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Christine Michler / Daniel Reimann
Fachdidaktik Italienisch
Eine Einführung
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-8233-6939-4 (Print)
ISBN 978-3-8233-0176-9 (ePub)
Inhalt
Vorwort
1 | Fachdidaktische Entwicklungslinien1.1 | Zur Geschichte des Italienischunterrichts vom Mittelalter bis 19451.2 | Entwicklung des schulischen Italienischunterrichts seit 19451.3 | Aktuelle Entwicklungslinien des ItalienischunterrichtsAufgabenZum Weiterlesen
2 | Europäische, nationale und regionale Vorgaben2.1 | Europäische VorgabenGemeinsamer europäischer Referenzrahmen für SprachenReferenzrahmen für Plurale Ansätze (REPA)2.2 | Nationale VorgabenBildungsstandards für den Mittleren SchulabschlussBildungsstandards für die fortgeführte FremdspracheEinheitliche Prüfungsanforderungen der KMK für das Abitur, EPA2.3 | Regionale Vorgaben2.4 | Italienischunterricht in der Schweiz und in ÖsterreichAufgabenZum Weiterlesen
3 | Ausbildung – Unterrichtsgestaltung – Unterrichtsbeobachtung3.1 | Ausbildung zukünftiger Italienischlehrkräfte3.2 | Unterrichtsqualität und BeobachtungskompetenzAufgabenZum Weiterlesen
4 | Methoden und Sozialformen4.1 | Definitionsprobleme4.2 | Die ‚großen‘ Methoden4.3 | Sozialformen4.4 | Alternative UnterrichtsformenAufgabenZum Weiterlesen
5 | Medien, Lehrwerke und Aufgabenorientierung 5.1 | Medien im Italienischunterricht 5.2 | Lehrwerke im Italienischunterricht 5.3 | Aufgabenorientierung im Italienischunterricht Aufgaben Zum Weiterlesen
6 | Interaktion im fremdsprachlichen Klassenzimmer6.1 | Lernatmosphäre6.2 | Unterrichtssprache6.3 | Bilingualer SachfachunterrichtAufgabenZum Weiterlesen
7 | Erstspracherwerb, Mehrsprachigkeit und Mehrsprachigkeitsdidaktik7.1 | Spracherwerb7.1.1 | Anthropologische Aspekte von Sprache7.1.2 | Psychologische Modelle der Sprachkompetenz7.1.3 | Theorien des Erstspracherwerbs7.1.4 | Sozial-interaktive Förderung des Spracherwerbs7.1.5 | Entscheidende Stufen des Spracherwerbs7.2 | Mehrsprachigkeit7.2.1 | Grundbegriffe und Chronologie der mehrsprachigen Sprachaneignung7.2.2 | Simultaner Mehrsprachenerwerb und mehrsprachige Kompetenz7.2.3 | Theorien und Modelle des Mehrsprachenerwerbs7.3 | Mehrsprachigkeitsdidaktik7.3.1 | Grundbegriffe der Mehrsprachigkeitsdidaktik7.3.2 | Geschichte der Mehrsprachigkeitsdidaktik7.3.3 | Neurolinguistische und psycholinguistische Grundlagen7.3.4 | Sprachtypologische und sprachgeschichtliche Grundlagen7.3.5 | Ausgewählte empirische Erkenntnisse zum schulischen MehrsprachenlernenAufgabenZum Weiterlesen
8 | Sprachliche Mittel8.1 | Aussprache8.1.1 | Bedeutung der Ausspracheschulung im Italienischunterricht8.1.2 | Anregungen für die Praxis der Ausspracheschulung8.2 | Orthographie8.2.1 | Orthographische Kompetenz in den romanischen Sprachen8.2.2 | Aktivitäten zur Einübung der Rechtschreibung8.3 | Wortschatz8.3.1 | Grundlagen der Wortschatzaneignung in Italienisch als dritter oder spät beginnender Fremdsprache8.3.2 | Phasen der Wortschatzarbeit im Italienischunterricht8.3.3 | Methoden der Wortschatzarbeit im Italienischunterricht8.4 | Grammatik8.4.1 | Neuere Tendenzen der Grammatiktheorie und Italienischunterricht8.4.2 | Inhalte der Grammatikarbeit im Italienischunterricht8.4.3 | Prinzipien und Phasen der Grammatikarbeit im Italienischunterricht
9 | Kommunikative Fertigkeiten9.1 | Grundlagen kommunikativer Fertigkeiten im ItalienischenSprache als Handeln – linguistische Pragmatik als Bezugsdisziplin9.2 | Hörverstehen und Hör-Sehverstehen9.2.1 | Spezifika des Hörverstehens im Italienischunterricht: rezeptive Varietätenkompetenz und regionale Varietäten in Italien9.2.2 | Situationen, Ziele und Stile des Hörverstehens9.2.3 | Materialien und Prinzipien des Hörverstehens9.2.4 | Phasen des Hörverstehens9.3 | Leseverstehen9.3.1 | Neurolinguistische und psycholinguistische Grundlagen des Lesens9.3.2 | Lesestile im Italienischunterricht9.3.3 | Lesestrategien im Italienischunterricht9.3.4 | Lesetechniken im Italienischunterricht der Oberstufe9.3.5 | Phasen der Arbeit zum Leseverstehen9.3.6 | Methoden des Übergangs von der Rezeption zur Produktion9.4 | Sprechen und Interaktion9.4.1 | Theorie und Empirie zu Sprechen und Interaktion im Fremdsprachenunterricht9.4.2 | Sprechkompetenz und Interaktionskompetenz9.4.3 | Formen des Sprechens im Italienischunterricht9.4.4 | Prinzipien und Konzepte der Sprechförderung im Italienischunterricht9.4.5 | Übungen zum Sprechen und zur Interaktion9.5 | Schreiben9.5.1 | Erkenntnisse der linguistischen Theoriebildung und empirische Befunde zum Schreiben9.5.2 | Schreibanlässe im ItalienischunterrichtPhasen des Schreibens in der Fremdsprache ItalienischMethoden der Schreibschulung im Italienischunterricht9.6 | SprachmittlungDefinition und Bedeutung der SprachmittlungTypologie der Sprachmittlungs-AktivitätenSprachmittlungs-Aktivitäten und -Strategien im Italienischen
Landeskunde, inter- und transkulturelle kommunikative Kompetenz10.1 | Dimensionen von Landeskunde10.2 | Interkulturelles Lernen und Landeskunde10.3 | Transkulturelles LernenAufgabenZum Weiterlesen
11 | Literatur, Film und Musik11.1 | Der Literaturbegriff11.2 | Kompetenzaufbau im Literaturunterricht11.3 | Theoretische Dimensionen der Literaturdidaktik11.4 | Handlungsfelder der Praxis des LiteraturunterrichtsAufgabenZum Weiterlesen
12 | Der ‚neokommunikative Ansatz‘, Qualitätssicherung und Evaluationskultur12.1 | Das Paradigma des neokommunikativen Fremdsprachenunterrichts und seine Weiterentwicklung12.2 | Qualitätssicherung und Evaluation12.3 | Das Europäische Portfolio der Sprachen (EPS)12.4 | Außerschulische SprachzertifikateAufgabenZum Weiterlesen
13 | Heterogenität, Differenzierung und Inklusion im Italienischunterricht13.1 | Heterogenität und Differenzierung im fachdidaktischen Diskurs13.2 | Individuelle LernervariablenBiologische FaktorenKognitive FaktorenSozio-affektive Faktoren13.3 | Heterogenität – Lernerorientierung – Differenzierung – Individualisierung –Inklusion13.4 | Beispiele für Differenzierung und Individualisierung im ItalienischunterrichtAufgabenZum Weiterlesen
14 | Fachdidaktik Italienisch als wissenschaftliche Disziplin – Einführung in die Forschungsmethodik14.1 | Die Entwicklung der Fachdidaktik als wissenschaftlicher Disziplin14.2 | Epistemologische Grundlagen und Forschungsfelder14.3 | Grundbegriffe der FremdsprachenforschungEntwicklung eines ForschungsdesignsForschungsansätze in der Fremdsprachenforschung14.4 | Desiderata der Fremdsprachenforschung aus italianistischer PerspektiveAufgabenZum Weiterlesen
Literaturverzeichnis
Register
Vorwort
Die Fachdidaktik Italienisch aus der Reihe bachelor-wissen schließt eine seit langem beklagte Lücke, denn während fachdidaktische Einführungen für das Englische, Französische und inzwischen auch das Spanische seit längerer Zeit vorliegen, blieb eine Einführung in die Fachdidaktik Italienisch bislang ein Desiderat, sieht man von der für die Seminarausbildung konzipierten unterrichtsmethodischen Einführung von Christoph (2005) ab.
Die Notwendigkeit einer den aktuellen Anforderungen an den Italienischunterricht gerecht werdenden Fachdidaktik ergibt sich aus fachwissenschaftlichen Interessen einerseits und der Entwicklung des Italienischen als Schulfremdsprache in den letzten Jahrzehnten andererseits. Im Fächerkanon der weiterbildenden Schulen nimmt das Italienische einen maßgeblichen Platz unter den Wahlpflichtfächern (v.a. 3. Fremdsprache, aber auch 2. und natürlich spät beginnende Fremdsprache) ein, auch wenn das Fach seit ungefähr 2000 in seiner positiven Entwicklung vom Spanischen überholt wurde.
Zielgruppen der Fachdidaktik Italienisch, die Theorie und Praxis zusammenführt, sind einerseits Lehramtsstudierende, andererseits Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienseminare, die nach der universitären Abschlussprüfung (Staatsexamen, M. Ed.) den Vorbereitungsdienst (Referendariat) ableisten. Unterstützung bietet sie außerdem praktizierenden Italienischlehrkräften für die persönliche Fortbildung oder bei der Betreuung von Praktikant/inn/en und Referendar/inn/en sowie Dozenten an Volkshochschulen, Hochschulen und Universitäten.
Entsprechend der Zielsetzung der Reihe bachelor-wissen ermöglicht die Publikation einen breiten Überblick über das Spektrum des Faches und informiert über den Stand der auf das Italienische bezogenen Fachdidaktik, indem auch inhaltliche und methodische Spezifika des allgemeinbildenden Italienischunterrichts vorgestellt werden.
Der Band gliedert sich in 14 Einheiten, die sich auf die fünf Blöcke Historische Entwicklungen und Rahmenbedingungen des Italienischunterrichts (Einheiten 1 bis 2), Methoden und Medien des Italienischunterrichts (Einheiten 3 bis 6), Grundlagen und Spezifika des Italienischunterrichts (Einheiten 7 bis 9), Kulturelle Bildung im Italienischunterricht (Einheiten 10 und 11) sowie Aktuelle Entwicklungen des Italienischunterrichts und der Fachdidaktik Italienisch (Einheiten 12 bis 14) verteilen.
Der erste Block – Historische Entwicklungen und Rahmenbedingungen des Italienischunterrichts – beginnt mit Einblicken in die Geschichte des Italienischunterrichts, indem der Bogen vom Mittelalter und bis zu den Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg gespannt wird (Einheit 1). Es folgt die Vorstellung zentraler, den Italienischunterricht steuernder Richtlinien und Orientierungsrahmen wie etwa des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen, der Bildungsstandards und der Lehrpläne einzelner Bundesländer. Eine kurze Darstellung der Situation des Italienischunterrichts in Österreich und der Schweiz rundet das Kapitel ab (Einheit 2).
Block II – Methoden und Medien des Italienischunterrichts – möchte Grundlagen der Analyse von Unterricht und des Unterrichtens vermitteln und so auf Praktika im Studium vorbereiten. Bereits in Einheit 3 werden daher Rahmenbedingungen der Ausbildung von Italienischlehrkräften skizziert und Grundlagen der Unterrichtsbeobachtung eingeführt. Danach werden in den Einheiten 4 und 5 u.a. Methoden und Sozialformen, der Ansatz der Aufgabenorientierung sowie Grundlagen der Mediendidaktik unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes von Lehrwerken eingeführt, bevor sich Einheit 6 der Interaktion im fremdsprachlichen Klassenzimmer mit Blick auf den Italienischunterricht widmet.
Block III – Grundlagen und Spezifika des Italienischunterrichts – startet mit einem Einblick in Theorien und Erkenntnisse zu Erstsprachenerwerb, Mehrsprachigkeit – die gegenwärtig als ein übergeordnetes Bildungs- und Erziehungsziel von Schule gelten kann – und Mehrsprachigkeitsdidaktik (Einheit 7). Für den Italienischunterricht sind Konzepte der Mehrsprachigkeit von besonderer Bedeutung, da Italienisch in den meisten Fällen als dritte oder spät beginnende Fremdsprache erlernt wird, so dass vorgelernte (Schul-) Sprachen eine wichtige Rolle spielen – und darüber hinaus immer wieder auch Schülerinnen und Schüler mit italophonem Hintergrund Italienisch als Schulsprache wählen. In den Einheiten 8 und 9 werden ausführlich Ziele, Inhalte und Methoden des Italienischunterrichts in den Bereichen der sprachlichen Mittel (Aussprache, Rechtschreibung, Wortschatz, Grammatik) (Einheit 8) und der kommunikativen Fertigkeiten (Hör-Sehverstehen, Leseverstehen, Sprechen, Schreiben, Sprachmittlung) besprochen (Einheit 9), wobei jeweils theoretische, empirische und (unterrichts-) praktische Fragestellungen beleuchtet werden.
Block IV – Kulturelle Bildung im Italienischunterricht – rückt den Blick von den sprachlichen, funktional-kommunikativen Inhalten des Italienischunterrichts (vgl. Einheiten 7 bis 9) hin zu den kulturellen Inhalten: Die Kapitel zu Landeskunde, inter- und transkultureller kommunikativer Kompetenz (Einheit 10) und Literatur, Film und Musik (Einheit 11) beschäftigen sich mit Unterrichtsinhalten, die bei Schülerinnen und Schülern meist auf großes Interesse stoßen. Es werden jeweils historische und aktuelle Dimensionen besprochen sowie Leistungen und Probleme in der Praxis des aktuellen Italienischunterrichts abgewogen.
Der Band wird von einem Block V – Aktuelle Entwicklungen des Italienischunterrichts und der Fachdidaktik Italienisch – abgerundet. Er legt die Grundlagen für die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung der angehenden Lehrkräfte: Einheit 12 stellt den gegenwärtig den Fremdsprachenunterricht bestimmenden ‚neokommunikativen Ansatz‘ mit seinen Ergänzungen vor, gibt Ausblicke auf institutionelle Vorgaben und praktische Beispiele zu den Aspekten Qualitätssicherung und neue Evaluationskultur (z.B. Sprachzertifikate für das Italienische als Fremdsprache). Einheit 13 führt in zentrale theoretische Aspekte von Heterogenität, Differenzierung und Inklusion im Italienischunterricht ein. Schließlich stellt Einheit 14 die Fachdidaktik Italienisch als wissenschaftliche Disziplin ab der Mitte des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt und gibt Informationen über ausgewählte Forschungsfelder und Grundbegriffe der Fremdsprachenforschung unter besonderer Berücksichtigung des Italienischen. Außerdem werden relevante Publikationen aus dem Bereich der Italienischdidaktik vorgestellt.
Mit diesem Überblick will die Fachdidaktik Italienisch einerseits eine Grundlage für die Ausbildung angehender Italienischlehrkräfte in der ersten Phase der Ausbildung schaffen, andererseits aber auch den Blick öffnen für Themen und Aspekte, die für die laufende Fort- und Weiterbildung aus heutiger Perspektive relevant werden dürften (aktuelle theoretische und methodische Tendenzen, Heterogenitätsdiskurs, Rezeption und ggf. Produktion von Forschungsbeiträgen bezogen auf die Fachdidaktik Italienisch).
Ergänzende Materialien zur Fachdidaktik Italienisch sind unter www.bachelor-wissen.de zu finden.
Unser Dank gilt dem Narr Verlag und dort insbesondere Frau Kathrin Heyng, die die Entstehung der Publikation mit unermüdlichem Einsatz durch sorgfältiges Lektorieren begleitete.
Christine Michler
Daniel Reimann
1 | Fachdidaktische Entwicklungslinien
In diesem Abschnitt erhalten Sie Einblicke in die Geschichte des Italienischunterrichts seit dem Mittelalter. Italien war als wichtiger Handelspartner gerade auch Süddeutschlands immer im deutschen Bewusstsein und Leben präsent, verstärkt wurde dies durch Italiens Bedeutung für die Entwicklung des europäischen Menschenbildes seit Humanismus und Renaissance. Italienisch war so schon früh eine in Deutschland nachgefragte Fremdsprache. Seit dem zweiten Weltkrieg kann das Italienische als Schulfremdsprache einen stetigen Aufstieg verzeichnen, wobei es zuletzt, seit etwa dem Jahr 2000, deutlich in den Schatten des Spanischen tritt. Dennoch ist es gerade in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sehr stark präsent, wo es als dritte Fremdsprache auch als vertiefte fortgeführte Fremdsprache / Leistungskurs bis zum Abitur belegt werden kann.
1.1 | Zur Geschichte des Italienischunterrichts vom Mittelalter bis 1945
Bis ins 17. Jahrhundert ist Italienisch in Deutschland die am meisten nachgefragte Sprache: im Mittelalter wurde Italienisch v.a. von Kaufleuten und von Adeligen erlernt, im 18. Jahrhundert dann auch von einer kulturellen Elite. Man denke an die Verbreitung des Italienischen etwa in Weimar, wo sie in der Publikation einer italienischsprachigen Zeitschrift, der Gazzetta di Weimar, kulminierte. Die Entwicklung des Italienischunterrichts in Deutschland vom Mittelalter bis zur Gegenwart soll im Folgenden kurz umrissen werden.
QuellenFür diesen historischen Überblick wurden alle in der von Konrad Schröder 1980ff. herausgegebenen Quellensammlung zum Fremdsprachenunterricht Linguarum recentium annales erfassten Quellen zum Italienischunterricht ausgewertet. Diese betreffen die Geschichte des Fremdsprachenunterrichts im deutschen Sprachraum von 1500 bis 1800. Ergänzend und für die Folgezeit wurde auf weitere Darstellungen zur Geschichte des Fremdsprachenunterrichts (z.B. Hüllen 2005) zurückgegriffen.
In quantitativer Sicht ist bei einer systematischen Auswertung des Korpus Schröder 1980–1984 festzuhalten, dass das Italienische in den Linguarum recentium annales nach dem Französischen die am zweithäufigsten genannte romanische Fremdsprache ist. Eine quantitative Auswertung der in den „Sprachenverzeichnissen“ der Bände 1 bis 4 erfassten Nennungen lässt sich graphisch wie folgt veranschaulichen:
Abb. 1.1
Romanische Sprachen und Englisch in den Linguarum recentium annales
historische DominanzObwohl diese Daten mit gewissen Einschränkungen interpretiert werden müssen, die an dieser Stelle nicht diskutiert werden können, lässt sich aus diesen Datenreihen mittelbar die Bedeutung der einzelnen Sprachen innerhalb der derzeit umfassendsten Dokumentation zur Geschichte des Fremdsprachenunterrichts im deutschen Sprachraum ablesen. Eindeutig ist die historische Dominanz des Französischen und des Italienischen vor den beiden iberoromanischen Sprachen zu erkennen. Blickt man in die Chronologie der Daten, so lässt sich insgesamt eine Zunahme der Quellen zum Fremdsprachenunterricht ab dem 18. Jahrhundert feststellen. Insbesondere das Französische wird im 18. Jahrhundert spürbar öfter genannt, während das Spanische vom 16. bis ins 18. Jahrhundert immer seltener belegt ist. Diese quantitativen Befunde decken sich mit bisherigen Erkenntnissen der Historiographie des Fremdsprachenunterrichts: zum einen wurden ab dem 18. Jahrhundert zunehmend nicht mehr nur in adeligen, sondern auch in bürgerlichen Kreisen Fremdsprachen erlernt, und zwar allmählich auch in institutionalisiertem Kontext. Das Französische war ab dem 17. Jahrhundert in Deutschland die am weitesten verbreitete Fremdsprache (und hatte in dieser Rolle das Italienische abgelöst), das Spanische verlor seit Beginn des 17. Jahrhunderts an Ansehen (vgl. z.B. Reimann 2009b).
PrivatunterrichtBis in die Neuzeit hinein wird Italienisch gerade auch in den Adelshäusern im Privatunterricht erlernt, teilweise schon in einem Alter, in dem man heute von «Frühitalienisch» sprechen würde. In der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. aus dem Jahr 1356 liest man:
[…] Daher verfügen wir, dass der erlauchten Kurfürsten, nämlich des Königs von Böhmen, des Pfalzgrafen bei Rhein, des Herzogs von Sachsen und des Markgrafen von Brandenburg, Söhne oder Erben und Nachfolger – da man als wahrscheinlich voraussetzt, dass sie die ihnen angestammte deutsche Sprache kennen und von Kindheit an gelernt haben – von ihrem siebenten Lebensjahr an in der lateinischen, der italienischen und der tschechischen Sprache unterrichtet werden, so dass sie bis zum vierzehnten Lebensjahr, je nach der ihnen von Gott verliehenen Begabung, damit vertraut seien; denn dies wird nicht nur für nützlich, sondern aus obgenannten Gründen für höchst notwendig erachtet, weil diese Sprachen am meisten für den Gebrauch und Bedarf des Heiligen Römischen Reiches angewendet zu werden pflegen und weil in ihnen die wichtigsten Reichsgeschäfte verhandelt werden. (Müller 1957, 99)
Noch im ausgehenden 16. Jahrhundert ist die Unterweisung von Prinzen in der italienischen Sprache z.B. für Sachsen und Bayern belegt. Keine Rarität sind Anweisungen für Hofmeister, in denen angeordnet wird, diese sollten „befördern, dass Unsere Söhne der lateinischen, französischen und italienischen Sprache nicht vergessen“ (Schröder 1980ff., I, 70). Für die Zeit nach 1662 ist bezüglich der Kinder des bayerischen Herzogs Ferdinand Maria Folgendes überliefert: „Italienische Ammen und Diener pflegten die kurfürstlichen Kinder, und fremde Erzieher gaben neben der durchaus französisch gebildeten Mutter den ersten Unterricht in den Sprachen …“ (ebd., I, 295).
Abb. 1.2
Ein früher Ort deutsch-italienischer Handels- und Sprachbeziehungen: der Fondaco dei Tedeschi in Venedig, hier in einem Stich aus dem Jahr 1616 (Raphael Custos)
HandelsbeziehungenDaneben gewinnt mit den Handelsbeziehungen zu Italien gerade unter den Kaufleuten ab dem 16. Jahrhundert fremdsprachliche Kompetenz zunehmend an Bedeutung. Hier gilt ein Primat der Mündlichkeit mit dem Ziel der praktischen Anwendbarkeit. Die Italienischkenntnisse werden v.a. durch längere Auslandsaufenthalte erworben. Das Sprachbuch des Adam von Rottweil, das 1477 in Venedig erscheint, ist das erste überlieferte Lehrbuch des Italienischen für deutschsprachige Lernende. Es wurde bereits 1479 in der Universitätsstadt Bologna neu aufgelegt (vgl. Christmann 1992, 47). Tatsächlich scheinen die deutschen studentischen Kollektive besonders in Bologna (seit dem 14. Jahrhundert), Padua, Siena und Pavia (seit dem 15. Jahrhundert) eine weitere bedeutende Gruppe der Italienischlernenden gebildet zu haben (ebd.).
institutionalisierter UnterrichtAnfang des 16. Jahrhunderts hält man „in Deutschland […] noch das Italienische für die schönste und feinste Sprache“, während es für Französisch „noch wenig praktisches Interesse“ gibt (Waldinger 1981, 44). Das Italienische kann sich dennoch als Unterrichtsfach zunächst nicht wirklich etablieren: In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts finden sich zunehmend Bekundungen eines institutionalisierten Unterrichts in den neueren Sprachen, wobei das Französische bereits eine Vorrangstellung innehat, die sich im 17. Jahrhundert weiter verstärken wird. Im 17. und 18. Jahrhundert wird der Italienischunterricht an den Ritterakademien (Ausbildungsstätten für adelige Jugendliche) weitergeführt. In einer entsprechenden Institution in Erlangen stehen um 1700 auf dem Programm:
Erstlich (neben Exkolierung der Muttersprache, worauf man sonderliche Reflexion macht) […] die lateinische Sprache […] Neben welcher Sprache auch andere fremde Sprachen, sonderlich die französische und italienische, auch nach Beschaffenheit Englisch und Spanisch, […]. (Schröder 1980ff., I, 533)
Italienisch steht hier auf einer Stufe mit Französisch und deutlich vor Englisch und Spanisch. Noch sind dem Quellenmaterial dieser Zeit geographische und periodische Schwankungen hinsichtlich der Präferenz einer bestimmten Sprache zu entnehmen. August Bohse, später Professor an der Ritterakademie zu Liegnitz, konstatiert z.B. 1703 in seiner Schrift Der getreue Hofmeister:
[…] Was das Italienische betrifft, dieses ist gleichfalls einem Politico heutigen Tages gar nötig, zumal, da anjetzo an vielen Höfen die italienische Sprache weit höher als die französische geachtet wird […]. (Schröder 1980ff., II, 35)
GymnasienZunehmend wird Italienisch auch an den Universitäten, besonders ab dem 18. Jahrhundert vereinzelt auch an weiterführenden Schulen und Gymnasien, unterrichtet. Neumeister (1999, 27) erstellt eine aus Schröder 1980ff. eruierte Liste der Schulen, für die zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert Italienischunterricht nachgewiesen ist. Tatsächlich muss aufgrund der sporadischen Belege (Jahreszahlen in Klammern) damit gerechnet werden, dass der Italienischunterricht ggf. nur eine vorübergehende Erscheinung darstellt. Als Beispiele mögen genügen: Gymnasium zu Ulm (1613), Gymnasium Illustre zu Stuttgart (1687, 1780, 1797), Gymnasium Christianeum zu Altona (1740), Gymnasium zu Stralsund (1772, 1779, 1787), Gymnasium bei der kurfürstlichen Universität zu Bonn (1784), Berlin-Köllnisches-Gymnasium (1796). Noch 1748 sind für Berlin und Köln neben „einem Dutzend“ französischer auch zwei italienische, aber noch kein englischer Sprachmeister belegt (Schröder 1980ff., III: 120). Als Reaktion auf sinkende Schülerzahlen an seiner Anstalt fordert der Rektor des Gothaer Gymnasiums 1736 nicht nur eine Anhebung der Qualität des Französischunterrichts, sondern auch die Einführung des Italienischen an seiner Lehranstalt, was von der (erwarteten) Attraktivität des Faches zeugt. Noch immer ist Englisch keine Konkurrenz für das Französische und Italienische. Der Zittauer Gymnasialdirektor Müller „rechnet Englisch [1725] unseres Wissens zum ersten Male zu den ,Sprachen der galanten Welt‘. Allerdings reiht er es gemäß seiner mehr nach Süddeutschland neigenden Einstellung hinter Italienisch ein, ohne aber Spanisch zu erwähnen“ (ebd., II, 325).
