verzagt, und mein Gefühl sagt mir, dass ich mich beeilen sollte, sonst kommt das Kind ohne mich zur Welt. Und dann steh uns der Herrgott bei!«

Matthias nickte. »Wenn du dir schon nicht an meiner Esse die Finger wärmen willst, hole ich dir wenigstens meinen Mantel. Dieses windige Tuch«, dabei griff er an Luzias Schultertuch, »schützt wohl kaum gegen diesen Wintersturm, außerdem ist es völlig durchnässt.«

Luzia wollte abwehren, doch er zog sie hinter sich her in die Schmiedewerkstatt. Sie blieb in der Tür stehen und klopfte sich den Schnee aus den Kleidern, bis Matthias mit einem Mantel aus dickem Wolltuch über dem Arm aus der kleinen Kammer neben der Schmiede kam. Fürsorglich legte er ihn um ihre Schultern.

»Danke, so ist es wirklich besser.« Luzia schenkte ihm ein letztes Lächeln: »Auch wenn ich mich gern auf ein Wortgefecht mit dir einlassen würde, um dich am Ende wie immer zu besiegen, muss ich mich jetzt wirklich beeilen. Ich wünsche dir einen schönen Tag. Auf bald …!«

Matthias nickte und brachte sie zur Tür.

»Ich wünsche dir ebenfalls einen guten Tag, und dass die Korbmacherin ein gesundes Kind bekommt!«, rief er ihr nach.

Luzia nickte dankbar, aber das konnte der junge Schmied schon nicht mehr sehen. Das dichte Schneetreiben hatte sie bereits verschluckt.

Das kleine, frei stehende Häuschen in der Eckgasse wirkte bereits ein wenig windschief und baufällig. Wie die anderen Häuser in Seefelden war auch die Unterkunft der Korbmacher aus unregelmäßigen Steinen und wettergegerbtem Fachwerkgebälk errichtet. Rechts schmiegte sich ein wackliger Holzverschlag an die krumme Außenmauer. Die Eckgasse bildete Seefeldens Grenze, bevor die ersten Felder kamen und der Wald begann.

Weil die Fensterluken mit einer Schweinsblase und grob gezimmerten Läden verschlossen waren, drang lediglich ein schmaler Lichtstreifen durch die fingerbreiten Ritzen, dennoch war das Leuchten anheimelnd.

Noch bevor die junge Wehmutter den Türklopfer betätigte, schwang die Tür bereits auf. Irmtraud stand vor ihr. Sie war um die Dreißig und wohnte im Nachbarhaus. Sie half bei der Geburt, weil sie selbst drei Kinder hatte, doch Luzia ahnte bereits, dass die kindlich wirkende Frau mit ihrer Aufgabe überfordert war.

»Dem Himmel sei Dank, dass du endlich da bist!« Die Erleichterung über Luzias Eintreffen stand Irmtraud ins Gesicht geschrieben. Völlig aufgelöst und mit hochroten Wangen stand sie vor Luzia und jammerte: »Ich glaube nicht, dass Selma das überleben wird! Wir sollten besser gleich Pater Wendelin holen lassen!«

Dabei machte Irmtraud immer noch keine Anstalten, Luzia ins Haus zu lassen, sondern klagte unentwegt weiter: »Der Himmel steh uns bei! Glaub mir, die Umstände sind nicht günstig! Ein solcher Sturm zum vollen Mond und das auch noch so kurz vor den Rauhnächten – die Zeichen stehen nicht gut! Gallus, der alte Sterndeuter zu Überlingen, will gar schon einen Schweifstern gesehen haben!«

Großer Gott, Luzia mochte dieses aufgeregte Geplapper überhaupt nicht. Sie seufzte, während sie Irmtraud entschlossen zur Seite schob, um endlich in die Stube zu gelangen. Sie wusste, dass der Sturm kurz vor den Rauhnächten die Leute das Fürchten lehrte. Ein wenig unheimlich waren die Nächte zwischen der Thomasnacht am 21. Dezember und dem Epiphaniastag am 6. Januar ja auch. Seit jeher galten die Tage zwischen den Jahren als verwunschene Zeit. Nie war der Schleier zwischen den Welten dünner. Die Geister der Toten trieben in diesen Nächten ihr Unwesen. Im tobenden Sturm, aber auch in den dicken Nebelschwaden, die in den Herbst- und Wintermonaten den Bodensee oft tagelang unsichtbar werden ließen, fürchtete man die Grenze zu überschreiten. Die Grenze zur Anderswelt, die Schwelle zum Jenseits.

Stuben und Ställe wurden um diese Zeit mit einer Mischung aus Wacholderholz und getrockneten Holunderblüten geräuchert. Das heilige Holz der Perchta, die den Leuten vom See neben dem christlichen Glauben heilig war, reinigte die Wohnstätten von Mensch und Tier. Ebenso die Wege und Pfade der Umgebung. Die umherirrenden Seelen derer, die ungetauft gestorben waren, konnten im heiligen Rauch Perchtas endlich ihre Ruhe finden.

Nach altem Glauben besaßen Kinder, die in dieser Zeit zur Welt kamen, oft das Zweite Gesicht. Ihnen wurde nachgesagt, sie könnten Geister und Dämonen sehen.

Auch wenn Sturm und Schnee unheimlich waren, glaubte Luzia nicht, dass sie den Hergang der Geburt beeinflussen würden. Sie trug jede Niederkunft auf einem Pergament ein. Pater Wendelin gab ihr jedes Jahr einige Bögen davon und ermutigte sie, jeden Tag ein paar Zeilen zu schreiben.

Durch ihre Aufzeichnungen wusste die Hebamme, dass die allermeisten Kinder um den vollen Mond zur Welt kamen und dass im Winter weit mehr Kinder starben als im Sommer. Aber zur Zeit der Rauhnächte war es noch nie zu einer Häufung der Todesfälle gekommen.

In den Jahren ihrer Hebammentätigkeit hatte Luzia schon Schlimmes erlebt. Auch dieser Entbindung begegnete sie mit größtem Respekt, doch Jammern hatte noch nie geholfen. Ehe Irmtraud also ihrer Angst noch mehr Futter geben konnte, berührte Luzia sanft den Arm der aufgebrachten Frau. Schon als Kind konnte sie allein durch eine Berührung die Gefühle und Gedanken ihrer Mitmenschen miterleben. Wellen der Trauer oder des Schmerzes brandeten bisweilen an die Ufer ihrer Seele. Manchmal fluteten sie Luzias Herz und zogen es in die Tiefe. Hass und übelwollende Gedanken brachten sie oft an die Grenzen des Ertragbaren. Dann glaubte sie selbst in Flammen zu stehen, so weh taten ihr die fremden Empfindungen. Im Kindesalter hatte Luzia auch gemerkt, dass ihre Hände Schmerz lindern und Trost spenden konnten. Gefürchtet hatte sie sich erst, als während ihres Heranwachsens auch andere Sinne die Hellsichtigkeit ihrer Hände erlangten. Ein Leben lang würde sie sich daran erinnern, als sie Azrael das erste Mal gesehen hatte. Seither begegnete sie dem dunklen Engel immer, wenn er die Seele eines Sterbenden heimbrachte. Die Mutter, der sich Luzia aus Angst anvertraut hatte, war dem »Teufelszeug« und der Andersartigkeit ihrer Tochter nicht gewachsen gewesen. Sie hatte den »Fluch ihrer Hände« immer ihrem Starrsinn zugeschrieben und war ihm mit der Rute begegnet. Erst Elisabeth hatte sie gelehrt, dass der »Fluch« ein einzigartiges Geschenk sei. Ein Segen aus der Hand Gottes.

»Nun mal ganz langsam!«, sagte Luzia und verstärkte leicht den Druck auf Irmtrauds Arm, um sie zu beruhigen. »Ich glaube, es ist das Beste, wenn du mich jetzt gleich zur Korbmacherin bringst. Erst wenn ich Anselma selbst gesehen habe, kann ich mir ein Bild vom Stand der Geburt machen.«

Irmtraud nickte abwesend, sie spürte ein ungewohntes Kribbeln auf ihrem Oberarm. Mit einem Mal fühlte sie sich sehr viel ruhiger, und ihr Gefühl sagte ihr, dass sie Luzia vertrauen konnte. Während sich ihre Angst löste, verloren Unwetter und Rauhnächte etwas von ihrem Schrecken.

»Ja, natürlich, aus diesem Grund bist du ja hier! Mit deiner Unterstützung wird es schon gutgehen«, sagte Irmtraud und forderte Luzia auf, ihr in die Kammer gegenüber der Eingangstür zu folgen.

Beim Eintreten in die kleine Kammer der Korbmacherin wallte Luzia eine Schwade abgestandener Luft entgegen. Sie roch den scharfen Dunst von Schweiß und von Blut. Mehrere Kohlebecken wärmten den niedrigen Raum. Wände und Decke der kleinen Stube waren schwarz vom vielen Lampenruß. Die einzige Lichtquelle war ein Feuer im offenen Kamin.

»Gott zum Gruße, alle miteinander.« Luzias Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Unter ihren Füßen spürte sie die Binsen, die den unebenen Boden bedeckten. Gegenüber der Tür standen dreibeinige Schemel, die man dort für die Nachbarsfrauen und die Altmutter aufgestellt hatte. Eine Geburt war kein einsames Ereignis.

Luzias Blick flog zur Bettstatt aus hellem Fichtenholz, das rechts an der Wand stand. Dort lag Anselma, deren Darm sich in diesem Augenblick geräuschvoll entleerte. Die andere der beiden Nachbarsfrauen, Sieglinde, die Frau des Flickschneiders, zog das schmutzige Laken unter dem Körper der Gebärenden weg. Sie verzog das Gesicht vor Ekel und Angst und verließ rasch die Kammer. Irmtraud nahm auf einem der Schemel Platz und machte sich daran, das Ave Maria zu beten. Die alte Wachterin, die Schwiegermutter der Gebärenden, ließ ein mürrisches Murmeln hören:

»Wird auch Zeit, dass du endlich da bist! Hat lang genug gedauert!«

Luzia nickte ihr nur kurz zu und trat an das Bett heran.

Anselma Wachter lag völlig erschöpft auf dem mit Schilf und getrocknetem Seegras gefüllten Sack, der ihr als Matratze diente. Von der großen Anstrengung war ihr Gesicht verquollen und rot. Die helfenden Frauen hatten bereits vorsorglich Anselmas langes Haar gelöst, wie es Brauch war. Sie hofften, so die gefürchteten Knoten in der Nabelschnur abzuwenden. Feucht und schwer klebten die goldblonden Strähnen der jungen Korbmacherin an ihren Schläfen.

»Die Selma stöhnt und jammert, als ob sie die einzige Frau auf dieser Erde wäre, die jemals ein Kind bekommen hat!«, meldete sich die Wachterin hinter Luzias Rücken zu Wort.

»Vergesst nicht, für sie ist es das erste Mal«, antwortete sie.

»Die soll sich nicht so anstellen«, murrte die alte Frau weiter. »Glaub mir, ich selbst habe fünf Kinder geboren. Auch Selma wird es überleben.«

»Dann wisst Ihr ja sicher auch, dass jede Geburt ein bisschen anders verläuft.« Luzia wurde zunehmend ungeduldig. Wie sollte sie der Korbmacherin helfen, wenn ihr ständig jemand dreinredete?

Sie beugte sich über die junge Frau. »Anselma, du wirst sehen, alles wird gut!«, versprach Luzia so selbstsicher, wie es ihr möglich war. Die junge Wachterin nickte schwach. Luzia hoffte im Stillen, dass wirklich alles gut werden und das Gefühl, das sich ihr aufdrängte, seit sie die Kammer betreten hatte, wieder weichen würde. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht schneller gekommen war und durch das Gespräch mit Matthias vielleicht lebenswichtige Zeit verloren hatte.

»Nun, was sagst du?« Mit diesen Worten packte die Altmutter Luzias Arm. Ohne es verhindern zu können, schoss eine gewaltige Welle Ungeduld und Furcht durch Luzias Leib.

»So habt doch Geduld und lasst mich meine Arbeit tun!«, gab Luzia zurück. Sie hatte Mühe, die Ruhe zu bewahren.

Die Wachterin wagte nicht, ihr zu widersprechen. Mit lauten Schritten stampfte sie zur Tür hinaus.

Mit jeder neuen Wehe, die über ihren Körper hinwegrollte, schrie die junge Korbmacherin laut auf und krallte die Finger in den Strohsack. »Das hier ist die Hölle«, stöhnte Anselma zwischen zwei Wehen.

Hinter sich hörte Luzia, wie Irmtraud und Sieglinde laut beteten, ansonsten rührten sie sich nicht von der Stelle. Luzia wusste, jetzt musste schnell etwas geschehen, sonst würden die Klageweiber die werdende Mutter mit sich in die Tiefe ziehen.

»Zuerst brauche ich mehr Licht. So kann ich beim besten Willen nichts sehen!«

Irmtraud sprang auf und eilte hinaus.

»Und du bringst mir heißes Wasser und ein Leinen«, scheuchte Luzia die magere Frau des Flickschneiders auf.

Auf Sieglindes Gesicht machte sich Erleichterung breit. Sie war froh, eine Aufgabe zu haben und das Zimmer verlassen zu können.

»Luzia, ich bitte dich, so hilf mir doch! Ich glaube nicht, dass ich den Sonnenaufgang noch erleben werde«, flehte die werdende Mutter mit leiser Stimme, dabei wirkte sie so müde und kraftlos, dass Luzia sich ernsthafte Sorgen machte. Anselmas Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Unheilvoll kündigte sich bereits die nächste Wehe an. Irmtraud kam mit zwei Talglichtern ans Bett, und Luzia konnte besser sehen, wohin ihre Hände griffen.

»Ich halte diesen Schmerz nicht mehr länger aus! Bitte mach, dass es aufhört«, bettelte Anselma hilflos, bevor sie in dem vergeblichen Versuch, den Schmerz zu ersticken, die Luft anhielt.

Luzia nickte ihr zu, ihre Hände, die immer noch kalt und steif waren, fanden ihren Weg zu Selmas Bauch. Behutsam legte die Wehmutter ihre Handflächen auf die heiße, zum Bersten gespannte Haut. Sie spürte den kühlen Schauer, der die Gebärende durchlief. Mit einem Ausatmen lehnte Anselma sich zurück in das Kissen, ihre Anspannung ließ leicht nach. Luzias Hände lagen immer noch auf Selmas Bauch, und nun setzte ein wohliges Kribbeln unter ihren Händen ein. Während Anselmas Schmerz durch ihren eigenen Leib strömte, schloss die junge Wehmutter die Augen. Bald löste sich die Gebärende aus dem eisernen Griff der Angst.

Luzia sah Anselmas fragenden Blick. Was war da gerade mit ihr geschehen?, fragte dieser Blick. Und woher kam das helle Glitzern in den Augen der Hebamme? Luzia spürte, dass Anselmas Schmerz erträglicher wurde, und schöpfte neuen Mut.

Jetzt durfte Luzia keine weitere Zeit mehr verlieren. Ihre kundigen Finger tasteten behutsam und fest zugleich. Stück für Stück wanderten sie über Anselmas Bauch. Wo die Wehmutter die kleinen Füße des Kindes spüren sollte, befand sich der lange, fast ausgestreckte Rücken. Während sich der, Kopf auf der rechten Bauchseite der werdenden Mutter abzeichnete, befanden sich die Füße links. Das Kind lag falsch! Aus dieser Lage konnte es niemals geboren werden. Solange das Kleine quer im Mutterleib lag, waren die Wehen wirkungslos. Einzig eine Drehung konnte bewirken, dass sie ihren Zweck erfüllten und dem Kind ans Licht der Welt halfen. So brachten sie Anselma nur sinnlose Qualen. Wenn jetzt nichts geschah, würden die Wehen bald schwächer werden und dann würden sie wirklich Pater Wendelin brauchen. Luzia spürte, wie ihr der Schweiß auf die Stirn trat.

»Große Mutter, steh uns bei! Ich bitte dich, hilf mir und führe meine Hände«, betete Luzia stumm.

Sie erschrak, als sie die tanzenden Schatten an der Wand entdeckte. Schwarz und unheimlich krochen sie immer näher. Luzia meinte, sie kichern zu hören.

Entschlossen rief sie nach der alten Wachterin und reichte ihr ein kleines, prall gefülltes Flachsbeutelchen. »Das ist Beifußkraut. Bereitet daraus einen sehr starken Aufguss, rasch! Wenn Ihr etwas weißen Wein im Haus habt, wäre das noch besser als Wasser.«

Das schwere, erdige Aroma des Beifußes breitete sich schnell in der niedrigen Kammer aus. Flink warf die Hebamme ein paar Samen des Bilsenkrauts in den dampfenden Becher und gab ihn Anselma zu trinken. Bilsenkraut nahm den Schmerz und entführte den Geist in selige Welten. Zuviel davon brachte allerdings den Tod! Als sie sicher sein konnte, dass die leicht berauschende Wirkung Selma beruhigt hatte und ihr weher Leib betäubt war, fettete Luzia ihre Hände mit Schweineschmalz. Vorsichtig, ganz behutsam glitten ihre Hände in Anselmas Leib. Die Wehen hatten dafür gesorgt, dass sich die Geburtswege unter Luzias Händen weich und weit anfühlten. Dank des Bilsenkrauts verspürte Anselma nur ein leichtes Ziehen im Leib. Obwohl sie ahnte, was die Hebamme tat, dass ihre Hände sich an einem Ort befanden, den nicht einmal sie selbst berührte, lag Anselma völlig still.

Luzia wollte versuchen das Kind im Mutterleib zu drehen. Sie fühlte den kleinen, festen Kopf, einen kleinen Arm und ein angezogenes Beinchen. Schweiß floss ihr in einem dünnen Rinnsal von der Stirn, den Hals entlang und sammelte sich zwischen ihren Brüsten. Ein paar Strähnen ihres roten Haares klebten feucht an ihren Schläfen. Der kupferartige Geruch von Blut stieg ihr in die Nase. Luzia griff nach dem Köpfchen, um es nach unten zu drehen. Gleichzeitig versuchte sie den winzigen Körper dazu zu bringen nach oben zu gleiten. Doch immer wenn sie glaubte, jetzt könnte es ihr gelingen, drehte sich das Kind zur Seite. Ähnlich einem kleinen Fisch entglitt ihr das Ungeborene wieder und wieder. Wenn sich das kleine, aalglatte Körperchen einen Zentimeter bewegen ließ, rutschte es im nächsten Augenblick wieder in seine ursprüngliche Lage zurück. Luzia wusste, dass allmählich die Zeit knapp wurde. Anselma wurde zunehmend unruhig, denn die Wirkung des Bilsenkrautes ließ schon wieder nach. Allzu oft durften ihre Versuche jetzt nicht mehr misslingen. Aus den Augenwinkeln sah Luzia, wie die finsteren Schatten über die Wände leckten und sie verhöhnten. »Bist eine dumme Gans«, geiferten sie im Chor.

Als sie erneut den kleinen Kopf nach unten drehen wollte, spürte sie, dass die Nabelschnur um den Hals des Kindes lag. Das Kind würde sterben, wenn es nicht bereits tot war. Welch eine Ironie, wenn die pulsierende Lebensader gleichzeitig den Tod brachte. Ihr schwand der Mut.

»Großer Gott, hilf uns! Du kannst uns jetzt nicht im Stich lassen.« In einem letzten Versuch gelang es ihr, einen Finger zwischen den winzigen Hals des Ungeborenen und die todbringende Schlinge zu bringen.

Luzias Mund fühlte sich an, als habe sie Sand gegessen. Als sie auf ihre Unterlippe biss, schmeckte sie warmes Blut auf ihrer Zunge. Es verursachte ihr fast Übelkeit. Doch nun spürte sie auch das Pulsieren der Nabelschnur. Das Kind lebte!

Jetzt zählte jeder Augenblick. Jeder hoffnungsvolle Atemzug. Jeder wertvolle Herzschlag. Hinter ihr leierten die alte Wachterin, Irmtraut und Sieglinde ihre Gebete herunter: »Ave Maria, gratia plena … Sancta Maria, Mater Dei …« Luzia spürte ihre Blicke auf sich ruhen. Auch ihnen war nicht entgangen, dass die Zeit verran.

»Gib nicht auf, du bist auf dem rechten Weg!«

Luzia hob ruckartig den Kopf und sah auf die Feuerstelle. Das Flüstern war aus den Flammen gekommen. Ein kaum sichtbares Lächeln umspielte ihren Mund.

Jetzt suchte sie nach dem Augenblick. Der winzigen Lücke in den mächtigen Speichen im Rad der Zeit, in welche sie mit Gottes Hilfe den Stab des Schicksals senken konnte. Nur einen Atemzug. Und noch einen. Die Minuten verrannen. Und da, endlich vermochten Luzias Finger das Kleine zu greifen und es schließlich im Bauch der Mutter zu drehen, wobei sie die Nabelschnur über den Kopf des Kindes gleiten ließ, damit sie keinen Schaden mehr anrichten konnte.

Dann ging alles sehr schnell, und nach drei weiteren Wehen, die Selma zwar Schmerzen bereiteten, sie aber nicht in die tiefsten Abgründe rissen, gebar sie ihr Kind aus eigener Kraft. Luzia nahm das Kleine in Empfang.

»Da haben wir ja den neuen Erdenbürger!« Triumphierend hielt die Wehmutter das neugeborene Menschlein, das sich mit kräftiger Stimme über die kalte, ungewohnte Umgebung beklagte, in die Höhe. So konnte auch Selma einen ersten Blick auf ihr Kind werfen. Als sie sah, dass sie einen Jungen geboren hatte, fiel die Erleichterung noch um einiges größer aus. »Ein Bub, es ist ein Bub!«, rief sie erleichtert.

Selbst die alte Wachterin, deren schlohweißes Haar ihr mittlerweile in wilden Büscheln um den Kopf stand, schien mit dem Ausgang der Geburt sehr zufrieden. Mit einer Regung, welche einem Lächeln schon sehr nahe kam, segnete sie die junge Mutter und das Neugeborene, indem sie beiden ihre Hand auf die Stirn legte.

Mit sanften Berührungen umfingen Luzias Hände den rosigen, kleinen Körper und hoben ihn in sein erstes Bad. Zart strichen ihre Finger über die kleinen Augen, die noch geschlossen waren. Zufrieden entspannte sich das Neugeborene von seiner langen Reise.

»Du bist wunderschön«, flüsterte Luzia.

Der Knabe öffnete seine tiefblauen Augen und schaute sie an, als verstehe er jedes Wort.

Luzia wickelte das Kind in Leinen, ehe sie es Anselma in die Arme legte. Im Anschluss warf sie mit sicherer Hand trockenes Holunderholz in die glimmenden Kohlen des Wärmebeckens. Eine kleine Flamme entstob den rot glühenden Kohlen. Ganz offensichtlich betrachtete Perchta ihr Opfer mit Wohlwollen. »Weise Mutter, ich danke dir für dein unerschöpfliches Wissen. Nimm das heilige Holz des Holunders und behüte Mutter und Kind. Schütze sie vor allem, was ihnen Böses will.«

Inzwischen brachte die Altmutter den frischen Schilfgrassack. Traditionell wurden ihm die Kräuter des Frauenbündels beigemischt. In der Regel handelte es sich um Labkraut, Quendel, Leinkraut, Dost, Weidenröschen, Kamille, Gundelrebe, Frauenmantel und Johanniskraut, die von den Frauen zwischen Sommersonnwende und den Hundstagen gesammelt wurden. Auf diese Weise hielt die große Mutter durch ihre heiligen Schätze ihre schützende Hand über die Wöchnerin und ihr Neugeborenes. Die wertvollen Heilpflanzen bewahrten Mutter und Kind auch vor den Druden. Vor den unheimlichen Nachtmahren fürchtete sich jeder. Sie krochen durch Schlüssellöcher und Fensterritzen, um die ungeschützten Menschenseelen zu entführen oder gegen ein Feenkind auszutauschen.

Luzia setzte sich einen Augenblick und nippte an dem Dünnbier, das ihr die Altmutter servierte.

Heilige Stille erfüllte die kleine Kammer, einzig durchbrochen von den leisen Atemgeräuschen und dem zarten Schmatzen des Kindes, das im Arm seiner Mutter lag. Diesem Moment wohnte immer etwas Heiliges inne.

