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Hildegard Aepli, Esther Rüthemann, Christian Rutishauser, Franz Mali
Vier Pilger – ein Ziel Zu Fuß nach Jerusalem
Hildegard Aepli, Esther Rüthemann, Christian Rutishauser, Franz Mali
Vier Pilger – ein Ziel
Zu Fuß nach Jerusalem

Wir widmen dieses Buch
unsern Neffen und Nichten; wir wünschen euch den Mut, große Visionen zu haben;
der Gemeinschaft von Deir Mar Musa in Syrien und in besonderer Weise ihrem Gründer Paolo dall’Oglio SJ. Er wird seit Ende Juli 2013 vermisst. Wir unterstützen und wertschätzen den Einsatz der Gemeinschaft für Frieden und interreligiösen Dialog.
Vorwort
2011 pilgern wir zu viert von der Schweiz nach Jerusalem. Wir starten im Juni, an Christi Himmelfahrt, und erreichen das Ziel wie geplant zum Weihnachtsfest. Sieben Monate sind wir miteinander unterwegs und legen die ganze Strecke von 4300 km zu Fuß zurück. Wir betreten den Boden von elf Ländern, in denen mindestens neun verschiedene Sprachen gesprochen werden, und begegnen dem christlich geprägten Abendland, islamischen Ländern und am Ziel der jüdischen Gesellschaft.
Nach unserer Rückkehr sage ich einmal scherzhaft zu einem Onkel, dass normalerweise auf einer großen Wallfahrt ein Wunder geschehe. Er antwortet: Dass ihr zu viert angekommen seid, ist ein Wunder. Er hat Recht. Es ist nicht selbstverständlich, dass alle die physische und psychische Kraft und Ausdauer haben, dass niemand abbrechen muss, dass wir zusammenbleiben.
Wir vier Pilger sind verankert in der ignatianischen Spiritualität. Die Verwurzelung im christlichen Glauben ist unsere Stärke. Dieses Fundament trägt uns. Es lässt uns bis heute unterwegs sein für Frieden und den Dialog mit anderen Religionen. Es bewirkt, dass wir den Schatz unserer Erfahrungen unterwegs und daheim gerne mit anderen teilen.
Dieses Buch ist aus den Beiträgen entstanden, die wir während des Pilgerns im Blog veröffentlichten unter http://blog.lassalle-haus.org und aus Texten, die wir rückblickend auf diese unglaubliche Zeit schrieben. Am Schluss eines jeden Abschnittes erscheint ein Kürzel, welches den Autor oder die Autorin angibt: Esther Rüthemann (er), Hildegard Aepli (ha), Franz Mali (fm), Christian Rutishauser (chr). Die kursiv gedruckten Abschnitte sind dem Blog entnommen, die andern sind die neu geschriebenen.
Wir danken so vielen Menschen, die zum Wunder unseres Ankommens beigetragen haben. Wir bezeugen, dass Gedanken und Gebete tragen und unterstützen.
Im Namen der vier Pilger mit einem Ziel – Jerusalem!
Hildegard Aepli
Inhalt
ERSTES KAPITEL:
Die Vorgeschichte
ZWEITES KAPITEL:
Abschied
DRITTES KAPITEL:
Erfahrungen mit dem GPS
VIERTES KAPITEL:
Pilgeralltag
FÜNFTES KAPITEL:
Unterkünfte
SECHSTES KAPITEL:
Krisen
SIEBTES KAPITEL:
Begegnungen
ACHTES KAPITEL:
Spiritualität und Sinn des Pilgerns
NEUNTES KAPITEL:
Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft
ZEHNTES KAPITEL:
Unterwegs in der Türkei
ELFTES KAPITEL:
Syrien – eine schwierige Entscheidung
ZWÖLFTES KAPITEL:
Advent – Warten kurz vor dem Ziel
DREIZEHNTES KAPITEL:
Jerusalem, am Ziel ankommen
VIERZEHNTES KAPITEL:
Heimkehren
SCHLUSS-STATEMENTS


ERSTES KAPITEL:
Die Vorgeschichte
Eine Vision und dreimal Ja
Es ist Frühling im Jahr 2004. Ich verbringe mit einer Gruppe Theologiestudierender ein Wochenende im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn der Schweizer Jesuiten. Christian Rutishauser, der Bildungsleiter, empfängt uns. Nach einer Hausführung nimmt er sich Zeit, mit uns gemütlich zusammenzusitzen. Plötzlich fragt er in die muntere Runde hinein, welche Visionen wir in unserem Leben hätten. Es wird augenblicklich still. Als es nach einigem Nachdenken noch immer still ist, sagt Christian: Ich habe eine Vision. Ich will einmal in meinem Leben zu Fuß nach Jerusalem pilgern. Er nimmt mich ins Visier und fragt: Hildegard, kommst du mit? Darauf bin ich nicht gefasst. Trotzdem sage ich spontan, ohne viel nachzudenken, ohne darüber zu schlafen: ja, ich komme mit.
Wir unterhalten uns etliche Zeit später wieder und machen uns Gedanken darüber, in welchem Jahr wir starten und wie die Gruppe aussehen könnte. Das Jahr 2009 scheint uns geeignet. Wir sind uns darin einig, dass es eine gute Voraussetzung ist, wenn die Beteiligten die Erfahrung der 30-tägigen Exerzitien mit sich bringen. Das heißt, dass es Menschen sind, die in ihrer Spiritualität geerdet und geübt sind und einen persönlichen inneren Weg kennen. Christian hätte gerne einen Juden und einen Muslim in der Gruppe gehabt. Der interreligiöse Gedanke ist faszinierend. Mich aber überfordert er und ich weiß, dass ich in meinem Umfeld niemanden kenne, der gefragt werden könnte. Das Jahr 2009 rückt näher und es zeigt sich, dass es für Christian und mich unmöglich ist aufzubrechen. In dieser Zeit aber schlage ich Christian vor, Franz Mali, einen Freund von mir, kennenzulernen. Mir scheint, dass er zu unserem Pilgerteam passen könnte. Kurz darauf begegnen sich die beiden an der Uni Freiburg / Fribourg. Christian fragt Franz nach diesem Treffen, ob er nach Jerusalem mitpilgern wolle. Franz sagt spontan, ohne weitere Bedenkzeit, ohne darüber zu schlafen: ja, ich komme mit. Er selber beschreibt seine Zusage ein wenig anders. Wenige Wochen später mache ich mich in die Langlaufferien auf. Es hat Tradition, dass ich hier mit meiner Freundin Esther ein Zimmer teile. An einem der Ferientage schneit es ohne Unterbruch. Esther und ich verkriechen uns nach dem Frühstück wieder ins Bett. Hier kommen wir ins Erzählen … Was aus dem Gespräch geworden ist, erzählt Esther in ihrer Vorgeschichte selber. Was ich noch dazu sagen kann: Esther ließ sich auf das Abenteuer der 30-tägigen Exerzitien als Vorbereitung der Wallfahrt ein. Sie meinte, dass diese bei ihr sowieso in der nächsten Zeit dran gewesen wären.
Auf jeden Fall: Unsere Vierergruppe ist geboren und wir entscheiden uns, nicht mehr nach weiteren Interessierten zu suchen. Wir legen fest, im Jahr 2011 an Christi Himmelfahrt zu starten. Bis Weihnachten wollen wir uns für den Weg Zeit nehmen, also sieben Monate Pilgerschaft. Wir sind uns einig, an unserem Projekt viele andere Menschen teilhaben zu lassen. Es gibt thematische Vorbereitungstreffen im Lassalle-Haus zu Jerusalem, der dreimal heiligen Stadt, zum Dialog mit Juden und Muslimen und ihren Pilgertraditionen und natürlich zum Pilgern im Allgemeinen. Wir laden Interessierte ein, ein Stück des Weges mitzupilgern in der Schweiz, der Türkei und von Amman nach Jerusalem. Und wir beginnen schon im Vorfeld einen Blog zu schreiben.
Jetzt wird die Vision konkret. Jetzt geht es um tausend Kleinigkeiten, die alle für sich überlegen, einfädeln und organisieren müssen. Das Pilgern hat für mich begonnen. (ha)
Noch viel Wasser
An einem Sonntag im Januar 2009 fällt im Goms viel Schnee. Nach dem Frühstück zieht es uns nochmals mit einem Buch ins kuschelig warme Bett. Hildegard erzählt davon, dass jetzt alles klar sei mit dem Pilgern nach Jerusalem, sie seien zu dritt und man könne zwischendurch mitgehen – drei Mal. Mein spontaner Ausruf: Ich komme mit! Denke mir, bei den drei Mal zwei Wochen. Worauf Hildegard fragt: die ganze Strecke? Ich schweige. Esther? Die ganze Strecke? Stille! Ja, warum nicht! Aber ich muss es zuerst Christoph, meinem Partner, erzählen. Das tue ich am Telefon. Was meinst du dazu, wenn ich sieben Monate nach Jerusalem pilgere ohne dich? Er lacht und sagt: Bis dahin fließt noch viel Wasser die Rotte runter, komm erst mal heim.
Das Ja in mir ist klar und bedenkenfrei. Zuhause angekommen, diskutieren wir zwei das Projekt nochmals und Christoph gibt zur Antwort: Kann ich dich denn halten? Würde es unserer Beziehung guttun, wenn ich sage, bleib doch da? Du musst es tun, und ich warte auf dich.
Es kribbelt und schafft in mir drin, und überall, wo ich davon erzähle, sind die Menschen verblüfft und staunen. Es ist wunderbar!
Es dauert noch über zwei Jahre, bis wir losgehen, und doch ist es mir jetzt schon wichtig, mit dem Arbeitgeber meine Situation zu klären. Ich informiere den Personalchef. Er meint, das könne er nicht selber entscheiden, er müsse zuerst den Kirchenverwaltungsrat fragen. Worauf ich nochmals sage, ich werde im Juni 2011 loslaufen. Er wiederum, das ginge nicht so schnell, er müsse es besprechen. Ich antworte ihm: Wenn es nicht geht, werde ich kündigen. Ich bin entschieden, im Juni 2011 zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Stille. Okay, antwortet er schließlich, ich werde es so mitteilen. Ich gehe beschwingt aus diesem Gespräch heraus mit dem sicheren Gefühl: Es ist richtig. Es gibt kein Wenn und Aber, nur ein großes Ja. Dabei bin ich keine Mutige, sondern sehr ängstlich und sicherheitsbedürftig.
Darüber staune ich fast am meisten.
Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Das habe ich in der Bibel doch schon oft gelesen. Da wird einer gerufen, lässt alles stehen und liegen und folgt Jesus nach. Ich wundere mich darüber, dass ich früher das Einfach-so-Gehen in den biblischen Texten gar nicht verstehen konnte. Man kann doch nicht einfach gehen, ohne sich zu verabschieden, etwas ganz Neues tun und nicht wissen, was die Zukunft bringt. Jetzt ist es für mich genauso. Ich kann alles stehen und liegen lassen und gehen. Es fühlt sich richtig an, dass ich dabei bin. Ich bin gerufen. Ich bin gemeint. Ich sage ja, hier bin ich. (er)
Meine Vorgeschichte
Hildegard hat mir erzählt, sie beteilige sich am Projekt der Wallfahrt nach Jerusalem. Sie machte mir Andeutungen, sie könnte sich gut vorstellen, dass ich auch mitlaufe. Das entscheidende Wort hatte Christian. Er fragte mich im Frühling 2008, doch musste ich da noch überlegen, ob ich es mit meinem Beruf koordinieren kann. Die Chance war, dass ich mein Freisemester für dieses Projekt einsetzen konnte, wenn mein Arbeitgeber, die Universität Freiburg / Fribourg, damit einverstanden war. Im zweiten Anlauf akzeptierte die Universität das Vorhaben und unterstützte es dadurch, dass sie mir zusagte, während meiner Wallfahrt fünfzig Prozent meines Gehaltes weiterzuzahlen. Das war eine große Erleichterung, denn zunächst hatte es nach einem unbezahlten Urlaub ausgesehen.
Jerusalem ist für mich ein widersprüchlicher Traum. Einerseits ist es eine besondere Geschichte, die mir als Katholik besonders wichtig ist: die Geschichte des Volkes Israel und die spezielle Episode des Lebens Jesu in diesem Land. Dazu kommen die aktuelle Situation und die Ereignisse der letzten Jahrzehnte, die von der Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis geprägt sind, von den Eroberungen der Israelis, der Verteidigung und den Angriffen durch die Palästinenser. Diese Kriegs- und Eroberungsgeschichte, das immense Leid auf beiden Seiten, hinderte mich bisher daran, nach Israel zu reisen. Einige Male habe ich es abgelehnt, wie ein Tourist oder Geschichtsprofessor hinzureisen, der aus interessiert-luxuriöser Distanz das Land und seine Geschichte durchforstet und den das leidvolle Schicksal der Bewohner unberührt lassen soll.
So kam mir diese Anfrage, zu Fuß hinzugehen, entgegen. Ich möchte diese Strapaze auf mich nehmen als Zeichen dafür, dass ich vor den Menschen im Heiligen Land in ihrer äußerst schwierigen und verkeilten Situation Respekt zeigen will. (fm)
Es ist so weit!
