Читать книгу: «Die Muskatprinzessin»

Шрифт:

Christoph Driessen

Die Muskatprinzessin

Historischer Roman


Zum Buch

Amsterdam, frühes 17. Jahrhundert: Eva sieht sich gezwungen, ihre geliebte Heimat Holland zu verlassen, denn die Geschäfte ihres Vaters, des Bierbrauers Claes Corneliszoon Ment, laufen schlecht. Bedrängt von seinen Gläubigern, kommt es ihm gerade recht, dass der wohlhabende Generalgouverneur der Vereinigten Ostindischen Compagnie, Jan Pieterszoon Coen, ein Auge auf seine Tochter geworfen hat. Gegen ihren Willen muss die blutjunge Frau die Ehe mit dem über zwanzig Jahre älteren Pfeffersack eingehen und lernt schon in der ersten gemeinsamen Nacht seine dunkelste Seite kennen.

Kurz nach der Vermählung tritt Coen seinen Generalgouverneursposten in Ostindien an, und Eva muss bis auf ihren lebenslustigen Bruder Gerrit und ihren Kater Jasper alles zurücklassen.

Acht Monate dauert die Fahrt nach Batavia in drückender Hitze, um sodann wie ein Herrscherpaar in ihrer neuen Heimat empfangen zu werden. Die Welt, in die Eva nun eintaucht, könnte exotischer nicht sein. Sie hat plötzlich den Status einer Prinzessin mit einer riesigen Schar asiatischer Diener und einem Elefanten als Reittier. Eva kann sich dem Zauber und der Schönheit des fremden Landes nicht entziehen.

Sie lernt Jacques Specx und seine geheimnisvolle Tochter Sara kennen, den dicken Crijn van Raemburch, Mitglied des Indienrats, und vor allem den jungen Aufsteiger Antonio van Diemen, der ihre Aufmerksamkeit erregt.

Rasch gewinnt die rothaarige Eva an Einfluss, kümmert sie sich doch um benachteiligte Frauen und Kinder und wird hierfür von den Einheimischen verehrt, während ihr Mann mit äußerster Strenge über das Land und seine eigene Frau herrscht.

Ein leidenschaftlicher Roman voller Sinnlichkeit und Abenteuer – wie der Duft der Muskatblüte.

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- oder Bildteile.

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind vom Autor nicht beabsichtigt.

Copyright © 2020 by Maximum Verlags GmbH

Hauptstraße 33

27299 Langwedel

www.maximum-verlag.de

1. Auflage 2020

Lektorat: Diana Schaumlöffel

Korrektorat: Angelika Wiedmaier

Satz/Layout: Alin Mattfeldt

Covergestaltung: Alin Mattfeldt

E-Book: Mirjam Hecht

Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Made in Germany

ISBN 978-3-948346-17-1

Inhalt

Zum Buch

Impressum

Inhalt

Widmung

ERSTER TEIL: AMSTERDAM

Schreck in der Morgenstunde

Erste Begegnung

Lektion im Elendsviertel

Fieberträume

Hochzeitsnacht

Der Tote in der Schleuse

Ein neues Leben

Unter Pfeffersäcken

Eiskonzert

ZWEITER TEIL: MAURITIUS

Auf schwankendem Boden

Der Perser

In der Hölle

Laternengeflüster

Überraschung unter Deck

Gefangene der Stille

Die Sünde Sodoms

Der Meeresberg

Vertreibung aus dem Paradies

Ein Kind unter dem Herzen

DRITTER TEIL: BATAVIA

Die Korallenfestung

Einzug des Herrscherpaars

Ein Schlag ins Gesicht

Blutmuskat

Irrweg zum Geistertempel

Abschied

Blick in den Abgrund

Der Elefantengott

Wasserfreuden

Erwachendes Feuer

Der Kampf beginnt

Die Explosion

Zweimal Männerbesuch

Verurteilt zum Tode

Im Labyrinth

Strafgericht

Die Nacht der Entscheidung

Die Liebe

Nachwort

Über den Autor Christoph Driessen

Zehn Fragen an … Christoph Driessen

Widmung

Für Barbara

ERSTER TEIL: AMSTERDAM

Schreck in der Morgenstunde

Der Tag, der das Leben von Eva Ment für immer veränderte, begann damit, dass sie morgens eine tote Maus in ihrem Bett fand. Die Maus war sehr klein und hatte eine spitze Nase. Sie lag auf dem Rücken mitten auf dem schneeweißen Laken und hatte alle viere von sich gestreckt. Da das Maul ein wenig offen stand, konnte Eva zwei winzig kleine vorstehende Zähne erkennen.

„Jasper?“ Eva sah sich im Zimmer um. Aber der Kater hatte seine Gabe wohl nur abgelegt und war wieder verschwunden. Sie ließ sich aus dem Bett gleiten, schlüpfte in ihren Unterrock und tappte über den knarrenden Dielenboden. Im Haus war es still. Die Tür des Nachbarzimmers quietschte, als sie sie öffnete. Sie spähte hinein. Es war dunkel, weil die Läden noch geschlossen waren, nur durch einen Spalt fiel etwas Licht von draußen herein.

Sie tastete sich bis zur gegenüberliegenden Wand vor, wo ein Schrankbett stand, und zog die Vorhänge zurück. Auf dem Kopfkissen zeichnete sich eine wilde Haarmähne ab. „Gerrit!“, rief sie und fasste ihn an der Schulter. „Gerrit!“ Sie rüttelte an ihm. „In meinem Bett liegt eine tote Maus. Hast du gehört? Jasper hat mir eine tote Maus ins Bett gelegt. Aufwachen!“

„Lass mich in Ruhe!“, tönte es dumpf aus dem Kissen zurück. Eva ließ sich nicht beeindrucken: „Warst du gestern doch wieder mit den Jungs unterwegs? Gerrit, antworte!“

„Hör auf damit! Du hast mir gar nichts zu sagen!“

„Natürlich habe ich das, ich bin deine ältere Schwester.“ Diesen Satz hatte sie schon hundert-, nein tausendmal gesagt, und jedes Mal schoss ihr dabei durch den Kopf, dass sie ihm auch die Mutter ersetzen musste. Die Mutter, die drei Tage nach seiner Geburt im Wochenbett gestorben war. Auch Eva selbst hatte keine Erinnerung mehr an sie, denn sie war erst ein Jahr alt gewesen, als es passiert war. Allerdings war ihr ihre Mutter schon mehrmals im Traum erschienen. Ihre Züge waren immer klar umrissen, sie hatte große Ähnlichkeit mit Gerrit. Denn ihre Verwandten wurden nicht müde zu betonen, dass Gerrit seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten sei.

Gerrit war siebzehn Jahre alt und bildhübsch. Dabei sah er ganz und gar nicht so aus wie ein typischer holländischer Junge. Immer wieder wurde er mit dem dummen Scherz aufgezogen, sein Vater sei wohl ein spanischer Soldat gewesen. Gerrit hatte einen schwarzen Lockenschopf, große dunkelbraune Augen, mit denen er mal herausfordernd, mal melancholisch dreinblicken konnte, eine lustige geschwungene Nase und einen sinnlichen Mund. Aber am meisten liebte Eva die Grübchen in seinen Mundwinkeln, die sich immer dann bildeten, wenn er etwas Herausforderndes, Freches oder Spöttisches gesagt hatte. Nur dann waren sie zu sehen – und nicht etwa, wenn er einfach nur freundlich lächelte.

Dass Eva seine Schwester sein sollte, konnte man eigentlich nicht glauben. Eva hatte eine Haut, die fast so weiß war wie das Laken, auf dem jetzt die tote Maus lag, und vor allem hatte sie lange rote Haare. Rot mit einem Stich Orange. So wie die Schärpe, die ihr Vater jedes Jahr zum Festessen seiner Schützengilde anlegte. Oder wie der Hummer auf dem Stillleben, das bei Onkel Pieter an der Wand hing und über das Eva als kleines Mädchen immer mit den Fingern gestrichen hatte, um zu sehen, ob der Hummer nicht doch lebte. Eva kannte niemanden in Amsterdam, der so rote Haare hatte wie sie. Ihr Vater, ja, der hatte zwar auch welche, aber sie waren lange nicht so kräftig rot, sie erinnerten Eva eher an das Rotbraun des Ziegelsteins, in dem die prächtige Fassade des Bartolotti-Hauses an der Herengracht gemauert war.

In ihrer Kindheit, als sie die Haare noch offen hatte tragen dürfen, war sie eine Attraktion auf der Straße gewesen. Die Leute waren stehen geblieben und hatten sie angegafft. Mehrmals hatten Fremde ihr ungefragt hindurchgestrichen; einer hatte sich sogar zuvor mal erkundigt, ob die abfärben könnten. Von anderen Kindern war sie oft gehänselt worden. „Hexe, Hexe!“, hatten sie gerufen. Jetzt war in der Öffentlichkeit immer nur der Haaransatz über der Stirn zu sehen, alles andere verschwand unter einer strengen weißen Haube. Eva fand das schade. Sie mochte ihre Haare. Sie machten sie zu etwas Besonderem. Nicht in dem Sinne, dass sie sich als etwas Besseres gefühlt hätte. Aber die Haare sicherten ihr von vornherein eine gewisse Eigenständigkeit. Sie war nicht irgendein beliebiges Mädchen, sie war Eva Ment, Tochter des Bierbrauers Claes Corneliszoon Ment, Schwester des angehenden Bierbrauers Gerrit Ment, Besitzerin eines schwarz-grau getigerten Katers namens Jasper, wohnhaft in dem Haus Der Weiße Adler am Oudezijds Voorburgwal, gleich gegenüber der Alten Kirche, die exakt in der Mitte von Amsterdam stand.

Der Name Der Weiße Adler stammte von einem Giebelstein über der Haustür, auf dem ein Vogel zu sehen war. Gerrit behauptete immer, es sei bestenfalls eine Möwe, aber alle anderen sprachen von einem Adler.

Außer den roten Haaren hatte Eva nach eigener Überzeugung nichts Besonderes an sich. Sie war weder schön noch hässlich, weder schlau noch dumm, weder gut noch schlecht. Ihr Französischlehrer – ein Katholik aus Wallonien – hatte ihr einmal gesagt, das sei ganz normal; ihre Persönlichkeit müsse sich im Laufe ihres Lebens erst noch herausbilden. Dagegen war ihr Vater überzeugt, dass der Charakter eines jeden Menschen seit Anbeginn der Welt unabänderlich feststand, da in Gottes großem Plan schon alles vorgezeichnet sei. Zum Beweis dafür verwies er darauf, dass Gerrit von Geburt an ein Tunichtgut und Eva ein Trotzkopf gewesen sei. Er fand, dass sie zu oft Widerworte gab. Im Übrigen war sie ihm zu dünn. In regelmäßigen Abständen pflegte er sie daran zu erinnern, dass Männer füllige Frauen bevorzugten, was ohne Zweifel stimmte.

„Du kommst jetzt und räumst die Maus für mich weg!“, befahl Eva und begann, ihren Bruder aus dem Bett zu ziehen. Er lag vollständig bekleidet darin, nur die Stiefel hatte er ausgezogen.

„Kannst du das nicht selber machen?“, stöhnte er, ließ sich dann aber doch aus seiner Betthöhle auf den Boden gleiten, raffte sich auf und schlurfte mit hängenden Schultern und blinzelnden Augen in ihr Zimmer. Vor dem Bett angekommen, hob er die Maus mit zwei Fingern am Schwanz hoch, riss das Fenster auf und warf sie in hohem Bogen in den Kanal vor ihrem Haus. Dahinter ragte der Turm der Alten Kirche auf; die goldenen Zeiger der Uhr standen auf Viertel nach sieben. „Und jetzt lässt du mich in Ruhe!“

„Habt ihr wieder durchgezecht?“, fragte Eva. „Du hattest doch fest versprochen, dich gestern mal zurückzuhalten, weil heute die Kirmes anfängt.“

Wortlos verließ er das Zimmer, im nächsten Moment hörte sie ihn seine Tür zuschlagen.

Der Junge trank zu viel. Einen über den anderen Abend zog er mit seinen Freunden los und kam jedes Mal erst spät in der Nacht wieder heim. Wenn sie nicht im Wirtshaus saßen, vertrieben sie sich die Zeit mit Golf oder Tennis. Tennis spielten sie in einer Halle, was teuer war, und beim Golf hatten sie mit den harten Bällen schon mehrfach Fensterscheiben zu Bruch gehen lassen, was ebenfalls eine Rechnung nach sich zog, wenn sie erwischt wurden.

Eva zog das Betttuch ab, schließlich hatte darauf die Maus gelegen. Bettwäsche musste, was sie betraf, immer pieksauber sein. Aus einer Truhe, die unter ihrem Fenster stand, holte sie ein neues weißes Laken hervor. Als sie mit dem Beziehen fertig war, benetzte sie sich Hände und Gesicht mit etwas Wasser aus einer Schüssel. Dann rief sie nach Tanneke, der Dienstmagd. Die stämmige junge Frau musste ihr beim Ankleiden helfen, denn nie und nimmer hätte sie sich selber in das steife Korsett zwängen können. Tanneke war jedes Mal eine ganze Weile damit beschäftigt, die Rückenkordeln festzuziehen, um dadurch Evas Busen platt zu drücken und ihre sowieso schon nicht üppigen Rundungen zu verstecken, so wie es die Mode gebot. Auch das Anlegen des Rockes war nicht gerade einfach: Sie musste ihn über den sogenannten Weiberspeck spannen, eine dick ausgepolsterte Stoffrolle, die weit von der Taille abstand. So fiel der Rock in einigem Abstand vom Körper nach unten, wodurch die Hüften besonders betont wurden. Anschließend half Tanneke ihr noch in ein eng anliegendes schwarzes Leibchen. Darüber kam ein langes, ärmelloses Gewand aus schwarzem Satin. Dann konnte Tanneke gehen. Vor ihrem Spiegel band sich Eva eine weiße Halskrause um und verstaute ihre rote Mähne unter einer Spitzenhaube, die mit Spangen befestigt wurde. So zurechtgemacht, ging sie die Treppe hinunter in den Saal.

In diesem größten Wohnraum des Hauses befand sich der Schlafplatz ihres Vaters, ein Säulenbett mit Baldachin. Er pflegte jedoch schon in der Morgendämmerung aufzustehen und die Brauerei aufzusuchen. Umso mehr überraschte es Eva, als jetzt die Tür zum Nebenzimmer aufging und ihr Vater hereinkam. „Ah, da bist du ja!“, sagte er. „Guten Morgen. Wir müssen etwas besprechen.“

„Ihr seid nicht in der Brauerei?“

„Nein, wie du siehst. Heute gibt es zunächst etwas Wichtigeres.“ Er wandte sich der Treppe ins Souterrain zu und rief nach unten: „Tanneke – Frühstück!“ Mit einer Handbewegung lud er Eva dazu ein, an dem großen Esstisch in der Mitte des Saals Platz zu nehmen. Er selbst ließ sich auf einen der mit Leder gepolsterten Stühle fallen.

Claes Corneliszoon Ment war ein stattlicher Mann, wie man so schön sagte, was jedoch nichts anderes bedeutete, als dass er außerordentlich fett war. Für seine Wämser und Pluderhosen benötigte der Schneider doppelt so viel Stoff wie normal. In gewaltigen Wülsten hing ihm der Speck im Sitzen über die Oberschenkel. Das Merkwürdige war, dass sein Kopf nicht so recht dazu zu passen schien. Im Verhältnis zu dem massigen Leib wirkte er winzig, und in seinen Gesichtszügen hatte sich Claes Corneliszoon Ment einen Hauch von Jugendlichkeit bewahrt. Es sah aus, als hätte man den Kopf auf den falschen Körper geschraubt.

Eva konnte sich erinnern, dass ihr Vater früher weit weniger dick gewesen war. Aber je mehr seine Brauerei unter der Konkurrenz zugezogener Bierbrauer gelitten hatte, je radikaler er das Unternehmen hatte verschlanken müssen, desto stärker war er selbst in die Breite gegangen. Nun aber war offenbar der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weiterging. Dicker als jetzt konnte er nicht mehr werden, und auch die geschäftliche Situation der Brauerei konnte sich kaum noch verschlechtern. Schon einige Male hatte ihr Vater erwähnt, dass er sich zur Ruhe setzen wolle. Unklar war allerdings, wer seine Schulden bezahlen sollte. Denn dass er Schulden hatte – hohe Schulden – war sicher.

„Kind“, hob ihr Vater jetzt an. „Ich habe eine sehr gute Nachricht für dich. Eine sehr gute Nachricht für uns alle. Du kannst dich freuen!“ In diesem Moment kam Tanneke mit zwei Kannen Frühstücksbier herein. Sie stellte die Kannen auf den Tisch und noch zwei Trinkbecher daneben. Dann hörte man ihre Holzschuhe wieder die Treppe hinunterklappern.

„Um was geht es?“, fragte Eva. Sie hatte ein ungutes Gefühl.

„Schau mal“, sagte er, „du weißt, dass unser Geschäft nicht gut läuft. Meine Gläubiger bedrängen mich immer stärker, sie fordern die Tilgung meiner Schulden, sie rauben mir meine letzten Kunden, indem sie mich mit Spottpreisen unterbieten. Das sind Preise, bei denen sie selbstverständlich draufzahlen, aber es ist ihnen alles egal, wenn ich nur zugrunde gehe …“

„Vater“, unterbrach ihn Eva, „was wolltet Ihr mir sagen?“

Einen Moment lang blickte er sie überrascht an, so als wüsste er gar nicht, was sie meinte, dann fasste er sich. „Ja, ja, du hast recht.“ Jetzt kam Tanneke zurück und stellte Brot, Butter und einen großen Käselaib auf den Tisch. Claes Corneliszoon Ment schnitt sofort eine dicke Scheibe Käse ab und belegte sich ein Brot. Dann begann er zu kauen. Offenbar wartete er darauf, dass die Magd wieder in der Küche verschwand. „Nimm dir auch etwas, Kind, du musst essen!“ Eva ging nicht darauf ein.

Sobald sie wieder allein waren, fuhr ihr Vater fort: „Schau, Eva, es geht um Folgendes: Du bist nun achtzehn Jahre alt.“ Er hatte den Satz noch nicht ausgesprochen, da wusste sie bereits, was er als Nächstes sagen würde. Und sie behielt recht. „Das ist ohne Zweifel das richtige Alter, um zu heiraten.“

Ein Schock durchfuhr sie. Das unangenehme Gefühl baute sich im Bauch auf, stieg empor bis zum Hals und schnürte ihr die Kehle zu. Er wollte sie verheiraten! Von einem Moment auf den anderen hatte sich ihr Leben verändert. Der große Zeiger am Turm der Alten Kirche mochte sich noch nicht einmal bewegt haben, so klein war die Zeiteinheit, die seit der Mitteilung dieser Botschaft verstrichen war, und doch würde ihr Leben fortan in zwei Hälften zerfallen: in die Zeit davor und danach.

Eva brauchte einige Augenblicke, bis sie wahrnahm, dass ihr Vater weiter auf sie einredete. „… und deshalb glaube ich wirklich, dass es ein Geschenk des Herrn ist! Dass der Herr uns nach einer Zeit der Prüfung nun etwas Gutes tun will.“ Er machte eine Pause. „Nun, willst du denn nicht wissen, wer es ist?“

Eva rührte sich nicht. „Also. Als ich gestern Abend bei Onkel Pieter war, hat er mir gesagt, er hat den perfekten Bräutigam für dich. Ich konnte es zunächst gar nicht glauben. Es ist wirklich eine fantastische Partie, vielleicht die beste in ganz Holland! Meine liebe Eva, dieser Mann könnte jede Frau haben. Aber er hat ein Auge auf dich geworfen!“

„Kenne ich ihn?“

„Er hat dich im Gottesdienst gesehen. Übrigens ist er ein sehr frommer Mann, vielleicht ist ihm deine ehrliche Andacht aufgefallen. Jedenfalls ist er auf Brautschau und hat Onkel Pieter gebeten, einen Kontakt herzustellen.“

„Warum Onkel Pieter?“

„Du weißt doch, dass Onkel Pieter enge Verbindungen zur Vereinigten Ostindischen Compagnie hat. Und dieser hohe Herr steht in Diensten der Compagnie.“

Er schwieg wieder. Vermutlich wartete er darauf, dass Eva nach dem Namen fragen würde, und als sie es nicht tat, sagte er: „Es ist Jan Pieterszoon Coen, der langjährige Generalgouverneur der Compagnie in Ostindien. Er war Herr und Meister über alle Besitzungen der Compagnie auf den Gewürzinseln im Indischen Ozean und an der indischen Küste. Onkel Pieter hält ihn für den fähigsten Mann, auf den die Compagnie je hat bauen können. Und, Eva, die Compagnie hat ihn für seine Dienste reich belohnt. Er ist vermögend.“

„Und deshalb der Richtige, um unsere Schulden zu bezahlen“, dachte Eva, aber sie sprach es nicht aus. Ihr Vater, der bisher beim Reden meist an die Wand oder an die Decke geschaut hatte, sah ihr nun ins Gesicht, und sie spürte, dass er darin das Maß ihrer Erschütterung ablesen konnte. „Eva!“ Er ergriff ihre Hand. „Eva! Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt alles sehr plötzlich für dich kommt. Aber es ist ein Grund zu allergrößter Freude. Wir hätten nie damit rechnen können, dass ein so großer Mann dich erwählen würde. Es ist so unerwartet, dass man dahinter nur das Wirken des Herrn vermuten kann. Du brauchst gar nicht erst auf die Suche nach einem geeigneten Ehegatten zu gehen, dieser Sorge bist du enthoben. Das Glück ist ganz von allein zu dir gekommen.“

An dieser Stelle trat Tanneke wieder in den Saal. „Ich habe noch Hering – will jemand Hering?“ Evas Vater ließ ihre Hand los: „Ja, gewiss doch, frag nicht erst, bring ihn rauf!“ Dann beugte er sich über den Tisch. Eva wusste, dass er ihr in die Augen schauen wollte, aber sie hielt den Blick fest auf den Eichentisch gerichtet. Nur wenige Dinge auf der Welt kannte sie so gut wie die Maserung dieser Eichenplatte, an der sie seit Kleinkindertagen ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. Da war die breite Kerbe, die entstanden war, als sie einmal versehentlich den großen Silberpokal hatte fallen lassen. Sein Fuß hatte sich tief in das Holz gebohrt, und die Furche, die dadurch entstanden war, glich den Plattbodenschiffen, die die Amsterdamer Grachten befuhren. Rechts darüber befand sich ein Holzauge mit einem schwarzen Strich in der Mitte. Eva fand, dass es so aussah wie ein Auge von Jasper.

„Wie alt ist er?“ Eva kam ihre eigene Stimme plötzlich fremd vor.

„Er … er dürfte so um die vierzig sein.“

Jetzt sah Eva vom Tisch auf. „Dann ist er mehr als doppelt so alt wie ich!“

„Nun, er sieht jünger aus, und er ist groß, enorm groß! Er war auch noch nie verheiratet, sein ganzes Leben hat er bisher der Compagnie geweiht. Morgen schon wirst du ihn kennenlernen und kannst dich dann selbst davon überzeugen, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Wir werden ihn morgen vor der Kirche treffen und gemeinsam mit ihm den Gottesdienst besuchen. Anschließend kommen er und Onkel Pieter zum Mittagessen mit zu uns.“

„Und wenn ich nicht will?“

„Wie meinst du das, wenn du nicht willst?“

„Wenn ich ihn nicht heiraten will.“

„Eva, versteh doch, dies ist der Glücksfall deines Lebens, dies ist weit mehr, als du und ich je hätten erwarten können.“ Tanneke marschierte mit einer Platte herein, auf der drei entgrätete Heringe lagen. Evas Vater fasste den einen beim Schwanz, sperrte den Mund auf und biss den ganzen Fischleib ab. Den Schwanz warf er auf die Platte zurück. Anschließend wiederholte er die Prozedur noch zweimal. Dann wuchtete er seinen massigen Körper mühsam vom Stuhl hoch.

