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Ein humorvoller Unterhaltungsroman von Christiane Wagner

Götter

sind auch nur Männer


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d­nb.de abrufbar.

ISBN 9783943172133

Die Autorin:

Christiane Wagner, geboren 1970 in Mannheim, besuchte zunächst eine Klosterschule für Mädchen, bevor sie im Alter von 15 Jahren nach Baden­Baden umzog. Erste Gehversuche im Radiojournalismus machte sie im damaligen SWF, wo sie unter der Leitung von Ernst Ebel an zahlreichen Sendungen für junge Hörer beteiligt war. Parallel erschienen ihre ersten Zeitungsartikel.

Mitten in ihrem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Heidelberg wird sie durch einen Zufall von der Münchner Regisseurin Dagmar Damek in einem Fernsehfilm besetzt und absolviert anschließend ihre Schauspielausbildung in München. Ihre Engagements führen sie an die Badische Landesbühne, die Vereinigten Bühnen Bozen, ans Volkstheater in München, ans Schauspielhaus Salzburg und seit 2001 regelmäßig nach Bern. Sie hat ihn zahlreichen Fernsehserien mitgewirkt und lebt heute in Berlin.

Internet: www.christianewagner.com

© 2012 MARLON

Ein Imprint der Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

www.marlon­-verlag.de

Autor und Verlag haben dieses Buch sorgfältig geprüft. Für eventuelle Fehler kann den­ noch keine Gewähr übernommen werden. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheber­rechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der gesetzlich geregelten Fälle muss vom Verlag schriftlich genehmigt werden.

Lektorat: Otmar Fischer, Münster

Umschlag: BrendowPrintMedien, Moers

Satz: BrendowPrintMedien, Moers

1. digitale Auflage 2013: Zeilenwert GmbH

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

1

Solange man Eltern hat, bleibt man Kind. Auch wenn man 34 ist, längst in einer anderen Stadt wohnt, eigene Probleme hat und immer noch als Single durch die Straßen läuft. Keine Hand, die die eigene wärmt, keine Einladungen bei Kerzenschein, keiner, der die Miete teilt, über zu hohe Telefonrechnungen schimpft oder einen einfach schwängert, weil es mit der Karriere immer noch nicht klappt. Keine Ausrede weit und breit.

In solchen hoffnungslosen Momenten hilft nur noch die Flucht zurück ins Nest der Vergangenheit zu Mama. Ein Wochenende zu Hause.

Ändern wird diese Flucht nichts. Ich werde auch in Zukunft keinen Mann dadurch anziehen, und mein gestrichener Dispokredit wird nicht zu mir zurückkommen. Letzteres ist im Moment mein Hauptproblem. Keine Lösung weit und breit.

Das Einzige, was mich noch vor meinem finanziellen Niedergang retten kann, ist mein Glaube. In diesem Punkt habe ich wirklich Hoffnung, denn wenn man etwas in meinem Job gelernt hat, dann ist das die tiefe Kraft des Glaubens.

Dieser Beruf ist nützlich wie ein Allzweckreiniger, für den ich überzeugend werben würde, und so hoffnungsvoll wie die Serienrolle, in der ich mich bald glücklich spielen sah – als erfolgreiche Schauspielerin.

Während Deutschland den Superstar sucht, verbringe ich die meiste Zeit genauso erfolglos mit Werbecastings. Für die Besetzung von Serien oder Filmen werde ich leider selten eingeladen. Deshalb bemühe ich mich, meinem beruflichen Leben einen finanziellen Boden zu geben, indem ich wenigstens einmal die Calgon-Frau sein könnte oder mit einer Waschmittelwerbung das große Geld verdiene. Eine Art Berufsprostitution für saubere Wäsche und kalkfreie Spülmaschinen.

Werbung macht man nicht für den Ruhm, sondern wegen der Gage. Der Ablauf eines Castings ist immer gleich, die Sätze des Besetzungspersonals jedes Mal ähnlich. Gerade vor ein paar Tagen war es wieder so weit. Ein Käse-Casting in München-Schwabing. Ich liebe Käse!

Der Caster begrüßte mich routiniert freundlich und begann sofort mit der üblichen Einweisung mit leichter bayrischer Klangfärbung – das wirkte immer besonders beruhigend.

„So, äh Hannah, jetzt erzäihst uns a’ bissl wos von dir, vielleicht was d´ grad so machst, dann zoagst der Kamera dei Profil, de Händ und donoch back ma´s, ois glar?“

„Ja, ja klar, alles klar!“, entgegnete ich professionell.

Dann sprach ich freudig, mit bühnenerprobter Stimme und mit einem charmanten Strahlen im Gesicht direkt in die Kamera: „Hallo, ich heiße Hannah Eichhorn, bin seit acht Jahren Schauspielerin und lebe hier in München …“

In diesem Moment gab es keine Probleme mehr in meinem Leben. Ich kam nur in dieses kleine, unwichtige Casting-Büro, weil ich für das Produkt auserwählt war. Doch dann passierte es, wie es immer passiert, mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks. Mein innerer Kritiker wurde langsam wach. Dadurch sprach ich beim nächsten Satz schon etwas leiser, um ihn nicht aufzuwecken.

„… bin vierundreißig Jahre alt …“

„Zu alt, zu alt!“, spottete die kritische Stimme in mir und übernahm hellwach das Kommando. Ich war ausgeliefert!

„… habe schon viel an Theatern gespielt …“

„Ha! Wenn die wüssten, auf was für schlecht besuchten Hinterhofbühnen du dich rumgetrieben hast, du Versagerin!“

Ich versuchte trotzdem, stark zu bleiben.

„Im Fernsehen war ich auch schon …“

„Klar! Sag ihnen, dass du nie über die Tagesrolle der Nachbarin und Sekretärin rausgekommen bist!“

„… klar … äh … das können Sie auch in meiner Vita lesen …“

„Sag schon, warum, komm, sieht doch jeder, und eine Kamera auch, weil du zu ...?“

„… tja, die Kamera sieht es bestimmt, auf den Hüften ein paar Kilos zu viel, Tendenz steigend, BMI unbekannt.“

„Dick bist! Genau. Deine Figur gehört versteckt und nicht vor einer Kamera gezeigt.“

„So, das war schon alles, glaube ich … äh … danke. Tschüß.“ Diesen Kritiker in mir hätte ich schon mehrfach umbringen können. Bei jedem Casting war er mein treuster Begleiter. Er war die sichere Garantie für Misserfolg. Einen Vorteil hatte es natürlich. Ich stand nach einem Casting nie allein auf der Straße. Dieser kritische Begleiter war immer an meiner Seite.

Wenn man rund dreißig erfolglose Castings hinter sich gebracht hat und zum 31. wieder geht, weil man den Job bekommen möchte, dann ist man eine echte Schauspielerin. Man hat gelernt zu hoffen, zu glauben und sich nach Erfolg zu sehnen.

Ich wusste, dass die Sehnsucht immer der Schatten des Wunsches ist. In meinem Fall wurde dieser Schatten immer länger.

Die Erfolglosigkeit hatte mich zu einem Wesen gemacht, nach dem sich die Männer nicht gerade den Hals verrenkten. Ich hatte seit Jahren kein Pfeifen mehr gehört. Noch nicht einmal letztes Jahr in Italien. Da war ich noch fünf Kilo schlanker. Trotzdem fand ich mich heute attraktiver. Meine Sehnsüchte umfassten die gesamte Hitliste aller gängigen Lebensziele: Liebe, Karriere und Geld.

Die Besetzer und Filmpartygänger hatten mich in der Vergangenheit nie bemerkt und würden es auch in der Zukunft nicht tun. Mein Frauentyp war kein Fall für die Besetzungscouch. Ich könnte mich ohne Bedenken und absichtlich vor einem Produzenten auf den Boden schmeißen und, Entschuldigung, die Beine breitmachen. Er würde entweder denken, ich sei eine engagierte Performance-Künstlerin und dazu da, ihm auf originelle Weise die Richtung zum Buffet besser zu erklären, oder dass meine hohen Absätze, bei stark gebauten Frauen wie mir, nur Unfälle verursachen könnten. Der Herr Produzent hätte keine Hintergedanken gehabt.

In einer solchen Situation hilft dir noch nicht einmal jemand, wieder auf die Beine zu kommen. Ab Größe 44 wird man einsamer.

Gott sei Dank brauche ich für meine Karriere weder einen Produzenten noch einen Regisseur, noch eine der vielen professionellen Besetzungs-Frauen. Nein. Mein Weg zum Film ist ein anderer. Für die Erfüllung meiner Wünsche bin ich bereit, ungewöhnliche Wege zu gehen.

