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Christian Y. Schmidt

Zum ersten Mal tot

Achtzehn Premieren

FUEGO

»Uns alle zieht eine Garnitur von faden flachen Tagen wie von Glasperlen ins Grab, die nur zuweilen eine orientalische wie ein Knoten abteilt.«

Jean Paul, 1796

»Your life is just a carrier bag / Over-fill it and the straps will snap.«

Jarvis Cocker, 2009

»Life‘s a gas.«

Marc Bolan, 1971

Vorwort

Dieses Buch sollte eigentlich »So schön war’s bei der RAF« heißen. Ich dachte, das sei ein ausgezeichneter Titel. Dann fand ich in mühsamer Recherche heraus, dass es bei der Roten Armee Fraktion gar nicht so toll war, wie man gemeinhin denkt. Also heisst das Buch jetzt »Zum ersten Mal tot«. Auch ein guter Titel; Untote flüsterten ihn mir ein. Anders als er suggeriert, geht es im Buch aber nur vordergründig um Premieren. In erster Linie geht es um mich. Im Zuge meiner RAF-Recherchen habe ich nämlich auch festgestellt, dass es unglaublich viele Bücher über andere Leute gibt, über manche sogar mehrere. Über mich aber gibt es keines. Das ist um so bedauerlicher, als ich der Mensch bin, der mich am meisten interessiert. Zudem bin ich schon um einiges älter als dieses Jahrhundert, und habe Dinge erlebt, von denen junge Menschen heutzutage nur träumen können. Trotzdem hat bisher niemand über mich ein Buch geschrieben. Also muss ich auch das wohl selber tun. Das mag mancher für übertrieben egozentrisch halten. Aber besser, ich schreibe über mich, als über Vampire, Helium-3, Kinderkriegen, entlaufene Pferde oder anderes Zeug, von dem ich keine Ahnung habe. Ahnungslose Schriftsteller gibt es schon genug.

In zweiter Linie handelt das Buch wirklich von Premieren. Das heißt, es geht darum, wann ich etwas zum ersten Mal im Leben tat oder dachte. Das zu erkunden, so sagt die Erste-Mal-Forschung, ist interessant, weil es uns viel über eine Person verrät. Wer schon mit drei Jahren erstmals den Film »Hostel« sieht, der kriegt sicher später ein tolles Trauma. Wer aber erst mit dreißig seine erste Zigarette raucht, der wird kein guter Kettenraucher. Und sprechen wir erst auf dem Sterbebett unseren ersten chinesischen Satz, wird aus uns wahrscheinlich kein Chinesisch-Deutsch-Simultandolmetscher mehr.

So sind denn auch die hier von mir vorgelegten Forschungsergebnisse für den Leser äußerst lehrreich. Ich jedenfalls habe einiges gelernt, als ich dieses Buch nach dem Schreiben zum ersten Mal las. Es gab auch Überraschungen. Ich war zum Beispiel höchst erstaunt, dass bei rund der Hälfte meiner Ersten-Mal-Erfahrungen Alkohol und Drogen eine Rolle spielen. Das ist eine Seite, die ich an mir noch nicht kannte. Ich hatte eher das Bild eines strikten Abstinenzlers von mir, der sich hin und wieder ein Glas erlaubt. So kann man sich irren.

Dieses Buch ist allerdings keine Autobiographie. Schließlich gibt es nicht mein ganzes Leben wieder. Es fehlen die langen Phasen des Rumsitzens, Rumlaufens, Schlafens, Essens und Überhauptnichtstuns, die den größten Teil meines Lebens ausmachen. Es fehlen sogar sehr wichtige Erste-Male: Meine erste Begegnung mit dem Hähnchenkönig Friedrich Jahn zum Beispiel, oder wie ich Karl Eduard von Schnitzler (»Der schwarze Kanal«) Anfang 1990 die erste Kolumne im Satiremagazin Titanic verschaffte. Selbst meine Erstdurchquerung der Taklamakanwüste, die erste Reise zu den Polisario-Rebellen in die Westsahara und der Erstaufenthalt in Nordkorea ohne Visum sind kein Thema. Diese Premieren werden vielleicht einmal nachgeliefert, in »Zum ersten Mal tot – Band 2«; es sei denn, ich gebe vorher wirklich mein Besteck an der großen Besteckabgabestelle ab.

Extrem aufmerksame Leser werden wahrscheinlich feststellen, dass sich in manchen der achtzehn Kapitel die eine oder andere Begebenheit wiederholt. Warum das so ist, ist einfach zu erklären: Die hier versammelten kurzen Geschichten sind über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden, und die meisten waren ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung in einem Band gedacht. Bei der Bearbeitung wurden viele Dopplungen gestrichen. Die eine oder andere ließ sich trotzdem nicht vermeiden, wollte ich die jeweilige Geschichte nicht zerstören.

Auch die Chronologie des Buches scheint etwas durcheinander. Das nun liegt daran, dass die Reihenfolge der Geschichten von einem vierjährigen Kind festgelegt wurde, das dafür ein Eis bekam. Zudem wechseln Tempo, Farbe, Beleuchtung und Lautstärke öfter. Die Absicht war, auf diese Weise das Pendant zu einem Pop-Musik-Album zu schaffen. Vorbild war dabei die erste Platte der ultrafrühen Pink Floyd »The Piper At The Gates Of Dawn«, die zugleich die beste Platte aller Zeiten ist; da kann der Rolling Stone sie noch so oft auf einen schäbigen Platz 347 setzen. Ich bitte die Kritik herauszufinden, ob mir a) das Gegenstück gelungen ist und b) welche Geschichte »Interstellar Overdrive« sein könnte? Auf »The Piper At The Gates Of Dawn« sind allerdings nur elf Stücke. Dieses Buch verfügt dagegen über achtzehn prächtige Kapitel. Hier orientierte ich mich an den achtzehn Stufen der chinesischen Hölle, die die Hauptfigur des Buches durchwandern muss, bis sie schließlich ihr Ziel erreicht. Außerdem hat auch »Ulysses« von James Joyce achtzehn Kapitel. Aber das brauche ich Ihnen ja nicht zu erzählen.

Dem extrem aufmerksamen Leser wird wahrscheinlich auch die eine oder andere Geschichte bekannt vorkommen. Das liegt dann daran, dass er sie schon mal so ähnlich gelesen hat. Ältere Versionen einiger Geschichten sind zum Beispiel in den schönen Städtebüchern des Verbrecher Verlags erschienen. Manche standen in anderer Form im Feuilleton der Berliner Zeitung oder aber im Schlaumeierforum Wir höflichen Paparazzi. Sämtliche Texte wurden für dieses Buch komplett überarbeitet, erweitert, gekürzt, verschönert, aufgemotzt und angemalt. Etwa ein Drittel sind Erstveröffentlichungen.

Inspiriert wurde das Buch auch von einem Vorschlag Max Goldts, der lautet: »Um dem weitverbreiteten Mangel an Bereitschaft entgegenzutreten, das eigene Leben als einzigartiges Erlebnis aufzufassen, gibt es kostengünstige Alternativen zu Flucht in Rafting und Felsenkletterei: Man kann sich z.B. allabendlich hinsetzen und sich überlegen: Was habe ich heute zum ersten Mal gemacht?« Bereits vor zehn Jahren veranlasste dieses Zitat Heiko Arntz und Tex Rubinowitz zur Herausgabe einer Ausgabe des leider längst verblichenen Literaturmagazins Der Rabe. Dieser »Erste Mal Rabe« gilt heute als eines der grundlegenden Werke der Premierenforschung. In dem Kompendium bin auch ich mit einer Geschichte vertreten. Die aber ist nicht gelungen, weshalb sie auch in diesem Buch nicht vorkommt. Der Text »Der Kippenberger« des hoffnungsvollen Nachwuchsschriftstellers Joachim Lottmann im selben Band ist um Lichtjahre besser. Schon wegen ihm lohnt sich die Anschaffung des kleinen, antiquarischen Buchs auch heute noch.

Martin Kippenberger habe ich zwar auch irgendwann das erste Mal getroffen – und zwar 1991 oder 1992 in einer Toilette in Kassel –, doch tritt er in diesem Buch nicht auf. Statt dessen kommen vor: Joseph Beuys, Novalis, Verona F., Theodor Heuss, Marburg, Martin Walser, Gina W. und ein gewisser DJ Bim Bam. Ansonsten geht es um tödliche Krankheiten, die Bundeswehr, Star Trek, Epileptiker, prügelnde Polizisten, Neandertaler, LSD, Religion, die Stasi und den Maoismus. Auch der Teufel, die Stadt Bielefeld und die Hölle werden überraschend häufig erwähnt. Und es tauchen immer wieder Liliputaner auf. Es ist also die Frage, ob sich dieses Buch wirklich nur um mich dreht. Vielleicht handelt es ja auch von Ihnen?

