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Ass. Prof. Mag. Dr. Christian Domenig (geb. 1976) lehrt seit 2005 mittelalterliche Geschichte an der Universität Klagenfurt.

Christian Domenig

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Umschlagabbildung: Detail einer Buchmalerei aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, Très Riches Heures du duc de Berry (1411–1416), fol. 10 v (via Wikimedia Commons). Autorenportrait: photo riccio.

1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-032775-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-032776-4

epub: ISBN 978-3-17-032777-1

Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2  1 Geschichtswissenschaft in Ost und West

3  2 Modernisierung und Aktualität

4  3 Kultur(en) in Bewegung

5  4 Handlungen und Zeichen

6  5 Kommunikation und Medien

7  6 Materialität

8  7 Emotionen

9  8 Konflikt und Ausgleich

10  9 Individuum und Gesellschaft

11  10 Adliges Leben

12  11 Mensch und Umwelt

13  12 Mensch und Tier

14  13 Neue Methoden

15  14 Rückblick und Ausblick

16  Register

Vorwort

Dieses Buch möchte inspirieren. Es soll anregen, neue Wege in der Mediävistik zu beschreiten, und wendet sich mit diesem Ansinnen nicht nur an die Lernenden, sondern auch an die Lehrenden. Im Wesentlichen beschreibt es die innovativen Forschungsansätze der letzten drei bis vier Jahrzehnte. Es ist dies die Zeit, in der der Mensch in den Mittelpunkt der historischen Betrachtung gestellt wurde, es ist die Zeit der Kultur- und Alltagsgeschichte, die Zeit des Bestrebens, alle Phänomene des Zeitraums von 500 bis 1500 zu erfassen. Dieser Ansatz führte rasch zu neuen Einblicken in die Welt des Mittelalters, sodass sich die Vorstellungen von dieser Epoche grundlegend wandeln konnten. Neues zu wagen und im internationalen und interdisziplinären Diskurs umzusetzen, hob die Mediävistik auf ein neues Niveau, obwohl doch die berühmt-berüchtigten Daten und Fakten die gleichen geblieben sind.

Es gehört zu den stehenden Sätzen nahezu aller für dieses Buch verwendeten Arbeiten, im Vorwort festzustellen, dass gerade in den letzten Jahren überaus viel zum jeweiligen Thema erschienen ist. Meist erfolgt dies unter Verwendung des Begriffs Konjunktur, mitunter auch turn. Für dieses Buch stellte sich die gar nicht so leichte Aufgabe, einen Weg durch diese vielfältige Literatur zu weisen. Ich konnte mit diesem Ansinnen kaum alles in den letzten 30 bis 40 Jahren Geschriebene berücksichtigen und bitte um Verständnis, wenn sich jemand unberücksichtigt fühlt. Ältere Ansätze, insbesondere aus den 1970er Jahren, die noch unter anderen Aspekten entstanden sind, konnten nicht ausreichend einbezogen werden. Zugleich musste ein Endpunkt gesetzt werden, so sind Publikationen bis 2020 berücksichtigt. In diesem Sinne ist dieser Überblick eine Momentaufnahme, die in der Hoffnung angefertigt wurde, dass die fruchtbringende Entwicklung der letzten Jahrzehnte weiter geführt wird. Zudem war es mir wichtig, die Pluralität der Forschungsansätze zu respektieren. Die Mediävistik, wie sie sich heute darstellt, ist keineswegs aus einem Guss, mitunter widersprechen sich die Ansätze sogar! Über den aktuellen Zustand der mittelalterlichen Geschichtsforschung sollte ebenfalls kein falscher Eindruck entstehen: Selbstverständlich werden immer noch traditionelle Themen im Sinne einer Politik- bzw. Landesgeschichte betrieben – oft genug von denselben Personen. Und ich möchte außerdem betonen, dass gerade eine innovative mittelalterliche Geschichtswissenschaft ohne die entsprechenden fachlichen Grundlagen in Form von Latein und historischen Hilfswissenschaften nicht betrieben werden kann.

Dieses Buch ist selbstverständlich auch mit meiner eigenen Biographie verknüpft. Schon als Student in den 1990er Jahren kam ich intensiv mit Kulturgeschichte und historischer Anthropologie in Kontakt. Zu verdanken habe ich den Einstieg in die Thematik meinen späteren Doktorvätern Günther Hödl und Johannes Grabmayer. Diesen beiden Lehrern gilt daher mein besonderer Dank! Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei Günther Bernhard, der mir immer wieder bereitwillig Zugang zu den Grazer Geschichte-Bibliotheken gewährt hat, insbesondere zu seiner hilfswissenschaftlichen Bibliothek.

In diesem Sinne möchte ich Sie einladen, mit mir einen Rundgang durch verschiedene neue Aspekte der Mediävistik zu unternehmen. Lassen Sie sich kurz an die Hand nehmen, damit Sie danach eigene Wege beschreiten können!

Christian Domenig

St. Gilgentag 2021

DETEGE IGNOTUM

1 Geschichtswissenschaft in Ost und West

Die Geschichtswissenschaft – und mit ihr die Mediävistik – hat im 20. Jahrhundert große Umbrüche erfahren. Als das Jahrhundert begann, stand noch der Historismus im Mittelpunkt. Er führte bereits im 19. Jahrhundert zu einer Professionalisierung und Institutionalisierung des Faches. Aus Geschichtsschreibung wurde Geschichtsforschung. Die Geschichtswissenschaft wurde zu einer Leitwissenschaft über den deutschen Sprachraum hinaus. Themen der mittelalterlichen Geschichte im Rahmen des Historismus waren vor allem Reich und Nation sowie Kirche und Staat. Dieser Blickwinkel spiegelt durchaus die Geschichte des 19. Jahrhunderts wider. Im Fokus der Forschung standen besonders Quellen, die nach historisch-kritischer Methode aufbereitet wurden. Diese Forschungstraditionen ließen sich überaus leicht in die nationalsozialistische Ideologie transferieren. Deutsche Historiker haben fast mühelos die Auffassungen des nationalsozialistischen Geschichtsbilds übernehmen können, »die einen mehr in völkischer oder gar rassistischer Richtung, die anderen mehr in der Erhebung reiner Machtpolitik zum höchsten Beurteilungsmaßstab und im Traum vom ›Reich der Deutschen‹, das über andere Völker zu herrschen berufen sei.«1

Nach den Zweiten Weltkrieg blieb es beim Festhalten am Konzept der »›Nation‹ als Movens historischer Prozesse, deren Gang durch die Geschichte nun zwar nicht mehr als Heldenepos, wohl aber als Tragödie weitererzählt werden konnte.«2

War der Historismus die Geschichtswissenschaft der Moderne, so kann die Wirtschafts- und Sozialgeschichte als jene der Postmoderne verstanden werden. Bei diesen Forschungsansätzen ist es nicht einfach, den Übergang vom einen zum anderen genau zu definieren. In der deutschen Mediävistik ist das Jahr 1945 allerdings keinesfalls als Stunde Null zu sehen. Das kommt auch daher, dass das Mittelalter mehr als lange vor der Zeit des Nationalsozialismus als Tiefpunkt deutscher Geschichte liegt. »Bei der Suche nach Ursachen für die Katastrophe war das deutsche Mittelalter kaum gefragt.«3 Die Entnazifizierung blieb im Westen oberflächlich, eine Rückkehr emigrierter Professoren fand kaum statt, durchgreifende Reformen der Universitäten wurden nicht vorgenommen.

Im kommunistischen Osten hingegen wurde die Geschichtswissenschaft ab den 1950er Jahren in den Dienst des politischen Systems gestellt. Rasch kam es zu einem Generationenwechsel, denn die alten Fachkräfte traten bald ab und eine mittlere Generation fehlte aufgrund des Krieges. Außerdem setzten sich viele Wissenschaftler in den Westen ab. Die nun nachrückenden jungen waren systemtreu.4 Sie stellten sich in den Dienst Stalins, der schon 1928 zum Sturm auf die Festung Wissenschaft aufgerufen hatte: »Diese Festung müssen wir um jeden Preis nehmen. Diese Festung muß die Jugend nehmen, wenn sie der Erbauer eines neuen Lebens sein, wenn sie zu einem wirklichen Nachwuchs der alten Garde werden will.«5 Verbunden mit einer massiven Aufstockung der Stellen entstanden geschichtswissenschaftliche Kader. Es zählte nicht die individuelle Forschungsleistung, sondern eine kontrollierte Mannschaftsbildung in Schwerpunktbereichen. Die Geschichtswissenschaft wurde den Staats- und Parteiinteressen untergeordnet, sie galt offiziell als »eine scharfe ideologische Waffe bei der Erfüllung der vom IV. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gestellten Aufgaben bei der Erziehung der Arbeiterklasse und aller Werktätigen im Geiste des Patriotismus und des proletarischen Internationalismus.«6 Der Beschluss half wesentlich »mit, einer von der SED abhängigen und ihr bis zuletzt treu ergebenen Geschichtswissenschaft den Weg zu bereiten.«7 Nun herrschte die Lehre des Historischen Materialismus mit festgelegten Gesetzmäßigkeiten und strikter Parteilichkeit. Keiner anderen Wissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik wurden derartige ideologische Vorgaben gemacht, nicht zuletzt von Walter Ulbricht persönlich. Unbedingt zu verifizieren waren die Aussagen von Karl Marx, Friedrich Engels, Lenin und anfangs Stalin.8 Vorbilder aus der Geschichtswissenschaft waren keine vorhanden, deshalb »haben die jungen Mediävisten der SBZ/DDR die Lehren der ›Klassiker‹ selbst für ihre Forschungszwecke adaptiert.«9 Während der Kontakt zum Westen zusehends abgebrochen wurde, entwickelte sich ein reger Austausch mit den sozialistischen Bruderstaaten.10 Die Geschichtswissenschaft in der Sowjetunion galt gemeinhin als Vorbild.

Innerhalb des Faches Geschichte war das Mittelalter in der DDR von nachrangiger Bedeutung. Es wurde dabei zur Zeit des Feudalismus,11 die teilweise bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts ausgeweitet wurde, und stellte ein Experimentierfeld für die neue Geschichtsinterpretation dar.12 Daneben waren Stadtgeschichtsforschung, Deutsche Ostexpansion und Geschichte der Westslawen sowie religiöse Bewegungen und Häresien Schwerpunkte der DDR-Mediävistik.13 Staatssekretär Wilhelm Girnus brachte es bereits 1958 im Rahmen der 3. Hochschulkonferenz der SED unter dem Titel »Perspektiven der Germanistik« auf den Punkt: »In der Deutschen Demokratischen Republik hat das Mittelalter endgültig ausgespielt, und die Weltanschauung unseres Jahrhunderts ist der dialektische Materialismus.« Die seit der Romantik übliche Überbetonung des Mittelalters gleich in mehreren Fächern an Universitäten müsse ein Ende haben: »Die religiös-klerikale Gedanken- und Gefühlswelt des Mittelalters vollends gehören ins Museum wie Kettenpanzer und Lanze.«14

Die Entwicklung der Geschichtswissenschaft im Westen, wo man im Prinzip davon ausging, dass das Hochschulsystem im Wesentlichen gut aufgestellt sei und nach dem Vorbild der Humboldt’schen Universitätsidee auch wiederhergestellt werden sollte,15 wurde befördert von einem massiven Ausbau der Universitätslandschaft in den 1960er und 70er Jahren. In keinem Zeitabschnitt zuvor stieg die Zahl der Universitäten so stark an. Diese Erweiterung hatte ihren Hintergrund zum einen Teil in einer heftig geführten bildungspolitischen Diskussion, die Bildung als wirtschaftlichen Standortfaktor begriff und rasch von der Politik absorbiert wurde, und zum anderen Teil mit der größeren Nachfrage nach Studienplätzen der geburtenstarken Nachkriegsgeneration. Dem wurde aber weniger durch Einrichtung klassischer Universitäten Rechnung getragen, sondern durch Regional- und Spezialhochschulen, die sich auf Schwerpunkte konzentrierten. Das kam vielen lokalen politischen und wirtschaftlichen Interessen entgegen, zumal in der Bundesrepublik Deutschland die Universitäten unter die Kulturhoheit der Bundesländer fallen. Die volle personelle Einrichtung dieser Reformuniversitäten zog sich oft über Jahre hin, nicht alle Fächer waren vertreten, die Zusammensetzung der Fakultäten war mitunter experimentell. So ergab sich der Zwang, kreativ zu kooperieren und interdisziplinär zu arbeiten. Gerade diese neuen Hochschulen wurden zu Innovationszentren in Forschung und Lehre, während sich die alten Universitäten ihrer Tradition verpflichtet fühlten.

Gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in der BRD 16 Universitäten und in der DDR sechs, so waren es kurz vor der Wende 1989 in der BRD 244 Hochschulen und 54 in der DDR. Nach der Wiedervereinigung erfolgte ein Konzentrationsprozess. In Österreich vermehrte sich die Zahl von drei Universitäten bis Anfang der 1990er Jahre auf zwölf. Danach kamen ab 1994 noch Fachhochschulen und seit 2007 neun Pädagogische Hochschulen hinzu. Nur in der Schweiz blieb die Anzahl der kantonalen Universitäten fast gleich.

Inhaltlich geschah im Gesamtfach nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Hinwendung zur Zeitgeschichte eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Vorgeschichte. Bedeutend im Kalten Krieg war der Ausbau des Faches osteuropäische Geschichte. Damit einher ging eine Abkehr von der nationalen und europäischen Geschichtssicht. Allerdings gehörte der Osten schon zu den favorisierten Forschungsthemen des Dritten Reiches. Das Aufkommen der Strukturgeschichte förderte die Abspaltung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte vom klassischen Fach. Gerade an den neu eingerichteten Universitäten konnten diese Felder prosperieren. »Der deutlichste Wandel spiegelt sich in den unsicher und vorsichtig gewordenen Einstellungen gegenüber der Nation und damit der Nationalgeschichte wie auch in der Haltung gegenüber der Bonner Republik und der Demokratie wider.«16 Hier wird die größte Veränderung zur Zwischenkriegszeit deutlich: »Tatsächlich ist unbestreitbar, daß die deutschen Historiker nach 1945 die demokratische Neuordnung in jener Geschlossenheit begrüßt haben, in der sie sie nach 1918/19 angegriffen haben.«17

Im Bereich der mittelalterlichen Geschichte änderte sich an der historistischen Ausrichtung bis zum Beginn der 1960er Jahre noch nichts Wesentliches. Das hängt mit einem Grundprinzip seit dem 19. Jahrhundert zusammen, das nun vollends zum Tragen kam.

»Die traditionelle deutsche Auffassung von Geschichtswissenschaft, die üblicherweise mit dem Begriff Historismus umschrieben wird, hat sich unter den deutschen Historikern nicht oder zumindest nicht kraft ihrer überlegenen wissenschaftlichen Qualität und schon gar nicht aufgrund ihrer angeblichen politischen Funktion durchgesetzt, sondern vornehmlich deshalb, weil ihre Begründer es verstanden, eine treue Gefolgschaft heranzuziehen und fortlaufend mit den wichtigsten Positionen des Faches zu betrauen, so daß Außenseiter von vornherein ausgeschlossen wurden oder isoliert blieben.«18

Die Rolle der Mediävistik im Nationalsozialismus ist auch deshalb bis heute nicht ausreichend reflektiert. Es gab eine starke personelle Kontinuität, die meist mit fachlicher Kompetenz begründet wurde. Auffallend an den verschiedenen Nachkriegsbiographien ist aber, dass die Netzwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus weiter einwandfrei funktioniert zu haben scheinen.

Oft wird zur Erklärung des Zustands ein Generationenkonzept der um 1900 Geborenen bemüht. Dabei geht es um die Erinnerungsgemeinschaft der Weltkriegsteilnehmer und der Kriegsjugendgeneration, die direkt oder indirekt ein Fronterlebnis hatten.19 Schon in der Zwischenkriegszeit lehnten viele Mediävisten die Republik ab und blieben Monarchisten, unter denen der Deutschnationalismus weit verbreitet war. So begrüßten viele bedeutende österreichische Historiker den ›Anschluss‹ von 1938 als Erfüllung des deutschen Nationalstaates. Insgesamt blieben selbst später führende Mediävisten dem Nationalsozialismus bis zum Schluss treu ergeben, einige wurden im Rahmen der Aktion Sonderelbe Wissenschaft ab 1943 sogar vom Wehrdienst befreit.20 Bei dieser Aktion ging es um die Erhaltung des geisteswissenschaftlichen Nachwuchses für die ungewisse Zeit nach dem Krieg, denn für Vertreter der weniger kriegswichtigen Fächer war es ansonsten schwer, unabkömmlich gestellt zu werden.21 Insgesamt acht Professoren aus der Alten, Mittleren und Neuen Geschichte wurde dieses Privileg zuteil.22 Viele prägten den Wissenschaftsbetrieb noch lange mit, bis sie am Ende der 1960er Jahre heftig kritisiert wurden.23

Ein wesentlicher Einschnitt erfolgte erst im Zuge der Studentenbewegung von 1968, als an den Universitäten die Ordinarienstruktur, mangelnde Demokratie und fehlende Selbstreflexion kritisiert wurden. Die marxistische Ideologiekritik wurde im Westen als universitärer »Seminar-Marxismus«24 beliebt, der Imperativ der Emanzipation führte zur Aufgabe traditioneller Bezugspunkte und zur Etablierung eines bis dahin nicht bekannten Pluralismus. Nun wurde der traditionellen Geschichtswissenschaft zusehends eine Historische Sozialwissenschaft entgegen gesetzt.

Die Historische Sozialwissenschaft wurde in Deutschland auch als Bielefelder Schule bekannt, denn an dieser 1969 gegründeten Universität wirkten die Hauptprotagonisten Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka. Die von ihnen propagierte Gesellschaftsgeschichte lehnte sich stark an Theorie und Methoden der Soziologie, Ökonomie und Psychoanalyse an. Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass »die herkömmliche Bestimmung der Geschichte als Geisteswissenschaft in engster Anlehnung an die Philologie nicht mehr genügt.«25 Mit der Verwendung sozialwissenschaftlicher Analysemethoden war es nun möglich, Strukturen und Prozesse zu erforschen. Zum Erzählen eines historischen Ereignisses tritt das Erklären hinzu.