In neun Monaten starten wir als Pilgergruppe zu Fuß von der Schweiz nach Jerusalem. Eine Vision beginnt sich zu verwirklichen. Die Vorbereitungen laufen bereits seit mehr als einem Jahr. Das Team musste sich finden und die Idee – spirituell, interreligiös und politisch unterwegs zu sein – langsam Gestalt annehmen. „Zu Fuß nach Jerusalem“ ist eine Vision für die Zukunft. Das Projekt ist keine Privatsache, sondern will möglichst viele Menschen mit auf den Weg nehmen, um das Leben als Weg zur Mitte zu verstehen. Gemeinsam in der Schweiz und nach Jerusalem unterwegs sein soll ein Netzwerk von Freundschaften entstehen lassen. Seminare und Tagungen haben wir zusammengestellt, um eine Neuausrichtung auf Frieden und Dialog und eine spirituelle Erneuerung von der Mitte der Welt her zu ermöglichen. Ohne Bildung und ohne ein Anknüpfen an die Geschichte gibt es kein verantwortetes Gestalten der Zukunft. Die säkulare Welt wie auch die jüdische, christliche und muslimische Tradition sollen je miteinander ins Gespräch gebracht werden. So können Brücken geschlagen werden, um über Grabenkämpfe hinweg in Verschiedenheit und gemeinsam an der Zukunft zu bauen. Zum Pilgern gehören auch das Schweigen und Meditieren, das Beten und Feiern. So möchten wir mit „Zu Fuß nach Jerusalem“ einen vielfältigen Raum der Begegnung und des gemeinsamen Lernens eröffnen. Die Friedenskonferenz an Weihnachten 2011 in Jerusalem soll ein Höhepunkt werden. (chr)
Gruß aus Jerusalem
Seit drei Tagen bin ich in Jerusalem, mitten in der Altstadt, im muslimischen Quartier. Jeden Morgen um 4 Uhr höre ich den Muezzin, dreh mich im Halbschlaf. Das Laubhüttenfest prägt die Stimmung. Juden gestalten ihre Festtage ganz unterschiedlich. Eine Vielfalt jüdischer Traditionen kommt zum Ausdruck. Auf der Via Dolorosa drängen sich christliche Pilger und sprechen verschiedenste Sprachen. Dann Touristen, die nicht einer bestimmten religiösen Tradition zuzuordnen sind. Ich habe den Eindruck, dass die Einwohner hier vieles über sich ergehen lassen müssen. Ob sie über all die Pilger und Touristen froh sind? Machen sie nicht die Altstadt zu einem Museum und zu einem großen Souvenirbazar? Doch wer in Jerusalem wohnt, wohnt nicht privat für sich. Hier ist Wohnen ein politisches und religiöses Statement. Werden uns die Bewohner in einem Jahr anders wahrnehmen, wenn wir zu Fuß nach sieben Monaten ankommen? Anders als jetzt, wo ich in einem guten halben Tag den Weg hinter mich gebracht habe?
In weniger als vier Stunden bin ich von Zürich nach Tel Aviv geflogen. Immer dachte ich daran, wie es sein wird, wenn wir im kommenden Jahr die Strecke zu Fuß zurücklegen. Vier Stunden oder sieben Monate für die gleiche Strecke! Nein, 2800 km Fluglinie und 4300 km Landweg zu Fuß. Irgendwie ist es ungerecht, denke ich. Wenigstens könnte für die Pilger die Strecke kürzer sein, wenn sie schon nicht so rasch wie ein Flugzeug vorankommen. 750 km/h, 800 km/h, 850 km/h … noch nie habe ich so oft auf den Bildschirm mit den Fluginformationen geschaut. Im nächsten Jahr 25 km pro Tag, 30 km, wenn es hochkommt, geht mir durch den Kopf. Ja, irgendwie ist das Leben ungerecht. Der Flug lässt in mir den Respekt vor dem eigenen Mut wachsen. Verhalten ist die innere Freude.
Gestern war ich in Yad Vaschem, der Schoa-Gedenkstätte in Jerusalem, mit ausgezeichneter Führung durch Tamar. Ich kenne die Geschichte der Nationalsozialisten, ihren Wahn zur Ausrottung der Juden. Es trifft mich wieder neu. Unglaublich, wie das Böse die Fratze zeigen kann, wie Menschen sich entmenschlichen können! Ja, Jerusalem ist das einzige Ziel, für das ich sieben Monate Pilgern unter die Füße nehme. Für keinen andern Ort! Kein Ort wie Jerusalem repräsentiert Gott, der den Opfern der Geschichte nahe ist. (chr)
Die Bedeutung von Jerusalem
Viele Menschen pilgern heute auf dem Jakobsweg. Wir entscheiden uns für Jerusalem. An einem der ersten Vorbereitungstreffen fragt Christian: Was bedeutet Jerusalem für euch persönlich? Die Frage wirkt auf mich bedrängend. Ich müsste jetzt etwas Kluges sagen, ich habe doch Theologie studiert, flüstert ein Gedanke. Meine Stärke aber ist nicht, locker und fundiert auf solche Fragen zu antworten. Meine Gabe ist es, einer Frage Raum zu geben, offen zu sein, zu warten und ehrlich Antwort zu geben.
Das, was später aus meiner Tiefe zu dieser Frage aufsteigt, ist ein Ja. Ein Ja zu diesem großen, langen Weg zu Fuß nach Jerusalem in unserer Vierergruppe. Es ist ein Ja als Antwort auf eine Form der Berufung. Ich fühle mich gerufen, mit Franz, Esther und Christian zusammen dieses große Abenteuer zu Fuß nach Jerusalem zu wagen. Das Persönlichste, das ich ganz am Anfang finden kann, ist ein Ja zum Pilgerweg nach Jerusalem.
Christians Frage wirkt auch in anderer Form nach. In den Monaten und Wochen vor dem eigentlichen Lospilgern bin ich wach dafür, in wie vielen biblischen Texten Jerusalem genannt, besungen und als Metapher verwendet wird. Das ist eine schöne Art der Vorbereitung. Im Tagzeitengebet und in der Eucharistiefeier, welche ich zu jener Zeit mit den Studierenden vom Salesianum in Freiburg / Fribourg bete und feiere, leuchtet Jerusalem immer wieder auf. Zur Gabenbereitung bei der Messe beginne ich, mein Ja auf den Altar zu legen. Ich sage im persönlichen Gebet zu Gott: Hier ist mein Ja, nach Jerusalem zu pilgern. Allein schaffe ich diesen Weg nicht. Ich bin auf deine Hilfe angewiesen.
Auf dem eigentlichen Weg dann, durch das Gespräch mit vielen Menschen unterwegs, hat Jerusalem weitere Bedeutungen bekommen. Ich habe viel vom Wissen von Christian und Franz profitiert und schließlich hat mich das Ankommen in Jerusalem in einer unerwarteten Weise getroffen. Der Eintritt in die Grabes- und Auferstehungskirche Jesu hat meine Seele zutiefst erschüttert.
Ein berührendes Beispiel zur Bedeutung von Jerusalem wurde uns aufgrund einer Begegnung in Südtirol geschenkt: (ha)
Ehrlich
Zur Mittagszeit erreichen wir heute Brixen, gehen zuerst zum Markt und dann zum Hauptplatz. Wir besichtigen den Dom und stellen fest, dass in ein paar Minuten die Eucharistiefeier zum Dreifaltigkeitssonntag beginnt. Gerne nehmen wir teil. Danach verweilen wir mit unseren belegten Broten in der angenehmen Mittagssonne und trinken einen Kaffee. Als wir uns auf den Weg, den Weiterweg über Kloster Neustift Richtung Mühlbach, machen wollen, hält uns eine Frau mit einer ihrer selber gestickten Tischdecken auf. Sie möchte uns gerne eine verkaufen. Wir müssen ablehnen. Die Frau fragt uns, ob wir auf einen Berg gingen. Nein, nach Jerusalem, sagt jemand von uns. Ehrlich, fragt sie, sichtlich angetan. Ich, meint sie in recht gutem Deutsch, liebe diese Stadt. Wegen Jesus Christus. Woher kommen Sie, fragt jemand? Aus Kroatien. Wir werden durch Ihr Land laufen. Ehrlich, fragt sie wieder, und wirklich nach Jerusalem? Ehrlich? Ihre Anteilnahme, ihr Staunen sind echt. Wir fragen sie nach ihrem Namen. Eigentlich Helena, aber die ganze Familie nennt sie Maria. Wir werden für Sie beten, sagt jemand. Ehrlich? Und sagt bitte Jesus einen Gruß in Jerusalem, fügt sie mit Tränen hinzu. Das werden wir gerne tun. Wir verabschieden uns.
Ich bin von dieser kleinen Begegnung am Weg so berührt, dass ich auch Tränen in den Augen habe. Ich weiß ein wenig besser, weshalb ich nach Jerusalem laufe – für Menschen wie diese Frau und ganz bestimmt wegen Jesus Christus. Ehrlich! (ha)
Ist Jerusalem mein Ziel?
Helsinki, Barcelona, Prag – ich wäre überall hin mitgepilgert. Der Weg ist das Ziel, habe ich mir gesagt. Ich will Zeit für das Gebet und Gott, will in Bewegung sein und mich wagen. Jerusalem war mir nicht einzigartig wichtig. Ich hatte keinen besonderen Draht zu dieser Stadt. Ich bin noch nie dort gewesen. Es zog mich nicht hin. Nur einmal, während meiner Studienzeit, bot unser Dozent für das Alte Testament eine Reise ins Heilige Land an. Ich meldete mich an, aber leider wurde sie wegen der Unruhen damals nicht durchgeführt. So vergaß ich ganz einfach, dass ich schon einmal dorthin wollte, wo Jesus gelebt und gewirkt hatte.
Im Unterwegssein erfahre ich dann, wie wichtig das Ziel ist. Es ist nicht egal, wohin wir unterwegs sind. Jerusalem ist die Stadt der Städte. Dort geschah Zentrales. Dort zeigte sich Gott auf besondere Art und Weise. Dort werde ich ganz hineingenommen in die Geschichte des Volkes Gottes. Die Bedeutung der Stadt wächst für mich Schritt für Schritt: Im Fokussieren dieses einen Punktes der Landkarte, im Zugehen auf dieses Ziel, im sichtbaren Näherkommen. Wir erzählen den Menschen auf den Straßen, wohin wir gehen. Und allen, Juden, Christen wie Muslimen, ist sie bekannt, diese bedeutende Stadt. Wir gehen auf das Herzstück der monotheistischen Religionen zu.
Hie und da frage ich mich: Wo werde ich selber in Jerusalem am Ziel sein? Wenn wir die Stadt sehen? Auf dem Ölberg? Auf der Via Dolorosa? An der Klagemauer? Im Garten Getsemani? Am See Gennesaret? Es wird für mich – entgegen meiner Erwartung – die Grabes- und Auferstehungskirche sein. Dort angekommen, beim ersten Schritt über die Schwelle, öffnet sich mein Herz und alles bricht aus ihm in Tränen hervor. Dass diese Kirche für mich zum eigentlichen Ziel wurde, zeigte sich mir, weil wir für unsere Filmcrew das Hineingehen in die Kirche nachstellen mussten. Nun ja, das war irgendwie komisch, nach dem eigentlichen Ankommen und nach dem Gottesdienst nochmals so zu tun als ob. Aber es geschah dasselbe: Wieder kamen mir beim Übersteigen der Schwelle aus tiefstem Herzen die Tränen. Wir sind da – angekommen in Jerusalem! (er)
Wallfahren heißt für mich: pilgern zu einem geheiligten Ort
Jerusalem wird von den Juden als „heiliger Ort“ betrachtet, denn König David hat die Bundeslade hierherbringen lassen (vgl. 2 Sam 6,12). Sie war Zeichen für die Gegenwart Gottes unter seinem Volk. Als Salomo den Tempel gebaut hatte, wurde die Bundeslade in das Allerheiligste des Tempels übertragen, der damit zu einem geheiligten Ort wird. Bei der Zerstörung des Tempels und der Bundeslade weicht allerdings die Gegenwart Gottes nicht mehr von diesem Ort, sagt der Talmud.
Die Erfahrung des Exils lehrt das Volk Israel, dass Gott überallhin mitzieht: Er zog mit ihnen aus Ägypten durch die Wüste ins Verheißene Land, dann weiter ins Exil und wieder nach Hause. Er ist nicht an einen Berg gebunden, er wohnt nicht in einem Haus, er ist nicht „eingesperrt“ in einem Tempel, der auch zu klein ist – er ist immer bei seinem Volk, sei es in der Wolke oder in der Feuersäule (Ex 14,19–24), sei es unter dem Zelt: Alles sind Zeichen der mitgehenden Gegenwart Gottes. Der Gedanke, dass Gott mit seinem Volk überallhin mitzieht, ist sehr tröstend. Jesus selbst sagt nach dem Johannesevangelium, dass Gott überall „im Geist und in der Wahrheit angebetet“ werden kann (Joh 4,21). Auch die Wallfahrt zu noch so heiligen Stätten macht den Pilger nicht automatisch heiliger, sondern nur ein tugendhaftes Leben – und das kann jeder zu Hause üben (so der Kirchenlehrer Hieronymus).
Warum gibt es dann aber geheiligte Orte, die nicht verrückbar sind, sondern fix und unbeweglich? Und warum ist gerade Jerusalem ein solch geheiligter Ort? Für mich lautet die Antwort: Weil dort Jesus Christus gelebt hat, gestorben und auferstanden ist. So wie die Zeit seines Lebens nicht versetzbar ist, so sind auch die Orte, an denen er gelebt hat, nicht austauschbar. Diese Ereignisse haben hier „statt“-gefunden und nicht woanders, diese zeitlich bestimmten Vorgänge lassen sich auch nicht anderswohin verschieben oder kopieren.
Jerusalem ist ein von Gott „geheiligter“ Ort, nicht naturhaft, animistisch heilig. Zugleich ist er ganz irdisch – nicht eine geistige, göttliche Wirklichkeit, er ist und bleibt eine irdische Wirklichkeit. Im Himmel wird es keine bestimmten „geheiligten“ Orte mehr geben, denn alles ist geheiligt (Offb 21,22–23).
Christlich ist kein Ort unberührbar, kein Platz unantastbar. Alles ist antastbar, denn die ganze Schöpfung ist von Gott gemacht und von ihm gesegnet – ohne Ausnahme. Auch Jesus lässt sich berühren (vgl. Mk 5,30–34; 1 Joh 1,1). Er berührt blinde Augen (Joh 9,5); er nimmt an der Hand, er segnet Kinder. So können auch wir zu diesen sinnlich fassbaren Steinen und Stätten pilgern, das Leben Jesu betrachten und ihn um seinen Segen bitten.