Schleimhaut Rock
Zum ersten Mal tot
(8 Jahre)

Zum ersten Mal starb ich mit acht Jahren. Ich lief sehr schnell über große Abwasserrohre, die am Straßenrand darauf warteten, unter die Erde verlegt zu werden. Ich rutschte ab und fiel mit dem Rücken auf eine frischverlegte Bordsteinkante. Das Blut schoss mir in den Schädel. Ich sah rot und schwarz, der Atem blieb mir weg, mir wurde heiß und es blitzte. Dann brach meine Wirbelsäule und ich war tot. Ich spürte es ganz deutlich.

Das nächste Mal starb ich auf einer Müllkippe, auf der ich gerne zwischen Haus- und Klinikmüll nach Sachen suchte, die ich gebrauchen konnte. Ich wühlte gerade in einem Haufen abgelaufener Psychopharmaka und weggeworfener Spritzen und merkte dabei nicht, wie ich auf einen Berg von Kunststofffolien geriet. Der Berg setzte sich plötzlich in Bewegung und rutschte ganz langsam dem stinkenden Teich entgegen, der sich am Grund der Müllkippe gebildet hatte. Sein Wasser war wie Rohöl und von einer Schwärze, wie ich sie noch nie gesehen hatte, und mittendrin lag ein verrosteter Kran.

Ich hatte große Angst, denn ich konnte noch nicht schwimmen. Es war auch überhaupt nicht klar, ob Schwimmen in dem öligen Pfuhl was nutzen würde. Also hielt ich still. Ich war so ruhig, wie es irgend ging, damit die Plastiklawine zum Halten kommen konnte. Ich starrte krampfhaft auf die Folien. Es waren ausgestanzte Verpackungen für Margarine. Die Aufschriften brannten sich in mein Hirn: »Homa Gold« und »Fritz Homann, Dissen am Teutoburger Wald«. Ich musste diesen Plastikberg irgendwie zum Stoppen bringen. Doch das Starren nutzte nichts. Der Berg und ich rutschten weiter, ganz langsam zwar, aber unaufhörlich. Bald war ich nur noch dreißig Zentimeter von der Brühe entfernt. Ich begann zu beten und dachte daran, wie ich einmal auf meinem Kassettenrecorder so oft »Spirit in the sky« von Norman Greenbaum gehört hatte, bis mich ein namenloser Schrecken überkam, der mich zugleich freudig erregte. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, ganz leicht zu werden, als würde ich tatsächlich gleich in den Himmel fliegen. So ungefähr fühlte ich mich jetzt wieder.

Als meine Schuhe das Wasser praktisch schon berührten, stoppte der Plastikberg mit einem Mal. Ganz vorsichtig bewegte ich mich zur Seite und rettete mich auf eine demolierte Waschmaschine, die auf festem Grund stand. Seit diesem Tag mochte ich keine Homa Magarine mehr, und griff auch später im Supermarkt nur noch zu Rama oder Lätta.

Ich bin auch einmal verblutet. Das war Jahre später, als ich mit Lydia und Matz in Portugal zelten war. Ich hatte mit Matz in einem Dorf Rotwein getrunken und wankte mit ihm zurück zu unseren Zelten. Die standen weit weg vom Dorf auf einer kleinen Halbinsel, die in einen Stausee ragte. Der Weg dorthin war ein schmaler Trampelpfad, der sich in ein paar Meter Höhe an dem Stausee entlangschlängelte. Jeder von uns hatte zwei Weinflaschen dabei, und weil wir keine Taschen hatten, trugen wir sie in den Händen. Es waren noch gut fünfhundert Meter bis zu den Zelten, als ich plötzlich ausrutsche und zu Boden ging. Die Flasche in der linken Hand zerschellte und eine Scherbe zerschnitt mir den Unterarm kurz unter dem Handgelenk. Ich starrte auf den kreideweissen Lappen Haut, den die Flaschenscherbe herausgeschnitten hatte und der jetzt am Arm hing. Die Stelle verfärbte sich sehr schnell rot und Sekunden später spritzte Blut in hohem Bogen aus mir raus.

»Ach du Scheiße«, dachte ich. »Die Vene.« Und mir fiel ein, dass es im Umkreis von mehreren Kilometern keinen Arzt, kein Haus und keine Straße gab, also auch keinen Rettungswagen. Meine Lage war ziemlich aussichtslos. Trotzdem begann ich zu laufen. Dabei versuchte ich die Blutung mit der rechten Hand zu stoppen. Das Blut aber pulste schön rhythmisch weiter, wie in einem Zombiefilm, wenn einem irgendwelche Gliedmaßen abgerissen werden. Wie warm doch das eigene Blut ist, wenn es einem über den Arm läuft, und wie flau einem dabei wird. Und irre, wie lange ich so laufen kann. Das ist ja ganz erstaunlich. Das ungefähr ging mir durch den Kopf. Bei meinem Zelt angekommen, nahm ich eine Unterhose und wickelte sie mir ganz fest um den Arm. Dann verkroch ich mich erschöpft ins Zelt. Am nächsten Morgen war die Unterhose schwarz verkrustet und ganz steif. Ich fühlte mich schwach, war aber noch da. Ich wunderte mich ein bisschen.

Heute erinnert mich eine Narbe in Form eines Hufeisens an diese Geschichte. Es sieht so aus, als wäre der Teufel über meinen Arm gelaufen oder als hätte er mir ein Brandzeichen verpasst. Dieses Mal erinnert mich auch daran, dass ich nach der Sache mit der Weinflasche begann, an der Entschlossenheit von Gevatter Tod zu zweifeln. Egal welche Katastrophen mir auch passierten, ich starb nicht. Vielleicht gilt ja der Satz, dass alle Menschen sterblich sind, nicht für mich. Vielleicht bin ich die Ausnahme von der Regel.

Der Tod versuchte immer wieder, mir das Gegenteil zu beweisen. Nachdem es mit den Unfällen nicht geklappt hatte, probierte er es mit Infektionen. Mit fünfunddreißig Jahren bekam ich AIDS. Ich hatte mich in einer Kneipe betrunken zu einer blonden Frau an den Tisch gesetzt, sie zunächst einfach nur angestarrt und als sie zurückstarrte, irgendwas geredet. Ohne es zu wollen, folgte ich der Frau später in ihre Wohnung. Dort schloss sie mich ein, zog mich aus und zwang mich, mehrmals mit ihr zu schlafen. Da entdeckte ich, dass ihr Rücken mit kleinen Knötchen bedeckt war. Das Kaposi-Syndrom, ganz klar!

Natürlich hatte ich ein Kondom benutzt. Trotzdem hatte mich Freund Hein jetzt ordentlich am Wickel. Jeden Morgen schüttelte und rüttelte er mich, bis meine Zähne klapperten, und abends wiegte er mich in den Schlaf. Dabei summte er Schlummerlieder wie »Schleimhaut Rock« oder »Kondome haben Löcher«. Ich rief mehrmals die AIDS-Hotline an, doch diese Gespräche konnten mich nur für eine halbe Stunde beruhigen. Immer wieder rechnete ich den Zeitpunkt aus, an dem ich sterben würde: Mal gab ich mir zwanzig Jahre, mal nur ein paar Monate, ganz nach Laune. Nach drei Wochen ging ich endlich zum AIDS-Test. In den fünf Tagen, in denen ich auf das Ergebnis warten musste, schrieb ich mehrere interessante Testamente. Dann kam der Bescheid. Der Doktor übergab ihn mir in einem Umschlag. Ich riss ihn auf: Negativ. Der Tod konnte mal wieder seine Sense packen und nach Hause gehen, wo immer das auch sein mag.

Ich weiß nicht, was es ist, aber der alte Gleichmacher kommt offenbar nicht gegen mich an. Sogar meine Mitmenschen meidet er, bin ich bloß in ihrer Nähe. Deshalb habe ich trotz meines fortgeschrittenen Alters im wirklichen Leben noch keinen Toten gesehen. Es ist natürlich nicht so, dass keine Leute sterben, die ich kenne. Immer wieder wird mir von Todesfällen berichtet, und diese Leute tauchen dann auch tatsächlich nirgendwo mehr auf. Aber jedes Mal, wenn es passiert, bin ich gerade woanders. Dabei gehe ich den Todeskandidaten nicht aus dem Weg. Einmal besuchte ich einen Freund, der mit einem Hirntumor im Krankenhaus lag. Er war vom Tod gezeichnet. Wir redeten über das Sterben und am Schluss versprach ich ihm, zu seiner Beerdigung zu kommen, um dort ein paar Worte zu sagen. Ich konnte das Versprechen nicht halten, denn als der Freund schließlich starb, war ich gerade auf einer Forschungsreise im Norden Englands. Auch bei der Beerdigung meines Großvaters war ich nicht dabei, sondern sehr weit weg und unerreichbar.