»Die der Sozialgeschichte eigene Darstellungsweise ist in der Regel nicht die Erzählung, sondern das explizite Problematisieren eines Themas, die begründende Darlegung der gewählten Ansätze und Methoden, das Insistieren auf den einzelnen Schritten der Analyse und Verifikation und die dem Anspruch nach selbstkritische Präsentation der Ergebnisse, die auf die Problematik des Ansatzes zurückverweist.«26

Die deutsche Historische Sozialwissenschaft ist nicht mit der französischen Schule der Annales oder der amerikanischen New Social History gleichzusetzen:

»In der Tradition der deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften definiert sie eine Gesellschaft viel stärker anhand ihrer Werte und Lebensanschauungen, dementsprechend muss eine Gesellschaftswissenschaft, wie sie sie versteht, hermeneutische mit analytischen Verfahrensweisen verbinden.«27

Eine neue Generation wollte, durchaus beeinflusst von der Frankfurter Schule, engagiert – aber nicht politisch instrumentalisiert – im Sinne einer politisch-gesellschaftlichen Pädagogik emanzipatorisch tätig sein. Allerdings fehlte diesem Ansatz die breite Öffentlichkeit, zusätzlich wurde in einigen deutschen Bundesländern das Unterrichtsfach Geschichte gekürzt. Die Wende hin zur Historischen Sozialwissenschaft brachte eine umfangreiche Theorie- und Methodenreflexion mit sich,28 sogar Fragen der elektronischen Datenverarbeitung in der Geschichtswissenschaft wurden bereits behandelt.29 Aus Krise und Herausforderung entstand ein neuer Aufbruch – zumindest für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, der die Historische Sozialforschung sich besonders zugewandt zeigte. Ihre Blütezeit lag vor allem in den 1970er und 1980er Jahren.

Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft ließ nicht lange auf sich warten. Immerhin blieb der Großteil des Faches Geschichte den alten Traditionen verhaftet, sogar die Wirtschafts- und Sozialgeschichte verharrte in alten Methoden und Ansätzen und beschäftigte sich weiterhin mit der Verfassung von Ökonomie und Gesellschaft. Neben der konservativen Kritik, die den marxistischen Hintergrund anprangerte, verfiel ein Grundparadigma der Moderne, das seit der Aufklärung die Geschichtserzählung dominiert hatte und auf dem vor allem die Historische Sozialwissenschaft aufbaute: Der Fortschritt, der mithilfe von Aufklärung und Humanität zur Freiheit, zur Emanzipation führen sollte, wurde zusehends hinterfragt und immer öfter sogar negiert. Mit den technischen und ökonomischen Entwicklungen sei ein Zeitalter der Gewissenlosigkeit angebrochen. »Die radikale Gegenwärtigkeit determiniert historische Forschungsprozesse.«30 Nunmehr wurde ins Treffen geführt, dass alles Menschliche nach bewussten und unbewussten Machtinteressen konstruiert sei – auch die Geschichte. Damit geriet zugleich jede Wahrheit und Objektivität ins Wanken, allgemeine Welterklärungsmodelle ließen sich nicht mehr aufstellen. Nur noch eine Hinwendung zum Subjektiven, Individuellen und Kleinräumigen sei möglich. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989 trug sein Übriges zum Ende des Fortschrittsdenkens bei. Zwar schien das generelle Streben der Menschen nach Freiheit vorerst bestätigt, aber offensichtlich war die marxistische Lehre vom Ablauf und Funktionieren der Weltgeschichte falsch. Nicht zuletzt konnte der Untergang des Kommunismus nicht prognostiziert werden: »Der Zusammenbruch des realen Sozialismus wurde methodisch zu einem ›schwarzen Freitag‹ der Sozialwissenschaften.«31

Zusammengefasst kann für die Ära des Kalten Krieges weniger von einem Abbrechen von Ansätzen als viel mehr von Ergänzungen und Neuerungen geredet werden. Die personelle Kontinuität verhinderte anfangs eine kritische Reflexion über die Zeit des ›tausendjährigen Reiches‹. Ein Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie auf die mittelalterliche Geschichtsforschung wurde kleingeredet bzw. als notwendiges Beiwerk entschuldigt. Erst seit der Jahrtausendwende, als der Generationenabstand groß genug war, setzte diesbezüglich ein kritischerer Umgang ein. Besonders zu bedenken ist, dass es nicht allein um eine nationalsozialistische Terminologie und Ideologie geht, sondern vor allem um die aufgegriffenen Forschungsthemen und die produzierten Forschungsergebnisse. Diese entsprachen durchaus dem Konzept von Blut und Boden, Volk und Führer. Als Aufbruch können hingegen die Universitätsgründungen in den 1960er und 70er Jahren gewertet werden. Diese bewusst nicht als Volluniversitäten eingerichteten Institutionen erwiesen sich durch ihren unkonventionellen Fächerkanon – obwohl anfangs belächelt – als Hort der Innovation. Interdisziplinarität und Internationalität fanden hier einen flexiblen Rahmen, der an den alten Universitäten nicht realisierbar war.

Leseempfehlungen

Hans-Ulrich Wehler, Geschichte als Historische Sozialwissenschaft. Frankfurt a. M. 1973.

Werner Conze, Die deutsche Geschichtswissenschaft seit 1945. Bedingungen und Ergebnisse. In: Historische Zeitschrift 225 (1977), S. 1–28.

Günther Heydemann, Geschichtswissenschaft im geteilten Deutschland. Entwicklungsgeschichte, Organisationsstruktur, Funktionen, Theorie- und Methodenprobleme in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR (Erlanger Historische Studien 6). Frankfurt a. M.-Bern-Ciencester 1980.

Winfried Schulze, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945 (Historische Zeitschrift Beihefte NF 10). München 1989.

Peter Segl, Mittelalterforschung in der Geschichtswissenschaft der DDR. In: Geschichtswissenschaft in der DDR. Bd. 2: Vor- und Frühgeschichte bis Neueste Geschichte. Hgg. Alexander Fischer, Günther Heydemann (Schriftenreihe der Gesellschaft für Deutschlandforschung 25/2). Berlin 1990, S. 99–148.

Georg G. Iggers, Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang. Göttingen 1993.

Christian Simon, Historiographie. Eine Einführung. Stuttgart 1996.

Hans-Werner Goetz, Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung. Darmstadt 1999.

Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. München 2003.

Anne Chr. Nagel, Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005.

Lothar Kolmer, Geschichtstheorien. Paderborn 2008.

1 Karl Ferdinand Werner, Das NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft. Stuttgart u. a. 1967, S. 96.

2 Klaus Große Kracht, Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945. Göttingen 22011, S. 39.

3 Klaus Schreiner, Wissenschaft von der Geschichte des Mittelalters nach 1945. Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Mittelalterforschung im geteilten Deutschland. In: Die sog. Geisteswissenschaften: Innenansichten. Hgg. Wolfgang Prinz, Peter Weingart. Frankfurt a. M. 1990, S. 75–104, hier S. 78.

4 Albrecht Timm, Das Fach Geschichte in Forschung und Lehre in der sowjetischen Besatzungszone seit 1945 (Bonner Berichte aus Mittel- und Ostdeutschland). Berlin 31961, S. 14.

5 Josef W. Stalin, Rede auf dem VIII. Kongreß des Leninschen Kommunistischen Jugendverbands der Sowjetunion, 16. Mai 1928. In: J. W. Stalin Werke 11. 1928–März 1929. Berlin 1954, S. 59–69, hier S. 68 f.

6 Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der Deutschen Demokratischen Republik. In: Dokumente der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Beschlüsse und Erklärungen des Zentralkomitees sowie seines Politbüros und seines Sekretariats. Bd. 5. Hg. Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Berlin 1956, S. 337–368, hier S. 337; auch in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 3 (1955), S. 507–526.

7 Horst Haun, Der Geschichtsbeschluß der SED 1955. Programmdokument für die »volle Durchsetzung des Marxismus-Leninismus« in der DDR-Geschichtswissenschaft. Dresden 1996, S. 49.

8 Die Verbesserung der Forschung und Lehre, S. 355 bzw. 520.

9 Michael Borgolte, Eine Generation marxistischer Mittelalterforschung in Deutschland. Erbe und Tradition aus der Sicht eines Neu-Humboldtianers. In: Mittelalterforschung nach der Wende 1989. Hg. Michael Borgolte (Historische Zeitschrift Beihefte NF 20). München 1995, S. 3–26, hier S. 8.

10 Werner Conze, Die deutsche Geschichtswissenschaft seit 1945. Bedingungen und Ergebnisse. In: Historische Zeitschrift 225 (1977), S. 1–28.

11 Grundlagen des Marxismus-Leninismus. Lehrbuch. Berlin 61963, S. 151–154.

12 Timm, Das Fach Geschichte, S. 35.

13 Peter Segl, Mittelalterforschung in der Geschichtswissenschaft der DDR. In: Geschichtswissenschaft in der DDR. Bd. II: Vor- und Frühgeschichte bis Neueste Geschichte. Hgg. Alexander Fischer, Günther Heydemann (Schriftenreihe der Gesellschaft für Deutschlandforschung 25/2). Berlin 1990, S. 99–148, hier S. 100.

14 Wilhelm Girnus, Perspektiven der Germanistik. In: Neues Deutschland, 18.1.1958, S. 4.

15 Barbara M. Kehm, Hochschulen in Deutschland. Entwicklung, Probleme und Perspektiven. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 25/2004, S. 6–17, hier S. 7.

16 Hans-Werner Goetz, Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung. Darmstadt 1999, S. 81.

17 Winfried Schulze, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945 (Historische Zeitschrift Beihefte NF 10). München 1989, S. 20.

18 Wolfgang Weber, Priester der Klio. Historisch-sozialwissenschaftliche Studien zur Herkunft und Karriere deutscher Historiker und zur Geschichte der Geschichtswissenschaft 1800–1970 (Europäische Hochschulschriften 3/216). Frankfurt a. M. u. a. 21987, S. 355.

19 Anne Chr. Nagel, Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005, S. 14.

20 Hans-Henning Kortüm, »Gut durch die Zeiten gekommen.« Otto Brunner und der Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66 (2018), S. 117–160, hier S. 140.

21 Jens Thiel, Nutzen und Grenzen des Generationenbegriffs für die Wissenschaftsgeschichte. Das Beispiel der »unabkömmlichen« Geisteswissenschaftler am Ende des Dritten Reiches. In: Verräumlichung – Vergleich – Generationalität. Dimensionen der Wissenschaftsgeschichte. Hgg. Matthias Middell u. a. Leipzig 2004, S. 111–132, hier S. 122.

22 Hans-Henning Kortüm, Otto Brunner über Otto den Großen. Aus den letzten Tagen der reichsdeutschen Mediävistik. In: Historische Zeitschrift 299 (2014), S. 297–333, hier S. 301.

23 Thiel, Nutzen und Grenzen des Generationenbegriffs, S. 131.

24 Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. München 2003, S. 221.

25 Hans-Ulrich Wehler, Geschichte als Historische Sozialwissenschaft. Frankfurt a. M. 1973, S. 7.

26 Christian Simon, Historiographie. Eine Einführung. Stuttgart 1996, S. 227.

27 Georg G. Iggers, Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang. Göttingen Neuausgabe 2007, S. 70.

28 Günther Heydemann, Geschichtswissenschaft im geteilten Deutschland. Entwicklungsgeschichte, Organisationsstruktur, Funktionen, Theorie- und Methodenprobleme in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR (Erlanger Historische Studien 6). Frankfurt a. M.-Bern-Cirencester 1980, S. 27 f.

29 Carl August Lückerath, Prolegomena zur elektronischen Datenverarbeitung im Bereich der Geschichtswissenschaft. In: Historische Zeitschrift 207 (1968), S. 265–296.

30 Lothar Kolmer, Geschichtstheorien. Paderborn 2008, S. 84.

31 Klaus von Beyme, Die vergleichende Politikwissenschaft und der Paradigmenwechsel in der politischen Theorie. In: Politische Vierteljahresschrift 31 (1990), S. 457–474, hier S. 472.

2 Modernisierung und Aktualität

Seit den 1960er Jahren ist es üblich geworden, Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften als turn (»Wende«) zu bezeichnen. Einige – wie der linguistic turn – waren überaus erfolgreich. Bei anderen turns konnte der Anspruch auf eine Wende nicht eingelöst werden. Der Begriff wurde ab den 1990er Jahren überstrapaziert und wirkt heute mitunter antiquiert. Der linguistic turn wurde geradezu zu einem Inbegriff für die postmoderne Wissenschaft. Als Grundparadigma »ist alle menschliche Erkenntnis durch Sprache strukturiert; Wirklichkeit jenseits von Sprache ist nicht existent oder zumindest unerreichbar.«1

Der linguistic turn in den Geschichtswissenschaften geht von einer prinzipiell einfachen Fragestellung aus, die Roland Barthes 1968 auf den Punkt brachte:

»Unterscheidet sich die Schilderung vergangenen Geschehens, die in unserer Kultur seit den Griechen gemeinhin der Billigung durch die ›Geschichtswissenschaft‹ unterworfen ist, unterscheidet sich also diese Schilderung durch irgendeinen spezifischen Zug, durch irgendeine unbezweifelbare Relevanz von der imaginären Erzählung, wie man sie im Epos, im Roman oder im Drama antreffen kann?«2

Damit wird der historische Diskurs in den Mittelpunkt gerückt. Das aus dem Lateinischen kommende Wort Diskurs ist ein zentraler Punkt im linguistic turn. Der in der Literaturtheorie schon lange vorher gebrauchte Begriff wird – aufgeladen mit den Theorien von Jürgen Habermas und Michel Foucault – in den Kontext von aufgezwungener Macht und konstruierter Wirklichkeit gesetzt. Der Mensch bewege sich in sprachlichen Strukturen, die über ihn bestimmen. Darüber sollte nun diskutiert werden. Es hat eine gewisse Ironie, dass Sprache als Machtinstrument besonders seit dem linguistic turn eingesetzt wird.

Die Frage, ob Geschichtsschreibung Literatur sei, ist allerdings schon alt. Das Literaturschaffen lebt seit jeher von der Vermischung von Fakten und Fiktion. Der seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert überaus geschätzte Rhetoriklehrer Marcus Fabius Quintilianus setzt die Geschichte in seinem Lehrbuch zur Redekunst zwar in die Nähe der Dichtkunst, allerdings habe die Geschichte die Aufgabe, für die Erinnerung zu erzählen und nicht zur Beweisführung vor Gericht beizutragen.3 Quintilian lebte in einer Zeit, als die Rhetorik stark in Verruf gekommen war, und stellte dem Niedergang ein idealisiertes Bildungskonzept entgegen.4 Auf ihn greift Leopold von Ranke bewusst zurück, wenn er definiert: »Die Historie unterscheidet sich dadurch von anderen Wissenschaften, daß sie zugleich Kunst ist.«5 Diese liege darin, das in der Forschung Erkannte gestaltend darzustellen.

Mit Johann Martin Chladenius zog bereits im 18. Jahrhundert die Frage des Standpunktes in historischen Berichten in den Diskurs ein: »Das, was in der Welt geschiehet, wird von verschiedenen Leuten auch auf verschiedene Art angesehen.«6 Er führte deshalb den Begriff Sehepunkt, der aus der Optik kommt, ein. Karl Popper, der sich in seinen Werken generell mit Wissenschaftstheorie auseinandersetzte, fasst zusammen:

»Es kann keine Geschichte der Vergangenheit geben, wie sie tatsächlich gewesen ist. Es kann nur historische Interpretationen geben, und von diesen ist keine endgültig; und jede Generation hat das Recht, sich ihre eigene Interpretation zu bilden.«7

Genau in dieser alten Frage setzte um 1980 im deutschen Sprachraum die Kritik an der Geschichtswissenschaft im Sinne des linguistic turn an. Bald wurde der Vorwurf in den Raum gestellt, dass sich Historiker ein Mal auf Kunst, das andere Mal auf Wissenschaft berufen, um so Kritik abzuschmettern. Hayden White, dessen Werke für viel Diskussion in der Geschichtswissenschaft sorgten, sprach in diesem Zusammenhang sogar von der »Unredlichkeit des Historikers.« Diese sei auch darin begründet, dass es sich bei Geschichte um »vielleicht die konservative Disziplin par excellence« handle. Historiker pflegen »eine Art bewußter methodischer Naivität«, die »zu einem Widerstand der gesamten Zunft gegen fast jede Art von kritischer Selbstanalyse geführt hat.«8

Historisches Darstellen baut laut Hayden White zuerst auf die Anordnung der Ereignisse in Form einer Chronik auf, die im Sinne eines Schauspiels zu einer Fabel mit Anfang, Mitte und Schluss umgestaltet wird.9 In weiterer Folge ergeben sich wie in der Literatur vier Grundformen der Darstellung: Romanze, Tragödie, Komödie und Satire.10 Dabei sind wiederum vier Schlussfolgerungen möglich, die formativistische, organizistische, mechanische und kontextualistische Erklärung der Ereignisse.11 Abschließend wird alles noch mit ideologischen Dimensionen aufgeladen, sie sind die »standortabhängigen Annahmen des Historikers über das Wesen historischer Erkenntnis und die Schlüsse, die sich aus der Analyse vergangener Ereignisse für das Verständnis gegenwärtiger ziehen lassen.«12 Dafür kommen nochmals vier Grundpositionen in Frage: Anarchismus, Konservativismus, Radikalismus und Liberalismus.13

Hayden White wählt für seine Ausführungen die literarische Form des Essays und entzieht sie so einer wissenschaftlichen Überprüfbarkeit. Es fällt auf, dass die Diskussion von beiden Seiten mit starker Polemik und überzeichneten Vergleichen geführt wird. Oft genug wird aneinander vorbei kommuniziert. Viel Geschriebenes ist einer akademischen Diskussion unwürdig – si tacuisses!

