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Arbeit am Mythos

Leni (Helene) Riefenstahl übt 1936 an der Ostsee mit dem deutschen Meister des Zehnkampfs Erwin Huber »Nachahmung der Antike«.

CLAUDIA SCHMÖLDERS

Faust &
Helena

Eine deutsch-griechische Faszinationsgeschichte


INHALT

Goethe, »Klassische Walpurgisnacht«, Vers 7397–7445

Vorwort

ERSTER TEIL

Der männliche Blick

Von Goethe bis zu Sigmund Freud

ERSTES KAPITEL: 1749 bis 1832

Der Komet aus der Antike: Johann Joachim Winckelmann. Liebe in Deutschland, Ärger in Preußen, europäischer Kult. Englands Bildungs-Reiselust. Hellas’ ruiniertes Erbe, beschrieben, gezeichnet und entführt. Byron und Goethe, Faust und Helena, ein Vermächtnis.

ZWEITES KAPITEL: 1832

Der Staat als Ziel. Philhellenische Hilfe: Katharina II., die Grafen Orlow und Kapodistrias. Die Schweizer und Jean-Gabriel Eynard. Die Engländer und Lord Byron. Die Bayern und Otto I. Die Heimholungen Griechenlands im Roman, in Architektur und Kunst. Goethes Faust II als Oper.

DRITTES KAPITEL: 1832 bis 1871

Nachrichten aus Weimar, Wien, Athen. Die neue Sprache Katharevousa. Jakob Philipp Fallmerayer als linguistischer Scharfrichter. Sprachenlernen als »furchtbare Passion«: Auftritt Heinrich Schliemann. Die unglaubliche Laufbahn eines ostdeutschen Pfarrerssohns. Heinrich und der »Schatz des Priamos«; Heinrich und Helena: das Traumpaar des deutschen Hellenismus.

VIERTES KAPITEL: 1871 bis 1897

Neue Nachrichten aus Athen. Schliemann zwischen Homer und Darwin. Hellas als Hölderlins »Mutter aus dem Grabe«. Ernst Curtius träumt olympisch. Jacob Burckhardt schimpft. Nietzsche sieht »gräcisierende Gespenster«. Freud träumt begehrlich wie Faust, aber Hella/Helena ist seine Tochter. Nietzsches »wahre Helena« bei Richard Wagner. Die olympischen Spiele.

FÜNFTES KAPITEL: 1897 bis 1900

Ilias contra Odyssee: Deutscher Hang zu Grund und Boden; englischer Hang zur Seefahrt. Nausikaa statt Helena. Jane Harrisons »Odyssey Lectures« erinnern an Lady Hamilton und Goethe. Samuel Butlers Nausikaa als Dichterin der Odyssee. James Joyce liest Samuel Butler. Hellas/Helena: Nietzsches Heimweh mit Hegel.

ZWEITER TEIL

Der weibliche Blick

Von Elisabeth von Österreich bis zu Eliza Butler

SECHSTES KAPITEL: 1900 bis 1914

Arthur Evans auf Kreta. Das Labyrinth der Ariadne, minoische Lebenskunst. Phönizische contra hellenische Seefahrt: Victor Bérards zwölf Bände zur Odyssee. Philhellenische Majestäten auf Korfu. Kaiserin Sisi, das Achilleion und Heinrich Heines Faustballett. Isadora Duncans Griechentanz. Kaiser Wilhelms tanzende Gorgo.

SIEBTES KAPITEL: 1914 bis 1935

Faust und Helena: eine kulturelle Ehe? Faust »für alle« in Athen. Der Kreter Venizelos, die »Kleinasiatische Katastrophe«. Der Kreter Nikos Kazantzakis: hilft Flüchtlingen und übersetzt Faust. Dagegen das »Faustische« in Berlin. Spengler und Steiner: Goethe-Großmächte der Weimarer Republik.

ACHTES KAPITEL: 1935

Eliza Marian Butler: Kindheit, Studium und Weltkriegsarbeit. Ihre geistigen Geländer Jane Harrison, John Robertson, Stefan Zweig und Fürst Pückler. Olympia 1936: Hitlers Rassenfaust. Freud sieht das Ungeheuer von Loch Ness.

NEUNTES KAPITEL: Noch einmal 1935

Elsie Butlers Streitschrift: »Eine Untersuchung über den Einfluss von griechischer Kunst und Dichtung auf die großen deutschen Autoren des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Gewidmet: Pallas Athene.« Weibliche Griechenliebe. Harrisons Sprachwunder. Virginia Woolf »On not Knowing Greek«. Hilda Doolittle findet Helena in Äygpten.

ZEHNTES KAPITEL: 1935 bis 1941

Elsie Butlers Meeresbild. Das »ozeanische Gefühl«. Griechenkult als Religionsneurose. Luther gegen Buddha. Indiens lebendiger Gottesdienst. 1937 Eduard von der Heydt, der Indienfreund. Rilke und der Monte Verità. Faust im Ausland. Das DAI in Athen.

ELFTES KAPITEL: 1941

Thomas Mann an die deutschen Hörer. 1941: Einmarsch in GR. Deutsches Wüten bis 1945. Gebildete Besatzer: Erhart Kästner, Rudolf Fahrner. Ein namenloser Oberst in Athen wünscht sich einen Vortrag über Faust und Helena. Deutsche Faust-Industrie mit diabolischen Vertretern: Justus Obenauer, Hans Schneider.

ZWÖLFTES KAPITEL: 1942 bis 1949

Ruf nach Cambridge 1945. Butlers Faust-Trilogie zu Goethes Geburtstag. Faust und Helena in Okkultien: Helena Blavatsky und Aleister Crowley, Butlers Liebling. Somerset Maugham »The Magician«. 1947: Thomas Mann, Dr. Faustus. Butler kritisiert vernichtend und trifft E. R. Curtius in Bonn. Erlösendes Nachspiel mit Byron und Hilda Doolittle.

Coda mit Kassandra

DIE QUELLEN

Personen und Werke. Nachweise und Anmerkungen.

Eliza Marian Butler. Bibliographie

Danksagung

Register

Goethe, Faust II »Klassische Walpurgisnacht« Verse 7397–7445

Helena aus der Unterwelt zu beschwören, misslang im ersten Anlauf. Nur das verführerische Bild war zu sehen, keine leibhafte Gestalt. Faust soll nun zu den Müttern gehen; Mephisto bringt ihn zu Chiron, dem heilkundigen Kentauren. Faust steigt auf seinen Rücken, um ihn nach Helena zu fragen.

Faust … Vom schönsten Mann hast du gesprochen, Nun sprich auch von der schönsten Frau!

Chiron Was! … Frauenschönheit will nichts heißen, Ist gar zu oft ein starres Bild; Nur solch ein Wesen kann ich preisen, Das froh und lebenslustig quillt. Die Schöne bleibt sich selber selig; Die Anmut macht unwiderstehlich, Wie Helena, da ich sie trug.

Faust Du trugst sie? –

Chiron Ja, auf diesem Rücken.

Faust Bin ich nicht schon verwirrt genug Und solch’ ein Sitz muß mich beglücken!

Chiron Sie faßte so mich in das Haar, Wie du es tust.

Faust O! ganz und gar Verlier’ ich mich! Erzähle wie? Sie ist mein einziges Begehren! Woher? wohin? ach, trugst du sie?

Chiron Die Frage läßt sich leicht gewähren. Die Dioskuren hatten, jener Zeit Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit. Doch diese, nicht gewohnt besiegt zu sein, Ermannten sich und stürmten hinterdrein. Da hielten der Geschwister eiligen Lauf Die Sümpfe bei Eleusis auf; Die Brüder wateten, ich patschte, schwamm hinüber; Da sprang sie ab und streichelte Die feuchte Mähne, schmeichelte Und dankte lieblich-klug und selbstbewußt. Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!

Faust Erst sieben Jahr! …

Chiron Ich seh’, die Philologen, Sie haben dich so wie sich selbst betrogen. Ganz eigen ist’s mit mythologischer Frau, Der Dichter bringt sie, wie er’s braucht, zur Schau; Nie wird sie mündig, wird nicht alt, Stets appetitlicher Gestalt, Wird jung entführt, im Alter noch umfreit; G’nug, den Poeten bindet keine Zeit.

Faust So sei auch sie durch keine Zeit gebunden! Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden, Selbst außer aller Zeit. Welch seltnes Glück: Errungene Liebe gegen das Geschick! Und sollt’ ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt, Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt? Das ewige Wesen, Göttern ebenbürtig, So groß als zart, so hehr als liebenswürdig? Du sahst sie einst; heut hab’ ich sie gesehn, So schön wie reizend, wie ersehnt so schön. Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen, Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.

VORWORT

»Faust und Helena«: das Paar ist weniger bekannt als etwa »Faust und Gretchen« oder »Faust und Mephisto«. Die letztgenannten haben beide einen Ruch, das eine klingt nach Mord und Heiratsschwindel, das andere nach satanischen Verabredungen und übermenschlich kaltem Gebaren. Nur Helena, so scheint es, kann Goethe aus den Verstrickungen erlösen, die ihn seit seinem »Urfaust« 1775 umgeben; aber wiederum nicht jene Helena aus dem deutschen Volksbuch, die er als Junge in einem Puppenspiel erleben konnte. Hier kam ja zu allem Ruchlosen noch blendender Liebestrug dazu, Helena war ein böses Phantom, wenn auch sehr schön. Keine Frau ist in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit dermaßen hingerissen geschildert worden – und es war dieser Anblick, den Goethe schließlich in die Waagschale werfen konnte. Doch durfte diese rettende Gestalt nicht nur aus der Hexenküche stammen, sie musste in eigener Anstrengung gesucht und vor allem: gefunden werden.

Die Schlüsselszene aus Faust II erreichte die literarische Welt ab 1832 – Goethe hatte das Erscheinen dieses Werkes bekanntlich zu Lebzeiten verweigert. Erst rund vierzig Jahre später waren die Verse auf der Bühne zu hören, und auch danach blieben sie theatralisch eher verborgen und Teil einer Lesekultur. Dabei deklamierten sie mit atemloser Drastik einen Wunschtraum der deutschen Bildungseliten, genauer des philhellenischen Deutschland seit Winckelmann; eben jenes Johann Joachim Winckelmann, der als Heros einer national verzückten Ästhetik Deutschland und Hellas einander verlobt hatte, ganz altmodisch mit dem unausgesprochenen Verbot der Besitznahme. Bevor ein maßgeblicher deutscher Dichter den Fuß auf griechischen Boden setzen wollte, sollten fast 150 Jahre vergehen, denn man hielt sich keusch an das Gebot, bis hin zu Gerhart Hauptmann. Reisende Archäologen, Maler und Touristen gehörten natürlich so wenig dazu wie etwa Otto I., der als König aus Bayern einzog, oder der Schweizer Jacob Burckhardt, dem man die strengste Kulturgeschichte des alten Griechenland dankt. Doch Dichter und Denker von Hölderlin bis Nietzsche errichteten Paläste auf diesem Boden, die keine Realität duldeten.

Zahllose Darstellungen dieses Sachverhalts gibt es aus der historischen Fachwelt, und je weiter die Forschung, desto höher aufgelöst das Bild. Aber vielleicht muss es kein Bild sein, vielleicht leistet die Analogie, eine poetische Formel ohne ausufernde Metahistorie, den besseren Dienst? Der Pfad, auf dem die Idealisten zu jener fieberhaft begehrten Helena vordringen wollten, war der Traum vom klassischen Hellas als eigener Heimat, den Goethe dann mit so viel Leben wie möglich erfüllen wollte, nämlich mit einer Verkörperung des schönen Idols, einer Hochzeit und sogar einer Geburt.

Zwei mythische Riesen standen dem Dichter dabei zur Seite, Prometheus und Pygmalion, beide begnadet mit gottgleich menschenschaffendem Schöpfertum. In »Faust. Eine Tragödie«, wie Goethe sein Stück schließlich nannte, verzwergen sich beide zu einem Famulus namens Wagner, der im Labor – vulgo Hexenküche – einen Homunkulus erzeugt, der dann wiederum in Faust II. eine Helena aus dem ägäischen Meer heraus erzeugt. Aber als was? Als Trugbild oder als leibhafte Frau, die ihrerseits Mutter werden konnte? Schließlich verdankte sie sich in dem Stück ja ausdrücklich einem Gang »zu den Müttern«. Oder kam sie als erlöste Kriegsbeute nach zehn Jahren trojanischem Krieg in die Gefilde der Seligen, um dort mit Achill einen Sohn namens Euphorion zu gebären? Das besagt jedenfalls einer der vielen Sagenstränge um diese Helena, an denen sich Goethe entfalten musste.

Wie mächtig das Paar Faust und Helena in der Folgezeit wirkte, braucht man nicht zu betonen. Und doch blieb die Ideengeschichte unterbelichtet. Redlich darstellbar ist sie ja nur mit Blick auf die politische Geschichte; denn selten war eine poetische Erfindung so politisch motiviert wie diese Familie Faust, und selten ein politischer Akt so bildungsschwer vorbelastet wie der deutsche Einmarsch in Griechenland im April 1941, der gespenstischen Hochzeit. 200 Jahre erst glühender und auch unendlich befruchtender, dann aber allmählich erstickender Nähe zwischen den Ländern endeten auf diese brutale Weise; aber eigentlich erst seit der letzten Jahrtausendwende, je näher der Ausschluss des Landes aus der EU rückte, wurde diese sonderbare Kulturtragödie wirklich bewusst. Es ging ja anfangs niemals um zwei Länder, sondern zunächst immer um ein Land namens Deutschland (oder Preußen oder Bayern) und eine historische Fiktion namens Hellas; aber je mehr Griechenland aus Hellas wurde, desto grausamer die Nähe. Schon bald nach der Einsetzung des bayerischen Königs 1832 regte sich Widerstand im griechischen Volk, man zwang ihn schließlich zum Rücktritt, und die Berichte aus dem Land deutscher Sehnsucht färbten sich zunehmend düster. Der poetische Kalender dazu wirkt unheimlich: Goethes Hochzeitsdichtung, die »Klassisch-Romantische Phantasmagorie« erschien noch pünktlich zum griechischen Freiheitskampf, aber zur Thronbesteigung gab es dann auch schon den »verwitweten« Faust in Teil zwei, Faust ohne Helena, nur noch mit einem Mephisto. Und doch blieb und strahlte die Idee dieses Paares durch die folgenden Jahrhunderte wie eine Ikone; Goethe hatte die Träume seiner eigenen Generation offenbar szenisch gebändigt und entfesselt zugleich.

Eine der frühesten und eindringlichsten Darstellungen dieser ganzen Konstellation stammt von einer irischen Germanistin namens Eliza Marian Butler (1885–1959). Ihr Buch mit dem psychologisch gemeinten Titel »The Tyranny of Greece over Germany«, »Die Tyrannei Griechenlands über Deutschland«, erschien 1935, es war eine überaus kritische Geschichte deutscher Graekophilie von Johann Jakob Winckelmann bis zu Stefan George. Sie wurde geschrieben, als aller Welt sichtbar wurde, was der angeblich philhellenische Tyrann an der Spitze des deutschen Reiches plante. Zuerst mit der Übernahme der antiken Olympiade, dann auch mit pseudohellenistischer Propaganda auf allen Gebieten, einschließlich der Kriegskunst, die schließlich auf das Land der Träume selber angewandt wurde. Viel zu viele humanistisch gebildete Deutsche beteiligten sich damals, und auf die meisten traf der Begriff der »Zuarbeiter« zu, den Ian Kershaw für die maßlose Interaktion zwischen Führer und Geführten im sogenannten Dritten Reich geprägt hat. Den langen Familienroman dieser Zuarbeit noch vor ihren mörderischen Exzessen erkannt und dargestellt zu haben, war das Verdienst von Eliza, gen. »Elsie« Butler, auch wenn sie weder Gräzistin noch Archäologin war, sondern Germanistin, die sich mit Heinrich Heine, Fürst Pückler-Muskau, Rilke und immer wieder mit Goethe befasste: vor allem mit Goethes Faust.

Bis heute ist aber unklar, wie sie zu ihrem Griechenbuch überhaupt kam. In den englischen Archiven gibt es dazu nahezu keine Unterlagen, weshalb die Forschung nach Butlers Tod weitgehend erlosch. Übrig blieb nur das mehr oder minder einhellige Lob für ihr Projekt und die zahlreichen Anregungen, die es gab und bis heute gibt. Immerhin wurde das Buch 1958 als Paperback erneut ediert, und Butler schrieb ein Nachkriegsvorwort dazu. Zwar seien die deutschen Klassiker, meinte sie nun, mit all ihrem Humanismus niemals imstande gewesen, Katastrophen wie den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln oder gar nur zu unterstützen; aber eine Neigung zu exzessiv träumerischem Denken, ohne Rücksicht auf die mitlebende Realität, sei ihnen doch allen gemeinsam.