Der Anfang jeden Lebens gleicht einem Wunder, dachte Luzia. Um dieses Wunder zu ermöglichen, durchschreitet die Frau alle Tiefen der Unterwelt. Sie bezahlt mit ihrem Schmerz, einem Herzen voller Angst und ihrem Schweiß. Erst wenn sie dem Tod als Unterpfand ein kleines Stück ihrer Seele überlässt, darf sie die heilige Flamme des Lebens weiterreichen. So lautet der Handel. Das ist der Preis.

2

Luzia bückte sich nach den leuchtenden Ringelblumen, die neben vielen anderen Heilpflanzen, Gemüsen und Blumen in Elisabeths Garten wuchsen.

»Calendula officinalis«, sagte sie und lächelte. Pater Wendelin bestand darauf, dass sie auch die lateinischen Namen aller Heilpflanzen kannte. Sie pflückte eine Handvoll Blütenköpfe und schüttelte dabei vorsichtig die Regentropfen der letzten Nacht ab. Sie würde aus den Blüten eine Salbe bereiten und etwas davon dem Pater bringen. Er litt unter offenen Beingeschwüren.

Mit einem Korb voller Blüten betrat sie das kleine Fischerhaus von Jakob und Elisabeth. Die sanfte Kühle des dicken Gemäuers umfing sie angenehm und frisch. Wie die anderen Häuser in der Fischergasse war auch dieses aus weißen und in allen Grautönen schimmernden Flusssteinen errichtet. Das über die Jahre gedunkelte Fachwerk bildete einen lebhaften Kontrast zu den unbehauenen Steinen. Luzia ging in die Küche und legte die Blüten auf den Tisch. Sie öffnete die kleinen Fensterluken zur Seeseite hin und bemerkte Nepomuk, der ihr maunzend um die Röcke strich.

»Dann hat’s mit der Jagd wohl nicht geklappt? Na komm!« Sie stellte dem Kater ein Schüsselchen Milch hin und streichelte ihm über das Fell. Im Anschluss schüttelte sie die braunen Schaffelle aus, die auf den Bänken lagen, und rückte Holztisch und Sitzbänke zurecht. Im großen gemauerten Herd brannte schon ein Feuer für die Morgensuppe. Und bald kochte in dem verbeulten Eisenkessel ein dicker Dinkelbrei. Nur ihre Tante ließ noch auf sich warten. Sicher jätete sie noch das Unkraut unter den Essigrosen, denn noch war es nicht so unerträglich heiß, doch die Vorboten der Hitze waren schon jetzt spürbar. Nach dem Gewitter und den sintflutartigen Regengüssen der letzten Nacht würde es ein schwüler, drückender Tag werden. Dabei begannen die Hundstage erst in vier Wochen. Heute war schließlich erst der 21. Tag des Weidemonats im Jahre 1483. Heute war Sommersonnwende.

Luzia beeilte sich, denn sie hatte an diesem Tag noch viel zu tun. Sie machte einen kurzen Wochenbettbesuch in der Kreuzgasse und freute sich, dass die Wöchnerin wohlauf war. Dann sah sie bei der Schäferin vorbei, die ihr drittes Kind erwartete.

»Ein Kind zu Sonnwend. Das wäre schön«, sagte die junge Frau.

»Freu dich nicht zu früh!«, entgegnete Luzia lächelnd und hoffte, sie möge Recht behalten. Wie alle jungen Frauen und Männer wollte auch sie die kürzeste Nacht des Jahres feiern. »Ich glaube nicht, dass dein Kind schon heute kommt«, sagte sie, nachdem sie den Bauch abgetastet hatte. »Lass ihm nur noch ein wenig Zeit und ruh dich aus. Ich sehe morgen wieder nach dir.«

Sie ermahnte die beiden Töchter der Schäferin, gut auf ihre Mutter zu achten, dann machte sie sich auf den Weg den Hügel hinauf, der zusammen mit dem Wald und den Feldern Seefelden umschloss. Am Hang des Hügels fing sich die Sonne, hier wuchsen die besten Kräuter. Heilpflanzen, die zur Sommersonnwende gepflückt wurden, hatten besondere Kräfte. Jetzt musste gesammelt werden, was das Jahr über gebraucht wurde. Selbstverständlich waren die Kräuter für die Hebammentasche schon beisammen und zum Trocknen aufgehängt. Aber ihren eigenen Kräuterbuschen wollte Luzia unbedingt noch pflücken.

Sie lief den kleinen Berg hinauf und genoss den atemberaubenden Blick über das tiefblaue Wasser des Sees, der unter ihr lag. Vereinzelt tanzten ein paar Wellen auf der glatten Oberfläche. Im Osten erhoben sich riesige Berge. Viele von ihnen waren schneebedeckt. Auf den weißen Gipfeln der Eisriesen dauerte der Winter das ganze Jahr.

»Wie weit die Sicht von dort oben wohl sein mag?«, fragte sie Nepomuk, der sie wie immer begleitete. Doch der Kater beachtete sie nicht. Mit zuckendem Schwanz pirschte er sich an einen Kohlweißling heran. Er machte einen Satz auf das Insekt zu, verfehlte es aber und setzte dem davonfliegenden Tier in ausgelassenen Sprüngen nach. Luzia lachte still in sich hinein und bückte sich nach den ersten Johanniskräutern. Quendel und Kamille wuchsen hier im Überfluss. Den Beifuß, eines der wichtigsten Sonnwendkräuter, ließ sie stehen, er wuchs bei ihr zu Hause. Die Ringelblume ebenfalls. Nach Eisenkraut und Schafgarbe musste sie länger suchen.

Als ihr Arm nicht mehr Zweige fassen konnte, rief sie Nepomuk und machte sich auf den Heimweg.

Sie ging direkt in den Garten, weil sie dem heilbringenden Strauß noch eine große, gelbe Königskerze in die Mitte stellen wollte. Elisabeth stand neben der Kuhschelle und zupfte vorsichtig die blauen Blütenblätter ab.

»Luzia, da bist du ja«, rief Elisabeth und säuberte ihre mit Erde bedeckten Hände an der Schürze. »Pater Wendelin hat nach dir geschickt. Er klang sehr aufgeregt. Wie es scheint, haben ihm die Mönche des Klosters Reichenau ein paar neue Pflanzen geschickt und du sollst ihm beim Einsetzen helfen.«

»Dann wurde seine Geduld ja endlich belohnt«, entgegnete Luzia und legte die bunten Sonnwendkräuter auf die kleine Bank neben der Haustür. »Er wartet schon seit Tagen auf die Setzlinge, denn eigentlich ist die Pflanzzeit schon längst vorüber.«

Elisabeth lachte. »Wenn ich mich nicht täusche, bist auch du begierig auf die Schätze von der Reichenau«, neckte sie.

»Du weißt doch, wie gerne ich selbst einmal durch den Klostergarten des Walahfrid Strabo gehen würde.«

Elisabeth hoffte, dass Luzia einmal die Gelegenheit bekommen würde. Doch bei der Abtei handelte es sich nun einmal um ein reines Männerkonvent. Besucher waren zwar willkommen, ihnen gestattete der Abt auch die Messe zu besuchen und die Besucherräume zu betreten. Doch der Garten blieb ihnen verschlossen.

»Na dann geh schon und lass den Pater nicht mehr länger warten!«

Luzia nickte. »Sobald ich die Kräuter für die Sonnwendfeier versorgt habe.«

Elisabeth sah ihrer Nichte nach, als sie den bunten Strauß ins Haus trug. Sie dankte Gott für jeden Tag, den Luzia bei ihr und ihrem Mann wohnte. Luzia war ihr wie eine Tochter. Die einzige Tochter und ihr einziges Kind. Luzia war für Jakob und sie ein Geschenk des Himmels. Wenn sie an die Zeit seit jenem heißen Tag des Erntemonats vor sieben Jahren zurückdachte, konnte sie sich nur an Gutes erinnern. Anna, ihre engherzige Schwester, hatte die damals Dreizehnjährige von Ravensburg zu ihnen nach Seefelden gebracht. Als uneheliches Kind aus einer flüchtigen Nacht geboren, war Luzia ihrer Mutter vom ersten Tag an eher eine Last als eine Freude gewesen. Anna und Luzia waren wie Feuer und Wasser, daran hatte sich bis heute nichts geändert. Anna war froh, Luzia weit weg bei ihrer Schwester zu wissen. Wenn Elisabeth nur daran dachte, wie verdreckt und geschunden das Mädchen damals bei ihnen angekommen war. Doch in ihrem Hause war sie aufgeblüht. Wie eine Blume ihr Gesicht nach der Sonne dreht und gedeiht, so war Luzia in der Wärme und Fürsorge von Elisabeth und Jakobs Haus gediehen.

Schon als sie noch in Ravensburg gelebt hatte, war Elisabeth der kleinen Luzia nahe gewesen. Fremde hielten sie oft für Mutter und Tochter. Besaßen sie doch beide jenes rote, wilde Haar, welches sich nur mühsam bändigen ließ. Ebenso blickten beide aus wachen, fast veilchenblauen Augen immer eine Spur zu neugierig in die Welt. Selbst die weiblichen Formen schien Luzia sehr viel eher von ihrer Tante zu haben als von ihrer Mutter. Beide umgab eine sinnliche Aura der Warmherzigkeit und des Mitgefühls.

Als die Glocke von St. Martin zur Vesper läutete, rannte Luzia wie der Wind durch die Fischergasse zum Kirchplatz.

Sie betrat das kleine Pfarrhaus, und Pater Wendelin erhob sich von seinem Platz am Schreibtisch.

»Luzia, wie schön, dass du so schnell kommen konntest«, sagte Wendelin freudig. »Nun lassen wir die Bücher erst einmal liegen und wenden uns Wichtigerem zu!«

Luzia nickte und folgte dem Pater durch die kleine Schreibstube.

»Hier habe ich Euch noch ein wenig von der Calendulasalbe mitgebracht«, sagte sie und stellte das irdene Gefäß neben die anderen Behältnisse in das Regal neben dem Vorratsschrank. Hier verwahrte der Pater neben Weißdornwein und Spitzwegerichsirup noch weitere Schätze, die seiner Gesundheit dienten. »Legt sie zur Nacht als Salbenverband um Eure Unterschenkel, dann fällt Euch das Gehen bald wieder leichter.«

Wendelin nickte anerkennend. »Genau so werde ich verfahren. Danke mein Kind. Gott schütze dich.«

Luzia machte einen Knicks und bedankte sich für den Segen.

»Möchtest du dich vielleicht setzen und einen Schluck Bier oder zur Feier des Tages einen Schoppen Wein mit mir trinken?«

Luzia lehnte sein Angebot ab, wusste sie doch, dass er nur höflich sein wollte. Später würde noch genügend Zeit bleiben, ein wenig beisammenzusitzen.

»Lasst uns lieber sehen, was Euch die Brüder geschickt haben. Ich merke doch, dass es Euch unter den Nägeln brennt und Ihr es kaum erwartet, bis die grüne Pracht sicher und wohl in der Erde sitzt.«

Wendelin nickte zustimmend und rollte die Ärmel seiner Soutane zurück. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine vollen Lippen. »Zielstrebig und wissbegierig wie immer! So gefällt es mir. Gott hat seine Freude an den Menschen, aber allen voran an jenen, die mit Freude bei der Arbeit sind.« Mit beiden Händen schob er die junge Frau in den kühlen Wirtschaftsraum, der in den großen, sorgfältig angelegten Garten führte.

Als der alte Pater im angrenzenden Schuppen verschwand und es hinter den verwitterten Brettern lautstark rumorte, rührte sich auch in Luzia die Neugierde.

Nach kurzer Zeit rief er sie zu sich. Gemeinsam schleppten sie die schwere Holzkiste in den Pfarrgarten. Als sie die erdverkrustete Kiste neben dem weitläufigen Beet abstellten, reichte sie ihnen bis zum Knie. Der Pater wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann lachte er still in sich hinein und genoss Luzias erwartungsvollen Blick. Mit wenigen Handgriffen öffnete Wendelin den Deckel und bald strömte ihnen ein wunderbarer Duft entgegen. Würzig, holzig und sehr aromatisch. Luzia erschnupperte schwere balsamische Nuancen sowie frische Anklänge von Zitrone.

»Und, was sagst du zu unseren Schätzen?«, wollte der Pater wissen, während er sich die grobe Gartenschürze umband, um sein dunkles Gewand zu schützen. »Abt Johann von Nordstetten und Bruder Markus haben sich wieder einmal überaus großzügig gezeigt. Weiß er doch um unsere große Freude über jede einzelne Pflanze, die noch nicht im Kirchgarten gedeiht. Du weißt ja, ich stehe in regem Austausch mit dem findigen Botanicus. Schon oft habe ich ihm von deinem Interesse an den Medizinalpflanzen berichtet.«

Luzias senkte den Blick und errötete leicht. »Oh, das solltet Ihr nicht! Mein Wissen ist viel zu gering. Jedenfalls lohnt es nicht, darüber zu sprechen.«

Wendelin schüttelte tadelnd den Kopf. »Deine Bescheidenheit ehrt dich, mein Kind, aber du hast mehr in deinem schönen Kopf als viele, die sich mit dem Beruf des Medicus schmücken. Selbst vor jenen, die für die Heilkunst ein Studium auf sich nahmen, brauchst du dich nicht zu verstecken!«

Um die Peinlichkeit des Lobes nicht länger ertragen zu müssen, wechselte sie rasch das Thema. »Wollen wir uns nicht endlich Euren Pflanzen zuwenden? Mit dem Duft allein ist es ja nicht getan.«

Das Ablenkungsmanöver schien gelungen, denn der Pater nickte eifrig.

Gemeinsam wanderte ihr Blick in die dunkle Truhe. Bruder Markus, der Botanicus, hatte für den Transport alle Blätter entfernt und jedes der kleinen Gewächse sorgfältig zurückgeschnitten. Zusätzlich hatte er die kleinen Wurzelballen mit einer Handvoll Erde in einen Streifen Sackleinen geschlagen. Hier reichte Liebhaberei allein nicht aus. Nur das geschulte Auge erkannte, um welche Pflanzen es sich handelte.

»Jetzt bringe ich dir noch eine Abschrift unseres lieben Walahfrid, und du kannst die Pflänzchen an den richtigen Stellen im Garten einpflanzen.«

Luzia und Pater Wendelin hatten den Pfarrgarten gemäß den Empfehlungen angelegt, die Walahfrid Strabo, der frühere Abt des Klosters Reichenau, in seinem bereits im Jahre 827 verfassten Liber de cultura hortorum, auch bekannt als Hortulus, vorgegeben hatte. Die Schrift, wonach eine kluge und wohldurchdachte Nachbarschaft der Medizinalpflanzen ihr gegenseitiges Wachstum förderte, war in Versform verfasst und sorgfältig aufgezeichnet. Weil sie den Hortulus schon oft gemeinsam gelesen hatten, schenkten sie den ersten drei Abschnitten heute keine weitere Beachtung, sondern begannen gleich mit den Zeilen, die Strabo dem Salbei gewidmet hatte.

Später kniete Luzia dann auf dem weichen Sandboden und wartete mit ausgestreckter Hand darauf, dass der Pater ihr den ersten Setzling reichte.

Pater Wendelin hob einen Wurzelballen aus der geheimnisvollen Kiste.

»Marrubium vulgare?« Gespannt wartete er auf Luzias Antwort. »Der gemeine Andorn. Er gehört zur Familie der Labiaten, also ein Lippenblütler. Sein Duft ist bitter und ein wenig krautig. Schon die heilige Hildegard empfahl den Andorn mit Fenchel und Königskerze bei Husten und Brusthitze.«

Der Pater nickte zufrieden. »Der Name Marrubium kommt ursprünglich aus dem Hebräischen. Wobei ›Mar‹ bitter bedeutet und ›Rob‹ viel heißt.«

»In dem Fall wurde beides in gleicher Weise ins Lateinische übernommen«, bemerkte Luzia und blies sich eine freche Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht. Sie setzte den feuchten Ballen mit dem fleischigen Stängel vorsichtig in die gelockerte Erde.

»Nepeta cataria?«, fragte der Pater gespannt.

»Die echte Katzenminze. Ihr Duft ist minzig-frisch. Katzen lieben den Geruch der blühenden Pflanze.«

»Sehr gut!«

Auch diesen Setzling legte Luzia in die feuchte Erde.

»Artemisia absinthum?«, wollte Pater Wendelin wissen.

»Der gemeine Wermut. Ebenfalls eine Beifußart. Er wird auch als bitterer Beifuß bezeichnet.«

Pater Wendelins Augen verrieten, wie außerordentlich stolz er auf Luzia war. Dabei merkte sie, wie ihr schon wieder die Wärme in die Wangen stieg. Nachdem auch dieser Setzling mit Erde bedeckt war, reichte der Pater ihr den Nächsten.

»Hier haben wir etwas Lieblicheres. Artemisia abrotanum?«

»Die Eberraute. Ebenfalls eine Beifußart. Ihr Duft ist leicht und frisch. Sie wird in der Volkssprache auch Pfarrerkraut genannt«, entgegnete Luzia und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

Während der nächsten halben Stunde gruben sie Löcher, setzten die restlichen Pflanzen ein und drückten die Erde vorsichtig an. Dann betrachteten sie die getane Arbeit. Als Luzia die Kräuter gießen wollte, meinte der Pater:

»Du musst dir keine Sorgen machen, das Wässern werde ich übernehmen! Ich weiß doch, dass du heute Abend wie alle jungen Frauen und Männer zum Johannisfeuer möchtest.«

Luzia nickte zögernd.

An diesem Tag feierten die Menschen das Fest des längsten Tages und der kürzesten Nacht mit dem Sonnwendfeuer. Die katholische Kirche sah das nicht gern und beging stattdessen das Fest des Johannes. Der Pater würde am kommenden Sonntag ausführlich über Johannes predigen. Aber heute würde es keine Andacht geben. Pater Wendelin galt als gemäßigter Gottesmann. Er las die Messe höchstens einmal am Tag, doch mit dieser Haltung machte er sich nicht nur Freunde. Anderen, die dachten wie er, war es schlecht ergangen. Im nahen Elsass war einem Geistlichen, der angeblich dem Bösen verfallen war, vorgeworfen worden, einen Pakt mit dem Teufel zu unterhalten. Der Papst hatte seine Enthauptung veranlasst. Papst Sixtus beklagte sich, weil immer mehr Menschen vom rechten Glauben abfielen, und warf ihnen vor, sich dem Bösen zuzuwenden.

Pater Wendelin hielt von all diesem verrückten Treiben überhaupt nichts. Wenn sich seine Schäfchen bereitwillig zur heiligen Messe einfanden, ihre Sünden angemessen bereuten und in Frieden miteinander lebten, ließ er die Mitglieder seiner kleinen Gemeinde zufrieden. Dafür liebten die Menschen den gutmütigen Mann. Aber Wendelin war klug genug, um die Gefahren zu sehen, die sein nachsichtiger Umgang mit den alten Mythen mit sich bringen konnte. Er wäre nicht der erste Gottesmann, den die Kirche mit Exkommunikation oder Schlimmerem bedrohte. Wendelin schüttelte ein wenig unwillig den Kopf. An diesem Abend wollte er sich über seinen Garten freuen und sich keine Sorgen machen.

»Ich werde heute früh zu Bett gehen«, sagte er zu Luzia. »Aber vorher lass uns ein Glas Wein auf die getane Arbeit trinken.«

Bei einem Glas Elbling plauderten sie über die Klosterinsel Reichenau.

»Bruder Markus würde dich von Herzen gerne kennenlernen. Möchtest du mich nicht einmal in den fast schon legendären Klostergarten begleiten? Es wäre mir eine Ehre«, versicherte Wendelin mit einem Lächeln.

Luzia fehlten die Worte. Helle Freude wirbelte durch ihren Kopf.

»Pater Wendelin, damit würdet Ihr mir einen meiner innigsten Wünsche erfüllen! Einmal den wunderschönen Kräutergarten Walahfrid Strabos betreten und ausgiebig studieren zu dürfen! Diesen Wunsch hege ich schon, seitdem mein Onkel Basilius mir zum ersten Mal davon erzählt hat!«

Wendelin wusste, dass Luzias Liebe zu den Heilpflanzen durch die Weitsicht ihres Onkels Basilius geweckt worden war, der die Apotheke in Ravensburg betrieb. Schon früh hatte Basilius den außerordentlich wachen Geist der kleinen Luzia erkannt. Er war es auch gewesen, der das Schulgeld für sie bezahlt hatte, obwohl ihre Mutter den Besuch einer Schule für bloße Zeitverschwendung gehalten hatte.

Und damit hatte das Drama angefangen, das erst mit Luzias Übersiedelung nach Seefelden ein Ende gefunden hatte. Eusebius Grumper, der hartherzige Schulmeister, der zu allem Überfluss auch noch ein Mann der Kirche war, hatte für Luzias wissbegieriges Wesen nicht sonderlich viel übrig gehabt. Ihr rotes Haar hatte er mehr als alles andere gehasst. Vom ersten Tag an hatte er sie spüren lassen, dass sie in seinen Augen eine »Rote« war, ein Kind der Wollust. Während der unreinen Tage ihrer Mütter gezeugt, umgaben die Roten etwas zutiefst Sündiges. Nachdem Luzia es zum ersten Mal gewagt hatte, dem Schulmeister vor den anderen Kindern zu widersprechen – es war dabei um den Namen einer Pflanze gegangen und Luzia hatte recht behalten –, hatte Kaplan Grumper keine Gelegenheit ausgelassen, Luzia zu bestrafen. Er demütigte und quälte sie bei jeder Gelegenheit. Manchmal steigerte sich seine Wut ins Unermessliche, weil Luzia nach wie vor unbeirrt zu ihm in den Unterricht kam. Die Unerbittlichkeit des Mädchens war für den Kaplan ein weiterer Beweis für ihre Gefährlichkeit. Ihr rotes Haar, die ungewöhnlich dunkelblauen Augen und der messerscharfe Verstand – sie alle waren seiner Einschätzung nach augenfällige Hinweise für ihre Andersartigkeit. Stolz und aufrecht trug sie ihr unbedecktes Haar durch die Gassen der Stadt. Daneben fehlte ihr die nötige Demut, was sie zu einer Feindin des wahren Glaubens machte.

»Mädchen wie du gehören hinter dicke Klostermauern, wo sie ihren Mitmenschen keinen Schaden zufügen können, oder besser noch gleich auf den Scheiterhaufen«, brüllte er sie an. Um sie auf den rechten Weg zu bringen, verlangte er von ihr, jeden Sonntag nach der Messe zu ihm zu kommen. Dort zwang er sie, stundenlang auf einem scharfkantigen Holzscheit kniend das Paternoster zu beten. Als die ersten Zeichen ihrer erblühenden Weiblichkeit erkennbar wurden, ging der Schulmeister dazu über, Luzia, während sie auf dem Boden kniete, mit einer Rute zu züchtigen. Dabei hatte er es besonders auf Luzias nacktes Gesäß und ihren entblößten Rücken abgesehen.

Die Vorstellung, wie sich der Kaplan beim Anblick von Luzias knospenden Brüsten ergötzt haben mochte, verursachte Wendelin heute noch Übelkeit. Der Pater hatte oft nach dem Grund für Luzias Beharrlichkeit gesucht. Nach der Quelle, die ihr die Kraft verliehen hatte, diese Jahre zu überleben. »Ich kann es Euch nicht sagen, aber meine Neugier siegte tagtäglich über die furchtbare Angst«, hatte ihm Luzia zur Antwort gegeben. Sie konnte nur von einer höheren Macht gekommen sein, dessen war sich Wendelin sicher. Selbst heute erinnerte sich der Geistliche noch beinahe an jedes ihrer Worte. Nach und nach hatte ihm das Mädchen die ganze Geschichte anvertraut. Einiges davon unter dem Geheimnis der Beichte. Manchmal waren ihre Geständnisse furchtbar gewesen. So schrecklich, dass auch ihm die Tränen gekommen waren.

»Ich würde Euch wirklich furchtbar gern begleiten«, antwortete Luzia, bevor sie einen Schluck aus ihrem Becher nahm.

Ihre Worte rissen den Pater aus seinen Erinnerungen. Er atmete tief durch und rieb sich das Gesicht, um die Erinnerungen hinter sich zu lassen. Ein Blick auf Luzia zeigte ihm, dass auch sie an ihre Kindheit in Ravensburg gedacht hatte. Er nickte ihr aufmunternd zu.

»Auf dein Wohl«, sagte er und hob seinen Becher.

»Also ist es beschlossene Sache?«, fragte Luzia nach.