Zu mir selbst kam Hein Klapperbein nur noch dann, wenn ich absolut nicht mit ihm rechnete. Einmal fiel ich ausgerechnet in einem Fernsehstudio fast vier Meter tief in einen Schacht, der an Betontreppenstufen endete. Ich kann mich noch daran erinnern, wie sehr ich staunte, als ich in das dunkle Loch hinuntersegelte: »Das war es also jetzt. Das war dein ganzes Leben.« Dann knallte ich auch schon auf den Beton. Mein linker Oberschenkel zerbrach in kieselsteingroße Stücke, aber ich verlor noch nicht einmal das Bewusstsein. Ich lag dort auf dem Grund des düsteren Schachts, und während ich laut um Hilfe schrie, dachte ich: »Siehste, Gevatter. Ich bin nicht kaputt zu kriegen.« Allerdings waren die Schmerzen, die ich spürte, nicht von schlechten Eltern. Im Krankenhaus durfte ich sie deshalb mit einer Schmerzpumpe bekämpfen, die direkt über meinem Bett hing. Damit jagte ich mir bei Bedarf Morphium in die Venen. Ein paar Minuten später hatte sich mein Krankenzimmer in einen Hippietraum verwandelt. An der Wand mir gegenüber bewegten sich Farben in Spiralen, dazwischen krabbelten rote Käfer. Und manchmal stand der Tod an meinem Bett, mit betrübter Miene. Er trug einen blauen Overall und sah aus wie Gerhard Schröder.

Nach diesem Misserfolg ließ mich der Tod ein paar Jahre in Ruhe. Er meldete sich zurück, als ich die Fünfzig gerade überschritt. Ich glaube, unser grauer Betreuer liebt die Dekade zwischen Fünfzig und Sechzig ganz besonders. Da geht es ja auch langsam mit dem großen Sterben los. Ich bekam einen Hirntumor, der aber verschwand, nachdem man mich dreimal in die MRT-Röhre gesteckt hatte. Der Tumor verwandelte sich in amyotrophe laterale Sklerose. Ich hatte alle Symptome dieser geheimnisvollen Krankheit, die fast immer innerhalb weniger Jahre zum Tode führt: Muskelschäche, Schwindel, Krämpfe und Kribbeln in den Beinen. Sie passte auch gut zu mir. Es waren bereits etliche andere Prominente an ihr gestorben. Der Schauspieler David Niven, Charlie Mingus oder der Kanzlermaler Jörg Immendorf. Auch Stephen Hawking leidet an der VIP-Krankheit. Ich las sofort ohne Unterbrechung alles über ALS, bis ich schließlich auch alles wusste, unter anderem, dass ich die Krankheit nicht haben konnte. Damit verschwanden sämtliche Symptome. So ähnlich war es auch bei meiner Lungenfibrose, dem Lupus oder dem Pankreastumor. Inzwischen glaube ich, je älter ich werde, desto unsterblicher werde ich.

Natürlich schmeckt das dem feinen Herrn Tod nicht. Und darum brütet er sicher schon die nächste Schweinerei aus. Ich vermute, er spekuliert darauf, dass er mich eines Tages überlistet. Doch das wird nicht passieren. Ich bin auf der Hut und merke jedes Mal, was er im Schilde führt. Ich weiß, er hofft darauf, dass ich unaufmerksam werde, um dann plötzlich richtig zuzuschlagen. Aber ich habe keine Angst. Denn selbst, wenn es ihm irgendwann gelingen sollte, was sollte das schon für ein Sterben sein? In ein paar hundert Jahren gehe ich eines Abends mit einem leichten Zittern zu Bett. Und am nächsten Morgen wache ich einfach nicht mehr auf. Vollkommen unspektakulär. Es wird für mich Routine sein, ein alter Hut, so langweilig wie die Reden deutscher Bundespräsidenten. Was aber ist wohl mein letzter Gedanke? Ich glaube, so etwas wie: Ach, könnte ich doch nur so sterben wie beim allerersten Mal. So aufregend und gesund.

Epileptikeradel und schwarze Schwestern
Zum ersten Mal draußen
(33 Jahre)

Ich bin zwischen den grünen Bergen von Garizim und Morija aufgewachsen. Seitdem ich denken konnte, blickte ich aus dem Fenster unserer Küche auf Bethanien, dem »Haus der Armen«, einem Flecken bei Jerusalem. Wir spielten in den Gärten Magdalas am See Genezareth, und auf dem Weg zur Schule überwand ich täglich den Berg Nebo, auf dem Moses starb, nachdem ihm Gott das Land der Verheißung gezeigt hatte. Passend zu dieser Geschichte stand hier oben eine Kapelle, aus der es immer süßlich roch, weil in ihrem kühlen Keller die Leichen aufgebahrt wurden, die auf ihre Bestattung warteten. An manchen Sommerwochenenden zogen wir mit unserer Mutter Richtung Enon und pflückten schwarze Brombeeren. In dieser Gegend taufte einst Johannes, denn es gab viel Wasser hier. Bei Enon stand auch das Haus Arafnas. Auf dessen Tenne hatte König David vor Zeiten einen Altar errichtet, aus dem dann später der große Tempel wurde. Ganz hinten im Wald, hinter den drei grünen Gaskugeln, erhob sich hoch auf einem Berg Salem. Das war das Ende unserer Welt.

Diese Welt trägt den Namen Bethel, was auf Hebräisch so viel wie das »Haus Gottes« heißt. Dieses Bethel aber liegt nicht, wie man meinen könnte, in Israel, sondern ist heute ein Teil von Bielefeld. Damals gehörte es noch nicht zur Stadt, sondern war eine fast selbstständige Anstalt, die etwa 8.000 Epileptiker und ein paar Tausend Geisteskranke beherbergte. Die Bezeichnung »Anstalt« führt allerdings in die Irre, da man sich darunter ja gemeinhin ein klar begrenztes, ja ummauertes Gelände vorstellt. Doch diese Grenzen fehlten.

Bethel war eine protestantische Einrichtung, was die biblischen Namen aller hier errichteten Häuser und Landschaftselemente erklärt. Auch alle Menschen, die in den beiden Betheltälern lebten, waren stark vom Protestantismus geprägt. Wahrscheinlich gab es hier keine fünf Katholiken. Bethel war so etwas wie der protestantische Vatikan. An der Spitze der gesellschaftlichen Ordnung stand eine ganze Schar von Pfarrern, denen ein kleines Bataillon von Diakonen zuarbeitete. Zu denen zählte mein Vater. Die Pfarrer und Diakone waren Angehörige einer Bruderschaft. Uns Kindern erschlossen sich die Hierarchien erst langsam. Wir fragten immer, ob jemand, der uns besuchte oder den wir auf der Straße trafen, auch ein »Bruder« war oder aber bloß ein »Herr«. »Ist ein Bruder was Besseres?«, fragte ich irgendwann meine Mutter. Die verneinte. Doch das stimmte nicht. Die Herren waren so etwas wie die zivilen Angestellten Bethels und hatten fast immer Vorgesetzte, die sich untereinander mit Bruder ansprachen.

Auch die Frauen in Bethel gehörten unterschiedlichen Klassen an. Es gab welche wie meine Mutter, die mit Männern verheiratet waren. Und es gab Frauen, die das nicht durften. Das waren die Diakonissen. Sie trugen eine pechschwarze Tracht und weiße gestärkte Hauben, unter denen sich eine einheitliche Mittelscheitelfrisur verbarg. Diese Frauen, die niemals Mütter werden würden, gehörten absurderweise einem Mutterhaus an. Sie wurden mit Schwester angeredet und arbeiteten in den Pflegehäusern Bethels. Vor den Schwestern hatte ich Angst. Sie hatten etwas Steifes, Soldatisches an sich, ja manche schienen mir von Grund auf böse. Ob sie über oder unter den verheirateten Frauen standen, war schwer zu sagen. Eher bildeten sie eine Parallelgesellschaft in der Anstalt. Letztlich aber waren auch sie den Pfarrern Untertan. Einer stand an der Spitze des Mutterhauses und wurde von den Schwestern Vater genannt.