»The Tyranny of Greece over Germany« wurde in Deutschland trotz einer gekürzten Übersetzung von 1949 niemals bekannt; vielleicht war das ein Fehler. Denn der deutschsprachige Griechenkult endete mit der Ausrufung zweier deutscher Staaten keineswegs und entwickelte sich nach der Wiedervereinigung erst recht. Angefangen von neuen Grabungserfolgen im alten Troja/Hissarlik, die eine viel größere Stadt gewesen sein soll als je vermutet, über die poetischen Großforschungen des Österreichers Raoul Schrott, der die berühmte Homerfrage wieder aufwarf und geistreich beantwortete, bis hin zum legendären Kulturwissenschaftler und Heideggerianer Friedrich Kittler, der um die zweite Jahrtausendwende ein überspanntes Werk von sechs Bänden zur Antike ankündigte, im Zeichen von Musik, Mathematik und Eros. Band eins war »Hellas I: Aphrodite« gewidmet, also eben jener Göttin, deren Eitelkeit das sagenhafte Paar Helena und Paris überhaupt zustande gebracht hat. Kittler starb 2011. Die dramatische Staats- und Finanzkrise des zeitgenössischen Landes hat er nicht mehr erlebt. Größte Hellasverehrung stand nun wie schon 1832 neben Hass auf die Realität. Deutschland, das für seine Kriegsgräuel 1941 bis 1945 nie wirklich einstand, wurde zum härtesten Gläubiger, Griechenland selber in Grund und Boden kritisiert. Ob zu Recht oder zu Unrecht ist hier nicht die Frage. Im Raum steht vielmehr die längst verbreitete Sorge der Betrachter, dass gerade die Feinheiten deutschen Kulturdenkens keinerlei Wirkung auf die politische Klasse haben, ja diese womöglich nur mit prätentiöser Selbstsicherheit versorgen. So betrachtet das vorliegende Buch das Mahnmal der Elsie Butler mit dem Wissen der Nachgeborenen. Es folgt dabei ihrer Deutung von Faust und Helena als einer düsteren Allegorie auf das Verhältnis von Deutschen und Griechen. »Die Geschichte des Zauberers Faustus aus dem Norden, der Helenas Schatten aus der Unterwelt beschwört, könnte man als Symbol der Beziehungen zwischen dem antiken Griechenland und dem modernen Europa verstehen … Unsere Architektur, unsere Poesie, unsere Art zu denken, ja auch unsere Sprache legen beredtes Zeugnis ab von der Tatsache, dass der Westen, verzaubert auf die gespenstische Erscheinung von Hellas starrend, eben das empfand, was Marlowes Faustus rufen ließ: ›Nie will ich eine andere lieben‹, was man in Prosa übersetzen und falsch zitieren könnte: ›nie will ich einer anderen Norm gehorchen‹.«

So Butler 1938, zwei Jahre, nachdem sie mit ihrem Buch viel Ärger erregt und deutsche Kritik auf sich gezogen hatte. Die Kritik war verständlich, denn hinter ihrem Projekt erschien ja eine deutsche Ideengeschichte, die nachgerade sklavisch, wenn nicht vampirisch von hellenischer Kunst, Literatur, Philosophie und Technik leben wollte. Wenig überraschend umfasst diese Geschichte im Kern etwa Goethes Leben und Nachleben bis zu seinem 200. Geburtstag 1949. Kultur hat eben, anders als Oswald Spengler meinte, keine einförmig biologische Uhr. Und Goethe hieß der Abgott von Oswald Spengler, dem deutschen Kulturphilosophen der Weimarer Republik. Keinen Autor hat Spengler in seinem epochalen Werk über den »Untergang des Abendlandes« so oft und so zentral zitiert. Aber eine Helena kommt hier nicht vor – es sei denn, man betrachtet Spenglers Abendland als einen anderen Ausdruck für die griechische Antike unter dem Namen Hellas. Nicht Trojas, wohl aber Hellas’/Helenas Untergang begleitet den Aufstieg von Faust, den Spengler unter dem Begriff des »Faustischen« zum Markenzeichen einer germanischen Moderne erhob oder was er dafür hielt. Welche Ideengeschichte Elsie Butler vorfand, als sie 1924 in die Londoner Germanistik eintrat, kann man also mit Fug einem »Männlichen Blick« zuschreiben. Dass sie selber um 1930 den Mut zu einem anderen, eher »Weiblichen Blick« fand, lag nicht nur an der politischen Entwicklung, sondern schon an der Frauenbewegung, zu der sie gehörte und die etwa seit 1880 in das englische Spiel um Hellas ganz neue Schwerpunkte einführen sollte.

Berlin, September 2017

ERSTER TEIL
Der männliche Blick

Von Goethe bis zu Sigmund Freud


Angelika Kauffmann, Goethe 1787 in Rom

Der Dichter hatte nichts dagegen, »daß die Idee, als hätte ich so ausgesehen, in der Welt bleibt«.

ERSTES KAPITEL
1749 bis 1832
Der Komet aus der Antike: Johann Joachim Winckelmann. Liebe in Deutschland, Ärger in Preußen, europäischer Kult. Englands Bildungs-Reiselust. Hellas’ ruiniertes Erbe, beschrieben, gezeichnet und entführt. Byron und Goethe, Faust und Helena, ein Vermächtnis.

Die Szene ist wahrhaft gut bekannt. Ostern 1754 kaufte Elisabeth Goethe auf der jährlichen Frühjahrsmesse in Frankfurt am Main Töpfe und Geschirr für den wachsenden Haushalt; sie war wieder schwanger und brauchte Nachschub. Zuhause erwartete sie Wolfgang, damals etwa viereinhalb Jahre alt. Alsbald nutzte er einen günstigen Moment, um die Brüder Ochsenstein, seine besten Freunde, zu vergnügen. Erst warf er sein eigenes Puppengeschirr aus dem Vorgarten, und dann auf die brüderlichen Rufe nach Mehr den irdenen Vorrat der Mutter. Es krachte ordentlich, aber folgenlos; er wurde nicht bestraft, alle mussten nur lachen. Mehr als 150 Jahre später deutete Sigmund Freud diese Szene aus »Dichtung und Wahrheit« genussvoll. Er sah darin das Muster der Geschwisterrivalität, fand sogar ähnliche Beispiele bei seinen Patienten und bezog Goethes Reaktion auf die kommende Schwester Katharina Elisabeth, die aber nur wenig länger als ein Jahr leben sollte. Das Thema der Geburt und des frühen Todes, überhaupt die Figur des Kindes hat Goethe bekanntlich nie mehr losgelassen; so wenig wie die Hoffnung auf einen Bruder. Von den sieben Kindern der Mutter Goethe überlebte außer Wolfgang nur die begabte Cornelia, eine Art Bruderersatz; aber auch diese Schwester, selbst melancholisch vor Bruderliebe, starb schon mit 26 bei Geburt ihres zweiten Kindes. Ob Goethe später auf der Suche nach Verwandtschaft, und sei es nur einer platonischen, sehnsuchtsvoll in andere Länder geblickt hat? Ob er womöglich den legendären Dichter Lord Byron aus so einer frühkindlichen Prägung heraus geliebt hat, halb wie einen Bruder, halb wie einen Sohn? Byron wurde um 1800 der berühmteste englische Freund der Griechen, trat aber erst spät in Goethes längst philhellenischen Horizont. Und der wiederum wurde maßgeblich für die deutsche Intelligentsia. Seit und mit Goethe war Griechenland in fast allen deutschen Bildungshäusern das meistgeliebte, und mit des Dichters Hilfe geradezu familiär verehrte alte Volk, von dem man abzustammen wünschte, eben Hellas. »Das Land der Griechen mit der Seele suchend«, wie einst Iphigenie am Strand der heutigen Krim, wurde zur historischen Formel der Philhellenen, wenn auch nicht nur in Deutschland. Seit dem Humanismus, seit Beginn der europäischen Aufklärung standen kultivierte Bürger, Dichter, Künstler, Wissenschaftler, Pfarrer und Priester an einem geistigen Meeresstrand, der räumlich wie zeitlich zur Ausfahrt lockte – dies aber in Deutschland seit 1755 mit einem Fahrtenbuch völlig eigener Art. In diesem Jahr erschien ein Manifest mit dem Titel »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst«, verfasst von einem unbekannten jungen Kunstforscher namens Johann Joachim Winckelmann. Geboren 1717 in der Hansestadt Stendal, Sohn eines Schusters, hoch begabt, wurde er nach und nach von Lehrern und Priestern entdeckt und gefördert. Die Begegnung mit der griechischen Kultur, vor allem in der großen Bibliothek des Grafen Bünau auf Schloß Nöthnitz, entrückte den Jungen in eine ideale Welt, klimatisch, politisch, ästhetisch, sozial. Auch wenn man es ihm zunächst im kargen Preußen und mit harten Arbeitsbedingungen schwer machte, lernte er unter Entbehrungen Griechisch, befreundete sich mit den alten Autoren und studierte, erotisch bezaubert, die Gestalten der hellenischen Bildhauer in Abgüssen und Bildwerken. Hier herrschte das richtige Leben im falschen, und zwar richtig in jeder Hinsicht. Mit diesem Fazit eröffnete Winckelmann apodiktisch gleich seine erste Schrift. »Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden. Alle Erfindungen fremder Völker kamen gleichsam nur als der erste Same nach Griechenland, und nahmen eine andere Natur und Gestalt an in dem Lande, welches Minerva, sagt man, vor allen Ländern, wegen der gemäßigten Jahreszeiten, die sie hier angetroffen, den Griechen zur Wohnung angewiesen, als ein Land, welches kluge Köpfe hervorbringen würde.«

Das Echo auf diesen Aufruf in der gebildeten Welt war enorm. Ein Jahr später konnte Winckelmann in einer zweiten Auflage, alsbald auch mit Übersetzungen ins Französische und Englische, seine Devise für zukünftige Jahrhunderte wuchtig verbreiten: »Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.« Mit diesem paradoxen Ehrgeiz – wie konnte man durch Nachahmung unnachahmlich werden? – setzte sich Winckelmann unvermittelt von der bisher dominierenden französischen Kunstdeutung ab. Ähnlich wie Luther nach den originalen Quellen der Bibel, suchte er nach den originalen Kulturvätern der Deutschen, und diese sprachen Griechisch. Was aus Frankreich kam, war nicht wirklich griechisch inspiriert, sondern lateinisch, römisch und christlich. Er aber liebte das Heidentum, mindestens in Form von Kunst. Nur widerwillig, dann aber doch von der eigenen Leidenschaft verführt, wurde Winckelmann schließlich katholisch, um in das Mekka der Ästheten und Sammler nach Rom zu kommen. Rom galt noch Goethes Vater als geistiges Zentrum der Deutschen; und nach Rom reiste sein Sohn fluchtartig in einer Lebenskrise. Hier machte Winckelmann erstaunlich Karriere. 1763 ernannte ihn Papst Clemens XIII. zum Aufseher der sogenannten »Altertümer« sowie zum scrittore der Biblioteca Vaticana; und mit dem Zugang zu ältesten Manuskripten und Werken, im Umgang mit Kardinälen und Künstlern, schrieb er nun an seiner großen Kunstgeschichte, endlich angekommen in einer südlichen, wärmeren und hellenisch kultivierten Weltstadt.

Italien war damals wie heute ein gigantischer Sammelplatz griechischer Kunstwerke, nicht nur auf, sondern auch unter der Erde. Als Fluchtort während der Renaissance, als die Türken 1453 Konstantinopel eroberten und das hellenistische Byzanz unterwarfen, war das Land samt Vatikan zum Hort der antiken Kulturerbschaft geworden. Italien bedeutete Magna Graecia: Großgriechenland; es war der Vorraum aller späteren deutschen Griechenliebhaber, die nicht in das Land selber zu fahren wagten, wie bis zur Wende um 1900 fast alle deutschen Dichter und Denker. Winckelmanns »Geschichte der Kunst des Altertums«, gespeist und gesättigt aus italienischer Anschauung, oft auch aus zweiter Hand, erschien 1764 und war wieder ein Werk mit wuchtig normativem Anspruch: ein Lehrgebäude sollte es sein. Die Idee der Schönheit war definiert, der Horizont festgesetzt, und die Apotheose auf eine Statue des Gottes Apoll eröffnete eine neue Epoche der Kunstbeschreibung. Es war die Prosa eines Liebenden: »Die Statue des Apollo ist das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums, welche der Zerstörung derselben entgangen sind. Der Künstler derselben hat dieses Werk gänzlich auf das Ideal gebaut, und er hat nur eben so viel von der Materie dazu genommen, als nötig war, seine Absicht auszuführen und sichtbar zu machen. Dieser Apollo übertrifft alle andern Bilder desselben so weit, als der Apollo des Homerus den, welchen die folgenden Dichter malen. Über die Menschheit erhaben ist sein Gewächs, und sein Stand zeugt von der ihn erfüllenden Größe. Ein ewiger Frühling, wie in den glücklichen Elysien, bekleidet die reizende Männlichkeit vollkommener Jahre mit gefälliger Jugend und spielt mit sanften Zärtlichkeiten auf dem stolzen Gebäude seiner Glieder.«

Das Buch begeisterte Winckelmanns Leser mit Beobachtungsfülle, genauer Darstellung und historischer Kenntnis. Es galt und gilt als die erste Kunstgeschichte Deutschlands, wenn nicht Europas. Ein großer Erfolg wurde es nicht zuletzt, weil Winckelmann das Studium der einzelnen Kunstwerke wichtiger nahm als die biographische Kenntnis der Künstler. Statt die griechische Welt als Ruinenstätte zu betrauern, konnte er jede Statue, selbst jeden Torso, der ihn begeisterte, eindringlich, aber zugleich auch präzise beschreiben. Madame de Staël nannte ihn gar einen Physiognomen, weil Statuen unter seinem Blick zum Leben erwachten; dabei machte sein eigener schrecklicher Tod – er wurde 1768 von einem diebischen Hotelgast in Triest erstochen – ihn vor allem tragisch bekannt.

Vielleicht wegen dieses Todes blieb in der Folge berühmter noch als der Apollohymnus die eherne Kunstformel für die antike Statuengruppe namens »Laokoon« von 1755. Sie zeigte in meisterhafter Ausführung einen Vater mit zwei Söhnen um ihr Leben ringen, weil zwei Schlangen sie zu ersticken drohten. Laokoon war der Name eines Priesters in Troja, und der Eindruck, den der Künstler erweckte, verriet Todesmut. So also hieß es im Manifest über die »Nachahmung der Alten«: »Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele.«

Meldete sich hier eine stoische Ästhetik – oder waren diese Sätze dem Priester des Poseidon geschuldet? Denn als Diener des Meergottes war Laokoon durch Vergil bekannt; angeblich hatte er die griechische List erkannt, die hinter dem berühmten Trojanischen Pferd steckte, und die Göttin Athene ließ ihn zur Strafe von zwei Schlangen töten. Wie auch immer, die Allegorese im Namen des Poseidon blieb offenbar Winckelmanns Sternbild. »Der erste Anblick schöner Statuen ist bei dem, welcher Empfindung hat, wie die erste Aussicht auf das offene Meer, worin sich unser Blick verliert« – mit diesem Aufatmen eines kunstliebenden Deutschen, der sein Paradies gleichsam an einem Strand findet, bahnte Winckelmann eine europäische Kulturrevolution an, ästhetisch, patriotisch, geopolitisch. Das alte Griechenland bedeutete für ihn eben nicht nur schöne Kunst, sondern glückliches Klima, vorbildlich demokratische Verfassung und unerhörte Philosophie. Es war das Land der Träume für jeden, der in einem kalten, zerspaltenen Land unter einem protestantisch versehrten militärischen Regime, einem ungeliebten Deutschland leben musste. Der junge Friedrich Hölderlin, Deutschlands liebster Lyriker, war begeistert, dass Katharina die Große zur Befreiung des griechischen Landes aus türkischer Herrschaft ansetzte, und das nicht nur aus geopolitischer Raison, sondern ausdrücklich auch im Gedenken an das glanzvolle Hellas. Sein Roman »Hyperion« spielte um 1800 vor diesem Hintergrund und gipfelte in einer schneidenden Kritik an seiner eigenen Heimat, wo »eigentlich das Leben schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.«

Deutschkritisch heftig reagiert und über penible Kritik sich geärgert hatte zuvor schon Herder, der Völkerphilosoph und Winckelmann-Bewunderer in einem Nachruf im »Teutschen Merkur«: »… in der schrecklichen Einöde alter Nachrichten und Geschichte, da Plinius und Pausanius, wie ein paar abgerissene Ufer dastehn, auf denen man weder schwimmen, noch ernten kann; in einer solchen Lage der Sachen rings umher an eine Geschichte der Kunst des Altertums denken, die zugleich Lehrgebäude, keine Trümmer, sondern ein lebendiges, volkreiches Theben von sieben Pforten sei, durch deren jede Hunderte ziehen; gewiß, das konnte kein Kleinigkeitskrämer, kein Krittler an einem Zeh im Staube. Auch hat es Winckelmann in den letzten Jahren seines abgeschnittenen unvollendeten Lebens bitter gefühlt und beklagt, daß sein Vaterland in manchen ihm zutönenden Stimmen sich nach deutscher Weise an die einzelnen kleinen Fehler des Werkes hielt und die Mühe und den Geist des Ganzen verkannte. Aber so ist es in Deutschland und so wird es bleiben.«

Aber so blieb es nicht, ganz im Gegenteil. Ein unseliger »Geist des Ganzen« ergriff rund 150 Jahre später fast die gesamte Nation, auch in ästhetischer Hinsicht total bis ins Groteske. Hitler als grausamer Graekomane bemächtigte sich in Winckelmann ausgerechnet einer Ikone der »Griechenliebe«; homoerotische Neigung übersetzte man in spartanische Körperzucht, vor allem im Umkreis der Olympiade 1936, künstlerisch monumental von Leni Riefenstahl und Arno Breker erfasst, aber im Kern längst auf Kriegstüchtigkeit ausgerichtet. Wegen seiner Kritik am französischen Stil wurde Winckelmann unter Hitler vorbildlich als Franzosenhasser, der einen »wahren Alexanderzug um Reiche der Seele und des Geistes« vollbracht habe, und der einstige Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, Ludwig Curtius, nannte ihn 1941 bewundernd gar »einen der geistigen Diktatoren Europas«.