»Bruder Markus wird dich ins Herz schließen und auch du wirst ihn mögen«, versicherte Wendelin und leerte seinen Becher.

»Ich hoffe, das Kind der jungen Schäferin geduldet sich wirklich noch bis morgen. Ich möchte doch so gerne mit den anderen zum Sonnwendfeuer.«

Elisabeth nickte und legte den gewaltigen Hecht zur Seite, den sie gerade schuppte. »Natürlich gehst du hin. Wenn die Schäferin dich braucht, kann man dich benachrichtigen.« Sie seufzte tief. »Die Jugend vergeht viel zu schnell, also nutze jede Gelegenheit zum Tanz.«

Die letzten Worte kamen Elisabeth fast ein wenig traurig über die Lippen. Immerhin hatte die weise Wehmutter bereits die Vierzig überschritten. Doch sie war immer noch eine anziehende Frau. Als Jakob zu ihnen in die Küche kam, lehnte sich Elisabeth bei ihm an.

»Wollen wir auch zum Sonnwendtanz gehen?«, neckte sie ihn.

»Wenn du möchtest, begleite ich dich auch zum Sonnwendfeuer.« Jakobs Worte wurden von einem Augenzwinkern begleitet. Sein ehemals dunkles Haar glänzte mittlerweile eher silbern. Was ihn für seine Elisabeth weitaus wertvoller machte. Silber war nun einmal von höherem Wert als Ebenholz, pflegte er zu sagen. Sein Humor und sein einnehmendes Wesen machten Jakob zu einem gerngesehenen Mann in Seefelden.

»Und du gehst mit Matthias?«, wandte Jakob sich an Luzia.

Luzia hörte die hoffnungsvolle Erwartung in seiner Stimme. Sie wusste, er sähe es gern, wenn sie sich bald entschließen könnte zu heiraten.

»Du weißt, wenn du heute Nacht mit einem Burschen übers Feuer springst, bringt das lebenslanges Glück.«

»Natürlich weiß ich das, und Matthias gibt sicher einen guten Ehemann ab, aber ich bin doch noch viel zu jung zum Heiraten«, versuchte Luzia das leidige Thema zu beenden und begann das Gemüse zu putzen, das in einem Korb auf dem Tisch stand. Sie hoffte, ihr geschäftiges Tun würde ihren Onkel davon abhalten, ihr zum hundertsten Male seine Sicht der Dinge anzutragen. Himmel, wie Luzia diesen Vortrag hasste!

»Zu jung bist du sicher nicht, allenfalls zu störrisch! Dabei solltest du dich freuen, einen wie Matthias zu haben.« Großer Gott, wenn er doch nur schweigen würde, dachte Luzia, während sie den Kohlkopf auf den Tisch warf und in die kleine Vorratskammer neben der Küche stürmte.

»Jakob«, mischte sich Elisabeth mahnend ein, während sie den verbeulten Kessel auf den Haken über dem Feuer hängte.

»Ja, ja, ich meine es ja nur gut«, brummte Jakob.

Diese Unterhaltung hatten sie schon oft geführt. Jakob ärgerte sich über Luzias Starrsinn. Die wenigsten Mädchen wurden gefragt, wen sie heiraten wollten.

Obwohl Luzia in der Vorratskammer rumorte und mehr Lärm erzeugte, als nötig gewesen wäre, redete Jakob unbeirrt weiter: »Im Gegensatz zu manch anderem würde Matthias dich auf Händen tragen. Einen besseren wirst du nicht finden.«

»Ich weiß ja, dass du recht hast«, lenkte Luzia ein, während sie die Tür zur Kammer wieder schloss. Sie wusste, dass Jakob sonst keine Ruhe geben würde. »Aber einen Grobian würde ich ohnehin nicht nehmen. Und sicher auch keinen Dummen. Zudem habe ich noch so viel zu lernen, frag Pater Wendelin, wenn du mir nicht glaubst! Wie gerne würde ich einmal den Kanon der Medizin von Avicenna lesen. Oder die Physica sowie die Causae et curae, welche beide von der großartigen Hildegard von Bingen verfasst wurden«, schwärmte Luzia, während ihre Hände den Kohlkopf zerteilten.

Jakob nickte. »Ich weiß, und ich wünsche es dir auch von ganzem Herzen, dass du Gelegenheit zum Studium dieser Bücher bekommst. Aber ich kann dir versichern, Matthias würde dir keinen Stein in den Weg legen.«

»Wahrscheinlich nicht, aber Matthias ist eben fast wie ein großer Bruder für mich. Ich mag ihn – aber heiraten könnte ich ihn nicht«, entgegnete Luzia beharrlich. »Außerdem ist er einfach ein Kindskopf.«

Elisabeth knuffte Jakob in die Seite. »Jetzt lass es gut sein! Wir wissen doch, wie Luzia über eine Heirat denkt, oder etwa nicht?«

Jakob gab sich geschlagen und nickte. Der Gedanke, seine starrköpfige Nichte könnte einmal einen Mann heiraten, der sie schlug oder ihr gar noch Schlimmeres antat, erfüllte Jakob mit Grauen. Natürlich gab er Luzia recht: Matthias hatte immer irgendwelche Grillen im Kopf, aber bei ihm hätte sie es gut. Und seine Nichte war auch nicht ohne. Im Gegensatz zu ihr war ein Esel geradezu einsichtig. Und was war eigentlich so falsch daran, dass er ihr einen geeigneten Mann wünschte? Einen, der bereit sein würde, ihre stürmische Natur allenfalls ein wenig zu bändigen. Und es war doch wichtig, dass sie heiratete. Eine unverheiratete Frau besaß keinerlei Rechte und war völlig schutzlos. Sie durfte nichts kaufen, was über Lebensmittel oder Haushaltswaren hinausging, noch etwas anderes verkaufen. Was sollte denn aus Luzia werden, wenn er und Elisabeth eines Tages nicht mehr sein würden?

Der Duft der Sommernacht war überwältigend. Süß und fruchtig brachte er die Kunde schwerer, reifer Sommerfrüchte. Jetzt bot die Natur alles im Überfluss und die Menschen schwelgten in dieser Fülle. Sie feierten den Sommer und mit ihm das Licht, das schon bald wieder sterben würde.

Ein sanfter Wind streifte Luzias warme Haut. Nepomuk strich um ihre Röcke und tat seine Ungeduld mit einem lauten Maunzen kund.

Mit wiegenden Schritten verließ Luzia die schmale Fischergasse und bog landeinwärts in die Schilfgasse ein. Hier standen die Häuser dicht an dicht. Am Ende der schmalen Gasse wohnte ihre Freundin Magdalena.

Luzia war froh, sich für das leichte Kleid aus moosgrünem Flachs entschieden zu haben. Es bildete einen lebhaften Kontrast zu ihrem feurigen Haar. Noch froher war sie allerdings über den glimpflichen Ausgang des Disputs mit ihrem Onkel. Luzia wusste, dass er sich im Grunde nur Sorgen um ihre Zukunft machte, aber trotzdem … Sie atmete seufzend aus.

»Luzia, na endlich, ich dachte schon, die Schäferin hätte dich im letzten Augenblick doch noch gerufen.« Das war die Stimme von Magdalena, die vor dem Haus auf sie wartete.

Luzia schüttelte den Kopf.

»Als ich heute Morgen bei ihr war, sah es nicht danach aus, als habe es das Kleine sonderlich eilig.«

Arm in Arm machten sie sich auf den Weg Richtung Seeufer. Die Freundinnen erreichten schon bald den moosbewachsenen Weg, der sie durch den kleinen Riedwald bis ans Ufer des Bodensees führte. Erdig, feucht, fast ein wenig saftig roch das Moos in der warmen Sommernacht. Sie folgten der in großen Schwüngen verlaufenden Seefelder-Ache. Den murmelnden Bach säumten viele knorrige Weiden. In der Dämmerung wirkten sie wie alte, weise, ehrwürdige Weiber, wie silberweiße, lichtgrüne Nebelfrauen. Luzia liebte die riesigen Bäume, deren weit hinabhängenden Äste teilweise den kleinen Fluss berührten, als würden sie ihn sanft streicheln. Sonst war es zwischen den alten Bäumen einsam und still, aber heute trug der milde Abendwind neben dem Duft von Seegras auch die Stimmen der jungen Leute herüber. In einem Halbrund öffneten sich die Bäume zum Ufer des Bodensees. Zusammen mit der gewaltigen Landzunge, die weit in den See hinausragte, entstand ein großer, fast runder Platz. Die untere Grenze bildete das Wasser.

Hier am Ufer des Sees war Perchta, die uralte Erdenmutter, noch immer allgegenwärtig. Aus jedem Stein, jedem Tropfen Wasser, ja selbst aus der prickelnden Abendluft strahlte ihre Anwesenheit und verzauberte die Menschen.

Als sie den Platz erreichten, sahen sie, dass die Burschen des Dorfes bereits das Feuerholz aufgeschichtet hatten. Sie standen um den riesigen Holzstoß herum, und mit ihnen die jungen Frauen des Dorfes, die wie Luzia und Magdalena einen Teil ihrer Johannisbuschen zum Kranz gewunden im Haar trugen. Die duftenden, bunten Sommerblumen schmückten die Frauen wie eine Sommerbraut oder eine Korngöttin. Fast alle trugen ihr Haar offen und hatten sich in ihre schönsten Gewänder gekleidet.

»Ich kann Hans gar nicht entdecken. Er wird doch heute Abend kommen?«, fragte Luzia.

Magdalenas Blick war schwer zu deuten.

»Ich weiß doch, dass er dir gefällt«, ermutigte Luzia die Freundin.

»Ich hätte doch lieber das rote Kleid wählen sollen. Oder meinst du, ich gefalle ihm auch in diesem blauen, alten Lumpen?«, fragte Magdalena zögernd. Sie wirkte plötzlich unsicher, obwohl es dafür überhaupt keinen Grund gab. Dennoch wusste Luzia, dass Magdalena sich ihrer Zähne schämte. Erst kürzlich musste sie der Bader wieder um einen Eckzahn erleichtern. Seither lachte Magdalena nicht mehr so gerne. Luzia fand das sehr schade.

»Mach dir nicht so viele Gedanken! Natürlich wird dich Hans schön finden! Sieh doch nur dein wunderschönes Haar!«

Magdalenas Arme legten sich um Luzias Mitte, und sie fand sich in einer stürmischen Umarmung wieder. Sie spürte Magdalenas Glück und die Ungeduld, mit der sie sich nach Hans umsah. Luzia konnte die Aufregung ihrer Freundin nur halb nachvollziehen. Sie war anders. Sie legte keinen Wert darauf, den jungen Männern aus dem Dorf den Kopf zu verdrehen.

Nach und nach trafen immer mehr junge Männer und Frauen beim großen Festplatz auf der Landzunge ein. Traditionell bestand das Holz für die Sonnwendfeier aus neunerlei unterschiedlichen Sorten: Eiche, Birke, Erle, Esche, Holunder, Ahorn, Weißdorn, Schwarzdorn und Weide wurden von einem jungen Paar entzündet. In diesem Jahr war die Wahl auf Josef, den jungen Schuster, und seine zukünftige Frau, Elisa, gefallen.

Bald brannte ein großes Sonnwendfeuer. Zweige knisterten und Funken stoben in die samtblaue Nacht. Der Mohrenwirt war mit seinem Karren von der Langen Gasse, wo sein Wirtshaus stand, bis ans Ufer des Sees gekommen. Unter den Bäumen hatte er seinen Stand aufgebaut und schenkte heißen Met aus. Luzia schaute ins Feuer. Glühend schossen die hellen Zungen weit in den Nachthimmel. Heute Nacht waren die Tore zur Anderswelt weit geöffnet. Dicht über der Wasseroberfläche schwebten silberne Schleier. Eine leichte Bö trug das leise Lachen der Wassergeister bis auf die Landzunge.

An eine Weide gelehnt verfolgte Matthias, wie Luzia ein wenig abseits des Feuers barfuß und mit gerafften Röcken im Wasser stand. Er schaute ihr schon eine ganze Weile zu, wie sie tief in Gedanken versunken auf den See hinaus blickte. Sie verzauberte ihn, so wie sie es immer tat. Es fiel ihm schwer, sich von ihrem Anblick zu lösen. Das silberne Licht des Mondes tanzte wie eine geheimnisvolle Brücke aus Feenhaar über dem nachtschwarzen See. Mondschein und Feuer hüllten Luzia in einen Mantel aus Licht, das sich im Wasser zu ihren Füßen spiegelte. Wie gerne hätte Matthias mit dem Licht getauscht. Aber Luzia ließ ihn nie richtig an sich heran.

Einen Augenblick hielt Luzia inne, um dem tiefen Herzschlag des Gewässers zuzuhören. Das grüne Haar des Sees bewegte sich im rhythmischen Puls der unsichtbaren Strömung. Neugierig liebkoste das kühle Nass ihre nackten Füße. Das leise Murmeln kam von der anderen Seite des Sees. Dort gab es einen unheimlichen Platz. Teufelstisch nannten die Leute die geheimnisvolle Felsnadel, die aus dem Wasser ragte. Über den Teufelstisch erzählte man sich furchterregende Dinge. Mitunter sollten dort riesige Welse leben. Halbe Seeungeheuer, die jedes Fischerboot mit sich in die Tiefe zogen. Boot und Fischer blieben auf ewig verschwunden.

Sie entdeckte Matthias, der langsam Richtung Feuer ging. Sie winkte ihm zu, und er kam zu ihr.

»Luzia, wie schön, dass du gekommen bist. Ich weiß nicht, mit wem ich sonst getanzt hätte«, begrüßte er sie.

»Ach nein, weil es hier außer mir keine weitere Frau gibt, oder wie?« neckte sie und bereute es gleich, weil Matthias’ Miene sich verdüsterte.

»Darf ich dich zu einem Becher Met einladen?«, fragte er zögernd.

Luzia deutete eine Verbeugung an. »Mit Vergnügen!«, erwiderte sie. Sie wollte heute ausgelassen sein. Lachen und Tanzen, bis ihr schwindelte. Und ein paar Becher Met waren auch nicht zu verachten.

»Dann lass uns zum Mohrenwirt hinüber gehen und sehen, was er dabei hat. Vielleicht verkauft er wieder die fettigen Küchlein vom letzten Jahr.« Luzia nickte und ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht.

»Die, von denen du schon zur Wintersonnwende zu viele gegessen hast?«

Matthias stutzte. »Das weißt du noch?«

Sie nickte. »Ich werde nie vergessen, wie du jammernd auf deinem Bett gelegen hast und mich davon überzeugen wolltest, dein letztes Stündlein habe geschlagen – dabei hattest du dich einfach nur überfressen! Ich hoffe, du hast daraus deine Lehren gezogen. Jedenfalls holst du mich nicht wieder zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett, hörst du?«

Matthias musste ebenfalls lachen. »War es wirklich so schlimm?«

»Schlimmer!«, bestätigte Luzia und rannte Richtung Mohrenwirt davon.

Sonnwendküchlein gab es tatsächlich, aber beide aßen nur sehr wenig davon. Dafür sprachen sie dem Met etwas ausgiebiger zu. Der heiße Honigwein rann ihnen die Kehlen hinunter und erzeugte einen leichten Schwindel.

»Lass uns tanzen!«, schlug Matthias übermütig vor. Gemeinsam schlossen sie sich dem tanzenden Reigen an. Männer und Frauen hielten sich an den Händen und umtanzten das Feuer. Auch Magdalena und Hans hatten sich bereits unter die Tanzenden gemischt. Luzia freute sich, als sie die beiden ausgelassen lachen sah.

Der Klang der Fiedel trieb sie zu immer schnelleren Drehungen an. Die jungen Leute lachten und tanzten so ausgelassen, dass manch einem schwindlig wurde. Doch müde durfte man ein andermal werden. Heute war die Nacht zu schade. Lau und süß flüsterte sie so den Menschen Unerhörtes ins Ohr. Als das Feuer kleiner wurde, begannen die jungen Leute durch die reinigenden Flammen zu springen. Die Flammen des Sonnwendfeuers galten als heilig. Sie schützten die, die durch sie hindurchsprangen, im neuen Jahr vor Krankheit und Leid. Im warmen Feuerschein glitzerten Luzias tiefblaue Augen dunkel und unergründlich. Lächelnd nahm sie ein paar Finger voll Teufelsklau aus ihrer Tasche. Im Alltag puderte sie damit rote Kinderpopos. Ins Feuer geworfen, knallte der Sporenstaub des Keulenbärlapps und glühte hell auf.

Matthias lachte. »Seit wann kannst du denn zaubern?«

»Das würdest du wohl gerne wissen!« Luzia beugte sich ganz nah an Matthias Ohr. »Schon immer. Hast du das denn nicht gewusst?«, flüsterte sie geheimnisvoll, während ihre weichen Lippen die erhitzte Haut seines Nackens streiften.

Matthias stand in Flammen. Eine prickelnde Gänsehaut umfing ihn von den Zehen bis zu den Haarspitzen. Luzias geheimnisvolles Lachen klang in seinen Ohren warm, süß und verlockend. Nur eine Handbreite trennte ihn jetzt noch von ihrem Mund. Doch bevor er sie küssen konnte, entzog sie sich ihm und tanzte allein um das kleiner werdende Feuer.

Matthias lief ihr nach und sprang neben Luzia durch die Flammen. Er beobachtete sie von der Seite. Ihr Haar schien in Flammen zu stehen. Der helle Feuerschein brachte die langen, roten Flechten zum Leuchten. Manchmal glaubte er an ihr etwas Geheimnisvolles zu entdecken, als sei sie eine weise Frau, die das Wissen längst vergangener Zeiten in sich trug. Dann schienen ihre Augen unendlich tief wie zwei Seen. Er meinte dann zu sehen, wie sich zwei schwarze Rädchen in atemberaubender Geschwindigkeit um die Pupille drehten und jeden hineinzogen, der ihr zu nahe kam. In solchen Momenten kamen ihm die Augen der Hebamme geheimnisvoll und wissend vor. Aber bevor er sich vergewissern konnte, verschloss sich ihr Blick wieder und er meinte, sich getäuscht zu haben.

»Fang mich, wenn du kannst!«, rief sie übermütig und rannte vor ihm davon.

Matthias setzte ihr nach und packte sie am Arm. »Hab dich! Wenn du denkst, du kannst mir entkommen, liegst du falsch!« Niemals würde er sie entkommen lassen. Er wollte sein Leben mit ihr verbringen.

Gemeinsam rannten sie wieder zum Karren des Mohrenwirts und ließen sich dort erschöpft unter einer Weide nieder.

Matthias war glücklich. So war es immer, wenn er mit Luzia zusammen war. Leicht und selbstverständlich wie ein Herzschlag. Er drehte sich zu ihr herum. Der warme Feuerschein zauberte einen goldenen Schimmer auf ihre Haut, die vom vielen Tanzen glühte. Dankbar sog Matthias den warmen Duft nach Kräutern und Honig ein, der ihrer erhitzten Haut entströmte. Genauso roch Luzia. So hatte sie schon vom allerersten Tag an gerochen, an dem er sie gesehen hatte.

Ermutigt durch das Lächeln, das sie ihm schenkte, erhob er sich, klemmte die zerzausten Locken hinter die Ohren und trat von einem Bein auf das andere.

Sicher wäre jetzt der richtige Moment, Luzia zu fragen, ob sie seine Frau werden wollte. Er holte tief Luft, um die Worte zu sprechen, doch als Luzia ihn fragend ansah, verließ ihn der Mut wieder.

3

Fast zwei Monate später, am 6. des Erntemonats, brachte ein vorbeiziehender Handelsreisender einen Brief für Luzia. Er kam von ihrem Onkel Basilius Gassner in Ravensburg.

Jakob und Elisabeth baten den grauhaarigen Mann und seine beiden Söhne ins Haus und boten den verschwitzten Männern einen Krug Dünnbier und Brot an.

»Wie lange seid Ihr denn schon unterwegs?«, fragte Jakob und setzte sich zu den Leuten an den Tisch.

»Erst seit zwei Tagen. Wir hatten in Altdorf zu tun und wollen nun weiter in das Land der Eidgenossen.«

Jakob nickte. »Ich dachte nur wegen des Briefes. Hoffentlich enthält das Schreiben keine schlechten Nachrichten.«

Der ältere Mann hob bedauernd die Schultern und setzte den Becher ab, den er durstig geleert hatte. »Diese Hoffnung kann ich Euch leider nicht lassen, der Apothekarius, der mir den Brief gegeben hat, klang sehr besorgt. Ich musste ihm versichern, Seefelden in spätestens zwei Tagen zu erreichen. Der Inhalt des Schreibens scheint von großer Wichtigkeit zu sein.«

Elisabeth drehte das gesiegelte Schreiben nervös zwischen ihren Fingern hin und her. Sie hatte die große Schrift ihres Bruders Basilius gleich erkannt. Wenn er schrieb, dann musste es um etwas Wichtiges gehen.

»Wo ist Luzia denn?«, wollte Jakob wissen, ehe er sich wieder erhob und zum schmalen Fenster ging, von dem aus er die Straße überblicken konnte. Auch ihm stand die Sorge ins Gesicht geschrieben.

»Bei den Metzgers«, antwortete Elisabeth und füllte den Bierkrug der Besucher ein weiteres Mal. »Die Sofia bekommt ihr Kind. Aber sie ist schon seit den frühen Morgenstunden fort. Allzu lange kann es nicht mehr dauern.« An den Reisenden gewandt, fuhr sie fort: »Hat Euch Basilius denn gar nichts gesagt?«, fragte sie.

Der Fremde schüttelte den Kopf. »Nein. Nur, dass es sehr dringend sei.«

»Ich weiß, dass dieses Pergament schlechte Nachrichten enthält! Ich kann es fühlen«, flüsterte Elisabeth mehr zu sich. Dabei flackerten ihre wachen, blauen Augen voller Angst. Es half auch nicht, dass Jakob ihre Hand nahm.

Der grauhaarige Handelsreisende erhob sich. »Ich glaube, wir sollten langsam gehen«, sagte er und räusperte sich in Richtung seiner Söhne. Die warfen sich Blicke zu, stopften sich eilig die letzten Bissen in den Mund und standen ebenfalls auf. Sie fühlten sich in dem kleinen Haus, welches ihnen vorher so gemütlich erschienen war, nicht mehr recht wohl. Da schien sich etwas zusammenzubrauen und sie wollten auf keinen Fall dabei sein, wenn dieser unheimliche Brief geöffnet wurde. »Wir danken Euch für Eure Gastfreundschaft. Gott sei mit Euch.« Damit waren sie schon aus der Tür.

Als Luzia wenig später von Sofia kam, währte die Freude über die gesunde Tochter der Mezgers nicht lange. Auch sie ahnte gleich, dass der Brief nichts Gutes enthielt. Mit zitternden Fingern brach sie das kleine, rote Siegel der Gassners. Hastig überflog sie die Zeilen.

Liebste Luzia, liebe Elisabeth, werter Jakob, es tut mir sehr leid, dass ihr diese Zeilen lesen müsst. Ich hätte sie euch gerne erspart! Aber es hilft alles nichts, also werde ich nicht lange um den heißen Brei herumreden. Luzia, deine Mutter ist gestorben.

Luzia merkte, wie die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Wieder und wieder las sie dieselben Zeilen: Deine Mutter ist gestorben.

Luzia spürte Tränen in ihren Augen brennen. Mühsam versuchte sie den Kloß, der in ihrer Kehle saß, hinunterzuschlucken. Doch es gelang ihr nicht. Ein Schluchzen stieg in ihrer Kehle auf, sie ließ das Schreiben sinken, weil die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Der Raum um sie herum schien sich zu drehen. Mit einem leisen Schrei war Elisabeth bei ihr und fing sie auf, als sie zu fallen drohte. Neben den besorgten Fragen ihrer Tante vernahm sie aus den Tiefen ihres Kopfes eine Stimme aus längst vergangenen Tagen. Luzia erkannte den Tonfall, das leise Zischen der einzelnen Laute sofort. Auf ihrem Rücken tobte ein Feuer. Brennender Schmerz erfasste ihre Schulterblätter und breitete sich immer weiter aus. Sie hatte das Gefühl von rinnendem Blut, welches ihr über Rücken und Gesäß bis weit zu den Beinen hinab floss. Roter, wilder Zorn schlug über ihr zusammen und drohte sie zu verbrennen. Spitze Gegenstände bohrten sich in ihre Knie. Harte Riemen schnitten schmerzhaft in ihre Handflächen. Dann wurde alles dunkel und still. Die Bewusstlosigkeit zog sie in die Tiefe.