Jerusalem ist für mich zugleich auch eine Metapher für einen großen Traum, für eine Vision, wie sie sich beim Propheten Jesaja (Jes 24,6–8) findet oder im letzten Buch des Neuen Testaments, wo vom „neuen Jerusalem“ erzählt wird (Offb 21,2): die Vision von der Vollendung bei Gott, wo er mitten unter den Menschen wohnen wird (Offb 21,3), die Stadt, die erfüllt sein wird von der Herrlichkeit Gottes (Offb 21,11), wo es „keine Nacht mehr geben wird“ (Offb 22,5) und keine Sonne, „denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm“ (Offb 21,23). Jerusalem steht als Bild für dieses Ziel meiner Sehnsucht nach Heilsein, nach Frieden und Gerechtigkeit. Die aktuelle Realität steht aber gerade im krassen Gegensatz dazu. Man kann daher dieses irdische Jerusalem nicht mit dem „himmlischen Jerusalem“ der Vision verwechseln. Deshalb gefällt mir dieses Bild so gut. Wäre dieses irdische Jerusalem eine friedliche prosperierende, wohlhabende Stadt, könnte vielleicht jemand auf die Idee kommen, das wäre jetzt schon das „Paradies auf Erden“. Und gerade das ist nicht der Fall. (fm)
Auf Menschen zu
Eine der Fragen am Eröffnungswochenende unserer Pilgerveranstaltungen im Lassalle-Haus war: Wie macht ihr es mit den Sprachen, wenn ihr durch so viele Länder lauft? Wie könnt ihr euch mit den verschiedenen Menschen verständigen? Ja, diese praktische Frage haben wir uns durch den Kopf gehen lassen. Für mich ist die Begegnung mit anderen Menschen ein großes Anliegen. Die erste Sprache sind wohl die Gesten mit Gesicht, Händen und Füßen. Ich erwarte nicht von selbst, dass die anderen immer meine Sprache verstehen oder gar sprechen. Mir sind die Achtung und der Respekt vor dem anderen wichtig. Ein Ausdruck dafür ist auch, dass ich versuche, die Sprache des anderen zu verstehen, zu erlernen und vielleicht darin auch zu kommunizieren. In aller Regel wird das sehr geschätzt und mit Freude wahrgenommen, das ist eine sehr schöne Erfahrung. Deshalb besuche ich seit einigen Wochen einen Sprachkurs für Arabisch. (fm)
Die Route und das GPS
In den Vorbesprechungen vereinbaren wir, dass ich für die Routenplanung zuständig bin. Es ist für mich schön, eine bestimmte Aufgabe für unser Vorhaben zugesprochen zu bekommen, die gleichzeitig mit der Freude verbunden ist, den anderen eine Arbeit abnehmen zu können.
Zunächst ist zu klären, welchen Weg wir nehmen wollen. Sollen wir in Süditalien mit der Fähre nach Griechenland übersetzen oder den Weg durch das ehemalige Jugoslawien wählen? Ich setze mich für die „Balkanroute“ ein, weil ich finde, wir sollten besonders auch für diese Region um Frieden und Versöhnung beten, wo vor gut zwanzig Jahren noch blutiger und mörderischer Krieg herrschte.
So mache ich mich auf die Suche nach Wanderkarten für unseren vorgesehenen Weg. Es stellt sich heraus, dass es bis Slowenien und für ein paar Nationalparks in Kroatien Wanderkarten gibt, anschließend gibt es nur noch Straßenkarten, die einem Fußwallfahrer lediglich sehr bedingt hilfreich sind, denn wir wollen gerade die großen Verkehrsadern meiden und dem Schwerverkehr ausweichen.
So stelle ich um auf elektronische Routenplanung und erfahre, dass die nötigen detaillierten Karten für Serbien gerade in einer fortgeschrittenen Entstehungsphase, für die Türkei über eine grobe Autokarte nicht hinausgekommen sind. Für Syrien und Jordanien gibt es keine GPS-Karten zu kaufen. Ich schreibe nach Belgrad und Sofia, um diese Karten zu erwerben. Im Internet entdecke ich eine große Menge von Hilfsmitteln, insbesondere Velokarten, die für uns Fußgänger sehr nützlich sind.
Mehr als ein Jahr vor dem Start kaufe ich ein GPS-Navigationsgerät, damit ich während des Sommers in den Ferien den Umgang damit üben kann. Bald habe ich den Verdacht, dass irgendetwas an dem Gerät nicht funktioniert, allerdings gibt es den Geist erst im Herbst auf. Ich bekomme ein neues Ersatzgerät, das jedoch nicht einmal den ersten Probelauf übersteht. So erhalte ich ein drittes Gerät, mit dem ich einen neuen Testlauf mache. Mit unsicherem Gefühl im Bauch breche ich schließlich nach Jerusalem auf, denn nach zwei fehlerhaften Geräten kann ich nur wünschen, dass dieses jetzt funktionieren wird, hoffentlich bis zum Ende der Wallfahrt – sehr wahrscheinlich scheint das nicht!
Das Ziel der Planung ist, für die gesamte Route einen möglichst kurzen und gangbaren Weg zu finden. Diesen muss ich in Tagesetappen zu 25 bis 30 km unterteilen. Zugleich versuche ich, Wege zu entdecken, auf denen möglichst wenig Autoverkehr ist, die in überschaubaren Abständen durch Siedlungen führen, damit wir uns mit Trinken und Essen versorgen können. Am Ende jeden Tages sollten wir in einen Ort kommen, wo wir eine Unterkunft erfragen können.
Überschlagsmäßig wird der Weg etwa 4300 km lang werden. Das sind vielleicht 170 Tagesetappen. Diese durchzurechnen, jede Abzweigung und Kreuzung, alle Wegverhältnisse und Steigungen zu erkunden ist meine Aufgabe. Dazu kommt, dass auch die GPS-Karten fehlerhaft sind, manchmal unvollständig und nicht auf dem aktuellsten Stand. Google-Earth hilft oft, aber auch da sind manche Satellitenbilder unscharf, man sieht nicht, ob eine Brücke über ein Bächlein oder einen Kanal führt. Oder unser Weg liegt auf dem Bild gerade im dunklen Schatten eines Berges oder im Wald und nichts ist zu erkennen.
Wenn ich ausfalle, was wird sein? Niemand anderer weiß mit dem Gerät und den Routen umzugehen. Vom Ehepaar Zecher, das zwei Jahre vorher von Deutschland nach Jerusalem gelaufen ist, habe ich GPS-Tracks und die Liste der Unterkünfte bekommen. Erst in Bulgarien trifft unsere Route auf die ihre. Ab da hilft mir ihre Information sehr viel. Dafür bin ich dankbar. Zugleich bemerke ich, dass ihre Karte eine Generation älter war und noch ein Stück ungenauer als meine.
Schließlich sind wir mit diesem GPS-Gerät die gesamte Strecke ohne Probleme gelaufen. Es hat immer funktioniert! Jeden Tag konnte ich die Strecke vom Gerät auf den Computer laden und anschließend in unseren Blog stellen. (fm)
Wenigstens einmal
Wenigstens einmal miteinander unterwegs sein, für zwei Tage wandern, zusammen feiern, Schritt halten, das GPS ausprobieren, Karten lesen, Material testen, sein, essen, spielen – das wollen wir, bevor wir dann sieben Monate fast 24 Stunden zusammen verbringen.
Wir freuten uns auf ein, zwei schöne Herbstwanderungen, bei denen sich die Sonne in den farbigen Blättern zeigt, blauer Himmel sich über uns wölbt, weiße Bergspitzen uns zublinzeln und vor allem die letzte Wärme aufgetankt werden kann. Aber es kommt ganz anders. Es regnete und es war kalt, der Nebel hing tief und wir genossen die Wärme um einen Kachelofen. Aber nichtsdestotrotz, ein bisschen an die frische Luft wollten wir.
Der Weg von Muotatal Richtung Bisisthal lockte uns und siehe da, entlang der Muota freuten uns das klare Wasser, die markanten Felsen, wir kamen an Bildstöckli vorbei und trafen auf eine Busstation namens Herrgott … (er)
Zwischen Abschied und Aufbruch
Seit ein paar Tagen ist das Gefühl deutlich gewachsen: Jetzt dauert es nicht mehr lange bis zum Start am 2. Juni. Bei mir bewegt sich vieles zwischen Abschied und Aufbruch. Ich werde meinen Arbeits- und Wohnort nach elf Jahren definitiv verlassen. Ein Freund fragt: Hast du noch keine Angst vor dem eigenen Mut? Eigentümlich wirken solche Fragen. Sie wecken die Angst. Andererseits bin ich mir nicht bewusst, dass die Unternehmung Mut verlangt. Das sind Worte, Wahrnehmungen von außen. Für mich hat das Projekt, der Aufbruch, das Weggehen eine Selbstverständlichkeit.
Eine Freundin kommt zu Besuch. Es ist ihr ein Anliegen, vorbeizukommen. Als wir uns verabschieden, fragt sie, ob sie mir ein Kreuzzeichen auf die Stirn machen dürfe. Ich nehme ihren Segen und ihre Wünsche gerne an.
Ich selber sehe mich Dinge tun, die ich vorher noch nie gemacht habe. Angeregt durch die Begegnung mit anderen Jerusalempilgern, beginne ich, ein Testament aufzusetzen. Dem lasse ich gleich einige Wünsche und Anliegen für meine Beerdigung folgen. Und ich entschließe mich, die Tagebücher, die für mich und meinen Weg eine wichtige Rolle gespielt haben, nicht in Kisten zu packen und einzulagern, sondern sie dem Papierwolf zu übergeben. (ha)
Gedankenarbeit – eine Form des Trainings
Gedanken, die sich heute auf dem Weg zwischen Freiburg / Fribourg und Schwarzenburg ohne zu fragen und ungehindert breitmachten, lauteten ungefähr so: Was, wenn sich weiterhin, wie in den vergangenen Wochen regelmäßig, aufgrund eines gehabten Fußpilzes Blasen an der großen Zehe bilden? Was, wenn dieses Pochen am Knie nicht verschwindet? Was, wenn ich einen „Wolf“ einmarschiere? Was, wenn ich die Hitze einfach nicht ertrage? Und was, wenn … Ein ganz mulmiges Gefühl folgte dieser Gedankenkette. Es wollte sich ungehindert und maßlos breitmachen. Halt!, rief ich innerlich. So geht das nicht! Meine Mutter fiel mir ein, die einst quengelnde Kinder mit Leichtigkeit ablenken, auf andere Gedanken und Fährten leiten konnte. So sah ich plötzlich: das Violett der Storchenschnäbel am Wegrand. Welche Farbe! Das fast aufdringliche Gelb der blühenden Rapsfelder. Etwas dominant, aber unglaublich! Kühe, die sich im verblühten Löwenzahn wiederkäuend räkelten. Unverschämt, ich möchte auch einen Mittagsschlaf. Eine Glyzinie, die begonnen hatte, in die nahe Tanne einzuwachsen. Faszinierend, diese Eroberungsfreude. Etc. Und flugs wich das Düstere einer fröhlichen Leichtigkeit. Die Blase an der großen Zehe blieb heute aus. (ha)
Was nehme ich mit?
Wir gehen nach Jerusalem. Wir gehen zu Fuß. Was nehme ich nur mit? Was brauchen wir? Was lohnt sich zu tragen? Welches Material ist das beste? Wie kann ich Gewicht reduzieren und was muss auf alle Fälle mit? Was essen wir? Wo schlafen wir? Schon bei einem ersten Treffen wird klar, dass wir immer in vier Wänden und unter einem Dach schlafen. Dies ist Hildegards Wunsch und im Nachhinein bin ich über ihre Klarheit sehr dankbar. Nicht weil ich Angst habe vor Überfällen oder dem Wetter, aber die Hunde, die überall streunen, hätten uns wohl so manche Stunde Schlaf geraubt. Somit ist auch klar: Wir brauchen kein Zelt, keinen Kocher und müssen nicht so viel Wasser tragen. Denn wer zeltet, braucht viel Wasser, weil sich Pilger am Abend zuerst waschen müssen, wollen sie nicht die ganze Nacht frieren, und sie müssen etwas Warmes essen, um die Batterien wieder aufzuladen. Nun denn, diese Entscheidung trägt dazu bei, dass unsere Rucksäcke leichter werden. Aber welchen Rucksack trage ich? Mein alter wird es wohl nicht sein? Soll er möglichst leicht sein, dafür schneller kaputt gehen? Oder entscheide ich mich für einen stabileren, der mehr Gewicht hat? Spielt die Farbe eine Rolle? Ist es besser, wenn er auffällig am Straßenrand leuchtet, oder tun wir uns einen Dienst, wenn er dezent daherkommt? Wie viel Liter Packmaß ist angemessen? Ich lasse mich im Sportgeschäft beraten. Dabei erinnere ich mich, dass andere Pilger uns den Rat gaben, einen nicht zu kleinen Rucksack zu kaufen, damit das Ein- und Auspacken nicht jedes Mal zum Tetrixspiel wird. Ich entscheide mich nach vielem Ausprobieren für einen schwarzen Rucksack. Das erste Ding ist gekauft. Jetzt geht es weiter mit Schlafsack, Isomatte, Kleidern und mit den Schuhen. An den Schuhen, scheint mir, hängt das halbe Glück, und viele Fragen drängen sich drum herum auf. Letztendlich entscheide ich mich als Einzige, mich mit Turnschuhen auf den Weg zu machen. Doch immer wieder bin ich hin und her gerissen, bin an einem Tag ganz sicher, es ist richtig für mich, und bald drauf wieder in Zweifel. Das Argument, dass wir meistens auf Teer laufen werden und es darum wichtig ist, dass der Schuh gut abgefedert ist, hat mich überzeugt.
Packen bedeutet, alles, was wir mitnehmen, auf Herz und Nieren zu prüfen. Wir holen Rat ein, probieren aus, setzen auf Erfahrungen von andern, testen selber aus und geben einander unsere Tipps und Neuigkeiten weiter. Wir lernen die verschiedensten Sport- und Outdoorgeschäfte und ihr Verkaufspersonal kennen, und sie kennen uns mit der Zeit auch. Es ist ein langwieriges, aber freudiges Prozedere, bis wir alle die richtig passenden Dinge haben, die uns auf unserem Weg ihre guten Dienste erweisen.
Trotz des vielen Abwägens wird es nach ein paar Wochen Pilgern so sein, dass wir Sachen heimschicken, weil wir sie doch nicht brauchen, sie zu schwer oder doch unnütz sind.
Das Schönste aber ist, dass wir in unseren Kleidern so wohl und gut angezogen sind, dass uns nichts fehlt, was praktischer und bequemer wäre, besser passen würde, Wärme geben oder uns vor Kälte und Nässe perfekter schützen könnte. (er)
Reduktion auf einen roten Teppich
Schon längst sind wir dabei, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Am einfachsten drückt sich das anhand der Packliste aus. Darauf steht:
Wanderschuhe, Sandalen, Wanderstöcke, 2 Paar Socken, 2 Hosen, 2 Wanderhemden, 1 Shirt, 2x Unterwäsche, Schlafanzug, Fleece, Jacke, Regenschutz, Regenhose, Hut, Halstuch, Handtuch, Waschlappen, Rucksack und Regenhülle, Schlafsack, Isomatte, Seidenschlafsack, Wasserflasche, Sackmesser, Sonnenbrille, Ersatzbrille, Bauchtasche, Pass, Visum, Pilgerausweis, Ausweis Krankenkasse, Schreibzeug, Tagebuch, Adressen, persönliche Medikamente, Nessessär, Taschentücher, Portemonnaie, Kreditkarte, Leuchtstreifen, Stirnlampe, WC-Papier, Sitzunterlage, Löffel.