Am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala befanden sich die Epileptiker und Geisteskranken. Sie hießen einfach: die Patienten oder Kranke. Sie mussten sogar in der Kirche auf getrennten Bänken sitzen, so wie die Schwarzen zur Zeit der so genannten Rassentrennung in den USA. Die Kränksten bekam man gar nicht zu sehen. Sie lagen auf Torfbetten in dunklen, vor über hundert Jahren gebauten Pflegehäusern, in denen es nach Scheiße, Pisse und Großküchenessen roch und aus denen manchmal fürchterliche Schreie drangen. Nur einmal betrat ich das Innerste eines solchen Hauses. Es war bei einem Martinssingen. Die Schwestern hatten uns Kinder hineingelassen und dann das Licht gelöscht, damit unsere Laternen besser zur Geltung kamen. Ich stand am Ende eines Bettes und sah im flackernden Licht ein stöhnendes Wesen mit aufgerissenem Mund und offenem Rücken vor mir liegen. Das Wesen hatte das Gesicht zu einem breiten Grinsen verzogen und ich sang tapfer: »Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.«

Lustiger war der Patientenadel, den wir täglich auf der Straße trafen. Ernst von Tabor, der schöne Siegfried von Arafna oder Dieter von der Brockensammlung. Das jeweilige Pflegehaus, in dem sie wohnten, war Teil ihres Namens geworden; ihren echten Nachnamen kannte keiner. Dafür war jeder von ihnen etwas Besonderes. Ernst von Tabor trug immer einen Haufen Papiere mit sich herum und einen Dirigentenstab. Erklang irgendwo Musik, stellte er sich vor die Quelle und begann zu dirigieren, auch wenn es nur ein Radio war. Gegen Ernst war Karajan ein Amateur. Dieter von der Brockensammlung schob einen Handkarren durch die Anstaltsstraßen, mit dem er Pappkartons und anderes Verpackungsmaterial einsammelte. Am liebsten aber er hing er an einem Schulhof herum, um dort mit seiner immer zu lauten, kehligen Stimme blutjunge Mädchen anzusprechen. Und dann war da noch ein alter Mann mit wenigen grauen Haaren, den wir nur als »den Kater« kannten. Er begrüßte jeden auf der Straße mit einem lauten, lang gezogenen »Miau«. Er war bei den Erwachsenen sehr beliebt, weil er das absolute Gehör hatte. Für ein paar Mark stimmte er die Klaviere in der Anstalt, auch bei uns kam er dazu einmal im Jahr vorbei. Uns Kindern war der Graue suspekt. Er tätschelte uns die Wangen etwas zu lange und fasste uns auch anderen Stellen manchmal seltsam an.

Es gab auch echte Adelige unter den Patienten. Einer war Herr von Bismarck, aus der Familie des ehemaligen Reichskanzlers. Er wohnte im »Libanon«, hatte aber trotzdem seinen Nachnamen behalten. Er war hochgewachsen, ging in grünem Loden und schritt mehrmals in der Woche gravitätisch an unserem Haus vorbei. Mein Großvater war noch zu Lebzeiten des Kanzlers Bismarck geboren, und auch er war ein Diakon. Doch arbeitete mein Großvater im Garten, und stolzierte Bismarck vorbei, wurde er von meinem Großvater immer voller Hochachtung gegrüßt. Es gab noch einen anderen grüngekleideten Patienten, der in Bethel berühmt war. Das war der Polizist. Er trug eine knallgrüne, Orden geschmückte Uniform mit dazu passenden Reitstiefeln. Ab und zu machte er auch außerhalb der Anstalt kleine Ausflüge. Dann konnte man ihn irgendwo in Bielefeld auf einer Kreuzung sehen, wo er den Verkehr regelte.

Die epileptischen Patienten unterschieden sich von den Geisteskranken dadurch, dass sie von einem Moment auf den anderen mit einem großen Anfall zusammenbrechen konnten. Da es in meiner Kindheit noch keine besonders ausgeklügelten Antiepileptika gab, passierte das laufend. Mehrmals am Tag sahen wir Kinder Erwachsene, die zappelnd und zuckend auf der Straße lagen, mit Schaum vor dem Mund und verdrehten Augen. Besonders häufig schlug der epileptische Blitz ein, wenn sich ein Patient irgendwie erregte. So bekam bei einer schmissigen Predigt in den Anstaltskirchen fast jedes mal ein Patient einen Anfall. Pfleger und Mitpatienten schafften den Zuckenden dann möglichst schnell aus dem Kirchenschiff und trugen ihn auf eine Liege in einen Raum, der extra für die Anfälle gebaut war. Das war so normal, dass niemand weiter davon Notiz nahm. Nur für uns Kinder war so ein Anfall immer eine willkommene Abwechslung in den öden Gottesdiensten.

Viele Epileptiker trugen damals einen ledernen Sturzhelm, der sie vor Verletzungen bei einem Anfall bewahren sollte. Ein nicht besonders vorteilhaft wirkendes Kleidungsstück. Natürlich machten wir Kinder uns darüber lustig. Auch sonst amüsierten wir uns über die Patienten, obwohl uns das die Eltern streng verboten hatten: »Die Kranken sind Menschen wie wir. Man darf nicht über sie lachen.« Aber weil sich die Patienten eben so komisch benahmen und wir Kinder waren, hörten wir nicht auf sie. Wir äfften den Gang, die Anfälle und ihre seltsame Art zu sprechen nach, oder wir versteckten uns in Bethels kleinen Wäldern hinter Bäumen und sprangen dann hervor, um sie zu erschrecken. Besonders gerne ärgerten wir den liebestollen Dieter von Brockensammlung. Einmal regte er sich darüber so sehr auf, dass er neben seinem Karren zu Boden ging und krampfte. Da kriegten wir es doch mit der Angst zu tun und liefen schnell nach Hause. Ich machte mir den ganzen restlichen Tag große Sorgen. Doch am nächsten Tag stand Dieter wie gewohnt an der Schule und röhrte die kleinen Schulmädchen an. Er hatte offenbar vergessen, was passiert war.

Wir Kinder lebten gerne in Bethel. Da Kinder Geschenke Gottes waren, hatten die Brüder alle große Familien. Sechs oder sieben Kinder waren keine Seltenheit. Wir waren vier Geschwister, und das Haus, in dem wir wohnten, stand allen anderen Kindern immer offen. Wir tobten auch durch die Häuser und Gärten der anderen Familien. Uns gefiel auch, dass Bethel damals noch sehr ländlich war. Es gab mehrere Bauernhöfe, auf denen auch Patienten arbeiteten, die dazu in der Lage waren. Der schöne Siegfried und sein hässlicher Kumpel fuhren täglich mit einem Pferdefuhrwerk die Anstaltsstraßen ab, um in großen stinkenden Tonnen Essensreste einzusammeln, die an die Schweine Arafnas verfüttert wurden. Auch Enon war ein Bauernhof und den Schweinen von Arimathia warfen wir im Herbst Eicheln und Kastanien in ihre Koben, die direkt an unserem Schulweg lagen.

Patienten arbeiteten auch in der anstaltseigenen Bäckerei oder in der Ziegelei, von der eine kleine Schmalspurbahn zur anstaltseigenen Tongrube zuckelte. Das Ziel der Anstaltsgründer war es gewesen, Bethel so autark wie möglich zu machen. Deshalb hatte man nach und nach auch noch eine Schusterei gebaut, eine große Gärtnerei, ein Milchgeschäft, in der man lose Milch und Butter kaufen konnte, eine Schlosserei und eine Schmiede, die den Namen Gilgal trug. In der Bibel war das der Ort, an dem König Saul gesalbt wurde, später wurde er ein Hort der Abgötterei. Hier lungerte ich manchmal herum und beobachtete Hengste mit erigiertem Penis, die beschlagen wurden. Ich wunderte mich über den Schlauch, der aus ihnen herausragte, und ich dachte, diese Pferde seien irgendwie kaputt. Es schien aber weder sie selbst noch irgendeinen anderen zu stören, und als ich meiner Mutter das Problem erklären wollte, verstand sie es nicht.

In der Mitte der Anstalt stand das große Bethelkaufhaus. Es hieß Ophir nach dem sagenhaften Goldland, aus dem König Salomo Gold, Sandelholz und Elfenbein holen ließ, um seine Prachtbauten in Jerusalem zu errichten. Hier wie in den anderen Geschäften konnte man mit Bethelgeld bezahlen, einer Parallelwährung, die bis heute in ganz Deutschland einzigartig ist. Das Geld wurde nur an Patienten und in Bethel Beschäftigte ausgegeben, die es in der örtlichen Filiale der Sparkasse tauschen konnten. Es war ein guter Tausch, denn für 100 Mark Bundesgeld gab es 105 Mark Bethelgeld. Die Anstaltsleitung hatte diese eigene Währung eingeführt, damit der Lohn der Angestellten und das Taschengeld der Patienten in Bethel blieb; außerdem sollte wohl verhindert werden, dass sich Patienten und die auf dem Lindenhof verwahrten »Tippelbrüder« außerhalb der Anstalt mit Stoff versorgen konnten. Natürlich kamen sie trotzdem an ihren Schnaps, denn einige Geschäfte direkt an der Grenze Bethels nahmen auch die betheleigene Währung an. Offenbar gab es dunkle Kanäle, die benutzt wurden, um die Scheine zurückzutauschen.