Als Luzia die Augen aufschlug, wusste sie zunächst nicht, was passiert war. Sie fühlte sich matt und krank. Alle Kraft hatte ihren Körper verlassen.

Elisabeth hatte den Kopf ihrer Nichte in ihrem Schoß gebettet und streichelte ihre Wange. Jakob stand hinter seiner Frau und machte ein sorgenvolles Gesicht. »Komm, versuch dich aufzusetzen«, sagte Elisabeth sanft zu ihr. »Und dann trink einen Schluck.« Sie hielt ihr einen Becher heißen Weins mit den Blättern der Raute hin.

Luzia setzte sich an den Küchentisch und trank in kleinen Schlucken. Dabei ließ der Schwindel in ihrem Kopf etwas nach.

»Du hast das Bewusstsein verloren«, sagte Jakob. Seine Stimme klang fremd, irgendwie hölzern.

»Ich weiß nur noch, dass Mutter gestorben ist. Doch da war noch etwas anderes. Eine Stimme, die mir unbeschreibliche Angst gemacht hat. Fast vergessen, drang sie ungefragt in mein Bewusstsein. Die Nachricht von Mutters Tod war nur der Auslöser. Der Schlüssel für ein Schloss, das ich für immer verschlossen glaubte …« Luzia senkte hilflos den Kopf und begann wieder zu weinen. Ihre Mutter war tot, die Frau, die ihr das Leben geschenkt und die sie gleichzeitig gehasst hatte. Seit beinahe sieben Jahren hatte sie kein Wort mit ihr gewechselt. Sie hatte nicht die Gelegenheit gehabt, sich mit ihr auszusprechen.

Elisabeth nickte und tupfte ihre Tränen mit einem Zipfel ihrer Schürze fort.

Luzia fühlte sich unendlich leer. »Jakob, sei so gut und lies mir vor, was mein Onkel noch schreibt.«

Jakob nahm den Brief vom Tisch und begann mit ruhiger Stimme zu lesen.

Liebste Luzia, liebe Elisabeth, werter Jakob, es tut mir sehr leid, dass ihr diese Zeilen lesen müsst. Ich hätte sie euch gerne erspart! Aber es hilft alles nichts, deshalb werde ich nicht lange um den heißen Brei herumreden. Luzia, deine Mutter ist gestorben.

Es tut mir schrecklich leid, dass du erst unter diesen Umständen wieder einmal von mir hörst. Leider sehen wir uns viel zu selten. Um dir eine Sorge zu nehmen, habe ich die Verstorbene, wie ich hoffe, in deinem Sinne beerdigt. Hiermit möchte ich euch allen mein Beileid aussprechen. Mein Mitgefühl ist euch in diesen Stunden gewiss.

Luzia, nun zu dir. Ich habe mir Gedanken über deine Zukunft gemacht, wie es meine Pflicht ist.

Du solltest möglichst bald nach Ravensburg kommen, um das Grab deiner Mutter zu besuchen.

Deine Mutter Anna hat eine Hebammentasche zurückgelassen. Sie gehört jetzt dir. Entscheide selbst, was du brauchen kannst. Nachdem nun deine Mutter nicht mehr ist, fehlt unserer Stadt auch eine tüchtige Hebamme. Ich bin der festen Meinung, dass du ihre Nachfolge antreten solltest.

Ich kann mir denken, dass du mit Schrecken an deine Kindheit in Ravensburg zurückdenkst. Ich weiß, was Eusebius Grumper dir angetan hat. Er ist nach wie vor als Kaplan und Notar in der Stadt tätig. Dennoch hoffe ich inständig, dass ich dich überzeugen kann, nach Ravensburg zurückzukommen. Auch an Grumper ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen, und auf meine Unterstützung kannst du zählen. Zudem hättest du als Hebamme die Möglichkeit das Bürgerrecht zu erlangen. Dies würde deine Position stärken.

Nach einer kurzen Vorstellung bei unseren Stadtärzten, am besten bei Johannes von der Wehr, unserem jungen Wundarzt, könntest du die Stelle schon bald antreten. Von der Wehr ist ein äußerst liebenswürdiger Mann, er bereitet dir sicher keine Schwierigkeiten.

Liebe Luzia, ich bitte dich, meinen Vorschlag in deinem Herzen zu bedenken. Natürlich würdest du in meinem Haus wohnen, und ich würde für dein Wohlergehen sorgen und auf deinen Ruf achten. Seit Annegrets Tod ist das Haus so leer und für mich allein viel zu groß. Bitte überlege es dir, Ravensburg und ich freuen uns auf dich!

Mit den allerherzlichsten Grüßen,

euer aller Basilius. Im Jahres des Herrn 1483

»Wie du es auch drehst und wendest, Ravensburg eröffnet dir ungeahnte Möglichkeiten!«, sagte Elisabeth und nahm sich seufzend ein weiteres Hemd aus dem Korb vor ihr, bei dem es ein großes Loch zu stopfen galt. »Luzia, Kind, du musst diese Gelegenheit nutzen! Auch wenn deine Erinnerungen nicht die besten sind. Bedenke, heute bist du eine erwachsene Frau, kein hilfloses Kind mehr!«

Seitdem der Brief von Basilius eingetroffen war, redeten Elisabeth und Jakob mit Engelszungen auf ihre Ziehtochter ein, obwohl ihnen die Vorstellung, dass Luzia ihr Haus verlassen würde, Angst machte. Dennoch, eine solche Gelegenheit würde nicht wiederkommen! Elisabeth wusste, sie durfte jetzt nicht an sich denken.

Luzia sollte Hebamme in einer der größten Städte der näheren Umgebung werden. Nur Konstanz, das sich auf der anderen Seite des Sees befand, zählte mehr Einwohner als Ravensburg.

Und so wurde beschlossen, dass Luzia zum Herbst hin Seefelden verlassen und ihr neues Leben in Ravensburg beginnen sollte. Viel zu schnell gingen ihre letzten Wochen in der Fischergasse vorüber, und nun war schon der Tag des Abschieds gekommen.

Noch heute Abend würde sie in das große Apothekerhaus ihres Onkels in der Marktstraße einziehen und fortan in Ravensburg wohnen. Matthias würde sie nach dem Achtuhrläuten mit ihren Habseligkeiten nach Ravensburg bringen.

In den vergangenen Tagen waren Luzias Gedanken oft nach Ravensburg, die Stadt an der Schussen, gewandert. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, als sie das erste Mal ohne die Mutter Basilius’ Apotheke betreten hatte. Sicher war sie auch vorher schon öfter dort gewesen. Dennoch hatte sich dieser Besuch eindeutig von den vorherigen unterschieden. Luzia hatte nicht vergessen, wie sehr sie sich bemüht hatte, die kleinen Buchstaben auf den vielen großen und kleinen Gefäßen in den mannshohen Regalen zu entziffern. Zuerst hatte sie gedacht, sie hätte über Nacht das Lesen verlernt. Dann hatte der Kaplan vielleicht doch recht gehabt? Weibliche Wissbegier außerhalb einer Klostermauer stellte für ihn eine schwere Sünde des von Natur aus schwachen und dummen Weibes dar. Immer hatte der Kaplan haarscharf zwischen ihr und den anderen Buben und Mädchen der Klasse unterschieden. Die wenigen anderen Mädchen waren äußerst widerwillig und gelangweilt zur Schule gekommen. Für sie war die Welt in Ordnung gewesen, wenn sie Nähen und Sticken durften. Der Umgang mit den Buchstaben war ihnen im Gegensatz zu Luzia sehr schwergefallen. Sie aber war aus freien Stücken gekommen. Lesen und Schreiben waren ihr in den Schoß gefallen. Für sie hatte es schon damals nichts Spannenderes gegeben, als die Welt zu verstehen, deshalb hatte sie immer viel zu viele Fragen gestellt. Schulmeister Grumper hatte ihre unbändige Fragelust unbarmherzig mit dem Stock oder dem Riemen bestraft. Freilich, auch die Buben hatte er bestraft, wenn auch nur für ihre frechen Antworten. Doch ihnen hatte der Schulmeister allenfalls den Hosenboden strammgezogen und das auch immer während des Unterrichts. Für Luzia hatte er sich etwas Besonderes ausgedacht. Sie hatte nach dem Unterricht im Kämmerchen neben dem Schulraum zu erscheinen. Noch heute glühten ihre Wangen vor Scham, wenn sie daran dachte.

Sie hatte so viele Strafen für ihre Wissbegier hingenommen, und jetzt konnte sie die Worte auf den vielen Behältern nicht lesen. Erst Basilius’ Erklärung, dass es sich hierbei um Latein, die Sprache der Gelehrten handele, hatte Luzia zumindest ein bisschen versöhnlicher gestimmt. Zumindest hatte sie das Lesen nicht verlernt.

Schnell zog Luzia die wackelige Tür zur Schlafkammer hinter sich zu. Elisabeth sollte nicht sehen, wie sie schon wieder weinte. Auf dem Bett sitzend, kämpfte sie den in heißen Wogen aufflackernden Schmerz zurück. Erst als sie sich einigermaßen beruhigt hatte, begann sie sich anzuziehen. Rasch bürstete sie die nassen, widerspenstigen Locken und nahm die fuchsrote Mähne im Nacken mit einem Lederband zusammen.

Wehmütig ließ sie ihren Blick durch die kleine, gemütliche Kammer schweifen. Neben einem liebevoll gezimmerten Bett und einem Nachtkästchen aus dunklem Holz ließ sie den kleinen Schreibtisch zurück. Hier hatte sie oft mit Blick auf den See Pater Wendelins Pergamente beschrieben. Kleine Übersetzungen aus dem Lateinischen, Abschriften und manch andere Übung hatte sich der Pfarrer für sie ausgedacht. Sieben Jahre war dies ihre Heimat gewesen. In Seefelden hatte sie sich geborgen und angenommen gefühlt. Das Leben war leicht und selbstverständlich gewesen. Jeder kannte jeden. Die Allermeisten besaßen wenig bis nichts und dennoch waren die Menschen zufrieden. Luzia schluckte schwer. Wie sehr sie sie alle vermissen würde: Elisabeth und Jakob. Magdalena, die gute Freundin der vergangenen Jahre. Wie viel Spaß hatte es gemacht, plaudernd, lachend und singend mit ihr die Wäsche zu waschen und den Brotteig zu kneten. Von Magdalena hatte sie sich bereits am Vortag unter Tränen verabschiedet. Dann waren da die vielen Kinder, denen sie auf die Welt geholfen hatte, und natürlich Matthias. Sehr bitter war ihr auch der Abschied von Pater Wendelin gewesen. Luzia dachte an die vielen Lateinstunden oder an die etwas selteneren Lektionen in Griechisch. Darüber hinaus hatte der gemütliche Pater seine fleißige Schülerin in Botanik unterwiesen. Luzia vermisste schon jetzt die gemeinsamen Stunden des Lernens und der Gartenarbeit. Doch auch Pater Wendelin hatte ihr dringend zu einer Übersiedelung nach Ravensburg geraten.

»Du tust gerade so, als wäre Ravensburg aus der Welt. Dabei ist es gerade einmal eine knappe Tagesreise von unserem See entfernt. Wenn dich das nicht überzeugt, solltest du bedenken, dass du auch von deinem Onkel noch eine Menge lernen kannst. Stell dir nur einmal vor, wie viele Bücher und Schriftrollen er besitzt?«

Natürlich wusste Luzia, dass der Pater, Elisabeth und Jakob recht hatten. In Ravensburg würde sie das angesehene, gesicherte Leben der Stadthebamme führen. Aber es gab einen Winkel in ihrem Herzen, der wusste, dass in Ravensburg auch Gefahren auf sie warteten. Seit ihrer Ohnmacht nach Basilius’ Brief hatte sie immer wieder die hasserfüllte Stimme gehört und den brennenden Schmerz auf ihrem Rücken gespürt. Luzia ahnte, dass ihr in Ravensburg etwas auflauern würde. Böse und dunkel griff es bereits jetzt nach ihr.

»Luzia, hast du keinen Hunger? Du musst etwas essen, bevor du dich auf den Weg machst«, mahnte Elisabeth.

Die Stimme der Tante ließ Luzia aus ihren trüben Gedanken aufschrecken.

Sie war sich gar nicht bewusst gewesen, dass sie hier am großen Tisch neben der gemauerten Feuerstelle saß und groben Dinkelbrei löffelte. Sie hatte den Geschmack nicht einmal wahrgenommen. Resigniert legte sie nach einigen weiteren Bissen den Löffel weg.

Elisabeth versuchte ein aufmunterndes Lächeln, obwohl auch ihr weh ums Herz war. Zweifel nagten an ihr. Würde ihre Nichte in Ravensburg ihr Glück finden? Sie selbst konnte ihr schon so lange nichts mehr beibringen. Alles, was sich Elisabeth im Laufe der Jahre angeeignet hatte, wusste Luzia bereits. Zumindest würde Luzia im Haus ihres Bruders Basilius freundliche Aufnahme und Schutz finden. Mit diesen Gedanken tröstete sie sich.

»Ist es schon soweit?«, fragte Elisabeth ungläubig, als Jakob Luzias Reisetruhe vor dem Haus abstellte.

»Nicht mehr lange, und die Glocken von Sankt Martin läuten zur achten Stunde. Wie ich Matthias kenne, wird er pünktlich mit seinem Ochsenkarren vor der Tür stehen.«

Elisabeth nickte. »Dann wird es wirklich Zeit!«, sagte sie zögernd.

»Wir werden uns gegenseitig besuchen«, flüsterte Luzia sanft.

Elisabeth nickte, doch auf ihrem Gesicht lag eine große Traurigkeit.

Obwohl die Abfahrt kurz bevorstand, fiel Elisabeth ständig noch etwas anderes ein, das sie Luzia gerne mitgeben wollte. Schließlich breitete sie auf dem Küchentisch ein sauberes Leinentuch aus. Darauf legte sie einige frisch geräucherte Fische aus dem Bodensee, eine dicke Wurst, einen großen Laib Brot und ein Stückchen Käse. An einem anderen Tag wäre Luzia beim Anblick der vielen Köstlichkeiten das Wasser im Mund zusammengelaufen. Heute fühlte sich ihr Magen an, als wären kalte Steine darin.

Zur selben Zeit wurden Matthias die letzten Anweisungen eingeschärft.

»Matthias, benimm dich ordentlich!«, ermahnte ihn Otto, sein Meister. »Sei höflich und hilfsbereit! Hast du mich verstanden?«

Der junge Mann nickte. »Keine Angst, Meister, ich werde schon zusehen, dass Luzia nichts zustößt und sie heil in Ravensburg ankommt.«

»Dass mir keine Klagen kommen, hörst du?«

Matthias versicherte ihm noch einmal seine Aufrichtigkeit. Otto rieb sich den zerzausten Bart. Jetzt, kurz vor der Abfahrt seines Gesellen, kamen ihm doch Zweifel, ob es richtig war, Matthias und Luzia die Reise machen zu lassen. Aber schließlich war es seine eigene Idee gewesen, denn der Junge sollte noch einige Einkäufe für ihn tätigen. Unter anderem stand eine Sense aus Wangen auf dem Einkaufszettel. Der Gedanke, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er das Geheimnis der Wangener Schmiedekunst lüften würde, erfüllte ihn mit Spannung und Vorfreude.

Als er Matthias mit seiner rauen, schwieligen Hand schließich den Segen gab, war Otto wieder mit sich und der Welt zufrieden.

Matthias brachte das Ochsengespann vor dem kleinen Häuschen in der Fischergasse zum Stehen. Er und Jakob wuchteten Luzias Reisekiste auf den Wagen.

»Gott segne dich, und habt eine gute Fahrt!« mit diesen Worten verabschiedete sich Jakob von seiner Nichte.

»Ich habe etwas für dich«, sagte Elisabeth liebevoll zu Luzia. Sie schob ihr eine Tasche in die Hand. Sie war aus dunkelbraunem Leder und roch nach Bienenwachs. Mit bequemen Henkeln und genügend Platz, für alles, was eine Wehmutter zur Ausübung ihres Berufes brauchte. Die Tasche war wunderschön.

»Pass auf dich auf!«, rief die Tante und trocknete ihre Augenwinkel, »und schreib uns recht bald …«

Schnaufend und schwitzend bog in diesem Augenblick Pater selbst in die Fischergasse. Er zog einen kleinen Handkarren hinter sich her. Erschöpft blieb er vor ihnen stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Gott sei Dank, dass ich dich noch erreiche. Eigentlich haben wir uns ja bereits voneinander verabschiedet, aber ich wollte dich nicht gehen lassen, ohne dir dieses Kistchen mitzugeben. Bitte mach es auf und sieh nach, ob dir der Inhalt gefällt!« Luzia glaubte zu träumen. In der alten Holzkiste standen in Reih und Glied Ableger aller Pflanzen des Pfarrgartens.

»Dann habe ich da noch etwas«, sagte der Pater mit einem pfiffigen Lächeln. Langsam zog er einen in Schweinsleder gebundenen Oktavband hervor.

Die Abbildungen der Pflanzen in dem Buch waren so farbenfroh und wirklichkeitsgetreu, dass Luzia glaubte, die einzelnen Kräutlein riechen zu können.

»Ich habe doch gesehen, wie beim Betrachten dieser Seiten deine Augen geleuchtet haben. Jetzt soll das Buch dir gehören. Es soll dich immer an unsere gemeinsame Zeit in Seefelden erinnern.«

»Ich danke Euch von Herzen«, sagte Luzia gerührt und drückte die Hand des Paters.

»Gott schütze dich, mein Kind, und nun macht euch endlich auf den Weg.«

Die Holzkiste wurde neben Luzias Reisekiste auf den Karren geladen.

»Habt tausend Dank!

»Wir kommen dich besuchen. Vielleicht schon zu Martini!«

Luzia nickte. Aber sie wusste ganz genau, dass weder Elisabeth noch Jakob gern die weite Strecke zurücklegen würden.

»Jetzt aber los!«, rief Matthias ungeduldig und schwang sich auf den Bock. Er reichte Luzia die Hand und zog sie auf den Platz neben sich. Sie war ihm dankbar für seine Eile, denn länger hätte sie diesen Abschied nicht ertragen. Jakob reichte ihr den geflochtenen Korb, in dem Nepomuk saß.

Luzia biss sich auf die Unterlippe. Als die Ochsen den Karren anzogen, atmete sie hörbar aus. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie schon eine ganze Weile den Atem angehalten hatte.

Sie winkte, bis das Haus ihrer Zieheltern hinter den wenigen Häusern verschwunden war.

4

Matthias lenkte den Ochsenkarren geschickt über die festgefahrenen Pfade. Meersburg mit seiner bulligen Burganlage, den hohen Zinnen und dem Wohnturm hatten sie rasch hinter sich gelassen. Bald säumten Felder ihren Weg. Der leichte Wind hauchte den Apfelbäumen seinen Atem ein und sorgte dafür, dass die Blätter im Wind raschelten. Dazwischen blitzte azurblau der wilde Rittersporn und vereinzelt ein paar Weidenröschen. Auf manchen Feldern wurde so spät im Jahr noch Dinkel oder Einkorn geschnitten. Oft winkten ihnen die Leute, wenn sie vorbei fuhren, dann winkten sie zurück, und Luzia spürte, wie ihr das Herz wehtat. Sie schwieg und war dankbar, dass auch Matthias nichts sagte. Einzig das gleichförmige Rumpeln der Räder war zu hören. Die Wege waren trocken, staubig und furchtbar holprig. Schon nach kurzer Zeit fand Luzia alle erdenklichen Sitzpositionen so unbequem, dass ihr immer wieder ein leises Stöhnen über die Lippen kam. Jeder kleine Stein fühlte sich bald wie ein Fels an und die ausgefahrenen Spuren des Fahrwegs erweckten den Eindruck als seien es tiefe Täler. Sie dankte Matthias im Stillen, weil er ihre Sitzfläche mit einem Schaffell gepolstert hatte. Auf dem hölzernen Kutschbock hätte sie noch mehr gelitten.

Eine Fahrt mit dem Ochsenkarren war auch aus einem anderen Grund kein Honigschlecken, denn die Ochsen zogen die Fliegen an. Sie schlugen mit den Schweifen, um sie zu vertreiben, und dann versuchten die lästigen Störenfriede in Richtung Kutschbock ihr Glück.

Matthias, der ab und an einen scheuen Blick zu Luzia warf, hätte ihr mit Freuden eine angenehmere Reise geboten. Wenigstens mit einer harmlosen Plauderei hätte er sie gern abgelenkt. Doch wollte ihm heute nichts Gescheites einfallen. Deshalb hielt er vorerst lieber den Mund.

Matthias hatte sich für die alte Straße entschieden. Diese führte sie ab Meersburg ins Landesinnere und verlief zwischen Bermatingen und Markdorf. Auf beiden Seiten säumten lichte Mischwälder ihren Weg. Hier im Wald war es zwar angenehm kühl, aber durch die anhaltende Trockenheit der letzten Wochen schluckten sie den Staub, den die Hufe der vor ihnen gehenden Tiere aufwirbelten. Kurz vor Markdorf waren sie von einer dicken Staubschicht überzogen. Dabei waren sie gerade einmal drei Stunden unterwegs.

»Da vorne weiß ich ein schönes Plätzchen«, sagte Matthias in die Stille hinein und deutete auf eine kleine Anhöhe, wo sich eine Wegkreuzung befand. Dort gabelte sich der Weg. Links führte die Straße in das kleine Bermatingen. Der hohe Wehrturm, der schon eine Weile sichtbar war, gehörte mit zu den ältesten Türmen in der Gegend. Mächtig wachte er über die rebenumwachsene Siedlung. An der Kreuzung spendete eine große Eiche Schatten. »Ich glaube, da machen wir Rast. Dir würde ein Schluck Wein sicher guttun.«

Luzia fuhr aus ihren Gedanken auf. Erstaunt bemerkte sie, dass sie den See weit hinter sich gelassen hatten.

»Brauchen die Ochsen Wasser?«, wollte Luzia wissen. Offensichtlich hatte sie ihm nicht zugehört.

»Nein, aber du brauchst ein wenig Wein«, erwidert Matthias mit einem Lächeln.

Wahrscheinlich bemerkt sie gar nicht, wer den Karren lenkt, dachte er. Als der Meister ihm vor einigen Tagen die Begleitfahrt aufgetragen hatte, konnte Matthias sein Glück kaum fassen. So durfte er immerhin noch ein paar kostbare Stunden mit Luzia allein verbringen. In ihrer Gesellschaft hätte er ohne Murren auch eine Ladung Dung von Seefelden nach Ravensburg kutschiert. Er hatte sich bereits vorgestellt, wie er während der mehrstündigen Fahrt mit ihr lachen und plaudern würde. In seinen Träumen hatte er sie sogar gefragt, ob sie nicht als seine Frau weiterhin in Seefelden bleiben wollte. Stattdessen saß sie nun stumm wie ein Fisch neben ihm.

Gott, er könnte sich ohrfeigen! Er hätte ihr schon vor langer Zeit einen Antrag machen sollen, und nicht immer nur um den heißen Brei herumreden. Vielleicht hätte Luzia abgelehnt. Aber dann hätte er einfach nicht nachgeben dürfen. Zur Hölle! Hier und jetzt löste sich seine letzte Gelegenheit in Rauch auf. Wenn er an Luzias wunderbare Rundungen dachte, spürte er ein leises Ziehen in den Lenden. Warum nur fiel ihm jetzt nichts Geistreiches oder Amüsantes ein, um sie aufzuheitern? Sollte er einfach übers Wetter reden? Oder über die Biene, die gerade vorbeibrummte, oder über, ach zum Kuckuck, was für einen maulfaulen Ochsen gab er denn heute?

Doch Luzia spürte seine Beklommenheit gar nicht. Sie kämpfte immer noch gegen den Abschiedsschmerz. Erst als sich ein tiefes Schluchzen aus ihrer Brust löste und ihre Kehle emporstieg, merkte sie, dass ihre Wangen bereits tränennass waren.

Statt sich weiterhin Gedanken über eine möglichst einfallsreiche Unterhaltung zu machen, fasste sich Matthias schließlich ein Herz.

»Wir machen da vorn unter der Eiche eine Pause, dann kannst du dich ein wenig ausruhen!« Ohne eine Antwort abzuwarten, lenkte er die Ochsen geschickt in den Schatten.

Von ihrem Kummet befreit, machten sich die Tiere gleich über das spärliche Gras her, welches in braunen Halmen zu ihren Hufen wuchs.

