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Charlott Ruth Kott

Ein Atelier in der Provence

Erzählung

Begegnung mit Kunst und Künstlern

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Umschlaggestaltung und Illustrationen

Mit Bildern der Autorin Charlott Ruth Kott

Copyright Charlott Ruth Kott

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Es war einmal

Gedanken wandern

bei Tag und Nacht –

zurück, nach vorn

im Strom des Lebens

Die Zeit ist unfassbar,

unendlich, unhaltbar –

Vergleiche von

Erlebnissen, Erfahrungen,

Geschehnissen –

in Tagen des Glücks,

der Trauer und Liebe

Einführung

Die Lust und Notwendigkeit, künstlerisch und schöpferisch tätig zu sein, Form und Gestalt zu kreieren, sind das Leben von Charlott Ruth Kott. Eine Kraft, die sich seit frühester Zeit in ihr geformt hat, aber erst in den Jahren, die den Verpflichtungen als Mutter dreier Kinder folgten, in der Malerei, der Graphik und der Skulptur Gestalt und Sprachrohr gefunden hat.

Seitdem ist die Künstlerin unermüdlich auf der Suche nach Ausdrucksformen, die ihrer Sicht auf die Welt gerecht werden, ihrer Sehnsucht nach künstlerischer Neuschöpfung Raum geben.

Dabei hat das Wort schon immer eine Rolle im Werk von Charlott Ruth Kott gespielt:

Als Gegenstand ihrer Malerei in jener transzendenten Botschaft der menschlichen Existenz, die mit dem Satz »Am Anfang war das Wort« tief in die Gründe der westlichen, der christlichen Kultur hineinreicht und sogar weiter nach den Urgründen des Menschseins spürt. Aber auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit, das Durchdringen der eigenen Arbeitskräfte und der Vergewisserung des künstlerischen Weges sind Themen, die die Künstlerin stets aktiv angenommen und um deren Formulierungen sie gerungen hat.

Wie schmeckt Blau?

Diese Zeile aus Malereigedanken aus dem Jahr 1997 skizzierte bereits »Ein Meer von blauen Gedanken«, wie Heinrich Heine es formulierte, den Versuch, Wortbilder zu schreiben, pointierte poetische Skizzen zu umreißen.

Skizzen, die nicht die Pastelle und Erdbilder, die Aquarelle und Graphiken erklären sollen, sondern ihnen und ihrer Entstehung eine neue Dimension geben und dem Hörer wie dem Betrachter im Einklang von Text und Bild einen erweiterten Blick auf die Künstlerin ermöglichen.

Nun hat sich Charlott Ruth Kott einen neuen Pfad erschlossen, der noch tiefer in das Werden ihrer eigenen Kunst dringt: Die bisherigen autobiographischen Skizzen münden mit dem vorliegenden Buch in eine umfassende Beobachtung ihres Lebens als Künstlerin.

Charlott Ruth Kott spiegelt ihr Leben in den Begegnungen mit Menschen und Orten ihrer eigenen Künstlerinnenexistenz – eine mutige Öffnung, die tief in die bislang zumeist verborgenen und sehr privaten Entwicklungsmäander reicht.

In der Spiegelung der jahrzehntelangen Suche nach den für sie stimmig erscheinenden Ausdrucksformen öffnet die Autorin die Türen zu der Malerin und Bildhauerin.

Wir sind eingeladen, eine schillernde vielfältige Künstlerin neu zu entdecken.

Dr. Annette Boldt – Stülzebach

Die Malerin in der Provence

Am Morgen

Nichts hält mich im Haus –

Das Bild in meinen Gedanken

Leuchtet in den Farben

Der Provence

Bepackt mit Mappe

Rucksack und Malhocker

Finden die Füße

Den Weg zum Motiv –

Gehend über das weite Land

Gehend

Umweht vom Duft

Der Kräuter und Blüten

Durch Gräser – benetzt

Von Tränen der Nacht

Einatmen die Farben

Geblendet

Vom diffusen Licht

Des Himmels –

Vom Mohn in roter Erde

Vor dem Motiv sitzend

Mit dem Bogen aus Bütten

Träumend –

Schwelgen in Farben

Auf die Seele hören

Der Tag neigt sich dem Ende zu

Ein guter Tag für Malerei –

Erschöpft, beglückt

Gehend durch ein Weinfeld

Über die Wiese am Bach

Gedanken

Beim Anschauen der Arbeit

Wer gab mir die Kraft –

Das Werk zu erschaffen

Dankbar, fragend, staunend

Schmecke ich noch immer –

Die Farben

Des Himmels und der Erde


Erste Reise in die Provence 1981

Charlott R. Kott 2. von links mit Malkollegen aus

Deutschland und Australien

Notizen der Malerin

Es gibt in meinem Leben Augenblicke, sie können auch länger andauern, dann löse ich mich in der Malerei auf und die Malerei in mir.

Das geschieht sehr oft und stark an anderen Orten, zum Beispiel in der Provence, in Ägypten, Italien oder in Tunesien.

Wobei diese »Orte« nicht immer einer Stadt gleichzusetzen sind. Mehr wohl in der Unendlichkeit – im Ursprung.

Beim Malen des Ölbildes »Sonnengesang« erfasste mich eine große Liebe. Meine Gedanken weilten wieder in Assisi, in Umbrien.

Wenn ich heute vor dem Bild stehe, finde ich auch mich – das Wunder der Natur ist mir nah.

Wie schmeckt Blau?

»Blau« ist für mich nicht nur eine Farbe, auf die Mischung kommt es an, im Leben, Arbeiten und besonders in der Malerei.

Farbig ist und war mein Leben – geprägt durch die Aufenthalte in der Provence, mit viel Licht und Schatten, ich schmecke das Blau.

Die Malerin in der Provence

»Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …«

Worte von Hermann Hesse.

Bezaubernd sind und waren meine Erlebnisse in der Provence, mit Künstlern vieler Nationen.

Von der Kunst besessen sein, ein Miteinander im Geist, kämpfen um jedes Werk ohne Rücksicht auf eigene Befindlichkeiten.

Diskussionen zu ertragen, wenn die Mitmenschen anderer Meinung über die Arbeiten sind. Höhen und Tiefen annehmen, sich jedoch treu bleiben, auch wenn es einmal schwierig in der Gemeinschaft ist.

Gemeinschaft im Atelier, auch das ist es, warum ich seit 35 Jahren immer wieder nach Séguret reise. Sich einfügen, allein sein können, wenn man möchte, dabei immer auf die Stimme der Seele hören. Durch einige Schicksalsschläge konnte ich zwei Jahre nicht im Atelier in der Provence leben und arbeiten. Mein Heimweh nach diesem kleinen Paradies war riesig.