Der Ansatz, Geschichte als Literaturgattung zu verstehen, führte gerade anfangs zu heftigem Widerspruch. Im Prinzip benötigen alle Wissenschaften Sprache, um sich mitzuteilen. »Die Historiker und Historikerinnen verstehen sich als Wissenschaftler und nicht als Literaten und ihr Tun als Wissenschaft und nicht als Kunst,«14 gab Jörn Rüsen zu bedenken. Gerade er ist ein Beispiel dafür, was die Debatte schlussendlich auslöste. Da die Wissenschaftlichkeit der Geschichtsforschung auch schon durch die Diskussion um die Historische Sozialforschung in Zweifel kam, wurde der Theorie der Geschichtswissenschaft mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Jörn Rüsen veröffentlichte dazu in den 1980er Jahren in mehreren Bänden seine Grundzüge einer Historik.15 Im Jahr 2013 folgte eine Neubearbeitung, »denn die Kontexte der achtziger Jahre und diejenigen der Gegenwart, in denen geschichtstheoretische Überlegungen zeitabhängig erfolgen, unterscheiden sich erheblich.«16 In diesen Werken werden nicht mehr nur die klassischen Methoden, die sich zum Beispiel mit Quellenkritik beschäftigen, sondern vor allem der persönliche Zugang und die Aufbereitung und Vermittlung von Geschichte reflektiert. Diese umfassende Theorie der Geschichte fand in die universitäre Lehre Eingang und prägte so eine neue Generation mit. Sabine Todt gibt zu bedenken, der linguistic turn sei »eine wichtige Anregung, die für die historische Arbeit so bedeutsamen Begriffe wie Verstehen, Erklären und Sinn anders als bisher zu betrachten und zu funktionalisieren.«17 Schlussendlich wird die Rolle der Fachleute neu gesehen:

»Geschichte ist das, was die Historiker sagen, und nicht das, wovon sie reden. Geschichte ist die Erklärung, nicht das zu Erklärende. Historiker sprechen nicht über Geschichte und erzählen sie nicht nach; sie machen Geschichte; sie machen Geschichte.«18

Umgekehrt gab es eine Rückwirkung auf die Sprachwissenschaft: »Der linguistic turn der Geschichte erinnert also die Linguistik an die historische Dimension der Sprache und generiert damit Beiträge zu einem wünschenswerten historical turn in der Linguistik.«19 Damit wurde nun die Historizität der Sprache wieder bewusst. Diesbezüglich ist der linguistic turn ebenfalls historisch einzuordnen: Ein Zeitalter der Massenkommunikation, wie es das 20. Jahrhundert mit allen Höhen und Tiefen war, brachte notwendigerweise eine stärkere Beschäftigung mit Sprache mit sich.

Der linguistic turn wirkte aber auch in eine andere Richtung. Sprache wurde zu einem wichtigen Element des Machtdiskurses, sie schafft erst Realitäten. »Wirklichkeit ist nie an sich erfahrbar, sondern immer nur für uns.«20 Erst die Diskurse, die in kulturellen Kontexten ablaufen und Auseinandersetzungen dokumentieren, schaffen Realität und damit Macht. Allerdings, so das Argument, verlaufe damit das gesamte Denken in sprachlicher Form, es gibt schlussendlich nur noch Texte. Ernst Hanisch fasst zusammen: »Jede Differenz zwischen Text und Kontext ist sinnlos; es gibt keine Realität außerhalb des Textes. Der Text schluckt den Kontext. Text antwortet auf Text in einer endlosen Spirale.«21 Allerdings findet er durchaus positive Aspekte der Diskussion: Texte müssten genauer gelesen werden, es setze ein Nachdenken über Funktion und Grenzen von Sprache ein und schließlich gäbe es damit Möglichkeiten neuer Darstellungen der Geschichte.22 Ein großes Potenzial eines linguistischen Ansatzes liegt zweifellos in einer weiteren Dimension der Quellenanalyse. So stehen gerade mittelalterliche Chroniken in einem bewussten – auch sprachlichen – Kontext mit Vorgängerwerken.

Wenig Aufsehen erregte hingegen das Ausklingen des linguistic turn, zumal dieser gerade in der Geschichtswissenschaft einen schweren Stand hatte. Gabrielle M. Spiegel konstatierte 2005 ein wachsendes Gefühl der Unzufriedenheit gegenüber dem linguistic turn, vor allem verursacht durch die starke Betonung der Sprache gegenüber allen Bereichen menschlichen Handelns. Die semiotische Herausforderung sei ausgesprochen und aufgenommen worden, unterliege aktuell aber einem Wandlungsprozess – allerdings nur bei jenen, die die Prämisse der linguistischen Konstruktion der Welt weiterhin akzeptieren.23 Die Etablierung neuer Blickwinkel führte aber »tendenziell weg von der Sprach- und Textlastigkeit der Kulturanalyse, weg von der Vorherrschaft der Repräsentation, der bloßen Selbstreferenzialität und der ›Grammatik‹ des Verhaltens.«24 Es öffnen sich neue Horizonte, eine Vielzahl von Kulturgeschichten ist möglich, die auch die textbasierte Ebene verlassen und auf Visualität, Körperlichkeit und Materialität eingehen können.

Der ab den 1970er Jahren forcierte cultural turn beansprucht für sich, ebenfalls eine große Wende in den Geisteswissenschaften zu sein. Neben der Sprache wird die Kultur allgemein als etwas identifiziert, das den einzelnen Menschen grundlegend prägt. Die Betrachtung individueller Lebensschicksale im kulturellen Kontext löste die Konstruktion abstrakter Strukturanalysen ab, damit verlor die lange vorherrschende nationalstaatliche Politik- und Verfassungsgeschichte endgültig an Bedeutung. Die Neue Kulturgeschichte wollte an die ältere Kulturgeschichte seit der Aufklärung nicht anknüpfen. Letztere stand anfangs im Nahbereich der Universalgeschichte, später mehr der speziellen Sittengeschichte.25 Zweck dieser populären Sachbücher war eher Belehrung und Unterhaltung als die Vermittlung von Wissenschaft. Diese traditionelle deutsche Kulturgeschichte wurde mitunter als ein wirres Kuriositätenkabinett verstanden. Nur zwei Bücher dieser frühen Phase wurden in den akademischen Kanon aufgenommen und erleben bis heute regelmäßige Neuauflagen: Jacob Burckhardts Kultur der Renaissance in Italien26 und Johan Huizingas Herbst des Mittelalters.27

Bei der Neuen Kulturgeschichte im Sinne einer Alltagsgeschichte steht nun die Mikrohistorie im Vordergrund. Ziel ist es, eine Geschichte von unten zu schreiben, eine Geschichte der einfachen Menschen, eine Geschichte von Mann und Frau, eine Geschichte von Randgruppen und unteren Klassen. Enge und Tiefe dieser kulturellen Rahmenbedingungen sollten erforscht werden. Dabei wird der Begriff Kultur überaus weit gefasst und nicht mehr nur als Hochkultur der Eliten verstanden. Eine einheitliche Kultur ist in diesem Konzept ebenfalls unmöglich, vielmehr geht es um die Gleichwertigkeit von verschiedenen Kulturen.

Ein wesentlicher Zweig ist die Darstellung kultureller Unterdrückung. So wird diese neue Kulturgeschichte vor allem in jenen Ländern, die Ziele der europäischen Expansion der Neuzeit waren, besonders intensiv betrieben. Damit erfüllt sie eine emanzipatorische Funktion, denn die Unterdrückungsmechanismen durch Kultur sollen ausfindig gemacht und beseitigt werden.

»Bei aller Nähe dieser Ideen zum Marxismus blieb vom marxistischen Gedankengut nicht sein Anspruch auf eine Erklärung der Gesellschaft und der Geschichte erhalten, sondern vielmehr seine Kritik an der Rolle des Kapitalismus als inländische wie international wirksame Kraft zur Aufrechterhaltung und Ausweitung sozialer Ungerechtigkeit in Teilen der Welt, die gerade erst der Kontrolle der Kolonialmächte entkommen war.«28

Aber selbst in Europa lässt sich dieses Konzept anwenden, wenn Fragen des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie, Hauptstadt und Provinz gestellt werden.

Da nun die Mikro- anstatt der Makrogeschichte im Vordergrund stand und damit ein Perspektivenwechsel vom Kollektiv hin zum Individuum erfolgte, ergab sich ein erster Konflikt mit der noch relativ jungen Historischen Sozialwissenschaft. In den Werken Hans-Ulrich Wehlers zum Beispiel, so lautete eine Kritik, »verschwinden die Menschen hinter den Strukturen, und Kultur wird ausschließlich in ihren organisierten Formen wie Kirchen, Schulwesen, Universitäten und dem Vereinsleben behandelt. Die Formen des täglichen Lebens werden kaum untersucht; als Aspekte der Frauenfrage werden lediglich Eherecht, Frauenarbeit und Frauenbewegung kurz erwähnt.«29 Allgemeiner gehalten kam es zu Kritik am Strukturfunktionalismus der Sozialwissenschaften: »Die Subjekte selbst erschienen in dieser Sicht – wenn überhaupt – nur als ausführende Positionsinhaber und Rollenträger, als Marionetten der Strukturen.«30 Mit der Vernachlässigung des Spielraums der handelnden Personen sei der grundsätzliche Imperativ von Aufklärung und Emanzipation völlig vernachlässigt worden. Der Konflikt wurde allerdings zivilisierter ausgetragen als beim linguistic turn. Rasch bezog auch die Sozialwissenschaft die Lebenswelt der Menschen mit ein, vor allem jene der Unterprivilegierten.

Der cultural turn bzw. die Neue Kulturgeschichte kann als erste internationale Strömung in der Geschichtswissenschaft angesehen werden. Das betrifft den Entstehungsprozess des Ansatzes genauso wie die daraus hervorgebrachten Weiterentwicklungen. Da der deutsche Historismus mit seinem Primat der politischen Geschichte alle anderen Fragestellungen verdrängte, konnte eine Überwindung dieses Ansatzes nur außerhalb des deutschen Sprachraumes geschehen, zumal die akademische Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts durch den Streit um das Werk Karl Lamprechts diskreditiert war. Dieser wollte eine Gesetzesförmigkeit von Kultur beweisen und wandte sich gegen die herrschende teleologische Betrachtung der Geschichte: »Die evolutionistische Geschichtsschreibung dagegen ist eben durch möglichst weitgehende kausale Auffassung des Geschehens charakterisiert.«31

In den Vereinigten Staaten und Frankreich hingegen wurden die Impulse Karl Lamprechts durchaus aufgenommen. Vor allem um die 1929 von Lucien Febvre und Marc Bloch begründete Zeitschrift Annales d’histoire economique et sociale entstanden innovative interdisziplinäre Ansätze. Diese Schule der Annales wollte neue, konträre Wege beschreiten und moderne Wissenschaften wie Soziologie und Psychologie in die Geschichtswissenschaft integrieren. Dabei ging es um das Gesamtkonzept einer Wissenschaft vom Menschen.32 Scharf wandte sich Lucien Febvre gegen »eine Vergottung der Gegenwart mit Hilfe der Vergangenheit«,33 die gegenwärtige Konflikte zurückprojiziert. Außerdem verfolgte er einen geradezu radikalen Ansatz in der Kritik der bisherigen Geschichtswissenschaft: »Sie band die Geschichte an die Schrift – und das zu einer Zeit, da die seltsam treffend genannte Vorgeschichte eben daran ging, ohne Text das längste Kapitel der Menschheitsgeschichte zu schreiben.«34 Lucien Febvre wollte nichts anderes, als die Menschen in der Geschichte wiederfinden, was nur mit einem interdisziplinären Ansatz möglich sei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich die Schule der Annales – nun gehörte ihr der Großteil der französischen Historiker an – der Erforschung von Strukturen zu. Doch anders als in der Historischen Sozialforschung wurden diese zum Beispiel als soziales Klima und tiefsitzende Mentalität interpretiert, als ökonomische Grundstrukturen und agrarische Produktion in klimatischen Rahmenbedingungen, als Einstellung zu Sexualität, Kindheit und Tod. Während die Welt des Historismus von der Dynamik der Ereignisse geprägt ist, »sucht die Annales-Schule das Wesen der Geschichte in einer fast statischen Tiefe der Zeit, in der Dauer und Langsamkeit von Wandel, in zyklischen Bewegungen, und sie gibt diesen Wesen sprachlich Ausdruck mit Metaphern des Meeres und seiner bewegten Ruhe.«35

In den 1990er Jahren hatte die Beschäftigung mit der Neuen Kulturgeschichte Hochkonjunktur. In zahlreichen Publikationen wurden Möglichkeiten ausgelotet, Konzepte entwickelt und Thesen aufgestellt. Nahezu keine Zeitschrift oder Tagungsreihe konnte diesen neuen Ansatz ignorieren. Im Gegensatz zum linguistic turn und der Historischen Sozialforschung kam es nur zu geringem Widerstand. Die neue Toleranz, praktisch alles unter Kultur zu subsumieren, die Individualität und Unvergleichbarkeit der Erkenntnisse sowie die geringe theoretische Ausformulierung führten zwar zu einer allgemeinen Akzeptanz der Neuen Kulturgeschichte, aber auch zu einer neuen Beliebigkeit. Statt eines geschlossenen Überblicks entstanden Impressionen. Vor allem aber gelang dieser Paradigmenwechsel dadurch, dass die Neue Kulturgeschichte aufgrund ihrer Offenheit auf alle Regionen der Erde und auf alle Zeiträume angewendet werden konnte. Sie passte in eine Welt, deren ideologische Teilung durch die Revolution von 1989 überwunden wurde und die eine neue Ära der Liberalität erwartete. Durch die geforderte Interdisziplinarität entstand sogar ein neuer gemeinsamer Fächerbegriff in Form der bewusst im Plural gehaltenen Kulturwissenschaften. Diese sehen Kultur als »Inbegriff aller menschlichen Arbeit und Lebensformen, einschließlich naturwissenschaftlicher Entwicklungen. Ihr Gegenstand, der insofern auch die Naturwissenschaften einschließt, ist demnach die kulturelle Form der Welt.«36 Der Begriff Humanwissenschaften, der sich an den englischen Terminus humanities anlehnt, konnte sich im deutschen Sprachraum hingegen nicht durchsetzen.

Trotz aller Kultur war es notwendig, auch den einfachen menschlichen Faktor ausreichend zu berücksichtigen. Hier half die Historische Anthropologie weiter. Dieses Fach hat mit der klassischen Anthropologie als Naturwissenschaft wenig gemein. Diese betrachtet den Menschen als rein biologisches Wesen, weshalb sie manchmal mit der früher üblichen Praxis der Schädelvermessung gleichgesetzt wird. Die Historische Anthropologie ist in ihrer theoretischen Ausformung ausgeprägter als die Neue Kulturgeschichte und überwindet damit ein großes Defizit. Sie rezipiert viele geschichtswissenschaftliche Überlegungen des 20. Jahrhunderts und hat »die elementaren Situationen und Grunderfahrungen der Menschen zum Thema.«37 So definiert dann Richard van Dülmen: »Die Historische Anthropologie stellt den konkreten Menschen mit seinem Handeln und Denken, Fühlen und Leiden in den Mittelpunkt der historischen Analyse.«38 Im Zentrum steht das Individuum, ohne dass – wie im 19. Jahrhundert – das Heldentum einzelner großer Männer betont werden sollte. Abgelehnt werden zudem Strukturen und Prozesse, in denen die Menschen zu Marionetten degradiert werden. Vielmehr stellt die Historische Anthropologie »den Menschen in seiner Besonderheit, in seiner Komplexität und Abhängigkeit von Natur, Gesellschaft und kultureller Tradition in den Mittelpunkt. Die Geschichte wird als von Menschen gemachtes Werk betrachtet, wie umgekehrt der Mensch als durch die Geschichte geprägtes Wesen definiert wird.«39 Deshalb gilt es, die Handlungsräume auszuloten, genauso wie die Widersprüche von Handlungen zu erklären, vor allem wenn sie emotional beeinflusst sind. Damit wird situatives Handeln zu einem zentralen Forschungsgebiet und nicht ein logisch-rationales oder teleologisches Agieren. Der Mensch ist also weder zoon politikon noch homo oeconomicus, womit zugleich seine Idealisierung passé ist.

Im Jahre 1993 bekam die Historische Anthropologie mit einer gleichnamigen Zeitschrift ihr Forum, das »die Vielfalt und Widersprüchlichkeit, mit der die Menschen sich Welt aneignen,« aufgreifen möchte. »Befindlichkeiten und Einstellungen, Interpretationen und Imaginationen, Verhaltens- und Handlungsweisen sollen in ihrem historisch-sozialen Zusammenhängen untersucht und darstellt werden«, versprachen die Herausgebenden. Zugleich wird ein Kulturbegriff definiert: »›Kultur‹ gilt nicht als Kennzeichen eines bestimmten Sektors, sondern als Medium historischer Lebenspraxis und Auseinandersetzung insgesamt.«40 Im Umkreis der Zeitschrift entwickelte Gert Dressel eine Einführung in die Historische Anthropologie, in der er zum Schluss kommt:

»Historische Anthropologie bedeutet also auch, über den Rand der Wissenschaften hinauszuschauen. Nur so kann erklärt werden, warum denn Themen und Zugänge, die vor einigen Jahren – wenn überhaupt – noch an der wissenschaftlichen Peripherie gestanden sind, nun ins Zentrum vieler Sozial- und Geisteswissenschaften gerückt sind.«41

Johannes Fried verband schließlich die Neue Kulturgeschichte mit der Historischen Anthropologie:

»Der Gegenstand dieser Kulturwissenschaft ist der ganze Mensch, der gesamte Bereich dessen, wie Menschen sind, wie sie leben, was sie erfahren und reflektieren, was sie je zu ihrer Zeit hervorbringen an Arbeit, Gefühlen, Ideen und Wissen, was absichtlich, unabsichtlich in Netze von Interaktionen eingespannt ist, ferner wie das alles durch nie endende, nie koordinierte, bald geplante, bald spontane Aktivitäten lebender Menschen und des Kosmos in Bewegung gehalten wird, wie es also, einschließlich der eigenen Erkenntnisinstrumente, fortwährendem Wandel ausgesetzt ist.«42

Aus diesem geradezu chaotischen Agieren ergibt sich der Gegenstand der Historischen Anthropologie:

»Geschichte als Anthropologie blickt auf die Selbstorganisation der menschlichen Gruppen und Gesellschaften, bei der jedes Tun, jedes lenkende Ordnungsbemühen nichts weiter als eine Organisationskomponente darstellt, ohne dass ein Organisator seine Hand im Spiel hätte oder ein vorgegebener Organisationsplan vorläge.«43

Damit schlug Johannes Fried eine Brücke zur Sozialgeschichte und erfüllte auf diese Weise eine Forderung, die Thomas Nipperdey bereits 1968 (!) aufstellte: »Die gegenwärtige Sozialgeschichte sollte in sehr viel intensiverem Maße als bisher die Fragestellungen einer historischen Anthropologie aufnehmen; dadurch würde sie neue und umfassendere Erkenntnis über ihre Gegenstände gewinnen.«44 Konkret ging es ihm um die Untersuchung von sich wandelnden Strukturen und dem Spezifischen darin. Das Ziel sei nicht die Etablierung eines neuen Gegenstandes, sondern der Fokus auf einen neuen Aspekt, weshalb Thomas Nipperdey in einer Überarbeitung seines Ansatzes »nicht von einer historischen Anthropologie, sondern von der anthropologischen Dimension der Geschichtswissenschaft« spricht.45

Allerdings unterscheidet sich die Historische Anthropologie in einem wesentlichen Punkt von der traditionellen Anthropologie, nämlich insofern, dass letztere