Italienischunterricht in SüddeutschlandDass die Ausweitung des Italienischunterrichts auch im Süden, der mit Baden-Württemberg und Bayern heute über zwei Hochburgen des schulischen Italienischunterrichts verfügt, zunächst alles andere als geradlinig verläuft, zeigen folgende Beispiele: 1684 wird das Stuttgarter Pädagogium zu einem Gymnasium ausgebaut. Es wird nach einem Französischlehrer Ausschau gehalten, der auch Italienisch unterrichten soll, doch ist ein solcher erst mit Beginn des 18. Jahrhunderts belegt (ebd., I, 414). Erst 1797 wird dann Englisch neben Französisch und Italienisch in die Stundentafel des Gymnasiums zu Stuttgart aufgenommen, nachdem Italienisch zum ordentlichen Unterrichtsfach geworden und so das Budget für einen Wahlkurs frei geworden ist (ebd., IV, 1138). Mitte des 18. Jahrhunderts wird in Lindau erwogen, in der Oberstufe der Lateinschule verstärkt Französisch und Italienisch anzubieten: In seinem Gutachten zur Reform der Schule fordert der Rektor 1765:
In Prima wird Latein nur mehr für künftige Studierende gelehrt, Griechisch bloß in der Nachschule. Die übrigen Schüler werden dafür zum Rechnen, Schreiben und zur französischen und italienischen Sprache angehalten. […]. (Schröder 1980ff., III, 393)
Italienischunterricht in NorddeutschlandIm Norden (Hamburg, Bremen) zeichnet sich schon Ende des 18. Jahrhunderts eine Bevorzugung des Englischen, mitunter des Spanischen gegenüber dem Italienischen ab. Als 1768 mit dem „Hamburger Institut zur Erziehung und Vorübung des jungen Kaufmanns“ die erste große deutsche Handelsschule entsteht, sehen die Lehrpläne nach Französisch und Englisch immerhin Italienisch, Spanisch und Holländisch noch als gleichwertige „Handelssprachen 3. Grades“ vor (Schröder 1980ff., III, 464). Doch auch in der Schulordnung der Fürstenschule zu Meißen ist 1773 nach wie vor die Rede von der „Erlernung der neueren [Sprachen], als der italienischen, französischen und englischen […]“ (Waldinger 1981, 44).
utilitaristische ZielsetzungenBis zum Ende des 18. Jahrhunderts verfolgt der Sprachunterricht utilitaristische Zielsetzungen, was sich auch in den Lehrmaterialien niederschlägt (z.B. Lehrbücher zum „Wirtschaftsitalienisch“). Die Lektionen werden meist von Muttersprachlern erteilt, bei denen es sich im Falle des Italienischen u.a. um Emigranten handelt, die ihre Heimat wegen ihrer antipäpstlichen Haltung verlassen haben. Mitunter übernimmt ein französischer Sprachmeister oder ein deutscher Französischlehrer auch den Unterricht im Italienischen. Das Ansehen der italienischen Kultur und damit auch der italienischen Sprache wird im 18. und 19. Jahrhundert durch Dichter und Gelehrte (Goethe, Herder, Humboldt), durch Kaufleute (z.B. Sigismund Streit) und Adelige (z.B. Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar) gefördert.
Im Geiste des Neuhumanismus muss sich der gymnasiale Fremdsprachenunterricht dem Ideal der „zweckfreien Allgemeinbildung“ fügen, der Unterricht in den modernen Sprachen wird ebenso gestaltet wie der in den alten. Einen gegenläufigen Ansatz postuliert Viëtor (vgl. Einheit 4).
Pflichtfach vs. WahlfachImmer wieder unternommene Versuche, Italienisch neben Französisch und Englisch als Pflichtfach am Gymnasium einzuführen, müssen im 19. Jahrhundert noch scheitern. Auch Anregungen, das Italienische als erste Fremdsprache zu lehren, die insbesondere in Bayern mit Argumenten vorgebracht werden, die auch heute noch für Italienisch oder Spanisch als erste Fremdsprache bedacht werden könnten, blieben in der Praxis unberücksichtigt (vgl. dazu Einheit 2). An den Gymnasien Bayerns ist Italienisch seit Mitte des 19. Jahrhundert Wahlfach, seit 1874 auch durch Lehrpläne ausgewiesen (Ostermeier 2012, 74). Weiterhin gibt es in Bayern offensichtlich bereits mit der 1873 von Ludwig II. genehmigten Prüfungsordnung für das Lehramt an humanistischen und technischen Unterrichtsanstalten eine Lehramtsprüfung im Fach Italienisch. In der Prüfungsordnung von 1895 wird Italienisch explizit genannt, und zwar als einzige neuere Sprache neben Englisch und Französisch, in der Fassung von 1912 erhält es sogar einen eigenen Paragraphen (ebenfalls neben den beiden anderen modernen Sprachen).
nationalsozialistische ReformMit dem Ersten Weltkrieg verlor Italien Sympathien in Deutschland (Hausmann 2008, 466f.), während die Beliebtheit der spanischen Sprache in der Folge der Neutralität der hispanophonen Staaten in den Kriegshandlungen bereits seit den 1920er Jahren zunahm (Reinfried 2013, 32). Mit der nationalsozialistischen Reform des Unterrichtswesens der Jahre 1935/1936ff. wurde Englisch für alle Schulen verpflichtend, mithin das Französische zum Wahlpflichtfach abgewertet (z.B. Hausmann 2008, 62, 64, Reinfried 2013, 29ff.). Zugleich wurden das Spanische und das Italienische als Sprachen wichtiger politischer Partner grundsätzlich mit dem Französischen (wohlgemerkt mit Wahl(pflicht)fachstatus, d.h. maximal drei Wochenstunden in drei Schuljahren) gleichgestellt (Hausmann 2008, 65). Die Schülerkontingente waren nicht mit den heutigen vergleichbar: nach der Untersuchung Hausmanns kommt Italienisch auf ca. 5.000 Schülerinnen und Schüler an 226 Schulen – an 161 Schulen als „Wahlfach“, an 65 Oberschulen „regulär unterrichtet“ (Hausmann 2008, 474). Die Aufwertung des Spanischen und Italienischen führte auch zu einer Stärkung der Romanistik an den Universitäten (Hausmann 2008, 78).
1.2 | Entwicklung des schulischen Italienischunterrichts seit 1945
KulturabkommenIm Allgemeinen fristet das Italienische bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein Schattendasein hinter den großen Fremdsprachen Englisch und Französisch, die ihre Bedeutung weiter ausbauen können, und teilweise auch hinter den anderen Tertiärsprachen Spanisch und Russisch. Einen ersten Aufschwung erlebt es mit dem gesamten Fremdsprachenunterricht unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, getragen von der neuen Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben der Völker gerade auch durch Kenntnis fremder Sprachen und Kulturen. So wird z.B. in Bayern zu diesem Zeitpunkt der trotz finanzieller Engpässe relativ gut ausgebaute, oft fachfremd erteilte Wahlunterricht in den modernen Sprachen besonders auch von den Schülerinnen und Schülern des Humanistischen Gymnasiums besucht. Am 8. Februar 1956 wird ein Kulturabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Italienischen Republik geschlossen, das in Art. 2 vorsieht:
Die Hohen vertragsschließenden Teile sorgen nach Möglichkeit für die Verbesserung und Erweiterung des Unterrichts der italienischen Sprache an deutschen Höheren Schulen und der deutschen Sprache an italienischen Höheren Schulen, wobei sie auch die Ausbildung und Fortbildung der beiderseitigen Lehrkräfte durch geeignete Maßnahmen fördern. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland wird sich dafür einsetzen, dass im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland an höheren Schulen und an kaufmännischen Berufsschulen, wo es angängig ist, pflichtmäßige Lehrgänge und Arbeitsgemeinschaften in italienischer Sprache eingerichtet werden. Die von den Schülern in diesem Unterricht erzielten Leistungen werden bei Versetzungen und Prüfungen angemessen gewertet. (Bundesgesetzblatt 1958, Teil II, 2f.)
Die ständige gemischte Kommission zur Durchführung des Kulturabkommens empfiehlt 1972, „[…] Italienisch als Pflicht- und Wahlpflichtfach an Gymnasien weiter auszubauen und zwar nicht nur in der Kollegstufe, sondern auch in der Unter- und Mittelstufe“ (zit. nach Euler 1976, 340). Gerade im Bereich der Unterstufe scheint bezüglich einer Umsetzung dieser Empfehlung noch nach über dreißig Jahren Handlungsbedarf zu bestehen; doch wurden auch hier in den letzten Jahren sichtbare Fortschritte erzielt.
Als drei „Schlüsseljahre“ bzw. „-phasen“ der jüngeren Geschichte des Italienischunterrichts dürfen, vereinfacht gesprochen, das Jahr 1972, die Jahre um 1985 sowie das Jahr 2000 gelten.
Abb. 1.3
25 Jahre Italienisch als curricular verankertes Oberstufenfach wurden 1998 in Nordrhein-Westfalen u.a. mit dieser Festgabe gefeiert.
1 OberstufenreformDie OberstufenreformOberstufenreform von 1972/73: Mit der Oberstufenreform des Jahres 1972/73 kann sich Italienisch als Grund- und Leistungskursfach der gymnasialen Oberstufe etablieren: während es im Flächenstaat Bayern immerhin punktuell Grundkurse im Fach Italienisch als spät beginnende Fremdsprache gibt, führt Nordrhein-Westfalen alsbald Leistungskurse in der in Jahrgangsstufe 11 neu einsetzenden Fremdsprache ein und wurde somit zum Vorreiter in der Entwicklung des Italienischen als (Wahl-) Pflichtfach und dem Französischen (wie auch dem aufkommenden Spanischen) ebenbürtigen Fremdsprache (vgl. Reimann 2009b, 24). Nordrhein-Westfalen wurde hier – wie auch im Spanischen – zugleich Zugpferd im Hinblick auf die Entwicklung von Lehrmaterialien, die nicht primär aus der und für die Volkshochschule entstanden (z.B. die Textsammlungen Tempi d’oggi, Klett). Diese frühe Phase des Italienischunterrichts ist von Lehrkräften, die Italienisch seinerzeit meist im Erweiterungsfach als „Überzeugungstäterinnen und -täter“ unterrichteten, nachhaltig geprägt worden.
1 Mitte der 1980er JahreDie Mitte der 1980er Jahre: Während in Nordrhein-Westfalen Italienisch als Leistungskursfach inzwischen etabliert ist, führen Bayern und Baden-Württemberg, die gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen zu den Zentren des schulischen Italienischunterrichts zählen, aber auch Hamburg um 1985 Italienisch als 3. Fremdsprache ein. Seit 1989/90 bzw. 1992/93 ist Italienisch in Bayern und Baden-Württemberg auch als Leistungskursfach zugelassen.
1 JahrtausendwendeDie Jahrtausendwende: Nachdem sich Italienisch seit Mitte der 1980er Jahre als WahlpflichtfachWahlpflichtfach neben Französisch und mitunter zunächst sogar vor Spanisch (z.B. in Bayern und Baden-Württemberg) etablieren konnte, so z.B. auch in Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland, nach der Wende auch in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt (dort mitunter sogar auch als 2. Fremdsprache in der Unterstufe) und insgesamt in elf Bundesländern belegt ist, erfährt es einen weiteren Schub mit der Einführung einer neu einsetzenden spät beginnenden Fremdsprache ab Jahrgangsstufe 11 bzw. 10 gerade auch in Bayern und Baden-Württemberg ab dem Jahr 2000.
Die Gesamtschülerzahlen, die das Fach für sich verbuchen konnte, haben eine rasante Entwicklung hinter sich: von etwa 2.000 Schülerinnen und Schülern im gesamten Bundesgebiet im Schuljahr 1968/69 innerhalb von dreißig Jahren auf über 25.000 im Schuljahr 1998/99, auf beinahe 35.000 um die Jahrtausendwende und inzwischen über 50.000 Schülerinnen und Schüler.
1.3 | Aktuelle Entwicklungslinien des Italienischunterrichts
Aktuell zeichnen sich Entwicklungen in folgenden Bereichen ab:
1 „Konkurrenz“ des SpanischenDie „Konkurrenz“ des SpanischenZwar ist auch der Italienischunterricht nach wie vor im Ausbau begriffen und wird von immer mehr Schülerinnen und Schülern gewählt, der Anstieg ist jedoch im Verhältnis zum Spanischen deutlich weniger ausgeprägt, so dass mancherorts der Eindruck entsteht, das Italienische werde vom Spanischen zurückgedrängt. Hier gilt es, mit Umsicht zu agieren, um diese beiden nach wie vor insgesamt „kleinen“ Fremdsprachen weiterhin gemeinsam zu stärken und keine neuen Fronten entstehen zu lassen; zugleich sollte bei der Sprachenberatung die aktuell im Verhältnis zu Spanien und Hispanoamerika größere wirtschaftliche Bedeutung Italiens für die Außenhandelsbilanz der Bundesrepublik Deutschland immer wieder hervorgehoben werden, um späteren Enttäuschungen seitens der Absolventinnen und Absolventen vorzubeugen. Nimmt man etwa als Grundgesamtheit die Summe des Umsatzes nur mit romanophonen Gebieten im Jahr 2014, so verteilt sich der Handel auf Räume, in denen die vier romanischen Schulsprachen gesprochen werden, wie folgt:
Abb 1.4
Handel mit romanophonen Gebieten 2014 nach Sprachräumen
1 Klare Schulprofile und ggf. Erwägungen, Englisch und Spanisch auf einer Schiene einander im grundständigen Fremdsprachenunterricht ablösender ,Weltsprachen‘ (bei Fortführung des Englischen im bilingualen Sachfachunterricht) anzusiedeln, wodurch Raum für zwei weitere Fremdsprachen in den schulischen Sprachlernbiographien entstehen würde, könnten hier Lösungsansätze bieten, um die kulturell und wirtschaftlich bedeutenden Sprachen Italienisch und Französisch neben dem Spanischen mittelfristig als gut ausgebaute Schulfremdsprachen bestehen zu lassen.
1 SprachenfolgeDiversifizierung der SprachenfolgenSprachenfolgeNeben diesen vor allem durch die „Abnehmerseite“ (Eltern / Lernende) gesteuerten und nur bedingt durch umsichtiges Argumentieren beeinflussbaren Entwicklungen ist festzustellen, dass – letztlich wiederum durch Elternnachfrage bedingt – Italienisch schon heute verschiedene Positionen der Fremdsprachenfolge einnehmen kann, insbesondere auch die Position der bereits in der Unterstufe einsetzenden zweiten Fremdsprache ab Jahrgangsstufe 6 bzw. 7 (z.B. in Sachsen und Thüringen, seit 2017/2018 auch in Nordrhein-Westfalen (Duisburg)), punktuell auch die der ersten Fremdsprache (v.a. an deutsch-italienischen Schulen in Hessen, NRW, Niedersachsen, Hamburg und Berlin), im Primarbereich sowie an Real- und Gesamtschulen, vereinzelt auch an Haupt- und Mittelschulen (z.B. Baden-Württemberg, Bayern) sowie an diversen Typen beruflicher Schulen. Ferner wird Italienisch nach wie vor als Arbeitsgemeinschaft angeboten (vgl. Reimann 2009b). Bisher entwickelte Konzepte und Lehrwerke tragen indes insbesondere den Spezifika des Italienischen als dritter oder weiterer, spät beginnender Fremdsprache Rechnung, die im Regelfall auf Kenntnisse und Kompetenzen in mehreren vorgelernten Sprachen zurückgreifen kann. Angesichts sich diversifizierender Sprachenfolgen wären empirische Studien insbesondere zum Italienischen als zweiter Fremdsprache und die sich anschließende Entwicklung unterrichtsmethodischer Konzepte für das Italienische auf der Unterstufe angezeigt.
2 Kodifizierung in LehrplänenLehrplan
1 Lehr- und BildungspläneIn zahlreichen Bundesländern liegen inzwischen Lehr- und Bildungspläne für das Italienische auf verschiedenen Ebenen der Sekundarstufe vor. Im Folgenden werden die vorliegenden Lehrpläne (vgl. dazu auch Einheit 2), ausgewiesen nach Ausbildungszug (Italienisch als 1., 2., 3. oder neu einsetzende spät beginnende Fremdsprache), erfasst:
| Bundesland | It 1. FS | It 2. FS | It 3. FS | It spät beginnend |
| Baden-Württemberg | + | + | ||
| Bayern | + | + | ||
| Berlin | + | + | + | |
| Hansestadt Bremen | ||||
| Hansestadt Hamburg | + | + | + | |
| Hessen | + | + | ||
| Mecklenburg-Vorpommern | ||||
| Niedersachsen | ||||
| Nordrhein-Westfalen | + | + | + | |
| Rheinland-Pfalz | + | + | ||
| Saarland | + | + | ||
| Sachsen | + | + | + | |
| Sachsen-Anhalt | + | + | ||
| Schleswig-Holstein | ||||
| Thüringen | + | + | + |
Tab.1.1
Lehrpläne für das Fach Italienisch in der Sekundarstufe
Zusammenfassung In dieser Einheit haben Sie erfahren, dass das Italienische über Jahrhunderte hinweg eine verhältnismäßig stark nachgefragte Fremdsprache war, bis es im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert dem Französischen und Englischen als zunächst dominanten Schulsprachen weichen musste. Vor allem die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg kann als Zeit der Re-Konsolidierung des Schulfaches Italienisch vor allem auch als Arbeitsgemeinschaft gelten, bevor es ab den 1980er Jahren beinahe flächendeckend als dritte und spät beginnende Fremdsprache neue Verbreitung fand. Sie haben einen Überblick über verschiedene Ausbildungszüge zum Italienischen und über die Lehrpläne für das Fach Italienisch erhalten, durch die es zu einem vollwertigen, abiturrelevanten Kernfach geworden ist. Sie haben so gelernt, die aktuelle Situation des Italienischunterrichts historisch zu situieren und sind in der Lage, in der Sprachberatung (Informationsveranstaltungen, Elterngespräche) das Fach Italienisch auch mit geschichtlichen und sprachpolitischen Argumenten zu vertreten.
Aufgaben
1 Fassen Sie die Konsequenzen der „Schlüsseljahre“ (vgl. S. 9) für den Italienischunterricht in Deutschland zusammen.
2 Sammeln Sie Argumente, die Sie z.B. bei einem Elternabend für die Wahl des Italienischen vorbringen können und erläutern Sie sie durch Beispiele.
3 Vergleichen Sie zwei Lehrpläne Italienisch als 2. Fremdsprache und Italienisch als spät beginnende Fremdsprache aus zwei Bundesländern Ihrer Wahl (alle online verfügbar): Welche Unterschiede können Sie erkennen?
Zum Weiterlesen
Bogdanski, Gudrun / Reimann, Daniel (2004): „Vom Mauerblümchen zur Orchidee“. Die Entwicklung des Faches Italienisch an deutschen Schulen“, in: Becker, Norbert / Lüderssen, Caroline (Hrsg.): Wandlungen des Italienischunterrichts. Bamberg: C.C. Buchner 2004, 7–35
2 | Europäische, nationale und regionale Vorgaben
Überblick Das Kapitel informiert über Leitlinien des Italienischunterrichts in der Bundesrepublik Deutschland. Vorgestellt werden der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeR) sowie der Referenzrahmen für Plurale Ansätze (REPA), die den Unterricht regulierenden nationalen Richtlinien (Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss, Bildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache, einheitliche Prüfungsanforderungen für das Abitur), die Bildungsstandards für das Abitur und die eng mit diesen Bestimmungen verbundene Kompetenzorientierung. Einblicke in unterschiedliche Schwerpunkte der länderspezifischen Lehrpläne vervollständigen das Bild. Eine kurze Darstellung der Situation des Italienischunterrichts in Österreich und der Schweiz rundet das Kapitel ab.
2.1 | Europäische Vorgaben
Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen
Aktuelle Lehrpläne orientieren sich am Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR)Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen (GeR), der vom Europarat mit dem Ziel veröffentlicht wurde, auf europäischer Ebene „die verschiedenen europäischen Sprachzertifikate untereinander vergleichbar zu machen und einen Maßstab für den Erwerb von Sprachkenntnissen zu schaffen“ (www.europaeischer-referenzrahmen.de; 28.06.2018). Kern des GeR ist die Festlegung von Grundlagen und zentralen Bausteinen des Sprachenlernens und -lehrens. Zusätzlich fordert er die Stärkung der Mehrsprachigkeit und betont die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens sowie der Selbstevaluation. Mit seinen bildungs- und sprachpolitischen Vorgaben, v.a. mit der Festlegung der Niveaustufen und Kompetenzen, beeinflusst er entscheidend die Konzeption des Italienischunterrichts.
Niveaustufen und KompetenzenDurch die Verankerung von drei Stufen, nach denen sprachliche Kenntnisse und Fertigkeiten als Kann-Beschreibungen (È in grado …/ Riesce …) positiv bestimmt werden, macht der GeR Abschlüsse innerhalb Europas vergleichbar. Jede Stufe ist wiederum zweigeteilt:
livello elementare (A 1, A 2)
livello intermedio (B 1, B 2)
livello avanzato (C 1, C 2)
(vgl. Consiglio d’Europa 2002, 30).
Im Detail werden die NiveaustufenNiveaustufen wie folgt gefüllt:
Abb. 2.1
Livelli comuni di riferimento: scala globale; Consiglio d’Europa 2002, 32
Weiterentwicklung des Referenzrahmens2018 hat der Europarat ein Companion Volume with New Descriptors (Council of Europe 2018) vorgelegt, da der GeR aus dem Jahr 2001 trotz aller Verdienste den aktuellen Ansprüchen an den Fremdsprachenunterricht nicht mehr genügt. Wie im GeR (Europarat 2001) orientieren sich die kommunikativen Sprachaktivitäten im Companion an einer Typologie von vier Modi der Kommunikation: Rezeption, Produktion, Interaktion, Mediation (Council of Europe 2018, 31), doch hebt der Companion hervor, dass diese Progression auch einer Reihenfolge im Sprachaneignungsprozess entspricht (Council of Europe 2018, 31): „the distinction Reception, Interaction, Production, Mediation actually marks a progression of difficulty and so might aid the development of a concept of partial qualifications“ (zur Übersicht über Veränderungen und Ergänzungen, z.B. Einführung eines Prä-A-Levels, Modifikation der C"-Deskriptoren, Präzisierungen zur Aussprachekompetenz usw. vgl. Europarat 2018, 50f.; zu den neuen Skalen und Deskriptoren in Bezug auf Sprachmittlung / Mediation vgl. Reimann 2018).
Begriff ‚Kompetenz‘Ein zentraler Aspekt des GeR ist der Begriff ‚KompetenzKompetenz‘, der aktuell erheblichen Einfluss auf die Konzeption des Sprachenlernens und die Unterrichtsgestaltung nimmt. Kompetenz wird definiert als
die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen (d.h. absichts- und willensbezogenen) und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können. (Weinert 2001, 27f.; vgl. auch Klieme et al. 2007)
allgemeine und kommunikative KompetenzenIm GeR wird zwischen allgemeinen Kompetenzen und kommunikativen Sprachkompetenzen unterschieden. Der Einteilung Byrams 1997 folgend beziehen sich die allgemeinen Kompetenzen auf das deklarative Wissendeklaratives Wissen, d.h. Wissen über Regeln, Sachverhalte und Begriffe (saperesapere), das prozedurale Wissenprozedurales Wissen, d.h. das Wissen über Anwendung und Handlungsabläufe, (saper faresaper fare), die persönlichkeitsbezogene Kompetenzpersönlichkeitsbezogene Kompetenz (saper esseresaper essere) und die LernfähigkeitLernfähigkeit (saper apprenderesaper apprenderebzw. capacità di apprendere) (Consiglio d’Europa 2002, 13ff.). Die kommunikativen Kompetenzen umfassen linguistische (z.B. conoscenze ed abilità riferite al lessico, alla fonologia, alla sintassi), soziolinguistische (fattori socioculturali dell’uso linguistico, convenzioni sociali etc.) und pragmatische (l’uso funzionale delle risorse linguistiche) Kompetenzen (Consiglio d’Europa 2002, 16f.).
Input, Output / OutcomeFremdsprachenunterricht war lange Zeit durch die dem Input verpflichteten Curricula, Lehrpläne und Schulgesetze gesteuert. Die Ausrichtung an Lernzielen führte zu einer Orientierung an „detaillierte[n] Vorgabe[n] von Zielen, Inhalten, Methoden und Überprüfungsformen“ (Caspari 2009, 75). Mit der Kompetenzorientierung erfolgte ein Wechsel hin zum OutputOutputbzw. OutcomeOutcome(vgl. www.kmk-format.de/material/Fremdsprachen/1-2-7_Outcome-Orientierung.pdf; 28.06.2018), d.h. der Verlagerung des Schwerpunkts vom deklarativen Wissen hin zur Lösung von Aufgaben (vgl. Einheit 5), die vorrangig die Verwendbarkeit und mögliche Weiterentwicklung der im schulischen Kontext erworbenen Kompetenzen und Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler im nachschulischen Alltag in den Blick nehmen. Namentlich das Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) erarbeitet entsprechende TestaufgabenTestaufgaben. Die Evaluation solcher Aufgaben wird durch Standards und Vergleichsarbeiten gedeckt.
Konsequenzen für die UnterrichtspraxisKompetenzorientierter Unterricht ist „vom Resultat her zu planen“ (Caspari 2009, 75). Charakteristisch für die Durchführung ist die „Verbindung von Wissen und Können“ (Caspari 2009, 74), verbunden mit Transparenz in Bezug auf die Zielsetzung des Unterrichts. Zwar steht die kommunikative interkulturelle Kompetenz im Vordergrund des Fremdsprachenunterrichts (vgl. Einheit 10), doch sind alle Kompetenzen von Anfang an parallel und systematisch zu entwickeln.
Referenzrahmen für Plurale Ansätze (REPA)
Die Inhalte des GeR wurden keineswegs kritiklos rezipiert. Bemängelt wird vor allem, dass die Förderung von Reflexions- und Sprachlernkompetenz nicht ausreichend berücksichtigt werde und „Kompetenzen und Erfahrungen der Lernenden rein additiv und getrennt voneinander behandelt“ werden (www.goethe.de/de/spr/mag/20476419.html; 28.06.2018). Als Reaktion auf die kritische Einschätzung wurde 2007 vom Europäischen Fremdsprachenzentrum des Europarats in Graz der Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen (REPA)Referenzrahmen für plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen (REPA)herausgegeben (Meißner / Schröder-Sura 2009), der insbesondere auf Lehr- und Lernverfahren eingeht, die zugleich mehrere Sprachen oder mehrere sprachliche Varietäten und Kulturen einschließen.
Während der GeR von Kompetenzen im Sinne der Festlegung von Weinert (2001) spricht, führt der REPA zusätzlich den Begriff „Ressourcen“ ein, die in Form von Deskriptoren beschrieben werden und interkulturelle und mehrsprachige Kompetenzen konkretisieren. Kompetenzen und Ressourcen hängen zusammen, denn Kompetenzen sind vornehmlich an komplexe Aufgaben gebunden. Für deren Bewältigung müssen die Lernenden „über ein Repertoire an individuellen (internen) Ressourcen verfügen und gleichzeitig über die Fähigkeit, diese sowie gegebenenfalls auch externe Ressourcen entsprechend der jeweiligen Aufgabe zu aktivieren“ (vgl. www.goethe.de/de/spr/mag/20476419.html; 28.06.2018).
Die Rezeption des REPA in der Bundesrepublik Deutschland verläuft momentan noch abwartend, so dass noch keine allgemeingültigen Aussagen des Modells für den Italienischunterricht gemacht werden können (vgl. Melo Pfeifer / Reimann 2018).
2.2 | Nationale Vorgaben
Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss
Auf der Basis der im GeR für die Europäische Union festgelegten Standards wurden die nationalen Bildungsstandards zunächst für den Mittleren SchulabschlussBildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss in den Fächern Englisch und Französisch als erste Fremdsprache ausgearbeitet (vgl. KMK 2004b). Anlass waren die wenig zufriedenstellenden Resultate der deutschen Schülerinnen und Schüler bei internationalen Leistungsvergleichsstudien wie PISA (Programme for International Student Assessment).
