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Nachdem Jake überraschenderweise Erbe eines großen Vermögens geworden ist, fängt für ihn ein ganz neues Leben an. Er ist plötzlich für viele Menschen verantwortlich. Eine große Last, die er jedoch gerne auf sich nimmt. Eines Tages lernt er seine Nachbarin Lady Beatrice kennen und bald auch lieben. Doch steht diese Liebe unter keinem guten Stern. Beatrice ist verheiratet, ihr Mann behandelt sie auf brutalste Weise. Im England des 19. Jahrhundert gibt es keine Chance für sie, diesem schrecklichen Leben zu entrinnen. Doch nicht nur Beatrice hat zu kämpfen. Jake bekommt Drohbriefe. Anfangs nimmt er sie nicht ernst, bis schreckliche Dinge passieren. Eine Brücke stürzt ein und ein Mann wird dabei getötet. Bei Jake wird eingebrochen. Wer steckt dahinter? Jake bittet den Detektiv Sletcher und seine Freunde um Hilfe, die auch sofort dazu bereit sind.

Und die wichtigste Frage: Gibt es eine Zukunft für Jake und Beatrice?

Es wird spannend, überraschend und die Liebe kommt natürlich auch nicht zu kurz.


Charlotte Paul

1956 in Kassel geboren, lebt die Autorin seit ihrem 18. Lebensjahr in Bayern. Ihre berufliche Laufbahn hat sie in München als medizinische Fachangestellte begonnen und parallel in einer zweiten Karriere als erfolgreiches Model in Werbefilmen für große Marken gearbeitet. Seit 1991 wohnt sie in Bayern.

Das Wichtigste in ihrem Leben ist ihre Familie – ihr Mann und ihre zwei erwachsenen Kinder geben ihr die Kraft für immer neue Wege. Charlotte Paul ist eine aktive Frau und brennt für die Kunst, die Kultur, aber auch den Sport. Mut und Selbstbestimmung hält sie für entscheidende Attribute, um den eigenen Lebensweg und somit das eigene Glück zu finden. Instagram: Charlotte_Paul_

Charlotte Paul

Jake kämpft um sein Glück

IMPRESSUM

Jake findet sein Glück

Charlotte Paul

© 2021 Verlag basic erfolgsmanagement, Pfarrkirchen

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Eva Hörhammer, Susanne Wagner, Josef Nöhmaier

Bildnachweis:

Cover: © Adobe Stock – Kathy

Portraitfoto: © Carolin Paul

Umschlaggestaltung, Layout/Satz:

Michaela Adler, Pfarrkirchen

Made in Germany

ISBN 978-3-944987-41-5

eISBN 978-3-944987-18-7

www.basic-erfolgsmanagement.de

Für meine Familie

*

Beatrice versuchte sich etwas bequemer hinzusetzen. Ihr Rücken schmerzte noch von der letzten Nacht. Die Beine angewinkelt unter ihrem Kleid versteckend, machte sie es sich auf dem alten Sofa so gemütlich wie möglich. Es war ihr Lieblingsplatz. Von hier aus konnte sie durch die hohen Fenster hinaus in den Park sehen.

Der Herbst war endgültig angekommen. Den größten Teil der bunten Blätter hatte der Sturm in der letzten Nacht von den Ästen geweht. Vom Wind hin- und hergetragen, tanzten sie einen übermütigen Reigen auf dem Rasen.

Früher hatte sie den Herbst sehr gemocht, sich sogar gefreut über die Veränderung in der Natur. Die Farbenpracht in den Wäldern. Das Sammeln der Vögel am Himmel, um in die Ferne zu ziehen. Alles hatte sich damals so lebendig angefühlt. Doch nun machte es sie nur noch traurig. Es bedeutete, wieder einen kalten Winter vor sich zu haben. Dunkelheit in den Räumen, welche die spärlich aufgestellten Kerzen nicht vertreiben konnten. An Lesen oder Handarbeit war bei diesem wenigen Licht nicht zu denken. Gern hätte sie Klavier gespielt, doch ihr Mann mochte keine Musik. Damals, als sie das erste Mal in dieses Haus kam und das Musikzimmer erblickte, war sie noch voller Hoffnung gewesen. Solange sie die Musik hatte, konnte sie viel ertragen. Doch es kam anders. Ihr Mann verbot ihr auf das Entschiedenste, jemals das Musikzimmer zu betreten und schaute ihr dabei drohend in die Augen. Was war nur los mit diesem Mann, sann sie nach. Hatte es etwas mit seiner ersten Frau zu tun? Es musste einfach etwas mit ihr zu tun haben.

Eines Abends bei Tisch – ihr Mann schien ausnahmsweise bei guter Laune zu sein – versuchte sie ihn auf ihre Vorgängerin anzusprechen. Doch er erwiderte nur voller Hass, dass sie dies nichts anginge. Es war klar, von ihrem Mann würde sie nichts erfahren. Also versuchte sie, dem Personal etwas zu entlocken. Es stellte sich heraus, dass die gesamten Hausangestellten nach dem Tod der ersten Lady Michael ausgewechselt worden waren. Ein unangenehmes Gefühl beschlich Beatrice. Leider konnte sie sich auch nicht an Nachbarn oder Freunde wenden, da ihr Mann zu niemanden in der Nähe Kontakt pflegte.

Eines Tages, Beatrice glaubte sich allein im Haus, schlich sie sich ins Musikzimmer. Die Sehnsucht nach Musik, sie zu hören und zu spielen, war einfach zu groß gewesen. Doch ihr Mann überraschte sie dabei und bestrafte sie. Danach ging sie nie wieder in dieses Zimmer. Und so verging ein Tag nach dem anderen. Die einzige Abwechslung in ihrem Leben war das langweilige Kontrollieren der Arbeiten der Hausangestellten. Oder das Flicken von zerrissener Wäsche. Jeden Tag ging sie die Zimmer durch, ob alles sauber und gut gelüftet war. Danach kam das Besprechen der Mahlzeiten. Da ihr Mann meistens außer Haus aß, waren diese Besprechungen schnell erledigt.

Ansonsten bot nur noch ihr Stickrahmen eine Abwechslung. Doch selbst dies ging nur an hellen Tagen, wenn genug Licht ins Zimmer fiel. Die Kerzen für den Haushalt teilte ihr Mann persönlich aus, da er der Meinung war, sie würde sie sonst nur verschwenden. Ha!, dachte Bea, er kann leicht reden. Jeden Abend ist er unterwegs, keiner weiß, wo er sich aufhält. Bestimmt nicht bei Freunden! Wie sollte so ein Mann auch Freunde haben!

Bei der Vorstellung der kommenden dunklen Monate liefen Bea Tränen über die Wangen. Sie hatte das Gefühl, der Wind nahm nicht nur die Blätter, sondern auch ihren Mut mit. Den Mut, den sie brauchte, um jeden Tag aufzustehen und sich ihrem jetzigen Leben zu stellen. Einem Leben, dem sie nicht entkommen konnte.

Ihre Gedanken gingen zu ihren Eltern. Warum nur hatten ihre Eltern sie nicht geschützt? Wussten sie nicht, an was für eine Kreatur sie ihre Tochter verschacherten? Sie wischte die Tränen weg. Doch es war nutzlos, immer wieder kamen neue nach. Sie mussten es gewusst haben, denn ihre Freundin Elizabeth hatte es auch gewusst. Sie war es, die ihr von den Gerüchten um ihren Mann erzählte. Beatrice hatte ihre Eltern auf Knien angefleht, sie nicht mit ihm zu verheiraten. Doch ihre Mutter meinte nur, dass dies nun mal das Los jeder Frau sei. Sie brauche nur Gehorsamkeit gegenüber ihrem Mann an den Tag zu legen, dann würde alles schon zu ertragen sein.

Wenn sie an die Worte ihrer Mutter dachte, kam wieder diese Wut der Verzweiflung in ihr hoch. Das Los der Frau! PAH! Geld hatten sie von ihrem Ehemann bekommen! Das war ihnen wichtiger als das Leben ihrer Tochter. Ihre Eltern hatten schon immer auf großem Fuße gelebt. Auch sie hatte dieses Leben damals sehr genossen. Sie hatte viele schöne Kleider gehabt, ging auf Bälle, war eine umjubelte Debütantin. Nie wäre sie darauf gekommen, dass ihre Eltern hoch verschuldet waren. Doch dann bewarb sich Sir Lionel Michael um ihre Hand. Ihre Eltern überlegten nicht lange. Nachdem er ihnen zusagte, ihre Schulden zu einem großen Teil zu übernehmen, erklärten sie sich sofort einverstanden. Es war ihnen völlig egal, was aus ihrer Tochter wurde. Sie dachten nur daran, ihr Leben wie gehabt weiterführen zu können. Ein Jahr nach der Hochzeit verunglückten beide mit ihrer Kutsche. Sie waren sofort tot. Bea dachte bitter: Sie haben ein Jahr in Saus und Braus gelebt und ich? Ich werde noch Jahre mit diesem Monster leben müssen, seinen Wutanfällen ausgesetzt sein.

Es gab niemanden, der ihr beistehen konnte. Keine Familie, die sie um Hilfe bitten konnte. Ihre Freundinnen hatte sie seit der Hochzeit nicht gesehen. Sie war allein! Nirgendwo bekam sie Hilfe. Als Frau hatte sie keine Rechte ihrem Mann gegenüber. Ehemänner durften ungestraft ihre Ehefrauen züchtigen. Kein Mensch regte sich darüber auf.

Noch in ihre wütenden Gedanken versunken, sah Beatrice auf die große Standuhr. Wie viel Zeit hatte sie noch, bis er zurückkam? Eine Stunde vielleicht? Diese Zeit musste genügen, um sich frisch herzurichten und ein Kleid anzuziehen, mit dem Sir Michael zufrieden war. Er hasste es, wenn sie nicht präsentabel war. Das würde wieder nur Bestrafung nach sich ziehen und die Schmerzen der letzten Nacht spürte sie nur noch zu deutlich. Sie stand auf und schlüpfte in ihre Schuhe. Da hörte sie ein Geräusch von der Einfahrt her. Oh mein Gott, war er schon wieder da?

Sie lief schnell näher zum Fenster, um besser zum Tor schauen zu können. Es war nicht ihr Mann, es war eine Kutsche. Ihr Gatte war heute auf seinem Pferd unterwegs, um seine Bauern zu kontrollieren, also konnte er es nicht sein. Vor Erleichterung vergaß sie fast, sich Gedanken über den Besuch zu machen, der soeben aus der Kutsche steigen musste.