Ich liebte unser Bethelgeld, und bekamen wir Besuch von draußen, gab ich damit an. Besonders gut gefiel mir, dass es neben Eine-Mark- und Zwei-Markscheinen sogar Fünfzig-Pfennigscheine gab, denn so hatte ich als kleiner Taschengeldempfänger immer auch Papiergeld im Portemonnaie. Ich hätte gerne noch mehr gehabt, und eigentlich wäre das auch nicht schwer gewesen. Unser Vater hatte nämlich die Verbrennung alter Bethelgeldscheine zu überwachen. »Ach Papa«, bettelten wir, »bring uns doch einfach ein paar mit. Das merkt doch keiner.« Doch der Vater sagte nur: »Ihr wisst doch, dass Gott alles sieht«, und ließ sich nicht erweichen.

Außer den besonderen Bewohnern und dem Bethelgeld gab es noch ein paar Dinge, die in Bethel anders waren als im Rest der Welt. Es existierte eine eigene Post, die sogenannte Botenmeisterei, wo das Verschicken von Briefen innerhalb Bethels nichts kostete. So sparte man vor allem beim Versenden von Todesanzeigen. Auch das Telefonieren war umsonst, was wir Kinder weidlich ausnutzten. Waren die Eltern aus dem Haus, riefen wir Leute mit komischen Namen an und terrorisierten sie. »Ist da Frau Küth?« »Ja.« »Tüt, tüt, tüt«, und das ungefähr zwanzig Mal am Tag. Da die Telefongespräche auf keiner Rechnung auftauchten, kam uns nie ein Erwachsener auf die Spur. Es gab auch einen kostenlosen Bethelbus, doch der fuhr nicht an unserem Haus vorbei, so dass wir ihn kaum nutzten. Was fehlte, war lange Zeit ein eigener Rundfunksender, doch als man das bemerkte, gab es den dann plötzlich auch. Der Betheler Krankenhausfunk übertrug per Kabel die Gottesdienste aus den Betheler Kirchen in die Pflegehäuser, und ab Mitte der Siebziger gab es zwischendurch religiöse Popmusik, bevorzugt von der anstaltseigenen Fürsorgezöglingsband »Wir« aus Freistatt, Bethels Teilanstalt im Moor.

Bethel hätte eigentlich nur noch eigene Briefmarken drucken müssen, dann wäre es glatt als ein Zwergstaat wie Monaco, San Marino oder eben der Vatikan durchgegangen. Tatsächlich hörte ich immer mal wieder das Gerücht, es hätte nach Ende des Zweiten Weltkriegs Pläne gegeben, Bethel aus Westdeutschland heraus zu trennen und in die Unabhängigkeit zu entlassen. Das aber ist wahrscheinlich Blödsinn. Diese Anstalt war ja nicht von dieser Welt. Ich wusste lange nicht, womit ich diesen Ort vergleichen sollte, bis ich irgendwann die Fernsehserie »The Prisoner« mit Patric McGoohan sah. Hier wird ein Haufen seltsamer Gestalten in einem nur »The Village« genannten höchst autarken Dorf festgehalten, in dem seltsame Regeln gelten und aus dem es praktisch kein Entrinnen gibt. Allerdings glaubte ich, dass ich, wenn ich nur wollte, »der Anstalt« jederzeit entkommen konnte. Wie sich später herausstellen sollte, war das ein Irrtum.

Ich irrte auch, als ich dachte, dass in Bethel alles so bleiben würde, wie ich es als Kind vorgefunden hatte. Ab Mitte der sechziger Jahre setzten die ersten Veränderungen ein. Es begann damit, dass meine Eltern Wegwerfbettwäsche aus Papier testen mussten. Die sollten in allen Betheler Pflegehäusern eingeführt werden, um so die Kosten für das Waschen einzusparen. Die Bettwäsche kratzte furchtbar und riss andauernd, so dass man am Ende doch von einer Umstellung von Stoff auf Papier Abstand nahm. Dafür stellte man vor Ophir einen Eisautomaten auf. Klaus Möller fand sofort heraus, dass der Automat nicht richtig funktionierte. Das Bundesgeldstück, das man einwarf, kam wieder raus; ein Eis aber bekam man trotzdem. Wir Kinder räumten den Automaten täglich leer und konnten eine Zeit lang Eis wie Brot essen. Nach ein paar Wochen endete unser Glück abrupt. Weil der Apparat sich offenbar nicht reparieren ließ, war er eines Tages wieder verschwunden.

Trotz dieser kleinen Rückschläge ließ sich der Fortschritt auch in Bethel nicht aufhalten. Gegen Ende der Sechziger begann man viele der alten, wie mittelalterliche Burgen oder Schlösser wirkenden Pflege- und Verwaltungshäuser abzureissen, und an ihrer Stelle Waschbetonburgen zu errichten. Diese Übergangszeit war auch die beste. Wir Kinder spielten in den leer stehenden Abbruchhäusern, schmissen alle Scheiben ein und fanden auf den Dachböden verborgene Schätze. Wir zerrten zurückgelassene hölzerne Rollstühle aus den Schuppen und fuhren mit ihnen auf abschüssigen Straßen Rennen. Uns standen jetzt auch die riesigen Gärten der Pflegehäuser offen. Hier ernteten wir die verlassenen Erdbeerfelder ab, pflückten eimerweise Johannisbeeren, legten Stauseen an, in denen wir Frösche züchteten, und bauten Häuser in den Bäumen. Im Frühjahr legten wir im trockenen Gras kleine Steppenbrände oder errichteten riesige Scheiterhaufen, in denen wir am liebsten gefundene Autoreifen, Altöl und Plastikteile verbrannten. Oft standen große schwarze Rauchsäulen über unserem Betheltal und manchmal kam die Polizei vorbei, um einzuschreiten. Doch dann waren wir längst weg.

Als man dann damit begann, die neuen Häuser zu errichten, ging diese Epoche zu Ende. Etwa zur gleichen Zeit wechselte ich aufs Gymnasium. Mein Schulweg war nicht weit; ich brauchte dafür kaum zwanzig Minuten. Doch die Schule befand sich auf der anderen Seite des Berges. Dort lag das, was unter den Bethelanern nur »die Stadt« hieß, eine Welt, in dem alles ganz anders war und wo andere Gesetze galten. In der Stadt zerfiel die Gesellschaft nicht in Brüder, Herren und Patienten, und Bethelgeld war wertlos. Hier konnte es passieren, dass man dafür aufgezogen wurde, weil man aus Bethel kam. Immer wieder gab es Klassenkameraden, die sich vor mir aufbauten und sagten: »Ey, Schmidt, du schuldest mir noch fünf Mark.« Anfangs fiel ich noch darauf rein und fragte verdutzt: »Wofür denn das?« »Ich hab’ dir doch in Bethel über die Mauer geholfen. Dafür!« Es nutzte nichts, dass man beteuerte, es gäbe um Bethel herum gar keine Mauer. Wer hierher kam, war in den Augen der anderen eben auch ein Irrer oder bestenfalls eine Witzfigur.

Aber natürlich waren wir, die wir aus Bethel kamen, anders. Und manchmal glaubte sogar ich, dass wir alle eine Macke hätten. Das hatte auch Vater Möller immer wieder behauptet, ein Nachbar, der in Bethel als Aushilfsgärtner arbeitete: »Wer als Normaler länger als fünf Jahre in Bethel gewohnt hat, wird selbst bekloppt.« Auf Vater Schulz traf das zu. Er war ein Alkoholiker, der in der Nachbarschaft die Stelle des Asozialen besetzte, auch weil er seine Kinder über das normale Bethelmaß hinaus schlug. Sein Sohn Klaus trug den Spitznamen »Hauwie«, weil er schon im Sandkasten des Vaters Prügelattitüde übernommen und andere Kinder angeschrien hatte: »Ich haue dich, aber wie.« So kaputt wie Hauwie war ich nicht, aber ich spürte immer wieder, dass auch ich eigentlich nicht in die normale Welt passte.

In dieser Welt bekamen die Leute Angst, wenn jemand einen Anfall hatte und sich in Krämpfen auf dem Boden wälzte. Man lief davon, wenn Spastiker einen unverständlich anlallten, und ekelte sich vor Spucke, die in langen Fäden von wulstigen Lippen troff. Außerdem war diese Welt schlecht und ungerecht, und mit so etwas wie Barmherzigkeit konnte man nicht rechnen. Ich fand mich hier nur sehr mühsam zurecht. Ich hätte natürlich mein Leben lang in Bethel bleiben können, wo ich wusste, wie der Hase hoppelte. Aber das neue Bethel gefiel mir nicht. Die Waschbetonburgen sahen aus wie überall, und weil sich die Bauernhöfe nicht mehr rentierten, wurden einer nach dem anderen dichtgemacht. Der schöne Siegfried fuhr jetzt nicht mehr mit dem Pferdewagen durch die Anstaltsstraßen. Auch der restliche Patientenadel verschwand. Irgendwann tat der Kater seinen letzten Maunzer, und Ernst von Tabor fiel der Taktstock für immer aus der Hand. Selbst für die Bezeichnung »Anstalt« begann man sich zu schämen.