In Wahrheit war die Entdeckung der griechischen Welt um 1750 in ganz Europa im Gang. Während Winckelmann seine Träume träumte, schickte die englische Society of Dilettanti Kunstkenner in das wirkliche Land, um genaue Zeichnungen der verfallsbedrohten Kunstwerke anzufertigen. Das mächtige Werk von James Stuart und Nicholas Revett erschien ab 1762 in drei Bänden: »The Antiquities of Athens, measured and delineated« – und zusammen mit den Beschreibungen des mitreisenden Schriftstellers Richard Chandler sowie den Berichten auch parallel aus französischer Hand ließ sich allmählich der antike Klassiker der Landeskunde, Pausanias, nachvollziehen, konnte man griechischen Boden und griechisches Leben en détail erobern.

Wohl keine fremde Kultur ist derart penibel beschrieben worden wie die hellenische, keine fremdsprachige Literatur derart untersucht, angeeignet und geliebt und keine Kunst aus Stein derart imitiert worden wie die des alten Griechenland. Aber natürlich unterschieden sich die Nationen dabei charakteristisch. Während die Deutschen mit Winckelmanns Werk eine Art Evangelium erhielten, dem sie treu bleiben wollten wie ihrem Homer und ihrem Platon, hielten die Engländer sich an die Wirklichkeit: als Reisende und Zeichner, als Kunsthändler und Seemacht, als Räuber und Politiker. Ein englischer Geistlicher gilt als Begründer der modernen griechischen Archäologie. John Potter, Sohn eines Weißwäschers, war ähnlich begabt und von der Antike begeistert wie Winckelmann; sein zweibändiges Meisterwerk »Archaeologia graeca« von 1697/98 hielt sich als englisches Standardwerk bis zu den berühmten »Dictionaries« von William Smith im Jahre 1842. Potter brachte es bis zum Erzbischof von Canterbury; durch die deutsche Übersetzung seines Buches 1775/78 kam der Ausdruck »Archäologie« überhaupt erst nach Deutschland.

Nachrichten über Griechenland aus englischen Quellen hatten, anders als deutsche, gern etwas Abenteuerliches, wenn nicht Skandalöses an sich. Das begann 1786, als Goethe auf seiner Italienreise den britischen Botschafter im Königreich Neapel, William Hamilton, besuchte und den alten Kunstsammler mit einer jungen schönen Mätresse fand; zusammen hatten die beiden eine neue Kunstrichtung erfunden: griechischen Tanz, griechische Kleidung, lebendig ins Werk gesetzt nach den Vorlagen der hellenischen Vasenkunst, die Hamilton durch die Ausgrabungen von Herkulaneum und über den Kunsthandel in sein Haus brachte. Später verkaufte er seine große Sammlung dem Britischen Museum. Seine junge Frau Emma Hart, aus ärmlichsten Liverpooler Verhältnissen, machte mit Anmut und Geschick steile Karriere, nicht nur als Botschaftergattin, sondern um 1800 auch als Geliebte des Admirals Lord Nelson, zum Schrecken der hohen Gesellschaft diesseits und jenseits des Ärmelkanals. Europaweit umstritten war auch Lord Elgin, um 1800 Botschafter im osmanischen Athen, der große hellenische Architekturen kopieren, vor allem aber auch demontieren ließ. In einem Vertrag mit der türkischen Regierung, der sogenannten »Hohen Pforte«, ließ er sich bescheinigen, dass er nicht nur Abgüsse aus Gips herstellen, sondern sogar originale Stücke abnehmen konnte; schließlich dürfe man herrliche Kunst wie diese nicht verfallen lassen. Elgin barg oder nahm sich mehr als die Hälfte des berühmten Frieses aus dem Athener Parthenon, in dem der größte hellenische Bildhauer Phidias und seine Schüler die Schlacht bei Marathon unerhört modelliert hatten. Elgin verschiffte die Sammlung zusammen mit vielen anderen wertvollen Stücken 1803 nach England; aber wie unter göttlichem Zorn verschwand die Ladung bei einem Schiffbruch teilweise im Meer. Erst nach dreijähriger Arbeit und unter astronomischen Kosten konnten Taucher die Kunstwerke bergen. 1812 landeten schließlich achtzig Kisten mit den sogenannten »Elgin Marbles« in London. Erst vier Jahre später, nach umständlichen Verhandlungen, konnte der Lord sie endlich für 35.000 Pfund Sterling an das Britische Museum verkaufen; die Summe deckte angeblich nur die Hälfte der eigenen Kosten.

Der ganze Vorgang war unerhört. Während Lord Elgin die hellenische Welt partikelweise ins Europa der Christen brachte und damit ein Stück handgreifliche griechische Realität, wurde seine Transaktion heftig kritisiert. Man hielt ihn für einen Räuber; er hatte der griechischen Kultur ein zentrales, wenn nicht das wichtigste Zeugnis einstiger Größe zerstört. Scharfe Worte fand damals auch der skandalumwitterte Dandy Lord Byron, der Griechenfreund, Goetheverehrer und Dichter, dessen Versepos »Childe Harold’s Pilgrimage« im selben Jahr 1812 in zwei Gesängen erschienen war. Es war das romantisch verzweifelte Selbstporträt eines Reisenden ins Osmanische Reich, der natürlich auch bis zum Athener Parthenon kam und Klage erheben konnte.

Auch Goethe, der begeisterte Philhellene, hatte inzwischen mit einer Art Trauerarbeit begonnen. Mit seiner Anthologie über »Winckelmann und sein Jahrhundert« (1805) erinnerte er noch einmal an die grundstürzende Sehnsucht und die Leistungen dieses Kunstphilosophen. Das Buch wurde ein tiefgehender Abschied vom Griechentraum, denn im selben Jahr 1805 starb auch sein Freund Schiller, der mit ihm zusammen so vielfach der Antike gehuldigt hatte. Schon 1788, im Jahr der »Iphigenie«, hatte Schiller das erste ernüchterte Poem über die »Götter Griechenlands« verfasst: »Ausgestorben trauert das Gefilde, Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick, Ach, von jenem lebenswarmen Bilde Blieb nur das Gerippe mir zurück«. Gemeint war damit aber nicht die ausgestorbene Kunstszene, sondern die rabiate Vertreibung der heidnischen Götter des Polytheismus durch den einen und einzigen Gott des Christentums. Schiller erntete Kritik und lieferte noch im letzten Lebensjahr eine weniger unchristliche Fassung: Die Pflege des entleerten Himmels war nun Sache der Poesie. Trauerarbeit leistete zur selben Zeit auch Wilhelm von Humboldt, damals Botschafter in der ruinenübersäten Hauptstadt Italiens. 1804 schrieb er an Goethe einen verdeckten Kommentar auf Lord Elgins Aktion: »Aber es ist auch nur eine Täuschung, wenn wir selbst Bewohner Athens oder Roms zu sein wünschten. Nur aus der Ferne, nur von allem Gemeinen getrennt, nur als vergangen muß das Altertum uns erscheinen. Es geht damit wie wenigstens mir und einem Freunde mit den Ruinen: wir haben immer einen Ärger, wenn man eine halb versunkene ausgräbt; es kann höchstens ein Gewinn für die Gelehrsamkeit auf Kosten der Phantasie sein.«

Goethe hatte die Botschaft verstanden; nach Schillers Tod kam er zurück in die deutsche Gegenwart. Fast vierzig Jahre trennten ihn nun von Winckelmann, dem bewunderten, ja geliebten Kunstlehrer von einst, und es waren dramatische, hochpolitische Jahre gewesen. Hinter ihm lag die Französische Revolution, die er hasste, und der Aufstieg Napoleons, den er bewunderte. Im Jahr seiner denkwürdigen Begegnung mit dem französischen Kaiser erschien endlich das deutscheste Werk der deutschen Literatur, »Faust I«, im Druck: es war dieser Faust, seit 1775 als »Urfaust« bekannt, dann weitergeführt als »Faust. Ein Fragment« und als solches 1790 erstmals veröffentlicht. Nun also 1808 »Faust I« zum Abschluss der Werkausgabe beim Verleger Cotta gedruckt: keine Iphigenie mehr und kein Prometheus, sondern sehr zeitgenössisch eine Figur, die Goethe angeblich aus einem Mainzer Puppenspiel kannte, das ihn als Kind so begeistert hatte; nun also ein Mann als Heiratsschwindler und Mörder, ohne weiteren philhellenischen Glanz, dazu ein satanisches Abkommen und die Tragödie einer jungen Frau, verführt, zum Wahnsinn getrieben und schließlich als Kindsmörderin hingerichtet, wenn auch von einem christlichen Gott erlöst.

Lord Byron kannte und verfolgte Goethes Ruhm, konnte aber kein Deutsch und also erst einmal nichts original lesen. Er ließ sich berichten und spiegelte schließlich die Faustgeschichte auf seine Art in dem Versepos »Manfred. A Dramatic Poem« von 1817. Goethe war begeistert. Zwar hatte er schon vorher Gedichte von Byron gelesen, auch ansatzweise übersetzt; aber nun verfolgte er nahezu unaufhörlich das Werk des Jüngeren und notierte monatlich im Tagebuch seine Lektüren bis ins Todesjahr. »Manfred«, ein schuldbeladener, schwermütiger Wanderer in den Schweizer Alpen, der nach Vergessen sucht, zaubert wie Faust Geister heran, aber es sind Naturgeister, die sich nicht materialisieren wollen, allenfalls alle zusammen in einer herrlichen Frau. Sie erscheint, Manfred will sie umarmen, doch sie entschwindet. Das Leiden beginnt. Das Muster einer immer wieder seltsam misslingenden Liebe zu einem blendenden Phantom, bisher nur in der Volksliteratur, in Sagen und in Märchen zuhause, war in der hohen Literatur in England und in Deutschland angekommen.

Der britische Dichter lieferte damals ein Paradestück zur sogenannten schwarzen Romantik. Die Mischung aus Okkultismus, moralischer Selbstqual und individueller Hybris inspirierte selbst Goethe, den Feind aller romantischen Poesie. Und doch dauerte es noch zehn Jahre, bevor er ein Bruchstück seiner Fortsetzung des Dramas zu Faust II unter dem Titel »Helena. Klassisch-romantische Phantasmagorie« (1827) als »Zwischenspiel zu Faust« öffentlich machte. Auch hier gab es nun die Frau als hinreißendes Phantom, als griechische Erscheinung, ja sogar als Erscheinung Griechenlands in begehrenswerter klassischer Gestalt; nicht als teuflisches Blendwerk wie im altdeutschen Puppenspiel. Diese Helena würde schließlich die Figur eines gemarterten Gretchens und aller umgebenden Schuld vergessen lassen; und doch gehörten sie beide zusammen wie die Gesichter einer Herme. Oder womöglich nicht? Wer sich in der griechischen Mythologie auskannte wie der Dichter und viele seiner Leser auch, wusste natürlich zugleich, dass man mit dieser Figur eine sagenhaft schillernde Überlieferung bekam, ein episches Delta, eine personifizierte Verflechtung von Narrationen, die dem Dichter jederzeit Abweichungen und Ausflüge erlauben würde.

Die Arbeit an dem Phantom dauerte lange, der alte Goethe empfand es selber so. Aber sie endete bedeutungsschwer im Jahr der Befreiung Griechenlands, drei Jahre nach Byrons Tod in dieser Mission, 1827. »Wie ich im Stillen langmütig einhergehe werden Sie an der dreitausendjährigen Helena sehen, der ich nun auch schon sechzig Jahre nachschleiche, um ihr einigermaßen etwas abzugewinnen«, schrieb Goethe dem Freund Nees von Esenbeck, einem Meteorologen. Dabei handelte es sich bei seinen neuen Versen um eine ganz aktuelle Liebeserklärung an Byron, den mit Goethes Sohn August fast gleichaltrigen Freiheitskämpfer, der nun im Stück in Gestalt eines Kindes von Faust und Helena erschien: ein Euphorion als leuchtend, flirrend übermütiges Geschöpf mit einem frühen Tod.

Byron selbst hatte diesen Tod in Wirklichkeit auch gesucht; denn er hatte kein allegorisches, sondern ein völlig realistisches Bild von Griechenland. Anders als Goethe engagierte er sich schon früh im Freiheitskampf aus dem Geist von Katharina der Großen. 1823 brach er mit einem gemieteten Schiff namens Hercules von Genua auf, um den aufständischen Griechen beizustehen, die ihren Krieg dann doch erst vier Jahre später unter großen Opfern und mit Hilfe der europäischen Nationen gewinnen konnten. Byron starb bald nach seiner Ankunft 1824 in Missolonghi, dem Hafen einer entscheidenden Schlacht, nicht als Heldenkämpfer, sondern am Fieber. Die Griechen betrauerten ihn außerordentlich. Nicht nur bestattete man sein Herz in Missolonghi und setzte ihm ein Denkmal, der griechische Nationalpoet Dionysios Solomos verfasste sogar ein Gedicht auf ihn, Söhne wurden namentlich nach ihm benannt und selbst eine Stadt nahe Athen. Seine letzte und einzige unmittelbare Botschaft an Goethe war ein ergreifender Dankesbrief vom 23. Juli 1823:

»Erlauchter Herr – Ich kann Ihnen nicht gebührend für die Zeilen danken, die mein junger Freund Sterling mir von Ihnen übersandte, und es würde mir schlecht anstehen, Verse zu tauschen mit dem, der seit fünfzig Jahren der unbestrittene Herrscher über die europäische Literatur ist. – Sie müssen daher meinen aufrichtigen Dank in Prosa annehmen – und noch dazu in eiliger Prosa – denn ich bin wieder einmal auf einer Reise nach Griechenland – und umgeben von Hast und Unruhe, die kaum einen Augenblick selbst der Dankbarkeit und Bewunderung gestatten – Ich segelte vor einigen Tagen von Genua ab – wurde durch widrige Winde zurückgetrieben – bin dann wieder in See gestochen – und traf heute früh hier in (Livorno) ein, um einige griechische Passagiere für ihr im Kampf befindliches Land an Bord zu nehmen. – Hier auch fand ich Ihre Zeilen und Mr. Sterlings Brief vor – und kein günstigeres Omen und keine angenehmere Überraschung hätten mir zuteil werden können als ein Wort von Goethe, geschrieben von seiner eigenen Hand. – Ich kehre nach Griechenland zurück, um zu sehen, ob ich dort nicht irgendwie nützlich sein kann; – wenn ich jemals wiederkommen sollte, will ich Weimar einen Besuch abstatten, um die aufrichtige Huldigung eines Ihrer vielen Millionen Bewunderer darzubringen. Ich habe die Ehre, stets und ergebenst zu sein,

Ew. dankbarer Bew[underer] und D[iener]

Noel Byron«

Eine deutsch-englische Wahlverwandtschaft im Faustgebiet hatte es freilich schon lange zuvor gegeben, wenn auch nie so innig wie zwischen Goethe und Byron. Seit 1600 reisten englische Comedians mit einem Faustspiel durch die Lande, auch durch die deutschen; denn seit 1587 gab es das deutsche Volksbuch mit der »Historia von J. Fausten dem weit beschreyten Zauberer«, gedruckt zu Frankfurt am Main von einem Johan Spies. Zwei Jahre später erschien die »Tragical History of Doktor Faustus« des englischen Autors Christopher Marlowe, ins Deutsche übersetzt allerdings erst 1818 von Wilhelm Müller, einem der bekanntesten Philhellenen seiner Zeit, ein Dichter, der nicht nur Franz Schubert zu seinen Liederzyklen »Die schöne Müllerin« und »Die Winterreise« inspirierte, sondern auch zahllose Lieder für die Freiheitsbewegung schrieb und als »Griechenmüller« bekannt wurde. Goethe hat Marlowes Stück angeblich erst durch Müller kennengelernt; er selbst berief sich immer auf das Puppenspiel seiner Frankfurter Kinderzeit, »wo Faust in seinem herrischen Übermut durch Mephistopheles den Besitz der schönen Helena von Griechenland verlangt«. In beiden Versionen wird Faust für seinen Pakt mit Mephisto bitter bestraft und muss zur Hölle fahren; zur Urform gehören aber auch Faust und Helena als Eltern mit einem Sohn namens Justus, der früh stirbt oder verschwindet, wie dann auch Goethes Euphorion.