Die Standards legen durchschnittlich zu erzielende (Regel-)Standards fest, durch die „die kommunikativen, interkulturellen und methodischen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler für ihr Handeln in mehrsprachigen Situationen am Ende der Sekundarstufe I verlässlich ausgebildet“ werden (KMK 2004b, 7) und die Lernenden „ihre Fähigkeit zu lebenslangem, selbständigem Sprachenlernen weiter entwickeln“ (KMK 2004b, 8) sollen.
Die in den Bildungsstandards ausgewiesenen Kompetenzbereiche müssen im Unterricht mit konkreten Inhalten gefüllt werden. Moderne Lehrwerke informieren in der Regel über die angestrebten Kompetenzen bereits in den Inhaltsverzeichnissen (vgl. u.a. Bernhofer et al. 2015, 46: Competenze 1: Presentarsi ad una famiglia italiana ospite in un video messaggio).
Abb. 2.2
Tabellarische Zusammenfassung der Bildungsstandards für die Erste Fremdsprache (Englisch und Französisch), (KMK 2004b, 8)
Bildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache
Die Standards für die Allgemeine HochschulreifeStandards für die Allgemeine Hochschulreife in den Fächern Deutsch, Mathematik und fortgeführte Fremdsprache (Englisch / Französisch) vertiefen die Standards für den Mittleren Schulabschluss. Die Bereiche ‚funktionale kommunikative Kompetenz, interkulturelle kommunikative Kompetenz, Text- und Medienkompetenz, Sprachbewusstheit, Sprachlernkompetenz‘ (KMK 2012a, 10) treiben „eine vertiefte Allgemeinbildung, allgemeine Studierfähigkeit sowie wissenschaftspropädeutische Bildung“ (KMK 2012a, 2f.) voran.
Abb. 2.3
Tabellarische Zusammenfassung der Standards für die fortgeführte Fremdsprache (KMK 2012a, 11)
Einheitliche Prüfungsanforderungen der KMK für das Abitur, EPA
Bei den Einheitlichen Prüfungsanforderungen der KMK für das Abitur (EPA)Einheitliche Prüfungsanforderungen der KMK für das Abitur (EPA) handelt es sich um ein Dokument, das von den Bildungsstandards der KMK für die Allgemeine Hochschulreife abgelöst wurde (vgl. www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Fortgef-FS-Abi.pdf; 15.12.2018). Allerdings wirkt die EPA nach wie vor auf den Italienischunterricht ein, insbesondere weil die Bildungsstandards für das Abitur im Gegensatz zur EPA Italienisch keine Aufgabenbeispiele enthalten. Die in den EPA genannten Beispiele für die verschiedenen Aufgabenformate (Textaufgabe, kombinierte Aufgabe, Aufgabe zur mündlichen Sprachkompetenz) geben mit einem Orientierungsrahmen für die Gestaltung der Abiturprüfung Hinweise für Zielrichtung und Füllung des Unterrichts in der Oberstufe. Außerdem enthalten die „Einheitlichen Prüfungsanforderungen“ Kriterien für die Bewertung von Prüfungsleistungen.
Übersicht: Anhaltspunkte für die Bewertung von Prüfungsleistungen mit „Gut“:
Gute Prüfungsleistungen (11 Punkte)
Textaufgabe :
Eine gute inhaltliche Leistung im Grundkursfach und Leistungskursfach liegt vor, wenn
die für die Bearbeitung der Aufgaben erforderlichen Kenntnisse und Methodenkompetenzen, insbesondere auch Kenntnisse der Methoden der Textanalyse nachgewiesen werden,
der Textvorlage die für die Ausführung der Arbeitsanweisungen notwendige Information auch in Details entnommen wurde,
die Arbeit auf alle Teile der gestellten Aufgabe eingeht und diese analytisch-interpretierend bzw. handlungsorientiert selbstständig bearbeitet werden und
Informationen in geordneter Weise zueinander und ggf. zur Textvorlage in Beziehung gesetzt und sprachlich zusammenhängend dargestellt werden.
Eine gute sprachliche Leistung im Grundkursfach liegt vor, wenn
differenzierte Verknüpfungen zwischen Satzteilen, Sätzen und Satzgruppen in einer der Aufgabenstellung angemessenen Weise eingesetzt werden,
Sachverhalte und Meinungen differenziert ausgedrückt und wichtige Wörter und Wendungen aus den im Rahmen der Aufgabenstellung einschlägigen Themenfeldern sachgerecht eingebracht werden,
formalsprachliche Verstöße die Verständlichkeit nicht beeinträchtigen und
ein differenzierter Umgang mit sprachlichen Gesetzmäßigkeiten erkennbar ist.
Eine gute sprachliche Leistung im Leistungskursfach liegt vor, wenn
differenzierte Verknüpfungen zwischen Satzteilen, Sätzen und Satzgruppen eingesetzt werden,
die Arbeit einen reichhaltigen und differenzierten Wortschatz aufweist,
durch funktions- und themenspezifische Redemittel eine differenzierte Kommunikation ermöglicht wird,
Treffsicherheit, Ökonomie und Selbstständigkeit im Ausdruck nachgewiesen werden und
nur geringe formalsprachliche Verstöße vorliegen.
Beispiel: Bewertungsrichtlinien für Prüfungsleistungen mit „Gut“ (www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/1989/1989_12_01-EPA-Italienisch.pdf; 28.06.2018).
2.3 | Regionale Vorgaben
Neben den oben dargestellten europäischen und national gültigen bildungspolitischen Richtlinien regeln vor allem die länderspezifischen Lehrpläne Zielrichtung, Inhalte und Progression des Italienischunterrichts an deutschen öffentlichen Schulen. Sie legen auch die Anzahl der für den Italienischunterricht vorgesehenen Wochenstunden fest. Da das Fach Italienisch größtenteils als dritte und spätbeginnende (neueinsetzende) Fremdsprachedritte und spätbeginnende Fremdsprache in den Sekundarstufen I und II (Gymnasium) angeboten wird, werden Lehrpläne hauptsächlich für diese Lehrgänge erarbeitet.
Begriff ‚Lehrplan‘Der Begriff ‚LehrplanLehrplan‘ bezeichnet die systematische Zusammenfassung von unterschiedlich präzise benannten Lerninhalten, die für einen bestimmten Zeitraum im Rahmen eines schulischen Bildungsganges fixiert werden. Lehrpläne bilden somit ein Raster von Inhalten und Anforderungen. Die in den Lehrplänen festgelegten grammatischen, lexikalischen, pragmatischen und kulturellen Inhalte müssen von den Lehrkräften bei der Gestaltung des Unterrichts beachtet werden und sind von den Schülerinnen und Schülern obligatorisch erwartete Wissensbestände.
Funktion von LehrplänenDie Inhalte von Lehrplänen geben Lehrkräften, aber auch der interessierten Bevölkerung Auskunft über den Stoff der verschiedenen Fächer an öffentlichen Schulen. Als rechtsverbindliche Grundlage des Unterrichts sichern sie die Unterrichtsinhalte institutionell ab und sind offizielles Steuerungsinstrument des Unterrichts. Dennoch wird die Praxis des Fremdsprachenunterrichts direkter als durch Lehrpläne von den verwendeten LehrwerkeLehrwerkn geprägt, die, um als Lernmittel an öffentlichen Schulen zugelassen zu werden, ihrerseits an die Lehrpläne des betreffenden Bundeslandes angepasst sein müssen und demzufolge die Inhalte der Lehrpläne für die jeweilige Jahrgangsstufe spiegeln (vgl. Einheit 5).
Konsequenzen der Kulturhoheit der BundesländerDie Kulturhoheit der deutschen Bundesländer führt dazu, dass es keine für die gesamte Bundesrepublik Deutschland gültigen Lehrpläne gibt. Vielmehr lassen die Kultusministerien der verschiedenen Landesregierungen – angepasst an das in der jeweiligen Länderverfassung fixierte Erziehungs- und Unterrichtsgesetz und das Gesamtkonzept der Schulart – jeweils Lehrpläne für die einzelnen Schulzweige und Jahrgangsstufen entwickeln, die unterschiedlich strukturiert sein können.
So nimmt beispielsweise der bayerische Lehrplan für Gymnasien, der drei Ebenen umfasst (Beschreibung des Profils der Schulart Gymnasium ‚Das Gymnasium in Bayern‘, Fach-/Jahrgangsstufenlehrplan nach Schulfächern aufgefächert, Jahrgangsstufenprofile für die einzelnen Schulfächer; www.isb.bayern.de/gymnasium/lehrplan/gymnasium/; 27.06.2018), auf das Fach Italienisch explizit in den Ebenen zwei und drei Bezug. Zudem fasst das ‚Fachprofil Moderne Fremdsprachen‘ allgemeingültige Zielsetzungen des Bereichs ‚Moderne Fremdsprachen‘ zusammen (www.isb-gym8-lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26366; 27.06.2018).
Das Schulministerium des Landes Nordrhein-Westfalen erläutert Grundlagen des Schulsystems (z.B. Inklusion oder Gender Mainstreaming) und beschreibt die Schulformen (www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulsystem/Grundlagen/index.html; 01.06.2018). Inhalte des Fachs Italienisch werden in den Kernlehrplänen für die Sekundarstufe I und für die Sekundarstufe II geregelt.
Ziele und Inhalte Die in den verschiedenen Lehrplänen festgelegten Ziele und Inhalte des Fachs Italienisch gleichen sich im Wesentlichen, werden aber unterschiedlich ausführlich benannt. In Bayern konkretisiert sie das „Fachprofil Italienisch“:
Im Italienischunterricht erwerben die Schüler eine über Alltagssituationen hinausgehende, allgemeine Kommunikationsfähigkeit. … Durch die Begegnung mit Italien und der kulturellen Vielfalt seiner Regionen vertiefen die Jugendlichen ihre Allgemeinbildung. Sie beschäftigen sich mit gesellschaftlichen und politischen Inhalten und setzen sich mit historischen und aktuellen Werthaltungen und Ideen auseinander. …
Die Auswahl der Themen berücksichtigt die Interessen der Jugendlichen und soll sie für die Begegnung mit Italienern und für den Reichtum in Kunst, Kultur und Lebensart Italiens empfänglich machen und begeistern. Die bedeutende Rolle Italiens in der europäischen Kultur eröffnet Möglichkeiten des fächerübergreifenden Arbeitens, … Durch den Erwerb grundlegenden historischen, geographischen und politischen Wissens erhalten die Schüler in enger Verbindung mit Einblicken in die italienische Alltagsrealität und wachsenden Sprachkenntnissen eine breite interkulturelle Kompetenz.
Auszug aus ‚Fachprofil Italienisch‘ des Bayerischen Lehrplans (www.isb-gym8-lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26372; 27.06.2018).
Der Lehrplan des Landes Nordrhein-Westfalen schreibt als Ziele des Fremdsprachen- und damit des Italienischunterrichts fest: Aufbau individueller Mehrsprachigkeit, Vermittlung sprachlich-kommunikativer und interkultureller Kompetenzen, interkulturelle Handlungsfähigkeit, Studierfähigkeit, Berufsorientierung, vertiefte Allgemeinbildung (vgl. Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium. www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SII/i/KLP_GOSt_Italienisch.pdf, 11; 27.06.2018).
Der hessische Lehrplan verweist auf die vielsprachige europäische Gesellschaft und die Diversität als „ein bestimmendes Moment der europäischen Identität“ und folgert: „Mehrsprachigkeit und Kommunikationsfähigkeit sind … wichtige Zielsetzungen … Sie sind zugleich Schlüsselqualifikationen …“ (Hessischer Lehrplan 2010a, 2). Angestrebt werden u.a. interkulturelle Kompetenz und kulturelle Handlungsfähigkeit, das kritische Reflektieren der eigenen Einstellungen und Haltungen und das Finden gemeinsamer Perspektiven.
WochenstundenInwieweit die festgelegten Unterrichtsinhalte vertieft werden können, hängt von der Wochenstundenzahl ab. Auch diese legen die Lehrpläne fest. In Nordrhein-Westfalen wird beispielsweise das Italienische „als neu einsetzende Fremdsprache in der gymnasialen Oberstufe in einem vierstündigen Kurs unterrichtet“ (Kernlehrplan II 2014, 14), in Hessen wird Italienisch „in der Regel im gymnasialen Bildungsgang als 3. Fremdsprache ab der Jahrgangsstufe 8G, im Rahmen des Wahlunterrichts nach der Verordnung über die Stundentafeln mit 3 Wochenstunden unterrichtet“ (Hessischer Lehrplan 2010a, 4).
curriculare LehrpläneDie Konzeption von Lehrplänen ist von gesellschaftlichen und politischen Tendenzen abhängig und damit Änderungen unterworfen. In den 1960er bis 1980er Jahren war der Unterricht beispielsweise durch CurriculaCurricula geprägt, die in Zusammenhang mit Bestrebungen zur Verwissenschaftlichung der Schule erarbeitet wurden. Charakteristikum der curricularen Lehrpläne war die Unterteilung in „1. Ziele des Unterrichts, 2. Inhalte, 3. Methoden, 4. Lernzielkontrolltechniken“, mit der für jede Jahrgangsstufe autonom präzise und verbindliche Richtlinien angegeben wurden. Sie beschränkten die Freiheit der Lehrkräfte bei der Ausgestaltung des Unterrichts dadurch genauso wie durch die weitere Untergliederung in Richt-, Grob- und Feinziele und in „1. sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, 2. fachliche Kenntnisse und Einsichten, 3. fachübergreifende Kenntnisse“, die von einer genauen Beschreibung der ausgewiesenen Ziele und des grammatischen Bereichs in einem Anhang ergänzt wurde (vgl. Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus 1982).
Bedeutung des Fachs Nachdrücklich weisen alle Lehrpläne auf die Bedeutung des Schulfachs Italienisch für Schülerinnen und Schüler in Deutschland hin. Das „Fachprofil Italienisch“ des Bayerischen Lehrplans hebt beispielsweise neben der Relevanz des Italienischen als Verkehrssprache und den kulturellen Errungenschaften des Landes den Nutzen des Italienischen beim Erlernen weiterer, v.a. romanischer Sprachen hervor:
Bedeutung des Fachs
Italienisch ist die Muttersprache der Bürger Italiens, der Einwohner der Südschweiz (Tessin) und von Teilen Istriens. Zudem gewinnt es als Verkehrssprache innerhalb der Europäischen Union an Bedeutung. Das Italienische wird außerdem von zahlreichen Emigranten in der ganzen Welt weiter gepflegt. Seit Jahrhunderten ist Italien Ziel und Inspirationsquelle für Reisende. Es beherbergt mehr Stätten, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden, als jedes andere Land. Italien ist durch seine wirtschaftliche und politische Bedeutung eine der führenden Industrienationen und durch den prägenden Einfluss vieler seiner kulturellen Errungenschaften ein bedeutendes europäisches Partnerland und, nicht zuletzt durch die geographische Nähe, der wichtigste Handelspartner Bayerns. Von Anfang an wurde der europäische Integrationsprozess von Italien mitgestaltet.
Mit dem Italienischen erlernen die Schüler eine Sprache, die sie in vielfältigen Zusammenhängen anwenden können. Zudem sind die erworbenen Kenntnisse für sie hilfreich beim Erlernen weiterer, insbesondere romanischer Sprachen und leisten somit einen Beitrag zur Mehrsprachigkeit. Eine Vielzahl von Städte- und Schulpartnerschaften ermöglicht intensive Begegnungen durch Austauschprogramme und die Teilnahme an europäischen Bildungsprojekten, wodurch die Schüler – auch unter Nutzung des Europäischen Portfolios der Sprachen – zur selbständigen Beschäftigung mit der italienischen Sprache und Kultur angeregt werden. Zahlreiche deutsche Hochschulen kooperieren mit italienischen Universitäten. Die im Italienischunterricht erworbenen Kenntnisse ermöglichen den Erwerb von Sprachzertifikaten, die bei Bewerbungen um Studienplätze, Praktika oder Arbeitsstellen hilfreich sind, und eröffnen interessante berufliche Perspektiven.
Auszug aus ‚Fachprofil Italienisch‘ des Bayerischen Lehrplans (www.isb-gym8-lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26372; 27.06.2018).
Auch der nordrhein-westfälische „Kernlehrplan für die Sekundarstufe 1“ (2009) betont die Nützlichkeit von Italienischkenntnissen, da die Sprache „eine bedeutende Kultursprache und eine Schlüsselsprache für andere Fächer wie Kunst, Kunstgeschichte, Musik, Design, Architektur, klassische Philologie“ ist. Erwähnt wird weiter die Bedeutung Italiens als Handelspartner der Bundesrepublik Deutschland und der daraus erwachsende Bedarf an Italienischkenntnissen sowie die Tatsache, dass die Italienerinnen und Italiener unter „den ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus der europäischen Union, die in Deutschland leben, … die bei weitem größte Gruppe“ darstellen und „durch ihre Präsenz die deutsche Alltagskultur“ prägen (Kernlehrplan I 2009, 11).
Den Vorteil von Italienischkenntnissen unterstreicht ebenfalls der hessische Lehrplan mit dem Hinweis, dass das Italienische „in vielen benachbarten Staaten … (Slowenien, Kroatien, Albanien)“ verstanden wird (Hessischer Lehrplan 2010b, 3).
Beispiele für weitere thematische SchwerpunkteÜber solche Aussagen hinaus beinhalten die Lehrpläne kulturspezifische Aussagen (z.B. zu landeskundlichen oder literaturbezogenen Inhalten, vgl. Einheit 10 und 11) und konkretisieren den schulischen und lebensweltlichen Nutzen des Italienischunterrichts für die Schülerinnen und Schüler.
Aufbau von Mehrsprachigkeit Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die Verweise auf die migrationsbedingte MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit. Nordrhein-Westfalen gibt als Leitlinie vor, „[d]er lebensweltlichen Mehrsprachigkeit, die in den Klassenverbänden vorhanden ist“, Rechnung zu tragen (Kernlehrplan I 2009, 9). Im bayerischen „Fachprofil Italienisch“ heißt es: „Zudem sind die erworbenen Kenntnisse für [die Schülerinnen und Schüler] hilfreich beim Erlernen weiterer, insbesondere romanischer Sprachen und leisten somit einen Beitrag zur Mehrsprachigkeit.“ (www.isb-gym8-lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26372; 27.06.2018), und der Lehrplan Sachsen postuliert:
Sprachliches und fachliches Wissen von Schülern mit Migrationshintergrund sowie deren lebenspraktische Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit werden in den Lernprozess integriert und als motivationale Chance genutzt. (Sächsischer Lehrplan 2004/2007/2009/2011, 4)
BinnendifferenzierungIn der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit vieler Schülerinnen und Schüler sieht z.B. der hessische Lehrplan einen Vorteil für die im aktuellen Italienischunterricht bedeutsame BinnendifferenzierungBinnendifferenzierung (vgl. auch Einheit 13):
Italienisch ist eine der vielen Herkunftssprachen ausländischer Schülerinnen und Schüler. Das Unterrichtsangebot Italienisch ermöglicht mit binnendifferenzierter Schwerpunktsetzung auch diesen Schülerinnen und Schülern, ihre Kenntnisse und Sprachkompetenz zu erweitern und zu vertiefen. Darüber hinaus können im Unterricht diese Begegnungssituationen genutzt werden, indem die Lernenden ihre persönlichen und die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen auf lebendige Weise miteinander austauschen. Muttersprachliche Schülerinnen und Schüler können dabei, je nach Themenbereich, Expertenfunktion einnehmen. (Hessischer Lehrplan 2010a, 2)
language awarenessAls Spezifikum des saarländischen Lehrplans kann die Hervorhebung des ausdifferenzierten morphosyntaktischen Systems des Italienischen mit seiner besonderen Eignung für die Entwicklung von language awarenesslanguage awarenessund für Einblicke in sprachliche Strukturen gelten:
Zusammen mit dem Unterricht in der Muttersprache und in anderen Fremdsprachen trägt der Italienischunterricht grundlegend zur sprachlichen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler bei und vermittelt wesentliche Einsichten in die fremdsprachliche Struktur und in deren Funktion im Zusammenleben der Menschen. Hierfür bietet das Italienische durch seinen Formenreichtum, seine Phonetik und Orthographie vielfältige Ansätze. (Saarländischer Lehrplan 2004, 7)
wünschenswerte Inhalte Da das Italienische nicht nur eine wirtschaftlich bedeutende, sondern auch kulturell reiche Sprache ist, sollte sie im gesamten deutschen Bildungssystem die starke Rolle spielen, die sie derzeit v.a. in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen innehat. Damit sich das Fach Italienisch von anderen fremdsprachlichen Angeboten abheben und profilieren kann, sind für zukünftige Lehrpläne folgende Bereiche Desiderata:
Antikes Erbe (vermittelt durch den Unterricht in einer modernen Sprache),
Renaissance und europäische Identität,
Entwicklung der Architektur und der Kunst,
Entwicklung der Wissenschaft,
Musik: Oper, Popularmusik: „canzoni“,
Autos und Fußball: spezifische Themen zur Jungenförderung,
Transkulturalität und gegenwärtige Immigration nach Europa,
Sprachbewusstheit: dialektale Gliederung / Regionalsprachen und Bilinguismus / ethnische Minderheitensprachen, Italienisch und migrationsbedingte Mehrsprachigkeit,
Sprachlernkompetenz: hoher Grad der Übereinstimmung von Graphie und Phonie bei gleichzeitig ausdifferenziertem morphosyntaktischem System: Italienisch als Zugang zu weiteren romanischen Sprachen.
2.4 | Italienischunterricht in der Schweiz und in Österreich
SchweizDas Italienische ist in der Schweiz eine der vier offiziellen Landessprachen, hat aber nur im Tessin und in Teilen Graubündens muttersprachlichen Status. Wird es als Fremdsprache unterrichtet, stehen wie in Deutschland die sprachlichen Grundfertigkeiten sowie interkulturelle und mehrsprachigkeitsdidaktische Aspekte im Vordergrund des Unterrichts.
Wie in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland unterliegt das Fach Italienisch als Fremdsprache in den einzelnen Kantonen unterschiedlichen Regelungen. Laut der Schweizer MaturitätMaturitätskommission „müssen die Kantone – neben der Erstsprache – zwei Landessprachen an jeder Schule zur Wahl stellen“ (SMK 2013, 12). Die für den jeweiligen Lehrgang angestrebten Niveaus nach der Skala des GeR (A1, A2, B1 usw.) stimmen in etwa mit denen in Deutschland überein. Im Kanton Bern wird beispielsweise für Italienisch als Grundlagenfach (dritte Sprache) das Niveau B2 angesetzt, als Schwerpunktfach B2/C1 (www.erz.be.ch/erz/de/index/mittelschule/mittelschule/publikationen.assetref/dam/documents/ERZ/MBA/de/AMS/ams_sprachniveau_maturitaet.pdf; 28.06.2018).
Momentan zugängliche Zahlen von 2013 belegen, dass „Gesamtschweizerisch … 94 % der Schulen Italienisch an[bieten], sei es als Maturitätsfach und / oder als Freifach“ (SMK 2013, 14). Allerdings ist die Zahl der Lernenden für Italienisch als Grundlagenfach und als Schwerpunktfach dritte Sprache rückläufig (vgl. SMK 2013, 13f.).
Speziell in der Deutschschweiz hat „das Fach als ‚dritte Landessprache‘ einen relativ schweren Stand“ (Schumacher 2004, 73), denn dort wird „die Bedeutung des Italienischen … nahezu ignoriert“ (Schumacher 2004, 72). Unter Berufung auf das Staatssekretariat für Bildung und Forschung und gestützt auf den Bericht einer Arbeitsgruppe der Schweizerischen Maturitätskommission berichtet die „Neue Züricher Zeitung“, dass in den deutschsprachigen Kantonen sechs von sieben Gymnasien Italienisch als für die Maturität zählendes Fach anbieten, in den frankophonen Gebieten der Schweiz (Romandie) dagegen alle Gymnasien (NZZ v. 05.11.2013: Sprachunterricht am Gymnasium, Italienisch soll an Bedeutung gewinnen; zu jeweils aktuellen Tendenzen vgl. https://forum-helveticum.ch/de/2017/12/enseignement-des-langues-etat-des-lieux-dec-2017/; 28.06.2018). Die geringe Förderung des Italienischen zugunsten des Französischen und die schwache Nachfrage nach Italienisch sind Themen, die in der Schweizer Presse immer wieder aufgegriffen werden, ohne allerdings Konsequenzen zu zeitigen (vgl. Kälin 2016).
ÖsterreichDie Zielsetzungen des Italienischunterrichts in Österreich gleichen weitgehend denjenigen in der Bundesrepublik Deutschland. Auch hier orientieren sich die Lehrpläne am GeR. In Österreich ist Italienischunterricht ab der ersten Schulstufe möglich. Mehr als in Deutschland und der Schweiz konkurriert das Italienische jedoch mit anderen lebenden Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Kroatisch, Slowakisch, Slowenisch, Tschechisch oder Ungarisch). Erhebungen des Statistischen Bundesamts Österreich für das Schuljahr 2013/14 (www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bildung_und_kultur/formales_bildungswesen/schulen_schulbesuch/index.html; 28.06.2018) weisen 5,6% Italienischlernende (= 60 005 Schülerinnen und Schüler) an allen Schultypen nach. Die Sprache nimmt damit den dritten Rang nach Englisch (97,9%) und Französisch (9,6%) ein. Im Erfassungszeitraum lag sie also noch vor Spanisch (3,8%). Auch an den österreichischen Schulen ist jedoch ein Rückgang der Italienischlernenden bemerkbar, denn immer mehr Schülerinnen und Schüler lernen Spanisch. Ein Zehn-Jahres-Vergleich zeigt, dass sich gegenüber dem Schuljahr 2001/02 die Zahl der Teilnehmer im Spanisch-Unterricht mehr als verdoppelt hat (DiePresse.com vom 04.02.2014; http://diepresse.com/home/bildung/schule/1558163/Sprachen_Spanisch-und-Latein-legen-in-der-Schule-zu?_vl_backlink=/home/bildung/schule/index.do; 28.06.2018).
Zusammenfassung Der Italienischunterricht in Deutschland ist primär durch länderspezifische Lehrpläne strukturiert, verfolgt aber dennoch in allen Bundesländern die Ziele, die durch Erlasse auf europäischer Ebene und auf Bundesebene für das Lehren und Lernen von Fremdsprachen vorgegeben sind, so dass die Vergleichbarkeit der Abschlüsse weitgehend gewährleistet ist. Neuerungen wie Kompetenz- oder Outputorientierung tragen zu einer Verschiebung der Schwerpunkte des Italienischunterrichts weg vom deklarativen Wissen hin zu anwendungsbetonten Kenntnissen und Fertigkeiten bei.
Aufgaben
1 Fassen Sie die Unterschiede zwischen curricularen Lehrplänen und Lehrplänen neuerer Prägung zusammen und beschreiben Sie Konsequenzen für den Unterricht.
2 Erstellen Sie ein an die Beschreibung des Kompetenzniveaus A 1 (vgl. Abb. 2.1) angepasstes Rollenspiel zwischen einem deutschen und einem italienischen Jugendlichen.
3 Erstellen Sie eine (hierarchisierte) Liste mit jeweils fünf Kompetenzen zu conoscenze referite alla fonologia und fattori socioculturali dell’uso linguistico.
Zum Weiterlesen
Previtali, Adriano (2011):Der Italienischunterricht in der Schweiz ausserhalb des traditionellen Verbreitungsgebiets: Ein juristisches Gutachten. (www.pgi.ch/perizia-deu.pdf; 28.06.2018): Darlegung von Förderungsmöglichkeiten des Italienischunterrichts in der Schweiz.