Was wir unter uns aufgeteilt haben: Apotheke für alle, Ohropax, Nähzeug, Wäscheleine, Schnur, Waschpulver, kleine Spiele, Becher, CD Schott, kleine Bibel, CD Direktorium, Tropfen für sauberes Wasser, Kartenmaterial, GPS und Zubehör, Fotoapparat und Zubehör, Natel (Handy) und Zubehör, Adapter und Mehrfachstecker, UBS-Stick, Armbanduhr, Feuerzeug, kleiner Putzlappen, leichte Stofftragtasche, Homöopathieset, Fußsalben. (ha)
Ein Tischgespräch
Pilger A: Heute Nachmittag habe ich meinen Rucksack gepackt und auf die Waage gestellt: 11,6 kg!
Pilger B: Das ist viel. Noch ohne Wasser und Proviant.
Pilger A: Ja, dann habe ich mal die Kleider rausgenommen, die ich sowieso anziehe, die Wanderstöcke abmontiert und einige Dinge eingescannt, die ich nicht unbedingt in Papierform mitnehmen muss.
Pilger B: Und dann?
Pilger A: Weißt du, was die ganze Apotheke wiegt? 780 g! Und dann noch die ganzen Blasenpflaster, die extra dazukommen, die sind nochmals 149 g. Fast ein Kilo.
Pilger B: Ich überleg mir wirklich, ob ich nicht mein Notebook mitnehme. Es hat 1,458 kg.
Pilger A: Mit Akku und Stromkabel?
Pilger B: Ja, alles inklusive. Das hätte den schönen Vorteil, dass ich mein GPS anschließen und damit arbeiten könnte.
Gast: Voll krass, eure Gespräche. Wenn die jemand mithören würde … Übrigens, hast du diese Speckblätterteigschnecken so gekauft?
Pilger A: Nein, einen Teig ausgerollt, Frühstücksspeck draufgelegt, wieder eingerollt, in Scheiben geschnitten und gebacken.
Gast: O. k. Schmecken gut. Und wie schwer ist eine Scheibe …? (ha)
Trainieren
In den letzten Tagen bin ich zweimal nach meinem Training für das Pilgern nach Jerusalem gefragt worden. Als die Frage erstmals kam, zuckte ich innerlich leicht zusammen und konnte einen aufkommenden Stress gerade noch rechtzeitig abfangen. Beim zweiten Mal konnte ich unumwunden antworten: Nein, ich trainiere nicht besonders darauf hin. Ich lebe wie vorher, gehe hie und da joggen und im Winter langlaufen. Ansonsten – trainieren würde heißen, dasselbe tun, also mit 10 kg auf dem Rücken durch die Landschaft wandern. Dazu komme ich nicht. Mein Wunsch, vor dem Pilgern 5 kg an Körpergewicht zu verlieren, habe ich als für mich unrealistisch ad acta gelegt.
Gute Voraussetzungen für unser Unternehmen gibt es aber dennoch, füge ich jeweils an: mentale Stärke mit einem Durchhaltewillen, der Schwierigem und Schwerem nicht ausweicht, sondern darin Möglichkeiten fürs Weitergehen sucht. Gesunder Menschenverstand, der nicht leistungsbetont ausgerichtet ist. Der Glaube, dass das Vorhaben in Gottes Hand liegt, sodass die nötige Kraft und die Bereitschaft, mit Unsicherem und Ungewissem umzugehen, auch von einer Quelle gespeist wird, die außerhalb des uns Machbaren liegt. (ha)
ZWEITES KAPITEL:
Abschied
Endlich
Die Klarheit über Gruppe und Zeitpunkt des Pilgerns legt die nächsten Schritte der Vorbereitung nahe. Seit elf Jahren leite ich das Studierendenhaus Salesianum in Freiburg / Fribourg, habe da unter rund 100 Studierenden gelebt und gewirkt. Eine große und erfüllende Aufgabe. Als Allein-Stehende bezeichne ich diese Jahre als „Mutterjahre“. Ich war da. Die Studierenden wussten, dass sie jederzeit an meine Tür klopfen durften. Ich schätzte die Kontakte zu vielen jungen Menschen aus allen Landesteilen der Schweiz und zuweilen aus bis zu 21 anderen Nationen – eine Art Swissminiatur war das Umfeld dieses Lebensabschnitts.
Ich kündige meine Arbeitsstelle und entscheide mich, die Wohnung aufzulösen, Hab und Gut einzulagern. Was danach sein wird, ist noch unklar. Ich weiß aber um die privilegierte Situation als kirchliche Mitarbeiterin. Ich kann ohne Bedenken davon ausgehen, wieder eine gute Stelle zu finden. Der Abschied von allen Hausbewohnenden im Salesianum, vom Personal und von der Stadt Freiburg / Fribourg ist sehr bewegend und erfüllend. Im Gottesdienst erhielten Franz und ich einen Pilgerstab, auf welchen die Anfangsworte des Gebets von Franz von Sales eingeschnitzt sind: „Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart deines Gottes. Und selbst wenn du nichts getan hast in deinem ganzen Leben außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgebracht hattest, dann hast du dein Leben wohl erfüllt.“
Ich kann leichten Herzens weiterziehen. Die Studierenden stehen Spalier und begleiten mich zum Bahnhof. Tränen? Nein. Ich bin froh, dass endlich beginnt, woraufhin ich lange Zeit hingelebt habe. Ich bin dankbar, dass ich die Freiheit habe, mich aus allem herauszunehmen und einen großen und unbekannten Weg zu beschreiten. (ha)
Zeichen der Anteilnahme
Karten mit Segenswünschen und E-Mails zum Adieu-Sagen, eine leichte Feder und ein kleiner Kristall, ein Schutzengel aus Olivenholz und ein Teddybär als Maskottchen, Fußsalbe und Blasenpflaster, eine CD mit Texten zum Durchhalten und Pilgertabletten, ein Kompass und ein Taschenmesser, ein Kerzchen und ein starker Spiritus … unzählig und vielfältig, witzig und nützlich, hilfreich und tröstend sind die Zeichen des Abschieds, die in diesen Tagen des Aufbrechens zu mir gelangen. Mein Herz ist berührt von der Anteilnahme. Hin und wieder staune ich, welche Ideen sich Menschen von einem solchen Pilgerweg nach Jerusalem machen. Wie realistisch sind sie? Wie realistisch sind meine Gedanken? Die einen würden gerne mitwandern, sagen sie. Die anderen sind froh, dass sie zu Hause bleiben können. Vielleicht gehen wir für beide Gruppen von Menschen stellvertretend. (chr)
Tränen
Tränen des Abschieds gibt es bei meiner sechsjährigen Nichte Manon. Als sich alle meine Geschwister und deren Familien zum Abschied für mich treffen, beginnt die Kleine herzzerreißend zu weinen. Und sie hört gar nicht mehr damit auf. Als ich sie in die Arme nehme und nach dem Grund der Traurigkeit frage, schluchzt sie: „Ich verstehe einfach nicht, warum du so lange und so weit weg gehst.“ Später nimmt sie ihre Kette, die Lieblingskette mit einem großen silbernen Herzen, vom Hals und hängt sie mir um. Dieses Zeichen von Manon und ihr Schluchzen berühren mich sehr. Ich trage ihre Kette in meinem Rucksack mit. An Weihnachten, so ich den Weg schaffe, werde ich diese in Bethlehem zur Krippe des Jesuskindes legen. (ha)
Loslassen
Mittwochmorgen, der 1. Juni 2011. Jetzt ist es so weit! Heute verlasse ich mein Haus und meine Arbeit. Ich stehe mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auf. Das Erste, was mir ins Auge fällt, ist der gepackte Rucksack im Gang, die imprägnierten Schuhe, die Kleider, die mich jetzt viele Tage anziehen. Meine Schränke sind leer, das Badezimmer ist geputzt, den Blumen habe ich Wasser gegeben, schnell noch den Balkon schön gemacht und mit dem Staublappen überall drübergefahren. Alles ist bereit für die Untermieterin, die sieben Monate lang meine vier Wände bewohnt.
Bald kommen zwei Journalistinnen der beiden Ortszeitungen. Sie wollen ein Bild der Abreise, versprechen hie und da etwas zu schreiben. Ich stelle mich in Pose, binde die Schuhe und winke in die Kamera. Ein letzter Umtrunk im Haus mit meinen Arbeitskollegen ist organisiert. Uff, meine Beine sind ganz weich, denn das Abschiedsgeschenk meines Teams berührt mich sehr. Sie schenken mir ein Assisikreuz und das Versprechen: Wir werden jeden Tag für dich beten. Viele haben mir etwas zugesteckt: einen Schutzengel, einen Glückskäfer, einen besonderen Bonbon, einen Segen, ein Medaillon, ein Einrappenstück, ein Heiligenbildchen, ein Stück vom eigenen Glück, ein Foto und vieles mehr. Ganz zum Schluss bekomme ich noch ein wirklich leichtes Mitbringsel: eine Zeichnung direkt aufs Bein mit einem Segensspruch. Und dann ist es wirklich Zeit zu gehen. Es steigen Tränen der Angst und der Freude in mir hoch – ich gehe. Weiß noch nicht, dass sich am nächsten Tag beim Abschiedsgottesdienst im Lassalle-Haus die Tränen wieder Raum suchen und ich sie nicht werde zurückhalten können. Ja, es ist ein Abschiednehmen in Etappen, zuerst bei der Arbeit, zu Hause, dann in der Familie, von Freunden und Freundinnen und zwei Tage später noch von meinem Partner. Mein Herz ist wund und frei. Ich bin bereit. Die Tränen befeuchten den Acker der Sehnsucht und des Vertrauens. (er)
Wallfahren heißt für mich: Heimat zurücklassen
Dem vielverkauften Buch über seine Wallfahrt gab Hape Kerkeling den Titel „Ich bin dann mal weg“. Weg-Sein ist ein Stichwort, Fortgehen die Voraussetzung dazu. Wallfahren heißt zunächst fortgehen, die Familie für diese Zeit zurücklassen, die meisten Bekannten nicht mehr sehen, kaum einen Kontakt mit ihnen haben. In dieser Zeit verlasse ich die Arbeit. Die Freuden und Sorgen des Arbeitsplatzes und der Bekannten nehme ich ins Gebet mit, aber ich kann dort nicht mehr intervenieren. Ich ziehe in die Fremde und werde selber ein Fremder – für alle Menschen auf dem Weg. Ich bin (fast) überall Ausländer. Wie werde ich als Ausländer, als Fremder wahrgenommen, behandelt und – hoffentlich – aufgenommen – oder abgewiesen? Aber auch mir sind die Leute unterwegs unbekannt. Wie gehe ich auf sie zu?
Ich bin dankbar, dass wir als kleine Gruppe unterwegs sind. Zugleich bin ich lange Strecken allein. Ich setze mich der Heimatlosigkeit aus. Meist weiß ich nicht, wo ich am Abend schlafen werde. Es braucht Kraft, dieses Ausgesetzt-Sein auszuhalten. Jeden Tag bin ich auf die Hilfe von mir völlig fremden Menschen angewiesen. Es kostet mich Überwindung, ihre Hilfe anzunehmen, weil vieles nicht mit Geld zu begleichen ist. Zugleich kommen mir immer wieder Gedanken an zu Hause, die mich beschäftigen. Wie es da wohl geht, besonders meiner Mutter, die alt und schon gebrechlich ist? Wie läuft es in der Umgebung meiner Arbeitsstelle, wo andere dankenswerterweise viele meiner Verpflichtungen übernommen haben? Nur sporadisch bekomme ich darauf eine Antwort. Heimat zurücklassen – Wallfahren tut auch weh. Es ist ein echter Abschied, mindestens auf Zeit. (fm)
Verbundenheit
Eine besonders schöne Geschichte der Verbundenheit erlebe ich mit meinem Bruder Christoph. Als wir Geschwister uns vor dem Lospilgern zum traditionellen Geschwistertreffen versammeln und auch ein Stück Weg miteinander gehen, trägt er einen Hut, den er in allen Tönen lobt. Er gibt ihn in der Runde herum und bittet Franz, der diesen Tag mit uns verbringt, ihn mal aufzusetzen. Der Hut passt Franz wie angegossen. Christoph fragt Franz, ob er den Hut als Geschenk annehmen würde, damit so etwas von ihm mit auf den Weg nach Jerusalem gehen könne. Franz nimmt das Geschenk gerne an. Ein guter Hut ist ein sehr wichtiges Detail für jeden Pilger. Gut behutet, ist man nämlich auch gut behütet. Nach dem Geschwistertreffen meldet sich bei mir eine kleine Eifersucht. Ich möchte auch einen Hut von meinem Bruder bekommen. Als ich ihm diesen Wunsch mitteile, entscheidet er sich, allen vier Pilgern einen Hut zu schenken.
Wenige Tage vor dem endgültigen Abschied treffe ich Christoph nochmals. Er erwähnt beiläufig, dass er mit mir einen Code vereinbaren wolle für den Fall, dass ich in eine Notsituation gerate. Ich könnte ihm dann das Codewort schicken und er würde sich dafür einsetzen, mich zu retten. Ich denke zunächst, dass er einen Witz macht. Aber nein. Er meint es ernst. Unser Codewort heißt: Vergissmeinnicht. Ich bin sehr berührt von dieser Zuwendung, von diesem konkreten Zeichen der Verbundenheit. Tatsächlich schaltet sich Christoph über SMS und Mail intensiv ein, als es ein paar Monate später darum geht, ob wir durch Syrien weiterpilgern sollen oder nicht. Er versorgt uns mit Artikeln aus der NZZ, nimmt Kontakt mit Nahostkorrespondenten auf, um ihre Meinung zu hören, er drückt seine Sorge aus und zeigt mir durch alles hindurch, wie sehr er mich liebt.
Verbundenheit erleben wir mit unzähligen Menschen weit über Familie und Freundeskreis hinaus. Wir spüren, dass wir mit unserem Weg etwas wagen und tun, das viele motiviert, auf ihre Weise mitzugehen. Einige drücken das durch ihre spürbare Präsenz über den Blog aus. Andere nehmen sich ein eigenes Projekt vor für die Zeit unseres Pilgerns. Wieder andere stoßen zufällig auf unsere Geschichte und nehmen über den Blog Kontakt auf.
