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Claus Bork
Der schwarze Sigurd
Saga
Der schwarze SigurdOriginaltitel: Sorte SigurdÜbersetzt von Susanne Richter Copyright © 2015, 2019 Claus Bork und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711800027
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
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Personenverzeichnis:
Jesper - ein ganz gewöhnlicher Junge.
der Schwarze Sigurd - Jespers Freund, der schwarze Rabe aus Abenteuerland.
Isabel - Prinzessin von Abenteuerland.
Dur - Prinz von Symphonien.
Merlin - der Zauberer.
Archimedes - Merlins kluge Eule.
Elektro - Kriegsprogramm von DOS.
Schatten - Sklave von Elektro.
der Hund - ein Hund mit Augen so groß wie Teetassen.
Sir Gawain - der noble Ritter aus Abenteuerland.
Abenteuerland - das Land in den Träumen, jenseits der Wirklichkeit.
Symphonien - die Welt der Musik, jenseits der Wirklichkeit
DOS - die Welt der Computerspiele, jenseits der Wirklichkeit.
Niemandsland - das Land, das man durchquert auf seinem Weg von der Wirklichkeit in die Traumwelt.
Der Anfang
Er war eigentlich schon ein ganz gewöhnlicher Junge.
Er hieß Jesper. Hatte struppiges, blondes Haar und große braune Augen - denn irgendwo in der Familie seiner Mutter waren Zigeuner im Spiel gewesen. Und vielleicht war er gerade deshalb abenteuerlustig.
Er ging seine eigenen Wege und liebte die Spannung, wenn er Dinge erlebte, die nicht ganz gewöhnlich waren. Er war zehn Jahre alt und ein kleiner Spinner.
Es begann alles an einem kalten Abend im November.
Der Schnee senkte sich wie Löwenzahnsamen aus einem schweren, bedeckten Himmel. Es war zehn Minuten vor neun -Freitagabend.
"So, jetzt geht es ab ins Bett mit dir..." Seine Mutter sah ihn mit diesem üblichen - da gibt es keine Diskussionen - Blick an...
"Ich muß nur noch..." begann er. So ging es jeden Abend.
"Ab, junger Mann, und das zack - zack..."
"Nah, ja..." Er legte das Buch weg und erhob sich vom Sofa. Dann trottete er zur Treppe und schleppte sich hoch in den ersten Stock. Zehn Minuten später, genau um neun Uhr, lag er warm unter der Decke bei ausgeschaltetem Licht.
Durch die Fensterscheibe betrachtete er die Schneeflocken, die im Schein der Straßenlaterne herunterfielen.
"Gute Nacht, und schlaf gut..." flüsterte seine Mutter und schloß die Zimmertür.
Der Wecker tickte hart und metallisch aus der Ecke beim Schreibtisch. Tick - tack - ein ganz normaler Wecker zum Aufziehen.
Er schloß die Augen - und schlief ein. Und das war das letzte mal, daß er sich wie ein ganz gewöhnlicher Junge fühlte.
Der Traum
Sobald seine Augen sich geschlossen hatten, verließ er die Welt, die er so gut kannte und wirbelte davon. Er fühlte, wie ihn etwas anzog, ohne daß er wußte, wohin.
Weit weg, in der Ferne, wurde es hell. Er kam mit großer Geschwindigkeit auf das Licht zu, in es hinein und stand dann da - in einer anderen Welt, deren Namen er nicht kannte.
Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel. Als er an sich selbst heruntersah, bemerkte er, daß er immer noch seinen Schlafanzug an hatte.
Er stand auf einem Kiesweg mit einem Graben auf beiden Seiten. Am Rande der Gräben wuchsen die gelbesten Löwenzahnblüten, die er jemals gesehen hatte. Hinter den Gräben war auf der einen Seite ein Feld, auf der anderen Seite ein großer, düsterer Wald.
Über dem Feld sangen die Vögel vom Himmel. Im Wald dagegen war es ganz still.
Er stand etwas da und überlegte, wie er es anstellen sollte, an andere Kleidung zu kommen. Wenn ihn jemand sah, gekleidet mit einem Schlafanzug am helllichten Tag, würde er zum Gespött werden.
"Mach den Weg frei für die königliche Kutsche Ihrer Majestät..." rief eine schrille Stimme hinter ihm.
Er schaffte es gerade noch, sich umzudrehen, die heranbrausenden Pferde zu sehen, und sich aus dem Weg zu werfen -hinunter in den Graben - bevor die Pferde vorbeidonnerten und eine Wolke aus Staub aufwirbelten, die über das Feld fegte.
"Prrr..." rief der Kutscher. Die Pferde wieherten, die Ketten rasselten und die schweren Räder polterten und bremsten.
Jesper lag auf dem Boden des Grabens und starrte erschrocken zurück auf den Weg. Er konnte nicht richtig sehen, weil das Gras ihm die Sicht nahm.
Er kletterte etwas auf die Böschung und bog die Halme zur Seite. Und da, mitten auf dem Kiesweg, hielt eine vergoldete Kutsche mit Holzrädern mit Speichen und acht weißen, schnaubenden Pferden davor gespannt.
Die Pferde schlugen mit den Hufen, sodaß das Zaumzeug rasselte.
Der Kutscher, ein kleiner, dicker Mann mit roten Wangen, zog die Zügel stramm, um sie zum Stehen zu bringen.
Die Kutsche war aus Holz gebaut und so kunstfertig beschnitzt, daß es unmöglich etwas vergleichbares irgendwo anders auf der Welt geben konnte.
Das Dach wurde von zehn geschnitzten, vergoldeten Drachen mit gespaltenen Zungen getragen.
In den Fenstern war richtiges Glas, so fein geputzt, daß man es nur sah, wenn die Sonne in ihm leuchtete.
Ein Gesicht kam in einem Fenster zum Vorschein. Es war eine junge Frau. Sie war sehr hübsch mit tiefblauen Augen und langem, rabenschwarzem Haar. Sie starrte mit Verwunderung in ihrem Blick auf ihn herab. Dann lächelte sie und schob die Tür auf.
"Komm hierher, Junge - und laß mich dich ansehen..."
Jesper fand, sie war so schön, daß ihm ganz schwindelig wurde. Er erhob sich langsam und kletterte das letzte Stück aus dem Graben, bevor er über den Weg ging und vor der Wagentür stehenblieb.
Plötzlich lachte sie und hielt die Hand vor den Mund.
"Warum hast du dieses Zeug an...?" Er sah das Lächeln in ihren Augen, bevor er sich über den Schlafanzug ärgern konnte.
"Das ist mein Schlafanzug..." sagte er und lächelte sie an.
Sie sah mit leicht schrägem Kopf an ihm herunter.
"Was machst du hier draußen...?" fragte sie und machte einen Schmollmund.
"Ich gehe, wohin ich Lust habe.." antwortete Jesper.
"Du bist bestimmt eine schlimme, kleine Rübe..." lachte sie.
Er nahm die Hände an die Hüften und antwortete: "Wenn ich eine Rübe bin, was bist du dann...?"
Drüben vom Hinter Brett der Kutsche sprangen zwei Diener in roten Uniformen auf die Erde.
"Nein, laßt ihn..." rief sie und hob die Hand. Dann sah sie wieder zu ihm.
"Ich bin Prinzessin Isabel vom Abenteuerland..." Sie lachte wieder.
"Lachst du immer, wenn du redest...?" fragte Jesper.
"Nicht immer..." antwortete sie. Ein Schatten glitt über ihr Gesicht, worauf sie über das Feld starrte und schwieg.
"Na, ich muß weiter..." begann Jesper.
Der eine uniformierte Diener stellte sich vor ihn.
"Wenn man mit Prinzessin Isabel von Abenteuerland spricht, dann sagt man Ihre Majestät..." Er war rank und breitschultrig und schaute mit seinen freundlichen, aber bestimmten blauen Augen auf Jesper. Er roch nach Schuhwachs von den langschäftigen Stiefeln und die zwei Reihen blanker Knöpfe glänzten und funkelten auf der Jacke.
"Laß ihn, Rinze..." Sie sprach aus dem Wagen zu ihm.