„So, mein Liebes, und nun muss ich weg. Du darfst heute Abend mit Gerrit auf die Kirmes, das hatte ich dir ja versprochen, und ich halte mein Wort. Ich verlange aber – und das ist mir ernst – dass ihr es nicht zu doll treibt. Morgen ist ein wichtiger Tag für dich, vielleicht der wichtigste in deinem Leben. Ich möchte nicht, dass du oder auch Gerrit morgen mit dunklen Ringen unter den Augen am Mittagstisch sitzt. Beim ersten Rufen des Nachtwächters seid ihr zu Hause, hast du gehört?“

Er setzte sich seinen Hut auf. In der Tür zum Vorderhaus blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. „Eva, nimm dich jetzt zusammen! Wenn ich zurückkomme, will ich ein fröhliches Gesicht sehen!“ Damit verschwand er.

Eva blieb regungslos auf ihrem Stuhl sitzen, während Tanneke den Tisch abräumte. „Was ist los?“, fragte sie. „Ach, nichts“, murmelte Eva. Sie hatte keine Lust, Tanneke ins Vertrauen zu ziehen. Ja, wenn es Els gewesen wäre, ihre alte Magd und Kinderfrau, der hätte sie alles erzählt. Aber Els war vor zwei Jahren an einer Krankheit gestorben. Seitdem hatten sie Tanneke hier. Und die war eben nur eine Dienstmagd.

Eva ging hinauf in ihr Zimmer. Das Fenster stand noch offen. Es war ein schöner Septembermorgen, und die hellen Klänge des Glockenspiels der Alten Kirche wehten zu ihr über das ruhige Wasser des Oudezijds Voorburgwal.

Sie schaute hinaus. In dem Haus mit dem heiligen Nikolaus im Giebel gleich gegenüber wohnte ein junges Paar, Stephanus und Isabella. Eva hatte nie mit den beiden gesprochen, aber sie hatte ihnen oft von ihrem Fenster aus zugeschaut. Wenn sie das Haus verließen, trat Isabella immer als Erste hinaus, Stephanus hielt ihr von innen die Tür auf. Dann hakte sie sich bei ihm ein, sie gingen zusammen die paar Stufen von der Haustür bis zum Bürgersteig hinunter und spazierten davon. Meist waren sie in ein angeregtes Gespräch vertieft. Aber manchmal geschah es, dass Stephanus plötzlich anhielt, Isabella unvermittelt ansah und dann sanft mit der Hand ihre Wange berührte und sie mitten auf den Mund küsste. Mit Sicherheit wusste er, dass viele Leute diese öffentliche Zärtlichkeit nicht guthießen, aber das störte ihn nicht. Man ahnte das, auch wenn man die beiden nur von einem offenen Fenster auf der anderen Kanalseite aus beobachtete. Stephanus und Isabella waren ein echtes Liebespaar. Evas mittlerweile verstorbene Freundin Judith hatte gehört, dass Isabellas Eltern mit Stephanus zunächst gar nicht einverstanden gewesen waren, weil sein Vater nur ein einfacher Schreiber im Rathaus war, wohingegen es Isabellas Familie im Ostseehandel zu Wohlstand gebracht hatte. Aber die beiden hatten sich darüber hinweggesetzt. Es war eine Liebesheirat gewesen. So etwas hatte sich Eva auch immer für sich vorgestellt. Und jetzt: ein doppelt so alter Mann namens Coen. Was war das überhaupt für ein Name? Angenehm klang er nicht.

Plötzlich spürte Eva ein vertrautes Kitzeln an ihren Unterschenkeln. Ohne dass sie es bemerkt hatte, war Jasper ins Zimmer gekommen und strich ihr unter ihrem nicht ganz bodenlangen Rock um die Beine. Sie bückte sich nach unten und kraulte ihn unter dem Kinn, wobei er genießerisch die Augen schloss. „Jasper, mein Kleiner“, sagte sie leise. „Du bleibst in jedem Fall bei mir.“

Erste Begegnung

„Komm jetzt endlich!“

Den ganzen Tag über war Eva wie gelähmt gewesen. Sie hatte auf ihrem Bett gelegen, aus dem Fenster geschaut und sich geweigert, zum Essen zu erscheinen. Erst jetzt, da Gerrit im Türrahmen stand, raffte sie sich auf. Eigentlich hatte sie an diesem ersten Tag der Septemberkirmes ihre besten Ärmel mit den goldenen Stickereien anlegen wollen. Sie konnte die Ärmel ihres schwarzen Leibchens abtrennen und dann andere mit Schleifen an den im Schulterbereich eingearbeiteten Ösen befestigen. So ließen sich Stoffe und Farben variieren. Aber unter den gegenwärtigen Umständen verspürte sie keine Lust mehr dazu. „Ja, ich komme“, sagte sie und schloss das Fenster.

Gerrits Aufzug war dergestalt, dass sie laut darüber gelacht hätte, wenn ihr nicht so elend zumute gewesen wäre. Auf den ersten Blick glich er einem Kanarienvogel, denn sowohl Wams wie Pluderhose waren von einer grellgelben Farbe. Die Unterschenkel steckten in so eng sitzenden weißen Strümpfen, dass sie Eva an zwei Würstchen erinnerten, deren Pelle gleich platzen würde. Die Schuhe hatten hohe Absätze und wurden fast vollständig von einer feuerroten Schleife bedeckt. Das Komischste aber war ein gewaltiger Schlapphut mit langen roten Federn. Die Krempe hing Gerrit so tief ins Gesicht, dass er kaum etwas sehen konnte. Auch der Degen, der martialisch im Gürtel steckte, war eindeutig überdimensioniert.

„Das muss ja ein Vermögen gekostet haben“, meinte Eva. „Hab ich günstig auf dem Neumarkt gekauft“, entgegnete ihr Bruder. „Gebraucht. Stammt von einer Zwangsversteigerung. Schick, was?“

„Na ja.“

„Gut, wenn man so wie du auf Schwarze Witwe macht …“ Er musterte abfällig ihre konservativ-dunkle Aufmachung. „Du könntest die Haube abnehmen, dann hättest du wenigstens ein kleines Leuchtfeuer auf dem Kopf, aber so wie du jetzt aussiehst, schaut dir sowieso kein Mann hinterher.“

„Das ist auch gar nicht mehr nötig“, entgegnete Eva.

Gerrit bemerkte die Anspielung nicht, sondern wandte sich zum Gehen. Es bereitete ihm sichtlich Schwierigkeiten, auf den hochhackigen Schuhen die Treppe hinunter zu balancieren und dabei nicht über den Degen zu stolpern, der an seinem Gürtel wild umherbaumelte und ihm immer wieder zwischen die Beine geriet. „Säbel dir bloß nicht deine beiden Golfbälle ab!“, bemerkte Eva und wunderte sich darüber, dass sie noch scherzen konnte. Gerrit revanchierte sich auf der Straße, indem er den Degen aus dem Gürtel zog und mit der Spitze über den gepflasterten Gehweg kratzte – er wusste genau, dass Eva das hohe, quietschende Geräusch nicht ausstehen konnte.

Amsterdam war märchenhaft verwandelt. In der Abenddämmerung warf das Licht der Fackeln bizarre Schatten auf Buden und Zelte. Überall gab es Verkaufsstände, dazu Puppenspieler, Zauberer und Quacksalber, die ihre Pillen und Pulver anpriesen. Ein Theater ließ Figuren aufmarschieren, die scheinbar von selbst Arme und Beine bewegten – einer der Umstehenden sagte, sie würden von einem geheimen Uhrmechanismus gesteuert. In der Mitte des Jahrmarkts stand ein fast haushoher bunt bemalter Goliath aus Holz, der den Kopf hin und her drehte und dabei mit den Augen rollte.

Akrobaten führten Kunststücke vor. Zwei Männer tauchten ihre Hände in einen Tiegel voll geschmolzenen Bleis – es schien ihnen nichts auszumachen. Ein Engländer schluckte flüssigen Schwefel und kaute Kohlen, ein Pferd führte seine Rechenkünste vor. Bienen flogen auf Befehl ihres Besitzers in den Korb zurück. Eva und Gerrit bestaunten eine Pyramide aus Menschen, die in gefährlicher Höhe ihre Künste vorführten. Die größte Menschentraube stand vor einer Schauspielbühne. Eva sah, wie ein Mann im Gewand des Todes einen jungen Gesellen mit sich fortziehen wollte.

Plötzlich schossen Eva Tränen in die Augen. Warum gerade jetzt, konnte sie nicht sagen. Sie schlug die Hände vors Gesicht.

„Schwesterchen, was hast du?“ Gerrit legte den Arm um sie.

„Vater will mich verheiraten.“

„Was?“

„Ja. Heute hat er’s mir gesagt.“

„Und mit wem?“

„Irgendein hohes Tier von der Compagnie. Vierzig Jahre oder älter. Der könnte mein Vater sein.“

„Hat er Geld?“

„Ja, was denkst du denn? Das ist doch der Grund, warum ich ihn heiraten soll. Ich soll ihn heiraten, damit Vater seine Schulden bezahlen kann.“

„Verdammt!“, fluchte Gerrit. „Das ist heftig, richtig heftig. Du darfst dir das nicht gefallen lassen! Du musst dich weigern!“

„Das werde ich vielleicht auch. Aber Vater ist völlig begeistert.“ Sie äffte seinen Tonfall nach: „Das hättest du niemals erwarten können, dass sich so ein hoher Herr um dich bemüht!“

„Wenn du dich weigerst, kann er dich nicht zwingen!“, meinte Gerrit. Er schien ehrlich schockiert. „Stell dich quer!“

„Das sagt sich so leicht“, wandte Eva ein. „Du weißt doch, dass Vater kurz vor dem Bankrott steht.“

In diesem Augenblick rannten drei Gestalten auf Gerrit zu und warfen ihn zu Boden. Einer beugte sich über ihn und machte sich an seinem Gesicht zu schaffen. Eva packte ihn an der Schulter und versuchte, ihn wegzuziehen. „Lass das, lass ihn los!“ Doch der Unbekannte ließ sich davon nicht beeindrucken. Als er schließlich aufhörte und sich wieder hinstellte, sah Eva, dass Gerrits Gesicht weiß war. Es war ein alter Kirmesscherz, dass sich junge Leute überfielen und das Gesicht ihres Opfers mit Wachs und Mehl einrieben. Eva musste bei dem Anblick unwillkürlich an den geschminkten Schauspieler denken, der auf der Bühne den Tod verkörpert hatte.

Gerrit hatte sich inzwischen aufgerappelt und versuchte zu Evas Entsetzen, seinen Degen zu ziehen. Weil der sich aber irgendwo verhakt hatte, gelang ihm das nicht – wütend rüttelte er am Knauf seiner Waffe. Die drei Männer, die ihn niedergeworfen hatten, brachen in schallendes Gelächter aus. Gereizt bis aufs Blut, wollte Gerrit mit bloßen Händen auf sie losgehen, doch mit einem Mal ließ er die geballten Fäuste sinken und begann ebenfalls zu lachen: „Willem … Lucas … Nicolaes …“, prustete er. „Ihr seid wohl verrückt geworden, was? Na wartet, ich werd’s euch schon noch heimzahlen!“

Nun schlugen sich alle vier begeistert auf die Schulter und boxten einander gegen die Brust. Dazu grölten sie französische Begrüßungsformeln. Gerrit wandte sich an Eva: „Ich dreh noch kurz eine Runde mit denen.“

„Gerrit, Vater hat gesagt, du musst heute pünktlich zu Hause sein!“

Seine Kumpane lachten, doch Eva achtete nicht darauf. „Ich bin dagegen, dass du mitgehst. Man muss um dein Leben fürchten. Der geringste Anlass, und du verlierst die Beherrschung und greifst zum Degen, wie man eben gesehen hat. Das kann sehr schnell böse enden, besonders auf der Kirmes.“

„Keine Angst“, rief ihr einer der jungen Männer zu, „wir passen auf ihn auf!“ Schon verschwanden sie mit ihm in der Dunkelheit.

„Das ist die schlimmste Kirmes, die ich jemals erlebt habe“, dachte Eva. Und jetzt musste sie sich auch noch ohne männliche Begleitung auf den Heimweg machen. Eine Frau am Kirmesabend allein auf der Straße – das war das reinste Spießrutenlaufen. Sie zog den Kopf ein und beeilte sich wegzukommen. Aus den Augenwinkeln fiel ihr ein junges Liebespaar auf: Er hatte ihr gerade an einem Stand einen Kirmeskuchen gekauft. Mit Zuckerguss stand darauf geschrieben: In Liebe. Eva ging noch schneller.

Am nächsten Morgen war Gerrit nicht zu Hause. Claes Corneliszoon Ment bekam einen Wutanfall, so wie Eva ihn selten erlebt hatte. Sein kleiner Kopf lief puterrot an. Weil Gerrit nicht anwesend war, musste sich Eva einiges anhören. Sie habe nicht auf ihren kleinen Bruder aufgepasst, hielt der Vater ihr vor. „Kleiner Bruder?“, entgegnete sie. „Der ist einen Kopf größer als ich.“

Insgeheim freute sich Eva, dass der Tag, dem ihr Vater so große Bedeutung beimaß, nicht so begann, wie er sich das vorgestellt hatte. Gerrits Verschwinden fand sie allerdings beunruhigend. Doch für Nachforschungen blieb keine Zeit, sie mussten zur Kirche.

Eva hatte sich so verhalten wie möglich gekleidet. Auf keinen Fall wollte sie den Eindruck erwecken, Coen gefallen zu wollen. Ihr Vater hatte sie zwar kurz gemustert, aber nichts gesagt – für einen Gottesdienstbesuch hielt er die dezente schwarze Aufmachung vermutlich angemessen.

Bis zur Alten Kirche ging es nur über eine Brücke. Eva hätte den Weg mit verbundenen Augen gefunden, so gut kannte sie ihn. Das alte Gemäuer war ihre Taufkirche, und solange sie zurückdenken konnte, war sie mindestens einmal in der Woche dort gewesen.

Eva hatte schon den ganzen Morgen ein brennendes Gefühl in der Magengegend, und als sie nun auf dem Platz vor der Kirche eintrafen, nahm es an Heftigkeit zu. Mehrere kleine Gruppen von Kirchgängern standen beisammen. Ihr Vater sah sich kurz um, dann entdeckte er ihren Onkel, und sofort geschah, was Eva schon so häufig an ihm beobachtet hatte: Wahrscheinlich ohne es selbst zu bemerken, beugte ihr Vater den Oberkörper ein wenig vor und setzte ein anbiederndes Lächeln auf. Dies hatte ohne Zweifel damit zu tun, dass er in Pieter Hasselaer alles sah, was er auch gern gewesen wäre: guldenschwer und geachtet. Hasselaers Brauerei stand im Ruf, eine Goldgrube zu sein, doch mehr noch hatte der Herr Schwager mit Grundstücksspekulationen verdient. Dabei kam ihm zugute, dass er als Ratsmitglied immer etwas früher als die anderen wusste, wo als Nächstes neues Bauland für den nie abreißenden Strom von Neubürgern erschlossen werden sollte.

Eva fragte sich, ob einer von Onkel Pieters Gesprächspartnern ihr künftiger Ehemann sein könnte. Es fiel ihr auf, dass einer von ihnen – er stand mit dem Rücken zu ihr – ein geradezu hünenhafter Kerl war. Sollte das etwa …?

Pieter Hasselaer hatte sie nun auch gesehen und winkte sie ein wenig gönnerhaft heran. Schon im Näherkommen nahm Evas Vater den Hut ab. Die Männer öffneten den Kreis. „Guten Morgen, Onkel Pieter“, grüßte Eva. Hasselaer zog den Hut. „Guten Morgen, Eva. Das hier ist Herr van Neck, ich glaube, ihr seid euch schon begegnet.“ Eva senkte ehrfürchtig den Kopf – der alte van Neck war eine Amsterdamer Berühmtheit, denn er hatte ein Vierteljahrhundert zuvor als Pionier des Ostindienhandels sagenhafte Profite erzielt. „Das hier“, fuhr Hasselaer fort, „ist Herr Visscher.“ Der Name sagte Eva nichts. Sie verbeugte sich routiniert.

Hasselaer wandte sich nun dem Letzten in der Runde zu. Es war der Hüne. „Und das hier ist General Coen.“ Eva durchzuckte es. Langsam hob sie den Kopf. Ihre Augen befanden sich gerade einmal auf Brusthöhe des Mannes. Sie musste zu ihm emporschauen. Er war hager, fast ausgezehrt, mit hervorstehenden Backenknochen und einem schmalen Mund, der von Knebel- und Spitzbart eingerahmt wurde. Die Nase war groß und gebogen wie der Schnabel eines Raubvogels. Die kleinen Augen lagen tief in den Höhlen, doch ihr Blick war so durchdringend, dass Eva unwillkürlich wieder zu Boden schaute.

Jetzt erinnerte sie sich, dass ihr Coen in der Kirche schon einmal aufgefallen war – sie hatte ihn nur von Weitem gesehen, und doch hatte er ihr Respekt und sogar etwas Furcht eingeflößt. Es war nicht allein seine Riesenhaftigkeit, es war der Ernst, der von ihm ausging, gepaart mit einer, wie es schien, natürlichen Überlegenheit. Zusammen ergab dies eine Ausstrahlung von zwingender Autorität.

Coen hatte noch nicht gesprochen, und Eva hatte ebenfalls geschwiegen. Ohne den Blick ganz zu heben, brachte sie ein „Sehr erfreut“ heraus. Es war eher gehaucht als gesprochen. Coens Lippen bewegten sich nicht. Eva sah erneut zu ihm auf. Nun endlich rührte er sich. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite, verehrtes Fräulein Ment.“ Seine Stimme war nicht ganz so tief, wie sie erwartet hatte. „Sollten wir jetzt reingehen?“ Die anderen nickten. Für Eva entstand ein Augenblick der Unsicherheit, da sie nicht wusste, ob sie hinter Coen hergehen sollte. Doch da war schon ihr Vater zur Stelle und bedeutete ihr, sich neben ihm zu halten. Auch die Ehefrauen von Hasselaer, van Neck und Visscher, die sich nahe der Eingangstür miteinander unterhalten hatten, schlossen sich an.

Die Gesellschaft verteilte sich über zwei Bänke. Eva versuchte, sich zu sammeln. Es beruhigte sie immer, in der Kirche zu sein. Die kahlen, weiß getünchten Wände und Säulen und die durchsichtigen, farblosen Fenster ließen sie tiefer und langsamer atmen. Hier gab es nichts, was die Augen ablenken konnte. Nach einiger Zeit legte sich das Schwirren im Kopf, die Gedanken ordneten sich. Mehr und mehr zog sie sich in ihr inneres Gehäuse zurück.

Eva horchte auf das Rascheln der Kleider und das Ächzen der Bänke, wenn sich wieder jemand setzte. Einige tuschelten. Sonst war es still, denn die Calvinisten hatten neuerdings durchgesetzt, dass die Orgel nicht mehr bespielt werden durfte. Sie meinten, dass die Musik vom Wort Gottes ablenke. Eva dachte daran, wie sehr sie die Orgelmusik immer geliebt hatte. In ihren Kindertagen hatte in der Alten Kirche noch der große Organist Jan Pieterszoon Sweelinck gewirkt. Er war einer der warmherzigsten Menschen, die Eva jemals getroffen hatte, und der Einzige, der mit Kindern genauso freundlich umging wie mit Erwachsenen. Einmal – sie musste ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein und Gerrit acht – hatten sie ihm einen ganzen Vormittag beim Üben zugehört. Als sie schließlich aufgestanden waren, hatte er sie wieder zurückgerufen und gebeten, noch etwas zu bleiben. Sie dürften auch aussuchen, was er spiele. Eva hatte sich daraufhin ihr Lieblingslied Der lustige Mai gewünscht. Sweelinck spielte es nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder, und jedes Mal hörte es sich anders an. Gerrit, der schon damals ein famoser Fiedler war, saß die ganze Zeit mit offenem Mund in der Kirchenbank. Eva hatte nie vergessen, was er draußen zu ihr gesagt hatte: „Gott spricht gar nicht durch den Pfarrer. Er spricht durch Herrn Sweelinck.“

Pfarrer Sylvius predigte an diesem Sonntag passend zur Kirmes über die Verderbtheit der Jugend. Die Donnerpredigt schien wie für Gerrit bestimmt, doch der fehlte noch immer. Eigentlich sollten sie alle gehen und ihn suchen, anstatt hier in der Kirche den Moralpredigten des Pfarrers zu lauschen, dachte Eva. Aber es ging ja um Wichtigeres. Ihr graute davor, wenn sie an das gemeinsame Mittagessen dachte.

Schließlich forderte Johannes Sylvius die Gemeinde auf, in sich zu gehen und über ihre Sünden nachzudenken. Andächtige Stille trat ein. Die Ruhe war nahezu vollständig. Bis plötzlich … ein Knarren! Eva drehte sich um und sah, dass das Hauptportal einen Spalt weit offen stand. Eine Hand, die einen sehr großen Hut festhielt, tauchte auf, dann ein Gesicht – es war Gerrit. So leise wie möglich versuchte er, die Tür wieder zu schließen, aber offenbar aus Nervosität ließ er sie nicht richtig einschnappen, sodass sie noch einmal aufging. Daraufhin warf er sie mit größerem Schwung ins Schloss, was ein dumpfes Poltern zur Folge hatte. Nun reckte etwa die Hälfte der Gemeinde den Hals. Eva winkte dem Störenfried, was ihr sofort einen leichten Ellbogenstoß ihres Vaters einbrachte. Mit gesenktem Kopf steuerte Gerrit auf ihre Bank zu. Alle rückten etwas auf, sodass er sich noch neben ihr in die Bank quetschen konnte. Er sah schlimm aus. Die Haare hingen ihm verstrubbelt und fettig in der Stirn, im Gesicht sah man noch Reste der Wachs-Mehl-Mischung, mit der ihn seine Freunde eingeschmiert hatten, und sein gelbes Kostüm war verdreckt. Sein Vater warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

Eva flüsterte: „Schön durchgefeiert?“

„Maul halten!“, fauchte Gerrit und starrte düster vor sich hin.

Trotz dieser Frechheit blieb Eva auch nach dem Ende des Gottesdienstes dicht bei Gerrit. Alles war besser, als neben Coen stehen zu müssen. Als sie ihr Haus, den Weißen Adler, erreichten, hatte Claes Corneliszoon Ment kurz Gelegenheit, seinem Sohn etwas zuzuzischen: „Wir sprechen uns noch!“

Am Tisch nahm Eva rechts von ihrem Vater Platz, Gerrit links. Ihnen gegenüber saßen Coen, Onkel Pieter und dessen Frau Aechtje. Diese begann sofort davon zu erzählen, wie sie beide vor einigen Wochen den Prinzen von Oranien – den Oberbefehlshaber der niederländischen Streitkräfte – und dessen Frau Amalie zu Solms-Braunfels in Den Haag besucht hatten. „Ich glaube, die Gräfin Amalie hat einen Narren an mir gefressen“, behauptete Aechtje. „Sie konnte sich gar nicht mehr von mir losreißen. Wir haben sogar den kleinen Prinzen gesehen – ein außerordentlich hübsches Kind.“

Evas Vater versuchte, Coen in das Gespräch einzubeziehen: „General Coen verkehrt natürlich ständig mit hohen und höchsten Persönlichkeiten, nicht wahr?“

„Eher weniger“, erwiderte der. „Ich war nur einmal beim Prinzen. Ich hatte ihm für seine Menagerie einen Leoparden mitgebracht.“

„Was ist ein Leopard?“, fragte Ment.

„Ein Löwe mit Flecken. Sehr gefährlich, ein Menschenfresser. Wir transportierten ihn in einem Käfig und mussten uns beim Füttern immer in Acht nehmen. Die lange Überfahrt ist der Bestie allerdings nicht gut bekommen, ich glaube, sie ist kurz danach verendet.“

Tanneke war inzwischen mit der Suppe hochgekommen. „Bei Gräfin Amalie gab es eine delikate Mandelsuppe, garniert mit Hahnenkamm, Pistazien und Granatapfelkernen, wirklich köstlich!“, berichtete Tante Aechtje. „Danach ging es weiter mit einer pikanten Fleischpastete mit Früchten, da hab ich mir später sogar vom Küchenmeister das Rezept geben lassen. Wollt Ihr’s hören?“

Ohne darauf einzugehen, richtete sich Vater Ment wieder an Coen: „Gewiss kennt Ihr aus den fernen Landen, die Ihr bereist habt, auch einige empfehlenswerte Gerichte?“

Zum ersten Mal spielte ein Lächeln um die Lippen des Ehrengastes. „Wisst Ihr, die asiatische Küche ist völlig anders als die unsere. Zum einen ist sie natürlich sehr stark gewürzt, weil die Gewürze dort vor der Haustür wachsen und entsprechend billig zu haben sind. Grundlage der meisten Gerichte ist Reis …“

„Davon habe ich schon einmal gehört“, sagte Eva – sie erschrak geradezu darüber, dass sie freiwillig das Wort ergriffen hatte. Coen sah sie aber sofort an und nickte ihr aufmunternd zu: „Sehr gut“, lobte er. „Die meisten Niederländer sind zu ignorant, um je davon gehört zu haben.“

„Bei der Gräfin …“, wollte Aechtje Hasselaer ihre Schilderung fortsetzen, doch diesmal wurde sie von ihrem Mann unterbrochen: „Ist es nicht so, dass die Asiaten die kuriosesten Dinge essen?“

„Lasst es mich so sagen: Sie bevorzugen andere Gerichte, als wir sie gewohnt sind.“ Coen nahm einen Löffel Suppe. Eva schaute zur Seite und sah, dass Gerrit seinen Teller noch nicht angerührt hatte. Er starrte mit leerem Blick auf die ihm gegenüber sitzende Tante Aechtje.