Meine Schwester Barbara hat ihre Verbundenheit in einem berührenden Text für viele andere auf den Punkt gebracht. (ha)
Ich gehe auch nach Jerusalem
Nicht richtig, nicht wirklich
Und trotzdem gehe ich mit
Lebe ich mit
Ich werde weinen, wenn ihr geht
Ich werde bei euch sein im Gebet
An euch denken jeden Tag
Ich werde mich fragen, wie es euch geht
… Euer Weg spannt ein Friedensnetz in der Welt
Alle, die an euch denken, verstärken das Netz
Geben Kraft und vertrauen darauf
Euer Weg macht Sinn im Zeitenlauf
Das Ziel, jetzt noch weit weg,
Ist heute nicht wichtig
Wichtig ist der Weg
… Ich werde weinen, wenn ihr wiederkommt
Vor Freude über das Wiedersehen
Mein Herz wird überlaufen
Das weiß ich jetzt schon
Ich gehe auch nach Jerusalem
Nicht richtig, nicht wirklich
Und doch gehe ich mit
Lebe ich mit
Barbara Jäger-Aepli
Familienbande
Sie spielen und ziehen, sie engen ein und geben Halt, die Familienbande. Sie sind ein Geflecht, das mich durch mein Leben trägt. Ja, das sind sie wirklich. Während des Pilgerns ist mir das immer wieder bewusst geworden, ich bin Tochter und Schwester und Erstgeborene. Immer war ich mehr oder weniger konform, tat, was man tut als Älteste. Jetzt aber breche ich aus, gehe weg, tue etwas Eigenes – und ich werde gelassen, mit Segen und Liebe. Die Familie Rüthemann ist sich vertraut, wir wissen voneinander, treffen uns regelmäßig und sind gesprächig. Aber noch nie habe ich mit meiner Familie so nahe, ehrliche, berührende Mails ausgetauscht wie während der Pilgerschaft. Wir nehmen uns wirklich Zeit, einander vom jeweiligen Leben zu erzählen, werfen Fragen auf, lassen Anteil nehmen, reden von früher und brauchen Rat. Immer erleben wir das sichere Aufscheinen der Liebe zwischen uns. So erinnere ich mich zum Beispiel ganz genau an den Ort, wo wir gerade waren, an die Menschen, die am gleichen Tisch saßen, an das Getränk vor mir, als eine so wunderbar berührende Mail meiner Schwester ankam.
Eine besonders große Überraschung erlebe ich in Istanbul. Auf meinem Nateldisplay erscheint die Nachricht meines Bruders: Was machst du heute Abend? Ich antworte, erzähle dies und das. Plötzlich lese ich mit großen Augen: Lust auf ein Glas Wein? Ich bin in zwei Stunden bei dir! Was?! Kilian besucht mich mitten auf dem Weg nach Jerusalem. Und mitten auf dem Weg werde ich hineingenommen in die tragenden Familienbande. Wie schön, für ein paar Stunden einfach Schwester zu sein, an gemeinsame Jahre anzuknüpfen, zu erkennen, wir sind beide „groß“ geworden, stehen auf demselben Boden, mit derselben Erziehung. Wir können kritisch zurückschauen, brauchen keine Angst zu haben vor Verlust, sehen, wie wir trotz der Unterschiedlichkeit in unseren Berufen mit Ähnlichem herausgefordert sind.
Für meine Eltern gehört mehrmals täglich der Klick auf den Blog zum Alltag. Sie leiden mit, freuen sich, beten intensiv für uns, interessieren sich, nehmen Anteil und ich weiß jetzt schon, sie werden es vermissen, dass sie später nicht mehr so viel von meinem Leben mitbekommen wie beim Unterwegs-Sein. Aber sie wissen vielleicht mehr denn je, wer ich bin, was für eine Tochter sie haben – wunderbar! (er)
Das Pilgerstübli Eschenbach
Wir haben von sehr vielen Freunden in der Schweiz vor dem Start Abschied genommen. Viele begleiten uns weiter im Gebet. Die Zisterzienserinnen des Klosters Eschenbach (Kanton Luzern) haben die Anschlagtafel vor ihrer Kapelle neu gestaltet. Sr. Ruth, eine gute Freundin von Hildegard, hängt dort jeden Morgen vor dem ersten Gebet die Blog-Beiträge der Pilger aus, sodass alle Interessierten sie lesen können. Jeden Morgen gedenken sie unser im Gebet. Sr. Ruth selber schreibt hin und wieder einen Kommentar, öfter meldet sich Sr. Christa zu Wort. Sr. Paula lässt uns ausrichten, dass sie uns jeden Morgen im Gebet segnet. Durch unseren Blog erleben wir, wie sehr viele Menschen unseren Weg verfolgen, manche nur durch häufiges oder gar tägliches Lesen, andere steuern regelmäßig einen Kommentar bei, spinnen unsere Gedanken im Blog weiter. Wir spüren, dass das Gebet vieler Menschen uns begleitet, insbesondere in der angespannten Situation Syriens wird es für uns stärkendes Fundament.
Meine Mutter sagte mir, sie könne nicht mehr mitgehen – sie ist beinahe bettlägerig. Aber beten wird sie jeden Tag für uns. (fm)
Die erste Etappe durch die Schweiz
Umgeben von Lieben, von den Freundinnen und Freunden, der Familie, von Bekannten und Unbekannten feiern wir am 2. Juni 2011 den Aussendungsgottesdienst im Lassalle-Haus. Ich bin gerührt. Viele Tränen fließen. Ich kann es gar nicht richtig einordnen. Es fließt und fließt und fließt. Tief in meinem Innern nimmt die Größe, das Unwirkliche, das Unbegreifliche Raum ein. Die Liebe und Stärke, der große Glaube an uns und all der Segen, der über uns ausgerufen wird, sind im ganzen Kirchenraum spürbar. So gestärkt, gehen wir los in den ersten Tag hinein, begleitet von über 200 Menschen, die mit uns die erste Etappe bis Einsiedeln pilgern.
Und dann nochmals Abschied. Vor der Klosterkirche in Einsiedeln kommen die Vielen, die uns an diesem Tag hierherbegleitet haben, nehmen uns in die Arme, wünschen uns das Beste und stecken nochmals Glücksbringer zu. Der ganz persönliche Segen meiner Freundin, die nicht mitlaufen konnte, aber eigens nach Einsiedeln reiste, berührt mich und begleitet mich jeden Tag.
Dreißig Frauen und Männer begleiten uns weitere zehn Tage lang quer durch die Schweiz. Sie geben uns Geleit bis zur Schweizer Grenze in Müstair. Wir gehen auf schönsten Wegen, durch heimatliche Gegenden am Zürichsee entlang, später durch das Sarganserland. Wir genießen den Sonnenschein entlang dem Walensee und dem Rhein, durchschreiten die Weinberge der Bündner Herrschaft, folgen der Landquart bis Klosters, besteigen den Zug durch den Vereinatunnel und kommen gut in S-charl an. Am zweitletzten Tag des Pilgerns mit der Gruppe überschreiten wir den höchsten Punkt der ganzen Wallfahrt, den Pass da Costainas mit 2251 m. Wir testen dabei im strömenden Regen unser Material. Auf der ganzen Strecke durch die Schweiz rasten wir an wunderbaren Plätzen. Wir werden verwöhnt, weil Hans und Rosmarie die Streckenführung und die Unterkünfte bis ins kleinste Detail vorbereitet haben und weil Reto und Hanspeter immer zur rechten Zeit am rechten Ort für uns ein Feuer bereit haben. Die Würste sind eingeschnitten, die Schokoladebananen vorbereitet, die Früchte schön drapiert auf einem Brett und die Creme ist angerührt. Am Abend finden wir in der Unterkunft ein Bett vor und gutes Essen. Wir kommen sowohl im Hotel als auch in der Zivilschutzanlage unter, genießen das Mehrbett- genauso wie das Zweierzimmer.
Immer wieder hören wir unsere Mitpilger zur Frage, wohin geht ihr, sagen: Wir sind unterwegs nach Jerusalem! Die dreißig uns Begleitenden machen sich unser Projekt zu eigen. Sie nehmen so sehr Anteil, dass wir wissen – wir werden nie alleine sein auf unserm ganzen weiteren Weg.
Obwohl niemand von uns vieren verheiratet ist, erleben wir in diesen ersten Tagen, was Honeymoon heißen kann. Wir schweben wie auf einer Wolke, so viel Zuwendung und Liebe kommen uns entgegen. Wir fühlen uns getragen und behütet. Ich bin richtig verliebt in die, die es so gut mit uns meinen.
Es ist für uns eine enorme Erleichterung, die erste Pilgeretappe unter fachmännischer Anleitung zu beginnen und den drei Pilgeranfangssünden – zu schnell, zu weit, zu viel – nicht zu erliegen. (er)
Buddhistisch-christliche Begegnung
Bei der Eröffnung des Pilgerprojekts vor sieben Monaten und auch bei den folgenden Veranstaltungen waren Vertreter des Judentums und des Islams mit dabei. Christsein ist heute im Angesicht der andern Religionen zu leben. Es ist ein erklärtes Ziel unseres Pilgerns, zur Verständigung der Religionen beizutragen. Natürlich sind bei einer Wallfahrt nach Jerusalem zuerst die jüdischen und muslimischen Gläubigen im Blick. Eine umso größere Freude war die Gegenwart von Claude Anshin, dem buddhistischen Mönch, und seiner Schülerin Wiebke beim Aussendungsgottesdienst. Er war Gast in der Eucharistiefeier. Wir teilten den Friedensgruß, und er kam nach der Feier in die Sakristei, um mir alles Gute für das Pilgern zu wünschen. Dabei sagte er, selbst ein erfahrener Pilger: The most important principle for a pilgrimage is ‚not knowing‘. Ich verstand ihn sofort und antwortete: Ja, du sollst dir kein Bildnis machen! Beim Pilgern geht es wie im Leben stets darum, sich der Führung Gottes anzuvertrauen. Alles soll gut vorbereitet sein, um es dann loszulassen und im Augenblick situations- und menschengerecht zu handeln. Der buddhistische Mönch und der christliche Ordensmann schauten sich mit Verständnis an, umarmten sich und gingen ihre Wege. Claude Anshin ging zu seinen Kursgästen, ich zu meiner Pilgergruppe. (chr)
Ein letzter Blick zurück
Oft schon bin ich von Einsiedeln über St. Meinrad nach Pfäffikon und dann über den Seedamm heim nach Jona gepilgert. Heute laufen wir dieselbe Strecke ein Stück weit und dann zweigen wir rechts ab Richtung Siebnen. Immer wieder schweifen die Augen über den See dem Vertrauten zu: Jona, Rapperswil, Bußkirch, das Kloster Wurmsbach und s’Klösterli, der Stau auf dem Damm und … Aber wir gehen vorbei. Diese zweite Etappe führt mich ganz nah an meinem Zuhause vorbei, und ich muss es einfach lassen. Ich muss das mir Bekannte und Gewohnte lassen. Jetzt geht es neuen Horizonten zu – Jerusalem zu! (er)
Der Weg und das Ziel
Schritt um Schritt marschierten wir auf dem Damm des Rheins. Schritt um Schritt stieg es an durch die Weinberge der Bündner Herrschaft. Schritt um Schritt durchquerten wir die Schlucht ins Prättigau hinein. Schritt um Schritt ging es der Landquart entlang. Schon des Öfteren habe ich in dieser Gegend Schritt an Schritt gesetzt, bin gewandert und hier gegangen. Doch Schritte in derselben Landschaft haben nun eine andere Bedeutung. Es sind nicht Ferienschritte, nicht Wanderschritte am Sonntagnachmittag. Es sind nun Pilgerschritte, ausgerichtet nach Osten, nach Jerusalem. Das Ziel strahlt über Hunderte von Kilometern hierher und verwandelt den Weg, jeden einzelnen Schritt. (chr)
Gehen für den Frieden
Immer noch gehen mir die Nachrichten und Bilder durch den Kopf, die ich im Internet zum Unabhängigkeitstag von Israel gelesen und gesehen habe. Feiern auf der einen Seite, Demonstrationen auf der anderen. Hier Tote, da Leben. Was für die Israelis Freiheit bedeutet, bedeutet für die Palästinenser Katastrophe. Wir gehen für den Frieden, gerade auch zwischen diesen beiden Völkern. Ich fühle bei diesem Gedanken nur Ohnmacht. Trotzdem müssen wir gehen. Ob die Politiker und Militärs sich in derselben Weise ohnmächtig fühlen? Sie arbeiten seit Jahren, und es entsteht kein Friede. Wir beten und werden die Welt auch nicht erlösen. Doch wir müssen pilgern. Es braucht alle guten Kräfte, die Politiker und die Wissenschaftler, die Künstler und die Medienleute, die Arbeiter und die Intellektuellen … Auch wir müssen unseren Beitrag leisten. (chr)
Zwischenhalt
Ein wunderschöner Zwischenhalt bot uns die Kirche von Fideris, wo wir den siebten Tag der Pfingstnovene beteten. Warm die Holzdecke und schlicht der weißgetünchte, gotische Chorraum. In deutschen Lettern lasen wir an der Chorwand, dass die Kirche in der Reformation „von Bildern und allem schriftwidrigen Zierrat gereinigt“ worden sei. Nun sind in die Nischen im Chor die Seligpreisungen geschrieben. „Selig, die Frieden stiften …“, „Selig, die reinen Herzens sind …“, „Selig die Barmherzigkeit üben …“ etc. Die Worte freuen mich und bewegen mein Herz. Mit 18 Jahren hatte ich mein Zimmer ebenso mit den Seligpreisungen tapeziert. Warum ich genau diesen Text der Schrift wählte, weiß ich nicht mehr. Doch die Worte geben mir Trost. Im Kirchenschiff ziert ein in großen Buchstaben verfasster Vers die eine Wand: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ Die Botschaft von Bethlehem ist präsent. Als ich sie las, empfand ich innigste Freude, dass wir dahin unterwegs sind. (chr)
Benedicziun – Segen
An vielen Häusern im Unterengadin gibt es Aufschriften (Sgraffiti) der Besitzer.