Sie sah an sich herunter. So konnte sie niemanden empfangen. Rasch lief sie aus der Bibliothek nach oben in ihr Zimmer. Sophia, ihre alte Zofe, räumte gerade das Zimmer auf. Ganz in Gedanken versunken schrak sie fürchterlich zusammen und sah entsetzt auf ihre Herrin, die mit Schwung die Tür aufgestoßen hatte.

»Keine Sorge, ich bin es nur!«, beruhigte Beatrice sie. »Ich muss mich ganz schnell umziehen, eine Kutsche ist gerade vorgefahren. Vielleicht Besuch für meinen Mann. Hilf mir bitte, wir müssen uns beeilen!«

Erleichtert, dass es Lady Beatrice war und nicht Sir Michael, suchte Sophia hastig ein passendes Kleid aus dem Schrank. »Lady Beatrice, fangen Sie schon an, die Nadeln aus Ihrem Haar zu ziehen. Ich lege schnell noch die frische Wäsche bereit.«

Sie waren beide ein eingespieltes Team. Aus Angst vor dem Hausherrn halfen sie sich gegenseitig und standen einander bei. Sophia kannte Lady Michael erst seit ihrer Heirat. Mit fünfzig Jahren hatte sie nicht mehr damit gerechnet, noch einmal eine Anstellung zu bekommen. Junge Frauen waren gefragt, da man davon ausgehen konnte, dass sie nicht so oft krank wurden und man ihnen mehr Arbeit zumuten konnte. Außerdem hatte Sophias Figur einen beträchtlichen Umfang erreicht, sodass sie nicht mehr die Schnellste war. Oft genug war dies ein Hindernis gewesen, einen neuen guten Arbeitsplatz zu bekommen. Das Einzige, was für sie sprach, war ihr Gesicht. Sie hatte freundliche Augen und die grauen, streng nach hinten gekämmten Haare standen ihr gut. Zu Sophias eigenem Erstaunen nahm Sir Michael sie tatsächlich in Stellung. Damals wusste sie noch nicht, dass sie diese Zusage nur der Boshaftigkeit ihres neuen Arbeitgebers zu verdanken hatte. Sir Michael wusste genau, dass dies wahrscheinlich die letzte Gelegenheit war, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wollte sie nicht hungern müssen. Somit war er sicher, dass sie nichts riskieren würde, diese Anstellung zu verlieren. Niemals würde sie es wagen, etwas gegen ihren Dienstherrn zu sagen. Sie würde schweigen über das Leben hier im Haus, da war er sich sicher!

Beatrice zog mit fieberhafter Eile die Nadeln aus ihrem Haar. Dunkelbraune Wellen fielen weich über ihren Rücken. Die zarte Figur verschwand fast unter dieser Pracht. Ihre wunderschönen grünen Augen leuchteten vor Aufregung. Doch nicht Vorfreude war es, sondern die Sorge, dass ihr Mann mit der Auswahl ihres Kleides unzufrieden sein könnte und seine Wut an ihr auslassen würde. Er liebte es, wenn er sie wie ein Schmuckstück aus einer Sammlung präsentieren konnte.

Schnell zog sie das dargereichte Kleid an. Es hatte einen äußerst gewagten Ausschnitt, ganz wie Sir Michael es bevorzugte. Der Stoff umhüllte eng anliegend ihre Figur und gab dabei viel zu viel von ihr preis. Hoffentlich war es kein Herr, der zu Besuch kam. Wenn sie die Blicke anderer Männer zu sehr auf sich zog, wurde ihr Ehemann wütend und die Bestrafung folgte später ganz gewiss. Es war ein Spiel für ihn, so dachte sie manchmal. Sie musste auf seinen Wunsch hin diese freizügigen Kleider tragen und natürlich konnten die Herren nicht widerstehen, einen Blick auf dieses reizende Dekolleté zu werfen. War sie dann wieder allein mit ihrem Gatten, beschuldigte er sie, den fremden Herren schöne Augen zu machen. Es war immer das Gleiche.

Mit bangem Herzen schaute sie Sophia zu, wie diese gekonnt ihr offenes Haar zu einer wunderschönen Frisur verwandelte. Endlich war sie fertig. Ein letzter kontrollierender Blick in den Spiegel, und sie ging nach unten, um zu erfahren, wer denn nun mit der Kutsche angekommen war. Auf halber Treppe sah sie gerade noch, wie Johnson, der Butler, einen elegant gekleideten Herrn in die Bibliothek führte. Was sollte sie tun? Am besten wartete sie, bis der Butler wieder herauskam. Dann konnte sie ihn fragen, wer dieser Herr war.

Lange musste sie nicht lange warten und Johnson kam zurück in die Halle. Sie winkte ihn zu sich. Mit einer geradezu aufreizenden Langsamkeit kam er zu ihr.

»Wer ist das? Ist das ein Freund von meinem Mann?«, fragte Bea leise.

»Es ist Lord Auston, Mylady. Unser neuer Nachbar.«

»Reden Sie doch leiser, bitte!« Bea schaute sich vorsichtig um, als ob sie befürchtete, ihr Mann käme jeden Moment aus einer Ecke gesprungen. »Und was will er hier? Möchte er auf meinen Mann warten?«

»Ich sagte ihm bereits, dass Sir Michael nicht anwesend sei. Doch fragte er dann nach Ihnen.« Ohne eine Gefühlsregung im Gesicht schaute er Bea an. »Soll ich Tee bringen lassen, Mylady?«

»Ja, ja, machen sie das!«

Was sollte sie nur tun? Beatrice knetete aufgeregt ihre Hände. Begrüßte sie den Besucher, würde ihr Mann sie beschuldigen, ihn verführen zu wollen. Begrüßte sie ihn nicht, würde er sie beschimpfen, unhöflich zu sein. Sie zitterte am ganzen Körper, gab sich dann aber einen Ruck und ging auf die Bibliothek zu. Gerade wollte sie die Türe öffnen, da hörte sie die Stimme ihres Mannes an der Haustür. Erschrocken sah sie sich um. Wie erstarrt blieb sie stehen. Mit einem ironischen Grinsen schritt er auf sie zu. Er ließ seinen Blick langsam über sie hinweggleiten.

Mit einem kalten Lächeln fragte er sie: »Na, mein Liebling, freust du dich auch, mich zu sehen? Hast du dich für mich so hübsch gemacht?« Er hob ihr Kinn mit einem Finger nach oben, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihn anzusehen. Bea wollte ihr Gesicht wegdrehen, doch sofort hielt er sie mit eiserner Hand fest. »Nicht doch, meine Schöne! Du willst doch nicht, dass ich traurig werde, oder?« Er blickte seine Frau mit seinen harten Augen an.

Zum Glück kam in diesem Augenblick Johnson, der alte Butler. Beatrice befürchtete, wenn ihr Mann weiter ihr Kinn so festhielte, würde es bald blau anlaufen.

Er ließ sie langsam los und sah seinen Butler erwartungsvoll an. »Was ist nun? Wollten Sie mir nicht etwas sagen?«, fragte er ärgerlich.

»Sie haben Besuch, Sir Michael.« Bea bemerkte, wie der alte Mann leicht zitterte.

Ihr Gatte lächelte böse: »Na also, warum nicht gleich so? Und darf man erfahren, wer es ist oder soll ich es erraten?«

In diesem Moment öffnete sich die Tür zur Bibliothek und der Besucher kam heraus. »Ich hörte gerade, dass nach mir gefragt wurde. Da dachte ich, ich komme gleich persönlich zu Ihnen, um mich vorzustellen.« Er schenkte dem Butler ein freundliches Lächeln, der sich dankbar zurückzog. Das Lächeln des Besuchers verschwand allerdings, als sein Blick den Hausherrn traf. »Ich bin Ihr neuer Nachbar, Lord Auston!« Er nickte Sir Michael kurz zu, bevor er sich an Bea wandte. »Lady Michael, es ist mir ein Vergnügen!«

Bea sah sofort angstvoll zu ihrem Mann, der sie mit einem wütenden Blick bedachte. Schnell machte sie einen Knicks vor ihrem Gast. Lord Auston bemerkte den ängstlichen Ausdruck im Gesicht der Lady. Sie war eine wunderschöne Frau, wie er zugeben musste. Auf den ersten Blick machte sie den Eindruck einer sehr offenherzigen Dame in diesem extravaganten Kleid mit dem äußerst großzügigen Ausschnitt. Doch hatte er das Gefühl, dass sie sich nicht wohl darin fühlte. Außerdem wirkte sie sehr steif, als ob sie vor ihrem eigenen Mann Angst hätte. Was ging hier eigentlich vor?

Lord Auston wendete sich wieder dem Hausherrn zu. »Sir Michael, darf ich Sie morgen zu einem kleinen Empfang einladen? Ich habe vor kurzem Brandon Hall geerbt, wie Sie sicher schon gehört haben, und möchte mich gern mit meinen neuen Nachbarn bekannt machen.«

Der Hausherr sah ihn lächelnd an: »Aber sicher doch, wir kommen gern. Wenn sich meine Frau wohl genug fühlt. Sie ist manchmal etwas empfindlich, müssen sie wissen.« Er schaute Beatrice mitleidig an, bevor er Lord Auston aufforderte: »Aber bitte, begeben wir uns doch in die Bibliothek. Ich würde Ihnen gern einen Schluck meines besten Cognacs servieren lassen.«

Lord Auston schüttelte bedauernd den Kopf: »Das ist äußerst freundlich von Ihnen, doch muss ich mich schon verabschieden. Ich möchte auch noch meine etwas weiter entfernt wohnenden Nachbarn kennenlernen und einladen. Bitte verzeihen Sie meinen unangemeldeten Besuch.« Ein kurzes Nicken und er war fort.