Für mich war klar: Ich musste mir ein neues Bethel suchen, neue Brüder, Schwestern und Patienten. Ich brauchte eine Weile, bis ich sie fand. Mitte der Achtziger stieß ich in Frankfurt auf eine Gruppe, die den Betreibern und Insassen Bethels ähnlich war: Die Redaktion des Magazins Titanic und ihr Umfeld. Ich will nicht ausbreiten, wer hier welche Rolle einnahm; bis dieses Kapitel geschrieben wird, müssen wohl noch einige Jahre ins Land gehen. Ich kann nur versichern, dass ich mich als ehemaliger Bethelinsasse in dieser Versammlung von Neurotikern, Paranoikern, Hypochondern und bipolar Gestörten einige Jahre sehr wohlgefühlt habe. Auch die Leserschaft dieses Blattes besteht ja zu einem großen Teil aus Menschen, die im Oberstübchen nicht ganz richtig sind. Ich hatte damit selbstverständlich keine Probleme. Und so übernahm ich, als ich Titanic-Redakteur wurde, automatisch die Betreuung der härtesten Fälle.

Ich beantwortete die Briefe von Leuten, die mit in den Zähnen implantierten Radios gefoltert wurden, der Hohlwelttheorie anhingen oder Selbsttrepanation mit Bohrmaschinen als den einzigen Weg zur Erleuchtung propagierten. Natürlich versuchte ich, sie möglichst sanft abzuwimmeln. Hatte es aber trotzdem jemand geschafft, bis in die Redaktionsräume vorzudringen, war ich es, der sich um ihn kümmerte. Einmal war ein Schizophrener auf das Dach der Redaktion geklettert, nachdem ihm die Sekretärin in letzter Sekunde die Stahltür vor der Nase zugeknallt hatte. Dieser Mann, der sich Konsul St. nannte, hatte schon vor seinem Besuch ein Paket an die Redaktion geschickt, in dem sich unter anderem sein Abiturzeugnis, sein Wehrpass und ein Einlieferungsbeschluss in die geschlossene Psychiatrie befanden. Ich war also auf den Mann bestens vorbereitet, denn selbstverständlich hatte ich sein Paket und die beiliegenden Papiere genau studiert. Konsul St. hatte während eines Schubs Passanten auf der Straße als »CSU-Faschisten« und »Franz-Josef-Strauß-Anbeter« beschimpft und sie von seiner Wohnung im vierten Stock mit Topfpflanzen bombardiert. Es war ein kleines Wunder, dass bei diesem Angriff kein Mensch zu Schaden gekommen war. Das meinte jedenfalls der einweisende Richter.

In einem weiteren Schreiben bewarb sich Konsul St. um einen Redakteursposten bei der Titanic, wobei er sich ausdrücklich auf den Einweisungsbeschluss als »aussagekräftiges Zeugnis« berief. Ich dachte, jetzt sei er wohl gekommen, um seine Stelle anzutreten. Ich hatte falsch gedacht. Nach seinem Ausschluss aus den Redaktionsräumen hatte sich der Konsul aufs Flachdach der Redaktion geschlichen. Hier hockte er jetzt vor einer der Plexiglashauben, die als Oberlichter dienten, und schrie nach unten: »Die Sache hat sich erledigt. Ich will mein Paket zurück. Ich habe es versehentlich im Dunkeln gepackt.« Als er aus der Redaktion nur ein höhnisches Lachen hörte, begann er, die Muttern der Hauben zu lösen. Dabei schrie er mit einer Stimme, die direkt aus der Hölle zu kommen schien: »Einen Moment. Ich bin gleich da!«

Er kam mit den Schrauben erstaunlich schnell voran, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Kuppel öffnen und der irre Konsul in die Redaktion herablassen würde. Da bekamen es die Redakteure, die sich eben noch in Sicherheit gewähnt hatten, doch langsam mit der Angst zu tun. Auch mir war die Situation nicht geheuer, hatte ich doch in Bethel mehr als einmal erlebt, was für Kräfte Menschen auf einem psychotischen Schub entwickeln können. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass Schizophrene meistens vernünftig reagieren, wenn man sich nur etwas auf ihre Wahnvorstellungen einlässt. Also schrie ich dem Konsul von unten zu: »Kein Problem, das mit dem Paket. Aber wie wäre es, wenn ich es Ihnen aufs Dach bringe?« Man konnte Konsul St. auf dem Dach zwar nicht direkt beim Überlegen zuhören. Er hörte aber damit auf, die Muttern abzuschrauben. Dann schrie er durch das Plexiglas zurück. »Gut, abgemacht. Aber keine Tricks.«

Ich nahm das Paket, öffnete ein Dachgaubenfenster und kletterte zu Konsul St. hoch aufs Dach. Der kam mir federnden Schrittes entgegen. Ich hatte ein bisschen Angst, dass er sich die Übergabe doch noch anders überlegen könnte. Was wäre, wenn ich mich in seinen Augen plötzlich auch in einen »CSU-Faschisten« verwandeln würde? Immerhin war dieses Haus fünf Stockwerke hoch, und nur ein kleiner Stoß würde genügen, um mich als Fett- und Blutfleck auf dem Asphalt enden zu lassen. Aber Konsul St. blieb friedlich. Er lächelte sogar ein bisschen, als er das Paket an sich nahm, und flippte auch nicht aus, als er merkte, dass ein Redakteur die Übergabe fotografierte. Dann fragte er etwas verlegen: »Du hast nicht vielleicht noch ein bisschen Geld für mich?«

Ich kramte in meinen Taschen und fand nur einen zerknüllten Bethelgeld-Schein. Den hatte ich wohl beim letzten Besuch bei meinen Eltern eingesteckt. Ich überreichte ihm den Lappen. »Bethelgeld«, schrie der Konsul begeistert. »Echtes Bethelgeld. Jetzt weiß ich endlich, wohin ich gehe.« Er bedankte sich, stieg rasch vom Dach und packte sein Paket in einen Einkaufswagen, den er auf dem Flur vor der Redaktion geparkt hatte. Dann fuhr er mit dem Fahrstuhl nach unten. Als er auf der Straße auftauchte, war ich gerade vom Dach gestiegen und sah aus einem Fenster. Mit seinem Einkaufswagen zuckelte der Konsul langsam davon, und nach ein paar Minuten verschwand er um die Ecke. In diesem Moment merkte ich, wie ich ein bisschen neidisch wurde.

Ein interessanter Irrer
Zum ersten Mal dagegen
(13 Jahre)

Wann es anfing, weiß ich noch ziemlich genau. Ich war dreizehn und ich fuhr mit meiner Klasse ins Landschulheim nach Langeoog. Dort lernte ich in den Dünen filterlose Zigaretten rauchen und Bier trinken. Beides schmeckte mir auf Anhieb. Als ich wieder nach Hause kam, weigerte ich mich, mir die Haare schneiden zu lassen. Ich, der ich bis dahin sehr ordentlich gewesen war, räumte auch mein Zimmer nicht mehr auf. Und ich setzte noch einen drauf. Einmal, als ein Schulkamerad bei mir zu Besuch war, behauptete ich allen Ernstes, ich würde auch meine Topfpflanzen nicht mehr gießen. Das war zwar gelogen, denn ich habe in meinem Leben noch nie Blumen vertrocknen lassen können, doch in dieser Lüge offenbart sich meine damalige neue Auffassung vom Leben recht deutlich. Kurze Haare, aufgeräumtes Zimmer, Blumen gießen, das alles war in meinen Augen plötzlich Ausdruck einer angepassten Geisteshaltung. Ich aber hatte begonnen, mich diesem stumpfen Leben zu verweigern.

Warum fängt so was an? Angeblich liegt es an den Hormonen. Beginnt die Pubertät, dann produziert der Körper Unmengen von Verweigerungshormonen. Ob das stimmt? Wahrscheinlich wird man mit ca. zwölf bis vierzehn Jahren einfach nur klüger. Man weiß zwar noch nicht viel, aber wenigstens schon mal, dass es so, wie es ist, nicht sein soll.

Ich jedenfalls hörte von nun an nicht mehr auf, mich bestimmten Anforderungen, die das Leben, die Gesellschaft, der Staat oder wer auch immer an mich stellte, zu verweigern. Dabei legte ich Wert darauf, dass meine Form der Verweigerung nicht der von anderen glich. Aber vielleicht ist diese Behauptung zu hochgegriffen. Denn wahrscheinlich war doch alles eher ein Zufall.