Endlich – ich sitze wieder auf der Terrasse und schaue in die Ebene von Séguret. Vor wenigen Stunden ging die Sonne als orange-roter Feuerball unter.

Zuerst war es stockdunkel, doch nun ist der Himmel mit Sternen übersät und der abnehmende Mond beleuchtet silbrig die vor mir liegende Landschaft.

Ein traumhafter Juli-Himmel, lauer Wind wiegt Zweige und Sträucher in den Gärten an der Stadtmauer. Es duftet süßlich, schwer von Früchten, die an Pfirsich- und Aprikosenbäumen vergessen überreif leuchten.

Von der Terrasse aus sehe ich in Richtung Sablet und zu den Ouvèzefelsen. Viele Lichter blinzeln im Dunkel der Nacht. Eine unendliche Weite breitet sich aus. Die Lichter vom Flughafen Orange sind zu sehen.

Heute bin ich allein hier, entsinne mich, dass es nicht das erste Mal ist, dass Künstler absagten.

Vieles hat sich seit 1981, als ich den ersten Studienaufenthalt für einen Monat hatte, geändert. Meine Gedanken gehen zurück zum Anfang, als Herr Arthur Langlet mich am Bahnhof in Orange abholte. Er hielt ein Passbild von mir in der Hand und fragte nach meinem Namen.

Als wir das Gepäck aus der Aufbewahrung holen wollten, war es noch nicht da. Herr Langlet tröstete mich mit den Worten: »Dafür zeige ich Ihnen den ›Arc de Triomphe‹ in Orange.« Und das am Morgen um sieben Uhr.

Der Künstler Arthur Langlet hat das Atelier im Jahr 1957 für Künstleraufenthalte gegründet. Künstler aus vielen Nationen konnte auch ich kennenlernen. Immer Stipendiaten aus Japan und zweimal im Jahr aus Münster, Letztere waren sehr gute Graphiker.

Oft konnte ich zweimal im Jahr kommen, für mich ist Séguret zur zweiten Heimat geworden, mein kleines Paradies.

Dabei fällt mir folgende Sage ein:

»Als Gott alle Erdteile mit Mensch, Tier, Pflanzen, Bergen, Wüste, Meer und Flüssen geschaffen hatte, blieb von jedem etwas übrig.

Gott dachte nicht lange nach und gab alle Reste in das Stück Land, das wir die Provence nennen. Er rief erfreut aus, das soll mein Paradies auf Erden sein!«

Der Ort Séguret ist eines der schönsten Dörfer Frankreichs, in der Provence. Es ist umgeben von Weinfeldern, Zypressenhecken, Pinien und kleinen Gärten an der Stadtmauer.

Die Burg, Häuser und die Stadtmauer wurden im zwölften Jahrhundert erbaut. Der seit Römerzeiten erbaute Ort liegt in 250 Metern Höhe über dem Rhônetal. Séguret wird von der einen Seite durch das Massiv der Dentelles de Montmirail und von der anderen Seite vom Mont Ventoux beschützt. Seit meinem ersten Aufenthalt hat sich im Ort vieles geändert.

Es gab zum Beispiel einen Laden für Brot, allerlei Lebensmittel, Schreibwaren, Kosmetikartikel, Seifenzeug, Wurstwaren und vieles mehr. Bei uns in Deutschland Tante-Emma-Laden genannt.

In diesem Lädchen holten die Einwohner und auch wir Künstler auf Zeit am Morgen das Brot und alles, was gebraucht wurde. Als dieser Laden vor einigen Jahren geschlossen wurde, übernahm das örtliche Bistro den Verkauf.

Im Bistro gab es fast alles zu unterschiedlichen Zeiten. Wie in Frankreich üblich, immer am Morgen frisches Baguette und Croissants. Lustig, in der Nacht die Einkäufe zu tätigen und Milch oder Seifenzeug zu kaufen, wenn es fehlte.

Doch nun hat dieser Besitzer gewechselt. Es gibt im Ort seither keine Möglichkeit zum Einkaufen.

Ein weiteres Restaurant und der Salon de Thé laden Touristen und die Künstler ein.

Der Geheimtipp seit Jahren: In der Ebene von Séguret besitzt Madame Monique ein Lebensmittellädchen und das Hotelchen.

In sieben Kilometern Entfernung liegt der Ort Vaison-la-Romaine. Dort sind die römischen Ausgrabungen zu besichtigen und an jedem Dienstag in der Woche ist Markt.

Der Markt ist seit vielen Jahren der schönste und älteste Markt in der Provence. Darauf freue ich mich Jahr für Jahr, auch wenn ich nichts einkaufen möchte. Auf die herrlichen Düfte, Geräusche, Blumen, Obst, Gemüse, exotischen Speisefischen, dazu Menschen, Musik und Leben in allen Gassen.

Nichts als Malerei

Nichts als Malerei war mein größter Wunsch, seit ich denken kann. Vorerst begnügte ich mich mit der Gestaltung in allen Variationen, denn es dauerte noch viele Jahre, bevor ich mit der Malerei und Bildhauerei beginnen konnte.

Die Ausbildung in der Gutenbergschule Leipzig zur Schriftsetzerin brachte mir erste Erfolge mit der Schrift, Gestaltung und im Umgang mit Farben, dem Zeichnen und Entwerfen.

Das Kennenlernen verschiedener Papiersorten war und ist auch in der Malerei von Vorteil. Ich liebe Papiere und habe immer einen größeren Vorrat im Atelier.

1979 – Nicht mehr ganz jung, um noch einmal ein neues Leben zu beginnen, wagte ich den Sprung einer Neuorientierung. Endlich konnte mein Traum von der Malerei und Graphik Wirklichkeit werden. Im Kurs an der Volkshochschule in Braunschweig arbeitete ich an einer Mappe für die Bewerbung zur Kunsthochschule.

1980 empfahl mir ein Lehrer, nach Frankreich in das ›Atelier Artistique International de Séguret‹ zu fahren. Er kannte den Künstler von seinen Provencereisen.

Da ich Bedenken hatte, angenommen zu werden, schrieb Herr Hinrichs an den Künstler Arthur Langlet und empfahl mich.

Ich wurde aufgefordert, Fotos meiner Arbeiten und meinen Lebenslauf zu schicken.

Im Januar 1981 kam der Brief mit der Bestätigung für den ersten Studienaufenthalt im Atelier.