»[…] nach Grundstrukturen und Grundkategorien des menschlichen Daseins, nach generalisierbaren menschlichen Verhaltens-, Handlungs-, Denk- und Antriebsformen, nach ihrer Prägung durch soziale Institutionen fragte. Während sie stärker nach Konstanten suchte, die sowohl für existierende, wie für nicht mehr existierende Kulturen, also für alle Gesellschaften gelten und nach Typen der Daseinsgestaltung und Grundmustern der Lebensbewältigung forschte, akzentuiert die Historische Anthropologie die Dimension der Veränderung in der Zeit. Es geht nicht primär um den Aufweis konstanter Formen, sondern um den Aufweis geschichtlichen Wandels.«46

Gerade der Widerspruch der nun kombinierten Begriffe »historisch« und »Anthropologie« bereitete der Geschichtswissenschaft Probleme. So arbeitete sich die Zeitschrift Saeculum, die von 1965 bis 1975 auch eine Weltgeschichte herausbrachte, Anfang der 1970er Jahre am Begriff Historische Anthropologie ab und publizierte mit einem 17 Mann starken Team die Überlegungen auf 118 Seiten. Hauptautor Oskar Köhler rekapitulierte den Beginn der Diskussion nüchtern: »Ob die Kombination ›Historische Anthropologie‹ nicht angesichts der Tradition beider Begriffe ein Unding sein könnte, das wagte niemand mit einem eindeutigen Ja oder Nein zu beantworten.«47 Vorgeschlagen wurde schließlich auch im Sinne einer Weltgeschichte, ein Raster zu entwickeln, das über die Überlieferungen verschiedener Kulturen gelegt werden sollte, um den »urhumanen« Normen auf die Spur zu kommen.48 Auf der anderen Seite schaffte es Rolf Sprandel in derselben Ausgabe der Zeitschrift, auf Anhieb eine Definition vorzulegen: »Während sich die historische Anthropologie mit dem Handeln und Denken des Menschen beschäftigt, konzentriert sich die biologische auf sein körperliches Leben.«49

Die Historische Anthropologie hat auch ihre Tücken. Sie konzentriert sich auf so lebensnahe Themen wie Kindheit oder Alter, dass komplexe Geisteshaltungen und ihre Entwicklung – wie zum Beispiel die Scholastik – zu kurz kommen. Abseits eines biologischen Blickwinkels ist eine Abgrenzung zur Volks- und Völkerkunde noch lange nicht ausreichend gelungen. Gerade deshalb plädiert zum Beispiel Michael Mitterauer »dafür, ›Historische Anthropologie‹ auf den primären Kreis des Menschlichen zu beziehen (in Abhebung vom Kulturellen, Sozialen und Politischen), also Themen wie Körper und Sinne, Gesundheit und Krankheit, Schwangerschaft und Geburt, Sexualität, Jugend und Alter, Sterben und Tod in den Vordergrund einer ›historischen Anthropologie‹ zu stellen.«50

Für die mittelalterliche Geschichte ergeben sich im Rahmen einer Historischen Anthropologie vielfältige Fragestellungen. Ganz oben steht natürlich der Körper, damit zusammenhängend »die Persönlichkeit des Individuums, die Mythen und Riten, die verwandtschaftlichen Strukturen, Raum und Zeit.«51 Jean-Claude Schmitt sieht darüber hinaus im Verhältnis von Zeit und Rhythmus noch viel Potenzial, das über die hilfswissenschaftliche Chronologie hinaus geht: In der christlichen Zeitrechnung spielt der Messias als Zentralfigur eine wichtige Rolle, aber der vielfältige Rhythmus der mittelalterlichen Gesellschaft und ihrer Individuen müsste ebenfalls berücksichtigt werden – bis hin zum Tanz. Aus einem Grundrhythmus wird schließlich ein Klang, der sich auch im rhythmischen Vortrag von Dichtung ausdrückt und so die Sphäre der Oralität bereichert, wohingegen uns heute nur banale Texte überliefert sind.52

Als eine dritte Voraussetzung der modernen Mediävistik ist noch die Alltagsgeschichte ausführlicher vorzustellen. Sie entstand aus der Kritik an der Historischen Sozialforschung, ist wohl die revolutionärste Neuerung der modernen Geschichtsforschung und wurde sogar noch mit einem mehrdimensionalen politischen Anspruch verbunden: Die Grenzen zwischen engagierter Forschung und »einer aktivierenden Bildungs- und Kulturarbeit« sollen überwunden, die Arbeitsteilung zwischen Experten und Laien aufgehoben und »die Betroffenen in den Prozeß der Aufarbeitung ihrer Geschichte und ihrer Probleme einbezogen« werden. Auf diese Art sollen jene, »die den größten Hilfestellungs- und Emanzipationsbedarf in unserer Gesellschaft haben«, erreicht werden.53 Kritisiert wird von Hubert Ch. Ehalt, der diese Forderungen 1984 in einem Sammelband aufstellte, radikal alles, was bislang in der Geschichtswissenschaft erforscht wurde: historistische, genauso wie sozialwissenschaftliche Ansätze, gegenaufklärerische Tendenzen wie Neopositivismus und kritischer Rationalismus mit Verweis auf Karl Popper, Neobiologismus, funktionalistische Systemtheorien, wie sie Talcott Parsons und Niklas Luhmann entwarfen, französische Strukturalisten wie Claude Lévi-Strauss und Michel Foucault und Neomystizismus, der die Vernunft kritisiert und Fatalismus predigt.54 Die Publikation insgesamt, die eine der ersten zur Theorie der Alltagsgeschichte im deutschsprachigen Raum war, wollte ein österreichischer Beitrag zu einer internationale Fachdiskussion sein und ist vor allem aus dem Mikrokosmos des Wiener Austromarximus heraus zu verstehen. Dezidiertes Vorbild war Sven Lindqvist mit seinem Buch Grabe, wo du stehst, in dem er »30 verschiedene Arten, eine Arbeitstätigkeit und einen Arbeitsplatz zu untersuchen«, aufzeigt und sich damit an jene richten möchte, »die ihre eigene Arbeit erforschen wollen und die nicht Wissenschaftler von Beruf sind.«55 Er verfasste für den österreichischen Sammelband ebenfalls einen Beitrag und erklärte, dass er auf einer Reise nach Lateinamerika inspiriert worden sei. Dort seien in Darstellungen von multinationalen Konzernen die Arbeiter nie vorgekommen. Zurück zu Hause in Schweden stellte er nach einer Analyse von Betriebspublikationen der Zementindustrie Ähnliches fest:

»1. Die Betriebsleitung hat nie einen Fehler gemacht. 2. Der Beitrag der Aktieninhaber zu der Zementproduktion ist viel wesentlicher als der Beitrag der Arbeiter. 3. Der Beitrag der Arbeiter zur Entwicklung der Zementindustrie ist hauptsächlich darauf beschränkt gewesen, unrealistische Forderungen zu stellen und Vorteile durch das Unternehmen zu erhalten.«56

Die Alltagsgeschichte erreichte – und das war ja ihr Anspruch – rasch eine unglaubliche Breitenwirkung. Allerdings entfernte sie sich im Laufe der Zeit wieder von den Laien und ist heute Gegenstand der akademischen Forschung. Themen der Alltagsgeschichte wurden zwar schon von der älteren Kulturgeschichte erforscht, allerdings steht sie eher in Konkurrenz zur Volkskunde. Die Zusammenführung von Geschichte und Volkskunde bedeutet eine Dezimierung der chronologischen Perspektive von Geschichte. »Sie zwingt dazu, historische Epochen zu differenzieren und besonderes Gewicht auf die Perspektive der longue durée, der langen Dauer zu legen, auf die Zeit, die beinahe stehenbleibt.«57 Umgekehrt musste die Volkskunde in Konfrontation mit dem Alltag in Industriegesellschaften ihren Fokus auf die vorindustrielle bäuerliche Welt aufgeben. Heimat wird neu definiert: Sie ist nun eine enge Lebenswelt abseits von idealisierter Folklore. Heimat wird großzügig entzaubert und mitunter in ihrer abschreckenden Brutalität geschildert, zum Beispiel vom österreichischen Schriftsteller Franz Innerhofer in seinem autobiographischen Roman Schöne Tage.58

Die Erforschung von Alltagsgeschichte wurde als kommunikative Geschichtswissenschaft59 bezeichnet, was für analytisch und theoretisch Arbeitende durchaus eine Herausforderung darstellt. »Gefordert sind dialogfähige und dialogwillige Fachleute; was das ›Volk‹ aber am allerwenigsten braucht sind volkstümelnde Historiker.«60 Bei der nun beginnenden Alltagsgeschichte geht es nicht mehr allein um ein Hinterfragen von etablierten Geschichtskonzepten, denn daraus entsteht schließlich eine neue Dynamik.

»Vergangenheit wird zu (gedeuteter) Geschichte nicht allein durch die fachwissenschaftlichen Interpretationen; vielmehr sind diese ihrerseits Teil und Ausdruck von gesellschaftlich umstrittenen (oder akzeptierten) Produktionen von Geschichte, von Selbst- wie Fremddeutungen.«61

Verbreitete Themen sind Arbeitsalltag und Festtag, das Privatleben selbst, die Geschichte der unteren sozialen Schichten, die von vielfältigen Phänomenen von Herrschaft, Macht und Gewalt bis hin zu Konflikten mit der Obrigkeit betroffen sind – Alltagsgeschichte »bezeichnet das bisher vernachlässigte, das aber für die Erhellung des gesellschaftlichen Gesamtprozesses unentbehrlich ist.«62 Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen dabei Kleingruppen und Individuen in ihrer sozialen Praxis.63 Dabei handelt es sich um eine »Praxis der Vielen«, in der »sich die Menschen die Bedingungen ihres Handelns und Deutens aneignen, in denen sie Erfahrungen produzieren, Ausdrucksweisen und Sinngebungen nutzen – und ihrerseits neu akzentuieren.«64 Viele intellektuelle Mythen über das einfache Volk sind entzaubert worden, indem der Blickwinkel umgedreht wurde. »Alltagsgeschichte beschrieb weniger eine Geschichte des Machens, der Initiativen, Pläne und Projekte, sondern eine der Folgen, des Erleidens und des Scheiterns, keine des geistreichen Gedankens und Konstruierens, sondern eine des Wahrnehmens und Reagierens.«65 In diesem überschaubaren Bereich ist die Alltagsgeschichte der Mikrohistorie nahe. Die Mikrohistorie, die vor allem in Italien propagiert wurde und in Frankreich rasch Verbreitung fand, »ist eine Schwester der Alltagsgeschichte, geht aber in einigen Punkten ihren eigenen Weg.«66 Sie will zwar ebenfalls die kleinen Lebenswelten darstellen, tut dies aber im Gegensatz zur Makrogeschichte. Der Vergleich einer Mikro- mit einer Makroebene ist seit der Antike ein Thema in der Wissenschaft. Traditionell geht es dabei um die Frage, wie sich das eine im anderen widerspiegelt. Das bedingt eine gegenseitige Abhängigkeit. Mikrogeschichte bedeutet demnach zum Beispiel nicht, Dörfer allgemein zu untersuchen, sondern die Untersuchung in einem konkreten Dorf vorzunehmen. Es ist eine mikroskopische Analyse mit intensivem Studium des Quellenmaterials.67 Die kleine Welt wird beobachtet und damit die Mikrogeschichte zu einer »Wissenschaft der gelebten Erfahrung.«68 Das bedeutet, die Geschichte bisher unbeachteter Menschen darzustellen und dabei geradezu detektivisch vorzugehen. Oft genug stehen dafür nur Gerichtsakten zur Verfügung, doch das kann zugleich so gesehen werden, »daß die Ränder der Gesellschaft mehr über sie aussagen als das Zentrum.«69 Immerhin ist Normatives eine Wunschvorstellung.

»Die Menschen, die hier in den Vordergrund treten, sind keine Kunstfiguren, keine eindimensionalen Konstruktionen, wie sie in der Soziologie oder Ökonomie aus methodischen Zwecken erdacht werden, auch keine Wesen, die auf eine instrumentelle Rationalität oder materielle Interessen reduziert waren.«70

Der Kern der Mikrogeschichte liegt in der Betonung des Zusammenhangs und nicht in einer isolierten Betrachtung, wie es etwa die Lokalgeschichte macht. Oft genug sind die Ausgangspunkte der Untersuchung überaus ungewöhnlich. Dabei akzeptiert die Mikrogeschichte ihre Grenzen, ja sie »geht ihren erkenntnistheoretischen Konsequenzen nach und versucht, sie in eine narrative Komponente zu verwandeln.«71 Vor allem soll der Untersuchungsgegenstand überschaubar bleiben, womit ein erhöhter Erkenntnisgewinn verbunden wird.

»Die Mikrohistoriker haben von Anfang an den Anspruch erhoben, Fragen von grundsätzlicher Bedeutung aufzuwerfen und Beiträge von allgemeiner Bedeutung zu liefern. Nie haben sie die Vorstellung gehabt, in bescheidener Kleinarbeit gewissermaßen die Lücken der großen Gesamt-Darstellungen mit anschaulichem Detailmaterial füllen zu wollen oder kleinformatige Genrebilder zu verfertigen, zur Unterhaltung eines von der großen Historienmalerei ermüdeten Publikums.«72

Als Methode wird bei Alltagsgeschichte und Mikrohistorie gerne die möglichst umfangreiche Dichte Beschreibung verwendet. Diesen Begriff etablierte der Ethnologe Clifford Geertz, der sich dabei an den Philosophen Gilbert Ryle anlehnte. Dieser hatte die Frage der richtigen Interpretation einer Geste aufgeworfen. Clifford Geertz als Ethnologe bezweifelt daraufhin die Möglichkeit einer objektiven ethnologischen Beschreibung. »Kurz, ethnologische Schriften sind selbst Interpretationen und obendrein solcher zweiter und dritter Ordnung.«73

Die Alltagsgeschichte stand schnell unter heftigster Kritik vonseiten der Historischen Sozialwissenschaft. Hans-Ulrich Wehler gab zu bedenken, die Alltagsgeschichte könne »Geschichten aus dem Alltag erzählen, aber nicht die Geschichte des deutschen Alltags etwa von 1870 bis 1970 schreiben.«74 Jürgen Kocka bezeichnet Alltagsgeschichte sogar als »Theoriefeindlichkeit von links.«75 Die Beispiele seien weder repräsentativ noch liefern sie einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, außerdem stehen subjektive Faktoren – wie Gefühle oder Bewusstsein – im Vordergrund und schließlich seien die Studien nur erzählend und beschreibend, also nicht analysierend. Zusammengefasst sehen die einen darin »die magische Zauberformel, Geschichtsbewußtsein und Geschichtsbegeisterung neu zu wecken; die anderen belächeln sie als faulen Zaubertrick, um von Wichtigerem abzulenken und sich größere intellektuelle Anstrengungen zu ersparen.«76 Die an der Politik orientierte Geschichtswissenschaft konnte mit Alltagsgeschichte ohnehin nichts anfangen und ignorierte sie weitgehend.

Das Beschreiben von Lebensumständen, wie es die Alltagsgeschichte vertritt, erzeugt schlussendlich eine neue Erfahrung von Geschichte. In diesem Bestreben will aber die Alltagsgeschichte keineswegs andere Ansätze verdrängen – nicht einmal die klassische politische Geschichte oder die Historische Sozialwissenschaft. »Alle diese Geschichten berühren und überschneiden sich vielfach, keine von ihnen kann den Anspruch durchsetzen, Integrationswissenschaft zu sein, alle sind Aspektwissenschaften.«77

Was mittelalterliche Alltagsgeschichte sein könnte, wurde von Hans-Werner Goetz und Gerhard Jaritz erarbeitet. Hans-Werner Goetz stand zuerst in den 1980er Jahren vor dem Dilemma, dass die Alltagsgeschichte einen schlechten akademischen Ruf hat, es aber eine Notwendigkeit gibt, die Lebenswelt der einfachen Menschen in der Vergangenheit zu untersuchen. Allerdings geht es ihm dabei um repräsentative Beispiele: »Insofern ist auch Alltagsgeschichte auf das Leben der Menschen und seine Rahmenbedingungen angewandte Strukturgeschichte im Sinne einer typisierenden Darstellung vor dem Hintergrund geschichtswirkender Kräfte.«78 In der geschichtswissenschaftlichen Praxis fordert er die Anwendung der üblichen historischen Methoden. Damit bindet er die Alltagsgeschichte in den wissenschaftlichen Kontext ein und macht sie für die Mediävistik relevant. Gerhard Jaritz definiert Alltag als repetitives, habitualisiertes bzw. routiniertes Verhalten, fordert aber ebenfalls die Erforschung des Nicht-Alltäglichen. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass jeder Mensch einen anderen Alltag hat. Von der Alltagsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts als einer Geschichte von unten möchte sich Gerhard Jaritz zwar dezidiert abgrenzen, aber sein Augenmerk auf die unteren sozialen Gruppen lenken.79 Auf alle Fälle müssen Quellen nun nicht nur ganz anders gelesen werden, es müssen vor allem bisher wenig beachtete Quellen aufgearbeitet werden. Jacques Le Goff ahnte schon 1972, wohin die Alltagsgeschichte schlussendlich führen könnte:

»Bei dieser Hinwendung zum Alltag des Menschen gelangt die historische Ethnologie ganz von selbst zur Untersuchung der verschiedenen Mentalitäten, die in der historischen Entwicklung als das betrachtet werden, ›was sich am wenigsten ändert‹. Daher stößt man auch inmitten der industrialisierten Gesellschaften auf eine Vielzahl von Archaismen.«80

Seit den 1970er Jahren entstand eine Fülle von Publikationen zum Alltag im Mittelalter, was vor allem auf das Interesse von Verlagen zurückzuführen zu sein scheint. Trotzdem konnte die Alltagsgeschichte aller Schichten die mittelalterliche Geschichtsforschung um eine wesentliche Rahmenbedingung erweitern.

Leseempfehlungen

Jörn Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I: Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Göttingen 1983.

Historische Anthropologie. Der Mensch in der Geschichte. Hg. Hans Süssmuth. Göttingen 1984.

Hans-Werner Goetz, Leben im Mittelalter. Vom 7. bis zum 13. Jahrhundert. München 1986.

Jörn Rüsen, Rekonstruktion der Vergangenheit. Grundzüge einer Historik II: Die Prinzipien der historischen Forschung. Göttingen 1986.

Hayden White, Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses (Sprache und Geschichte 10). Stuttgart 1986.