„Ich habe mir zum Beispiel sagen lassen, dass in einigen Teilen Asiens geröstete Spinnen vertilgt werden“, erzählte Coen weiter. „Vom Geschmack her sollen sie an Hühnchen erinnern. Die Spinnen in Asien sind weit größer als bei uns, müsst Ihr wissen. Andernorts werden Tintenfische bei lebendigem Leibe verzehrt.“

„Das ist ja widerwärtig!“, ließ sich Tante Aechtje vernehmen.

„Am chinesischen Kaiserhof gilt Schwalbennestersuppe als die köstlichste aller Spezialitäten. Diese Nester sind nicht aus Zweigen oder dergleichen gewebt, sondern aus dem hart gewordenen Speichel der Schwalben, den sie wie eine Art Kleister einsetzen. Sammler holen diese Nester unter großer Gefahr für Leib und Leben aus Felsenhöhlen. Die Nester werden in Wasser eingeweicht, damit sie aufquellen, und anschließend mit Kalbfleisch und Brühe gegart.“

Niemand sagte mehr etwas. Alle löffelten ihre Suppe, allerdings recht langsam.

„Auf den Philippinen wiederum schwört man auf ausgebrütete Enten- und Hühnereier. Ich habe sie selbst einmal gekostet, ein chinesischer Kapitän hatte mich dazu eingeladen, und es wäre unhöflich gewesen, es abzulehnen. Die Eier hatten zwei Wochen in einem warmen Korb gelegen und sich dabei prächtig entwickelt. Nun wurden sie etwa eine halbe Stunde gekocht und anschließend serviert. Als ich meines öffnete, erblickte ich darin einen fast schon vollständigen Vogel: Schnabel, Federn, Augen – all das war bereits ausgebildet. Der Kapitän erklärte mir, dass ich zunächst die Flüssigkeit herausschlürfen müsse. Danach war der Körper an der Reihe. Ich erinnere mich noch, dass das schwarzbraune Fleisch von recht scharfem Geschmack war. Der Speise wird in Asien vor allem deshalb zugesprochen, weil sie der Manneskraft zugutekommen soll.“

„Soll ich abräumen und die Muscheln auftragen?“, fragte Tanneke. Claes Corneliszoon Ment nickte nur.

Coen schaute in die Runde. „Ja, es gibt viel zu entdecken in Ostindien.“ Gerade als er das sagte, öffnete sich die Tür zum Nachbarzimmer, und Jasper stahl sich herein. „Katze ist in weiten Teilen Chinas ein ganz normales Gericht“, fuhr Coen fort. „Auch der Magen und die Eingeweide werden gegessen. Wichtig ist, dass die Katze gut abgehangen ist.“

In diesem Moment hörte Eva aus Gerrits Richtung ein klägliches Stöhnen, und dann sah sie, wie er langsam den Mund öffnete und sich quer über den Tisch auf die vor ihm sitzende Aechtje erbrach. Es war ein Schwall wie bei einem Deichdurchbruch. Die Tante schrie, Onkel Pieter sprang auf, nur Coen blieb ungerührt sitzen. Danach herrschte Stille. Entgeistert sah Tante Aechtje an sich hinab.

„Verzeihung“, murmelte Gerrit. „Ich glaube, ich habe gestern Abend ein bisschen viel getrunken.“

Lektion im Elendsviertel

In der folgenden Nacht wachte Eva auf, und mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie mit Coen würde schlafen müssen. Die Vorstellung schockierte sie. Zwar war ihr die männliche Anatomie durchaus vertraut, zum Beispiel hatte sie im Sommer des Öfteren nackten Männern beim Schwimmen in den Entwässerungskanälen vor der Stadt zugesehen. Und natürlich kannte sie Gerrit. Sie war mit ihm aufgewachsen, und noch immer schliefen sie ganz selbstverständlich in einem Bett, wenn eines ihrer Zimmer für Besuch benötigt wurde. Sie hatte verfolgt, wie Gerrit Haare an Stellen wuchsen, an denen zuvor keine gewesen waren, und auch, wie er sie sich wieder abrasiert hatte, weil es seit einiger Zeit Mode war, einen unbehaarten Körper zu haben. Sie hatte sogar schon mehrmals erlebt, dass sich sein Geschlecht morgens beim Aufstehen auf das Doppelte seiner normalen Größe aufgebläht hatte und nicht mehr zur Erde zeigte, sondern gen Himmel. Beim ersten Mal war ihr der Anblick gänzlich unwahrscheinlich vorgekommen. Gerrit hatte sich hastig der gegenüberliegenden Wand zugedreht und die Spargelstange in seiner weiten Pluderhose verschwinden lassen.

Es war also nicht so, dass sie scheu gewesen wäre. Das Verlangen, einen Mann körperlich zu lieben, brannte seit Langem in ihr. Judith, die sehr bibelfest gewesen war, hatte ihr gesagt, dass es sogar in der Heiligen Schrift Stellen gab, die davon erzählten. Doch, sie wollte diesen Rausch erleben, aber nicht mit Jan Pieterszoon Coen. Er war zu alt und zu groß. Er war ihr unendlich fremd. Ihre Fantasie reichte nicht aus, um sich vorzustellen, wie er sie berühren, umarmen und küssen wollte. Er machte nicht den Eindruck, als würde er sich auf diese Dinge verstehen. Vermutlich hatte er seine Triebe bisher in Bordellen ausgelebt. Natürlich kannte sie ihn erst sehr flüchtig, aber sie wusste bereits, wie er sprach, sich bewegte, ein wenig auch, wie er dachte. Und all das erschien ihr nicht sehr ermutigend.

In den nächsten drei Tagen gab sie sich der Hoffnung hin, die Verbindung würde vielleicht doch nicht zustande kommen. Ihr Vater sprach nicht mehr von Coen – er sprach überhaupt nicht mehr. Gerrit war von ihm an jenem Sonntag zum ersten Mal seit Jahren geohrfeigt worden – natürlich erst, nachdem die Gäste gegangen waren. Mit seinen Freunden durfte er sich vorerst nicht mehr treffen. Eva hütete sich, noch einmal auf Coen zu sprechen zu kommen.

Doch am darauffolgenden Donnerstag sagte ihr Vater beim Mittagessen zu ihr: „Herr Coen wird uns am Sonntag wieder beehren. Du wirst dann auch Gelegenheit erhalten, mit ihm unter vier Augen zu sprechen.“

Der Bissen blieb ihr im Halse stecken. „Vater“, sagte sie, „ich bin überhaupt noch nicht im richtigen Alter. Kaum jemand heiratet vor Mitte zwanzig.“

„Kaum jemand? Das erscheint mir ein wenig übertrieben“, wandte ihr Vater ein. „Und selbst wenn: Du hast eben schon früh das große Los gezogen. Endlich ein Hauptgewinn für uns!“ Es war wohl witzig gemeint, denn er grinste. Tatsächlich hatten sie in der Lotterie trotz reger Beteiligung nie mehr gewonnen als einmal eine Garnitur von Damenunterröcken, die Eva zu groß gewesen waren. Das silberne Tafelservice, die Goldketten, die Tapisserien und alle weiteren wertvollen Preise waren immer an andere gegangen.

„Ich betrachte ihn keineswegs als das große Los. Er ist viel zu alt für mich. Ein so großer Altersunterschied ist immer schlecht.“

„Das kann man so allgemein nicht sagen. Und ich frage mich wirklich, was es hier noch zu meckern gibt! Du kannst einen Mann heiraten, der reich ist, der einen Namen hat, der – wie du gehört hast – mit den Mächtigen umgeht. Da solltest du nicht noch auf sein Alter schauen. Wer alles will, geht leer aus.“

„Wenn er so eine tolle Partie ist, dann frage ich mich, was er ausgerechnet von mir will.“

„Das muss ich dir ja wohl nicht erst sagen. Unsere Familie mag geschäftlich schon bessere Zeiten erlebt haben, aber wir stammen immer noch aus einem alten Amsterdamer Patriziergeschlecht. Onkel Pieter dürfte demnächst Bürgermeister werden. Über dich erhält Jan Pieterszoon Coen Zutritt zu diesen Kreisen.“

„Aha. Dann bin ich also ein Vehikel für seine Karriere, ein Mittel zum Zweck. Habt Ihr Euch schon einmal gefragt, ob ich irgendetwas für ihn empfinde? Nein, das interessiert Euch erst gar nicht. Aber ich sage es Euch trotzdem: Nein, ich empfinde nichts für ihn. Höchstens Abscheu.“

„Liebe kann wachsen …“

„Vater, es ist nicht mehr wie früher! Die Zeiten haben sich geändert, wir leben im 17. Jahrhundert!“

Da schlug Ment mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Jetzt reicht es! Du bist undankbar und verzogen! Weißt du was? Wir werden jetzt einen Spaziergang machen. Zieh deinen Umhang über!“

„Wo sollen wir denn hingehen?“

„Das wirst du schon sehen!“

Wortlos tat Eva, was ihr Vater verlangte. Sie konnte sich beim besten Willen nicht denken, was er vorhatte.

Draußen spürte sie zum ersten Mal, dass es Herbst geworden war. Die Backsteinfassaden glänzten von einem kurz zuvor niedergegangenen Regenschauer, das Gewölk des Himmels ließ gerade wieder etwas Halbsonne durch. Am Kanal streuten die Linden ihr goldgelbes Laub in das Wasser.

Evas Vater strebte über die Brücke. Trotz seiner Leibesfülle war er noch verblüffend gut zu Fuß. Es ging an der Alten Kirche vorbei und quer über die Warmoesstraat mit ihren verlockenden Geschäften. Dann führte der Weg sie weiter über den Dam-Platz, auf dem immer noch die Kirmeszelte standen. Dahinter begann die Neustadt mit ihren von Bäumen gesäumten Wasseravenuen, den vor zehn Jahren angelegten Hauptkanälen Herengracht, Keizersgracht und Prinsengracht. Die erste, die Herengracht, war die feinste Adresse der Stadt. Eva hatte sich immer gewundert, dass in Amsterdam die Herren vor den Kaisern kamen, aber ihr Vater hatte ihr erklärt, dass sie nun einmal in einer Republik lebten, ohne König oder Kaiser.

Claes Corneliszoon Ment lief unbeirrt weiter, bis sie eine andere Gegend der Stadt erreichten. „Weißt du, wo wir hier sind?“ Eva schüttelte den Kopf: „Weiter als bis zur Prinsengracht bin ich nie gewesen.“

Ihr Vater nickte. „Dies ist der Jordaan. Hier wohnen diejenigen, die in ihrem Leben weit weniger vom Glück begünstigt sind als du. Ich möchte, dass du dir jetzt alles ganz genau anschaust!“

Es begann eine Wanderung, wie Eva sie noch niemals erlebt hatte. Sie blickte in Gerberhöfe, in denen bleichgesichtige Gestalten Häute entfleischten, wässerten und in ätzenden Laugen enthaarten. Sie sah Färbereien, von denen ihr Vater erzählte, dass dort Knechte giftige Farbbrühen mischten. Sie atmete den Gestank der Zuckerraffinerien und Seifensiedereien. Sie kam durch Gassen und Stiegen, die so schmal waren, dass sie, wenn sie die Arme ausstreckte, die Hauswände an beiden Seiten berühren konnte. Sie wich den Blicken der Kinder aus, die sie aus großen glasigen Augen anstarrten und sich wohl ein Almosen erhofften. An einer Stelle, wo sich zwei der schlauchartigen Straßen kreuzten, hielt ihr Vater an, um zu verschnaufen. „Schau dich nur um“, sagte er.

Dicht gedrängt standen die Menschenpackhäuser, vier, fünf Stockwerke hoch, unterwandert und durchkreuzt von einem Geflecht aus Gassen, Treppen, Hinterhöfen und Durchgängen. Farblose Häuser in fahlem Licht. Ab und an ertönte ein Warnschrei, und dann ergoss sich von oben der Inhalt eines Nachttopfs auf den ungepflasterten Weg. Eva sah auf ihre Schuhe: Sie schienen bereits ruiniert, denn der Straßenbelag bestand aus nichts anderem als platt getretenem Dreck. Beim nächsten Regenguss würde sich alles in Schlamm verwandeln; und dann würde man sich nicht nur die Schuhe, sondern auch die Kleider verderben. „Es geht weiter“, keuchte ihr Vater.

Immer wieder musste Eva frei herumlaufenden Hunden und Schweinen ausweichen, die im Straßendreck nach etwas Essbarem wühlten. Kanäle gab es zwar auch in diesem Teil Amsterdams, doch anders als in den besseren Vierteln konnte man hier auf den ersten Blick erkennen, was sie eigentlich waren: das Gedärm des Stadtkörpers. Von den Häusern und Werkstätten aus lief das Abwasser durch Rinnsteine direkt in die Grachten. Eva wusste, dass auch alle Schlacht-, Betriebs- und Marktabfälle sowie der auf der Straße liegen gebliebene Pferdekot in die Kanäle geschüttet wurde. Sie sah einen toten Hund in der schäumenden Brühe treiben und ein Stück weiter den Kadaver einer Ziege. Am Rand eines der Kanäle hatten sich ganze Abfallberge angesammelt. Viele Häuser waren abgesackt und neigten sich bedenklich zur Seite. Auf den Dächern reckten sich Schornsteine wie schwarze Finger in den Himmel.

Eva empfand es als eine Erlösung, als ihr Vater endlich umdrehte und sie nach einigen Brücken wieder an der Prinsengracht standen.

„Kannst du dir vorstellen, warum ich dich hierhergeführt habe?“ Eva konnte es, aber sie sagte es nicht.

„Hier kannst auch du einmal enden. Vielleicht nicht gerade in den dunkelsten Höhlen und Baracken, aber in dieser Gegend allemal. Das geht ganz schnell, und dann wirst du froh sein, wenn Onkel Pieter dir einen Platz in einem der öffentlichen Wohnstifte besorgt.“

„Vater, Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass unsere Familie so tief sinken könnte“, wandte Eva ein.

„Ich kenne durchaus vergleichbare Fälle“, entgegnete ihr Vater. „Du bist im Luxus aufgewachsen, du hast immer alles gehabt und scheinst dies als selbstverständlich hinzunehmen. Das ist es nicht. Du weißt, dass es mit uns nicht zum Besten steht. Deine Position ist gefährdet. Viel hast du nicht anzubieten, eigentlich nur den tadellosen Ruf unserer alteingesessenen Familie und unsere guten Beziehungen. Das ist das Pfund, mit dem du wuchern musst. Aber du musst es dir so vorstellen, dass viele andere junge Frauen das Gleiche oder sogar etwas Besseres offerieren. Es ist, als würde jede von euch an einem kleinen Steg stehen und auf ein großes Schiff warten, mit dem ihr in den Hafen der Ehe einlaufen könnt. Und jetzt kommt so ein Schiff, ein so großes und prächtiges, wie es noch keine von euch je gesehen hat. Und – was für ein unbeschreibliches, völlig unerwartetes Glück! – es hält auch noch genau an deinem kleinen Steg. Du kannst an Bord gehen. Zögerst du? Das Schiff hält nur ein einziges Mal bei dir, wenn du es jetzt vorbeifahren lässt, wird es nie mehr wiederkommen.“ Er machte eine Pause. „Überlege dir also gut, was du tust. Du bist verwöhnt, du bist nicht belastbar. Du würdest ohne einen Mann, der dich versorgt, nicht zurechtkommen. Und in dieser Welt hier“ – er zeigte zu der finsteren Passage, aus der sie gekommen waren – „würdest du nicht lange überleben.“

Damit wandte er sich wortlos um und stapfte nach Hause. Eva folgte ihm in einigem Abstand.

Fieberträume

Coen war pünktlich auf die Minute, als er am Sonntagnachmittag zu seinem zweiten Besuch erschien. Eva erkannte es daran, dass das Glockenspiel der Alten Kirche einsetzte, als er klopfte. Drei Uhr. Tanneke öffnete ihm, führte ihn herein und bot ihm ein Glas Rheinwein an. Der Stuhl, auf dem Coen Platz nahm, war eigentlich zu niedrig für ihn – er wusste nicht recht, wo er seine Beine lassen sollte.

Die beiden Männer unterhielten sich zunächst über den Verlauf des Krieges gegen Spanien. Dann erhob sich Ment von seinem Platz und sagte: „Ich möchte mich fürs Erste empfehlen.“ Damit verschwand er.

Eva hatte die Augen niedergeschlagen, aber sie konnte den Blick ihres Gegenübers regelrecht spüren. Sie hatte keine Ahnung, worüber sie mit ihm reden sollte. Es war eine äußerst unangenehme Situation.

„Woher wusstet Ihr, dass in Asien Reis gegessen wird?“, fragte Coen.

Eva sah auf. „Das hat mir ein Kaufmann erzählt, der einmal für einige Tage bei uns gewohnt hat. Ein Bekannter von Onkel Pieter.“

Wieder entstand eine Stille. Dann sagte Eva: „Ich bewundere alle, die den Mut haben, eine solche Reise anzutreten. Ich könnte das nie.“

„Warum nicht? Seid Ihr nicht neugierig?“

„Doch, schon. Ich mag es zum Beispiel, Karten anzuschauen. Onkel Pieter hat einen Globus. Er muss überaus kostbar sein.“

„Globen gehören in der Tat zum Teuersten, was es gibt“, bestätigte Coen. „Aber sagt mir, wenn Euch ferne Länder doch offenbar anziehen, warum könnt Ihr Euch dann nicht vorstellen, selbst dort zu leben?“

„Gerade weil alles so anders ist. Die Menschen essen seltsame Dinge, wie Ihr selbst berichtet habt. Sie tragen vermutlich andere Kleidung, sie haben Gewohnheiten, die von den unseren abweichen. Gewohnheiten, die wir vielleicht gar nicht verstehen können. Ich glaube, was am meisten auf mir lasten würde, wäre der Gedanke, dass diese Menschen einer anderen Religion angehören. Und folglich über die Welt und das Zusammenleben der Menschen völlig anders urteilen müssen als wir Christen.“

„Das lässt sich ändern“, gab Coen zu bedenken. „Wir sind aufgerufen, die Botschaft des Herrn in die Welt zu tragen.“

„Das ist gewiss eine ehrenwerte Aufgabe, solange es nicht mit Zwang und Gewalt geschieht, so wie es die Spanier in Westindien getan haben. Wie gesagt, ich bewundere jeden, der ans andere Ende der Welt reist. Aber ich möchte noch nicht einmal in einer anderen holländischen Stadt wohnen. Ich möchte nicht weg aus Amsterdam. Wobei es nicht etwa so ist, dass ich meinen würde, es gäbe auf der Welt keinen schöneren Ort, gewiss nicht …“

„… Ihr müsstet Italien sehen!“, warf Coen ein.

„Ich bezweifle nicht, dass es ein sehenswertes Land ist. Aber dies hier ist eben mein Zuhause, diese Welt ist mir vertraut, und sie zu verlassen, würde mir vorkommen, wie einen Teil meiner selbst aufzugeben.“

Darauf erwiderte er nichts mehr. Auch Eva fiel nichts mehr ein, was sie noch hätte sagen können. Von draußen hörte man Kindergeschrei.

Plötzlich sagte Coen: „Ich habe bei Eurem Vater um Eure Hand angehalten.“

Der Satz kam wie ein Donnerschlag. Eva starrte ihn an.

„Ihr seid erschrocken? Selbstverständlich hängt alles von Eurem Einverständnis ab. Nur ein Wort, und ich ziehe mich zurück.“

Eva schwieg. Schließlich sagte sie: „Kann ich … kann ich darüber nachdenken?“

„Selbstverständlich.“ Coen stand auf. „Eine Entscheidung von solcher Tragweite will wohlüberlegt sein. Ich muss sowieso für einige Tage nach Hoorn. Wenn ich zurück bin, werde ich mich erkundigen, wie Ihr Euch entschieden habt.

Am nächsten Morgen erwachte Eva mit Fieber. Ihre Stirn war heiß, aber ihr selbst war so kalt, dass sie zitterte. Ihr Vater ließ sofort einen Arzt rufen. Noch vor neun Uhr morgens stand er an ihrem Bett, Jacob Janszoon de Wit, ein höflicher, schon etwas älterer Herr, der in Schweden geboren war, einem Land, das – wie er Eva erzählt hatte – völlig anders aussah als Holland, weil es nämlich ganz und gar von Wald bedeckt war. De Wit ließ sich von Tanneke Evas Nachttopf unter dem Bett hervorholen und füllte einen Teil ihres darin aufgefangenen Urins in ein Glas um, das er aus seiner großen Arzttasche hervorholte. Dieses Glas hielt er vor dem Fenster gegen das Licht und betrachtete es eingehend von allen Seiten.

Dann wandte er sich an Claes Corneliszoon Ment und verkündete: „Ein typischer Fall von Furor uterinus.“

„Um Gottes willen!“, rief Ment. „Was ist denn das?“

„Wir sprechen von der wandernden Gebärmutter“, erläuterte de Wit. „Seht, die weibliche Gebärmutter vermag im Körper umherzuwandern, wobei sie je nach Position bestimmte Organe zusammenpresst und dadurch die unterschiedlichsten Krankheiten verursacht. Fast jedes ernsthafte Frauenleiden lässt sich darauf zurückführen.“

„Es ist also ernsthaft?“, hörte Eva ihren Vater fragen.

„Ich fürchte ja“, war die Antwort. „Das Wichtigste ist jetzt, dass Fräulein Eva aus dem Bett kommt und sich möglichst aufrecht auf einen Stuhl setzt. Dann besteht die Chance, dass die Gebärmutter von selbst wieder nach unten rutscht, auf den Platz, wo sie hingehört.“

Ment wandte sich an Eva: „Hast du das gehört? Bitte setz dich auf den Stuhl dort.“

„Ich fühle mich sehr schwach“, protestierte sie.

„Du hast gehört, was der Doktor gesagt hat. Es mag beschwerlich sein, aber es ist der einzige Weg zur Gesundung und Verkürzung deines Leidens. Tanneke, kannst du den Stuhl vielleicht mit Kissen polstern? Herr de Wit, das wird doch wohl erlaubt sein oder stört das den Genesungsprozess?“

„Dagegen ist nichts einzuwenden, sofern sich Fräulein Eva um eine möglichst aufrechte Haltung bemüht.“

Unter den Augen des Arztes krabbelte Eva mühsam aus dem Bett und schleppte sich auf den Stuhl. „Lange halte ich es hier nicht aus“, klagte sie. „Ich schaff das einfach nicht.“

„Stell dich nicht so an!“, ermahnte sie der Vater. „Es ist doch nur zu deinem Besten.“

Doktor de Wit packte seine Tasche zusammen. „Ich werde morgen wieder vorbeikommen. Sollte sich ihr Zustand verschlimmern, so unterrichtet mich umgehend.“ Im Flur unterhielt er sich danach noch eine Zeit lang im Flüsterton mit dem Hausherrn.

Als de Wit gegangen war, bestimmte Vater Ment, dass Gerrit heute nicht mit in die Brauerei kommen, sondern bei seiner Schwester bleiben solle. Gerrit setzte sich neben sie und hielt ihre Hand. „Schwesterchen, Schwesterchen, was machst du für Sachen?“ Schon nach kurzer Zeit erklärte Eva, sie könne sich nicht mehr länger auf dem Stuhl halten, und wechselte ins Bett. Gerrit stapelte dort mehrere Kissen übereinander, sodass ihr Oberkörper erhöht lag. Bald schlief sie ein und wachte erst am Abend wieder auf. Das Fieber hatte nicht nachgelassen.