Am Ausgang des Dorfes Bos-cha fand ich auf einer Hauswand den Spruch auf Romanisch: Dieu benedescha vos ir e vos gnir (deutsch: Gott segne euch, wenn ihr geht und wenn ihr kommt). Es ist eine schöne Ermutigung auf dem Weg, dem langen, den wir noch vor uns haben und der uns auch wieder in die Schweiz zurückbringen soll. Jemand spricht uns mit den Worten des Wallfahrtspsalms 121,8 Segen zu. (fm)
Das Pilgerband
Abschied nehmen, das wollen auch meine Freundinnen aus dem Zisterzienserkloster in Eschenbach. Sr. Ruth überreicht mir ein ganz besonderes Geschenk. Es ist ein langes weißes Band aus Leinen genäht. Sie hat in ihrer Handschrift unser Pilgermotto daraufgeschrieben: „Wir nehmen den Landweg, aber es ist ein Gang über das Wasser.“ Eingebettet ist das Motto in das immerwährende Gebet, das Herzensgebet: „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich unser.“ Die Schrift von Sr. Ruth bedeckt die eine Seite des Pilgerbandes vollständig mit diesem Satz. Das Band hat außerdem etwa dreißig eingenähte Fächer. Die Idee wäre, dass ich Gedichte, die auf dem Weg entstehen, in diese Fächer legen könnte. Es kommt aber anders. Als sich die erste Gruppe, die uns auf dem Weg durch die Schweiz begleitet hat, verabschiedet, laden wir ein, persönliche Fürbitten zu schreiben und diese in die Fächer des Bandes zu legen. Das Band ist im Nu gefüllt. Wir versprechen, für jedes Anliegen einen Tag zu pilgern.
Das Pilgerband, die Erfindung von Sr. Ruth, wird zum Symbol unseres Weges. Wir legen es jeden Tag, wenn wir uns Zeit für eine gemeinsame Gebetszeit nehmen, auf den Flecken Erde, wo wir gerade sind. Wir nehmen Bitten heraus und legen neue dazu von Menschen, denen wir unterwegs begegnen. Feiern wir Eucharistie, dient es als Stola. Das Pilgerband verbindet alles: die Menschen zuhause, die Menschen in allen Ländern unterwegs, uns Pilger. In Syrien ist das Band schwarz geworden, weil mein Rucksack durchnässt war. Die schreckliche Kriegsgeschichte, die bereits spürbar über dem Land hängt, hat mit seiner Dunkelheit unser Pilgerband gezeichnet. In Jerusalem erfährt die Geschichte mit dem Pilgerband ihren Höhepunkt. (ha)
Heimweh oder Fernweh
Pfingsten, Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes, Geburtsstunde der Kirche in Jerusalem. Der Gottesdienst in der karolingischen Klosterkirche von Müstair war tatsächlich freudig geistbewegt und die Stimmung erinnerte an das himmlische Jerusalem. Die Mühen des Weges sind vergessen, die Tränen getrocknet und in aller Verschiedenheit stehen wir geeint vor Gott. Damit ist die Ouvertüre unseres Pilgerwegs mit der Gruppe zu einem Ende gekommen, durch ein eindrückliches Finale. Die Mitpilger und Freunde, die für diesen Pfingstgottesdienst nach Müstair aus dem Unterland angereist sind, sind nach dem Mittagessen im Klosterhof wieder nach Hause gefahren.
Für uns vier Jerusalempilger werden sich die einzelnen Melodien in den kommenden Tagen entfalten. Ja, auch wenn zuerst nun ein Ruhetag angesagt ist, so zieht es mich innerlich nach vorn, wie von einem Fernweh getragen. Vor über 35 Jahren war ich als kleiner Bube hier in Müstair in meinem ersten Jungwachtlager und hatte Heimweh. Einst die Sehnsucht nach Mama und Papa, heute die Sehnsucht nach Jerusalem. Ist es dieselbe Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat? Vielleicht dieselbe Sehnsucht, doch ein anderes Ziel! (chr)
Unsere Rollen
Esther stellt zu Beginn des Pilgerns zu viert ab und zu die Frage: Welchen Platz habe ich in unserer Gruppe? Wie gehöre ich dazu? Was bringe ich mit ein? Ihre Rolle ist am wenigsten greifbar und darunter leidet sie. Wir Frauen sprechen hin und wieder über ihre Frage und daraus entwickelt sich ein Versuch, für die Rolle aller vier Pilger Worte zu finden. Mein Antwortversuch fällt so aus:
Christian ist unser Visionär. Er hat Überblick, Einsichten in die großen Zusammenhänge und damit verbunden Tiefgang. Er ist der Initiant unseres konkret gewordenen Projektes. Er steht in Beziehungen mit zahlreichen Menschen und Institutionen, die das Unternehmen immer wieder unterstützen. Davon dürfen wir profitieren.
Franz ist unser „Stern von Bethlehem“. Er hat eine unglaublich wertvolle Vorarbeit geleistet, sodass wir jetzt getrost ihm folgend und gehorchend auch manchmal eigenartige Wanderwege beschreiten. Er und sein GPS führen uns mit einer Präzision, die auf uns beruhigend und Vertrauen stiftend wirken. Wir haben uns auf den 4300 km gerade zweimal etwas verlaufen. Beim ersten Mal landen wir in Südtirol in einem Blumenkohlfeld und beim zweiten Mal hindert uns in der Südtürkei ein sumpfiger Kanal am Weiterkommen. Ich sage von Anfang an: Franz ist unser Stern von Bethlehem. Er führt uns mit Sorgfalt. Er nimmt uns alle Entscheidungen bezüglich des Weges ab. Dank seiner Vorarbeit verhindert er kräfteraubende Diskussionen, die bezüglich des Weges aufkommen könnten. Das ist eine enorme Entlastung. Er legt Tag für Tag ein tragendes Fundament, so dass es eines Tages möglich wird, in Jerusalem anzukommen.
Ich selber habe schon vor dem Aufbruch in der Schweiz formuliert, dass ich für die Beziehungen der vier untereinander zuständig sei. Die Vierergruppe ist aus meinem Beziehungsnetz entstanden. Mir stehen die Einzelnen am nächsten. Ich rege alle paar Tage an, beim oder nach dem Essen ins persönliche Erzählen zu kommen und voreinander auszusprechen, wie es insgesamt geht – innerlich und äußerlich. Ich spreche die andern unterwegs auch im Zweiergespräch auf ihr Befinden hin an. Bei mir laufen die Fäden des Beziehungsgeflechts immer wieder zusammen und damit bin ich gegen Ende des Pilgerns auch überfordert, weil es unauflösbare Spannungen unter uns gibt. Darüber berichte ich später.
Für Esther ist die Frage ihrer Rolle die offenste gewesen und während einiger Wochen auch geblieben. Es hat aber im Laufe der Zeit Antwortspuren gegeben. Eine davon lautet: Esther ist für uns „Engel, Kind und Hund“. Dieses Wortspiel ist eine Anlehnung an die biblische Geschichte im Buch Tobit. Der junge Mann Tobit bricht von zuhause auf eine große Reise auf. Er hat als Begleitung einen Engel an seiner Seite und ein Hund springt ihm hinten nach. Zugleich ist „der Engel, das Kind und der Hund“ der Titel eines wunderbaren Buches von Christian Bobin. Esther bringt Humor im richtigen Moment ein. Sie spricht unverstellt aus, was sich in ihr regt. Sie zeigt Freude. Sie lacht und weint. Sie staunt über das, was sie entdeckt. Sie pflückt Himbeeren und Kirschen, saugt an einem Grashalm. Sie stopft dauernd ihre Socken und wird immer wieder angeheuert. Man wollte sie uns schon wegnehmen, damit sie beim Heuet, bei der Heuernte, helfe. Sie sei eine Schneidige, hieß es. Ihr werden beim Abschied die Hände getätschelt. Wir und sie selber verstehen nicht ganz, was da geht. Müssen wir aber auch nicht, weil eben – sie ist für uns „Engel, Kind und Hund“. (ha)
DRITTES KAPITEL:
Erfahrungen mit dem GPS
Verantwortung für die Strecke
Mit wenig Routine und ohne Erfahrung habe ich zuhause viele Abende und Wochenenden damit zugebracht, die Route zu planen. Bis Bulgarien schaffte ich eine detaillierte Planung, annähernd 2000 km. Doch schon in Südtirol, Italien, musste ich lernen, dass eine improvisierte Abkürzung auf einem Kohlfeld endet und die Bauern sagen, am Ende des Feldes gehe es nicht mehr weiter, weil es über einen kleinen Bach keine Brücke gäbe. Es ist schwer, die Ungewissheit auszuhalten, dass Karten fehlerhaft sind, dass aber auch improvisierte Abkürzungen in Sackstraßen enden, auch wenn es völlig flach aussieht. Welcher Kompromiss ist der Mittelweg? Wo ermüdet ein längerer Wanderweg weniger als die kürzere Straße? Ich tue mich schwer, die auf dem GPS-Gerät angezeigten Distanzen schnell abschätzen und in Zeit umzurechnen. Wie lange laufen wir bis zur nächsten Abzweigung, die ich nicht übersehen darf? Ist es schon diese oder erst die nächste? Besonders in Ortschaften oder Städten ist vorausschauendes Vorstellungsvermögen gefragt, denn die Genauigkeit der Anzeige auf dem Gerät lässt sehr zu wünschen übrig – zwischen hohen Häusern ist der Empfang des GPS-Signals oft schlecht.
Immer wieder frage ich auch Leute an den Wegen, Einheimische, wo es langgeht. In der Regel schicken sie uns auf die Hauptstraße, wo der Verkehr rollt. Ich will aber auf Feldwegen weiterlaufen. Meine Schwierigkeit ist, dass ich oft wohl den Namen des nächsten Dorfes kenne, nicht aber den Namen des nächsten Bauernhofes, der am Feldweg dazwischen liegt. Den würde der Einheimische kennen und mich dann dahin schicken, denke ich. So bleibe ich bei meinen Aufzeichnungen und folge nicht dem Hinweis auf die Hauptstraße.
Die Tagesetappen habe ich auch in Hinblick auf mögliche Quartiere gegliedert. Gibt es einen größeren Ort, wo wir eher ein Quartier finden? In allzu kleinen, so denke ich, wird es schwieriger sein. Die anderen beruhigen mich und sagen: Du bist nur für die Route zuständig, die Unterkunft suchen wir gemeinsam. Aber wo wir am Ende des Tages anhalten, liegt in meiner Hand. Einen Rest der Sorge um die Unterkunft kann ich nicht ablegen, er begleitet mich jeden Tag.
Das führt einige Male dazu, dass wir zu lange Tagesetappen machen. Esther und Hildegard sind am Ende ihrer Kräfte, bleiben aber geduldig, auch wenn sie mir deutlich sagen, es war wieder zu lang. Christian will vorwärtskommen. Ihm wird es fast nie zu lang. Da ich die Strecke nicht kenne, können wir uns nicht trennen. Ich weiß nicht, welchen Treffpunkt wir benennen könnten. So heißt es beisammenbleiben, mindestens in Rufweite.
In Sofia habe ich einen Tag am Computer verbracht, um die weiteren Etappen bis Istanbul im Detail zu planen. Die anderen konnten sich in der Zeit Sehenswürdigkeiten in der Stadt anschauen. Hildegard habe ich gebeten, mir wenigstens ein paar Fotos von den ausgegrabenen römischen Straßenstücken und den frühchristlichen Kirchen mitzubringen. Ich hätte sie gerne selber gesehen, aber die „Arbeit“ für unsere Wallfahrt hatte Vorrang.
Ganz im Süden der Türkei haben wir uns das zweite Mal verlaufen, weil ein Steg über einen Kanal fehlte. Ansonsten sind wir ohne große Fehleinschätzungen durchgekommen. Am Abend mancher Tage spüre ich, dass die ständige Aufmerksamkeit auf den Weg anstrengt und ermüdet, sodass ich nicht mehr viel Kraft und Konzentration für weitere anstehende Aufgaben habe. (fm)
Wallfahren heißt für mich: beständig dranbleiben
An der Route dranbleiben, jeden Tag im Rhythmus, jeden Tag das Ziel mit den Abschnitten im Auge behalten. Keine unnötigen Ausflüge. Pausen sind da zum Entspannen, zum Ausruhen, aber das Weitergehen bleibt im Blick. Auch die Unterbrechung ist begrenzt und dient zum Auftanken für das nächste Stück Weg.
Täglich hat für mich die Vorbereitung des Weges für den nächsten Morgen Priorität. Das Aufladen der Akkus für das GPS muss jeden Tag geschehen, auch wenn ich ein paar in Reserve bei mir trage. Die Wäsche ist jeden Tag zu waschen und aufzuhängen. Jeden Tag stelle ich eine Zeit für Gott, für das Gebet zu ihm und für die Menschen zur Verfügung.
Treu bleiben im Kleinen, um dem Großen entsprechen zu können. (fm)
Besuch beim Info-Team in Belgrad
Wir haben Ruhetag in Belgrad. Diesen nutze ich dazu, im Büro der Firma, die die GPS-Geräte vertreibt, vorbeizugehen. Als ich in das Büro trete, werde ich von einem Mitarbeiter begrüßt mit: Hallo, Franz! Seit einem Jahr stehen wir in E-Mail-Kontakt und jetzt diese herzliche Begrüßung mit Kaffee und einem Glas Wasser! Das Gespräch entwickelt sich sofort. Es ist bekannt, dass wir eine Wallfahrt nach Jerusalem machen. Esther und ich werden nach unseren Erlebnissen in Serbien gefragt. Offenherzig erzählen wir von den Sonnen- und Schattenseiten. Auch von unserem Blog sprechen wir, dessen Link er seiner Frau nach Erfurt schickt. Sie verbringt dort gerade einen Studienaufenthalt für ihr Doktorat zum Thema „Verhältnis von Staat und Kirche in Serbien“. Er ermutigt uns, gibt uns einige Tipps und seine Natelnummer und sagt: Sie können mich jederzeit anrufen, wenn Sie etwas brauchen, even in the middle of the night – don’t hesitate!
Wir werden ihn auf unsere Liste von Menschen schreiben, die uns auf dem Weg etwas Gutes getan haben und für die wir auf dem Weg und in Jerusalem beten werden. Er ist gerührt und mir scheint, sowohl er als auch wir sind den Tränen nahe, als wir das Büro verlassen. So viel warmherzige Hilfsbereitschaft und Verstehen werden uns hier geschenkt. (fm)
Planung der Tagesetappen
Mit den Informationen, die ich hier in Plovdiv einholen konnte, habe ich unsere Route für die nächsten Tage umgestellt. Man sagte mir, dass die Autobahn quer durch Bulgarien Richtung Türkei nicht fertig gebaut sei. Deshalb wird sich der große internationale Schwerverkehr wohl auf der bisher als „alte Autobahn“ bezeichneten Hauptstraße südlich der Maritsa bewegen. Diese Straße ist wie eine Kantonal- oder Bundesstraße bei uns. Das Schlimmste für mich ist, dass wir meistens auf der linken Straßenseite gehen und den uns entgegenkommenden Verkehr sehen. Wenn allerdings ein Fahrzeug auf unserer Seite von hinten her überholt, bin ich immer überrascht, oft sehr erschrocken, weil ich es nicht kommen sehe noch höre und es mit hoher Geschwindigkeit knapp an mir vorbeirauscht. Diese Art Verkehr ist für uns der anstrengendste. Deshalb möchte ich ihn morgen vermeiden.