Auch Gott hat seine eigene Besetzungsabteilung, und sie ist die größte. Der Film- und Fernsehgott wird mich erhören, und bald werde ich wieder einiges für ihn tun. Damit er mich bemerkt. Darüber darf ich erst kurz vor Vollmond sprechen. Da bin ich abergläubisch.

Für nächste Woche versprach der Kalender zunehmenden Mond. Doch jetzt stand das Wochenende ins Haus! An diesem Freitagnachmittag verspürte ich zunehmend Heimweh und musste wieder einmal nach Hause ins warme Nest.

Es war wie das Gefühl, dringend eine heiße Wanne für die eigene Seele nehmen zu müssen. Eine Badewanne ist etwas Besonderes. Sie wärmt, schützt vor der Welt, die man in ihr vergessen darf, und man hat immer die Möglichkeit, den Stöpsel zu ziehen.

Mein selbst beschlossener Auszug aus meinem Elternhaus war gleichzusetzen mit der Vertreibung aus dem finanziell abgesicherten Paradies. Dieser Einschnitt Richtung Erwachsenenleben lag zwölf Jahre zurück. So lange braucht man von der Geburt bis zum Eintritt in die Pubertät. An diesem Wochenende fühle ich mich höchstens so alt wie ein Teenager und bereite meine Flucht in die Heimat vor. Ich sammle meine gesamte Schmutzwäsche aus den Ecken zusammen, packe noch etwas Sauberes für den nächsten Tag ein und mache mich auf den Weg.

Ich wähle mein einzig mögliches Verkehrsmittel: die Deutsche Bahn! Seitdem ich letztes Jahr durch einen Unfall von meinem Auto getrennt wurde, kannte ich keinen Stau mehr, sondern nur noch Verspätungen.

Soziologisch betrachtet verbindet die Verspätung der Bahn die Reisenden miteinander. Schon nach der ersten Durchsage in die Abteile bilden sich kleine Leidensgemeinschaften, die sich spätestens jetzt über ihre Fahrziele austauschen. Schnell bildet sich eine Problemgruppe Anschlusszug, und an allem ist der gemeinsame Projektionsfeind schuld: die Deutsche Bahn.

Schwer beladen, aber überpünktlich verlasse ich meine Wohnabstellkammer, wie ich sie liebevoll nenne. München war schon immer teuer, aber liebenswert. Ich hatte mich in die heile Biergartenwelt und in alle mürrischen Bayern dieser Stadt verliebt.

Auch wenn ich in München mehr Miete zahlen musste als in jeder anderen Stadt Deutschlands. Es hatte natürlich auch berufliche Gründe. Schauspieler halten sich wie lauernde Katzen vor Mäuselöchern auf.

In den Großstädten Deutschlands sind die meisten potentiellen Arbeitsgeber-Mäuse zu finden. Ich hatte mich für das südlichste Mauseloch entschieden und wartete mit Tausenden anderer hungriger Katzen auf die Beute in Form von Drehtagen.

Mein Wohn- und Jagdrevier war schon seit Jahren Neuhausen. Eines der schönsten Wohngebiete meines Herzens. Zum Glück muss ich mein Gepäck nicht weit schleppen. Die U-Bahn-Station Rotkreuzplatz liegt nur drei Minuten von meiner Wohnung entfernt.

Der Zug, den ich mir ausgesucht habe, fährt ab München um 17.28 Uhr. Als ich die Rolltreppe zur U-Bahn hinunterfahre, fällt mein Blick auf die Uhr. Eigentlich müsste gerade jetzt die U-Bahn einfahren, und ich würde sie in diesem Moment verpassen. Es ist genau 17 Uhr, und die Bahnen fahren alle zehn Minuten. Nur in der Rushhour ist alles anders.

Da ich eine unstetig beschäftigte Schauspielerin bin, muss ich mich mit diesen Fahrplanverschiebungen nicht auskennen. Ich nehme in diesem Moment zehn Minuten gemütliche Wartezeit samt meinem Gepäck auf dem zugigen Bahngleis in Kauf.

Schließlich bin ich früh dran. Man fährt nur sieben Minuten von meiner Haltestelle am Rotkreuzplatz bis zum Münchner Hauptbahnhof. Es ist noch so viel Zeit, dass ich nicht einmal die Rolltreppen hinunterstürzen muss, um die U-Bahn zu erreichen.

Da könnte ich sogar noch die nächste Bahn durchlassen und denke kühn über den Kauf einer Frauenzeitschrift am Kiosk nach.

Nach meinem letzten Anfall von Frauenzeitschriftkauf war ich so enttäuscht, dass ich mit dem Geld genauso gut zu McDonald’s hätte gehen können. Man wird bei beiden eine unnötige Summe Geld los und fühlt sich danach vollkommen leer.

Ich lasse lieber den Kiosk im Zwischengeschoss links liegen, nehme aber diesmal die Treppe zum Gleis. Das baut Kalorien ab und gehört bestimmt zu den 1000 Tipps „Wie Sie Kalorien erfolgreich im Alltag verbrauchen“.

Kaum bin ich angekommen, fährt schon wieder eine U-Bahn ein. „Na so was, zwei nach?“, sage ich verwundert zu mir selbst.

„Rushhour!“, informiert mich eine junge Frau mit dynamischem Lächeln. Ich nicke ihr dankbar zu und stelle mich zwischen die „Ich arbeite bis fünf“-Leute. Wie die es immer bis zwei nach bis zur U-Bahn schaffen?

Wir sind eine beträchtliche Gruppe von zirka 55 einsteigenden Leuten, und die Bahn ist schon gut besetzt. Rushhour eben. Die Türen öffnen sich, und ich zwänge mich mit meinen Reisetaschen in den Wagen. Dabei brauche ich ungefähr den Platz, den normalerweise eine Mutter mit zwei kleinen Kindern benötigt. Mit 34 bin ich immerhin im richtigen Alter.

Meine Gepäck-Gedanken werden sofort von der Stimme des Zugführers jäh unterbrochen, der über seine viel zu laut eingestellten Lautsprecher eine Auskunft gibt, die in mir kein Freudenfeuer entfacht: „Die Weiterfahrt verzögert sich wegen eines Unfalls am Bahnhof um ungewisse Zeit.“

Jetzt weiß ich wenigstens, warum mich meine Intuition so früh aus dem Haus getrieben hat. Bleib ruhig, sag ich mir. Keine Frauenzeitschrift gekauft, keine Bahn durchgelassen, du hast Zeit.

Die zeternde Rentnerin neben mir anscheinend nicht. Sie macht sich umgehend mit einem Pulk gleichgesinnter Mitstreiter auf zum Zugführer, der selbst ahnungslos ist. „Was war’n des für a Unfoi?“, höre ich sie neugierig fragen.

„Schade“, denke ich mir, dass wir nicht aktuelle Bilder auf dem Video-Beamer schauen können. Dieses „U-Bahn-Kino“ informiert die wartende Masse an jeder Haltestelle mit kleinen Häppchen kurioser Nachrichten und Boulevardwahnsinns.

Da wäre doch auch Platz für die ersten Bilder vom Bahnhofunglück, für die voyeuristische Masse. Und der gute Zugführer vergießt noch nicht einmal einen Tropfen Blut in seiner Antwort. „Mei, wie schad.“

Abgesehen davon geht es weiter, und die neugierige Alte muss schauen, dass sie sich samt ihrem Pulk wieder in die U-Bahn packt.

Bei den nächsten Haltestellen füllen sich die Abteile so stark, dass ich Mitgefühl mit Tiertransporten bekomme.

Die nächste Station ist zum Glück meine: Hauptbahnhof.

Ich werde auf einer Woge flüchtender Menschen nach draußen getragen, eile im Laufschritt und mit ansteigendem Puls die Rolltreppe nach oben zur Bahnhofshalle. Dort erwarten mich schon die üblichen Freitagnachmittagsschlangen vor den Schaltern, die ich auf mindestens 15 Minuten Wartezeit einschätze.

Jetzt kann nur noch der „Maschinenkollege“ helfen. Ich steuere entschieden auf einen freien Fahrkartenautomaten zu, auf dessen Tastenfeld schon Hunderte Reisende verzweifelt geschlagen oder herumgeschmiert haben. Und das in der Hochsaison der Grippe!