Jörn Rüsen, Lebendige Geschichte. Grundzüge einer Historik III: Formen und Funktionen des historischen Wissens. Göttingen 1989.

Gerhard Jaritz, Zwischen Augenblick und Ewigkeit. Einführung in die Alltagsgeschichte des Mittelalters. Wien-Köln 1989.

Geschichte als Literatur. Formen und Grenzen der Repräsentation von Vergangenheit. Hgg. Hartmut Eggert u. a. Stuttgart 1990.

Giovanni Levi, On Microhistory. In: New Perspectives on Historical Writing. Hg. Peter Burke. Cambridge-Malden 1991, S. 97–119.

Hayden White, Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt a. M. 1991.

Friedrich Jaeger, Jörn Rüsen, Geschichte des Historismus. Eine Einführung. München 1992.

Carlo Ginzburg, Mikro-Historie. Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß. In: Historische Anthropologie 1 (1993), S. 169–192.

Hans Medick, Mikro-Historie. In: Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Eine Diskussion. Hg. Winfried Schulze. Göttingen 1994, S. 40–53.

Otto Ulbricht, Mikrogeschichte: Versuch einer Vorstellung. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 45 (1994), S. 347–367.

Jürgen Schlumbohm, Mikrogeschichte – Makrogeschichte: Zur Eröffnung einer Debatte. In: Mikrogeschichte – Makrogeschichte: komplementär oder inkommensurabel? Hg. Jürgen Schlumbohm (Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft 7). Göttingen 1998, S. 7–32.

Gert Dressel, Historische Anthropologie. Eine Einführung. Wien u. a. 1996.

Richard van Dülmen, Historische Anthropologie. Entwicklung – Probleme – Aufgaben. Köln u. a. 2000.

Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbeck bei Hamburg 2006.

Jörn Rüsen, Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln u. a. 2013.

1 Klaus Stierstorfer, Linguistic turn. In: Grundbegriffe der Literaturtheorie. Hg. Ansgar Nünning. Stuttgart-Weimar 2004, S. 147 f., hier S. 147.

2 Roland Barthes, Der Diskurs der Geschichte. In: Roland Barthes, Das Rauschen der Sprache (Kritische Essays IV). Frankfurt a. M. 2005, S. 149–163, hier S. 149.

3 Marcus Fabius Quintilianus, Institutio oratoria X, 1,31.

4 Gert Ueding, Klassische Rhetorik. München 42005, S. 48 f.

5 Leopold von Ranke, Vorlesungseinleitungen (Aus Werk und Nachlaß 4). München-Wien 1975, S. 72.

6 Johann Martin Chladenius, Einleitung zur richtigen Auslegung vernünfftiger Reden und Schrifften. Leipzig 1742, § 308, S. 185.

7 Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen. Tübingen 71992, S. 315.

8 Hayden White, Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses (Sprache und Geschichte 10). Stuttgart 1986, S. 37.

9 Hayden White, Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt a. M. 1991, S. 19.

10 Ebd., S. 22.

11 Ebd., S. 29.

12 Ebd., S. 38.

13 Ebd., S. 39.

14 Jörn Rüsen, Rhetorik und Ästhetik der Geschichtsschreibung: Leopold von Ranke. In: Geschichte als Literatur. Formen und Grenzen der Repräsentation von Vergangenheit. Hgg. Hartmut Eggert u. a. Stuttgart 1990, S. 1–11, hier S. 1.

15 Jörn Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I: Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Göttingen 1983. Jörn Rüsen, Rekonstruktion der Vergangenheit. Grundzüge einer Historik II: Die Prinzipien der historischen Forschung. Göttingen 1986. Jörn Rüsen, Lebendige Geschichte. Grundzüge einer Historik III: Formen und Funktionen des historischen Wissens. Göttingen 1989.

16 Jörn Rüsen, Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln u. a. 2013, S. 14.

17 Sabine Todt, Linguistic turn. In: Geschichte. Ein Grundkurs. Hg. Hans-Jürgen Goertz. Reinbeck bei Hamburg 32007, S. 178–198, hier S. 195.

18 Norbert Furrer, Geschichtsmethode. Eine Einführung für Humanhistoriker. Zürich 22014, S. 17.

19 Jürgen Trabant, Zur Einführung: Vom linguistic turn der Geschichte zum historical turn der Linguistik. In: Sprache der Geschichte. Hg. Jürgen Trabant (Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien 62). München 2005, S. VII–XXII, hier S. XIV.

20 Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse (Historische Einführungen 4). Frankfurt a. M.-New York 2008, S. 91.

21 Ernst Hanisch, Die linguistische Wende. Geschichtswissenschaft und Literatur. In: Kulturgeschichte heute. Hgg. Wolfgang Hardtwig, Hans-Ulrich Wehler (Geschichte und Gesellschaft Sonderheft 16). Göttingen 1996, S. 217.

22 Ebd., S. 218.

23 Gabrielle M. Spiegel. Introduction. In: Practicing History. New Directions in Historical Writing after the Linguistic Turn. New York 2005, S. 1–32, hier S. 3.

24 Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbeck bei Hamburg 22007, S. 8.

25 Martin Eichhorn, Kulturgeschichte der »Kulturgeschichten«. Typologie einer Literaturgattung (Epistemata. Reihe Literaturwissenschaft 417). Würzburg 2002, S. 51.

26 Jacob Burckhardt, Die Cultur der Renaissance in Italien. Basel 1860.

27 Johan Huizinga, Herfsttij der middeleeuwen. Haarlem 1919 [dt.: Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und den Niederlanden. München 1924].

28 Iggers, Geschichtswissenschaft, S. 125.

29 Ebd., S. 70.

30 Reinhard Sieder, Sozialgeschichte auf dem Weg zu einer historischen Kulturwissenschaft? In: Geschichte und Gesellschaft 20 (1994), S. 445–468, hier S. 447.

31 Karl Lamprecht, Alte und neue Richtungen in der Geschichtswissenschaft. Berlin 1896, S. 9.

32 Friedrich Jaeger, Jörn Rüsen, Geschichte des Historismus. Eine Einführung. München 1992, S. 175.

33 Lucien Febvre, Das Gewissen des Historikers. Berlin 1988, S. 14.

34 Ebd., S. 10.

35 Jaeger/Rüsen, Historismus, S. 177.

36 Wolfgang Frühwald u. a., Geisteswissenschaften heute. Eine Denkschrift. Frankfurt a. M. 1991, S. 10.

37 Christoph Wulf, Anthropologie. Geschichte – Kultur – Philosophie. Reinbeck bei Hamburg aktualisierte Neuausgabe 2009, S. 75.

38 Richard van Dülmen, Historische Anthropologie. Entwicklung – Probleme – Aufgaben. Köln u. a. 22001, S. 5.

39 Ebd., S. 6.

40 Editorial. In: Historische Anthropologie 1 (1993), S. 1–3, hier S. 1 f.

41 Gert Dressel, Historische Anthropologie. Eine Einführung. Wien u. a. 1996, S. 280.

42 Johannes Fried, Geschichte als historische Anthropologie. In: Geschichte des Mittelalters für unsere Zeit. Erträge des Kongresses des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands »Geschichte des Mittelalters im Geschichtsunterricht« Quedlinburg 20.–23. Oktober 1999. Hg. Rolf Ballof. Stuttgart 2003, S. 63–85, hier S. 64.

43 Ebd.

44 Thomas Nipperdey, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, historische Anthropologie. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 55 (1968), S. 145–164, hier S. 146.

45 Thomas Nipperdey, Die anthropologische Dimension der Geschichtswissenschaft. In: Geschichte heute. Positionen, Tendenzen und Probleme. Hg. Gerhard Schulz. Göttingen 1973, S. 225–255, hier S. 230.

46 Hans Süssmuth, Geschichte und Anthropologie. Wege zur Erforschung des Menschen. In: Historische Anthropologie. Der Mensch in der Geschichte. Hg. Hans Süssmuth. Göttingen 1984, S. 5–18, hier S. 8.

47 Oskar Köhler, Versuch einer »Historischen Anthropologie«. In: Saeculum 25 (1974), S. 129–246, hier S. 132.

48 Ebd., S. 152.

49 Rolf Sprandel, Kritische Bemerkungen zu einer historischen Anthropologie. In: Saeculum 25 (1974), S. 247–250, hier S. 247.

50 Michael Mitterauer, Alte Kulturgeschichte – Neue Kulturgeschichte? In: Historische Zeitschrift 280 (2005), S. 281–304, hier S. 294 f.

51 Jean-Claude Schmitt, Plädoyer für eine historische Anthropologie des Mittelalters. In: Frühmittelalterliche Studien 38 (2004), S. 1–16, hier S. 9.

52 Ebd., S. 11 f.

53 Hubert Ch. Ehalt, Geschichte von unten. Umgang mit Geschichte zwischen Wissenschaft, politischer Bildung und politischer Aktivierung. In: Geschichte von unten. Fragestellungen, Methoden und Projekte einer Geschichte des Alltags. Hg. Hubert Ch. Ehalt (Kulturstudien 1). Wien u. a. 1984, S. 11–39, hier S. 11 f.

54 Ebd., S. 16–20.

55 Sven Lindqvist, Grabe, wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte. Bonn 1989, S. 9.

56 Sven Lindqvist, Grabe, wo du stehst. In: Geschichte von unten. Fragestellungen, Methoden und Projekte einer Geschichte des Alltags. Hg. Hubert Ch. Ehalt (Kulturstudien 1). Wien u. a. 1984, S. 295–304, hier S. 296.

57 Jacques Le Goff, Geschichtswissenschaft und Erforschung des Alltags. In: Jaques Le Goff, Für ein anderes Mittelalter. Zeit, Arbeit und Kultur im Europa des 5.–15. Jahrhunderts. Weingarten 1987, S. 175–189, hier S. 178.

58 Franz Innerhofer, Schöne Tage. Salzburg 1974.

59 Lutz Niethammer, Anmerkungen zur Alltagsgeschichte. In: Geschichte im Alltag – Alltag in der Geschichte. Hgg. Klaus Bergmann, Rolf Schörken (Geschichtsdidaktik 7). Düsseldorf 1982, S. 11–29, hier S. 23.

60 Detlev Peukert, Neuere Alltagsgeschichte und Historische Anthropologie. In: Historische Anthropologie. Der Mensch in der Geschichte. Hg. Hans Süssmuth. Göttingen 1984, S. 57–72, hier S. 60 f.

61 Alf Lüdtke, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, historische Anthropologie. In: Geschichte. Ein Grundkurs. Hg. Hans-Jürgen Goertz. Reinbeck bei Hamburg 32007, S. 628–649, hier S. 629.

62 Klaus Bergmann, Rolf Schörken, Einleitung. In: Geschichte im Alltag – Alltag in der Geschichte. Hgg. Klaus Bergmann, Rolf Schörken (Geschichtsdidaktik 7). Düsseldorf 1982, S. 7–10, hier S. 8.

63 Alf Lüdtke, Einleitung. Was ist und wer treibt Alltagsgeschichte? In: Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen. Hg. Alf Lüdtke. Frankfurt a. M.-New York 1989, S. 9–47, hier S. 12.

64 Alf Lüdtke, Stofflichkeit, Macht-Lust und Reiz der Oberflächen. Zu den Perspektiven von Alltagsgeschichte. In: Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Eine Diskussion. Hg. Winfried Schulze. Göttingen 1994, S. 65–80, hier S. 72.

65 Dirk van Laak, Alltagsgeschichte. In: Aufriß der Historischen Wissenschaften. Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft. Hg. Michael Mitterauer. Stuttgart 2003, S. 14–80, hier S. 70.

66 Hans Medick, Mikro-Historie. In: Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Eine Diskussion. Hg. Winfried Schulze. Göttingen 1994, S. 40–53, hier S. 40.

67 Giovanni Levi, On Microhistory. In: New Perspectives on Historical Writing. Hg. Peter Burke. Cambridge-Malden 22001, S. 97–119, hier S. 99.

68 Carlo Ginzburg, Carlo Poni, Was ist Mikrogeschichte? In: Geschichtswerkstatt 6 (1985), S. 48–52, hier S. 52.

69 Otto Ulbricht, Mikrogeschichte: Versuch einer Vorstellung. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 45 (1994), S. 347–367, hier S. 359.

70 Otto Ulbricht, Mikrogeschichte. Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit. Frankfurt a. M.-New York 2009, S. 345.

71 Carlo Ginzburg, Mikro-Historie. Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß. In: Historische Anthropologie 1 (1993), S. 169–192, hier S. 187.

72 Jürgen Schlumbohm, Mikrogeschichte – Makrogeschichte: Zur Eröffnung einer Debatte. In: Mikrogeschichte – Makrogeschichte: komplementär oder inkommensurabel? Hg. Jürgen Schlumbohm (Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft 7). Göttingen 1998, S. 7–32, hier S. 27 f.

73 Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a. M. 1987, hier S. 22 f.

74 Hans-Ulrich Wehler, Geschichte – von unten gesehen. In: Die Zeit 19/1985 (3. Mai 1985), S. 64.

75 Jürgen Kocka, Theorieorientierung und Theorieskepsis in der Geschichtswissenschaft. Alte und neue Argumente. In: Historische Sozialforschung/Historical Social Research 7/3 (1982), S. 4–19, hier S. 9.

76 Peter Borscheid, Alltagsgeschichte – Modetorheit oder neues Tor zur Vergangenheit? In: Sozialgeschichte in Deutschland. Entwicklungen und Perspektiven im internationalen Zusammenhang. Bd. 3: Soziales Verhalten und soziale Aktionsformen in der Geschichte. Hgg. Wolfgang Schieder, Volker Sellin. Göttingen 1987, S. 78–100, hier S. 78.

77 Wolfgang Hardtwig, Alltagsgeschichte heute. Eine kritische Bilanz. In: Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Eine Diskussion. Hg. Winfried Schulze. Göttingen 1994, S. 19–32, hier S. 26.

78 Hans-Werner Goetz, Leben im Mittelalter. Vom 7. bis zum 13. Jahrhundert. München 1986, S. 15.

79 Gerhard Jaritz, Zwischen Augenblick und Ewigkeit. Einführung in die Alltagsgeschichte des Mittelalters. Wien-Köln 1989, S. 14 f.

80 Le Goff, Geschichtswissenschaft und die Erforschung des Alltags, S. 180.

3 Kultur(en) in Bewegung

Die Beschäftigung mit dem Raum war in den deutschsprachigen Ländern lange Zeit durch die nationalsozialistische Geopolitik diskreditiert. Dies wollte der ab den 1980er Jahren aufkommende spatial turn mit der Geographie als Leitwissenschaft überwinden. Edward W. Soja, der den Begriff propagierte, bringt das auf den Punkt: »Wir müssen das Räumliche, das Soziale und das Historische als grundlegend gleichwertige kritische Perspektive auf unser Sein, unser Leben, ja auf alles verstehen.«1 Der spatial turn betrachtet Raum nicht mehr nur als physische Tatsache, sondern als kultur- und sozialwissenschaftliche Kategorie bis hin zu einer Raum-Repräsentation und politischen Raumperspektiven. »Spatial turn bedeutet Ausbildung eines kritischen Raumverständnisses.«2 Das reicht bis zum Hinterfragen von Kartierungskonzepten mit ihren Kodierungen und Visualisierungen und den daraus entstehenden Raumvorstellungen. Dazu kommen öffentliche und private Räume, die bearbeitet werden, genauso wie geschlechtsspezifische Räume oder Körperräume. Spezifisch geschichtswissenschaftliche Fragestellungen sind Gedächtnisorte und Erinnerungsräume sowie Raum und Kommunikation. Allerdings ist jeweils abzuklären, ob es sich dabei wirklich um einen geographischen Raum handelt, denn: »Der gängigste Modus ist die Verwendung von Raum als Metapher.«3

Der spatial turn wird durchaus kritisch hinterfragt, denn diese Wende in den Kulturwissenschaften wird meist einfach angenommen, ohne dass ein geschlossenes Konzept vorhanden wäre. »Irgendwann hat die Konjunktur der wissenschaftlichen Rede vom ›Raum‹, über ›(andere) Räume‹ und ›Verräumlichung‹ ein bestimmtes Emergenzniveau erreicht, so dass man tatsächlich davon überzeugt ist, es gebe den spatial turn.«4 Der spatial turn wird so zu einem reinen Etikett. Andererseits scheint die moderne Welt den Raum mehr und mehr zu überwinden. Bereits im 19. Jahrhundert wurde wahrgenommen, dass die Welt immer kleiner wird. So staunte Carl Ritter 1852, dass eine Atlantiküberquerung von New York nach London bereits in 25 Tagen möglich ist und eine Nachricht von Canton in China nach Berlin nur vier Monate braucht. »Gegenwärtig scheiden die Meere nicht, wie ehedem, die Länder- und Erdtheile; sie sind es, welche die Völker verbinden.«5 Parallel dazu schrumpfte bereits im 19. Jahrhundert die Welt durch die telegraphische Nachrichtenübermittlung. Gerade die Möglichkeit der unmittelbaren Kommunikation weltweit hat ein Gefühl des Verschwindens bzw. Überwindens des Raumes aufgebracht. So werden Raum und Welt nun völlig anders wahrgenommen. Allerdings bleibt die Orientierung im Raum – in welchem auch immer – wichtig. Die wissenschaftliche Diskussion scheint sich daher im Kreise bewegt zu haben, fasst Karl Schlögel zusammen: »Was mit Vermutungen über den spatial turn anfing, endet als Rede vom Selbstverständlichen.«6 Das oft angeführte Verschwinden des Raumes wird mitunter als Einbildung gewertet.

»Auch vor der räumlichen Wende waren Raum und Räumlichkeit in sozialwissenschaftlicher Terminologie und Beobachtung alles andere als bedeutungslos oder unterprivilegiert. Der Raum verschwand bloß, wie der legendäre Wald vor lauter Bäumen.«7

Prinzipiell ist aber die Beschäftigung mit dem Raum der Geschichtswissenschaft nicht fremd, denn Geschichte braucht schließlich einen Schauplatz. Als Zweck der Geschichtswissenschaft wird heute gerne die Orientierung in der Zeit analog zur Orientierung im Raum angeführt. Der Raum hat in der Geschichte eine immanente Bedeutung, immerhin geht es um die Entwicklung von Territorien genauso wie von Orten. Geographische Elemente sind damit für die Geschichtswissenschaft unproblematisch. Das »geringere Konfliktpotential, oder anders ausgedrückt: das Ausbleiben von Abwehrreaktionen, mag daran liegen, dass das Terrain des Historikers nicht bedroht wird und der Begriff Raum unproblematisch und anschlussfähig erscheint.«8 Die Frage ist eher, welche Bedeutung dem Raum zugewiesen wird.