Als Goethe von Marlowe hörte, hatte es einen Faust für fromme Bürger schon länger auf deutschen Bühnen gegeben, nur stammte er nicht von Goethe, sondern vom theatererfahrenen August Klingemann, der das Stück im Hoftheater Braunschweig noch vor Goethes Tod zur Aufführung bringen sollte. Als Mitglied einer Theatertruppe nahm sich Klingemann Freiheiten heraus; er sah Faust zwischen einer Ehefrau Käthe und einer teuflisch maskierten Helena zerrieben. Die Uraufführung 1811 in Breslau mit Ludwig Devrient als Mephisto hatte europaweiten Erfolg. Offenbar war es ein Reißer geworden; farbig, grotesk und bombastisch. In London sah ihn auch einer der größten Goetheverehrer Englands, der historische Schriftsteller und Essayist Thomas Carlyle. Er hatte eigens Deutsch gelernt, aus Zuneigung zu den deutschen Denkern, vor allem zu Fichte. In Byrons Todesjahr sandte er Goethe seine Übersetzung von »Wilhelm Meisters Lehrjahre« und begann eine jahrelange Korrespondenz mit dem alten Dichter. Carlyle spielte damals für die deutsche Literatur eine ähnliche Rolle für England wie Madame de Staël für Frankreich, deren Essay »Über Deutschland« von 1813 ein ganzes Kapitel hingerissener Faustlektüre enthielt. Carlyle, von ihr angeregt, besprach und lobte alle möglichen zeitgenössischen deutschen Autoren. Mit größter Hochachtung schrieb er sogar eine Biographie über Schiller, und »Faust I« wie auch die Helena-Phantasmagorie wurden eingehend von ihm gewürdigt.

Goethe starb 1832. Nach seinem erklärten Willen erschien der zweite Teil des Faust, also »Faust II«, erst nach seinem Tode im Druck. Aufgeführt wurde er sogar erst 1856, nach dem Tod seines Gesprächsbruders Eckermann, der bis dahin als Treuhänder des Werkes galt. Goethes letzte Regieanweisung lautete: »Helenes Gewande lösen sich in Wolken auf, umgeben Faust, heben ihn in die Höhe und ziehen mit ihm vorüber.« Diese Helena ist nicht nur keine Hexe, sondern rettet im Gegenteil Faust vor der Verdammnis. In Englands frommer Gesellschaft wurde das immer wieder getadelt. Sollte die griechische Helena mit Faust womöglich die Deutschen retten – und wenn ja: wovor? Entrückung und Versöhnung gelingen hier jedenfalls im Zeichen der Meteorologie, der sich Goethe zum Ende seines Lebens widmete. In einem früheren Entwurf hieß es wahrhaft himmlisch: »Die Wolke steigt halb als Helena nach Süd-Osten halb als Gretchen nach Nordwesten.«

ZWEITES KAPITEL
1832
Der Staat als Ziel. Philhellenische Hilfe: Katharina II., die Grafen Orlow und Kapodistrias. Die Schweizer und Jean-Gabriel Eynard. Die Engländer und Lord Byron. Die Bayern und Otto I. Die Heimholungen Griechenlands im Roman, in Architektur und Kunst. Goethes Faust II als Oper.

Im Mai 1832, zwei Monate nach Goethes Tod und elf Jahre nach Beginn des Freiheitskampfes, erhielten die Griechen einen Staat. Zum ersten Mal seit der Antike sollte es wieder ein eigenes Land griechischer Sprache geben, zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrtausend wäre es nicht mehr Teil eines christlichen Großreiches, sondern ein selbständig christlicher Staat, wenn auch mit langer nichtchristlicher Vorgeschichte, die immer noch kulturell alles zu überragen schien, was seit dem Römischen Reich mit der hellenischen Erbschaft geschehen war. In diesem Jahr 1832 wurde nach dem Beschluss der Großmächte Russland, England und Frankreich der Sohn des bayerischen Königs Ludwig I., der achtzehnjährige Otto I. inauguriert. Er durfte sich »König von Griechenland« nennen, nicht aber »König der Griechen« oder gar »der Hellenen«. Im Dezember reiste er von Brindisi in die vorläufige Hauptstadt Nauplion; die Regierung konnte er allerdings nur volljährig übernehmen, und erst 1841 war das Schloss in Athen überhaupt bezugsfertig. Es war das heutige Parlamentsgebäude, damals vom bayerischen Baumeister Friedrich von Gärtner errichtet.

Das Vorspiel zu dieser ganzen Inthronisierung, der griechische Freiheitskampf zwischen 1821 und 1827, war blutig verlaufen und keineswegs in Harmonie beendet worden. Er verdankte sich außer der russischen Initiative aus den 1770er Jahren unmittelbar dem Aufruhr der Französischen Revolution, deren Folgen vom Wiener Kongress unter Metternich nur mühsam und widerwillig mit nationalen Zugeständnissen gebändigt wurden. Aber die gebildete Welt stand aufseiten der Griechen, wenn auch durch einen Trugschluss vom alten Hellas auf das inzwischen osmanisch verwahrloste Land. Seit 1814 gab es mit Filiki Eteria und dem Verein der Philomusen aktive Geheimbünde einflussreicher Russen und Griechen in Odessa und Athen, teils politisch, teils nur kulturell aktiv, daneben aber auch unablässige Fürsprachen aus ganz Europa. Nicht nur Byron, der erstmals schon 1809 nach Griechenland gesegelt war, auch prominente Franzosen wie Benjamin Constant und Chateaubriand verlangten mit dringlichen Aufrufen öffentliche Teilnahme; deutschsprachige Philhellenen strömten heran, vor allem aus der Schweiz und aus Bayern und sogar aus den USA. Es waren Kämpfer und Ideologen, Christen und Sektierer, reiche und arme Leute, Abenteurer, Legionäre und gescheiterte Existenzen. Einer der Mitwirkenden, Wilhelm Barth aus Süddeutschland, hat ein penibles Verzeichnis mit biographischen Daten von rund 300 Teilnehmern aus Europa und den USA bis zum Jahr 1831 hinterlassen; es wurde allerdings erst 1961 im Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart sorgfältig ediert und gedruckt.

Aus der Schweiz kamen damals besonders tätige Helfer wie etwa der Zürcher Redakteur Johann Jakob Meyer, der an der Seeschlacht von Patras teilnahm, in Missolonghi eine Apotheke eröffnete und mit der Ellinika Chronika die erste Zeitung in Griechenland begründete, finanziert von Lord Byron, wenn auch widerwillig, denn er meinte, in einem Land von Analphabeten könne eine Zeitung nicht wirklich nützen. Schweizerische Philhellenen wirkten nachhaltig auch aus der Heimat; es gab Aufrufe und enorme Spenden vor allem von Kirchenleuten – denn Griechenland stand ja mit seiner alten Sprache für das Neue Testament und die Korintherbriefe des Paulus, die Vorlagen der volkssprachlichen Übersetzungen von Luther und Zwingli. In dieser hellenischen Sprache wiederum konnten die Manuskripte, wie auch ihre Auslegung, dann in der byzantinischen Orthodoxie und in Konstantinopel seit dem 6. Jahrhundert überdauern. Selbst als die Türken 1453 diese Stadt eroberten und das Osmanische Reich entstand, verschwand das griechisch-orthodoxe Christentum keineswegs; man hatte schließlich jahrhundertelang im ganzen Gebiet Klöster gebaut, Mönche erzogen, Gemeinden gepredigt, Menschen getauft, verheiratet und begraben. Für die Hohe Pforte waren diese Bildungszentren und Priester Werkzeuge der Verwaltung. Christen, die in festen Gemeinden lebten, ließen sich zur Steuer zwingen, ebenso wie die Juden mit ihren Handelsplätzen.

Aber nicht nur Christenmenschen halfen dem griechischen Aufstand, sondern, fast wichtiger, Finanziers. Der junge Staat brauchte Geld in jeder Hinsicht. Nachdem ein erster Kredit aus England 1824 im Umfang von 800.000 Pfund Sterling höchstens zur Hälfte in Griechenland ankam, wegen grassierender Korruption auch bei den Gebern, und ein zweiter wenig später ebenfalls versickerte, verschaffte man dem Land 1834 erneut 60 Millionen französische Goldfrancs, von denen freilich allein 12 Millionen der Hohen Pforte gezahlt werden mussten. An irgendeine Rückzahlung in solcher Höhe war kaum zu denken. Die Zinssätze lagen zu hoch, ebenso die Ausgaben, Einkünfte waren zu spärlich. Die Parteien versuchten ohnehin sich zu bereichern, mit einigem Recht natürlich auch die bayerische Regierung in Athen, die ihre Beamtenschaft installieren musste und dabei die Kosten einer würdigen Repräsentation nicht scheute. Untadelig und denkwürdig blieb damals der wichtigste Finanzier des werdenden Griechenstaates, Jean-Gabriel Eynard, ein Bankier aus Genf, der 1841 die Griechische Staatsbank gründete und wie Byron und später Ottos Vater, der bayerische König Ludwig I., mit hohen privaten Summen einsprang.

Das ganze idealistische Unternehmen war von Anfang an mehr als riskant. Zwar herrschte unter den Freiwilligen zunächst Begeisterung, aber nur wenige Kämpfer konnten durchhalten. Geld, Leben und Gesundheit waren der hohe Einsatz; und viele, wenn nicht die meisten Nachrichten klangen bedenklich. Süddeutsche Zeitungen erhielten Berichte oder veröffentlichten Privatbriefe; manche lobten die Griechen, andere tadelten ihre Rohheit, manche hielten sie für bildungsfähig, andere für bockig oder feige. Soldaten ärgerten sich, dass »selten ein Grieche den Mut hat, eine Kanone abzufeuern, viel weniger sie zu richten versteht«, während andere verhältnismäßig zufrieden konstatierten: »Wir bekommen Brot, Fleisch und Wein von der Einwohnerschaft, müssen aber selbst kochen. Kleidung haben wir nicht erhalten; wir tragen unsere eigene immerwährend fort. Geld will uns der Gouverneur zu den notwendigsten Bedürfnissen, als Tabak, Wäsche, u. s. w. geben.« Aber nicht Lohn gab es, sondern immer mehr Ärger und Streit, auch aus sprachlichen Gründen, denn natürlich konnten die wenigsten Ausländer sich mit den Einheimischen verständigen. »Damals strömten die Freiwilligen aus allen Gauen Teutschlands zahlreich zu König Ottos Fahnen […] Mit Freude verliess man sein Vaterland, um nur auf dem Boden wandern zu können, der durch so mächtig erhabene Erinnerungen aus der Vorzeit geheiligt ist. […] Ein Jeder von uns trug den Keim irgendeiner Hoffnung im Herzen, und nach Werbenderart versäumte man nicht, diesen Keim durch Versprechungen zu hegen und zum Treiben zu bringen: Daher die Täuschung so vieler Philhellenen, daher das damit verbundene Heimweh so Vieler, das schrecklich langsam, aber sicher würgende Gift einer unheilbaren Gemüthskrankheit«, resümierte schließlich ein Jakob Keyer.

Enttäuschung musste es schon aus mehreren Gründen geben. Zum Kampf gekommen waren und geworben hatte man unvorbereitete, unausgebildete und schlecht ausgerüstete Freiwillige. Die Verantwortlichen zuhause und vor Ort hatten zwar vielleicht Homer gelesen, aber keine Ahnung von Topographie und Klima, geschweige denn von medizinischer Versorgung. »Die Sterblichkeit unter den Soldaten ist sehr groß«, schrieb ein Medizinstudent seinem Bruder; »Täglich ein, oft auch zwei Leichenbegängnisse … Wir haben kein Spital, das nur einigermassen eingerichtet wäre, keine Fornituren für unsere Kranken, und was noch das allerschlimmste, keine Mittel und keinen Weg, darin Änderung und bessere Einrichtungen zu treffen.« Tatsächlich starben die meisten Opfer wie Lord Byron an Krankheiten und nicht im Kampf.

Das eigentliche Hindernis einer Staatsgründung aber, stellte sich mehr und mehr heraus, war die griechischerseits oft fehlende, weil niemals verlangte Idee einer wirklich städtischen Gesellschaft mit Willen zur Kooperation oder gar mit Sinn für eine zentrale Verfassung; selbst die gemeinsame Sprache war ja kein wirklich soziales Band. 400 Jahre osmanischer Herrschaft hatten außer der kirchlichen Hierarchie wenig mehr als lokale Chefs, Clans und sogenannte Klephten, also Briganten hinterlassen. Das Unternehmen wirklich vorantreiben konnten damals – wie wohl noch heute – nur die Griechen in der Diaspora, die Auslandsgriechen, zahlenmäßig ohnehin den Einheimischen überlegen, in jedem Fall aber besser gebildet und wohlhabender als die Inländer. Aber selbst diese Anstrengungen wären ohne den aufstürmenden, internationalen intellektuellen Philhellenismus der Epoche vergebens geblieben. Katharina die Große hatte 1768 den ersten Aufruf verfasst und später im Testament sogar ihren Enkel Konstantin zum griechischen König bestimmt; Voltaire hatte eine Ode für sie und ein wütendes Stück gegen die Türken geschrieben. Die große Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert widmete seit 1754 zahlreiche Artikel der griechischen Antike, wenn auch vielleicht noch mehr der römischen, die in Gestalt Italiens und mit Rom eine echte translatio imperii hinter sich hatte, was Griechenland natürlich unerreichbar war.

Tatsächlich hatte die Ideengeschichte zu diesem ganzen politischen Aufruhr schon lange zuvor mit Humanisten wie Martin Crusius und Erasmus Fahrt aufgenommen und sich um 1700 beschleunigt in dem bekannten Pariser Streit zwischen den Alten und den Modernen (Querelle des Anciens et des Modernes). Ging es hier meist noch um stilistische Fragen, wie etwa das Stilideal der simplicité, von Winckelmann später mit »edle Einfalt« übersetzt, wurde auf höherer Ebene schon mit andern Waffen gefochten. Alles Denkbare war an der griechischen Antike vorbildlich, und nicht zuletzt die staatliche Verfassung. Der Erzieher des Dauphin höchstpersönlich, François Fénélon, verfasste damals eine Satire, die Ludwig XIV. mit der Entlassung des Autors quittierte. Der Roman »Les aventures de Télemaque« von 1699 wurde zu einem europäischen Bestseller und unverzüglich ins Deutsche übersetzt. »Die seltsamen Begebenheiten des Telemach. Ein Staatsroman« erzählt in einem pseudohistorischen und zugleich utopischen Plot vom Sohn des Odysseus und dessen Lehrer Mentor (hinter dem sich die Göttin Athene verbirgt); die beiden reisen zusammen durch diverse Staaten, die meist durch Schuld ihrer von Schmeichlern und falschen Ratgebern umgebenen Herrscher zugrunde gehen: ein Spiegelbild für das kriegsverstrickte und verarmende Frankreich des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Mentor weiß aber Rat, indem er friedlichen Ausgleich mit Nachbarn empfiehlt, Wachstum und Förderung der Landwirtschaft anregt sowie Minderung der Luxusgüter. Ludwig XIV. verbot das Buch sofort nach Erscheinen, aber es kam in anderen französischen Ausgaben auch nach Brüssel und Den Haag und eroberte sich als Mischung zwischen Fürstenspiegel und Bildungsroman sein oft jugendliches europäisches Publikum.

Ähnlich graekophile Geschichten folgten in Deutschland und inspirierten die griechischen Freiheitskämpfer ihrerseits. Goethes »Werther« (1774) fühlte und handelte zwar ganz zeitgenössisch deutsch, konnte aber dennoch von Homer wie von einem Großvater schwärmen; während Christoph Martin Wielands »Geschichte des Agathon« (1767–1777) in einem fiktiven Hellas spielte und tatsächlich 1814 vom Direktor der Smyrna-Schule, Konstantin Kumas, ins Neugriechische übersetzt wurde. Ein Jahr vor der Revolution erschien dann in Frankreich »Die Reise des jungen Anachasis in Griechenland« (1788) des Archäologen Jean-Jacques Barthélemy, begonnen 1757 und 1819 ebenfalls ins Griechische übersetzt. Auch und gerade dieser Bericht hat sich europaweit verbreitet und wurde bis 1893 ununterbrochen aufgelegt. Noch im 20. und 21. Jahrhundert wurde der Plot von Künstlern und Dichtern erwidert, zuletzt 2014 von Marlene Streeruwitz: »Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland«, nun also erstmals von einer Frau geschrieben und von einer Frau handelnd. Im Original ging es dabei um einen sogenannten »edlen Wilden«, einen jungen Skythen, Sohn des berühmten skythischen Philosophen Anacharsis, der durch ganz Hellas reist und rückblickend die Gebräuche, die Regierung, die Kunstwerke, die Sprache, Dichtung und das ganze ihm eigentlich fremde, nun aber gegenwärtige Land schildert, um zeitgenössischen Lesern eine mehrschichtige Kenntnis zu liefern. Es wurde eine Art Sachbuch; eine spätere Ausgabe enthielt sogar noch genaue Karten für Zeitreisende zum 4. Jahrhundert vor Christus. Auch dieses Buch traf mit seinem revolutionären Horizont ins Herz des griechischen Aufstands, denn der wichtigste Anführer, Rigas Velestinlis, lieferte eine neugriechische Übersetzung des vierten Bandes mitsamt persönlichen Anmerkungen. Doch wurde der Autor von der Zensur erfasst, verhaftet und in Bukarest hingerichtet.