Konzentration. Es geht los. Expresskauf und ein ruhiger Zeigefinger sind eine sichere Bank für eine 2-Minuten-Fahrkarte. Keine Reservierung, jetzt bloß nicht „electronic-cash“ mit „Geldkarte“ verwechseln, den Magnetstreifen, der sich unbedingt rechts unten befinden muss, schön gleichmäßig einführen. So.

Die Geheimzahl eingeben – geschafft! Karte akzeptiert, im Fahrkartenfach blinkt es schon.

Ich suche schnell nach einer genauen Uhrzeit, mein Blick fällt zurück auf das Fahrkartendisplay. Abfahrt des gewählten Zuges ist 17:28 Uhr, und es ist 17:28 Uhr, wie ich unten rechts bei der Zeitangabe der Bahn lesen kann.

Ein Griff ins Fahrkartenfach, Fahrschein raus, rennen und auf die Verspätung der Deutschen Bahn vertrauen. Das verbrennt Kalorien. Oder sind Sie schon mal mit 12-Kilo-Hanteln durch ihren Gymnastikraum gerannt, und das mit 20 bis 30 Leuten?

Ausweichen muss man übrigens auch noch. Da tut man sogar noch etwas fürs Koordinationsvermögen, wenn man nicht unnötige Bekanntschaften schließen will. Die Welt ist ein einziges Fitnesscenter.

Ich werde bei meinem Sturm aufs Gleis vom männlichen Reinigungspersonal angefeuert und werde belohnt: fünf Minuten Verspätung. Ein unerwarteter Erfolg an diesem Tag.

Ich renne an orientierungslosen Fahrgästen vorbei, lasse die Erste-Klasse-Wagons in Bestzeit neben mir liegen, verbrenne die nächsten 124 Kalorien und steige hinter dem ICE-Bistro in Wagen Nummer neun ein. Geschafft! Im Großraumabteil gibt es sogar noch Platz.

Ich sinke dezent schwitzend, aber in Siegerlaune, in meinen „Ich hab ja noch so viel Zeit“-Sessel. Das Leben kann so schön sein, auch wenn ich kurzatmig geworden bin. Keine Kinder im Großraumwagen, große Behindertentoilette auf dem Gang – diese Fahrt kündigt sich vielversprechend an.

Wenn ich erst einmal zu Hause, im Paradies, angekommen bin, werde ich meine mühsam verbrannten Kalorien wieder ohne schlechtes Gewissen aufstocken und meine Seele mit einem Schokoladenkuchen nach Art des Hauses trösten. Mit Schlagsahne.

„Die Fohrkoarten bitte!“ Der Schaffner nimmt mir meinen hektisch zerknitterten Fahrschein, der mittlerweile wie von letzter Woche aussieht, aus der Hand.

„Woos is denn dees?“

Aufgeschreckt schaue ich auf den Fetzen, den der Schaffner gerade infrage stellt. Erleichtert stelle ich fest, dass es sich wirklich um den Zettel aus dem Automaten handelt.

Im nächsten Augenblick schaue ich genauer hin. Was macht denn meine Kontonummer auf dem Fahrschein?

„Junge Frau, des is Ihr Abbuchungsbeleg. I brauch a Fohrkoarten!“

„Ja, ja, Moment.“ Ich krame aufgeregt in meiner Handtasche, um Zeit zu gewinnen. Ein paar Gedanken später finde ich die Lösung in meiner Erinnerung. Dort taucht der schemenhafte Hinweis des Fahrkartenautomaten auf. „Es werden zwei Belege gedruckt.“

Zwei! Eine 50:50-Chance, die ich verloren habe. Typisch für mich!

Mein Fahrschein wartet wahrscheinlich immer noch vergeblich im Automatenfach beim „Maschinenkollegen“ am Münchner Hauptbahnhof.

„O nein!“, entfährt es mir im ehrlichsten Ton der Verzweiflung.

Jetzt kann ich mich nicht mehr fragen: „Was is dees?“ und die hilflose Frau spielen.

„Aber Sie sehen doch, dass ich die Fahrkarte gezahlt habe.“ Meine spärliche weibliche Hilflosigkeit kann den gut fünfzig Jahre alten „Ich mach hier nur meine Arbeit“-Schaffner nicht überzeugen.

„Ober i brauch a Foahrkoartn, junge Frau.“

Der Zug muss aus Österreich kommen. Meine Chancen stehen gerade ganz schlecht. Keiner der konzentriert lauschenden Fahrgäste kommt mir in diesem Augenblick zur Hilfe. Um mich herum sitzt scheinbar ein lebendiges Wachsfigurenkabinett. Jetzt wären doch Kinder, so ab acht, gut gewesen. Die hätten etwas gesagt.

Es bleibt mir keine andere Wahl. Ich ziehe langsam, keine Waffe, aber meinen Geldbeutel aus der Tasche und zahle noch einmal: 66 Euro.

Es trifft ja keine Arme.

„So ein Kaiserschmarrn!“, murmele ich wütend und stelle mir den Sitz in eine angenehmere Liegeposition. Langsam versuche ich mich wieder zu beruhigen. Immerhin bin ich noch 34, und es ist erst Mitte März. Das Jahr ist noch jung.

Trotzdem bin ich immer noch ohne neuen Job, und es gibt nicht einmal die Hoffnung auf einen Drehtag. Noch nicht einmal eine Einladung zu einem Werbecasting ist in Aussicht.

Kein Wunder, denn ich wollte ja unbedingt Schauspielerin werden.

Immerhin soll es uns noch besser gehen als den Journalisten und den Soziologen. Übrigens sind dies alles Berufe, die ich vor der Schauspielerei ins Auge gefasst habe. Meine Wahl war demnach die aussichtsreichste. Statistisch gesehen.

Kurz vor halb neun werde ich aus meinen Träumen gerissen.

„In wenigen Minuten fahren wir in Mannheim Hauptbahnhof ein. Zugführer Emil Jansen und sein Team verabschieden sich von unseren aussteigenden Fahrgästen und hoffen, Sie hatten eine angenehme Fahrt ...“

„Ja, und besonders teuer war es mit Ihnen“, kommentiere ich innerlich die Ansage des Zugführers. Eigentlich sollte er sich Zugkapitän nennen, diese Durchsage ähnelt immer mehr der bei einer Airline. Obwohl die Bahn manchmal teurer ist als ein Flug.

Auf dem Bahnsteig winkt mir schon voller Freude meine Mutter zu. Eigentlich könnte ich auch die Augen schließen und ihrer Stimme folgen: „Flöhchen, Flöhchen ...!“, ruft sie lautstark, als sie mich an der Zugtür sieht. So nannte sie mich als Kleinkind und wird mich noch so nennen, wenn ich 58 bin. Meine Mutter ist eine selbstbewusste Frau. Sie bemerkt nicht die peinlich berührten Blicke der Leute, die sich an mich heften.

Ich liebe die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

„Mama, ich bin nicht mehr Flöhchen. Mittlerweile bin ich eine erwachsene Filzlaus,“ zische ich ihr entgegen. Dann umarmen wir uns freudig, und ich ziehe meine Mutter vom Bahngleis.

„In deinem Alter habe ich mich auch für solche Dinge geschämt“, versucht sie mir Mut zuzusprechen.

Ich hoffe die restlichen Kleinigkeiten ändern sich auch noch.

„Wie geht es Papa?“, frage ich sie, während ihre Finger nervös nach dem Autoschlüssel suchen.

„Gut, glaube ich. Wir sehen uns ja kaum. Sein Restaurant läuft fantastisch. Er sollte sich ein Bett in die Küche stellen und einen Kochtopf heiraten. Sag mal, hast du meine Schlüssel gesehen?“

Meine Mutter wühlt verzweifelt in ihrer Handtasche. Das macht sie immer. Sie sucht, seit ich mich erinnern kann, nach ihren Schlüsseln.

Mein Vater ist leidenschaftlicher Koch. Während meiner Kindheit war er kaum existent. Wenn er nach Hause kam, lag ich schon längst im Bett. Die Gastronomie hat meine Kindheit gefressen.

„Mama, der Wagen ist offen. Ich glaube der Schlüssel steckt.“

„Ach ja?“

Meine Mutter bricht ihre Suche schlagartig ab und steigt ins Auto. „Also, das ist mir wirklich noch nie passiert. Aber da siehst du mal, wie sicher diese Stadt ist.“

Klar. Ist ihr noch nie passiert, wenn man vergesslich ist oder von den letzten Malen absieht. Sie fährt wie immer zügig aus der Parklücke und steuert schon das nächste Thema an. „Was macht dein Beruf, Flöhchen?“

Ich versuche meiner Mutter auszuweichen, weiß aber nicht in welche Richtung. Sie streichelt kurz über meine kühlen Hände, die auf meinen warmen Oberschenkeln Schutz suchen.