Seit dem ersten Aufenthalt war ich fast jedes Jahr in der Provence, in Séguret. Heute kann ich mit Gewissheit sagen, es hat meine gesamte künstlerische Laufbahn, mein Leben überhaupt, beeinflusst. Dort konnte ich viele interessante, bekannte und auch unbekannte Künstlerinnen und Künstler aus anderen Ländern treffen, durch das Schauen lernen.

Zurück in Deutschland habe ich immer großes Heimweh nach Séguret, nach der Provence überhaupt. Nicht ohne Grund malten viele der bekannten Impressionisten und Expressionisten, Künstlerinnen und Künstler aus vielen Ländern in der Provence.

Der Hauptgrund ist das Licht.

Matisse schrieb einmal:

»Als mir klar wurde, dass ich jeden Morgen dieses Licht wiedersehen würde, konnte ich mein Glück kaum fassen.«

Dieses Gefühl hat auch mich überfallen, dazu der Duft, die Wärme, Farbigkeit, die Leichtigkeit und der Himmel der Provence.

Der Gegensatz:

Die graue und rosa Provence.

Wichtig ist für mich, diese Geschichten von Künstlern und Künstlerinnen aus verschiedenen Ländern zu erzählen – loszulassen.

Es spielt dabei keine Rolle, ob ich sie selbst erlebte.

Viele Ereignisse finden dank der Erzählbarkeit statt.


Rue des Poternes

Rohrfederzeichnung 2009

Erster Studienaufenthalt 1981

In den ersten Jahren war es nicht so einfach, einen Platz im Atelier zu bekommen. Künstler vieler Nationen nahmen Aufenthalt für mindestens einen Monat.

Ich malte erst seit einem Jahr. In der Volkshochschule kam es zu einem Gespräch mit dem Kunstlehrer Herrn W. Hinrichs. Er sah, wie gut ich mit Farben umgehen konnte, wie ernst es mir mit dem Lernen, Gestalten und Malen – nichts als Malerei – war.

Im Frühjahr 1980 erzählte ich, dass es mir endlich möglich sei, eine Reise zu unternehmen. Daraufhin erzählte Herr Hinrichs begeistert von seinen jährlichen Reisen in die Provence, schilderte Südfrankreich in den schönsten Farben und sagte: »Für Sie wäre es das Beste, einmal in ein Atelier in diese märchenhafte Landschaft zu fahren, um das besondere Licht der Provence, das Licht der Maler, einzufangen.« Er lächelte verträumt und weitere Malschüler stellten sich neben uns.

»Im vergangenen Jahr, auf meiner Fahrt durch die Vaucluse, kam ich zufällig in den Ort Séguret und konnte dort den Künstler Arthur Langlet, seine Frau und einige anwesende Künstlerinnen und Künstler kennenlernen.

Herr Langlet zeigte mir die Werkstätten und lud mich für einige Tage in das Atelier ein«, sagte der Lehrer.

»Es gibt im Atelier keinen Unterricht, Herr Langlet bietet jedoch Kurse für Lithographie und Radierung an und hilft bei dem Drucken kleiner Auflagen. Die Fotowerkstatt kann ebenfalls genutzt werden. Korrekturstunden für neu entstandene Arbeiten kann man bei dem Künstler Herrn Arthur Langlet buchen. Was meinen Sie dazu, junge Frau, ist das etwas für Sie?«

Erstaunt sah ich den Lehrer an: »Ja sicher, ich glaube aber kaum, dass ich, die Anfängerin, genommen würde. Wo könnte ich mich dafür bewerben?«

»Für einen Aufenthalt im ›Atelier Artistique International de Séguret‹ sollte man sich möglichst schon im Herbst für das kommende Jahr bewerben. Ich gebe Ihnen die Adresse, Sie legen dem Brief einen Lebenslauf und einige Fotos Ihrer Arbeiten dazu.«

Da ich zu dieser Zeit noch in keiner Weise von meinem Können oder Talenten überzeugt war, bat ich Herrn Hinrichs, für mich nach Séguret zu schreiben und mich zu empfehlen. Lächelnd versprach er es.

Im Herbst des Jahres 1980 bekam ich einen Brief aus Frankreich. Frau Langlet teilte mir mit, dass ich die besagten Fotos und eine Vita schicken möchte.

Sie und ihr Ehemann würden danach entscheiden, ob und wann ich für einen Monat kommen könnte. Meine Spannung wuchs von Tag zu Tag. Ich malte erst seit einem Jahr, es war wenig, was ich dieser Prüfung für würdig hielt.

Große Freude, im Dezember kam die Nachricht auf meine spärliche Fotodokumentation. Meiner Reise stand nichts im Weg, der erste Aufenthalt für einen Monat war reserviert. Ich war beglückt und aufgeregt zugleich.

Mit Herrn Hinrichs besprach ich, was für Material für die Reise geeignet wäre. Er sagte mir, ich müsse unbedingt eine Feldstaffelei aus Metall mitnehmen, denn der Mistral sei ein starker, kalter Wind, der aus dem Norden kommt.

Selbst Van Gogh hatte immer große Schwierigkeiten mit dem Wind, obwohl er einen mit Steinen gefüllten Jutesack an die Staffelei band. Der Wind riss sie wieder und wieder um.

Außerdem hatte ich für mein Kommen den Monat April bestätigt, ohne zu wissen, dass es dann besonders windig und kalt sein würde. In den mittelalterlichen Gebäuden kann zum Teil im Winter nicht geheizt werden, die Mauern heizen sich erst im Sommer wieder auf.

Ich machte mir ebenfalls keine Gedanken darüber, dass ich kein Wort Französisch sprach. Denn ein Wörterbuch kam mit in das Reisegepäck.

Im März des Jahres hatte ich mich von meinem Ehemann getrennt, eine erste Atelierwohnung bezogen, es begann ein neues, selbstständiges Leben voll Ungewissheiten.

Neugierig auf das Leben mit der Malerei, 44 Jahre jung, was sollte mir geschehen? Meine drei Söhne waren aus dem Haus und selbstständig.

Seit meinem fünften Lebensjahr wollte ich malen. Durch viele Widrigkeiten in meinem Leben, konnte ich damit erst jetzt beginnen. Dass die Malerei und Bildhauerei einmal mein Beruf werden könnte, dachte ich noch nicht.

Ich wollte ursprünglich Publizistik studieren und musste, wie in der DDR üblich, erst einen praktischen Beruf erlernen. In der Gutenbergschule und zeitgleich im Betrieb ›Deutsche Graphische Werkstätten Leipzig‹ wurde ich zur Schriftsetzerin ausgebildet. Auch während der Ehezeit arbeitete ich teilweise in diesem Beruf.