Matthias half Luzia vom Wagen. Sie griff nach dem Reisekorb, in dessen Inneren sich der maunzende Nepomuk befand. Als sie den Korb öffnete, sprang ihr ein schwarzer Blitz entgegen.

»Na, da hat es aber jemand eilig!«

Luzia verstand den Kater nur zu gut. Auch ihr taten alle Glieder weh. Sie rieb sich den schmerzenden Rücken, streckte und dehnte sich wie Nepomuk nach dem Mittagsschlaf.

»Komm, setz dich hier in den Schatten. Die Rast wird dir guttun. Sieh nur!« Er wies mit dem Finger, und Luzia sah in weiter Ferne den Bodensee glitzern. Wie eine Perle lag er zu ihren Füßen. Eingebettet von dunkelgrünen Wäldern und den schneebedeckten Gipfeln der Eisriesen. Luzia ließ ein letztes Mal ihren Blick schweifen, dann atmete sie tief durch und schickte in Gedanken einen letzten Gruß in die alte Heimat.

Weil sie sich danach ohne Widerworte auf das Lager setzte, wurde Matthias etwas zuversichtlicher. Er reichte ihr einen kleinen Lederschlauch, und zu seinem Erstaunen nahm Luzia einen großen Schluck von dem köstlichen Bodenseewein. Dann noch einen und schließlich noch einen. Als sie den Weinschlauch absetzte, waren ihre Wangen bereits etwas rosiger. Auch ihre kalkweißen Lippen hatten wieder Farbe bekommen.

»Danke, das tut gut«, sagte sie und strich sich mit den Fingern durch das Haar.

»Fällt dir der Abschied von Seefelden auf einmal doch so schwer?«, fragte Matthias vorsichtig, während die Hoffnung einen zarten Keim in seine Brust pflanzte.

Luzia nickte abwesend, bevor sie einen weiteren Schluck Wein nahm.

»Möchtest du noch einmal darüber schlafen? Ich meine, es wäre ein Leichtes, umzukehren und …«, platzte es aus ihm heraus. Die letzten Worte schluckte er dann aber doch hinunter.

»Nein, es geht nicht, ich werde diesen Weg zu Ende gehen«, antwortete Luzia mit ernster Miene.

»Aber wenn es dir doch so schwerfällt!«

Luzia schüttelte den Kopf. »Morgen oder an einem anderen Tag wäre die Sache nicht anders. Letztlich muss ich die Gelegenheit wahrnehmen, denn eine weitere wird sich mir nicht bieten, und auf Dauer reicht die Arbeit in Seefelden für zwei Hebammen einfach nicht. Elisabeth war schon lange nicht mehr in den Häusern. Das Geld wurde immer knapper. Sie hätten mich niemals weggeschickt, doch sie haben es nicht verdient, heute nicht zu wissen, was sie morgen essen sollen.« Sie wandte sich ihm zu. »Aber ich freue mich, dass wir diese Reise gemeinsam machen!«

Das unerwartete Kompliment entlockte Matthias ein Lächeln und es bestärkte ihn in seinem Vorhaben, Luzia zu fragen, ob sie …

»Zudem finde ich es reizvoll, mich auf etwas Neues einzulassen. Ich bin gespannt, was mir Ravensburg bietet.«

Seefelden war ihr also zu langweilig, schoss es ihm durch den Kopf.

»Hast du denn gar keine Angst vor der großen Stadt?«, wollte er kleinlaut wissen. Jetzt war er wieder auf der Hut.

Luzia zog die Schultern hoch.

»Nein, ich glaube nicht«, sagte sie mit einem Schulterzucken. Und obwohl ihr das Herz bis zum Halse schlug, ließ sie sich nichts anmerken.

Der schwere Bodenseewein hatte Luzia müde gemacht. Sie hätte noch ewig auf der Decke im Schatten sitzen können. Sie lehnte sich zurück und schloss halb die Augen. Bienen suchten mit dicken, gelben Beinchen auf den wilden Wiesenblumen nach Nektar. Die leichte Brise ließ die dünnen Stängel schaukeln und die bunten Blütenköpfe erzittern. Der leichte Wind trug den erdigen Duft von Baldrian und anderen späten Wiesenkräutern zu ihnen heran. Schmetterlinge in vielen bunten Farben schwebten von Blume zu Blume. Eine dicke Hummel brummte träge an ihnen vorbei.

Wenig später setzten sie ihre Fahrt fort. Die Ochsen zogen kräftig und das Gefährt nahm schnell an Fahrt auf. Kurze Zeit später erreichten sie Markdorf. Die kleine Stadt war dank ihres Weinbaus recht wohlhabend und ganz hübsch. Vollständig von Reben umgeben, lag sie am Fuße des Gehrenbergs. Auf der kleinen Anhöhe thronte die feine Sommerresidenz der Konstanzer Fürstbischöfe.

Zum Markttag drängten etliche Gefährte durch das Untertor in die quirlige Stadt und so waren sie froh, die Stadt umfahren zu können.

Matthias wollte unbedingt vermeiden, dass Luzia wieder in ihr brütendes Schweigen verfiel. Durch ihre Zugänglichkeit ermutigt, wagte er eine Frage zu stellen.

»Warum bist du eigentlich nicht bei deiner Mutter in Ravensburg geblieben? Wir kennen uns schon so viele Jahre und ich weiß auch allerhand von dir, aber von ihr hast du mir nie erzählt.« Gespannt wartete er darauf, wie sie reagieren würde.

Luzia atmete tief ein.

Matthias befürchtete schon, dass sie ihn wegen seiner Neugierde zurechtweisen würde, aber sie wandte sich ihm zu. Er war schließlich wie ein Bruder für sie, warum sollte sie ihm also die Wahrheit vorenthalten? Zudem war die Mutter nun tot, was es Luzia leichter machte, über sie zu sprechen.

»Mutter und ich haben in der Unterstadt gewohnt, nahe der hohen Stadtbefestigung. Die Krumme Gasse war mein Zuhause, oder sagen wir lieber: Dort stand mein Bett.« Die Erinnerung erfasste sie wie ein Wirbelsturm. Luzia sah wieder die schmutzige Gasse mit den winzigen, aneinander gedrängten Häusern vor sich. Sie sprach mehr zu sich selbst als zu Matthias.

»Der Wind pfiff Tag und Nacht durch die Ritzen, und in meiner Erinnerung habe ich vom Herbstmond bis weit in den Ostermond hinein gefroren. Manchmal konnte ich weder Finger noch Zehen fühlen. Es kam immer wieder vor, dass ich meine Mutter tagelang nicht zu Gesicht bekam. Wenn dem so war, gab es auch nichts zu essen.«

»Und dein Vater?« Matthias klang unsicher.

Luzia schüttelte den Kopf. »Mutter war nie verheiratet.«

Matthias wagte einen erstaunten Blick.

»Ich bin ein Kind der Sünde. Oder ein Bastard, wenn dir das besser gefällt!«

Er erschrak über die plötzliche Heftigkeit ihrer Worte. »Das ist nicht so schlimm, wie du denkst«, wollte er Luzia trösten, doch sie entzog ihm das Wort mit einer Endgültigkeit, die keine Widerworte zuließen.

»Glaub mir, es ist schlimm! Und dass ich nicht das einzige Sündenkind bin, weiß ich durchaus. Aber die Kirche verspricht uns bereits auf Erden die Hölle. Die Pfaffen hassen uns. Und manchmal wollen uns sogar unsere eigenen Mütter loswerden.«

Matthias erschrak.

»Wie kommst du auf den Gedanken, deine Mutter wollte dich loswerden?« Matthias wusste, dass die Frage dumm war. Seine Eltern hatten ihn zwar mit eiserner Hand erzogen, vor allem der Vater, dennoch hatte er sich während der Jahre seiner Kindheit im Großen und Ganzen geliebt gefühlt.

»Als ich alt genug war, mit acht Jahren, hat sie es mir selbst gesagt. Es war an meinem Geburtstag. Der Kohlkopf, den ich nach Hause brachte, war innen matschig und verfault, die Rüben waren holzig und das Brot alt. Mutter war wütend auf mich und meinte, dass Herbstkatzen noch nie zu etwas getaugt hätten. Das Beste wäre noch immer gewesen, sie bei Zeiten in der Schussen zu ersäufen.« Luzias Stimme wurde immer leiser, bis sie nur noch ein Flüstern war.

Matthias schalt sich einen Dummkopf, weil er Luzia nach ihrer Mutter gefragt hatte. Was hatte er da nur angerichtet? Aber hätte er das auch ahnen können? Vorsichtig sah er zu ihr herüber, doch sie war in ihre Erinnerungen versunken.

Inzwischen empfand Luzia weder Zorn noch Ärger über die Mutter. Eher Hilflosigkeit und Trauer. Gerne hätte sie ein letztes Mal mit ihr gesprochen. Von Frau zu Frau. Doch diese Möglichkeit gab es nun nicht mehr. Nicht in diesem Leben.

Hinter ihnen auf dem Wagen maunzte der Kater kläglich und versuchte sich aus dem Korb zu befreien. »Ich weiß, du hast keine Lust mehr, bald haben wir’s ja geschafft, und Matthias fährt uns doch, sagen wir, hmm … einigermaßen sicher, oder bist du anderer Meinung?« In ihrer Stimme schwang ein wenig ihrer üblichen Heiterkeit mit.

Matthias musste über Luzias Worte grinsen. »Also fahre ich euch nur einigermaßen sicher?«

Luzia nickte, und endlich zeigte sich wieder ein kleines Lächeln auf ihren schönen Zügen.

»Geht es dir jetzt besser?«

Sie nickte. Abermals huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. »Und hast du jetzt genug von meinen düsteren Erinnerungen?«

Matthias Blick wurde ganz sanft. Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich wollte nur nicht aufdringlich erscheinen. Aber wenn du mir noch mehr über deine Zeit in Ravensburg erzählen möchtest, würde mich das sehr freuen.«

Luzia sah ihn verwundert an. Soviel Ernsthaftigkeit war sie von ihm nicht gewöhnt. Weil es ihr guttat, sich die schlimmen Erinnerungen von der Seele zu reden, sprach sie weiter. Sie begann damit, dass ihre Mutter genau wie Elisabeth Hebamme gewesen war. »Aber die Frauen mochten sie nicht besonders. Mutters Worte wie auch ihre Hände waren immer grob.«

»So wärest du also in jedem Fall in ihre Fußstapfen getreten?«, fragte Matthias und klemmte seine Locken hinters Ohr.

Luzia schüttelte den Kopf. »Nein, Mutter glaubte, dass ich nicht zur Hebamme tauge. Die Herbstkatze – du erinnerst dich?«

Matthias sah die Trauer in ihren blauen Augen.

»Sie wollte mich als Magd auf einen großen Hof schicken. Hauptsache, aus den Augen. Doch ich wollte schon immer den Frauen in ihrer schwersten Stunde beistehen.«

Matthias nickte verständnisvoll. »Ich weiß, was du meinst. Mutter erzählt oft, dass ich bereits mit einem Schmiedehammer in der Hand zur Welt gekommen bin. Und es stimmt, seit ich mich erinnere, wollte ich Schmied werden. Mit Feuer und Wasser die Unbeugsamkeit des Eisens bezwingen. Ihm eine neue Form verleihen. An der Esse gelten andere Gesetze und manchmal scheint die Eisenschmelze fast wie Magie!«

Er bemerkte Luzias forschenden Blick und wurde über und über Rot.

»Ich glaube, wir sollten uns langsam sputen, die Stadttore bleiben nicht die ganze Nacht offen«, sagte er schnell und trieb die Ochsen mit dem Stock an.

Nachdem sie eine Weile schweigend gefahren waren, räusperte sich Matthias umständlich. »Selbst wenn ich mir Mühe gebe, kann ich mir deine Mutter beim besten Willen nicht vorstellen. Was ich damit sagen will … Elisabeth kenne ich seit dem Tag meiner Geburt. Sie ist eine Seele von Mensch. Deinen Onkel, den Apotheker, wie heißt er gleich …?«

»Basilius«, half ihm Luzia.

Matthias nickte. »… Basilius kenne ich von seinen Besuchen in Seefelden, auch er scheint ein guter Mensch zu sein. Doch wie soll ich mir eine Frau vorstellen, die …, die so wenig Herz hatte?«

Luzias Blick wurde hart. »Ja, da hast du wohl recht. Herz hatte sie wahrhaftig keins. Doch dafür war sie schön und von den Männern begehrt. Wenn sie ihr weizenblondes Haar offen trug, reichte es ihr lang und seidig bis zur Hüfte. Ich kenne niemanden, der sie nicht schön gefunden hätte. Nur ihr Herz war aus Stein. Ich erinnere mich an die junge Gisla, sie wohnte am anderen Ende der Stadt. Unverheiratet und guter Hoffnung, wie man so schön sagt. In ihrer Verzweiflung versuchte sie, ihre Schwangerschaft zu beenden und das Kind in ihrem Leib zu töten. Gisla kam in der Nacht zu meiner Mutter. Sie war voller Blut, ihr Kleid, ihre Schuhe. Es rann ihr die Beine hinab. Ich weiß nicht, was sie genommen oder ihrem Leib angetan hatte. Jedenfalls hatte sie sich in der Hoffnung auf Mutters Hilfe mit letzter Kraft zu unserem Haus geschleppt.«

Luzia sah, wie sich Matthias’ Blick verdunkelte.

Männer konnten sich im Allgemeinen nicht vorstellen, zu welch schrecklichen Mitteln manche Frauen griffen, um eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Aber was blieb ihnen schon anderes übrig? Die eigenen Väter saßen ihnen im Nacken, die Väter der Kinder leugneten jede Schuld, die Gemeinde schmähte sie. Und die Kirche brandmarkte die ledigen Mütter als Sünderinnen.

»Außer einem Leinen gab Mutter Gisla nichts. Dafür empfahl sie ihr zu beten, dass die Blutung zum Stillstand kommen möge, damit niemand Verdacht schöpfte. Stell dir das einmal vor! Schließlich war Mutter Hebamme!« Luzia merkte gar nicht, wie ihre Worte immer lauter geworden waren. Erst Matthias’ Hand auf ihrem Arm ließ sie innehalten.

»Diese furchtbare Nacht werde ich wohl nie vergessen.«

Er nickte. »Was ich überhaupt nicht verstehe … nun, sie selbst war ja auch nicht verheiratet, als du zur Welt kamst, oder?«

Luzia nickte. »Dafür hat sie dann auch ein Leben lang gebüßt. Nie mehr hat sie auch nur einen Mann angeschaut. Der Pfarrer hat ihr einen Bußgürtel gegeben. Dieses mit scharfen Stacheln versehene Ding trug sie oft tagelang unter ihrem Kleid. Ihr Herz war einfach aus Eis und ihre Seele taub.«

»Was wurde dann aus Gisla?«, wollte Matthias wissen.

»Mutter schickte sie nach Hause. Gislas Vater entdeckte die blutgetränkten Laken, daraufhin schleppte er seine Tochter zum Pfarrer. Zuerst veranlasste der heilige Mann, dass die junge Frau an den Pranger musste, anschließend trieben sie die Büttel mit Ruten durch die Stadt.« Luzia machte eine lange Pause. »Ein paar Tage später zog man Gislas Leichnam aus der Schussen. Als Selbstmörderin hat man ihr sogar ein Begräbnis in geweihter Erde verweigert. Mutter war sich keiner Schuld bewusst, für sie kam die Entscheidung von Gott.«

Matthias Blick verriet mehr, als er sagen konnte. Doch insgeheim fragte auch er sich, warum sich Gisla diesem Mann so leichtfertig hingegeben hatte. Die Kirche gestand derartige Erfahrungen vor der Ehe lediglich dem Mann zu und für Weiber, die sich auf ihr Werben einließen, gab es ein paar deftige Worte. Doch seine Meinung wollte er lieber für sich behalten.

Es ging schon gegen den späten Nachmittag, und ihre Fahrt führte sie immer weiter ins Landesinnere. Die vorbeiziehende Landschaft veränderte sich langsam, die Obstbäume wurden immer seltener, dafür fuhren sie an dunklen Nadelwäldern vorbei. Luzia hoffte, Ravensburg bald zu erreichen. Sie fühlte sich völlig zerschlagen. Staub und Schweiß überzogen ihre Haut mit einer klebrigen Schicht. In seinem Korb miaute Nepomuk kläglich.

»Was hältst du davon, wenn du mir zum Schluss unserer Reise noch etwas von dir erzählst? Sieh es als Abschiedsgeschenk«, forderte Luzia Matthias nach einer Weile auf.

An Stelle einer Antwort lenkte er die Ochsen an den Wegrand. Sein Blick wirkte unsicher, und er räusperte sich umständlich.

»Eigentlich habe ich mir das alles etwas anders vorgestellt«, begann er stockend und nahm seine Kappe ab. Er rieb vor Aufregung seine Hände und zwang die braunen Locken hinter die Ohren. »Weißt du«, sagte er und blickte auf die Kruppe der Ochsen vor ihm. »Eigentlich wollte ich nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber die Zeit rennt mir einfach davon. Nein, also, ich hätte schon viel früher … Ich finde, du solltest wissen, dass dir noch eine andere Möglichkeit bleibt … dass du nicht nach Ravensburg musst, ach, zum Henker«, schimpfte er und scharrte mit den Füßen auf dem Holz des Wagens. »In solchen Dingen war ich noch nie besonders gut. Aber was ich dir sagen, nein, was ich dich fragen wollte: Willst du mich heiraten?« Jetzt war es heraus.

Luzia schluckte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie glaubte, Matthias’ Gefühle für sie seien ebenfalls eher geschwisterlich. Was sollte sie jetzt sagen? Während sie sich räusperte, fühlte sie Matthias’ erwartungsvollen Blick auf sich.

»Das ist wirklich sehr nett von dir, und ich fühle mich sehr geschmeichelt«, begann sie. »Ich weiß, das halbe Dorf dachte, dass wir zusammengehören. Aber ich möchte noch nicht heiraten.« Und sicher keinen Kindskopf wie dich, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Aber ich weiß, dass auch du mich liebst, ich kann es fühlen«, gab Matthias heftig zurück.

»Doch es ist zuwenig für eine Ehe. Mir ist es zuwenig!«

Matthias verstand Luzia nicht. Sie empfanden mehr für einander als die meisten Eheleute, die er kannte. Was erwartete sie denn? Er nahm ihre Hand und legte sie auf sein Herz. »Dieses Herz schlägt nur für dich.«

Luzia wäre am liebsten im Erdboden versunken. Selten hatte sie sich so unbehaglich gefühlt. »Auch du wirst in meinem Herzen immer einen Platz haben – einen Ehrenplatz. Nur schlägt es für dich wie für einen Bruder.«

Er nickte stumm und gab Luzias Hand wieder frei. Dann lenkte er die Ochsen wieder auf den Weg und trieb sie an. Er sah starr geradeaus, während sich ein Orkan in seiner Brust Stück um Stück von seinem Herzen holte und es in ein Meer von Trauer zog. Wenigstens hatte er es versucht, tröstete er sich. Wenigstens das.

Für den Rest des Weges schluckten sie ihre Worte hinunter.

Bis Ravensburg war es jetzt nicht mehr weit. Schon kamen ihnen kleine und größere Wagen entgegen. Zumeist Bauern, die ihre Waren in die Stadt gebracht hatten.

»Sind diese Wagen Teil der Ravensburger Handelsgesellschaft?«, wollte Matthias wissen, als einige große Planwagen, die das Wappen der Stadt trugen, an ihnen vorüberfuhren. Seine Stimme klang müde, ansonsten ließ nichts seinen Schmerz erahnen.

Luzia nickte. Sie wusste, wie sehr sie ihn enttäuscht hatte, und freute sich, dass er wieder das Wort an sie richtete.

»Sie verkaufen ihre Leinwand bis ins ferne Spanien. Gleichzeitig bringen sie Gewürze, Felle und anderes nach Ravensburg. Von dort werden diese Waren dann weiterverkauft. Seit dreihundert Jahren besitzt Ravensburg das Stadtrecht und schon um 1270 wurde es zur freien Reichsstadt erklärt. Seither unterhält Ravensburg eine Münze und eine eigene Gerichtsbarkeit.«

Hinter einer Biegung tauchte endlich das Frauentor vor ihren Augen auf. Samt der hohen, grob gemauerten Stadtmauer war es Teil der wehrhaften Stadtbefestigung, die Ravensburg umgab. In unmittelbarer Nähe glitzerte der Grüne Gefängnisturm in der Sonne. Durch die grünglasierten Ziegel auf seinem Dach entstanden im Sonnenlicht eigenartige Muster. Sie jagten Luzia einen kühlen Schauer über den Rücken.

Schon von Weitem konnten die beiden sehen, dass für die Torwache ein langhaariger, recht ungepflegter Bursche verantwortlich war. Mit wütenden Bewegungen stach er in die Säcke, die auf einem wackeligen Handkarren standen und Rüben und Äpfel für eines der großen Patrizierhäuser enthielten. Der Bauer und seine junge Frau, denen das Gefährt gehörte, standen mit gesenktem Kopf daneben. Mit Entsetzen sah Luzia, dass auf dem Karren auch ein kleines Mädchen von vielleicht vier Jahren saß. Nur wenige Zentimeter gingen die Stiche der Hellebarde an dem Kind vorbei. Das Mädchen schrie vor Angst. Schließlich rannte die Mutter zu ihm und riss das Kind vom Wagen herunter, was den Wachmann nur noch wütender machte. Mittlerweile war Matthias’ Ochsenkarren in Hörweite, und sie konnten vernehmen, wie der Torwächter die Leute anschrie:

»Aufsässige Bauern können wir in der Stadt nicht brauchen! Und faule Äpfel schon gar nicht!« Wieder und wieder stach er mit der Spitze seiner Hellebarde auf die Säcke ein.

Und dann bemerkte er Matthias und Luzia, die das Tor fast erreicht hatten.

Der Torposten drehte sich zu ihnen herum, und Luzia konnte seine blutunterlaufenen Augen sehen. Er hatte offensichtlich getrunken und war über die Maßen streitlustig. Mit einem gebellten Befehl wies er den Bauern an, seinen kleinen Karren zu wenden und ihn seitlich vom Tor abzustellen.

Dann waren sie an der Reihe. Matthias hielt den Wagen auf der Mitte des Weges an, wo der Torwächter ihnen breitbeinig die Weiterfahrt versperrte.

»Woher? Wohin?«, wurden sie barsch gefragt.

Luzia glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. Wollte dieser unverschämte Kerl nicht einmal grüßen? Nun, dann musste sie es eben versuchen. Mit ihrem schönsten Lächeln sagte sie:

»Seid gegrüßt, Torwächter! Wir möchten heute Abend noch in das schöne Ravensburg.« Luzia erstickte beinahe an ihrer Freundlichkeit. Statt salbungsvoller Worte wollten ihr ein paar Zurechtweisungen über die Lippen kommen. Ihre Laune stand auf Sturm.

Der Torwächter lachte blöde, dabei entblößte er eine Reihe schadhafter Zähne. Der rechte Schneidezahn fehlte. »So, wollt ihr also? Da seid ihr heute nicht die Ersten. Was habt ihr überhaupt in unserer Stadt zu schaffen?«, bellte er gereizt.

Er trat einen Schritt an den Karren heran, auf die Seite, wo Matthias saß, aber er sah nicht ihn an, sondern musterte Luzia von oben bis unten. Ein hinterhältiges Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Auf einmal kroch Luzia die Angst den Rücken hinauf und ließ ihr eine Gänsehaut wachsen.

»Wisst ihr eigentlich, dass die Roten einen extra Zoll zu entrichten haben?«

Luzia erschrak und bedeckte ihr Haar mit dem dünnen Schultertuch. Mit so einem hatte sie es also zu tun. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich Matthias’ Kiefer spannte und er wütend die Zähne aufeinanderbiss. Seine Rechte ballte sich zur Faust.

Luzia legte ihre Hand auf seinen Unterarm. Dabei schüttelte sie kaum merklich den Kopf. Rasch sah sie sich um. Soviel sie wusste, bewachten die Posten das Tor immer zu zweit. Vielleicht wäre der Kollege dieses Grobians etwas zugänglicher. Doch außer den Bauersleuten, die ergeben neben ihrem Wagen standen, war niemand zu sehen. Nicht einmal die Bettler, die sonst vor den Toren lagen und um Almosen flehten.

»Absteigen!«, befahl der Wachmann rüde und rüttelte am Wagen.