„Das wird schon. Kopf hoch. Nicht jeder wird früh entdeckt.“

Meine Mutter glaubt noch immer an meine Karriere als Schauspielerin. Auch wenn ich die Schallgrenze von zwei Drehtagen noch nie durchbrochen habe und mein Jungschauspieler-Bonus schon seit Jahren verlebt ist. Preise für die beste Nachwuchsschauspielerin werde ich nie in Händen halten, und leider werde ich niemals in einer gelungen verheulten Rede meiner Familie danken können. Warum auch? Ich habe sie schon tausendfach in Tagträumen und schlaflosen Nächten gehalten. Jedes Mal eine Art von Orgasmus – beruflich.

Immer wieder, in einem neuen Abendkleid und mit einem überrascht glücklichen Gesicht, trete ich ans Mikrofon und strahle in die vor mir sitzende Menge. Die Scheinwerfer sind so stark, dass diese Masse zu einem energetischen schwarzen Loch wird, in das ich lächle, heule und meine Dankesrede spreche. Unvorbereitet charmant beuge ich mich, wie fast alle Preisträger, zum Mikrofon hinunter.

Wenige scheinen zu wissen, dass man das Mikrofon nicht fressen muss, um verstanden zu werden. Bucklig bedanke ich mich bei allen, die mir einfallen. Dann verneige ich mich vor meinen Eltern, und meine Sprechzeit ist schon zu Ende. Hat jemand, der einen Preis verliehen bekommt, Probleme mit den Eltern?

Die beiden liebe ich sehr, obwohl mein Vater nie wirklich Zeit für mich hatte. Aber Distanz hält Liebe frisch. Meine Mutter sieht mich heute noch als kleines Kind, oder höchstens als junge Frau in der Studienzeit. Nicht als erwachsene, verantwortungsvolle Frau Anfang dreißig. Bin ich auch nicht.

Vielleicht liebe ich meine Eltern auch gerade deshalb, weil sie sich früher nie aufgedrängt haben – das nimmt mir heute den Erfolgsdruck. Wir konnten uns ohne ein Zuviel an Nähe lieben, und das gibt meinem Vater die Chance, irgendwann dort anzusetzen, wo das Zeitvakuum entstand, um es zu füllen: mit seiner Anwesenheit.

Zu Hause wartet schon eine Schokoladentorte im Kühlschrank. Mit einem leckeren Vanillekern.

Alle Sorgen sind für einen Moment vergessen. Ich schütte meiner Mutter mein Herz aus, esse drei Stückchen Kuchen und sinke gegen halb eins müde in die Kissen. Eigentlich ist zu Hause immer alles gleich. Sieben mal „immer“ geben mir die scheinbare Geborgenheit meiner Kindheit zurück: Im Gang der Wohnung meiner Eltern steht immer der gleiche Geruch, der Schokokuchen hat immer einen zu weichen Vanillekern und zu viele Schokoladenstreusel, meine Mutter hört sich immer halb abwesend, aber immer mit einem verständnisvollen Mona-Lisa-Lächeln, meine immer gleichen Probleme an, und mein Vater kommt immer gegen drei Uhr nachts nach Hause.

Erst dann kann ich richtig einschlafen. Immer.

„Nie Gastronomie!“, denke ich im Halbschlaf, bevor ich mich in den Tiefschlaf begebe.

Am nächsten Morgen frühstücke ich mit meiner Mutter. Mein Vater steht samstags erst gegen Mittag auf. Ich setze ihn schon seit meiner Kindheit in Form eines gut gelaunten Geistes an den Tisch. Jetzt sind wir eine Familie.

Meine Mutter hat schon die altbekannte große Tupper-Schüssel auf den Tisch gestellt. Sie ist fast ein Fossil. Mein Vater bringt jede Nacht einen kleinen Rest seiner Abendkarte in einem Plastikschälchen nach Hause. Erkaltete Kochkunst.

Heute gibt es Suppe zum Frühstück. Ein kleines Etikett klebt auf dem Deckel der Schüssel. Es ist abwaschbar und beschriftet wie der Ausschnitt einer Speisekarte: Muskatkürbis mit Orangenöl.

Das ätherische Öl einer Orange wirkt stimmungsaufhellend und schenkt Lebenskraft. Wir müssen die Zaubersuppe nur noch erhitzen und Sahne unterheben.

Nach diesem gelungenen Start in den Tag stürzen wir uns in das morgendliche Getümmel der Stadt. Ich finde heute noch nicht einmal Trost bei den Kleidern. Normalerweise gehe ich gerne mit meiner Mutter einkaufen. Ein paar textile Trostpflaster für die Seele kaufen und befriedigt durchatmen, wenn die Hose passt.

Heute streifen wir durch ein paar Cafés und stöbern in ein paar Boutiquen. Die neue Kollektion ist eingetroffen.

Für meine Mutter finden wir ein traumhaft schönes Frühlingskostüm in einem Fliederton. In Größe 38 sieht einfach alles gut aus. Besonders an meiner Mutter. Ich bin einfach glücklich, die Stadtluft meiner Heimat zu atmen. Mannheim liebt man nur, wenn man dort geboren ist. Die Stadt bekommt Liebe durch Geburt. So viele Schritte bin ich schon durch die Straßen gegangen, um die Quadrate gelaufen, mit aufsteigendem Körpergewicht und Schuhgrößen. Von hier aus habe ich von der großen weiten Welt geträumt und zukünftigen Erfolgen, wenn ich einmal groß bin. In dieser Stadt habe ich meine erste große Liebe geküsst und wieder verloren.

Hier habe ich Walzer tanzen gelernt.

Gegen sechs sind wir wieder zu Hause, und mein Vater steht schon längst für die Abendkarte in der Küche. Meine Familie ist schlimmer als ein ICE auf einer Beschleunigungsgeraden.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob meine Mutter mitbekommen hat, dass es mir schlecht geht. Sie hätte es schon an meiner erschöpften Ironie bemerken müssen. Und daran, dass ich langsam nicht mehr in Größe 44 passe.

Es ist trotzdem mein Paradies. Diese Fünfzimmerwohnung meiner Eltern ist wie eine große Wiege für mich. Der Schutzraum der Vergangenheit, in dem nichts Neues passiert. Die Luft bleibt immer die gleiche. Bald muss ich wieder aufbrechen. Ein Wochenende vergeht immer schnell.

Zwei Trommeln Wäsche am Nachmittag und ein Kinobesuch am Abend, schon ist es Sonntag.

Auf dem Weg zur Bahn schaue ich noch im „Büro“ meines Vaters vorbei, wie ich gerne seinen fettigen Arbeitsplatz nenne. Sein kleines Restaurant liegt nur fünf Minuten vom Bahnhof entfernt. Sonntags steht er schon morgens am Herd, um alles vorzubereiten. Als ich in die Küche komme, kocht schon das Mittagessen in den Töpfen.

„Mensch Kleine, schön dich zu sehen.“ Mein Vater blickt mich erstaunt durch dampfende Töpfe an. Der Dampf wirkt bestimmt wie ein Weichzeichner und macht mich Jahre jünger.

„Ich bin seit Freitagabend da. Na, vielleicht das nächste Mal.“

„Was macht der Job, Kleine?“

Auf diese Frage hätte ich verzichten können. Hätte er einfach „Wie geht es dir?“ gesagt, hätte ich gerne den nächsten Zug verpasst. Wenn er mich gebeten hätte, noch einen Tag zu verlängern, damit wir etwas zusammen unternehmen können, ich wäre geblieben.

Montag ist sein freier Tag.

„Warte kurz, ich muss noch ein Blech aus dem Ofen holen. Kannst du mir schnell helfen?“ Mein Vater streckt mir ein Handtuch wie eine weiße Flagge entgegen. Schnell ziehen wir ein großes Blech mit überbackenem Fisch aus dem Ofen.

Der Duft ist überwältigend. Bei diesem kulinarischen Hochgenuss läuft mir sofort das Wasser im Mund zusammen. Er muss bei diesem Rezept mit Sternanis und Zimt gearbeitet haben. Vielleicht hat er noch mit etwas Wein abgeschmeckt und mit einem Hauch Vanille verfeinert.

„Du wärst bestimmt eine grandiose Köchin geworden.“

Erst jetzt bemerke ich den Blick meines Vaters. In diesem Augenblick hat er meine Gedanken lesen können. „Kardamom oder Nelken?“, frage ich ihn verlegen.