Reimann, Daniel (2014a): „Italienisch – ein vielschichtig thematisches Schulfach“, in: Lange, Harald / Sinning, Silke (Hrsg.): Kommunikation und Verstehen. Fachdidaktik und Themenkonstitution in den Sprach- und kommunikationsbezogenen Fächern und Lernbereichen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 79–111: Beschreibung der Situation des Italienischunterrichts und der fachdidaktischen Entwicklungslinien des Schulfachs; Skizzierung von Forschungsfeldern einer Fachdidaktik Italienisch mit Hinweisen auf relevante Publikationen bis 2013; Abriss der Lehrpläne der Bundesländer für den schulischen Italienischunterricht; Darlegung der Spezifika und des Potentials des Fachs.
3 | Ausbildung – Unterrichtsgestaltung – Unterrichtsbeobachtung
Überblick Zukünftige Italienischlehrerinnen und -lehrer erhalten während ihres Studiums an einer Universität und des darauffolgenden VorbereitungsdienstVorbereitungsdienstVorbereitungsdienstSiehe Referendariates (ReferendariatReferendariat) an einer SeminarschuleSeminarschule Leitlinien und einführende Anweisungen für das selbständige Unterrichten. Das Kapitel stellt grundlegende Bausteine der fachdidaktischen und unterrichtspraktischen Ausbildung sowie erprobte, gültige Kriterien der Unterrichtsgestaltung und -beobachtung vor.
3.1 | Ausbildung zukünftiger Italienischlehrkräfte
Studium und Vorbereitungsdienst In der Bundesrepublik Deutschland regeln länderspezifische Gesetze die LehrerausbildungLehrerausbildung, so dass jedes Bundesland eigenständig Schwerpunkte setzen kann. Im Wesentlichen läuft die Ausbildung nach dem gleichen Schema ab. Sie ist grundsätzlich zweigliedrig, Unterschiede gibt es allerdings bei der Benennung der Etappen. Nach dem Universitätsstudium mit dem Abschluss ‚(erstes) Staatsexamen‘ (z.B. in Bayern, Baden-Württemberg), einer sog. Staatsprüfung (z.B. in Hessen) oder einer Abschlussprüfung im Bachelor of Education- bzw. Master of Education-Studiengang (z.B. in Nordrhein-Westfalen) folgt der Referendar- bzw. Vorbereitungsdienst an speziell dafür vorgesehenen Schulen (Seminarschulen). Dort erhalten die Lehramtskandidaten Ratschläge für das Unterrichten an einem bestimmten Schultyp (für das Italienische vornehmlich Gymnasium, mindestens Sekundarstufe I). Meist treten die Referendare den Vorbereitungsdienst für zwei Schulfächer an, deren mögliche Kombinationen von den jeweiligen Kultusministerien festgelegt werden. Italienisch kann z.B. in Bayern nur mit Englisch kombiniert werden, in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen sind die Auswahlmöglichkeiten breiter. Die Referendarzeit schließt mit einer zweiten (Staats-)Prüfung ab.
Eine Unterbrechung des Studiums durch einen Auslandsaufenthalt, z.B. durch eine vom Pädagogischen Austauschdienst (PAD) geregelte Anstellung als Fremdsprachenassistent bzw. -assistentin, ist wegen des Zugewinns an sprachlicher und kultureller Kompetenz und dem unmittelbaren Einblick in andere Bildungssysteme mehr als wünschenswert, aber nicht zwingend vorgesehen.
Gemeinsames Charakteristikum der universitären Ausbildung zukünftiger Italienischlehrerinnen und -lehrer sind verpflichtende fachwissenschaftliche, fachdidaktische und pädagogisch-psychologische Lehrveranstaltungen und Leistungsnachweise. Daneben werden verschiedene obligatorisch zu absolvierende PraktikaPraktikum und Seminare mit Praxisbezug gefordert.
So ist in Nordrhein-Westfalen ein Eignungs- und Orientierungspraktikum von 25 Praktikumstagen Vorschrift, das während des Bachelorstudiums abzuleisten ist und den Studierenden grundsätzliche Einblicke in die Anforderungen des Lehrberufs gibt. Im lehramtsbezogenen Masterstudiengang muss dann ein Praxissemester durchlaufen werden.
Auch in Hessen sind ein möglichst vor Beginn des Studiums zu leistendes Orientierungs- und ein Betriebspraktikum festgelegt. Daneben gibt es an einigen Universitäten das Pilotprojekt „Praxissemester“, z.B. für das Lehramt an Gymnasien an der Goethe-Universität Frankfurt. Ziel des viermonatigen Praxissemesters, für dessen Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Orientierungs- und Betriebspraktikum entfällt (https://lehrkraefteakademie.hessen.de/lehrerausbildung/erste-staatspruefung/orientierungs-und-betriebspraktikum; 09.07.2018), ist der frühzeitige „Kontakt mit dem Praxisfeld Schule“. Die Studierenden werden „von Seiten der Schulen durch MentorInnen sowie universitäre Praktikumsbeauftragte“ betreut (www.uni-frankfurt.de/63262172/20_Praxissemester; 09.07.2018).
In Bayern wird ebenfalls ein möglichst vor Beginn des Studiums abzuleistendes Orientierungspraktikum an verschiedenen Schularten verlangt. Festgelegt sind außerdem ein achtwöchiges Betriebspraktikum, ein pädagogisch-didaktisches Schulpraktikum von ca. 150–160 Unterrichtsstunden und schließlich in einer mit der Universität eng kooperierenden Schule das studienbegleitende fachdidaktische Praktikum in einem der Studienfächer. Entscheiden sich die Studierenden für das studienbegleitende Praktikum im Fach Italienisch, hospitieren sie einmal pro Woche in Italienischstunden an der Praktikumsschule, um so für den Italienischunterricht geeignete methodische Verfahren und Kriterien für Aufbau und Durchführung einer gelungenen Unterrichtsstunde kennen zu lernen. Die Studierenden setzen die Erfahrungen in eigenen Lehrversuchen um, werden auf diese Weise für Anforderungen des zukünftigen Berufs sensibilisiert und können ihre Entscheidung für den Lehrberuf reflektieren.
Die Eignung zum Lehrberuf lässt sich unabhängig von den Erfahrungen, die während der Praktika gemacht werden, überprüfen. Dazu bieten verschiedene Universitäten im Netz Tests und Beratung an (z.B. www.self.mzl.lmu.de/; www.zlb.uni-freiburg.de/derlehrerberuf; jeweils 09.07.2018).
Erforschung des BerufsfeldsDie Arbeitsbedingungen von Lehrkräften für romanische Sprachen – (noch) nicht jedoch für das Italienische – werden derzeit zunehmend durch empirische Studien wissenschaftlich erforscht (z.B. Caspari 2001; Valadez Vazquez 2014). Die Auswertung von Fragebögen und Unterrichts- oder Gesprächsprotokollen gewährt Einblicke in Berufsbiographien, Vorstellungen von Unterricht, Rollenidentifikation, berufliche Überzeugungen und Selbstbilder. Die gewonnenen Erkenntnisse helfen, die Herausforderungen des Lehrberufs zu meistern und den eigenen Unterricht zu verbessern.
Anforderungen an Lehrkräfte Wie Lehrkräfte anderer Fächer auch, müssen Italienischlehrerinnen und -lehrer in Bezug auf Unterrichtsinhalte und -gestaltung bestimmten Kompetenzstandards genügen. Diese betreffen das Unterrichten, das Erziehen, das Beurteilen / Diagnostizieren und Innovieren (vgl. KMK 2004a; Kelly et al. 2004, 4). Von den Lehrkräften werden beispielsweise in Bayern u.a. erwartet: die „Fähigkeit zur theoriegeleiteten fachdidaktischen Reflexion, fachbezogene und schulformadäquate Vermittlungskompetenz, fachbezogene Diagnose- und Beurteilungskompetenz sowie die Fähigkeit, Schule weiter zu entwickeln; Sprachlerntheorien und individuelle Voraussetzungen des Spracherwerbs; Didaktik und Methodik des kommunikativen Fremdsprachenunterrichts sowie Sprachbewusstheit und Mehrsprachigkeit; Leistungsmessung und Umgang mit Fehlern; interkulturelles Lernen; Literatur- und Lesedidaktik; Medienkompetenz.“ (KWMBI 2009).
Für Nordrhein-Westfalen werden sechs „den Lehrerberuf kennzeichnende[n] Handlungsfelder[n]“ konkretisiert:
1 Unterricht gestalten und Lernprozesse nachhaltig anlegen.
2 Den Erziehungsauftrag in Schule und Unterricht wahrnehmen.
3 Leistungen herausfordern, erfassen, rückmelden, dokumentieren und beurteilen.
4 Schülerinnen und Schüler und Eltern beraten.
5 Vielfalt als Herausforderung annehmen und Chancen nutzen.
6 Im System Schule mit allen Beteiligten entwicklungsorientiert zusammenarbeiten.
(https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_vbl_show_pdf?p_id=15940; 09.07.2018; vgl. auch ausführlicher www.schulministerium.nrw.de/docs/LehrkraftNRW/Vorbereitungsdienst/Kerncurriculum.pdf; 09.07.2018).
Fachliche Kompetenzen sind neben unterrichtsmethodischen Wissensbeständen, der Befähigung zu einem adäquaten Zeitmanagement, zu Selbstorganisation, zu Selbstbeobachtung und Objektivität Voraussetzung für eine optimale Unterrichtsgestaltung. Grundlagen legen Studium und Vorbereitungsdienst, doch auch danach müssen Italienischlehrkräfte sie im Berufsleben ständig auffrischen und erweitern (vgl. auch www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Standards-Lehrerbildung.pdf; www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Standards_Lehrerbildung-Bericht_der_AG.pdf; 24.12.2018).
3.2 | Unterrichtsqualität und Beobachtungskompetenz
UnterrichtsvorbereitungInsbesondere Berufsanfänger haben oft Schwierigkeiten, die in universitären fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen vermittelte Theorie in die Unterrichtspraxis umzusetzen. Auch wenn im studienbegleitenden Praktikum Vorarbeit geleistet wird, stellt die regelmäßige Planung von Unterrichtsstunden die Berufseinsteiger vor Herausforderungen, die sie nahezu täglich bewältigen müssen. Obwohl Angebote zur Supervision helfen, mit punktuellen oder auch längerfristigen Schwierigkeiten zurecht zu kommen, müssen Neueinsteiger grundsätzliche Aspekte beachten.
Um die klare Struktur von logisch aufeinander aufbauenden Unterrichtsphasen zu gewährleisten, empfiehlt sich die genaue Konzeption der einzelnen Stundenphasen (vgl. z.B. S. 196f.) sowie von Partner- bzw. Gruppenarbeitsaufträgen und Hausaufgabenstellung. Die oftmals zeitaufwendige Detailplanung und die schriftliche Niederlegung von Unterrichtsentwürfen für Einzel- oder Doppelstunden, das Notieren von präzisen, variierenden fremdsprachlichen Frageformulierungen helfen über Unsicherheiten in den ersten Unterrichtsstunden hinweg. Außerdem stellt die gründliche sprachliche Vorbereitung einer Schulstunde sicher, dass der Unterricht im Wesentlichen einsprachig abläuft und nur in begründeten Fällen – beispielsweise bei der Sprachreflexion oder um Missverständnissen vorzubeugen – auf das Deutsche zurückgegriffen wird (vgl. Einheit 6). Überlegungen zum Unterrichtsmanagement betreffen nicht nur das ausgewogene Verhältnis der Sequenzen, die den einzelnen Fertigkeiten zugedacht sind, sondern auch die Tatsache, dass die Redeanteile der Lehrkraft immer zugunsten der Sprachverwendung durch die Schülerinnen und Schüler zurücktreten sollen. Praktische Erwägungen zum Entwurf des Tafelbilds, der Gestaltung des Klassenzimmers (z.B. durch Poster oder Landkarten), der Sitzordnung z.B. bei Gruppenarbeitsphasen sind für den reibungslosen Ablauf eines kommunikativen Unterrichts mit entscheidend. Auch die Überprüfung der Funktionsfähigkeit der technischen Medien, die eingesetzt werden sollen (z.B. Beamer, interaktives Whiteboard), erspart unliebsame Überraschungen und Zeitverlust. Empfehlenswert ist u.a. auch, die Schriftgröße für Folien, die mit dem Computer erstellt wurden, oder von Power-Point-Präsentationen daraufhin zu testen, ob die Schülerinnen und Schüler in den rückwärtigen Bankreihen sie noch gut lesen können.
Eine durchdachte Unterrichtsplanung bezieht sich nicht nur auf Überlegungen zu Handlungs- und Schülerorientierung, sondern auch auf den Umgang mit dem Lehrwerk, das dem Unterricht zugrunde liegt. Sinnvolle Ergänzungen durch authentische Materialien, die aktuelle Themen behandeln, erhöhen die Lernbereitschaft der Schülerinnen und Schüler genauso wie die Abwechslung beim Medieneinsatz und ein überlegtes Verhältnis der Schulung der verschiedenen Kompetenzen. Parallel zur inhaltlichen Planung verläuft die Entscheidung über die Sozialformen, die dabei helfen sollen, das Stundenziel optimal zu erreichen.
Checkliste für die Planung einer Italienischstunde
Festlegung der Lernziele, die die Planung der Stunde steuern und am Stundenende überprüfen lassen, ob das Stundenziel erreicht wurde.
Überlegungen zur Phaseneinteilung und zu den Inhalten der einzelnen Phasen.
Einstimmung der Schülerinnen und Schüler durch einen visuellen oder akustischen Impuls, der ihr Vorwissen und ihre Lebenswelt berücksichtigt.
Altersangemessene Präsentation des neuen Stoffes mit zielführenden Fragen bzw. Impulsen, kleinschrittigem Vorgehen und (schriftlicher) Sicherung der Teilergebnisse.
Festigung des neuen Stoffes in der Übungs- und Vertiefungsphase.
Übertragung mit konkretem Anwendungsbezug in der Transferphase in einen anderen Bereich (z.B. fächerübergreifend).
Stellung der Hausaufgabe, die sich konsequent aus dem Unterricht ergeben muss.
(vgl. auch Beobachtungsbogen S. 40-42)
Herausforderungen für den UnterrichtTechnische Neuerungen, gesellschaftliche Wandlungen und v.a. modifizierte unterrichtliche Schwerpunkte verändern immer wieder die Anforderungen, denen Lehrkräfte ausgesetzt sind. Im aktuellen Unterricht wird der ProzessorientierungProzessorientierung vermehrt Bedeutung zugemessen, die lehrerseitige Instruktion weicht der Interaktion zwischen Lehrkraft und Schüler, (Selbst-)Evaluationen ergänzen die externe Notengebung, so dass persönliche Lernentwicklungen akzentuiert und individuelle Perspektiven aufgezeigt werden. Nicht zuletzt ändert sich mit der Kompetenzorientierung die Konzeption der Unterrichtsstunden, da nun vom gewünschten Ergebnis ausgehend geplant werden soll (vgl. Einheit 2; 5).
Bedingungen für einen guten Italienischunterricht Essentielle Kriterien für einen effizienten, guten Italienischunterricht sind sachliche Korrektheit, nachvollziehbare Strukturierung, inhaltliche Klarheit, durchdachte Vorbereitung, schülerfreundliches und lernförderliches Klima, Methodenvielfalt sowie individuelles Fördern des Einzelnen in der Lerngruppe. Um die kommunikative Kompetenz der Lernenden zu begünstigen, ist das Üben der italienischen grammatischen und pragmatischen Strukturen in sinnvollen Kommunikationszusammenhängen ein zentraler Baustein. Transparente Leistungserwartungen geben den Schülerinnen und Schülern und auch der zur Bewertung verpflichteten Lehrkraft Sicherheit (vgl. u.a. Meyer 2004, 17f.).
Strukturierung / VariationIm Einzelnen bedeutet dies: Eine gut strukturierte Unterrichtsstunde gliedert sich in auch für Schülerinnen und Schüler nachvollziehbare, plausibel aufeinander aufbauende Phasen (Begrüßung, Motivationsphase, Präsentation und Erarbeitung des neuen Stoffes, Übungs- und Vertiefungsphase, Transferphase, Stellen der Hausaufgabe, Verabschiedung) mit genau formulierten Übungsaufträgen und Aufgaben, die sich schlüssig aus dem Unterricht ergeben. Um Eintönigkeit zu vermeiden, sind, an den Stoff der Stunde angepasst, variierende Arbeitsformen empfehlenswert.
Rahmenbedingungen / UnterrichtsklimaUnterricht wird zwar stark von den verwendeten Methoden und Sozialformen bestimmt, doch sind sog. Rahmenbedingungen wie beispielsweise Standort und (technische) Ausrüstung der Schule, Zusammensetzung und vorausgesetztes Weltwissen der Schülerschaft, Lehrerpersönlichkeiten, Einfluss der Elternschaft mitbestimmend. Diese Faktoren sind bei der Unterrichtsvorbereitung mit zu bedenken.
Wesentlich für den Lernerfolg ist ein Unterrichtsklima, das, ohne Angst oder Druck aufzubauen, von klaren Regeln bestimmt wird. Auch der Raum, in dem der Italienischunterricht stattfindet, trägt zu einem lernförderlichen Klima bei. Er muss mit ansprechenden Unterrichtsmaterialien und funktionsfähigen Medien ausgestattet sein, die einen schnellen Wechsel der Sozialformen ermöglichen.
individuelle FörderungIm modernen Italienischunterricht nimmt die Binnendifferenzierung einen bedeutenden Platz ein. Von der Vorstellung einer homogenen Schülerschaft mit gleichem Leistungsstand kann in der heutigen Zeit nicht mehr verlässlich ausgegangen werden. Stattdessen ist der Heterogenität der Lerngruppen in Bezug auf das jeweilige sprachliche Niveau und die (geschlechtsspezifischen) Interessen Rechnung zu tragen. Dazu sind Arbeitsaufträge und Aufgaben (vgl. Einheit 13) notwendig, die an die unterschiedlichen Fähigkeiten der einzelnen Schüler angepasst sind.
transparente LeistungserwartungenDie Leistungserwartungen im Italienischunterricht orientieren sich am im jeweiligen Bundesland gültigen Lehrplan und den bundesweit eingeführten Bildungsstandards. Die Kenntnis der zu erwartenden Inhalte und Aufgabenteile der LeistungserhebungenLeistungserhebung sind für die Schülerinnen und Schüler ein bedeutender Faktor bei der Planung ihres Lernens. Sie müssen außerdem über Anzahl und Gewichtung der mündlichen und schriftlichen Lernzielkontrollen genauso Bescheid wissen wie über Bewertungsmaßstäbe für jede Art von LeistungskontrolleLeistungskontrolle, um Schwerpunkte bei den Leistungserhebungen setzen zu können.
BeobachtungskompetenzWährend der Schulpraktika in der vorlesungsfreien Zeit und dem in den Semesterbetrieb eingegliederten studienbegleitenden Praktikum, aber auch während des Referendariats absolvieren die Studierenden zahlreiche HospitationsstundenHospitationsstunde. Die zukünftigen Lehrkräfte sollen sich über die Prozesse, die während des Italienischunterrichts ablaufen, klar werden. Bewährt haben sich dafür BeobachtungsbögenBeobachtungsbogen, die von dem einzelnen Hospitanten ausfüllt und dann zusammen mit der zuständigen Lehrkraft und den anderen Praktikanten ausgewertet werden. Die Schlussfolgerungen, die aus den Beobachtungen gezogen werden, fließen dann in die auf die Hospitationsphase folgenden eigenen Unterrichtsversuche ein.


Abb. 3.1
Muster eines Beobachtungsbogens
Zusammenfassung Den schwierigen Übergang von Theorie zu Praxis müssen alle zukünftigen Italienischlehrkräfte bewältigen. Die Festlegung des Stundenziels muss zu einer detaillierten inhaltlichen und sprachlichen Planung des Unterrichts führen, um den Anforderungen im Klassenzimmer gerecht zu werden. Die Reflexion über das eigene unterrichtliche Handeln ist zusammen mit z.B. Supervisionsangeboten ein Grundstein zur Verbesserung des Unterrichts.
Aufgaben
1 Erstellen Sie einen Entwurf für die Motivationsphase in einer Italienischstunde im zweiten Lernjahr zum Thema „Das italienische Schulsystem“.
2 Sammeln Sie italienische Redewendungen, die geeignet sind, eine Unterrichtsstunde in der Anfangsphase zu strukturieren.
Zum Weiterlesen
Fäcke, Christiane (Hrsg.) (2016):Selbständiges Lernen im lehrwerkbasierten Französischunterrichts. Stuttgart: ibidem; v.a. 57–105: Einstellungen von Französischlehrkräften zur Arbeit mit einem Lehrwerk und zum selbständigen Lernen.
Kretschmer, Horst / Stary, Joachim (2007):Schulpraktikum: Eine Orientierungshilfe zum Lernen und Lehren. Berlin: Cornelsen Scriptor: Sammlung von Hinweisen für Studierende mit dem Ziel ‚Lehramt’.
Ziebell, Barbara / Schmidjell, Annegret (2012):Unterrichtsbeobachtung und kollegiale Beratung. Stuttgart: Langenscheidt bei Klett: Anregungen und Tipps für Studierende und Berufsanfänger zur Konzeption von Unterrichtsstunden.
4 | Methoden und Sozialformen
Überblick Das Kapitel befasst sich zunächst mit der Schwierigkeit, den Begriff ‚MethodeMethode‘ in Bezug auf den Fremdsprachenunterricht eindeutig zu fassen und stellt dann, beginnend im 19. Jahrhundert, die ‚großen‘ Methoden (Grammatik-Übersetzungs-Methode, Direkte Methode, Vermittelnde Methode, Audiolinguale Methode, Audiovisuelle Methode, kommunikative Didaktik) und Sozialformen des Fremdsprachenunterrichts (Frontalunterricht, Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit, Projektunterricht, Stationenlernen, Lernzirkel, Freiarbeit) vor. Abschließend werden einige aktuelle, sog. alternative Unterrichtsmodelle (Suggestopädie, Simulation (simulation globale), Total Physical Response, Lernen durch Lehren) erläutert.
4.1 | Definitionsprobleme
uneinheitliche Verwendung des Begriffs Der auf Unterricht allgemein und Fremdsprachenunterricht im Besonderen bezogene Begriff ‚Methoden‘ ist terminologisch nicht verbindlich gefasst. Noch über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus wurde eine klare Trennung von Didaktik und Methodik propagiert (z.B. Klafki 1971), wobei ‚Didaktik‘ die Inhalte, die Wissenschaft vom Lehren, Lernen und Lernprozessen sowie die Theorie und Wissenschaft vom Unterricht umfasste. Unter der nachgeordneten ‚Methodik‘ begriff man die Lehre von den verschiedenen Maßnahmen und Verfahren, um das Lernen lehrer- und lernerseitig vorzubereiten und auszuführen sowie Inhalte so zu vermitteln, dass sie jederzeit abrufbar sind und in kommunikativen Kontexten angewendet werden können.
Diese grundsätzliche Zweiteilung wird in der fachdidaktischen Literatur seit längerem genauso wenig eingehalten wie die strikte Trennung von ‚Methoden‘ (z.B. Audiolinguale Methode) und ‚Sozialformen‘ (z.B. Frontalunterricht). Um die Schwierigkeiten einer eindeutigen begrifflichen Festlegung zu umgehen, wird häufig auf den Begriff ‚Unterrichtsverfahren‘ zurückgegriffen.
Andere Differenzierungsvorschläge kommen beispielweise aus dem angelsächsischen Raum mit der Unterscheidung zwischen „approachapproach(theoretische Grundlagen), methodmethod(Unterrichtsprinzipien und -strategien) und techniquetechnique(spezifische Aktivitäten und Verfahren in der Unterrichtspraxis)“ (Stern 1983, 474).
Bewährt hat sich das Methodenmodell von Richards / Rodgers (1993) mit der Aufteilung in MakroebeneMakroebene, d.h. theoretische Annahmen mit Bezügen zu Sprachtheorie, Lernpsychologie und anderen Bezugswissenschaften, MesoebeneMesoebene, d.h. Unterrichtsziele und Organisation des didaktischen Felds mit Entscheidungen über Lernziele, Inhalte, Lehr- und Lernkonzepte, Lehr- und Lernmaterialien, Rolle der Lehrenden und Lernenden, und MikroebeneMikroebene, d.h. konkrete Unterrichtstechniken mit der Festlegung von Lehr- und Lerntechniken, Interaktionsmustern und Übungsformen (Richards / Rodgers 1993; zit. nach Reinfried 2001, 3; vgl. Abb. 4.1).
Abb. 4.1
Methodenmodell in Anlehnung an Richards & Rodgers 1986; 91993 (nach Reinfried 2001, 3)
Für den modernen Italienischunterricht empfiehlt sich eine weite Definition des Begriffs ‚Methoden‘, bei der alle Lehr- und Lernverfahren berücksichtigt werden, die helfen, das Hauptlernziel der kommunikativen Kompetenz zu realisieren und den Unterricht schülergerecht zu gestalten (post-method-Periode). Aktueller Fremdsprachenunterricht in Deutschland ist folglich von MethodenpluralismusMethodenpluralismus bestimmt, durch den ein offenes und variables Unterrichtsgeschehen gewährleistet ist. Es ist davon auszugehen, dass „in zentralen Punkten als gegensätzlich wahrgenommene Vermittlungsmethoden … parallel zueinander in Gebrauch sind“ (Doff 2016, 321).
4.2 | Die ‚großen‘ Methoden
Bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus war jeweils eine besonders favorisierte Methode dominant.
Grammatik-Übersetzungs-Methode Mindestens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts (zur Zeiteinteilung vgl. Nieweler et al. 2006, 43) orientiert sich der Unterricht in den lebenden Sprachen (zu dieser Zeit hauptsächlich Englisch und Französisch) an der im altsprachlichen Unterricht (Latein und Altgriechisch) verwendeten Grammatik-Übersetzungs-MethodeGrammatik-Übersetzungs-Methode. Vorherrschend ist ein auf dem Deutschen als Unterrichtssprache basierendes kognitives, die Schriftlichkeit in den Vordergrund stellendes Lehr- und Lernkonzept mit Frontalunterricht, dessen Ziel der korrekte Sprachgebrauch ist. Primäre Unterrichtsinhalte sind einerseits grammatische Regeln, die auf lateinischen Grammatikbegriffen fußen und deduktivdeduktiv (d.h. von den Regeln und deren Erläuterung zu Beispielsätzen; vgl. Einheit 8) eingeführt, von den Schülerinnen und Schülern auswendig gelernt und in Übungssätzen angewendet werden. Dazu kommen Wortschatzkenntnisse, die durch Übersetzungen vornehmlich klassischer literarischer Texte von der Zielsprache in die Muttersprache, teilweise auch von der Muttersprache in die Zielsprache abgeprüft werden.
ViëtorDie 1882 unter dem Pseudonym „Quousque tandem“ veröffentlichte Streitschrift Wilhelm ViëtorViëtor, Wilhelms „Der Sprachunterricht muß umkehren“ (vgl. Schröder 1984) leitet eine Neuorientierung der Sprachlehr- und -lernverfahren ein. Ausgehend von einer grundlegenden Kritik an der Grammatik-Übersetzungs-Methode fordert Viëtor
den Vorrang des Sprachkönnens vor dem Sprachwissen,
den Vorrang des Mündlichen vor dem Schriftlichen,
die Ausrichtung des Fremdsprachenunterrichts an Aspekten des alltäglichen Sprachgebrauchs,
die Einsprachigkeit des Unterrichts, d.h. die Ausklammerung der Muttersprache,
die Anschaulichkeit des Unterrichts und
induktives Lernen.