Sir Michael schaute ihm verärgert hinterher. »Was war das denn für ein eingebildeter Trottel? Kommt und geht, als ob es sein Haus wäre!« Plötzlich fuhr er zu seiner Frau herum. »Und du hast dich auch noch herausgeputzt für diesen Affen! Geh sofort nach oben und zieh dich um, ich komme gleich nach.«

Beatrice drehte sich um und stieg die Stufen langsam nach oben. Ihre Knie zitterten. Was würde sie jetzt wieder erwarten? Doch dieses Mal hatte sie Glück. Noch während sie hinaufging, vernahm sie die Stimme des Sekretärs, der ihren Mann an eine Unterredung mit dem Verwalter erinnerte. Missmutig sah Sir Michael seiner Frau hinterher, bevor er kehrtmachte und sich mit seinem Sekretär ins Arbeitszimmer zurückzog. Die Erleichterung, die sie spürte, war so stark, dass sie sich fast auf die Treppe setzen musste. Doch riss sie sich zusammen und eilte in ihr Zimmer. Dort angekommen, ließ sie sich völlig erschöpft in einen Sessel sinken.

Sophia schaute sie gespannt an: »In welcher Stimmung war er?«

»Ich hatte Glück, er musste zu einer Unterredung in sein Arbeitszimmer. Ach Sophia, wie soll das nur weitergehen?«

»Wir sollten weglaufen, Lady Beatrice. Wir nehmen meinen gesparten Lohn und fahren zu meinem Bruder nach Bristol.«

Bea schaute sie lächelnd an. Diesen Plan hatten sie schon des Öfteren besprochen. Doch leider war er nicht durchführbar. »Ach liebe Sophia, was für ein herrlicher Gedanke! Aber du weißt, mein Mann würde uns überall suchen lassen. Und wenn er uns finden würde, dann gnade uns Gott.«

»Sie haben ja recht. Wir müssen einfach warten, bis er stirbt.« Sophia schaute ihre Herrin traurig lächelnd an.

»Genau so machen wir es. Auch Bestien sterben irgendwann!«

»Von welcher Bestie sprichst du gerade, mein Schatz? Doch nicht etwa von mir?«

Beide Frauen erstarrten vor Schreck. Von ihnen völlig unbemerkt war Sir Michael durch die kleine Verbindungstür eingetreten.

»Wir sprachen von dem neuen Hund des Jägers. Er ist sehr wild«, log Bea schnell.

»Ach, da bin ich aber froh. Ich dachte schon, du hättest etwas gegen mich.« An Sophia gewandt sagte er: »Du kannst jetzt gehen. Deine Herrin und ich wollen gerne allein sein.« Und mit drohendem Unterton in der Stimme: »Du erscheinst hier nicht vor zwei Stunden.«

»Aber ich wollte Ihrer Frau gerade die Haare waschen, Sir Michael.« Sophia fiel in der Eile nichts anderes ein, um Lady Beatrice vor ihrem Mann zu beschützen.

»Bist du schwerhörig?«, fragte er in falschem, liebenswürdigem Ton, mit einem grausamen Lächeln um die Mundwinkel. Sophia blieb nichts anderes übrig, als das Zimmer und ihre Herrin zu verlassen.

Sir Michael wandte sich langsam seiner Frau zu. »Und nun zu dir, mein Liebling. Du hast doch bestimmt Lust auf ein neues Spiel mit mir. Vielleicht schaffst du es ja, durch meine ganz spezielle Behandlung endlich schwanger zu werden.«

Bea sah ihn voller Angst an. Sie waren nun schon über zwei Jahre verheiratet und noch immer gab es keine Anzeichen einer Schwangerschaft. Sie wusste nicht genau, ob sie darüber froh oder traurig sein sollte. Würde er ein Kind, sein eigenes Fleisch und Blut, auch so grausam behandeln? Sie hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Ihr Mann kam langsam auf sie zu. Was hatte er sich nun für eine Grausamkeit ausgedacht? Aus seinen Jacketttaschen zog er langsam mehrere Lederriemen.

Lächelnd ging er auf seine Frau zu. »Du ziehst dich jetzt am besten erst einmal aus. Wir wollen doch deine Haut streicheln und nicht dein Kleid.« Genüsslich ließ er die Riemen durch seine Hand gleiten. »Und du willst doch gestreichelt werden, oder?« Hämisch grinsend sah er sie an. Wenn sie verneinte, würde es noch schlimmer werden, also nickte sie.

»Brave Frau, du lernst dazu, scheint mir! Ausziehen, sofort!« Bea tat, wie ihr geheißen. »Leg dich auf das Bett, auf den Bauch. Ich werde dich erst einmal fesseln. Dann hast du mehr von meinen, wie soll ich es nur nennen … Liebkosungen?« Jetzt lachte er laut. Bea glaubte, den Teufel persönlich zu hören. Sie versuchte sich ganz in sich zurückzuziehen und einfach nicht mehr da zu sein. Doch es half nicht viel!

*

Nach zwei Stunden klopfte Sophia vorsichtig an die Tür ihrer Herrin. Sie hörte ein Stöhnen und drückte die Klinke leise nach unten. Sie fand Beatrice auf dem Bauch liegend und mit einem Tuch zugedeckt. Sie bewegte sich nicht. Die Arme waren immer noch am Bettgitter festgeknotet. Schnell löste Sophia die Riemen. Beatrice stöhnte vor Schmerzen. Die Handgelenke waren wund gescheuert.

Plötzlich betrat Sir Michael das Zimmer. Fertig angekleidet wollte er anscheinend ausgehen. Seine Frau keines Blickes würdigend, zupfte er an seinen Hemdsärmeln, bis sie für ihn richtig saßen. Wie beiläufig sagte er beim Durchschreiten des Zimmers zu Sophia: »Meine Frau hat mal wieder nicht aufgepasst und sich an den Handgelenken verletzt. Schauen Sie zu, dass dies bis morgen nicht mehr sichtbar ist.« Und mit einem süffisanten Unterton in der Stimme fuhr er fort: »Was soll denn unser neuer Nachbar denken, wenn er mitbekommt, wie ungeschickt meine Frau ist?« Hart fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Sophia beugte sich zu Bea und flüsterte: »Er ist weg. Ich werde jetzt vorsichtig die Bettdecke anheben.« Bea nickte kaum merklich. Die Zofe hob langsam das Tuch. Am liebsten hätte sie es gleich wieder fallengelassen. Dieser verdammte Satan! Der ganze Rücken war von blutigen Striemen gezeichnet. Sophia musste an sich halten, um nicht laut zu schreien vor Entsetzen. »Bleiben Sie so liegen, ich werde Ihnen vorsichtig lindernde Umschläge auf den Rücken legen. Außerdem habe ich bereits einen Tee gegen die Schmerzen mitgebracht.«

Irgendwann wird er sie töten, ging es Sophia durch den Kopf. Tränen liefen ihr über die Wangen. Wie sollte das nur weitergehen? Mit liebevoller Hingabe versorgte sie ihre Herrin, soweit es ihr nur möglich war. Die ganze Nacht wachte sie an ihrem Bett, wechselte immer wieder die Umschläge und gab ihr Tee gegen die Schmerzen.

Am Morgen verband sie die Wunden am Rücken und an den Handgelenken fester, um ein Verrutschen beim Ankleiden zu verhindern. Ganz vorsichtig half Sophia Lady Beatrice beim Anziehen eines Kleides. Es hatte lange Ärmel wie viele Kleider in ihrem Schrank, die ihr Mann für sie gekauft hatte. Er macht sich wahrlich viele Gedanken um meine Kleidung, dachte Bea verzweifelt. Da sie sich noch nicht sicher auf den Beinen fühlte, begleitete Sophia ihre Herrin die Treppe hinunter. Beatrice war ihr für die Hilfe sehr dankbar. Ins Frühstückszimmer musste sie jedoch allein gehen.

Ihr Mann war schon da und wartete. »Na, da kommt ja meine Langschläferin!« Vor den Dienern nahm er sie fest in die Arme. Beatrice wurde schwindelig vor Schmerzen. »Und ganz blass siehst du aus, meine Liebe. Du musst unbedingt etwas essen!« Fremde hätten ihn in diesem Moment gewiss für einen liebevollen und umsorgenden Ehemann gehalten. Mit breitem Lächeln befüllte er ihren Teller großzügig mit allerlei leckeren Dingen. Bei der Vorstellung, jetzt essen zu müssen, spürte sie Übelkeit in sich aufsteigen. Doch sie wusste, ihr blieb nichts anderes übrig, bis sie den letzten Bissen geschluckt hatte. Vorher würde er keine Ruhe geben.

»So mein Liebling, nun iss dich mal richtig satt.«

Beatrice fing mechanisch an zu essen. Durchhalten, dachte sie nur. Nicht denken, einfach essen.

»Aber so lächle doch einmal! Ich glaube, du freust dich gar nicht, mich zu sehen.« Ihr Mann schaute sie traurig an.

Was für ein Schauspieler, dachte sie angeekelt. »Verzeih, ich habe so großen Hunger!« Sie versuchte, ihrer Stimme einen sicheren Klang zu geben.

»Das ist fein, dann kann Samson dir deinen Teller noch einmal füllen.« Zum Diener gewandt sagte er mit kalter Stimme: »Ist das klar?« Samson machte zur Bestätigung einen tiefen Diener.

»So, ich werde mich nun zurückziehen. Ich muss schließlich arbeiten, damit ich meine kleine Frau ernähren kann.« Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ den Raum.

Endlich, dachte Beatrice. Erleichtert ließ sie sich zur Lehne zurückfallen, um sich sofort wieder nach vorn zu beugen. Die Wunden auf ihrem Rücken schmerzten unglaublich. Sie schaute auf ihren noch immer vollen Teller. Langsam und mechanisch begann sie wieder zu essen, bis er endlich leer war. Der Diener sah sie mitleidig an. Doch dann lächelte er, nahm sich eine Gabel und aß mit großem Appetit die gesamte Servierplatte leer.

Entschuldigend sah er Beatrice an: »Verzeihen Sie mir, ich hatte so großen Hunger!« Beatrice schaute ihn irritiert an. Samson lächelte schüchtern. Jetzt verstand sie! Voller Ergriffenheit flüsterte sie ihm ein »Danke« zu. Sie stand vorsichtig auf, legte kurz ihre Hand auf seinen Arm und verließ den Raum, um sich nach oben zu begeben.

In ihrem Zimmer angekommen bettete sie sich vorsichtig auf ihre Kissen. Sie konnte nur auf der Seite oder auf dem Bauch liegen. Ihr ganzer Körper schmerzte. Wut stieg in ihr hoch. Wut und Verzweiflung. Wenn sie mutiger wäre, würde sie ihn umbringen! Schon oft hatte sie sich vorgestellt, wie sie ihn die Treppe hinunterstoßen würde. Sie malte sich dies ganz genau aus. Wie er daliegen würde mit gebrochenem Genick! Niemanden könnte er dann mehr quälen!