„Nein, Hannah. Zimt, Sternanis und ein kleines Stück Vanille.“

Ich nicke meinem Vater mit perfekt gespielter Verlierermiene zu. „Siehst du, gut, dass ich Schauspielerin geworden bin.“

Die Enttäuschung in seinen Augen ist nicht zu übersehen.

Jetzt steht es unentschieden. Ich bin nicht bereit über meinen Schatten zu springen. „Papa, ich muss.“ Ich küsse ihn auf seine warmen, weichen Wangen. Immer glatt rasiert. Was ihn, in seiner weißen Arbeitskleidung, schuldlos wirken läst.

„Tschüß, Kleine.“

Ich versuche die Tränen zu unterdrücken, die schlagartig meine Augen füllen, aber mein Vater hat sich schon wieder einem Kochtopf zugewandt.

20 Minuten später sitze ich mit einer von meiner Mutter spendierten Fahrkarte im Zug Richtung München.

Das Wochenende ist vorbei. Ich wünsche mir ein neues Paradies.

2

München. Es ist Montagmorgen. Banktag.

Gegen 10 Uhr bin ich bereit, der finanziellen Wahrheit ins Gesicht zu sehen. In Zeiten der wirtschaftlichen Nullrunde auf die Bank zu gehen, um sich von einem gesichtslosen Kontoauszugsdrucker in eine Krise stürzen zu lassen, nenne ich mutig. Mein Kontoauszug ist mittlerweile zur Ikone meiner Erfolglosigkeit geworden. Meine Kündigung am Stadttheater bedeutete gleichzeitig das Ende meiner Liquidität.

Ich hatte mich damals entschieden, nur noch Stückverträge am Theater anzunehmen und mich intensiv um meinen Einstieg beim Film zu kümmern. Theater und Film. Eine glänzende Mischung. Das Problem war nur, dass ich dies zwar entschieden, aber mich niemand darum gebeten hatte.

Am liebsten wäre mir Job-Sharing mit Angelina Jolie. In diesem Fall würde ich auch freiwillig ihr Privatleben teilen.

Die Realität sah schon lange anders aus. Sie bestand aus einer Kombination von Drehtagen mit Seltenheitswert und ein paar Monatsgagen am Theater. Seitdem kaufe ich Kleider nur im Secondhandshop oder zu sensationellen Tiefpreisen. Wenn es H&M nicht gäbe, stünde ich jetzt halb nackt auf der Straße. Keine Frage, dass ich mich lieber in Kleider von Jil Sander oder Armani XL hüllen würde, aber das Schicksal hat mir bisher das große Tor des Erfolges verschlossen. Das damit verbundene Geld natürlich auch, ganz zu schweigen von Anerkennung.

Ich übe mich in Geduld, obwohl es nicht meiner Natur entspricht. Die Zeit des Wartens auf den wirtschaftlichen Aufstieg vertreibe ich mir mit ständig wechselnden Beschäftigungen.

Nebenher arbeite ich als Testperson für alles Mögliche. Bei meinem letzten Job habe ich Kniebandagen auf einem Laufband getestet. Als der schwach schwitzende Typ habe ich immer gute Karten und werde als Testperson regelmäßig eingesetzt.

Der Gang zur Bank fällt heute sogar mir, dem schwach schwitzenden Menschen, schwer. Nach meinen Berechnungen dürfte sich mittlerweile nur noch eine eher kleine Gruppe von Euros auf meinem Konto befinden. Ich ziehe die sechs Seiten des Auszuges aus dem widerspenstigen Automatenschlitz und habe nach dieser Freitagserfahrung mit der Bahn eigentlich keine große Lust mehr, meine Dienstleistungsverhältnisse nur noch auf Maschinen zu beschränken. Aber da ich Kosten dämpfe, wo ich nur kann, habe ich mich für das anonyme Kontoführungsmodel der Sparkasse entschieden. Die Maschinen sind tapfere 24 Stunden für mich da.

Wie ich erwartet habe, sind meine Mittel fast erschöpft. Ich wollte mir ohnehin nichts kaufen und verlasse das Automatenfoyer mit der stolzen Haltung der letzten russischen Zarin.

Ein Job, am besten eine gut bezahlte Werbung – und jeder Dispokredit möchte meine Kontonummer tragen.

Wie viele Schauspielerinnen sich in meiner Altersgruppe auf dem Markt tummelten, wollte ich nie wissen. Ich weiß nur, dass man mich vor wenigen Jahren noch als jung bezeichnete, und heute legt man mir nahe, „Vollgas“ zu geben oder mein Alter zu fälschen.

Da ich nie ein guter Lügner war, werde ich nicht an meinem Alter herumschrauben. Die meisten meiner Kolleginnen, die Mitte oder Ende dreißig sind, schummeln ihr Alter auf Anfang dreißig herunter, sodass es in meinem natürlichen Altersgefüge zu einem leichten Überhang kommt. Ich habe mir schon ernsthaft überlegt, mein Alter in die Region von „endlich über vierzig“ zu verlegen, um dann ein Kompliment nach dem anderen einzustecken. Ich könnte meine Schönheitsgeheimnisse teuer verkaufen, hätte meine eigene Kolumne bei einer Frauenzeitschrift, und schon bald würde einer der Verkaufssender aus dem Fernsehen auf mich zukommen.

Ich hätte endlich eine Menge Geld und wäre in diesem Zuge interessant für Serien oder TV-Movies und dürfte bestimmt die Titelrolle in „Margot und die Killerbienen“ spielen.

Und was meine mögliche Besetzung fürs Traumschiff angeht: Ich warte nicht mehr darauf, bis mich der Rademann für seine Rentnerschiffsserie besetzt, damit ich endlich mal was von der Welt sehe. Bei so vielen Angeboten hätte ich natürlich kaum Zeit zu reisen und würde in jeder Talkshow ein wenig darüber jammern.

Mein Buch „Wie Sie mit 40 wie Anfang 30 aussehen können“ wäre der reinste Kassenschlager, und wenn ich fünf Jahre später mein erstes Kind zur Welt bringe, liegt mir jeder Verlag zu Füßen.

Die Welt braucht Wunder, und ich könnte eines sein! In meinem real existierenden Leben ist bis heute noch kein Wunder geschehen, aber ich bereite mich darauf vor. Ich investiere mein Geld regelmäßig in sündhaft teure Kosmetikprodukte und habe damit bestimmt schon eine erdbebensichere Wand der Shiseido-Firmenzentrale finanziert. Und das in Japan!

Zurzeit beschäftige ich mich mit einem Nahrungsergänzungsmittel, das direkt aus den Tiefen eines amerikanischen Urwalds kommt. Diese „Ur-Essenz“ soll zu neuen und noch größeren Lebensgeistern führen. Ganz nebenbei wird der ganze Körper durchgestrafft, der Fettstoffwechsel angeregt, und „Müdigkeit“ wird zum Fremdwort.

Selbst das Wort „Krebs“ kann nach regelmäßiger Einnahme des Präparates nur noch mit einem Tier in Verbindung gebracht werden.

Alles in allem mache ich alles, um mein eigenes Verfallsdatum ein wenig nach hinten zu schieben, damit ich meinem eigenen Erfolg noch in Würde begegnen kann.

Längere Zeit bin ich wegen meiner spärlichen Beschäftigungssituation nicht einmal mehr auf Partys gegangen. Die lästige Fragerei nach meinem Beruf belastete meine Nerven zu stark.

Es lief eigentlich immer gleich ab: Ein Mann spricht mich an, so der aparte Durchstarter-Typ, bei dem nach dem Studium haarscharf die große Karriere begann. Nach drei bis fünf Sätzen kommt der „König der Small-Talk-Sätze“: „Und, was machst du so beruflich?“

Ich überlege, ob es nicht diesmal die Tierpflegerin oder Anwaltskanzleigehilfin, vielleicht auch irgendetwas dazwischen sein kann, und habe schon die graue Wahrheit meiner Existenz ausgesprochen: „Schauspielerin.“

Alles nimmt seinen gewohnten Lauf: „Mensch, stark, eine echte Schauspielerin, muss man dich kennen?“

Nein, muss man nicht. Es sei denn, er ist Nebenrollenfetischist bei den Rosenheim-Cops.

Heute Abend werde ich mich wieder nach langer Zeit auf eine Party wagen. Mein niedriger Kontostand spricht sowieso für einen bezahlten Aufenthalt mit Verpflegung.