Er trat zur Seite, worauf sie eine Hand zu Jesper streckte und ihn näher winkte. Er nahm ihre königliche Hand und hüpfte hinauf in die Kutsche.
Die Diener in den roten Jacken gingen um den Wagen und sprangen auf.
"Weiter..." rief Prinzessin Isabel, und der Wagen begann zu rollen.
Das Feld sauste draußen am Fenster vorbei.
"Was für eine Geschwindigkeit..." rief Jesper aus. "Hier ist es auch sehr schön..."
"Hier ist es nett, aber in meinem eigenen Land ist es viel schöner..."
"Bist du auf dem Weg nach Hause, oder was...?"
"Dies ist Niemandsland..." sagte sie und zeigte aus dem Fenster. "Hier kommen alle her, die Lust haben. Nach Abenteuerland kommen nur die, die dort wohnen..."
"Abenteuerland..." murmelte Jesper vor sich hin. "Das klingt nett..."
Sie nickte freundlich und reichte ihm eine Schachtel.
"Isst du Schokolade?"
"Ja, das tat er.“
Er fand nicht, daß es einen Grund gab, bescheiden zu sein. Sie wirkte ja sehr jung, dafür, daß sie eine Erwachsene war. So stopfte er den Mund mit Schokolade voll und steckte auch ein paar Stücke in die Tasche.
"Bist du immer so...?" fragte sie.
"Jah..." murmelte er, während er kaute.
Sie schaute etwas aus dem Fenster, dann wandte sie ihren Blick wieder ihm zu und fragte geradeheraus: " Wo kommst du her...?"
"Åhh..."
Er kratzte sich etwas an der Wange und dachte nach. "Ja also - gerade jetzt träume ich. Aber ich komme aus Dänemark, wie die meisten anderen..."
"Dänemark...?" Sie sah ihn nachdenklich an. "Meinst du, daß du aus der Wirklichen Welt kommst...?"
"Die Wirkliche Welt...?" Er lachte. "Es gibt doch nur eine Welt."
"Da irrst du dich." lächelte sie und lehnte sich gegen ihn.
"Ich werde dir meine Welt zeigen - die Abenteuerwelt. Vielleicht kann ich auch einmal die Hilfe von so einem niedlichen, jungen Kavalier, wie dir, gebrauchen, wer weiß."
"Du bist doch Prinzessin." sagte er und schluckte den letzten Klumpen Schokolade hinunter. "Du kannst doch unmöglich irgendwelche Probleme haben?"
"Ich wünschte es wäre so schön," seufzte sie.
"Lächel jetzt." sagte Jesper und lutschte seinen Daumen von der Schokolade sauber. "Man wird häßlich, wenn man sich Sorgen macht, das sagt meine Mutter jedes Mal, wenn mein Vater Rechnungen bezahlen soll."
"Meinetwegen" antwortete sie und lächelte wie vorher.
Der Wagen rollte vom Kiesweg. Das Poltern wurde von einem gleichlautenden Ton der Räder abgelöst.
"Dann sind wir bald da," sagte sie und lehnte sich gegen das Fenster.
Er folgte der Richtung ihres Blickes. Draußen war alles verändert. Sie donnerten dahin über eine glatte, blanke Spiegelfläche.
Jesper schaute hinunter in die spiegelnde Ebene. Er meinte sicher, daß er zwei weiße Schwäne sah, wie ein erstarrtes Bild in einem Spiegel.
"Nun kommen wir zu den Toren," sagte sie. "In wenigen Augenblicken sind wir in meinem Land." Jesper rückte auf dem gepolsterten Sitz und drückte die Nase an der Scheibe platt.
Vor der Kutsche tauchte eine riesige Mauer auf. Je näher sie kamen, je höher türmte sie sich gegen den Himmel. Mitten in der Mauer war ein sehr hohes, breites, doppeltgeflügeltes Tor. Das Tor war aus Metall mit großen Bolzen rund herum an den Seiten. Als die Kutsche sich näherte, schwangen die schweren Tore auf. Hinter dem Tor standen zwei Reihen rotgekleidete Soldaten mit Trompeten und bliesen eine Fanfare, während sie hindurchfuhren.
Die Kutsche sauste ins Abenteuerland. Die Trompeter bliesen und das Tor schloß sich hinter ihnen.
Es ging über Stock und Stein, durch malerische Wälder und Täler, auf das weiße Schloß auf dem Gipfel eines Berges zu. Durch die blanken Fensterscheiben sah Jesper eine wunderliche Welt vorbeirollen. Dörfer mit Leuten, die er meinte, zu kennen. Leute aus seiner Phantasie und Leute, von denen er in den Abenteuern gehört hatte, die er vorgelesen bekommen hatte, schon seit er ganz klein war.
Draußen auf einer Ebene lief ein Mann sieben Meilen bei jedem Schritt, den er machte. Nach drei Schritten holte er sie ein, ging an ihnen vorbei und verschwand vor ihnen.
Und das, trotz der acht Pferde, die in schnellem Galopp vorandonnerten, sodaß die Kutsche schaukelte und auf dem Weg hin und her tanzte.
Ritter in glänzenden Rüstungen mit farbenprächtigen Wimpeln, die von ihren Lanzen wehten, waren auf dem Weg über die Ebene, auf der Jagd nach Drachen, die es in fast allen Abenteuern gibt, die aufgeschrieben worden sind.
Jesper sog alles in sich ein, so gut er konnte, aber es geschah zuviel, als daß er es schaffen konnte, alles zu sehen.
Die ganze Zeit beobachtete sie ihn, ohne daß er es bemerkte.
"Was ist das?" flüsterte er und zeigte. Sie polterten durch einen tiefen, dunklen Wald.
"Das ist ein aus allerlei leckeren Sachen gebautes Haus..." lachte sie. "Du mußt davon gehört haben - das Knusperhäuschen?"
Jesper nickte.
"Willst du probieren?" fragte sie.
"Nein, danke," Jesper schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich an die Hexe, die Kinder im Ofen briet und verlor die Lust auf Pfefferkuchen.
"Je weiter wir hineinkommen," sagte sie. "Je merkwürdiger wird dir diese Welt noch vorkommen. Weil sie weniger und weniger der Welt gleicht, aus der du selbst kommst."
Er lächelte, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. "Ja, das glaub ich auch..."
Sie fuhren über eine Brücke aus Zucker. Ein großes Schwein trollte am Ufer eines Limonadenbaches entlang. Es war aus Marzipan und hatte ein Messer und eine Gabel tief im Rücken stecken.
"Magst du Marzipan?" fragte sie freundlich.
"Jahh..." seufzte Jesper. "Aber nicht jetzt. Ich muß mich erst an all das hier gewöhnen."
"Du mußt andere Kleidung haben," sagte sie säuerlich.
Er nickte wieder. Allerdings, das gefiel ihm auch nicht.
Sie rollten über eine Brücke zu dem weißen Schloß. Die Hufe donnerten auf den Steinen, hinein durch ein Tor.
Die Kutsche hielt im Hof des Schlosses an. Rundherum ragten weiße Türme mit den Spitzen gegen den Himmel.
"Wahnsinn..." dachte Jesper, der nie etwas dem gleichendes gesehen hatte. Das war schon etwas anderes, als Schloß Sorgenfrei, zuhause, wo er herkam.
"Wie mußt du glücklich sein," sagte sie, gerade als sie dabei war , auszusteigen. Sie drehte sich um und warf ihm einen langen, freundlichen Blick zu. "So in einer wirklichen Welt zu leben, ganz ohne Sorgen und Nöte..."
"Ich habe eigentlich Probleme genug," antwortete Jesper. "Frag nur meine Eltern."
Sie stieg hinunter mit Hilfe des Dieners in der roten Uniform.
"Danke, Rinze..." murmelte sie.
"Ihre Majestät, sie sind allzu freundlich." murmelte er und ließ ihre Hand los.
Dann drehte sie sich um. "Wie sind sie - deine Eltern?"
"Meine Mutter ist nett," sagte er. "Mein Vater ist Computer-freak, er ist etwas merkwürdig."