Matthias Gesicht wirkte so angespannt, dass die dicke, blaue Ader, die über seiner Schläfe verlief, deutlich hervortrat.

»Bleib ruhig!«, flüsterte Luzia ihm zu. Sie hätte ebenso gern wie Matthias eine Faust im Gesicht des unverschämten Mannes gesehen. Aber das würde ihnen schlecht bekommen. Sie mussten ruhig Blut bewahren.

Sie war bereits vom Wagen gestiegen, aber Matthias ließ sich unendlich Zeit.

»He! Wird’s bald, oder soll ich nachhelfen?« Der Wachmann ging zum hinteren Teil des Wagens, öffnete ungefragt die Reisetruhe und stocherte mit seiner Hellebarde hinein. »Was ist das für ein Gerümpel?«

»Nun, da ich vorhatte, eine Bürgerin der Stadt zu werden, komme ich mit einem Teil meines Hausstandes«, brachte Luzia mühsam hervor. Ihre Hände zitterten vor Wut.

»So schnell geht das nicht. Zuerst muss ich prüfen, was ihr für einen Mist mitbringt. Also weg da!« Der grobe Kerl schwang seine Waffe, um sie und Matthias auf Abstand zu halten. Dann richtete er die Spitze seiner Hellebarde auf den Reisekorb. Dahinter fauchte Nepomuk. Der Torwächter wich etwas zurück, hatte sich aber gleich darauf wieder in der Gewalt.

»Was führt ihr da mit? Teufelszeug, Hexenwerk!«, spie er aus und spuckte zu Boden.

»Das ist Nepomuk! Nur eine gewöhnliche Katze.« Luzia konnte eine gewisse Schadenfreude in ihrer Stimme nicht verbergen.

Mit zusammengekniffenen Augen spähte der Wächter ins Innere des Weidenkorbs.

»Und er wird mich begleiten!«, stellte Luzia entschieden fest, dabei klang ihre Stimme um einiges schärfer als beabsichtigt. Die Blicke des Wächters wanderten vom Reisekorb zu Luzia und wieder zurück. Wenn du es wagst, ihn anzurühren, schlage ich dir auf deine dreckigen Finger, dachte sie zornig und stemmte ihre Fäuste in die Hüften.

»Eine schwarze Katze? Ich hasse Katzen! Aber die Schwarzen ganz besonders. Eine rote Hexe mit einer schwarzen Katze!« Seine Augen glitzerten gefährlich.

Luzia las in ihnen die Lust zur Gewalt. »Dann lasst uns passieren und Ihr müsst seinen Anblick nicht länger ertragen«, entgegnete sie so ruhig wie möglich.

Der Wächter grinste. Mit einem Ruck öffnete er den Korb und wollte nach dem Tier greifen. Nepomuk hob fauchend seine Pfote, doch der Kerl wollte sich dadurch nicht beeindrucken lassen.

Mit einem Sprung, den nur eine Katze zustande bringt, landete der Kater auf der Schulter des Mannes. Dort bohrte er seine Krallen in das dicke Lederwams, wobei er ein Stück des ungeschützten Halses erwischte.

»Verdammt! Zur Hölle, elendes Drecksvieh!«, brüllte der Wachmann wütend und versuchte Nepomuk abzuschütteln.

Doch Nepomuk hieb dem Kerl seine Pfote durchs Gesicht. Von der rechten Augenbraue bis zum linken Mundwinkel verlief die Spur seiner scharfen Krallen wie ein paar rote Fäden. Noch ehe der Mann etwas unternehmen konnte, war Nepomuk schon zu Boden gesprungen und wie ein geölter Blitz in der Gasse hinter dem Frauentor verschwunden.

»Zum Teufel, dieses dreckige Mistvieh hat mich erwischt! Verfluchter Teufelsfurz! Elender Hexenbastard!«, fluchte er und legte seine Hand schützend über die blutende Wunde, »wenn ich den erwische, zieh ich ihm das Fell über die Ohren!« Luzias Mundwinkel zuckten unter dem kleinen Lächeln, das sie mühsam unterdrückte. Auch Matthias verkniff sich ein Grinsen.

»Was gibt es da so blöd zu glotzen?«, brüllte der Wächter, doch erst als er einen Schritt in Luzias Richtung tat, zuckte sie zusammen. Viel zu nah stand der schmuddelige Kerl jetzt bei ihr und bedrängte sie mit seinem massigen Leib. Der Gestank von saurem Schweiß und verfaulten Zähnen stach ihr in die Nase. Als seine Hand nach ihrem Kinn schnappte, glaubte Luzia für einen Moment in einen gähnenden Abgrund zu fallen. Die hasserfüllten Gedanken des Torwächters trafen Luzia wie ein Schlag ins Gesicht. Hinter dem Wachmann sah sie Matthias mit großen Schritten angelaufen kommen, die Fäuste zum Angriff geballt.

»He, Berthold, was treibst du da? Nimm sofort deine Finger von der Frau!«

Die rettende Stimme kam scheinbar aus dem Nichts. Der Angesprochene drehte sich so rasch herum, wie es ihm niemand zugetraut hätte.

Luzia griff nach ihrem schmerzenden Kinn. Mit der anderen Hand hielt sie Matthias am Arm fest, der sich sonst auf den Widerling gestürzt hätte.

»Misch dich nicht ein! Deine Schicht ist längst um. Also verzieh dich!« Bertholds Worte hörten sich längst nicht so selbstsicher an, wie er es beabsichtigte.

»Das glaube ich kaum!«, entgegnete der andere scharf. »Wenn du im Begriff bist, Reisende zu belästigen, bin ich zu jeder Zeit im Dienst. Führen sie etwa auffällige Waren mit sich?«

»Eine schwarze Katze«, stieß Berthold ungehalten hervor. »Sie hat mich angegriffen.« Damit wies er jammernd auf sein Gesicht.

Der Andere sah sich suchend um. »Ich sehe hier keine Katze. Wie steht’s mit verbotenen Gütern?«

Berthold schüttelte den Kopf.

»Also, dann lass die Leute augenblicklich durch, sonst melde ich, dass du schon wieder besoffen deinen Dienst versiehst und in übler Weise Frauen belästigst!«

Berthold setzte zu einer Entgegnung an, sah aber dann ein, dass er hier nicht gewinnen konnte. Fluchend räumte er das Feld.

Luzia fiel ein Stein vom Herzen. Auch Matthias entspannte sich zusehends.

»Lukas Feldmann, Hauptmann der Turmwache«, stellte sich der junge Mann vor.

»Matthias Weisner, Huf-, und Nagelschmied. Freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen. Darf ich Euch Jungfer Luzia Gassner vorstellen?«

Feldmann nickte, während er sie zu ihrem Wagen begleitete.

»Was führt Euch noch so kurz, bevor die Tore schließen, in unsere Stadt?«

»Vor Euch steht die neue Hebamme«, klärte Matthias den Hauptmann auf.

»Meine Mutter ist erst vor Kurzem gestorben, und ich trete ihre Nachfolge an«, ergänzte Luzia und ließ ihr Tuch wieder auf die Schultern gleiten.

»Ja, ich weiß, ich kannte Eure Mutter. Es tut mir sehr leid, dass sie schon so früh verstorben ist. Jungfer Gassner, darf ich Euch mein aufrichtiges Beileid aussprechen«, sagte Feldmann und drückte Luzias Hand.

»Ich danke Euch für Euer Mitgefühl und für die Rettung vor Eurem unverschämten Kollegen.«

»Um ihn solltet Ihr einen großen Bogen machen. Aber jetzt erst einmal herzlich willkommen in Ravensburg.«

Luzia trat einen Schritt vor. »Hauptmann, würdet Ihr Euch auch dieser armen Leute annehmen. Euer ungehobelter Kollege hat ihnen den Zugang zur Stadt verwehrt und nebenbei ihre Ernte mit seiner Hellebarde verwüstet.«

Der Hauptmann sah sie lange an. »Es ist mir eine Ehre, Euch einen Wunsch zu erfüllen«, sagte er dann.

Als sie das Tor passierten, entdeckte Luzia ihren Kater. Nepomuk schien auf sie gewartet zu haben. Sie streckte die Hand nach ihm aus. »Du hast gleich gewusst, dass der Kerl ein Scheusal ist!«

Als neben ihr geräuschvoll ausgespuckt wurde, erschrak sie. Sie wandte den Kopf und sah Berthold, der sich in eine Nische drückte. Hasserfüllt starrte er sie an und rieb sich in einer zutiefst anstößigen Geste an seiner Hellebarde.

Ich habe mir einen mächtigen Feind in Ravensburg gemacht, dachte Luzia sorgenvoll.

5

Sobald Luzia am nächsten Morgen, nach der etwas gequälten Verabschiedung von Matthias und nach der Morgensuppe mit ihrem redseligen Onkel, etwas Zeit erübrigen konnte, betrat sie den Innenhof der Apotheke. Niemand würde ein solches Kleinod inmitten der Stadt vermuten, aber Luzia konnte sich auch nach den vielen Jahren, in denen sie nicht mehr hier gewesen war, noch gut an den Garten erinnern. Die alte Linde stand noch genau in der Mitte. Noch größer als vor einigen Jahren beherrschte sie den Garten. In den Ecken gediehen Wachholder, eine Eibe und ein verwilderter Holunder. Auf Perchtas heilige Pflanzen muss ich also auch hier nicht verzichten, dachte Luzia erleichtert.

Die Kiste von Pater Wendelin hatte Matthias am Vorabend auf den kleinen Tisch unter der Linde gestellt. Luzia wollte keine Zeit verlieren, die Pflanzen mussten schleunigst in die morgenfeuchte Erde. Sie kniete sich vor das mit einer niedrigen Buchshecke umgebene Beet in der südlichen Ecke des Gartens. Kurz entschlossen riss sie die verblühten Ringelblumen gemeinsam mit dem sie umgebenden Unkraut heraus. Zwischen die letzten Seiten des Pflanzenbuches hatte Pater Wendelin die gekürzte Abschrift des Hortulus geschoben, die sie nun entfaltete, obwohl sie das Lehrgedicht auswendig kannte und genau wusste wo sie die einzelnen Pflanzen einsetzen musste.

Sie begann mit dem Salbei, den Walahfrid Strabo als Erstes nannte, gefolgt von Muskatellersalbei, Liebstock und Frauenminze. Durch die Fahrt waren ein paar Blättchen umgeknickt. Luzia entfernte sie ganz vorsichtig. Dann legte sie einen Setzling nach dem anderen in die Erde. Voller Wehmut ließ Luzia ihre Gedanken schweifen. Der würzige Duft der Kräuter mischte sich mit dem tiefen Aroma des feuchten Erdreichs. Sie sah Pater Wendelin vor sich, wie er in seinem schwarzen Habit vor ihr stand und sie unermüdlich die lateinischen Bezeichnungen der einzelnen Pflanzen abfragte. Seine warmen Augen glänzten vor Lehrer-Stolz. Als ihr Mund trocken wurde und ihr Herz zu schmerzen begann, vermischte sich die Erde mit ihren Tränen. Sie vermisste ihren weisen Lehrer, den väterlichen Freund und geistigen Mentor sehr. Stets hatten die wunderbaren Gespräche ihren Geist genährt und ihrer Seele Flügel verliehen. Schnell wischte sie die Tränen fort. Basilius sollte nicht sehen, wie sie weinte.

Luzia setzte Andorn, Schlafmohn und Katzenminze. Von dem verführerischen Duft angelockt sprang Nepomuk durch die offene Tür in den Innenhof. Er streifte genießerisch um die kleine Pflanze herum, ehe er sich wieder aus dem Staub machte.

Als alle Pflänzchen eingesetzt waren, hob sie die leere Holzkiste vom Tisch herunter. Sie war schwer, und doch hatte Matthias sie ohne jede Mühe getragen. Matthias, der die Sonne in ihrem Herzen gewesen war … Durch die Umarmung zum Abschied hatte Luzia seine Trauer gespürt, wie ein Leichentuch hatte sie ihn umgeben. Er hatte sich bemüht, seine Kränkung zu verbergen, doch die Blicke, mit denen er Luzia ansah, verrieten ihn. Immerhin waren sie als Freunde auseinandergegangen. Luzia seufzte, sie wünschte ihm nur das Beste und hoffte für ihn, dass er schon bald sein Glück finden würde.

Am späten Abend würde Matthias Seefelden erreichen. Sein erster Weg würde ihn zu Jakob und Elisabeth führen, um ihnen von der Reise zu berichten. Elisabeth … Erleichtert vernahm sie die Stimme ihres Onkels, der in den Garten hinaus gekommen war.

»Kaum ist eine Frau im Haus, schon beginnt sie meine kluge Ordnung zu zerstören!«, sagte Basilius in gespielter Empörung.

Luzia lachte. »Das nennst du Ordnung? Unkraut hast du hier gepflegt. Ich habe in dieses Beet meine Heilpflanzen gesetzt. Du wirst sie auch noch zu schätzen wissen.«

Basilius hob mahnend den Zeigefinger. »Wage es nicht, Hand an meine Apotheke zu legen.«

Luzia legte die Hand auf ihr Herz. »Niemals würde ich das wagen«, versicherte sie ernsthaft und legte den Arm auf seine Schulter. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk und füllte den Ledereimer mit frischem Brunnenwasser. Nachdem sie das Beet gewässert hatte, beschloss sie, Seefelden und alles, was sie zurückgelassen hatte, tief in ihrem Herzen zu bewahren, jetzt aber entschieden nach vorn zu blicken.

Nachdem Luzia am Grab der Mutter ein Gebet gesprochen hatte, machte sie sich daran, die schmuddelige Hebammentasche die sie ihr hinterlassen hatte, genauer in Augenschein zu nehmen. Es fiel ihr schwer zu glauben, was sie mit spitzen Fingern zutage förderte. Neben einem silbernen Kreuz befand sich noch eine alte Taufspritze in den Tiefen des alten Beutels. Alles andere war völlig wertlos. Schmutzige Leinenstreifen, die über und über mit Stockflecken bedeckt waren, und zerpflückte Scharpie, die bereits nach Schimmel roch. Eine Flasche, deren Inhalt mehr als zweifelhaft war und ein kleines, blutverkrustetes Messer. Luzia nahm das Kreuz an sich, die Wundmaterialien verbrannte sie im Herdfeuer und den Rest schob sie im Keller in die hinterste Ecke eines Regals. Die Tasche war eine Schande für ihren Berufsstand.

»Seitdem meine Annegret nicht mehr ist, gab es neben meiner Arbeit in der Apotheke keine großen Freuden mehr. Doch du hast das Licht in meinem Herzen wieder entzündet«, sagte Basilius als er sich zum Mittagsmahl niederließ. »Seit du bei mir bist, entdecke ich das Leben wieder jeden Tag aufs Neue. Ich bin wieder neugierig wie ein Fünfjähriger«, erklärte er mit einem Lächeln. Dabei leuchteten seine wachen, braunen Augen tatsächlich wie die eines kleinen Jungen. Sein eisgraues Haar wirkte immer ein wenig zerzaust genau wie seine buschigen Augenbrauen. Dagegen wirkte Basilius’ kurz gestutzter Bart geradezu modisch. Doch im Gegensatz zu den anderen wohlhabenden Bewohnern der Marktstrasse achtete er weniger darauf, was das modebewusste Italien oder das feine Frankreich denen, die es sich leisten konnten, diktierte. Basilius war eher praktisch veranlagt und ließ sich von Äußerlichkeiten nicht so schnell beeindrucken.

»Heute zur zweiten Mittagsstunde habe ich eine Verabredung mit Johannes von der Wehr. Gemeinsam treffen wir uns im Kontor der Fernhandelsgesellschaft. In den frühen Morgenstunden ist ein Handelszug aus Genua eingetroffen und nun hoffen wir auf die bestellten Waren aus Afrika«, sagte Basilius und lehnte sich satt in seinem Stuhl zurück.

»Johannes von der Wehr?«, fragte Luzia lauernd. Ihr war nicht entgangen, dass ihr Onkel keine Gelegenheit ausließ den jungen Medicus zu erwähnen. Nachdem sie Jakobs Vorhaben entgangen war, fürchtete Luzia bereits Basilius’ Heiratspläne. Noch in diesem Jahr würde sie zwanzig werden. Nicht mehr lange, und sie würde als alte Jungfer gelten. Sie sah bereits die besorgten Gesichter und hörte die wohlmeinenden Ratschläge.

»Leider hattet ihr immer noch keine Gelegenheit euch kennenzulernen, dabei habe ich Johannes schon so viel von dir erzählt. Immer wenn er zu mir in die Apotheke kommt, bist du gerade ausgegangen. Aus diesem Grund sollte ich ihn recht bald auf ein Nachtmahl zu uns nach Hause einladen.«

Es läutete zwei Uhr, und Luzia reichte ihm seinen schwarzen Talar und das Barett. In der Tracht des Gelehrten machte Basilius einen sehr respektablen Eindruck. Nachdem sie ihren Onkel zur Tür gebracht hatte, schloss sie die Apotheke für die Dauer seines Fortseins ab.

Luzia machte sich daran den Boden aus schweren Eichenbrettern zu kehren. Zuerst in der großen Küche, weiter im behaglichen Wohnraum. Hier rückte sie die mit Schaffellen gepolsterten Scherenstühle um den großen, runden Tisch zurecht. Im offenen Kamin hatte Basilius bereits das Feuerholz aufgeschichtet. Entlang der weißgekalkten Wände standen einige Truhen und halbhohe Schränke. Als alles fertig war, ging sie über die reich geschnitzte Treppe in die Schlafkammern. Ihren Raum hatte Basilius besonders gemütlich eingerichtet. Neben einem schmalen Bett aus Kirschholz befand sich eine kleine Nachtkommode, und an der Wand stand ein zierlicher Schreibtisch, auf dem das Herbarius Maguntie Impressus, welches ihr Pater Wendelin zu Abschied geschenkt hatte, darauf wartete, bewundert zu werden. Luzia setzte sich und blätterte ein wenig darin.

Unter dem Fenster standen zwei Truhen für ihre Kleidung. Auf dem Boden lagen dicke Wollteppiche und an der Wand hatte Basilius einen gestickten Wandteppich befestigt.

Eine schmale Stiege mit knarrenden Stufen führte in den zweiten Stock. Hier, in einem schmalen, aber hohen Dachraum mit kleinen Fenstern befand sich die Bibliothek ihres Onkels. Langsam öffnete sie die Tür und sah hinein. An jeder Wand standen Regale, die bis unter die Decke reichten. Lediglich die bleiverglasten Fenster waren freigelassen. Sie waren schon lange nicht mehr geöffnet worden. Es roch nach Bienenwachs, Leder und vergilbtem Pergament. Wohl geordnet nach Themen standen die unvorstellbar vielen Bücher und Schriftrollen auf den grob gezimmerten Brettern. Voller Ehrfurcht ließ Luzia ihre Finger über die großen schweinsledergebundenen Folianten gleiten. Mit äußerster Vorsicht berührte sie die kleineren Quart- und Oktavbände. Eine Abschrift des Libellus de aegritudinibus infantum, ein Werk über Kinderkrankheiten von Paolo Bagellardi aus dem Jahre 1472, erregte Luzias Aufmerksamkeit. Vorsichtig öffnete sie die Abschrift und las ein wenig darin. Daneben stand das Regiment der jungen Kinder, ein Werk des Doktor Mettler aus dem Jahre 1473, welches ebenfalls die Kinderkrankheiten behandelte. Noch niemals hatte Luzia so viele Bücher gesehen. Selbst die Benediktiner auf dem Martinsberg zu Altdorf beneideten ihren Onkel um einige Werke, und wenn sie sich umsah, mochte sie das gerne glauben.

Nachdem sie sich in der Bibliothek ausgiebig umgesehen hatte, stieg Luzia wieder ins Erdgeschoß des großen Hauses, um sich die Apotheke vorzunehmen. Auf den Regalbrettern des hinteren Raumes, in den keine Kunden kamen und wo ihr Onkel seine Mixturen herstellte, lag der Staub vergangener Monate. Luzia machte sich daran, die mannshohen Wandgerüste davon zu befreien. Die bleiverglasten Butzenscheiben ließen das Innere der Apotheke in einem geheimnisvollen Licht erscheinen. Sie säuberte die vielen Schränke aus dunklem Holz. Luzia wischte über die Knäufe der unzähligen Schubladen, dann zog sie einige davon auf und warf einen Blick hinein. Exotische Düfte von Zimt, Nelken, Pfeffer und anderen seltenen Gewürzen strömten ihr entgegen und erfüllten den hohen Raum. Sie verstärkten die geheimnisvolle Stimmung der Apotheke. Auch die scharfen Gerüche heilbringender Arzneien lagen in der Luft, und als Luzia ihre Augen schloss, um die schweren, leicht schwindelerregenden Aromen auf sich wirken zu lassen, erinnerte sie sich daran, dass sie all diese Gerüche bereits aus ihrer Kindheit kannte. Den hinteren Teil der Apotheke liebte Luzia ganz besonders. Hier befand sich über einer gemauerten Feuerstelle der Alambik. Während sie im kupfernen Destillierhelm ihr Spiegelbild betrachtete, überlegte sie, ob Basilius immer noch die Bestandteile seines Theriak darin braute.

Basilius traf nach einer guten Stunde wieder in der Apotheke ein, als Luzia gerade herumstehende Flaschen zusammenstellte und ein paar Becher ausrieb.

»Johannes lässt dich herzlich grüßen«, sagte der Onkel mit einem listigen Lächeln. »Und du bringst schon wieder meine heilige Unordnung durcheinander.«

»Was so alles zum Vorschein kommt, wenn erst der Staub beseitigt ist.« Luzia schwenkte die Vergrößerungsgläser, die Basilius schon seit einer Ewigkeit vermisste. »Die lagen zwischen den Seiten dieses Buches«, sagte Luzia und deutete lachend auf einen dicken Wälzer.

»Was würde ich ohne dich tun? Dafür lasse ich dich jetzt mein Elixier probieren.«

Er goss eine Winzigkeit auf den kleinen Probierlöffel aus Horn. »Koste es. Edles Theriak ist kaum mit Gold aufzuwiegen«, forderte er seine Nichte auf.

Bittere Süße breitete sich in ihrem Mund aus. Warm und rund schmiegte sich die dunkelbraune Flüssigkeit an ihren Gaumen. »Na, kannst du mir ein paar der Inhaltsstoffe nennen?«, fragte er herausfordernd. Als Luzia sah, wie seine Augen vor Freude leuchteten, wusste sie, dass er nicht einen Augenblick an ihren Fähigkeiten zweifelte.

»Mmh, mal sehen, ob ich das kann, bitter und aromatisch … Engelwurz, Baldrian und vielleicht Myrrhe.«

Basilius nickte. »Kennst du auch die lateinischen Entsprechungen?«

»Angelica archangelica, Valeriana und Commiphora myrrha.«

»Ganz meine Nichte«, lobte Basilius, und seine Augen leuchteten voller Zufriedenheit.

Aufgeregt verließ Luzia das große Apothekerhaus. Obwohl ihr Basilius mehrfach versichert hatte, dass sie sich vor der Einschreibung ins große Buch der Stadt Ravensburg nicht zu fürchten brauche, beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Sie wandte sich nach links, wo die Straße zum Marktplatz hin abfiel. Hier in der Marktstraße wohnten die wohlhabenden Patrizier. Ihre Häuser waren allesamt groß, prächtig und aufwendig verziert. Auf dem Katzenkopfstein hallten ihre Schritte unüberhörbar. Eine Frau öffnete die Fensterläden im ersten Stock und blickte hinaus. Luzia grüßte freundlich, die andere nickte nur. Nach wenigen Minuten öffnete sich die feine Marktstraße zum Marktplatz, an dessen Ende das Rathaus stand. Der Staffelgiebel mit seinen Zinnen erinnerte an eine mächtige Burg. An der Nordwand klebte der kleine Gerichtserker mit den Wappen der Stadt und des Reichs. Und auf dem Dach saß der Glockenturm, von wo aus die Stadträte zur allwöchentlichen Ratsversammlung gerufen wurden.

Zwei Frauen standen bereits im Eingangsbereich und führten ein angeregtes Gespräch. Sie warteten darauf, dass sie der Ratsknecht einließ. Beide trugen Kleider aus feinem Tuch. Mit Luzias Ankunft verstummten sie und musterten sie voller Neugier.

»Die neue Hebamme«, sagte die Ältere von beiden, wobei sie sich keine große Mühe gab, ihre Stimme zu senken.

»Sie hat ja rotes Haar«, bemerkte die Jüngere spitz.