Es fehlt nur noch ein Geschenk. Ich hatte doch letzte Woche noch in meinem Küchenschrank eine Flasche Sekt gesehen. Ein Geschenk meiner Nachbarin.

Ich habe vor ungefähr drei Jahren auf ihre neurotische Katze aufgepasst. Das Tier lebt seit letztem Jahr nicht mehr, aber die Trophäe meines Dienstes ist schnell entstaubt, und die blaue Schleife wird einfach wieder in Form gebogen. Es ist sogar Champagner. Bei drei Jahren Lagerzeit kann man doch schon von einer Rarität sprechen – genau das richtige Geschenk für Rüdiger.

Rüdiger ist erfolgloser Regisseur und wird 40. Ich weiß zwar nicht, was es da zu feiern gibt, aber seine Kochkünste sind einfach besser als alles, was er jemals in einem Film inszenierte. Seine Buffets sind ein Fest wert.

Durch meinen Vater sind meine Geschmacksnerven bestens trainiert. Zwar bin ich vor meiner Familientradition geflüchtet, aber gutes Essen gehört zu den wichtigsten Dingen in meinem Leben.

Ich halte mich an diesem Abend, als einer der ersten Gäste, in der Nähe seines reichhaltigen Buffets auf und baue es kontinuierlich ab.

Kein Drehtag weit und breit, kein Figur-alarmierendes Werbecasting. Auf Castings für Schokolade gehe ich sowieso nicht mehr, denn meine Figur würde den Verdacht erregen, das Produkt mache dick.

Ich lade mir noch ein paar getrocknete Tomaten auf den Teller.

Langsam finden sich immer mehr Partygäste ein. Sie sind alle auf Knopfdruck gut gelaunt, und man könnte meinen, diese Sonnenscheinmenschen hätten nie Probleme.

Einige nähern sich dem Buffet, an dem ich wie festgeklebt stehe. Sie lächeln mich an, stellen sich vor. Reizend.

Nach höchstens 10 Sekunden habe ich ihren Namen wieder vergessen. Das Buffet ist mein Gesprächspartner.

Die Pflaumen im Speckmantel blicken mich unverschämt provokativ an. Und es gibt Fisch in allen Variationen. Sardellen in Zitrone eingelegt mit Walnüssen oder ein heimisches Felchen-Filet, das wahrscheinlich noch vor kurzem in einem der teuren bayrischen Seen herumgeschwommen ist. Rüdiger liebt diesen Fisch wie sein Gewässer. Da kann auch ich nicht widerstehen.

Oder einfach mal wieder ein Paar Münchner Weißwürste mit süßem Senf. Auch wenn es nicht mehr Mittag ist. Diese Tradition hat sich sowieso schon mit der Einführung von Kühlschränken erledigt. Ich angle mir ein Paar dampfende Weißwürste aus dem Suppentopf. Sie sind schön prall und nicht geplatzt.

Gleich wird mich niemand mehr ansprechen wollen. Wer möchte sich schon mit einer Frau unterhalten, die an einer Wurst saugt? Schließlich sollte man alte bayrische Traditionen achten. Das geht so: Man nimmt die Wurst in die Hand und beginnt am offenen Ende und mit leichten Druck, den Inhalt herauszusaugen. Die Pelle ist leider nicht essbar, aber die Füllung. Wenn man dabei noch lange rote Fingernägel hat, erinnert es schnell an einen Porno – jedenfalls kann man damit schnell männliche Stimulationsträume lostreten.

Also saugen, genießen und schweigen. Schließlich bin ich Single.

Essen war mir schon als Kind wichtig. Da ich schon immer viel allein war, wurde der Kühlschrank bald zu meinem besten Freund. Er war der Einzige, der mir zeigte, was das Leben an Fülle zu bieten hatte. Er machte es mir schmackhaft. Und er zeigte mir die Welt.

Wenn ich seine Tür langsam öffnete, sah ich die Skyline von New York. Ich achtete immer darauf, dass meine Mutter mindestens zwei Tüten Milch einkaufte, weil ich das World Trade Center so liebte.

Eine Colaflasche war das Empire State Building und das verdorbene Gemüse in den unteren Schubfächern die sagenumwobene Bronx.

Joghurt, Einmachgläser, Butter und Marmelade formierte ich immer wieder neu zum Times Square und zum Broadway. Nutella war auch schon in meiner Fantasie immer ein modernes Museum.

Die Milchtüten waren aber am wichtigsten. Wenn keine Milchtüten im Kühlschrank waren, konnte ich nur noch auf Paris und London ausweichen. Meine erste Torte im Kühlschrank führte mich nach Rom. Alle diese Städte habe ich immer wieder „verinnerlicht“.

Eigentlich besteht mein leichtes Übergewicht aus den Städten der Welt. Mein Hintern gehört zu den Megastädten der Welt – São Paulo.

Da spreche ich auch schon von meiner ersten Problemwurzel. Mein Po hat schon immer eine gute Größe – für meinen Geschmack eine zu große. Also befinde ich mich schon seit Jahren in der Ab- und Zunehmfalle. Ich bin froh, dass er sich hinten befindet und wir uns nicht ständig sehen müssen, geschweige denn uns über den Weg laufen.

Richtig dick bin ich nie gewesen, aber mit den Bikini-Figuren meiner Kolleginnen werde ich wohl nie mithalten können. Ich sehe mich auch eher in winterlichen Filmen. Mäntel stehen mir einfach gut.

Sobald ich wieder Arbeit habe, werde ich schlanker.

Bei einem Theaterstück zum Beispiel nehme ich immer mehr ab, weil ich mich viel bewege, der Vertrag länger als drei Tage dauert und ich glücklich bin, gebraucht zu werden.

Drehtage beim Film sind eher seltener. In diesem Fall mache ich immer zuvor eine Diät und zwänge mich dann in eine viel zu kleine Miederhose. Der visuelle Effekt entspricht einer dreiwöchigen Suppen-Kur, zwei Wochen Körneressen oder einem zweimonatigen Besuch einer Weight-Watchers-Gruppe.

Nachdem ich die Weißwürste ausgesaugt habe, kann ich mich dem mediterranen Teil des Buffets widmen. Eine kulinarische Reise.

Ich entscheide mich für die leckeren gegrillten Auberginen und lade großzügig Antipasti auf meinen Teller. Als ich gerade ein paar ölige Oliven geangelt habe, spüre ich wie ein ungefähr 1,84 cm großer Schatten auf mich zukommt. Fragt sich noch, ob er es auf mich oder auf den griechischen Salat abgesehen hat, in dem ich mittlerweile nervös herumrühre. Ich hasse Schafskäse. Ich hasse es, ein verlorener Single auf dieser schlechten Party zu sein. Ich habe meine Miederhose zu Hause vergessen. Zu spät.

Sein Aftershave hüllt mich völlig ein. Eine aufdringliche Art der Annäherung. Bestimmt Löwe, denke ich mir noch, und im selben Moment habe ich ein Gespräch an der Backe.

Auch noch einer vom Film. Ein Schauspieler. Den kenne ich vom Fernsehen und muss so tun als sähe ich ihn jetzt zum ersten Mal. Die Serie, in der er eine Hauptrolle spielt, finde ich übertrieben schlecht.

Aber er kann sich dadurch bestimmt einen halben Liter von diesem raumgreifenden Aftershave leisten, das jetzt wohl schon auf meinen getrockneten Tomaten klebt.

Ich habe auch keinen Hunger mehr, wenn ich diesen wichtigen dünnen Kollegen so vor mir stehen sehe. Mein Gott, sieht der gut aus! Zwar sehe ich auch gut aus, aber der Glanz des Erfolges ist wahrscheinlich das reinste Aphrodisiakum.

Er stellt sich als Axel vor, was ich natürlich schon längst weiß, fragt nach meinem Namen, den er noch nicht wissen kann, obwohl ich hoffe, dass diese Zeit noch kommen wird, in der er weiß, dass ich Hannah bin, Hannah Eichhorn. Das klingt nach Erfolg.

Erwartungsgemäß will Axel wissen, woher ich das Geburtstagskind kenne. Rüdiger kenne ich noch als Regieassistenten. Das hätte er auch bleiben sollen, bis eine Chance in seine Nähe kommt.

So nah, dass er sie auch packen kann. Aber nein, er wollte mutig sein, obwohl er gut zu tun hatte, in das berühmte kalte Wasser springen, und das blieb auch kalt. Ab und zu ein kleiner selbstfinanzierter Kurzfilmdreh, mit dem er bisher noch nicht für Furore gesorgt hat. Geschweige denn, dass er einen Preis bei einem Kurzfilmfestival gewonnen hätte.