"Computer...?" sagte sie und studierte ihn eine lange Sekunde. Dann streckte sie die Hand vor. "Komm, nun sollst du mit hinein und sehen, wie ich wohne."
Sie führte ihn eine sehr, sehr breite Treppe hinauf. Sie war aus dem weißesten Marmor, und er sah, daß ihre Schuhe aus Glas waren.
Den ganzen langen Tag zeigte sie ihm die Abenteuerwelt. Er traf die Erinnerungen seiner Kindheit wieder, spaßige, unheimliche, phantastische...
Trotzdem wirkte sie besorgt.
"Bald mußt du zurück in deine eigene Welt..." sagte sie leise." Du darfst nicht mehr in meinem Reich sein, wenn die Zeit gekommen ist. Du mußt dafür sorgen, daß du im Niemandsland bist - das ist wichtig. Vergißt du es, kann es dir schaden."
Sie stand vor ihm, schön und unwirklich.
Der Boden in dem großen, hellen Saal hatte ein Schachbrettmuster. Die Schachfiguren, größer als er selbst, standen und warteten im Licht der Kronleuchter.
Von den dicklichen Türmen, den Bauern mit den Sensen über den Schultern, den Springern bis zu den Pferden.
"Hast du Lust zu spielen?" fragte sie.
"Nicht gerade jetzt," antwortete Jesper und kratzte sich an der Nase.
"Was ist es, daß dich traurig macht?"
Bevor sie antworten konnte, kam die schönste, kleine Melodie durch die offenstehende, französische Tür. Sie wallte durch die Luft, sanft und behutsam, und brachte das Lächeln zurück in ihre Augen. Die Schachfiguren standen da und lauschten mit.
Sie warf Jesper ein kleines Lächeln zu und ging auf den Balkon hinaus. Er schlich ihr nach, kauerte sich bei einer Reihe Säulen zusammen und schaute hinunter.
In der Dunkelheit, unten im Blumenbeet im Park, stand ein junger Mann - mit dem Blick auf den Balkon gewandt - und spielte auf einer Laute. Seine Finger spielten leicht über die Saiten, und Töne, so fein, wie klares Kristall, erfüllten die Luft. Hinter ihm stand ein stattliches Pferd und starrte leer in die Dunkelheit.
Er sang so schön für sie, daß Jesper wußte, daß er sie liebte, obwohl die Worte nicht zu verstehen waren.
Prinzessin Isabel schaute mit einem glühenden Blick zu ihm hinunter. Sie liebte ihn auch, das war für jeden deutlich. Sie pflückte eine Rose, die aus dem Balkonkasten am Geländer hing, und warf sie zu ihm hinunter.
Einen Augenblick verstummte die Melodie, während er sie aufsammelte. Dann steckte er sie in ein Knopfloch auf seiner Brust und spielte weiter.
Er spielte noch schöner als vorher. Er lächelte und starrte ihr von da unten tief in die Augen.
Jesper fühlte sich vollkommen überflüßig.
Das Pferd mußte dasselbe fühlen wie er, denn es drehte den Kopf weg und wieherte ganz leise. Dann passierte es.
Das Tor zum Park wurde brutal aufgestoßen und Soldaten in farbenprächtigen Uniformen stürmten in schnurgeraden Reihen herein.
Als erstes ein Leutnant mit goldenen Bändern und Orden -und gezogenem Säbel. Es war die Abenteuergarde, ein Heer, das auf Abenteuerland, den König und die Königin und Prinzessin Isabel aufpasste.
"Nehmt ihn fest..." ertönte das Kommando.
Die Soldaten liefen im Takt voran, mit Bajonetten auf den Gewehren.
Der junge Mann, der für die Prinzessin spielte, lachte und gab ihr einen Handkuß, bevor er die Laute über die Schulter schwang und auf das Pferd sprang. Das wieherte und bäumte sich auf. Jesper hielt den Atem an.
Die Soldaten kamen näher.
Er griff die Laute, schlug die Saiten an, spornte das Pferd und galoppierte direkt auf die hohe Mauer zu, die den Park umgab.
Das Pferd trippelte, setzte ab und sprang.
Prinzessin Isabel sah zu und unterdrückte einen kleinen, erschreckten Seufzer.
Er segelte über die Mauer, getragen von dem Pferd und der lieblichen, kleinen Melodie zusammen. Aber sobald er darüber hinweg und nicht länger zu sehen war, strömte die kleine Melodie über das Abenteuerland und erfüllte die, die dort lebten mit der Hoffnung, daß sie einander eines Tages bekommen würden. Denn Verlobte, das waren sie. Und sie liebten einander so innig, Prinzessin Isabel von Abenteuerland und Prinz Dur von Symphonien.
Die Soldaten blieben stehen und entspannten sich.
Der Leutnant marschierte herüber und stellte sich unter den Balkon. Er wandte den Blick nach oben und sah Prinzessin Isabel ehrerbietig an.
"Mit Eurer Majestät Erlaubnis, werde ich mich zurückziehen?"
Sie nickte.
"Erlaubt mir, vorzubringen, daß ich gezwungen bin, dem König zu melden, daß wir einen Fremden vertrieben haben, der nach dem Gesetz nicht die Erlaubnis hatte im Schloßgarten zu..."
"Wen wollen sie melden, den sie gesehen haben...?" fragte sie nervös.
Er stand etwas und dachte nach. Von weit weg drang die Musik der Laute über die Mauer.
"Gestattet mir," sagte der Leutnant feierlich. "Ich kann niemanden bestimmtes melden, denn ich sah das Gesicht des Betreffenden nicht in der Dunkelheit..."
Prinzessin Isabel lächelte erleichtert und bedankte sich.
Der Leutnant verbeugte sich und schob den Säbel in die Scheide.
Aber gerade als er sich umdrehte und den Soldaten das Kommando gab durch das Tor zu gehen, warf er ihr denselben Blick zu wie der Musikant. Auch er liebte die Prinzessin, aber er respektierte, daß sie gewählt hatte, ihr Herz einem anderen zu schenken, denn er war ein echter Leutnant.
"Die Nacht bei dir zu Hause ist bald vorbei," sagte Prinzessin Isabel.
Sie ging vor ihm durch den Saal mit dem glänzenden, wie ein Schachbrett gemusterten Boden.
Jesper folgte ihr halb rennend, weil sie so große Schritte machte, daß er ihr kaum nach kam.
Die Spiegel an den Wänden tratschten. Jedes Mal, wenn er sich selbst sah, dachte er daran, wie hübsch er war. Ein richtiger Kavalier in einem Hemd mit Rüschen am Hals und einem richtigen Kavaliersfrack mit Schößen und Spangen.
Die braunen Hosen steckten in langschäftigen Stiefeln und einen Säbel hatte er, obwohl er kleiner war, als die der Soldaten. Draußen auf der Marmortreppe blieb sie stehen und schaute sich im Schloßgarten um.
"Du mußt dich beeilen, von hier wegzukommen," sagte sie. Ihr Blick streifte die Turmuhr.
"Beim zwölften Schlag MUSST du im Niemandsland sein. Versprich mir, das nie zu vergessen."
Er starrte auf die Uhr. "Warum...?"
Sie schaute zu ihm herunter. "Weil du sonst nie wieder in deine eigene Welt zurück kannst. So ist es eben..."
Sie seufzte. "Es nützt nichts, daß du mich fragst warum, denn ich weiß es nicht."
Jesper streifte den Hut mit der Feder vom Kopf und drückte ihn an seine Brust, wie er gesehen hatte, daß man das hier machte. Dann verbeugte er sich und hielt die linke Hand am Säbelschaft.
"Wie Ihre Majestät befehlen." sagte er wichtig.
"Du bist gelehrig," lachte sie. "Du kleiner Lümmel."
Sie drehte sich zum Schloßplatz, pfiff in die Dunkelheit und stellte sich hin, um zu warten.
Drüben im fernsten Winkel polterte ein Tor auf. Das Licht aus einem Stall überflutete die Pflastersteine und die Kutsche mit den acht weißen Pferden brauste auf die Treppe zu. Sie hielt am Fuß der Stufen und eine Tür sprang auf.