In diesen Jahren konnten deutsche Leser also, neben dem immer noch unübertroffenen antiken Pausanias, ganz reale Ortsbeschreibungen des antiken Hellas wie auch des gegenwärtigen Griechenland von Autoren wie Pierre Guys und Richard Chandler lesen; und wenn Goethes Werther von seiner Homerlektüre schwärmt, galt das nicht unbedingt einer originalsprachlichen. Auch den herrlich illustrierten Reisebericht von Gabriel de Choiseul-Gouffier, einem Diplomaten und Althistoriker, konnten die von Winckelmann aufgeweckten Geister schon 1782 studieren, jedenfalls den ersten Band seiner »Voyage pittoresque de la Grèce«, um sich mit den dort beschriebenen Zuständen des gegenwärtigen Landes unter osmanischer Herrschaft zu befreunden, sie mindestens zur Kenntnis zu nehmen, wenn das nicht schon Chandler ein paar Jahre zuvor gelungen war. Choiseul-Gouffier war Botschafter an der Hohen Pforte von 1784 bis 1791; mit der Französischen Revolution, die er erbittert bekämpfte, verlor er den Posten und seine Besitztümer. Er floh nach Russland, wo man ihn zum Direktor der Akademie der Künste und der kaiserlichen Bibliothek ernannte. Katharina die Große schenkte ihm Ländereien in Litauen; 1802 kehrte er nach Frankreich zurück, 1809 erschien der zweite Band, und als der dritte 1822 posthum erschien, war der Freiheitskampf der Griechen schon in vollem Gang.

Im Dezember 1821 nämlich war in Nea Epidauros eine erste griechische Nationalversammlung zusammengetreten; und im selben Jahr exkommunizierte das Patriarchat von Konstantinopel auf Befehl der Hohen Pforte alle Aufständischen. Auf welche Tradition wollten die aufsässigen Griechen sich jetzt berufen? Nicht nur die politische Abspaltung eines Landes aus einem Großreich, auch der Konflikt zwischen einer heidnischen Antikenverehrung und einer über tausendjährigen christlichen Orthodoxie im byzantinischen Reich war unausweichlich. Tatsächlich nahm die Kirche in Konstantinopel ihre Glaubenskinder erst nach Ottos I. Abdankung 1863 wieder zurück; dabei hatte eine 1833 eigens einberufene Synode von Athen ohnehin die griechische Kirche für autokephal erklärt und damit die Freiheitsbewegung gestärkt. Es war eine plausible Maßnahme, denn nur so war die Zustimmung der Landbevölkerung zu erreichen. Allein die Propaganda eines idealistisch gebildeten, womöglich sogar protestantischen Philhellenentums hätte die ungebildeten Einwohner auf dem Lande und in den Bergen niemals wirklich beeinflusst. Eindruck gemacht hätte hier allenfalls das griechische Militär mit seiner Hoffnung auf Wiedergewinnung des alten byzantinischen Reiches mit Konstantinopel am Horizont; man sprach hier von der sogenannten »Megali Idea«, von dem großgriechischen Reich, die das politische Handeln des neuen griechischen Staates dann bis 1922 teils glücklich, teils desaströs tatsächlich bestimmen sollte.

Doch vorerst trugen Klephten und Clans ihre Streitigkeiten trotz fremder Mächte weiter aus wie bisher und wollten sich keiner Zentralgewalt unterwerfen. Nach einer katastrophalen Niederlage in Missolonghi 1826 kam es im Oktober 1827 zur entscheidenden Schlacht im Hafen von Navarino; die europäische Flotte versenkte fast alle Schiffe des ägyptischen Sultans Mehmet, der dem Osmanischen Reich noch einmal zu Hilfe gekommen war. Ein Protokoll hielt die Kapitulation der Türkei fest, und im April wurde schließlich Graf Ioannis Kapodistrias aus Korfu, ein erfahrener Politiker in russischen Diensten, Mitglied von Filiki Eteria und Gründer des Vereins der Philomusen, zum ersten Präsidenten einer ersten Verfassung gewählt. Mit zahlreichen Maßnahmen versuchte er eine Zentralverwaltung gegen die widerspenstigen Provinzherren durchzusetzen, wurde aber 1831 von griechischen Clanchefs ermordet. Gerüchte kursierten, es sei ein englischer Hinterhalt gewesen, um Russland keinen zu großen Einfluss auf das griechische Geschick zu lassen; andere Gerüchte besagten im Gegenteil, er sei das Werkzeug Russlands geblieben, und wieder andere verdächtigten ihn, selbst König werden zu wollen. Lulu Gräfin Thürheim, die ihn 1817 in Karlsbad kennenlernte, beschrieb ihn jedoch in ihren Erinnerungen ungemein beeindruckt: »Es ist dies ein bescheidener Mann, dessen Charakter und Verstand ihm jedoch die Herrschaft über alle geben, mit denen er verkehrt; sein durchdringender und schwermütiger Blick offenbart von Haus aus die Seele eines Philosophen, der über alles nachgedacht und erkannt hat, dass nichts auf dieser Welt großen Wert besitzt. Sein griechischer Akzent (er ist Korfe) verleiht seiner Aussprache etwas Fremdes und Graziöses, das mit der Ruhe seiner Bewegungen, seiner originellen Beredsamkeit und der Harmonie in seinem ganzen Wesen übereinstimmt und ihn in meinen Augen ganz anders erscheinen lässt, wie die übrigen Leute von Geist, mit denen ich bisher zusammentraf. Nichts verrät an ihm den Günstling. Capo d’Istria wäre vollkommen liebenswert, wenn er um zehn Jahre älter wäre, denn mit seinen kaum vierzig Jahren und seinem reizenden Lächeln und Augen, wie ich sie noch nie so schön gesehen habe, könnte er etwas weniger ernst und mehr jung sein.«

Trotz oder wegen andauernder Spannungen im Lande einigten sich die Großmächte in einem zweiten Londoner Protokoll nun auf den jungen bayerischen Kronprinzen Otto von Wittelsbach, der von seinem Vater ohnehin schon in leidenschaftlicher Griechenverehrung erzogen worden war. Mit Otto kamen an die sechstausend Helfer ins Land, teils Soldaten, teils Beamte, teils einfach Abenteurer oder gebildete Freunde des Landes, von denen viele später ebenfalls zu Beamten erhoben wurden. Es wurde eine erste Begegnung der Deutschen mit der griechischen Realität in sozialer, politischer und kultureller Hinsicht; und es wurde eine oft zermürbende, teils von rücksichtslosem Herrschaftswillen, teils aber auch von großem Idealismus getragene Koexistenz. Faust und Helena, mochte man meinen, versuchten sich endlich in einer Ehe, deren Stifter inzwischen gestorben war. Um dem antiken Ideal näher zu kommen und das Land mit Verstand zu regieren, brauchte man Juristen, Soldaten, Lehrer, Architekten, Dichter und Maler. Verwaltung, Bildung, Militär, Rechts- und Sozialwesen mussten eingerichtet werden; und das Leitbild gab dabei natürlich der bayerische Staat unter Ludwig I. ab, dessen Griechenliebe schon bis ins »y« im Landesnamen von Bayern hineingereicht hatte. Zu den bekanntesten deutschen Kulturhelfern der neuen Athener Regierung zählten damals neben dem Pädagogen Friedrich Thiersch, dem engagierten Lehrer von Otto, auch der Architekt Friedrich Wilhelm von Gärtner, Erbauer des Athener Schlosses und Kollege von Leo von Klenze. Klenze galt wie Gärtner als Ludwigs Hofarchitekt; mit seinen zahlreichen Bauten in München sollte und wollte er ein zweites Athen herstellen; selbst die sogenannte Walhalla in Regensburg spiegelte trotz ihres germanischen Namens das Parthenon. Klenze war zwar stärker als Gärtner hellenistisch inspiriert, aber dennoch kein verträumter Griechenfreund wie sein größter Konkurrent aus Preußen, Karl Friedrich Schinkel. Dieser glanzvolle Baumeister und schließlich sogar Oberbaurat des gesamten Landes war Philhellene durch und durch, dazu ein begabter Maler und Bühnenbildner, auch wenn fast die Hälfte seiner Entwürfe blieben, was sie waren. 1825 widmete er sein letztes großformatiges Gemälde namens »Blick in Griechenlands Blüte« dem griechischen Freiheitskampf; es zeigte halbnackte junge Männer beim Tempelbau nach den Regeln griechischer Architektur. Und nun, anlässlich des bayerischen Regierungsantritts, entwarf er auf Anregung des preußischen Kronprinzen einen Palast, der eine Akropolis völlig umgestalten sollte, die Schinkel selber nie gesehen hatte. Die Ruinen von Parthenon, Propyläen, Erechtheion und Niketempel sollten abgeräumt und in Gärten integriert werden. Erwartungsgemäß kritisierte Leo von Klenze die umfangreichen Pläne heftig und erfolgreich als »Sommernachtsträume« und meinte, die welthistorische Athener Akropolis dürfe allein Sache der Archäologen sein.

Wirklich gehörte Schinkel, wie die meisten preußisch protestantischen Philhellenen im 19. Jahrhundert, zu den Auslandsfreunden, die sich aus zweiter und dritter Hand über die leibhafte Wirklichkeit Griechenlands informierten. So etwa hatte er ausgiebig das Werk der Engländer Stuart und Revett studiert, das für die Zwecke eines Architekten wie geschaffen war, da es die genauesten Maßangaben und Zeichnungen einschließlich der antiken Grundrisse enthielt und damit ohne weiteres in architektonische Lehrbücher und Sammlungen architektonischer Entwürfe eingehen konnte. Europäische Baukunst war für Schinkel gleichbedeutend mit griechischer Baukunst, im Sinne Winckelmanns und nach der Devise, »das Notwendige der Construction schön zu gestalten«. Aber Schinkel begeisterte sich eben auch für phantastische Architektur; an die vierzig Bühnenbilder stammen von ihm. 1816 hatte er mit seiner Berliner Ausstattung von Mozarts »Zauberflöte« Goethe für sich gewonnen; es waren zwölf herrlich orientalisierende Bühnenbilder, darunter das sternenübersäte Pantheon für den Auftritt der »Königin der Nacht«.

Keinen anderen Opernkomponisten hat Goethe in Weimar so häufig aufgeführt wie Mozart; zwischen 1791 und 1813 wohl fast dreihundertmal; darunter die Zauberflöte mit 82 Aufführungen am häufigsten. Dass Goethe selber eine Fortsetzung zu der Oper verfasst hat, ist fast vergessen, dabei gab es schon seit 1795 erste Entwürfe, die auch gedruckt, aber nie aufgeführt wurden. Angeblich fand Goethe keinen Komponisten dafür; angeblich hatte Mozarts Librettist, Emanuel Schikaneder, eine eigene Fortsetzung gedichtet. Goethes »Zauberflöte II« hatte seltsamerweise nur ein Thema: das Kind, das Pamina und Tamino sich wünschen und gezeugt haben, und das schließlich nach einer Irrfahrt als »Genius« aus einem Sarg gerettet wird, während die Kinder von Papageno und Papagena aus drei Vogeleiern schlüpfen. Das Motiv des bedrohten, geraubten, verschleppten oder gar getöteten Kindes gehörte zu Goethes Schlüsselphantasien. Seit der realistischen Kindsmordepisode aus »Faust I« stand das nahezu alchemistisch gezeugte Knäblein Otto aus den »Wahlverwandtschaften« von 1808 in seinem Horizont, und präsent war Goethe natürlich beständig auch das Knäblein Justus aus dem faustischen Puppenspiel in Frankfurt. Das Geschöpf, welches später als Euphorion in »Faust II« abenteuerlich umhertanzt, ähnelt dem Schicksalskind aus der Zauberflöte II bedeutsam. Denn auch diese Zauberflöte II durchzieht ein Hauch von paradoxer, weil mythologischer Naturwüchsigkeit, wenn der Nachwuchs vom Vogelfänger, der ja selber kein Vogel ist, aus Eierschalen springt. Es war eine Anspielung auf Helena, die nach der Sage von einem schwangestaltigen Zeus gezeugt und von der Mutter Leda in einem Ei geboren wurde, zusammen mit Zwillingen, den Dioskuren. Zugleich wird in diesem Libretto auch höhere Weisheit bemüht, die Weisheit der Freimaurer, die schon Mozarts Komposition erfüllt. Der Mythos von Isis und Osiris steht hinter den Zeilen und den erahnten Noten; das Kind dieser beiden ist kein anderer als Horus, das Götterkind, der oberste Gott der ägyptischen Religion. Gab es also hinter Faust und Helena ein hochkulturelles, orientalisches Muster, ein Muster, das zwar nicht auf Erlösung, wohl aber auf Versöhnung der Gegensätze aus war? So wollten es spätere Erben der goetheschen Spätwelt verstanden wissen, als es um den Grundstein der sogenannten »Anthroposophie« gehen sollte; so hat es auch seit 1956 dann Katharina Mommsen dokumentiert, die dem Herzstück der west-östlichen Goetheforschung ein Lebenswerk gewidmet hat.

Dass auch Goethe sich seinen »Faust« überhaupt als Oper vorstellen konnte, ja ausdrücklich wollte, ist bekannt; auch und gerade »Faust II« erfüllt ja nach den Regieanweisungen die Liebeshöhle des Hohen Paares mit Komposition: »vielstimmige Musik« erklingt zur Geburt des Euphorion. Das musikalische Publikum und die Komponisten folgten der Anregung. Noch zu Goethes Lebzeiten gab es ein halbes Dutzend Vertonungen, in Frankreich wie in Deutschland, auch unter Goethes Mitwirkung. Bis hin zu Thomas Manns Dr. Faustus, dem Tonkünstler, war Goethes Drama eben auch Tonkunst, ergötzendes Klangschauspiel, mit den ausschweifenden Möglichkeiten der Verskunst und den harmonischen Möglichkeiten eines wohltemperierten Systems – und damit also auch mit den Hoffnungen auf eine erlösende Koexistenz von Faust und Helena und allem, was sie an scharfen Kontrasten eigentlich personifizierten.

DRITTES KAPITEL
1832 bis 1871
Nachrichten aus Weimar, Wien, Athen. Die neue Sprache Katharevousa. Jakob Philipp Fallmerayer als linguistischer Scharfrichter. Sprachenlernen als »furchtbare Passion«: Auftritt Heinrich Schliemann. Die unglaubliche Laufbahn eines ostdeutschen Pfarrerssohns. Heinrich und der »Schatz des Priamos«; Heinrich und Helena: das Traumpaar des deutschen Hellenismus.