Gerade beim spatial turn zeigt sich ebenfalls wieder eine sehr enge Verbindung mit der jüngsten Geschichte. Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 brachte eine neue Raumperspektive. Schon kurz zuvor begann eine neue Mitteleuropa-Diskussion, allerdings zunächst unter alten hegemonialen Prämissen Deutschlands und Österreichs. Dem setzten im Februar 1991 politisch Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei im Rahmen der Visegrád-Gruppe ein Konzept von Ostmitteleuropa entgegen. Die Erweiterung der Europäischen Union Mitte der 1990er Jahre auf vormalige EFTA-Staaten (darunter Österreich) und schließlich 2004 auf die Staaten des ehemaligen Ostblocks brachten nicht nur dem Fach Geschichte eine intensive Beschäftigung mit dem Europabegriff. Gerade die Vereinnahmung Karls des Großen als pater Europae und seines Reiches durch die Europäische Union förderte schließlich die Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Europa.

Schnell wurde es in der wissenschaftlichen Diskussion offensichtlich, dass weder der heutige noch ein vergangener Europabegriff klar definiert werden kann, zumal Europa nur schwer die geographische oder geologische Definition eines Kontinents erfüllt. Europa war und ist ein Konstrukt, ein Mythos. Dazu kommt noch die Konkurrenz durch den Begriff Abendland bzw. Okzident. Gerade hier bereitet die Verortung des byzantinischen Reiches größte Probleme, denn Abendland wird allzu oft mit der lateinischen Christenheit gleichgesetzt. Mit dieser Definition befinden sich dann allerdings große Teile der iberischen Halbinsel außerhalb Europas. Spanien unterlag im Mittelalter einem Prozess der Afrikanisierung und zugleich Europäisierung. »Oftmals wird ›Europäisierung‹ synonym mit Modernisierung, Verwestlichung und anderen Begriffen im aktuellen Diskurs verwendet.«9 So wie al-Andalus zur islamischen Berberkultur gehörte, richteten im Spätmittelalter die christlichen iberischen Reiche immer stärker ihren Blick nach Afrika. »Nur aus einer bestimmten Perspektive liegt Spanien an der Peripherie. Ändert man die Parameter, verschieben sich Zentrum und Peripherie oftmals sehr schnell.«10 Ähnliches gilt für das byzantinische Reich, das sich für das Verständnis der Zeit fast im Mittelpunkt der bekannten Welt befand. Überhaupt wird der Begriff Europa im Mittelalter eher geographisch als in anderen Zusammenhängen verwendet: »Es gibt keine Europaidee des Mittelalters, die Europaidee löst das Mittelalter ab,« resümiert Rudolf Hiestand.11 Ähnlich argumentiert Michael Borgolte: »Wenn der mittelalterlichen Überlieferung überhaupt etwas entnommen werden kann, dann dies, daß die Vorstellung von Europa stets schwankend blieb; ›Europa‹ war kein Begriff, um den sich zu streiten gelohnt hätte.«12

Überaus problematisch gehandhabt wird mitunter die Einbeziehung der slawischen Welt in den Europabegriff. Für viele entsteht Europa in der Völkerwanderung und umfasst weiterhin nur die Länder der Romania und Germania. Während süd- und westslawische Gebiete gerade noch als Randzone akzeptiert werden, scheidet bei den meisten Darstellungen das riesige Territorium der orthodoxen Slavia völlig aus. Bis heute fehlt Russland in den gängigen Überblicksdarstellungen der europäischen Geschichte des Mittelalters. Diese Exklusion korrespondiert durchaus mit der russischen Sicht der Dinge. Schon während des Aufstiegs des russischen Zarentums in der Neuzeit wurde mehrfach das Verhältnis zu Europa reflektiert und eine Rückständigkeit konstatiert. Mit der Expansion nach Nord- und Zentralasien musste die Positionierung Russlands endgültig relativiert werden. Exilrussen schufen schließlich in den 1920er Jahren das Konzept des Eurasianismus, der sich vom individualistischen und nationalistischen Europa genauso abgrenzt wie vom Bolschewismus, der als fatale Orientierung am Westen wahrgenommen wurde. Grundlage ist ein Geodeterminismus, der die vier horizontalen Vegetationszonen Wüste, Steppe, Taiga und Tundra als prägend für Russland festsetzt. Heute ist Eurasien als geopolitisches Konzept Teil der russischen Staatsideologie, es betont im Sinne des Nationalismus die alte und neue Größe sowie die Besonderheit des Landes.13

Besonders relevant ist bei geographischen Prämissen der Begriff der Grenze. Das aus den slawischen Sprachen kommende Wort gelangte erst im Spätmittelalter ins Deutsche. Der zeitgenössische Begriff für Grenze ist Mark bzw. später Gemarkung, wobei damit meist ein breites, mitunter dicht bewaldetes Grenzgebiet gemeint wird. Untersucht werden in der Geschichtswissenschaft nun kulturelle Grenzen als Zone der Abgrenzung sowie des Übergangs vom Eigenen zum Fremden. Jürgen Osterhammel unterscheidet dazu drei Grenzformen: eine imperiale Barbarengrenze als defensive Sicherheitszone, eine moderne, harte, nationalstaatliche Territorialgrenze und als drittes eine Erschließungsgrenze, die auch als frontier bezeichnet werden kann und eine vor allem agrarische Siedlungsgrenze darstellt, die immer weiter vorrückt.14

In diesen Bereich gehört ebenfalls der Begriff Akkulturation. Er wurde bereits 1936 definiert als Resultat von unmittelbaren Kontakten von Kulturen, als das, was auf diese Kulturen zurück wirkt.15 Modern geprägt wurde der Begriff vom kanadischen Psychologen John W. Berry. Akkulturation kann auf Populationen genauso wie auf Individuen angewendet werden.16 Der Prozess der Akkulturation kann von wenigen Jahren bis hin zu Jahrhunderten dauern und konfliktreich bis friedlich verlaufen. Er prägt beide vorher separaten Gesellschaften massiv. Die Akkulturation vollzieht sich innerhalb einer Bevölkerung genauso wie innerhalb einer Familie mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.17 Kulturkontakt entsteht durch Mobilität. Entweder ziehen Gruppen – wie Immigranten und Flüchtlinge – in neue Gegenden oder die neue Kultur wird zu den Einheimischen gebracht. Daraus ergeben sich vier Strategien des Umgangs mit dieser Veränderung im Einwanderungsland: Segregation (die Ursprungskultur bleibt durch Isolation erhalten), Integration (reger Austausch), Assimilation (die eigene Kultur wird aufgegeben) und Marginalisierung (die eigene Kultur wird an den Rand gedrängt und endet ohne Kontaktaufnahme durch Entwurzelung und Diskriminierung). Zu berücksichtigen gibt es noch eine Reihe von Faktoren im Prozess der Akkulturation wie die Situation im Auswanderungsland (zum Beispiel Religion und Sprache, Krieg und Unterdrückung, Armut und Hunger oder Überbevölkerung) und den Umgang der aufnehmenden Gesellschaft mit Immigration in Vergangenheit und Gegenwart inklusive erwünschter und unerwünschter Zuwanderung. Die Akkulturation kann nun in unterschiedlichen Feldern für Gruppen und Individuen untersucht werden.18 John W. Berry hat dieses Modell für die Gegenwart und noch dazu angesichts eines Einwanderungslandes wie Kanada entwickelt. In Nordamerika stand über Generationen die Forderung nach Assimilierung im Raum. Im wissenschaftlichen Bereich erntete das Konzept viel Kritik: »Gesellschaften leben stets im Austausch; Akkulturation ist daher ein Dauerphänomen aller Gesellschaften.«19 Trotzdem kann der Umgang mit Migration unter dem Aspekt Akkulturation genauso für das Mittelalter untersucht werden.

Geschichte und speziell die Geschichte des Mittelalters ist immer auch eine Geschichte der Migrationen. Schon der Begriff Völkerwanderung am Beginn der Epoche bringt das deutlich zum Ausdruck. Nach der gut dokumentierten Wanderung germanischer Stämme folgte in Zusammenhang mit den Awaren eine stillere slawische Migration über einen längeren Zeitraum. Schließlich dauerte es noch bis zur Niederlassung der Ungarn in Pannonien im 10. Jahrhundert, bis die großen, Europa prägenden Volksbewegungen endeten. Allerdings begann bald darauf eine Kolonisationsbewegung vor allem von Westdeutschland aus Richtung Osten. Der hochmittelalterliche Landesausbau im Inneren führte schließlich in allen Ländern zu Bevölkerungsbewegungen und zur Verdichtung der Kulturlandschaft. Am Ende des Mittelalters wurden auf der einen Seite die Araber aus Spanien vertrieben, auf der anderen Seite eroberten die Osmanen den Balkan.

In der Geschichtswissenschaft noch wenig beachtet ist der Begriff der Transkulturation, der vom kubanischen Anthropologen Fernando Ortiz bereits 1940 entwickelt wurde. Gemäß der damaligen Definition von Akkulturation möchte er damit »den Prozess des Transits von einer Kultur zu einer andern bezeichnen, sowie die sozialen Auswirkungen jeglicher Art, die mit einem solchen Prozess einhergehen. ›Transkulturation‹ ist jedoch der angemessenere Begriff.«20 Angesichts der kubanischen Geschichte stellt er eine immense Mestizierung (amestizamiento) von Völkern und Kulturen in Kuba fest, was erst die spezifische, von vielen verschiedenen Einflüssen geprägte kubanische Nation geschaffen habe.21 Fernando Ortiz bemüht bei seiner Darstellung das Bild vom Kind, das Eigenschaften von beiden Elternteilen hat, aber auch von beiden verschieden ist. Damit relativiert er die Annahme einer rein europäischen Prägung Lateinamerikas und stellt in Kuba eine Verschmelzung von Kulturen aus aller Welt fest. Silvia Spitta greift diesen Ansatz auf und definiert transkulturelle Subjekte als etwas, das zwischen zwei Welten, Kulturen, Sprachen usw. steht.22 Indirekt ist diese Theorie ebenfalls in der mittelalterlichen Geschichtsforschung vertreten, denn eine Grundthese lautet, dass aus christlich-römischen und germanischen Elementen etwas spezifisch Neues – eben das europäische Mittelalter – entstand.

Kulturtransfer schließlich legt den Schwerpunkt auf die vielfältige Mobilität von Ideen, Wissen und Gütern und wurde in den 1980er Jahren von Michel Espagne und Michael Werner im Rahmen eines deutsch-französischen Forschungsprojekts zum kulturellen Austausch konzipiert. »Selbstverständlich wird ein interkultureller Transfer nicht nur von abstrakten Konjunkturen und geistigen Konstellationen bestimmt: er ist zuallererst das Werk realer Vermittlerpersönlichkeiten.«23 Besonders zu beachten ist bei diesem Ansatz die Divergenz im Rahmen des kulturellen Transfers:

»Explizite Begründung und tatsächliche Funktion der kulturellen Fremdanleihen stimmen nur selten überein, zumal das jeweilige Transferobjekt ja in Ausgangs- und Rezeptionskultur einen verschiedenen Stellenwert besitzt und damit per definitionem interpretatorisch multivalent wird. Deshalb hat die Transferanalyse auch die Geschichte der jeweiligen Argumentationsreihen kritisch aufzuarbeiten, mit denen die Akteure des Transfers ihr Verhalten begründet und legitimiert haben.«24

Gerade die Mediävistik hat aus der Sicht von Michel Espagne und Michael Werner dieses Auseinanderstreben schon früh erkannt. Kulturtransfer beschäftigt sich also mit der realen und der geistigen Mobilität von Individuen und Gruppen, in weiterer Folge mit ihrem Wissen, das sich zum Beispiel ebenso in Form von Büchern materialisieren kann. Daneben öffnet sich noch eine weitere Perspektive im Verhältnis von Ausgangs- und Rezeptionskultur. Die ältere Forschung hat dieses Verhältnis oft mit Kulturgefälle im Sinne einer Über- und Unterlegenheit gedeutet. Allerdings erfolgte die Auswahl der transferierten Ideen und Güter sehr selektiv. Es geht nicht nur um den Wunsch nach Modernisierung, sondern vor allem um die Einleitung von Veränderung bis hin zur vollen Absorption des Transferierten. »Nicht der Wille zum Export, sondern die Bereitschaft zum Import steuert hauptsächlich die Kulturtransfer-Prozesse.«25

Abzugrenzen ist die Forschung nach dem Kulturtransfer allerdings von gängigen literaturwissenschaftlichen Konzepten: »Transferforschung ist weder Einfluss- noch geläufige Rezeptionsforschung.«26 Vielmehr rücken Einzelpersonen, Institutionen oder Medien und ihre Netzwerke in den Vordergrund. Die Erforschung des Kulturtransfers stellt nach Michel Espagne kein neues Dogma der Kulturgeschichte auf, sondern lenkt »die Aufmerksamkeit auf die Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie setzt der Nationalgeschichte eine neue Geschichte der Regionen und ihrer Einbettung in internationale Verflechtungen entgegen, sie stellt die Gültigkeit der nationalen Gründungsmythen in Frage und gestaltet einen europäischen Raum, der nicht auf eine projektierte Globalisierung hinausläuft.«27

Als Problem dieses Konzeptes gilt, dass trotz allem ein Kulturgefälle angenommen wird. »Ferner impliziert der Transfer den Weg von A nach B, schließt also nur zwei Objekte ein und lässt damit die oft mehrpoligen Beziehungsgeflechte außer Acht.«28 Michel Espagne denkt wohl an einen trilateralen Kulturtransfer, er sieht ihn aber einerseits nur als Form der Durchquerung eines geographischen oder geistigen Raumes und andererseits als »Versuch, den Einfluss eines fremden Kulturraums mithilfe eines dritten abzuwehren.«29 Obwohl das Konzept für die Neuzeit – und zwar für die Zeit nach der Durchsetzung einer Nationalkultur ab der Mitte des 18. Jahrhunderts – entwickelt wurde, gibt es mittlerweile eine große Anzahl von Kulturtransfer-Forschungen zum Mittelalter. Im Mittelpunkt des Interesses stehen weltliche und geistliche Höfe, Handel und Kunst, Kommunikation und natürlich Wissenstransfer. Kulturtransfer spielt vor allem in Zusammenhang mit Repräsentation eine bedeutende Rolle.

In den Bereich von Akkulturation, Transkulturation und Kulturtransfer sind dann die größeren Kulturströmungen des Mittelalters einzuordnen: Christianisierung und Islamisierung sowie Romanisierung und Germanisierung. Immerhin finden sich im Mittelalter durchgehend internationalisierte Kreise: Adel, Kirche und Experten aller Art. Sie sind höchst mobil und transferieren Ideen und Wissen quer über den Kontinent. Die Thematik reicht aufgrund der üppigen Überlieferung weit in das Fach Kunstgeschichte hinein, denn so können die Hauptströmungen Romanik, Gotik und Renaissance mit ihren vielfältigen Varianten am besten verstanden werden. Die mittelalterliche Geschichtsforschung geht mit diesen verschiedenen Konzepten überaus pragmatisch um. Michael Borgolte und Bernd Schneidmüller bringen das auf den Punkt mit der Feststellung: »Kulturen sind Kombinationen unterschiedlicher Elemente, Versatzstücke, Traditionen. Kulturen sind zusammengesetzt, hybrid.«30 Vielleicht wäre liquid ein zusätzlicher Begriff, denn alles fließt ineinander und ist niemals gleich – panta rhei!

Leseempfehlungen

Robert Redfield, Ralph Linton, Melville J. Herskovits, Memorandum for the Study of Acculturation. In: American Anthropologist NS 38 (1936), S. 149–152.

Michel Espagne, Michael Werner, Deutsch-französischer Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert. Zu einem neuen interdisziplinären Forschungsprogramm des C.N.R.S. In: Francia 13 (1985), S. 502–510.

Michel Espagne, Michael Werner, Deutsch-französischer Kulturtransfer als Forschungsgegenstand. Eine Problemskizze. In: Transferts. Les relations interculturelles dans l’espace franco-allemand (XVIIIe et XIXe siècle). Hgg. Michel Espagne, Michael Werner. Paris 1988, S. 11–34.

John W. Berry, Psychology of Acculturation. Understanding Individuals Moving Between Cultures. In: Applied Cross-Cultural Psychology. Hg. Richard W. Brislin (Cross-Cultural Research and Methodology Series 14). Newbury Park-London-New Dehli 1990, S. 232–253.

Rudolf Hiestand, »Europa« im Mittelalter – vom geographischen Begriff zur politischen Idee. In: Europa – Begriff und Idee. Historische Streiflichter. Hg. Hans Hecker (Kultur und Erkenntnis 8). Bonn 1991, S. 33–48.

Jürgen Osterhammel, Kulturelle Grenzen in der Expansion Europas. In: Saeculum 46 (1995), S. 101–138.

John W. Berry, David L. Sam, Acculturation and Adaption. In: Handbook of Cross-Cultural Psychology 3: Social Behavior and Applications. Hgg. John W. Berry u. a. Boston u. a. 21996, S. 291–326.

Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Hgg. Jörg Döring, Tristan Thielmann. Berlin 2008.

Florian Hartmann, Kerstin Rahn, Kulturtransfer – Akkulturation – Kulturvergleich. Reflexion über hybride Konzepte. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 90 (2010), S. 470–492.

Thomas Keller, Kulturtransferforschung: Grenzgänge zwischen den Kulturen. In: Kultur. Theorien der Gegenwart. Hgg. Stephan Moebius, Dirk Quadflieg. Wiesbaden 22011, S. 106–119.

Fernando Ortiz, Vom Phänomen der ›Transkulturation‹ und von seiner Bedeutung in Kuba (1940). In: Lateinamerikanische Kulturtheorien. Hgg. Isabel Exner, Gudrun Rath. Konstanz 2015, S. 51–57.

1 Edward W. Soja, Vom »Zeitgeist« zum »Raumgeist«. New Twists on the Spatial Turn. In: Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Hgg. Jörg Döring, Tristan Thielmann. Berlin 2008, S. 241–262, hier S. 246.

2 Bachmann-Medick, Cultural Turns, S. 289.

3 Eric Piltz, »Trägheit des Raums«. Fernand Braudel und die Spatial Stories der Geschichtswissenschaft. In: Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Hgg. Jörg Döring, Tristan Thielmann. Berlin 2008, S. 75–102, hier S. 79.

4 Jörg Döring, Tristan Thielmann, Einleitung: Was lesen wir im Raume? Der Spatial Turn und das geheime Wissen der Geographen. In: Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Hgg. Jörg Döring, Tristan Thielmann. Berlin 2008, S. 7–45, hier S. 11.