"Kommst du eines Tages wieder?" fragte sie.
Jesper sah sie an. "Sobald ich kann..." versprach er.
"Das habe ich gehofft," lächelte Prinzessin Isabel und schob ihn die Treppe hinunter auf die offene Wagentür zu.
Gerade als er einstieg und die Tür zufiel, schlug die Turmuhr das erste Mal. Die Pferde wieherten und die Räder begannen zu rollen.
"Warum ist hier kein Kutscher...?"
"Das ist nicht notwendig," rief sie zurück. Mehr konnte er nicht hören, weil die Räder auf den Pflastersteinen donnerten und der Lärm ihre Worte verschluckte.
Die Pferde steigerten das Tempo, schneller und schneller. Hinaus durch die Tore vorm Schloß und über die Zuckerbrücke. Hinter ihnen dröhnte die Turmuhr ihre Schläge über das Land. Zwei.... Drei.... Vier....
Er fühlte, wie sie voranjagten. Sie wollten, daß er es schaffte.
Das Pfefferkuchenhaus sauste in der Dunkelheit vorbei. Die Hexe stand am Fenster und betrachtete ein kleines Mädchen, das Brennholz für den Ofen sammelte. Er sah sie wie in einem Blitz, dann waren sie vorbei und donnerten weiter.
Ein Drache spie Feuer auf der Ebene, während die Uhr das fünftemal schlug.
Als die Turmuhr das achtemal läutete, verlangsamten die Pferde ihre Geschwindigkeit und blieben stehen.
Die Kutsche hielt bei den zwei offenen Torflügeln, die aus Abenteuerland hinausführten.
Die Diener und die Soldaten in den roten Uniformen waren nicht mehr da. Das Tor war gerade noch so weit offen, daß die Pferde hindurchpassten. Aber auf dem Weg vor der Kutsche stand eine große Männergestalt und versperrte ihnen den Weg.
Er war in einen schwarzen Mantel mit einer Kapuze über dem Kopf gehüllt. Das Gesicht war im Schatten der Kapuze versteckt, nur die Nase und das äußerste vom Kinn glänzten weiß im Mondlicht.
Jesper schaute verstohlen aus dem Fenster. Die Pferde standen unruhig da und stampften mit den Hufen auf dem steinigen Weg. Sie waren feucht von Schweiß und schlugen ungeduldig mit den beschlagenen Füßen.
Die große Gestalt ging schnell um die Kutsche herum zur Tür und öffnete sie. Augen schauten Jesper an, wie zwei blaue Kugeln aus der Dunkelheit unter der Kopfbedeckung.
Er machte eine Gebärde, als wollte er einsteigen, aber die Pferde sprangen vor.
Die Tür knallte auf seine Finger, sodaß er den Halt verlor und unter dem Fenster verschwand, während der Wagen weiterrollte - hinaus durch das Tor und über die spiegelnde Fläche.
"Ich möchte wissen, wer das wohl war?" dachte Jesper und fand ein Stück Schokolade, an dem Fusseln aus seiner Tasche klebten.
Die Turmuhr schlug den elften Schlag in Abenteuerland. Die Pferde hielten ihren wilden Wettlauf zur rechten Zeit an und die Kutsche stand.
Staub wehte vorbei, während er die Tür öffnete und hinuntersprang.
Der Säbel klirrte gegen die Stufen, dann stand er da und starrte in der Dunkelheit herum. Die Pferde setzten sich in Bewegung, drehten um und die goldene Kutsche verschwand in der Nacht.
Die Tür klapperte auf und zu, während sie davonstürmten mit dem Geräusch der polternden Räder.
Dann war er alleine.
Von weit weg drang das Geräusch der Fahrt der Räder über die Spiegelfläche zurück zu ihm. Und einen Augenblick später das Poltern des Tores von Abenteuerland, das zuschlug.
"Vielen Dank," dachte Jesper. "Es gibt keinen, der mir das glaubt, wenn ich es erzähle."
Dann fühlte er ein merkwürdiges Rieseln in seinem müden Körper. Er setzte sich ins Gras neben den Graben und rieb sich die Augen.
Nicht ein Laut störte ihn. Es gab nur das sachte Wispern des Windes in den Baumkronen auf der anderen Seite des Weges.
Er legte sich auf den Rücken und faltete die Hände unter dem Nacken. Und so, ganz unmerklich, schlich sich der Schlaf in ihn. Er schloß die Augen und begann wieder die lange Reise zurück in die Wirklichkeit.
Er sauste durch die Dunkelheit mit den Tönen der abenteuerlichen Laute im Schloßpark - weit, weit, weg...
Wieder zu Hause
"Was in aller Welt..."
Das war die Stimme seiner Mutter. Die brachte ihn jeden Morgen zurück in die Wirklichkeit. Die - und dann der Duft von geröstetem Brot mit Hagebuttenmarmelade, der von unten aus der Küche nach oben in sein Zimmer drang.
Der Rasierapparat seines Vaters summte irgendwo, heftig und mühsam.
"Du bist auch noch dran," sagte sein Vater oft. Aber noch hatte sich nicht die kleinste Andeutung von Flaum an irgendeiner Stelle gezeigt.
Die Mutter schüttelte seinen Arm.
"Was ist das für eine Montur?" sie zog ihm die Decke weg und seufzte. Er schlug die Augen auf und versuchte, sich zu erinnern, wo er war.
"Und Stiefel hast du im Bett an..." kreischte sie.
Der Säbel steckte unter der Decke heraus.
Seine Mutter stand über ihn gebeugt mit den Händen in der Seite.
"Wo hast du das Zeug her, Jesper?"
"Ich hab es von Henrik geliehen," log er und lächelte unschuldig.
"Mußt du unbedingt damit schlafen?"
"Ich habe Kopfschmerzen..." sagte er.
"Aufgestanden und in die Schule, junger Mann," seine Mutter sah sich um. "Und wo ist dein Schlafanzug?"
"Im Wäschekorb," log er. "Gibt es Frühstück?"
"Oh Gott - das Brot..." rief seine Mutter und stürzte zur Tür hinaus.
Der Rasierapparat summte wieder - sie hatten es vergessen. Aber in Zukunft mußte er besser aufpassen.
Dann stand er auf, zog sein Zeug an, aß Frühstück und ging zur Schule.
Den ganzen langen Tag war er ziemlich geistesabwesend.
Aber in einer dänischen Gemeindeschule sind ja so viele geistesabwesende Kinder, daß es wirklich keinen gab, der es bemerkte. Oder richtiger - nur einen, und das war Henrik.
"Warum bist du so merkwürdig?" fragte er und sah ihn über den Rand seiner Brille an. Das war in der Frühstückspause, Jespers Schokoladenbrot lag unangerührt in seiner Essensdose.
"Willst du es haben, ich krieg es nicht runter?"
"Was ist mit dir?" fragte Henrik wieder.
Jesper lehnte sich zu ihm und flüsterte: "Ich müßte jetzt von Schokolade kotzen. Die ganze Nacht habe ich Schokolade gegessen, nun mag ich keine mehr anrühren."
Henrik zuckte mit den Schultern, nahm das Schokoladenbrot und stopfte es in sich hinein.
Jesper hatte so viele fixe Ideen, man mußte sich nur ranhalten, wenn etwas abfiel.
Der Rest des Tages schleppte sich dahin, wie immer.
Um acht Uhr den Abend saß Jesper in Gedanken vertieft vor dem Computerbildschirm seines Vaters am Schreibtisch und spielte Half Life. Er bediente die Tastatur mit überlegener Leichtigkeit. Denn er war besessen auf Computerspiele, Abenteuer, - und Camilla in 4. C.
Sein Vater machte die Programme für all diese merkwürdigen Spiele, und Jesper probierte sie aus. So ging es eine Zeit lang.
Sein Vater sagte, daß er ein Versuchskaninchen war.
Jesper betrachtete sich selbst auf eine mehr heldenhafte Art.