Am nächsten Tag erschien de Wit abermals, hielt erneut ein Glas mit Urin gegen das Licht, betrachtete Eva und bestätigte seine Diagnose einer wandernden Gebärmutter im fortgeschrittenen Stadium. Möglicherweise befinde sie sich bereits oberhalb des Magens. Nachdrücklich ermahnte er die junge Frau, so viel Zeit wie eben möglich in sitzender statt in liegender Haltung zu verbringen. Damit empfahl er sich.

Nach dem Arztbesuch schlief Eva. Als sie wach wurde, sah sie, dass Jasper sich neben ihr zusammengerollt hatte. Noch immer war ihr kalt, obwohl ihre Wangen glühten. Gerrit fragte, ob er ihr etwas auf seiner Fiedel vorspielen sollte. Er war ein hervorragender Musikant, aber Eva wollte jetzt Ruhe. Gerrit brachte ihr Bier zu trinken, setzte sich wieder neben sie und begann, ihr von der Fechtschule Thibault zu erzählen, die er seit einiger Zeit besuchte. Zusätzlich wollte er sich nun auch noch in der Tanzschule Vallet anmelden, die erst vor einem Jahr geöffnet hatte, sich aber bereits eines enormen Zulaufs erfreute. „Vater meint allerdings, es wäre zu teuer.“

Eva lächelte matt. Gerrit mochte ein rechter Taugenichts sein, aber er hatte das Herz am rechten Fleck. Als ihm jetzt nichts mehr einfiel, was er noch erzählen könnte, holte er aus dem Saal die Familienbibel nach oben und schlug sie in der ersten Hälfte auf. Er habe da eine Stelle gefunden, die ihr sehr gefallen werde, sagte er zu Eva, und fing gleich an zu lesen. Es ging um den Feldherrn Holofernes, der zu einem Vernichtungsfeldzug gegen die Länder des Westens aufbrach. Eine typische Männergeschichte! „Die ganze Erde werde ich mit den Füßen meiner Truppen bedecken und den Besitz der Menschen meinen Männern zur Plünderung preisgeben“, las Gerrit vor. „Ihre Täler sollen sich mit Gefallenen füllen. Jeder Bach und Fluss soll übervoll werden von Toten.“

Eva sah mit Leichen bedeckte Landschaften vor sich. Dann tauchte am Horizont eine Silhouette auf. Es war der Feldherr Holofernes, riesenhaft groß. Er drehte seinen Kopf hin und her und rollte mit den Augen. Eva spürte, dass er sie suchte, er hatte es auf sie abgesehen. Schnell versteckte sie sich hinter einem verkohlten Baumstumpf. Der Feldherr kam näher. „Ich habe bei deinem Vater um deine Hand angehalten! Du gehörst mir!“ Immer schneller rollten seine großen runden Augäpfel in ihren Höhlen herum, bis sie schließlich aus seinem Kopf sprangen und wie Golfbälle über den Boden hüpften. Im Nu hatten sie hinter den Baumstumpf gespäht und Eva entdeckt. Der Feldherr lachte dröhnend und schwenkte einen Degen. Eva drehte sich um und lief, lief, lief … Hinter sich hörte sie die dumpfen Schritte des Riesen und das leise Klatschen, das entstand, wenn einer der Augäpfel wieder auf dem Boden aufschlug. Gleich würde er sie packen, gleich würde er sie stechen … „Hilfe! Nein! Nein!“

„Eva, Eva!“ Verschwommen sah sie Gerrits Gesicht vor sich. Er rüttelte an ihr. „Ich glaube, du fantasierst!“, sagte er. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Du musst dich wieder auf den Stuhl setzen, so wie es der Doktor gesagt hat. Hier im Bett verschlimmert sich dein Zustand! Komm!“ Er fasste sie unter die Arme und hievte sie aus dem Bett. Eva lief der Schweiß herunter, ihre roten Haare hingen ihr verklebt im Gesicht. „Ich werde Tanneke zu Vater schicken. Er soll den Doktor noch mal holen!“

Eva bekam kaum noch mit, was geschah. Sie krallte sich an den Lehnen des Stuhls fest, um nicht herunterzurutschen. Irgendwann ließ sie sich auf den Boden gleiten. Wenig später schwanden ihr die Sinne.

Als sie wieder die Augen aufschlug, lag sie auf ihrem Kissenlager im Bett und blickte in das Gesicht von Doktor de Wit. An ihrem rechten Arm fühlte sie einen leichten Schmerz. Sie drehte den Kopf – und sah, dass ihr Blut abgezapft wurde. Es lief in eine Schüssel. „Was tut Ihr?“, fragte Eva.

„Ich nehme einen Aderlass vor“, antwortete der Doktor. „Ihr habt zu viel Blut im Körper, was zu einem Ungleichgewicht der vier Körpersäfte geführt hat. Dadurch hat sich das Fieber noch weiter erhöht. Indem wir Eure Blutfülle durch Abzapfen des überflüssigen Blutes verringern, können wir die Säfte wieder in Balance bringen.“

„Welche Säfte?“, hörte Eva Gerrit fragen, ohne dass sie ihn sehen konnte.

„Blut, gelbe Galle, schwarze Galle, Schleim. Daraus besteht unser menschlicher Körper.“

Eva ließ den Kopf zurück auf ihr Kissen sinken. Sie fühlte sich so elend wie noch nie in ihrem Leben. Nach einiger Zeit verließen der Doktor, ihr Vater und Tanneke das Zimmer. Sobald sie draußen waren, kam Jasper, der beim Eintreffen des Doktors den Raum fluchtartig verlassen hatte, zurück und sprang wieder ins Bett. Gerrit setzte sich auf die Bettkante, streichelte ihre Hand und sah sie aus seinen großen Augen mitleidig an. „Wenn du wieder gesund bist, machen wir eine Bootsfahrt über die Kanäle bis zu den Dünen“, versprach er.

Eva hörte ihn nur noch sehr entfernt. Sie irrte durch einen Wald, sehr dunkel, sehr tief. Die Bäume waren mit Moos überzogen und von Spinnweben umhüllt, in sich versunken und verkapselt. Einer dieser Baumriesen war von innen hohl, seine Krone wurde nur noch von drei kleinen Teilstücken des Stammes getragen. Eva trat in ihn hinein und sah auf dem Boden ein Ei liegen. Sie nahm es hoch und betrachtete es. Zunächst schien es unversehrt, doch dann bemerkte sie einen Sprung. Es schien von innen auseinandergedrückt zu werden. Die Schale fiel ab, und nun sah sie, dass darin eine noch nicht voll entwickelte Katze steckte. Sie war nackt, ohne Fell, aber ihr eines Auge bewegte sich und fixierte sie. Erschrocken ließ sie das Ei fallen und rannte davon, aber hinter sich hörte sie die Katze rufen: „Ich bin dein Kind! Ich bin dein Kind! Nimm mich mit! Komm zurück!“

Als Eva diesmal wach wurde, erkannte sie niemanden mehr, nur noch eine schemenhafte Gestalt, die vor ihr stand und zu ihr sagte: „Trink das hier! Trink das!“

An alles unmittelbar Folgende konnte sie sich später nie erinnern. Irgendwann schlug sie die Augen auf und bekam von Gerrit Bier eingeflößt. Nach einer gewissen Zeit – sie hätte nicht sagen können, ob nach Stunden oder Tagen – wachte sie öfter auf. Jedes Mal drängte Gerrit oder ihr Vater sie zum Trinken. Irgendwann aß sie zum ersten Mal etwas Brei. Und dann – es war gerade Morgen, wie sie am Licht des Himmels erkannte – fühlte sie sich mit einem Mal besser.

Ihr Vater saß an ihrem Bett. „Kind“, sagte er, „ich glaube, du bist über den Berg!“

„War ich sehr krank?“

„Wir haben um dein Leben gefürchtet. Du hast sehr schnell enorm hohes Fieber bekommen. Doktor de Wit wusste nicht mehr, was er tun sollte.“

„Und dann?“

„Dann ist etwas schier Unglaubliches passiert. General Coen ist aus Hoorn zurückgekehrt. Und er hat uns einen Trank gegeben, in dem er die Rinde eines Urwaldbaums aufgelöst hatte. Er sagte, die Javaner verwendeten dieses Mittel gegen hohes Fieber, und er wisse aus eigener Anschauung, wie gut es wirke. Aus purer Verzweiflung haben wir dir dieses Mittel gegeben. Und seitdem hat sich dein Zustand gebessert.“

Eva sah ihn ungläubig an.

„Kind“, sagte ihr Vater wieder. „General Coen hat dir wahrscheinlich das Leben gerettet.“ Er machte eine Pause. „Er wird dich in den nächsten Tagen besuchen. Und wenn er dich dann noch einmal fragen sollte, ob du ihn heiraten willst, dann bin ich mir sicher, dass du ihm die richtige Antwort geben wirst.“

Hochzeitsnacht

Wenige Tage nach Evas vollständiger Genesung verlobte sie sich mit Jan Pieterszoon Coen. Im Beisein ihrer Familien – auf Coens Seite lebte nur noch seine Schwester, die aus Hoorn angereist war – gaben sie sich ein feierliches Eheversprechen und tauschten Ringe aus, die von Coen bezahlt worden waren.

Bis zur Hochzeit waren es nun noch acht Wochen.

Eva war zutiefst niedergeschlagen, aber nur Gerrit schien sie zu verstehen. Alle anderen hielten es für selbstverständlich, dass sie ihren Lebensretter, der zudem so angesehen und reich war, nicht abwies. Der Druck war so groß gewesen, dass sie ihren Widerstand aufgegeben hatte. Wenn sie aber daran dachte, dass sie nun den Rest ihres Lebens mit einem Mann verbringen musste, den sie nicht liebte, ja noch nicht einmal mochte, war sie verzweifelt.

Mitunter holte Coen sie nun zu Spaziergängen ab. Er zeigte ihr die Börse, die zur Handelszeit um die Mittagsstunde so voll besetzt war wie eine Kirche während des Ostergottesdienstes. Im Rathaus erklärte er ihr die Bedeutung der städtischen Wechselbank, in deren Keller Geld im Wert von mehreren hundert Tonnen Gold lagern sollte. Eva hörte nicht zu. Stattdessen sah sie einem Liebespaar nach, das ins Rathaus gekommen war, um seine Hochzeit anzumelden. All dies würde sie niemals erleben – das Schönste im Leben würde an ihr vorbeigehen. Ihr schossen Tränen in die Augen.

Wenn halbwegs gutes Wetter war, wanderten sie über die Stadtmauer. Auf der einen Seite blickte man über die Giebel und Dächer der Stadt, auf der anderen Seite auf sumpfige Weiden. Hier oben hörte man nur das Ächzen und Surren der Windmühlenflügel. Wie kolossale Wächter umstanden die Mühlen die ganze Stadt und ruderten Tag und Nacht mit ihren Armen durch die Luft. Coen hatte auch sehr lange Arme … Bald würde er sie damit umschließen, dieser entsetzlich große Mann. Und dann … was dann geschehen würde, daran wollte sie lieber nicht denken.

Jedes Mal war sie froh, wenn der Spaziergang endlich zu Ende war. Dann flüchtete sie nach Hause zu Gerrit. Ihr Bruder war der Mensch auf der Welt, der ihr mit Abstand am meisten bedeutete. Vom Tag der Hochzeit an würde sie zum ersten Mal, seit sie denken konnte, nicht mehr im selben Haus wie er schlafen.

„Auf keinen Fall will ich ein Kind von diesem Mann“, sagte sie.

„Dann halt immer schön die Beine zusammen“, feixte Gerrit.

„Ich meine es ernst. Ich bin viel zu jung für Kinder.“

„Er wird dich aber kaum in Ruhe lassen. Sobald ihr verheiratet seid, kannst du dich nicht mehr weigern.“

„Das weiß ich. Aber es gibt doch zumindest Wege, eine Schwangerschaft zu verhindern.“

„Und welche?“

„Tu nicht so dumm!“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

„Genau weiß ich es auch nicht. Aber die Huren wissen alles darüber. Darum möchte ich, dass du hingehst und sie fragst.“

„Was? Ich soll für dich zu den Huren gehen und sie bitten: ,Nun erzählt mir mal schön, wie macht ihr das, dass eure Kunden ihre schmutzigen Pinsel in eure Farbtöpfe stecken und ihr doch sauber bleibt?‘“

„Was spricht dagegen? Du kannst ihnen Geld dafür bieten. Außerdem bist du doch bestimmt schon mal dort gewesen, oder?“

„Nein, bin ich nicht!“ Gerrit schüttelte den Kopf, dass seine Locken hin und her wippten, aber Eva hörte an seiner Stimme, dass er log.

„Ich weiß übrigens, dass du mit deinen Kumpanen neulich Rabatz gemacht hast. Ihr habt Blumenkästen umgeworfen und eine Scheibe zertrümmert.“

„Was … woher …?“

„Ich habe meine Zuträger in der Nachbarschaft, glaub mir. Natürlich habe ich Vater nichts verraten. Ehrensache. Aber ich frage mich, wieso du mir dann nicht diesen kleinen Gefallen erweisen kannst?“

Gerrit stieß einen Seufzer des Missfallens auf, dann sprang er auf und zog sich das Wams gerade. „Also gut, ich gehe. Aber dafür schuldest du mir was.“

Am Abend des übernächsten Tages kam er zu ihr ins Zimmer.

„Ich habe was bekommen“, sagte er. Er öffnete ein kleines Säckchen und holte ein hauchdünnes Stofftüchlein hervor. „Das Ding ist mit allem möglichen Zeug präpariert. Akazie, Koloquinte, und den Rest hab ich vergessen. Das musst du dir in dein Schatzkästlein legen, und dann ist es wohl fast garantiert, dass du keine Kinder bekommst. Die, die mir’s gegeben hat, scheint eine absolute Kennerin zu sein. Sie sagt, sie experimentiert mit so vielen Kräutern, dass man zwei Wiesen damit füllen könnte.“

Eva war sehr erleichtert, als sie das Tüchlein in ihrer Leinentruhe verstaute. Sie hatte das Gefühl, dass sie der Hochzeitsnacht nun nicht mehr wehrlos entgegensehen musste. Sie war gewappnet.

Die Zeit bis zu ihrem großen Tag verging schnell. Es gab viel zu tun: Sie musste die Einladungen schreiben und verschicken, das Aufgebot bestellen, das Brautzimmer schmücken und die Heirat im Vorhinein der städtischen Kommission für Eheangelegenheiten melden. Und dann musste sie natürlich das Hochzeitskleid auszusuchen. Sie entschied sich für ein vorne offenes Übergewand aus glänzendem Seidendamast und einen weit abstehenden Rock. All dies war in vornehmem Schwarz gehalten. Dadurch wurde der Blick des Betrachters wie von selbst auf das spektakuläre Brustmieder gelenkt, das unter dem Übergewand hervorschaute: Es war von oben bis unten in einem komplizierten Blumenmuster mit Gold- und Silberfäden durchwirkt und mit Perlen bestickt. Dazu trug sie einen blütenweißen Mühlsteinkragen, dessen gefältelter Stoff ausgebreitet über alle Stockwerke des Weißen Adlers gereicht hätte. Als sie all das zur Probe angelegt hatte, gaben sich der französische Schneider und seine beiden Gehilfen schier fassungslos und sprachen von einem der schönsten Brautkostüme, das sie je hergestellt hätten. Eva ärgerte sich nur darüber, dass der Schneider beim Anprobieren der Haube die Bemerkung fallen ließ, dieser Kopfputz sei auch deshalb so wunderbar für sie geeignet, weil er ihre feuerroten Haare vollkommen verberge.

Einige Tage vor der Hochzeit feierte Eva mit ihren besten Freundinnen ihren Junggesellinnenabschied. Sie verzierten den Weißen Adler gemäß alter Tradition mit grünen Zweigen – die zu dieser Jahreszeit nicht leicht zu bekommen waren – und aßen und tranken zusammen in der Taverne Im Äffchen. „Du kannst so stolz sein“, sagte ihre alte Schulfreundin Feyntje zu ihr. „Ein solcher Fang, wie du ihn gemacht hast, wird keiner von uns je gelingen.“ Fast begann sie selbst zu glauben, dass alles gar nicht so schlimm war.

Die letzte Nacht in ihrem Elternhaus verbrachte sie bei Gerrit. Wie selbstverständlich kroch sie zu ihm ins Bett und umarmte ihn von hinten, wie früher, als er noch klein gewesen war und sie ihn in dieser Haltung geschützt hatte. Noch einmal versuchte sie, im gleichen Rhythmus zu atmen wie er, aber Gerrits Brust hob sich jetzt viel langsamer als ihre.

Dann kam der Tag. Morgens wurde Eva von zwei befreundeten Nachbarinnen geweckt, die ihr beim Ankleiden und Herrichten halfen. Bis zur Trauzeremonie am Mittag mussten sie dann noch einige Stunden überbrücken. Einige Freunde und Verwandte trafen ein, um sie vorab zu bestaunen. Gerrit hatte sich aus gegebenem Anlass goldene Ohrringe zugelegt und Schönheitsflecken auf sein Gesicht aufgemalt. Allerdings hatte er es damit übertrieben, sodass es nun aussah, als hätte er die Pocken. Jasper trug eine goldene Schleife um den Hals.

Als sie gegen ein Uhr mittags zur Kirche gingen, konnte Eva kaum glauben, wie viele Leute dort schon standen, allesamt in Samt und Seide gehüllt. Herren mit leuchtenden Schärpen um den Leib stemmten die Hand in die Hüfte, auf dass der Ärmelstoff prächtiger leuchte, und präsentierten den Federhut. Vorgestreckte Amtsbäuche und perlengeschmückte Frauenhälse wetteiferten um Aufmerksamkeit. Sie zweifelte nicht daran, dass dieser Auftrieb in erster Linie der Prominenz und dem Einfluss Jan Pieterszoon Coens geschuldet war.

Beim Betreten des Kirchhofs wurde sie mit Hochrufen empfangen, dazu streuten junge Mädchen Blumen vor ihr aus. Dann sah sie ihren Bräutigam auf sich zukommen, alle anderen Menschen auf dem Platz um mindestens eine Haupteslänge überragend. Er trug eine kurze, eng taillierte Jacke, lediglich verziert durch Reihen kleiner Goldknöpfe. Das auffälligste Gewandteil waren die Ärmel, die mit leuchtenden Goldfäden bestickt waren. Dazu hatte er eine leger gefältelte Krause um den Hals und auf dem Kopf einen Hut mit breiter Krempe, die über der Stirn schräg nach oben geschlagen war. Auch wenn ihr seine Gesichtszüge nach wie vor zu hart erschienen, so sah er doch Respekt einflößend aus.

Zur Begrüßung gab er ihr einen scheuen Kuss auf die Wange und flüsterte ihr zu: „Die schönste Madame von Amsterdam …“ Sie errötete. Dann hakte sie sich bei ihm ein, und gemeinsam schritten sie in die Kirche. Zwei Stühle mit Armlehnen standen für sie bereit.

Pfarrer Sylvius hätte angesichts von so viel eitlem Putz eigentlich sofort zu einer Strafpredigt ansetzen müssen, doch Eva hatte schon öfters bemerkt, dass gerade die strenggläubigen Geistlichen immer sehr genau wussten, mit wem sie sich gut stellen mussten.

So beschränkte er sich in seiner Ansprache darauf, Braut und Bräutigam zu Gottesfurcht und Treue zu ermahnen und die Braut außerdem zum Gehorsam.

Dann kam der Moment, in dem Sylvius sie fragte, ob sie Jan Pieterszoon Coen zu ihrem Mann nehmen und ihm treu bleiben wolle bis zum Tod. Eva sagte ohne nachzudenken Ja – es wäre auch undenkbar gewesen, in dieser Zeremonie vor den Augen aller Menschen, die sie kannte, etwas anderes zu antworten. Das Ja von Coen klang fest und klar, wie man es von ihm erwartete. Anschließend streifte Eva ihren rechten Handschuh ab und ließ sich von ihm den Ehering auf den Zeigefinger stecken. Für einen kurzen Moment sah sie sich um, weil sie Gerrits Gesicht sehen wollte, aber er wurde von einer Säule verdeckt.

„Der Himmel gebe“, sagte Sylvius, „dass, bis Euer Leben schließt, die Liebe lebe.“

„Die Liebe!“, dachte Eva. Die Liebe lebte nicht einmal jetzt. Als sie die Alte Kirche verließen, ging ein Blumenregen auf sie nieder. Coen gab ihr einen schnellen Kuss auf den Mund. Kurz danach stürzte Gerrit auf seine Schwester zu, riss sie an sich, umarmte sie stürmisch und küsste sie. Eva meinte aus den Augenwinkeln zu erkennen, dass Coen die Stirn runzelte, doch dann wurde er von Pieter Hasselaer in Anspruch genommen. „Ich hoffe, du vergisst mich nicht“, flüsterte Gerrit ihr ins Ohr.

Ihr Vater umarmte sie ebenfalls und drückte sie an sich, wie er es lange nicht mehr getan hatte. Schon seit Tagen wirkte er beflügelt. Die Aussicht auf die Hochzeit und damit auf das Ende seiner finanziellen Sorgen hatte eine große Last von ihm genommen. „Du wirst sehen, mein Kind, ihr werdet glücklich“, prophezeite er. „Sehr glücklich sogar.“

Eine lange Reihe von Kutschen fuhr vor, die meisten davon Mietkarossen. Die erste, die für das Brautpaar bestimmt war, wurde von sechs Pferden gezogen. Als sich die gesamte Kolonne in Bewegung gesetzt hatte, steckte Eva den Kopf aus dem Fenster und sah so weit, wie sie die Gracht überblicken konnte, nur die Kutschen der Hochzeitsgesellschaft. Leider dauerte die Fahrt nicht lange: gerade einmal eine Brücke, und dann den Oudezijds Voorburgwal hinunter. Am unteren Ende befand sich der Prinsenhof, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte. Als sie vor dem stattlichen Backsteinbau vorfuhren, ergriff Coen ihre Hand. Sie stiegen aus, und er geleitete sie in den Gasthof.

Sie traten durch eine Laube aus Blattwerk. Der Zeremonienmeister begrüßte sie und setzte Eva die Brautkrone aus künstlichen Blumen auf. Der Saal selbst war mit Girlanden geschmückt, an den Wänden hingen Blätter mit Sprüchen und Rätseln. Für das Brautpaar standen zwei thronartige Sessel bereit. Nun kamen nacheinander alle Gratulanten zu ihnen und überreichten Geschenke, vor allem kleine Möbelstücke, Silberbesteck und Küchenzubehör. Gerrit übergab ihnen eine Creme, von der er sagte, dass sie sowohl mit Zucker wie mit Salz bestreut sei, was sie zu einem Symbol für die süßen und bitteren Stunden des Ehelebens mache.

Bei Einbruch der Dämmerung wurden die Kerzen entzündet. Nun begab man sich zu Tisch, und es wurde in schier endlosen Gängen aufgetragen: gegrillte Forelle mit Kapern, Lachs in Wein, gebackener Thunfisch in Zitronensauce, herzhafte Braten und überzuckerte Torten. Später am Abend – Pfarrer Sylvius war gegangen – wurden einige Tische beiseite geräumt, und dann wagten sich viele Gäste auf die Tanzfläche. Gerrit spielte auf seiner Fiedel und erntete endlich einmal keinen Tadel, sondern Lob. Er führte den Bogen so schnell, dass man die Bewegungen zuweilen nicht mit den Augen nachverfolgen konnte.

Coen erwies sich während des ganzen Abends als gewandter Gastgeber. Eva spürte zwar, dass er sich zum Scherzen und Schmeicheln erst überwinden musste, doch wenn er wollte, konnte er auch das. Seine Manieren waren tadellos, nie suchte er nach einem Namen oder machte eine spaßhafte Bemerkung, wo sie nicht angebracht war. Das Einzige, was ihm zum perfekten Gesellschafter fehlte, war Herzlichkeit. Seine Freundlichkeit wirkte eine Spur zu souverän, und selbst wenn er lachte, haftete ihm ein Rest von Reserviertheit an.