Plötzlich schrak sie auf. Sie war eingeschlafen! Es stand jemand vor ihrem Bett. Es war Sophia, nicht ihr Mann. Vor Erleichterung wurde ihr fast schwindelig. »Lady Bea, Sie müssen jetzt aufstehen. Ihr Mann kommt bald und Sie müssen sich noch zurechtmachen.«

»Aber bis zum Dinner ist doch noch Zeit ...«

»Nein, wir haben keine Zeit. Heute ist doch der Empfang bei Ihrem neuen Nachbarn.«

»Oh nein, nicht das auch noch! Hilf mir schnell aufzustehen, bitte.« Etwas wackelig auf den Beinen trat sie zu ihrem Frisiertisch und fing sogleich an, ihr Haar zu öffnen. »Wie viel Uhr ist es denn?«, fragte Bea erschöpft.

»Es ist schon vier Uhr vorbei. Ein Kleid habe ich schon ausgesucht. Bevor wir Ihre Haare frisieren, werden wir die Verbände wechseln müssen.«

Geschäftig legte Sophia die frischen Verbände auf dem Bett zurecht. Salben und Tee standen schon auf dem Nachtkästchen bereit. Beas Zofe kannte sich sehr gut mit Heilkräutern aus. Im Garten hatte sie ein kleines Beet mit verschiedenen Pflanzen angelegt. Die Blätter trocknete sie für spezielle Tees oder nahm sie als Grundlage für ihre Salben. Auch die Angestellten profitierten von Sophias Kenntnissen. Jedem versuchte sie zu helfen und alle waren ihr dankbar.

Vorsichtig zog Beatrice ihr Morgenkleid aus. Danach legte sie sich bäuchlings aufs Bett. So behutsam wie möglich fing Sophia an, die alten Verbände durch neue zu ersetzten. Die Salben taten Bea gut, sie kühlten die wunden Stellen.

Sie brauchten fast drei Stunden, bis Beatrice zurechtgemacht war. Endlich hatten sie es geschafft. Bea trug ihr dunkelrotes Kleid. Sie liebte dieses Kleid. Es war eins der wenigen mit einem nicht ganz so tiefen Ausschnitt. Unter ihrem Busen leicht gerafft fiel der Stoff ihre Figur umschmeichelnd bis zu ihren Füßen. Eine rote Rose in ihrem Haar komplettierte ihr zauberhaftes Aussehen.

»Sie sehen wunderschön aus!«

»Danke, liebe Sophia. Dann werde ich jetzt hinuntergehen. Ich glaube, ich habe schon die Kutsche vorfahren gehört.« Langsam schritt sie die Treppe hinab. Ihr Mann stand bereits an der Tür und musterte sie genau.

»Du siehst etwas müde aus, meine Liebe. Du solltest dich wirklich mehr schonen. Ich muss anscheinend besser auf dich aufpassen.« Er ergriff ihre Hand und küsste sie. Dabei sah er sich genau die verdeckten Handgelenke an. »Die langen Ärmel stehen dir gut!« Er lächelte sie gespielt liebevoll an.

Bea konnte nur nicken und ließ sich von ihrem Mann das Cape umhängen. Sie war froh, dass die Fahrt bis zu Lord Auston nur kurz war. Ihren Mann so dicht neben sich zu haben, nahm ihr schier den Atem. Sie dankte innerlich Gott, als die Kutsche endlich stehen blieb und die Tür geöffnet wurde. Sir Michael half ihr höflich und anscheinend voller Sorge, sie könnte ausrutschen, aus der Kutsche.

Einen tiefen Atemzug nehmend schaute sie sich um. Vor ihnen hatte sich bereits eine Reihe von Gästen gebildet, die darauf warteten, endlich dem neuen Lord vorgestellt zu werden. Dies gab Beatrice die Möglichkeit, sich das Haus in Ruhe von außen anzuschauen. Ihr Mann unterhielt sich derweil angeregt mit einem der Gäste. Es schien einer seiner Kumpane zu sein. Gerade gaben sie ein höhnisches, hässliches Lachen von sich. Wahrscheinlich machten sie sich wieder über jemanden lustig. Was auch sonst, dachte Beatrice verächtlich.

Sie bestaunte unterdessen weiter das Haus. Es war ein altes Gebäude aus hellem Stein. Zwei hohe Säulen vor dem Eingang gaben ihm etwas Elegantes. Es hatte einen Mittelteil und zwei Seitenteile. Hohe Fenster ließen warmes Licht nach draußen scheinen. Die Rasenflächen vor dem Haus wurden unterbrochen von Rabatten, die man mit Rosenbüschen bepflanzt hatte. Vereinzelt waren noch Blüten zu entdecken, die den kühlen Temperaturen trotzten. Wie schön musste es aussehen, wenn die Rosen in voller Blüte standen!

Langsam kamen sie vorwärts, befanden sich nun bereits im Eingangsbereich und konnten erste Blicke in den Ballsaal werfen. Beatrice freute sich, dieses Haus endlich von innen betrachten zu können. Schon oft hatte sie sich gewünscht, dies zu tun. Auf ihren seltenen einsamen Spaziergängen war das Anwesen gut von ihrem Lieblingsplatz aus zu sehen. Dieser Platz lag auf einem kleinen Hügel gegenüber. Nur ein schmaler Weg führte dorthin. Mit einem Pferd war es unmöglich, dort entlangzureiten. Die Dornen der Hecken am Wegesrand würden ein Pferd verletzen. Unterhalb des Hügels lagen die Weiden für die Schafe und weiter im Süden konnte man die Pferdekoppeln sehen. Hier oben fühlte sich Beatrice sicher. Ihr Mann würde sich niemals herablassen, so weit zu Fuß zu gehen. So konnte sie also immer wieder für sich diesen Ausblick genießen und fühlte sich durch die dichten Sanddornhecken geschützt.

Beatrice fand es traurig, dass das Anwesen ein paar Wochen lang offenbar unbewohnt gewesen war. Manchmal hatte sie davon geträumt, selbst in diesem Haus zu wohnen. Mit einem freundlichen Ehemann und Kindern. Die Kinder würden im Garten herumtollen und mit ihrem Mann würde sie ab und zu die Nachbarn besuchen. Ein ganz normales, wunderbares Leben. Was für ein schöner Traum! Doch nichts davon würde in Erfüllung gehen. Den Traum von Kindern hatte sie schon längst aufgegeben. Auch nach zwei Jahren Ehe kündigte sich kein Nachwuchs an. Dies war außerdem ein Grund, warum ihr Mann so unbarmherzig war. Vor einigen Wochen musste sie sich von einem Arzt untersuchen lassen, doch der fand keinen Hinweis, warum sie nicht schwanger werden sollte. Daraufhin behauptete ihr Mann allen Ernstes, sie würde mit Absicht nicht schwanger werden. An die Schläge nach dem Arztbesuch konnte sie sich noch gut erinnern.

Doch dort oben bei ihrem Lieblingsplatz konnte sie ihre Sorgen für kurze Zeit wegschieben und sich einfach ihren Träumen hingeben. Vor einiger Zeit nun hatte sie Betriebsamkeit am Haus und im Garten bemerkt. Vollbeladene Kutschen fuhren vor und wurden eilig entladen. Die Fenster wurden geöffnet, Rauch stieg aus den Kaminen. Im Garten wurde gearbeitet und die Auffahrt zum Haus gesäubert.

Und nun stand sie in der Eingangshalle dieses Hauses und wartete mit Spannung, die Räumlichkeiten endlich betrachten zu können. Sie hatte Sorge, wie sich ihr Mann wohl heute verhalten würde. Hoffentlich war er nicht zu unhöflich zu ihrem Gastgeber. Sir Michaels Gesichtsausdruck sagte ihr nur zu deutlich, was er von dieser Einladung hielt.

Endlich im Ballsaal angekommen, strahlte ihnen blendendes Kerzenlicht entgegen. Bea hatte das Gefühl, sie müsse die Augen schließen vor so viel Helligkeit. Hunderte Kerzen mussten das sein, dachte sie erstaunt. Wie gebannt blieb sie stehen. Erst das laute Murren ihres Mannes ließ sie in die Gegenwart zurückkommen.

»Steh nicht so dumm rum, geh endlich weiter!«, sprach er zornig zu ihr. Sich im Saal umsehend, meinte er angewidert: »Das passt zu diesem Angeber!«

Der Raum war gefüllt von äußerst elegant gekleideten Menschen. Die meisten kannte sie, wenn auch nicht sehr gut. Ihr Mann achtete penibel darauf, dass sie keine Freundschaften knüpfen konnte.

Lord Auston erblickte sie und kam sofort auf sie zu. »Lady Michael, Sir, ich möchte Sie herzlich willkommen heißen. Ich gehe davon aus, dass ich Sie kaum jemanden vorstellen muss.« Er lächelte sie beide freundlich an. »Darf ich Ihnen ein Glas Champagner anbieten?«

Er gab einem Diener einen Wink, der sofort das gewünschte Getränk auf einem Tablett brachte. »Ich hoffe, Sie fühlen sich bei uns wohl und genießen diesen Abend. Bitte entschuldigen Sie mich, die nächsten Gäste sind gerade eingetroffen und ich möchte auch sie gern begrüßen. Ah, ich sehe gerade, Mr Lettinggrow winkt Ihnen zu. Da kann ich Sie getrost allein lassen.«

»Natürlich dürfen Sie uns allein lassen«, schnauzte Sir Michael ihn an. «Schließlich sind nicht wir neu, sondern Sie.«

Auston schaute ihn kurz kalt an, zeigte aber sofort wieder ein freundliches Lächeln. Bea war unsicher, ob sie sich den kalten Blick nur eingebildet hatte, zu schnell ging die Veränderung in Lord Austons Gesicht vor sich.

»Natürlich«, sagte ihr Gastgeber nun. »Ich bin froh, dass es so ist. So können Sie sich hoffentlich sofort wohlfühlen in meinem Haus.« Ein kurzes Nicken und er schritt auf die neuen Gäste zu, um sie willkommen zu heißen.