Die politische Realität hinter dem Harmoniebegehren von 1827, dem Jahr des griechischen Triumphs und der goetheschen »Helena«, sah aber natürlich ganz anders aus. Bei aller Liebe zu Musik und Dichtung und zum alten Griechenland schätzte Goethe die Lage eher realistisch ein. Am 2. April 1829 brach es im Gespräch mit Eckermann geradezu prophetisch aus ihm heraus: »›Ich will Ihnen ein politisches Geheimnis entdecken‹, sagte Goethe heute bei Tisch, ›das sich über kurz oder lang offenbaren wird. Kapodistrias kann sich an der Spitze der griechischen Angelegenheiten auf die Länge nicht halten, denn ihm fehlet eine Qualität, die zu einer solchen Stelle unentbehrlich ist: er ist kein Soldat. Wir haben aber kein Beispiel, daß ein Kabinettsmann einen revolutionären Staat hätte organisieren und Militär und Feldherrn sich unterwerfen können. Mit dem Säbel in der Faust, an der Spitze einer Armee, mag man befehlen und Gesetze geben, und man kann sicher sein, daß man gehorcht werde; aber ohne dieses ist es ein mißliches Ding. Napoleon, ohne Soldat zu sein, hätte nie zur höchsten Gewalt emporsteigen können, und so wird sich auch Kapodistrias als Erster auf Dauer nicht behaupten, vielmehr wird er sehr bald eine sekundäre Rolle spielen. Ich sage Ihnen dieses voraus; es liegt in der Natur der Dinge und ist nicht anders möglich.‹«

Dass der griechische Aufstand den ehemaligen russischen Gesandten Kapodistrias plötzlich in die Rolle eines Napoleon versetzen könnte, wie nun 1827 durch die revolutionären Zustände im Osmanischen Reich, muss Goethe tatsächlich erschreckt haben. Er hatte den Grafen zwei Jahre zuvor in Weimar kennengelernt; ein junger Schützling der »Philomusen« – dem Bildungsverein des Grafen – studierte damals in München und übersetzte hingebungsvoll Goethes »Iphigenie« ins Griechische. Genauer, er übersetzte das berühmteste Stück des deutschen Philhellenentums in die neugriechische Kunstsprache Katharevousa, die der Schriftsteller Adamantios Korais erfunden hatte und dem jungen Staat einprägen wollte. Es war eine idealistische und zugleich ganz realpolitische Initiative. Das Motiv der auch sprachlich gradlinigen Abstammung aus dem alten Hellas befeuerte natürlich nicht nur die gebildeten Ausländer, sondern vor allem die griechischen Intellektuellen selber; auf dem Weg zu einer nationalen Wiedergeburt wollte man die Dialekte hinter sich lassen, die im osmanischen Vielvölkerstaat zwangsläufig entstanden waren. Das Experiment gelang nur halb, denn anders als in Israel, wo das zurückeroberte Hebräisch tatsächlich eingebürgert werden konnte, blieb die Katharevousa als eher förmliche Schrift- und Amtssprache nur bis 1976 erhalten, nur wenig länger als die griechische Monarchie. Seither wird eine gehobene Alltagssprache namens Dimotiki benutzt, die aber durchaus antike Herkunft erkennen lässt.

Es war absehbar, dass es mit der Gründung eines griechischen Staates auch zu heißen Kämpfen um die zukünftige Sprache – vor allem die Amtssprache – kommen musste: schließlich gehörte das klassische Griechisch der gesamten antiken Literatur zur Ahnenreihe eines Weltreiches noch unter Alexander dem Großen und lange danach auch im Römischen Reich. Die alte Sprache trug das identitätsbildende Narrativ des Volkes und einst real existierenden Landes, nach dem sich auch eine neugriechisch sprechende Iphigenie sehnen mochte. Goethes Stück wurde also 1818 von einem jungen Studenten namens Papadopoulos übersetzt. Aber wer konnte dieses Griechisch im neuen Land schon sprechen, verstehen oder schreiben? Trotzdem war die Einsetzung der Katharevousa das Gebot der Stunde, denn tatsächlich brach der schärfste Kritiker der soeben mühsam errungenen Staatlichkeit genau in diese offene Flanke. Zielgenau im Jahr 1830 veröffentlichte ein Südtiroler Historiker eine Schmähschrift gegen das zeitgenössische Griechenland in Gestalt einer linguistischen Untersuchung. Jakob Philipp Fallmerayers »Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters: ein historischer Versuch« begann mit folgenden Sätzen: »Das Geschlecht der Hellenen ist in Europa ausgerottet. Schönheit der Körper, Sonnenflug des Geistes, Ebenmaß und Einfalt der Sitte, Kunst, Einfalt, Stadt, Dorf, Säulenpracht und Tempel, ja sogar der Name ist von der Oberfläche des griechischen Kontinents verschwunden […] Denn auch nicht ein Tropfen ächten und ungemischten Hellenenblutes fließet in den Adern der christlichen Bevölkerung des heutigen Griechenlands. Ein Sturm, dergleichen unser Geschlecht nur wenige betroffen, hat über die ganze Erdfläche zwischen dem Ister und dem innersten Winkel des peloponnesischen Eilandes ein neues, mit dem großen Volksstamme der Slaven verbrüdertes Geschlecht von Bauern ausgegossen. Und eine zweite, vielleicht nicht weniger wichtige Revolution durch Einwanderung der Albanier in Griechenland hat die Szenen der Vernichtung vollendet.«

Wen also würde ein deutscher Faust im Athen des Jahres 1832 in den Armen halten, überhaupt welche Frau wäre wirklich Griechin mit hellenischem Stammbaum? Grausamer als mit Fallmerayers Worten konnte man die desaströse Vertreibung der Helena aus den Phantasien deutscher Philhellenen nicht beschreiben. Ob der alte Goethe jemals davon erfuhr? Es ist nicht bekannt.

Fallmerayer hatte in längeren Reisen durch das Land vor allem Namenkunde betrieben, geographisch wie sozial, und dabei eine völlige Dominanz der slawischen Sprachen festgestellt. Seine gehässige Formulierung galt der idealistischen Emphase nicht nur von Leuten wie Adamantios Korais, sondern eben auch der ganzen philhellenischen Begeisterung in Bayern, die Fallmerayer in München, wo man ihm eine Professur überlassen hatte, aus nächster Nähe kennengelernt hatte. Auch wenn die Forschung inzwischen fast alles widerlegt hat, was der Professor im Brustton der Überzeugung behauptet hatte, seine brutal rassistische Auslassung sollte nie wieder aus dem Magazin der Griechenkritiker wie auch der Eugeniker verschwinden. Im Gegenteil, sie gewann mit der Epoche Darwins immer mehr Fahrt, um spätestens 1941 in den Köpfen der deutschen Wehrmacht und schließlich auch sinngemäß bei Hitler zu landen.

Gespenstisch daran war nicht zuletzt, dass die Tirade einen gewissen Vorlauf mitten aus der innigsten literarischen Liebeserklärung der Deutschen besaß. Schon 1810 sprach der Geographielehrer von Schillers Söhnen, Friedrich August Ukert, in seinem landeskundlichen Werk über das Griechenland seiner Zeit von »den entarteten Nachkommen« der Hellenen, die er erforscht habe, »um zu sehen, ob das gesunkene Geschlecht, das mit so vielen fremden Völkern vermischt ward, so lange unter dem Druck roher und harter Beherrscher seufzte, noch den alten Griechen ähnlich zu nennen sei«. Freiheitliche Hoffnungen hatten Ukert zu seinem Werk getrieben, dessen liebevolle Detailfreude damals unübertroffen war; wer es las, konnte sich in Griechenland zuhause fühlen. Für ein idealistisches Publikum gespenstisch musste aber auch schon der Vorgänger dieser Meinungsschmiede sein. Es war ausgerechnet Hölderlin, der schon ein Dutzend Jahre vor Ukert seinen Hyperion sagen lässt: »Ich will, sagt ich, die Schaufel nehmen und den Kot in eine Grube werfen. Ein Volk, wo Geist und Größe keinen Geist und keine Größe mehr erzeugt, hat nichts mehr gemein, mit andern, die noch Menschen sind, hat keine Rechte mehr, und es ist ein leeres Possenspiel, ein Aberglauben, wenn man solche willenlose Leichname noch ehren will, als wär ein Römerherz in ihnen. Weg mit ihnen! Er darf nicht stehen, wo er steht, der dürre faule Baum, er stiehlt ja Licht dem jungen Leben, das für eine neue Welt heranreift. Alabanda flog auf mich zu, umschlang mich, und seine Küsse gingen mir in die Seele.«

Wenigstens gab es nicht nur den griechischen Aufrührer Alabanda in diesem Roman, sondern eben auch eine Diotima. Mit ihr erinnerte Hölderlin namentlich an die einzige und überragende weibliche Figur aus den Dialogen des Sokrates, wo sie die mystische Theorie der Liebe erläutert – und nun also auch Hyperion zur Nächstenliebe auffordert: »Ich bitte, dich, geh nach Athen hinein, noch einmal, und siehe die Menschen auch an, die dort herumgehn unter den Trümmern, die rohen Albaner und die andern guten kindischen Griechen, die mit einem lustigen Tanze und einem heiligen Märchen sich trösten über die schmähliche Gewalt, die über ihnen lastet – kannst du sagen, ich schäme mich dieses Stoffs? Ich meine, es wäre doch noch bildsam. Kannst du dein Herz abwenden von den Bedürftigen? Sie sind nicht schlimm, sie haben dir nichts zu leid getan. Was kann ich für sie tun, rief ich. Gib ihnen, was du in dir hast, erwiderte Diotima …«

»Hyperion«, dieser Briefroman über den allerersten griechischen Befreiungskampf, erschien in zwei Bänden zehn Jahre nach der Französischen Revolution. Napoleon war Erster Konsul geworden und unterwegs zum Kaisertum. Mit der historisch viel älteren Szene des Romans erinnerte Hölderlin an die Seeschlacht von Tschesme im Auftrag Katharinas, unter Leitung des Grafen Orlow 1770. Zwar besiegten damals die Russen die Türken, aber der Aufstand im Land der Griechen misslang – und dieses Misslingen hielt der Roman nun auch seiner eigenen Gegenwart vor. Napoleons Aufstieg bedeutete das Ende der Freiheit in Frankreich wie auch in Deutschland, dem der wohl schneidendste Satz des Romans galt: »Es ist ein hartes Wort und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergossne Lebensblut im Sande verrinnt?«

Hölderlins Roman wurde trotz aller Liebe zum Traumvolk nicht in die neugriechische Katharevousa übersetzt. Der einzige Grieche, der dazu fähig gewesen wäre, Rigas Velestinlis, wurde 1798 hingerichtet; und als es 1832 endlich einen Staat mit kulturellen Ambitionen gab, hatte anderes Vorrang.

Fallmerayers Tirade empörte jedenfalls das gesamte philhellenische Feld. Im Nu machten die Sätze die Runde, bis hin zu Ludwig I., der dem Autor die Professur entzog. Auch die Griechen selber protestierten und bestärkten ihre Forschungen zur byzantinischen Kontinuität des Hellenentums. Eine der herausragenden und beispielhaften Figuren in dieser Gesellschaft war der Theologe Theoklitos Farmakides. Nach einem Studium in Istanbul, Jassy und Bukarest wurde er 1811 geweiht und dann nach Wien geschickt, wo er bis 1818 als Priester wirkte. Hier lernte er Latein, Französisch und Deutsch, wurde Mitglied der Filiki Eteria und Mitherausgeber der Zeitschrift »Hermes Ho Logios«, einem Sprachrohr von Adamantios Korais. Damit war Farmakides ein entschiedener Verteidiger der Katharevousa. Am griechischen Aufstand nahm er ab 1821 teil; als Mitglied der ersten Nationalversammlung wurde er ab 1825 Herausgeber der »Allgemeinen Zeitung von Griechenland«, dem späteren Amtsblatt der Regierung und unter Otto I. treibende Kraft bei der Synode von 1833. 1837 erhielt er den Lehrstuhl für Theologie an der neuen Universität Athen. Zweifellos kannte er das Pamphlet des Griechenfeindes Fallmerayer, und womöglich war es auch Thema des Unterrichts.

Unter seinen Studenten muss damals jedenfalls ein gewisser Theodorus Vimbos aus Athen gewesen sein, später Bischof dortselbst und Erzbischof von Mantineia. Im Jahr 1856 verdiente sich Vimbos noch Geld als Sprachlehrer vorübergehend in Petersburg. Unter seinen Schülern war ein prominenter deutscher Geschäftsmann, der seit Ende des Krimkrieges als reichster Mann der Petersburger Börse galt. Er hieß Heinrich Schliemann – und der Moment, in dem er den jungen Vimbos traf, war schicksalsträchtig. Ihn, den eingefleischten Geschäftsmann, hatte nämlich nach eigener Auskunft eine unerhörte Sprachpassion erfasst. Fast verzweifelt schrieb er im Dezember 1856 seiner Tante Magdalena nach Kalkhorst: »Wissenschaften und besonders Sprachstudium sind bei mir zur wilden Leidenschaft geworden, und jeden freien Augenblick darauf verwendend ist es mir gelungen, in den zwei letzten Jahren noch die polnische, slavonische, schwedische, dänische sowie im Anfang d. J. die neugriechische Sprache fertig zu erlernen, so daß ich jetzt 15 Sprachen geläufig spreche u. schreibe. Die furchtbare Passion für Sprachen, die mich Tag und Nacht quält und mir fortwährend predigt, mein Vermögen den Wechselfällen des Handels zu entziehen u. mich entweder ins ländliche Leben oder in eine Universitätsstadt wie z. B. Bonn zurückzuziehen, mich dort mit Gelehrten zu umgeben u. mich ganz und gar den Wissenschaften zu widmen, ist jetzt schon seit Jahren in blutigem Kampf mit meinen zwei anderen Leidenschaften, dem Geiz und der Habsucht …«

Zwei Jahre später hatte er genügend Neu- wie auch Altgriechisch gelernt, um eine erste große Reise nach Athen anzutreten; aber die Geschäfte, vielleicht auch die Reichtumsgier eines Schatzgräbers und überhaupt Geltungssucht fesselten ihn und seine Ursehnsucht noch zwölf Jahre, bevor er in der Türkei nach Homer zu suchen und zu graben begann.

Heinrich Schliemann, geboren 1822 in Neubukow, Mecklenburg, aufgewachsen in Ankershagen, jammervoll gestorben auf einer Straße in Neapel, war ein kultureller Oligarch, wie ihn die Welt oder mindestens die deutsche bis dahin noch nicht gesehen hatte. In einen ärmlichen Pfarrhaushalt verschlagen, mit einem offenbar brutalen, aber kenntnisreichen Vater gestraft, verlor er früh die Mutter und musste schon mit vierzehn als Handlungsgehilfe arbeiten. Aber er war der Arbeit physisch nicht gewachsen. Nach Missgeschicken auf See kam er mit zwanzig in Amsterdam in einem Handelskontor unter; hier lernte er zwar Handel treiben, fühlte sich aber unterfordert und lernte Sprachen gleich schockweise: erst Englisch, Französisch, Holländisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch, später Russisch. Offenbar war niemand in seiner Umgebung darüber erstaunt. 1846 ging er nach Petersburg und baute ein Imperium auf; schon 1854 galt er dort als Börsenmagnat, und das erst recht, als ihm der Krimkrieg 1854–1856 das Vermögen noch einmal verdoppelte; er hatte rechtzeitig Waren für das Militär eingekauft. Aber nun machten Geschäfte ihm keine Freude mehr; er fürchtete beständig Verluste und träumte nur noch von Bildungsreichtum. Inzwischen hatte er Reisen quer durch Europa und bis nach Amerika absolviert, Schwedisch und Polnisch gelernt, bis er in Petersburg auf Theodorus Vimbos traf, den Mann seiner Träume. Mit ihm entwickelte er eine eigene Methode, lernte erst Neu-, dann Altgriechisch und verständigte sich wenn nötig mit einer Mischung aus beidem. Es vergingen aber noch weitere zehn Jahre mit Geldverdienen, Reisen und Sprachenlernen in Asien und im Orient, ehe er sich 1866 in Paris niederließ, um ein Studium aufzunehmen. Alle möglichen Fächer wurden erwogen, aber die Antike reizte ihn dann offenbar doch am meisten. 1868 kam er zum ersten Mal über Italien zur Peloponnes und in die Türkei nach Hissarlik, wo nach Meinung einiger Fachleute und gebildeter Dilettanten Troja, die berühmteste Stadt aus Homers »Ilias« liegen musste. Mit dem Bericht über diese Reise promovierte Schliemann 1869 an der Universität Rostock; im selben Jahr heiratete er die blutjunge Griechin Sophia Engastromenou, eine Nichte seines Griechischlehrers. Zwei Jahre später hatte er sich endlich mit den türkischen Behörden geeinigt und stürzte sich auf die Ausgrabung Trojas im damals türkischen Gebiet. Er glaubte an die Wörtlichkeit der homerischen Epen wie ein Pietist an das Evangelium; Odyssee und Ilias waren für ihn nicht Gedichte, sondern Landeskunden, wenn auch rühmend und spannend vorgetragen. Seine amtlichen Grabungen begann Schliemann im Oktober 1871, neun Monate nach dem Sieg von Versailles und der Krönung von Wilhelm I. zum deutschen Kaiser, wofür er sich offenbar nicht interessierte. Im Lauf der kommenden zehn Jahre machte er weltweit beachtete, aufsehenerregende Funde, wenn auch die Fachwelt, besonders die deutsche, ihm immer wieder misstraute, nicht selten zu Recht. Aber er fand tatsächlich Stadtreste, die er Troja nannte, und er fand einen spektakulären Goldschatz, den er dem mythischen Trojanerkönig Priamos zuschrieb. Auch seine späteren Grabungen im griechischen Mykene machten Schliemann reich, als ob er das noch nötig gehabt hätte; in fünf sogenannten »Schachtgräbern« fand er wiederum lauter Schätze, am berühmtesten darunter eine goldene Gesichtsmaske: für Schliemann war es frei nach Homer die Maske von Agamemnon, dem Herrscher von Mykene und Anführer der Griechen im Trojanischen Krieg – also eben im Krieg um die legendäre Helena, Königin von Sparta und Frau des Menelaos, dessen Bruder Agamemnon war. Helena war mithin seine Schwägerin.