»Natürlich hat sie rotes Haar. Das hatte sie schon, als sie noch ein Kind war.«

»Du kennst sie?«

»Ja, und ich bin gespannt, ob sie genauso grob ist, wie ihre Mutter es war«, überlegte die Ältere.

»Ich hoffe nicht«, gab die andere zur Antwort. »Mein Monatsblut ist bereits zum dritten Mal gestockt, langsam glaube ich, guter Hoffnung zu sein.« Die hübsche junge Frau lächelte bei diesem Geständnis.

Luzia wandte sich ihr zu und sagte freundlich: »Ihr seid guter Hoffnung, das erkenne ich gleich. Trinkt den Sud aus gekochten Himbeerblättern mit Fenchel und Frauenmantel, das ist wichtig, besonders wenn es das erste Mal ist.«

Die junge Frau schnappte nach Luft. »Das erste Mal! Wie könnt Ihr das wissen?«

In diesem Augenblick schwang die Tür auf, und Luzia ging an den beiden vorbei hinein. Hinter sich hörte sie erregtes Geflüster.

Das Innere des Rathauses umfing sie mit feuchter Kühle. Luzia stieg die große Treppe hinauf und klopfte an die schwere Eichentür, die viel höher war als sie selbst. Der Stadtmedicus, der sie empfing, war nicht Johannes von der Wehr, den sie vorzufinden erwartet hatte, sondern sein älterer Amtskollege, Doktor Friedrich Sauerwein. Der dicke Mann war ihr auf Anhieb unsympathisch. Seine feisten Wangen und sein Doppelkinn zeugten nicht gerade von Askese. Und die rote Gesichtsfarbe wies auf ein zorniges Gemüt.

»Wie ist Euer Name, Frau?«, fragte Sauerwein eisig, »und was wollt Ihr?«

Luzia knickste: »Luzia Gassner, ich bin die neue Hebamme, und als solche möchte ich mich bei Euch vorstellen.

»So, so, Ihr seid also die Gassnerin?«, entgegnete Sauerwein. Widerwillig betrachtete er ihr rotes Haar.

Luzia nickte und senkte züchtig den Blick.

Der Stadtmedicus überprüfte Luzias Wissen mit ein paar Fragen zur Geburtshilfe, und weil sie seiner Befragung mit den richtigen Antworten begegnete, hatte er keinen Anlass, ihr die Arbeit in der Stadt zu verwehren. Mit saurer Miene holte er das Register hervor, in das er Luzia als neue Hebamme registrieren musste.

»Wann seid Ihr geboren?«, wollte Sauerwein mit der Feder in der Hand wissen. Luzia räusperte sich, dann fasste sie Mut und antwortete mit fester Stimme:

»Wenn Ihr gestattet, ich kann mich selbst ins Register einschreiben.«

»Ihr seid des Schreibens mächtig? Ach, richtig, Kaplan Grumper hat mir ja bereits erzählt, welch fleißige Schülerin Ihr wart.« Ein böses Lächeln umspielte seine Lippen. Als sie den Namen des Schulmeisters hörte, erschrak Luzia. Für kurze Zeit drehte sich der Raum um sie. Erst als ihr Sauerwein die Feder reichte, stand die Erde wieder still.

Luzia Gassner, von Beruf Hebamme, geboren am Stephanstag, dem 2. Tag des elften Monats im Jahre des Herrn 1464, schrieb sie in das große Pergament. Sauerwein beobachtete sie misstrauisch und prüfte ihre Eintragung. Der Amtsmedicus übertrug Luzias Angaben sorgfältig auf eine Urkunde. Dann setzte er für die erfolgte Überprüfung seine Unterschrift darunter, siegelte das Schreiben mit dem Wappen Ravensburgs und überreichte ihr das Dokument. Jetzt war sie die neue Hebamme der Stadt. Sauerwein würdigte sie nicht eines Blickes mehr, sondern begann in einem Buch zu blättern.

»Gibt es eigentlich noch eine weitere Hebamme in der Stadt?«, wagte Luzia zu fragen. »Laut meinem Onkel, dem Apothekarius Basilius Gassner, zählt die Stadt immerhin um die viertausend Einwohner.«

»Befürchtet Ihr jetzt schon unter Eurer Arbeit zu ersticken?«

Luzia schüttelte den Kopf und schalt sich eine Närrin, den Medicus gefragt zu haben. Sie wandte sich ab, um zu gehen.

Doch Sauerwein lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte die Kuppen seiner Finger aneinander. »Grete Muntz solltet Ihr vielleicht kennen, sie sorgt dafür, dass die Stadt nicht ganz verlottert. Ihre Art der Geburtshilfe ist auch im Sinn der heiligen Kirche, und wenn Ihr klug seid, lasst Ihr Euch von ihr unterweisen.«

»Also gibt es eine zweite Wehmutter?«

»Eine Wehmutter«, wiederholte Sauerwein abfällig. »Nun, die Muntzin ist doch wohl ein wenig mehr. Sie empfiehlt die Seelen in den Himmel. Wenn so viele Kinder unter der Geburt den Tod finden, nicht zu reden von den Weibern, ist es das einzig Sinnvolle«, entgegnete er kalt.

Luzia schüttelte den Kopf. »Deshalb ist es ja so wichtig, dass die Frauen eine Hebamme holen lassen und nicht unter den unwissenden Händen irgendwelcher Nachbarsfrauen niederkommen.«

Sauerwein musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Merkt Euch eins, Jungfer Muntz ist nicht irgendeine Nachbarsfrau. Sie ist ohne Fehl und Tadel und sicher die ehrbarste Frau der ganzen Stadt.«

»Das bezweifle ich nicht. Dennoch sollte die Geburt von einer ausgebildeten Wehmutter mit Erfahrung begleitet werden.«

»Unsinn!«, fuhr ihr Sauerwein über den Mund. »Den Weibern ist die Fähigkeit, ihren Nachwuchs zu gebären, eigen. Wir sehen es schließlich täglich bei Kühen und Schafen. Sie beherrschen es wie das Atmen, oder musstet Ihr erst lernen, wie man Luft holt?«, fragte er belustigt.

»Aber …«

»Spart Euch Eure Widerworte für einen anderen. Für störrische Weiber, wie Ihr eines seid, fehlt mir die Zeit«, sagte er scharf und wies ihr die Tür.

Ehe sich Luzia versah, hatte ihr der Stadtmedicus die Tür vor der Nase zugeschlagen. Sie spürte, wie ihr vor Empörung der Schweiß ausbrach.

Wütend machte sie sich auf den Heimweg. Einige Fremde kreuzten ihren Weg. Sie betrachteten sie mit einer Mischung aus Neugier und verhaltener Freundlichkeit. Die Ankunft der neuen Hebamme hatte sich in Ravensburg herumgesprochen, und durch ihr rotes Haar war sie leicht zu erkennen.

Luzia griff zum Henkelkorb und verließ die Apotheke. Sämtliche Vorräte waren aufgebraucht und so nutzte sie den Markttag, um sich mit frischen Lebensmitteln einzudecken. Basilius hatte wirklich einen verwöhnten Gaumen, und Luzia gab sich große Mühe, ihn zufriedenzustellen. Als sie ihm an einem der ersten Tage eine grobe Dinkelgrütze zum Morgenmahl vorgesetzt hatte, hatte ihr Onkel sie lange angesehen, war aufgestanden und hatte dann den Honig geholt. »Wenn schon Brei, dann wenigstens gesüßt«, hatte er gesagt. Seither servierte Luzia morgens eine warme Milchsuppe mit Dörrobst, was dem alten Mann besser schmeckte.

Nepomuk begleitete sie ein Stück weit, besann sich aber bald eines Besseren und verschwand in einer Seitengasse, aus der es schon nach Gekochtem roch.

Der Morgen war noch jung, dennoch lag bereits eine ungewöhnliche Schwüle über dem frühen Herbsttag. Als Luzia am Rathausbrunnen vorbeikam, schöpfte sie eine Handvoll Wasser. Kühl und frisch benetzte es ihre Lippen.

Wie ein großer, bunter Teppich breitete sich der Marktplatz vor ihr aus. Die Stimmen der geschäftstüchtigen Marktschreier erfüllten den gesamten Platz. Lautstark boten Bäuerinnen und Bauern ihr Obst und Gemüse feil. Bäcker und Metzger priesen ihre Waren als die besten. Hühner gackerten um ihr Leben, die Tautropfen auf den grüngrauen Wirsingköpfen glänzten in der Sonne. Vom Rand des Platzes kam wildes Hundegebell. In einer Ecke des Marktes hörte man das Klopfen und Hämmern der Kesselschmiede und Scherenschleifer. Korbflechter hatten ihre Waren vor sich aufgebaut und boten ihr Können feil. Es herrschten Lärm und Gedränge, die für Luzia ungewohnt waren. In Seefelden hatte es solche Menschenmengen nicht gegeben, nicht einmal sonntags in der Kirche.

»Aber, das ist doch Luzia! Gott zum Gruße, kennst du mich nicht mehr?«

Luzia drehte sich herum und fand sich in den Armen einer kleinen, älteren Frau wieder. Liebevoll drückte sie sie an ihren vollen Busen, und Luzia spürte ihre Wiedersehensfreude wie wärmende Sonnenstrahlen um sich.

»Johanna! Sei gegrüßt. Wie ich mich freue. Wie geht es dir?« Luzia kannte die Frau des Baders bereits aus Kindertagen. Früher waren Johannas Tochter Susanne und sie Freundinnen gewesen.

»Du trittst also in die Fußstapfen deiner Mutter, Gott hab sie selig?«

Luzia nickte. »Ich werde mir alle Mühe geben, Ravensburg eine gute Hebamme zu sein.«

Johanna sah sich vorsichtig nach Mithörern um, dann wisperte sie: »Versprich mir, dass du dich vor der alten Grete in acht nimmst. Seit deine Mutter nicht mehr lebt, sieht sie sich als Hebamme der Stadt. Jetzt fürchtet sie sicher um ihre Arbeit, deshalb nehme ich nicht an, dass Grete Muntz sich besonders freut, dass du zurückgekommen bist.«

Schon wieder diese Grete, dachte Luzia. »Dann ist diese Frau also ebenfalls als Wehmutter tätig?«

Johanna schüttelte den Kopf. »Nein, sie hat den Beruf nie erlernt, aber sie geht schon seit vielen Jahren in die Häuser der Frauen. Nebenbei richtet sie unserem Kaplan Grumper den Haushalt.«

Luzia zuckte zusammen. Seit sie ihren Fuß wieder in diese Stadt gesetzt hatte, verfolgte sie Grumper, wenn auch nur mit seinem Namen.

»Manche glauben sogar, der Kaplan schickt die alte Vettel in die Häuser, damit ihm ja nichts entgeht und er immer weiß, was in der Stadt geschieht. Du musst wissen, für Grumper gibt es den Beistand Gottes im Gebet, alles andere verteufelt er als lasterhafte Sünde. Er droht den Frauen sogar mit ewiger Verdammnis, sollten sie gegen den Willen der heiligen Kirche handeln, und Grete achtet peinlich genau auf die Einhaltung der kirchlichen Verbote.«

Urplötzlich hatte Luzia das Gefühl, als würde der Boden unter ihren Füßen wanken. Und wieder schwoll das gefährliche Flüstern, das Zischeln aus ihrer Vergangenheit, in ihrem Kopf an. Diesmal vernahm sie noch eine weitere Stimme, die ihr wie ein glühendes Schwert durch die Eingeweide fuhr. Luzia fühlte Todesangst, und schlagartig wusste sie, dass sie im Begriff war, Stimmen aus der Zukunft zu hören. Quälend und eiskalt verlangten sie nach Antworten. Etwas abgrundtief Böses fraß sich durch ihren Leib, bis es schließlich ihre ungeschützte Seele erreichte. Sie spürte, dass sie dem niemals würde entrinnen können. Als am Rand ihres Blickfeldes leckende Flammen auftauchten, wich der Albtraum wieder.

Luzia legte den Handrücken über die Augen und holte einmal tief Luft. Dann war sie wieder in den Gegenwart. Wie lange war sie in jener anderen Welt gewesen? Lange konnte es nicht gewesen sein, denn Johanna hatte nichts bemerkt und sprach zu ihr, als sei nichts gewesen.

»… Grete kam erst vor wenigen Jahren nach Ravensburg. Anfangs wohnte sie als Pfahlbürgerin außerhalb der Stadt.«

Luzia vernahm Johannas leise Stimme noch immer wie durch einen Nebelschleier.

»Sie kam morgens zur Öffnung der Tore und half tagsüber im Seelhaus bei der Zubereitung der Mahlzeiten für die Pilger. Vor Sonnenuntergang musste sie wieder verschwinden. Damals hatte sie keinerlei Rechte. Erst als Kaplan Grumper auf ihre gottesfürchtige Jungfräulichkeit aufmerksam wurde, erwirkte er für sie das Bürgerrecht und nahm sie bei sich auf. Kurze Zeit später begann Grete, in die Häuser zu gehen.«

Luzia atmete tief durch. Langsam verschwand das unangenehme Schwindelgefühl. »Mit welcher Begründung?«, wollte sie wissen.

Johanna hob ihre Schultern.

»Genau weiß das wohl keiner, aber Grumper sagte ihr schon bald eine besondere Verbindung zur Muttergottes nach, und du weißt ja selbst, dass die Frauen in ihren schwersten Stunden gern auf die Schmerzensmutter vertrauen.«

Luzia nickte. Natürlich wusste sie das. »Göttlicher Beistand kann nie schaden. Aber durch das Beten allein kommt es selten zu einem guten Ende. Jetzt verstehe ich auch, was Doktor Sauerwein vor einigen Tagen meinte. Er erwähnte die hohe Sterblichkeit der Frauen und Kinder.«

»Da hat er wahrlich nicht übertrieben«, entgegnete Johanna traurig und raffte ihr Schultertuch vor der Brust zusammen.

»Aber bis vor wenigen Wochen gab es doch auch noch meine Mutter, sie hat den Beruf der Hebamme erlernt.«

Johannas Blick verhieß nichts Gutes, dann sagte sie: »Deine Mutter machte sich ungern ihre schönen Hände schmutzig, da kam ihr Gretes Art der Geburtshilfe gerade recht. Sie selbst hat auch gern auf die Gnade des Allmächtigen verwiesen.«

Luzia nickte, sie erinnerte sich noch gut an die Ansichten ihrer Mutter. Dass sie sich allerdings so weit von ihrem Weg entfernt hatte, erschreckte Luzia.

»Grete betet für das Seelenheil von Mutter und Kind, ansonsten behindert sie die Nachbarsfrauen eher. Doch niemand wagt der Muntzin zu widersprechen. Sie trägt ja alles zum Kaplan. Dabei schimpft sie jeden förderlichen Handgriff eine schwere Sünde. Allein wenn die Nabelschnur nicht mit einem geweihten Messer durchtrennt wird, meldet sie das dem Herrn Kaplan. An irgendeine Arznei, die gar den Schmerz lindert, darfst du erst gar nicht denken!«

Luzia war entsetzt. Wie oft hatte der Einsatz von Bilsenkraut oder Mutterkorn Leben gerettet!

»Über diese alte Vettel könnte ich dir noch einige Geschichten erzählen, bei denen dir das Blut in den Adern gefriert, aber ich muss jetzt weiter«, sagte Johanna mit einem Blick auf den Sonnenstand. »Möchtest du uns die nächsten Tage nicht einmal besuchen? Rochus und Nanne würden sich sehr freuen.«

Nachdenklich setzte Luzia ihren Einkauf fort. Sie dachte an diese alte Frau, diese Grete. Eine Begegnung mit ihr würde sich nicht vermeiden lassen, spätestens wenn man sie zu ihrer ersten Niederkunft rufen ließ. Und dann würde es darauf ankommen, wer von ihnen beiden sich durchsetzen würde. »Und jetzt genug damit«, schalt sie sich selbst. Sie hatte bisher weder Gemüse noch Äpfel, noch frisches Brot gekauft, von dem sie wusste, wie gern es der Onkel mochte. Und einen Topf Honig brauchte sie auch noch …

Die Gemüsehändler standen vor dem stattlichen Lederhaus, in dem Gerber, Schuhmacher und Sattler ihre Waren verkauften. Die hölzernen Flügeltüren waren weit geöffnet und luden die Kaufwilligen ein.

Der Marktplatz hatte sich mittlerweile gefüllt. Vor jedem Stand drängten sich Frauen und Männer und feilschten mit den Händlern um den besten Preis. Viele Frauen grüßten Luzia, und den anderen schenkte sie wenigstens ein freundliches Lächeln. Ganz zu ihrer Freude sah sie genügend Frauen, die ein Kind unter dem Herzen trugen. Ihren wohlgerundeten Bäuchen nach würde bis zur Niederkunft nicht mehr allzu viel Zeit vergehen. Hoffentlich lassen sie dann nach mir rufen, überlegte Luzia.

Sie warf einen prüfenden Blick in ihren Korb, dann machte sie sich auf den Heimweg. Am Anfang der Marktstraße erreichte sie der Duft frischgebackenen Brotes. Für einen Augenblick schloss Luzia ihre Augen und überlegte: der Duft von Buchenholzfeuer mit einem Hauch Honig, einer Winzigkeit Kümmel sowie einer Spur Koriander und Anis. Das alles in der Himmelsröte, des herannahenden Tages gebacken – so würde sie vielleicht jemandem das einzigartige Aroma frischgebackenen Brotes beschreiben. Mit großen Schritten eilte sie zur Brotlaube, einem Tordurchgang, der die Marktstraße fast gegenüber der Marienapotheke mit der Herrengasse verband. Dort lagen in großen Weidenkörben die warmen haselnussbraunen Laibe. Luzia kaufte zwei runde Einpfünder mit knuspriger Rinde.

Auch an diesem Stand spürte Luzia die neugierigen Blicke der Leute auf sich.

»Das ist die neue Hebamme«, flüsterte jemand in der Schlange hinter ihr.

Als sie bezahlt hatte, hört Luzia, wie der Brothändler zu seiner Frau sagte: »Hübsch ist sie ja, aber sie sollte ihr rotes Haar verbergen.«

Eilig strich Luzia sich ein paar lose Strähnen unter die Haube und setzte ihren Weg fort. Ganz am Schluss kaufte sie bei einem dürren, alten Weiblein ein Pfund gedörrte Zwetschgen. Ihr süßer Duft lockte selbst jetzt noch Wespen an.

»Seid Ihr neu in der Stadt?«, wollte die Obstfrau wissen.

Luzia nickte und antwortete: »Ich bin Luzia Gassner, die neue Hebamme.«

»Dann nehmt noch diese Birnen, sie sind besonders saftig und halten sich noch bis Weihnachten im Keller.« Dabei schob sie Luzia eine kleine, gelbe Frucht in die Hand. »Kostet sie, ich will sie Euch schenken.« Das leicht körnige, süße Fruchtfleisch schmiegte sich an ihren Gaumen und entlockte ihr ein zufriedenes Lächeln. Luzia nickte anerkennend und kaufte bereitwillig einige der reifen Früchte.

Am Abend saß sie mit ihrem Onkel vor dem wärmenden Kaminfeuer in der Stube.

»Und«, fragte er. »Wie war dein erster Markttag in Ravensburg?«

»Aufschlussreich«, antwortete Luzia eifrig. »Und ich habe einige Leute von früher wieder getroffen.« Dass sie auch unangenehme Begegnungen gehabt hatte wie die mit dem Medicus Sauerwein, erwähnte sie nicht.

»Die Leute reden über dich«, sagte Basilius mit einem feinen Lächeln. »Du hast einige von ihnen aufgeschreckt und ihre Welt durcheinandergebracht.«

»Du meinst Grete?«, fragte Luzia schnell.

Das Lächeln auf dem Gesicht des Onkels verschwand und machte einer Sorgenfalte auf der Stirn Platz. »Was hast du über sie gehört?«

»Dass einige in der Stadt große Stücke auf sie halten und dass sie das Pfarrhaus bestellt.«

»Sie wird versuchen, dir das Leben schwer zu machen.«

Luzia nickte. »Solche gibt es immer und wird es immer geben«, sagte sie mutiger als sie sich fühlte.

»Grete darfst du aber nicht unterschätzen«, entgegnete ihr Onkel und in seiner Stimme lag eine dunkle Warnung, die Luzia Angst machte.

Dann erzählte er von einer Geburt, bei der die junge Apollonia Häberlin ein Kind mit sechs Fingern an jeder Hand geboren hatte.

»Ja, das kommt schon einmal vor, wenn die überzähligen Fingerchen gleich nach der Geburt stramm abgebunden werden, fallen sie nach ein paar Wochen, ähnlich wie der Nabel, von ganz alleine ab«, sagte Luzia leise.

»Apollonia wusste das nicht, und ihr Entsetzen über die Hexenfinger war groß. Also band sie dem Kind einen kleinen Blutstein ums Handgelenk, um das Unheil abzuwenden. Zwei Tage später war ihr Kind tot. Grete behauptete daraufhin, Apollonia habe ihr eigenes Kind getötet. Es gab eine Anhörung und Kaplan Grumper trat als Notar auf. Das Blutgericht beauftragte Grumper damit, mögliche Verbindungen Apollonias mit dem Bösen zu entlarven.«

»Wieso ausgerechnet Kaplan Grumper?«, wollte Luzia wissen.

Basilius sah sie lange an, bevor er antwortete.

»Grumper soll bereits vor einigen Jahren zusammen mit einem hohen Würdenträger des Dominikanerkonvents zu Schlettstadt eine Frau des Kindsmords überführt haben. Der Unbekannten aus Waldshut wurde ein Pakt mit dem Teufel vorgeworfen. Sie wurde hingerichtet. Ich will dir die Einzelheiten ersparen, jedenfalls wurde dank Gretes Aussage und Grumpers Dafürhalten auch Apollonia vom Gericht für schuldig befunden und draußen beim Galgenbühl gehängt.«

Luzia starrte ihn voller Entsetzen an. »Das Gericht hat sie wegen Kindsmord zum Tode verurteilt? Und das nur, weil sie ihrem Kind einen Blutstein ums Handgelenk gewunden hatte?«

Basilius seufzte tief. »Ich will dich nicht beunruhigen, aber vor Grete solltest du dich in acht nehmen. Die Alte kann dir sehr gefährlich werden!« Ohne ein weiteres Wort stand Luzia auf und trat näher ans Feuer. Ihr war plötzlich kühl, und das nicht nur, weil es bereits später Abend war.

6

»Jungfer Luzia, hört Ihr mich denn nicht? So macht doch die Tür auf! Meine Marie bekommt ihr Kind!«

Alois Weber klopfte wie wild gegen die dicke Eichentür, die unter seinen harten Schlägen bereits knirschte. Wie zähfließender Honig kam ihm die Zeit vor. Seine Frau hatte bereits zwei Kinder verloren, unter deren Geburt sie selbst nur um Haaresbreite dem Tod entgangen war. Laut Grete, die beide Male dabei war, hatten sie selbst Schuld am Tod der Kinder. Es stimmte schon, oft lagen sie auch an Fastentagen beieinander. In dieser Zeit gebot die Kirche, sich nicht nur beim Genuss von Fleisch und Speck zurückzuhalten, auch die Fleischeslust wurde als schwere Sünde verstanden. Deshalb versprach sich Alois nicht allzu viel davon, die neue Hebamme dabei zu haben, aber Marie hatte darauf bestanden, die Gassnerin zu rufen. »Sie ist eine gute Frau und ich habe das Gefühl sie kann uns helfen. Ihr Aussehen tut nichts zur Sache«, waren Maries Worte, als er auf das Äußere der Gassnerin anspielte. In seiner Vorstellung hatte eine Wehmutter anders auszusehen. Hässlicher, älter, aber allem voran ohne diese rote Feuermähne auf dem Kopf. Wie sollte ausgerechnet diese Feuerbraut ihnen zu einem lebenden Kind verhelfen? Aber er hatte Marie diesen Wunsch nicht abschlagen wollen. Endlich wurde die Tür geöffnet! Vor dem Weber stand Luzia, in eine Decke gehüllt. Sie hatte sich bereits zu Bett begeben, aber das war Alois Weber egal.

»Gott zum Gruße, Jungfer Gassner. Kommt schnell, das Kind will auf die Welt kommen!«

Obwohl Luzia an nächtliche Besucher gewohnt war, rauschte ihr vor Aufregung das Blut in den Ohren. Heute Nacht war es also soweit, endlich durfte sie ihr Können unter Beweis stellen. Marie Weber war eine patente, junge Frau, die sie bereits vor wenigen Tagen aufgesucht hatte, um sich vorzustellen.