Mitternacht war längst vorüber, als Eva ihre Brautkrone in die Menge warf – die Nachbarstochter Aletta erhaschte sie, was der Überlieferung zufolge bedeutete, dass sie als Nächste heiraten würde. Die gesamte Gästeschar folgte dem Brautpaar nun mit Kerzen hinunter auf die Straße, nicht wenige nahmen Töpfe und Pfannen mit und schlugen darauf mit Kochlöffeln ein. Dazu wurden zweideutige Lieder gegrölt. Inmitten dieser Katzenmusik bestiegen Eva und Coen ihre Karosse und rauschten davon. Als der Kutscher links abbog, anstatt den Weg zum Weißen Adler einzuschlagen, glaubte Eva für einen kurzen Moment, er hätte einen Fehler gemacht, doch dann fiel ihr ein, dass ihr Zuhause jetzt ein anderes war.

Die Wohnung lag im Dunklen, doch als sie eintraten, bemerkte Eva, dass durchaus Vorkehrungen getroffen worden waren. Im Kamin brannte ein Feuer, ein Dienstbote war allerdings nicht zu sehen. „Ich möchte Euch etwas zeigen“, sagte Coen und öffnete die Tür zu einem Nebenzimmer. Dort war ebenfalls im Kamin vorgeheizt, zudem wurde der Raum von einem Dutzend Kerzen auf einem großen kupfernen Ständer erhellt. Die zuckenden Flammen beleuchteten ein Inventar, das offenkundig neu war. Das größte Möbelstück war ein Himmelbett mit Baldachin und Vorhängen. An der Wand stand ein massiver schwarzer Ebenholzschrank. Ein Tisch mit einer gewebten Decke, ein Wäscheschrank und zwei Armstühle vervollständigten die kostbare Einrichtung. „Ich habe mir erlaubt, Euer Zimmer schon einmal mit dem notwendigsten Mobiliar zu versehen“, erklärte Coen. „Ich hoffe, Ihr könnt Euch damit fürs Erste anfreunden.“

„Anfreunden? Das ist wunderschön! Und ein Zimmer nur für mich?“

„Ich dachte, die Umgewöhnung fällt Euch leichter, wenn Ihr mich nicht die ganze Zeit um Euch habt. Wir sind unterschiedlich alt, was allein schon dazu führen wird, dass wir in unseren Gewohnheiten und Ansichten nicht völlig übereinstimmen werden. Es ist gewiss nicht von Schaden, wenn Ihr einen eigenen Raum habt, in den Ihr Euch zurückziehen könnt.“

Eva wusste gar nicht, was sie darauf sagen sollte. Es war nicht üblich, getrennte Zimmer beizubehalten, wenn man verheiratet war, aber sie nahm es mit großer Erleichterung auf. Sein Verhalten war ausgesprochen rücksichtsvoll, das konnte man nicht anders sagen. Auch gefiel es ihr, dass er den Altersunterschied offen ansprach. „Ich weiß Eure Großzügigkeit sehr zu schätzen.“

Coen deutete eine Verbeugung an. „Bitte entschuldigt mich einen Moment.“ Er verließ den Raum und kehrte kurz danach mit einer jungen Frau zurück, die er Eva als seine Dienstmagd Johanna vorstellte. Sie sollte ihr beim Auskleiden helfen.

Johanna war ein noch sehr junges und schüchternes Mädchen; sie stellte keinerlei Fragen zur Hochzeit oder zu irgendeinem anderen Thema. Nur einmal schien sie zu staunen. Das war, als sie Eva die Haube abnahm und ihr die roten Haare auf ihre schneeweißen Schultern fielen.

Auf dem Bett lag das Hemd für ihre Hochzeitsnacht bereit. Eva betrachtete es eingehend und befühlte den anschmiegsamen, seidenen Stoff. Sie würde es in dieser Nacht tragen – und dann erst wieder auf ihrem Totenbett. So war es Sitte. Bevor Eva das Hemd anzog, bedankte sie sich bei Johanna und entließ sie. Dann blies sie die Kerzen aus und holte hastig das dünne Stofftuch hervor, das Gerrit ihr aus dem Bordell besorgt hatte. Um es nur ja nicht zu verlieren, hatte sie es in der Innentasche ihres Übergewands aufbewahrt und auf diese Weise während der gesamten Hochzeit unter ihrem Herzen getragen. Das Einsetzen des Tuches hatte sie mehrmals geübt. Es fühlte sich unangenehm an, und sie fragte sich, ob es ihrem Gatten nicht auffallen würde. Vermutlich hing es davon ab, über wie viel Erfahrung er verfügte. Dass sie nicht die Erste war, mit der er die Liebe betreiben würde, stand für sie fest. Es gab immer Frauen, die einem Mann in so hoher Position zu Diensten waren.

Eva legte sich ins Bett und wartete. Ihre Aufregung war größer als ihre Müdigkeit. Im Kamin knisterten die brennenden Holzscheite. Einmal glaubte sie, die Wohnungstür zu hören – war Johanna gegangen? Auf die Straße konnte man sie zu dieser nächtlichen Stunde auf keinen Fall mehr hinausschicken, aber vielleicht bewohnte sie eine separate Kammer auf dem Speicher.

Das Feuer im Kamin brannte langsam herunter. Eva deckte sich zu und schloss die Bettvorhänge an zwei Seiten. Das Bett gefiel ihr gut, es war eine gemütliche Höhle, genau wie ihre alte Schranknische.

Nun war im Kamin nur noch glühende Asche übrig. Finsternis legte sich über das Zimmer. Ein Nachtlicht konnte sie nirgends entdecken. Kam ihr Ehemann nicht mehr? War er zu erschöpft? Oder hatte er sich kurz ausruhen wollen und war dabei eingeschlafen? Sie verspürte Erleichterung, aber auch einen Hauch von Enttäuschung. Sie musste wirklich alles andere als begehrenswert sein, wenn ihr eigener Mann sie in dieser magischen ersten Nacht schon verschmähte.

Allmählich wurde sie doch von Müdigkeit ergriffen und kämpfte gegen den Schlaf an. Morgen würde sie beim Wachwerden zum ersten Mal nicht die hölzerne Decke ihrer alten Bettstatt sehen, sondern den Tuchhimmel ihres neuen Schlafplatzes. Es war durchaus denkbar, dass sie ihre Nächte bis ans Ende ihres Lebens in diesem Bett verbringen würde. Vielleicht, so kam ihr in den Sinn, lag sie schon auf ihrem Sterbebett …

Plötzlich schreckte sie hoch. Hatte sie geschlafen? Sie versuchte, etwas zu erkennen, aber die Dunkelheit war undurchdringlich. Nach einigen Augenblicken wusste sie, dass sie nicht mehr allein war. Sie spürte die Nähe eines anderen. Sie hörte sein Atmen. Er stand neben ihr, und er war größer als sie. Viel größer. Stocksteif lag sie unter ihrer Decke und fühlte in sich das Stück Stoff, das sie schützen sollte.

Neben sich nahm sie den Luftzug einer Bewegung wahr. Ein mächtiger Körper war jetzt über ihr. Er berührte sie nicht, aber sie spürte, wie er sich auf der Matratze abstützte, und sie roch ein Gemisch aus Schweiß und etwas Unbekanntem. So verharrte er über ihr, der Eindringling, der noch nicht einmal ein Schatten war, weil ihn die Dunkelheit vollständig verbarg. War sie ebenso wenig sichtbar für ihn? In jedem Fall wusste er genau, wo sie war. Ihr Gesicht war unter ihm, auf Höhe seiner Schultern. Sie konnte nichts tun. Ihn ansprechen, mit ihm reden? Unmöglich! Wie lange er auf diese Art über ihr lauerte, hätte sie nicht sagen können. Aber auf einmal kam der Angriff mit großer Vehemenz. Ruckartig wurde ihr die Decke weggezogen und das Nachthemd über den Kopf gerissen. Zwei große Hände fassten sie an, packten sie wie eine Puppe bei den Schultern und pressten sie in die Kissen. Im nächsten Moment drängte er ihre Schenkel auseinander und war in ihr. Sie lag da und fühlte, wie er sich in ihr regte, fühlte die tief in sie eingedrungene Waffe. Er nahm Besitz von ihr, wühlte ihr Innerstes auf, so tief, so verletzend, wie sie es sich niemals hatte vorstellen können. Sie ahnte, wie er es genoss, sie völlig zu beherrschen, auch wenn ihm dabei kein Ton über die Lippen kam. Sie dagegen konnte ein Wimmern nicht unterdrücken. Da wurden seine Bewegungen schneller, gewannen eine Heftigkeit, als wollte er sie aufspalten. Vor jedem neuen Stoß hatte sie das Gefühl, dieser nächste werde ihren Körper von der Mitte her zerreißen. Dann führte er einen letzten, gewaltigen Streich aus, einen Streich bis ins Herz, wie ihr schien. Sie schrie auf. Seine Lust blieb stumm, doch spürte sie in sich sein jähes Erschaudern. Er hatte sich mit ihr verbunden – endgültig und unwiderruflich. Im Vergleich dazu verblassten die Zeremonien des vorangegangenen Tages zur Bedeutungslosigkeit.

So plötzlich wie er gekommen war, verschwand er auch wieder. Sie blieb zurück wie ein verwundetes Tier. Das Laken war feucht – lag sie in ihrem Blut? Nach einiger Zeit probierte sie, ob sie das Tuch noch ertasten konnte, doch wusste sie schon, dass es fort war. Sie suchte in den darauffolgenden Tagen immer wieder danach, aber sie fand es nicht, weder in den Ritzen ihres Bettes noch in den Tiefen ihres Körpers.

Der Tote in der Schleuse

Während des Frühstücks bekam Eva von Coen noch ein Geschenk, zwei mehrreihige Perlenarmbänder. Die Ereignisse der vergangenen Nacht erwähnte er mit keinem Wort, sodass sich Eva kurzzeitig fragte, ob ein Einbrecher ins Zimmer geschlichen sein und sich an ihr vergangen haben könnte. Nach dem Essen spazierte sie mit Johanna hinüber zum Weißen Adler, um zusätzliche Kleidung zu holen. Als Tanneke öffnete, wirkte sie verstört.

„Ich wollte Euch an diesem Tag nicht zu früh stören, aber ich bin sehr besorgt! Der Herr ist nicht da! Wisst Ihr, wo er stecken könnte?“

Eva erschrak. „Nein, keine Ahnung. Aber frag doch bitte sogleich im Prinsenhof nach. Vielleicht war er am Ende nicht mehr in der Lage, den kurzen Weg nach Hause zurückzulegen, und hat sich dort für eine Nacht einquartiert? Wenn es nicht so ist, dann wissen sie dort vielleicht, ob er mit jemandem mitgegangen ist.“

Nach einer halben Stunde war Tanneke zurück und berichtete: „Im Prinsenhof weiß niemand etwas. Übernachtet hat er dort jedenfalls nicht.“ Nun wurde die Magd zu Pieter Hasselaer geschickt. Sie brachte jedoch nicht mehr in Erfahrung, als dass Vater Ment als einer der Letzten gegangen sein musste. Und dass er zu dieser Zeit nicht mehr ganz nüchtern gewesen war. Als die Stunden vergingen und er auch am frühen Nachmittag noch nicht aufgetaucht war, beschloss Eva, selbst noch einmal zu Pieter Hasselaer zu gehen. Sie fand ihn in seiner Brauerei. „Onkel, ich habe wirklich Angst, dass ihm etwas zugestoßen ist – habt Ihr vielleicht die Möglichkeit, nach ihm suchen zu lassen?“ Hasselaer zögerte keinen Augenblick, sondern machte sich sofort auf den Weg zum Rathaus, um dort Erkundigungen einzuholen. Als Mitglied des Rats würden ihm die städtischen Beamten zu Diensten sein.

Mit bangem Gefühl kehrte Eva in den Weißen Adler zurück. Mehrere Stunden vergingen mit Warten. Dann, um sechs Uhr abends, wurde der Türklopfer betätigt. Eva hastete durch den Flur, öffnete – und sah bereits am Gesicht ihres Onkels, dass sich ihre Befürchtungen bestätigt hatten. „Was ist geschehen?“, stieß sie hervor. „Lasst uns hineingehen“, sagte er. Sie setzten sich in das Zimmer neben der Vorhalle, in dem Coen um ihre Hand angehalten hatte. Auch Gerrit kam dazu.

„Ich habe leider eine schlimme Nachricht für euch“, hob Hasselaer an. „Heute Vormittag ist in der Schleuse am Grimburgwal eine Leiche aus dem Wasser gefischt worden. Ich habe sie mir zeigen lassen. Es ist euer Vater.“

Eva starrte ihn an. „Aber wie … wie …?“

„Es sieht ganz danach aus, dass er heute Nacht auf dem Weg von der Feier nach Hause im Dunkeln in die Gracht gefallen und ertrunken ist. Es tut mir sehr leid.“

„Vater ist tot?“, fragte Eva. „Das kann doch nicht sein … das kann nicht sein …“

Onkel Pieter nickte langsam. „Ich fürchte, es ist so. Bedauerlicherweise stürzen des Nachts immer wieder Leute ins Wasser, gerade wenn sie angetrunken sind.“

Eva fühlte sich, als hätte sie einen Schlag mit einem riesigen Hammer bekommen. „Was für ein schrecklicher Tod! So plötzlich, so unerwartet. Von einem Moment auf den anderen, ohne vorhergehende Krankheit, ohne dass er Zeit hatte, sich vorzubereiten …“

„Der Tod ist uns so nahe, dass stets sein Schatten auf uns fällt“, zitierte Hasselaer eine Redensart.

Gerrit schwieg nur und sah auf den Boden.

Nach einigen Momenten fragte Eva: „Kann ich ihn sehen?“

„Der Leichnam wird noch heute Abend hierhergebracht. Dann könnt ihr von eurem Vater Abschied nehmen. Wenn es irgendetwas gibt, das ich für euch tun kann, dann sagt mir Bescheid.“ Damit erhob Hasselaer sich, setzte den Hut auf und ging.

Eva schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich verstehe das nicht … Am Tag nach der Hochzeit. Gestern um diese Zeit haben wir noch mit ihm gefeiert, und jetzt soll er tot sein? Das muss eine Ursache haben.“

„Was für eine Ursache?“, fragte Gerrit.

„Es ist ein Fingerzeig Gottes“, sagte Eva. „Das ist doch offenkundig. Gestern haben wir meine Hochzeit gefeiert, heute wird Vater tot aus dem Wasser gezogen. Das steht miteinander in Verbindung. Gott hat Anstoß daran genommen, wie wir gestern Hochzeit gehalten haben … Und ich glaube, ich weiß auch schon, warum. Ich habe in der Kirche kein einziges Mal wirklich gebetet, ich habe nur daran gedacht, dass ich meinen Mann nicht wirklich liebe. Dies ist die Strafe. Vater musste büßen für meine Sünden.“

„Ach, Unfug!“, entgegnete Gerrit. „Das weißt du doch gar nicht.“

„Meinst du, es ist Zufall, wenn der Brautvater in der Hochzeitsnacht auf diese Weise umkommt? Das kannst du nicht ehrlich meinen! Einen solchen Zufall gibt es nicht. Vaters Tod hält eine Botschaft für mich bereit.“

„Welche Botschaft?“

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Es waren Bedienstete des Begräbnisunternehmers. Hinter ihnen erkannte Eva in schummrigem Laternenlicht einen Wagen mit einem Sarg. „Unser Beileid“, sagte der Mann, der geklopft hatte. „Es ist höchst ungewöhnlich, einen Sarg nicht aus einem Haus, sondern in ein Haus hineinzutragen. Aber es hat doch seine Richtigkeit damit, oder?“

„Ja“, war Evas tonlose Antwort.

Es war ein beklemmender Anblick, als nun nicht weniger als sechs Männer den ungewöhnlich großen Sarg vom Wagen schoben, anhoben und mit ihm ins Haus schwankten. Neben dem Bett stellten sie ihn ab. „Sollen wir den Toten hier aufbahren? Er ist allerdings völlig durchnässt.“

„Ja, bitte tut das.“

Die Männer öffneten den Sargdeckel und wuchteten den massigen Körper auf das Bett. Dann zogen sie ihre Hüte, senkten die Köpfe und murmelten im Chor: „Der allmächtige Gott gebe ihm eine fröhliche Auferstehung!“ Damit zogen sie sich zurück.

Eva trat näher. Das Gesicht ihres Vaters war dermaßen aufgequollen, dass er ihr wie ein Fremder erschien. Sie fiel auf die Knie, ergriff die klamme Hand des Toten und drückte ihre Stirn dagegen: „Verzeih mir, Vater, verzeih mir!“, flüsterte sie.

In den nächsten Tagen wusste Eva nicht, welches Gefühl in ihr stärker war: Schmerz oder Schuld. Aber ihr fehlte die Zeit, darüber nachzudenken, weil hundert Dinge erledigt werden mussten, um das Begräbnis vorzubereiten. Zum Glück waren sie und Gerrit nicht auf sich allein gestellt. Nach alter Sitte übernahmen es die Nachbarn, den Leichnam zu waschen, zu rasieren, zu kämmen und in seine kostbarsten Kleider zu hüllen – genau jene, die er auch auf der Hochzeit getragen hatte.

Coen, der ehrlich betroffen schien über den plötzlichen Tod seines Schwiegervaters, bestand darauf, ihm ein prächtiges Begräbnis auszurichten. Eva war ihm dankbar dafür. Es war die Tragödie ihres Vaters gewesen, dass er in einer Stadt voller Aufsteiger zu den Absteigern gezählt hatte. Wenn er jetzt wenigstens wie ein reicher Amsterdamer begraben wurde, war das vielleicht eine kleine Entschädigung.

Da Jacob Janszoon de Wit, der Arzt, davor warnte, den mit Wasser vollgesogenen Leichnam so lange wie üblich aufzubahren, fand das Begräbnis schon nach drei Tagen statt. Unter dem Läuten der Totenglocke setzte sich der Trauerzug nach Einbruch der Dämmerung in Richtung Kirche in Bewegung. Der Sarg stand auf einem mit schwarzen Tüchern behangenen Wagen, der von Laternenträgern flankiert wurde. „Das hätte ihm gefallen“, dachte Eva.

Pfarrer Sylvius stellte seine Predigt unter das Motto Der Himmel legt in alles Zweck. Zwar könne der Mensch mitunter nicht erfassen, was der Herr mit einer bestimmten Fügung beabsichtige, doch geschehe im Plan der göttlichen Vorsehung nichts ohne Sinn.

Wenig später senkte sich eine schwere schwarze Grabplatte über den Sarg von Claes Corneliszoon Ment. Dank einer großzügigen Spende Onkel Pieters fand er seine letzte Ruhestätte unmittelbar hinter der Kanzel.

Eva hatte die Predigt so sehr berührt, dass sie Pfarrer Sylvius um ein persönliches Gespräch bat, das zwei Tage darauf in seiner Wohnung stattfand. Sie berichtete ihm, dass sie sich schuldig fühle am Tod ihres Vaters, weil sie sich während ihrer Trauung nicht auf Gott konzentriert habe.

Johannes Sylvius erwies sich als taktvoller Seelsorger, anders als Eva es in Kenntnis seiner Strafpredigten befürchtet hatte. Er wisse, dass viele junge Frauen während ihres Hochzeitsgottesdienstes abgelenkt seien, versuchte er sie zu trösten. Es helfe nicht, wenn sie sich nun mit Vorwürfen quäle. Stattdessen gebe er ihr folgenden Rat: „Fragt Euch künftig bei jeder wichtigen Entscheidung, was Euer Vater von Euch erwartet hätte. So könnt Ihr ihm weiterhin einen Platz in Eurem Leben geben und ihm gleichzeitig posthum den Gehorsam zollen, von dem Ihr meint, dass Ihr ihn zu seinen Lebzeiten mitunter habt vermissen lassen.“

Ein neues Leben

Der Tod ihres Vaters bedeutete für Eva den endgültigen Abschied vom Weißen Adler. Ihr Elternhaus war Eigentum von Pieter Hasselaer, der es seinem Schwager zu einem günstigen Preis vermietet hatte. Nun wurde der Haushalt aufgelöst, ebenso wie die abgewirtschaftete Brauerei. Gerrit wurde in die Brauerei von Onkel Pieter übernommen und sollte fortan in einer günstigen kleinen Wohnung im Hafengebiet wohnen. Tanneke fand eine neue Anstellung in der Nachbarschaft.

Eva schmerzte es, zuzusehen, wie die Möbel aus dem Weißen Adler getragen wurden, um versteigert zu werden. Ihr bisheriges Leben löste sich auf. Zahllose Empfindungen und Eindrücke, die bisher zu ihrem Alltag gehört hatte, waren auf einen Schlag verschwunden. Der nagelneue Esstisch aus Nussbaumholz im Hause Coen fühlte sich anders an als der an den Rändern abgestoßene Eichentisch, an dem sie bisher ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. Der geliebte Blick auf den Turm der Alten Kirche war ihr genommen, auch wenn sie in seiner unmittelbaren Nähe geblieben war: Bisher hatte sie auf der östlichen Seite gewohnt, jetzt war es die westliche. Aber von hier hatte man keine Aussicht. Das Glockenspiel konnte sie weiterhin hören, aber es klang verfremdet, weil es nun aus einer anderen Richtung kam. Außerdem gab es hier stets noch andere Geräusche: Stimmen, Hufgeklapper und Wagenrollen. Die Warmoesstraat war eine der belebtesten Einkaufsstraßen der Stadt.

Das Einzige, was Eva noch blieb, waren ihre Wäschetruhe mit dem blütenweißen Leinen und Jasper. Wenn sie ihm die Stirn kraulte oder durch das Fell strich, dann fühlte sich das genauso an wie vorher. Jasper schien ebenfalls Probleme mit dem Eingewöhnen zu haben: Er wirkte unruhiger und kratzte an Matratzen und Stuhlbezügen, was er vorher nicht getan hatte. Coen wollte nicht, dass Eva ihn mit Leckereien von der Tafel verwöhnte, und beförderte ihn des Öfteren nach draußen. Dann hatte Eva Angst, dass er auf der Warmoesstraat unter die Räder kommen könnte. Tagsüber waren sehr viele Wagen unterwegs, und sie fuhren oft mit überhöhter Geschwindigkeit, auch wenn dafür Geldbußen drohten.

Eva verbrachte viel Zeit damit, über die Straße zu flanieren und die Auslagen auf den ausgeklappten Ladentheken zu begutachten. Es gab hier einfach alles, vor allem was Stoffe betraf: Leinen aus Haarlem, Seide aus Lyon, Taft aus Spanien. Dazu Silber- und Goldwerk, Juwelen, Bücher, Kupferstiche und Gemälde.

Coen war am Tag oft geschäftlich unterwegs, was Eva merkwürdig fand, da er doch genau genommen im Ruhestand war. Im Übrigen war er ein aufmerksamer und gleichzeitig zurückhaltender Ehemann. Jedenfalls solange es Tag war. Nachts gingen die unterirdischen Verwüstungen weiter. Immer wenn es so dunkel geworden war, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sah, stand er vor ihrem Bett und bemächtigte sich ihrer. Eva erwartete ihn mit Abscheu und Furcht. Eine Zeit lang hatte sie versucht, sich zu schützen, indem sie rundum die Vorhänge ihres Bettes zuzog. Aber das hielt ihn nicht ab, er kam durch den Vorhang. Wenn er seinen Willen gehabt hatte, verschwand er – sie schliefen weiter in getrennten Räumen. Niemals wurden die nächtlichen Ereignisse angesprochen, und nicht ein einziges Mal sah sie ihn auch nur teilweise nackt. Wenn sie morgens aufstand, hatte er das Haus schon verlassen oder saß fertig angezogen mit Manschette und Krause beim Frühstück. Doch auch wenn sie ihn noch nie ohne Kleider gesehen hatte, wusste sie, wie er darunter beschaffen war. Sie kannte die Maschine, die Nacht für Nacht ihre Körpersäfte durchrührte, was sie mitunter in eine regelrechte Panik versetzte. Jedes Kind wusste, dass die schlimmsten Krankheiten ausbrechen konnten, wenn die Säfte aus dem Gleichgewicht gerieten, und vor diesem Hintergrund konnte kein Zweifel daran bestehen, dass der pulsierende Schaumschläger in ihrem Inneren ein erhebliches gesundheitliches Risiko darstellte. Sie fragte sich auch, was geschehen würde, wenn er versehentlich ihre Gebärmutter anstach oder derselben einen solchen Stoß versetzte, dass sie wieder auf Wanderschaft ging.