Wichtig war, dass ich als Schriftsetzerin den Umgang mit Farben, Papieren und Schriften beherrschte, da es mir jetzt und immer wieder zugutekommt, hilfreich in der Malerei und Graphik ist. Besonders bei dem Gestalten von Künstler-Büchern.

Zu meinem ersten Aufenthalt 1981 in Séguret

Am ersten April begann für mich die große Fahrt in eine andere Welt. In Braunschweig hatte ich mir das nötige Material, einen Malhocker und eine Feldstaffelei, gekauft. Den großen Koffer mit Farben, Leinwänden, Kleidung, Sonnenhut und Malblöcken hatte ich per Bahn vorausgeschickt, was heute leider nicht mehr möglich ist.

Ich konnte mir nur eine einfache Fahrkarte mit Sitzplatz, keinen Liegewagenplatz leisten. Das bedeutete leider ab Braunschweig 21 Stunden Zugfahrt, inklusive Umsteigezeiten.

Erstes Umsteigen in Hannover in einen Zug nach Basel. In Basel in einen Zug Richtung Marseille. Ab Basel hatte ich zum Glück eine Platzkarte, der Zug war übervoll. Eine lange Fahrt, was würde mich erwarten?

Undefinierbare Gerüche und Geräusche im Wagen ließen mich nicht einschlafen.

Gegen drei Uhr in der Nacht war der Ort Valence endlich erreicht – wieder umsteigen.

Inzwischen war es der erste April und Frühling in der Vaucluse, es wehte ein lauer Wind, roch nach Frühling und nach Frankreich.

Diese Gerüche werde ich im Leben nie mehr vergessen. Wenn ich heute in Avignon ankomme, sagt mir der Duft, ich bin wieder zu Hause.

Die Fahrt sollte erst gegen fünf Uhr weitergehen, also suchte ich den Warteraum auf.

Der Warteraum in der zweiten Klasse war überfüllt, Menschen lagen schlafend auf Bänken und Tischen. Das kannte ich so noch nicht.

Sehr müde begab ich mich in den Warteraum der ersten Klasse, er war fast leer. Sofort kam ein Bahnbeamter und verlangte meine Fahrkarte, sah sie an und verwies mich des Raumes.

Bepackt mit Mappe, Reisetasche, Hut, Schirm und Staffelei ging ich aus dem Bahnhofsgebäude hinaus auf die Straße und lehnte mich an eine Wand, das Gepäck dicht an mich gepresst.

Es dauerte nicht lange und Männer, Franzosen, kamen auf mich zu, sie sprachen mich an, wollten etwas von mir. Obwohl ich sie nicht verstand, erahnte ich ihre Wünsche.

Unweit von mir standen leicht bekleidete Frauen, sie hatten kein Reisegepäck dabei. Es blieb mir nichts anderes übrig, als wieder in den Wartesaal der ersten Klasse zu gehen, und ich wurde erneut hinausgebeten. Nach geraumer Zeit versuchte ich es wieder, um sitzen zu können.

Es ging gut, der Beamte kam nicht noch einmal. Als es heller wurde, fuhr der Zug nach Orange, meinem Endziel entgegen. Es waren nur vier Wagen und eine Menge Reisende, viele Spanier, auf dem Bahnsteig, denn es war Wochenende.

Schnell stieg ich in den ersten zu erreichenden Wagen, der Zug fuhr ab.

Keine Beleuchtung, es war dunkel im Gang. Ein Schaffner verlangte meine Fahrkarte, redete auf mich ein, nahm meine Hand und zog mich zum Ende des Wagens. Nun merkte ich, dass ich im Schlafwagen für Männer gelandet war. Der Schaffner schloss die Tür zum nächsten Wagen auf, ich freute mich, dachte, er würde mir einen Sitzplatz besorgen.

Weit gefehlt, er warf mich förmlich auf den Perron des nächsten Wagens und schloss die Wagentür hinter mir ab.

Der Perron war voll besetzt, Männer saßen auf dem Boden, ich musste auf einem Bein stehen, das andere hing zwischen Staffelei und Reisetasche.

Die Mitreisenden sahen mich mitleidig an, mir ging es schlecht. Lyon kam in Sicht, einige Reisende stiegen aus, ich konnte besser stehen.

Ich sah die Rhône, die Sonne ging auf! Sonne im Tal der Rhône, ein überwältigender Anblick, ich fieberte der nächsten Station Orange entgegen.

Kein Mensch erwartete mich am Bahnsteig in Orange, kein Schild: »Hier nach Séguret«, war zu sehen. Ich ging durch einen Tunnel, um in die Bahnhofshalle zu gelangen und … dort stand ein kleiner Mann in kurzer Hose. Er sah freundlich aus, hatte ein Bärtchen und lustige, listige Augen strahlten mich an. Arthur Langlet mit meinem Passfoto in der Hand, so war es vereinbart.

An der Gepäckausgabe erfuhren wir, dass mein großer Koffer noch nicht eingetroffen war. Herr Langlet tröstete mich mit den Worten, er werde mir nun gleich den ›Arc de Triomphe‹ zeigen, als Ersatz für den fehlenden Koffer. Und das am Morgen gegen sieben Uhr. Begeistert war ich nicht, denn er hatte einen Fahrstil, den ich nie vergessen werde.

Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, als mich Herr Langlet nach Séguret fuhr.

Entschädigt hat mich dann diese mir unbekannte, wunderschöne Landschaft, die Fahrt durch kleine Orte, vorbei an Weinfeldern und Olivenbäumen.

Es sollte ein herrlicher Frühlingstag werden und noch viele Tage und Jahre in der Provence folgen. In vergangenen Jahren konnte ich verschiedene Künstlerinnen und Künstler und oft ihre Begleiter im Atelier kennenlernen.

Immer wieder gab es Erlebnisse mit interessanten Menschen, mit der Kunst und meinen ungemalten Bildern, die noch in meiner Seele wohnen. Wann werde ich diese malen, malen können?

Traurige und lustige Geschichten konnte ich erleben, andere wurden mir erzählt, wenn ich mit Künstlern unterwegs war oder auch am Abend auf der kleinen Terrasse.

Wir setzten uns oft nach dem großen Abendessen mit den fünf Gängen, es gab immer Brot, Wasser und Wein, an den Pinienbrunnen oder Kamin, erzählten bis in die Nacht unsere Erlebnisse.