Er kämpfte sich durch das Weltraumspiel und die Lazer-strahlen und wenn er starb hatte er doch einige Male einen Rekord aufgestellt und konnte seinen Namen auf den Bildschirm schreiben.
Er starb so unmerklich und lebte mit einem Knopfdruck weiter. Das war leicht - keine Hexerei.
Es waren jetzt acht Half Life Männer hinter ihm her. Nun mußte er zeigen, wozu er taugte.
Seine Mutter wurde aufmerksam auf ihn, jetzt, wo die Schrecken der Fernsehnachrichten überstanden waren.
"Du siehst müde aus, du solltest lieber ins Bett gehen, damit du frisch für morgen bist."
Jesper nickte, sagte gute Nacht und ging ohne Proteste nach oben ins Bett.
Die Half Life Männer fingen ihn und fraßen ihn, bevor er die Treppe erreichte.
Die Eltern saßen schweigend da und sahen einander an. "Glaubst du, er ist krank?" fragte sein Vater.
"Wir sollten lieber ein Auge auf ihn haben," antwortete seine Mutter. "Jungen in diesem Alter stecken voller Überraschungen."
Das war nämlich das erste Mal, daß Jesper Aksel Bergmann jemals ohne Kampf zu Bett gegangen war.
Bevor er unter die Decke hüpfte, zog er sich das Zeug an, das Prinzessin Isabel von Abenteuerland ihm gegeben hatte. Er hielt den Hut mit der buschigen Feder an seine Brust und hoffte, daß es genauso kommen würde, wie letzte Nacht.
Er wirbelte durch die Dunkelheit. Dann lag er dort wieder - im Graben und blinzelte mit den Augen in den klaren Sonnenschein. Ob es in dieser Traumwelt hier nie regnete?
Am Waldrand stand ein Pferd an einem der Bäume festgebunden. Ein großes, weißes Pferd mit schwarzen Augen und einem langen, dicken, weißen Schwanz. Seine Mähne war zu vielen kleinen Zöpfen geflochten, die in Büscheln unten am Hals endeten.
Auf seinem Rücken war ein Sattel mit einer Hinterkante aus Holz - geschnitzt wie Drachen mit goldenen Zungen. Und die Zügel waren ein Band in kräftigen Farben, festgemacht um den Sattelknauf.
Als er über den Kiesweg ging, drehte das Pferd den Kopf und sah ihn an.
Es wirkte fast stumpfsinnig, sah ihn und sah ihn doch nicht. Aber es wartete geduldig.
Er war gezwungen auf den Baum zu klettern, zwei Äste hoch, um von da aus auf den Sattel zu springen. Die Steigbügel mußte er bis zum obersten Loch der Riemen verkürzen, so, wie er es mal in einem Film gesehen hatte. Dann war er fertig, um davon-zureiten.
Das Pferd schritt fort, schaukelte in großer Höhe unter ihm. Es sah sich um, um zu sehen, ob er ängstlich war. Es schien ihm, als wäre er es nicht, worauf es in Galopp überging. Er ließ Zügel sein und klammerte sich an den Sattelknauf, so fest er konnte. Das war das Schwierigste, was er jemals versucht hatte - auf einem Pferd zu reiten, das 40- bis 50-mal zu groß für ihn war.
Sie donnerten dahin über die Spiegelfläche - zur Mauer mit dem riesigen Tor.
Es war geschlossen. Das Pferd blieb stehen und stierte herum. Er mußte sich etwas einfallen lassen, das Pferd wirkte nicht sehr schlau.
Er ritt ganz nah zum Tor und klopfte mit den Handknöcheln dagegen.
Das Klopfen war kaum zu hören. Aber sobald das erste Pochen ertönt war, öffnete es sich mit einem tiefen Jaulen, sodaß er hindurchreiten konnte.
Die Soldaten standen innen davor mit Gewehren, Bärenfellmützen und glänzenden, schwarzen Stiefeln. Sie präsentierten die Gewehre als er vorbeiritt, aber sie lächelten nicht oder riefen: "Tag, Jesper Aksel Bergmann, willkommen in Abenteuerland..." oder so etwas ähnliches - vielleicht phantasievolleres. Sie standen - steif wie Säulen - und folgten ihm mit den Augen.
Er nickte, wie ein heimkommender Feldherr es getan hätte, und spornte sein weißes Roß an.
Das setzte sich sofort in Galopp und er hatte genug damit zu tun, sich festzuhalten. Der Wind blies ihm seinen Hut mit der Feder in den Nacken, aber das bedeutete nicht so viel.
Er sah sich neugierig um, während er ritt.
Es kam ihm vor, als würde er alles schon kennen, obwohl er erst das zweite Mal hier war.
Die Neugierde trieb ihn dazu, am Zügel zu ziehen. Das Pferd wandte sich nach rechts, hinein in den Wald.
Die Bäume glichen nicht denen zu Hause. Nicht sehr viel. Denn die Stämme waren sehr viel dicker und hatten schwere, verkrüppelte Äste.
Das Pferd verlangsamte die Bewegungen und sah sich um. Seine Ohren drehten sich auf seinem Kopf und lauschten nach dem einen oder anderen. Es war sich hier nicht sicher, vielleicht hätte es gar nicht in den Wald laufen sollen.
"Na, Mist," dachte Jesper. "Ich habe den Säbel mit, und außerdem ist es hier so still..."
Das Licht verschwand, die Bäume standen dicht und der Waldboden lag im Halbdunkel. Als er horchte, konnten beide, er und das Pferd, hören, daß sie nicht allein im Wald waren.
Sir Gawain
Da war ein anderer Ritter. Einer, der durch die Schatten auf sie zukam.
"Prrrr.." flüsterte Jesper. Das weiße Pferd blieb stehen, noch bevor er an den Zügeln gezogen hatte. Und dann warteten sie. Jesper fror. Er hatte eine Gänsehaut auf den Armen und den Beinen in der eleganten Hose. Er setzte den Hut auf seinen Platz und hielt den Atem an.
"Es ist nur ein Abenteuer..." dachte er. "Keine Spur gefährlich."
Die Geräusche nahmen langsam zu. Es war ein Pferd, da war er sich ganz sicher. Es trabte auf sie zu und es rasselte und klirrte bei jedem Schritt, den es machte.
Dann tauchte es zwischen den Stämmen auf, ein Stückchen weiter weg.
Ein schwarzes Pferd mit einem weißen Fleck auf dem einen Vorderbein, gerade über dem Huf. Es hatte eine dicke, wattierte Decke mit großen Schnallen übergeworfen. Auf dem Kopf hatte es ebenfalls eine Kappe aus demselben Stoff, aber es waren Löcher für die Augen herausgeschnitten, damit es sehen konnte, wohin es seine Hufe setzte.
Auf seinem Rücken saß ein Ritter in glänzender Rüstung. Das Visier war hochgeklappt und er sah Jesper und das weiße Pferd mit allen Zeichen der Verwunderung an.
Ein Schild war an seinem Sattelknauf festgemacht und an der Seite des Pferdes hing sein langes Schwert in einer Scheide. Er hielt die Zügel nur mit der linken Hand, denn in der rechten hielt er eine Lanze mit kleinen Wimpeln an der Spitze.
"Danke, Schiefbein..." dachte Jesper und rieb sich die Augen. Er dachte flüchtig daran, den Säbel zu ziehen, aber wurde sich mit sich selbst schnell einig, daß es nicht so schneidig wäre.
Der Ritter hielt vor ihm an und sah erst ihn und dann das weiße Pferd und dann wieder ihn an. In seinen ernsten, blauen Augen erkannte Jesper die Entschlossenheit und Stärke, die einen Ritter zu einem Ritter machten. "Du versperrst den Weg..." polterte er.
Seine rauhe Stimme klang wie eine Säge mit der ein knorriger Baumstamm gerade gesägt wird.
"Das mußt du vielmals entschuldigen," sagte Jesper. In Wirklichkeit war er fast wie erstarrt vor Schreck.
Er versuchte, das weiße Pferd zwischen die Bäume zu treiben, sodaß der Ritter passieren konnte, aber es war weder hin noch her zu bewegen. Es blieb einfach stehen, ohne daran zu denken, an was es schuld sein könnte.