Sir Michael schnaubte: »Was glaubt der eigentlich, wer er ist? Er soll froh sein, dass wir ihn überhaupt bemerken!« Er nahm Beatrices Arm und zog sie mit sich fort zu Mr Lettinggrow. Beatrice ekelte sich vor diesem aufdringlichen Freund ihres Mannes. Immer wieder versuchte er, sich ganz dicht neben sie zu stellen. Dabei schaute er unverblümt in ihr Dekolleté und lächelte auch noch so anzüglich, dass sie sich am liebsten ein Tuch über ihren Ausschnitt gelegt hätte. Doch das durfte sie nicht. Ihr Mann hätte sie sofort vor aller Augen zurechtgewiesen. Also stand sie brav lächelnd neben ihm und tat so, als ob sie interessiert zuhören würde.

Zu ihrem Glück hörte man bald den Gong, der die Gäste zum Dinner rief. Der Tisch im Esszimmer war äußerst geschmackvoll eingedeckt. Kleine Jardinieren aus kunstvollem buntem Glas waren in die Mitte des Tisches gestellt worden. Gefüllt mit vielen kleinen roten und weißen Rosen. Das Rosenservice passte wunderbar zu diesen Blumenarrangements. Sogar auf den Servietten fanden sich aufgestickte Rosenblüten.

Etwa dreißig Gäste nahmen in der Erwartung eines äußerst schmackhaften Menüs am Tisch Platz. Kaum saß man, wurden schon die Platten mit köstlichen Vorspeisen hereingebracht. Alle staunten über die kunstvoll angerichteten Speisen. Sie sahen nicht nur verlockend aus, sondern schmeckten auch hervorragend. Leckeren Vorspeisen folgten verschiedene Zwischengerichte. Das Hauptgericht bestand aus gebratenem Fisch, einem großen Rehrücken und mehreren Rinderbraten. Das Fleisch war zart und leicht rosig. Es zerging auf der Zunge. Verschiedene Gemüse und Salate vervollkommneten die einzelnen Gerichte. Das Dessert bestand aus unterschiedlichen Puddingsorten, kleinen Obsttörtchen mit frisch geschlagener Sahne sowie Nüssen, die die Herren der Tafelrunde höflicherweise den Damen öffneten.

Da sich Beas Tischnachbarin zu ihrer Linken ganz aufs Dinner konzentrierte und ihr Mann in ein Gespräch versunken war, hatte sie Zeit, sich die anderen Gäste unauffällig anzusehen. Die meisten kannte sie höchstens vom Sehen. Einige der Anwesenden wirkten sehr freundlich und schauten auch immer wieder lächelnd zu ihr herüber. Ohne es zu wollen, ging Beas Blick in Richtung des Gastgebers. Lord Auston saß an der rechten Stirnseite des Tisches. Er unterhielt sich abwechselnd mit seinen Tischnachbarinnen und schien mit ihnen schon sehr vertraut zu sein. Vor allem mit einer von beiden, einer äußerst hübschen, blonden jungen Frau. Sie strahlten sich an und lachten viel. Manchmal legte sie sogar ihre Hand auf die seine.

Bea fand das sehr seltsam. Ob sie seine Verlobte war? Sie ertappte sich dabei, wie sie einen Anflug von Neid empfand. Erneut ging ihr Blick zu Auston. Genau in diesem Moment sah er zu ihr. Einen kurzen Moment verfingen sich ihre Blicke, hielten sich aneinander fest. Rasch schaute Beatrice weg. Sie fühlte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg. Oh, wie peinlich. Hoffentlich hatte es keiner bemerkt.

Ihr Mann stieß ihr heftig in die Seite. »Ich habe dich etwas gefragt!« Seine Stimme klang wütend. Hatte er etwas bemerkt?

»Verzeih, ich war in Gedanken.«

Sir Michael nahm ihr Handgelenk und drückte es zusammen. Dabei bedachte er seine Frau mit gespielter Freundlichkeit. Beatrice erstarrte vor Schmerz. »Ich habe dich gefragt, ob du diese Leute hier nicht auch langweilig findest?«

»Ja, natürlich sind sie langweilig.«

»So ist es brav!« Langsam ließ er ihr Handgelenk wieder los.

*

Lord Auston schaute immer wieder unauffällig zu Lady Beatrice. Er wurde nicht ganz schlau aus ihr. Sie sah heute wieder wunderschön aus. Sie lächelte jeden freundlich an, doch dieses Lächeln spiegelte sich nicht in ihren Augen wider. Sie trug ein auffälliges rotes Kleid mit tiefem Dekolleté. Seltsam war, dass dieses Kleid sehr lange Ärmel hatte. Ihr musste warm sein, denn die Kerzen verbreiteten eine große Hitze im Haus.

Jetzt gerade sah ihr Gatte seine Frau freundlich an und nahm ihre Hand. Sie schien zu versteinern. Ihre Augen wurden ganz groß und blickten gebannt auf seine Hand. Er fand diese Situation grotesk. Was ging da vor? Glücklich war diese Frau bestimmt nicht. Bei seinem gestrigen Antrittsbesuch glaubte er sogar, große Angst in ihrem Gesicht lesen zu können. Neugierde regte sich in ihm und der Wunsch, hinter das Geheimnis dieser Frau zu kommen. Vielleicht könnte er sie besser kennenlernen.

Nachdem das Dinner aufgehoben worden war, begaben sich die Damen in den Salon, um ihren Tee bei einem netten Plausch zu genießen. Die Herren blieben noch, um eine Zigarre zu rauchen oder sich ein kräftigeres Getränk zu gönnen. Nach einiger Zeit wechselten auch sie in den Salon zu den Ladys. Sir Michael ging sofort zu seiner Frau und nahm neben ihr Platz. Die anderen Herren verteilten sich oder bildeten kleine Gruppen.

Lord Auston öffnete den Flügel, zeigte einladend auf diesen und fragte seine Gäste: »Möchte vielleicht eine der Damen uns etwas von ihrem Können vorführen? Vielleicht Lady Michael?«

Beatrice zuckte zusammen, sie hatte schon so lange Zeit nicht mehr gesungen und Klavier gespielt. Hilflos schaute sie zu ihrem Mann.

»Oder möchte vielleicht eine andere Dame etwas vorspielen?« Auston sah sich im Raum um.

»Natürlich wird meine Frau etwas vortragen!« Sir Michaels Stimme klang laut und beinah wie eine Drohung. Zu seiner Frau sagte er etwas leiser: »Sei doch nicht immer so schüchtern, um Gottes willen.«

Bea starrte ihren Mann erschrocken an. Was sollte sie nur tun?

Lord Auston kam auf sie zu, verbeugte sich vor ihr: »Wollen Sie uns diesen Gefallen erweisen, Lady Beatrice?«

»Auf, meine Liebe, sei nicht so zurückhaltend mit deinem Können!«, forderte Sir Michael sie auf.

An der Seite von Lord Auston schritt Beatrice zögerlich zum Flügel. Leise flüsterte er ihr zu: »Nur keine Angst, ich bin bei Ihnen. Wir werden ein kleines Lied aussuchen und ich begleite sie.«

»Ich habe seit Jahren nicht mehr singen dü… können.« Beinahe hätte sie sich verraten. »Ich bekomme bestimmt keinen Ton heraus.«

»Doch, doch, das werden Sie. Ich singe mit Ihnen. Was haben Sie für eine Stimmlage?«

»Sopran, früher!«

»Das passt ja wunderbar!« An die Gesellschaft gerichtet, verkündete Lord Auston laut: »Wir haben uns für ein Duett entschieden. Wir bitten Sie um einen Moment Geduld.«

Beatrice sah zu ihrem Mann hinüber, der ihr böse Blicke zuwarf. »Bitte, ich glaube, ich gehe lieber wieder zu meinem Mann!«

»Nein, das geht nicht. Das würden die anderen sehr seltsam finden. Kommen Sie, hier habe ich ein kurzes Lied gefunden. Kennen Sie es?«

Beatrice schaute es sich an und nickte Auston zaghaft zu. Er setzte sich und fing an zu spielen. Nach dem Vorspiel stimmte er mit seiner tiefen, warmen Stimme das Lied an. Auffordernd lächelte er Bea zu.

Sie gab sich einen Ruck und fiel mit ihrem schönen Sopran in das Lied mit ein. Die ersten Töne waren noch etwas steif, doch wurde sie immer mutiger und gab sich schließlich ganz dem Gesang hin. Wie lange hatte sie nicht mehr gesungen? Es schien gefühlt Jahrzehnte her zu sein. Sie vergaß alles um sich herum, bemerkte nicht, dass Auston aufgehört hatte mitzusingen und sie einfach nur noch verzaubert ansah. Auch die Gäste waren still geworden und lauschten entzückt dem Gesang.

Nachdem der letzte Ton verklungen war, brandete Applaus auf. Das Publikum wollte noch mehr hören. Bea sah Lord Auston in die Augen. Das Leuchten darin ließ ihr Herz höherschlagen. Schnell wandte sie den Blick ab und schaute zu ihrem Mann. Die Wut in seinen kalten Augen ließ sie abrupt in die Wirklichkeit zurückkommen. Panik erfasste sie. Lord Auston, immer noch am Klavier sitzend, um ihr den Platz für den Applaus zu lassen, sah zu ihr hinauf und erschrak. Bea, die eben noch so glücklich aussah, zitterte jetzt am ganzen Leib. Er folgte ihrem Blick zu Sir Michael und sah den puren Hass. Was war das hier? Der starke Wunsch, diese Frau zu beschützen, stieg in ihm auf. Wusste er doch genau, er konnte nichts tun. Er durfte nichts tun. Um den Ehemann nicht weiter zu erzürnen, begleitete er Beatrice möglichst gelangweilt zu ihm.

»Beatrice, ich glaube, wir müssen jetzt aufbrechen!« Die eiskalte Stimme ihres Mannes ließ Beas Herz gefrieren. Den Blick auf seinen Gastgeber gerichtet, sagte er nur: »Auston.« Den Titel ließ er gewiss absichtlich weg, dachte Beatrice. Sie schaute kurz auf, um zu sehen, wie wohl Lord Auston reagieren würde, doch der lächelte nur freundlich. »Oh, wie schade. Ich dachte, Sie selbst wollten vielleicht auch etwas vortragen.«

Sir Michael überging diese eindeutig provokante Bemerkung. »Meine Frau ist sicherlich von der ungewohnten Anstrengung erschöpft. Es wird Zeit, dass ich sie nach Hause bringe. Auf Wiedersehen!«

Die beiden Männer verbeugten sich kurz, Beatrice machte einen kleinen anmutigen Knicks. Sir Michael fasste seine Frau am Ellbogen und zerrte sie fast hinter sich her. Beatrice musste sich bemühen, Schritt zu halten.