Hier im Buch schreibe und beschreibe ich das bewegte, erfüllte und aufregende Malerleben von den anwesenden Künstlerinnen, Künstlern und von mir in Séguret. Auch die Geschichten, die mir oft erst zu später Stunde, am Brunnen sitzend, erzählt wurden.

Es war einmal …


Platane am Tor

Rohrfederzeichnung 2015

Erinnerung an St. Esprit

1991 – Seit einigen Wochen streifte ich täglich zum Malen durch die Lande. Wie immer mit Rucksack, Mappe und Malhöckerchen. Wenn ich am Morgen in die Landschaft lief, wusste ich oft nicht, wie lang sich der Weg bis zum Motiv erstreckte. Es sei denn, dass ich den Ort oder die bestimmte Stelle kannte. So war ich erfreut, als Gevehard im Atelier eintraf. Wir kannten uns aus vorherigen Aufenthalten. Seinen Vorschlag, mit Hans und mir zu einem Konzert in die Chartreuse de Valbonne zu fahren, nahm ich erfreut an.

Wir fuhren mit seinem Auto von Séguret aus in die Richtung St. Cécile und Bollène nach Pont St. Esprit. Weiter über die Rhône-Brücke in Richtung Ardèche. Erster Halt in St. Esprit.

Von den wunderschönen, jedoch sehr verfallenen Renaissance-Häusern mit den großen Freitreppen waren wir beeindruckt. Wir gingen staunend auf und ab und fotografierten die prunkvollen Gebäude und uns gegenseitig.

Meine Kollegen wollten unbedingt sofort zeichnen. Wie oft praktiziert, trennten wir uns für einige Stunden.

Ich war wie immer beim Erkunden neuer Landschaften und den Orten erfüllt vom Sehen, Aufnehmen und Einatmen der Atmosphäre, dass ich allein ging.

Ich spazierte die Treppen auf und ab bis zum Ufer der Rhône. Trotz der Mittagshitze war es am Wasser nicht zu heiß. Die Füße im warmen Sand, träumend konnte ich die Seele sprechen lassen. Kein Mensch war in der Nähe und störte meine Gedanken, diese gingen auch zurück in die Vergangenheit, erinnerten mich an meine große Liebe. Versunken nahm ich Stift und Papier zur Hand, das Gedicht, es schrieb sich von allein. Liebe ist der Titel.

Danach traf ich die Malkollegen, wir fuhren weiter. Noch Mittagshitze, gleißendes Licht und wenig Wind waren unsere Begleiter. Leise zitterten die Pappeln am Weg. Silbrig ihre Farben, Monet-Pappeln! Üppige Weinfelder, Rosenbüsche in der ersten Reihe leuchten auf. Der Fahrer des Wagens fuhr langsam, auch er genoss die einmalige Landschaft der Provence im Frühling. Grün, grau und rosé bis violett zeigte sich die Natur.

Es ist ein diffuses Licht, das Licht der Provence.

Valbonne liegt in einem Tal. Die Fahrt geht bergauf und bergab durch ein Waldgebiet. Gegen sechzehn Uhr haben wir unser Ziel erreicht, da das Konzert erst um zwanzig Uhr beginnen soll, haben wir Zeit, uns umzusehen.

Zuerst besichtigen wir die Klosteranlage. Im Kloster werden jetzt kranke Menschen beherbergt und betreut. Es gibt verschiedene Therapien für Alkoholiker und andere suchtkranke Menschen. Touristen können das Kloster zu bestimmten Zeiten besichtigen. Ein Café und Werkstätten befinden sich auf dem Gelände.

Voll Erwartung und Vorfreude auf das Konzert suchen wir einen geeigneten Platz zum Malen. Ich setze mich an den Rand eines riesigen Lavendelfeldes unter einen Maronenbaum. Der Lavendel ist noch nicht aufgeblüht, nur ein wenig Rosa und Blau ist zu sehen.

Es entsteht eine farbige Zeichnung der Landschaft. Später sah ich, dass Hans Hess mich bei der Arbeit gezeichnet hatte.

Es wird Abend, wir setzen uns unter die alten, mächtigen Bäume in den Klosterhof und breiten ein großes, farbiges Tuch aus. Das mitgebrachte Abendessen mit reichlich Rotwein aus der Vaucluse ist ein Genuss!

Später nehmen wir unter alten, riesigen Kastanienbäumen die Konzertplätze ein. Hunderte von Gästen finden in den Stuhlreihen einen Sitzplatz. Fast ohne Dämmerung wird es plötzlich dunkel. Doch schon nach einigen Minuten hat sich das Auge daran gewöhnt und ich sehe wieder Farben am Himmel. Auch die Chöre aus Nimes und die Interpreten treffen langsam ein.

Es ist still, nur die Rufe einiger Nachtvögel sind zu hören. Im lauen Nachtwind suchen Insekten das Licht der wenigen Lämpchen auf.

Erst um 21 Uhr beginnt das Konzert. Wir hören die Messe von Schubert und zum Schluss das Ave Verum von Mozart.

Lange, lange war es still, bevor der Beifall erklang. Für mich war es das Konzert des Jahres. Nie vordem und nachdem habe ich ein Konzert in dieser Art so intensiv gehört, erlebt und in mich aufgenommen.

Die Atmosphäre unter den großen, alten Bäumen, die stillen Menschen in der Nacht, es war himmlisch. Ein ganz besonderer Zauber, der anhielt, bis wir weit nach Mitternacht wieder in Séguret eintrafen. Tagelang ließ mich das Konzert nicht los.

Noch immer aufgewühlt mit all den Gefühlen und der Liebe in mir malte ich das Bild …

›Erinnerung an die Chartreuse‹


Bizarre Landschaft der Provence

Tuschezeichnung 2015

Theo und die drei Meter

Ausflug in die Camargue

Der Brunnen plätschert seine Melodie, es ist nicht zu warm und angenehm, dem gleichmäßigen Tröpfeln zu lauschen.

Die Glocke vom Uhrturm läutet, vereinzelt gehen Touristen durch unsere Gasse. Nicht so viele wie im Sommer, denn der Herbst zeigt sich in den Weinfeldern. Die Blätter der Bäume und Büsche werden von Tag zu Tag farbiger. Zuerst vereinzelte Weinstöckchen, dann ist plötzlich die perfekte Farbtabelle zu sehen, wie in jedem Jahr.

Theo tritt neben mich, spricht mich an: »Hast du Lust, mit mir nach Vaison-la-Romaine zu fahren? Ich bin nicht gern allein unterwegs.«

Er schaut mich erwartungsvoll an, verzieht den breiten Mund zu einem Lächeln.