5 Carl Ritter, Einleitung zur allgemeinen vergleichenden Geographie, und Abhandlungen zur Begründung einer mehr wissenschaftlichen Behandlung der Erdkunde. Berlin 1852, S. 168.

6 Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. München-Wien 2003, S. 70.

7 Roland Lippuner, Julia Lossau. In der Raumfalle. Eine Kritik des spatial turn in den Sozialwissenschaften. In: Soziale Räume und kulturelle Praktiken. Über den strategischen Gebrauch von Medien. Hgg. Georg Mein, Markus Rieger-Ladich. Bielefeld 2004, S. 47–63, hier S. 61.

8 Piltz, Trägheit des Raumes, S. 78.

9 Klaus Herbers, »Europäisierung« und »Afrikanisierung« – Zum Problem zweier wissenschaftlicher Konzepte und zu Fragen kulturellen Transfers. In: España y el »Sacro Imperio«. Procesos de cambios, influencas y acciones recíprocas en la época de la »europeización« (siglos XI–XIII). Hgg. Julio Valdeón u. a. (Historia y Sociedad 97). Valladolid 2002, S. 11–31, hier S. 20.

10 Klaus Herbers, Peripherie oder Zentrum? Spanien zwischen Europa und Afrika. In: Europa im späten Mittelalter. Politik – Gesellschaft – Kultur. Hgg. Rainer C. Schwinges u. a. (Historische Zeitschrift Beihefte NF 40). München 2006, S. 99–124, hier S. 124.

11 Rudolf Hiestand, »Europa« im Mittelalter – vom geographischen Begriff zur politischen Idee. In: Europa – Begriff und Idee. Historische Streiflichter. Hg. Hans Hecker (Kultur und Erkenntnis 8). Bonn 1991, S. 33–48, hier S. 36.

12 Michael Borgolte, Perspektiven europäischer Mittelalterhistorie an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In: Das europäische Mittelalter im Spannungsbogen des Vergleichs. Zwanzig internationale Beiträge zu Praxis, Problem und Perspektiven der historischen Komparatistik. Hg. Michael Borgolte (Europa im Mittelalter 1). Berlin 2001, S. 13–27, hier S. 16.

13 Susi K. Frank, Eurasianismus: Projekt eines russischen »dritten Weges« 1921 und heute. In: Europa und die Grenzen im Kopf. Hgg. Karl Kaser u. a. (Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens 11). Klagenfurt 2003, S. 197–226.

14 Jürgen Osterhammel, Kulturelle Grenzen in der Expansion Europas. In: Saeculum 46 (1995), S. 101–138, hier S. 108–112.

15 Robert Redfield, Ralph Linton, Melville J. Herskovits, Memorandum for the Study of Acculturation. In: American Anthropologist NS 38 (1936), S. 149–152, hier S. 149.

16 John W. Berry, Psychology of Acculturation. Understanding Individuals Moving Between Cultures. In: Applied Cross-Cultural Psychology. Hg. Richard W. Brislin (Cross-Cultural Research and Methodology Series 14). Newbury Park u. a. 1990, S. 232–253, hier S. 233.

17 John W. Berry, Acculturation: Living Successfully in Two Cultures. In: International Journal of Intercultural Relations 29 (2005), S. 697–712, hier S. 699 f.

18 John W. Berry, David L. Sam, Acculturation and Adaption. In: Handbook of Cross-Cultural Psychology 3: Social Behavior and Applications. Hgg. John W. Berry u. a. Boston u. a. 21996, S. 291–326.

19 Florian Hartmann, Kerstin Rahn, Kulturtransfer – Akkulturation – Kulturvergleich. Reflexion über hybride Konzepte. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 90 (2010), S. 470–492, hier S. 476.

20 Fernando Ortiz, Vom Phänomen der ›Transkulturation‹ und von seiner Bedeutung in Kuba (1940). In: Lateinamerikanische Kulturtheorien. Hgg. Isabel Exner, Gudrun Rath. Konstanz 2015, S. 51–57, hier S. 51.

21 Fernando Ortiz, Del fenómeno social de la »transculturación« y de su importancia en Cuba. In: Revista Bimestre Cubana 46 (1940), S. 273–278, hier S. 274.

22 Silvia Spitta, Between Two Waters: Narratives of Transculturation in Latin America. Houston 1995, S. 24.

23 Michel Espagne, Michael Werner, Deutsch-französischer Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert. Zu einem neuen interdisziplinären Forschungsprogramm des C.N.R.S. In: Francia 13 (1985), S. 502–510, hier S. 506.

24 Michel Espagne, Michael Werner, Deutsch-französischer Kulturtransfer als Forschungsgegenstand. Eine Problemskizze. In: Transferts. Les relations interculturelles dans l’espace franco-allemand (XVIIIe et XIXe siècle). Hgg. Michel Espagne, Michael Werner. Paris 1988, S. 11–34, hier S. 20.

25 Matthias Middell, Von der Wechselseitigkeit der Kulturen im Austausch. Das Konzept des Kulturtransfers in verschiedenen Forschungskontexten. In: Metropolen und Kulturtransfer im 15./16. Jahrhundert. Prag – Krakau – Danzig – Wien. Hgg. Andrea Langer, Georg Michels (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa 12). Stuttgart 2001, S. 15–51, hier S. 18.

26 Thomas Keller, Kulturtransferforschung: Grenzgänge zwischen den Kulturen. In: Kultur. Theorien der Gegenwart. Hgg. Stephan Moebius, Dirk Quadflieg. Wiesbaden 22011, S. 106–119, hier S. 107.

27 Michel Espagne, Der theoretische Stand der Kulturtransferforschung. In: Kulturtransfer. Kulturelle Praxis im 16. Jahrhundert. Hg. Wolfgang Schmale (Wiener Schriften zur Geschichte der Neuzeit 2). Innsbruck u. a. 2003, S. 63–75, hier S. 73.

28 Hartmann/Rahn, Kulturtransfer – Akkulturation – Kulturvergleich, S. 483.

29 Espange, Der theoretische Stand, S. 69.

30 Michael Borgolte, Bernd Schneidmüller, Vorwort. In: Hybride Kulturen im mittelalterlichen Europa. Vorträge und Workshops einer internationalen Frühlingsschule / Hybrid Cultures in Medieval Europe. Papers and Workshops of an International Spring School. Hgg. Michael Borgolte, Bernd Schneidmüller (Europa im Mittelalter 16). Berlin 2010, S. 7 f. hier S. 7.

4 Handlungen und Zeichen

Bis heute sind weite Teile des öffentlichen Lebens – ob Staat, Politik, Religion, Unterhaltung oder natürlich Sport – von ritualisierten symbolischen Handlungen und Zeichen geprägt. Der lange vorherrschende Fokus auf Texte hat in den Kulturwissenschaften den Blick darauf weitgehend verstellt. Gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind alte Rituale in der öffentlichen Diskussion immer häufiger hinterfragt und abgelehnt worden. Sie wurden als Ausdruck von vormodernen Machtverhältnissen verstanden, die einer modernen, auf Gleichheit aufbauenden Gesellschaft widersprachen. An ihrer Stelle sind neue Rituale in modernen Kontexten aufgekommen. In den Kulturwissenschaften wird die zunehmende Beschäftigung mit symbolischen Handlungen und Zeichen gerne als performative turn bezeichnet. Der dazu gehörige deutsche Neologismus Performanz beschreibt ein Verhalten in einer konkreten Situation. Im kulturwissenschaftlichen Kontext wird das Wort ähnlich dem englischen Verb to perform verwendet und verweist damit auf ein nicht wiederholbares kontextualisiertes Ereignis wie etwa in der darstellenden Kunst eine Performance. »Aus Ereignissen, Praktiken, materiellen Verkörperungen und medialen Ausgestaltungen werden die Hervorbringungs- und Veränderungsmomente des Kulturellen erschlossen.«1

Im performative turn wird Ritual als Begriff aus der Ethnologie und Religionswissenschaft mit den theaterwissenschaftlichen Terminologien Aufführung und Inszenierung verbunden. So entstand ein völlig neuer kulturwissenschaftlicher Ansatz, der erhebliche Parameter veränderte. Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte geht sogar so weit, dass »Kultur als Text« von »Kultur als Performance« abgelöst worden sei: Seit den 1970er Jahren »trat eine Begrifflichkeit in den Vordergrund, die dem Theater entliehen ist – Inszenierung, Spiel, Maskerade, Spektakel, Verkörperung.«2 Nun sind Beziehungen – vor allem aber Spannungsverhältnisse – von Interesse, als Begriff rückt auch für Rituale die Theatralität in den Mittelpunkt. Sie ist die Symbiose von Wahrnehmung, Bewegung und Sprache.3

Im Rahmen der Kulturwissenschaften ebenfalls untersucht wird die Körperverwendung in kommunikativen Prozessen außerhalb des Theaters. Das geht hin bis zum Tanz im öffentlichen Raum, der gerade in der Vormoderne ein zentraler Bestandteil der symbolischen Kommunikation ist: »Aus tänzerischen Bewegungsformen können Beobachter nicht nur Gesundheitszustand und Körperkontrolle des Tanzenden ablesen, sondern auch Rückschlüsse auf politische und militärische Kompetenzen ziehen.«4 Es lässt sich sogar feststellen, »dass der Tanz im kirchlichen Kontext des Spätmittelalters kein Fremdkörper war, sondern in vielfacher Weise in die Religiosität eingebunden war.«5 Kleriker tanzten selbst und richteten Tanzveranstaltungen aus, Tanzkritik und Tanzverbot bezogen sich auf Einzelbeispiele. »Tanzen wurde geachtet als ein ständisch differenziertes Recht und als eine soziale Pflicht.«6 Ebenfalls in ganz Europa ihren Platz hatten Totentänze, die »real vollzogen wurden an der Bahre von Verstorbenen, auf Grabhügeln oder auf Friedhöfen im Umkreise von Kirchen.«7

Im Zentrum der Beobachtung steht das Theatrale. Es »ereignet sich im Gesamtverhalten, in nahezu allen Ausdrucksmöglichkeiten der Körper, einschließlich des unmittelbaren Umgangs mit Dingen (Kostümierung).«8 So wird dann – als Voraussetzung einer Wahrnehmung – Inszenierung als gestaltete Aufführung zu einem maßgeblichen Begriff. Sie steht in engem Zusammenhang mit Ästhetik. Damit »funktioniert der Begriff der Inszenierung als ein markanter Schnittpunkt im interdisziplinären Diskurs.«9 Eine Aufführung stellt ein nicht wiederholbares Ereignis dar. Darstellende und Publikum sind nicht losgelöst voneinander, sondern interagieren. »In diesem Sinne laufen Produktion und Rezeption gleichzeitig ab und bedingen einander.«10 Die Anwesenden müssen dabei mehrere Sinne zugleich einsetzen und können mitunter den Überblick verlieren. Hier öffnet sich dann der Raum für Illusionen. »In jedem Aufführungsaugenblick strömen von der Bühne gleichzeitig Ausdruckselemente auf die Zuschauer ein, die völlig unterschiedlichen Zusammenhängen entstammen.«11 Zu berücksichtigen wären simultan zum Beispiel Sprache, Mimik, Gestik, Kleidung, Requisiten, Umgebung, Beleuchtung, Musik und Geräusche.12 Deshalb werden Aufführungen zuerst einmal erfahren und später verstanden. Vieles erschließt sich erst in kommunikativen Prozessen aus der Retrospektive, indem Bilder hervorgerufen werden.

Ausgangspunkt vieler Ansätze in der Ritualforschung sind jene Überlegungen, die John L. Austin im Jahre 1955 im Rahmen einer Vorlesung zur Theorie der Sprechakte anstellte. Ihm war es dabei wichtig, die seit der Antike übliche alleinige Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Aussage aufzubrechen. Für John L. Austin ist jedes Sprechen zugleich eine Handlung. Dabei unterscheidet er zwischen Lokution als einfache sprachliche Äußerung (etwas sagen), Illokution als durchgeführte Handlung (etwas vollziehen, indem man etwas sagt) und Perlokution als Folgewirkung (dadurch, dass man etwas sagt).13 Kulturwissenschaftlich von großem Interesse sind Situationen, in denen formelhafte Sprache und Handlung zusammenfallen, wie das etwa bei Riten der Fall ist. Erika Fischer-Lichte fügt zu John L. Austins Überlegungen noch hinzu: »Ein performativer Akt ist ausschließlich als ein verkörperter zu denken.«14

Teilweise wendet sich der performative turn gegen einen zu ausgeklügelten Kulturbegriff, der als »ein kollektives System, als ein symbolischer Code oder als ein lesbarer Text« definiert wird. Dem wird eine Pragmatik der Kultur als soziale Praxis gegenübergestellt.15 Dabei geht es in erster Linie um knowing how (Können) und nicht um knowing that (Wissen), das erst darauf aufbaut.16 Übernommen wird des Weiteren eine These aus der Soziologie, die besagt, dass Menschen meist bestimmte soziale Praktiken ausleben und nicht intentional – also zielgerichtet – handeln.17 In der Praxis verhält sich jeder unterschiedlich geschickt und extrem situativ, was zu ständigen Modifikationen führt. Damit kann die gelebte Praxis mitunter stark variieren. Für Erika Fischer-Lichte hingegen hat sich der linguistic bzw. semiotic turn keinesfalls erledigt: »Das Semiotische und das Performative bilden entsprechend nicht ein Oppositionspaar, sondern ein Wechselverhältnis.«18

Mit dem Ritual bzw. dem religiösen Kult beschäftigte sich bereits die wissenschaftliche Forschung im 19. Jahrhundert. Bei Anhängern der reformierten Kirchen war der Begriff allerdings belastet, denn es herrscht seit dem Reformator Johannes Calvin eine ausgeprägte antiritualistische Haltung.19 So kommt es auch, dass Edward B. Tylor, der Begründer der britischen Sozial- bzw. Kulturanthropologie, den römisch-katholischen Glauben »wegen der Beibehaltung von Riten, die weit natürlicher mit einer barbarischen Cultur in Einklang stehen,« geringer schätzt und so in der »Culturwissenschaft wesentlich eine Wissenschaft der Reformation« sieht.20 Im anglo-amerikanischen Raum wurde der Betriff Ritual im 19. Jahrhundert zunehmend gegenüber außereuropäischen Glaubensvorstellungen als Gegensatz zur eigenen christlichen Religion bzw. anderen monotheistischen Religionen verwendet. So wird er zum Beispiel mit Menschenopfer, Kannibalismus, Witwenverbrennung, Hexerei und Aberglaube sowie Unterdrückung der geistigen Freiheit und des Fortschritts durch die römisch-katholische Kirche gleichgesetzt.21 Im frühen 20. Jahrhundert kamen Konnotationen mit dem Mystizismus, Exotismus und Okkultismus auf. Dadurch wurde das Ritual zu einer vormodernen Erscheinungsform der Unfreiheit, da man sich ihm unterwerfen musste.22 Allerdings hat schon 1970 Mary Douglas in ihrer vergleichenden Analyse von Industriegesellschaft und Stammeskultur darauf hingewiesen, »daß magische Riten nicht überall auf der Welt gleichwertig sind und daß das Interesse an der Wirksamkeit magischer Handlungen mit der Stärke der sozialen Bindungen variiert.«23 Das bedeutet, dass Rituale bei der Auflösung von Gruppen ebenfalls verschwinden und neu formierte Gruppen wieder Rituale einrichten. Zwischen primitiv und religiös kann also kein kausaler Zusammenhang hergestellt werden. Gegenüber der anglo-amerikanischen Diskussion akzeptierte die katholische Religionswissenschaft den modernen Ritualbegriff relativ schnell, da dieser Glaube von alters her den Begriff Ritus als Konsens für geordnete Traditionen und Gebräuche vor allem in Bezug auf die Liturgie kennt.

»Die Ritualwissenschaft profitiert davon, dass in allen bekannten Kulturen und auch in der aktuellen globalen Kultur rituelles Handeln ordnungs-, macht- und repräsentationspolitisch privilegiert wird, was dazu geführt hat, dass Rituale zu den am besten überlieferten und dokumentierten Bereichen kultureller Systeme gehören.«24

Mit einem Ritual werden zentrale Botschaften vermittelt. So konstituiert der Ritus maßgeblich die Gemeinschaft, daraus erst entstehen die Mythen.25 Jane Ellen Harrison wies bereits 1912 darauf hin, dass der Ursprung des griechischen Theaters und der griechischen Religion eng miteinander verwoben sind.26 Prägend für den modernen Ritualbegriff wurde der Ethnologe Victor Turner, der sich eingehend mit dem Themenkomplex Symbol, Mythos und Ritual beschäftigte. Er baute wiederum auf die Theorie der Übergangsriten von Arnold van Gennep auf. Dieser bettet Zeremonien in eine magisch-religiöse vormoderne Welt ein, die Riten bei allen Abläufen bzw. Veränderungen in Natur (wie die Jahreszeiten oder Mondphasen) und menschlichem Leben (von der Geburt bis zum Tod) kennt. Arnold van Gennep bildete schließlich drei Kategorien von Übergangsriten (rites de passage): Trennungsriten (rites de séparation) stehen für eine Ablösephase, Schwellen- bzw. Umwandlungsriten (rites de marge) für eine Zwischenphase – wobei sich Schwelle auf einen Raum und Umwandlung auf einen Zustand beziehen – und Angliederungsriten (rites d’agrégation) für eine Integrationsphase.27 Victor Turner beschäftigte sich daraufhin eingehender mit dem Schwellenzustand – der Liminalität – bzw. den Schwellenpersonen. »Schwellenwesen sind weder hier noch da; sie sind weder das eine noch das andere, sondern befinden sich zwischen den vom Gesetz, der Tradition, der Konvention und dem Zeremonial fixierten Positionen.«28 Dementsprechend wird ihr Zustand bei den verschiedenen Stämmen als tot, im Mutterschoß, unsichtbar, bisexuell oder mit Sonnen- oder Mondfinsternis beschrieben. Es sind Wesen, die nichts besitzen, zum Teil als nackt gelten. Sie verhalten sich passiv und demütig. Es ist ein Zustand der Neuformierung, in dem sie sogar mit neuen Kräften ausgestattet werden. Untereinander haben diese Neophyten eine intensive und gleichrangige zwischenmenschliche Beziehung, die oft das ganze Leben lang währt. In weiterer Folge beschäftigt sich Turner mit dem Unterschied zwischen einer strukturierten hierarchischen Gesellschaft und der undifferenzierten unmittelbaren Gemeinschaft (communitas).