Tatsache ist, dass ich anders als alle meine Freunde nicht den Wehrdienst verweigerte, sondern zur Bundeswehr ging. Ich verschwieg sogar bei der Musterung eine Krankheit, damit ich nicht untauglich geschrieben wurde. Und das nicht, weil ich mich für die Armee begeisterte oder den Wehrdienst als ein notwendiges Übel begriff. Im Gegenteil. Ich war keineswegs mit dieser Armee einverstanden.

Dass ich zum Bund ging, hatte, wie man noch sehen wird, schon etwas mit meinem Verweigerungsdrang zu tun, war aber zunächst einmal von Chinesen in Peking beschlossen worden. Das stimmt, so wie alles in diesem Bericht die lauterste Wahrheit ist. Damit man diese Geschichte aber verstehen kann, muß ich etwas ausholen.

Die Chinesen wurden in meiner Heimatstadt Bielefeld unter anderem von der KPD vertreten. Nicht von der alten Liebknecht/Luxemburg-KPD, die ist ja bis heute in Deutschland verboten. Sondern von einem kleinen Haufen, der von ehemaligen SDS-Studenten Anfang der siebziger Jahre gegründet worden war. Diese KPD zählte wie die KPD/ML (Marxisten/Leninisten) oder der KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland) zu den sogenannten K-Gruppen. Auch die letztgenannten Gruppen orientierten sich an den Ideen Mao Tse Tungs und der kommunistischen Partei Chinas. Aber in Bielefeld gab es nicht viele KBWler, und die KPD/ML war nur im Stadtteil Brackwede stark. Deshalb landete ich, der ich bei irgendeiner Gruppe dabei sein wollte, die entschieden was gegen diesen Staat unternahm, eben bei der KPD.

Das heißt, ich wurde mit Fünfzehn Mitglied der »Liga gegen den Imperialismus«, denn die KPD war eine sogenannte Kaderpartei, in die man erst nach harten Tests und Prüfungen eintreten konnte. Die »Liga« dagegen war eine von der eigentlichen Partei unabhängige sogenannte »Massenorganisation«, bei der jeder mitmachen durfte. Tatsächlich war der Verein aber ganz und gar abhängig von der KPD, und eine Massenorganisation war er mangels Masse natürlich auch nicht.

Nun ja, mit Verweigerung, so wie ich sie bisher praktiziert hatte, war es in der Liga nicht weit her. Im Büro der Ortsgruppe herrschte Gerda, eine graue, etwas fülligere Frau um die dreißig. Zu politischen Fragen äußerte sie sich kaum. Trotzdem meldete sie sich auf der wöchentlichen Ortsgruppensitzung jedesmal zu Wort. Dann meckerte Gerda über die Unordnung im Büro oder die schlecht geputzte Schaufensterscheibe. Wenn sich mal ein Arbeiter in unseren Schuppen verirre, falle der doch vor Schreck über den Schmutz gleich wieder aus der Tür. So schlimm sah es wirklich nicht aus, aber nach Gerdas Ansprache schauten die Genossen jedes mal schuldbewusst zu Boden und versprachen sich zu bessern. Am Ende war es aber doch Gerda, die aufräumte, den Boden schrubbte, das Fenster putzte oder Topfpflanzen hineinstellte. Ob das einem Arbeiter gefallen hätte, weiß allerdings bis heute niemand. So lange ich Liga-Mitglied war, hat sich keiner im Büro blicken lassen.

Angeführt wurde die lokale KPD nebst ihren vielen Zweigorganisationen von Sarah und Lars, einem Ehepaar. Die beiden Kader waren vom Dortmunder Zentralkomitee nach Bielefeld geschickt worden, um den ganzen Verein hier auf Vordermann zu bringen. Sarah und Lars hießen allerdings gar nicht so, diese Namen waren ihre konspirativen Partei- oder auch Kampfnamen. Wie Lars wirklicher Name lautete, habe ich vergessen, Sarah hieß jedenfalls im bürgerlichen Leben Edith. Geheiratet hatten beide, so hieß es, auf Befehl der Partei, die die Ansicht vertrat, verheiratete Kommunisten kämen bei der Arbeiterklasse besser an.

Wohl aus demselben Grund trug Lars gerne einen Trenchcoat, fassongeschnittene Haare und einen Schnäuzer. Wenn man ihn sah, glaubte man einen Versicherungsvertreter vor sich zu haben. Sarah war überaus hager und hatte ein energisch geschnittenes Gesicht. Weil sie bei öffentlichen Auftritten der Partei fast alle Reden hielt, ist mir ihre meist vor Aufregung zitternde Keifstimme besonders in Erinnerung geblieben. Auf einer Busfahrt zu einer der vielen KPD-Aufmärsche schnappte sich Sarah einmal das Busmikrofon und begann zu singen. Ein Arbeiterlied, in dem die Zeile »Rot bin ich geboren« vorkommt. Ich habe mich für die entsetzliche Stimme dieser Frau so geschämt, dass ich am liebsten unter meinen Sitz gekrochen wäre.

Als entschlossener Verweigerer machte ich natürlich auch bei der Liga nicht alles mit. Die Partei hätte es schon gerne gesehen, wenn ich mir einen massenfreundlicheren Haarschnitt zugelegt hätte. Lange Haare – und ich hatte wirklich verdammt lange Haare – waren Ausdruck kleinbürgerlicher Dekadenz. Ich aber weigerte mich beharrlich, mir eine larsähnliche Frisur verpassen zu lassen. Auf den vielen Busfahrten war es Gerda, die jedesmal ein striktes Rauchverbot verlangte. Mit einem Verweis auf Maos enormen Zigarettenkonsum brachte ich sie eben so oft zum Schweigen. Anschließend quarzte ich meine Selbstgedrehten besonders genüßlich. Auch die ersten beiden Zeilen der zweiten Strophe der »Internationale« sang ich nie mit. Die lauten: »Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun«. Das wollte ich nicht singen, weil ich es mir mit Gott nicht verderben wollte. Ich war nämlich nicht nur Kommunist, sondern obendrein noch Christ. Ich hatte es schon immer gerne etwas komplizierter.

Ohne weiteres ließ ich mich allerdings von Gerda, Lars und Sarah zum Bund schicken, denn dahinter steckten schließlich die Chinesen. Weshalb man damals in Peking wollte, dass deutsche Maoisten zur Bundeswehr gingen, ist heute nur noch schwer zu verstehen. In erster Linie lag es an den Russen. Nach Meinung der chinesischen Führung hatten die nicht nur den Sozialismus verraten, sondern nach Ende des Vietnamkriegs auch die Amis als die weltweit gefährlichsten Imperialisten abgelöst. Die Sowjetunion, so lautete die Botschaft aus China, wolle nunmehr Westeuropa erobern, zur Not auch mit Gewalt. Ein unmittelbar drohender Krieg könne nur verhindert werden, wenn sich die westeuropäischen Staaten mit China und den Staaten der Dritten Welt verbündeten. Zu diesem Zweck traf sich der altersschwache Mao in Peking sogar mit Franz Josef Strauß. Ich aber hatte zur Bundeswehr nach Boostedt bei Neumünster zu gehen, um dort, wie es hieß, »die weltweite Front gegen die imperialistischen Supermächte, ganz besonders aber gegen den Hauptfeind der Völker, die sozialimperialistische Sowjetunion, zu stärken«.

Meine Mission war aber nicht nur eine welthistorische, sondern auch eine äußerst vertrackte. Denn während die Chinesen und meine Partei einerseits von mir verlangten, die Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr gegen den Aggressor aus dem Osten zu erhöhen, sollte ich andererseits dieselbe Bundeswehr als zwar als nicht ganz so gefährliche, aber dennoch immer noch üble imperialistische Armee entlarven. Im Bürgerkriegsfalle zum Beispiel hätte ich die Offiziere erschießen müssen, um mich sodann selbst an die Spitze meiner Bundeswehreinheit zu setzen. Eine Vorstellung, die mir in der Theorie ganz gut gefiel. Aber in der Praxis hätte ich das wohl kaum fertiggebracht. Dafür bin ich zu friedfertig.

Das Ambivalente meines Parteiauftrags kam meinem Bedürfnis nach raffinierteren Verweigerungsstrategien entgegen. Während ein simpler ZDLer nur ein einziges Mal den Dienst an der Waffe verweigerte, um dann Zivildienst zu leisten, musste ich von Fall zu Fall entscheiden, ob es erforderlich sei, die Kampfkraft der Bundeswehr zu stärken oder doch eher Zersetzungsarbeit zu leisten. Wenn auch die Wirklichkeit ein wenig anders aussah, so war ich doch von nun an fünfzehn Monate lang jeden Tag gefordert.