Sein Lächeln sieht aus, als wollte er sogleich in Tränen ausbrechen.

Theo kommt aus Reute in Tirol, ist von Beruf Graphiker und viel älter als ich. Einige der anwesenden Künstlerinnen und Künstler im Atelier konnten ihn bereits in vorhergehenden Aufenthalten kennenlernen.

Da ich neu im Atelier bin, war es mir bisher nicht vergönnt. Theo sagt, in jedes Bild, in jede Arbeit gehören drei rote Pünktchen. Er hält sich immer daran. Bei »Pünktchen« fällt mir eine lustige Episode ein.

Als vor einigen Jahren mein französischer Freund Robert in der deutschsprachigen Schweiz zum Hotelfachmann ausgebildet wurde, musste er auch in der Küche helfen. Es war schrecklich heiß und er sagte laut und deutlich: »Ist das schwul hier«, damit hatte er seinen Spitznamen ›Pünktchen‹ für die Zeit der Ausbildung weg. Na, und mit Theos Pünktchen ist es eine andere Sache.

Mit seiner Meinung bin ich nicht einverstanden. In eine Schwarz-Weiß-Zeichnung gehören für mich keine roten Pünktchen.

Was nun, da ich ohne ein Auto selten nach Vaisonla-Romaine kommen kann, nehme ich sein Angebot wahr. Theo fährt über die Römerbrücke nach oben in die imposante Altstadt und wir schauen uns den mittelalterlichen Ort an. Später sitzen wir bei guter Aussicht gemütlich auf der Terrasse des ›Hotel Beffroi‹. Obwohl es noch am Nachmittag ist, bestellt Theo ein kleines Menü für sich.

Ich erfahre, dass er im Atelier nicht alles isst, am Essen mäkelt. Alles, was weiß aussieht, lehnt er ab, ohne es zu verkosten, auch die köstlichen Käsesorten, Kuchen und Desserts. Dabei ist das große Abendessen immer ein köstliches Erlebnis.

Ich freute mich auf das Abendessen und nahm in Vaison-la-Romaine nur ein Getränk zu mir.

Rechtzeitig zum Essen sind wir zurück in Séguret. Beim Aussteigen aus dem Auto bedanke ich mich für das Mitnehmen, für den kleinen, interessanten Ausflug. Wir stehen am unterirdischen Gang, Theo sagt: »Dafür bekomme ich ein Bussi von dir, das ist in Österreich so üblich!«

Nicht von mir: »No, no«, ist meine Antwort und Theo geht lachend davon.

Tage mit Malen und Zeichnen im Atelier oder in der Umgebung vergehen, Theo findet andere Gesellschaft. Eine Künstlerin aus Süddeutschland hat großen Gefallen an ihm gefunden.

Er zeigt ihr, wie ein gutes Pastell gemalt wird, und sie erzählt mir, er brauche immer eine junge Frau an seiner Seite. Da ich weiß, dass er verheiratet ist, schweige ich klugerweise.

Gäste kommen und gehen, oft nimmt mich ein nettes Ehepaar aus Bielefeld mit in die Botanik.

Während Margret, eine Hobbymalerin, neben mir zeichnet, sucht Gerd auf seinen Spaziergängen nach neuen, malerischen Motiven für uns Malerinnen. Dabei sammelt er oft in der Gegend seltene Gräser und Blüten. Einmal brachte er ein Sträußchen vierblättriger Kleeblätter und war mächtig stolz auf seinen Geheimplatz.

Eines Tages kam Werner, ein Freund von Theo aus Wien, in Séguret an. Werner ist Bildhauer und Bernsteinschleifer, er malt und zeichnet sehr gut.

Sein Freund, der Graphiker Theo, gestaltet oftmals die Schriften für Werners Kataloge. Theo stellt mir Werner vor und sagt: »Laura arbeitet fleißig und gut, sie könnte mit uns auf Motivsuche gehen.«

Werner, ein großer schlanker Mann von 46 Jahren mit einem schwarzen Lockenkopf, strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Er schaut mir in die Augen, sagt kein Wort und geht lächelnd dahin.

Er könnte mir gefallen, denke ich und arbeite an einer farbigen Zeichnung von Langlets Garten weiter.

Nach einer Woche verabschieden sich die Bekannten aus Bielefeld von mir und den anderen Künstlern, sie fahren zurück nach Hause. Es ist noch früh am Morgen, königsblau der Himmel, kein Wölkchen ist zu sehen.

Schnellen Schrittes gehe ich durch unsere Gasse zum Frühstückshaus und setze mich zu Theo und Werner an den runden Holztisch.

Werner fragt: »Möchtest du morgen mit uns in die Camargue fahren?

Wir könnten zusammen die Kapelle der Schwarzen Madonna in St.-Maries-de-la-Mer besichtigen und auch in der Gegend malen.«

Mir fiel sofort wieder die letzte Fahrt mit Theo nach Vaison ein, ich war skeptisch und wollte eine Bedenkzeit.

»Sei doch nicht so empfindlich«, rief Theo aus, wir könnten eine Regelung treffen. Er erzählte Werner von der Fahrt und von dem verlangten Kuss.

Werner lenkte ein, er meinte, Rat zu wissen. Verschmitzt begann er zu erzählen: »Ich liebe übrigens nicht nur Frauen, sondern im Besonderen meine Katzen. In meinem Atelier in Wien gibt es eine ganze Meute dieser Spezies. Im Bernsteinmuseum und in meinem Schloss schleichen diese Tiere ständig umher, gehen mir ab und an ganz schön auf die Nerven. Also habe ich sie mir erzogen.

Wenn sie auf den Tisch, auf die Zeichnungen und Farben springen oder mir zu nahe kommen, sage ich laut und deutlich: ›Drei Meter!‹ Wie wäre das mit dir und Theo, liebe Laura?«

Da ich für Regeln solcher Art zu haben bin, frage ich Theo, ob er damit einverstanden ist. »Falls du mir zu nahe kommst, mich anfassen oder küssen möchtest, dann sage ich zu dir: ›Drei Meter‹, ist das klar?« Belustigt stimmt Theo zu.

Ich freute mich riesig auf die Camargue mit den dicht bewachsenen, blaugrau blühenden Salzwiesen und dem quicklebendigen Vogelparadies, mit

Flamingos, Stieren und weißen Pferden.

Es sind natürlich keine Wildpferde mehr und auch die Stiere haben ihre Besitzer.

Es ist abgemacht, wir verabreden uns für den nächsten Morgen am Pinienbrunnen.