Der Ritter sagte nichts, aber wartete, während Jesper sich mit seinem Pferd abrackerte.
"Es ist ein bißchen dumm..." sagte Jesper und nickte zum Nacken seines Pferdes hinunter. Dann kam ihm ein Gedanke. Er mußte Zeit gewinnen, bevor es allzu peinlich wurde.
"Hast du keinen Knappen?"
Das Visier fiel mit einem lauten Klacken hinunter und der Ritter schob es irritiert wieder hoch mit einer Hand, die in einem stählernen Handschuh steckte.
"Nicht mehr..." antwortete er mit tiefer Stimme. "Ich hatte bis gestern..."
"Was...?" fragte Jesper und trat die Hacken in die Seiten des Pferdes. Es bewegte sich immer noch nicht.
"Grunga nahm ihn..." antwortete der Ritter. "Grunga - der Drache..."
"So ein Mist," entfuhr es Jespers Mund.
"Hmm..." murmelte der Ritter. "Ist das ein Pferd vom Schloß?"
Jesper nickte. "Das glaub ich. Es ist wohl Prinzessin Isabels. Ich bin nicht ganz sicher. Es stand da und wartete auf mich, als ich kam."
"Ich werde Gnade vor Recht ergehen lassen, dieses Mal," brummte der eiserne Mann. "Ich bin auf dem Weg, Grunga zu töten, ich habe keine Zeit, mich mit Bagatellen aufzuhalten. Im Übrigen läßt ein wahrer Ritter seinen Zorn nicht an Kindern aus."
"Das ist bestens.." sagte Jesper. Und das stimmte nur zu gut. Der Ritter zog an den Zügeln und ritt außenherum, vorbei, zwischen den Bäumen.
Dann blieb er stehen und schaute zurück.
"Du solltest hier nicht alleine reiten," brummte er. "Nur, weil ich es, ohne mich zu fürchten, tun kann, bedeutet das nicht, daß du es auch kannst. Es sind Orks im Wald..."
"Ich habe das hier..." sagte Jesper und hob seinen Säbel in die Äste.
Der Ritter nickte barsch. "Wir werden alle eines Tages von unserem Schicksal eingeholt." Dann drehte er sich um, spornte sein gepolstertes Pferd und ritt polternd zwischen den Bäumen davon.
"Wie heißt du, Herr Ritter?" rief Jesper.
"Sir Gawain..." antwortete er dann und donnerte durch den Wald.
Als er weg war, hing nur das Donnern des Pferdes noch lange in der Luft.
Nun, endlich, setzte sein eigenes Pferd sich in Bewegung.
Idiot, dachte Jesper.
Er kam auf eine Lichtung, wo die Sonne ihre klaren Strahlen durch die dichten Kronen der Bäume warf. Breite Bündel aus Licht standen wie schräge Säulen gegen die schwarzen Baumwipfel.
Es war still und friedlich. Er hielt das Pferd an und genoß den Frieden und das sachte Gluckern eines Baches, der sich auf dem Waldboden dahinwand.
Hier konnte doch nichts Schlimmes passieren...
Der Schwarze Sigurd
Ein großer blauschwarzer Rabe beobachtete ihn aus einiger Entfernung.
Er saß versteckt zwischen Blättern, ganz mäuschenstill. Als er sich sicher fühlte, daß er kein Jäger war, flatterte er zu ihm hinunter und setzte sich auf einen Baumstumpf.
Von da aus schaute er ihn wieder mit leicht schrägem Kopf an. "Was bist du denn für eine schlimme, kleine Rübe...?" krächzte er.
Jesper stutzte.
Einen Vogel seinesgleichen hatte er noch nie vorher gesehen.
"Ich heiße Jesper. Wer bist du?"
"Der Schwarze Sigurd," krächzte er und schob die Brust vor. "Hast du etwas Feines in den Taschen?"
Jesper wühlte nach, aber die Taschen waren leer. Nicht mal so viel wie eine Brotkrume war darin.
"Nee," er schüttelte bedauernd den Kopf. "Bist du hungrig?"
"Ach, kleine Leckereien kann man doch immer noch schaffen," antwortete der Schwarze Sigurd. "Aber du hast etwas anderes, was mich mindestens ebenso froh machen würde." Er starrte mit festen Augen auf Jespers Brust.
"Wenn du mich beißt, dann benutze ich den Säbel," warnte Jesper.
"Nein, nein, nein," krächzte der Rabe ungeduldig. Dann breitete er die Flügel aus, flog hoch und setzte sich auf den Sattelknauf.
Er war groß, als er so dicht vor ihm saß. Er verschlang ihn mit seinen schwarzen Augen.
"WUNderschön..." murmelte er hingerissen und klapperte mit dem Schnabel.
Jesper bereute nach und nach, daß er nicht dem Ritter aus dem Wald hinaus gefolgt war.
"Dein Knopf..." krächzte der Schwarze Sigurd. "Dein glänzender und ganz und gar ungewöhnlicher, unwiderstehlicher Knopf."
Auf Jespers Brust, dort wo die Schärpe über seinem Herz verlief, leuchtete eine große, goldene Spange. Mitten auf der Spange saß ein Edelstein, so rot wie die rotesten Erdbeeren.
"Magst du ihn leiden?" fragte Jesper.
"Wir Raben sind ganz wild nach glänzenden, goldenen Knöpfen mit roten Edelsteinen in der Mitte," krächzte der Schwarze Sigurd, sodaß der ganze Wald es hören können mußte. Dann sah er ihn mit einem einschmeichelnden Bick an.
"Kann ich ihn haben...?"
"Was bekomme ich als Gegenleistung...?" fragte Jesper.
"Öh..." der Schwarze Sigurd sah sich verwirrt um. "Mmm, ..." Er grübelte und grübelte, zuerst fiel ihm aber nichts ein. Dann hatte er eine gute Idee, setzte ab, und flog zwischen den Bäumen davon.
Einen Augenblick später drehte er um mit einem Regenwurm. Er landete auf dem Sattelknauf und ließ den Wurm in Jespers Schoß fallen. "Hier, gerade etwas für ein Leckermaul, wie dich..."
"Bähh," sagte Jesper und schmiß den Wurm auf den Waldboden.
"Du kannst meinen Schmuck nicht für einen erbärmlichen Wurm bekommen - du mußt schon etwas Besseres finden. Ich muß jetzt auch weiter. Ich muß aufs Schloß und mit Prinzessin Isabel Tee trinken."
"Aufs Schloß...?" murmelte der Schwarze Sigurd ärgerlich. Was konnte er jemandem anbieten, der zum Tee aufs Schloß sollte?
"Ich kann dir DOS zeigen..." flüsterte er dann, und sah sehr bedeutsam aus. Aber Jesper wußte nicht, was DOS war.
"DOS - das ist das dritte Land," sprach der Schwarze Sigurd schleppend.
"Das Land, wo sie nichts fühlen, nichts essen, niemanden lieben..."
"Wo ist es?" fragte Jesper.
"Erst den Knopf, Kleiner. Dann reden wie über das Geschäft." Er starrte auf die glänzende Brosche und hatte einen stumpfen, wie hypnotisierten Blick in den Augen.
Jesper legte die Hand über die Brosche, sodaß der Schwarze Sigurd sie nicht sehen konnte.
"Was ist das, mit diesem DOS?" fragte er dann.
"Es wächst..." flüsterte der Schwarze Sigurd. "Dort sind Ritter, die Sir Gawain aus Abenteuerland wie eine alte Konservendose erscheinen lassen. Dort sind Ritter, die Grunga töten können - den Drachen..."
"Warum tun sie es dann nicht?"
"Ach, was du die ganze Zeit fragst," antwortete der Schwarze Sigurd rauh. "Keine Ahnung. Und jetzt den Knopf...?"
"Erst später..." sagte Jesper. "Ich verspreche dir, daß, wenn du mir dieses DOS zeigst, dann wirst du ihn bekommen, später..."
Der Schwarze Sigurd saß auf dem Sattelknauf mit einem ausgelassenen Ausdruck auf seiner Vogelfratze.