»Ist Eure Frau allein?« Ganz aus der Nähe kam der Ruf einer Eule, und der volle Mond verschwand hinter einer dunklen Wolke.

Alois schüttelte vorsichtig den Kopf. »Die Mutter ist bei ihr.«

»Dann kommt herein. Ich muss mich erst anziehen.« Sie führte den verunsicherten Mann in die Küche des Hauses. Im gemauerten Herd glomm der Rest eines Feuers.

Während Alois neben der Feuerstelle wartete, knetete er seine verbeulte Mütze durch die Hände und starrte in die rote Glut.

Als die junge Wehmutter zurückkam verfolgte er aufmerksam, wie sie eine Handvoll getrocknete Wacholderbeeren in die Glut warf. Perchta betrachtete ihr Opfer mit Wohlwollen, denn es zischte, und das Feuer erwachte zu neuem Leben. Würziger Duft erfüllte die Küche, und Alois glaubte Luzias Haar in Flammen zu sehen. Wenige Augenblicke später standen sie bereits vor der Tür. Er hatte seinen Karren mitgebracht und der Braune zog sie wie der Wind durch das nächtliche Ravensburg.

Vom Blaserturm ertönten die Trompeten zur ersten Stunde. Der Mond zog unbeirrt seine nächtliche Bahn und übergoss die Welt mit seinem Silberlicht. Erst in den frühen Morgenstunden würde er Ravensburg ganz der Dunkelheit überlassen. Doch bis dahin würden noch einige Stunden vergehen. Stunden, die für alle Zeiten Luzias Leben hier in Ravensburg bestimmen würden – heute Nacht würde ihr Wissen geprüft werden. Ein wenig bang fühlte sie sich schon, schließlich war sie auf dem Weg zu ihrer ersten Geburt in der Stadt.

Die gurgelnden Geräusche des Gerberbachs erfüllten die Nacht. Luzia war, als würde der Bach, in dem Gerber, Färber und die Metzger ihre Abfälle entsorgten, in der Nacht noch weitaus schlimmer stinken, als es am Tag der Fall war. In der Manggasse betrieben Alois und sein Vater das Handwerk der Manger. Das Glätten und Veredeln der Leinenstoffe und schweren Wolltuche verlangte tagein, tagaus schwerste körperliche Arbeit. Die so verarbeiteten Stoffe genossen überall hohes Ansehen. Selbst den flandrischen Tuchen standen die der Ravensburger in nichts nach. Doch der Dunst aus faulenden Abfällen und zahlreichen Sickergruben hing wie eine Glocke über der Straße und über der Stadt.

Alois Weber schwieg während der gesamten Fahrt, erst kurz bevor sie in die Manggasse einbogen, fragte er leise:

»Glaubt Ihr, Gott hat diesmal ein Einsehen mit meiner Marie?«

»Das weiß ich nicht, aber ich verspreche Euch alles zu tun, was in meiner Macht steht.«

Für einen Augenblick glaubte Alois eine alte Frau vor sich zu sehen. Einzig ihr flammendes Haar sagte ihm, dass es Luzia Gassner war, die zu ihm gesprochen hatte.

»Gott zum Gruße. Ihr seid also die neue Hebamme«, begrüßte sie die Altmutter. Gertrude Weber, eine sehnige, ältere Frau mit grauem Haar und freundlichen Augen, führte Luzia die schmale Stiege hinauf. Im ganzen Haus war es dunkel, einzig das Talglicht in Gertrudes Händen spendete ein wenig Licht. Schatten begleiteten Luzia die Stufen hinauf. Sie beachtete sie nicht.

In der Kammer brannten einige Talglichter und sogar eine echte Wachskerze. Die Gebärende lag im hinteren Bereich der großen Kammer auf einem einfachen Bett. Alle Fenster waren sorgfältig verschlossen und die Luft stickig und abgestanden. Weiter vorn, neben der Tür, standen einige Stühle und ein großer runder Tisch, auf dem ein paar saubere Leinen lagen. Eine ältere Frau, die sich Luzia als Annelie, die Frau des Küfers, vorgestellt hatte, brachte ein Weihwasserbecken und noch mehr Kerzen.

»Wir sollten auf Grete warten, sie kommt etwas später«, sagte Annelie, als Luzia Marie den Schweiß von der Stirn tupfte.

»Nein, das tun wir nicht«, entgegnete Luzia knapp und beugte sich wieder über Marie.

»Das dürft Ihr nicht sagen«, murmelte die Küferin ängstlich und bekreuzigte sich. »Wir brauchen zuerst die Fürsprache der Muttergottes. Als Schutzheilige der Geburt wacht sie über Marie, doch um ihre Hilfe zu erbitten, müssen wir auf Grete warten.«

»Und wo bleibt eure Grete?«, fragte Luzia. Sie drehte sich weg und ging vor Maries Lager in die Knie.

Die Schwangere wand sich mit offenem Haar auf ihrem Lager. Dunkel vom Schweiß klebte ihr das kastanienbraune Haar am Kopf. Ihr Gesicht wirkte bleich und vom Schmerz gezeichnet. Ein Blick in Maries Augen zeigte ihre Todesangst. Luzia berührte sie sanft. Sie fühlte die Furcht und all den Schmerz, die Marie gefangen hielten. Doch schon wenige Atemzüge später entspannte sich das Gesicht der jungen Weberin. Der harte Zug um ihren Mund war bereits gewichen.

»Ich bin so froh, dass Ihr da seid. Glaubt Ihr, heute kommt es zu einem guten Ende?«, flüsterte die junge Frau zwischen zwei Wehen.

Luzia nickte. In ruhigen und einfachen Worten erklärte sie Marie, wie sie jetzt gemeinsam vorgehen würden.

Die junge Frau nickte, und Luzia erkannte erleichtert, dass sie ihr Vertrauen gewonnen hatte.

Annelie und die Weberin Mutter wachten neugierig über Luzias Tun und all ihre Worte. Jeder Handgriff wurde gesehen und leise kommentiert.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und alle richteten ihre Blicke auf die hoch aufgeschossene Gestalt, die die Kammer betrat. Ein scharfer Luftzug trug den Geruch von Weihrauch und Missgunst herein.

»Gegrüßet seist du, Maria«, herrschte Grete die Frauen an, dabei ließ sie einem Richter gleich ihren durchdringenden Blick durch die Kammer schweifen.

»In Ewigkeit. Amen«, kam die Antwort von Gertrude Weber und der Küferin.

Grete lächelte zufrieden.

Sie hatte etwas über sechzig Winter erlebt. Ihr bleiches Gesicht zeigte noch wenige Falten, dafür wirkte es kühl und unnahbar. Doch Gretes gesamte Erscheinung war tadellos. Zu allen Zeiten trug die Muntzin eine eng anliegende helle Haube, unter der nicht ein einziges Haar hervorschaute, was den Eindruck erweckte, als besäße sie gar keines. Der Stehbund von Gretes Hemd reichte ihr bis knapp unters Kinn. Hemden besaßen in der Regel einen Ausschnitt, und die Frauen fragten sich oft, wo Grete diese Ungetüme erstand. Auch die Ärmel des Gewands waren stets etwas länger als ihre Arme, sodass Grete auch ihre Hände vor fremden Blicken geschützt wusste. Darüber trug sie ein dunkles Überkleid. Bodenlang und völlig schmucklos, wie ein Büßergewand, dafür so wallend, dass es einer Schwangeren gute Dienste geleistet hätte.

Grete war sehr stolz darauf, stets als Vorbild für Tugendhaftigkeit und Anstand genannt zu werden. Oft schimpften die hohen Kirchherren des Sonntags in ihrer Predigt. Nannten die Frauen, eitle, dem bunten Tand verfallene Weiber und verlangten lautstark danach, das gesamte Haar mit einer züchtigen Kopfbedeckung zu verhüllen. Üppige Ausschnitte und weite Ärmel prangerten sie ebenso an wie das Tragen von Schmuck und modischen Schuhen. Grete konnten sie damit nicht meinen. Die Muntzin hielt auch sämtliche Fastentage streng und ohne jede Ausnahme ein. Nicht einmal von einer Krankheit ließ sich die sehr schlanke Frau abhalten, ihren Körper zu kasteien und ihre Gedanken zu züchtigen.

Als Luzia den kühlen Blick der Älteren auf sich spürte, lief ein kalter Hauch über den Rücken. Diese Frau konnte ihr gefährlich werden, das spürte sie sehr deutlich. Sie versuchte zunächst ein Lächeln, doch es wurde nicht erwidert. Es prallte einfach an Grete ab. Wurde gelöscht, wie Wasser eine Flamme zum Sterben brachte. Stattdessen traf sie Gretes überheblicher Blick.

»Grüß Gott, wir wurden uns noch nicht vorgestellt. Ich bin Luzia Gassner, die neue Hebamme«, sagte Luzia mit fester Stimme und wollte ihr die Hand reichen.

Grete würdigte sie keines Blickes und erwiderte auch Luzias Gruß nicht. Die Gedanken der Muntzin begannen bereits die Atmosphäre zu verpesteten, als sie sich endlich zu einer Antwort herabließ.

»Feuerrotes Haar, als ob der Teufel selbst darin hockte, du bist also die Gassnerin?«, sagte sie schließlich. »Hat es dir bei den Barbaren die Sprache verschlagen?«

»Im Gegensatz zu Euch habe ich mich bereits vorgestellt. Wenn auch Ihr so freundlich wärt«, gab sie zurück.

Gretes herablassender Blick traf sie wie ein giftiger Pfeil.

»Ich glaube nicht, dass ich mich vorstellen muss! Schließlich bin ich keine Unbekannte.«

Luzia erwiderte nichts.

»So, und du willst also die Hebamme sein? Deine Mutter, Gott hab sie selig, war die Hebamme von Ravensburg. Gemeinsam brachten wir so manches Balg auf die Welt!«

Und wie viele erst unter die Erde, dachte Luzia grimmig.

»Für eine Wehmutter bist du noch viel zu jung. Viel zu unerfahren. Zudem sollte eine Hebamme etwas anständiger frisiert und gekleidet sein und nicht wie eine Hure auf die Gasse gehen. Allein dein unbedecktes Haar ist eine Schande.«

»Ich denke nicht, dass mein Aussehen etwas zur Sache tut und Euch hat es nicht zu interessieren!«, gab Luzia mit fester Stimme zurück. Ihre Laune wechselte auf Sturm. »Doch vielleicht könnt Ihr mir sagen, was genau eigentlich Eure Aufgabe in diesem Haus ist?«

Noch immer standen sich die beiden Frauen gegenüber, und die Umstehenden warteten hilflos, was geschehen würde.

Keineswegs verunsichert antwortete Grete: »Einer jungen Gans wie dir bin ich gewiss keine Rechenschaft schuldig! Aber wenn du es genau wissen willst, ich bete für das Seelenheil von Mutter und Kind. Darüber hinaus bitte ich um die Fürsprache der Muttergottes und der heiligen Margarete.« Mit diesen Worten stellte sie ein Kruzifix auf den Tisch und brachte aus den Weiten ihres Gewandes einige Rosenkränze aus Korallen zum Vorschein.

»Bisher scheinen Eure Bemühungen eher ohne Erfolg gewesen zu sein, oder täusche ich mich etwa und Marie ist bereits Mutter eines Kindes?«, entgegnete Luzia spitz. Unter keinen Umständen durfte sie jetzt schweigen. Schließlich ging es um ihr Ansehen als Hebamme.

»Marie wird niemals ein gesundes Kind zur Welt bringen. Ihr Leben ist viel zu lasterhaft. Du wirst schon sehen, dass auch dieses Kind stirbt, ehe es morgen wird.«

Bei Gretes Worten schluchzte Marie laut auf, und die Altmutter und Annelie bekreuzigten sich rasch.

»Nimm das Paternoster«, mit diesen Worten hielt ihr die Muntzin eine Zählkette aus roten Korallen hin. Als Luzia den angebotenen Rosenkranz achtlos auf den Nachtschrank legte und an Maries Bett trat, bekreuzigte sich auch Grete mehrmals.

»Denn wie das Gras werden sie bald verdorren und wie das grüne Kraut werden sie verwelken«, zitierte Grete einen Psalm.

Luzia spürte, wie Maries Hand angstvoll die ihre suchte. Entschlossen richtete sie sich auf und wandte sich der Muntzin zu: »Ich bin die von der Stadt bestellte Hebamme. Meine Aufgabe ist es, der Gebärenden zu helfen. Wenn Ihr meint, beten zu müssen, so tut es. Aber lasst mich jetzt meine Arbeit machen.«

Grete schnappte nach Luft. »Hüte dich, dem Allmächtigen ins Handwerk zu pfuschen, andernfalls wirst du mich kennenlernen!«

Obwohl ihr die Worte eine Gänsehaut bereiteten, reckte Luzia ihr Kinn und hielt Gretes Blick stand.

»Ich empfehle Euch, spitzt Eure Ohren, denn ich werde es nur dieses eine Mal sagen«, begann Luzia so ruhig wie möglich. Sie wollte sich um keinen Preis von der Muntzin zu einer Beleidigung hinreißen lassen. Eine Beleidigung, die sie hinterher gegen sie verwenden konnte – und ein Hinterher würde es geben, das spürte Luzia bereits jetzt. »Zunächst einmal unterlasst Ihr gefälligst, mich mit diesem freundschaftlichen Du anzusprechen, denn Freunde werden wir nie werden, des Weiteren lasst Ihr mich jetzt meine Arbeit tun, denn die Eure ist bereits beendet. Also geht mir aus dem Weg!«

Maries Schrei hallte durch die Kammer und unterbrach den Disput. Luzia drehte sich ohne ein weiteres Wort um und beugte sich über Marie, um sie zu beruhigen.

»Glaubt mir, rote Füchsin«, zischte Grete, die jetzt dicht neben ihr stand, »ich werde jeden, wirklich jeden Eurer Handgriffe verfolgen.

»Tut das!«, gab Luzia so unerschrocken wie möglich zurück.

»Hütet Euch davor, Euren Blick oder gar Eure Hände unter Maries Hemd zu stecken, sonst war es Eure erste und gleichzeitig die letzte Geburt in Ravensburg. In unserer Stadt gibt es weder geheimnisvolle Mittelchen noch Amulette oder gar gemurmelte Beschwörungen. Denn bereits in der heiligen Schrift steht geschrieben: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst, und deine Kinder gebierst du unter Schmerzen!«, fügte Grete hinzu. Doch ihr Gesicht wirkte angespannt und ärgerlich.

Erleichtert nahm Luzia eine Spur von Unsicherheit in ihrer Stimme wahr. Und ihr entging auch nicht, dass die Altmutter langsam ungeduldig wurde.

»Setzt Euch in eine Ecke und ruft alle Heiligen an, aber geht mir aus den Beinen, denn Maries Kind möchte auf die Welt kommen, und diesmal wird es leben!« Zu welch großem Versprechen habe ich mich da hinreißen lassen? Große Mutter, hilf, dachte Luzia.

Zur Verwunderung aller verzog sich die Muntzin tatsächlich in den hintersten Winkel der Kammer. Ein erleichtertes Raunen kam von den Frauen.

Marie wand sich auf ihrem durchgelegenen Lager. Dazu bereiteten ihr die stickige, abgestandene Luft und die unerträgliche Hitze zusätzliche Qualen. Aus der hinteren Ecke marterte sie Gretes Blick, dem nichts entging, und der Weihrauch verursachte ihr zunehmende Übelkeit. Marie erbrach sich heftig. Gleich erfüllte der saure Geruch die ganze Kammer. Luzia wischte ihren Mund sauber und gab ihr einen Schluck zu trinken, dann öffnete sie ohne ein Wort das Fenster. Grete saß mit dem Rosenkranz in der Ecke und schimpfte leise vor sich hin.

Die Geburt schien schnell fortzuschreiten. Die letzte Phase der Niederkunft kündigte sich an.

»Luzia, bitte tut etwas! Ich kann es fühlen, etwas stimmt nicht.« Maries Augen schrien förmlich um Hilfe. »Es fühlt sich an wie die Male davor«, beharrte sie. Als sie erneut von einer Wehe überrollt wurde, schrie sie laut. »Ich bitte Euch helft mir, mit dem Kind ist etwas, ich kann es nicht erklären.«

»Marie, ich würde Euch gern untersuchen. Euren Bauch, aber auch die Öffnung, durch die Euer Kind in die Welt schlüpft. Wenn Ihr mir diese Untersuchung gestattet, kann ich Euch mit großer Sicherheit sagen, wie lange es noch dauert, bis Ihr Euren Schatz in den Armen halten werdet.«

Die Weiber hielten den Atem an und die Stille in der Kammer tat fast weh. Grete und die beiden anderen starrten Luzia an, als habe sie den Teufel selbst geküsst.

»Heilige Margarete, steh uns bei. Die Unholdin will das Kind töten. Seht ihr denn nicht, sie will die Seele des Ungeborenen dem Teufel schenken.

Luzia hörte nicht auf ihr Gekeife. »Habt keine Angst!«

Maries Augen weiteten sich, dann nickte sie aber und gab ihre Zustimmung. Behutsam legte Luzia ihre Hände auf Maries Bauch. Diese spürte eine Wärme, die sich wie ein Schild vor den Schmerz schob. Marie atmete aus und ließ sich zurück in die Felle sinken. Langsam tastete Luzia den weit vorgewölbten Bauch ab. Was sie fühlte, entsprach einer ganz normalen Kindslage. Der Kopf lag bereits so weit unten, dass Luzia ihn schon nicht mehr fühlen konnte. Als sie ihre Hand unter Maries Hemd schob, erhob sich Gretes Stimme wie ein donnerndes Gewitter.

»Was fällt dir ein, du elendes Weib? Zauberin! Unholdin! Nimm sofort deine dreckigen Finger von den unaussprechlichen Stellen. Sie sind zutiefst von Sünde befleckt. Nicht einmal Gott selbst blickt den Weibern unter die Röcke.«

Luzia ließ sich von dem Gekeife der Alten nicht beirren. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass sich die Weberin und Annelie ängstlich ansahen. Sie wussten nicht, wessen Meinung sie teilen sollten.

Luzia schob ihre Finger ganz ruhig weiter und fühlte, dass etwas nicht stimmte. Sie erschrak, als sie Maries Geburtswege noch fast verschlossen vorfand. Normalerweise waren sie zu diesem Zeitpunkt weit, weich und offen. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und das Blut rauschte ihr wie ein Sturzbach in den Ohren. Luzia sah, wie die Schatten an den Wänden tanzten und sie mit ihrem irren Gekicher in den Wahnsinn treiben wollten. Wenn sie nicht schnell etwas unternahm, verletzte das Kind Marie mehr als nötig, was eine starke Blutung zur Folge hätte. Sicher wäre es möglich, die Wunden zu nähen, dafür befand sich eigens eine Dose mit Katzendarm in Luzias Tasche, aber die Blutungen wurden manchmal so stark und ließen sich nicht mehr beherrschen. Oft starben die Frauen noch am selben Tag. Wehen glichen einer Naturgewalt, deshalb musste schnell etwas geschehen.

»Nehmt diese Kräuter, macht einen sehr starken Aufguss und bringt ihn mir in einer großen Schüssel«, wies Luzia die Altmutter an, nachdem sie einigen ihrer Kräutersäckchen etwas entnommen hatte.

Die schwarzen Schatten leckten bereits an ihren Röcken. Schnell öffnete sie eine kleine Dose und entnahm ihr eine große Prise schwarzen Pulvers. Das Pulver streute sie in Maries Becher und gab es der Gebärenden zu trinken.

»Große Mutter, hilf uns, bitte lass uns jetzt nicht im Stich«, betete Luzia stumm.

»Was habt Ihr Marie gegeben?«, keifte Grete und stürzte zum Bett.

»Pulverisierte Sepien«, antwortete Luzia wahrheitsgetreu. Wie sie es geahnt hatte, wusste Grete nicht, dass es sich dabei um gemahlenen Tintenfisch handelte. Und sie traute sich nicht, ihre Unwissenheit zuzugeben.

Kurze Zeit später trug die Weberin einen Holzbottich mit dem Kräutersud herein. Als Luzia Maries Hemd bis zu den Schenkeln hochschob, drehte sich Grete mit einem empörten Schrei um. Gleich darauf verzog sie sich wieder in ihre Ecke und begann laut zu beten: »Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum. Benedicta tu …«

Vorsichtig, um die dampfende Flüssigkeit nicht zu verschütten, stellten Luzia und die Weberin die Schüssel zwischen Maries geöffnete Beine. Damit der Dampf nicht entweichen konnte, legten sie ein paar Felle und Decken darüber. Der erdige Duft von Baldrian und Majoran erfüllte die Kammer und überdeckte den scharfen Schweißgeruch.

»Weshalb tut Ihr das?«, fragte die Altmutter zögernd.

»Der Dampf aus Baldrian, Hopfen und Majoran wird Maries Schoß wärmen, so kann das Kind leichter geboren werden«, sagte Luzia und zwang sich zu einem Lächeln.

»So einen Dreck habe ich beim besten Willen noch nicht gehört! Das ist doch alles Zauberei. Habt Ihr das schwarze Pulver gesehen?«, versuchte Grete die Altmutter und Annelie auf ihre Seite zu ziehen. Die Frauen sahen sich verunsichert an. Sie wussten immer noch nicht, wem sie recht geben sollten.

Dampfbad und Sepiapulver zeigten jedoch bald ihre Wirkung, und als Luzia wenig später nochmals die Reife der Geburtswege überprüfte, war sie mit dem Ergebnis zufrieden. Die Geburt ging nun zügig voran. Marie schöpfte Hoffnung. Gerade so viel, dass sie erkannte, wie es um sie ein wenig heller wurde und sie den Weg sehen konnte.

»Ich glaube, langsam fühlt es sich …«, die nächste Wehe kam, und brachte Marie zum Schweigen. Sanft strich die Hebamme Marie das lange Haar aus dem schweißnassen Gesicht. Sie legte ihre Hand auf Maries Bauch. Ein leichtes Vibrieren erfasste beide Frauen. Luzia konnte den kleinen, feuchten Schopf des Kindes bereits sehen. Mit jeder neuen Wehe drängte das kleine Licht nun ins Leben.

»Du machst das ganz wunderbar«, lobte Luzia.

Marie keuchte, und der Kopf war geboren.

»Marie, noch einmal pressen, dann hast du es geschafft.«

Maries Augen glänzten feucht. Bei der nächsten Wehe glitt das kleine Mädchen mit Luzias Unterstützung ganz heraus. Schnell hob sie das Neugeborene hoch, sodass Marie ihr kleines Wunder sehen konnte.

»Es ist ein wunderschönes Mädchen!«, sagte Luzia triumphierend, dabei konnte sie nicht umhin, einen Blick zur alten Grete zu werfen. Die eilte mit unbewegter Miene zum Bett. Luzia schauderte, denn sie las in ihren Augen, dass es ihr lieber gewesen wäre, wenn das Kleine tot wäre. Ihre Lippen waren zu einer harten Linie verzogen und ihre Augen wirkten kalt. Marie weinte vor Glück und Erschöpfung. Die Weberin und Annelie traten ebenfalls heran, ihre Gesichter strahlten vor Freude. Mit Ausrufen des Entzückens bewunderten sie das Neugeborene.

Gretes sonst so bleiches Gesicht wies hektische rote Flecken auf. Ihre Fassung schwand gerade mit dem letzten Rest Misstrauen, den die Anwesenden gegenüber Luzia gehegt hatten.

Die Muntzin konnte nicht glauben, dass man einer dahergelaufenen Füchsin mehr Glauben schenkte als ihr. Warum war diese rote Hexe überhaupt zurückgekommen? Kaum war sie wieder in der Stadt, sprachen alle von ihr, dabei kannten sie dieses Weib doch gar nicht. Die Wollust schien ihr im Gesicht zu stehen. Rothaarig. Rot wie die ewigen Flammen der Hölle. In diese würde Grete sie nun schicken, selbst wenn es das Letzte sein würde, das sie tat.

»Die kleine soll Ignatia Luzia heißen!« Alois Stimme riss die alte Frau aus ihren hasserfüllten Gedanken. Der Kindsvater stand also auch auf der Seite der Füchsin. Und die Weberin nickte übereinstimmend und blickte in das friedliche Gesicht ihrer gesunden Tochter.

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25 мая 2021
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454 стр. 7 иллюстраций
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9783839268421
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