Beim Verlassen des Frühstückshauses rufe ich den Künstlern zu: »Mit Malgepäck und Badesachen bitte.« In Gedanken sehe und rieche ich das Meer, male wieder das weiße Haus unter den Schirmpinien.

In der folgenden Nacht schlafe ich unruhig, packe meinen Rucksack und warte auf die Abfahrt.

Pünktlich um sieben Uhr fahren wir aus dem Ort hinaus. Werner fährt, Theo hat mir den Beifahrersitz überlassen. Die Tour geht über Orange zum ersten Halt nach Aigues-Mortes.

Den Ort kannte ich schon von früheren Fahrten. Es ist noch still auf dem Platz unter den großen Platanen, wir bestellen unser Frühstück, blinzeln in die wärmende Sonne und sind einfach glücklich, da zu sein.

Nur wenige Touristen gehen an uns vorüber, die Einheimischen haben frische Baguette unter dem Arm oder tragen Körbe mit Gemüse und Obst nach Hause.

Wir machen keinen Rundgang an oder auf der Mauer, die den Ort umschließt.

Ich denke zwar an die vielen Sorten kandierter Früchte in den Auslagen der kleinen Geschäfte, sage es aber nicht, wir fahren weiter.

Es beginnt eine farbige, sumpfige Landschaft mit Strandseen und Reisfeldern.

Violett schimmern die kleinen Sträucher in den Seen. Die zahlreichen, im Wasser stehenden Flamingos leuchten rosa in der Morgensonne.

Dann bestimmen wieder die riesigen Pinien, Sümpfe, Wiesen und die weißen Hütten der Viehhüter die Landschaft.

In St.-Maries-de-la-Mer angekommen, finden wir sofort einen Parkplatz im Schatten. Elf Uhr schlägt die Stunde des Uhrturmes. Der große Patz in der Ortsmitte ist erfüllt von Musik und Stimmengewirr – es ist Markttag. Mehrere Frauen in bunten Kleidern laufen auf mich zu, sie stecken mir eine bunte Brosche an, wollen Geld dafür.

Schnell kommt Werner mir zu Hilfe, er flüstert den Frauen mir einige unverständliche Worte zu. Die jungen Frauen in ihren farbigen Kleidern ziehen sich daraufhin sofort zurück.

Er hatte während der Fahrt erzählt, dass sein Großvater ein Zigeuner gewesen sei und er in der Kapelle eine große Kerze für ihn anzünden wolle.

Also gehen wir gemeinsam, zügig zur Kapelle.

Der Bau ist eine Besonderheit und als Wehrkirche bekannt. Zinnen krönen das imposante Gebäude.

Das Kircheninnere ist mit vielen Marmorsäulen bestückt und wirkt sehr streng auf mich.

In der Krypta ruhen die Überreste der Heiligen Sarah. Sarah, die schwarze Madonna, auch als Dienerin bekannt, ist die Schutzheilige des fahrenden Volkes.

Jährlich im Mai lockt die bekannte, große Wallfahrt zahlreiche Gläubige und Touristen an. Dann findet immer ein riesiges Volksfest mit Frauen und Männern aus aller Welt statt. Zu Gitarrenmusik wird abends stundenlang am Lagerfeuer gesungen, gegessen und getanzt.

Nachdem wir die Kirche gemeinsam besichtigt haben, ich sehe noch, dass Werner die größte, verzierte Kerze erstand, lassen wir ihn zur Andacht in der Kirche allein.

Später treffen wir uns am Eingang zum Markt und genießen die Atmosphäre bei einem Rundgang. Ich liebe diese lebhaften, bunten, duftenden Märkte.

An einem Kleiderstand verkaufte ein Afrikaner wunderschöne, farbige Kaftane. Mir gefiel ein erdfarbener besonders gut. Theo und Werner drängten mich hinter den Stand zur Anprobe. Sie meinten, dass ich unbedingt kaufen sollte, der Kaftan sei wie für mich geschaffen.

Da ich zu wenig Geld mitgenommen hatte, das natürlich nicht erwähnte, kaufte ich nicht.

Werner erstand einen schwarzen Kaftan für sich, was Theo belustigte.

Bald hatten wir vom Markt genug und liefen an den Meeresstrand. In der diesigen Luft spürte ich sofort das Salz auf den Lippen, kletterte fröhlich über die großen Steine, die in der Bucht lagen. Dazwischen fanden wir einen Sandplatz zum Liegen.

Ich lief hinter eine blickdichte Feldsteinmauer, um den Badeanzug anzuziehen. Bei meiner Rückkehr zum Lagerplatz sah ich, dass die Männer bereits Badehosen angezogen hatten. Theo wollte sich nur sonnen, nicht im Meer baden. Ob der starke Wind die Badegäste vertrieben hatte, weiß ich nicht. Es waren kaum Menschen am Strand und im Wasser. Warum? Bald sollte ich es hautnah erfahren.

Werner und ich sprangen freudig erregt in die ankommenden Wellen. Meine Begeisterung war so groß, dass ich weiter und weiter hinausschwamm, mich wie ein Kind darüber freute, bald den Strand nicht mehr sah.

Als ich zurück zum Badestrand schwimmen wollte, kam ich kein Stück vorwärts, wurde weiter und weiter in das Meer hinausgezogen. Die Wellen brachen über mir zusammen, es wurde sofort stockdunkel und ich wurde nach unten gezogen. Als ich nach oben kam, den Himmel sah und dann die Wellen über mir erneut zusammenbrachen, schöpfte ich Luft und betete darum, nicht zu ertrinken.

Endlich, nach vielem Auf- und Abtauchen, sah ich Männer im Schlauchboot. Sie waren angegurtet und zogen mich an das Ufer.

Wie genau das geschah, ob sie mich angurteten, weiß ich bis heute nicht.

In der Erinnerung ist mir geblieben, dass ich nicht angefasst werden wollte und die Männer heftig abwehrte.

Wieder zu Bewusstsein kommend, lag ich bäuchlings auf einem mir unbekannten Badetuch. Das salzige Wasser wurde mir nun buchstäblich aus dem Körper herausgeklopft. Wie war es mir peinlich vor den Malkollegen.

Werner sagte, er habe gedacht, ich sei eine besonders gute Schwimmerin, und hätte sich deshalb keine Gedanken um mich gemacht.

Eine deutsche Frau füllte Cola in mich hinein, später gaben mir unbekannte Badegäste Wasser zu trinken. Ich hatte viel Salz in meinem Körper und konnte nicht sprechen. Die Frau sagte, dass an diesem Tag vor dem Baden gewarnt worden sei, die Wellen seien zu aggressiv und hoch.