"Reit nur weiter, Kleiner. Du hast einen Freund fürs Leben gefunden."
"Sehr gut..." sagte Jesper. "So etwas findet man nicht jeden Tag. Zeig mir nun, wie ich nach DOS komme..."
"Mir nach, Kleiner," krächzte der Schwarze Sigurd, setzte ab und flog in den Wald hinein. Jesper spornte das Pferd und folgte ihm.
DOS
Sie kamen an eine Mauer - mitten im Wald. Die Bäume standen dicht, und sie mußten sich um sie herumschlängeln.
Der Schwarze Sigurd zuerst und Jesper auf dem Pferd hinterher.
Dann krächzte der Rabe plötzlich eine heisere Warnung - und da stand sie. Eine dicke, schwere Mauer aus Stein. So hoch, daß die höchste Stelle in den Baumkronen versteckt lag. Alt war sie und gezeichnet von Wind und Wetter.
Es wuchs Moos in den Fugen, und Schlingpflanzen wanden sich hoch zu den Baumkronen, während sie ihre Wurzeln zwischen den Steinen verkeilten, um sich festzuhalten.
Sigurd saß auf einem Ast in der Höhe von Jespers Kopf und flüsterte: "Dahinter liegt es - DOS..."
"Warum flüsterst du?" fragte Jesper.
"Schhh..." der Schwarze Sigurd hielt einen geschwungenen Flügel vor den Schnabel.
"Sie dürfen uns nicht hören," flüsterte er. Die dunklen Augen funkelten in dem flackernden Licht. Er sah sich wachsam um, bevor er wieder sprach.
"Ich war dort drüben vor kurzer Zeit. Es war ein Mißgeschick - und auch meine Neugierde," fügte er hinzu.
"Wie komme ich da hinein?" fragte Jesper.
"Es gibt eine Stelle, wo du rüberkommen kannst. Ein Stück weiter ist die Mauer zusammengestürzt, du kannst an den Schlingpflanzen dort hochklettern."
Er zeigte wieder mit einem Flügel.
"Zeig es mir," sagte Jesper.
Der Schwarze Sigurd hielt einen Flügel vor ihn hin. "Was ist mit dem Stein?" krächzte er. "Was, wenn sie dich entdecken und dich löschen...? Dann krieg ich nie den Stein...?" Er bekam wieder diesen stumpfen Blick in die Augen.
"Dann mußt du auf mich aufpassen..." sagte Jesper und sah verschmitzt aus.
Der Schwarze Sigurd führte ihn und das Pferd durch den Wald an der Mauer entlang, bis sie zu der Stelle kamen, die er vorher beschrieben hatte.
Am Fuß der Mauer lag ein riesiger Haufen Steine. Ganze und zerbrochene durcheinander. Eine große Anhöhe aus Granit, die ziemlich schroff schräg nach oben verlief.
Oben, wo die Baumkronen begannen, streckte sich ein dicker Stängel einer Schlingpflanze aus dem Inneren der Mauer und kletterte weiter nach oben durch die Schlucht, die der Steinschlag hinterlassen hatte.
"Die Pflanzen haben sie gesprengt," flüsterte der Schwarze Sigurd. "Du mußt da rauf. Wenn du dort auf den Baum kletterst, kannst du da oben rüber auf die Mauer springen." Er zeigte wieder mit dem Flügel.
Jesper schaute hoch und nickte dann. Das war der beste Weg, darüber gab es keinen Zweifel. Dann fiel ihm etwas ein.
"Du, Sigurd - was meintest du damit, daß sie mich `löschen` könnten?"
"Oohh..." Er versteckte den Kopf hinter den Flügeln. "Ich hab es selbst gesehen, sie haben einen gelöscht, um den sie sich nicht kümmerten. Sie gebrauchten selbst diese Worte..." Er schaute ihn ernst an. "Wenn man gelöscht wird, verschwindet man, einfach so. Und dann verschwindet der Stein, der so rot glänzt, und dann krieg ich ihn nie..."
"Du wirst ihn schon bekommen," antwortete Jesper. "Sieh zu, daß du hochkommst, und warte auf mich, ich bin auch gleich da." Mit diesen Worten sprang er vom Pferd hinunter, lief zu dem Baum und begann daran hochzuklettern.
Der Schwarze Sigurd setzte sich, um zu warten, auf den Gipfel der Steinhalde. Genau über seinem Kopf drängten die Pflanzen aus den Steinen hervor und wanden sich weiter nach oben.
"Was jetzt...?" fragte Jesper außer Atem. Sigurd nickte zum Zeichen, daß sie weiterklettern sollten.
Der Rabe hatte es leicht. Er hüpfte über die Steine so leicht wie ein Ball. War es zu weit zum Hüpfen, so flog er eben.
Für Jesper war es anders. Er rackerte sich ab über die harten Steine, und der Säbel war ihm die ganze Zeit im Weg. Der Hut mit der Feder wurde ihm weggeblasen und wirbelte zwischen die Äste am Waldboden.
"Hör auf hinunterzusehen," krächzte der Schwarze Sigurd. "Dir wird nur schwindelig, das werden alle von euch kleinen Erdkriechern."
Das stimmte, es war eine schwindelnde Höhe, und Jesper drehte sich alles im Kopf, und er mußte einen Augenblick Pause machen, bevor er weiterklettern konnte.
Dann endlich erreichten sie den oberen Rand der Mauer.
Die Schlingpflanzen kletterten über sie hinweg, über den Rand, hinein in das fremde Reich und hinunter zur Erde - 15 Meter unter ihnen.
Jesper hielt sich mit einem Arm um einen dicken Stängel und spähte hinein.
Der Rabe sah seine gerunzelten Augenbrauen und den offenstehenden Mund und verstand, warum er so verwundert war. Es erinnerte nicht im Geringsten an Abenteuerland, es war eine andere Welt - beides auf einmal, spannend und unheimlich.
"Wohnt wirklich jemand hier?" flüsterte Jesper.
Der Schwarze Sigurd nickte energisch. Und es war in der Tat so.
"Wer?"
Sigurd dachte nach.
"Sie haben einige merkwürdige Namen..." zischte er. "Die blauen heißen `MegaByte.` Er schüttelte den Kopf, als ob er unterstreichen wollte, wie verwirrend es war. " Es gibt viele verschiedene Wesen. Die großen roten mit den Messern heißen
`GigaByte`..."
Jesper schaute hinunter. "Es sieht aus, als wäre alles ganz öde."
"Wenn du runterkletterst, ist es nicht mehr öde..." warnte der Schwarze Sigurd.
"Das tu ich lieber nicht," beteuerte Jesper. "So ein seltsames Land..."
"Es ist die Welt der Computerspiele..." sagte Sigurd.
Jespers Gesicht hellte sich zu einem zufriedenen Lächeln auf.
"Stark, Mann. Das ist gerade was für mich, Computerspiel. Ich bin tierisch scharf auf sie und mein Vater macht massenweise davon..."
"Leise," zischte Sigurd. Dann lehnte er sich zu Jesper und flüsterte: " Bist du total verrückt, Kleiner. Das ist gefährlich..."
"Sei kein Frosch," sagte Jesper und zeigte ihm einen Vogel. "Das stimmt nicht."
Sie blickten suchend über den Rand der Mauer, hinaus über die spiegelblanke Fläche, die das Land bis zum Horizont bedeckte.
An vielen Stellen ragten einige geriffelte Rohre durch die Fläche, und über sie hinweg - wie Staubsaugerschläuche, halb begraben im Sand. Sie mußten eine Art Tunnel sein. Es gab keinen Baum und keinen Grashalm, soweit das Auge sehen konnte.
Ein Blatt eines Baumes in Abenteuerland - auf der anderen Seite der Mauer - schwebte über ihre Köpfe hinweg und sank hinunter. Sobald es auf der Spiegelfläche liegengeblieben war, wurde der Schwarze Sigurd ganz angespannt und flüsterte mit zitternder, heiserer Stimme:
"Sieh, was jetzt passiert, es dauert nicht lange, bis jemand kommt."
Und ganz richtig.