Der amerikanische Ritualforscher Ronald Grimes schlägt sechs Arten ritueller Erfahrung vor, die sich nicht immer ganz scharf voneinander unterscheiden lassen. Am Anfang steht die prinzipielle (1) Ritualisierung einfacher Handlungen, sie ist die Grundlage aller weiteren Formen. Eine (2) Anstandsregel, seit der Antike als decorum bekannt, drückt das angemessene Verhalten aus und wird oft im Sinne eines Interaktionsrituals interpretiert. Begrüßen und Verabschieden sind die einfachsten Beispiele dafür. (3) Zeremonien heben sich über das Soziale bereits hinaus. Hinter ihnen steht eine größere Absicht, hier tritt die Gemeinschaft schon deutlicher hervor. Oft geht es bei Zeremonien um den Ausdruck von Respekt gegenüber Ämtern, Vergangenheit oder Zielen einer Gesellschaft. Als (4) Magie wird eine Wirkung bezeichnet, die durch Rituale herbeigeführt werden soll. Die Spannbreite reicht von Flüchen bis zu Heilungsritualen. Schließlich folgt die (5) Liturgie, die deutlich von Magie zu unterscheiden ist. Sie weist Transzendenz und Universalität auf und gibt Antworten auf die Frage des Seins. Sie steht für das Heilige selbst, man begegnet ihm demütig und wartet auf Erleuchtung. Liturgie drückt Anteilnahme an der Macht aus, vergegenwärtigt Ereignisse und gibt stabile Strukturen. Außerdem gibt es noch die (6) Feier, die spielerisch ist, Gefühle hervorruft und spontan sein kann. In ihr gibt es kein genau festgelegtes Handeln, kein Ziel und keine Magie.29 Eine Feier kann mitunter eine Gegenwelt zu den anderen Typen von Ritualen sein, wie sie im Karneval vielleicht am besten repräsentiert ist.

Einen anderen Zugang wählt der Germanist Wolfgang Braungart. Für ihn sind Literatur und Ritual mitunter ähnlich:

»Literatur weist in ihrer Produktion und Rezeption, ihrer ästhetischen Form, ihrer Struktur, ihrem Inhalt und ihrer thematischen Bezugnahme, ihrer sozialen Einbindung, ihrer sozialen Inszenierung und ihrer sozialen Organisation Bezüge zum Ritual auf. Sie kann selbst als Ritual inszeniert und praktiziert werden. Form ist beim Ritual wie beim Kunstwerk Bewältigung.«30

In literarischen Texten gibt es viele rituelle Elemente und nicht zuletzt Themen wie zum Beispiel die Liminalität. Wolfgang Braungart stellt Rituale fest:

»a) durch die Wiederholung einer Handlung; b) durch Festlichkeit und Feierlichkeit; c) durch Selbstbezüglichkeit; d) durch Akteure und Zuschauer, die sich der Bedeutsamkeit des Rituals bewußt sind; e) durch eine ästhetisch-symbolische Ausgestaltung, die das Ritual heraushebt und unterscheidet.«31

Konsens der meisten Theorien ist, dass Rituale aus dem normalen Leben herausgehoben sind, ein anwesendes Publikum mit persönlicher Erfahrung brauchen, einem geregelten, reproduzierbaren Ablauf folgen und etwas Wichtiges für eine Gruppe ausdrücken müssen. Weitere Kriterien hängen meist von der Forschungsfrage ab.

In der Geschichtswissenschaft ist erst in jüngster Zeit von Performanz die Rede, ältere Begriffe sind symbolische Kommunikation bzw. Ritualforschung. Der Begriff symbolische Kommunikation wird mitunter kritisch gesehen, denn streng genommen sind Schriftzeichen und Bilder ebenfalls Symbole.32 Das Konzept der symbolischen Kommunikation geht davon aus, dass Bedeutungen, Werte, Zeichen und Metaphern zur sozialen Organisation führen. »Rituale lassen sich dementsprechend wie ein Text lesen bzw. interpretieren.«33 Der Sozialanthropologe Edmund Leach geht davon aus, dass wir uns als Gesellschaft bzw. Gruppe in Ritualen selbst etwas sagen wollen, auch wenn die Interpretationen des Gesagten auseinander gehen: »Wir betätigen uns in Ritualen, um uns selber kollektive Botschaften zu übermitteln.«34

Gerade im Bereich der mittelalterlichen Geschichtsforschung ist der Ansatz der symbolischen Kommunikation weit gediehen, aber zum Teil heftig umstritten. Frühe Darstellungen stammen bereits von Marc Bloch, der 1924 auf Französisch ein Buch über wundertätige Könige veröffentlichte,35 und Percy Ernst Schramm, der sich in den 1950er Jahren mit Herrschaftszeichen und Staatssymbolik auseinandersetzte.36 Die neueren historischen Forschungen sind vor allem mit dem Kreis um Gerd Althoff verbunden, der bereits in den 1980er Jahren durch seine Forschungen zu Herrschaftsordnungen bzw. Konfliktführungen auf dieses Thema stieß. Für Gerd Althoff stellt sich die mittelalterliche Kommunikation als demonstrativ-rituell dar. Kleidung, Geste, Emotion transportierten Botschaften, klärten über Zustände und Verhältnisse positiver und negativer Art auf, was wiederum – sofern die Zeichen verstanden wurden – die Ordnung stabilisierte. Eine entsprechende Inszenierung trug wesentlich zum Funktionieren dieses Systems bei. »Neben und teilweise anstelle der Sprache praktizierten die Führungsschichten Formen differenzierter nonverbaler Kommunikation, die eine wichtige Aufgabe erfüllten.«37

In diesem Zusammenhang spielt der Begriff der Öffentlichkeit eine besondere Rolle. Jürgen Habermas hat diese dem Mittelalter noch abgesprochen: »Öffentlichkeit als ein eigener, von einer privaten Sphäre geschiedener Bereich lässt sich für die feudale Gesellschaft des hohen Mittelalters soziologisch, nämlich anhand institutioneller Kriterien, nicht nachweisen.«38 Er geht von einer feudal-repräsentativen Öffentlichkeit aus. Allerdings gab es bereits in den 1920er Jahren erste Begriffsbestimmungen von Öffentlichkeit im Mittelalter.39 Und schon vor Gerd Althoff widersprach Bernd Thum der Behauptung Jürgen Habermas’ heftig.40 So kennt einerseits die mittelalterliche Literatur sehr genau den Begriff offenbaren für veröffentlichen,41 andererseits haben Urkunden mit der sogenannten publicatio eine formelhafte Stelle, in der sogar die zukünftige Öffentlichkeit angesprochen wird. Für Gerd Althoff unterliegen vor allem aufgrund des öffentlichen Drucks alle Beteiligten einem »beträchtlichen Zwang zum ›Mitspielen‹, anderweitiges Verhalten bedeutete ein ›Aus-der-Rolle-Fallen‹, eine Störung dieser Ordnung. Durchdenkt man die Konsequenzen dieses Kommunikationsstils, so fällt es nicht schwer zu erkennen, wieviel Machtausübung mit ihm verbunden war. Man mußte mitspielen.«42 Zugleich wird Absenz zu einer Aussage. Das bedeutet, dass politische Rituale des Mittelalters nicht magisch-geheimnisvoll sein konnten, auch wenn mitunter religiöse Rituale als Vorbild dienten: »Zumindest die aktiven Teilnehmer an dieser Kommunikation mussten Grammatik und Semantik der Zeichen beherrschen.«43 Das bedeutet schließlich, dass besonders theatralisches Verhalten als abgesprochen, als inszeniert verstanden werden muss. Auf alle Fälle gehört das Theatrale unbedingt zu allen öffentlichen Akten dazu: »›Spektakel der Macht‹ waren es, weil sie politische und soziale Macht sowohl verliehen als auch sichtbar machten.«44

Noch eine weitere Dimension der symbolischen Kommunikation erschließt sich den heute lebenden Menschen nur schwer: Das mittelalterliche Recht funktionierte nach anderen Prinzipien als das moderne. Meist wird mit einer Geste nicht näher definiert, was genau vereinbart wurde. »Herrschende Prinzipien waren nicht Totalität und Egalität, wichtiger waren Situativität und Präsenz.«45 Die Schriftlichkeit ist wenig ausgeprägt, Formulierungen bleiben meist vage, viel mehr wird immer wieder an ein allgemeines Verständnis – oft genug bezeichnet mit ›wie es Recht ist‹ – appelliert. »Symbolisch-rituelle Kommunikation im Mittelalter war in der Tat durch ein Ausmaß von Ambiguität gekennzeichnet, das sie in modernen Augen als ungeeignet für die Stiftung von Ordnung erscheinen lässt.«46 Das mittelalterliche Recht kennt gar keine Rechtsnormen, das ist erst ein moderner Begriff.47 Vielfach wird daher der Terminus Rechtsgewohnheiten verwendet. Diese sind »als Bestandteile einer Kultur zu begreifen, in der Rechtsentwicklung und gerichtliche Streitentscheidung weithin noch nicht durch Gesetzgebung und Rechtswissenschaft vorgeprägt sind« und Schriftlichkeit noch weitgehend fehlt.48 Gerd Althoff möchte mit dem Begriff Spielregeln genau dieses Unverbindliche ausdrücken.

»Diese Praktiken regelten das Mit- und Gegeneinander der politisch Mächtigen. Sie lieferten das Gerüst, auf dessen Grundlage der Kampf um Macht und Einfluss gemeinhin geführt wurde, der unter ihrem Eindruck dann wie eine Auseinandersetzung um Ansehen und Anerkennung aussah.«49

Lange genug wurde dieses Verhalten in der Geschichtswissenschaft nicht wahrgenommen.

Aus Gerd Althoffs Initialzündung, die sich vor allem den mittelalterlichen Führungsschichten widmete, entwickelten sich zahlreiche neue Fragestellungen zur symbolischen Kommunikation, denen öffentlich geförderte Großprojekte folgten. »Das Thema scheint wie wenige andere geeignet, die mediävistischen Disziplinen in großer Zahl zusammenzuführen und auch über sie hinaus Interesse zu finden.«50 Oft genug befindet sich dabei als Ausgangspunkt weiterhin der Hof – vor allem der Kaiser- oder Papsthof – im Mittelpunkt. Beide Oberhäupter stehen für eine spezifische Art von Repräsentation und Herrschaftshandeln. Gleich daran knüpft sich aber die Frage des Ranges und in weiterer Folge die Frage der Ehre innerhalb der höfischen Gesellschaft an, womit zusätzliche Höfe in den Blickpunkt kommen. Die Kultur der Bitte und jene der Unterwerfung – beide begleitet von Interventionen – spielen beim Funktionieren dieses Systems eine entscheidende Rolle. Sogar das Scheitern einer repräsentativen Handlung, was oft genug in Gelächter oder Tumult endet, kann Thema von Untersuchungen sein. Auf gleicher gesellschaftlicher Ebene spielt die Freundschaft eine Rolle, zu Konflikten wurde ebenfalls geforscht. Exotischere Themen reichen bis hin zur Barfüßigkeit oder einer tanzenden Kirche. Allgemeiner sind Emotionen wie Trauer und ihr Verhältnis zu Ritualen, Herrschafts- bzw. Machtrepräsentation. Selbstverständlich ist ebenfalls das Etablieren, Verwandeln und Auslaufen von mittelalterlichen Ritualen ein Forschungsthema geworden. Es liegt in der Natur der mittelalterlichen Welt, dass Rituale nicht präzise wiederholt werden, sondern jeweils der Situation angepasst sind. Unter dem Begriff Ritualdynamik wird das über alle Kulturwissenschaften hinweg erforscht. Es fällt auf, dass die meisten Arbeiten im Hochmittelalter angesiedelt sind und selten die Unterschicht umfassen. Erst in jüngster Zeit folgten Untersuchungen zum Spätmittelalter. Diese konnten vor allem auf den vielen bislang unveröffentlichten Quellen aufbauen.

Die in Deutschland besonders favorisierte Verfassungsgeschichte kann ebenfalls um den Aspekt Handlungen und Zeichen erweitert werden. Immerhin sollte es dabei nicht nur – wie es die traditionelle Geschichtswissenschaft betreibt – um die Amtsträger gehen, sondern darum, dass diese ihr Amt aktiv – also in ritualisierten Handlungszusammenhängen – ausüben müssen. Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Stab zu – sei es als geistliche (Bischof und Abt) oder weltliche Insignie (König und Richter).

»Die Zeichenhaftigkeit der Insignien war den Quellenautoren nicht nur bewusst, sie stellten auf sie sogar mit Vorliebe ab. Die Interpretation der Stabssymbolik diente den mittelalterlichen Autoren vielfach zur Formulierung einer idealtypischen Darstellung dessen, wozu das Amt seines Trägers Gott und dem Volk diente, welche Eigenschaften der Träger selbst haben und wie er sich in Ausübung seines Amtes verhalten sollte.«51

Die Bedeutung von Insignien ist kaum zu überschätzen, immerhin dreht sich der sogenannte Investiturstreit gerade darum.

In Bezug auf Quellen lässt sich die Ritualforschung um eine sonst in der Mediävistik vernachlässigte Gattung erweitern: Bilder bzw. Sachquellen. Bilder sind zuerst einmal in einer doppelten Rolle zu sehen: einerseits als Kultbilder, die am Kultort in rituelle Handlungen einbezogen sein können, andererseits als Abbildungen ritueller Handlungen. In einer zweiten Ebene ist der Unterschied geringer. So können rituelle Handlungen sehr sakral dargestellt werden und umgekehrt Kultbilder theatralisch sein. »Vom Hofzeremonienmeister bis zum heutigen Event-Manager werden Rituale, insbesondere in der politischen Sphäre, stets von Experten arrangiert, die auch Meister der medialen Vermittlung sind.«52 Nur so kann Bildmächtigkeit zum Ausdruck kommen.

Der Ansatz, Rituale für die Interpretation der politischen Geschichte herzunehmen, kommt allerdings bald an seine Grenzen. Zu unterschiedlich sind die Erzählungen zu ein und demselben politischen Ereignis, ihre individuelle Auslegung kann sogar zu weiteren Konflikten führen. Das hängt immanent mit dem Aufführungscharakter und der Aufmerksamkeit des Publikums zusammen.

»Weil politische Rituale, wenn sie einmal vollzogen waren, sofort Mehrdeutigkeiten hervorbringen konnten, waren diese Rituale, die so viele Historiker als politisch förderlich und gesellschaftlich stabilisierend begriffen haben, in Wahrheit gefährlich für die Teilnehmer. Sie konnten kaum verhindern, die Kontrolle über die Interpretation des Ereignisses zu verlieren.«53

Die Kritik am Ritual und an seiner Erforschung ist schon alt. Der britische Kulturwissenschaftler Jack Goody rügte bereits 1961 die Beliebigkeit der Ritualforschung,54 lehnte 1977 die Verwendung des Begriffes für die säkulare Welt ab und schlug als Alternative repetitive und formale Handlungen vor.55 Die amerikanische Religionswissenschaftlerin Catherine Bell führte diesen Gedanken weiter und plädierte für den Begriff ritualisierte Handlungen anstelle von Ritual.56 Der Historiker Philippe Buc forderte schließlich, das Wort Ritual in Bezug auf das Mittelalter als fremden Begriff überhaupt zu vergessen. Für ihn handelt es sich dabei um eine Konstruktion und schlussendlich seien nicht die Rituale selbst, sondern nur die wenigen Berichte darüber überliefert.57 Er fordert damit nichts anderes als eine stärkere Quellenkritik, die allerdings in der professionellen Forschung eine Selbstverständlichkeit sein sollte!

Mit Kritik am »Panritualismus« wird nicht gespart. Peter Dinzelbacher ist diesbezüglich in einem 2009 veröffentlichten Buch geradezu der Kragen geplatzt. Er spricht von einer kulturwissenschaftlichen Modeerscheinung, der viel zu unkritisch begegnet werde. In der konkreten Kritik an Gerd Althoff nimmt er eine Szene von 1035 heraus: Kaiser Konrad II. erlitt laut Quellen einen Zusammenbruch, als ihm sein Sohn Heinrich III. die Unterstützung bei der Absetzung Herzog Adalberos von Kärnten versagte. Peter Dinzelbacher bezweifelt eine Absprache von Vater und Sohn und damit eine Inszenierung des Vorfalls:

»Offenbar hat sich in Wirklichkeit der Kaiser so über den Sohn aufgeregt, daß er tatsächlich einen Nervenzusammenbruch erlitt, und offenbar hat ihn das so bewegt, daß er sich nicht zurückhielt, Heinrich unter Tränen umzustimmen zu versuchen. Dieser seinerseits konnte sich einer solchen Emotionalität nicht entziehen, brach ebenfalls spontan in Tränen aus und ließ den Kärntner im Stich.«58

Im Kern spricht Peter Dinzelbacher an, dass zwar viel inszeniert sein kann, aber in einer emotionalen Gesellschaft, wie es die mittelalterliche ist, eine Szene auch eine spontane Wende erfahren kann. Frank Rexroth schließlich bezweifelt die innovativen interdisziplinären Absichten im Bereich der symbolischen Kommunikation, denn es ging um Erklärungen für die Dauerhaftigkeit sozialer Bindungen und damit meist um verfassungsgeschichtliche Fragestellungen: »Die Hinwendung zu Ritualen und anderen Phänomenen mittelalterliche Performanzkultur folgte somit gleichsam organisch aus zentralen, allgemein akzeptierten Fragen der eigenen Profession heraus und war nicht das Resultat eines grundlegenden Paradigmenwechsels.«59 Schließlich wären auch keine neuen Quellen erschlossen, sondern nur altbekannte neu gelesen worden.

Prinzipieller Natur sind Vorwürfe, die ähnlich gegenüber dem modernen Kulturbegriff angebracht werden: Der Begriff Ritual werde zu wenig differenziert eingesetzt, alles werde unter Ritual subsumiert. Praktisch jede Handlung kann mit dem Zusatz ›-ritual‹ bezeichnet werden. »Dabei ist zu beachten, dass die Anwendung von Typologien und universalisierenden Vergleichen oft den kulturellen Eigenwert und die Akteursperspektiven ausblendet, umgekehrt aber das Vorverständnis des Betrachters implizit oder explizit transportiert und privilegiert.«60 Die Forschungen zu mittelalterlichen Handlungen und Zeichen haben einerseits die aktuelle interdisziplinäre Ritualdiskussion gefördert, andererseits aber ihre Verbindung mit der Vormoderne verstärkt. Woran es noch stark mangelt, ist eine passende Terminologie, denn weder symbolische Kommunikation noch Ritualismus oder Performanz sind treffende Bezeichnungen.

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