Mir wurde schnell klar, warum ich allein im Wasser geschwommen war, setzte mich abseits auf einen großen Stein und weinte vor Glück über die Rettung und auch vor Erschöpfung.

Irgendwo am Strand soll eine schwarze Fahne geweht haben, sie gilt als Warnung, nicht im Meer zu baden, ich sah sie noch immer nicht.

Plötzlich stand Werner neben mir, nahm mich in die Arme und sagte ganz leise: »Du kannst mir doch net ersaufe, ich habe hier ein Geschenk für dich.«

In einem Beutel aus Plastik war der erdfarbene Kaftan, den ich nicht kaufen konnte. Vor Freude und Überraschung fand ich in diesem Moment keine Worte, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und lief davon.

Theo hatte für uns im besten Fischrestaurant von St.-Maries-de-la-Mer einen Tisch bestellt. Dort gibt es die berühmteste Bouillabaisse, was auch Werner wusste. Für mich gab es leider nur Getränke, meine Kehle war rau und versalzen.

Nach dem Essen fuhren wir weiter durch die Camargue. Wir fanden das weiße Haus unter den Schirmpinien und setzten uns zum Malen gegenüber an den Straßenrand. Theo und ich malten ein Pastell, Werner zeichnete mit Tusche.

Es duftete nach Moos, Gräsern, Schilf und Erde. Wir hatten wenig Zeit, doch das tut den Arbeiten meistens gut. Theo hat, was nicht seine Art ist, abstrahiert.

Ich war rundum glücklich, denn jedes Jahr versuche ich wieder in die Camargue zu kommen, um das weiße Haus unter Schirmpinien zu malen.

Immer wurde das neu entstandene Bild nach meiner Rückkehr in Deutschland verkauft. Wenn auch Kunst nach Brot schreit, so wollte ich doch ein Bild für mich ganz allein haben. Unbedingt immer wieder das neue Bild, mein ›Weißes Haus‹.

Für die Rückfahrt am späten Abend hat Werner eine andere Route ausgesucht. Durch kilometerlange Alleen von riesigen Platanen fuhren wir sehr langsam in der Abenddämmerung über Arles, Tarascon, Avignon und Carpentras nach Séguret.

Wir hatten am Meer besprochen, meiner französischen Freundin, sie fühlt sich ständig für mich verantwortlich, nichts über den Zwischenfall am Meer zu erzählen, und hielten uns daran.

Auf Wunsch von Werner zog ich am nächsten Abend den wunderschönen Kaftan an. Er meinte, dass das Licht zum Fotografieren abends am besten sei, und fotografierte mich wie ein Profi. Am Hugenottentor, am Pinienbrunnen und auf dem Place du Midi. In einigen meiner Kataloge und anderen Büchern sind die Fotos zu sehen.

Zu Vernissagen, auch in Tunesien, habe ich den Kaftan getragen. Dabei oft an die Fahrt in die Camargue gedacht.

Mit Werner fuhr ich in den nächsten Tagen mehrmals zum Malen und Zeichnen in die nähere Umgebung von Séguret. Verwundert war ich jedoch, dass er mich erst nach einer Woche seines Aufenthaltes danach fragte.

Seine Antwort, die ich sehr schätze: »Ich wollte deine Kreise nicht stören, du warst ständig mit den Künstlern aus Bielefeld unterwegs.«

Es war allerdings der Fall, dass einige Künstlerinnen gern mit ihm zusammen sein wollten, ihm regelrecht hinterherliefen. Er konnte es nicht haben, wollte intensiv arbeiten und nicht nur Ferien machen.

Da ich auch so arbeitswütig bin und war, passte es zwischen uns sofort.

Besonders eine Australierin, sie hatte ein Jahr Auszeit als Lehrerin genommen, war hinter dem großen

Künstler her, sie versuchte es mit allen Mitteln.

Ich bewohnte wie in den Jahren zuvor das Zimmer auf dem Malboden des Ateliers, wir konnten, ohne andere zu stören, auch in der Nacht arbeiten.

An einem Morgen, noch sehr früh, klopfte Werner an meine Tür. Er war ärgerlich und fragte, ob ich in der Nacht an seinem Fenster gewesen wäre, es geöffnet hätte.

Werner bewohnte das kleine Zimmer im Haus am Ortseingang und hatte nächtens die Fensterläden immer geschlossen.

Als ich verneinte, erzählte er mir, dass er erwachte, als eine Gestalt zum Fenster hereinschaute.

»Was ist los?«, hat er gerufen und gesehen, dass eine Frau davonlief. Diese Frau hatte einen roten Bademantel an. Seine Frage an mich: »Hast du einen roten Mantel?«

Ich war beleidigt und schrie Werner an, das könne nur die Australierin gewesen sein.

Darüber lachten wir beide, er sagte zärtlich, dass er mich sehr gern hätte, weil ich so schüchtern und zurückhaltend sei.

Wir erlebten in Séguret noch gemeinsame, erfolgreiche, malwütige Wochen, konnten gut arbeiten und den Herbst in der Provence genießen.

Theo und Werner mussten vor mir abreisen. Theo fuhr mit nach Wien, um Werner bei der Arbeit am neuen Katalog zu helfen.

Werner hat als erster Europäer aus österreichischer Jade eine chinesische Wunderkugel geschaffen und auch als Bernsteinschleifer mehrfach für den Pabst gearbeitet. Ein Bernsteinmuseum und ein Schloss sind in seinem Besitz.

Wir hatten eine gute Zeit, mehr sollte es von meiner Seite aus nicht sein. Werner wollte, dass ich an seinem Abreisetag zum Pinienbrunnen käme, um ihn zu verabschieden.

Ich sagte Ja, stand jedoch am Abreisetag sehr früh auf, lief auf unseren Hügel, setzte mich auf einen Stein und schaute in den Himmel.

Eine Hupe unterbrach die morgendliche Stille und ich sah das Auto in der Ebene davonfahren.

Zurück in Deutschland schrieben wir uns Briefe, doch irgendwann nicht mehr.

Nach Jahren sah ich im Fernsehen die Sendung »Weltbilder«.

In dieser Sendung wurde Werner als Magier des Bernsteins, Maler, Bildhauer und als Lyriker vorgestellt. Mich erfasste sofort eine große Sehnsucht, in Gedanken weilte ich wieder in der Provence.


Blick zu den Ouvèzefelsen

Rohrfederzeichnung 2015

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
146 стр. 28 иллюстраций
ISBN:
9783960088110
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