Seine Chancen standen noch schlechter als meine. Deshalb verstehe ich überhaupt nicht, dass er noch Lust hat zu feiern. Aber das Wunder klopft zum Glück an jede Tür.

Ich habe ihn schon mehrfach zur Eröffnung einer Filmcatering-Firma zu überreden versucht.

Mit den Kochkünsten hätte er ein volles Auftragsbuch. Wenn er schon nicht mit Heino Ferch drehen kann, dann könnte er ihn wenigstens ernähren. Auch ein intimer Prozess.

Doch dafür ist scheinbar sein Stolz zu groß. Deshalb kann dieses brachliegende Potenzial nicht ausgeschöpft werden. Und das ist sein größtes.

Jedenfalls sage ich Fernsehaxel, dass ich Rüdiger schon seit acht Jahren kenne, in guten und in schlechten Tagen. Heute ist ein Guter, denke ich. Jedenfalls für mich.

Es gelingt mir, Fernsehaxel das Gefühl zu geben, ich würde ihn tatsächlich nicht kennen. Die Situation macht ihn langsam nervös, ich finde sie ist noch nicht genug ausgereizt. Jetzt verspüre ich Lust, seinen Bekanntheitsgrad offen infrage zu stellen. Ich mache ihn mit dem „König der Small-Talk-Sätze“ bekannt.

„Und was machst du so beruflich?“, frage ich ihn, so lässig ich kann. Ich habe schon drei Gläser billigen Rotweins hinter mir und bin dementsprechend angriffslustig.

Ein Versuch, meine selbst erlittenen Schmerzen wieder zurückzuzahlen. Diese Mittelklasse-Erfolgsschauspieler denken nämlich, jeder müsse sie kennen. Er scheint jedoch gar nicht über meine Frage überrascht zu sein und schaut mich mit festem Blick an.

„Du, ich leite die Marketingabteilung bei Löwenbräu“, ist seine nicht weniger lässige Antwort. Ich bin sprachlos.

„Häh?“, denke ich mir, Löwe sollte doch nur sein Sternzeichen sein, und ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn das nicht der Typ ist, der den Kommissar in dieser schlechten Serie spielt. Abgesehen davon weiß ich, dass er mit Rüdiger befreundet ist.

Ich bin außer mir, fühle mich in meiner kleinen Intrige gefangen. Konnte ich damit rechnen, dass er so souverän blufft?

Die Lüge steht in seinen funkelnden Erfolgsaugen geschrieben. Mit seinem Grinsen auf den Lippen sagt er mir wortlos, dass er mein Spiel sofort durchschaut hat. Im nächsten Moment bin ich bereit zu sterben, denn ich sage ihm, dass es mir leidtut, und gerate plötzlich völlig durcheinander. Ich gestehe ihm, dass ich leider kein nicht fernsehe und ihn nicht kenne!

Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich gesagt habe, mich selbst verraten – ein Eigentor. Axel schaut mich triumphierend an. Das halte ich nicht aus.

Ich drücke ihm meinen mühselig zusammengesuchten Fressteller in die Hand, durchbreche diese Parfumwand, die mich immer noch in Gefangenschaft hält, und verschwinde erst einmal zum Nachdenken und Beruhigen auf die Toilette. Dabei lasse ich einen irritierten Axel zurück. Hoffentlich hasst er getrocknete Tomaten.

So ein Blödmann und ich bin die dümmste Kuh, die es auf dieser Welt gibt – eigentlich hätten wir die besten Chancen, gut zusammenzupassen.

Ich stapfe mit meinen viel zu spitzen Niedrigabsatzpumps, die sich sofort wie Waffen in die Richtung von Rüdigers Bad bewegen, davon. Der Alkohol beginnt mittlerweile noch mehr zu wirken.

Auf dem Weg meines Rückzuges angele ich mir ein Gläschen Sekt aus der Küche, um mich dann als Verlierer im Bad einzukerkern. Schnell verriegele ich die Tür von Rüdigers Bad, den ich an diesem Abend zum ersten Mal nah bei mir spüre. Es riecht nach frisch gewaschener Wäsche. Die Luft liegt schwer und dampfig im Raum. Von draußen dringt sanft Musik durch die Tür. Mein Lieblingsstück aus vergangenen Tagen.

Wovon sollen wir träumen. Frieda Gold.

Auf der Suche nach Halt lehne ich mich an die kühlen Fliesen und trinke erst einmal zur Beruhigung einen Schluck Sekt. Ich schließe die Augen und wünsche mich an einen anderen Ort. Nach diesem peinlichen Zwischenfall würde ich am liebsten diese Party verlassen und nach Hause gehen.

Es tat mir leid, dass ich so schlecht über Rüdiger dachte und dabei auch noch sein ganzes Büffet wegfraß.

Mit meinem kleinen Schwips setze ich mich aufs Klo und leere den Rest des Glases auf Rüdigers vierzigsten Geburtstag, obwohl der erst morgen ist. Es ist ja auch, egal wie alt man als Regisseur ist.

Jedenfalls könnte er mal wieder sein Bad streichen, Freizeit hat er schließlich genug. Als ich meinen Körper wieder in die Strumpfhose gezwängt habe, klopft es auch schon wieder an der Tür. Die Leute trinken immer zu viel auf Partys.

Ich fühle mich bereit, diesen Rückzugs-Ort wieder zu verlassen, und habe nicht einmal mehr Lust, mein Make-up aufzufrischen. Das hätte auch gar keinen Sinn, denn mein Kopf ist immer noch knallrot, und der Alkohol trägt das Seine dazu bei.

Ein wenig Wasser auf die Hände, und ich fühle mich wieder völlig reingewaschen. Noch einmal tief durchatmen, die Tür entriegeln … und vor der geöffneten Tür strahlt mir Axel entgegen. Fast so armselig, wie ich ihn aus dem Fernsehen kenne. Mit seinem heuchlerischen, völlig unnatürlichen Lächeln. Was für ein überschätztes Talent.

„Hallo, Hannah, hab dich schon überall gesucht.“ Fernsehaxel will scheinbar mit mir anbändeln.

„So groß ist die Wohnung von Rüdiger ja nicht, und nach dem Gespräch mit dir musste ich erst einmal aufs Klo.“

Mein Kopf ist wieder oben, es steht 1:1, und ich versuche mich so uncharmant wie möglich an ihm vorbeizuzwängen.

„Hey, jetzt lauf doch nicht weg!“

Axel hält meinen Arm so fest, dass ich sofort aus all meinen innerlichen Träumen erwache.

„Dass ich Schauspieler bin, weißt du von Rüdiger. Ich habe ein Bild von dir auf seinem Schreibtisch bewundert, und er hat mir erzählt, dass du meine Serie abgrundtief schlecht findest.“ Ich bin sprachlos. So viel Ehrlichkeit sollte doch keine Zunge sprechen, und Rüdiger entwickelt sich immer mehr zu einem billigen Tratschweib.

„Nein“, heuchle ich munter, „ich finde nur die Drehbücher schlecht, ich habe Rüdiger sogar empfohlen, sich dort als Regisseur zu bewerben.“ Vielleicht gelingt es mir, mich freizusprechen.

Bei dieser Serie hätte er endlich einmal Kontakt zu seinem realen Niveau gefunden und würde nicht länger frustriert in seiner Bude hocken. Schon wieder bin ich von Axels Duftwolke vereinnahmt, diesmal ist sie aber nicht mehr so aufdringlich. Er hat sich auf der Suche nach mir in Bewegung gesetzt und damit seinen Geruch subtil in Rüdigers Zweizimmerwohnung verteilt. Wirkt bestimmt genauso gut wie ein Antitabak-Spray.

Langsam ziehe ich meine Krallen wieder ein, und dann verschwinde ich mit Axel in der Küche auf der Suche nach neuen Getränken.

Nach dem vierten Caipirinha finde ich Axel immer lustiger und lache über jeden noch so kleinen Witz. Er ist wirklich ein richtig guter Typ, und ich kann verstehen, dass er mit einer Hauptrolle in einer Serie besetzt wurde.

Er leidet natürlich sehr unter dem Zeitdruck, unter dem er arbeiten muss, und der schwachen Regie, mit der er jeden Tag konfrontiert wird. Und tatsächlich sehe ich Axel mittlerweile mit anderen Augen.