Direkte Methode Viëtors Vorschläge fließen in die sog. Direkte MethodeDirekte Methode ein, die dann mit Unterbrechungen über einen längeren Zeitraum Grundlage des Unterrichts ist (ca. 1880–1910, 1960–1980). Oberste Ziele sind Sprachkönnen und (mündliche) Kommunikation in der Fremdsprache, so dass die gesprochene Sprache, die durch Hören und Nachsprechen geschult und durch das Postulat der absoluten EinsprachigkeitEinsprachigkeit gestützt wird (vgl. Einheit 6), im Mittelpunkt steht. Ein kognitiver Zugang zur Sprache fehlt, Grammatik nimmt nur eine dienende Funktion ein, wird auf das Nötigste reduziert und durch induktiven Unterricht (d.h. von den Beispielsätzen zur Regel; vgl. Einheit 8) erarbeitet. Die Übersetzung entfällt, und auch Literatur verliert gegenüber praktischen, alltagsbezogenen Inhalten an Bedeutung.
Vermittelnde Methode Bei der bis in die 1950er Jahre verbreiteten Vermittelnden MethodeVermittelnde Methode stehen Kompromisse zwischen den methodischen Schwerpunkten im Vordergrund. Man orientiert sich inhaltlich am traditionellen Bildungskanon und misst grammatischem Regelwissen einen hohen Stellenwert zu. Grammatische Strukturen werden jedoch induktiv erarbeitet, so dass das selbstentdeckende Lernen der Schüler begünstigt wird. Außerdem fokussiert man praktische sprachliche Fertigkeiten, was zur Folge hat, dass der mündliche Sprachgebrauch anhand alltäglicher Sprechsituationen eingeübt wird. Auch bei der Vermittelnden Methode bleibt das Prinzip der Einsprachigkeit gewahrt. Ausgenommen ist die Klärung grammatischer und semantischer Fragen, bei der auch auf das Deutsche zurückgegriffen werden kann.
Audiolinguale Methode Das Grundprinzip der in den USA in den 1940er Jahren v.a. für die Ausbildung von US-Armee-Dolmetschern entwickelten, auf Hören und Sprechen ausgerichteten Intensivkurse wurde in Deutschland in den 1960er Jahre als Audiolinguale Methode in den schulischen Fremdsprachenunterricht übernommen.
Theoretische Grundlage ist zunächst der StrukturalismusStrukturalismus. Der Begründer des sprachwissenschaftlichen Strukturalismus Ferdinand de Saussure identifizierte in einer Sprache als Kommunikationsmittel „bestimmte[r] Regelmäßigkeiten, die das System oder die komplexe Struktur der Sprache bilden“ (Lewandowski 61994, 1106). Solche Strukturen werden mit der Audiolingualen MethodeAudiolinguale Methode intensiv eingeübt, und zwar auf der Basis der für das Sprachenlernen adaptierten Experimente Skinners zur Verhaltensänderung (Skinner 1957). Den Ergebnissen dieser lernpsychologischen Untersuchungen folgend werden die Lernenden beständig mit patterns, die sie imitieren und wiederholen müssen, konfrontiert (pattern drillspattern drills). Das durch Impulse und Wiederholungen charakterisierte Lernen nach dem Reiz-Reaktions-SchemaReiz-Reaktions-Schema soll, ohne dass Strukturen oder grammatische Phänomene kognitiviert werden, zum automatisierten Gebrauch alltäglicher Kommunikationsfloskeln führen. In Sprachlaboren, in denen mit Tonbändern und Kopfhörern als seinerzeit modernen technischen Medien gearbeitet wird, erhalten die Lernenden Anweisungen vornehmlich für Einsetz- oder Substitutionsübungen (vgl. Abb. 4.2). Einer starren Folge der Fertigkeiten Hören / Verstehen – Sprechen – Lesen – Schreiben verpflichtet, hat das Mündliche in dem absolut einsprachig ablaufenden Unterricht Vorrang. Auch heute werden hin und wieder speziell in der Anfangsphase des Fremdsprachenunterrichts Übungen, die für die Audiolinguale Methode typisch sind, eingesetzt, da die ständige Wiederholung das Memorieren begünstigt.
Abb. 4.2
Sörensen, Ingeborg (1973): Einführung in die italienische Sprache. Stuttgart: Klett, 45
Audiovisuelle Methode Verantwortlich für die Entwicklung der Audiovisuellen MethodeAudiovisuelle Methode (auch: méthodologie structuro-globale audio-visuelle; SGAV) ist im Wesentlichen das Centre de Recherche et d'Étude pour la Diffusion du Français (C.R.E.D.I.F.), das die Audiolinguale Methode in den späten 1960er Jahren so ausweitet, dass die Tonträger durch visuelle Medien (Folien, Dias) ergänzt werden. Wie die Audiolinguale hält auch die Audiovisuelle Methode an der strengen Phaseneinteilung und der absoluten Einsprachigkeit des Unterrichts fest. Der Stoff – ein an alltäglichen, konkreten Situationen orientierter Sprachgebrauch – wird hauptsächlich in Texten und Übungen gleichzeitig mittels Dialog und Bild präsentiert, wiederum ohne analytische Sprachbetrachtung und nachdrückliche Kognitivierung der Grammatik. Obwohl bei dieser Methode alle vier Fertigkeiten geschult werden, liegt der Akzent auf dem Gesprochenen. Typische Übungsformen sind auch hier Substitutions- und Einsetzübungen.
Kommunikative Didaktik In den 1970er Jahren ändern sich mit einer kritischen Haltung gegenüber der Audiolingualen bzw. Audiovisuellen Methode die Prinzipien und Zielsetzungen des Fremdsprachenunterrichts entscheidend. Auslöser ist die Wertigkeit, die Piepho der kommunikativen Kompetenzkommunikative Kompetenz zumisst, indem er sie als oberstes Ziel des Fremdsprachenunterrichts festlegt (Piepho 1974). In der Kommunikativen DidaktikKommunikative Didaktik wird Sprechen als pragmatischer Akt verstanden, mit dem man einen bestimmten Zweck verfolgt (vgl. Sprechakttheorie; Austin 1962; Searle 1969). Konsequent konzentriert man sich im Unterricht auf die Vermittlung und Einübung von Sprechabsichten (z.B. sich begrüßen, sich vorstellen, von sich erzählen, an jemanden appellieren, Wünsche ausdrücken) mit dem Ziel der flüssigen Anwendung der Sprache. Die für die Audiolinguale und Audiovisuelle Methode typische starre Abfolge der Unterrichtsphasen wird aufgegeben, Aufgaben und Sozialformen werden differenziert und dem Unterrichtsgegenstand angepasst variabel eingesetzt. Verwendung finden v.a. Materialien, die das Versprachlichen von Sprechabsichten erleichtern. Da der Unterricht auf die Lernenden und ihren Lernprozess ausgerichtet ist, stehen SchüleraktivierungSchüleraktivierung (z.B. durch Gruppenarbeit, Rollenspiele, induktive Verfahren), die Behandlung von Themen, die auf die Interessen der Lernenden abgestimmt sind, und für die Alltagskommunikation relevante Inhalte im Mittelpunkt. Die Darbietung der Grammatik, der eine der Verständigung untergeordnete Funktion zugewiesen wird, erfolgt ebenfalls in kommunikativen Kontexten. Schwerpunkte sind die Fertigkeiten Lesen, Hören und Verstehen von Sachtexten im weitesten Sinn (z.B. Annoncen, Briefe, Rezepte, Gebrauchsanweisungen, Zeitungsberichte), so dass die Literatur erneut zurückgedrängt wird. Zusätzlich ändert sich die Rolle der Lehrkraft vom Wissensvermittler hin zum Helfer beim Sprachenlernen. Neben den Interessen der Lernenden spielen Kommunikationsstrategien und Lernstrategien eine bedeutende Rolle. Generelles Ziel ist es, die Lernenden durch authentisches Material zum aktiven sprachlichen Handeln zu führen (zur weiteren Entwicklung methodischer Schwerpunkte, v.a. dem neokommunikativen Ansatz vgl. Einheit 12).
4.3 | Sozialformen
In den beschriebenen Methoden kommen jeweils verschiedene Sozialformen zur Anwendung.
Frontalunterricht FrontalunterrichtFrontalunterricht bezeichnet ein durch Lehrervortrag, Erklärungen und eine lehrergesteuerte Frage-Antwort-Interaktion charakterisiertes Unterrichtsformat, das zunächst eng mit der Grammatik-Übersetzungs-Methode verbunden ist, aber auch heute noch relativ häufig eingesetzt wird, obwohl es den Schülerinnen und Schülern wenig Gelegenheit zum selbständigen Sprachhandeln in der Fremdsprache gibt. Auch für Maßnahmen, die gezielt auf das individuelle Leistungsniveau der Lernenden eingehen, lässt der Frontalunterricht in den seltensten Fällen Raum, so dass die Motivation zum Agieren in der Fremdsprache eingeschränkt wird.
Befürworter des Frontalunterrichts machen geltend, dass er effektiv und zeitsparend ist und sich außerdem für die Darbietung und Einübung bestimmter sprachlicher Inhalte wie z.B. Aussprache und Intonation besonders gut eignet. Unterstützt werden die Verfechter des Frontalunterrichts dadurch, dass oftmals äußere Bedingungen (keine ausreichende mediale Ausstattung, kleine Räume u.Ä.), aber auch viele der derzeit verfügbaren Lehrwerke durch ihre Grundkonzeption (vgl. Einheit 5) das frontale Unterrichten begünstigen.
Die völlige Abwendung vom Frontalunterricht fordern nachdrücklich die Vertreter des KonstruktivismusKonstruktivismus. Auch die kommunikative Didaktik und das neokommunikative Paradigmaneokommunikatives Paradigma, in dem Handlungs- und Schülerorientierung eine vorrangige Rolle einnehmen (vgl. Einheit 12), treten für eine Abkehr vom Frontalunterricht ein. Im auf die Praxis des institutionellen Sprachunterrichts bezogenen didaktischen Diskurs plädiert man allerdings für einen Kompromiss, d.h. für gut geplante und zeitlich begrenzte Phasen von Frontalunterricht, die, um den Sprechanteil der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen, dialogisch aufgebaut sind.
Einzelarbeit, Partner- und GruppenarbeitBei der EinzelarbeitEinzelarbeit spielt Mündlichkeit kaum eine Rolle. Mehrheitlich als Stillarbeit angelegt – z.B. als Hausaufgabe – ermöglicht sie dem Lernenden, in individuellem Tempo konzentriert die gestellte Aufgabe zu lösen. So wird ihm keine Sozialkompetenz abverlangt, die wiederum für Partner- und Gruppenarbeitsphasen bedeutsam ist. Während bei der Partnerarbeit zwei Lernende oft auf Tandembögen konzipierte Aufgaben zusammen lösen, variiert die Anzahl der Schülerinnen und Schüler bei einer GruppenarbeitGruppenarbeit. Solche Phasen von Teamarbeit sind inzwischen regelmäßiger Bestandteil des Fremdsprachenunterrichts, u.a. weil moderne Lehrwerke fast generell einige entsprechende Übungs- und Aufgabenformen enthalten (vgl. Symbole und Arbeitsaufträge beispielsweise in Schmiel / Stöckle (2012), 66: Che cosa si fa … Fate quattro gruppi. Chi trova più frasi? …).
Von der Lehrkraft müssen Gruppenarbeitsphasen genau geplant und vorbereitet werden, z.B. hinsichtlich der zeitlichen Vorgaben, der Gruppenzusammensetzung und der Arbeitsanweisungen (ein identischer Auftrag für alle Gruppen oder verschiedene Aufträge für die Gruppen). Positive Auswirkungen der Partner- und Gruppenarbeit sind Motivation durch Selbsttätigkeit, die Gelegenheit zum Gebrauch der Fremdsprache als Arbeitssprache in natürlichen Kommunikationssituationen und die bessere Merkfähigkeit des selbständig Erarbeiteten. Gruppenarbeit trägt außerdem zur BinnendifferenzierungBinnendifferenzierung bei (vgl. Einheit 13), wenn die Leistung des einzelnen Lernenden in der Gruppe durch die Aufgabenstellung berücksichtigt wird. Die Gruppenzusammensetzung kann leistungshomogen (annähernd gleiches Kompetenzniveau in einer Gruppe) oder leistungsheterogen (Unterstützung der leistungsschwächeren durch stärkere Lernende) gestaltet werden. Im Idealfall befähigt die Gruppenarbeit die Schülerinnen und Schüler dazu, unter freier Wahl der Methoden und Materialien eine Aufgabe autonom zu bewältigen. Die Lehrkraft beschränkt sich während der Arbeitsphase auf die Rolle des Beobachters, Beraters und Ansprechpartners bei Fragen. Damit die Schülerinnen und Schüler die Arbeit ernst nehmen, muss jede Gruppe am Ende der vorgegebenen Arbeitszeit ihr Ergebnis präsentieren und der Diskussion aussetzen können.
Folgende Ausformungen von Einzel-, Partner- und Gruppenarbeitsphasen sind denkbar:
Freiarbeit FreiarbeitFreiarbeit begünstigt als Einzelarbeit die Individualisierung des Lernens und binnendifferenzierende Maßnahmen (vgl. Einheit 13). Die Lernenden erhalten von der Lehrkraft Angebote an Unterlagen für die individuelle Wiederholung bzw. Erarbeitung eines Stoffgebietes und müssen selbständig das Gebiet auswählen, zu dem sie besonderen Übungsbedarf haben. Freiarbeit setzt also einen Lernenden voraus, der sich seiner eigenen Stärken und Schwächen bewusst ist und seine Sprachkompetenz verbessern möchte. Da in den Materialien Lösungen zur Eigenkontrolle vorhanden sein müssen, ist zudem die Disziplin notwendig, die Lösungen erst nach der Erledigung der Übung oder Aufgabe einzusehen.
Projektarbeit Eine vertiefte Verarbeitung des Stoffes und eine hohe Behaltenseffizienz verspricht die themenzentrierte, offene Unterrichtsform der ProjektarbeitProjektarbeit, die sich normalerweise über einen längeren Zeitraum – meist mehrere Unterrichtsstunden – in Form von Gruppenarbeit erstreckt. Sie fordert Handlungs- und Prozessorientierung und stärkt die Selbstverantwortung der Lernenden, v.a. wenn diese ausdrücklich in die Vorbereitung einbezogen werden, um so ihre Interessen einzubringen. Das Potenzial des Verfahrens liegt in der Verbesserung der Recherchekompetenz, der möglichen Berücksichtigung unterschiedlicher Lernertypen, in motivationsfördernden Aufgaben auf der Basis vornehmlich authentischen Textmaterials und im Gebrauch der Fremdsprache als Arbeitssprache. Soziales Lernen und die Entwicklung der Fähigkeit, Ergebnisse komprimiert und anschaulich zu präsentieren, sind zusätzliche bedeutende Bausteine für die nachschulische Lebenswelt der Jugendlichen.
Am Beginn der Projektarbeit stehen Planung und Themenfindung. Überlegungen zum bereits vorhandenen Wissen und zu weiteren benötigten Informationen folgen. Danach erstellen die Schülerinnen und Schüler, meist in Kooperation mit der Lehrkraft, einen Projektentwurf und beraten über die erforderliche Zeit sowie die notwendigen Materialien. Das Produkt wird dann in Gruppen erarbeitet und nach Fertigstellung vor der ganzen Klasse, eventuell auch der Schulgemeinschaft präsentiert. Abschließend wird der Arbeitsprozess reflektiert (z.B. in Bezug auf die erreichten Ziele, auf Art und Umfang der Kooperation in der Gruppe, auf den Bedarf an Nachbesserungen).
Unterrichtspraktisch ergeben sich Probleme aus den vielfach nur 45 Minuten dauernden Schulstunden, die für das Fach Italienisch vorgesehen sind. Die normalerweise längere Dauer von Projektarbeitsphasen ist damit nur schwer in Einklang zu bringen. Außerdem sehen einige Lehrkräfte Schwierigkeiten beim konsequenten Abarbeiten des von Lehrplan und Lehrwerken vorgegebenen Stoffes durch die Projektarbeit.
Stationenlernen, Lernzirkel Beim StationenlernenStationenlernen, auch LernzirkelLernzirkel genannt, bereitet die Lehrkraft unterschiedliche Arbeitsaufträge zu einem übergeordneten Thema vor (z.B. zu Il Risorgimento: situazione in Italia prima del Risorgimento, tappe storiche, personaggi importanti, effetti, il Risorgimento nella letteratura usw.). Die Arbeitsblätter und benötigten Materialen zu den einzelnen Lernstationen (z.B. CD-Spieler, Folien, Folienstifte, Wörterbücher, Textgrundlagen in Kopien) stehen auf einer ‚Lerntheke‘ im Klassenraum zur Verfügung. Die Aufgabenblätter müssen von den Lernenden allein oder in Kleingruppen bearbeitet werden, und zwar gemäß einer auf einem Laufzettel festgelegten Reihenfolge, die sicherstellt, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig an einer Station tätig sind. Daraus folgt, dass die Konzeption der Arbeitsaufträge eine variierende Abfolge ermöglichen muss. Wie die Projektarbeit auch, entspricht das Verfahren Grundsätzen des modernen Fremdsprachenunterrichts, denn es ist handlungsorientiert und erlaubt je nach Aufgabenstellung und verfügbarem Material einen ganzheitlichen Zugang zum Thema über verschiedene Sinneskanäle (Gehör, Geschmack, Tastsinn usw.).
Weitere offene, schülerzentrierte Unterrichtsformen sind z.B. (vgl. Klink / Schattschneider 2007):
Ein-Minuten-VortragDer Ein-Minuten-VortragEin-Minuten-Vortrag, bei dem zu einem vorbereiteten Thema ein Kurzvortrag in einer Minute gehalten wird. Begonnen wird mit dem Vorstellen des Themas und des Ablaufs des Vortrags. Es folgen die Darlegung der Teilaspekte und als Abschluss ein knappes Fazit. Der freie oder stichwortgestützte Vortrag muss in zuhörerfreundlicher Form präsentiert werden.
ExpertenpuzzleDas sog. ExpertenpuzzleExpertenpuzzle, eine Sonderform der Gruppenarbeit, ist in drei Phasen konzipiert. In Phase eins bearbeiten Gruppen mit jeweils gleich vielen Mitgliedern einen Text zu einem Thema. In Phase zwei formieren sich die Gruppen neu. Ein Mitglied aus den Gruppen der ersten Phase erklärt den neu hinzugekommenen Gruppenmitgliedern den Text, der in der ersten Phase bearbeitet wurde. In Phase drei werden die Informationen im Plenum verarbeitet.
RollendiskussionAuch die RollendiskussionRollendiskussion / TalkshowTalkshow, bei der ein kontroverses Thema in einer Runde diskutiert wird, ist als Gruppenarbeit angelegt. Nachdem festgelegt wurde, welche Standpunkte in der Diskussion verteidigt werden sollen und welchen Personentypen sie zugeordnet werden, werden die Mitglieder der Lerngruppe ausgewählt, die sie verkörpern sollen. Jede an der Diskussion beteiligte Person macht sich stichwortartige Notizen zur Rollenfüllung. Ein Gruppenmitglied übernimmt die Rolle des Moderators. Die Talkshow wird in Kleingruppen geübt, im Plenum präsentiert und abschließend evaluiert.
FeatureDas FeatureFeature basiert ebenfalls auf der Gruppenarbeit. Mündliche Beiträge zu einem Thema in Form verschiedener Textsorten (z.B. Faktenlage, Hintergrunderläuterung, Kommentar) werden verfasst, so dass das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt wird. Das Feature wird auf einem Tonträger aufgenommen, so dass die Lerngruppe abschließend über ein fertiges Produkt verfügt.
4.4 | Alternative Unterrichtsformen
Hauptsächlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden mehrheitlich auf (lern-)psychologischen Erkenntnissen basierend alternative Unterrichtsformenalternative Unterrichtsformen, die zum Ziel haben, die Lehrerzentrierung des Unterrichts aufzubrechen. Inwieweit sie in die Unterrichtsgestaltung einfließen, hängt von ihrer Eignung für den jeweiligen Unterrichtsstoff und insbesondere von der Bereitschaft der Lehrkraft ab, sie anzuwenden.
Suggestopädie Neurophysiologische Erkenntnisse sind Ausgangspunkt für das von dem bulgarischen Psychologen Georgi Lozanov in den 1960er Jahren entwickelte Verfahren der SuggestopädieSuggestopädie. Das Einbeziehen von Hören, Gestik und Mimik, von Entspannungsphasen, die von Musik begleitet werden, und eine möglichst ansprechende Lernumgebung sollen ein schnelleres, erfolgreiches Lernen fördern.
Eine suggestopädische Lerneinheit folgt einem gleichbleibenden Schema: Nach der Einführung in das neue Thema und der Darbietung der neuen Vokabeln und des (Lektions-)Textes mit Übersetzung in die Muttersprache beginnt das sog. aktive LernkonzertLernkonzert. Die Lehrkraft rezitiert den fremdsprachlichen neuen Text passend zu Rhythmus und Lautstärke der im Hintergrund abgespielten klassischen Musik (befürwortet werden für den ersten Durchgang Mozart oder Beethoven). Die Schülerinnen und Schüler lesen mit. Während des anschließenden passiven Lernkonzerts – der Lehrer liest den Text, diesmal vorzugsweise von Barockmusik untermalt, noch einmal vor – hören die Schülerinnen und Schüler mit geschlossenen Augen zu. Durch das Mitlesen und die Musik werden beide Gehirnhälften aktiviert, was zu einer Erhöhung des Lerneffekts führt (vgl. Baur 1990; Schiffler 2012).
Simulation In den 1970er Jahren entwickelten Francis Debyser und Jean-Marc Caré das handlungsorientierte Unterrichtskonzept der simulation globalesimulation globale(Caré / Debyser 1995). Es verlangt von den Lernenden Kreativität, denn sie sollen für einen vorgegebenen Rahmen (z.B. ein Wohnhaus; vgl. Debyser 1996) in der Fremdsprache Szenarien für dessen Ausstattung, für Personen, deren Beziehungen und Handlungen entwerfen und in Rollenspielen umsetzen. Die Lehrkraft agiert als eine Art Regisseur, der Erklärungen zu Grammatik und Vokabular sowie strukturierende Impulse gibt.
Eine ähnliche Richtung schlägt Bernard Dufeu mit der psychodramaturgie linguistiquepsychodramaturgie linguistique ein, einer Kombination aus Psychodrama und Dramaturgie, bei der die Fremdsprache über das dramatische Spiel erworben wird (vgl. www.psychodramaturgie.de, 20.06.2018). Den bei der Konzeption fehlenden Wortschatz liefert der Lehrer.
Total Physical Response Das Verfahren Total Physical ResponseTotal Physical Response (vgl. Asher 1966, 1969) beruht hauptsächlich auf Anweisungs- und Handlungssequenzen mit körperlichen Reaktionen (z.B. alzati, apri la finestra, prendi la penna, prendi il quaderno usw.) und ist deshalb nur für ausgewählte Inhalte des Fremdsprachenunterrichts geeignet. Der Lehrer gibt durch Gestik und Mimik unterstützte Instruktionen in der Fremdsprache, wobei die Schülerinnen und Schüler zunächst nur zuschauen und zuhören. In einem zweiten Schritt machen sie die Bewegung mit. Dann gibt der Lehrer den Befehl ohne Bewegung, die jetzt nur die Schülerinnen und Schüler ausführen. Erst in einer weiteren Sequenz, also recht spät, sprechen sie den Befehl nach. Prinzipiell wird der Methode durch die Verbindung von sprachlichem Input und Bewegung hohe Effektivität bei der Behaltensleistung zugeschrieben.
Lernen durch Lehren (LdL) Der Französischdidaktiker Jean-Pol Martin (Martin 1994; www.ldl.de/Material/Publikationen/aufsatz2000.pdf; 26.06.2018) entwickelte Anfang der 1980er Jahre das Konzept des Lernens durch Lehren (LdL),Lernen durch Lehren (LdL) bei dem meist kleinere Schülergruppen vom Lehrer vorgegebene Teilbereiche des Lernstoffes für Unterrichtsphasen von ca. 20 Minuten aufbereiten und die Inhalte ihren Mitschülern vermitteln, die durch abwechselnde Sozialformen aktiv eingebunden werden sollen. Hauptsächlich in der Vorbereitungsphase gibt die Lehrkraft Impulse und Ratschläge, in der Unterrichtsstunde selbst bleibt sie in der Rolle des Beobachters und greift nur ein, wenn Unklarheiten bestehen oder das Lernziel nicht erreicht wird. Positiv wirkt sich aus, dass die als Lehrer agierenden Schülerinnen und Schüler fachliches Wissen sowie Methodenkompetenz und SchlüsselkompetenzenSchlüsselkompetenzen (z.B. Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Fähigkeit zur Beschaffung und (Re-)Organisation von Informationen) erwerben, dass sie einen beträchtlichen Redeanteil im Unterricht erhalten und dass die Inhalte aus der Perspektive der Lernenden behandelt werden. Andererseits ändert sich für die Schülerinnen und Schüler, die nicht die Rolle des Lehrers übernehmen, wenig, denn die Unterrichtsphasen verlaufen in der Regel lehrkraftzentriert.
Wegen des hohen Maßes an Handlungsorientierung und der Aktivierung der jeweils agierenden Schülergruppe wird dieses Verfahren von vielen Lehrkräften geschätzt. Außerdem kann man von einer geringeren Hemmschwelle der Lernenden ausgehen, bei den Mitschülern nachzufragen und um Erklärungen zu bitten.
Zusammenfassung Der moderne Italienischunterricht ist durch vielfältige Methoden, Sozialformen und Verfahren geprägt. Vorrangig empfehlen sich schüleraktivierende, aber abhängig von Thema und Lernziel auch zeitlich begrenzte lehrergeleitete kognitive Phasen. Wichtiger als die sprachliche Korrektheit ist die Angemessenheit der Kommunikation.
Aufgaben
1 Welche Leistungen und Grenzen haben Übungen wie in Abb. 4.2 im modernen Italienischunterricht?
2 Für welches Lernjahr und für welche Themen bzw. Inhalte eignet sich frontaler Italienischunterricht? Begründen Sie Ihre Einschätzung.
3 Wägen Sie Vor- und Nachteile alternativer Methoden für den modernen Italienischunterricht ab.
Zum Weiterlesen
Burwitz-Melzer, Eva et al. (Hrsg.) (2016):Handbuch Fremdsprachenunterricht. 6., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen: A. Francke; dort: Kap. 66; 67; 70–75: Allgemeiner Überblick über methodische Prinzipien und Verfahren im Fremdsprachenunterricht.
Decke-Cornill, Helene / Küster, Lutz (32015):Fremdsprachendidaktik. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen: Narr; dort: Kapitel 6: Zusammenstellung von Methoden und Sozialformen im Fremdsprachenunterricht.
Hallet, Wolfgang / Königs, Frank. G. (Hrsg.) (2010):Handbuch Fremdsprachendidaktik. Seelze-Velber: Klett Kallmeyer; dort: Kap. V: Überblick über Methoden und Sozialformen im Fremdsprachenunterricht mit Schwerpunkt auf Englisch und Französisch.
Meyer, Hilbert / Meyer, Meinert A. (1997):Lob des Frontalunterrichts. Argumente und Anregungen.Lernmethoden. Lehrmethoden. Friedrich Jahresheft XV, 34–38. (www.uni-potsdam.de/fileadmin/projects/erziehungswissenschaft/documents/studium/Textboerse/pdf-Dateien/meyer_meyer_frontalunterricht.pdf; 26.06.2018): Allgemeindidaktische Hinweise zu Einsatzmöglichkeiten des Frontalunterrichts.
Minuth, Christian (2012):Fremdsprachenlernen in Projekten. Entdecken, kommunizieren, verstehen, gestalten. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt: Auf das Fach Französisch bezogene Vorschläge für Projektunterricht.