Lord Auston schüttelte nur den Kopf über ein solch unhöfliches Benehmen. Die arme Frau, dachte er. Schlug der Mann sie oder behandelte sie sonst irgendwie gemein? Sie hatte eindeutig Angst vor ihrem eigenen Ehemann. Aber was für eine wundervolle Stimme! Er dachte an den kurzen tiefen Blick, den sie getauscht hatten. Eine wunderbare Frau! Er schüttelte lächelnd den Kopf über so viel Gefühl. Schluss jetzt! Sie ist eine verheiratete Frau und geht mich nichts an. Er nahm sich ein Glas Champagner, trank es in einem Zuge aus und versuchte, sich auf die verbliebenen Gäste zu konzentrieren.

Beim Blick auf den Flügel bemerkte er, dass Lady Michael ihre kleine Tasche vergessen hatte. Schnell ergriff er sie, um sie ihr zur Kutsche nachzutragen. Draußen sah er gerade noch, wie sich die Kutschentür schloss. Dann vernahm er ein klatschendes Geräusch, ganz als ob jemand einen Schlag abbekommen hätte. Es klang eindeutig nach einer kräftigen Ohrfeige. Gleich darauf hörte er das Wimmern einer Frau. Ihm fiel wieder ein, wie Lady Beatrice ihren Mann voller Angst angesehen hatte. Er spürte eine unglaubliche Wut. Dieses Schwein schlug seine Frau tatsächlich! Und er hatte ihn fast dazu aufgefordert. Jake hätte sich selbst ohrfeigen können.

*

Beatrice war von ihrem Mann unsanft in die Kutsche gestoßen worden. Sie landete hart in der Ecke der Sitzbank.

»Was hast du dir dabei gedacht, dich so in den Mittelpunkt zu stellen?«, herrschte er sie wütend an.

»Aber du hast doch gesagt, ich solle etwas vortragen!«, flüsterte Bea.

Ihr Mann holte aus und schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht. Von der Wucht des Schlages flog Bea quer durch die Kutsche auf die gegenüberliegende Bank.

Vor Zorn geifernd schrie er sie an: »Du hast dich aufgeführt wie eine Nutte! Ich habe genau gesehen, wie ihr euch angeschaut habt. Hast du überhaupt keine Scham, elendes Weib?«

Die ganze Fahrt über schleuderte er ihr Beleidigungen entgegen. Beatrice konnte kaum etwas verstehen. Ihr Kopf drohte vor Schmerzen zu platzen. Auf dem Ohr, das den Schlag abbekommen hatte, vernahm sie nur noch ein Rauschen. Die ganze Gesichtshälfte war wie taub.

Endlich kamen sie zu Hause an. Sir Michael stieg aus, zerrte sie aus der Kutsche und hinter sich her. Sie hatte keine Möglichkeit, auf die Füße zu kommen. Vor Schmerz bekam sie keine Luft. Er schleifte sie an einer Hand haltend über die Treppe hinauf zur Tür. Bea stieß mit dem Kopf mehrmals gegen eine Stufe, während ihr Mann sie ununterbrochen anbrüllte. Anscheinend hatte der Butler die Tür geöffnet. Denn ihr Gatte zog sie weiter in die Eingangshalle. Beatrice fühlte etwas Warmes an ihrem Kopf. Sie blutete.

»Holen Sie die Zofe dieser schamlosen Hure!«, brüllte Sir Michael nun den Butler an. Seine Frau ließ er einfach auf den Boden fallen. »Sie soll sofort diese Missgeburt hier wegschaffen! Und machen Sie gefälligst hier sauber! Diese Schmiererei auf dem Fußboden ist ja ekelerregend!« Mit donnernden Schritten ging er zur Bibliothek, verschwand darin und schlug die Tür hinter sich zu.

Der Butler ließ Sophia holen. Auf dem Boden kauernd, leise vor sich hin wimmernd, fand sie ihre Herrin. Vor Schreck erstarrte die Zofe einen Moment, fasste sich jedoch sogleich wieder. Schnell ließ sie Lady Beatrice von Samson nach oben tragen. Vorsichtig legte er sie auf dem Bett ab. Keiner sagte ein Wort.

In Sophia stieg unbändiger Hass auf. Oh, wenn sie ein Mann wäre, würde sie ihn umbringen! Sie versorgte Beatrice, so gut sie konnte. Einen Arzt durfte sie nicht rufen, das würde Sir Michael nie erlauben. Wenn Beatrice doch nur zu sich kommen würde!

Die ganze Nacht wachte Sophia bei ihrer Herrin am Bett. Diese war sehr unruhig und machte Anstalten, sich die Verbände vom Kopf zu ziehen. Immer wieder versuchte die Zofe, sie mit Worten und sanftem Streicheln zu beruhigen. Doch dauerten die Ruhephasen nie lange.

Gegen morgen erst wurde Bea etwas ruhiger. Sophia schlief neben dem Bett sitzend ein. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Sophia schrak von ihrem Stuhl auf.

»Was ist hier los? Wieso ist meine Frau noch nicht angezogen?«, donnerte Sir Michael der Zofe entgegen.

»Sie ist noch nicht wieder wach geworden«, entgegnete Sophia ihm, nur mit Mühe die Wut unterdrückend.

»Ach stimmt, sie ist ja die Treppe runtergefallen, oder? Hat sie wieder nicht aufgepasst. Das passt zu ihr!«, erwiderte er höhnisch. Mitleidig blickte er auf seine Frau herab: »Gerade jetzt! Immer macht dieses Weib Schwierigkeiten. Ich muss verreisen. Ich habe heute Morgen eine Nachricht bekommen. Wir müssen so schnell wie möglich nach Paris. Schauen Sie zu, dass Sie sie wach bekommen.« Er drehte sich um und verließ das Zimmer.

Sophia war fassungslos. Sie wach bekommen? Dieses Scheusal! Er war wahrhaftig die Grausamkeit in Person. In diesem Moment regte sich Bea.

»Sophia?«, flüsterte sie. »Hilf mir bitte!«

Was konnte sie nur tun, um ihrer Herrin beizustehen? Kurzentschlossen nahm sie das Fläschchen mit Laudanum aus ihrer Schürzentasche. In ein Wasserglas ließ sie eine großzügige Menge des Mittels hineintropfen. Vorsichtig hob sie Lady Beatrices Kopf an. Sie setzte sich so, dass sie ihren Oberkörper abstützen und ihr das Glas an die Lippen halten konnte.

»Jetzt schön den Mund aufmachen, Lady Beatrice. Das wird Ihnen guttun!«, flüsterte Sophia.

Beatrice trank in kleinen Schlucken und fiel langsam in einen tiefen Schlaf. Minuten später betrat Sir Michael wieder das Zimmer.

»Was ist, ist sie immer noch nicht wach?«, herrschte er Sophia an.

»Nein Sir Michael, sie liegt in einem todesähnlichen Schlaf. Sie atmet kaum noch.« Vorsichtig schaute sie ihn an.

»Mit dieser Frau habe ich ja wirklich den Hauptgewinn gezogen«, sagte Sir Michael sarkastisch. »Ständig nur jammern und todlangweilig dazu. Nicht mal zum Kinderkriegen taugt sie.« Verärgert schaute er auf die schlafende Beatrice herab und schüttelte den Kopf. »Und, was soll ich jetzt machen? Vielleicht auch noch den Arzt holen oder was?« Anscheinend unschlüssig und wütend ging er im Zimmer hin und her.

Sophia traute sich kaum zu atmen. Würde er allein wegfahren? In diesem Moment hörte sie schon eine Kutsche vorfahren. Die Zofe merkte ihm an, wie er innerlich mit sich kämpfte. Wie würde er sich entscheiden? Sie betete im Stillen zu allen Heiligen, die ihr in diesem Moment einfallen wollten.

»Gut, ich werde wohl allein fahren müssen. Schauen Sie zu, dass Sie sie wieder in Form bringen, bis ich wieder da bin.« Er drehte sich zur Tür, blieb aber noch einmal kurz stehen. »Keiner wird das Anwesen verlassen! Keinen Schritt! Ist das klar? Ich habe überall meine Beobachter! Sollte mir zu Ohren kommen, dass sie Besuch empfangen oder das Gut verlassen hat, gnade Ihnen Gott.« Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss, seine harten Schritte hallten auf den Treppenstufen wider. Die Haustür ging auf und wieder zu, die Kutsche fuhr ab.

Sophia stand immer noch an derselben Stelle. Sie traute der Sache noch nicht. Sie horchte. War er wirklich weg? Vorsichtig ging sie zur Tür und öffnete sie leise. Alles war ruhig, niemand war zu sehen. Langsam bewegte sie sich zur Treppe.

»Suchen Sie etwa mich?« Sophia erstarrte vor Schreck. Sie hatte das Gefühl, ihr Herz hörte auf zu schlagen. Zögernd drehte sie sich um und blickte in die lachenden Augen von George.

»Oh George, Sie gemeiner, unverschämter Kerl! Wollen Sie, dass ich eine Herzattacke bekomme?«

Jetzt bemerkte George, dass Sophia tatsächlich zutiefst erschüttert war. »Oh, verzeihen Sie mir. Ich wollte Sie nur ein wenig necken.« Er schaute sie um Verzeihung heischend an. George war zur selben Zeit wie Sophia angestellt worden und arbeitete als Sekretär bei Sir Michael.

»Hören Sie bloß auf mit diesem Hundeblick.« Sie schaute ihn streng an. »Und tun Sie das nie wieder! Verstanden?«

»Verstanden, nie wieder!« Er legte zum Schwur eine Hand aufs Herz. Allerdings lauerte in seinen Augen eindeutig ein Lächeln. Langsam ging er um Sophia herum, sie nicht aus den Augen lassend. »Und jetzt begebe ich mich in mein Arbeitszimmer und träume von Ihnen.« Und ganz leise setzte er noch hinzu: »Sie süße Zuckerkugel!«

Sophia drehte sich empört zu ihm um: »Was haben Sie gesagt?«

Die Treppe hinuntereilend rief er: »Nichts, gar nichts!« Lachend verschwand er hinter der nächsten Tür.