Seine Gage hat er größtenteils in einer Zweizimmer-Eigentumswohnung angelegt. Zum einen wegen der Steuer, und dann muss auch er an die Sicherheit denken, die er sehr in seinem Leben braucht. Er ist schließlich Steinbock!

Wie schön. Auch ich war schon immer ein Mensch mit einem großen Sicherheitsgefühl. Mehr als alle Steinböcke auf dieser Welt zusammen.

Dieser Beruf ist das reinste Selbstmordkommando für meine Seele. Am liebsten hätte ich ein Haus mit Garten, Kinder, einen unkonventionellen Traummann an meiner Seite und einen Hund, der nie stinkt. Dies alles ist ferner als die Marsbesiedelung, und Axel kommt immer näher. Wir gehen tanzen. Eigentlich hasse ich es, auf Partys meinem körperlichen Selbstausdruck freien Lauf zu lassen. Wenn es nicht auf der Bühne oder beim Film verlangt wird, bin ich privat der reinste Anti-Tänzer.

Wir entern die Mitte von Rüdigers Wohnzimmer, den ich nirgendwo entdecken kann. Eigentlich habe ich ihn wirklich nur gesehen, als ich gegen halb neun Hunger bekam und mich zu seiner Wohnung in Bewegung setzte. Als ich hier eintraf, hatte ich im ersten Augenblick einen Schreck bekommen. Rüdiger öffnete mir kahlgeschoren die Tür. Er hatte seine dichten braunen Locken abrasiert. Genauso wenig könnte ich mir Paris ohne Eifelturm vorstellen. Aber er hatte es getan.

Rüdigers Haarpracht ergänzte sich ausgezeichnet mit seinem jungenhaften Charme. Jetzt wirkte er wie ein älter gewordener amerikanischer Soldat, der sein Haar nicht ergrauen sehen will.

Was war so schlimm daran, vierzig zu werden?

Doch nun waren nicht nur seine Haare verschwunden, sondern auch Rüdiger. Er wird doch nicht seinen Geburtstag verpassen wollen, in den wir gerade immer lustiger hineinfeiern.

Zum Glück wird gerade nicht „I will survive“ gespielt, denn das ist immer der Höhepunkt jedes Ausdruckstänzers, und mit Axel bin ich gerade gar nicht in „I will survive“-Stimmung. Obwohl solche Geburtstagsfeste immer Mittelpunkt vergangener Musikerfolge sind.

Nein, das Schicksal kennt unsere Situation genau und spielt eine ruhige Klavier-und-Harfen-Version von Bon Jovi: „It’s my live.“

Ich ergebe mich und sinke in Axels Arme. Meine Nase steckt tief in den Maschen seines kamelfarbenen weichen Kaschmirpullis, und ich bin froh, dass ich mein Make-up nicht aufgefrischt habe.

Beim Versuch, meinen besoffenen Kopf wieder einigermaßen gerade zu halten, lande ich direkt an Axels Wange.

Sie fühlt sich wie ein zärtliches Reibeisen an, dem man vertrauen kann. Sein Aftershave riecht so verführerisch auf seiner Haut, dass es mich fast wahnsinnig macht. Ich verspüre den Drang, noch näher zu kommen, und verstehe nicht mehr, was ich jemals gegen Axel hatte. Langsam nähern sich meine Lippen seinem Mund, mein ganzer Körper steht in Flammen, und ich möchte am liebsten die Zeit anhalten. Es ist Mitternacht. Das schrille Klingeln eines Weckers lässt mich aus allen Wolken der Leidenschaft fallen.

Leider kommt es nicht zur heiß ersehnten ersten intimen Begegnung mit Fernsehaxel. Das Licht wird gelöscht, alle singen unerkannt und lautstark „Happy Birthday“. Nach der dritten Wiederholung findet zum Glück ein unbekannter Retter den Lichtschalter und macht diesem gesanglichen Albtraum ein Ende.

Aber wo war das Geburtstagskind?

Auf dem Balkon finde ich Rüdiger in drei Decken gehüllt und in einer tiefen Krise. Er muss dort schon Stunden sitzen. Zu lange, um sich noch vom Geländer zu stürzen. Seine Augen sind auf den Horizont gerichtet, den ich nicht mehr mit bloßem Auge entdecken kann. Sein Blick richtet sich in diffuse Fernen.

Ein Dasein, das keine Kommunikation erwartet. Ich entschließe mich trotzdem zu bleiben. Er scheint mit der Leichtigkeit einer Feder durch das Tal seiner Gefühle zu gehen. Durch sein Leben. Ich war mir gerade nur nicht sicher, an welcher Stelle er stand.

Jetzt ist Rüdiger vierzig geworden, und das scheint etwas in ihm in Bewegung gesetzt zu haben. Vielleicht wollte er einfach nur, dass an dieser Lebensmarke ein paar Menschen in seiner Nähe sind. Trotzdem scheint er allein in seiner Welt zu sein.

Es ist gerade leider nicht der richtige Augenblick, ihn darauf anzusprechen, eine Filmcatering-Firma zu gründen.

Obwohl sein Buffet wie immer traumhaft war. Wir bleiben alleine auf dem Balkon. Schweigend.

Keiner vermisst uns, und wir scheinen von allen anderen abgekoppelt zu sein. Es gibt unzählige Welten in der einen. Und wo sind wir?

Ich nehme ihn wortlos in meine Arme. Halte ihn fest, in der ersten halben Stunde seines neuen Jahrzehnts. Rüdiger heult in meine Fleecejacke hinein, und ich habe das Gefühl, er wird nie wieder damit aufhören. Ich wusste nicht, dass ein Mensch so viele Tränen weinen kann wie mein Freund Rüdiger.

Rüdiger ist ein Mensch, den ich tief und leise in meinem Herzen liebe – wortlos. Liebe kommt ohne einen Buchstaben aus. Für die wichtigen Dinge im Leben braucht man kein einziges Wort. Nur ein Herz.

Mein Freund verlässt wortlos seinen luftigen Balkonplatz mit einem Danke sagenden Wangenkuss. Sein Platz wird zu meinem.

Ich beobachte Rüdiger durch die Fensterscheibe, die Musik legt sich gedämpft auf die Brustseite meines Körpers, und meinen Rücken streichelt kalt die Nacht.

Tausend Sterne am Himmel und einer für mich. Die Welt ist immer für uns da. Ich liebe die Nacht. Wie ein stiller Beobachter hört sie unseren Gedanken zu, hüllt uns in ihren Sternenmantel. Manchmal streichelt der Wind sanft unsere Wange, wie zum Trost. Ich küsse zum Dank die Sterne.

Rüdiger ist wieder auf seinem Fest und lässt sich von den zahlreichen Sonnenschein-Menschen feiern, noch bis in die Morgenstunden. Nach seiner nächtlichen Balkonsitzung wirkt er wie neu geboren. Ein neues Kapitel Leben beginnt.

Ich finde Axel in einer Ecke des Wohnzimmers. Er lässt sich gerade von einer Blondine bewundern und flirtet, als hätte es mich nie gegeben. Er bemerkt mich nicht einmal.

Zum Glück hat Rüdiger wie jeder Mensch um zwölf Uhr Geburtstag. Das hat das Schlimmste verhindert.

Mein Herz scheint noch ganz zu sein, ich verlasse die Party, ohne mich zu verabschieden. Auf dem Weg nach Hause beschließe ich, nie mehr Bon Jovi zu hören.

Im Halbschlaf ziehe ich mein Schlafsofa aus, das sich wie von Zauberhand in mein Bett verwandelt. Seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, schlafe ich auf diesem Sofa.

Ich bin ein Gast in meinem eigenen Leben.

In dieser Nacht träume ich so viele Geschichten, dass ich mich am nächsten Morgen kaum erinnern kann. Ich weiß nur noch, dass ich Karl Lagerfeld traf. Er trug wunderschöne braune Wildlederstiefeletten, mit Absätzen aus Edelhölzern. Jede Schicht des Absatzes hatte einen anderen Braunton, diese Variationen in Braun waren so schön, dass ich nicht sagen konnte, für welchen ich mich entschieden hätte. Als wären sie Teil einer Geschichte. Die Schuhe waren an der Spitze offen: Ich konnte sehen, wie er immer versuchte, den Zeh einzurollen, denn sie waren ihm zu klein. Damenschuhe gibt es meistens nur bis 41 oder 42.

Er tänzelte stolz einen Laufsteg auf und ab und ließ sich von anderen bewundern. Diese Schuhe machten ihn schön und damit glücklich. Sie gefielen mir mindestens so gut wie ihm, und mir hätten sie gepasst.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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171 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783943172133
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