Schlemminger, Gérald (Hrsg.) (2006):La pédagogie Freinet en classe de langue vivante. 2e édition, revue et augmentée. Nantes: Éd. I.C.E.M. (www.ph-karlsruhe.de/fileadmin/user_upload/dozenten/schlemminger/publications/PF_et_Langues_Edition_ICEM.pdf; 26.06.2018): Anregungen für einen der Freinet-Pädagogie verpflichteten Französischunterricht.
5 | Medien, Lehrwerke und Aufgabenorientierung
Überblick Das Kapitel erläutert die Funktionen von im Italienischunterricht relevanten Medien. Neben auditiven, visuellen und internetbasierten Hilfsmitteln stehen insbesondere Lehrwerke im Fokus, da sie im Allgemeinen über einen längeren Zeitraum hinweg Basis des Italienischunterrichts sind. Die Einheit setzt sich zudem mit der Forderung nach Aufgabenorientierung (vgl. auch Einheit 2) und ihrer Umsetzung in Lehrwerken auseinander.
5.1 | Medien im Italienischunterricht
Definition von MedienIm fremdsprachenunterrichtlichen Kontext bezeichnet der Begriff ‚MedienMedien‘ Hilfsmittel, die didaktisch begründet im Unterricht zur Unterstützung von Lehr-Lern-Prozessen und zur Veranschaulichung von sprachlichen sowie landeskundlichen Inhalten eingesetzt werden. Diese Hilfsmittel können rein auditiv, visuell oder schriftlich sein, werden aber vielfach in Mischformen, z.B. in der Kombination von auditiven und visuellen Texten, verwendet.
Medientypologie Die Kategorisierung von Medien erfolgt nach unterschiedlichen Aspekten. Gebräuchlich ist die Einteilung in personale und nicht personale, in Primär-, Sekundär-, Tertiär- und Quartärmedien wie Schreib- bzw. Druckmedien, in elektronische und digitale Medien (vgl. Faßler 1997) sowie in traditionelle, moderne und computergestützte bzw. auditive, visuelle, audiovisuelle und neue (digitale) Medien. Lehrkraft, Lehrbuch, Wandtafel und Bilder zählen zu den traditionellen Medien. Die heute nur noch sehr selten verwendeten Tonbänder, Kassettenrekorder, Videorekorder, aber auch der Overheadprojektor und CD-Player gehören in die Kategorie der vergleichsweise modernen Medien. Computergestützte bzw. internetbasierte Medien wie MP3-Player, DVD, Beamer oder Whiteboard haben inzwischen im gegenwärtigen Fremdsprachenunterricht große Bedeutung erlangt.
Funktion von MedienVorrangige Aufgabe der Medien ist es, die Lernenden bei der Aneignung der Fremdsprache in Wort und Schrift zu unterstützen. In den Anfängen des Fremdsprachenunterrichts geschah dies in erster Linie durch das personale Medium ‚Lehrkraft‘ und Lehrbücher. Spätestens mit dem von Johann Amos Comenius im Jahre 1658 für den Sprachunterricht veröffentlichten Werk „Orbis sensualium pictus“ sind Illustrationen wichtige Bestandteile von Sprachlehrbüchern. Bis heute helfen visuelle Medien in ihren verschiedenen Ausformungen (Bildtafel, Folien, Dias usw.) nicht nur bei der Semantisierung des fremdsprachlichen Vokabulars, sondern konkretisieren fremdkulturelle Inhalte, sind Anlass zur Sprachproduktion und erfüllen unbestritten eine mnemotechnische Funktion, z.B. bei der Visualisierung sprachlicher Phänomene (vgl. Abb. 5.1).
Durch auditive Medien machen die Lernenden Bekanntschaft mit den für die kommunikative Kompetenz wichtigen Aussprachevarianten, mit unterschiedlichen Sprechgeschwindigkeiten und mit prosodischen Besonderheiten. Die Leistungen audiovisueller Medien für den Fremdsprachenerwerb sind besonders zahlreich. Indem sie durch die Kombination von Ton und Bild die Möglichkeiten von auditiven und visuellen Medien bündeln und Informationen über mehrere Sinnesorgane an die Lernenden weitergeben, steigern sie unbestritten die Behaltensleistung.
Abb. 5.1
Visualisierung sprachlicher Phänomene (Schmiel / Stöckle 2003, 72), © C. C. Buchner Verlag, Bamberg.
Computergestützte Medien weiten die Aufgabenbereiche der traditionellen und modernen Medien aus. Allerdings werden sie in deutschen Schulen teils aus finanziellen, teils aus personalen Gründen (beispielsweise Zurückhaltung der Lehrkräfte) in unterschiedlichem Ausmaß verwendet. Durch das inzwischen verbindliche Digitalpaket wird die Nutzung elektronischer Medien im Unterricht sichtlich vorangetrieben werden. Der Einsatz des Computers im Unterricht erlaubt den schnellen Zugriff auf verschiedenartige Informationsquellen. Außerdem können Text, Ton, Stand- und Bewegtbild, virtuelle Realitäten, Simulationen, Animationen usw. beispielsweise in Power-Point-Präsentationen zu multimedialen Unterrichtsformen zusammengebracht werden, so dass das mehrkanalige, interaktive Lernen begünstigt wird (vgl. auch Perspektiven des Lehrwerks, S. 71). Der Fremdsprachenunterricht erfährt dadurch nicht nur eine Bereicherung durch anschauliche und oftmals authentische Texte, auch die Selbständigkeit der Lernenden und die Sprachlernmotivation werden nachhaltig gefördert.
Einsatz computerbasierter Medien Die aktuelle fremdsprachendidaktische Forschung beschäftigt sich intensiv mit dem Einsatz von computerbasierten Medien, der sich zum einen durch die Vorgaben von GeR und BildungsstandardsBildungsstandards legitimiert. Dort wird die Ausbildung von MedienkompetenzMedienkompetenz auch als Aufgabe des Sprachunterrichts bestimmt. Auch der Italienischunterricht ist gehalten, zu einem reflektierten, selbstbestimmten Gebrauch von Medien zu führen, zu dem z.B. die für manche Jugendlichen nicht selbstverständliche Beachtung des Urheberrechts bei der Nutzung von Rechercheergebnissen gehört.
Lerntheoretisch begründet sich die Verwendung digitaler Medien im Unterricht u.a. aus der Forderung nach Individualisierung des Lernens und nach Angeboten für die selbständige Wissenskonstruktion (vgl. Einheit 13). Weitere Argumente für ihren Einsatz sind die gewünschte Einbeziehung von Elementen aus der Lebenswelt der Jugendlichen und die gesellschaftliche Relevanz des kompetenten Umgangs mit Computern.
Internet Das World Wide WebWorld Wide Web bietet vielfältige Möglichkeiten, die in den Unterricht einfließen können. Multimedial verwertete Textmusik (vgl. Einheit 11), Podcasts sowie MP3-Downloads u.a. (Materialien z.B. unter www.wunderbar-italienisch.de/ohrenschmaus/14-podcasts.html; http://blog.italienisch-lernen-online.net/lernen/mp3/; jeweils 07.07.2018) erweitern den lehrwerkbasierten Unterricht. Lernhilfen beispielsweise in Form von Online-Wörterbüchern (PONS.eu; leo.org usw.) stehen den Schülerinnen und Schülern im Internet problemlos zur Verfügung. Links zur Informationsbeschaffung und das Modell der Webquests (vgl. Dodge 1995) fördern einen handlungs- und schülerorientierten Unterricht, da die Schülerinnen und Schüler selbständig recherchieren, Ergebnisse selektieren und sie dann in einem unterrichtsbezogenen Projekt auswerten müssen (z.B. Präsentation einer Region Italiens; wirtschaftliche und soziologische Konsequenzen des Nord-Süd-Gefälles; kulturelle oder sportliche Höhepunkte).
Der Webdienst Voki eröffnet Zugänge zu interaktiven Sprechaufgaben. Auch Twitter mit der Beschränkung auf 140 Unicode-Zeichen lässt sich in den Italienischunterricht in Form von kurzen Meinungsäußerungen u.Ä. integrieren. E-Mail-Projekte, Schulpartnerschaften (E-Twinning), Internetrallys, Chats oder Blogs haben inzwischen neben Lernsoftware und Tutorials ihren Platz im Unterricht gefunden.
Für Lehrkräfte stellen Bildungs- und Fachportale vielseitige Anregungen für die Arbeit im Unterricht bereit. Angebote für den Italienischunterricht gibt es z.B. unter www.digitale-schule-bayern.de; www.4teachers.de/?action=show&id=7224;https://lehrerfortbildung-bw.de/u_sprachlit/italienisch/gym/bp2004/; www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/sprachen-und-literatur/italienisch (jeweils 07.07.2018). Computerprogramme wie Hot-Potatoes, mit denen z.B. Lückentexte, Kreuzworträtsel, Wort-Puzzles, Zuordnungsübungen u.v.a.m. erstellt werden können, sind weitere, leicht zugängliche Hilfen für die Unterrichtsgestaltung.
E-Learning, Blended Learning, Edutainment Die Anzahl virtueller Lernangebote, sog. E-LearningE-Learning-Kurse, die unabhängig von Stundenplänen und Klassenzimmern am Computer genutzt werden können, wächst stetig. Für den Italienischunterricht stehen z.B. www.italienisch-online-lernen.de; www.mindpicnic.de/tag/italienisch; https://de.babbel.com/online-italienisch-lernen (jeweils 07.07.2018) zur Verfügung.
Flexibilität bei Lehrkräften und Lernenden erfordern das Blended LearningBlended Learning, bei dem zwischen solchen Plattformen und Präsenzunterricht gewechselt wird, und das sog. EdutainmentEdutainement, das Unterhaltung mit Bildung verbindet und durch Computer- /Videospiele oder Multimedia-Systeme Inhalte vermittelt.
ZusammenfassungMit digitalen Medien lernen die Schülerinnen und Schüler an ihre individuellen Lernbedürfnisse angepasst. Sie können eigenverantwortlich (sprachliche) Teilkompetenzen trainieren und erhalten leicht Zugang zu authentischen Materialien sowie zu Kooperations- und Kommunikationsmöglichkeiten über den Klassenraum hinaus. Weitere Vorteile für Sprachverwendung und kulturelle Inhalte ergeben sich aus dem impliziten Lernenimplizites Lernen, das sich beispielsweise bei Recherchen im Netz vollzieht. Voraussetzungen für die kompetente Nutzung v.a. von computerbasierten Medien sind, abgesehen von Verfügbarkeit und Funktionsfähigkeit, die technischen Fähigkeiten von Lernenden und Lehrkräften. Letztere müssen jede Art von Medieneinsatz außerdem didaktisch durch den Mehrwert für die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler begründen und reflektieren. Keinesfalls darf die Verwendung von Medien im Unterricht zum Selbstzweck werden.
5.2 | Lehrwerke im Italienischunterricht
Das Lehrwerk als Leitmedium des Unterrichts Das Medium LehrbuchLehrbuchSiehe Lehrwerk bzw. LehrwerkLehrwerk ist ein wesentlicher Faktor des gesteuerten Fremdsprachenlernens. In der Erwerbsphase des Fremdsprachenunterrichts hat es mit seiner zentralen Stellung eine den Unterricht stark modellierende Funktion, so dass es häufig als Leitmedium des Unterrichts bezeichnet wird. Inhaltlich spiegelt das Medium die zur Zeit seiner Erarbeitung gültigen amtliche Bestimmungen für den Unterricht. Es beeinflusst mit seiner Konzeption den Unterricht jedoch direkter als Lehrpläne, denn es strukturiert den Lehrgang unmittelbar hauptsächlich durch die Progression der didaktischen Einheiten, die besonders im Bereich der Grammatik, aber auch in Bezug auf die anderen sprachlichen Mittel und die kommunikativen Fertigkeiten deutlich wird.
Aktuelle Lehrwerke Im Vergleich zur Anzahl der Englisch- oder Französischlehrwerke, die auf dem deutschen Markt zur Verfügung stehen, ist das Angebot an Lehrwerken für den gymnasialen Italienischunterricht in der Sekundarstufe I und II – nur dort spielt er, abgesehen von der Erwachsenenbildung, eine bedeutende Rolle – geringer. Da das Italienische nicht an allen Schulen als Schulfach angeboten wird, scheint die kostenintensive Erarbeitung eines Lehrwerks nicht jedem Schulbuchverlag rentabel. Häufig eingesetzt werden gegenwärtig Appunto 1–3 (Jäger / Mörl, ab 2006), In piazza 1–2 (Schmiel / Stöckle, ab 2012), Scambio (Bernhofer et al., ab 2015) und Ecco (Lindemann / Volk, ab 2015).
Definition Lehrwerk Anders als ein Lehrbuch, das Texte und Übungen für das Fremdsprachenlernen in nur einem Band darbietet, ist ein für den Fremdsprachenunterricht entwickeltes Lehrwerk ein komplexes Produkt. Es umfasst in der Regel mehrere, in Jahrgangsbände gegliederte Bestandteile, die teils für Lernende und Lehrkräfte, teils nur für Lehrerinnen und Lehrer abgefasst sind. Kernbestand eines Lehrwerks sind die sog. SchülerbücherSchülerbuch, die einer gewählten Progression folgend Texte mit grammatischen, lexikalischen und kulturellen Inhalten in didaktischen Einheiten bzw. LektionenLektion gebündelt präsentieren. Plateauphasen ohne Progression und fakultative Lektionen bzw. Texte vervollständigen normalerweise den obligatorisch durchzunehmenden Bestand. Die Schülerbücher werden ergänzt und begleitet von verschiedenen Komponenten, die im Unterricht nebeneinander verwendet werden. Dazu gehören Übungshefte, Lehrerhandbücher, Selbstlernmaterialien, Vorlagen für Testaufgaben, Kompetenz- bzw. Prüfungstrainer, Folien, Tonträger und computergestütztes Material. Separate Grammatische Beihefte gibt es nicht zu allen Lehrwerken, da teilweise, wie z.B. in Appunto (Jäger / Mörl, ab 2006), die Beschreibung der grammatischen Inhalte in das Schülerbuch integriert wird.
Grundlagen der Konzeption Lehrwerke für den Italienischunterricht an deutschen Gymnasien werden von Autorenteams im Auftrag von Schulbuchverlagen verfasst. Um auf dem Schulbuchmarkt konkurrenzfähig zu sein und in den für den Unterricht an öffentlichen Schulen gültigen Zulassungsverfahren zu bestehen, müssen die Produkte an aktuelle fachdidaktische Positionen und die bildungspolitischen Richtlinien der einzelnen Bundesländer angepasst sein (vgl. Michler 2005a; 2016b). Die Lehrwerkautoren sind also gehalten, die Vorgaben der verschiedenen Lehrpläne in Einklang zu bringen und ihnen konkrete, unterrichtspraktisch realisierbare Inhalte zuordnen.
Trotz der anerkannt führenden Rolle von Lehrwerken im Unterricht entzündet sich immer wieder eine Debatte um das Für und Wider eines lehrbuchgesteuerten Fremdsprachenunterrichts (vgl. Michler 2005a, 17ff.; Grünewald/ Küster 2009, 150). Kritisiert wird zum einen das relativ schnelle Veralten v.a. der landeskundlichen Inhalte (vgl. Problem ‚Zeitgebundenheit‘, S. 69). Zum andern verurteilen nicht nur die Anhänger des KonstruktivismusKonstruktivismus, die sich prinzipiell gegen einen lehrwerkbasierten Unterricht aussprechen, den verhältnismäßig beschränkten Spielraum für eine flexible Nutzung, die hauptsächlich durch die lehrwerkimmanente Progression verhindert wird. Beanstandet werden zum Dritten die oft noch zu seltenen Möglichkeiten, auf individuelle Lernbedürfnisse einzugehen und binnendifferenzierende MaßnahmenBinnendifferenzierung zu ergreifen.
| BAYERISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR BILDUNG UND KULTUS, WISSENSCHAFT UND KUNST Kriterien zur Begutachtung von Lernmitteln (Stand: Mai 2016) 2.2 Grundsätzliche Kriterien 2.2.1 Schulbücher müssen klar strukturiert sein das selbstständige Lernen ermöglichen 2.2.2 Grundlage für das Gutachten bildet die Verordnung über die Zulassung von Lernmitteln (ZLV) in der jeweils neuesten Fassung. 2.2.3 Schulbücher müssen gemäß §. 1 ZLV eigens für Unterrichtszwecke zur Erreichung der in den Lehrplänen festgelegten Ziele, Inhalte und Kompetenzen herausgegeben sein, die zum Lernergebnis führenden Überlegungen, Ab- und Herleitungen enthalten und entsprechende Lernprozesse anregen, als Lehr- und Nachschlagewerk verwendbar sein, den gesamten Stoff eines Schuljahres oder Ausbildungsabschnitts für ein bestimmtes Unterrichtsfach enthalten, soweit nicht zwingende fachliche oder pädagogische Gründe einen geringeren oder vermehrten Stoffumfang erfordern (ggf. sind zwingende fachliche oder pädagogische Gründe anzugeben) und nach ihrer äußeren Beschaffenheit für einen mehrjährigen Gebrauch geeignet sein. Sie dürfen insbesondere keinen Raum (Leerstellen) für Eintragungen durch die Schülerin bzw. den Schüler enthalten. |
Abb. 5.2
Kriterien für die Begutachtung von Lehrwerken (Auszug) (www.km.bayern.de/…/7432_allgemeiner_kriterienkatalog_stand_mai_2016.pdf, 4f.; 07.07.2018)
Kritik am Lehrwerk Trotz solch grundlegender Kritik zeigt sich die Bedeutung eines Lehrwerks für die direkte Gestaltung des Italienischunterrichts in den impliziten Leistungen für Lehrende und Lernende. Für die Lehrkräfte bedeuten die Systematisierung, die didaktische Aufbereitung der Unterrichtsinhalte und die Vielfalt der Begleitmaterialien eine erhebliche Arbeitsentlastung. Lehrkräfte und Lernende werden von Lehrwerken in der Bestimmung des Lernfortschritts durch die Orientierungshilfe in Bezug auf den Lernstoff unterstützt. Damit wird unter anderem z.B. ein eventueller Schulwechsel erleichtert. Die verschiedenen Komponenten eines Lehrwerks belegen den aktuellen Sprachgebrauch, erklären landestypische kulturelle Besonderheiten und enthalten ausgewählte Beispiele der fremdsprachigen Literatur und Musik. Zusätzlich verweisen sie auf Arbeitstechniken und Nachschlagemöglichkeiten, u.a. auf Internetseiten, anhand derer die Benutzer Wissen und Fertigkeiten anwenden und vertiefen können. Bei entsprechender Gestaltung können Lehrwerke die Einstellung der Lernenden zur Sprache positiv beeinflussen und sie zur Beschäftigung mit der Sprache und den Ländern, in denen das Italienische einen muttersprachlichen oder gleichwertigen Status hat, ermuntern. Insbesondere fördern Lehrwerke die intrinsische Motivation der Schülerinnen und Schüler, wenn sie erkennen lassen, dass das im Italienischunterricht vermittelte sprachliche und kulturelle Wissen gezielt und nutzbringend eingesetzt werden kann.
Kriterien für LehrwerkanalysenDie Wirkung von Lehrwerken auf Unterricht, Lernende und Lehrende macht umfassende, differenzierte Lehrwerkanalysen (vgl. Michler 2005a ausführlich zu Französischlehrwerken) zu einem immer wieder aktuellen fachdidaktischen, unterrichtspraktischen und bildungspolitischen Desiderat. Für die von fachdidaktischen Überlegungen gesteuerte Überprüfungen von Italienischlehrwerken fehlen jedoch noch jenseits der amtlichen Zulassungsverfahren erschöpfende Analysen. Der auf Italienischlehrwerke bezogene brauchbare Kriterienkatalog in Christoph (2005, 58–61) muss vertieft und an neue fachdidaktische Tendenzen angepasst werden. Leitgedanke einer Untersuchung sollte sein, dass das Lehrwerk trotz seiner führenden Position im Unterricht ein Handwerkszeug ist, das von der Lehrkraft flexibel an die Belange des Unterrichts angepasst und in seiner inhaltlichen Aufbereitung regelmäßig aktualisiert werden muss.
Untersuchungsfelder für moderne Lehrwerke Untersuchungsfelder für moderne Lehrwerke sind:
Inhalte (v.a. sprachliche Mittel, Landeskunde),
Verhältnis von Übungen und Aufgaben,
Fertigkeitsschulung insbes. in Bezug auf Sprachmittlungsaufgaben,
grammatische, lexikalische und pragmatische Progression,
Wortschatz- und Grammatikpräsentation,
LerntechnikenLerntechniken bzw. LernstrategienLernstrategien,
Berücksichtigung mehrsprachigkeitsdidaktischer Aspekte,
InterInterkulturalität- und TranskulturalitätTranskulturalität,
Förderung der Mündlichkeit,
multimediale Komponenten,
implizite Möglichkeiten, Sprache ganzheitlich zu erfahren,
lebensweltlicher Bezug,
Layout und optische Gestaltung,
Preis.
Im Einzelnen bedeutet dies die Überprüfung
des Ausmaßes und der Art der Förderung des mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauchs und des Aufbaus funktionaler-kommunikativer Kompetenzen,
der Darbietung der sprachlichen und metasprachlichen Phänomene,
der Präsenz von landeskundlichen, inter- und transkulturellen sowie literarischen Inhalten,
der Hilfe bei der Entwicklung von Methodenkompetenz durch Lernstrategien und Arbeitstechniken,
der Integration ganzheitlicher Sprachlernansätze und der Verwirklichung allgemeiner pädagogisch-sozialer Zielsetzungen,
des Layouts, der Illustrationen,
des Vorhandenseins von notwendigen Bestandteilen für Schüler und Lehrkräfte.
Bestandteile für Lehrkräfte Unverzichtbar für die Zielgruppe der Lehrkräfte sind
Beschreibung der Konzeption des Lehrwerks,
Empfehlungen für die Darbietung der Unterrichtsgegenstände,
erweitertes Übungs- und Aufgabenangebot auch zur Leistungsmessung,
Lösungen zu allen Übungen,
vertiefende landeskundliche Informationen und Verweise auf ergänzende Quellen,
Programm zur Übungserstellung mit computergestützten Medien,
zusätzliches didaktisches Material (z.B. Folien; Tonträger; Kompetenztrainer),
weiterführende allgemeine und didaktische Literatur.
Bestandteile für Lernende Wesentliche Komponenten für die Zielgruppe der Schülerinnen und Schüler sind
der intellektuellen und sprachlichen Entwicklung der Lernenden angemessene, authentische und speziell angefertigte Texte, die den zu erlernenden Sprachgebrauch in unterschiedlichen, dem weiten Textbegriff entsprechenden Textsorten ausreichend belegen,
Illustrationen, die motivieren, Gedächtnisstützen sind, die fremde Wirklichkeit veranschaulichen und Sprechanlässe bieten,
ein als Arbeits- und Lernmittel geeigneter chronologischer Vokabelteil, der zusätzlich zu den italienisch-deutschen / deutsch-italienischen Wortgleichungen Hinweise auf Parallelen zu anderen (Schul-)Sprachen (vgl. Abb. 5.3), intrasprachliche Querverweise (z.B. auf Wortfamilien) gibt und / oder auf häufige Fehlerquellen verweist, und zumindest am Anfang auch phonetische Transkriptionen enthält, damit das Vokabelverzeichnis von den Lernenden eigenständig genutzt werden kann,
eine der Progression des Schülerbuchs folgende Darstellung der grammatischen Inhalte, in der die Regeln einsichtig und schüleradäquat beschrieben sowie durch klare Beispiele belegt werden; ergänzende Hinweise auf Zeichensetzung, Wortbildung und Präpositionen sind zweckmäßig,
Übungen und Aufgaben, die zur Festigung, freien Anwendung und Wiederholung der Inhalte des Sprachunterrichts befähigen. Da im modernen Fremdsprachenunterricht die LernerautonomieLernerautonomie eine bedeutende Rolle einnimmt, sind Lösungsschlüssel zur Selbstkontrolle für die Schülerinnen und Schüler erforderlich,
Vorstellung und Einübungsmöglichkeiten von LernstrategienLernstrategien und ArbeitstechnikenArbeitstechniken, die auf verschiedene LernertypenLernertyp zugeschnitten sind und der Eigenständigkeit der Lernenden entgegenkommen,
Tonaufnahmen der Lehrwerktexte und ausgewählter Übungstexte für das Hörverstehen, weiteres auditives Material,
Nachschlagekomponenten, z.B.: Inhaltsverzeichnis mit klar benannten pragmatischen und grammatischen Zielen sowie methodischen Kompetenzen und ausgewiesenen Wiederholungssequenzen; zweiteiliger (italienisch-deutsch / deutsch-italienisch) alphabetischer Vokabelteil, in dem die Erstbelege des jeweiligen Eintrags vermerkt sind; (Begriffs-)Register zur Grammatik; Erläuterungen der phonetischen Transkriptionszeichen; Hinweise auf die phonische Funktion der Grapheme der Fremdsprache; Zusammenstellungen von wichtigen Ausdrücken für den Klassenraumdiskurs; Abkürzungs- und Symbolverzeichnis; (kleines) Wörterbuch zur Landeskunde; Karten, Stadtpläne; Internetadressen etc.
Die Fülle der Untersuchungsobjekte bzw. -gesichtspunkte hat zur Folge, dass Lehrwerkanalysen je nach Schwerpunkt in der Regel unterschiedliche Befunde erbringen.
Abb. 5.3
Verweise auf Parallelen zu anderen Sprachen im chronologischen Vokabelteil (Schmiel/ Stöckle 2012, 169), © C. C. Buchner Verlag, Bamberg.
Problemfeld ‚authentisches Textmaterial‘ Die didaktische Forderung nach authentischem Textmaterial ist speziell für den Anfangsunterricht nur mit Schwierigkeiten bzw. Einschränkungen erfüllbar und verlangt Kompromisse. Passende authentische Texteauthentische Texte, die den Lerner nicht durch Überforderung demotivieren, sind nicht einfach zu finden. Folglich überwiegen in den Bänden für das erste und oft auch das zweite Lernjahr in der Regel didaktisierte Textedidaktisierte Texte, die sprachlich dem Lernstand und der von den Lehrwerkautoren gewählten Progression verpflichtet sind, inhaltlich jedoch nicht immer den Interessen der jugendlichen Lerner entsprechen. Bei modernen Lehrwerken kann indes ein Trend zu mehr authentischem Textmaterial (Lieder, Auszüge aus Jugendliteratur, aus Filmen etc.) festgestellt werden.
Problemfeld ‚sprachliche Norm‘ Ein weiteres Problemfeld eröffnet sich mit der Frage nach der zugrunde liegenden sprachlichen NormNorm, die für die sprachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler verantwortlich ist. Leitlinie der Lehrwerke und folglich des im Schulunterricht gelehrten Italienischen ist gemeinhin eine weithin akzeptierte Norm, die sich an den Sprech- und Schreibgewohnheiten des überwiegenden Teils der Italophonen orientiert, d.h. ein neutrales Register (italiano standard), das in ganz Italien mit Erfolg eingesetzt werden kann. Damit stehen die Lehrwerke im Einklang mit den Vorgaben von Lehrplänen zu kommunikativer Kompetenz.