Bei der Routenplanung versuche ich immer vier Kriterien zu berücksichtigen:
1. die Wunschdistanz von 25 bis 30 km pro Tag.
2. Wenn höhere Berge auf der Route sind, braucht das zusätzliche Kraft und die Kilometeranzahl soll aufgrund der zusätzlichen Leistung reduziert werden. (In der Türkei wird mir meine elektronische Karte keine Informationen mehr über Steigungen und Berge bieten …).
3. Wir bevorzugen Nebenstraßen gegenüber Hauptstraßen, weil es weniger Verkehr gibt, weniger Lärm und mehr Sicherheit.
4. In den Blick zu nehmen versuche ich, ob es am Zielort eine Unterkunft gibt oder geben könnte. Nur manchmal geben meine Karten dazu Auskunft. (fm)
Der Weg durch die Türkei und Syrien
Dieser Tag war kein freier Tag für mich. Vom Morgen bis zum Abend war ich daran, die Route durch Syrien und Jordanien für das GPS zu planen. Ich versuchte die kürzeste Strecke von Antakya in der Türkei nach Süden am Bergrücken entlang, am Libanon vorbei, durch Damaskus und Amman, über den Berg Nebo an das Tote Meer und Jericho zu beschreiben. Ich habe die üblichen Tagesetappen abgesteckt und eine Liste davon gemacht. Darin führe ich auch die kleinsten eingezeichneten Dörfer auf. Die Aufzählung soll möglichst dicht sein, damit wir notfalls auch ohne das Gerät gehen können – von Dorf zu Dorf. Ich weiß nicht, ob ich das Gerät über die türkische Grenze hinaus mitnehmen darf.
Jetzt bin ich müde davon, den ganzen Tag vor dem kleinen Bildschirm des Netbooks zu sitzen. (fm)
Unser Historiker Franz
Die Gegend des heutigen Pilgertages ist geschichtsgeladen, sind wir doch in einer Region der Türkei angelangt, die erst nachträglich, nämlich 1938, zur jungen Türkischen Republik hinzugekommen ist. Diese hatte die Provinz Hatay/Antiochien mit Hilfe der Franzosen im Grenzstreit mit Syrien annektiert. Frankreich war an einer Allianz mit der Türkei interessiert, damit diese nicht an der Seite von Hitler-Deutschland in den Zweiten Weltkrieg eintrat. Doch nicht nur moderne Geschichte, sondern auch jene des Altertums kam heute in den Blick. Wir marschierten nämlich durch Dörtyol, das antike Issos, wo Alexander der Große 333 v. Chr. das Perserheer von Dareios III. zum ersten Mal schlug. Zudem liegt einige Kilometer hinter uns der Fluss Saleph, wo Kaiser Friedrich I. Barbarossa beim dritten Kreuzzug ertrank.
All diese Ereignisse ließen auch unseren Historiker Franz nicht unberührt. Vielleicht wollte er hier auch große Geschichte schreiben. Auf jeden Fall führte er uns heute mit seinem GPS durch die Felder, bis wir zu einem kleinen sumpfigen und verwachsenen Kanal kamen, den wir nicht überqueren konnten. Weil Franz aber unbedingt den Weg auf der andern Seite erreichen wollte, legte er seinen Rucksack ab und begann kurzerhand mit Steinen im Wasser einen Übergang zu bauen. Er versuchte, auf wackligen Steinen stehend und mit den Wanderstöcken immer wieder Halt suchend, genügend feste Tritte über dem Wasser zu schaffen. Mehr als einmal rutschte er dabei mit dem Schuh ins Wasser, während Hildegard ihn in seinem Eifer zu stoppen suchte. Schließlich konnten wir Franz überzeugen, das Unterfangen aufzugeben, da wir, mit unseren Rucksäcken beladen, uns nicht vorstellen konnten, ohne Schaden über diese Furt zu kommen. Wir wollten auch nicht, dass Franz wie Barbarossa endet. Dies wäre doch zu viel der Identifikation des Historikers mit seinem Objekt! Schließlich wurde die Aktion abgebrochen. Wir suchten einen Umweg, den wir auch fanden. Wohl haben wir Franz davor bewahrt, wie Barbarossa zu enden, doch haben wir auch verhindert, dass er als Kirchenhistoriker zu einem Pontifex Maximus (Größter Brückenbauer) wird. Dass er jedoch ein Pontifex Minor (Kleinerer Brückenbauer) ist, steht außer Zweifel, weist doch schon sein Name Mali, zu Deutsch „Klein“, darauf hin. (chr)
Routenplanung für Jordanien
Für Syrien und Jordanien habe ich nur eine Karte für mein GPS-Gerät gefunden, die ich gratis von „open-streetmap“ Lambertus herunterladen konnte. Diese Karte ist frei zugänglich, und jeder, der dazu fähig und willens ist, kann dort Verbesserungen und Details eintragen. So hängt es von freiwilligen Enthusiasten ab, wie gut die Pläne für bestimmte Regionen oder Städte ausgearbeitet sind und dargestellt werden. Diese Karten sind sehr hilfreich, allerdings keineswegs vollständig. Die zweite Quelle – die aber in Syrien nicht verfügbar war – ist Google-Earth. Da versuche ich, die Wege und Straßen anzuschauen, wo ich durchlaufen möchte. Die Qualität der Fotos ist unterschiedlich, manchmal hervorragend, manchmal sehr grob, sodass Details in der Landschaft nicht immer klar sichtbar sind. Vielleicht liegt das aber zum Teil auch an der mittelprächtigen Bildschirmauflösung meines kleinen Netbooks. Die Route nach Amman hinein und das Durchqueren der Stadt habe ich nur mit Hilfe von Google-Earth im Computer vorgezeichnet, weil auf der GPS-Karte einzig die großen Verkehrsadern und kein Stadtplan angegeben ist.
Sehr spannend ist daraufhin das Nachgehen in der Natur. Bei einem Fehler nämlich, etwa einem unüberbrückbaren Entwässerungskanal oder einem hohen Zaun, der für mich nicht sichtbar war, kann Endstation sein. Was ist dann zu tun ohne genaue Karte? Den Umweg finden oder gar umkehren? So sind solche Tage bei mir am Anfang mit einer gewissen Nervosität verbunden und am Ende des Tages mit großer Dankbarkeit, wenn der Weg im buchstäblichen Sinne gangbar gewesen ist. (fm)
VIERTES KAPITEL:
Pilgeralltag
Immer wieder
Unsere Tage gleichen sich. Immer wieder Rucksack packen, weitergehen, Essen suchen, Unterkunft finden, duschen, Kleider waschen, das Bett bereiten, essen und beten. In all dem werden wir Profis. Kommen wir in ein Zimmer, schweift unser Blick umher, wir ziehen die Schuhe aus und checken ab, wo die Steckdosen sind, ob das Wasser warm wird, wer in welchem Bett schläft, ob es den Schlafsack braucht oder nicht. Und am Morgen haben wir in null Komma nichts gepackt – alles hat seinen Platz. Und ein neuer Tag beginnt.
Ein kleines Beispiel für unseren Alltag ist die Wäscheleine. Von wo bis wo hält sie den nassen Kleidern stand? Passt es von der Schranktüre zum Fensterriegel, oder ist es besser, den Nagel des Bildes mit dem Türschloss oder die Heizröhre mit der Bettkante zu verbinden? Es geht immer irgendwie, oft quer durch das Zimmer. Handwäsche ist etwas Schönes, weil ich den Schmutz des Tages richtig davonfließen sehe. Und doch, mit der Zeit wünschen wir uns eine Tiefenreinigung, suchen am freien Tag eine Wäscherei oder fragen, ob wir privat die Waschmaschine benützen dürfen. Immer wieder staune ich, wie alles klappt, staune, wie es Hildegard gelingt, in einer türkischen Stadt unsere „Nicht-ganz-gleich-wie-man-sie-wäscht-Kleider“ in ein paar Stunden sauber und in der gleichen Größe zurückzubekommen.
Was für eine Wohltat ist es jeden Tag, geduscht und in sauberen Kleidern auf dem Bett zu liegen. Die Haare sind gewaschen und die Fußpflege, die viel wichtiger ist als die Gesichtspflege (obwohl ich für alle Fälle einen Kajal mittrage) ist erledigt. Nur etwas kann die Situation noch toppen und zur Vollkommenheit bringen: eine Fußmassage. Etwas Wohltuenderes kann ich mir nicht vorstellen. Nach vielen Stunden Pilgern die Füße einem Masseur hinzustrecken und zu genießen ist wunderbar. Lustig ist auch immer wieder zu sehen, wer zuerst einschläft, der, der massiert, oder die, die es genießt. Bei Franz ist es einfach. Er schläft so oder so meistens ein …
Ich bin in dem ganz Alltäglichen immer wieder überrascht und staune. Denn in all dem Gleichen ist jeder Tag doch anders, ist jeder Tag neu, birgt sein Geheimnis, erzählt seine Geschichte, bringt die kleinen Wunder des ganz Normalen an den Tag. (er)
Pilgeralltag
6 Uhr: Gerne stehen wir bislang um diese Zeit auf. 6:30 Uhr: Frühstück, wenn möglich. 7:10 Uhr: Rucksäcke aufschnallen, in einem Kreis stehen und mit einem Morgengebet den Aufbruch begleiten. In der Folge alle halbe Stunde, wenn es zum Frühstück Kaffee gegeben hat: Biopause für Esther und Hildegard. Nach ein bis zwei Stunden Laufen eine größere Pause, etwas essen und vor allem trinken und Morgenimpuls mit Lied, Bibeltext, einem Anliegen aus dem Pilgerband und den Anliegen auf dem Namenskalender (aufgeschaltet auf dem Blog). Dann Frage von Hildegard: Franz, wie viele Kilometer sind wir schon gelaufen? Ausruf von Esther oder Hildegard: Was, schon so weit? Oder: Was, erst so weit? Weiterlaufen im abgemachten Schweigen, ca. eine bis eineinhalb Stunden. Manchmal sind wir bis hierher schon schweigend gegangen. In dieser Zeit tragen wir die uns mitgegebenen Anliegen besonders mit. Frage von Hildegard: Christian, wie spät ist es? Aha. Franz, wie viele Kilometer sind es bis hierher? Und wie viele bis zum Ziel? Was, noch so weit? Weiterlaufen. Überlegen, ob und wo wir zu Mittag essen. Das sind meistens die beim Frühstück eingepackten Sandwiches. Nach dem Essen gegenseitiges Versichern, dass wir im nächsten Dorf einen Kaffee trinken werden. Oftmals gibt es dann zwar Dörfer, aber kein Gasthaus. Weiterlaufen und dabei nicht an die Kilometer denken, vor allem dann nicht, wenn es über dreißig sind. Frage von Hildegard: Franz, wie weit ist es noch? Ach, dann brauche ich nochmals eine Pause vor dem Schlussstück. Schließlich ankommen, Quartier suchen und beziehen. Esther und Hildegard in einem Zimmer. Franz und Christian im anderen. Duschen und Handwäsche machen, eine Wäscheleine improvisieren. Beine mit Franzbranntwein (Marke Holzhacker) einreiben, ein paar Minuten aufs Bett legen, manchmal unter die Decke, weil wir frieren. Und schließlich Blogschreiben, Telefonieren, SMS schreiben etc. Franz versucht schon vor dem Duschen die gelaufene Strecke vom GPS auf den Blog zu übertragen. Abendessen, am liebsten etwas Warmes, und wenn möglich früh schlafen gehen. (ha)
Auf Türkisch waschen
Alle zehn Tage gönnen wir uns den Luxus, unsere verschwitzte Wäsche nicht von Hand, sondern wieder einmal kräftig mit einer Waschmaschine zu waschen. Im Hotel von Edirne gibt es sie nicht. Aber auf einen Zettel schreibt mir der Rezeptionist, wie der Laden heißt, wohin ich die Wäsche bringen kann. Ich will von ihm in Erfahrung bringen, was es denn kosten würde. Er weiß es nicht. Vielleicht 5 Lira das Wäschestück, meint er. Kann nicht sein, denke ich, das wäre pro Socke und Unterhose etc. fast 2,50 Fr. Also gehe ich mit drei Plastiksäcken voll Stinkware über den Platz und zeige meinen Zettel drei Leuten und schon bin ich in der Waschküche, wo für Großbetriebe, wie z. B. Hotels, Bettanzüge, Morgenröcke, Frottéwäsche gewaschen und gebügelt werden. Mit meinem Nateltranslator bin ich ein wenig vorbereitet, weil ich neben dem Preis auch mitteilen will, dass alle Wäsche zusammen nur 40 Grad gewaschen und ja nicht gebügelt werden soll. Der erste Mitarbeiter kann kein Englisch. Ich halte ihm die Säcke hin und frage: Kaç para? Was kostet das? Er nimmt die Säcke und stellt sie auf eine Waage. Es sind 3,8 kg. Dann zeigt er auf eine Liste. Da steht: pro Kilo 7 Lira (ca. 3,50 Fr.). Ich versuche mit Gesten und meinen mageren Türkischkenntnissen zu erklären, dass die Wäsche nicht gebügelt, ja falls möglich nicht einmal getrocknet werden soll. Er versteht nicht. Da kommt der Chef. Mit little english. Yes, yes, good price. I expert here! Ich schreibe auf einen Zettel: 40 Grad. Er sagt. No, not 40 Lira, only 28 Lira. Ich sage: this temperature und zeige nochmals auf den Zettel. Aha. Dann gehe ich zum Bügeleisen und sage: Hayır, nein bügeln. Er rümpft die Nase. I expert here. Evet, evet. Ja, ja, sage ich, aber bitte nicht bügeln, lütfen, bitte. Until when? Bis wann? Tomorrow at 4. Früher nicht. Viel Arbeit. O. k. Weiter komme ich nicht. Ich vertraue ihm mehr als die Hälfte unseres Hab und Gutes an. Von Franz sind alle drei Hemden dabei. Er läuft, bis die Wäsche geholt werden kann, in einer Damenbluse herum. Wir sind gespannt auf den Ausgang unserer Wäschegeschichte.