Kaum hatte er es ausgesprochen, als ein Wesen summend über die Spiegelfläche kam, aus einer Klappe in einem der Tunnel. Bevor sie auch nur blinzeln konnten, stand es über dem Blatt, fünfzehn Meter tief unten und beobachtete es durch seine künstlichen Augen.
"Es sieht aus wie ein Staubsauger..." murmelte Jesper.
"Was ist ein Staubsauger?" fragte der Schwarze Sigurd.
"Das ergibt sich von selbst..." antwortete Jesper. "Es sieht nur so aus."
"Bzzzz..." Es saugte das Blatt durch einen gegliederten Schlauch und summte zurück über den Spiegel zu der offenen Klappe. Dann verschwand es durch die Luke, die sich schloß, worauf alles wieder still war.
"Ein Roboter..." Jesper freute sich. Es war fast zu schön, um wahr zu sein.
"Du bist verrückt," zischte Sigurd.
"Ich friere etwas," flüsterte Jesper.
"Es bewölkt sich ja auch," krächzte der Schwarze Sigurd. "Wir sollten lieber sehen, daß wir zum Schloß kommen und den Tee kriegen..."
"He, he - ich soll auf das Schloß. Da war keiner, der dich eingeladen hat," protestierte Jesper.
"Nichts kann uns beide trennen," zischte der Schwarze Sigurd schnell. "Wir sind Freunde fürs Leben, erinnre dich..."
Er schaute den Goldschmuck mit dem roten Stein verliebt an.
"Nichts kann uns trennen..."
"Na, dann laß uns gehen..." lächelte Jesper. "Laß uns schnell hier wegkommen, ich bin beides, hungrig und durstig."
Sie kletterten von der Mauer herunter und DOS verschwand auf der anderen Seite.
Als sie fast unten waren, holte der Schwarze Sigurd Jespers Hut, und dann zogen sie fort. Jesper auf seinem weißen Pferd reitend, Sigurd auf dem Sattelknauf sitzend.
Es wurde kälter. Ein kühler Wind blies durch den Wald, ein Wind der den Geruch nach Regen brachte.
Sie ritten in der Dämmerung weiter, durch kleine Dörfer und weitgestreckte Felder. An einer Stelle auf der Heide drang das Gebrüll von Grunga durch die ersten Regentropfen. Jesper dachte an den Ritter, Sir Gawain, und seinen Kampf gegen den Drachen.
Am Waldrand sahen sie ein paar Augen, so gelb wie Kugelblitze, aus der Dunkelheit zwischen den Bäumen, die sie anstarrten. Wenn die Augenlider sich senkten, verschwanden sie, um gleich wieder zu erscheinen.
"Weiter," krächzte der Schwarze Sigurd. "Das ist Hexa, die Waldhexe..."
Jesper zog die Zügel straffer und stieß die Hacken in die Seiten des Pferdes. Aber das hätte er sich auch gut sparen können, denn es war müde vom Regen und wollte nichts lieber, als nach Hause in den warmen Stall.
Das Schloß tauchte aus dem Dunst auf, das Schloß mit den weißen Türmen und goldenen Spitzen, und der Brücke aus Zucker.
Sie polterten hinein über die Pflastersteine auf den Hofplatz zur breiten, weißen Marmortreppe.
Und gerade als Jesper vom Pferd sprang, tauchte Prinzessin Isabel oben auf der Treppe auf, mit Rinze zwei Schritte hinter sich. Sie lächelte ihn erfreut an und winkte.
"Kennst du sie...?" fragte der Schwarze Sigurd.
"Ja, ich glaube..." antwortete Jesper mit Überzeugung. "Besser, als meine eigene Mutter."
"Ja, wirklich?" flüsterte Sigurd zweifelnd.
Sie eilten die Stufen hinauf, Sigurd auf Jespers Schulter sitzend.
Auf der obersten Stufe nahm Jesper den Hut ab und verbeugte sich tief, wie er die Lakaien in den roten Uniformen es tun gesehen hatte. Der Schwarze Sigurd verlor den Halt und stürzte auf dem Rücken auf den Fußboden, während er einen unverständlichen Fluch ausstieß.
"Willkommen," sagte Prinzessin Isabel und lächelte über das ganze Gesicht. Rinze versuchte, freundlich auszusehen, obwohl ungezogene Jungen nicht gerade sein Leibgericht waren.
"Und wer ist dein Freund...?" fragte die Prinzessin und sah auf Sigurd hinunter.
"Das ist der Schwarze Sigurd, mein erster Freund hier in Abenteuerland," sagte Jesper.
"Da werden noch mehr hinzukommen," versprach Isabel.
"Selbstverständlich..." antwortete Jesper. Sigurd begnügte sich mit einem Seufzer.
"Laßt uns hineingehen," sagte Prinzessin Isabel.
Der Schwarze Sigurd hopste auf Jespers Schulter, und dann wanderten sie durch die großen, hellen Hallen, bis sie in einem riesigen Raum ankamen, den sie den Rittersaal nannte.
Es war hier, wo ihr Vater, der König, seine Beratungen mit den Rittern und die Audienzen für die gewöhnlichen Bürger abhielt.
Von den zuletzt genannten gab es eine zahlreiche Schar, hier in diesem Reich.
Mitten im Saal stand ein ungedeckter Tisch. Unter dem Tisch trottete ein großes Schwein herum und grunzte seine Begrüßung unter der Tischplatte hervor.
Diener in weißen Uniformen mit Goldschnüren trugen große Silberschüsseln herein. Stühle und Tische wurden aufgestellt und es herrschte überall ein hektisches Treiben.
Die Flügeltüren zwischen den einzelnen Hallen wurden aufgesperrt. In den anderen Hallen stießen sie auf den gleichen Anschein von Betriebsamkeit.
"Was geschieht hier?" fragte Jesper.
"Mit Verlaub..." murmelte Sigurd und flog hinüber zu einer Schale auf einem Tisch.
Prinzessin Isabel sah ihm nach und wandte dann ihren Blick zu Jesper und antwortete:
"Morgen kommen viele Gäste hierher. Gäste aus dem ganzen Abenteuerland. Aus beiden, von hier und aus Symphonien, wie unser Nachbarland heißt. Sie kommen hierher, weil morgen jeder, der sich für würdig hält, um meine Hand und damit um das Recht auf das halbe Königreich anhalten kann..."
"Wird um dich angehalten...?" sagte Jesper. "Ist das etwas Schlimmes..."
"Nein," lachte Prinzessin Isabel. "Sie kommen auf Freiersfüßen, sie können um mich freien, und dann kann ich mich mit dem verheiraten, den ich für den Besten halte." Sie bekam einen leichten Schimmer in die Augen und schwieg.
"Weißt du, wer da kommt?" fragte Jesper.
Der Schwarze Sigurd schluckte eine Olive von oben aus einer Schale.
"Ja - Prinz Dur von Symphonien kommt, um meine Hand anzuhalten und das Recht auf das halbe Königreich."
"Keine anderen?" fragte Jesper.
"Nein," sagte sie. "Keine anderen, soweit ich weiß."
"Magst du ihn, oder möchtest du dich nicht mit ihm verheiraten?"
"Das möchte ich gerne..." lachte Isabel. "Möchtest du jetzt etwas Marzipan?"
"Ja, verdammt," sagte Jesper. "Das möchte ich gerne."
Sie rief nach dem Schwein, das sich über den Boden zu ihnen schnüffelte. Im Rücken hatte es ein großes, breites Messer und eine Gabel.
Prinzessin Isabel zog das Messer heraus, schnitt einen ordentlichen Klumpen heraus und reichte ihm den mit der Gabel.
"Hier, iß bis du platzt..."
Jesper tat das Schwein leid. Aber dazu gab es keinen Grund, denn es merkte es gar nicht. Es stapfte herum mit Kringeln im Schwanz und schnüffelte mit dem Rüssel auf dem Fußboden. Das Messer saß wieder in seinem Rücken, und alles war wie vorher. Es war wieder ganz, genauso schnell, wie man mit den Augen blinzeln konnte.
Бесплатный фрагмент закончился.