Die Befähigung namentlich zur mündlichen Kommunikation schließt jedoch auch solche phonetischen und grammatischen, vor allem aber pragmatischen und lexikalischen Inhalte ein, die die Lernenden in die Lage versetzen, mündlich mit Gleichaltrigen, die sich oft in einem speziellen, schnellen Wandlungen unterworfenen Code unterhalten, in Kontakt zu treten. Auf das für Schülerinnen und Schüler attraktive Register der italienischen Jugendsprache (vgl. dazu beispielsweise Bernhard 2002; Mavellia 1991; Radtke 1993), die zahlreiche Merkmale des italiano popolare und des gergo enthält, verzichten Lehrwerke doch häufig, obwohl (Basis-)Kenntnisse von Elementen der Jugendsprache nicht nur Voraussetzung für die mündliche Kommunikation unter Gleichaltrigen sind, sondern auch für das Verstehen von vielen modernen Songs und Filmdialogen, von Gegenwartsliteratur (z.B. von Jugendromanen), Werbeslogans, Emails, Chat oder SMS.
Der starken Präsenz der Jugendsprache in vielen schriftlichen und mündlichen Kommunikationsbereichen italienischer Muttersprachler sollten die Lehrwerke also Rechnung tragen und ihr, zumindest was rezeptive Fertigkeiten betrifft, mehr Platz einräumen.
Problemfeld ‚Zeitgebundenheit‘ Lehrwerke haben eine durchschnittliche schulische Verwendungsdauer von ca. zehn Jahren. Daraus resultiert ein nicht unerhebliches Problem, denn als Produkte ihrer Entstehungszeit sind sie notwendigerweise zeitgebunden. Ihre ständige Erneuerung und Optimierung ist eine zwingende Aufgabe. Die Kurzlebigkeit ist erkennbar zum einen an Layout und Bebilderung, zum anderen an den Inhalten, und zum dritten an der Übungsgestaltung, deren Aufbereitung die jeweils dominierenden fremdsprachendidaktischen Methoden spiegelt. Gerade landeskundliche Inhalte veralten relativ rasch, so dass das bei der Konzeption aktuelle Material oft schon nach kurzer Zeit überholt ist und ein nicht mehr durchweg zeitgemäßes Bild Italiens bietet, was bei Lernenden häufig zu Motivationsverlust führt. So kann beispielsweise das lange an vielen Schulen verwendete Lehrwerk Capito (Jäger / Schmidt ab 1993) trotz seiner Verdienste mit seinen Illustrationen heute genauso nicht mehr überzeugen wie mit den Verweisen auf die Serie „Derrick“ im italienischen Fernsehen, dem Song Latin lover von Gianna Nannini aus dem Jahre 1982 (Jäger / Schmidt 1993, 94f.) und mit den im Vergleich zu Aufgaben, die zum freien Sprachgebrauch anregen, verhältnismäßig häufigen Lücken-, Zuordnungs- und Einsetzübungen.
Übungs- und Aufgabenarten ÜbungenÜbungen und AufgabenAufgaben machen einen wesentlichen Teil von Lehrwerken aus. Vornehmlich Übungen sind zur Festigung der Unterrichtsinhalte unverzichtbar. Eine Kategorisierung erweist sich indes als problematisch, da es immer wieder zu Überschneidungen kommt (zur Übungstypologie vgl. Segermann 1992).
Häufig eingesetzt werden:
einsprachige, d.h. ausschließlich fremdsprachige Übungen, wie Einsetz- oder Komplementierungsübungen, auch Lücken- oder Ergänzungsübungen genannt (z.B. Completate con le forme dei verbi, in: Schmiel / Stöckle 2003, 66); Transformationsübungen, in denen vorgegebene Wortformen in Tempus und Numerus verändert werden sollen (z.B. … e che cosa non si fa … Trasforma gli ordini della zia, in: Jäger / Mörl 2007, 71); Einsetzübungen (z.B. Metti le … domande al passato prossimo, in: Schmiel / Stöckle 2012, 90; vgl. Abb. 5.4); Kombinationsübungen, durch die vorher selbständige Einheiten zu einer komplexen Einheit verbunden werden (z.B. Per farla breve. Unisci le seguenti frasi con il pronome relativo adatto, in: Jäger / Mörl 2006, 159); Zuordnungsübungen (z.B. Forma delle frasi e abbinale alle vignette, in: Lindemann / Volk 2015, 116);
einsprachige Aufgaben wie das Durchführen von Diskussionen, das Erstellen von Dialogen oder Kommentaren;
zweisprachige Übungen und Aufgaben, in denen das Deutsche und das Italienische zusammenwirken. Dazu zählen neben Übersetzungen ins Italienische bzw. aus dem Italienischen Sprachmittlungsaufgaben, die einen hohen Realitätsbezug in außerschulischen Verwendungszusammenhängen (z.B. Urlaub, Berufsleben) haben und die gleichermaßen die Verfügung über die Fertigkeiten Hörverstehen, Sprechen, aber auch Lesen und Schreiben verlangen;
kreative Aufgaben wie das Umwandeln eines Textes in eine andere Textsorte, das Erzählen aus einer anderen Perspektive, Rollenspiele o.Ä. als Simulation außerschulischer Realität u.v.a.m.;
spielerische Übungsformen, die für den Italienischunterricht als dritte oder spätbeginnende Fremdsprache altersgerecht ausgewählt werden müssen („Galgenmännchen“, Wort- oder Satzketten, Domino-, Memoryspiel, Wortschlangen, rhythmische Spiele zur Einübung der Intonation oder bestimmter Laute in ihrer Abfolge).
Abb. 5.4
Einsetzübung (Schmiel / Stöckle 2012, 90), © C. C. Buchner Verlag, Bamberg
Anforderungen an Übungen und Aufgaben Die Anforderungen an Übungen und Aufgaben in Lehrwerken sind vielfältig. Sie betreffen neben einer ansprechenden optischen Aufbereitung die schlüssige Progression von Übungen hin zu (Lern-)Aufgaben (vgl. S. 73f.). Wünschenswert sind polyvalente Übungen, durch die verschiedene Unterrichtsgegenstände (z.B. Aussprache, Wortschatz, Grammatik) gleichzeitig gefestigt werden. Aufgaben sollen inhaltlich den lebensweltlich-altersbezogenen sprachlichen Bedürfnissen der Lernenden entsprechen (vgl. Abb. 5.5) und die spontane Anwendung der Fremdsprache von Beginn an vorantreiben. Eine erkennbare Abwechslung in Schwierigkeitsgrad, Ansprüchen und Sozialformen bei den Übungs- und Aufgabenarten ist genauso wünschenswert wie eine Auflockerung durch Illustrationen, die als visuelle Stimuli überdies oftmals für die Lösung unerlässlich sind.
| Paolo, ein Gastschüler aus Turin, kommt neu in eure Klasse. Begrüßt ihn, stellt ihm Fragen, stellt euch und eure Klassenkameraden vor. Ihr wollt ihm eure Stadt zeigen. Erzählt ihm, was ihr heute mit ihm am Nachmittag macht. Spielt die Szene anschließend vor. |
Abb. 5.5
Aufgabe mit lebensweltlichem Bezug (nach Lindemann / Volk 2015, 19)
Perspektiven Immer häufiger wird bei der Konzeption und Produktion von Lehrwerken die Digitalisierung berücksichtigt. Für das Lehrwerk Ecco (Lindemann / Volk 2015) liegt beispielsweise nicht nur eine gedruckte Fassung vor. Auch die Lizenz für das E-Book kann erworben werden (www.scook.de/scook/information; www.cornelsen.de/e-books/1.c.4388368.de?root_node=¤t_node=&such_quelle=suchfeld&freitext=&bundesland=&schultyp=&fach=I; jeweils 07.07.2018), so dass Ecco in Klassen genutzt werden kann, die hauptsächlich mit Laptops oder Tablets arbeiten. Die digitalisierte Fassung ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, beispielsweise Notizen hinzuzufügen oder Passagen zu markieren, was in gedruckten Büchern, die von der Schule lernmittelfrei zur Verfügung gestellt werden, nicht erlaubt ist. Für bestimmte Schulfächer (z.B. Geschichte) liegen außerdem bereits interaktive multimediale Schulbücher (mBook) vor, die Text, Bilder, Filme, Ton, Animation zusammenbringen.
ZusammenfassungLehrwerke sind mindestens in der Spracherwerbsphase Grundlage des Italienischunterrichts. Sie sind für Lehrkräfte Orientierungshilfe und Entlastung bei der Arbeit, für Lernende Motivationsträger, die Lernsicherheit geben. Um Mängel der Lehrwerke auszugleichen, ist ein flexibler Umgang mit dem Lehrwerk genauso notwendig wie seine Ergänzung durch zusätzliches Textmaterial bzw. multimediale Komponenten. Problematisch ist das schnelle Veralten v.a. von landeskundlich-kulturellen Inhalten. Trotz der Einwände gegen einen lehrwerkbasierten Unterricht ist ein Abrücken vom Lehrwerk als Leitmedium des Unterrichts in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Eine Hinwendung der im Italienischunterricht verwendeten Lehrwerke zu AufgabenorientierungAufgabenorientierung und KompetenzförderungKompetenzförderung, v.a. Methodenkompetenz durch Lernstrategien und Arbeitstechniken, muss deshalb konsequent erfolgen. Umfassende, auf alle Inhalte und Komponenten bezogene Analysen von Italienischlehrwerken dürfen nicht länger nur ein Desiderat sein, sondern müssen zeitnah realisiert werden.
5.3 | Aufgabenorientierung im Italienischunterricht
AufgabenorientierungAls Folge der Kompetenzförderung (vgl. Einheit 2) verstärkt die aktuelle Fremdsprachendidaktik seit ungefähr den 1980er Jahren die Forderung nach Implementierung von Aufgaben in den Unterricht. Auf dem Konzept des task based language learning (TBLL)task based language learning (TBLL) beruhend (vgl. Ellis 2003; Willis 1996) konnte sich die Aufgabenorientierung zunächst im anglophonen Sprachraum durchsetzen. Spätestens seit die Zielsetzungen des Fremdsprachenunterrichts in Deutschland durch die BildungsstandardsBildungsstandards geprägt sind, ist die Aufgabenorientierung auch in Deutschland ein wegweisendes didaktisches Anliegen. In der Unterrichtspraxis konnte sich das Konzept mit seinen „sprachlich und kognitiv anspruchsvolle[n] Aufgaben, die … Schülerinnen und Schüler auf die Anforderungen realer Kommunikation“ vorbereiten sollen (Schinke / Steveker 2013, 4), jedoch noch nicht überall durchsetzen (vgl. S. 76f.).
Zielsetzungen Das Konzept des TBLL zieht Verschiebungen bei den Unterrichtsschwerpunkten nach sich. Die weitgehend übliche „Vermittlung sprachlicher Strukturen in einer gestaffelten ProgressionProgression“ (Schinke / Steveker 2013, 5) sowie die häufig praktizierte Abfolge von „Übungen ohne Wahl“ (z.B. nur Einsetzen der direkten Objektpronomen) mit darauffolgenden „Übungen mit Wahl“ (z.B. Entscheidung zwischen direktem und indirektem Objektpronomen) werden durch die Aufgabenorientierung aufgebrochen, so dass die Konzentration auf Sprachrichtigkeit und die Festlegung auf eine bestimmte Progression in den Hintergrund tritt. Zentral ist nunmehr das Bestreben, Lernprozesse nachhaltig zu gestalten sowie die Verwendbarkeit und mögliche Weiterentwicklung der im Unterricht erworbenen Kompetenzen und Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler außerhalb und nach der Schulzeit in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu plädiert die Aufgabenorientierung für eine „Einteilung in Vorbereitung der Lernaufgabe (pre-task), Arbeit an der Lernaufgabe (task cycle) und Spracharbeit (language focus)“ (Schinke / Steveker 2013, 5; vgl. S 73ff.). Insbesondere Partner- oder Gruppenarbeitsphasen, ganzheitliche Sprachlernprozesse sowie die Förderung der Selbständigkeit und der Selbstverantwortung der Lernenden sollen eine Rolle spielen.
Übung vs. (Lern-)Aufgabe Analog zur Differenzierung zwischen vorkommunikativevorkommunikative Übungsformenn und kommunikativen Übungsformenkommunikative Übungsformen trennt das TBLL zwischen herkömmlicher Übung (esercizio) und Aufgabe (compito).
Übungen Bei Übungen liegt der Fokus auf der Festigung des korrekten Gebrauchs bestimmter sprachlicher Phänomene (focus on form; focalizzando sulla correttezza della lingua). Sie bilden also lautliche, grammatische und lexikalische Kenntnisse und Fertigkeiten (z.B. die Verwendung stimmhafter und stimmloser Laute, von passato prossimo / imperfetto oder den Gebrauch der pronomi combinati) systematisch mit dem Ziel aus, die sichere Anwendung sprachlicher Strukturen zu gewährleisten (vgl. Leupold 2008, 7).
Die Einübung lexikalischer, grammatischer, orthographischer oder aussprachebezogener Einheiten erfolgt vornehmlich in geschlossenen Übungsformengeschlossene Übungsformen, bei denen es in der Regel nur eine richtige Lösung gibt. Übungsarten sind u.a.: Ausfüllen von Lückentexten, Multiple-choice-Übungen, Einsetzübungen (vgl. Abb. 5.4), Transformationsübungen, in denen vorgegebene Verbformen etwa in Tempus und Numerus verändert werden sollen, Kombinationsübungen, durch die vorher selbständige Einheiten wie zwei Hauptsätze beispielsweise durch Relativpronomen zu einer komplexen Einheit verbunden werden. Auch halboffene Formenhalboffene Übungsformen (z.B. einem Text Informationen entnehmen und sie nach vorgegebenen Gesichtspunkten ordnen) werden gern angewendet. Übungen können unterschiedliche Schwierigkeitsgrade enthalten, durch Illustrationen, die als visuelle Stimuli überdies oftmals für die Lösung unerlässlich sind, aufgelockert werden und durch PolyvalenzPolyvalenz gleichzeitig zur Festigung verschiedener Inhaltsbereiche (z.B. Aussprache und Wortschatz; Grammatik und Orthographie) herangezogen werden.
Beispiele für Übungen: Come si forma l’imperativo? Completate questa tabella e trovate la regola di formazione (Schmiel / Stöckle 2012, 94); Passato prossimo o imperfetto? Rileggete T2 e compilate la tabella. Presentate la vostra soluzione con esempi del testo (Schmiel / Stöckle 2012, 144).
Aufgaben Die problemlose Anwendung der in Übungen trainierten sprachlichen Inhalte ist Voraussetzung für die Bewältigung von Aufgaben, die von den Schülerinnen und Schülern komplexe Aktivitäten verlangen, bei denen die Lernenden sinnvolle, individuelle Lösungen für vorgegebene Probleme finden sollen. Der Fokus liegt auf einer angemessenen, flüssigen, inhaltlich zielgerichteten und möglichst authentischen Sprachverwendung (focus on meaningfocus on meaning; che si riferisce al contenuto). Damit sollen die Lernenden in die Lage versetzt werden, sich in der zielsprachigen Umgebung in komplexen Situationen zu verständigen und handlungsfähig zu sein (vgl. Schinke / Steveker 2013, 4).
Kennzeichnend für Aufgaben sind Handlungs-, Lerner- und Inhaltsorientierung sowie implizite Möglichkeiten für einen offenen Unterricht. Idealerweise besteht bei Aufgaben ein Bezug zur außerschulischen Lebenswirklichkeit der Lernenden, hervorgerufen z.B. durch Rollenspiele, Briefe / Mails an Tourismusbüros, Kontakt zu Musikgruppen, zu italienischen Schülerinnen und Schülern oder der Entwurf von Stadtführungen für eine italienische Austauschgruppe (Wegbeschreibungen, Vorstellung von Sehenswürdigkeiten usw.). Indem die Lernenden kreativ mit den verfügbaren sprachlichen Mitteln umgehen, erarbeiten sie ein inhaltliches Produkt, zu dem es verschiedene Lösungsmöglichkeiten gibt (vgl. z.B. Una festa di compleanno; www.lehrplanplus.bayern.de/sixcms/media.php/72/GYM_It3_8_Itspb_10_GR_Festa_di_compleanno.pdf; 07.07.2018).
| Übungen | Aufgaben |
| Schwerpunkt auf der sprachlichen Form einer Äußerung mit dem primären Ziel der Festigung sprachlicher Systeme | Schwerpunkt auf dem Inhalt einer Äußerung |
| formal korrekter Sprachgebrauch im Vordergrund | inhaltlich korrekter Sprachgebrauch im Vordergrund |
| oft konstruierte Sprechsituation | realitätsnahe Sprache, so dass eine authentische Kommunikation möglich ist |
| Sprache selten authentisch | Betonung von Mitdenken und Selbständigkeit des Lernenden |
| starke Steuerung | flexible Durchführung |
| Festlegung der Lernenden auf bestimmte Lösungswege | Förderung des aktiven Problemlösungsverhaltens, keine vorgefertigten Lösungswege |
| eng definierte Lernziele | sprachliches Lernen geschieht „beiläufig“ |
| Rolle als Lerner im Vordergrund | Rolle als Sprachanwender im Vordergrund |
Tab. 5.1
Wesentliche Unterschiede zwischen Übungen und Aufgaben (nach Caspari 2009, 78)
Lernaufgaben Leupold unterscheidet zwei Typen von LernaufgabenLernaufgaben: Typ 1 bindet die sprachlichen Fertigkeiten in einen situativen Rahmen und bezieht stärker als die Übungen „die Inhalts- und Bedeutungskomponente ein“ (Leupold 2008, 7).
Typ 2 ist eine offene Aufgabe, die „zu realen, kommunikativen Aktivitäten“ auffordert, unterschiedliche Kompetenzen bei der Lösung verlangt, prozessorientiert ist und Möglichkeiten zum sprachlichen Agieren in freier Form bietet (Leupold 2008, 7). Ausführliche Beispiele zu komplexen Lernaufgaben finden sich u.a. unter www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SII/i/Komplexe_Lernaufgabe_GK_n_Q2.pdf (07.07.2018) und in Snaidero 2017.
RahmenaufgabenTypisches Element des TBLL ist die komplexe RahmenaufgabeRahmenaufgabe, die der Handlungs-, Inhalts- und Problemorientierung verpflichtet ist. Sie ist in verschiedene Teilaufgaben transparent unterteilt und kann durch individuelle Lösungswege entweder im Unterricht (pedagogic taskpedagogic task) oder im außerschulischen Kontext (real world taskreal world task) bewältigt werden. Auch Übungen können Bestandteil einer Rahmenaufgabe sein, z.B. wenn ein bestimmtes für die Bearbeitung der Aufgabe notwendiges Grammatikphänomen gefestigt oder wiederholt werden soll.
Die Realisierung einer Aufgabe vollzieht sich im Allgemeinen in Sequenzen von mehreren Unterrichtsstunden und in drei Stufen. Die erste Phase (pre-task) entspricht der Einführung in die Aufgabe, z.B. der Vorstellung von Materialien, die zur Lösung beitragen können, die Festlegung des zeitlichen Rahmens, Festlegung der angestrebten Kompetenzen, Vorübung der sprachlichen Mittel und kommunikativen Fertigkeiten. In der zweiten Stufe (during task bzw. task cycle) konzentrieren sich die Lerner auf das Erarbeiten der eigentlichen Lösung, die dann dem Plenum vermittelt wird. Die dritte Phase (post-task bzw. language focus) dient mit Feedback, sprachlicher und inhaltlicher Reflexion der Nachbereitung (vgl. Ellis 2003, 244).
Eine Rahmenaufgabe zur Entwicklung eines italienischsprachigen Reiseführers über eine deutsche Region für Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einem Austausch kann zum Beispiel die Teilaufgaben ‚geographische Lage und Merkmale‘, ‚ökologisch-wirtschaftliche Gegebenheiten‘, ‚Sprache‘, ‚kulturelle und geschichtliche Besonderheiten‘, ‚Auswahl der Bebilderung‘, ‚Erstellen des Layouts‘ umfassen. Notwendige Materialien sind Landkarten, Postkarten, Folien, Computer usw. Relevante sprachliche Mittel sind neben den Wortschatzbereichen ‚Natur‘, ‚Sehenswürdigkeiten‘ und ‚Geschichte‘ die Präpositionen für Ortsangaben. Vorrangig gefördert werden landeskundlich-interkulturelle Kompetenzen, Methodenkompetenz und kommunikative Fertigkeiten. Mögliche Maßnahmen zur BinnendifferenzierungBinnendifferenzierung ergeben sich aus Gruppenarbeit und einer gestaffelten Komplexität der Arbeitsaufträge.
Weitere Beispiele für Rahmenaufgaben sind: die Erarbeitung einer Stadtführung, eines Museumsbesuchs oder der Präsentation der Schule für eine italienische Austauschgruppe, Planung einer Klassenreise nach Italien, Erstellen einer Internetseite mit Vorstellung von deutschen Filmen für Gleichaltrige in Italien, Kreieren einer Werbeseite z.B. für die Schule oder für das Italienische als dritte Wahlpflichtfremdsprache (Vorschläge z.B. unter www.bildung-lsa.de/files/1e7654df4646f8de1cd99b7e4be40ebc/musteraufgaben.italienisch2012.pdf; www.isb.bayern.de/download/20398/kms_abitur_in_den_modernen_fremdsprachen_ab_2020_samt_anlagen.pdf; jeweils 07.07.2018).
Kompetenztraining durch AufgabenMit der Hinwendung zu Aufgaben löst der Fremdsprachenunterricht den Anspruch ein, Kompetenzen zu vermitteln und zu trainieren. Aufgaben begünstigen z.B. die Schulung von MethodenkompetenzMethodenkompetenz, u.a. wenn zur Lösung einer Aufgabe im Internet recherchiert wird und die Ergebnisse von Partner- oder Gruppenarbeit in einer Präsentation zusammengestellt werden. Mündliche und schriftliche SprachkompetenzSprachkompetenzen lassen sich beispielsweise mit dem Verfassen von Resümees, dem Anordnen und Erstellen von Bewerbungsunterlagen für eine Praktikumsstelle (Anschreiben, Lebenslauf usw.) und dem Durchspielen von Dialogen (z.B. einem Bewerbungsgespräch) schulen. Interkulturelle Kompetenz wird durch die Berücksichtigung spezifischer kultur- und landeskundlicher Aspekte bei der Aufgabenformulierung aufgebaut. Indem die Lernenden sich in einer fremdkulturellen Rahmenhandlung zurechtfinden sollen (z.B. Schulalltag; Unterhaltung mit den italienischen Gasteltern während eines Schüleraustauschs), werden sie auf Kulturstandards und eventuelle kulturbedingte Missverständnisse (critical incidentscritical incidents) aufmerksam, für deren Vermeidung sie Strategien entwickeln lernen. Außerdem verdeutlicht die Fächervernetzung, z.B. mit dem Geographie-, Geschichts- oder Sozialkundeunterricht, inhaltliche Zusammenhänge und macht die (Welt-)Wissensbestände der Lernenden vielschichtiger.
Kritik am aufgabenorientierten AnsatzDie Bedeutung von Aufgaben für die Fähigkeit, die Fremdsprache spontan in authentischen Kommunikationssituationen anzuwenden, wird immer wieder hervorgehoben. Dennoch werden im fachdidaktischen Diskurs auch problematische Aspekte des aufgaben- und kompetenzorientierten Ansatzes kritisch diskutiert, denn ungeklärt ist nach wie vor, „wie sich der Ansatz in ein Curriculum einfügt, welche Rolle die Sprachkorrektheit spielt und wie mit verschiedenen Lernbegabungen umgegangen werden soll“ (Mertens 2017, 10). Speziell die Problematik der Diskrepanz zu curricularen Vorgaben, „die ja allesamt auf der Annahme einer logischen linguistischen Progression basieren“ (Schinke / Steveker 2013, 5), wird verdeutlicht.
Schwierigkeiten ergeben sich weiter bei der Evaluation, da die individuellen Lösungswege der Lernenden bei komplexen Aufgaben nicht durchweg vergleichbar sind und eine unterschiedliche Wertigkeit haben können. Zweifel bestehen überdies an der Messbarkeit des Lernfortschritts des einzelnen Lernenden, da mehrheitlich das Lösen von Aufgaben im Team vorgesehen ist. Nicht zuletzt stellt die Durchführung ein Problem dar, da die notgedrungen künstliche Simulation von Begegnungssituationen im schulischen Rahmen dem Bestreben nach Authentizität widerspricht (vgl. u.a. Bär 2013; Hallet 2013; Reimann 2018).
Kritiker merken weiter an, dass Gruppenarbeit und selbständige Arbeitsformen nicht für jeden Lerntyp passend sind. Skeptisch werden die Realisierungsmöglichkeiten des Lernkonzepts auch deshalb betrachtet, weil die in deutschen Schulen häufig noch mehrheitlich übliche 45-Minuten-Taktung der Unterrichtsstunden längere Gruppenarbeitsphasen nicht begünstigt. Der notwendige hohe organisatorische Aufwand bei der Durchführung komplexer Rahmenaufgaben ist überdies in dem in vielen Bundesländern maximal dreistündigen Italienischunterricht, der zudem im überwiegend germanophonen Kontext stattfindet, nur unter großen Schwierigkeiten umzusetzen.
Kontrovers wird außerdem die Konzentration auf Aufgaben diskutiert, die sich primär an Output-überprüfbaren Kompetenzen und Evaluationsmöglichkeiten orientieren, wodurch kreative Elemente, die sich einer eindeutigen Bewertung entziehen, vernachlässigt werden. Jahrgangsstufentests bilden beispielsweise nicht nur einen Kontrast zu Individualisierungsmaßnahmen und LernerautonomieLernerautonomie, sondern können auch dazu führen, dass im Unterricht schwerpunktmäßig auf solche Tests hingearbeitet wird (teaching to the test; vgl. Einheiten 2; 9; 12), und andere Inhalte, v.a. bildungsrelevantes Wissen, sekundär werden (vgl. Rössler 2007). Insbesondere die Rolle der Literatur im kompetenzorientierten Unterricht wird wegen der aktuellen Output-Konzentration des Unterrichts diskutiert, denn es besteht durchaus die Tendenz, die schwer messbaren literarischen und inter- bzw. transkulturellen Kompetenzen zugunsten leicht messbarer Kompetenzen zu vernachlässigen, obwohl kulturelle Inhalte von den nationalen Bildungsstandards grundsätzlich vorgesehen sind. Gegenwärtig liegt es mehrheitlich im Ermessen der Lehrkräfte, ob und in welchem Maß sie den Unterricht mit bildungsrelevanten Inhalten füllen.
Weitere Kritikpunkte sind die scheinbare Beliebigkeit in Bezug auf den Aufbau von grammatischen und lexikalischen Kenntnissen, der Verzicht auf nachhaltiges Üben und Wiederholen und nicht zuletzt die hohen Voraussetzungen in Bezug auf die Lernerautonomie (vgl. Schinke / Steveker 2013, 5).
Inzwischen hat sich eine „pragmatische Rezeption des Modells“ (Schinke / Steveker 2013, 5) weitgehend durchgesetzt, „in der Lernaufgaben in die tradierte Progression der SI-Lehrwerke bzw. die Unterrichtssequenzen der SII sozusagen ‚eingepasst‘ werden“ und Zwischenschritte mit Phasen der Instruktion, vielfachem Üben und Wiederholen integriert werden (Schinke / Steveker 2013, 5).
Schinke / Steveker 2013 entwickeln auf der Basis ihrer kritischen Überlegungen einen Lernaufgabenzirkel (vgl. Abb. 5.6), der Zwischenschritte mit situativen Aufgaben und Übungen integriert, um so das Ziel der Bewältigung einer wirklichkeitsnahen, komplexen Situation zu erreichen (Schinke / Steveker 2013, 7).
Abb. 5.6
Lernaufgabenzirkel (Schinke / Steveker 2013, 7)
Zusammenfassung Durch die Kompetenzorientierung rücken kommunikative, weitgehend offene Aufgaben ins Zentrum des Fremdsprachenunterrichts. Sie verlangen vom Lernenden den Einsatz unterschiedlicher Fähigkeiten und lassen individuelle Lösungen zu. Besonders relevant sind Lernaufgaben, die zwar nicht hundertprozentig planbar sind, aber „Aushandlungsprozesse zwischen Lernenden“ anstoßen (Caspari et al. 2008, 6). Realistische Kompromisse in Bezug auf die Ausgabenorientierung sind deshalb unumgänglich.