Von Anfang an war mir klar, dass ich das sogenannte feierliche Gelöbnis nicht ablegen würde. Normalerweise müssen das die neuen Rekruten am Ende der Grundausbildung während einer Zeremonie gemeinsam murmeln. Sie verpflichten sich damit, diesem Staat immer treu zu dienen und ihn tapfer zu verteidigen. Die Verweigerung des Gelöbnisses war KPD-Linie. Dies sei, so ließ das Zentralkomitee verlauten, ein ausgezeichnetes Mittel, um innerhalb der Bundeswehr für die Partei Propaganda zu machen. Die Kameraden sollten einen interessiert fragen, weshalb man das Gelöbnis ablehne. Das taten sie denn auch. Nachdem ich ihnen meine Gründe offenbart hatte, hielten sie mich für einen interessanten Irren.

Die Verweigerung des Gelöbnisses selbst ist kein großer Akt. Kein Bundeswehrsoldat ist verpflichtet, bei dem Zeremoniell mitzumachen. Trotzdem gibt es praktisch niemanden, der sich ihm entzieht. Die Ausnahme bilden die Soldaten, die sich erst bei der Bundeswehr entschließen, den Wehrdienst zu verweigern. Nach einem abgelegten Gelöbnis wäre ihr Verweigerungsantrag schwer zu begründen.

Als ich ein paar Tage vor der Gelöbniszeremonie zum Chef meiner Einheit ging, um ihn von meiner Absicht zu unterrichten, glaubte der deshalb, ich sei ein ganz normaler Kriegsdienstverweigerer. Ich erklärte ihm, dass das nicht so sei. Weshalb ich denn dann...? Ich grummelte, dass ich schon meine Gründe hätte. Den dummen Zugchef, der uns Soldaten gerne schikanierte, ratlos zurückzulassen, gab mir ein angenehmes Gefühl. Mulmig war mir trotzdem.

Später kapierten irgendwelche Leute beim Militärischen Abschirmdienst, dass ich ein Chinatreuer war. Ich wurde zu einem Verhör befohlen. Dabei versuchte es der Sicherheitsoffizier erst einmal mit Anbiederei. Im Großen und Ganzen seien sich doch die Bundeswehr und die Maoisten einig. Unser Feind sei doch der gleiche usw. usf. Dabei zeigte er auf seinen Schreibtisch, auf dem ein ganzer Batzen maoistischer Zeitungen lag. Es waren allerdings diverse Ausgaben des Roten Morgen, dem Zentralorgan unserer Konkurrenz von der KPD/ML. Hihi, falsch getippt, triumphierte ich innerlich.

Als der Offizier sah, dass er nichts ausrichten konnte, änderte er seine Taktik. Mit seinem Gesicht kam er meinem so nah, dass beide sich fast berührten. Dann schrie er mich mit aller Kraft an. Ich erschrak nicht schlecht. Gleichzeitig fand ich die Situation sehr komisch. Ich dachte, dass er das aus einem Spionagethriller hat und dass es tatsächlich nicht so übel wäre, diesen Mann zu erschießen.

In den siebziger Jahren haftete dem Militärischen noch etwas Asoziales an. Kein wehrpflichtiger Soldat wäre beispielsweise auf die Idee gekommen, in Uniform Zug zu fahren. Das ist heute anders. Auch die mit einigem militärischen Pomp verbundenen Gelöbnisfeiern veranstaltet man heute gerne in der Öffentlichkeit. Damals fanden sie nur in den Kasernen statt und fielen deutlich schlichter aus.

Genaueres kann ich dazu nicht sagen, denn ich bekam von der ganzen Zeremonie nichts mit. Am Tag des Gelöbnisses wurde ich zusammen mit einem Kameraden, der nachträglich verweigert hatte, in den Keller der Brigade abkommandiert. Dort mußten wir einen halben Tag lang Latten rot und weiß streichen. Die Latten wurden für die Hindernisse auf einem Springreitturnier der Offiziere gebraucht, das am nächsten Wochenende stattfinden sollte. Später erzählten mir meine Kameraden, dass bei den Gelöbnisfeierlichkeiten einige angetretene Rekruten einfach umgefallen waren. Das war nichts Ungewöhnliches, vor allem, wenn es sehr heiß war und sich beim stundenlangen Herumstehen die Hitze unter den Stahlhelmen der Soldaten staute. Wird einer während des Aufsagens der Gelöbnisformel ohnmächtig, gilt dies als gutes Omen. Wofür? Vielleicht für den Ausgang des nächsten Kriegs oder so was ähnliches.

Die Verweigerung des Gelöbnisses hatte aber auch einen schwerwiegenden Nachteil. So ist der Gelöbnisabstinente von der Beförderung ausgeschlossen. Ich blieb also fünfzehn Monate einfacher Soldat, während alle meine Kameraden nach einem halben Jahr automatisch zu Gefreiten und später sogar zu Ober- oder Hauptgefreiten ernannt wurden. Sie bekamen damit nicht nur ein bis drei Streifen mehr auf ihre Schulterklappen, sondern auch entschieden mehr Sold als ich. Das war der Hauptgrund, weshalb man mich für nicht ganz dicht hielt. Ich aber war stolz auf meinen Verzicht.

Es hieß auch, dass ein Gelöbnisverweigerer nach Abschluss der Grundausbildung nur schlimme Hilfsarbeiten aufgehalst bekäme. Mein Zugführer prophezeite mir regelmäßig, dass ich mich darauf freuen könne, ein Jahr lang nur Benzinkanister zu schleppen. Er sollte Unrecht haben. Ich war zum Materialnachweissoldaten ausgebildet worden und so bekam ich einen Posten, auf dem ich für die Ersatzteilbeschaffung und Materialversorgung eines ganzen Panzerspähzuges zuständig war. Ich hatte sogar mit geheimen Unterlagen zu tun, obwohl ich das als Gelöbnisverweigerer eigentlich nicht durfte. Weshalb, das kann ich mir bis heute nicht erklären. Ich vermute, dass man mich beim MAD einfach vergessen hatte. Vielleicht hatte man ja auch meine Akte vertauscht? Bei meinem häufig vorkommenden Nachnamen passiert so etwas öfter.

Über die Arbeit in meinem eigenen kleinen Büro konnte ich mich nicht beklagen. In das ging ich jeden Morgen, stellte den Kalender um und schlief dann mit dem Kopf auf dem Schreibtisch den Rausch vom Vorabend aus. Ärger gab’s deswegen nie, weil ich ein sehr guter Materialnachweissoldat war. Ich ließ sogar das Fahrrad wieder in Ordnung bringen, das zur Standardausrüstung unseres Spähzuges gehörte, aber bis dato im Kasernenkeller vor sich hin gegammelt hatte. Das war wohl mein wichtigster Beitrag zur Stärkung der Kampfkraft der Bundeswehr. Und die fahrradbegeisterten Chinesen, so dachte ich, würden sich über die Reparatur sicherlich doppelt freuen. Tatsächlich träumte ich eines Nachts davon, wie mir Mao Tse Tung persönlich auf die Schulter klopfte. Doch das bilde ich mir heute wahrscheinlich nur ein. Wahr ist aber, dass ich für meine Arbeit vom Chef unserer Zuges eine sogenannte förmliche Anerkennung erhielt, verbunden mit zwei Tagen Sonderurlaub. Es gibt vermutlich nicht viele Gelöbnisverweigerer, denen so etwas bei der Bundeswehr widerfahren ist.

Nur an dem für jeden Soldaten obligatorischem Unterricht in »Innerer Führung und Recht« durfte ich nicht teilnehmen, weil ich dort ein paar Mal Reklame für die chinesische Volksbefreiungsarmee gemacht hatte. Von den wahren Verhältnissen in der chinesischen Armee hatte ich allerdings keinen Schimmer. Deshalb dachte ich mir einfach eine Armee aus, wie sie mir gefallen hätte. Ich behauptete zum Beispiel dreist, in der Volksbefreiungsarmee sei es üblich, über den Sinn und Zweck von Befehlen mit den Vorgesetzten zu diskutieren. Selbstverständlich war das Unfug. Zu meinem Pech hatte unser Zugführer wesentlich mehr Ahnung vom rotchinesischen Militärwesen, denn er war, bevor er zur Bundeswehr kam, Apo-Aktivist gewesen. So fiel es ihm nicht schwer, meine Behauptungen zu widerlegen. Trotzdem durfte ich beim Unterricht nicht mitmachen. Wahrscheinlich konnte ich meinen Unsinn sehr gut vertreten.

Mao starb in dem Jahr als ich bei der Bundeswehr war. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber schon längst kein richtiger Maoist mehr. Nach der Grundausbildung hatte man mich nach Hamburg versetzt, wo ich dem Einfluß von Gerda, Lars und Sarah entzogen war. Das hatte zur Folge, dass ich eines Tages glaubte, Anarchist zu sein. Ich begann, mit einem schwarzen Edding das Anarchisten-A auf die Kacheln der Kasernenklos zu malen.

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192 стр. 4 иллюстрации
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9783862870110
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