Die Sorge darüber nahm nach und nach solche Ausmaße an, dass sie schließlich in aller Vertraulichkeit Doktor de Wit in seiner Praxis konsultierte. Die Angelegenheit war natürlich furchtbar delikat, doch wollte sie nicht sterben, nur weil sie sich geniert hatte, einen Arzt hinzuzuziehen. De Wit hörte sich alles sehr ernst und aufmerksam an, und meinte dann: „Frau Ment, ich kann sehr gut verstehen, dass Ihr Euch Sorgen macht, doch kann ich Euch beruhigen. Wenn die medizinische Wissenschaft eines unumstößlich festgestellt hat, dann ist es der gesundheitliche Nutzen eines regelmäßigen Geschlechtsverkehrs gerade für die Frau. Der weibliche Ackerboden muss immer wieder vom Manne durchpflügt werden, denn so will es die Natur und damit Gott. Gerade Abstinenz erhöht die Gefahr, an Furor uterinus zu erkranken, also an einer wandernden Gebärmutter. Darf ich fragen, ob Ihr Cats kennt?“

„Ja, ich habe gerade seinen Ratgeber Ehe gelesen.“

„Dann werdet Ihr Euch vielleicht erinnern, dass auch er seine Leserinnen zu regelmäßigem Beischlaf ermuntert. Aus ärztlicher Sicht kann ich dies nur bestätigen.“

Danach war Eva beruhigt. Was blieb, war das Gefühl, mit zwei verschiedenen Menschen zusammenzuleben: einem für den Tag und einem für die Nacht. Manchmal dachte sie an das Paar von gegenüber, das sie immer von ihrem Fenster im Weißen Adler aus beobachtet hatte, Stephanus und Isabella. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Stephanus die Liebe mit seiner Isabella so betrieb, wie Coen es mit ihr tat. Sie stellte sich ihn zärtlich und rücksichtsvoll vor.

So ging die Zeit dahin, bis Coen eines Tages während des Mittagessens sein Messer zur Seite legte und ihr eröffnete, dass er etwas Wichtiges mit ihr besprechen müsse. Er kam auch gleich zur Sache: „Schaut Eva, ich habe die Möglichkeit, noch einmal als Generalgouverneur nach Ostindien zu gehen. Und zwar unter ganz anderen Bedingungen als beim ersten Mal.“

Eva stockte der Atem.

Coen fuhr fort: „Ich habe die Siebzehn … Ihr wisst, wer die Siebzehn sind?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Die Siebzehn sind die Mitglieder des Vorstands der Vereinigten Ostindischen Compagnie, siebzehn an der Zahl. Ich habe sie endlich davon überzeugen können, dass wir in Asien eine große Kolonie aufbauen müssen, so wie die Spanier das in Westindien – in Südamerika – getan haben. Ihr werdet jetzt vielleicht fragen, wo diese Kolonie sein soll? Nun, ich habe sie bereits gegründet. Es ist die Stadt Batavia auf der Insel Java. Nun geht es darum, sie wachsen zu lassen. Batavia muss der größte europäische Stützpunkt in ganz Asien werden. Eva, es kann in Ostindien etwas Großes verrichtet werden. Und Ihr könnt eine entscheidende Rolle dabei spielen.“

„Ich?“

„Ganz bestimmt. Wisst Ihr, zwar werde ich offiziell auch diesmal wieder den Titel eines Generalgouverneurs führen, aber in Wahrheit werde ich viel mehr sein. Ich werde herrschen wie ein Fürst, wie ein König, und Ihr werdet meine Königin sein. Die strahlende Herrscherin von Java, auf die einen Blick zu erhaschen man sich glücklich schätzen kann. Ihr könnt Euren Teil dazu beitragen, dass wir Niederländer endgültig zur stärksten Handelsnation in Asien aufsteigen.“

„Aber … wenn wir dorthin gehen … dann bedeutet das auch, dass ich Amsterdam verlassen muss. Kommen wir irgendwann zurück?“

Coen beugte sich über den Tisch, sodass er ihr ein Stück näher war. „Glaubt mir, Eva: Wir bauen uns in Batavia ein neues, ein besseres Amsterdam, in dem die erlesensten Früchte wachsen. Es liegt in einer Landschaft, die an den Garten Eden erinnert. Klingt das nicht faszinierend? Ein neues Leben an einer fremden Küste. Ihr werdet nicht mehr zurückkommen wollen.“

„Und Gerrit?“

„Ihr könnt ihn einladen mitzukommen. Wir brauchen dort junge Männer wie ihn.“

Als Eva nicht antwortete, erkundigte er sich: „Darf ich Euch noch etwas von dem Rebhuhn auflegen?“

„Nein, danke. Ich glaube nicht, dass ich noch etwas essen kann. Ihr werdet verstehen, dass diese Nachricht mich erschüttert. Ich soll meine Heimat verlassen und mit Euch ans andere Ende der Welt gehen … Ehrlich gesagt, hat mir schon der Umzug von der einen auf die andere Seite der Kirche zu schaffen gemacht.“

„Ihr werdet mit Eurer Aufgabe wachsen. Ich glaube an Euch. Denkt doch einmal daran, welches Leben Euch hier erwartet: Es ist ein Dasein, das schon jetzt in enge Bahnen gelenkt ist. Das Dasein einer holländischen Hausfrau. Nicht dass ich dies herabwürdigen will: Es ist die der Frau zukommende Aufgabe. Ihr aber seid zu Höherem berufen – zu weit Höherem! In Ostindien habt Ihr die Möglichkeit, Euren Namen in den Annalen der Menschheit festzuschreiben. Für immer. Eva Ment, die erste Fürstin von Batavia! Noch in vierhundert Jahren wird man sich Eurer erinnern. Der Name Ment kann unsterblich werden.“

Eva schaute ihn an. Warum hatte dieser Mann unter allen Frauen nur sie ausgesucht, um mit ihm die Welt zu verändern? Sie, die nichts weiter wollte als ihr kleines, privates Glück in ihrer vertrauten Umgebung?

„Denkt in Ruhe über alles nach“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Nur eines noch: Ihr solltet wissen, dass ich die Möglichkeit meiner Rückkehr nach Asien im Gespräch mit Eurem Vater bereits angedeutet hatte. Er gab mir zu bedenken, dass Ihr noch sehr jung wäret, und riet deshalb dazu, lieber noch etwas zu warten. Auf der anderen Seite freute er sich sehr darüber, dass seine Tochter eine so großartige Möglichkeit zur Entfaltung all ihrer gottgegebenen Talente erhalten sollte. Ich weiß sehr wohl, dass Euer Vater für sich selbst größeren Erfolg in diesem Leben erwartet hatte. Gerade deshalb schien er glücklich über die Aussicht, seine Hoffnungen nun in Euch verwirklicht zu sehen. Leider ist er zu früh gestorben, um es noch mitzuerleben.“

Ein dumpfes Gefühl durchzog Evas Magengegend. „Und wann wollt Ihr … ich meine, wann würden wir …?“

„Jetzt, da ich die Unterstützung der Siebzehn habe, ist keine Zeit zu verlieren. Ich kann es noch nicht ganz genau sagen, aber nach Möglichkeit möchte ich noch im Februar aufbrechen.“

„Im Februar?“ Evas Stimme war plötzlich laut geworden. „Das wäre in noch nicht einmal zwei Monaten!“

„Kennt Ihr die Redensart Zu langem Abschied fühlt mein Herz zu tief? Wenn man doch Abschied nehmen muss, soll man es nicht zu lange hinauszögern.“

„Darf ich wenigstens meinen Kater mitnehmen?“

Coen lächelte. „Katzen kann man auf einem Schiff gar nicht genug haben. Sonst riskiert man eine Mäuseplage.“

Dann stand er auf und ging. Eva war wie betäubt. „Ich muss Gerrit sprechen“, dachte sie. Vielleicht fiel ihm noch ein Ausweg ein. Rasch lief sie zur Brauerei von Pieter Hasselaer, fragte sich zu Gerrit durch und bat ihn, sie auf einen kurzen Spaziergang zu begleiten. Als sie draußen standen, brach es sofort aus ihr heraus: „Ich muss mit ihm nach Ostindien!“

Gerrit blieb der Mund offen stehen. „Du musst … was?“

„Er geht als Generalgouverneur nach Ostindien zurück und will, dass ich mitkomme. Im Februar.“

„Das … das … darfst du nicht tun!“

„Und wie soll ich es verhindern? Wir sind verheiratet! Außerdem sagt er, Vater hätte gewollt, dass ich mitgehe.“

„Woher will er das wissen? Hat er mit Vater darüber gesprochen?“

„Offenbar.“

„Ach. Also wussten beide Bescheid, aber verraten haben sie dir nichts. Erst jetzt, da du unter der Haube bist und nicht mehr zurückkannst. Wenn du mich fragst: hundsgemein!“

„Vater soll ihm gesagt haben, vielleicht wäre es besser zu warten, bis ich älter bin.“

„Das hat er ja nun nicht getan. Er hat uns alle hinters Licht geführt, der Coen.“

Mit einem Mal kamen ihr die Tränen: „Gerrit, begreifst du, was das für uns heißt?“

Er starrte auf den Boden. Sie nahm ihn in den Arm.

„Das darf nicht sein“, sagte er leise. „Das darf er nicht tun.“

„Er hat gesagt, du könntest mitkommen.“ Sie ließ zwei Herzschläge verstreichen. Dann schloss sie an: „Aber das sollst du natürlich nicht. Du gehörst hierher. Und es wäre auch viel zu gefährlich.“

Gerrit sagte nichts.

So standen sie mitten auf dem Gehweg, während Männer und Frauen an ihnen vorbeihasteten. Jetzt, genau jetzt war der Moment, an den sie sich vielleicht ihr ganzes restliches Leben auf irgendeiner gottverlassenen Insel zurückerinnern würde. „Ich weiß noch“, würde sie denken, „wie wir da standen, kurz nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich weggehen würde.“

Sie musste sich alles einprägen: das leicht kitzelnde Gefühl seiner weichen Haare in ihrem Gesicht. Seinen Geruch, eine Mischung aus Rasiercreme und Seifenschaum, Kaminrauch und einer Sache, die sie nicht zuordnen konnte, aber an Karamell denken ließ.

Noch immer währte der Moment, noch immer hielt sie ihn fest, schmiegte ihre Wange an sein Kinn. Möwen kreischten. Sie wollte, dass dieser Augenblick niemals vorüberging. Wenn die Zeit jetzt anhielt, dann wäre sie für immer glücklich und hätte sich alles, was die Zukunft an Leid und Schmerz für sie bereithalten mochte, erspart. Noch immer ließ sie ihn nicht los. Aber dann rief jemand: „He da, ihr beiden Turteltäubchen! Könnt ihr mal ein bisschen zur Seite gehen?“

Sofort lösten sie sich aus der Umarmung, Eva hätte nicht sagen können, wer von ihnen sich als Erster bewegt hatte. Der Moment war vorbei.

Unter Pfeffersäcken

Eva machte sich große Sorgen um Gerrit. Zwei Wochen später wurde er zusammen mit einigen seiner Freunde von den Häschern des Schöffen aufgegriffen, weil sie völlig betrunken einen Nachtwächter angegriffen und mit ihren Degen malträtiert hatten. Am nächsten Tag wurden sie wieder freigelassen, doch musste sich Gerrit vor Onkel Pieter rechtfertigen. Der bestrafte ihn, indem er einen Teil seines Lohns einbehielt.

Eva befand sich in einem Zustand, den sie selbst als „melancholisch“ beschrieb. Der bevorstehende Abschied von Gerrit und allem, was ihr lieb und vertraut war – außer Jasper –, drückte sie nieder. Wenn sie morgens wach wurde, war ihr erster Gedanke noch immer: „Wo bin ich? Das ist nicht mein Zimmer!“ Dann erst fiel ihr ein, was geschehen war, und sie verlor fast den Mut. Oft wachte sie sehr früh auf und konnte nicht mehr einschlafen. Stattdessen grübelte sie. Im Grunde würde der Abschied von Gerrit für sie fast gleichbedeutend mit seinem Tod sein, denn nach menschlichem Ermessen würde sie ihn nie mehr wiedersehen. Es war, als wüsste sie, dass er an einer tödlichen Krankheit litt und nur noch bis Februar zu leben hätte.

Sie begann, die Stadt zu durchstreifen, obwohl dies einer verheirateten Frau nicht anstand. Einmal ließ sie sich an einem stillen Sonntagmorgen über die Grachten rudern. Es war der erste glasklare Wintertag. Bald würden die Kanäle zufrieren, aber noch war alles offen. Eva sah zu, wie das hauchzarte Spiegelbild der Giebelreihen von den Rudern zertrennt wurde. Ihr Blick wanderte zu den Fassaden der eng aneinandergeschmiegten Patrizierhäuser, den immer neuen Variationen in Backstein mit den weißen Gittern der Fensterrahmen, den Simsen, Giebeln, Schnörkeln und Flaschenzügen.

Sie kannte das alles so genau, und doch war es schon nicht mehr ihre Stadt, denn sie wusste, dass sie gehen würde. Einmal sah sie auf einem ihrer Spaziergänge einen Umzugswagen vor einem Haus stehen; ein junges Paar war gekommen, um hier ein neues Leben zu beginnen. Die große Stadt mit all ihren Möglichkeiten lag vor ihnen. Diese beiden jungen Leute würden Amsterdams Zukunft erleben und mitgestalten. Sie hingegen war nur noch Zaungast.

Coen wollte seiner Schwester, die in Hoorn wohnte, ein lebensgroßes Porträt von sich stiften und ließ dafür den Maler Jacob Waben aus seiner Heimatstadt nach Amsterdam kommen. Auch Eva sollte gemalt werden. Viele Stunden musste sie dem Künstler Modell sitzen. Coen hatte ihr dafür in einer Rekordzeit von zwölf Tagen ein golddurchwirktes Prunkgewand aus Damast schneidern lassen; dazu trug sie am rechten und linken Handgelenk die Perlenarmbänder, die er ihr am Morgen nach der Hochzeit geschenkt hatte, sowie einen Fächer aus Pfauenfedern.

Waben, ein schon älterer Mann, schwärmte von den klaren Konturen ihres Gesichts. Das Porträt werde ihr zweites Ich sein, das sie für immer auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit konservieren werde. Im Moment der Fertigstellung würden sie beide gleich aussehen, aber dann werde die leibhaftige Frau Ment unweigerlich den Weg allen Fleisches gehen, während ihr Porträt niemals altern werde. Wenn es nicht gerade durch Feuer oder Kriegsgewalt zerstört werde, könne es noch weit über ihren Tod hinaus von ihren Reizen künden und die Menschen erfreuen.

Eva fand das Porträt am Ende etwas geschmeichelt. Sie bestand darauf, dass er ihre Sommersprossen zumindest andeutete. Waben weigerte sich lange, aber sie erklärte ihm: „Ihr habt doch gesagt, es wäre schön, wenn Menschen in einem späteren Zeitalter das Bild ansehen würden. Ich vermute, diese Menschen werden ahnen, dass unsere Maler die Leute immer schöner dargestellt haben, als sie in Wirklichkeit waren. Wenn sie aber die Sommersprossen sehen, werden sie wissen: Diese Punkte auf der Nase, die hat es einmal wirklich so gegeben. Denn Sommersprossen erfindet man nicht.“ Davon ließ er sich überzeugen und tupfte die Sprossen in wenigen Augenblicken hin.

Während sie dem Maler Porträt saß, war Eva der Gedanke gekommen, ein Landschaftsbild zu kaufen und als Erinnerung an ihre Heimat mitzunehmen. Sie sah sich an Marktständen und in Geschäften um und erstand schließlich eine Darstellung der Zuiderzee, der großen, lang gestreckten Bucht, die Amsterdam mit dem offenen Meer verband. Das Bild zeigte im Grunde nichts Besonderes: Zwei oder drei Boote mit geblähten Segeln zeichneten sich gegen einen niedrigen Horizont ab. Zwei Drittel der gesamten Bildfläche wurden vom Himmel eingenommen, der nicht gerade freundlich aussah. Eva fand, dass das Gemälde auf treffende Weise die Atmosphäre der heimatlichen Witterung einfing. Coen hatte ihr gesagt, dass in Ostindien ein völlig anderes Klima herrschte.

In ihrem Zimmer in der Warmoesstraat begann Eva, ihre Sachen zu packen. Sie konnte so viel mitnehmen, wie sie wollte, da das Schiff auf der Hinfahrt kaum Ladung an Bord haben würde. Europa könne Asien nichts bieten, erklärte ihr Coen. Deshalb zahle die Compagnie dort mit Geld und nicht mit Waren, was zur Folge habe, dass sie vor allem Kisten mit Silbermünzen nach Ostindien verschiffe, zudem Steine und anderes Baumaterial, Kanonen und Psalmbücher. Danach sei noch massenhaft Platz, wenn nötig für ihr gesamtes Inventar. Allerdings riet Coen davon ab, alle Möbel in den Osten zu verfrachten. Manches davon sei dort eher unpraktisch und der Sitz des Generalgouverneurs zudem schon gut ausgestattet. Auch erinnerte er Eva immer wieder daran, dass alles im Bauch des Schiffes eingelagert werden würde und damit für die Dauer der Reise – er schätzte acht Monate – unerreichbar sein würde. In der winzigen Koje, die Eva zugedacht sei, bleibe so gut wie gar kein Platz, um etwas unterzubringen.

Im Januar waren sie beide ins Ostindische Haus eingeladen, die Zentrale der Compagnie, nur zwei Brücken weit weg von der Warmoesstraat. Sie sollten ein festliches Mittagessen mit den Siebzehn einnehmen. Coen instruierte sie vorher: „Vergesst nie, dass die Männer, mit denen wir zusammen sein werden, sehr mächtig sind. Sie gebieten über viele Tausend Menschen und dirigieren mehr als hundert Schiffe. Alle von ihnen suchen den Profit der Compagnie zu mehren, aber mitunter sind sie sich uneinig darüber, wie dies am besten geschehen kann. Zudem spinnt jeder von ihnen seine eigenen Fäden. Wenn sie Euch etwas fragen, dann antwortet so verbindlich wie möglich, doch achtet darauf, dass Ihr es allgemein haltet und nicht zu viel preisgebt. Geht immer davon aus, dass diese Herren bei allem stets eine Absicht verfolgen.“

Als sie sich an jenem Tag auf den Weg machten, war Amsterdam tief verschneit. Die Giebelhäuser schienen mit Zuckerguss überzogen, und alle Geräusche waren gedämpft, weil sie von der dicken Schneeschicht verschluckt wurden. Eva trug eines ihrer besten Kleider und darüber eine Samtjacke mit Pelzverbrämung. Die obere Hälfte ihres Gesichts bedeckte sie zum Schutz gegen die Kälte und die Sonneneinstrahlung mit einer schwarzen Maske. Sie war aufgeregt, denn sie wollte nichts falsch machen.

Das Ostindische Haus war ihr seit Kindertagen ein Begriff, denn kein anderes Gebäude in ihrem Viertel strömte einen so intensiven Geruch aus. Gelegentlich stank es nach den Ochsen, die im Hof geschlachtet und zu Proviant verarbeitet wurden – dann hatte Eva immer einen weiten Bogen darum gemacht. Drei Mal im Jahr aber, wenn die Ostindienflotte eingetroffen war, duftete der Komplex auf drei Brücken Entfernung nach Pfeffer und anderen Gewürzen. Als Eva und Gerrit noch klein waren, hatte Els, ihre damalige Kinderfrau, sie manchmal mit vor das Tor genommen und sie aufgefordert, den Gewürzduft tief einzuatmen. „Das hält euch gesund“, hatte sie gesagt.

Jetzt allerdings schien der Schnee auch die Ausdünstungen des Ostindischen Hauses zu überdecken – Eva roch gar nichts. Als sie durch das große Tor schritten, nahm sie die Maske ab. Im Hof warteten bereits zwei Bedienstete, die sie ehrerbietig willkommen hießen und in das Gebäude führten. Dort sagte der eine von ihnen, ein schlaksiger Mann mit vorstehenden Zähnen: „Die Herren lassen ausrichten, dass sie zunächst noch eine dringende Angelegenheit mit Euch, Herr Coen, besprechen müssten. Vielleicht würde es Eurer Gattin gefallen, wenn ich sie zu ihrer Unterhaltung solange ein wenig durch das Haus führen würde? Anschließend brächte ich sie dann zu Euch zurück zum gemeinsamen Mittagessen.“

„Warum nicht?“, fragte Coen. „Mögt Ihr?“

„Ja, gern“, antwortete Eva.

Während Coen eine Treppe hinaufgeführt wurde, stellte sich der Mann, der sie empfangen hatte, als Wijbrand Kesselaer vor. Als Erstes zeigte er Eva die enormen Vorräte an Pökelfleisch, Stockfisch, Räucherspeck, Bohnen, Erbsen und Gerste. Sie lagen bereit für den Abtransport zu den Schiffen. Dann gingen sie ein Stockwerk höher. Kesselaer öffnete eine Tür, und Eva glaubte, von allen Wohlgerüchen Arabiens überwältigt zu werden. Die Duftmischung war so stark, dass es ihr fast den Atem nahm. In unabsehbaren Reihen und Stapeln lagerte hier abgepackt in Säcken der Vorrat an Pfeffer, Muskat, Zimt, Ingwer und Gewürznelken. Wenn Eva daran dachte, wie viel schon ein kleines Säckchen mit Pfefferkörnern kostete, dann konnte sie sich eine ungefähre Vorstellung von den hier versammelten Werten machen. „Und alles nur, weil die Menschen so gern gut essen …“, ging ihr durch den Kopf.

Sie schritt die langen Reihen mit Ballen von indischer Seide ab und schaute in ein halbes Dutzend Kisten mit chinesischem Porzellan. Auch konnte sie nicht der Versuchung widerstehen, sich auf eine große Gewürzwaage zu stellen, um ihr genaues Gewicht zu erfahren.

Auf andere Art beeindruckend war die Waffenkammer voller Geschütze, Musketen und Hellebarden. Eingetrieben in die Kanonenrohre erkannte Eva das Zeichen, das ihr auch auf einer Keramiktafel über dem Eingang des Gebäudes aufgefallen war: Es bestand aus einem großen V, in das sich ein O und ein C einfügten. „Es ist das Emblem unseres Handelsunternehmens“, erläuterte Kesselaer. „Das V steht für Vereinigte, das O für Ostindische, das C für Compagnie.“

„Und warum Vereinigte?“, fragte Eva.

„Ursprünglich gab es mehrere Compagnien, die sich gegenseitig Konkurrenz machten. Die Regierung hat dann dafür gesorgt, dass sie sich zusammenschlossen.“

Über knarrende Holzstufen gelangten sie in die Apotheke, in der die Schiffsärzte ausgestattet wurden. „Gibt es hier auch Medizin aus Ostindien?“

„Das würde mich überraschen“, sagte Kesselaer. Eva erzählte ihm, wie Coen ihr schweres Fieber mit einem Mittel aus der Rinde eines asiatischen Baums kuriert hatte. „Verblüffend“, meinte Kesselaer. „Der Osten kennt viele Geheimnisse. Schaut einmal, was wir hier in diesem Gang haben!“

Er führte sie um eine Ecke in einen langen schmalen Flur, an dessen Wänden allerhand Kuriositäten aufgehängt waren: getrocknete Korallen, ein kleines ausgestopftes Krokodil, zwei Tigerfelle, Speere und das Gebiss eines Raubfischs. Kesselaer ließ Eva jeweils raten, was es war. Bei einem der Exponate hatte sie keine Ahnung. „Eine Muschel?“

„Nein, es ist der Schnabelaufsatz eines Dodos. Das sind Vögel, groß wie ein fünf oder sechs Jahre altes Kind, die aber nicht fliegen können. Sie leben nur auf einer Insel im Ozean, die wir Niederländer Mauritius genannt haben.“

Danach war es Zeit für das Mittagessen. Kesselaer brachte sie wieder in die Eingangshalle und geleitete sie die Treppe hinauf, bis sie vor zwei geschlossenen Flügeltüren standen. Er klopfte, öffnete, stellte sich an die Seite und rief: „Die Frau Gattin des wohledelgestrengen Herrn General Coen!“ Und dann zu ihr, deutlich leiser: „Bitte tretet ein!“

Eva spürte, wie ihr Herz klopfte. Einige Direktoren saßen in kleinen Gruppen an einem sehr langen Tisch, Coen stand mit ein paar anderen am Fenster. Alle trugen schlichte schwarze Kleidung, weiße Krausen und hohe Hüte und unterschieden sich damit in nichts von jedem gewöhnlichen Krämer. Auch die beiden Männer, die am Kamin Holz nachlegten, waren so gekleidet; nur ihre fehlende Kopfbedeckung wies sie als Bedienstete aus. Abgesehen davon, dass der Raum gut beheizt war, gab es keinerlei Anzeichen von Luxus.