Und hier ist er: Unsere Wäsche ist tipptopp frisch, ungebügelt, trocken in einem Sack verpackt bereit und wird vor meinen Augen mit einem Feinduftprodukt besprüht. Alle strahlen. Selam. Güle güle. Heißt es zum Abschied. (ha)
Ganz einfache Dinge
Unser Alltag ist geprägt von den ganz einfachen Fragen. Franz fragt sich im Stillen fast täglich, ob wir wohl eine Unterkunft finden werden. Ich mache mir darüber kaum je Gedanken. Die Sorge scheint bei Franz aufgehoben zu sein. Meine Fragen lauten jeden Tag: Wie weit ist es bis zum nächsten Dorf? Gibt es da einen Laden? Wann machen wir Pause? Habt ihr Hunger? Braucht ihr auch einen Kaffee? Ich bin auf die Zwischenmahlzeiten angewiesen. Die Kraftlosigkeit oder Gefühle der Übelkeit können mich blitzschnell überkommen. Für den Notfall haben wir immer Kleinigkeiten im Rucksack. Gesalzene Erdnüsse und eine Tafel Schokolade gehören über weite Strecken zu unseren Vorräten. Keiner von uns ist wählerisch. Wir essen überall das, was es gibt, in einfachsten Lokalen, immer das, was gerade im Angebot steht. Wir essen auch Rohkost. Ich hatte mir vorgenommen, nach der slowenischen Grenze auf Salat zu verzichten, um Darmerkrankungen vorzubeugen. Daran hielt ich mich keinen einzigen Tag. Wie ein Wunder kommt es mir vor, dass nur Christian mal kurz mit Durchfall zu kämpfen hat. Ansonsten bleiben wir vor Krankheiten aller Art verschont. Zum wichtigsten Nahrungsmittel wird für mich die abendliche Suppe. Wärme, Flüssigkeit und Salz bringen den ausgelaugten Körper wieder in Balance. Ich bin erstaunt, dass es in allen Ländern außer Bulgarien immer Suppe gibt. Dass die Çorba, die Linsensuppe, in der Türkei schon zum Frühstück gegessen wird, habe ich nicht gewusst.
Für uns alle erstaunlich ist, dass wir punkto Wasser kaum Probleme haben. Es gibt einen oder zwei Tage, an denen die Route durch menschenleere Gegenden führt. In der Regel aber taucht alle paar Kilometer ein Dorf auf. Wir können einkaufen oder bei Menschen anklopfen und unsere Flaschen auffüllen. Wir tragen selten mehr als einen Liter Wasser mit uns. Solange wie möglich trinken wir es aus dem Hahn. Als eines Tages, wieder in Bulgarien, an der Hotelrezeption eine Flasche Mineralwasser ins Zimmer mitgegeben wird, stellen wir um. Von jetzt an kaufen wir auch Wasser ein.
In den ersten Monaten des Pilgerns halten wir morgens immer Ausschau nach einer Tasse Kaffee. Wir freuen uns, ja lechzen an etlichen Tagen danach. Es scheint uns, dass wir gar nicht richtig wach werden, wenn in der morgendlichen Pause dieses Getränk fehlt. In Serbien wird uns dadurch bewusst, dass einige Dörfer als Folge des Krieges keine funktionierende Infrastruktur mehr haben. Wir müssen auf unseren Kaffee verzichten, weil die Bar geschlossen ist. Die Arbeitslosigkeit hat die Menschen aus den Dörfern vertrieben. Dafür – welche Überraschung – wird uns in Serbien der beste türkische Kaffee gebraut. In Lokalen und bei Straßenhändlern wird er angeboten und genau so, wie es sein muss, wird er auf einer Gasflamme im Alutopf gebraut. In der Türkei wird der Verzicht auf Kaffee fast selbstverständlich, weil wir alle mit der Nescafé-Welle, die gerade vorherrscht, nichts anfangen können. Dafür werden wir im anatolischen Hochland mit den Ernteerträgen verwöhnt. Wir essen im Oktober noch frische Erdbeeren, stopfen uns in der Nähe von Bursa mit Qualitätsfeigen voll, knacken Nüsse und haben oft die Hände voller Tomaten. Wir lernen Kornelkirschen in Salz getunkt kennen, tragen schwere Melonengeschenke über Land und halten frisch gebackenes Brot in Händen. Einzig mit den frisch gepflückten und uns geschenkten Quitten können wir nichts anfangen. Später, in der Mittelmeergegend, lernen wir Granatäpfel öffnen und schauen immer wieder den Olivenpflückerinnen zu, die uns ohne Umstände an ihrer Pausenmahlzeit teilhaben lassen. (ha)
Vom Essen
Esther: Sie klappert jede Speisekarte auf eventuelle Peperoni ab. Die mag sie nicht. Dann hat sie die Gabe, genau das aus der Speisekarte auszuwählen, was es nicht gibt. Ihr Volltreffer der ungenießbaren Sorte waren Spaghetti Milanese. Es kam ein Teller mit etwas weißlich Verkochtem plus Unmengen Ketchup. Einfach grässlich, selbst für das Auge.
Christian: Er ist kein Frühstücker. Findet sich aber irgendwo frisches, süßes Hefegebäck, dann schlägt er zu. Es darf auch mal ein Eis zwischendurch sein. Der Balkan mit seinen üppigen Fleischgerichten ist für ihn nicht ganz das Wahre, also schlägt er sich tapfer mit allerhand Salaten durch. Leider ist die Radlerphase vorbei. Dieses Limobier kennt in Bulgarien keiner mehr.
Franz: Seine Essenspause beginnt immer damit, dass er für uns andere die Speisekarte zu entziffern und zu übersetzen beginnt. Ohjee, wenn dann was anderes kommt, als er uns gesagt hatte. Zum Glück hat er eine Elefantenhaut. Er selber pflegt aus der Karte das auszuwählen, was er nicht kennt. Lieben tut er Fisch.
Hildegard: Sie liebt Fleisch. Die Dauergrilladen werden ihr nicht zuviel. Die Suppen, die es bis an die serbisch-kroatische Grenze gab, machten ihr gleichermaßen Freude. Auf das Süße kann sie interessanterweise gut verzichten, ganz entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten. (ha)
Der Blog
Am Anfang ist es schwer für mich, jeden Tag den Blog zu füttern. Ich gerate unter Druck, denn die andern schreiben aus meiner Sicht so locker und frei. Ich kämpfe mit Minderwertigkeitsgefühlen. Meine Texte sind zu banal, zu einfach, zum Teil fehlerhaft. Immer wieder drängt sich der Miesmacherdämon in mein Bewusstsein und lacht mir ins Gesicht. Aber mit der Zeit, auch durch die Reaktionen der Leserschaft, treten die schlechten Gefühle in den Hintergrund und Freude macht sich breit – die Freude darüber, das Alltägliche zu teilen, das in Worte zu fassen, was mich an diesem Tag beschäftigt: von den Gesprächen, vom Gebet, von den Begegnungen, von dem, was in mir ist. Es ist wunderbar, die Menschen zuhause mitzunehmen, stellvertretend für die zu gehen, denen es nicht möglich ist, sich so auf den Weg zu machen, sie Anteil nehmen zu lassen. Durch die liebevolle Bestätigung der vielen Leser und Leserinnen, ihr ehrliches Mitleben, Mitgehen, das Sich-Freuen und Leiden mit uns und immer wieder die Zusage des Gebets für uns tragen dazu bei, dass ich schreiben will. Ich sehe es als unsere Aufgabe, nicht nur für uns zu sein, sondern unsere Erfahrungen fruchtbar zu machen für viele. Es ist für mich erstaunlich, in wie vielen Familien plötzlich über Gott und das Gebet, über Jerusalem und den Frieden in der Welt, über das Christentum, das Judentum und den Islam geredet wird. Kinder fragen nach, Eltern suchen nach Antworten. Sie gehen mit ihren Sprösslingen in die Kirchen, um für uns eine Kerze anzuzünden. Durch unsere Erfahrungen und durch die Selbstverständlichkeit, mit der wir berichten, bekommen Glaube, Kirche, Pilgern, Gott eine neue Farbe. Wir sind Stellvertreterinnen für viele, nehmen ihre Anliegen mit, gehen für ihre Bitte, beten mit ihren Worten. Wir sind auch Motivatoren, zum Beispiel für Eva, die sich zuhause auf den Weg macht. Obwohl es für sie körperlich eine große Anstrengung ist, geht sie ein Stück für uns als Stärkung und Begleitung – sie trägt mit. Natürlich dringen auch kritische Stimmen zu uns: Das ist gar nicht richtiges Pilgern mit Laptop und Telefon und immerwährender Erreichbarkeit. Es geht doch um das Alleinsein, darum, von Zuhause mal richtig weg und auf sich gestellt zu sein.
Was heißt Pilgern eigentlich? Ich wusste es nicht. Ich habe mich drauf eingelassen. Ich spüre, das Wesentliche des Pilgerns ist, mich jeden Tag dem Ungewissen auszuliefern, aufzubrechen, das Gewohnte hinter mir zu lassen und mich darin zu erleben. Es tut mir gut, davon zu erzählen und damit nicht alleine zu sein. Ich bin froh, dass wir uns entschieden haben, Blog zu schreiben und unsere Erfahrungen zu teilen. (er)
Ein wichtiges Fenster
Das Blogschreiben ist eine wunderbare Sache. Ich lerne es als kreatives Fenster schätzen. Der Blog fordert mich heraus, die Ereignisse eines Tages unter dem Aspekt der kleinen Besonderheiten anzuschauen. Ich überlege, was ich gerne berichten möchte, was es im Alltag des Pilgerns Neues gibt, was die zuhause Gebliebenen interessieren könnte. Ich genieße es abends, den Computer von Franz für 20 Minuten oder sogar eine halbe Stunde für mich beanspruchen zu dürfen. Jetzt schreibe ich von unserem Tag und verantworte diesen Text allein. Ich fülle diesen Freiraum, ohne ihn mit den andern zu besprechen. Das tönt vielleicht eigenartig. Während der sieben Monate, in denen ich kaum eine halbe Stunde allein bin, ist diese Zeit am Blog ein echtes und wichtiges Fenster, das ich ohne Rücksprache und Entscheidungsfindung gestalten kann. Wenn ich rückblickend daran denke, fällt mir ein, dass für mich das Schreiben eine Art des Gebets der liebenden Aufmerksamkeit darstellte. Dieses Abendgebet, das Ignatius von Loyola sehr empfiehlt, leitet auch an, den Tag Revue passieren zu lassen und ihn liebevoll zu bedenken.
Das Wichtigste aber ist für mich die Erfahrung geworden, wie unterstützt ich und wir alle durch jene werden, die unsere Einträge lesen und kommentieren. Es gibt keinen einzigen Tag, an dem aufmunternde Worte fehlen würden. Für mich ist diese Unterstützung maßgebend. Sie trägt dazu bei, dass ich es schaffe, in Jerusalem anzukommen. Die Botschaften und Kommentare meiner Eltern und Geschwister sind Balsam. Die Treue von Lausa, einer Freundin, die wohl jeden meiner Blogeinträge mit Herzblut und Anteilnahme bedachte, ist unvergleichlich. Die Freundschaft zu D., die sich über den Blog entwickelt, ist kostbar. Und all die vielen, die täglich lesen und an uns denken, ohne zu schreiben, bilden ein bergendes Netz um uns. (ha)
Gut erzogen
Das bin ich! Ich weiß, dass die Kirschen, die mir fast in den Mund wachsen oder ganz einfach zu pflücken wären, nicht mir gehören. Wo kämen die Bauern hin, wenn jede Wanderin auch nur zwei von ihnen nehmen würde! Aber ehrlich, Lust auf sie habe ich immer. Jeder einzelne Baum lockt mich mit seinen roten Früchten. Gut Ding will Weile haben! Und am erstbesten Stand kaufen wir ein Kilo. Wie fein, prall, süß und – ehrlich erworben. Und bald sind die Marillen reif und dann die Pflaumen, irgendwann die Äpfel und Trauben. Noch aber sind die Früchte in den von uns durchwanderten Plantagen Gott sei Dank grün – wir warten. (er)
Wallfahren heißt für mich: Große Dinge werden klein und kleine werden groß
Große Dinge werden klein: Wenn wir gegen Ende unseres Tages nach einer Unterkunft fragen, bekommen wir wiederholt die Antwort: Es sind nur 6 km oder es sind nur 10 km bis zu einem Hotel. Oder manchmal will uns jemand einen Tipp geben, welche einmalige Sehenswürdigkeit wir unbedingt anschauen sollten, denn es sind ja „nur“ 30 oder 40 km bis dahin. Solche Auskünfte werden sofort sehr klein, denn sie haben keine Bedeutung für uns. Wir können keine 10 km weiterlaufen, wenn wir schon annähernd 30 km in den Beinen haben. Und: Wir wollen auf unserer Route bleiben, und zu Fuß sind Umwege mit zig Kilometern nicht zu machen; daher solche Vorschläge zur Seite legen, jetzt sind sie irrelevant.
Kleine Dinge werden groß: Eine Heuschrecke, ein Käfer oder eine Raupe auf der Straße finden meine Aufmerksamkeit. – Eine Flasche Wasser oder ein Brunnen mit Trinkwasser wird lebensnotwendig, ein Restaurant oder ein Laden sind begehrt. Am Abend beim Ankommen sich gründlich waschen oder duschen zu können ist reine Freude. Ebenso wenn es einen sauberen Teppich gibt zum Schlafen oder frische Bettwäsche und genügend Decken. Meistens können wir unsere verschwitzte Wäsche im Lavabo mit der Hand waschen. Nur auf 1400 m über Meer und bei einer Temperatur nahe am Gefrierpunkt trocknet sie dann nicht mehr über Nacht. – Alltägliches wird wesentlich.
Großartiges am Wegrand (das kann z. B. ein Strandbad sein, an dem wir nicht mehr vorbeikommen werden) muss sich unserem Ziel unterordnen oder ganz übergangen werden, da Umweg und Aufwand zu hoch sind. Und scheinbar weniger Bedeutendes erhält seinen Wert zurück. Ich erlebe, dass wir auf Selbstverständlichkeiten bisweilen sehnsüchtig oder gar schon aufgeregt warten. Der Blick wird klar für das, was notwendig ist (vgl. Lk 10,42) und worum wir beten sollen (Lk 11,3). (fm)
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