Aufgaben
1 Zeigen Sie den Nutzen multimedialer Unterrichtsgestaltung, indem Sie einen Hypertext zu folgendem Textauszug erstellen:
2 Vergleichen Sie die Einsetzübung in Abb. 5.4 und den Arbeitsauftrag, einen Fotoroman mit 6–10 Bildern zum Thema Stasera facciamo una cena tutti insieme! zu erstellen (Lindemann / Volk 2015, 96). Wägen Sie deren Leistungen und Grenzen im modernen Italienischunterricht ab.
3 Entwickeln Sie eine Aufgabe zum Thema „Interview von in der Stadt ansässigen Italienern für die Schülerzeitung“.
Abb. 5.7
Schmiel / Stöckle (2012, 135), © C. C. Buchner Verlag, Bamberg
Zum Weiterlesen
Fery, Renate / Raddatz, Volker (Hrsg.) (2000):Lehrwerke und ihre Alternativen. Frankfurt am Main [u.a.]: Lang: Diskussion von Leistungen und Grenzen von Lehrwerken auf der Basis verschiedener unterrichtsrelevanter Themen.
Michler, Christine (2005):Vier neuere Lehrwerke für den Französischunterricht auf dem Gymnasium.Eine kritische Fallstudie mit Empfehlungen für zukünftige Lehrwerke. Augsburg: Wißner: detailreiche Analyse von Französischlehrwerken, deren Untersuchungsfelder auf Italienischlehrwerke übertragen werden können.
Michler, Christine (2012): „Lieder und Songs in Lehrwerken für den Italienischunterricht an deutschen Gymnasien“, in: Ankli, Ruedi et al. (Hrsg.): Text und Rhythmus im Italienischunterricht. Frankfurt: Verlag für deutsch-italienische Studien, S. 45–54: wertender Überblick über die Verwendung von Liedern in ausgewählten Lehrwerken für den Italienischunterricht.
Michler, Christine (2014): „Lehrwerke für den schulischen Italienischunterricht – Evaluierungskonzepte im Hinblick auf repräsentativ ausgewählte inhaltliche Kompetenzbereiche“, in: Knecht, Petr et al. (Hrsg.): Methodologie und Methoden der Schulbuch- und Lehrmittelforschung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 188– 202: Untersuchung verbreiteter Italienischlehrwerke hinsichtlich der Darbietung von grammatischen Phänomenen, von Lernstrategien und mehrsprachigkeitsdidaktischen Ansätzen.
Michler, Christine (2017):Lehrwerke für den Unterricht der romanischen Schulsprachen. Stuttgart: Ibidem: Aufsatzsammlung zu verschiedenen Schwerpunkten der Lehrwerkanalyse, z.B. zur Überprüfung des Bildes, das sog. Lehrwerksfamilien von sozialen Gegebenheiten vermitteln.
6 | Interaktion im fremdsprachlichen Klassenzimmer
Überblick Um Bedingungen für Lernerfolge im Italienischunterricht zu erläutern, werden zunächst Kernpunkte einer auf die LernatmosphäreLernatmosphäre positiv einwirkenden Lehrer-Schüler-Interaktion sowie der Unterrichtsgestaltung zusammengestellt. Besondere Aufmerksamkeit widmet das Kapitel den Konsequenzen der Entwicklung vom Prinzip der absoluten hin zur aufgeklärten EinsprachigkeitEinsprachigkeit. Ergänzend nimmt ein Exkurs auf Leistungen und Probleme eines bilingualen Sachfachunterrichtsbilingualer Sachfachunterricht Bezug.
6.1 | LernatmosphäreLernatmosphäre
allgemeine Kriterien einer guten LernatmosphäreDidaktische Untersuchungen zur Lernatmosphäre sind in hohem Maß von lernpsychologischen und pädagogischen Erkenntnissen geprägt (z.B. Bülter / Meyer 2011; Helmke 2015), die hier nur in Stichpunkten und ohne Anspruch auf Vollständigkeit angesprochen werden können. Unbestritten hat ein angenehmes Unterrichtsklima einen beachtlichen Einfluss auf die Lernbereitschaft der Schüler, denn negative Emotionen wie Druck oder Angst belasten den Lernprozess. Aufgabe aller am Unterricht Beteiligten ist es also, durch ihre Kommunikations- und Handlungsweisen zu einer möglichst angst- und stressfreien Atmosphäre beizutragen.
Die meisten Kriterien, die einem guten Lernklima und damit der Lernbereitschaft zuträglich sind, gelten für jede Art von Unterricht. Zentrale Bedingungen sind:
eine auf Toleranz und Respekt beruhende Kommunikation zwischen allen am Unterricht Beteiligten,
eine gerechte Behandlung des Einzelnen,
das Einhalten der gemeinsam festgelegten Regeln zur Gestaltung des Unterrichts,
das Akzeptieren von Fehlern als normale Begleiterscheinung des Lernprozesses,
alters- und sprachstandgerechte Hilfestellungen beim Lernen,
dem Lernniveau angepasste Lernaufgaben und Übungen, die u.a. dem Prinzip der Binnendifferenzierung verpflichtet sind,
die Honorierung individueller Lernfortschritte,
Flexibilität bei der Unterrichtsdurchführung und sog. Lernzielvereinbarungen,
realistische und konstruktive Einschätzungen der Schülerleistungen,
eine differenzierte und transparente Rückmeldung über den erreichten Kenntnisstand für den Lernenden.
Kriterien für den Fremdsprachenunterricht Im fremdsprachlichen Klassenzimmer hängt die gute Lernatmosphäre vorrangig mit der Bereitschaft der Schülerinnen und Schüler zusammen, sich mit der Sprache und dem Land zu beschäftigen, und mit dem Einsatz der Lehrkraft, durch den Unterricht bei den Lernenden Freude am Lernen des Italienischen zu wecken. Einen wesentlichen Anteil haben daran Erfolgserlebnisse beim Spracherwerb. Sie nehmen mit der Sicherheit im Umgang mit der Fremdsprache zu, die wiederum durch das Anwachsen der semantischen, phonologischen, syntaktischen und pragmatischen Kenntnisse der Schülerinnen und Schülern (intelligenza linguistica, vgl. Torresan 2007, 320) erreicht wird. Eine gute Lernatmosphäre entsteht außerdem, wenn sich die Lernenden ernst genommen fühlen und sie Gelegenheit haben, weitgehend in einem ihnen entgegenkommenden Tempo zu lernen. Dazu eignen sich in erster Linie Angebote zur Individualisierung des Lernens bzw. zur Binnendifferenzierung (vgl. Einheit 13).
SprachlernstrategienDie Lernbereitschaft, die SprachlernfähigkeitSprachlernfähigkeit und das Selbstvertrauen in die eigene sprachliche Kompetenz der Schülerinnen und Schüler erhöhen sich maßgeblich durch die Hinführung zu größerer Selbständigkeit im Lernen. Aufgabe der Lehrkraft ist es, die Eigenständigkeit zu intensivieren, z.B. durch das Vorstellen von LernstrategienLernstrategien (zur terminologischen Trennung von Strategien und Techniken vgl. z.B. Martinez 2016), die sich an verschiedenen LernertypLernertypen orientieren.
Moderne Lehrwerke geben in der Regel zahlreiche Tipps zur Festigung von Vokabeln, von grammatischen Phänomenen, zur Bewältigung von Hörverstehensaufgaben oder zur Organisation und Bewusstwerdung des Lernvorgangs. Das Spektrum der Strategien und Techniken wird in Tabelle 6.1 veranschaulicht.
| Appunto 1 | Appunto 2 | Appunto 3 |
| unbekanntes Vokabular erschließen, Tipps zum Hörverstehen, Wörter vernetzt lernen | informarsi: fare ricerche; presentare i risultati; preparare un viaggio in Italia; prenotare un albergo; scrivere una lettera; leggere e capire un testo italiano; leggere e capire testi letterari | discutere; leggere e capire globalmente; il dizionario monolingue; Sprachmittlung; espressioni utili |
| In piazza | In piazza 1 | In piazza 2 |
| Lerntyp herausfinden; la pronuncia della «r»; Hörverstehen; Leseverstehen; lettura; esprimersi senza conoscere la parola esatta; fare il ritratto di una persona; l’analisi del testo; leggere e capire; scrivere una domanda; espressioni utili | imparare a studiare; fare una mappa concettuale; usare il dizionario online; leggere, ascoltare, parlare, scrivere, mediazione. | per capire parole nuove; leggere una pagella italiana; capire un documento audito; descrivere una persona; parlare della scuola; commentare; parlare di musica; parlare di una canzone; esprimersi senza conoscere la parola esatta; esprimere il proprio parere; descrivere una foto/ un disegno/ un quadro/ un’immagine; parlare di un film; presentare un libro in classe; scrivere una lettera, un’e-mail; scrivere una lettera di motivazione; caratterizzare una persona; espressioni utili per l’analisi letteraria; cos’è una mediazione? |
Tab. 6.1
Bandbreite der vorgeschlagenen Lernstrategien und -techniken in Appunto 1–3 (Jäger / Mörl 2006-2008), in In piazza (Schmiel / Stöckle 2003) und in In piazza 1–2 (Schmiel / Stöckle 2012-2013) nach Michler 2014, 195ff.
FrustrationsabbauFrustrationen hemmen nachweisbar die Bereitschaft zu lernen. Sie können u.a. dadurch entstehen, dass die Lernenden einer Fremdsprache in der Lage sein müssen, alles, was sie einmal gelernt haben, jederzeit abzurufen. Ausreichende Wiederholungsphasen und Angebote zur regelmäßigen Reaktivierung früher erworbener Kenntnisse gehören also genauso zum erfolgreichen Fremdsprachenunterricht wie genügend Zeit zum Fixieren neuer Lerninhalte. Eine steile ProgressionProgression ist zwar im Italienischen, das normalerweise als dritte oder spätbeginnende Fremdsprache unterrichtet wird, leichter möglich als bei der ersten oder zweiten Fremdsprache, doch ist auch hier Augenmaß notwendig, um Misserfolge möglichst gering zu halten. Anknüpfungsmöglichkeiten an bereits Bekanntes helfen, schwierige Situationen zu entspannen.
Pubertätsbedingte ProblemeEine Herausforderung für den Italienischunterricht, der an vielen Schulen in der 8. oder 9. Jahrgangsstufe beginnt, ist der Abbau von SprechangstSprechangst. Pubertätsbedingt vergrößert sich bei Heranwachsenden die Hemmschwelle, sich in der Fremdsprache vor der Klasse zu exponieren, so dass die freiwillige aktive Teilnahme am Unterricht zurückgeht. Die Scheu kann überwunden werden, wenn eine relativ hohe Fehlertoleranz die Schülerinnen und Schüler bei den Schwierigkeiten der fremdsprachlichen Kommunikation entlastet. Kommt der Italienischunterricht außerdem ihren Kommunikationsbedürfnissen entgegen und bindet Themen ein, für die sich viele der Jugendlichen interessieren (z.B. Jugendsprache, Lebensverhältnisse italienischer Jugendlicher, sportliche oder musikalische Veranstaltungen), erhöht sich die Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf Italienisch zu artikulieren.
Anregungen für den UnterrichtZum Gelingen einer guten Lernatmosphäre trägt bei, wenn die Lehrkraft die Vorteile verdeutlicht, die der Erwerb von kommunikativer Kompetenz im Italienischen für außerschulische Lebensbereiche mit sich bringt. Demonstriert werden kann der Nutzen u.a. in Rollenspielen (z.B. ein Tourist in Rom erkundigt sich nach dem Weg zu bestimmten Sehenswürdigkeiten), bei Diskussionen mit Rollenkärtchen (z.B. zwischen einer italienischen Polizeihostess und einem Deutschen wegen Falschparkens), bei der Konzeption und Organisation einer Klassenreise nach Florenz, bei der Gestaltung einer mehrseitigen italienischen Beilage zur Schülerzeitung u.v.a.m.
Werden die Schülerinnen und Schüler außerdem mit aktuellen Materialien konfrontiert, die ihnen Land und Sprache nahebringen, hat dies einen förderlichen Einfluss auf die Lernsituation.
Methodische Verfahren, die das Lernen positiv beeinflussen und einen hohen Anteil am Erfolg des Unterrichts haben, sind flexible, offene Lernformen und Aufgabenformate, durch die die sog. individuellen Lernervariablen (vgl. Einheit 13) in den Unterricht einfließen können und die Flexibilität und Kreativität des einzelnen Lerners anregen.
6.2 | Unterrichtssprache
Reversibilität der UnterrichtsspracheIn der Anfangsphase des Italienischunterrichts werden Grundlagen der kommunikativen Kompetenz gelegt. Um speziell auf dieser Lernstufe Frustrationserlebnisse bei den Schülern wegen sprachlicher Unsicherheiten und Unklarheiten zu vermeiden, ist darauf zu achten, dass die Unterrichtssprache reversibelreversibel ist, d.h. dass die Schüler die Anweisungen und Kommentare des Lehrers verstehen können. Für die Lehrkraft ist dies gerade im Anfangsunterricht, in dem die Lernenden nur über geringe Kenntnisse in Wortschatz und Grammatik verfügen, eine Herausforderung.
absolute vs. aufgeklärte EinsprachigkeitDie Frage der Unterrichtssprache im Fremdsprachenunterricht wird je nach didaktisch-methodischem Schwerpunkt unterschiedlich beantwortet. Bis weit ins 19. Jahrhundert war wegen des Gewichts, das auf grammatischen Erläuterungen und Übersetzungsübungen lag, für Erklärungen und Anweisungen im Unterricht nicht die zu erlernende Fremdsprache, sondern das Deutsche als Muttersprache der Mehrheit der Lernenden vorherrschend. Viëtors Streitschrift „Der Sprachunterricht muß umkehren“ von 1882 (vgl. Einheit 4) leitete eine Veränderung hin zur Ausklammerung des Deutschen als Unterrichtssprache ein. Die Forderung nach sog. absoluter Einsprachigkeit, d.h. dem ausschließlichen Gebrauch der Fremdsprache im Unterricht, hält sich mehr oder weniger konstant bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts (vgl. Einheit 4) – zumindest theoretisch, denn inwieweit die absolute EinsprachigkeitEinsprachigkeit in der Praxis tatsächlich eingehalten wurde, lässt sich schwer sagen.
Zweifelsohne bringt die absolute Einsprachigkeit gemäß dem Diktum Loqui loquendo discitur Vorteile für die kommunikative Kompetenz. Doch führt die unbedingte Konzentration auf das Italienische – abgesehen von der möglichen Zurückhaltung der Schüler bei der Sprachverwendung – beispielsweise bei der Semantisierung nicht selten zu Künstlichkeit und hohem Zeitaufwand sowie zu Verständnisschwierigkeiten bei der Erklärung mancher sprachlicher Phänomene.
Fußend auf Forschungsergebnissen u.a. zum Sprachverhalten bilingualer Kinderbilinguale Kinder konnten sich in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Forderungen der Befürworter eines Nebeneinanders von Fremd- und Muttersprache (z.B. bei der Grammatikerklärung oder Textverständniskontrolle) immer mehr durchsetzen, so dass seit geraumer Zeit der Gebrauch des Deutschen in didaktisch begründeten Fällen akzeptiert wird. Bilinguale Kinder können durch das sog. Code-SwitchingCode-Switchingproblemlos zwischen zwei Sprachsystemen wechseln und Lücken, die sie in einem Sprachsystem haben, durch den – bewussten – Wechsel in das andere Sprachsystem ausgleichen, so dass teilweise in einem Satz zwei Sprachen gemischt werden (Beispiel: Heute Abend vado ad un concerto).
Vorreiter der sog. aufgeklärten Einsprachigkeit ist Wolfgang Butzkamm. Da die Muttersprache ohnehin „unaufgefordert“ beim Sprachenlernen mitwirke, plädiert er dafür, die Muttersprache als Lernhilfe einzusetzen (Butzkamm 1990) und die Neueinführung von fremdsprachlichen Redemitteln und Konstruktionen durch die sog. „Sandwich-Technik“ zu erleichtern. Im Detail bedeutet dies, dass der neue fremdsprachliche Ausdruck – Butzkamm bezieht sich auf das Englische – zunächst in der Fremdsprache artikuliert, dann leise übersetzt und anschließend noch einmal in der Fremdsprache wiederholt wird. Ein auf das Italienische übertragenes Muster wäre: Artikulation auf Italienisch z.B. Ce l’hai fatta – leise Übersetzung Du hast es geschafft! – Wiederholung auf Italienisch Ce l’hai fatta! Als bedeutenden Vorteil führt Butzkamm an, dass durch die sog. muttersprachliche Spiegelung grammatische Erklärungen weitgehend überflüssig werden (Butzkamm 1989, 183f.). Durch die Gegenüberstellung wird die vom Deutschen abweichende Satzstellung in der Fremdsprache verdeutlicht. So macht beispielsweise Wir müssen diesen Film sehen – Dobbiamo vedere questo film klar, dass das direkte Objekt im Italienischen nach Modalverb und Infinitiv steht, während im Deutschen das Akkusativobjekt von den beiden Verben umrahmt wird. Das Verstehen des Gesagten (functional understanding / decoding) und das Verstehen der Struktur (structural understanding / codebreaking) sind nach Butzkamm Voraussetzungen für die Bildung selbständiger Sätze.
Der Einsatz des Deutschen im Sinne der aufgeklärten Einsprachigkeit (vgl. Butzkamm 1973) sichert also das Verständnis durch die Lernenden und führt zu einer stressfreien Lernatmosphäre (vgl. Butzkamm 2004, 273–283, bes. 278f.). Dies gilt in besonderem Maß, wenn im Anfangsunterricht das Deutsche als Metasprache bei komplexeren grammatikalischen Zusammenhängen verwendet wird. Durch die aufgeklärte Einsprachigkeit mindert sich die Angst der Schülerinnen und Schüler, sich in der Fremdsprache nicht angemessen ausdrücken zu können, und erhöht ihre Beteiligung am Unterrichtsgeschehen.
Forderung nach Einsprachigkeit in RichtlinienTrotz der inzwischen fast durchgängigen Akzeptanz der aufgeklärten Einsprachigkeit durch Wissenschaftler und Praktiker beharren viele Lehrpläne nach wie vor auf dem Dogma des einsprachigen Unterrichts. Das bayerische Fachprofil Moderne Fremdsprachen legt unter „1.3 Wesensmerkmale des Unterrichts in den Modernen Fremdsprachen“ fest, dass von Beginn an das Prinzip der Einsprachigkeit beibehalten werden soll:
Der Unterricht in der jeweiligen Fremdsprache folgt mit Ausnahme der distanten Sprachen (Chinesisch, Japanisch, Türkisch) von Beginn an dem Prinzip der Einsprachigkeit. Um Gespräche im Klassenzimmer verstehen und sich in angemessener Weise daran beteiligen zu können, ist es notwendig, dass die Schülerinnen und Schüler vom ersten Lernjahr an über die dafür notwendigen Redemittel verfügen. Die Lernenden erleben so die Fremdsprache als Kommunikationsmittel im Unterricht und im Schulleben, … (https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachprofil/gymnasium/italienisch/auspraegung/moderne%20fremdsprachen; Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) 2019; 21.05.2019).
Die Vorgaben anderer Bundesländer sind weniger kategorisch. Der Lehrplan des Saarlandes fordert einen weitgehend einsprachig geführten Unterricht (www.saarland.de/dokumente/thema_bildung/IT3-GOS-Feb2008.pdf, 8; 24.07.2018).
Im Lehrplan Hessen heißt es abgeschwächt: „Unterrichtssprache ist von Beginn an Italienisch. In besonderen Fällen, bei landeskundlichen Erörterungen oder differenzierten Sprachreflexionen kann auf die Muttersprache zurückgegriffen werden“(https://kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/go-italienisch.pdf, 4; 24.07.2018).
Auch in NRW zeigt man sich offen für die aufgeklärte Einsprachigkeit:
Der Unterricht erfolgt grundsätzlich in italienischer Sprache. Die kurzfristige Verwendung der deutschen Sprache ist im Sinne einer funktionalen Einsprachigkeit möglich, wenn dies die lernökonomische Bilanz erhöht. (www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/lehrplannavigator-s-ii/gymnasiale-oberstufe/italienisch/hinweise-und-beispiele/schulinterner-lehrplan/schulinterner-lehrplan-italienisch.html; 24.07.2018).
6.3 | Bilingualer Sachfachunterricht
Begriff Bilingualer SachfachunterrichtIm Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 17.10.2013 wird bilingualer Unterricht wie folgt definiert:
Unter bilingualem Unterricht wird in den deutschen Ländern grundsätzlich ein Fachunterricht in den nicht-sprachlichen Fächern verstanden, in dem überwiegend eine Fremdsprache für den fachlichen Diskurs verwendet wird. […] Bilingualer Unterricht wird von Lehrkräften des Sachfachs erteilt. Ein bilingual unterrichtetes Fach wird in der Regel in einer Fremdsprache und, zumindest zu Beginn, phasenweise oder gegebenenfalls auch in einer ergänzenden Stunde zur Absicherung des Verständnisses und des Fachwortschatzes, in der Sprache des Landes unterrichtet. (www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2013/201_10_17-Konzepte-bilingualer-Unterricht.pdf, 3; 27.07.2018).
Ein anderer Begriff für bilingualen Unterricht ist Content and Language Integrated Learning (CLIL). Die Abkürzung steht für einen Bildungsansatz im Rahmen des fach- und sprachenintegrierten Lernens (vgl. www.goethe.de/de/spr/mag/20879807.html; 27.07.2018).
involvierte SchulfächerAls geeignet werden neben Geografie und Kunst vor allem die MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik eingestuft (www.goethe.de/de/spr/unt/kum/clg.html; 27.07.2018). In Deutschland wird bilingualer Sachfachunterricht hauptsächlich in den Schulsprachen Englisch und Französisch für die Sachfächer Geschichte, Geographie und Politik angeboten, allerdings finden sich auch Studien zu bilingualem Biologieunterricht (z.B. Wild 2018) oder auch zu bilingualem Sportunterricht (z.B. Thiele 2010).
Bilingualer Sachfachunterricht auf der Basis des Italienischen ist bislang relativ selten. Ein Modellversuch des bayerischen Kultusministeriums läuft z.B. seit dem Schuljahr 1995 / 96 am Gymnasium Bad Aibling durchgängig in den Klassen 8 bis 10 (www.gymnasium-bad-aibling.de/faecher/sprachen/italienisch/bilingualer-unterricht/; 27.07.2018). Am Rupprecht-Gymnasium München und seit dem Schuljahr 2018/2019 am Behaim-Gymnasium Nürnberg gibt es jeweils eine „Sezione italiana“, bei der, mit Unterstützung vom italienischen Staat entsandter Lehrkräfte, bilingualer Unterricht nicht nur zum bayerischen Abitur, sondern auch zu einer italienischen Hochschulzugangsberechtigung führt. Weiterhin gibt es in München die private zweisprachige Scuola Leonardo da Vinci, deren gymnasialer Zweig inzwischen bis in den Bereich der Mittelstufe ausgebaut ist.
Auch das Frankfurter Freiherr-vom-Stein-Gymnasium bietet bilingualen Sachfachunterricht auf Italienisch an. Dort unterrichten zwei Lehrer in zwei Unterrichtsfächern als Tandem, d.h.
eine italienische und eine deutsche Lehrkraft, die jeweils nur die eigene Sprache gebrauchen. Die Kinder sitzen nach ihren Kompetenzen und Voraussetzungen ebenfalls in Tandems, um sich gegenseitig zu unterstützen, denn sie müssen zweisprachig reagieren. Diese Tandemfächer sind Deutsch/Italienisch (Sprache und Literatur) und Mathematik. (https://freiherr-vom-stein.de/international/bilingualer-unterricht/; 27.07.2018).
In Nordrhein-Westfalen gibt es ebenfalls einige Schulen mit bilingualem Unterricht auf Italienisch (vgl. Liste aller für bilingualen Unterricht ausgewiesenen Schulen unter www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulsystem/Unterricht/Lernbereiche-und-Faecher/Fremdsprachen/Bilingualer-Unterricht/A_Schulen.pdf; 27.07.2018). Außerdem sind bilinguale Modelle ab der Grundschule in Hamburg oder auch das Modell der Staatlichen Europaschule Berlin (SESB) mit seiner italienischen Sektion zu erwähnen.
Bedingungen Die Schulen stehen dem bilingualen Unterricht unterschiedlich aufgeschlossen gegenüber, denn er verlangt einen gewissen organisatorischen Aufwand, insbesondere im Bereich der Stundenplangestaltung wegen der Zusatzstunden am Nachmittag. Das Interesse am bilingualen Unterricht ist bei der Elternschaft grundsätzlich hoch, doch ist die Realisierung oftmals durch organisatorische Hürden blockiert. Lehrkräfte müssen neben ihrer Sachfachkompetenz nämlich auch über sprachliche Kompetenz verfügen. Da die Fächerkombinationen eingeschränkt sind (vgl. Einheit 2), finden sich nicht immer genügend Lehrerinnen und Lehrer, die die notwendigen fachlichen Voraussetzungen vorweisen können.
Probleme und Anreize für LernendeProbleme können sich im bilingualen Sachfachunterricht bei der Bewertung der Leistungen ergeben, da sprachliche Defizite auch die inhaltliche Leistung im Sachfach beeinträchtigen können. Die Vorteile des Unterrichts eines Sachfachs in einer Fremdsprache überwiegen jedoch eindeutig (vgl. z.B. Beiträge in Bach / Niemeier 2000; Wode 1994).
Zu nennen sind in erster Linie der Aufbau von Mehrsprachigkeit und der Zuwachs im interkulturellen Lernen, z.B. wenn es um die Darstellung und Diskussion politisch-historischer Gegebenheiten in der Fremdsprache geht (beispielweise das Lesen von Texten zur spedizione dei Mille). Zudem wachsen mit dem erhöhten Input in der Fremdsprache die Sprachkenntnisse, kommunikative Fertigkeiten (v.a. Hörverstehen) und die Motivation, sich mit der Sprache auseinanderzusetzen. Auch die verschiedenen Sprachlernstrategien können vertieft werden.
PerspektivenBilingualer Sachfachunterricht wird von Seiten der Kultur- und Schulpolitik unterstützt. Bilinguale Angebote sind also vorhanden (vgl. z.B. Christ / Schmelter 2016). Für einen tatsächlichen Ausbau bilingualer Zweige muss allerdings die Ausbildung der bilingual Unterrichtenden deutlich vorangetrieben werden, einerseits durch die Lockerung der möglichen Fächerkombinationen, andererseits durch das Angebot einer speziellen Ausbildung und die Entwicklung einer Didaktik bilingual unterrichteter Sachfächer. Auch für den bilingualen Sachfachunterricht konzipierte Lehrwerke sind ein dringendes Desiderat.
Zusammenfassung Eine gute Lernatmosphäre entsteht durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren, für die Lehrkräfte und Schüler gleichermaßen Verantwortung tragen: respektvoller Umgang miteinander, Differenzierung und Beteiligung aller nach Schwierigkeitsgrad, methodische Abwechslung, realistische Zielsetzungen, und eine inhaltlich bildende und die Interessen der Jugendlichen aufgreifende Arbeit im Unterricht. Bilingualer Sachfachunterricht kann die Mehrsprachigkeit der Jugendlichen entscheidend vorantreiben, doch bedarf es weiterer institutioneller Anstrengungen.
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