Mit den Funden Schliemanns kam die ganze verwickelte griechische Mythologie ins Bewusstsein der europäischen, vor allem aber der deutschen Gesellschaft wieder zurück. Helena also: Atemberaubend schön, war sie nach der bekanntesten griechischen Sage das Opfer eines himmlischen Wettstreits, bei dem Göttinnen unrühmlich mitspielten, aber die Menschen nicht minder. Ein Königssohn namens Paris entführte die Frau des Menelaos angeblich nach Ilios oder Troja, in die heutige Türkei, vielleicht verschwand sie aber auch nach Ägypten, unter dem Schutz des Zeus, und ein Trugbild kam nach Troja, jedenfalls rüstete der Schwager Agamemnon die griechische Flotte zur Rückholung der Beute. Es wurde ein zehnjähriger Krieg mit grausamen Opfern; das Meiste darüber ist aus der Ilias des Homer bekannt.

Nun aber, im Jahr der realgeschichtlichen Ausgrabung von Troja, gerät Helena gleichsam leibhaft unter die Augen von Heinrich Schliemann. Aus tiefsten mythischen Nebeln taucht sie hier endlich auf, dieses ganz konkrete Objekt der Begierde eines wahrhaft faustischen deutschen Mannes, der auch noch wirklich Heinrich hieß. Schliemanns rastlose Karriere brachte die antike Traumfrau zum Greifen nahe, wie er glaubte, und zwar im Schatten ihrer Schmuckstücke. Die großen Funde von Troja und Mykene gehörten zwar nicht einer gemeinsamen Kulturepoche zu; denn Schliemann hatte ja eine rund zweitausend Jahre ältere Schicht, eine vormykenische Stadt Troja ergraben. Aber das stellte sich erst bei seinem Nachfolger Dörpfeld heraus. Erst einmal konnte der Ausgräber seinen Fund inszenieren. Der trojanische Schatz umfasste Tausende von Einzelteilen, darunter feinsten Schmuck, wie ihn Helena, falls es sie jemals gab, womöglich getragen hatte. Musste sich Schliemann nicht fühlen wie Goethes Faust auf dem Rücken des Chiron? Im eiligen Gespräch der beiden im zweiten Teil der Tragödie berichtet der heilkundige Kentaur ja, dass er Helena höchstpersönlich auf dem Rücken getragen und sie in seine Mähne gegriffen habe. Faust ist hingerissen, denn diese Mähne berührt ja nun auch er. Die Mähne als Fetisch: die Mähne als Analogie für den Schmuck. Ließ Helena sich mit einer Zeitmaschine von ferne berühren? Schliemann greift in die Verse Homers, der doch Helena wahrhaft näher stand als Goethe, und seine Mähne ist dieser Schatz. Später im Grabungsbericht wird alles sorgsam dokumentiert, wenn auch mit einigen Ungenauigkeiten, die von der Fachwelt alsbald registriert wurden. Natürlich inszenierte Schliemann alsbald eine Fotositzung, für den seine Frau Sophia das sogenannte »große Gehänge« einer Helena am trojanischen Hof anlegt, als »echte Griechin« und Nachkommin des homerischen Geschlechts – das alles mit geschickter Propaganda und weltweiter Wirkung aus einem erst vierzigjährigen jungen Griechenstaat heraus. Diese Helena/Sophia ist zwar nicht Frau eines südlichen Königs, wohl aber Gattin eines ostdeutschen Oligarchen, seinerseits geboren und aufgewachsen unweit von Stralsund, wo der Urvater der deutschen Hellasliebe, Johann Joachim Winckelmann, fast zwanzig Jahre gelebt hatte. Doch anders als der rastlose Schliemann hatte Winckelmann nie nach einer Helena gesucht, sondern war bis auf seltene Reisen in Italien sesshaft geblieben, meist in Rom, introvertiert und in mythisch schönen Männerkörpern befangen.

Bei aller deutschen Graekomanie – mit seinen pompös vermarkteten Grabungen ging Schliemann für die deutsche Fachwelt zunächst einmal wohl zu weit. Man tadelte und verlachte ihn und misstraute ihm. Der Berliner Papst der klassischen Philologen, Wilamowitz, soll in einer Satire Frau Schliemann gespielt haben, wie sie den Schatz in ein Tuch gewickelt von der Grabungsstätte getragen habe. Das Misstrauen der Philologen saß tief. Seit Gründung der Berliner Humboldt-Universität hatte man ja von oberster Stelle aus das Hellenentum in Gestalt der Gräzistik akademisch eingehegt und in diversen Instituten, wie etwa dem Deutschen Archäologischen Institut Athen, dann aber auch im humanistischen Gymnasium, glorifiziert und versäult. Hier kritisierte man an Schliemann noch lange den haut goût des Hochstaplers, des wütend ehrgeizigen Dilettanten und Aufsteigers. Der alte Schmidt in Fontanes »Frau Jenny Treibel« musste jedenfalls noch verteidigen, »dass jemand, der Tüten geklebt und Rosinen verkauft hat, den alten Priamus ausbuddelt«. Und wirklich: Fast rückhaltlose Bewunderung erhielt Schliemann zunächst einmal nur aus England; hier, im Londoner South Kensington Museum, durfte er seinen Fund 1877 ausstellen, bevor seine Frau und der Freund Rudolf Virchow ihn dazu brachten, den ganzen Schatz von mehr als achttausend Teilen 1881 dem Deutschen Reich zu schenken, durchaus zur Freude des Kaisers, der ja selber als Hobby-Archäologe tätig war. Pünktlich zu diesem Anlass erschien nun auch der voluminöse Bericht über das ganze Unternehmen, mit detailgenauen Zeichnungen, zahlreichen Fotos und Beiträgen namhafter Kollegen als Buch unter dem schlichten Titel »Ilios«, mit dem Untertitel »Stadt und Land der Trojaner. Forschungen und Entdeckungen in der Troas und besonders auf der Baustelle von Troja«.

Abbildung 14 in diesem Band zeigte die »Allgemeine Übersicht des in 28 Fuss Tiefe gefundenen Schatzes«, der heute im Berliner Neuen Museum als Replik zu sehen ist: nämlich den Schlüssel der Schatzkiste, die goldenen Diademe, Stirnband, Ohrringe und kleine Juwelen; ferner silberne Talente und Gefäße von Gold und Silber; silberne Vasen und eine merkwürdige kupferne Platte; Waffen und Helmkronen von Kupfer oder Bronze; ein kupfernes Gefäß, kupferner Kessel mit zwei Henkeln, kupferner Schild. Unerhört penibel schildert und zeichnet Schliemann die eigentlichen Schmuckstücke, wie sie eine Trojanerin – Abbildung 688 – wohl getragen haben mag. Der Name Helena taucht im Text nicht auf, aber schließlich kam Helena ja auch aus Sparta und hätte in Troja also fremden Schmuck getragen, was bei einem zehnjährigen Exil in königlicher Umgebung wohl auch denkbar war. Schon Schliemann dachte bei seinen Beschreibungen damals aber auch an ägyptischen Einfluss; natürlich kannte auch er die antike Version der Helena-Sage, wonach ihr Entführer Paris nur ein trügerisches »eidolon« nach Troja gebracht habe, sie selbst aber sei vorsorglich von ihrem Vater Zeus nach Ägypten gerettet worden. Dem gleichsam doppelt fremden Schmuck später im Gräberfeld von Mykene widmete ein deutscher Archäologe namens Meurer 1912 eine sonderbar ausufernde schliemannkritische Studie. Er ließ an eine ägyptische Helena denken, wie sie in der Zeit zwischen den Weltkriegen zur Titelfigur einer Oper von Richard Strauss wurde, mit einem Libretto von Hugo von Hofmannsthal, uraufgeführt in Dresden 1928 und erneut bei den Salzburger Festspielen 1933. – Den echten »Schatz des Priamos« aus dem Hügel von Hissarlik, dann in Berlin, erbeuteten im Zweiten Weltkrieg sowjetische Soldaten; nach 1945 war er angeblich nicht wieder aufzufinden. Erst 1993, nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches, erfuhr die staunende Welt, dass er sich im Moskauer Puschkin-Museum befand, wo er seit 1996 auch wieder gezeigt wird. In Berlin sieht man bisher nur eine detailgetreue Kopie.

Was aber hatte Schliemann letztlich zu dieser archäologischen Raserei gebracht? War es wirklich, wie er in seinen autobiographischen Bemerkungen schrieb, eine allgemeine Begeisterung seiner kindlichen Umgebung für Homer, oder ganz besonders eine vom Vater geschenkte Weltgeschichte für Kinder? 1828 gab es zuhause den Band von Georg Ludwig Jerrer und der Vater hatte ihm daraus vorgelesen. Mit wem konnte man sich dabei identifizieren, mit Agamemnon oder Aeneas oder Herakles oder eben Odysseus? Als der junge Sigmund Freud das berühmte Buch »Ilios« über die Ausgrabungen lesen konnte, war er begeistert, nicht nur von den Griechen, sondern auch von Schliemann. Dieser Mensch hatte eine untechnische, geistige, nämlich sprachliche Entdeckung gemacht, er hatte eine vergangene Wirklichkeit hinter den Buchstaben entdeckt; er hatte in der Tiefe der Geschichte gegraben und sich nicht mit der Oberfläche einer Fiktion begnügt. Mehr als fünfzig Jahre später sollte Freud eine Reise nach Athen beschreiben, die er 1904 zusammen mit seinem Bruder unternommen hatte. Freud erinnerte sich in dem Text, den er »Eine Erinnerungsstörung auf der Akropolis« nannte, wie sonderbar er es nach der Ankunft auf der Burg plötzlich fand, dass nun alles greifbar und vorhanden war, was sie als Kinder bei Homer gelesen hatten und was erst recht Schliemann bekräftigt hatte. Auf den ersten Blick schien Freuds »Störung« also nur eine Abwehr Schliemanns, dessen Abenteuerlust ja gerade mit Finderglück belohnt worden war; aber der zweite Blick offenbarte dann doch tiefen Sinn für das archäologische Verfahren, wenn Freud später etwa die Stadt (Rom) zum Modell der menschlichen Psyche erhob, in der sich Analytiker grabend bewegten, jeder ein Schliemann, und oft auch mit strahlenden Funden belohnt.

Warum aber dieser Schliemann, der doch eigentlich Geschäfte mit Farben und Stoffen und Kriegsmaterial machte, der an der Börse unaufhörlich rechtzeitig kaufte und verkaufte, dessen Briefe von finanztechnischen Details wimmeln, von Verlustängsten gepeinigt, warum also dieser Mann sich in die griechische Antike nicht nur zurücksehnte, sondern regelrecht eingraben wollte wie in ein Pharaonengrab, ist oft erörtert worden. Fontane hat es leise parodiert. Nicht nur seine Frau »Jenny Treibel« will ja möglichst nur Handfestes, selbst der alte Schmidt des Romans meint beim Anblick der ›Agamemnon‹-Maske: »wenn ich mir vorstelle, dass diese Goldmasken genau nach dem Gesicht geformt wurden, gerade so wie wir jetzt eine Gesichts- oder Wachsmaske formen, so hüpft mir das Herz bei der doch mindestens zulässigen Idee, daß dies hier – und er wies auf eine aufgeschlagene Bildseite – daß dies hier das Gesicht des Atreus ist oder seines Vaters oder seines Onkels …« Wieder drängt sich der Fetischcharakter der Funde ins Bild, ihr Koeffizient an Wirklichkeit und Gegenwart, die weder Kunst noch Literatur bieten können. Aber womöglich die Sprache darunter?

Die Welt der alten Griechen aus dem Munde Homers zum Greifen nah: eine solche Intuition mochte Schliemann vielleicht wirklich als Junge aus Ankershagen gehabt haben; inzwischen kannte er aber doch auch die leidenschaftlichen Diskussionen, die Goethes Zeitgenosse Friedrich August Wolf im Jahr 1795 ausgelöst hatte. Wolf erörterte damals die These des italienischen Kulturphilosophen Vico, wonach es den einen und einzigen Homer vielleicht nie gegeben habe, wonach diese grandiosen Epen, Ilias und Odyssee, womöglich in mündlicher Tradition von vielen Sängern überliefert und bis zur schriftlichen Fixierung auch immer weiter verbessert worden seien. Einer wie Schliemann konnte aber beweisen, dass hinter dem Namen Homer ein Historiker stand, kein phantastischer oder gar phantasierender Sänger oder gar eine Gruppe von Sängern. Er konnte, vor allem aber wollte er es beweisen. Und denkbar ist, dass ausgerechnet seine Sprachwut ihn dabei leitete. Als er 1856 in Petersburg bei dem jungen Vimbos Griechisch lernte, war in dessen Kreisen das linguistische Todesurteil über die griechische Sprache sicher gespenstisch bekannt; eben Jakob Fallmerayers Verdikt von 1830. Inzwischen, mit Gründung des Staates und der unermüdlichen Patronage von Adamantios Korais, hatte man die Katharevousa ja eingeführt, ein modernisiertes Altgriechisch, eine Mischung, die natürlich auf Anhieb keineswegs überall gleichmäßig angewandt wurde. Wiederholt hat Schliemann in seinen Erinnerungen beschrieben, dass er genau solch ein Verfahren selber erprobt und sich angeeignet hatte. Nur ist bei ihm niemals die Rede von diesen innergriechischen Debatten und der Name »Katharevousa« fällt nicht. Ob ihn an Fallmerayers Text etwas ganz anderes gereizt hatte? Dort nämlich standen ja die wuchtigen Sätze, die Schliemanns kindliche Vorstellungen zermalmen wollten und zugleich zeigten, wie man sie in Erfüllung gehen lassen konnte, nämlich durch Grabung: »Eine zweifache Erdschichte, aus Trümmern und Moder zweier neuen und verschiedenen Menschenrassen aufgehäuft, decket die Gräber dieses alten Volkes. Die unsterblichen Werke seiner Geister, und einige Ruinen auf heimatlichem Boden sind heute noch die einzigen Zeugen, daß es einst ein Volk der Hellenen gegeben habe. Und wenn es nicht diese Ruinen, diese Leichenhügel und Mausoleen sind; wenn es nicht der Boden und das Jammergeschick seiner Bewohner ist, über welche die Europäer unserer Tage in menschlicher Rührung die Fülle ihrer Zärtlichkeit, ihrer Bewunderung, ihrer Tränen und ihrer Beredsamkeit ausgießen: so hat ein leeres Phantom, ein entseeltes Gebilde, ein nicht in der Natur der Dinge existierendes Wesen die Tiefen ihrer Seele aufgeregt.«

VIERTES KAPITEL
1871 bis 1897
Neue Nachrichten aus Athen. Schliemann zwischen Homer und Darwin. Hellas als Hölderlins »Mutter aus dem Grabe«. Ernst Curtius träumt olympisch. Jacob Burckhardt schimpft. Nietzsche sieht »gräcisierende Gespenster«. Freud träumt begehrlich wie Faust, aber Hella/Helena ist seine Tochter. Nietzsches »wahre Helena« bei Richard Wagner. Die olympischen Spiele.

Während nun also Schliemann mit seinem tollkühn erworbenen Privatvermögen seit 1871 die Ausgrabungen im Hügel von Hissarlik, in Mykene und schließlich auch auf Kreta betrieb, hatte der griechische Staat vierzig dramatische Jahre hinter sich. Wie zu erwarten, waren die drei Großmächte Russland, England und Frankreich im Land als Parteien bei Hofe etabliert, die um Einfluss sowohl beim König wie bei den einheimischen Machthabern rangen, die ihrerseits mehr Mitsprache und eine neue Verfassung wünschten. Die »Bavarokratie« unter Otto I. erregte immer mehr Unmut, und 1843 musste der König der Einsetzung eines Parlaments zustimmen. Zugleich wuchsen die Schulden, trotz der großen Kredite, die seit 1821 gewährt worden waren. Ein erster drohender Staatsbankrott 1847 konnte nur durch die private Mitwirkung des Genfer Bankiers Jean-Gabriel Eynard abgewendet werden. Aber es kehrte keine Ruhe ein. Der kostspielige Staatsapparat wuchs, weil die einheimischen Freiheitskämpfer mit Recht ihren Lohn, sprich ihre Versorgung einforderten; das Militär wuchs mit Blick auf Gefahren aus der Türkei, aber auch in der irredentistischen Hoffnung auf griechische Territorien, die seit alters zum Land gehört hatten. Schließlich verschlangen Hofhaltung und bayerische Beamtenschaft sinnlose Summen. 1863 wurde Otto I. zur Abdankung gezwungen; ihm folgte ein König aus dänischem Haus, Georg I., im Amt bis zu seiner Ermordung 1913, vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Als eine Art Morgengabe hatte er Griechenland die bis dahin britischen Ionischen Inseln zurückgebracht und mit dieser Geste Englands Einfluss im Parlament bekräftigt. Russischer Einfluss wiederum wurde durch Georgs Heirat mit einer Romanow gestärkt: Olga, die um die Jahrhundertwende mit einer dramatischen Episode in die neugriechische Geschichte einging. Damals brach der schon lange schwelende, nun aber veritable Sprachenstreit um die offenbar lähmende Herrschaft der Katharevousa aus; die Dichter fühlten sich behindert, weil sie das Volk nicht mehr erreichen konnten. Überhaupt fühlte die neue Generation der um 1830 geborenen Griechen sich vom Hellenismus ihrer Eltern weniger erhoben als gefesselt, auch wenn gerade dieser philhellenische Furor sie doch aus ihrer osmanischen Gefangenschaft befreit hatte. Man sei »vom Wahn der Antike befallen; nicht von der Kenntnis der Antike, sondern der ständig und überall betriebenen oberflächlichen, unpassenden und unbegründeten Beschwörung der antiken Vorfahren …«, schrieb Kostis Palamas, ein maßgeblicher Autor der Literaturszene um 1900; man gebrauche eine »makkaroniartige, pseudohellenische Sprache«, die dem Volk fremd sei und habe »vollständig jedes Gefühl für die Realität verloren.« In dieser Situation agierte Königin Olga aus dem Hause Romanow zusammen mit den Sprachkämpfern von unten. Da sie während des letzten griechischtürkischen Krieges verwundete Soldaten gepflegt hatte, wusste sie, dass einfache Menschen die Bibel in der alten Hochsprache nicht verstehen konnten. Auf ihre Anregung und sogar mit ihrer Beteiligung wurde das Neue Testament in Dimotiki übersetzt, ja, sie versuchte sich sogar selber an einer Übersetzung. Ein Sturm kam auf; die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Theotokis wurde gestürzt, der Erzbischof von Athen protestierte und trat zurück. Selbst das Parlament entschied gegen die Königin. Bei Strafe verboten wurden fortan eigenmächtige Übersetzungen der Bibel und die vorhandenen Exemplare wurden eingezogen. Die Katharevousa als Schriftsprache blieb buchstäblich im Amt bis zum Ende der Junta und dem der griechischen Monarchie 1976. – Auch die Schulden blieben, trotz neuer Verfassung und neuem König. 1863 wurden erneut Auslandsanleihen aufgenommen; als größter Gläubiger erwies sich schließlich das Deutsche Reich. 1893 kam es zum Staatsbankrott, ausgelöst durch eine unglücklich eingetretene und ungeschickt gehandhabte landwirtschaftliche Panne in der Korinthenausfuhr. Ein internationales Finanzkonsortium wurde beauftragt, die Schuldentilgung fortan im Land zu überwachen: also gab es schon damals eine Art Troika unter deutscher Dominanz. Tatsächlich hat Griechenland dann aber trotz größter Kriegswirren seine Schulden bis 1931 bedient.

In diesen sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, während Schliemann gerade mit seinem Studium an der Sorbonne begann, erregte das erste Buch von Charles Darwin, »Über den Ursprung der Arten« (1859), weltweit Erschrecken wie Bewunderung. Ein kalter naturwissenschaftlicher Blick vereinte Menschen und Tiere jenseits der biblischen Schöpfungsgeschichte; ein übergreifendes Narrativ gewann atemberaubende Präsenz. Stammte der Mensch wirklich vom Affen ab? Gab es konkurrierende Rassen im Kampf um biologische Dominanz in geschichtlichen Zeiten, waren die »Arier« oder womöglich gar die »Achäer« wirklich das physisch auserwählte Volk? Rudolf Virchow, der einzige einflussreiche Freund Schliemanns in Deutschland, der Begründer der Zellphysiologie und damit natürlich auch Biologe und Rassenforscher, bemühte sich um humane Maßstäbe. So etwa setzte er eine Massenuntersuchung in Deutschland bei sieben Millionen Schulkindern durch, die nach physischen Merkmalen wie Haarfarbe und Konstitution durchmustert wurden. Nur ein Drittel war blond und blauäugig, die Mehrheit aber gemischt. Von einer »arischen« Dominanz konnte keine Rede sein. Schliemann ließ Virchow die hellenischen Schädel begutachten, die bei den Grabungen gefunden wurden, und Virchow versah sie mit dem zögernden Befund, dass man zwar, gemessen am Schädelindex sowie der gesamten Kopf- und Gesichtsbildung, vielleicht »an Leute der arischen Rasse zu denken« habe, dass aber »der Naturforscher vor diesen Problemen Halt machen und die weitere Erörterung der archäologischen Betrachtung überlassen« müsse.

Aller behutsamen Einschränkung zum Trotz – wenige Sätze haben die hellenistische Begeisterung in der Folge so kontaminiert wie diese, jedenfalls in Deutschland. Sie befeuerten den Verdacht oder die Hoffnung, das ganze unerhörte »griechische Wunder« sei in Wahrheit ein »arisches«. Es war eine Hoffnung auf antiken Ursprung, auf eine gigantische Familiengeschichte im Zeichen Homers, die nicht nur in der hartnäckigen Rassendiskussion weiterlebte und im »Dritten Reich« zu aberwitziger Prominenz gelangte, vielmehr gab es sie ja schon seit Jahrzehnten auch als Sprachillusion. Der Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voss, der den antiken Hexameter und Pindars Metrik in die deutsche Verskunst einführte, der begeisterte Hölderlin, die Brüder Schlegel, vor allem aber Wilhelm von Humboldt, der Begründer des deutschen Gymnasiums: Sie alle fanden in der griechischen Sprache einen ähnlichen Abgott wie einst Winckelmann in der bildenden Kunst. Die Sprache überhaupt, meinte Humboldt, sei »ein absichtslos aus der freien und natürlichen Einwirkung der Natur auf Millionen von Menschen, durch mehrere Jahrhunderte, und auf weiten Erdstrichen entstandenes Erzeugnis« und damit »eine ebenso ungeheure, unergründliche, geheimnisvolle Masse, als das Gemüt und die Welt selbst, mehr, wie irgendetwas andres hervorzubringen imstande ist.« Und in diesem romantischen Überschwang auf der Suche nach indogermanischen Vorfahren sah man schließlich die genuine Verwandtschaft zwischen deutscher und altgriechischer Sprache, also eben auch zwischen deutschem und hellenischem Denken. Es entstand ein ethnisches Phantasma, ein deutschhellenischer Avatar, der über eine »Ehe«, wie etwa die Assoziation eines Faust mit einer Helena, weit hinausging und sich trotz wissenschaftlicher Mühen und realer politischer Feindschaften nicht gänzlich dekonstruieren ließ. Im Gegenteil, durch Denker wie Martin Heidegger und dessen Verliebtheit in vorsokratische Wortwurzeln sollte es unversehens ins 21. Jahrhundert überdauern.

Dabei gab es in diesen sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts gleichzeitig auch einen europäischen Aufschwung der hellenistischen Wissenschaft, oder genauer: der Wissenschaften im Plural zwischen Archäologie, Kunstgeschichte, Geschichte und Philologie. Doch deutsche Forscher nahmen den Faden nicht auf. Der Kunsthistoriker und Gräzist Carl Justi verfasste vielmehr um 1860 eine dreibändige Biographie über Winckelmann und erneuerte dessen Ruf als epochal deutschen Genius schon mit dem ersten und abschreckend unbeholfenen Satz: »Die Erscheinung Winckelmanns steht gleichsam an der Pforte, die aus der Verknöcherung und Geschmacklosigkeit der vorhergegangenen Zeiten hinüberführt in den unserer Erinnerung so teuren Bezirk, wo die bei den neuern Völkern herumgehende Leitung der geistigen Bewegung an Deutschland kam: seine Werke gehören zu den Erstlingen des deutschen Genius …« Justis Kollege Walter Pater aus Oxford reagierte immerhin sofort und setzte Winckelmann fast gleichzeitig in einem glänzenden Essay ein englisches Denkmal, natürlich auch dem männlichen Genie gewidmet. Aus der Schweiz dagegen meldete sich der Rechtshistoriker Johann Jakob Bachofen mit einer großen Studie über das altgriechische »Mutterrecht« (1861), der sogenannten »Gynaikokratie« – also Frauenherrschaft, für Bachofen die ursprüngliche gesellschaftliche Verfassung. Das Werk wurde zunächst vergessen, aber um die Jahrhundertwende als Vorläufer einer philosophischen Anthropologie hoch geschätzt.

Viele Monate vor Schliemanns erster amtlicher Grabung, aber im selben Jahr 1871 wurde Wilhelm I. zum deutschen Kaiser gekrönt, und in Griechenland kam Ioannis Metaxas zur Welt, der spätere griechische Diktator zur Hitlerzeit. Die deutsche akademische Archäologie widmete im folgenden Jahrzehnt ihre ganze Energie nicht etwa Troja und Homer – das Feld hatte Schliemann besetzt –, sondern der Ausgrabung des antiken Olympia, inspiriert vom antiken Pausanias. Es war ein territorialer Reflex auf den preußischen Sieg über die Franzosen und die Reichsbildung. Unter Leitung von Ernst Curtius führte man ein Projekt durch, dessen Gedankenschmied eher als überragend gebildeter Philhellene galt, denn als Mann des Augenscheins und der Lokaltermine, auch wenn es einige wenige gab. Anders als der fieberhafte Autodidakt Schliemann hatte Curtius – von 1844 bis 1850 Erzieher des späteren Kaisers Friedrich III. und Professor in Berlin – schon seit Anfang der fünfziger Jahre umfassend gelehrte Zielvorstellungen für die Erschließung der gesamten griechischen Kultur des 6. Jahrhunderts entwickelt. Zum Heiligtum von Olympia, hieß es nun, seien damals die meisten griechischen Stämme gekommen; Olympia habe für nationale Einheit gesorgt, auch wenn das Land später dann durch die Perserkriege zersplitterte. Die Erforschung dieser heiligen Stätte und ihrer Rituale würde einen ganzen Kulturkreis erhellen. Curtius rechnete auf die Unterstützung des Hofes, er gehörte nicht zu den Revoluzzern von 1848 wie etwa Jacob Grimm, dem damals berühmtesten Sprachforscher Deutschlands.

Den entscheidenden Vortrag hielt Curtius 1852 in der Berliner Singakademie. Er begann mit einem Rückblick auf die überlieferte Landeskunde von Pausanias, ging weiter über die französischen Ausgrabungen bis zu seinen eigenen Recherchen, die er von diversen Reisen ins Landesinnere wie auch nach Athen mitgebracht hatte. Aufgrund dieser Kenntnisse, aber noch ohne Grabungen, entwarf Curtius einen topographischen »Plan von Olympia«. Er sprach über die Begeisterung der Griechen für den Wettkampf und rühmte das agonale Element der hellenischen Bildungswelt. Man habe die »harmonische Ausbildung aller natürlichen Kräfte« angestrebt und Erziehung hin bis zum Götterdienst im Zeichen des Olymps ausgerichtet. In und mit Olympia als einem »geistigen Mittelpunkt« hätten die Griechen sich als »einiges Volk fühlen« gelernt. Das Kultbild des Zeus vom Bildhauer Phidias habe den Höhepunkt griechischer Kunst und »nationalen Vermögens« bezeichnet. Den letzten Teil der Rede widmete Curtius einer Beschreibung des gesamten Festes, den Riten, den prachtvollen Feiern, der allgemeinen Lebenslust. Mit Beginn des Peloponnesischen Krieges 431 freilich verfiel die Euphorie mehr und mehr, Niedergang folgte für die zweieinhalbtausend Jahre danach.

Schon Winckelmann hatte die Ausgrabung angeregt, französische Forscher hatten Versuche angestellt, aber seither war nichts geschehen. Curtius rief pathetisch nach einem Schliemann, als den er sich selber dachte: »man hörte auf zu suchen, ehe man zu finden aufgehört hatte. Von neuem wälzt der Alpheios seinen Schlamm über den heiligen Boden und wir fragen mit gesteigertem Verlangen: wann wird sein Schoß wieder geöffnet werden, um die Werke der Alten an das Licht des Tages zu fördern! Was dort in der dunklen Tiefe liegt, ist Leben von unserem Leben. Wenn auch andere Gottesboten in die Welt ausgezogen sind und einen höheren Frieden verkündet haben, als die olympische Waffenruhe, so bleibt Olympia doch auch für uns heiliger Boden und wir sollen in unsere […] Welt herübernehmen den Schwung der Begeisterung, die aufopfernde Vaterlandsliebe, die Weihe der Kunst und die Kraft der alle Mühsale des Lebens überdauernden Freude.«

Gefördert wurden die ambitiösen Projekte vom deutschen Hof, erst von Kaiser Friedrich III., der trotz seiner Krankheit – er litt an Kehlkopfkrebs – oder vielleicht sogar ihretwegen das Olympia-Projekt unterstützte, dann von Wilhelm II., der es gegen den Willen Bismarcks finanzierte. Die eigentliche Ausgrabungsstätte besuchte Curtius später nur zweimal für ein paar Wochen. Er war weder ein kunsthistorischer Archäologe noch ein erfahrener Ausgräber, ähnlich wie Schliemann. Trotzdem hielt er in Berlin immer wieder Vorlesungen zur Griechischen Kunstgeschichte und vermittelte seinen romantischen Philhellenismus über Jahrzehnte. Die Buchausgabe erschien in sechs Auflagen – und wurde zum Konkurrenten des gleichzeitig in Basel dozierenden Schweizers Jacob Burckhardt. Burckhardt, der Lehrer von Nietzsche, der Italienkenner und Renaissance-Spezialist, berühmt für seinen »Cicerone« durch die südliche Kunstwelt, hatte das Pamphlet von Fallmerayer nicht vergessen. Er warf das neue und durch zeitgenössische Ärgernisse eher hässliche Bild des realen Griechenlands zurück in die Antike und ließ seinen Erben Sätze zurück, die noch zu Beginn der 1930er Jahre Unmut stiften konnten: »In betreff der alten Griechen glaubte man seit der großen Erhebung des deutschen Humanismus im vorigen Jahrhundert im Klaren zu sein; im Widerschein ihres kriegerischen Heldentums und Bürgertums, ihrer Kunst und Poesie, ihres schönen Landes und Klimas schätzte man sie glücklich, und Schillers Gedicht ›die Götter Griechenlands‹ faßte den ganzen vorausgesetzten Zustand in ein Bild zusammen, dessen Zauber noch heute seine Kraft nicht verloren hat. Allermindestens glaubte man, die Athener des perikleischen Zeitalters hätten Jahraus Jahrein im Entzücken leben müssen. Eine der allergrößten Fälschungen des geschichtlichen Urteils, welche jemals vorgekommen, und umso unwiderstehlicher und überzeugter sie auftrat. Man überhörte den schreienden Protest der ganzen überlieferten Schriftwelt, welche vom Mythus an das Menschenleben überhaupt beklagt und verschätzt war, und in betreff des besondern Lebens der griechischen Nation verblendete man sich, indem man dasselbe nur von den ansprechenden Seiten nahm und die Betrachtung gerne mit der Schlacht von Chaironeia abschloß. Ganz als wären die folgenden zwei Jahrhunderte, welche das Volk, und weit überwiegend durch sein eigenes Tun, bis nahe an die materielle Zernichtung führten, nicht die Fortsetzung des Vorhergegangenen gewesen.«

Jacob Burckhardt demolierte im Sinne von Fallmerayer das begehrenswert schöne Bild, das in Deutschland trotz aller Kenntnisse über die Griechen entworfen wurde – und jenseits der abgründigen Metapher, die Goethe mit dem himmlischen Paar »Faust und Helena« geliefert hatte. Dass dieses Bild immer weiter schön bleiben wollte, mochte aber auch mit einer ganz anderen Phantasie zu tun haben, jenseits von Rassenkunde und Sprachverwandtschaft, zwei Phantasmen, die einem energischen Realisten wie Schliemann jedenfalls fremd sein mussten. Fremd waren ihm, als einem weltweit agierenden Geschäftsmann, die rassistischen Spekulationen ohnehin, seine griechische Frau war weder blond noch blauäugig noch altadelig, sondern eine Nichte seines griechischen Sprachlehrers. Nicht also diese unbefangene, unmythische Sorte von Ehe zwischen einem deutschen Faust und einer griechischen Helena lag in der deutschen Luft, sondern eine eher unheimliche Idee territorialer Landung und Bergung. Ging es beim Werben um Griechenland um Figurationen wie Iphigenie und Odysseus – um Ankünfte, nur ohne vorgängige Reise oder Entführung? Es wäre deutsche Wertarbeit am Mythos, vielleicht absichtslos oder missverstanden, aber doch eine Entstellung. Hölderlin wäre ihr Ahnherr; Sigmund Freud mochte die Stelle gelesen haben, im Zuge der frühen psychoanalytischen Diskussion, denn Rückkehr in den mütterlichen Schoß bildete offenbar schon um 1800 eine deutsche Matrix der gelehrten Erinnerung wie hier des Hyperion: »Mich ergriff das schöne Phantom des alten Athens, wie einer Mutter Gestalt, die aus dem Totenreiche zurückkehrt.«

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