Sophia versuchte, entrüstet zu schauen – und doch musste sie lächeln. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. So ein frecher Kerl! Sie musste ihm mal ordentlich die Leviten lesen.

*

Beatrice versuchte sich zu bewegen. In ihrem Kopf schien ein Hammer zu arbeiten. Ganz vorsichtig öffnete sie die Augen, schaute zum Fenster und sah die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Langsam und behutsam drehte sie ihren Kopf, um sich im Zimmer umzusehen. Auf dem Stuhl neben ihrem Bett saß Sophia und schnarchte leise vor sich hin. Das Häubchen hing schräg auf ihrem Kopf, das Kleid war ganz zerknittert. Bea wunderte sich, denn Sophia legte immer viel Wert auf ordentliche Kleidung.

Überhaupt fiel ihr auf, dass in ihrem Zimmer eine ziemliche Unordnung herrschte. Plötzlich erschrak sie. Was, wenn ihr Mann dies sah? Sie versuchte, Sophia anzusprechen. Doch kein Ton wollte aus ihrem ausgetrockneten Mund herauskommen. Mit den Händen klopfte sie schwach auf die Decke, um sich dadurch bemerkbar zu machen. Endlich regte sich Sophia und hob langsam und verschlafen den Kopf. Sie streckte sich und sah zu Beatrice. Mit einem Ruck war sie wach.

»Lady Beatrice! Wie geht es Ihnen?«

Bea zeigte auf ihren Mund, um ihr verständlich zu machen, dass sie Durst hatte.

»Oh Gott, natürlich!« Schnell holte Sophia ein Glas mit Wasser, in das sie ein paar Pfefferminzblätter gegeben hatte. Vorsichtig Lady Beatrices Kopf anhebend, gab sie ihr schluckweise zu trinken.

Dankbar lehnte sich Bea nach dieser lindernden Erfrischung zurück. »Wo ist mein Mann?«, krächzte sie.

»Er ist weggefahren, er musste nach Paris. Sie müssen also keine Angst haben.« Sophia tätschelte liebevoll die Hand ihrer Herrin. »Gestern bekamen wir Nachricht von Sir Michael, dass er nun in Dover angekommen sei und das nächste Schiff nach Calais nehmen würde. Ich muss ihm jeden Tag von Ihrem Zustand berichten. Gestern schrieb ich ihm, dass Sie immer noch nicht bei Bewusstsein seien.« Sie zwinkerte mit den Augen. »Wenn wir Glück haben, wird ihn das vielleicht veranlassen, nicht so schnell zurückzukommen.«

»Wie lange liege ich hier denn schon?«

»Ganze vier Tage!« Sophia sah Bea etwas schuldbewusst an.

»War ich so krank?«, fragte Beatrice erstaunt.

»Nun, nein ...« Sophia lächelte verschwörerisch und gab zögernd zu: »Ich habe Ihnen, um Sie vor ihm zu schützen, Laudanum gegeben. Es war wohl ein bisschen viel! Verzeihen Sie mir?«

»Mit Freuden! Du bist so schlau!« Liebevoll sah sie ihre Zofe an. »Was würde ich nur ohne dich machen?« Etwas leiser fragte Bea: »Ich habe großen Hunger, meinst du, du könntest mir etwas zu essen bringen?«

»Ach je, ach je, natürlich! Die Köchin hält schon seit Tagen eine Hühnerbrühe für Sie bereit. Ich hole sie sofort.«

Und weg war sie. Beatrice fielen indessen die Augen wieder zu. Als sie das nächste Mal wach wurde, nahm sie sogleich den köstlichen Duft einer würzigen Hühnerbrühe wahr. Allein der Duft gab ihr die Kraft, vorsichtig den Kopf zu heben. Sie bildete sich ein, dass noch nie eine Suppe so köstlich geduftet hatte. Sophia saß wieder auf dem Stuhl neben dem Bett, doch diesmal war sie wach und sah gespannt auf ihre Herrin.

»Ich bin wieder eingeschlafen?«

»Das ist gut so, Lady Beatrice. Ich habe in der Zwischenzeit die Brühe geholt. Sie ist noch schön warm und wird Ihnen guttun.«

Mit Sophias Hilfe trank sie zwei Tassen von der Brühe und aß sogar ein paar winzige Fleischstückchen. Von dieser Anstrengung völlig erschöpft, sank Bea sofort wieder in einen tiefen Schlaf.

Sophia räumte leise das Zimmer auf. Danach beauftragte sie einen Diener, warmes Wasser in den Ankleideraum zu bringen und wartete darauf, dass Beatrice wieder aufwachte. Lange brauchte sie nicht darauf zu warten. Beatrice öffnete bald die Augen und schaute sich verwundert um. »Es ist ja schon richtig hell. Wie lange habe ich geschlafen?«

»Drei Stunden! Wie geht es Ihnen?«

»Besser als beim ersten Aufwachen. Aber in meinen Kopf ist immer noch ein lautes Rauschen. Außerdem schmerzt mein linkes Ohr so sehr. Ich weiß gar nicht, warum?«

»Erinnern Sie sich nicht mehr an den Abend nach der Einladung bei Ihrem Nachbarn?«

Beatrice runzelte die Stirn, was sie sofort bereute. Das ganze Gesicht schmerzte dadurch. »Oh ja, der Ballsaal war wunderschön und ich weiß noch, dass ich gesungen habe. Danach sind wir nach Hause gefahren.« Sie stockte plötzlich. »Oh, jetzt weiß ich es wieder. Er hat mich geschlagen! Und dann… Oh mein Gott! Er hat mich aus der Kutsche gezerrt und mich die Treppe hinaufgeschleift.« Vorsichtig fasste sie sich an ihre linke Wange und erschrak. »Sie ist ganz geschwollen! Sophia, gib mir bitte einen Spiegel!«

Ihre Zofe sah sie skeptisch an: »Sind Sie sicher, dass Sie sich so sehen wollen?«

»Ganz sicher!«, sagte Beatrice mit fester Stimme. Sophia reichte ihr den kleinen Handspiegel. Bea sah hinein und schaute sich lange an.

»Das also bin ich?« Resignation breitete sich in ihrem Gesicht aus. Sie ließ den Spiegel fallen. »Bevor ich diesen schrecklichen Menschen traf, war ich eine junge, fröhliche Frau, die von einem Prinzen träumte, einer schönen Hochzeit und Kindern.« Sie sah zu ihrer Zofe. »Schau mich an, was aus mir geworden ist! Nie wieder werde ich in einen Spiegel blicken. Erst wieder, wenn ich wieder die Frau bin, die ich einmal war.«

»Aber Mylady, so etwas dürfen Sie nicht sagen. Das hört sich an, als ob Sie sich die Schuld geben!« Vor Verzweiflung liefen Sophia die Tränen übers Gesicht. »Er ist der Schuft und das Scheusal! Nicht Sie! Sie müssen mir jetzt sofort versprechen, nie wieder so etwas Dummes zu sagen! Wir müssen stark bleiben und wir werden ihn eines Tages besiegen. Das schwöre ich Ihnen!« Nach dieser kurzen, aber bewegenden Ansprache völlig außer Atem, stand Sophia vor ihrer Herrin und schaute sie ernst an. Beatrice hob den Blick, streckte die Arme nach Sophia aus, um sie an sich zu ziehen. Ganz gerührt und von ihrem eigenen Ausbruch irritiert, nahm sie ihre Herrin vorsichtig in die Arme. Beide Frauen hielten sich kurz aneinander fest.

Bea flüsterte: »Verzeih mir meine Verzweiflung. Du hast recht, wir werden kämpfen! Doch zuerst würde ich mich gerne waschen. Ich glaube, ich habe es bitter nötig. Hilfst du mir?«

Sophia zuckte zusammen: »Wo habe ich nur meinen Kopf? Das warme Wasser ist schon da. Es ist erst vor ein paar Minuten nach oben gebracht worden.« Und schon verschwand sie im Ankleidezimmer, um die Schüssel und Tücher zu holen. Langsam und vorsichtig half sie Beatrice, sich an den Bettrand zu setzen. Sie zog ihr das Nachthemd aus und wusch ihr vorsichtig Gesicht und Rücken. Und schließlich den ganzen Körper.

»Oh Sophia, tut das gut. Ich danke dir.«

»Ist schon recht, Mylady. Jetzt noch die frischen Sachen anziehen und sie können sich ausruhen.« Sie half Beatrice in ein neues Nachthemd und zog ihr einen dicken Morgenmantel über. »So, nun legen Sie sich kurz aufs Sofa und Jane und ich werden schnell das Bett frisch beziehen.«

Jane wurde aus dem Ankleidezimmer geholt, in dem sie soeben für Ordnung sorgte. In kurzer Zeit war alles frisch hergerichtet und Beatrice konnte sich wieder, durch weiche Kissen gestützt, in ihrem Bett bequem hinlegen.

»Haben Sie bereits wieder ein wenig Appetit?«

Allein durch diese Frage lief Beatrice das Wasser im Munde zusammen. »Oh ja, bitte, ich bin am Verhungern!«

Sophia grinste: »Na, wenn das nicht ein gutes Zeichen ist!«

Nach dem Essen lehnte sich Beatrice gedankenverloren gegen ihre frisch aufgeschüttelten Kissen. Wie sollte das Leben weitergehen?, fragte sie sich. Es war wohl am besten, erst einmal wieder zu Kräften zu kommen, und dann mit Sophia einen Plan zu erarbeiten. Vielleicht war Flucht doch eine Möglichkeit?

*

Mit jedem neuen Tag und Sophias liebevoller Pflege ging es Beatrice besser. Endlich konnte sie wieder nach unten gehen und es sich an ihrem Lieblingsplatz in der Bibliothek gemütlich machen. Warm zugedeckt und verwöhnt von allen Mitgliedern des Hauses.

Sir Michael schickte ihr fast täglich Nachrichten. Immer wieder fragte er, ob seine Frau schon wieder ganz zu sich gekommen sei und gab dem Personal Anweisungen, was es zu tun und zu lassen hätte. Man glaubte zu merken, wie zuwider es ihm sein musste, nicht alles im Blick zu haben, was in seinem Hause vorging. Sophia antwortete ihm, dass es Beatrice noch sehr schlecht gehe und sie fast nie wach sei. Es machte ihr überhaupt nichts aus, ihn nach Strich und Faden zu belügen. Hauptsache, er sah keinen Grund, hier allzu bald aufzutauchen. So gut wie jetzt ging es ihnen noch nie. Es hatte sich eine so friedliche Stimmung im ganzen Haus ausgebreitet. Heute saßen die beiden Frauen wieder wie schon so oft in der Bibliothek und lasen sich gegenseitig aus ihren Lieblingsbüchern vor. Sie genossen diese Zweisamkeit und spürten die tiefe Zuneigung, die sie verband.