Als Eva eintrat, verstummten die Gespräche, und alle schauten zu ihr. Sie merkte, dass sie rot wurde. Die Herren lächelten, nickten ihr zu oder grüßten. Einer von ihnen, ein zierlicher kleiner Mann mit freundlichem Gesicht, kam auf sie zugeeilt und lüftete den Hut. „Hochverehrte Frau Ment, lasst Euch gesagt sein, dass es uns eine ungemeine Freude ist, Euch heute hier begrüßen zu dürfen. Den ganzen Tag studieren wir Akten und diktieren Briefe, da lacht uns das Glück zu, wenn wir einmal einen so anmutigen Gast bei uns haben. Bitte setzt Euch, es wird sogleich aufgetragen werden. Mein Name ist übrigens Reael, Doktor Laurens Reael.“

Er begleitete sie an den Tisch und bat sie, links neben ihr Platz nehmen zu dürfen. Coen nahm den Stuhl an ihrer rechten Seite, war jedoch in ein Gespräch mit einem anderen Direktor vertieft. „Dass unser beinharter Coen eine so zarte Schönheit für sich gewinnen konnte, stimmt mich glücklich und zeigt mir, dass er noch ganz andere Qualitäten besitzen muss, von denen wir hier nichts ahnen können.“

Eva wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie lächelte unsicher.

„Ihr versteht mich doch nicht falsch?“ Reael zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Wir schätzen Euren Gatten über die Maßen. Il grand economo möchte ich sagen, ein großer Ökonom. Aber nicht nur das, er ist auch ein geborener Soldat. Vertraut euch Gott an, aber haltet euer Pulver trocken!, das ist sein Motto!“

Er lachte. Mittlerweile wurde der Tisch von Dienern umschwärmt, die Tücher ausbreiteten und Teller, Messer und Löffel verteilten. Eva bekam einen Kohleofen gereicht, klein wie eine Fußbank, den sie sich unter den Rock stellte, damit sie nicht fror. Es gab für eine Frau nichts Behaglicheres, als langsam die Wärme an ihren nackten Schenkeln emporkriechen zu fühlen und sich zwischen ihren Beinen vom Rauch kitzeln zu lassen.

„Und dann ist er natürlich auch ein unermüdlicher Arbeiter“, fuhr Reael fort. „Er kann wie ein Besessener schreiben, zwölf, dreizehn Stunden lang, ohne etwas zu essen. Die Diener stellen ihm Suppe und Brot hin und räumen später alles unberührt wieder weg. Ich muss das wissen, denn ich hatte jahrelang die Ehre, mit ihm in Asien zusammenzuwirken. Was Zahlen betraf, gab es niemandem, der ihm das Wasser reichen konnte. Er schien alles gelesen zu haben und nichts zu vergessen.“

„Ihr wart auch in Asien?“

„Oh gewiss, viele Jahre. Und dabei habe ich Euren Gatten sehr gut kennengelernt. Er ist ein Mann von furchtloser Entschlusskraft, Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart, Eigenschaften, die ihn selbst in der größten Gefahr nicht verlassen haben.“

Nun wurde Wein ausgeschenkt. Reael ergriff das Glas und prostete ihr zu. „Auf Euch! Auf Euer Glück!“

Eva nahm einen Schluck. Der Wein war schwer und gut.

„Bitte erzählt mir von Asien“, sagte sie. „Ihr müsste wissen, ich fürchte mich davor. Alles wird mir so fremd sein. Neulich habe ich nachts am Fenster gestanden, weil ich nicht schlafen konnte, und da habe ich den Mond gesehen und gedacht: ,Dich kenne ich wenigstens von Weitem, Asien kenne ich gar nicht.‘“

„Was für ein erstaunlich scharfsinniger Gedanke!“ Reael schaute sie nun ganz anders an. Bisher hatte er sie wohlwollend, aber oberflächlich gemustert, jetzt schien sein Blick zu fragen: „Habe ich dich etwa unterschätzt?“

Dann sprach er weiter: „Ich korrespondiere seit vielen Jahren mit einem italienischen Gelehrten, Signor Galileo Galilei aus Florenz, und der hat den Mond durch ein Fernrohr sehr genau beobachtet, sodass er ihn anschließend in vielen Details beschreiben konnte. Ich habe das Buch in meiner Bibliothek, es heißt Sternenbote, das würde Euch interessieren.“

„Ein Fernrohr, mit dem man bis zum Mond sehen kann?“

„Ein ganz spezielles, von ihm selbst konstruiert. Dieser Mann hat ein überlegenes Gehirn. Doch warum ich Euch das alles erzähle, ist: Ich kann Euch beruhigen. Asien ist Euch sehr viel näher als der Mond. Galileis Buch zeigt nur Klüfte und Krater, schrundig und voller Pockennarben. Ich möchte da nicht hin. Wohingegen ich noch immer fast jede Nacht von Ostindien träume.“

Damit begann Reael von Asien zu schwärmen. Von der Abenddämmerung auf Java, wenn die Diener exotische Gerichte auftrügen, die Eidechsen über die Wände kletterten und das Konzert der Grillen, Frösche und Flughunde ertöne. Vom finsteren Wald, der die gesamte Insel bedecke und nicht nur von Krokodilen, Elefanten und Tigertieren bevölkert werde, sondern auch von Waldmenschen. Diese seien am ganzen Körper mit so roten Haaren bedeckt, wie Eva sie habe. Anstatt auf der Erde fristeten sie ihr Dasein hoch in den Baumwipfeln. Die Javaner behaupteten von ihnen, dass sie wohl reden könnten, wenn sie es wollten. Sie täten es aber nicht, weil sie fürchteten, dann arbeiten zu müssen.

Reaels Geschichten zogen Eva so sehr in ihren Bann, dass er sie immer wieder auffordern musste, doch zuzugreifen und dem Fasan zuzusprechen, der längst aufgetragen war. Mit der Zeit legte sie ihre Scheu vollständig ab, stellte Fragen, lachte und erzählte von ihren Erwartungen und Ängsten. „Wenn ich wüsste, dass ich wiederkäme, dann würde mir alles halb so schwerfallen“, seufzte sie.

„Geht Ihr denn davon aus, nie mehr zurückzukommen?“

„Mein Mann spricht nicht von Rückkehr. Ich glaube, er will dort als eine Art Kaufmann-König alt werden.“ Sie lachte, aber als sie in Reaels Augen sah, wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Es lag ein Funkeln darin.

Auf dem Heimweg fragte Coen sie, was Reael von ihr gewollt habe. „Wir haben uns einfach unterhalten“, sagte sie. „Er hat mir viel von Ostindien erzählt und in den höchsten Tönen von Euch gesprochen.“

„Ihr habt ihm hoffentlich nichts von mir erzählt?“

Als Eva nicht sofort darauf antwortete, bohrte er nach: „Eva? Habt Ihr ihm irgendetwas über mich gesagt?“

„Nichts Besonderes … nur an einer Stelle, dass wir nicht vorhaben, noch einmal zurückzukommen …“

Coen blieb stehen und sah sie an. „Das hättet Ihr nicht tun dürfen. Formell bin auch ich nur ein Diener der Siebzehn, sie können mich jederzeit abberufen. Ich hoffe, meine Position durch den Aufbau einer blühenden Kolonie bald so sehr zu festigen, dass es faktisch kaum noch denkbar sein wird, mich gegen meinen Willen zurückzubeordern. Doch ist es ratsam, von diesen Plänen zu schweigen.“

„Es tut mir sehr leid.“ Eva fühlte sich als Versagerin. „Aber ich bin mir sicher, dass Doktor Reael Euch nur Gutes will.“

Coen lächelte sarkastisch. „Doktor Reael, wie Ihr ihn nennt, ist mein erbittertster Feind.“

Eva sah ihn ungläubig an.

„Er war mein Vorgänger als Generalgouverneur und vertrat einen ganz anderen Kurs als ich. Freihandel statt Monopolisierung. Es würde zu weit führen, Euch das jetzt zu erklären. Jedenfalls entschieden sich die Siebzehn damals für meine Linie. Reael wurde abberufen. Mittlerweile ist er aber selbst einer der Siebzehn geworden und opponiert gegen mich. Er will Rache. Noch sind er und seine Freunde in der Minderheit, doch tut er alles dafür, damit sich das ändert. Ihr seht, warum ich nicht länger damit warten kann, nach Asien zurückzugehen und mein Werk zu vollenden: Mir bleibt nicht mehr viel Zeit.“

„Aber … aber … er hat so gut von Euch gesprochen!“

„Er ist ein harter Mann von zarter Statur, geschmeidig im Umgang, doch allein seinen Zielen verpflichtet. Ein gefährlicher Mann. Ihr müsst lernen, nicht nach dem ersten Anschein zu urteilen, sondern misstrauisch zu sein. Kluge Menschen sind nicht leicht zu durchschauen, und Ihr werdet es in Zukunft nur noch mit klugen Menschen zu tun haben. In den Sphären, in denen ich mich bewege, gibt es keine Dummköpfe mehr.“

Eiskonzert

Am nächsten Tag erfuhr Eva den Grund dafür, warum die Siebzehn zunächst allein mit Coen hatten sprechen wollen. Der englische Botschafter in Den Haag, Sir Dudley Carleton, hatte bei der niederländischen Regierung gegen seine erneute Ernennung zum Generalgouverneur protestiert. Coen erläuterte ihr, dies habe damit zu tun, dass er die englische East India Company mit allen Mitteln bekämpft habe. Die niederländische Regierung hatte die Protestnote des Botschafters an die Vereinigte Ostindische Compagnie weitergeleitet. Die Siebzehn hatten daraufhin beschlossen, Coens Ernennung vorerst nicht öffentlich zu machen und ihn unter strengster Geheimhaltung nach Ostindien abreisen zu lassen. Wenn er in acht Monaten dort ankomme, werde die Welt schon wieder anders aussehen.

Dies bedeutete jedoch auch, dass Coen und Eva getrennt voneinander zur Reede von Texel fahren sollten, wo die großen Schiffe der Compagnie auf sie warteten. Es wurde nicht ausgeschlossen, dass sie von englischen Spionen beobachtet wurden, und eine separate Abreise würde weniger auffallen. Zudem sollten sie möglichst kein Gepäck mitnehmen.

An den Tag des Abschieds versuchte Eva gar nicht zu denken. Stattdessen genoss sie mit Gerrit die Freuden des Winters. Nachmittags holte sie ihn an der Brauerei ab, und dann gingen sie zusammen Schlittschuh laufen, was Eva nicht schlecht und Gerrit meisterhaft beherrschte. Sie liefen Hand in Hand oder hielten die beiden Enden eines Taschentuchs fest. Eva schloss die Augen – sie schwebte.

Der gesamte Hafen war zugefroren. Die Schiffe lagen fest und trugen einen blanken Panzer aus Eis. Von ihren Masten hingen glitzernde Eiszapfen. Darüber wölbte sich ein tiefblauer Himmel. Auf leise knirschenden Kufen glitten die Geschwister durch die stille, frostige Luft, vorbei an Schiffsrümpfen und Ankerketten, bis hin zur Zuiderzee.

Wenn die Schatten länger wurden und die letzte Sonne des Spätnachmittags ihre erhitzten Gesichter mit einem Bronzeton überzog, suchten sie eines der Zelte auf, die man schon von Weitem an der rot-weiß-blauen Flagge erkennen konnte. Dort stärkten sie sich mit warmem Bier und Pasteten und erleichterten sich anschließend hinter senkrecht aufgestellten Booten.

Für den letzten Abend hatte Gerrit ihr etwas Besonderes versprochen: „Damit es noch mal schön wird.“ Sie erwartete den Abend jedoch vor allem mit einem Gefühl der Beklemmung.

Erst als es schon dunkel war, holte er sie ab. Die Wohnung in der Warmoesstraat war mittlerweile fast leer geräumt, bis auf einige Möbelstücke, die sie nicht mitnehmen würden. Coen hatte Amsterdam schon verlassen, er war vorausgefahren zum Schiff.

Eva wurde von Gerrit bei der Hand genommen und zur Alten Kirche geführt. Sie hatte dort in den vergangenen Wochen täglich gebetet: für Gerrits Gesundheit und Wohlbefinden, für eine glückliche Überfahrt nach Ostindien und – verbunden mit einem Dank dafür, dass ihre Gebete bisher erhört worden waren – um weiter ausbleibenden Kindersegen trotz täglichen Beischlafs. Jetzt war die Kirche geschlossen. Die Segelflicker, die tagsüber auf dem Vorplatz ihrer Arbeit nachgegangen waren, hatten Schluss gemacht, die Händler hatten ihre Stände abgebaut, und die Schauspieltruppe, die dort ein paar Tage gastiert hatte, war weitergezogen.

Gerrit ging nicht zum Hauptportal, sondern zur leuchtend rot gestrichenen Tür der Sakristei. Dort nestelte er einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss auf. „Woher hast du …?“, fragte Eva.

„Von Lucas“, kam als Antwort. „Sein Vater ist Kommissar der Kammer für Ehekrach, und die tagt hier.“ Eine Lampe vor sich her tragend, führte er sie durch die Sakristei zu einer Tür, von der Eva wusste, dass dahinter der Kirchenraum lag. Er stellte die Lampe ab und holte aus seiner Tasche ein Tuch hervor. „Augen zu!“, befahl er und band es ihr um. Nun sah Eva nur noch Schwarz. Sie hörte, wie er die Tür öffnete. Dann ergriff er wieder ihre Hand und geleitete sie in die Kirche. Sie hörte es an ihren hallenden Schritten. Sonst war es ganz still. „Moment noch!“ Er ließ ihre Hand los. Sie war so gespannt! Es verging jedoch eine sehr lange Zeit, und als sie schließlich ungeduldig nachfragte, wann es denn so weit sei, kam seine Stimme aus einiger Entfernung: „Warte noch, gleich!“

Es dauerte eine halbe Ewigkeit. Endlich verkündete er: „So, jetzt kannst du!“ Eva nahm das Tuch ab und wähnte sich in einem Traum. In dem dunklen Kirchenraum brannten Hunderte Kerzen. Gerrit hatte nicht nur die großen goldenen Kronleuchter entzündet, er hatte zusätzlich an den unmöglichsten Stellen Kerzen aufgestellt. Sie flackerten auf den Grabplatten am Boden, auf den Simsen von Wänden und Pfeilern, den Chorschranken und den Denkmälern für verdiente Persönlichkeiten. Überall warfen die Flammen ihre riesenhaften, sich ständig verändernden Schattenbilder an die Wände. Gerrit selbst stand ein Stück weit von Eva entfernt – um ihn herum leuchteten besonders viele Kerzen –, hatte seine Fiedel unter dem Kinn eingeklemmt und den Bogen gezückt. „Setz dich!“, lud er sie ein. Sie suchte sich eine Stelle, an der sie sich gegen eine Säule lehnen konnte. Es war sehr kalt, sie sah ihren Atem, aber sie trug mehrere Röcke übereinander. Gerrit fuchtelte mit dem Bogen durch die Luft, so als müsse er erst ein paar Gespenster vertreiben, dann begann er zu spielen. Es war jedoch kein Lied, nein, es war das Konzert der Tierstimmen, mit dem er Eva früher immer so zum Lachen gebracht hatte. Inzwischen hatte er seine Fähigkeiten vervollkommnet. Er strich eine helle Saite, dann eine dunkle, und schon ergab sich das Iah eines Esels. Er zirpte wie eine Grille, krähte wie ein Hahn und miaute wie Jasper. Eva konnte noch immer darüber lachen. „Und nun“, rief er plötzlich, „Jan Pieterszoon Coen und seine allerliebste Eva!“ Diesmal ließ er die Saiten seufzen, zwitschern, grollen und flüstern – ganz so wie es im ehelichen Alltag zugehen konnte. Es war verblüffend, welche Töne er der Fiedel zu entlocken vermochte und mit welcher Geschwindigkeit er die Griffe wechselte.

Ohne Zweifel: Diese Vorstellung hätte auch ein großes Publikum begeistert. Aber es war ein Konzert nur für sie. Die Kirche war bis auf sie beide menschenleer – und die Atmosphäre dadurch noch erhabener und feierlicher als sonst. Sie fühlte sich geborgen und behütet wie Jona tief im Bauch des Walfisches – eine ihrer Lieblingsgeschichten aus der Bibel. Auch schien es ihr, dass sie die Größe des Kirchenschiffs erst jetzt richtig ermessen konnte: Sie spürte den Raum durch den Klang – den Klang der Geige, der von den Wänden widerhallte.

Nach der Stimmenimitation kamen Lieder an die Reihe, die sie früher zusammen gesungen hatten: Wilder als wild, Potzblitz Donnerwetter Sapperment, Nimm mich an der Hand und viele andere wohlbekannte Weisen aus dem Liederbuch Der friesische Lusthof. Was da erklang, waren die Melodien ihrer Kindheit, ihrer Jugend, die nun, an diesem Abend, zu Ende ging. So empfand sie es. Dieses Konzert war ein Abschied, wie er endgültiger nur im Sterben vorstellbar war.

Leicht führte Gerrit den Bogen, während seine Finger die Saiten zupften. Seine Locken hingen ihm in der Stirn, sein Federhut wackelte. Immer weiter brannten die Kerzen herunter, bis sie schließlich eine nach der anderen erloschen und nur noch jene, die um Gerrit herumstanden, brannten, weil sie ein Stück größer waren. „Das letzte Lied!“, kündigte er an. Eva brauchte nur zwei, drei Töne zu hören, und schon erkannte sie es. Sofort begannen ihr die Tränen über das Gesicht zu strömen. Es war Der lustige Mai, ihr altes Lieblingslied, das der Organist Sweelinck einst für sie auf der Orgel gespielt hatte. Genau wie er intonierte Gerrit nun mehrere Variationen. Eva hätte ihm ewig zuhören können, doch schließlich verhallte der letzte Ton in der Tiefe des Raumes. Gerrit ließ sein Instrument sinken. Eva stürzte auf ihn zu, warf sich ihm an den Hals und küsste ihn auf den Mund, die Wangen, die Ohrläppchen mit den goldenen Ringen, auf die Spitze seiner frechen kleinen Nase, auf die Stirn, auf die Grübchen, die sie ganz besonders mochte. Sein Gesicht wurde nass, sie wusste nicht, ob es nur ihre Tränen waren oder ob er ebenfalls weinte. Sie schmiegte sich an ihn. So standen sie lange, lange im Schein der letzten Kerzen in der Alten Kirche genau in der Mitte von Amsterdam. Niemand außer ihnen beiden würde je davon erfahren.

Schließlich flüsterte Gerrit ihr ins Ohr: „Geh jetzt. Ich muss hier noch aufräumen.“

Sie löste sich aus der Umarmung, bis sich zuletzt nur noch die Fingerkuppen ihrer rechten und seiner linken Hand berührten. Dann nahm sie eine Kerze vom Boden auf und ging. Sie ging, ohne sich noch einmal umzuschauen, aus der Kirche, durch die Sakristei und nach draußen über den Vorplatz bis zur Warmoesstraat. Hinter der Tür wartete Jasper auf sie. Sie streichelte ihn kurz, dann warf sie sich aufs Bett. In dieser Nacht wünschte sie, Coen würde vom Schiff fallen, auf den Meeresgrund sinken und mitsamt seiner Rute dort vermodern.

Noch bevor der Morgen dämmerte, machte sie sich reisefertig. Sie lockte Jasper mit einem Stück Hering in eine Kiste, die mit einer Gitterluke versehen und mit Pelz ausgepolstert war. Sie selbst zog wie am Vorabend mehrere Röcke übereinander an.

Ein milchiges Licht verlieh der Stadt sanfte Konturen. Zum letzten Mal ging sie an der Alten Kirche vorbei. Ganz kurz hielt sie inne und sah noch einmal über den Platz, wo die Verkäufer ihre Stände aufbauten. „Das Leben geht weiter“, dachte sie. „Egal, ob ich da bin oder nicht.“ Dann wandte sie sich ab und eilte, die Kiste mit Jasper in der Hand, zum Schreiersturm im Hafen. Dort sollte der Schlitten auf sie warten, der sie zunächst über die zugefrorene Zuiderzee in die Stadt Medemblik bringen würde. Von dort musste sie mit der Kutsche über Land bis zur Nordspitze Hollands reisen, um schließlich mit einem Boot in das Dorf ’t Schilt auf der Insel Texel überzusetzen. Dort sammelte sich die Ostindienflotte.

Tatsächlich stand der Schlitten schon an der verabredeten Stelle. Es war ein prächtiges Gefährt, das an den Seiten und hinten mit einem goldenen Löwen dekoriert war. Noch schöner anzusehen, war das Ross: An seinem Zaumzeug hingen Glöckchen, und auf dem Kopf trug es eine Krone aus Federn in den niederländischen Farben Rot, Weiß und Blau. Der Kutscher stellte sich als Jan vor. Eva setzte sich in den Schlitten, stellte die Kiste mit Jasper zwischen ihre Füße und wickelte sich in eine bereitliegende Pelzdecke ein. Ihr Gesicht verbarg sie wieder hinter einer Samtmaske.

„Kann’s losgehen?“, erkundigte sich Jan.

Die Antwort kam etwas leise: „Ja, bitte.“

Der Schlitten setzte sich in Bewegung. Trotz der morgendlichen Stunde herrschte schon reger Betrieb auf dem Eis. Eva sah einen Maronenverkäufer, der gerade eine Portion abwog. Kinder bewarfen sich mit Schneebällen.

Als sie ein Stück weit gefahren waren, drehte sie sich um. Ihr letzter Blick auf Amsterdam. Der Blick, den sie mitnehmen würde. Sie sah das Gespinst der Masten und dahinter die gezackten Giebelreihen. Der Turm der Alten Kirche grüßte noch einmal. Sie versuchte, das Bild in sich aufzunehmen. Dann schaute sie wieder nach vorn. Amsterdam stand jetzt für ihre Vergangenheit, und irgendwo vor ihr jenseits der Dunstschleier lag ihre Zukunft.

Die Hufe klapperten, das Pferd schnaubte, die Glöckchen läuteten. Vor ihnen breitete sich eine unabsehbare Eisfläche aus, die zugefrorene Zuiderzee. Der Horizont lag verschwommen im Nebel, den die fahle Wintersonne gelblich tönte. Hin und wieder überholten sie einen anderen Schlitten, oder einer kam ihnen entgegen. Zweimal passierten sie den Kadaver eines verendeten Pferdes. So vergingen zwei Stunden. Dann wurde Jaspers Miauen zu einem Wehklagen. Außerdem musste Eva mal einen Abtritt aufsuchen. „Jan! Jan!“

Der Schlittenkutscher wandte sich zu ihr um: „Gnädige Frau?“

„Ich glaube, meine Katze droht zu erfrieren. Können wir vor Edam eine Pause einlegen? Es muss doch bald kommen, oder?“

„Können wir machen. Wir sollten nur nicht allzu viel Zeit verlieren, denn das Wetter scheint nicht besser zu werden.“

Er lenkte den Schlitten nach Westen, dorthin, wo sich die Küste befand. Bald zeichneten sich die Umrisse eines Kirchturms im Dunst ab. Schon von Weitem erkannte Eva zahllose eingemummelte Gestalten, die genau wie die Amsterdamer ihre freie Zeit auf dem Eis genossen. Beim Näherkommen wurde allerdings auch deutlich, dass die Leute hier nicht ganz so wohlhabend waren: Manche Kinder benutzten skelettierte Pferdeköpfe als Schlittenersatz. Eine Frau wusch in einem Eisloch ihre Wäsche. Und ein Bauernehepaar schob auf einem Schlitten ein mageres Kalb mit zusammengebundenen Beinen vor sich her.

Ein Stück weit vor der Stadt waren zehn Zelte in einer Reihe aufgebaut. Es zeigte sich, dass sie nicht die ersten aus Amsterdam kommenden Reisenden waren, die hier Rast machten. Viele andere waren schon vor ihnen eingetroffen. Vor einigen Essenszelten musste man sich anstellen. Der Kutscher ging, um etwas zu besorgen, während sich Eva mit Jasper in seiner Kiste an einem Feuer wärmte. „Wo soll der denn hin?“, fragte eine Frau neben ihr mit Blick auf den Kater. „Nach Ostindien“, antwortete Eva. Die Frau schaute verärgert zur Seite, sie glaubte ihr natürlich nicht.