Beatrices Zustand verbesserte sich von Tag zu Tag. Sie freute sich darauf, endlich wieder einen langen Spaziergang machen zu können. Die Bewegung fehlte ihr so sehr nach der langen Zeit der Rekonvaleszenz. Die weitesten Ausflüge bisher führten sie gerade mal bis zum Kräutergarten. Sie hatte das Gefühl, dort bereits mit jeder Pflanze persönlich bekannt zu sein. Daher entschied sie, heute auf den Hügel zu gehen, ihren Hügel! Niemand würde sie zurückhalten können, auch nicht Sophia, die sie für so einen weiten Weg immer noch als zu schwach befand.

Es war einer der seltenen schönen Herbsttage. Die Sonne sendete ihre letzten warmen Strahlen auf die Erde. Langsam und in Gedanken versunken ging Bea den Weg hinauf zu ihrem Lieblingsplatz. Als sie endlich oben angekommen war, noch leicht außer Atem, erschrak sie. Es saß jemand auf ihrem Platz und dieser Jemand war niemand anderer als Lord Jake Auston. Noch hatte er sie anscheinend nicht bemerkt. Was für ein schöner Mann er war mit seinen zu einer wilden Brutusfrisur gekämmten Haaren! Er hatte seine Jacke ausgezogen und saß nun dort auf einem Stein und schaute ins Tal.

Offenbar war ihm ihre Anwesenheit doch nicht entgangen, denn er sagte: »Wollen Sie nicht näherkommen? Ich glaube, das hier ist Ihr Platz!« Langsam drehte er seinen Kopf zu ihr und lächelte sie freundlich an. Bea blieb vor Schreck kurz die Luft weg. »Vor mir brauchen Sie keine Angst zu haben.« Mit einer Handbewegung lud er sie ein, sich neben ihn zu setzen.

Beatrice streckte ihr Kinn vor und entgegnete: »Ich habe keine Angst! Ich hatte nur nicht erwartet, hier jemanden vorzufinden. Lassen Sie sich bitte nicht stören, ich gehe wieder.«

Mit drei schnellen Schritten war er bei ihr. Beatrice fuhr so sehr zusammen, dass sie fast rücklings gefallen wäre. Doch schnell hielt Auston sie an den Armen fest. Diese Berührung traf Beatrice wie ein Blitz. Er trug keine Handschuhe, sodass sie die Wärme seiner Hände auf ihrer Haut spüren konnte. Verunsichert schaute sie ihn an. Anscheinend ging es ihm genauso, da er Beatrice schnell wieder losließ und zu dem Stein zurückging, um seine Jacke zu holen.

»Ich möchte Ihnen auf keinen Fall diesen wunderschönen Platz wegnehmen. Verzeihen Sie mir.« Auston machte Anstalten zu gehen, doch Bea hielt ihn zurück. »Ehm …, nein, bleiben Sie doch! Verzeihen Sie mir, ich war wirklich nur überrascht. Ich denke, es ist Platz für zwei vorhanden.«

Er schaute sie lächelnd an und bemerkte nun die leichte Verfärbung ihrer linken Gesichtshälfte. Schnell wandte er den Blick ab. Das konnte nur ihr Ehemann gewesen sein. Endlose Wut stieg in ihm hoch. Dieser Bastard! Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und lud Beatrice freundlich ein, neben ihm Platz zu nehmen. »Ich lege mein Jackett hierher, dann können Sie darauf Platz nehmen.«

»Vielen Dank.« Etwas zögerlich setzte sich Beatrice. Auston tat es ihr nach. Er war ihr so nahe, dass sie seine Körperwärme spüren konnte. Sie wunderte sich, dass es sie weder ängstigte noch abstieß, so dicht neben einem Mann zu sitzen.

Plötzlich kam Beatrice ein Gedanke: »Wieso glauben Sie, dass dies mein Platz ist?« Irritiert schaute sie ihn an. »Mir war nicht bewusst, dass noch jemand diesen Pfad hier herauf kennt.«

»Oh, bis heute kannte ich ihn auch nicht«, sagte er mit einem Augenzwinkern. Ihre Verblüffung schien ihm Spaß zu machen.

»Sie machen sich über mich lustig!« Jetzt wurde Bea langsam wütend.

»Nein, nein, nichts liegt mir ferner«, sagte er lachend. »Ich habe ein Fernglas!«

»Ein Fernglas? Wie meinen Sie das? Haben Sie mich damit etwa beobachtet?« Bea bekam einen roten Kopf. »Haben Sie nichts anderes zu tun, als harmlose Menschen mit einem Fernglas zu beobachten? Und wieso habe ich Sie nicht gesehen?«

»Aha! Wer hat nun wen beobachtet?«

»Das war etwas ganz anderes. Ich habe Ihr Haus angeschaut, ich wusste ja gar nicht, dass Sie da sind.«

»Also bedeutet das doch, wenn Sie gewusst hätten, dass ich da bin, hätten Sie mich beobachtet?«

Bea schaute ihn entrüstet an. Doch dann sah sie den verschmitzten Ausdruck in seinen Augen und musste einfach loslachen. »Sie sind so durchtrieben, Lord Auston. Vor Ihnen muss man sich in acht nehmen.«

»Ich befürchte, meine Erziehung wurde sträflich vernachlässigt.« Er ließ den Blick sinken und schüttelte den Kopf, als ob er am Boden zerstört wäre.

Bea schaute ihn streng an: »Mit diesem Benehmen können Sie mich nicht mehr täuschen! Ich habe Sie durchschaut! Sie sind ein ganz durchtriebener Mensch. Wie mein Mann!«

Jetzt schaute Jake sie fast verärgert an. Sie bemerkte sofort, dass es diesmal ernst war. »Tun Sie mir bitte den Gefallen und vergleichen Sie mich nie mehr mit Ihrem Mann. So wie ich Ihren Mann kennengelernt und was ich über ihn vernommen habe, ist er der letzte Mensch, mit dem ich verglichen werden möchte.«

Beatrice sah Auston erschrocken an und sagte leise: »Ehm, bitte verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht verletzten. Sie haben in keiner Weise Ähnlichkeit mit meinem Mann! So habe ich das nicht gemeint.« Sie beobachtete ihn aus dem Augenwinkel und wunderte sich über seine vehemente Reaktion.

Zu ihrem großen Erstaunen sagte er: »Ihnen verzeihe ich immer!«, und sah ihr dabei direkt in die Augen. Beatrice fand, er hatte die schönsten Augen, die sie je gesehen hatte. Dieses Braun war so dunkel, dass es manchmal fast schwarz wirkte. Die langen Wimpern verstärkten diesen Eindruck noch. So in ihren Gedanken versunken wurde sie erst wieder durch sein leises Lachen in die Wirklichkeit zurückgerufen. Sie erschrak, da ihr bewusst wurde, dass sie ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Schnell schaute sie weg, ihre Wangen färbten sich dunkelrot. Sie murmelte: »Verzeihung, ich bin noch nicht ganz ich selbst.«

»Wie meinen Sie das? Waren Sie krank?«

Beatrice überlegte kurz: »Ehm … Ja, ich war krank. Dies ist mein erster Spaziergang seit Langem. Und … Ich muss jetzt wirklich gehen, sonst machen sich alle Sorgen.«

»Wer macht sich denn die Sorgen? Ihr Mann?« Jake zog zweifelnd eine Augenbraue nach oben.

»Reden Sie nicht so mit mir. Können Sie sich nicht vorstellen, dass sich jemand um mich Sorgen macht?« Bea schaute ihn entrüstet an.

»Jetzt muss ich mich wohl entschuldigen?«

»Ja, das müssen Sie! Das war sehr unschön von Ihnen.« Bea schniefte laut und wenig damenhaft.

»Ich bin so ein Tölpel! Aber eines kann ich Ihnen sagen. Wenn Sie meine Frau wären, würde ich mir Sorgen machen.«

»Ich bin aber nicht Ihre Frau und deshalb dürfen Sie sich keine Sorgen machen. Wenn wir Freunde wären, ja dann vielleicht.« Jake bedachte Beatrice mit einem Lächeln: »Können wir Freunde werden?«

Sie sah ihn forschend an: »Geht das denn? Wir kennen uns ja kaum.«

»Wir können uns ja kennenlernen. Nur glaube ich, dass Ihr Mann dies nicht gut finden würde.«

»Oh, er ist zurzeit nicht da«, sagte Bea freudig. Doch sogleich wurde ihr bewusst, dass ihre Freude darüber möglicherweise einen befremdlichen Eindruck auf Lord Auston machen könnte und fügte rasch hinzu: »Nun, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich natürlich nicht, dass mein Mann weg ist. Ehm …, sondern dass er sich freut, nicht hier zu sein. Nein, also… Es ist doch schön für ihn, wenn er…«

Jake lächelte: »Oh, ich verstehe Sie sehr gut. Es ist schön für ihn, mal unterwegs zu sein.«

Bea nickte erleichtert: »Ja genau! Das ist es.«

»Lady Michael, ich glaube, Sie sollten jetzt wirklich wieder zurückgehen. So langsam wird es kühl hier oben. Nicht, dass Sie wieder krank werden.«

Bea stand schnell auf. »Sie haben recht, ich muss jetzt wirklich nach Hause. Sophia macht sich sicherlich schon Gedanken um mich.«

»Wer ist Sophia? Ihre Gesellschafterin?«

Bea musste lachen. »Sie ist meine Zofe und gleichzeitig meine beste Freundin. Das kommt Ihnen sicher seltsam vor. Doch so ist es.«

»Es kommt mir nicht seltsam vor. Es ist schön, dass Sie eine Freundin haben.« Er zog seine Jacke wieder an und half Beatrice über die Steine hinweg zurück auf den Weg. Langsam gingen sie auf dem schmalen Pfad hintereinander den Hügel hinunter. Als die Sträucher sich teilten und sie auf der Wiese ankamen, trennten sich ihre Wege. Beide spürten ein leichtes Bedauern.

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Объем:
231 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783944987187
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Правообладатель:
Bookwire
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