Nach einem Imbiss und einem Besuch des Latrinenhäuschens stiegen sie wieder in die Schlittenkutsche. Eva hatte gerade wieder ihre Maske aufgesetzt, da begann es zu schneien. „Ich habe es ja geahnt“, sagte Jan.

Sie trabten los ins konturlose Grau. Alle Farbe war aus der Landschaft gewichen. Eva hatte einmal in einem Künstleratelier vor einer grundierten Leinwand gestanden, die die Schüler für den Meister vorbereitet hatten. Dies hier sah ähnlich aus. Und nun ging es richtig los, jedoch nicht mit sanften dicken Flocken, sondern mit kleinen harten Kügelchen. Sie kamen von oben, von den Seiten, dem Anschein nach sogar von unten.

Nach einiger Zeit konnte Eva den Kopf des Pferdes nur noch schemenhaft erkennen. Mit lautloser Beharrlichkeit setzte sich der Schnee in Nase und Ohren ab. Jasper miaute jetzt nicht mehr – war er erfroren?

Und dann hörte sie es. Töne im Schnee. Erst nur so leise, dass sie glaubte, ein Geräusch fehlgedeutet zu haben, dann etwas lauter. Sie reckte den Kopf ins weiße Nichts – kein Zweifel möglich: Es war Der lustige Mai. Da draußen in der Schneewüste geigte jemand Der lustige Mai!

Sie musste verrückt geworden sein. Die Trennung von ihrem Bruder, der Abschied von der Heimat – all das hatte sie offenbar überfordert. Sie hörte Dinge, die es nicht geben konnte. Doch sie wollte Gewissheit. „Halt an!“, schrie sie dem Kutscher zu. „Anhalten!“ Die Glöckchen verstummten.

„Hörst du das auch?“

Der Kutscher lauschte. „Das … das kann doch nicht wahr sein!“, entfuhr es ihm.

„Versuch, auf die Musik zuzufahren!“, befahl Eva.

„Gnädige Frau, ich weiß nicht …“

„Wir müssen da hin! Ich lasse mich nicht umstimmen. Fahr zu!“

Der Schlitten setzte sich in Bewegung, die Melodie kam näher. Eva starrte ins Wirbeln und Stöbern. Jetzt hatte die Musik plötzlich ausgesetzt. Oh nein! „Bitte spiel weiter!“, flehte sie in Gedanken. Bange Momente verstrichen. Und dann, als sich schon bleierne Enttäuschung in ihr breitmachen wollte, vernahm sie wieder die Klänge des vertrauten Liedes. Jetzt konnten sie nicht mehr weit von dem Geiger entfernt sein. Und da, tatsächlich, tauchten aus den Schleiern schemenhafte Umrisse auf. Die Gestalt wurde größer und größer – es war ein Mann mit einem Hut, der eine Fiedel von sich gestreckt hielt. „Gerrit! Gerrit!“, rief Eva. Sie sprang aus dem Schlitten und stürmte durch den Schnee. Er ließ die Fiedel sinken, und glitt auf seinen Kufen auf sie zu. Sie fielen sich in die Arme, küssten sich das kalte Gesicht ab – ihre Maske hatte Eva fortgeworfen.

„Was machst du hier?“, keuchte sie.

„Ich bin dir nachgereist“, erwiderte er. „Aber dann fing’s an zu schneien. Da hab ich gedacht: Ich muss auf meiner Fiedel spielen, dann hört mich vielleicht jemand, der mit einer Schlittenkutsche unterwegs ist. Und das bist du dann gewesen.“

„Wie hast du denn die Fiedel transportiert?“

Er deutete auf einen Rucksack.

„Und warum bist du mir nachgereist?“

„Ich hab’s mir anders überlegt, ich komme doch mit. Ich will wissen, wie gut die Inder im Eisgolfen sind.“ Er sagte es in einem Ton, als hätte er lediglich seine Pläne für den Abend geändert.

„Gerrit, das ist doch Unsinn! Du musst hierbleiben! Du weißt, wie gefährlich es ist. Und der Abschiedsschmerz geht vorbei, glaub es mir. Schon bald wirst du nicht mehr so viel an mich denken.“

„Glaub mal nicht, dass es wegen dir ist. Ich will etwas sehen von der Welt. Ich habe keine Lust mehr auf Onkel Pieters Brauerei. Und jetzt Schluss! Die Entscheidung steht fest, ich geh nicht mehr zurück.“

Gestützt auf Eva balancierte er zum Schlitten. Dort legte er die Fiedel ab und zog sich die Kufen aus.

„Hoffentlich hast du dir nicht den Tod geholt!“, sagte Eva. „Komm, kriech unter die Decke!“

Kutscher Jan machte ein Gesicht, als wäre ein Geist bei ihm eingestiegen.

„Du kannst jetzt weiterfahren“, meinte Eva zu ihm.

Dicht aneinandergedrückt, Kopf an Kopf gelehnt, saßen sie auf der Bank. Sollte es wirklich wahr sein, würde er sie begleiten? Mit Gerrit vereint, verloren die schlimmsten Gefahren ihren Schrecken, mit ihm zusammen war es die reinste Vergnügungsreise!

Noch immer schneite es so heftig, als würden Säcke von Mehl ausgeschüttet, aber Eva spürte es nicht mehr. Sie saß in diesem Schlitten, unter einer Decke mit Gerrit, den hoffentlich noch lebenden Jasper zwischen ihren Füßen, und war glücklich. Unendlich glücklich trotz eindringender Nässe und eiskalter Füße.

Nicht mehr Medemblik war nun ihr Ziel, sondern das südlicher und damit näher gelegene Hoorn. Nach geschlagenen zwei Stunden erspähten sie im Schneetreiben endlich die Stachelsilhouette aus Kirchtürmen und Verteidigungswerken.

Sie steuerten die nächste Herberge an und beeilten sich, aufs Zimmer zu kommen. Dort zogen sie rasch ihre nassen Kleider aus und krochen dann so dicht ans Kaminfeuer, wie es gerade noch möglich war, ohne sich zu verbrennen. Sie schlossen die Augen. Langsam wich die lähmende Kälte aus ihren Gliedern und ein unbeschreiblich wohliges Gefühl überkam sie. Jasper lag zwischen ihnen – er hatte an diesem Tag wohl eines seiner sieben Leben aufgezehrt. Als ihre Haut rot war von der Wärme, legten sie sich zusammen ins Bett, nahmen sich fest in den Arm und schliefen ein. Jasper rollte sich am Fußende zusammen.

Am nächsten Vormittag mussten sie sich zuerst neue Kleider besorgen lassen, da ihre eigenen noch immer nicht trocken waren. Sie blieben den ganzen Tag und noch eine weitere Nacht und fuhren erst dann mit ihren Kleidern im Gepäck weiter. Das Wetter war immer noch nicht gut, aber es schneite nicht mehr. Am Nachmittag des dritten Reisetages erreichten sie Medemblik. Dort übernachteten sie wiederum in einer Herberge und bestiegen dann die Kutsche, die sie nach Helder brachte. Hier war das Meer nicht zugefroren, aber Berge von Eisschollen türmten sich auf, sodass kein Boot den Hafen verlassen konnte. Sie mussten sich wieder einquartieren und drei Tage warten, ehe ein Fährboot von Texel eintraf, das sie bei Ebbe erreichen konnten. Das letzte Stück durchs eiskalte Wasser musste sich Eva von einem Mann in hohen Stiefeln tragen lassen.

Eine blasse Sonne spiegelte sich in der See, als sie durch hauchdünne Eisschollen auf die Insel zuglitten. Gerrit zeigte zum Horizont. Wie Scherenschnitte lagen dort einige majestätische Schiffe mit gerefften Segeln im Gegenlicht. Die Ostindienflotte.

Eva ergriff seine Hand. „Das ist der Anfang“, sagte sie.

ZWEITER TEIL: MAURITIUS

Auf schwankendem Boden

Auf Texel quartierten sie sich in einer Herberge im Hafen ’t Schilt ein. In der Luft lag ein Geruch von Salz und Tang. Eva fragte sich, wo Coen war, aber sie hütete sich, Nachforschungen anzustellen.

Am nächsten Morgen ließen sie sich von einem Fischer zu der Ostindienflotte segeln. Sie bestand aus fünf Schiffen: vier mächtigen Dreimastern und einem kleineren Segler. Kähne und Boote brachten Ladung und Proviant zur Flotte. Mit Zugseilen, die über Holzrollen liefen, wurden die Kisten, Fässer und Säcke in Netzen an Bord gehievt. „Zu welchem Schiff müsst Ihr?“, fragte der Fischer.

„Das wissen wir auch nicht“, antwortete Eva. Sie musste schreien, um gegen den Wind anzukommen. „Welches ist das beste?“

„Ihr meint, welches ist das Flaggschiff?“, verbesserte sie der Mann. „Das kann man nur an der Beflaggung erkennen, und da ist nichts zu sehen.“

„Dann bring uns zu dem Schiff aus Amsterdam“, entschied Eva.

Ein Eisregen wehte sie an, sodass sie ihr Gesicht in den Händen verbarg. Sie war froh, dass sie sich wieder dick eingepackt hatte, wohingegen Gerrit lediglich einen Umhang trug. Mit einer gewissen Schadenfreude erinnerte sie ihn daran, wie er sie am Morgen als „fette Zwiebel“ verspottet hatte.

Als sie wieder aufschaute, lag vor ihnen der Ostindienfahrer unter der Flagge Amsterdams, drei weiße Andreaskreuze in einem schwarzen Balken auf rotem Grund. Der Fischer rief etwas, Eva drehte sich zu ihm um, und er wiederholte es: „Das ist die Mauritius!“

Sie hielten auf das Schiff zu, bis ihnen ein Ruderboot entgegenkam. „Ihr müsst umsteigen“, sagte der Fischer.

„Warte hier in der Nähe“, wies ihn Eva an. „Wir wollen uns heute erst einmal umschauen und fahren danach zurück an Land.“

„Seid Ihr Passagiere?“, rief ihnen einer der Männer aus dem Ruderboot zu.

„Ja, sind wir“, antwortete Eva. „Ist das hier das Flaggschiff?“

„Wissen wir auch nicht genau, aber soweit wir gehört haben, wird die Flotte von Oberkaufmann Pieter van den Broecke kommandiert, und der fährt hier auf der Mauritius mit. Wer ist Euer Gatte?“

Eva zögerte kurz. „Ich bin Witwe … und fahre zusammen mit meinem Bruder auf besondere Einladung von Herrn van den Broecke mit.“ Sie wunderte sich, wie glatt ihr die Lüge über die Lippen ging. Aber schließlich hatte Coen ihr eingeschärft, dass seine Abreise nach Ostindien so lange wie möglich geheim bleiben müsse.

„Dann bitten wir, zuzusteigen, gnädige Frau.“

Rasch bewältigten sie nun das letzte Stück bis zur Mauritius und legten sich seitwärts an den steil aufragenden Schiffsrumpf. Eine Strickleiter baumelte herab. Nach mehrmaligem Rufen erschien oben über der Bordwand ein Kopf. „Passagiere!“, rief der Ruderer. Und dann an Eva gewandt: „Nehmt immer nur eine Sprosse auf einmal und schaut nicht nach unten. Ich folge unmittelbar hinter Euch.“ Gerrit gab er den Rat: „Setzt besser den Hut ab, der fliegt Euch hier weg!“

Eva schaute an der steilen Wand aus dicken Eichenbalken empor, dann begann sie den Aufstieg. Bei jeder Bewegung schlug die Strickleiter zur Seite aus. Sie musste höllisch aufpassen, dass sie nicht auf den Saum ihres Rockes trat und ausrutschte. Als ob das nicht schon unangenehm genug gewesen wäre, wurde ihr plötzlich klar, dass der Ruderer ihr nun genau unter den Rock schauen konnte. Fast oben angekommen, wandte sie den Kopf zur Seite und sah durch Zufall genau in die Augen eines geschnitzten Meeresgottes. Streng und prüfend lastete sein Blick auf ihr, so als wollte er sagen: „Meinst du wirklich, dass du diese Reise ans andere Ende der Welt antreten solltest, wenn dir schon die ersten Schritte so schwerfallen?“

Dann war es geschafft. Männerhände griffen nach ihr und zogen sie über die Reling an Bord.

Eva sah sich um. Das Erste, was ihr auffiel, war, dass sich das Schiff bewegte. Es war keine starke Bewegung, aber doch ein spürbares Hin- und Herrollen auf der sich hebenden und senkenden Oberfläche des Meeres.

Als Nächstes bemerkte sie, dass es nicht nur ein Deck gab, sondern mehrere. Nach hinten hin wurden die Decks immer höher und schmaler. Die verschiedenen Ebenen waren über Treppen miteinander verbunden. Dazwischen sah man überall geöffnete Türen, die ins Innere des Schiffs führten.

Es herrschte reger Betrieb. Seeleute waren damit beschäftigt, Kisten in finstere Laderäume hinabzulassen, Fässer zu den Türen zu rollen oder Seile und Segelzeug umzulagern. Befehle, Zurufe und Flüche ertönten, das meiste davon konnte Eva nicht verstehen: Die Männer sprachen Dialekt oder mit fremdem Akzent.

Da schrie plötzlich jemand: „Kopf runter! Kopf runter!“ Unwillkürlich duckte sich Eva – und wich so im letzten Moment einem Balken aus, den zwei Matrosen auf ihren Schultern vorbeitrugen. Vorsichtig um sich schauend, richtete sie sich wieder auf. Ein gut gekleideter Mann von etwa fünfunddreißig Jahren kam grinsend auf sie zu. Er hatte ein rundes, rosiges Gesicht mit großen Augen und trug auf dem Arm ein acht bis zehn Monate altes Kind. „Das war knapp!“ Mit der freien Hand lüftete der Mann seinen Hut. „Willem de Bondt ist mein Name, ich bin hier der Schiffspfarrer.“

„Ich bin Eva Ment, und das hier ist mein Bruder Gerrit. Danke, dass Ihr mich gewarnt habt, Herr Pfarrer. Das war wirklich knapp.“

„Ja. Wäre schade gewesen um Eure schöne Haube.“ Er kicherte. Eva hatte noch nie einen Geistlichen getroffen, der so scherzhafte Bemerkungen machte und auf diese Art lachte. „Wer ist denn der kleine Passagier?“, fragte sie.

„Das ist mein Sohn Noah. Passender Name, nicht wahr? Als er geboren wurde, wollte ich allerdings noch gar nicht mit ihm auf solch einer Arche verreisen. Es hat sich aus den Umständen ergeben – ich begleite meinen Bruder, der im Auftrag der Compagnie nach Batavia geht, um die asiatische Medizin zu erforschen.“

„Und Eure Frau, ist sie ebenfalls hier?“

„Leider nein.“ Das Lachen auf seinem Gesicht erstarb abrupt. „Sie ist tot. Eine Krankheit. Es ging alles ganz schnell.“

„Oh, das tut mir sehr leid“, sagte Eva. Sie schämte sich, dass sie den beinahe Unbekannten so direkt gefragt hatte, aber für einen Moment hatte sie gehofft, die lange Reise in weiblicher Gesellschaft zu verbringen.

Pfarrer de Bondt schien ihre Gedanken zu erraten. „Soweit ich weiß, fahren an Bord dieses Schiffes keine weiteren Frauen mit, wohl aber auf den anderen. Vielleicht könnt Ihr noch wechseln. Reist Ihr nur mit Eurem Bruder?“

Eva wusste nicht sofort, was sie antworten sollte. Gerrit kam ihr zu Hilfe: „Sie reist mit ihrem Mann“, erwiderte er, ohne den Namen zu nennen. „Aber er ist noch nicht da.“

„Ach“, sagte de Bondt, „ich hoffe, er kommt bald. Wisst Ihr schon, wo sich Eure Kabine befindet?“

„Nein, könntet Ihr uns zu den Kabinen führen?“

„Das tue ich gern.“

Der Pfarrer ging voraus. „Viel weiß ich auch nicht über Schiffe“, sagte er, „aber das Deck, wo wir eben gestanden haben, heißt die Kuhl, weil es am niedrigsten liegt. Jetzt betreten wir das Verdeck, den überdachten Bereich. Über uns liegt das Halbdeck, und darüber kommt noch das Achterdeck. Verwirrend, oder? Hier ist der Kolderstock.“ Er blieb vor einer Stange stehen, die aus dem Boden fast bis zur Decke ragte. „Damit wird das Schiff gesteuert. Man bewegt den Stock nach rechts oder links und drückt ihn dabei gleichzeitig nach unten. Er ist mit dem Ruder verbunden.“

Eva fiel auf, dass der Stock im Maul eines Seeungeheuers steckte, das aus seinen bemalten Holzaugen nach oben glotzte. „Was ist denn das?“, fragte sie.

De Bondt kicherte wieder. „Der Rudergänger soll sich immer beobachtet fühlen, damit er nicht seine Pflichten vernachlässigt.“

Dahinter kamen sie in einen großzügigen Raum mit hoher Balkendecke, der zudem gut beleuchtet war, weil sich an der Rückseite eine Fensterreihe befand. In der Mitte stand ein langer, schwerer Eichentisch, an dem gut und gern zwanzig Leute Platz finden konnten. „Die Kajüte“, verkündete de Bondt. „Hier werden wir die Mahlzeiten einnehmen.“

Eva bemerkte, dass der Boden auch hier nicht eben, sondern abschüssig war. Die Tischplatte neigte sich bedenklich der Bugseite zu. Abermals erriet de Bondt ihre Gedanken: „Wir werden unsere Teller gut festhalten müssen“, bemerkte er glucksend.

„Man hätte die Beine des Tisches einfach an der hinteren Seite kürzer machen müssen“, sagte Eva.

„Ein sehr praktischer Vorschlag von Euch. Aber an eines werden wir uns wohl alle gewöhnen müssen: Auf diesem Schiff gibt es keinen Komfort.“

„He!“, rief jetzt Gerrit, „schau mal hier, das Scheißhaus! Genau das such ich schon die ganze Zeit.“ Eva warf dem Pfarrer einen entschuldigenden Blick zu, aber dieser lachte schon wieder in sich hinein. „Das ist in der Tat die Heckgalerie mit den Latrinen“, bestätigte er. Eva erkannte, dass es sich um eine Art Erker handelte, der seitlich am Schiff klebte und ihr schon vom Fischerboot aus aufgefallen war. Gerrit hatte bereits seine Hose heruntergelassen und schwang sich auf eines der kreisrunden Löcher. „Hier füttert man direkt die Fische“, verkündete er mit kindlicher Begeisterung. „Alles fällt hinunter ins Meer.“

„Ich werde auch gleich die Gelegenheit nutzen“, sagte Eva. „Könnt Ihr mal wegschauen?“ Sie raffte ihre Röcke hoch und setzte sich auf eines der Löcher. Sofort wurde ihr Hintern unangenehm kalt. „Zugig hier!“, rief sie den anderen zu. Sie war froh, als sie fertig war und die Röcke wieder herunterlassen konnte.

„Ganz schön schaurig“, meinte Gerrit. „Was passiert, wenn es stürmt und dieser Latrinen-Anbau abreißt? Dann stürzt man ins Meer und ertrinkt.“

„Das, mein Verehrtester, sind die Gefahren der christlichen Seefahrt!“ Diesmal kam de Bondt gar nicht mehr aus dem Kichern heraus. Eva musste auch lachen. In den Heiterkeitsausbruch mischte sich ein lautes Quengeln von Noah. „Ich glaube, er ist hungrig“, sagte de Bondt. „Ich zeige Euch noch schnell die Schlafgelegenheiten. Die Kajüte ist stets für den Oberkaufmann und den Kapitän reserviert. Die Quartiere für die Passagiere sind oben.“ Er zeigte zur Decke. „Eine Kabine mit drei Betten und zwei weitere Kabinen mit jeweils einem Bett. Ganz oben auf dem Achterdeck gleich unter der Schiffslaterne gibt es noch eine weitere Kabine. Das ist es auch schon.“

Der kleine Noah schrie jetzt.

„Es sind nur ein paar Stufen“, sagte de Bondt, „hier geht’s rauf!“

Sie folgten ihm. Oben deutete er auf drei Türen. „Das sind die Kabinen auf dieser Ebene. Wo Ihr genau untergebracht seid, weiß ich allerdings auch nicht. Jetzt muss ich sehen, dass ich etwas zu essen für den Kleinen auftreibe, entschuldigt mich bitte.“ Er lächelte noch einmal, zog den Hut und verschwand.

„Das ist mal ein umgänglicher Pfarrer“, meinte Eva. „Und so lustig.“

Sie schritt die Behausungen ab, und als sie ihren Kopf durch die dritte Tür steckte, stieß sie einen kleinen Schrei freudigen Erstaunens aus.

Gerrit schlurfte heran: „Was ist los?“

„Hier stehen schon meine Wäsche- und meine Kleidertruhe! Diese Kabine muss für mich bestimmt sein.“

„Schön für dich. Und was ist mit mir? Bisher weiß ja überhaupt noch niemand, dass ich mitkomme. Mit dem Pfarrer gehe ich auf keinen Fall in eine Kabine, wahrscheinlich wacht sein Kind ständig auf und plärrt.“

Eva achtete nicht auf ihn. „Ich bin so erleichtert, dass meine Sachen hier sind!“

„Du kannst dich doch kaum noch umdrehen, wenn du sie hier stehen lässt.“

„Das macht nichts“, meinte Eva. „Hauptsache, ich habe alles dabei, was ich brauche. Ohne frische Bettlaken und Kleidung würde ich mich bald schmutzig fühlen.“

Zufrieden stellte sie fest, dass die Kabine auch ein kleines Fenster hatte. „Das zieht nur entsetzlich“, wandte Gerrit ein. Der Luftzug war in der Tat deutlich zu spüren.

„Wir können jetzt gehen“, entschied Eva. „Dieses schwankende Schiff bekommt mir nicht.“

„Ja, außerdem ist es furchtbar kalt. Wo ist hier eigentlich der Kamin?“

„Ein Feuer auf einem Holzschiff? Wir müssen unbedingt noch in den Ort und zusätzliche Kleidung für dich auftreiben.“

Sie stiegen auf das niedrigste Deck hinunter, wo nach wie vor Geschäftigkeit herrschte. Ein Mann herrschte eine Gruppe von sehr jungen Kerlen an, die dem Anschein nach zum ersten Mal in ihrem Leben ein Schiff betraten. „Macht eure Ohren auf, ihr Landratten, ihr Moffen, ihr westfälischen Grünlinge!“

„Deutsche!“, sagte Gerrit zu Eva. „Deutsche sollen unser Schiff segeln. Wenn das mal gut geht.“

Eva sprach den Mann an, der die Anweisungen gegeben hatte: „Kannst du uns ein paar Ruderer beschaffen, die uns zu dem Fischerboot dort hinten bringen?“

Sofort zog der Mann seine Mütze vom Kopf, nickte, trat an die Reling und winkte ein Ruderboot heran. Dann half er Eva über die Bordwand. Wieder musste sie auf die schwankende Strickleiter, doch diesmal bemühte sie sich, nicht in Richtung des Meeresgottes zu schauen.

Als sie mit Gerrit auf der schmalen Bank saß, sah sie ein anderes Ruderboot herankommen. Zu ihrer großen Überraschung erkannte sie darin Willem de Bondt. „Siehst du, was ich sehe?“, fragte sie Gerrit. „Da vorne sitzt der Pfarrer. Wie ist das möglich?“

„Vielleicht war er schon von Bord gegangen, hat aber festgestellt, dass er etwas vergessen hat“, mutmaßte Gerrit.

„So schnell?“, fragte Eva. „Und wo hat er den Kleinen?“ Sie stand auf und begann zu winken. „Herr de Bondt! Herr de Bondt!“

Der Angerufene drehte sich um, musterte Eva, zuckte dann mit den Schultern und wandte sich wieder ab. „Das gibt es doch nicht!“, rief Eva.

„Setz dich! Du gehst sonst noch über Bord!“, warnte Gerrit.

„Kannst du dir das erklären?“, fragte sie empört. „Er tut so, als würde er uns gar nicht kennen! Oder hat er schlechte Augen?“

Gerrit machte eine wegwerfende Handbewegung. „Pfaffe bleibt Pfaffe.“

Бесплатный фрагмент закончился.

806,05 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
22 апреля 2025
Объем:
501 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783948346171
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги