Читать книгу: «Tag der Drachen»

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Inhalt

Impressum 6

Erklärung 7

Vorwort 8

Gibt es echte Drachen?

Kapitel I 10

Der Drachenkult

1.01 Der Novize Shi Yan Liang 10

Kloster FA MEN SI Xian/China im Frühjahr 1720

1.02 Hong Li, der Neue 19

Kloster FA MEN SI, im Frühjahr 1720

1.03 Der Tod des Kaisers Kang Xi am 20.12.1722 27

Reise nach PEKING im Winter 1722

1.04 Der Umweg über CHANGZHI 45

LINFEN, 23. Dezember 1722

1.05 Der Kampf vor TAIYUAN 47

ZHANGLANZHEN, 26. Dezember 1722

1.06 Die Verbotene Stadt 54

PEKING, Januar 1723

1.07 Inthronisation des 5. Qing-Kaisers Yong Zheng 76

PEKING, 5. Februar 1723

1.08 Rückkehr zum Kloster FA MEN SI 84

TAIYUAN, LINFEN, FA MEN SI, Anfang März 1723

1.09 LONG TAI TOU 89

FA MEN SI, 13. März 1723

1.10 Die Suche nach dem CHI 103

Hong Li bereist ganz China im Frühjahr 1724

1.11 Das Eheversprechen von Hong Li und Xiao Xian 108

PEKING im September 1724

1.12 Hong Lis Heimkehr in das Kloster 115

FA MEN SI, im November 1724

1.13 Die Prüfungen 121

FA MEN SI, im Dezember 1724 und Februar 1725

1.14 LONG TAI TOU 123

FA MEN SI, 12. März 1725

1.15 Die Sanierung der Gewölbe 133

FA MEN SI, April 1724 bis Februar 1725

Kapitel II 136

Die Drachenbrut

2.01 LONG TAI TOU 136

FA MEN SI, 11. März 1725

2.02 Die Dracheneier 143

FA MEN SI, 12. März 1725

2.03 Das Drachennest 147

FA MEN SI, 16. März 1725

2.04 Ein außergewöhnlicher Fund 154

FA MEN SI, 25. Mai 1725

2.05 Das Geheimnis vom Tempel DAWANG 161

FA MEN SI, 6. Juli 1725

2.06 Hoher Besuch von Prinz Bao und Xiao Xian 185

FA MEN SI, 10. September 1725

2.07 Die Nacht auf dem Berg 192

FA MEN SI, 25. September 1725

2.08 Die Drachenverordnung 201

FA MEN SI, Herbst 1725

2.09 Die Abnahme der Sanierungsmaßnahmen durch den Kaiser 209

FA MEN SI, 9. März 1726

2.10 LONG TAI TOU 1726 215

FA MEN SI, 10. März 1726

2.11 Die Drachenbrut 217

FA MEN SI, 10. März 1726

Kapitel III 226

Glück und Unglück

3.01 Die Drachenschule 226

FA MEN SI, 16. März 1726

3.02 Die Fähigkeiten der Drachen 237

FA MEN SI, Juni 1726

3.03 Die fünf Charaktere der Drachen 241

FA MEN SI, August 1726

3.04 LONG-TAI-TOU-Fest 1727 246

FA MEN SI, 6. März 1727

3.05 Die Einladung zur Hochzeit 249

FA MEN SI, 1. August 1727

3.06 Die Freisprechung 264

PEKING, 20. Mai 1727

3.07 Die Hochzeit 271

PEKING, 3. September 1727

3.08 Die Hochzeitsnacht 276

PEKING/FA MEN SI, 03.-04. September 1727

3.09 Die glücklichen Jahre 281

PEKING/FA MEN SI, im Sommer 1727 bis Sommer 1728

3.10 Der frühe Tod von Xiao Xian 288

PEKING/FA MEN SI, im Frühjahr 1748

3.11 Die Fehleinschätzung des Günstlings He Shen 296

PEKING, Sommer 1775

3.12 Der Streit mit Shi Yan 298

PEKING/FA MEN SI, Sommer 1785

3.13 Die Neue Ordnung 304

FA MEN SI, Sommer 1785

3.14 Der Überfall auf FA MEN SI 317

FA MEN SI, Herbst 1787

3.15 Der neue Drachenmeister 319

FA MEN SI, Winter 1787

3.16 LONG-TAI-TOU-Fest 1788 323

FA MEN SI, 26. Februar 1788

3.17 Die Eskalation und Qian Longs Tod 327

PEKING, Sommer 1790–1799

Kapitel IV 333

Der Glücksdrache

4.01 Das Erwachen des Drachen LONG ZHEN 333

Frankfurt, 20. März 2019, 220 Jahre später

4.02 Willy, der FENG-SHUI-Meister 337

Würzburg/Frankfurt, 25. April 2019

4.03 WU GUI, die vermittelnde Schildkröte 341

Würzburg, 5. Mai 2019

4.04 Die Transformation der Drachen – Erklärungen von WU GUI 348

Würzburg, 6. Mai 2019

4.05 Ein Draht zum Geistwesen – Weitere Erklärungen von WU GUI 357

Würzburg, 7. Mai 2019

4.06 Was auch WU GUI noch nicht wusste 360

Würzburg, 7. Mai 2019

4.07 Die Symbionten 368

Würzburg, 12. Mai 2019

4.08 Die Konferenz der Drachen 383

Würzburg, 15. Mai 2019

4.09 Rückblick auf die Odyssee des Drachenmeisters Shi Yan 390

FA MEN SI, 1765 bis 2020

4.10 LONG LI findet ihren reinkarnierten Meister Hong Li 392

Würzburg, 19. Mai 2019

4.11 Die Reise nach FA MEN SI 397

Frankfurt, 20. Juli 2019

4.12 Ein Wiedersehen nach langer Zeit 413

XIAN, China, 22. Juli 2019

4.13 Das neue Drachennest 423

FA MEN SI, 23. Juli 2019

4.14 Der magische Kreis 426

FA MEN SI, 23. Juli 2019

4.15 Das magische Nest 433

FA MEN SI, 23. Juli 2019

4.16 Die Aufklärung der chinesischen Freunde 437

QIAN, 24. Juli 2019

4.17 Die Nacht auf dem Plateau 450

FA MEN SI, 30. Juli 2019

4.17 Aufgaben und Lösungen 464

FA MEN SI, 1. Aug 2019

Protagonisten und Charaktere aus dem 18. Jahrhundert 479

Protagonisten und Charaktere aus dem 21. Jahrhundert 482

Drachen und deren Charaktere 484

Nachwort 486

Dank 487

Vorschau 488

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99130-013-7

ISBN e-book: 978-3-99130-014-4

Lektorat: Dr. Annette Debold

Umschlagfoto: Wladimir Petrichev; Shao-chun Wang, Hugolacasse | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildung: Charles William Widtown

www.novumverlag.com

Erklärung

Tag der Drachen, auch LONG TAI TOU genannt, wird in China, nach dem Mondkalender, jeweils am zweiten Tag des zweiten Mond-Monats eines Jahres gefeiert. Übersetzt heißt LONG TAI TOU „Der Drache zeigt sein Haupt“, damit ist gemeint, dass der grüne Holzdrache, der auch den Frühling verkörpert, die Winterzeit vertreibt und für gutes, feuchtes Wetter und für eine gute Ernte sorgt.

LONG TAI TOU war bis vor 200 Jahren mit das wichtigste Fest im chinesischen Jahr. Der grüne Drache ist der König der Insekten. Das LONG-TAI-TOU-Fest wird deshalb in einer Zeit begangen, in der die nützlichen Insekten aus ihrem Winterschlaf erwachen, um die Pflanzen zu bestäuben.

Dieses Fest ist traditionell sehr wichtig, weil eine gute Ernte davon abhängt. Zusammen mit den Opfergaben im Tempel des Drachenkönigs wurden, in alten Zeiten, die Häuser mit Rauch von schädlichen Insekten befreit, gründlich gereinigt und nützliche Insekten mit Pflanzenschmuck ins Haus gelockt. Ein wichtiges Ritual auch für den amtierenden Kaiser.

Am Tag der Drachen werden noch heute große Papierdrachen durch die Straßen gewunden, begleitet von Bienen- und Ameisenkostümen.

Vorwort

Gibt es echte Drachen?

Nun, es gibt viele Geschichten rund um die Drachen. In der westlichen Hemisphäre ist der Begriff „Drache“ meist negativ besetzt. Oft bewacht er einen großen Schatz. Oft überfällt er menschliche Ansiedlungen und brennt sie nieder. Deshalb wird er bekämpft von speziellen Drachentötern.

In der östlichen Hemisphäre ist der Drache ein Freund des Menschen, ein Helfer und Beschützer. Auch hier beschützt er oft einen Schatz. Es ist aber meistens das Glück des Menschen, das er in einer symbolischen Perle beschützt.

In China spricht man von Glücksdrachen. Man spricht vom Drachensohn, der auf dem Drachenthron sitzt, und meint damit den Kaiser. In der Verbotenen Stadt in Peking steht vor dem Palast der Ruhe und Langlebigkeit (Palast der Drachen) eine Schutzwand mit neun großen Drachendarstellungen, und alleine nur in diesem Palast wurden genau 13 842 Drachen dargestellt. In vielen buddhistischen Klöstern spricht man von fünf Glücksdrachen, die entsprechend der Fünf-Elemente-Lehre des alten KAN YU (Feng Shui) unterschiedliche Aufgaben haben. So verkörpert z. B. der Holzdrache den Frühlingsanfang, der die Knospen öffnet und das Wachstum einleitet.

Egal welche Hochkulturen man untersucht und egal welche Zeitreisen man dabei bewältigt, der Begriff des Drachen, ob böse oder gut, ist allgegenwärtig.

Dies alles ist Grund genug zu glauben, dass es zumindest früher einmal echte Drachen gab, die über das Glück der Menschen wachten.

Dies führt dann aber auch unweigerlich zur Frage: Wo sind sie geblieben?

Kapitel I

Der Drachenkult

1.01 Der Novize Shi Yan Liang

Kloster FA MEN SI Xian/China im Frühjahr 1720

Es war bitterkalt, als sich Shi Yan aus seiner warmen Koje schälte. Er hasste den Klang des Chau-Gongs, mit dem sein Meister Baihu allmorgendlich die Klostergemeinschaft weckte. Oft war Shi Yan schon mit dem ersten Krähen des Hahnes wach. In diesem Fall wusste er aber, dass ihm noch ein paar Minuten blieben und dass er sich noch einmal in die warme Felldecke einkuscheln konnte. Beim Klang des 3. Chau-Gongs war es dann aber wirklich spät. Da blieb nur noch Zeit für eine Katzenwäsche, den Sprung in die dunkelgraue Wollhose und den hastigen Überwurf des gelborangenen Winterumhangs, der im Laufschritt schnell mit einem Gürtel umgebunden wurde.

Es war nicht weit bis zum Versammlungshof des Klosters FA MEN SI, und doch war Shi Yan einer der letzten Novizen, die sich schnell vor der schon anwesenden Klostergemeinschaft ausrichteten. Der höchste Mönch, Abt Chen Zheng Wei, begann mit den ersten Mantras, die von der Klostergemeinschaft nachgesungen wurden. Die Novizen kannten inzwischen die Texte der Mantras und plapperten den Sprechgesang kleinlaut nach.

Shi Yan war ein fleißiger Klosterschüler und ein guter und auch lauter Sänger, der den dumpfen Klang des Männerchors mit hellen Tönen auffrischte. Wenn Shi Yan einen guten Tag hatte, dann musste ihn Chen Zheng Wei mit einer Handbewegung daran erinnern, dass der Gleichklang der Mantras nicht durch Einzelstimmen gestört werden sollte. Auch der Mönch Baihu hatte die laute Stimme seines Schülers herausgehört. Vor mehr als drei Jahren hatte er den damals 6jährigen Jungen weinend am Klostertor aufgefunden, mit zwei Töpfchen Salz in der Hand. Seine Eltern hatten ihn dort abgesetzt, weil sie ihn nicht ernähren konnten. Das Salz war wohl die Beigabe oder als Mitgift der Familie gemeint. In einem Kloster konnte auch ein 3. oder 4. Sohn einer Familie zu Wissen und zu Ehren kommen, und er konnte dort vor allen Dingen überleben.

Shi Yan Liang, „der mit zwei Töpfchen Salz“, so hatte ihn sein Meister genannt, weil er ihn so fand. Baihu ließ ihn zum Tor herein und übernahm damit die Verpflichtung, Shi Yan als ZEN-buddhistischen Mönch auszubilden. Er hatte dies bisher nicht bereut. Shi Yan war ein arbeits- und lernwilliger Schüler. Neugierig und interessiert für alles, was Baihu ihm erklärte. Er konnte viel von dem Mönch lernen, denn Baihu war auch Meister des KAN YU, und er gehörte, als Mönch in FA MEN SI, auch dem uralten Drachenkult an.

Ja, in den alten Zeiten Chinas gab es noch lebende Drachen, die den Menschen als Glücksboten zwischen Erde und Himmel dienten. Früher wurden etwa alle 180 Jahre ein Drachennest neu besetzt mit fünf verschiedenfarbigen Eiern, aus denen, nach einem Jahr intensiver Nestpflege, die Drachenbrut schlüpfte. Fünf unterschiedliche Drachen mit unterschiedlichen Funktionen und Aufgaben. Leider waren aber lebende Drachen auch in China selten geworden.

Drachennester gab es nur an ganz wenigen, speziellen Orten, an sogenannten Kraftplätzen, die sehr viel Magie ausstrahlten. Auch in der Nähe des Klosters FA MEN SI war so ein Platz, der aber, den Aufzeichnungen nach, schon 514 Jahre nicht mehr mit Eiern gesegnet war. Die Klostergemeinschaft hatte den Glauben an die glücksbringenden Drachen jedoch nie aufgegeben und pflegte deren Nestplatz in der Hoffnung, sie würden irgendwann wiederkehren.

Deshalb hatte sich der Drachenkult in FA MEN SI erhalten und auch noch weiter entwickelt. Der Tag des Drachen, „LONG TAI TOU“, war der höchste Feiertag im Kloster und wurde alljährlich am zweiten Tag des zweiten Monats des chinesischen Kalenderjahres gefeiert. Das war vergangene Woche. Baihu war der Organisator des Festes, und Shi Yan hatte ihm dabei mit großem Einsatz geholfen.

Das Drachenfest war für das ganze Land so bedeutend, dass selbst der Kaiser Kang Xi daran teilgenommen hatte. Der Abt war darüber sehr stolz, denn die Anwesenheit des Kaisers gab nicht nur dem Fest, sondern auch dem Kloster eine hohe Stellung im ganzen Land. Und Chen Zheng Wei erkannte daran auch eine Verbundenheit des Kaisers mit dem alten Drachenkult des Klosters.

Shi Yan schreckte auf. Er war wohl mit dem Gleichklang der Mantras eingenickt. Alle Mönche und Novizen standen still im Hof und erwarteten die Morgengrüße des Abtes, der anschließend auch die Arbeiten im Kloster verkündete und verteilte. Zum Schluss bat er Baihu und Shi Yan nach dem Frühstück in die Schreibstube zu kommen.

Es war noch dunkel. Die drei Talgkerzen auf dem Schreibpult des Abtes reichten gerade aus, um sein Gesicht gespenstisch aufflackern zu lassen. Shi Yan war noch nicht oft im Büro des Abtes gewesen, und obwohl er kein schlechtes Gewissen haben musste, war ihm etwas mulmig. So war ihm auch nicht aufgefallen, dass Baihu schon auf der Bank in der hinteren Ecke Platz genommen hatte.

„Da ist ja unser fleißiger Novize Shi Yan.“ Die Stimme des Abtes klang freundlich. „Ich beobachte dich schon lange, und ich muss sagen, du machst mir große Freude. Auch Meister Baihu ist mit dir und deinen Ergebnissen sehr zufrieden und auch damit, wie du dich im Klosterleben einbringst. Deshalb möchte ich dir eine zusätzliche, wichtige Aufgabe geben. Dein Meister hat dem schon zugestimmt und dich als dafür geeignet eingestuft.“

Der Abt machte eine Pause, wohl um dem Nachfolgendem mehr Bedeutung zu geben. „Es ist eine Aufgabe, über die du mit keinem sprechen darfst. Ein Geheimnis, das keiner erfahren darf. Kannst du das für dich behalten?“ Shi Yan war überrascht. Was sollte das für ein Geheimnis sein? „Gerne will ich ein Geheimnis für mich behalten, ehrwürdiger Abt, aber um was geht es hierbei?“

Obwohl Shi Yan erst 10 Jahre alt war, war er doch sehr selbstbewusst und traute sich zu fragen, wenn er etwas wissen wollte. Seine Augen gewöhnten sich an das diffuse Licht, und erst jetzt konnte er seinen Meister in der Ecke erkennen. „Hast du schon von Hong Li gehört?“, fragte Baihu. Shi Yan kannte ihn nicht. „Wer ist Hong Li?“ Der Abt übernahm das Wort: „Hong Li, lieber Shi Yan, ist ein Enkel des Kaisers Kang Xi. Man sagt, er sei sein Lieblingsenkel und er möchte ihm eine Spezialausbildung zukommen lassen, das KAN YU unseres Klosters FA MEN SI, dem unser Kaiser immer wohlgesonnen war.“

„Niemand darf wissen, dass der Novize Hong Li des Kaisers Enkel ist. Der Kaiser selbst erwartet, dass Hong Li keinerlei Privilegien im Kloster erhält. Er muss sich, wie jeder andere Schüler, in das Klosterleben einfügen und neben KAN YU auch Bescheidenheit, Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft erlernen, ebenso wie absolute Zuverlässigkeit.“ Baihu ergänzte: „Wir haben Hong Li auch noch nicht kennengelernt, aber er muss dein Alter haben, also neun oder zehn Jahre.“ „Traust du dir zu, Hong Li als Freund zu gewinnen, ihn zu unterstützen und ihn auf den richtigen Weg eines ZEN-Buddhisten zu führen?“ Egal, was Shi Yan nun sagte, der Abt war sich sicher, dass Shi Yan der einzige Novize war, dem das gelingen konnte. Er hatte ein großes Herz, einen gesunden Menschenverstand und auch das Selbstvertrauen, das man einem Prinzen gegenüber brauchte. Auch Baihu sollte sich Hong Li annehmen, als zweiten Schüler neben Shi Yan.

Baihu nahm seinen besten Schüler in den Arm und versprach dem Abt: „Gemeinsam werden wir das schaffen“, und Shi Yan bestätigte: „Sicher, ehrwürdiger Abt, wir geben unser Bestes.“ Damit war die Sprechstunde beendet, und Schüler, Meister und Abt gingen wieder ihrer Arbeit nach. Baihu und Shi Yan machten sich auf den beschwerlichen Weg hinauf zum Drachennest, während der Abt noch einmal über das Gespräch mit dem Kaiser nachdachte.

Der alte Kaiser Kang Xi hatte zu diesem Zeitpunkt über einhundert Enkelkinder, und die meisten davon kannte er gar nicht. Doch Hong Li erweckte seine Aufmerksamkeit bereits während einer kaiserlichen Hetzjagd, als ein Bär den jungen Prinzen angriff. Statt lauthals zu fliehen, stellte sich Hong Li zwischen den Bären und seinen Großvater, zog einen Pfeil und schoss auf das Tier. Der Pfeil prallte jedoch am dichten Fell des Bären ab. Gerade zur rechten Zeit kamen die Jäger und fingen den Bären kurz vor Hong Li mit ihren Lanzen ab. Stolz erzählte Kaiser Kang Xi dem Abt von diesem Vorfall und erklärte so seine tiefe Zuneigung zu diesem Enkel. Seitdem behielt er ihn bei sich am kaiserlichen Hof. Dort bemerkte er auch die schnelle Auffassungsgabe, den großen Wissensdurst und den sportlichen Ehrgeiz. Der alte Kaiser beschloss, dass der Prinz einer „besonders ausführlichen Ausbildung“ unterworfen werden sollte. FA MEN SI war bekannt für seine Künste und Lehren in der Kalligrafie, der Medizin, den Philosophien und im KAN YU. Der Kaiser wollte seinen Enkel aber auch mit dem Drachenkult bekannt machen und mit dem achtfachen Pfad der Erleuchtung des ZEN-buddhistischen Glaubens. Eine hochdisziplinäre Ausbildung zu Furchtlosigkeit, Ehrlichkeit, Fürsorge, Mitgefühl und zur Lebensfreude, Liebe und Achtung aller Lebewesen auf Erde.

Shi Yan hatte nun schon eine zweite „Spezialaufgabe“. Baihu war im Kloster auch verantwortlich für das Drachennest und für den magischen Platz, auf dem das Drachennest angelegt war. Shi Yan durfte ihm außerhalb seiner Studien- und Arbeitszeit helfen, den Platz von Gestrüpp und Unrat, der nach einem Sturm oder nach dem Schneefall herumlag, zu säubern. Das Drachennest hatte es Shi Yan angetan. Es war eine Aufgabe, die er gerne erledigte, und eine Spezialaufgabe deshalb, weil auch dieser Platz geheim gehalten werden sollte. Nur Baihu und er durften ihn besuchen.

Er lag gut versteckt und gut geschützt in den verzweigten Tälern und gefalteten Hängen der nördlich Berge, oberhalb von FA MEN SI. Das Plateau war von einer steilen Felsenreihe umarmt. Vom Kloster aus waren es ungefähr 500 m auf der Straße nach Norden, dann 1500 m auf einem Weg dem Bachlauf entlang weiter Richtung Norden. Ab da verlief ein kleiner Pfad Richtung Nordwest, annähernd 1500 m durch ein ausgewaschenes Flussbett, dann ging es weiter, 1500 m steil nach oben, über große Felsbrocken hinweg, durch tiefe Wassergumpen und an Wasserfällen vorbei, in ein enges, stark zerklüftetes Tal Richtung Nordost. Nach weiteren 1500 m über bewachsene Felsenklippen hinweg und nach mehr als 500 Höhenmetern, kam man endlich auf das Plateau. Der Aufstieg war für Baihu und Shi Yan jedes Mal eine Herausforderung an die körperliche Fitness. eineinhalb Stunden mussten sie für den Anstieg und eine Stunde für den Abstieg rechnen.

Der Pfad war so verschlungen, dass sie sich in dunklen Nächten oft verliefen und dann noch mehr Zeit brauchten. Aber der Blick vom „Adlerhorst“, wie Baihu das Plateau nannte, hinunter in das weite Tal und auf das Kloster FA MEN SI, das man an der hohen Pagode gut erkennen konnte, war spektakulär. Umgekehrt war das Nest vom Kloster aus nicht zu erkennen. Im Norden waren die Felsen steil aufsteigend. Seitlich, nach Ost und West dagegen, nahmen sie in der Höhe ab. Wie eine Umarmung umfassten die Felsen das Plateau. Nur nach Süden hin war der Blick frei auf die weite Flusslandschaft.

Nach dem Abzug der letzten Drachen hatten Mönche auf der Westseite des Plateaus den kleinen Erinnerungs- und Ehrentempel DAWANG erbaut. Oft setzten sich Baihu und Shi Yan auf die inzwischen abgenutzten Tempelstufen und unterhielten sich über den Sinn des Lebens und über Gott und die Welt. Und oft vergaßen sie dabei Zeit und Raum und blieben bis spät in die Nacht in den Bergen. Beide genossen die besondere Stimmung, die Ruhe, Kraft und Ausstrahlung, die dieser Platz hatte. Der Abt Chen Zheng Wei kannte natürlich den Platz. Oft hatte er dort meditiert, und natürlich wusste er, dass dieser von Baihu und von Shi Yan regelmäßig gepflegt wurde. Er selbst war zu alt und zu gebrechlich, um den mühsamen Aufstieg ohne Hilfsmittel noch einmal zu wagen. Er glaubte fest an die Rückkehr der Drachen. Und er hoffte, dass er diesen Tag noch erleben durfte. Auf den Stufen des Tempels unterhielten sich Meister und Schüler oft darüber, wie die Drachen wohl aussahen. Die Rückwand des Tempels war innenseitig bemalt, und fünf Drachen waren nebeneinander abgebildet. Im Laufe der Jahrhunderte waren die Gemälde verwittert und verblasst, man konnte sie aber noch gut erkennen. Man sah den Drachen des Ostens, der den Menschen Lebenskraft und Zuversicht bringen sollte. Den Drachen des Südens, der den Menschen Freude und Frohsinn bringen sollte. Der Drache des Westens war zuständig für Wohlstand und Erfolg. Der Drache des Nordens sollte den Menschen Wissen und Weisheit bringen, und der Drache der Mitte Fürsorge und Zufriedenheit.

Auf dem Holz war noch deutlich erkennbar, dass jeder Drache eine andere Grundfarbe und auch ein anderes Aussehen hatte. So war der Drache des Südens als einziger mit Flügeln dargestellt, und er konnte Feuer speien, wie man erkennen konnte.

Baihu erklärte seinem Schüler, dass die Drachen die fünf Elemente verkörperten. Diese waren Bestandteil der Lehre KAN YU, und es war, nach Meister Baihu, die wichtigste Lehre, auf der alle anderen Philosophien basierten. Egal, ob es sich um die chinesischen Kampfsportarten handelte oder um die chinesische Medizin, um Astrologie oder Numerologie, um die Lehre des BA ZI, SAN HE, SAN YUAN oder BA ZHAI, immer waren es die fünf Elemente, die in Harmonie zueinander gebracht werden mussten, um gute Ergebnisse zu erwirken, die letztlich zu Erfolg und Anerkennung führten. Und die Harmonie der Drachen übertrug sich, wie ein Spiegel, auf die Menschen, ja auf die ganze Menschheit.

KAN YU war das Lieblingsfach von Shi Yan, und er hatte gelernt, wie die fünf Elemente ins Gleichgewicht gebracht werden konnten. Von Disharmonie zu Harmonie, aber auch wieder zurück zur Disharmonie. Gleichgewicht war ein Prozess, der laufend den Entwicklungen nach angepasst werden musste, und zwar sehr behutsam. Shi Yan wusste auch schon, welcher Drache welches Element verkörperte. Die Richtung war dabei ausschlaggebend. Der Ostdrache verkörperte das Holzelement. Der Süden gehörte zum Feuerelement, der Westen zu Metall, der Norden verkörperte Wasser, und die Mitte war dem ausgleichenden Erddrachen untergeordnet.

Baihu nahm sich vor, seinem fleißigen Schüler demnächst die heiligen Kellergewölbe unter dem Kloster zu zeigen. Dort waren alle alten Aufzeichnungen und Geschichten über die fünf Drachen aufbewahrt. Shi Yan war reif für diese Offenbarung. Es wurde kälter, und nachdem der Mond aufgegangen war, entschied Baihu, den Weg zurück ins Kloster anzutreten. Sie blickten noch einmal über den verschneiten Platz, der von einem silbernen Licht überflutet war. Er strahlte Glück, Frieden und Harmonie aus.

Guten Mutes machten sich Meister und Schüler auf den Heimweg. Spät nach dem Abendgebet kamen die beiden im Kloster an. Im Büro des Abtes brannte noch Licht. Chen Zheng Wei wartete auf sie und bat sie kurz in die Stube. „Ich habe Nachricht vom Kaiser bekommen. In zwei Tagen erreicht uns eine ‚unauffällige‘ Reisegruppe, die Hong Li hierher begleitet. Wir müssen bis dahin noch einiges vorbereiten. Wo schläft Hong Li, welche Aufgaben soll er vorerst verrichten, ja wie begegnen wir ihm überhaupt? Über all das müssen wir reden. Es ist schon spät, und doch bitte ich euch, noch etwas bei mir zu bleiben.“

Baihu und Shi Yan erkannten die Dringlichkeit im Nachdruck des Abtes und blieben gerne auf eine Tasse heißen Tees, den Chen Zheng Wei freundlich anbot. Baihu kam gleich zum Thema, während er sich wieder auf die Bank in der hinteren Ecke setzte und seine Hände an der Tasse wärmte: „Auf der einen Seite dürfen wir die Klostergemeinschaft nicht aufrütteln oder verunsichern, auf der anderen Seite hat der Kaiser eine bestimmte Vorstellung von der Ausbildung, und auch Hong Li wird eine Vorstellung haben, was ihn hier alles erwartet.“ Der Abt nickte und schlug vor Hong Li als einfachen Jungen zu behandeln, der von seiner Familie ins Kloster gebracht wurde, um hier zu lernen. „Nur wie verhält sich Hong Li den Mitbrüdern gegenüber? Er war, nein, er ist immerhin ein kaiserlicher Nachfolger, wahrscheinlich verwöhnt und von seinen Mitmenschen nur mit Ehrfurcht behandelt.“ Das war Shi Yans größte Sorge. Würde der Prinz die klösterliche Hierarchie anerkennen und sich unterordnen? „Am besten schläft Hong Li mit Shi Yan in seiner Klosterzelle. Es ist noch Platz für eine Koje, und ein zweites Studierpult passt auch noch hinein.“ Shi Yan nahm den Vorschlag an. Es war ohnehin ein Privileg, dass er eine eigene Zelle hatte. Das war der Unterschied zwischen einem Schüler, der nach der Schule das Kloster wieder verließ, und einem Novizen des Klosters, wie Shi Yan, der auf Lebzeiten im Kloster bleiben wollte. KAN YU war eine Ausbildung, die nur den Klosterbrüdern zukam. Und auch der Drachenkult war eine Spezialausbildung, die nur die Mönche von FA MEN SI erfahren durften. Der Abt stimmte zu. „So können sich die zwei auch besser von den anderen Schülern absetzen, wenn sie zum Beispiel das Drachennest pflegen müssen.“ Dem Kaiser lag sehr daran, dass sein Enkel bei der Ausbildung im KAN YU den Status eines Großmeisters erreichen würde. Zu den Meistern am kaiserlichen Hof hatte er kein Vertrauen mehr, was er dem Abt im Geheimen mitteilte.

Shi Yan hatte seine Aufgaben für die nächsten Tage schon erhalten, und Hong Li sollte ihn dabei einfach nur unterstützen, damit er sich an die neue Situation gewöhnen konnte, zum Beispiel auch an das frühe Aufstehen, dass auch Shi Yan noch Probleme bereitete.

Deshalb verabschiedete sich Shi Yan vom Abt und von seinem Meister. Es war schon sehr spät. Der Abt wollte Baihu noch ein paar Instruktionen geben, um sich dann selbst zurückzuziehen. Shi Yan ging noch einiges durch den Kopf, aber der anstrengende Marsch zum Drachennest und zurück und die Neuigkeiten beim Abt hatten ihn müde gemacht.

1.02 Hong Li, der Neue

Kloster FA MEN SI, im Frühjahr 1720

Nachdem die Einrichtung der Klosterzelle um eine Koje und ein Studierpult erweitert worden war, warteten alle auf die Ankunft von Hong Li. Das heißt nicht alle, für die Klostergemeinschaft gab es keinen Unterschied zu den anderen Tagen. Sie wussten nichts von der Ankunft eines Mitgliedes des kaiserlichen Hofes. Der Kaiser selbst hatte sich mit Chen Zheng Wei abgesprochen und die Anreise so unauffällig wie möglich gestaltet. Ein paar Elitesoldaten aus der kaiserlichen Garde begleiteten, als Bauern verkleidet, den Zug. Er bestand aus zwei Ochsenfuhrwerken, die mit einfachen, schmutzigen Leinen überspannt waren. Die Soldaten mussten in einiger Entfernung vom Kloster ihre Pferde stehen lassen und zu Fuß die Fuhrwerke begleiten, damit ja kein Verdacht aufkam. Im vorderen Wagen hielten sich Hong Li und seine Mutter auf. Im hinteren Wagen waren zwei Zofen untergebracht, die sie begleiteten. Alles war möglichst einfach und schlicht gehalten, gar nicht kaiserlich.

Als sie am Tor des Klosters FA MEN SI ankamen, wurde der Abt gerufen. Baihu übernahm für ihn die Abendmesse. Es war schon spät, und es war dem Abt ganz recht so. Alle Mönche und Novizen hielten sich im Versammlungshof auf. Keiner nahm Notiz von der Reisegruppe, und es kam öfters vor, dass der Abt das hohe Amt an Baihu weitergab, wenn Wichtigeres für ihn anlag. Chen Zheng Wei ging vor das Tor und begrüßte die Reisegruppe. Er wurde in den vorderen Wagen gebeten, wo ihn die Mutter von Hong Li begrüßte. Xiao Sheng Xian war die kaiserliche Gemahlin des künftigen Kaisers Yong Zheng, dem Vater von Hong Li, der dem alten Kaiser Kang Xi auf den Thron folgen sollte.

Chen Zheng Wei erschrak, denn damit hatte er nicht gerechnet. „Kaiserliche Hoheit, Sie haben den unbequemen und unsicheren Weg auf sich genommen, um uns Ihren Sohn zu übergeben? Das ist eine große Ehre für uns. Und doch hat der Kaiser darum gebeten, Hong Li möglichst unauffällig im Kloster zu integrieren.“ „Ich weiß“, stimmte Xiao Sheng Xian ein, „Sie erkennen an unseren Kostümen, dass wir inkognito reisen. Ich möchte aber wissen, dass mein Sohn gut im Kloster angekommen ist. Hong Li ist mein wertvollster Schatz, und ich möchte die kennenlernen, die für die nächsten Jahre für sein Wohl verantwortlich sind.“ „Die Sorge einer liebenden Mutter. Ich verstehe das, und ich segne Sie hierfür.“ Der Abt wollte der künftigen Kaiserin damit nicht schmeicheln. Ein Mensch der behütet und geliebt seine Kindheit verbrachte, war selbst fähig starke Gefühle auf andere zu übertragen. Leider war in China das finanzielle Kalkül oft vorrangig, wenn es um die Frage ging, wie viele Kinder eine Familie „vertrug“. Die künftige Kaiserin hatte Hong Li als ihren größten Schatz bezeichnet, und sie meinte das von ganzem Herzen. „Ich danke Ihnen, werter Abt, Sie haben mein Vertrauen mit ein paar wenigen Worten gewonnen.“ Sie drehte sich zur Seite und gab den Jungen hinter sich frei. „Das ist Hong Li.“

Fast wie ein scheues Reh ruckte Hong Li der Mutter nach, um hinter ihrem Umhang Schutz zu finden. Als er den alten Abt sah, gewann auch er Vertrauen und rutschte nach vorn. „Hallo Hong Li, ich habe schon viel von dir gehört. Auch dass du schon einen Bären erlegt hast. Dein Großvater hat mir das voller Stolz erzählt.“ Hong Li antwortete erst zögerlich, dann aber mit fester Stimme: „Nein, ich war es nicht. Die Jäger haben den Bären erlegt. Mein Pfeil und mein Bogen waren zu schwach. Hätte ich aber einen echten Bogen und einen richtigen Pfeil gehabt, dann wäre der Bär gelegen. So musste er durch die Lanzen von 6 Jägern sterben. Ich hätte den Bären lieber gefangen und dressiert, zur Freude meines Großvaters, des Kaisers Kang Xi.“ „Und wie hättest du das machen wollen?“ Der Abt war gespannt. „Die Jäger hatten Netze dabei. Sie hätten den Bären auch fangen können. Aber sie hatten Angst um mein Leben und wohl auch um ihr eigenes. Sie haben in der Not falsch entschieden.“

Chen Zheng Wei war über diese Antwort sehr überrascht. Der Kaiser hatte recht. Ein Knabe mit einem messerscharfen Verstand, großem Mut und schneller Auffassungsgabe. „Lieber Hong Li, dein Großvater möchte dir etwas wirklich Großes schenken. Es ist ein sehr wertvolles Wissen, dass du bei uns erhältst. Wir können es dir aber nur dann vermitteln, wenn du dich im Kloster wie ein ganz normaler Novize verhältst. Dort darf keiner von deiner Herkunft erfahren. Und alle Mönche und Mitschüler werden dich wie ihresgleichen behandeln. Hat dich deine Mutter darüber aufgeklärt?“ „Ja, wir haben die ganze Reise darüber gesprochen. Ich denke, Hong Li ist gut gewappnet für diese Aufgabe.“ Die Mutter nahm ihren Sohn fest in die Arme und drückte ihn, als wäre es das letzte Mal.

Chen Zheng Wei hatte eine passende Mönchsmontur dabei. Er hatte sich an Shi Yans Größe orientiert. Hong Li musste aus dem Bauernkostüm schlüpfen, das für einen echten Landjungen viel zu sauber war. Die Größe des Beinkleides und der Umhang passten. Die Pelzmütze wurde weit über den Kopf gezogen, sodass keiner erkennen konnte, wer hier den Wagen verließ und hinter den Klostermauern verschwand. Die Reisegruppe wollte bis zum Morgengrauen vor den Toren des Klosters rasten und dann den Heimweg antreten. Mutter und Sohn, zwei Seelen, verbunden durch ein starkes Band, mussten nun Abschied nehmen.

Der Abt brachte Hong Li, ohne auf andere Mönche zu treffen, in die Klosterzelle, wo Shi Yan und Baihu schon warteten. Shi Yan konnte sich noch gut an seine ersten Tage im Kloster erinnern. Auch er hatte Angst, war unsicher und hatte großes Heimweh. Er begrüßte Hong Li deshalb sehr herzlich und freundschaftlich. Auch Baihu erkannte die Tränen in Hong Lis Augen, obwohl er diese mit aller Macht unterdrücken wollte. Es war schon wieder sehr spät, und ohne lange Reden verabschiedeten sich alle und gingen in die Kojen. Shi Yan bemerkte, dass Hong Li noch lange am Fenster stand, und dass er ab und zu die Nase hochzog, zeigte Shi Yan, dass Hong Li noch immer mit den Tränen kämpfte.

Mit dem ersten Krähen des Klosterhahnes war Shi Yan wach. Er stand dieses Mal auch gleich auf und sah, dass Hong Li ruhig in der Koje schlief. Er weckte ihn trotzdem, und nur mürrisch wurde Hong Li wach. „Zieh dich an, ich will dir was zeigen“, flüsterte er. Die beiden schlichen aus der Zelle. In der Nähe des Klostertors stiegen sie auf die Mauer. Gerade rechtzeitig, um die Abreise der Reisegruppe zu sehen. Die Karren hatten schon gewendet und aus der Rückwand schaute Hong Lis Mutter sorgenvoll und traurig in Richtung Kloster. Da erkannte sie Hong Li, der auf der Mauer stand, und neben ihm hielt ein Freund seine Hand, Shi Yan. Sie winkten sich zu, und alle wussten, dass das Band der Liebe alle Entfernungen überbrücken würde und je weiter man fortging, umso stärker wurde das Band. Xiao Sheng Xian war beruhigt. Ihr Sohn Hong Li war nicht alleine. Er hatte einen Freund gefunden.

Shi Yan hatte mit dieser einfachen und kleinen Geste Hong Li als Freund gewonnen. Er konnte seiner Mutter noch einmal zuwinken. Mit sehr viel mehr Zuversicht und guten Mutes kamen sie rechtzeitig zum Morgengebet, dessen Texte Hong Li erst noch lernen musste. Offiziell wurde Hong Li den Novizen und Mönchen als einfacher Bauerssohn vorgestellt, der von einem reichen Onkel die aufwendige Ausbildung zum KAN YU Meister geschenkt bekam. Er war damit zwar ein privilegierter, aber doch ein einfacher Schüler, wie jeder andere auch. Baihu und der Abt waren erstaunt, wie schnell zwei Kinder Freundschaften schließen konnten. Die beiden vertrauten sich und halfen sich bei jeder Gelegenheit.

Hong Li war wissensdurstig und lernte schnell. Mantra-Texte schien er aufzusaugen, und die schulischen Ergebnisse waren bald besser als bei Shi Yan. In den Wettbewerben der Kampfkünste WU SHU schloss Hong Li nicht nur in seiner Altersgruppe als Bester ab, auch mancher ausgewachsene Mönch flog durch Hong Li auf die Matte. Die zwei stachelten sich gegenseitig an. Wenn es auf den Berg ging, so nannte Hong Li das Drachennest, dann konnte Baihu schon lange nicht mehr mithalten und kam keuchend eine halbe Stunde später an.

Im Spätsommer erfüllte Baihu sein Versprechen und führte Hong Li und Shi Yan in die heiligen Gewölbe des Klosters. Nur ganz wenige Mönche hatten Zutrittserlaubnis. Chen Zheng Wei war der oberste Wächter dieses Heiligtums, und er ließ es sich nicht nehmen, die drei zu begleiten. Es war kein Misstrauen gegenüber Baihu. Nein, er war selbst schon lange nicht mehr in den Gewölben und wollte dies nun nachholen. Das Erdgeschoss des Klosters war, wie auch die komplette Ummauerung des Klosters, mit Stein und Lehm verbaut. Die Obergeschosse wurden mit Fachwerken auf die schweren Balkendecken aufgesetzt. Die Ausfachungen wurden mit senkrechten, eingeschobenen Stakhölzern gehalten, mit Weidenruten umflochten und dann mit Lehm beworfen. Das Wahrzeichen des Klosters war aber die achteckige, 12stufige Pagode, die mit geschlagenen Bruchsteinen bis unter das Dach gemauert war. Alle Kellerräume des Klosters waren aus dem Fels gehöhlt. Der Zugang erfolgte über die Pagode und war achteckig aus dem Felsen geschlagen. In sieben Meter Tiefe waren nach allen vier Himmelsrichtungen Gewölbebögen ausgeschlagen, die mit schweren Holztoren gesichert waren. Hinter den Toren folgten tiefe Gewölbeaushöhlungen, die in Breite, Länge und Höhe beeindruckend waren. Die Böden der Gewölbe waren noch einmal ein bis zwei Meter tiefer ausgeschlagen und über Treppenstufen zu erreichen. Der Hauptraum war nach Norden orientiert.

Dieser Hauptraum war mindestens dreimal so lange wie die drei übrigen Seitengewölbe. Diese waren zwar auch beeindruckend, aber sie waren mit Holzlattenwänden unterteilt, sodass man nicht sehen konnte, was sich dahinter verbirgt. Jedes Gewölbe hatte einen Mittelgang und auf jeder Seite vier nebeneinander angereihte Archivräume mit Regalen und Tischen. Nur der große Hauptraum war leer und diente wohl für Versammlungen oder Studien. Alle Räume konnten mit Fackeln beleuchtet werden. Entlüftungsschächte sorgten für den Abzug des Rauches.

Chen Zheng Wei war immer wieder beeindruckt, wenn er in die Gruft hinunterging. Es sollte das größte Gewölbe des chinesischen Reiches sein. Am Anfang seiner Amtszeit wollte er diese Räume als Ausstellung nutzen und sie für Pilger aus dem ganzen Reich öffnen. Er bemerkte aber, dass der Fels große Risse aufwies, und er traute der Statik nicht. Die aufsitzende Pagode musste einen großen Druck auf den Fels ausüben, und ab und zu erschütterten kleine Erdbeben die Region. Die Gefahr eines Einsturzes war dem Abt zu groß. Irgendwann würde ein Kaiser die Mittel freigeben und den Fels auf seine Tragkraft hin prüfen. Chen Zheng Wei würde das in seiner verbleibenden Amtszeit wohl nicht mehr schaffen.

Das Kloster FA MEN SI hatte einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Es war das bedeutendste Kloster des ZEN-Buddhismus in China wegen der im südlichen Gewölbe aufbewahrten Reliquien von Buddha. Ein Fingerknochen. Die einzige Reliquie Buddhas in ganz China. Was aber die wenigsten wussten, war die Tatsache, dass in keinem anderen Kloster so umfangreiche Aufzeichnungen über den Drachenkult und über die Drachen selbst gesammelt wurden. Im Ostgewölbe waren Schalenreste von Dracheneiern gelagert, die Ältesten waren mehr als 2320 Jahre alt. Die Jüngsten sollten von den letzten Drachen sein, die FA MEN SI besucht hatten, also 514 Jahre alt, aus dem Jahr 1206. Auch Drachenzähne und Drachenschuppen wurden dort aufbewahrt.

Im Westgewölbe lagerten wertvolle Pilgergeschenke von Kaiser und Königen, aus anderen Klöstern und aus fernen Ländern. Was unter der Pagode ruhte, war ein unbezahlbarer Schatz, und es war der letzte Beweis für lebende Drachen auf Erden und viele Anleitungen, wie diese im Kloster FA MEN SI gezähmt wurden.

Mit jeder Fackel, die Baihu anzündete, leuchteten die Augen der beiden Novizen intensiver. Chen Zheng Wei erklärte alles, was er über den Drachenkult wusste, und er bestätigte das Gesagte, indem er die entsprechenden Aufzeichnungen herausholte und aufrollte. Leider hatten er und viele seiner Vorgänger keine lebenden Drachen mehr gesehen, und seine Chancen schwanden mit jedem Jahr seines Alters.

Die „Regeln des Drachenmeisters“, eine ganze Sammlung von Schriftrollen, erklärten, wie die Drachen zu bändigen waren. Der wichtigste Augenblick war der Zeitpunkt der Prägung. Der Mensch, der dem Drachen aus dem Nest half, den der Drache zuerst erblickte, der wurde von ihm als sein Meister anerkannt. Dem diente er sein Leben lang. Es wurde auch beschrieben, wie sich die Drachen untereinander verhielten und wie man Streitigkeiten unter den Drachen schlichten konnte. Die charakterlichen Eigenschaften, die Stärkeverhältnisse, die Zuordnungen, die Zuständigkeiten und die Abhängigkeiten, all das kam Shi Yan bekannt vor und klang nach der Lehre der fünf Elemente. Eine Lehre, die Hong Li noch nicht kannte.

Der Abt erklärte Baihu, dass er das alles noch ordnen wollte, bevor er sein Amt an seinen Nachfolger übergeben musste. „Baihu, das wäre doch eine interessante Arbeit für unsere Novizen. Zwei Tage in der Woche sind sie auf dem Plateau, zwei Tage im Keller. Da bleiben noch 3 Tage für die Schule. Shi Yan, ist das zu schaffen?“ Hong Li meinte: „Ja, selbstverständlich schaffen wir das. Ich habe noch Reserven. Und du?“ Er meinte Shi Yan. Das waren die kleinen Spitzen, die Hong Li gerne einsetzte, um sich von anderen abzuheben. Keiner wusste, wie viel Arbeit in dieser Aufgabe lag, und er wollte diese Aufzeichnungen nicht nur sortieren und ordnen. Shi Yan wollte sie auch verstehen und erlernen.

Vom ersten Tag an, an dem er mit Baihu den Kraftplatz und das Drachennest gesehen hatte, war es sein erklärtes Ziel, Drachenmeister im Kloster FA MEN SI zu werden. Ihm ging es nicht darum, eine Arbeit so schnell wie möglich zu erledigen. Er wollte sie so gut wiemöglich machen und mit dem größten Nutzen für alle, für seine Mitmenschen, für das Kloster, ja, auch für Chen Zheng Wei und letztlich auch für sich selbst. „O. k., wir werden sehen.“ Damit war es beschlossen.

Für die nächsten Tage war aber erst Nestpflege angesagt. Hong Li wollte, wie immer, der Erste auf dem Berg sein. Baihus Kräfte waren schnell am Ende, und er ließ die zwei vorauslaufen.

Auch er hielt den Ehrgeiz von Hong Li für übertrieben, und er wollte den beiden eine Lehrstunde geben. Bisher waren Shi Yan und er immer die gleiche Strecke zum Plateau gegangen, wenn sie sich nicht verlaufen hatten. Baihu kannte aber auch noch andere Wege zum Plateau. Und als die beiden außer Sichtweite waren, bog er nach rechts ab, um die Strecke abzukürzen. Die Strecke war zwar kürzer, jedoch nicht befestigt, quer durch die Wildnis. Hier musste man sich auskennen. Baihu kannte aber jeden Felsen, jeden Baum, jedes Rinnsal. Oben angekommen, legte er sich auf die Stufe vor den Tempel und stellte sich schlafend. Er hörte die Jungen schon von Weitem.

„Ich bin der Erste“, rief Hong Li. „Stimmt nicht, du hast mir ein Bein gestellt, das ist unfair“, erwiderte Shi Yan. Da erschraken sie. Baihu lag schlafend auf den Tempelstufen. „Baihu, wie hast du das gemacht?“ Baihu dehnte sich und fragte: „Was meint ihr denn?“ „Du warst hinter uns“. „Ja und?“, meinte Baihu gelassen. „Während ihr eure Füße eingesetzt habt, habe ich meinen Kopf eingesetzt und … wer war schneller?“ Hong Li ärgerte sich, weil er verloren hatte. Shi Yan ärgerte sich, weil er Baihus Geheimnis noch nicht kannte.

1.03 Der Tod des Kaisers Kang Xi am 20.12.1722

Reise nach PEKING im Winter 1722

Fast drei Jahre war Hong Li nun schon im Kloster. Es war Winter, in dem sie nur einmal pro Woche nach dem Nest schauten und dafür einen Tag mehr die Drachenaufzeichnungen studierten konnten. Wie Shi Yan vermutete, war diese Aufgabe so komplex, dass es noch Jahre dauern würde, bis sie damit fertig waren.

Der Platz mit dem Drachennest war vom Schnee bedeckt, wie mit einem weißen Tuch. Sie hielten sich heute nicht so lange auf. Nur der Tempel war von einer Schneewehe zu befreien. Der Abstieg vom Berg war wie eine lustige Rutschpartie. Deshalb kamen sie heute rechtzeitig zum Abendgebet ins Kloster. Nach dem Abendessen hatte der Abt Baihu und seine Novizen in die Schreibstube gebeten. Die Knaben brachten dies mit einem Wettstreit im Hof des Klosters in Verbindung, wo sie auf meditierende Mönche Schneebälle warfen und oft auch trafen. Sie erwarteten nun eine Belehrung durch den Abt. Leider war es aber ein anderer Grund.

„Hong Li, ich muss dir eine traurige Nachricht übermitteln. Unser geliebter Kaiser Kang Xi ist vor zwei Tagen verstorben. Er ist sanft eingeschlafen, nachdem er deinen Vater Yong Zheng noch als Nachfolger bestimmen konnte. Es tut mir sehr leid, und wir alle teilen deine Trauer um den Großvater.“ Es wurde drückend still im Raum, bis der Abt mit seiner Nachricht weiterfuhr: „Hong Li, du musst zurück zum kaiserlichen Hof. Dein Vater erwartet, dass du der Trauerfeier beiwohnst sowie der darauffolgenden Inthronisierung des Kaisers.“ Der Abt erklärte weiter: „Baihu und Shi Yan, ihr begleitet Hong Li. Verhaltet euch unauffällig, und beeilt euch. Der Depesche nach, kommt euch eine Truppe Soldaten entgegen.“ Der Abt wirkte sehr aufgeregt. „Bis LINFEN sind es ca. 500 km, diese Strecke müsst ihr zu Fuß schaffen. In 8–10 Tagen trefft ihr dort auf die berittenen Soldaten, die euch die restlichen 750 km nach PEKING bringen.“ Baihu verstand als Erster. „Also, dann auf, wir müssen uns vorbereiten, damit wir morgen mit den ersten Sonnenstrahlen die Reise antreten können.“

Das war ein großes Abenteuer für Shi Yan. Er durfte in die Verbotene Stadt, zu Kaiser Yong Zheng und zu Xiao Sheng Xian, der Mutter von Hong Li. Außer auf dem Berg hatte er die Mauern des Klosters noch nie verlassen, und nun durfte er in die Großstadt PEKING. Er war sehr aufgeregt, aber Baihu, sein Meister, und Hong Li waren dabei. Auch er hatte nicht damit gerechnet, so schnell wieder in die Heimat zu kommen. Natürlich wog die Trauer um seinen geliebten Großvater schwer, aber auch die Freude auf ein Wiedersehen mit seiner Mutter. Hong Li war hin- und hergerissen. Und konnte diese Nacht nur schlecht einschlafen.

Auch für Baihu war das eine großer Herausforderungen. Auch er hatte nur selten die Klostermauern verlassen, und wenn, dann nicht weiter, als bis nach QIAN oder nach XIAN. Das waren 50 oder 100 km. Nun stand eine Reise an, die über 1250 km ging. Im Archiv des Klosters hatte er sich noch über eine Stunde Kartenmaterial angeschaut und sich stichpunktartig die Route nach Peking aufgeschrieben. Bis XIAN kannte er den Weg.

Von da an ging es weiter über WEINAN nach HUAYIN, bis an die Ufer des Gelben Flusses. Den Fluss nach Norden folgen, bis HEJIN. Dort lässt sich der mächtige Fluss gut überqueren. Bis XINJIANG nach Osten, um von dort nach Norden abzubiegen, bis LINFEN, das man früher PINGYANG nannte. Von da an vertraute Baihu auf die berittene Begleitung, die die Strecke ja schon kennen mussten. Nur die groben Richtungen wollte er sich merken. Und … es war ja Winter, und alles war verschneit. So notierte er auch die Erhebung und Landmarken, an denen er sich orientieren konnte.

Von LINFEN aus ging es weiter nach Norden über LINGSHI nach BAYOU, PINGYAO, HEBEI und BAODING und dann nach PEKING. Immer Richtung Nord und Nordost. Hinauf in die klirrende Kälte. Sie mussten sich was Warmes mitnehmen. Endlich legte auch er sich zur Ruhe, und der Hahn ließ ihm nicht viel Zeit zur Erholung.

Der Abt stand schon am Tor, um die drei Reisenden rechtzeitig zum ersten Sonnenstrahl zu verabschieden und ihnen den Segen mit auf die Reise zu geben. „Gebt auf euch acht. Meidet Menschen. In der Nacht löst ihr euch zur Wache ab. In der Provinz SHANXI, um LINFEN herum, soll es aufständische Gruppen geben, die mit der Thronfolge nicht einverstanden sind. Gebt euch also unter keinen Umständen zu erkennen. Hong Li würde sein Leben verlieren. Überlegt euch einen anderen Namen für Hong Li. Je weiter ihr nach Norden kommt, umso bekannter ist dieser Name.“

Baihu verstand die Warnung seines Abtes. Er hörte schon von den Machtkämpfen innerhalb der kaiserlichen Familie. „Hong Li, ab jetzt heißt du „Xiaochanchu“, das bedeutet kleine Kröte … und keine Diskussion darüber.“ Shi Yan grinste über beide Backen, vermied es aber zu lachen. Hong Li kochte innerlich, erkannte aber den Ernst der Lage und schluckte diese „Kröte“.

Sie kamen gut voran. Es hatte schon lange nicht mehr geschneit, und die Wege waren ausgetreten. Im Laufschritt folgten Hong Li und Shi Yan dem Mönch und Meister. Schon vor Mittag kamen sie in QIAN an, wo Baihu seinen alten Meister Shi Yong besuchen wollte. Sie hatten sich schon lange nicht mehr gesehen. Nach der Ausbildung von Baihu hatte sich der Meister aus dem Shaolin-Kloster in DENGFENG zu seiner Familie nach Qian zurückgezogen und sich zur Ruhe gesetzt. Als sie am Haus ankamen, dampfte die Luft über ihren Körpern. Eine alte Frau mit langem Haarzopf öffnete die Tür. „Baihu, welche Ehre, welche Freude, dass du uns wieder einmal besuchst. Ich hoffe, es geht dir gut.“ Baihu bedankte sich und fragte nach seinem SHAOLIN-Meister. Shi Yan und Hong Li waren überrascht. Sie hatten Baihu nie bei Bewegungsübungen für KUNG FU beobachtet. Und selbst bei den Übungen des WU SHU, das in FA MEN SI gelehrt wurde, haben sie Baihu nur selten gesehen. „Er ist in seinem Ahnenraum. Wo sonst könntest du ihn finden.“ Nachdem Baihu seine Begleitung vorgestellt hatte, gingen sie durch die Hütte in einen kleinen, tempelartigen Raum. In der Mitte stand ein alter Mann, der gerade mit einem großen Pinsel Blumen auf ein ebenso großes Seidenpapier zeichnete.

Der Mann war zwar abgemagert, aber doch noch sehnig. Die Haare waren grauweiß und hingen lang und kranzförmig um eine Glatze herum. Ein Bart folgte in der gleichen Länge und rahmte das Gesicht ein. Die Augenbrauen hingen fast ebenso lang nach unten und schienen eins zu werden mit dem Oberlippenbart. Mit fester Stimme grüßte er: „Ich habe dich schon gehört, Baihu, mein liebster Schüler, und ich freue mich über deinen Besuch. Was führt dich zu dieser Jahreszeit nach QIAN? Und wen hast du bei dir?“ Die Bewegungen des alten KUNG-FU-Meisters waren trotz seines Alters von über 85 Jahren noch sehr geschmeidig. „Das ist Shi Yan und das Hong Li, die ich auf einer Reise nach LINFEN begleite. Unser Abt sendet sie zu einer KAN-YU-Prüfung, die zum Jahreswechsel dort stattfindet.“ Mit dieser Notlüge konnte er die Neugier seines früheren Meisters befriedigen.

„Das sind unsere besten Novizen im Kloster, und Chen Zheng Wei, den du ja kennst, möchte auch in diesem Jahr den Sieg nach FA MEN SI einholen.“ „Ach ja, Chen Zheng Wei, der Drachenmeister. Er müsste so alt sein wie ich. Geht es ihm gut?“ Baihu konnte diese Frage bejahen.

Die Frau von Meister Shi Yong lud zu einer wärmenden Tasse Tee ein und anschließend zu einer stärkenden Hühnersuppe. Dabei unterhielten sich Baihu und Shi Yong über die alten Zeiten. Die Novizen erfuhren so, dass Baihu die schwarze Schärpe im höchsten Grad des KUNG FU erworben hatte, im 12. Grad. Aus einem Grund, den keiner wusste, hatte er sich aber dem Drachenkult angeschlossen, um in FA MEN SI das KAN YU zu erlernen. „Ja, so hat Baihu den einen und anderen Muskel verloren und dafür ein Bäuchlein gewonnen, so, als ob man Wissen im Bauch einlagern würde.“ Shi Yong klopfte dabei Baihu auf den wohlgenährten Bauch. Alle lachten über diesen Witz, nur Baihu nicht. Er drängte zum Aufbruch. Nicht weil die Gruppe weitermusste, nein, er wusste, dass sein alter Meister, schon damals bei seiner Ausbildung, nach dem Essen einen Mittagsschlaf pflegte, und diese Tradition wollte er nicht unterbrechen.

„Das war eine schöne Stunde, in der wir uns aufwärmen, stärken und Geschichten hören konnten. Wie geht es euch nun?“ Hong Li wusste, worauf Baihu abzielte. „Uns geht es hervorragend. Wir können gerne im Laufschritt weiter, oder macht Shi Yan schlapp?“ „Von wegen. Ich möchte nur auf Baihu Rücksicht nehmen.“ „Nun, ihr werdet ohne mich nicht weit kommen, oder kennt einer von euch den Weg? Deshalb darf ich den Takt vorgeben. Also marsch!“

Baihu wollte im Norden um die große Stadt XIAN herumgehen. Die Strecke war zwar etwas weiter, aber er wollte nicht durch das Menschengewühl in XIAN, und die Torwächter hätten sie sicher ausgefragt. Es wurde zwar schon Dunkel, aber der Schnee reflektierte das Mondlicht und die Sterne. Baihu war froh, dass bisher kein Schneesturm aufgekommen war. So konnte er sich am Stand der Sterne orientieren. Nachdem sie nun wohl eine Strecke doppelt so weit wie nach Qian hinter sich gebracht hatten, sahen sie die Fackellichter eines Dorfes. „Der Größe nach müsste das JINGYANG sein. Wir werden vorher etwas abseits des Weges im Freien übernachten und bei Morgenanbruch den Ort durchqueren. Wir wollen kein Risiko eingehen.“ Die Nacht war kalt. Eine Feldmauer bot etwas Schutz. Die durchschwitzte Kleidung konnte am Lagerfeuer getrocknet werden. Für das Bettlager sammelten sie Reisig. Die Felldecken schützten vor Bodenkälte, und in die Wolldecken konnten sie sich einwickeln. Die erste Wache übernahm Baihu, dann sollte Shi Yan auf das Feuer achten und dann Hong Li. Wegen der Wildtiere und der Wärme durfte das Feuer nicht ausgehen. Sehr früh wachten sie auf. Die inzwischen trockenen Kleidungsstücke waren schnell übergezogen. Selbst auf eine Katzenwäsche wurde verzichtet. Die Felle und Decken, etwas Werkzeug und ein kleiner Kessel, in dem die spärliche Verpflegung eingelegt wurde, all das musste in den drei Steigen verstaut werden. Wasser wurde aus dem Schnee oder Eis im Kessel über dem Feuer geschmolzen. Sie waren froh, dass sie nun wieder in Bewegung kamen. Schnell war die Kälte aus dem Körper gearbeitet. Baihu überlegte, ob er für die nächste Nacht nicht eine Scheune aufsuchen sollte. Die zwei Novizen waren sehr tapfer, aber die Kälte in der Nacht machte ihnen zu schaffen, auch wenn es keiner zugeben wollte.

Der Ort JINGYANG war noch nicht aufgewacht, so kamen sie unbemerkt auf die andere Seite, in Richtung WEINAN. Sie begegneten nur wenig Leuten, meist Bauern, die nach ihren Feldern oder Tieren schauten. Reisende waren keine unterwegs. Die Strecke, die Baihu ausgesucht hatte, zog sich durch ein weites Tal in Richtung Nordosten. Mehrere kleine Flüsse zwischen den nördlichen und südlichen Bergen haben diese Landschaft geformt. Die Flüsse waren dick zugefroren, sodass die Knaben schlittern konnten. Baihu hat dies auch versucht, war aber wegen des Übergewichtes seiner Steige, zur Belustigung der Buben, hingefallen. Am Ende des weiten Tales mündete alles Wasser im Gelben Fluss HUANG HE, der an diesem Punkt nach Osten abbog. Und genau an dieser weiten Biegung bei HUAYIN mussten sie dem großen Fluss Chinas, gegen seine Fließrichtung, etwas mehr als zwei Tagesstrecken nach Norden folgen. Der HUANG HE war sehr mächtig und mehrere Kilometer breit.

Nur am Rande war er dick genug gefroren, sodass man hier gut vorankommen konnte. Baihu war bisher mit den Tagesstrecken und mit dem Verlauf der Reise sehr zufrieden. Sie hatten kaum Menschenkontakt. Das Wetter hielt bisher. Ein paar Bauern, die sie als wandernde Mönche erkannten, spendeten ihnen Wasser und Reis, der am Abend aufgekocht wurde. Für die Nachtlager haben sie verlassene, halbverfallene Scheunen gefunden, die mehr Wärme boten als der freie Himmel. Rechtzeitig vor dem fünften Sonnenuntergang erreichten sie HANCHENG. Eine bedeutende Grenzstadt mit einer Brücke über den Gelben Fluss. Die westliche Seite gehört zur Provinz SHAANXI, die östliche Seite zur Provinz SHANXI. Hong Lis Großvater, der 4. Qing-Kaiser KANG XI, hatte diese Gebiete reorganisiert und die Grenzen dabei etwas verschoben. Oft geschah das mit dem Einverständnis der verwaltenden Feudalherrschaft, manchmal aber auch gegen deren Willen. Während die Behörden der Provinz SHAANXI dem Kaiserhaus der QING-Dynastie treu ergeben waren, lehnten sich die Behörden der Provinz SHANXI gegen diese Willkür und gegen die dabei entstandene Machteinschränkung auf.

Als Kaiser Kang Xi dann auch noch das alte Machtzentrum PINGYANG in eine bezirksfreie Stadt umwandelte und mit einem neuen Namen LINFEN versehen hatte, war der Protest laut und der Streit bis heute nicht beigelegt. Dieses Gebiet ist ein wahres Pulverfass. Und nun, gerade nach dem Tod des Kaisers Kang Xi, wollten die Feudalherren die Machtverhältnisse neu ordnen.

Baihu war sich im Klaren. Jeder, der über die Brücke, also über die Grenze ging, wurde genauestens untersucht. Er entschloss sich deshalb die Nacht noch in der Provinz SHAANXI zu verbringen. Sie hatten nur noch zwei Tagesstrecken, bis sie die berittene Truppe treffen sollten. Nur noch über XINJIANG und XIANFENG bis nach LINFEN, aber diese Strecke war die gefährlichste. Erschwerend kam hinzu, dass der rebellierende Prinz in SHANXI ein Onkel von Hong Li war. Der ältere Bruder des neuen Kaisers. Hong Li kannte seinen Onkel Yun Reng. Er war der zweite Sohn von Kaiser Kang Xi. Er war aber vor seinem Vater in Ungnade gefallen, weil er einen entscheidenden Befehl nicht befolgt hatte. So wurde ihm der Titel Prinz LI aberkannt. Mit der Reform der Provinzen wurde ihm die nun kleinere Provinz Shanxi zugesprochen.

Vordem war Misihan Fuca der Verwalter von SHANXI. Er war dem Kaiser immer wohlgesonnen und diente ihm lange Zeit als Finanzminister. Er entstammte dem alten und mächtigen Landadel der FUCA. Nachdem nun die Familie Fuca die Verwaltung SHANXIs an den Bruder des Kaisers abgeben musste, diente der Sohn Lirong Bao Fuca als Präfekt der Stadt LINFEN. Er war damit direkt Yun Reng unterstellt und nicht mehr dem Kaiser. Hong Li kannte den Präfekten noch aus Zeiten, wo die Fuca den Kaiser Kang Xi im Palast in TAIYUAN, der Hauptstadt von SHANXI trafen.

Damals war sein Vater noch Prinz Yinzhen, und er mochte den Sohn des Finanzministers Lirong überhaupt nicht. Aber Hong Li mochte seine Tochter, mit der er immer spielen konnte, während die Väter alle vor dem Kaiser saßen, und obwohl er damals erst acht Jahre alt war, hatte er sich in sie verliebt. Sie verstanden sich so gut, und XIAO CHUN, die kleine Reine, wie sie hieß, roch immer so gut nach Blumen, nach Frische. Hong Li wusste, dass die Familie Fuca seit dem Machtwechsel nun in LINFEN wohnte. Gerne würde er sie besuchen. Aber das ging jetzt wohl nicht.

Auf der Brücke über den breiten Fluss sammelten sich schon mehrere Menschengruppen. Offensichtlich war die Grenze auf der gegenüberliegenden Seite gesperrt. Erst nach dem Aufgang der Sonne kam Bewegung in die Menschenschlange. Baihu überlegte sich noch, ob er sich einer größeren Händlergruppe anschließen sollte, ließ diesen Gedanken aber schnell wieder fallen. Genau in der Mitte der Brücke saßen zwei Beamte hinter einem schweren Tisch, der den Durchgang auf die andere Seite des Flusses einengte. Links und rechts des Tisches waren Soldaten postiert, in voller Montur mit Bogen und Lanze. Der Tisch stand genau auf einer breiten schwarzen Linie, die die Grenze darstellte. „Name, Beruf, Zielort“, bellte der rechte Beamte den Menschen entgegen, während der linke die Angaben aufschrieb. Datum und Zeit fügte er mit an. Mindestens 50 m weit hörte man diesen Schreihals.

Endlich waren sie an der Reihe. „Wir sind Mönche auf der Wanderschaft“, sagte Baihu freundlich. Aber noch lauter als vorher schrie der Beamte: „Ich frage nur noch einmal: Name, Beruf, Zielort?“ Mit fester und ebenso lauter Stimme antwortete Baihu: „Ich heiße Baihu. Ich bin Shaolin-Mönch und auf der Reise nach DENGFENG zu meinem Shaolin-Kloster. Und ich möchte heute Morgen keinen Ärger haben.“ Das wirkte. Der Beamte schrak auf. „Entschuldige, Shaolin, ich habe schlecht geschlafen und muss aber doch meine Arbeit hier machen.“ Baihu zeigte eine wohlwollende Geste und fügte an: „Und dies sind meine Novizen Shi Yan und Xiaochanchu. Diese Nichtsnutze sollen im Kloster DENGFENG Abhärtung und Disziplin erfahren.“ Der Beamte blickte kurz auf und musterte die beiden. „Und Sauberkeit. Auch junge Männer müssen lernen sich zu pflegen. Ihr zwei stinkt wie ein ganzer Schweinestall.“ Der Beamte hielt sich dabei die Nase zu.

„Von wo kommt ihr denn? Und über welche Strecke wollt ihr weiter?“ Baihu erschrak nicht. Er hatte mit dieser Frage gerechnet. „Wir kommen aus HUANGLONG und wollen über YUANQU und LUOYANG nach DENGFENG. Oder kennst du einen besseren Weg?“ „Nein, das ist der schnellste Weg, damit die beiden ein Bad bekommen. Ihr dürft weitergehen, bevor sich meine Nase auflehnt und ich diese ‚Kröte‘ ins Wasser werfe.“ Baihu drückte Shi Yan und Hong Li am Tisch vorbei und schritt mit festen, aber nicht zu schnellen Schritten über die Brücke. Der Beamte fragte seinen Schreiber: „Hast du alles aufgeschrieben?“, und schrie weiter: „Name, Beruf, Zielort?“

Baihu war erleichtert. „Das ging leichter als gedacht.“ Shi Yan fragte Baihu. „Du warst mit Shi Yong in DENGFENG?“ „Ja, ich war Shaolin-Mönch und habe dort 15 Jahre KUNG FU erlernt.“ „Und warum bist du zum Drachenkult gewechselt?“ Baihu blieb diese Antwort schuldig. Shi Yan kannte seinen Meister sehr gut und wollte nicht tiefer in eine offenbar größere Wunde bohren. Wenn er darüber reden wollte, dann hätte er es auch getan. Hong Li wollte wissen, wie Baihu auf HUANGLONG kam. „Nun, kleine Kröte, DENGFENG liegt im Südosten, und HUANGLONG ist die einzige Stadt, die ich in Nordwesten kenne. Hätte ich gesagt, dass wir aus XIAN kommen, dann hätten wir ja einen riesen Umweg nach DENGFENG gemacht. Das wäre dem Beamten sicher aufgefallen.“ „Ahhhh … das war sehr klug“, lobte Hong Li, „mich aber ohne Not Xiaochanchu zu nennen, das ist sehr unklug und könnte mal eine blutige Nase kosten. Doch mal im Ernst, stinken wir wirklich so sehr?“ „Ich rieche nichts“, bestätigte Shi Yan. „Na ja, Lotus riecht sicher besser. Wen das aber stört, der kann ja hier gleich im Gelben Fluss baden. Ich könnte euch dann als Eiszapfen hinter mir herziehen.“ Der Gedanke gefiel Baihu. „Aber Spaß beiseite, es könnte wirklich nicht schaden, wenn wir in XIANFENG, kurz vor LINFEN, ein Badehaus besuchen. Eine Rasur meines Kopfes und Bartes wäre auch angebracht.“

Baihu mutmaßte: „Wer weiß, wer uns in LINFEN abholt. Vielleicht ist sogar Hong Lis Mutter, die neue Kaiserin dabei.“ Der Gedanke an die neue Kaiserin holte alle wieder in die Realität zurück. Ein Tagesmarsch nach Ost und dann noch einen Tagesmarsch nach Nord mitten durch gefährliches Feindesland. Noch mehr als in der Provinz SHAANXI achteten sie nun darauf, Menschen zu meiden und lieber neben den Straßen und Wegen zu gehen. Das kostete zwar etwas Zeit, weil die drei durch den noch unberührten Schnee stapfen mussten, vermied aber, dass sie zufällig auf Schergen trafen. Es war schon Nacht, als sie nördlich an XINJIANG vorbeischlichen. Der Nachthimmel zeigte deutlich, dass sich die Wetterlage bald änderte. „Lasst uns noch eine Stunde weitergehen. Morgen Mittag zieht ein Schneesturm auf.“ Sie zogen weiter, bis sich eine eingefallene Hütte als Unterkunft andiente. Es konnten nicht mehr als noch 40 km bis LINFEN sein, und ungefähr auf halber Strecke lag XIANFENG. Mindestens bis dahin wollte Baihu es schaffen, bevor der Schneesturm einsetzte. Baihu schlief unruhig. Was wird morgen passieren? Wie schnell würden sie auf die Soldaten treffen?

Mit den ersten Sonnenstrahlen war Baihu aufgewacht. Das Tal lag friedlich vor ihnen. Schnell machte er das Feuer aus und weckte die tapferen Novizen. Da hörten sie unweit Pferde. Die Reiter unterhielten sich laut. Baihu erkannte, dass sie in der Nacht ganz nahe an der Straße übernachtet hatten. Er hätte die Umgebung besser erkunden sollen, aber gestern war auch er einfach viel zu müde. Sie duckten sich hinter einem Wall, der zwischen ihnen und der Straße aufgeworfen war. Die Reiter sahen aus wie reiche Händler, nicht wie Soldaten oder Schergen. Sie warteten, bis die Truppe nicht mehr zu sehen war, und gingen dann die Straße entlang. Die Pferde hatten die Straße eben getreten, sodass wieder gut zu laufen war. Einige Eisplatten auf der Straße machten Shi Yan und Hong Li viel Spaß beim Schlittern. Nach zwei Stunden merkten sie, dass sie die Händler eingeholt hatten. Dies konnte aber nicht sein.

Sie wichen wieder seitlich der Straße aus und näherten sich vorsichtig. „Eine Straßensperre“, flüsterte Baihu. Ein großer Stau auf der Straße, dem sich auch die Händler anhängen mussten. Nach 2000 m konnte Baihu sie deutlich erkennen. Der große Tisch mitten auf der Straße, an dem sich jeder vorbeidrücken musste, egal ob mit Ochsenkarren, mit Pferd oder zu Fuß. Neu waren zwei Türme links und rechts der Straße, auf denen standen Soldaten, die die Weite absuchten. Baihu entschied mit einen großen Bogen nach Westen diese Straßensperre zu umgehen, auch wenn dies wieder Zeit kosten sollte.

Am westlichen Waldrand fanden sie einen schmalen Weg, der nur einzelnen Wanderern dienen konnte. Der Waldrand lag etwas höher als die Straße, sodass sie guten Ausblick hatten. Es war auffallend still, bis sich plötzlich aus dem Wald eine wilde und laute Horte auf sie zubewegte. Mit lautem Getöse brach eine Rotte Wildschweine aus dem Wald in die freie Landschaft und hinter ihnen her eine Gruppe Wölfe, die ein junges Tier eingeholt und zu Fall gebracht hatten. Baihu, Shi Yan und auch Hong Li rutschten die Herzen in ihre Hosen. „Pssst, und keine Bewegung. Die Wölfe haben uns noch nicht bemerkt“, raunzte Baihu den beiden zu. Während die übrigen Wildschweine wie blind in Richtung Straße weiterrannten, warfen sich sechs Wölfe auf den gefallenen Überläufer und zerrten an ihm, bis die Läufe abrissen. Ein paar Quieker und ein letztes Grunzen, dann war der junge Keiler tot.

Von der Straße herauf hallten die Rufe der erschrockenen Menschen. Die Wildschweine hatten die lange Reihe der Wartenden durchbrochen und dabei sicher den einen oder anderen auch verletzt. Die Aufregung konnte Baihu leider nicht nutzen. Erst als die Wölfe das Fallwild in den Wald gezerrt hatten und man sie nicht mehr hören konnte, gab Baihu den Weg frei. Schnell überholten sie die Straßensperre in der Talsohle. Baihu fand diesen Weg am Waldrand sehr angenehm. Er wollte, so weit wie möglich, diesen Weg in Richtung LINFEN nehmen. Die Idee mit dem Badehaus in XIANFENG war vorerst vergessen.

Am späten Nachmittag waren sie schon östlich von LINFEN. Baihu nahm an, dass das Stadttor im Süden besser bewacht wurde als das im Osten von den Bergen her, und wirklich, es war nicht besetzt. Schnell mischten sie sich unter die Menschen. Ihre Pelzmützen waren weit ins Gesicht gezogen. Die Art und Weise, wie ihnen die Bewohner begegneten, zeigte deutlich, dass dringend ein Badehaus aufgesucht werden musste. Ohne sie zu fragen, wies eine ältere Frau, während sie sich die Nase zuhielt, den Weg dorthin. Der Herzrutsch am Waldrand hatte in den Hosen Wirkung gezeigt. Aber nicht bei Hong Li, der sich darüber lustig machte. „Xiaochanchu, nicht jeder hat ein so festes Herz wie du.“ Baihu sagte das als Warnung, um nicht vor Übermut in der Stadt aufzufallen.

Und Hong Li hatte es verstanden. „Was machen wir mit unserer Unterkleidung und Winterkleidung? Das stinkt doch auch alles?“ Baihu erklärte, dass jedes Badehaus auch eine Wäscherei hat. Was aus feiner Wolle ist, also Unter- und leichte Oberkleidung, wird gekocht, ausgewrungen und über dem Ofen getrocknet. „Bis du also mit dem Bad fertig bist, sind deine Wollsachen auch schon fertig. Sollte deine Unterkleidung noch nicht trocken sein, so bekommst du für deine Kleidung Ersatz aus dem Lager. Die Felle, Decken und unsere Winterkleidung werden ausgeklopft und wenn Not ist, auch ausgewaschen.“ Man erkannte, wie sehr sich Baihu auf das Bad freute. Das von einer älteren Frau empfohlene Badehaus lag gleich neben dem Osttor. Viele Badehäuser wurden neben oder sogar vor den Einfalltoren angeordnet, damit der Schmutz nicht in die Stadt getragen wurde. Auch das war eine Einrichtung, die Kaiser Kang Xi im ganzen Reich bei seiner Reorganisation durchgesetzt hatte. Da im Winter nur wenige Besucher die Stadt aus dem bergigen Osten besuchten, war dieses Badehaus auch wenig besucht. Dies kam Baihu sehr entgegen. So konnten sie sich auch etwas mehr Zeit lassen. Nachdem die Kleider und Decken in der Wäscherei abgegeben waren, ging es in den Baderaum. Nach einer kalten Dusche stiegen sie zu dritt in einen großen Bottich. Das Wasser dampfte. Alle genossen dieses Bad, während Baihu einige Mantras rezitierte und so seiner Schuldigkeit als Lehrer und derzeit höchster Mönch nachkam. Nach Rasur und ohne Schmutz im Gesicht konnten sie sich gegenseitig wieder erkennen. Sie rochen nach Vanille und Sandelholz, das waren die Badezusätze, die sich Baihu von der Bademeisterin gewünscht hatte. Mindestens zwei Stunden hatten sie sich im Badehaus aufgehalten. Draußen war es schon dunkel. Die Fackeln konnten die Straße nur wenig aufhellen. Vor einigen Häusern war es aber heller. Baihu war sich nicht sicher, ob er die beiden Novizen in ein Gasthaus führen konnte. Sie hätten sich einen guten Braten wahrlich verdient. Die Gefahr der Entdeckung war aber ungleich höher. So suchten sie sich ein Gasthaus, in dem es nicht so hoch herging. Ein Gasthaus, in dem sie auch übernachten konnten. Während sie, nahe an den Hauswänden, durch LINFEN schritten, achtete Baihu auf die Bewohner und auf offenkundige Gäste in der Stadt.

Ein berittener Trupp Soldaten konnte sich nicht unbemerkt in der Stadt aufhalten. LINFEN war nicht groß. Die Straßen und Gassen waren übersichtlich. Entweder war der Trupp noch gar nicht in LINFEN angekommen, oder die Soldaten hatten sich ein Lager vor der Stadt eingerichtet. Logischerweise würden diese aus Norden kommen. Deshalb schaute er noch vor das nördliche Tor, ob da eine Ansammlung Pferde zu sehen war. Aber auch hier war nichts zu erkennen. So zogen sie sich in ihr Gasthaus zurück. Ein Teller Suppe und ein Glas Limonade war für die Novizen wie ein Festmahl. Der Wirt kam an den Tisch und fragte, wo sie herkamen und wann sie das Haus wieder verlassen wollten. Er hatte offensichtlich Sorge, das Baihu nicht genügend Tael bei sich hatte, um die Zeche und die Übernachtung zu bezahlen. Baihu fragte den Wirt, was er ihm schuldig sei, für dieses Abendessen und für ein oder zwei Übernachtungen. Der Wirt machte eine schätzende Bewegung mit beiden Händen, als ob er den Wert seiner Leistung wiegen wollte.

„25 Kupfertael, und weil ihr Mönche seid, machen wir nur 20.“ Baihu war überrascht. „Was, das ist aber ganz schön teuer.“ Auch als Mönch musste Baihu mit Geld umgehen können. 10 Kupfertael entsprachen etwa dem Stundenlohn eines Landarbeiters. 100 Kupfertael hatten den Wert eines Silbertaels. Tael waren runde Blechtaler, die mittig ein Loch hatten und auf einer Schnur aufgezogen wurden. Ein Silbertael war aus Silber gegossen, aber etwas stärker. Er hatte ebenfalls ein Loch, um an einer Schnur getragen zu werden. Im Gegensatz zu den Kupfertael waren die Silbertael geprägt mit dem Namen und dem Angesicht des Kaisers, der den Wert der Prägung garantierte.

Ein Silbertael musste Baihu im Badehaus bezahlen, aber für drei Personen, Rasur und Kleiderwäsche. Seiner Meinung nach ungleich günstiger als dieses magere Essen. „Ihr könnt auch in der Kälte übernachten“, antwortete der Wirt schnippisch. „Also gut“, lenkte Baihu ein. „Ich habe aber nur noch einen Silbertael. Da bekomme ich noch 80 Kupfertael zurück. Sind wir uns einig?“ Der Wirt nickte mürrisch. „Wenn du gleich bezahlst.“ Baihu holte einen einzelnen Silbertael aus der Hosentasche, während der Wirt von seinem Bündel 20 Kupfertael abzählte. Baihu gab die Lederschnur an Hong Li weiter, der die übrigen Kupfertael nachzählte. „Es stimmt. 80 hängen noch.“

Sie tranken aus und gingen in den Schlafsaal in das Obergeschoss. Es gab vier Schlafsäle, in denen je sechs Bettkojen standen. In einem lag schon ein Gast, der laut schnarchte. Sie suchten sich einen leeren Raum und verstellten die Türe von innen. Der Wirt sollte das aber nicht merken. In dieser Nacht kam Baihu nicht zur Ruhe. Das ging alles zu rund. Gut, keiner wusste, dass Hong Li, der Sohn des Kaisers, in FA MEN SI untergebracht war. Er hätte auch in DENGFENG, im Shaolin-Kloster sein können oder auch näher an PEKING. Die Rebellen wussten, dass der Sohn des neuen Kaisers zur Inthronisierung anwesend sein musste. Von wo würde er anreisen? Wahrscheinlich aber nicht mitten durch das Gebiet, in dem die größten Unruhen waren. Dieser Gedanke beruhigte Baihu und half beim Einschlafen.

Es war schon hell, als heftige Faustschläge gegen die Eingangstüre prallten. „Aufwachen und aufmachen, aber sofort!“ Baihu sprang aus dem Bett und weckte die Burschen. „Schnell, das gilt vielleicht uns.“ Sie machten die Türe frei und spitzten durch das Geländer hinunter in den Gastraum. Der Wirt knurrte: „Komm schon, wer hat es da so eilig?“ Das Schloss sprang auf, und drei Männer drückten sich in den Gastraum. „Wir haben noch nicht auf. Was also kann ich für Euch tun?“ Der Wirt sah die drei Männer an. Sie waren gekleidet wie Kaufleute. „Wir suchen einen Freund, der mit seinem Jungen unterwegs ist. Wer übernachtet in Eurem Haus? Habt Ihr sie gesehen?“ „Nein, es ist nur ein einzelner Händler aus TAIYUAN gekommen und drei arme Mönche. Sonst ist keiner im Haus.“ „Sind das ältere Mönche?“, hakte der scheinbare Anführer nach. „Ein älterer und zwei jüngere“, antwortete der Wirt wahrheitsgetreu.

„Wie ist der Name des älteren?“ Baihu hörte von der Veranda aus mit. Es war Zeit einzuschreiten. „Wer will meinen Namen wissen? Sollte sich der nicht erst bei mir vorstellen?“ Die drei Männer schauten erschrocken nach oben. „Bist du es, Baihu? Mein Freund und Mitstreiter bei den Shaolin? Wir suchen dich. Gib dich zu erkennen.“ Baihu trat aus dem Schatten. Unten stand Shi Xin, der mit ihm in DENGFENG bei Meister Shi Yong als Shaolin-Mönch ausgebildet worden war. „Shi Xin, mein Freund, was machst du in dieser Händlerkleidung in LINFEN?“ Baihu ging langsam die Treppe hinunter, während die Novizen die Türe zu ihrem Schlafraum wieder verstellten.

„Wir suchen dich und einen Jungen, der nun 13 Jahre alt sein muss.“ „Was wollt ihr von uns, und was wollt ihr von dem Jungen?“, fragte Baihu vorsichtig. Es konnte immer noch eine Falle sein. „Seine Mutter möchte ihn bei sich haben.“ „Und wie kommt seine Mutter zu einem Shaolin, wie dir?“, fragte Baihu nachdrücklich. „Nach dem Kloster bin ich in die kaiserliche Garde eingetreten. Ich gehöre nun zur Leibgarde der Mutter. Den Knaben habe ich persönlich das Schwimmen gelehrt und auch das Reiten. Wo ist er?“ Hong Li hatte das Gespräch durch die Türe hindurch angehört. Ja, es war Shi Xin. Hong Li stürzte die Treppe hinunter, direkt in die Arme von Shi Xin. Die Freude über das Wiedersehen war sehr groß. Shi Xin hatte Hong Li auch nach FA MEN SI gebracht. So lange hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Die Anspannung in Baihus Gesicht ließ sichtbar nach. „Mein Freund Shi Xin, wir haben einen berittenen Trupp erwartet.“ „Ja, wir drei, übrigens alle Shaolin, sind vorausgeritten. Der Trupp wartet einige Kilometer nördlich. Wir wollten kein Aufsehen in der kleinen Stadt verursachen.“ Shi Xin fragte den Wirt, ob die Gruppe ihm noch etwas schuldig war. Der Wirt schüttelte den Kopf. Er konnte dieses Treffen nicht einordnen, und dass sich Hong Li nicht zu erkennen gab, war sehr klug von ihm. Inzwischen war es hell geworden. Ein leichter Schneefall hatte eingesetzt. Etwas später als Baihu vermutet hatte, veränderte sich die Wetterlage.

Viele Bürger wollten sich am Markt noch mit dem Nötigsten versorgen, bevor der Schneesturm richtig loslegte. Die Reisegruppe schob sich durch die Menge. Sie wollten zum nördlichen Stadttor. Die Pferde waren dort abgestellt. Sie drückten sich um eine Hausecke, als Hong Li mit einer Person zusammenstieß. Beide stürzten zu Boden. Es war ein Mädchen, das Hong Li umgestoßen hat. „Kannst du nicht aufpassen, du Trottel?“ Hong Li war noch benommen, als er aufstand, und stürzte ein zweites Mal auf das Mädchen. Dabei kamen sich ihre Gesichter für einen kurzen Moment sehr nahe. Ihre Wangen berührten sich.

Dieser Geruch. Er war so frisch, so blumig, so vertraut. Woher nur kannte Hong Li diesen Geruch? Das Mädchen rollte sich empört zur Seite und gab Hong Li eine klatschende Ohrfeige. Da trafen sich ihre Blicke. Sie kannten sich. Nur woher? Bevor die Menge Anteil an diesem Geschehen nahm, half Baihu Hong Li auf die Beine und schob ihn weiter in Richtung Nordtor. Shi Xin lachte: „Das wird hoffentlich nicht die letzte Backpfeife sein, die du von einem Mädchen bekommst.“ Dem Mädchen half keiner auf die Beine. Sie saß noch immer im Schnee, eingehüllt in einem weißen Schneehasenfell, die Kapuze schräg über ihrem Gesicht. In ihrem geflochtenen Haar konnte man rote Blüten erkennen.

Das war ihr Kennzeichen. Xiao Chun, die Tochter des Präfekten Fuca, schmückte sich nicht mit Silber und Perlen. Im Sommer schmückte sie sich nur mit Blumen und im Winter mit Seidenblumen. Woher nur kannte sie diesen ungehobelten Mönch? Zu Hause angekommen berichtete sie ihrem Vater von diesem Missgeschick und von diesem Tölpel, der aussah wie, ja, er könnte es gewesen sein, wie Hong Li. Ihrem Vater stieß dieser Name mitten ins Herz. Xiao Chun konnte nicht ahnen, dass sie mit diesem Namen eine Kriegsmaschinerie anstieß.

Davon wusste Baihu nichts. Sie holten ihre Pferde. Da Shi Xin nur mit Baihu und Hong Li gerechnet hatte, mussten Hong Li und Shi Yan auf einem Pferd reiten. Shi Yan konnte noch nicht reiten. Er konnte sich aber am Sattel gut festhalten. Fünf Kilometer weiter trafen sie auf den Trupp Soldaten, eine Eskadron mit 50 Reitern, die sich schon für den Abzug bereit machten. Baihu war froh, dass ihm die Verantwortung nun zumindest teilweise abgenommen wurde. Der Kommandeur der Eskadron ließ Shi Xin und Baihu antreten: „Wir müssen annehmen, dass unser Trupp in der Provinz SHANXI nicht unbemerkt blieb. Und der Sinn dieses Ausfluges wird dem Bruder des Kaisers Yun Reng bekannt sein. Er selbst sollte bei der Inthronisierung anwesend sein, wenn er seine Rechte vertreten wollte, genauso auch Hong Li.“

„Yun Reng musste alles unternehmen, um Hong Li abzufangen. Deshalb werden wir nach Nordosten, über den direkten Weg nach PEKING zurückreiten, während ihr sechs einen kleinen Umweg nach Osten macht, über CHANGZHI.“ Baihu war das gar nicht recht. Aber er hatte eingesehen, dass der Rebell Yun Reng annehmen muss, dass Hong Li mit dem Trupp nach PEKING reitet. Und wenn er angreifen sollte, dann wird das zwischen LINFEN und TAIYUAN sein. „Hong Li wird in einer kleinen Gruppe sicherer reisen und über Umwege unauffälliger nach PEKING kommen.“

In LINFEN sammelte der Präfekt Fuca, wie mit Yun Reng, seinem Vorgesetzten abgesprochen, alle Soldaten ein, die er für die Straßensperren eingesetzt hatte, um dann Richtung Norden zu reiten. Aus TAIYUAN setzte sich der Trupp der Schergen unter Yun Reng in Richtung LINFEN in Bewegung. Was der Präfekt Lirong Fuca aber nicht wusste und was er deshalb bitter bereuen sollte, war, dass Yun Reng auf halbem Weg den Soldatentrupp überfallen und dabei Hong Li entführen wollte. Sollte Hong Li dabei ums Leben kommen, tat das seinem Onkel zwar sehr leid, aber dann war es halt um Hong Li geschehen. Ein Unfall sozusagen. Deshalb musste dieser Angriff unbedingt nach einem Überfall von unbekannten Schergen aussehen, denn offiziell musste sich der ehemalige Prinz und Bruder des neuen Kaisers dem Kaiserhaus gegenüber loyal verhalten. Und er war ja offiziell selbst auf dem Weg nach Peking.

Der Trupp der Gardesoldaten teilte sich also. Die vier Shaolin-Mönche mit Hong Li und Shi Yan machten sich gleich auf den Weg nach Osten. Und die 50 berittenen Soldaten setzten sich in Richtung Norden in Bewegung. Schneefall und Wind nahmen zu. Baihu ahnte nicht, dass der Weg nach CHANGZHI über zwei Pässe führte, sonst hätte er vielleicht doch den anderen Weg gewählt.

1.04 Der Umweg über CHANGZHI

LINFEN, 23. Dezember 1722

Die Reiter lösten sich ab. Shi Yan ritt mal bei Hong Li, mal bei Baihu und auch bei Shi Xin. Die Pferde wurden so geschont. Bald würde man aber die Pferde führen müssen. Der Schneefall wurde immer dichter und das Licht immer düsterer. Bis zum Ende des Tages waren sie nur schlecht vorangekommen. Schneewehen deckten die Straße zu. Sie mussten sich den eigenen Weg durch den hohen Neuschnee drücken. Man konnte kaum seine Hand vor den Augen sehen. Nach großer Anstrengung ließ der Schneefall am Abend etwas nach, und auch der Sturm schien einzuschlafen.

Der Himmel riss auf und einige Sterne erhellten die Schneelandschaft. Vor ihnen hoben sich die Berge ab, die sie noch überwinden mussten. „Lasst uns die Wetterberuhigung nutzen und noch ein oder zwei Stunden reiten.“ Während sie größtenteils die Pferde im Schneesturm führen mussten, konnten sie jetzt wieder aufsitzen. Die Novizen waren zwar müde, aber noch guter Dinge. Baihu staunte, welche Energiereserven junge Menschen haben. Er wusste, dass dies aus einer inneren Zuversicht kommt, aus einer generell positiven Einstellung heraus, die Kinder halt so haben.

Auch er begegnete jedem neuen Tag mit großer Zuversicht. Bei dem Blick auf die Berge schwand diese aber spürbar. Die Berge, die noch recht weit schienen, kamen schnell näher. Man konnte am Einschnitt in der Silhouette der Berge erkennen, wo sich der Pass befand. Shi Xin und Baihu sprachen sich ab, ob man den Pass noch nehmen und die Gunst des Wetters nutzen sollte. Die Abstimmung war eindeutig. Es ging mehrere Kehren steil hoch und gerade durch ein enges Kar fast quer durch den Fels und danach immer höher bis zur Passhöhe auf der Rückseite des Berges. Ein weites kesselförmiges Hochtal öffnete sich. Man konnte den Weg erkennen, scheinbar war in diesem Kessel der Sturm nicht so ausgeprägt. In der Mitte der Mulde, etwa 5 km weiter, konnte man eine Ansammlung von mehreren Hütten erkennen. „Schaffen wir das noch?“ Alle nickten. In keiner der Hütten brannte Licht, und aus keinem Schornstein stieg Rauch auf. Scheinbar wurden diese Hütten nur im Sommer genutzt, von Hirten, die ihre Tiere auf die Sommerweide brachten. Bis sie zu den ersten Häusern kamen, setzte wieder Schneefall ein, und die Silhouette der Berge verschwand erneut hinter dem Schneegestöber. Die vier Shaolin suchten alle Hütten ab. Sie waren leer. In einer fanden sie eine Kochstelle und im Lager sogar etwas Reis und Reste von Yak-Schinken. Es war wohl kurz vor Mitternacht, aber keiner dachte ans Schlafengehen. Zu gut waren der Schinken und der Reis, und der Tee wärmte die ausgefrorenen Körper und weckte die Geister; so langsam erwärmte sich auch die Hütte. Die zwei Novizen hörten gespannt auf das, was die alten Shaolin-Haudegen erzählten. Manchmal wollten sie die Geschichten nicht recht glauben, und Baihu bestätigte das mit einem Augenzwinkern.

Bald verlangte die Anstrengung der Reise und des Aufstiegs ihren Tribut, und einer nach dem anderen sank in einen wohltuenden Schlaf. Das Klappern der Fensterläden löste sich ab mit dem Pfeifen der Windböen und ergab, wenn man lange genug hinhörte, eine einschläfernde Melodie. Am Morgen blitzten die Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Hütte, die sicher zur Nachtmelodie beigetragen hatten. Die Tür war vollkommen eingeschneit und musste von innen freigeschaufelt werden. Es musste wohl ein bis zwei Meter geschneit haben. Baihu war froh, dass sie den gestrigen Anstieg noch gemacht hatten. Das wäre heute nicht möglich gewesen. Der Talkessel glänzte im Sonnenschein. Die Berge um ihn herum hoben sich deutlich ab, vom Schnee und vom blauen Himmel.

Das Frühstück war, gegenüber den letzten Tagen, fast fürstlich. Baihu war gut genährt und hatte wieder Zuversicht. „Wenn der zweite Pass ähnlich ist wie der erste, dann könnten wir heute noch in CHANGZHI ankommen.“ Und er dachte kurz, was wäre wohl geschehen, wenn sie mit dem großen Trupp gegangen wären?

1.05 Der Kampf vor TAIYUAN

ZHANGLANZHEN, 26. Dezember 1722

Der Kommandeur und die Eskadron von mindestens 50 Reitern kamen gut voran. In Zweierreihe stampften die ersten Tiere den Neuschnee ein, und die nachfolgenden Tiere hatten es leichter. Zeitweise wechselten sich die Reihen ab, sodass jedes Pferd, nach einer Zeit der Anstrengung, im Nachzug sich wieder erholen konnte. Der Kommandeur hatte die Aufregung in LINFEN noch mitbekommen und ahnte, dass sie irgendwann zwischen die Fronten der Schergen des Präfekten aus dem Süden und des Verwalters der Provinz SHANXI aus dem Norden kommen würden, der ja seinen Sitz in TAIYUAN hatte. Aber der Kommandeur gehörte zur Elitetruppe des Kaisers und hatte die Kriegsführung auf dem Schachbrett gelernt. Schon auf dem Herweg hatte er sich darüber Gedanken gemacht, wo er mit einem Überfall rechnen musste und wie er ihn abwehren konnte. Seine Mannschaft bestand aus den Besten der kaiserlichen Leibgarde. Auf jeden konnte er sich verlassen. Zwischen LINFEN und TAIYUAN verlief die gesamte Strecke entlang des Flusses FENHE. Nach etwa zwei Drittel der Strecke, auf der Höhe von ZHANGLANZHEN, hatte dieser Fluss, auf einer Länge von zehn Kilometern, eine Überbreite, die nicht zugefroren war.

Der Kommandeur hatte sich bei dem Anritt schon überlegt, was wohl wäre, wenn ein Trupp von Norden auf der Straße hier vorbeikam und der Gegner sich auf der anderen Flussseite aufhielt. Entweder ritten sie unbemerkt aneinander vorbei, was die Flucht nach vorn ermöglichte. Wenn diese List aber bemerkt würde, dann müsste der Straßentrupp kehrtmachen. Die Schergen müssten dann entlang des Flusses wieder zurückreiten, und zwar bis dahin, wo er wieder zugefroren war und das Eis Ross und Reiter tragen konnte. Natürlich würde der Trupp auf der Straße schneller vorankommen. Es wäre also wichtig, dass sie möglichst unbemerkt und weit kommen würden. Aber egal wie, sie konnten dann nicht in die Zange genommen werden.

Der Kommandeur trieb seine Soldaten an. Sie durften von den Gegnern aus LINFEN nicht eingeholt werden. Und das Treffen mit der nördlichen Truppe musste im Bereich des offenen Flusses sein. Es kam auf den genauen Zeitpunkt an. Natürlich war der Kommandeur auch in der Philosophie QIMEN DUNJIA ausgebildet. Eine zeitstrategische Wissenschaft, wo es darum ging, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Es musste passen. Und sie kamen rechtzeitig bis ZHANGLANZHEN. Die Schergen aus LINFEN hatten sie noch nicht eingeholt, und die Schergen aus TAIYUAN waren offenkundig noch vor ihnen.

Der Kommandeur verließ mit seiner Truppe die Straße nach Westen, überquerte den gefrorenen Fluss und setzte seinen Weg entlang des Flusses wieder fort. Nachzügler verstrichen die auffälligen Spuren im Schnee mit großen Zweigen. Zwei Soldaten sollten westlich des Flusses Wache halten. Wenn die Schergen aus LINFEN ankamen, war es wichtig, dass sie die Spuren nicht erkannten. Sie sollten dann möglichst schnell nachrücken und Bericht erstatten. Genauso hielt er es in Richtung Norden. Zwei Soldaten sollten möglichst rasch nach voraus reiten und die östliche Seite auskundschaften. Wenn die Schergen zu erkennen waren, dann sollten auch sie, so schnell wie möglich, Bericht erstatten. Natürlich, ohne dass sie vom Feind erkannt wurden. Zwischen der Straße und auf beiden Seiten des Flusses FENHE waren viele Buschreihen und Schilfschläge, sodass gute und auch ausreichende Deckung war.

Der Kommandeur hoffte auf den Schneefall, der jetzt wieder stärker wurde, und es wurde schnell dunkel. Seine Truppe musste sich ohne Beleuchtung durch den tiefen Schnee graben. Die Pferde an der Leine und hintereinander. Der Schneefall durfte aber auch gerne zu einem Schneesturm werden, bei dem gar nichts mehr zu sehen und auch nichts mehr zu hören war. Da erkannten die zwei südlichen Posten den Schein vieler Fackeln. Vereinzelt hörte man Pferdehufe schlagen und einige Rufe. 25 Pferde konnten sie zählen, und sie trabten an der Stelle vorbei, wo die Soldaten des Kaisers die Straße verlassen hatten. Diese List war also geglückt. Sie folgten dem Kommandeur, um Bericht zu geben.

Die zwei nördlichen Kundschafter beobachteten angestrengt die gegenüberliegende Seite des Flusses. Schnee und zunehmender Sturm machten ihnen zu schaffen. Sie beschlossen auf den zugefrorenen Rand des Flusses zu wechseln, um näher an der Straße zu sein. Da hörten sie Stimmen auf ihrer Seite. Bald sahen sie eine Fackel, die zwei Reiter anleuchtete. Sie stellten die Pferde ab und drückten sich durch das Buschwerk zwischen ihnen und den Reitern. Eindeutig, die Uniformen trugen die Farben der Provinz SHANXI mit einem gelb umrandeten Banner auf der Pferdedecke. Damit hatten sie nicht gerechnet. Offensichtlich hatte der Bruder des Königs, Yun Reng, die Möglichkeit einer List mit in Betracht gezogen. Im offenen Kampf konnten die zwei Kundschafter nichts ausmachen. Sie beschlossen zu Pferd den beiden zu folgen. Bald erkannten die Schergen aber ihre Spuren, die die zwei in den Schnee geprägt hatten, bevor sie auf das Eis gewechselt waren.

Bevor die Schergen die Fackel ausmachen konnten, preschte einer der Kundschafter mit vollem Galopp auf die zwei überraschten Schergen zu, nahm den Bogen und schoss zwei Pfeile ab. Einer traf den Schergen, der Tod vom Pferd stürzte. Der andere Pfeil traf das Pferd des zweiten Reiters. Das Pferd stürzte und begrub den Reiter unter sich. Da kam auch schon der eigene Trupp entgegen und half den Kundschaftern den noch lebenden Schergen zu fesseln und zu knebeln, sodass er keinen Warnschrei abgeben konnte. Der Kommandeur ließ die Fackel sofort wieder anbrennen. Der Fackelträger achtete darauf, dass der Schein die Soldaten nicht verraten konnte.

„Irgendwo da drüben sind sie. Wahrscheinlich sollte diese Vorhut durch Winken der Fackeln warnen, wenn auf dieser Seite etwas Auffälliges zu erkennen war. Yun Reng ist ein schlauer Fuchs“, raunzte der Kommandeur. Vorsichtig ließen die Reiter den Fackelträger an sich vorbei, ohne sie zu verraten. Er sollte die Rolle der zwei feindlichen Kundschafter übernehmen und dem Gegenüber vortäuschen, dass auf dieser Seite alles in Ordnung war.

Die zwei Posten aus dem Süden kamen angeprescht und gaben Bericht. Alles überschlug sich nun. Sie sahen die Fackeln des Trupps, der auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses entgegenkam. Von Süden her kam ebenfalls ein Trupp im Fackelschein. Der nördliche Trupp meinte wohl, dass dies die Soldaten des Kaisers sein mussten. Sie löschten die Fackeln und versteckten sich hinter den Büschen, links und rechts neben der Straße. Die südliche Truppe ritt in diese Falle und wurde von den eigenen Leuten beschossen. Nach kurzem Kriegsgeschrei verstummten die Schergen. Offenbar hatten sie erkannt, dass sie sich selbst bekämpft und nun geschwächt hatten. Der Schergenführer Yun Reng brüllte einen Fluch in Richtung Westseite des Flusses, auf dem sich aber nichts rührte. Nur der Fackelläufer war zu erkennen. Viel Aufregung gab es auf der Straßenseite. Verletzte mussten versorgt werden. Eine neue Strategie musste überdacht werden. Bis der Anführer die Situation richtig einschätzen konnte, verging wertvolle Zeit. Zeit für des Kaisers Truppe, die vorerst noch unerkannt nach Norden abzog.

Die zwei gegnerischen Kundschafter waren in Zweierreihe am Fluss entlanggeritten und hatten so den Weg für die Eskadron im hohen Schnee geebnet. Hintereinander konnten sie nun im vollen Galopp nach Norden reiten. Der Kommandeur des Kaisers gab sich jetzt den Schergen zu erkennen. Im Galopp ließ er die Reiter nach Norden preschen. Als Yun Reng dies erkannte, befahl er mit lautem Geschrei: „Neuordnung, Ausrichtung, Rückmarsch in Zweierreihe und im vollen Galopp.“ Der Kommandeur hatte ungefähr fünfzig Reiter aus Norden gezählt. Vom Bericht her kannte er die Anzahl von 25 Reitern aus Süden. Wie viele im Kampf gefallen waren, das konnte er nur ahnen. Beide gegnerische Truppen galoppierten nun in Richtung Norden. Die Soldaten des Kaisers am westlichen Ufer und die Schergen am östlichen Ufer. Dazwischen lag der zum Teil gefrorene Fluss FENHE. Beide Gegner wussten, dass der Fluss über kurz oder lang wieder gefroren sein musste. Dies war der vorbestimmte Kampfplatz. Kurz nach NAN HUCUN war es dann so weit. Fast gleichzeitig kamen sie links und rechts des Flusses an.

Der Kommandeur hatte seinen Trupp angewiesen auf dem festen Untergrund zu bleiben, während die Schergen ungeordnet den gefrorenen Fluss überquerten. Dies war der Vorteil, auf den der Kommandeur hoffte. Einige Pferde rutschten auf dem Eis aus. Das Eis brach, und der Fluss verschlang Reiter samt Ross. Die verunsicherten Schergen konnten ihre Bogen nicht spannen und ritten in den Pfeilhagel der Soldaten, die inzwischen abgesessen waren und mit festem Stand ihre Bögen immer wieder aufziehen konnten.

Der Kommandeur schätzte fünf Reiter, die bei der ersten Begegnung vom eigenen Lager kampfunfähig gemacht wurden, zehn Reiter, die im Fluss umkamen, oder die durch Sturz auf dem Eis kampfunfähig wurden, mindestens zwanzig Reiter, die im Pfeilhagel vom Pferd stürzten. Der Rest wurde in geordneter Formation erwartet und vernichtend geschlagen. Sein Plan war aufgegangen. Der Anführer der Schergen hatte sich von seiner List verleiten lassen und war mit Wut und ohne Vorsichtsmaßnahmen über den Fluss in sein eigenes Unglück geritten.

Die Soldaten fesselten die restlichen Schergen, versorgten die Verletzten und sammelten die Pferde ein. Nach Aufnahme der gefallenen und noch lebenden Schergen wurde Bilanz gezogen. Fünf Schergen kamen zu Tode bei der ersten Begegnung. Fünf Schergen ertranken im Fluss, fünfzehn Schergen starben im Pfeilhagel oder im Zweikampf. Mindestens fünf Schergen wurden vermisst und waren wohl unter das Eis gekommen. Fünfundzwanzig Schergen waren schwer verletzt und kampfunfähig. Nur zwanzig Schergen saßen unverletzt, aber gefesselt und geknebelt am Ufer. Die eigenen Verluste: keine, bis auf ein paar kleinere Verletzungen durch gegnerische Pfeile und Zweikämpfe. Der Kommandeur befragte die Gefangen, wer die Anführer seien und was das Ziel des Überfalls war.

Er hielt nicht viel von Folter, aber seine Order war klar: Gefangennahme der Rebellenanführer. Unter Todesandrohung und Folter verriet ein Scherge den Präfekten von LINFEN Lirong Bao Fuca, und dieser wiederum verriet Yun Reng, den älteren Bruder des neuen Kaisers, der verkleidet als einfacher Scherge mit dem Pferd auf dem Eis ausgerutscht, im Sturz unter das Pferd gekommen war und sich dabei den Oberschenkel gebrochen hatte. Yun Reng versicherte, dass er mit dem Überfall nichts zu tun hatte, im Gegenteil, er wollte Hong Li zu Hilfe eilen, als er erfuhr, dass die Schergen aus LINFEN gegen die Soldaten anrückten. Der Kommandeur ließ die verletzten und unverletzten Gegner, meist Bauern, die im Winter ihr Auskommen suchten, laufen. Nur die zwei Anführer Lirong Bao Fuca und Yun Reng wurden als Gefangene mitgenommen. Die restliche Reise nach Peking verlief ohne weitere Vorkommnisse, außer, dass Yun Reng versucht hatte, einen Bewacher zu bestechen.

Von dem Handstreich des Kommandeurs wusste die kleine Gruppe nichts. Der Schneesturm war vorüber, und der Weg über den Pass problemlos. Die Pferde mussten sich zwar durch den Neuschnee plagen, je mehr sie sich aber dem See ZHONGDAO näherten, umso weniger hatte es geschneit. Den See ließen sie im Süden liegen, um so schnell wie möglich, bei LICHENG, über die Provinzgrenze von SHANXI nach HEBEI zu kommen. HEBEI war dem Kaiser wohl gesonnen. Hier bestand keine Gefahr eines Überfalls.

Entsprechend schnell kamen sie voran. Inzwischen konnte sich Shi Yan auch selbst auf einem Pferd halten, das Pony, das sie in SHE, gleich nach der Grenze, gekauft hatten, war zahm. In BAODING wartete die Eskadron Soldaten auf sie. Die Überraschung war groß, als Hong Li seinen Onkel Yun Reng in Ketten sah, und noch unverständlicher war die Gefangennahme von Xiao Xians Vater. Er hatte den Präfekten immer als treuen Freund der Familie eingeschätzt. Zwei Tagesritte weiter kamen sie an die südwestliche Grenze Pekings. In Zweierreihe überquerten sie den Fluss YONGDING. Die Hufe der Pferde klapperten auf den Planken der zweispurigen Holzbrücke, die vom Schnee befreit war. Der Fluss war gefroren, und viele Menschen überquerten ihn auf dem Eis. In der Ferne war die ca. 5 m hohe Holzbalustrade und damit der Umriss der Stadt zu erkennen. In der Verlängerung der Brücke erkannte man ein großes Stadttor mit zwei seitlichen Türmen, das südwestliche Tor. Die zwei gewaltigen Holztore standen offen. Die Palastanlage lag wie eine Spinne mitten in der Stadt, und die Straßen darum herum bildeten das Netz. Der Innenbereich war für Normalsterbliche gesperrt. Die Verbotene Stadt. Die Eskadron ritt stolz durch das Tor. Händler und Bauern hielten an, um dem Trupp Vortritt zu lassen.

1.06 Die Verbotene Stadt

PEKING, Januar 1723

Mehr als sieben Kilometer musste die Truppe noch durch Häuserzeilen, Alleen und Parks reiten, bis man über die ZHENGYANG-Brücke nach Norden abbog und das Große Stadttor ZHENGYANGMEN erreichte, das den inneren Kern der alten Stadt abschloss. Hinter diesem imposanten und wehrhaften Bauwerk konnte man schon die Verbotene Stadt erkennen, mit ihren mehr als 10 m hohen Mauern, die man aber erst nach weiteren 3000 m erreichte. Je näher der Trupp an das Zentrum kam, umso mehr Menschen versammelten sich am Straßenrand, um den Trupp zu begrüßen und zu feiern. Dass dies hauptsächlich ihm, Hong Li, galt, kam dem Jungen nicht in den Sinn.

Die vier Shaolin-Mönche ritten voraus, dann folgten Hong Li und Shi Yan, der sich immer sicherer im Sattel fühlte. Darauf folgte der Kommandeur und zwischen je zwei Reihen Soldaten die Gefangenen Yun Reng und Lirong Bao Fuca, die Ketten deutlich sichtbar. Den Schluss bildete ein Tross mit zehn Doppelreihen Soldaten. Die Hauptstraße war frei von Schnee. Nur die Seitenstraßen waren verschneit. Für die Bewohner von Peking war dies ein Aufzug, der nicht alle Tage zu sehen war. Shi Yan fühlte sich gut ein Mitglied dieses Aufzuges zu sein. Langsam erkannte er die Bedeutung und die Stellung seines Freundes Hong Li. Zwar hatten die drei Jahre im Kloster FA MEN SI einen anderen Menschen aus Hong Li gemacht, er war bescheidener und mitfühlender geworden, den Menschen näher und ja, auch erwachsener.

Vor dem Haupttor zur Verbotenen Stadt, dem Mittagstor WUMEN, hielt der Trupp. Die Soldaten saßen ab. Nur die Gefangenen mussten sitzen bleiben. Die großen Tore des mittleren Durchgangs wurden geöffnet. Hintereinander führten die Soldaten die Pferde durch einen Tunnel. Dann folgten die Gefangenen und der Kommandeur, die zwei Novizen und zum Schluss die vier Shaolin-Mönche.

Shi Yan war beeindruckt von der Größe und von der Tiefe des Mittagstores, und noch mehr beeindruckt war er von dem riesigen Hof, der hinter dem Tor lag. Soldaten, die sich schon im Inneren aufhielten, alles ausgesuchte Mitglieder der kaiserlichen Garde und des Wachpersonals, übernahmen die Pferde der Shaolin und der Novizen. Der Kommandeur rief ein paar kurze Befehle, worauf die Gefangenen recht grob von den Pferden gezogen wurden.

Quer durch den Hof verlief mit weitem Schwung ein künstlicher Flusslauf. Über diesen Fluss führten 7 Brücken. Hong Li nahm Shi Yan an die Hand und erklärte: „Dieser Fluss heißt äußerer Goldwasserfluss. Die mittlere Brücke darf nur der Kaiser überschreiten.“ Sie hob sich von den anderen ab durch gewundene Drachenfiguren. „Links und rechts von der Kaiserbrücke sind zwei Prinzenbrücken. Wiederum rechts davon ist die Brücke für die Beamten, und links dürfen nur Kommandeure und Generäle den Fluss überqueren. Die letzten zwei äußeren Brücken sind für die Besucher des Kaisers.“ Hong Li zog an Shi Yan. „Wir gehen über die Prinzenbrücke, und als mein Freund darfst du mit mir gehen.“

Die Soldaten führten die Pferde gleich nach links, durch ein Tor, hinter dem sich wohl die Stallungen und Unterkünfte der Soldaten befanden. Mit etwas Abstand hinter Hong Li folgten die Shaolin links neben der Prinzenbrücke, und ganz außen überquerten die Gefangenen und ihre Wächter die Brücke.

Zuletzt folgte der Kommandeur. Der Onkel von Hong Li, der Gefangene Yun Reng, beschwerte sich lauthals, weil er nicht über die Prinzenbrücke gehen durfte, wo er hier doch der einzige wahre Prinz sei, und Hong Li war offiziell noch nicht zum Prinzen ernannt und würde hierdurch die Zeremonie der Goldwasser-Brücke mit den Füßen treten. Der Kommandeur trieb ihn an, sodass er stolperte und fast hinfiel.

Nach der Brücke gingen alle auf das Tor der Höchsten Harmonie TAI HE MEN zu. Mittig war eine breite Rampe, über die nur der Kaiser in seiner Sänfte getragen werden durfte. Links und rechts davon waren breite Treppenstufen für alle anderen angeordnet.

Der Übergang vom öffentlichen Hof zum Inneren Hof ging durch dieses Torgebäude, das sich quer und von der Größe her sehr beeindruckend, um nicht zu sagen einschüchternd, dem Besucher in den Weg stellte. Dieser Übergang wurde außerdem noch bewacht von zwei riesigen bronzenen Löwen, die links und rechts neben den Treppen standen.

Hong Li hatte Shi Yan noch immer an der Hand. Er spürte seine Angst und auch wie eingeschüchtert er war. Doch was sich nun auf tat, das verschlug Shi Yan den Atem. Der Innenhof, in den sie nun kamen, der war so groß, dass mindestens 100 000 Menschen darauf Platz finden konnten. Das überstieg alles, was Shi Yan je gesehen hatte. Und die Halle, auf die sie nun zugingen, die Halle der Höchsten Harmonie TAI HE DIAN, war noch viel, viel größer als das Torhaus davor.

Alle Mitglieder dieser kleinen Gruppe schritten über den Platz. Obgleich Hong Li am liebsten rennen und Shi Yan am liebsten davonrennen wollte. Nur die Gefangenen wurden von ihren Bewachern mit Fleiß aus dem Schritt gebracht, um anzuzeigen, in welch einer Lage sie waren, nämlich angekettet.

Je näher sie kamen, umso größer wurde die Anspannung von allen Personen. Außer Yun Reng, der sich lauthals darüber beschwerte, welches Unrecht ihm angetan wurde. Sein Mitgefangener, der Präfekt von LINFEN Fuca, schien sich dagegen mit seinem Schicksal abgefunden zu haben. Die Halle der Höchsten Harmonie war auf drei überdimensionalen Sockelstufen aufgebaut. Auf der obersten Stufe war die Halle mit 12 Säulen in der Länge und jeweils sechs Säulen in der Tiefe, also auf insgesamt 72 Säulen aufgestellt. Die äußeren Säulenreihen waren mit weißem und gelbem Trauerflor verschlossen. Dahinter war der Kaiser Kang Xi aufgebahrt, bis er nach ZUNHUA in der Provinz HEBEI, östlich von PEKING, zu den Qing-Gräbern überführt und dort beigesetzt werden sollte.

Hong Li erklärte Shi Yan, dass dort auch der Platz war, an dem er von einem Bären angegriffen worden war. Es war das Lieblingsjagdgebiet von Kaisers Kang Xi, und er soll den Platz seiner Grabstätte so ausgesucht haben, indem er einen Pfeil in die Luft schoss und erklärte, dass dort, wo der Pfeil die Erde berührt, er begraben sein möchte. Seitdem wurde an seinem Grabmal gebaut, und inzwischen war es auch fertiggestellt.

Erst nach der Bestattung von Kaiser Kang Xi konnte die Zeremonie der Inthronisierung des neuen Kaisers erfolgen. Kang Xi selbst hatte Hong Lis Vater als seinen Nachfolger bestimmt. Insofern waren die Machtverhältnisse noch vor seinem Tod geklärt worden. Nur der Bruder von Hong Lis Vater, Yun Reng, wollte sich der Entscheidung des alten Kaisers nicht beugen und rebellierte dagegen. Sein eigener Vater, der verstorbene Kaiser Kang Xi, hatte ihn enterbt, weil er ungehorsam gegenüber seinem Vater war.

Sie kamen an die erste Stufe. Mittig vor der Halle überwand eine große Rampe die enorme Höhe. Jetzt erst konnte Shi Yan erkennen, dass die Rampe drei große Steinplatten waren, auf denen jeweils neun Drachen sehr plastisch eingemeißelt waren. Links und rechts konnten die Träger die Sänfte über kleine Stufen tragen. Die Sänfte selbst flog über die Drachen. Links und rechts neben der Rampe waren wieder zwei breite Treppenanlagen, über die die Gruppe nach oben kam. Je höher sie kamen, umso deutlicher konnte man den neuen Kaiser, Hong Lis Vater Yong Zheng, auf einem Thron sitzen sehen. Daneben saß seine Hauptfrau, die neue Kaiserin Xiao Sheng Xian, Hong Lis Mutter. Rechts daneben, auf der obersten Stufe drängten sich Beamten und sonstige Würdenträger. Eine Stufe darunter saßen die Nebenfrauen und Eunuchen. Auf der gegenüberliegenden Seite standen oben die Generäle und Kommandeure und darunter Soldaten der kaiserlichen Garde.

Der Shaolin-Mönch Shi Xi trat als Erster vor den Kaiser. Er kniete nieder und berührte neunmal hintereinander mit der Stirn den Boden. Es war eine Ehrerweisung dem Kaiser gegenüber und ein Zeichen der Untertänigkeit. Die drei anderen Shaolin taten es ihm gleich. Hong Li raunzte zu Shi Yan: „Das nennt man KOTAU, das musst du nachher auch tun.“ Shi Xin berichtete über das Geschehene, über die List des Kommandeurs mit der Aufteilung der Gruppe, über ihre Passbesteigung und die Anreise über CHANGZHI. Er berichtete über die Tapferkeit und über das Durchhaltevermögen von Hong Li und Shi Yan und auch von Baihu, der die ersten 500 km nur zu dritt durch das Feindesland gezogen war, ohne dass man sie entdeckt hatte. Dann trat der Kommandeur vor. Er klopfte sich einmal mit der Faust gegen die Brust und berichtete dem Kaiser, warum er die Gruppe geteilt hatte. Er spürte die Unruhe in LINFEN und das Zusammenziehen der gegnerischen Truppe. Er berichtete über die List am noch offenen Flussteil des FENHE und von der Sorge, dass er von zwei Gruppen in die Zange genommen werden könnte. Als er erzählte, wie sich die gegnerischen Truppen gegenseitig überfielen, lachte der Kaiser laut auf. Nichts wurde ausgelassen, auch wie sie die zwei gegnerischen Kundschafter ausschalteten und sich so einen Zeitvorteil schaffen konnten, bis zum Überfall, als die Schergen unvorsichtig den Fluss überquerten und viele im Eis eingebrochen oder die Pferde ausgerutscht und zu Sturz gekommen waren. Der Kaiser sog das Erzählte in sich auf und genoss es sichtlich. Als der Kommandeur die Gefangennahme der Anführer, Präfekt Fuca und Yun Reng, verkündete, verzog der Kaiser keine Miene. Er hörte aufmerksam zu, und auch als der Kommandeur von dem Bestechungsversuch von Yun Reng erzählte, blieb er ruhig. Der Kommandeur schloss seinen Bericht mit seiner Entscheidung, die noch lebenden Gefangenen freizulassen, bis auf die Anführer des Überfalls. Der Kaiser nickte zufrieden.

Hong Li vermied bisher jeden Blickkontakt zu seinen Vater oder zu seiner Mutter. Es war den kaiserlichen Kindern untersagt, den Kaiser als Vater anzusprechen. Die Zeremonie der Begegnung war schon als Kleinkind einstudiert worden. Shi Yan dagegen konnte nicht ruhig bleiben. Er blickte in die Runde und war noch immer erstaunt von der Dimension der Halle und des Platzes.

Nun sollten sich die Gefangenen zu den Vorwürfen äußern und sich verteidigen. Zuerst der Scherge Fuca. Wahrheitsgetreu erklärte er, dass er von seinem Lehensherrn Yun Reng den Auftrag erhielt, nach Hong Li Ausschau zu halten und ihn in LINFEN so lange festzuhalten, bis er nicht mehr rechtzeitig bis zur Bestattung des alten Kaisers und der Inthronisierung des neuen Kaisers in Peking sein konnte. Leider erfuhr er zu spät, dass Hong Li in der Stadt und auch schon weitergezogen war. In diesem Fall sollte er seine Mannschaft zusammenziehen und dem Verwalter Yun Reng entgegenreiten. Yun Reng wollte aus dem Norden auf den Trupp des Kaisers stoßen und ihn von Süden her in die Zange zu nehmen. Fuca beteuerte, dass er Hong Li als Gast aufnehmen wollte, nicht als Gefangenen. Für sein Wohl und für seine Sicherheit hätte er gebürgt.

Yun Reng bestritt jede Beteiligung an einem Überfall oder gar einer Entführung Hong Lis und behauptete, dass er nach LINFEN aufgebrochen war, um Hong Li vor einer Gefangennahme zu schützen und um ihn nach Peking zu begleiten. Weshalb hätte er sonst die eigenen Männer aus LINFEN beschießen sollen? Aussage stand gegen Aussage. Der neue Kaiser kannte aber seinen älteren Bruder Yun Reng sehr gut. Er hatte sich oft schon gegen seinen Vater aufgelehnt und gegen ihn gearbeitet. Deshalb verlor Yun Reng seinen Titel Prinz Limi vom ersten Rang. Nur aus Gnade hatte er die Provinz SHANXI zur Verwaltung erhalten, und die Entwicklung in dieser Provinz war von Korruption und Unruhen geprägt.

Als er alle Erzählungen gehört hatte, wandte sich der Kaiser an Baihu. Er bedankte sich dafür, dass er seinen Sohn auf 500 km durch Feindesland erfolgreich begleitet hatte. Er richtete auch dem Abt Chen Zheng Wei seinen Dank aus, dafür, dass er seinen besten Mann für diese Reise abgestellt hatte. Dann wandte er sich an Hong Li. Hong Li war richtig erschrocken. „Ich bin froh, dass du rechtzeitig zur Bestattung deines Großvaters kommen konntest und dass du meiner Inthronisierung beiwohnst. Du musst mir alles erzählen, was du in FA MEN SI gelernt hast und wie es dir dort ergangen ist. Nun stell mir aber doch bitte den Mann neben dir vor. Deine Mutter hat mir erzählt, dass du einen Freund in FA MEN SI gefunden hast.“

Shy Yan brachte keinen Ton über die Lippen. Es war ihm peinlich, dass Hong Li ihn über den Klee lobte. Der Kaiser dankte auch ihm für die Freundschaft und für seine Tapferkeit. Der Kaiser wusste natürlich auch, wie sehr sich seine Frau auf dieses Wiedersehen gefreut hatte und endete diese Audienz mit den Worten: „Geh nun zu deiner Mutter, und erzähle auch ihr, was du alles erlebt hast.“ Der Kaiser ging zu seiner Sänfte, die von sechs Eunuchen getragen wurde. Die Kaiserin folgte im Abstand, mit Hong Li im Arm.

Während die Soldaten die Gefangenen abführten, gingen Shi Yan und Baihu mit Shi Xin quer über den Hof, in Richtung Stallungen zurück. Dort erhielten sie eine Unterkunft. Es wurde langsam Abend. Der Weg führte über die Stadtmauer, die einen Blick in die alte Stadt und auch in den hinteren Palastbereich freigab. Tausende von Fackeln brannten in den Gassen. PEKING war die Stadt mit der größten Menschenansammlung auf engstem Raum, und Shi Yan war gespannt auf die Erlebnisse hier. Aber nicht jetzt. Shi Yan war so müde wie noch nie, und auch Baihu schlief ein, bevor sein Kopf in das Kissen fiel. Am nächsten Morgen schien die Sonne. Es war Shi Yan gar nicht aufgefallen, dass der gesamte Innen- und Außenhof vom Schnee geräumt war. Nur der Goldwasser-Fluss war zugefroren. Ein guter Platz zum Schlittern. Das Frühstück durften sie in der Kantine der Soldatenunterkunft einnehmen, wo sie schon von den Shaolin-Mönchen erwartet wurden. Shi Yan wollte hören, was mit den Gefangenen passieren würde. Der Kommandant setzte sich zu ihnen und erklärte, dass in der Zeit bis zur Inthronisierung kein Urteil gefällt würde und sie so lange im Kerker ausharren müssten. Baihu wollte wissen, wie die Zeremonien der Bestattung und die Inthronisierung abliefen. Hierzu konnte der Kommandant aber keine Auskunft geben. Dies werde gerade in den Ministerien geplant und mit dem Kaiser abgesprochen. Es würde wohl noch eine Woche dauern, dann müsste der Kaiser überführt werden und dort der neue Kaiser eine Woche trauern. „So schnell werdet ihr hier nicht wieder fortkommen, denn Hong Li muss, auf ausdrücklichen Wunsch des Vaters, bis zur Inthronisation dabei sein.“

Noch am Vormittag bat die Kaiserin, durch einen Eunuchen, die Shaolin und Shi Yan in ihren Palast. Der Weg dorthin war sehr verwinkelt. Es ging durch enge Gassen, über einige Geisterstufen und an Geisterwänden vorbei, in die Gemächer der Kaiserin Xia Sheng Xian. Die Kaiserin saß auf ihrem Thron, rechts standen Hong Li und einige Beamte die alles Gesagte protokollierten. Links standen einige Zofen, Eunuchen und Nebenfrauen. „Ich wollte mich persönlich bei euch bedanken, dass ihr meinen Sohn auf dieser gefährlichen Reise begleitet habt. Vor allem aber auch bei Shi Yan und Baihu. Hong Li hat mir viel aus dem Klosterleben in FA MEN SI und über seine Arbeiten dort berichtet. Hong Li ist begeistert von seinem Lehrer Baihu. Am glücklichsten ist Hong Li aber über die Freundschaft, die ihm im Kloster FA MEN SI begegnet ist. Und er hat auch den Abt selbst als einen Freund mit eingeschlossen. Der treueste Freund aber, so berichtete mir Hong Li, ist Shi Yan.“

Mit einer Handbewegung der Kaiserin stürmten zwei Eunuchen in die hinteren Räume. „Als äußeres Zeichen meiner Dankbarkeit darf ich euch ein Geschenk machen.“ Sie klatschte in die Hände, da ging der Vorhang zu den hinteren Räumen auf, und die zwei Eunuchen führten zwei Pferde herein. „Ich hörte, dass ihr beide kein eigenes Pferd habt und dass du, Shi Yan, das Reiten erst auf dieser Reise erlernt hast. Das hier sind FERGANA-Pferde, Nachkommen der legendären Himmelspferde TIAN MA. Die besten, aus des Kaisers Gestüt. Sie gehören jetzt euch. Behandelt sie gut, dann werden sie euch ebenfalls gute Freunde sein.“ Baihu und Shi Yan waren sprachlos. Mit einer weiteren Handbewegung entfernten sich die Beamten, Eunuchen und Nebenfrauen. „So, der offizielle Teil ist dokumentiert. Nun möchte ich noch ein paar Worte mit Baihu und Shi Yan sprechen. Und dann wird Hong Li sicher seinen Freunden noch den Palast und die Gärten zeigen wollen. Die Shaolin können die Pferde schon mit zu den Stallungen nehmen, wenn es euch recht ist.“

Was für ein Geschenk … Baihu und Shi Yan hatten schon von den Himmelspferden gehört, und selbst auf alten Aufzeichnungen im Kloster FA MEN SI waren sie schon dargestellt. Es waren hochbeinige Schimmel mit einer leichten Tigerscheckung. Natürlich waren die Mönche im Kloster FA MEN SI besitzlos. Das Geschenk war also nun Eigentum des Klosters. Jedes Pferd des Klosters hatte aber seinen eigenen, persönlichen Betreuer, der es pflegte und versorgte und der es dann auch ritt. Insofern durften sie die Pferde als persönliche Geschenke annehmen.

Nachdem die drei Shaolin und alle übrigen Beamten und Eunuchen den Raum verlassen hatten, bot eine Zofe eine Tasse Tee an. Hong Li war sichtbar glücklich, und Shi Yan und Baihu mussten der Kaiserin all das noch einmal erzählen und bestätigen, was Hong Li ihr schon erzählt hatte. Vor allen über die Arbeiten am Drachennest und über den Drachenkult. Sie erzählten von ihren Vorbereitungen auf die Meisterprüfung in KAN YU und von ihrer Reise nach Peking. Zur Mittagszeit brachten die Eunuchen kleine Happen. Die Kaiserin schien die Erzählungen der drei aufzusaugen. Als Baihu von dem Erlebnis in LINFEN erzählte und von der ersten Ohrfeige Hong Lis von einem Mädchen, mussten alle laut lachen. Hong Li erzählte von dem angenehmen Duft, der das Mädchen umhüllte und dass ihm das so bekannt vorkam. „Ihr müsst euch vorstellen, es war eiskalt, es hat geschneit, und dann roch das so frühlingshaft nach Blüten, so rein, so unverdorben.“ Er wusste nicht, wie er es beschreiben sollte. Er war sich nur sicher, er hatte das schon einmal gerochen.

Es wurde bereits dunkel, die Fackeln wurden angezündet. In einem bronzenen Kessel wurden Kohlen und ein paar Holzscheite nachgelegt, was das Licht noch einmal aufhellte und die Wärme wohltuend im Raum verteilte. „Bevor es ganz dunkel wird, soll euch Hong Li zurück in euer Quartier begleiten. Er kann euch ja dabei etwas über den Palast erzählen.“ Damit schloss die Kaiserin die angenehme Unterhaltung. Der Weg ging durch Gärten, deren Winterpracht nicht viele Farben zeigte. Baihu konnte erkennen, dass sie sich im westlichen Teil der Verbotenen Stadt aufhielten. Also auf der Seite, auf der auch die Soldaten ihre Quartiere hatten. Beim Überqueren eines künstlich angelegten Flusses sprangen die Burschen auf das Eis und schlitterten den Lauf entlang. Auch Baihu wollte nicht über die vielen Höfe und engen Gassen zurück. Er hatte Angst, sich zu verlaufen. Also stieg auch er hinunter auf den gefrorenen Wasserlauf und schlitterte den Burschen hinterher. Unter den gebogenen Brücken über den Bach mussten sich die drei stark bücken, um nicht hängen zu bleiben. Und gerade da stürzte Baihu und blieb mitten unter der Brücke liegen. Beim Aufstehen stieß er mit Kopf an und fiel gleich noch einmal hin. Da packten ihn die Burschen mit grinsenden Gesichtern an den Beinen und zogen ihn unter der Brücke heraus. Ohne sich dazu zu äußern, schritt Baihu weiter und rutschte noch einmal aus. Da platzte es aus den beiden Burschen heraus, und auch Baihu musste laut lachen.

Hong Li blieb noch eine Weile bei Shi Yan und Baihu. Sie besuchten noch einmal die Pferde. „Wenn es das Wetter zulässt, werden wir morgen die Stadt zu Pferd erkunden.“ Baihu begrüßte dieses Vorhaben. Auch er war noch nicht in Peking gewesen, hatte aber schon vieles darüber gehört. Schneefall setzte ein. Hong Li hatte keine Angst, alleine in den Palast zurückzukehren. Innerhalb der Palastanlage war er absolut sicher, und außerdem kannte er jede Gasse und jede Häuserecke auf dem Weg zurück.

Der nächste Morgen war bitterkalt. Der klare Himmel versprach aber gutes Wetter. Kaiser Yong Zheng hatte inzwischen von seiner Hauptfrau erfahren, was Hong Li und sein Freund alles erzählt hatten. Er wusste auch vom Vorhaben Hong Lis, einen Ausritt in die Stadt zu machen. Er wies deshalb die drei Shaolin an die Gruppe zu begleiten. Shi Yan und Baihu freuten sich auf ihre Pferde, die schon gesattelt und gezäumt bereitstanden. „Habt ihr den Pferden schon Namen gegeben?“, fragte Hong Li. „Nein, wie hießen die Pferde denn bisher?“ „Der Stallmeister hat sie BAI TUZI und BAI LONG genannt, weil sie in den Monaten des Hasen und des Drachen geboren wurden, also Weißer Hase und Weißer Drache. Wenn ihr möchtet, dann könnt ihr ihnen aber auch andere Namen geben.“ BAI TUZI schritt auf Shi Yan zu und schnaubte an seinem Ohr. Es sah so aus, als wollte er ihm etwas sagen. Die Tigerscheckung war bei ihm weniger ausgeprägt. Seine Fellfarbe, Schweif und Mähne leuchteten blond. Die Fellzeichnung zeigte dunkle bis blaugraue Punkte.

Seine Augen hatten schwarze Ringe, als ob sie geschminkt waren. Er sah wirklich fast wie ein Schneehase aus, wie ein blonder Schneehase. BAI LONG war von der Grundfarbe mehr weißgrau. Über die Schulter hatte das Fell eine braune Scheckung. Der übrige Körper zeigte eine hellgraue Scheckung, die über die Hinterhand ins Dunkelgrau überging. BAI LONG hatte eine schwarze Mähne und einen weißgrauen Schweif. Drei Fesseln waren schwarz wie die Mähne, die linke Hinterhand dagegen war weiß. „Ich finde die Namen eigentlich passend. Mein BAI LONG soll so heißen“. „Und mein Weißer Schneehase passt auch ganz gut. Vielleicht werde ich ihn irgendwann in Blond umtaufen, in JINFA TUZI, mal sehen.“ Damit war das geregelt.

Hong Li hatte sich irgendein Pferd genommen. Er hatte kein „eigenes“, alle Pferde hier gehörten ihm bzw. dem kaiserlichen Hof. Er hatte allerdings seine Lieblinge. Die vier Shaolin und die zwei Novizen führten die Pferde auf den Äußeren Hof. Die schweren Tore wurden geöffnet, und als sie, durch das Mittagstor, den TIAN ANMEN Platz erreichten, saßen sie auf. Hong Li sprach mit Shi Xin die Route ab. Sie führte nach Norden und hinauf auf den Kohlehügel in den JING-SHAN-Park. Von dort hatte man den schönsten Blick über die Verbotene Stadt und über Peking hinweg bis hinauf in die Berge. Das Wetter war gerade richtig. Trocken, klar, aber so früh halt auch noch sehr kalt.

Der Blick war dafür spektakulär. Sie ritten weiter nach Nordosten und besuchten den Konfuzius-Tempel. Hong Lis Vater schätzte Konfuzius sehr und sammelte viele seiner Werke. Er erweiterte die Studierräume der Schule, in der alle Beamten seit Anfang des 14. Jahrhunderts lernen mussten. 195 riesige Steinstelen wurden dort aufgestellt, um die Namen der erfolgreichen Kandidaten des höchsten Beamtenexamens aufzunehmen. Über 50 000 Namen waren dort schon eingemeißelt. „Irgendwann werde auch ich dieses Examen absolvieren, und dann wird auch mein Name hier eingemeißelt. Und dann werde ich entscheiden, wer das Examen bestanden hat und wer nach mir hier eingemeißelt wird. Ist das nicht komisch, oder?“ Shi Yan wusste noch nicht, was er einmal machen wollte. Er würde auf alle Fälle im Kloster FA MEN SI bleiben wollen und dort vielleicht der Drachenmeister werden. Die Mönche im Konfuzius-Tempel boten Hong Li eine Tasse Tee an, der die Gäste etwas aufwärmte. Sie ritten weiter nach Süden. Baihu erkannte die Verbotene Stadt an den hohen Mauern und an den Giebeln der verschiedenen Hallen. Sie kamen nur im Schritt durch die engen Gassen der alten Stadt und mussten aufpassen, dass sie keine Passanten umritten. Einen kleinen Stau gab es, als vor der Gruppe ein Ochsenfuhrwerk in eine noch engere Seitengasse abbiegen wollte und dabei stecken blieb. Die vier Shaolin mussten helfen den Karren um die Ecke herumzuheben. Überall dort, wo Hong Li erkannt wurde, wurde er auch mit viel Ehrerbietung behandelt. Man konnte sehen, er war beim Volk sehr beliebt. Am Nachmittag kamen sie zum TIAN-TAN-Park, in dem auch der Himmelstempel stand. Shi Yan und Baihu standen mit offenem Mund vor der kreisrunden Tempelanlage.

Hong Li ließ absitzen, nahm Shi Yan an die Hand und sprang an der ebenfalls kreisrunden Hofmauer entlang. Er stellte Shi Yan ab und rannte weiter in die Runde, bis ihn Shi Yan nicht mehr sehen konnte. Dann hörte er Hong Li reden: „Shi Yan ist für immer und ewig mein bester Freund … Freund … Freund …“, hallte es nach. „Wo bist du, Hong Li? Ich höre dich reden, als wärst du direkt neben mir.“ „Ich bin weit weg von dir und doch so nahe.“ Da verstand Shi Yan. Er stand vor einer Flüsterwand und rief: „Hong Li ist mein Freund, und ich bin der Freund von Hong Li, und ich werde ihm ewig treu und ehrlich zu ihm sein.“ Da kam Hong Li wieder zurück. Sie fielen sich in die Arme. „Der Himmel hat diesen Schwur gehört und besiegelt.“

Sie saßen wieder auf und bogen nach Osten ab. Schnell kamen sie auf die Prachtstraße, die in einer geraden Linie direkt nach Norden führt, über den TIAN-ANMEN-Platz bis vor das Mittagstor. Viel schneller als gefühlt, ging der Tag zu Ende. Sie brachten die Pferde in die Stallungen, wo Baihu und Shi Yan sehr gerne bei der Versorgung ihrer Pferde halfen. Morgen sehen wir uns wieder, versprach Hong Li, und verschwand über den Äußeren Hof und über die Prinzenbrücke durch das Tor der höchsten Harmonie.

Den ganzen Morgen beschäftigten sich Baihu und Shi Yan mit den neuen Pferden. Shi Xin zeigte ein paar Tricks. BAI TUZI nahm die Lehrstunde mit Interesse auf, wogegen BAI LONG störrisch bockte. Hong Li traf sie zu Mittag in den Stallungen und verfolgte die Reitertricks von Shi Xin. „Man kann sehen, dass BAI TUZI und Shi Yan ein Herz und eine Seele sind. Wie geschaffen füreinander. Du, Baihu, du wirst mit BAI LONG etwas mehr Arbeit haben.“ Das war die Einschätzung von Hong Li. Da hörten sie Lärm hinter der Mauer. Sie stiegen hoch auf die Mauerkrone und konnten von da aus auf den Hof vor dem Mittagstor sehen. Eine Delegation hatte Erlaubnis bekommen, den Äußeren Hof zu betreten. Dort mussten sie sich ausweisen.

Zwei Frauen und ein Mann baten nachdrücklich um eine Audienz bei dem Kaiser. Als diese nicht gewährt wurde, baten die Frauen die Kaiserin zu sprechen. Als auch dies nicht gewährt wurde, schmiss sich die jüngere Frau zu Boden und flehte um Nachsicht. Hong Li rief von der Mauerkrone aus hinunter, was denn der Grund für eine Audienz beim Kaiser sei. Da erwiderte das Mädchen „Hoheit, mein Vater wurde zu Unrecht gefangen. Ich möchte für ihn sprechen und das Unrecht klären. Bitte lasst mich zu Eurem Vater vor oder wenigstens zur Kaiserin.“

Hong Li war erstaunt, dass ihn das Mädchen scheinbar erkannt hatte. Das machte ihn neugierig. Er wies den Wächter an, die zwei Frauen zu seiner Mutter zu bringen. Der Mann sollte so lange vor dem Tor warten. Die Pferde wurden vorübergehend beschlagnahmt. Hong Li entschuldigte sich bei Baihu und Shi Yan. „Ich muss der Sache nachgehen und komme bald wieder.“

Schnell war er im Palast der Kaiserin. Im hinteren Wohnbereich aß die Kaiserin gerade zu Mittag. Die Bittsteller waren noch nicht da. Die Kaiserin freute sich sehr über den Besuch des Sohnes und fragte ihn, ob er etwas mitessen wolle. „Nein danke, ich habe ein anderes Anliegen. Gleich kommen zwei Frauen, die dir ein Problem vortragen. Ich kenne das Mädchen, ich weiß aber nicht, woher. Bitte höre sie an. Ich stehe hinter dem Thronsessel und höre mit.“ Kaum dass die Kaiserin den letzten Bissen genommen hatte, begehrte ein Eunuch Einlass und trug die Bitte der Frauen vor. Die Kaiserin gewährte die Audienz als inoffizielle Audienz, also ohne Protokoll.

Die Frauen stürmten weinend vor den Thron, warfen sich zu Boden und flehten um Gnade, für den Herzog Lirong Bao Fuca, dem Präfekten von LINFEN, der kürzlich gefangen genommen wurde. Die Kaiserin erschrak. Sie hatte gehört, dass zwei Rebellen verhaftet wurden. Aber sie wusste nicht, dass dies der Präfekt von LINFEN war. „Lady Gioro Fuca und Xiao Xian, bitte steht auf, das ist ja schrecklich. Wie kann ich euch helfen? Wie kommt ihr nur in diese Lage?“ Erst jetzt erkannte die Kaiserin die Bittsteller. Oft waren sie dort zu Besuch, und ebenso oft war die Familie im Kaiserpalast zu Audienzen bei Kaiser Kang Xi. Lady Gioro erinnerte die Kaiserin an die Zeit, bevor Yun Reng von Kaiser Kang Xi die Verwaltung der Provinz SHANXI erhielt. Bis dahin war die Familie Fuca mit dieser Aufgabe betraut, und sie war immer loyal zum Kaiserhaus gestanden. Der Großvater von Xiao Xian war sogar Finanzminister am kaiserlichen Hof.

Oft waren sich die Familien auch freundschaftlich begegnet, zum Beispiel bei den Treibjagden in ZUNHUA, wo Kaiser Kang Xi mit der Hilfe von Xiao Xians Großvater einen Tiger erlegen konnte. Mit der Ernennung von Yun Reng als Verwalter der Provinz SHANXI wurde die Familie Fuca als Präfekt von LINFEN eingesetzt. Yun Reng war von da an sein Vorgesetzter. Lady Gioro und ihr Mann wussten nicht, dass Hong Li entführt werden sollte. Ihr Mann hatte nur erzählt, dass man Hong Li eventuell als Gast für ein oder zwei Wochen bewirten sollte.

Niemals hätte ihr Mann zugelassen, dass Hong Li etwas zustoßen oder er in Gefahr geraten könnte. Die Kaiserin Xiao Sheng Xian vertraute Lady Gioro. „Das kann nur ein Missverständnis sein. Und ich werde das aufklären.“ In diesem Moment trat Hong Li aus dem Schatten des Throns heraus. „Moment einmal, dieses Mädchen hat mich in LINFEN geradezu ‚überfallen‘, und sie hat mich ‚niedergeschlagen‘“. „Und dann bist du über mich hergefallen“, konterte Xiao Xian. „Ich wusste doch, irgendwoher kannte ich dich“, antwortete Hong Li.

Die Kaiserin und auch Lady Gioro wussten nicht, um was es da ging. Die Kaiserin erinnerte sich aber an die Geschichte mit dem Mädchen, das mit Hong Li über die Häuserecke zusammengestoßen war und von dem Hong Li seine erste Ohrfeige erhalten hatte. „Ach, du warst das Mädchen in LINFEN. Das Mädchen, das einem Prinzen eine Ohrfeige gab. Ach ja … und das Mädchen, das so gut roch …“ Hong Li lief rot an. „Nun, als künftiger Kaiser, welche Strafe würdest du diesem netten Fräulein auferlegen?“ Hong Li stotterte: „Ähmm … ich habe mich noch gar nicht bei dir entschuldigt. Wir konnten uns über Eck überhaupt nicht sehen und sind so zusammengestoßen. Dass ich dann auch noch ausgerutscht und auf dich gefallen bin, das war Pech. Das tut mir wirklich leid. Verzeihst du mir?“ Xiao Xian war seine Freundin. Schon von Kindesbeinen an waren sie gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Er versuchte sie zu umarmen, in der Hoffnung, diesen Duft, der von ihr ausging, ganz tief einzuatmen. Aber Xiao Xian drehte sich zur Seite. Sie war hier, um ihren Vater zu retten. Lady Gioro und Xiao Xian waren noch immer in ihren Wintermänteln eingehüllt. Jetzt entschuldigte sich die Kaiserin für die ungastliche Begrüßung und bot den beiden Damen ein Tasse Tee an. Langsam beruhigte sich die Gesellschaft, und Xiao Xian enthüllte ihren Blumenschmuck aus der Kapuze ihres Umhangs. Sie drückte sich schüchtern an Hong Li, und endlich konnte er den Duft der frischen Natur riechen.

Lady Gioro bat darum, das Thema wieder auf die ernste Lage ihres Mannes zu verlagern. „Hong Li, wie können wir hier helfen?“, fragte die Mutter den künftigen Kaiser. Hong Li schritt auf und ab. „Nun, eigentlich hatten wir ja überhaupt keinen Kontakt mit Präfekt Fuca. Wir waren ja, auf Anraten des Kommandeurs, nach Osten in Richtung CHANGZHI ausgewichen. Der Kommandeur erwartete einen Überfall der Schergen vor TAIYUAN, was ja auch so geschehen ist. Dass der Überfall von Onkel Yun Reng selbst geleitet wurde, entlastet den Präfekten. Bei dem Scharmützel haben die Gegner große Verluste eingefahren, und unseren Soldaten ist nichts geschehen. Auch das spricht für den Präfekten. Vor dem Kaiser hat er beteuert, dass er mich zwar festhalten wollte, aber nur in Form einer Einladung. Aus dem Grund für das Festhalten konnte nur einer profitieren, mein Onkel, der Präfekt Fuca zieht daraus keinen Vorteil. Er hat nur einen Befehl befolgt, wie man das von einem Untertan erwartet hätte. Alles andere wäre eine Befehlsverweigerung, die mein Onkel mit dem Tod bestraft hätte.“ So ähnlich sah es auch die Kaiserin. „Wir haben nur ein Problem: Yong Zheng wird vor seiner Inthronisierung kein Recht sprechen. Präfekt Fuca wird diese Übergangszeit in Gefangenschaft ausharren müssen. Lady Gioro, sorgen Sie bitte dafür, dass Ihr Mann mit ehrlicher Reue und mit Demut die Zeit der Gefangenschaft durchhält. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Mann nicht gefoltert wird und dass er auch sonst gut behandelt und verpflegt wird.“

„Wir werden in zwei Tagen Kaiser Kang Xi nach ZUNHUA überführen. Die Trauerfeier wird fünf Tage dauern, dann erst kann Kaiser Yong Zheng den Thron besteigen und erst dann Recht sprechen. Das ist auch die Zeit, in der wir auf den Kaiser einwirken können. Ich und Hong Li werden das gerne tun. Gerne können Sie sich die Zeit bis zur Rechtsprechung im Gästetrakt des Palastes aufhalten und einmal am Tag Ihren Mann sprechen. Mehr können wir nicht tun.“ Lady Gioro bedankte sich bei der Kaiserin und wurde von einem Eunuchen in ihr Abteil geführt. Xiao Xian ließ Hong Li noch einen tiefen Schnaufer machen, indem sie sich etwas fester an ihn drückte. Es gefiel ihr, dass sie einen gewissen Einfluss auf Hong Li hatte. Und sie fühlte sehr wohl, dass auch sie selbst von ihm angezogen wurde.

Inzwischen war es auch bis zu den Generälen und Kommandeuren durchgedrungen, was die Beamten als würdige Bestattung für den verstorbenen Kaiser Kang Xi vorgesehen hatten. Ein Trauerzug begleitete den Kaiser zu seiner letzten Ruhestätte. Er selbst hatte den Platz ausgesucht. Ungefähr 130 km östlich von PEKING lag sein Lieblingsjagdrevier. Während einer Treibjagd in der Präfektur ZUNHUA im nördlichen Teil der Provinz HEBEI kam die Jagdgesellschaft an den südlichen Fuß der CHANG-RUI-Berge. Dort fand Kaiser Kang Xi ein Tal, das ihm besonders gefiel. Er schoss einen Pfeil in die Luft, und dort wo dieser die Erde berührte, so verkündete der Kaiser, sollten die Grabstätten der QING-Kaiser erbaut werden. 2500 qkm hatte Kaiser Kang Xi dafür vorgesehen. Denn auch seine Nachkommen sollten in diesem Tal Platz finden für sich und für die Kaiserinnen. Das war nun schon mehr als 60 Jahre her. Kang Xi hatte das erste Grab für die Bestattung seines Vaters SHUN ZHI errichten und dann auch gleich an seiner eigenen Grabstätte nach KAN YU planen und bauen lassen.

Der Trauerzug war würdevoll und in Größe und Pomp den großen Verdiensten des Kaisers angepasst. Immerhin war Kang Xi bisher der am längsten regierende Kaiser in der chinesischen Geschichte, nämlich 61 Jahre von 1661 bis 1722. Der künftige Kaiser Yong Zheng achtete aber auch darauf, dass die Kosten für das Begräbnis sich im Rahmen hielten. Kang Xi war sehr reisefreudig und hatte sehr viel Zeit und auch Geld für seine Reisen aufgebracht. Für die 130km-Strecke für die Überführung hatten die Beamten drei Tage vorgesehen. Für die Trauerfeier fünf Tage und wieder drei Tage für die Heimreise. Viel Arbeit wartete in Peking auf den neuen Kaiser Yong Zheng. Da die Straßen nach ZUNHUA gut ausgebaut waren, konnten die Soldaten der kaiserlichen Garde in Vierergruppen und mit zehn Reihen vorausreiten. Die erste Reihe mit großen Seitentrommeln. Dann folgten der künftige Kaiser und die Kaiserin. Eine Gruppe von 20 ZEN-Mönchen folgte als Nächstes zu Fuß. Dann kam der Bestattungswagen mit dem Sarg des verstorbenen Kaisers Kang Xi, der mit den acht Bannern geschmückt war. Der Sarg wurde von einem Sechserpferdegespann gezogen. Dahinter ritten jeweils vier Kommandeure der verschiedenen Banner in den entsprechenden Farben, gefolgt von einem Zweiergespann mit einem Wagen, auf dem eine große Trommel montiert war. Das Lieblingspferd von Kang Xi trottete hinter diesem Gespann her, vom Stallmeister geführt. Nach weiteren zehn Reihen der kaiserlichen Garde folgten Beamte und Generäle. Hong Li ritt an vorderster Stelle, in Dreierreihe mit Shi Yan rechts und auf der anderen Seite Xiao Xian. Darauf folgten die vier Shaolin. Die allgemeine Trauergesellschaft, mit den anderen Prinzen und den Nebenfrauen, den Eunuchen, Zofen und dem gewöhnlichen Volk, schritt ungeordnet hinterher. Je näher der Tross dem Ziel kam, umso mehr Trauernde hingen sich dem Zug an. Am Ende waren es wohl mehr als 500 Trauergäste, die natürlich auch alle verpflegt werden mussten. Der Heimweg war weit ungeordneter. Die Gardesoldaten, Generäle und Beamte ritten mit dem Kaiser voraus. Die Arbeit wartete. Der Rest ließ sich mehr Zeit. Der Kaiserin war aufgefallen, dass Hong Li viel Zeit mit Xiao Xian verbracht hatte. Sie hatten ständig getuschelt und immer wieder die Berührung gesucht. Shi Yan und Baihu hatten Verständnis dafür und sich im Hintergrund gehalten. Sie freuten sich schon auf die Heimreise nach FA MEN SI, auf das Drachennest und auf die Keller des Klosters, in denen noch manches Geheimnis schlummern konnte.

Zurück in PEKING wollte sich der Kaiser den Rebellen der Provinz SHANXI widmen, während die Beamten die Inthronisation des Kaisers vorbereiteten. Der Kaiser kannte seinen älteren Bruder sehr gut. Bereits als Kind war er der Aufrührer, der sich keiner Obrigkeit unterordnen wollte. Sein Vater Kang Xi hatte ihn schon einmal zurechtgewiesen und ihn enterbt. Dann aber doch auch wieder Gnade walten lassen und ihm die Provinz SHANXI übergeben. Vorher war diese Provinz dem Kaiser treu ergeben und wurde vom Herzog eines ersten Ranges, Fuca, erfolgreich geführt. Auch der Vater war dem Kaiser treu ergeben und hatte ihm sogar als Finanzminister gedient. Nach wenigen Jahren ist SHANXI zu einer Problemprovinz geworden, mit hoher Korruption und kriminellen Machenschaften. Die Bevölkerung war unzufrieden und rebellierte gegen den Kaiser. Sollte er ein Exempel statuieren? Sollten die zwei Rebellen hängen? Oder sollte er noch einmal nachsichtig sein? Der Gefangene Lirong Fuca hatte die Tat bereut, Yun Reng hatte die Tat verleugnet. Yong Zheng wusste, dass die Minister, Beamten und Generäle nur auf seine Entscheidung warteten, um ihn zu kritisieren, egal wie er entschied.

Yong Zheng saß in einer Nische seines Wintergartens und sinnierte über die Zukunft und über seine Regentschaft. Er hatte einen Plan. Vor allem wollte er die Korruption im Land bekämpfen. Am liebsten würde er seine komplette Mannschaft austauschen und durch loyale, arbeitswillige, junge Leute ersetzen, die sich ihr Brot erst verdienen mussten und nicht an ihrem Sessel festklebten. Auf der anderen Seite wollte er gerecht sein. Jeder, unabhängig von Stand und Herkunft, sollte das Recht bekommen, das er verdiente. Er wollte tatkräftig sein, Volk und das Land voranbringen.

Sparsam an jedem Silbertael, aber großzügig, was Bildung und Kultur betraf. Während er nachdachte, hörte er Kinder lachen. Hong Li und ein Mädchen, das er nicht kannte, schlitterten über den Bachlauf, der durch seinen Garten floss, wenn das Eis geschmolzen war. Es fiel im sofort auf, dass die beiden sich sehr mochten, und er erinnerte sich an seine eigene Jugend. Hong Li bat darum, leise zu sein, da dies hier der Garten des Kaisers sei und er sicher nicht gestört werden wollte. Das Mädchen fragte Hong Li, was er machen würde, wenn er einmal Kaiser wäre. Er schlitterte um sie herum und antwortete spontan: „Wenn ich einmal Kaiser bin, dann werde ich dich heiraten.“ „Du flachst. Ich meine es ernst. Um Kaiser zu werden, musst du erst einmal viel, viel lernen und so weise werden wie dein Vater.“ „Was würdest du als Erstes machen, wenn du der Kaiser wärst?“ Hong Li überlegte kurz. „Ich? Ich würde alles tun, damit mein Volk glücklich ist.“ „Was ist Glück für dich?“ „Glück, hmm … das ist Zufriedenheit, Sorglosigkeit, Gesundheit. Das ist, wenn man etwas Sinnvolles tun kann, wenn man jeden Tag etwas Neues lernen kann, wenn man sich etwas leisten kann, was einem Freude macht. Wenn man Kinder lachen hört und wachsen sieht, wenn man seine Eltern mit Stolz erfüllen kann und vieles mehr.“ „Was ist mit Liebe, mit Fürsorge, mit Mitleid? Was mithilfe und Unterstützung?“ „Ja, das natürlich auch alles.“ „Gut, wenn du das alles schaffst, dann würde ich dich auch heiraten.“ Xiao Xian schob Hong Li vor sich her. Hong Li drehte sich und rutschte aus. Und wieder fielen sie aufeinander, und beide genossen dieses Gefühl. Yong Zheng hatte unbemerkt zugehört. Ihm war das Fräulein schon bei der Überführung aufgefallen, ihre Nähe zu Hong Li und Hong Lis Interesse an diesem Mädchen. Das waren gerade sehr erwachsene Fragen, und er war stolz, wie Hong Li darauf geantwortet hatte. Stolz über den hohen Anspruch, den Hong Li gegenüber dem Kaiseramt hatte. Er hätte die Frage des Mädchens ähnlich beantwortet, aber er war schon 44 und nicht erst 13. Das ist die Schule von FA MEN SI. Yong Zheng gab sich im Garten zu erkennen.

Die Kinder erschraken. „Oh kaiserliche Hoheit, haben wir Euch gestört? Wir schlittern gleich weiter.“ Hong Li war das peinlich. Der Kaiser verneinte die Störung. „Willst du mir das Mädchen nicht vorstellen?“ Bevor Hong Li antworten konnte, übernahm Xiao Xian die Frage.

„Ihr kennt mich, Majestät, wir haben uns in früheren Jahren oft gesehen.“ „Klärt mich auf, Fräulein, aus welchem Hause seid Ihr?“. Hong Li ahnte, dass die folgende Antwort den Kaiser sehr verärgern konnte. Sie waren auf dem Bach kurz vor dem Ende des kaiserlichen Gartens. Der Bach machte dort einen Bogen, der diese Situation retten konnte. Während Xiao Xian sich dem Kaiser zuwendete, um Antwort zu geben, schob Hong Li sie um den Bachbogen herum und rief zurück: „Ich erkläre es dir später.“

Yong Zheng war enttäuscht, dass Hong Li ihm die Antwort schuldig blieb. „Na ja, Kinder beim Schlittern …“ Aber das Mädchen hatte ihn schon sehr beeindruckt. Hong Li musste sie ihm vorstellen. Oder noch besser, er ging zur Kaiserin. Sie musste es wissen. Die Kaiserin schenkte sich gerade eine Tasse Tee ein. Oft besuchte sie Yong Zheng, auch unangemeldet. Gern tranken sie nachmittags ein oder zwei Tassen Tee und diskutierten über Gott und die Welt. Yong Zheng hielt viel von der Meinung seiner Frau Xiao Sheng Xian. Sie war immer ehrlich zu ihm, auch wenn sie eine andere Meinung vertrat als der Kaiser. Aber sie hat nie seine Meinung beeinflussen wollen, wie das die Minister, Generäle und Beamten gerne taten. Nach einem Schluck Tee kam Yong Zheng zur Sache. „Unser Sohn hat eine neue Freundin?“„Nein“, erwiderte die Mutter, „es ist eine alte Freundin, die er schon lange nicht mehr gesehen hat. Schon als Kleinkinder haben sie zusammen gespielt.“ „Wer ist sie?“, fragte der Kaiser. „Nun, erinnere dich bitte an einen treuen Freund unserer Familie. Erinnere dich an einen treuen Freund deines Vaters, der ihm im Ministerium die besten Dienste geleistet hat, erinnere dich an einen absolut loyalen und absolut ehrlichen Finanzminister.“ Yong Zheng ahnte, wen seine Frau meinte. „Du meinst den Rebell und Schergen Fuca. Was hat dieses Kind hier verloren?“

Xiao Sheng Xian war nun schon 33 Jahre lang mit Yong Zheng verheiratet, und sie war seine Hauptfrau, die künftige Kaiserin. Sie wusste, dass die kommenden Worte über ihr Schicksal entscheiden konnten, aber sie hatte Yong Zheng gegenüber nie gelogen, und sie wollte auch weiterhin ihrem Mann gegenüber ehrlich sein. Sie hatte sich in den vergangenen Jahren, mit großem Talent, diplomatische Fähigkeiten angeeignet, die sie nun einsetzen konnte. „Lady Gioro von der Familie Fuca bat vor zwei Wochen um eine Audienz bei dir. Diese wurde aber abgewiesen. So kam sie zu mir, übrigens mit der Hilfe von Hong Li. Sie bat um Gnade für ihren Mann und beteuerte dessen Unschuld. Lirong Fuca wurde von deinem Bruder Yun Reng angewiesen, Hong Li einzuladen und ihn einige Tage zu bewirten. Sollte er Hong Li nicht finden, dann war er angewiesen in Richtung TAIYUAN dem Verwalter von SHANXI entgegenzureiten. Das waren seine Befehle, denen er folgen musste. Ein Widerspruch hätte seinen Tod bedeutet.“ „Der Fuca wurde gefangen genommen, nachdem er unsere Soldaten überfallen hatte. Ist das nicht Grund genug für eine Todesstrafe?“ Das Argument des Kaisers wog schwer. „Der Fuca selbst wurde doch von den Schergen Yun Rengs überfallen. Er wusste nicht, von wem und warum er angegriffen wurde. Nach Klärung dieses Missverständnisses kam sofort der Befehl deines Bruders, eine Gruppe auf der anderen Seite des Flusses anzugreifen. Fuca wusste doch gar nicht, wer das war. Und auch das war ein Befehl, dem Fuca doch folgen musste.“ Xiao Sheng Xian war geschickt in der Verteidigung der Fucas, sie war aber auch von deren Unschuld überzeugt. „Ich erklärte Lady Gioro, dass du, bis nach deiner Inthronisierung, kein Recht sprechen und sie bis dahin auch nicht empfangen würdest.“

Mit Nachdruck bat Xiao Sheng Xian: „Erinnere dich bitte an die Gastfreundschaft der Fucas, deshalb bot ich auch Lady Gioro und ihrer Tochter meine Gastfreundschaft an, bis nach deiner Inthronisierung, in der Hoffnung, dass du ihr dann Audienz gewähren würdest und sie zumindest anhörst.“

„Der Fuca selbst hat bei seiner Befragung sein Unrecht eingesehen und sich selbst für schuldig erklärt.“ Yong Zhengs Argumente stachen. „Lirong Fuca war selbst erschüttert darüber, dass er gegen das Kaiserhaus gekämpft hat. Dieses Missgeschick ist für ihn selbst unverzeihlich. Er fühlte sich schuldig, und deshalb hat er seine Schuld zugegeben. Eine Schuld, die durch ein unglückliches Unglück entstand. Eine Verstrickung von mehreren unglücklichen Zufällen.“ Yong Zheng grübelte.

„Gut, wenn man resümiert, dann war unser Sohn zu keiner Zeit in Gefahr. Keiner unserer Gardesoldaten ist gefallen. Die Schergen unseres Gegners Yun Reng wurden geschwächt. Hong Li war rechtzeitig in PEKING und ist morgen bei der Inthronisierung anwesend. Eigentlich sollte man bei so viel Glück auch gnädig sein.“ „Ich werde deine Meinung in Betracht ziehen“, versprach Yong Zheng. „Ach, welche Meinung hattest du jetzt eigentlich?“ Das war so typisch für seine Frau. Sie half ihm bei seiner eigenen Meinungsfindung, ohne dass er sich von ihr beeinflusst fühlte. „Meine Meinung? Ich finde, man sollte den Vater der womöglich künftigen Kaiserin nicht bestrafen, sondern ihm Vertrauen schenken.“ „Was …, wie meinst du das?“ „Du wolltest doch wissen, wer das Mädchen ist, das deinen Sohn so glücklich macht. Es ist Xiao Xian, die Tochter von Lady Gioro und dem Herzog Lirong Bao Fuca.“ Die Kaiserin ließ den Kaiser stehen und zog sich in ihre Räume zurück. Sie konnte nicht sehen, wie sich der Kaiser verzweifelt auf ihren Thron setzte und angestrengt nachdachte.

1.07 Inthronisation des 5. Qing-Kaisers Yong Zheng

PEKING, 5. Februar 1723

Es war eine wichtige Zeremonie, mit der die chinesischen Kaiser den Thron einnahmen. Eine uralte Prozedur aus den Zeiten der ersten Kaiser, deren Abfolge genau eingehalten werden musste. Yong Zheng hatte sie schon oft einstudiert und kannte sie besser als alle Minister und sonstige Beamte. Der Himmel schien Yong Zheng gut gewogen zu sein. Der morgendliche Nebel verzog sich und gab einen wolkenlosen blauen Himmel frei, der den kalten Morgen bald erwärmte. Yong Zheng war schon seit frühen Stunden mit seinen Eunuchen beschäftigt, sich für die Thronbesteigung herauszuputzen. Der Kaiser trug zu seiner Thronbesteigung einen zeremoniellen Ornat, der vom Amt für kaiserliche Gewandung verwaltet wurde. Äußere Zeichen waren eine schwarze Jacke und ein gelber Rock. Über dem Rock befand sich ein schürzenähnlicher Gürtel, der auf beiden Seiten der Hüfte von roten Quasten gehalten wurde, ein stilisierter Schwertgürtel. Die gefütterten Stiefel des Kaisers waren aus gelber Seite mit seitlicher Drachenstickerei. Die Sohlen der Stiefel waren um mindestens 10 cm erhöht, damit der Kaiser über den anderen stand. Yong Zheng musste hierfür eine spezielle Laufart üben, damit er bei der Zeremonie nicht hinfiel.

Die offizielle Kopfbedeckung für die Thronbesteigung bestand aus dem Perlenschnurbarett und einem viereckigen schwarzen Brett, dessen Schmalseiten nach vorne und hinten gerichtet waren. Von jeder dieser beiden Seiten hingen 12 Perlenschnüre mit je 12 Perlen herab.

Die Inthronisierung fand in der Halle der höchsten Harmonie statt. Es dauerte mehr als vier Stunden, bis alle Angehörigen des Hofstaates den KOTA vollführten, und zwar in ritualisierter Form, durch Zuruf des Zeremonienmeisters, des obersten Eunuchen. Zuerst traten die Prinzen vor, dann die Minister, die Generäle und Kommandeure, es folgten die Frauen und Nebenfrauen, die Eunuchen und Zofen. Dann kamen die Soldaten der kaiserlichen Garde, die sich alle im Inneren Hof aufgestellt hatten. Danach wurde der Kaiser auf der Prunksänfte von 20 Eunuchen in den Äußeren Hof getragen. Hier haben sich Würdenträger und Vertreter der benachbarten Reiche und alle sonstigen Gäste aus aller Welt versammelt. Baihu durfte mit Shi Yan in den Reihen der Kommandeure stehen. Er schätzte die Teilnehmerzahl auf mehr als 100 000 Menschen.

Auch im Äußeren Hof forderte der Zeremonienmeister den Kotau von allen Besuchern. Keiner hatte diese Ehrenbezeugung dem Kaiser ausgeschlagen. Über die Kaiserbrücke wurde der Kaiser durch die mittlere Öffnung des Mittagstores getragen. Auf den TIAN-ANMEN-Platz und entlang der Prachtstraße haben die Soldaten der acht Banner links und rechts ein Spalier gebildet, durch das der Kaiser nun getragen wurde. Vor und hinter dem Kaiser ritten die Gardesoldaten. Jeder einzelne Soldat links und rechts des Weges klopfte mit seiner Faust auf seine Lederrüstung, wenn der Kaiser an ihm vorbeigetragen wurde. Hinter dem Soldatenspalier sammelten sich die Bürger der Stadt und des Landes. Auch sie vollzogen den Kotau, wenn der Kaiser an ihnen vorbeigetragen wurde.

Das Ziel der Sänfte war der Himmelstempel. Hier musste der Kaiser „Zwiesprache mit dem Himmel“ halten, von dem er sein Mandat, seine Legitimation zu herrschen, erhielt. Der Himmel war dabei weder ein spezieller Ort noch mit einer Person oder mit einem Gott verbunden, es war eher ein abstrakter Begriff. Man glaubte, dass auf Erden nur dann Harmonie und Wohlstand herrschen konnten, wenn dies mit dem Himmel in Einklang gebracht sei. Und der Himmelssohn war der Kaiser. Nur er hatte den Kontakt zum Himmel. Deshalb musste er diese Harmonie beschwören, damit die Natur sich nicht durch Unwetter, Überschwemmungen und Dürren an den Menschen rächte. Nur wenn die Natur vorteilhaftes Wetter bereithielt, konnten gute Ernten eingefahren werden. Nur dann konnten die Menschen überleben und zu Wohlstand gelangen.

Zur Inthronisation musste Yong Zheng dem Himmel seine Aufwartung machen, sich ihm vorstellen und von da an alle Jahre dem Himmel seine Opfer bringen. So wie heute musste er künftig mit großem Gefolge aus dem Palast auf der breiten Prachtallee nach Süden, die Himmelsrichtung, die mit dem Himmel in Verbindung gebracht wurde. Die Tempelanlage mit den weitläufigen Parklandschaften ist größer als die Verbotene Stadt. Das hatte auch seinen Grund, wie Hong Li es Shi Yan beim Ausritt erklärte. Als „Söhne des Himmels“ war es den chinesischen Kaisern verboten, Anlagen zu bauen, die größer waren als die irdische Residenz des Himmels, dem Himmelstempel. Das Gleiche galt auch für die Räume im kaiserlichen Palast. Denn nur der Himmelspalast umfasst 10 000 Räume. Eine gleiche oder gar größere Zahl an Räumen wäre einer Gotteslästerung gleichgekommen. Deshalb muss der Kaiserpalast unter 10 000 Räume haben. Weder die Minister noch der oberste und dienstälteste Eunuch wissen genau, wie viele Räume die Verbotene Stadt hat. Hong Li hörte, nach den neuesten Zählungen der Eunuchen sollen es nur 8885 Räume sein.

Und so ist es eben auch mit dem Himmelstempel, der größer sein musste als die kaiserliche Palastanlage. Der Tempel ist von einer langen Mauer umgeben. Der nördliche Teil ist halbkreisförmig angelegt und symbolisiert den Himmel. Der südliche Teil ist quadratisch gebaut und symbolisiert die Erde. Der nördliche Teil der Anlage ist höher als der südliche Teil. Das soll zeigen, dass der Himmel hoch, also YANG, und die Erde niedrig, also YIN ist. Im Palast angekommen, betrat der Kaiser Yong Zheng, über die Brücke der zinnoberroten Stufen, den erhöhten Ehrenweg, durch den die wichtigen Gebäude miteinander verbunden sind. Vom Himmelspalast aus wandte sich der Kaiser nach Norden und fand dann, auf der rechten Seite, in einer Ausbuchtung des Wegs, ein Zelt vor, in dem er sich für die Zeremonien umkleiden musste.

Den Rest des Weges legte der Kaiser barfuß zurück. Auch im Winter. Als der Sohn des Himmels kann nur Yong Zheng die irdischen Angelegenheiten im Auftrag der himmlischen Autorität verwalten und umsetzen, und dabei sollte er seinen Respekt vor dem himmlischen Herrscher barfüßig unter Beweis stellen. Denn er, Yong Zheng, konnte nur durch „Himmels Gnaden“ herrschen. So schritt er also barfuß durch das Tor des Ernteopfers in den großen Innenhof, den die runde Halle des Ernteopfers dominiert, um dort zu beten und um seine Opfer darzubringen. Gäste durften hier nicht teilnehmen. Diese Zeremonie war einzig und alleine Sache des Kaisers und des Himmels. Nur eine Handvoll Beobachter aus dem Stand der Würdenträger, Minister und Beamte durften als Protokollanten anwesend sein. Während der gesamten Zeremonien lastete ein enormer Druck auf dem Kaiser. Der kleinste Fehler würde als ein schlechtes Omen verstanden werden, welches das gesamte Reich in der kommenden Regentschaft belasten würde.

Yong Zheng war froh und erleichtert, als er den Zeremonienteil erfolgreich abschließen konnte. Der gesamte Tross machte sich wieder auf den Weg in die Verbotene Stadt und löste sich dann auf. Die Hallen und Paläste der Verbotenen Stadt waren entsprechend ihren Nutzungen festlich geschmückt und für die Feier bestuhlt. So waren auch Baihu und Shi Yan zusammen mit den Kommandeuren und Generälen in der Halle der Militärischen Tapferkeit untergebracht. Nur geladene Gäste von hohem Rang konnten an dieser opulenten Feier teilnehmen.

Aber auch das Volk durfte mitfeiern und sich auf die Regentschaft des neuen Kaisers freuen. Vor den Toren der Verbotenen Stadt wurden ausreichend Nahrungsmittel und alkoholische Getränke verteilt. Ein großes Feuerwerk schloss am frühen Abend die gelungenen Feierlichkeiten ab. Wie schon gesagt, Yong Zheng wollte nicht viel Kosten für die Bestattung seines Vaters, aber auch für die Inthronisierung ausgeben. Die Arbeit wartete, und ein Tag Feiern musste ausreichen. Morgen früh begann der Alltag des neuen Kaisers.

Baihu und Shi Yan freuten sich schon auf die Heimreise. In zwei Tagen sollte aufgebrochen werden. Ein kleiner Trupp von 20 Gardesoldaten und die drei Shaolin sollten den Sohn des Kaisers begleiten. Und auch Lady Gioro und Xiao Xian sollten sich dem Trupp bis LINFEN anschließen.

Rechtsprechung sollte Yong Zhengs erste Arbeit sein. Baihu und Shi Yan diskutierten noch, wie sich Yong Zheng im Falle des Präfekten und im Falle seines Bruders entscheiden würde. Und während die zwei sich Gedanken darüber machten, diskutierte die ganze Kaiserfamilie bis spät in die Nacht hinein, in der Halle des kaiserlichen Friedens, über die Strafe des vermeintlichen Schergen Lirong Bao Fuca. Der erste Tag der kaiserlichen Regentschaft war ein Audienztag für alle hochgestellten Persönlichkeiten und Würdenträger aus dem Reich und aus aller Herren Länder, die sich gute Beziehungen mit dem neuen Kaiserhaus wünschten. Mit dem ersten Akt der neuen kaiserlichen Regentschaft sorgte Yong Zheng für einen Paukenschlag im Ministerium. Yong Zheng erklärte schon am ersten Tag seiner Regentschaft auch gleich seinen Nachfolger. Er wählte seinen vierten Sohn Hong Li und erhob ihn in den Stand des Prinzen im ersten Rang. Prinz Bao, diesen Namen hatte sich Hong Li erst gestern Nacht ausgesucht, nachdem er seinem Vater beteuert hatte, dass er sehr stolz auf diese Ernennung sei.

Bao bedeutet Stolz, und Prinz Bao bedeutet der stolze Prinz. Das gefiel allen. Natürlich bedeutete das aber auch, dass Prinz Bao bei der ersten Audienz anwesend sein musste, denn jeder Kotau, jede loyale Beteuerung der Gäste galt nun nicht nur dem Kaiser, sondern auch seinem Nachfolger, dem Prinzen Bao.

Nach diesem Akt war eine kleine Pause nötig. Die Protokollanten hatten alle Hände voll zu tun, um die vorgefertigten Protokolle um den Namen des Prinzen Bao zu erweitern. Nun war auch klar, warum die Anwesenheit Hong Lis für den Kaiser so wichtig war. In den Protokollen mussten alle Gratulanten, deren Wünsche und Beteuerungen und manchmal auch deren Geschenke genau verzeichnet werden.

Hong Li musste sich noch umsetzen, direkt neben seinem Vater. Die Kaiserin musste nach hinten rücken und durfte hinter ihrem Sohn Platz nehmen. Endlich begann die Audienz, die bis zur Mittagszeit nicht abreißen wollte. Mit stoischer Gelassenheit, aber mit sehr viel Würde ließen Yong Zheng und Prinz Bao das alles über sich ergehen.

Als die Verwalter und Herzöge der 30 Provinzen ihre Aufwartung machten, hielt es Yong Zheng für angebracht, auch den Fall SHANXI zu besprechen. Er ließ die Gefangenen Yun Reng und Lirong Bao Fuca vor den Thron bringen. Auf die nochmalige Befragung der Gefangenen, nach dem Grund und Hergang des Überfalls, schimpfte Yun Reng und zweifelte mit lauten Worten die Zuständigkeit dieses Gerichtes an und auch die rechtmäßige Thronbesteigung seines jüngeren Bruders Yong Zheng.

Fuca dagegen warf sich zu Boden, bereute seine Fehleinschätzung bei dem Überfall und erklärte dieses Fehlverhalten für unverzeihlich. Er verwies aber auch auf die über Generationen hinweg bestehende Freundschaft mit dem Kaiserhaus und an die Zeit, in der er und seine Familie die Provinz absolut loyal und erfolgreich verwalteten. Zu Prinz Bao hingewandt, erklärte er, dass er ihm nie ein Leid zufügen wollte, ja es gar nicht könnte. Für ihn galt der Befehl, Hong Li in LINFEN einige Tage gastfreundlich zu bewirten. Wenn aber Hong Li bis LINFEN nicht aufgefunden werden konnte, dann sollte er dem Trupp aus TAIYUAN entgegenreiten. Er konnte nicht wissen, dass Yun Reng den Trupp des Kaisers überfallen wollte. Und er war über den Angriff der eigenen Leute sehr überrascht. Fünf seiner Männer hatten dabei ihr Leben verloren. Als das Missverständnis von Yun Reng aufgeklärt war, rief Yun Reng zum Angriff. Seine Männer mussten folgen, denn Yun Reng war ihr Vorgesetzter. Er selbst habe in den Wirren nicht gewusst, gegen wen sie ankämpfen sollten. Er sei Verwalter und Beamter, kein Kriegsherr. Hätte er aber gewusst, dass dieser Angriff der kaiserlichen Garde galt, dann hätte er den Befehl verweigert und sein Leben für den Kaiser hingegeben.

Yong Zheng war beeindruckt von so viel Loyalität und Aufopferungsbereitschaft. Er kannte den Vater von Lirong Fuca gut und auch ihn selbst aus früheren Treffen. Er und seine Familie wurden schon oft im Hause Fuca in TAIYUAN empfangen und immer sehr gastfreundlich und wohlgesonnen aufgenommen. Nach der gestrigen Diskussion innerhalb der Kaiserfamilie sollte ein Abkommen getroffen werden, das das Haus Fuca fester an das Kaiserhaus binden sollte.

„Lirong Bao Fuca, früher warst du dem Kaiserhaus loyal verbunden. Bis zur Einsetzung von Yun Reng, haben du und dein Vater die Provinz SHANXI erfolgreich verwaltet. Das Haus Fuca hat dabei meinem Vater gute Dienste geleistet.“ Um seinen Worten mehr Bedeutung zu geben, machte Yong Zheng eine kleine Pause. „Wollt ihr das künftig auch für mich tun und die Provinz SHANXI befrieden und die Bevölkerung zu treuen Untertanen machen?“

Damit hatte Lirong Fuca nicht gerechnet. Er wollte es nicht glauben. Der Kaiser ging auf ihn zu, zerschnitt symbolisch seine Fesseln und erlaubte dem Herzog aus dem Kniefall aufzustehen. Ein Raunen ging durch die Menge.

„Als Pfand für die Loyalität des Hauses Fuca werden wir deine Tochter Xiao Xian am kaiserlichen Hof behalten. Sie wird dort als Zofe der Kaiserin ausgebildet und die kaiserlichen Schule besuchen.“ Wenn du, Herzog Lirong Bao Fuca, damit einverstanden bist, dann kannst du morgen mit deiner Familie zurück in die Provinz SHANXI.“ Der Herzog war überglücklich und bedankte sich für die Gnade und schwor, als rechte Hand des Kaisers, SHANXI zu verwalten und in eine erfolgreiche treue Provinz umzuwandeln.

„Und du, mein Bruder Yun Reng, du musst in Arrest bleiben, bis deine Schuld oder Unschuld bewiesen ist. Ein Ausschuss wird die Sachlage genau prüfen und über deine Zukunft entscheiden.“

Dies war ein guter Schachzug von Yong Zheng. Erstens ließ er Gnade walten, zweitens holte er sich mit der Klärung der Verhältnisse in SHANXI alle anderen Verwalter der Provinzen auf seine Seite. Drittens würde in der Provinz schnell wieder Ruhe einkehren. Viertens hätte er einen guten, loyalen Berater wieder an seine Seite geholt. Fünftens konnte es nicht schaden, wenn Xiao Xian auf die Rolle einer Kaiserin vorbereitet wurde. Alle schienen zufrieden zu sein, und Yong Zheng erinnerte sich an das Gespräch im Garten, das er zufällig mitgehört hatte. Die Frage an seinen Sohn Prinz Bao war: „Was würdest du als Erstes machen, wenn du Kaiser wärst?“ Und er antwortete: „Ich würde mein Volk glücklich machen.“

Das war Yong Zheng nun auch gelungen, und er hatte ein gutes Gefühl dabei. Dieser hervorragende Start des Kaisers in seine Regentschaft sollte auf das ganze Land ausstrahlen. Yong Zheng war ein hart arbeitender Herrscher. Das Hauptziel des Kaisers war die Schaffung einer effektiven Regierung mit minimalen Kosten. Er ging gegen Korruption vor und reformierte mithilfe seines neuen Freundes Fuca die Finanzverwaltung. Obwohl Yong Zhengs Regierungszeit viel kürzer war als die seines Vaters, würde die Yong-Zheng-Ära als eine Zeit des Friedens und des Wohlstands in Erinnerung bleiben.

1.08 Rückkehr zum Kloster FA MEN SI

TAIYUAN, LINFEN, FA MEN SI, Anfang März 1723

Am nächsten Tag machte sich der Zug in Richtung FA MEN SI auf. Die Familie Fuca sollte sich in LINFEN ausklinken, um dort den Umzug nach TAIYUAN vorzubereiten. Der Palast dort war ja der frühere Sitz der Fuca. Entsprechende Unterlagen, die die Machtübernahme beurkundeten und die die Soldaten an den neuen Verwalter banden, hatten die Minister noch über Nacht fertig gemacht. Zur Bestätigung sollte der Umzug vom rückziehenden Trupp aus FA MEN SI begleitet werden.

Auch Xiao Xian sollte, wenn die Truppe aus FA MEN SI zurückkam, wieder mit in die Verbotene Stadt kommen, um ihre Ausbildung für die nächsten Jahre anzutreten. Es war aber kein Abschied für eine lange Zeit. Die Kaiserin versprach ihrem Sohn Prinz Bao ihn zweimal im Jahr zu besuchen. Natürlich in Begleitung von Xiao Xian. An seinem Geburtstag Ende September und am Tag des Drachen Anfang März.

Hong Li war nun Prinz Bao, der offizielle Nachfolger des Kaisers. Dieser Status ließ sich in FA MEN SI nicht mehr geheim halten. Noch dazu hatte Yong Zheng die drei Shaolin als Leibwächter abgestellt, die nun Hong Li, Baihu und Shi Yan immer begleiten mussten.

Im Kloster angekommen, berichteten Baihu und Shi Yan dem Abt, was auf der Reise nach Peking alles passiert war. Der Abt ließ Prinz Bao und die Shaolin rufen. „Eure Hoheit Prinz Bao, unser Kloster ist sehr geehrt den künftigen Kaiser als Schüler bei uns zu haben.“ Bevor Chen Zheng Wei weiterreden konnte, unterbrach ihn Hong Li. „Lieber Abt, ich wurde in diesem Kloster als Hong Li aufgenommen, und innerhalb dieser Mauern werde ich auch Hong Li bleiben. Ich bin einer von euch, ein einfacher Novize, der seine Ausbildung noch fertig machen muss. Ohne Sonderstellung, ohne Sonderbehandlung.“ Hong Li fuhr fort: „Bitte nehmt meine drei Shaolin als Gäste und als Freunde in eurem Kloster auf.“

Shi Xin erklärte dem Abt: „Wir unterstellen uns dem Kodex eures Klosters FA MEN SI. Vielleicht kann dabei ein Austausch entstehen, in dem ihr uns eure WU-SHU-Technik erklärt und wir euch einige Techniken aus dem KONG FU zeigen.“ Chen Zheng Wei war begeistert und begrüßte den Austausch.

„Wenn Sie gestatten, lieber Abt, dann würden wir, Baihu, Shi Yan und ich, gerne am Berg nach dem Rechten sehen. Wir waren lange weg und befürchten, dass die Schneestürme viel Arbeit hinterlassen haben.“ Hong Li entließ die drei Shaolin von der Pflicht, sie zu begleiten. Der Mehrumstand würde nur bemerkt werden und für Unruhe sorgen. Shi Xin, der von Yong Zheng die Verantwortung für Hong Li erhielt, wägte das Risiko ab und stimmte dann zu. Er bat nur darum, alle Vorhaben mit ihm abzustimmen. Er musste wissen, wo sich Hong Li gerade aufhielt.

Der Anstieg zum Drachennest war wie eine Befreiung aus den Anspannungen der letzten Tage und Wochen. Sie freuten sich auf die Ruhe und Harmonie, die der Platz ausstrahlte. Auf dem Plateau angekommen, gab es kaum etwas zu arbeiten. Die Fläche war verschneid. Nur der DAWANG-Tempel musste auf drei Seiten von Schneewehen befreit werden, damit die Holzwände keinen Schaden nahmen. Nachdem sie fertig waren, ließen sie sich vor dem Altar nieder, um zu beten und auch um die Bilder der fünf Drachen anzuschauen.

Nachdem sie vor der Reise schon einiges in den Gewölben des Klosters über die Drachen und den Drachenkult gefunden hatten, bekamen die Gemälde auf den Holzwänden des kleinen Tempels eine ganz neue Bedeutung.

„Ich freue mich schon auf die Gewölbe morgen früh.“ Shi Yan war gespannt, was es in den Gewölben Neues zu finden gab und wie es dort weiterging. Der Weg zurück ins Kloster erledigte sich wie von selbst, fast wie im Schlaf. Und alle freuten sich auf eine warme Tasse Tee und auch auf ihre Kojen.

Gleich nach dem Frühstück sprangen die Burschen in die Pagode, die steile, in den Fels geschlagene Treppe hinunter. Sie hatten bisher das große Gewölbe freigemacht und gesäubert. Dabei entdeckten sie auf der gegenüberliegenden Gewölbeseite hinter einer „Geisterwand“ eine Geheimtüre. Die Geisterwand war kaum zu erkennen. Es war ein einfacher Felsvorsprung am Gewölbeende. Hinter diesem Vorsprung versteckt war ein schmaler Tunnel, in den man sich von links und rechts gerade noch durchdrücken konnte. Etwa in der Mitte des Vorsprungs knickte der Tunnel im rechten Winkel ab und wurde wieder breiter. Er stieg gleichmäßig an, machte ein paar Ecken, bis eine Wendeltreppe nach oben führte. Außerhalb der Klostermauern waren einige Felsformationen, in denen, ähnlich wie im Gewölbe, eine Geheimtüre versteckt war. So konnten Eingeweihte das Kloster unbemerkt verlassen oder auch besuchen. Selbst der Abt hatte diesen Fluchtweg noch nicht gekannt.

Heute wollten die Novizen das rechte Gewölbe freimachen. Dafür hatten sie im großen Gewölbe mehrere Tische aufgestellt, um das Gefundene bestimmten Themen zuordnen zu können. Das Gewölbe war mit zwei Meter hohen Wänden auf Holzlatten und Brettern abgeteilt. Mittig war ein Gang und links und rechts je sechs Türen. Chen Zheng Wei hatte ihnen einen großen Schlüsselbund mitgegeben. Nun mussten sie nur den richtigen Schlüssel finden. Sie mussten mit den Fackeln aufpassen. Das Holz der Zwischenwände war trocken und spröde. Einmal mit der Fackel berührt, würde das sofort ein großes Feuer entzünden. Vorsichtshalber ließ Baihu fünf Bottiche Wasser im Gang aufstellen.

Die zwölf Abteilungen waren allesamt vollgestellt, sodass man, Abteil für Abteil, von der Türe aus in die Tiefe hinein ausräumen musste. Viele Schriftrollen, viele Tonamphoren, viele Holzschatullen und viele Stein- und Porzellanfiguren waren kreuz und quer in den Abteilungen gesammelt und ohne Ordnung eingelagert.

Während Baihu und die drei Shaolin das rechte Gewölbe ausräumten, versuchten Hong Li und Shi Yan im großen Gewölbe das Gefundene vorzusortieren und verschiedenen Themen zuzuordnen. Das dauerte länger als das reine Ausräumen. Sodass die drei Shaolin zwischendurch immer wieder anderen Arbeiten im Kloster nachgehen konnten.

Baihu half beim Archivieren der neuen Fundstücke in eine vorläufige Liste, gerade so, wie die Stücke in der Reihenfolge und Lage ausgeräumt wurden. Diese statistische Erfassung war Chen Zheng Wei sehr wichtig. Er wollte sein Kloster ordentlich übergeben. Hong Li und Shi Yan fiel schnell auf, dass das rechte Gewölbe ausschließlich den Drachen gewidmet war.

Eine Abteilung galt der Drachengemeinschaft, fünf Abteilungen waren für je eine Drachenart belegt. Eine Abteilung war mit Überresten von uralten Dracheneierschalen und Drachenschuppen gefüllt, die dem Alter nach in feinen, unterschiedlich großen Holzschatullen aufbewahrt wurden. Gleich drei Abteilungen waren nur dem Drachenkult zugeordnet, und zwei Abteilungen dem Tag des Drachen LONG TAI TOU, wobei im vordersten Abteil, das kannte Shi Yan schon, die Dekorationen für die Feierlichkeiten aufbewahrt wurden. Da diese Dekorationen in den nächsten Tagen gebraucht wurden, ließ er die Drachenkostüme gleich hochbringen. Die Drachen bestanden in FA MEN SI nicht aus Papier, sondern aus wertvoller Seide. Die fünf übergroßen Drachenköpfe waren echte Kunstwerke. Sie stammten aus dem dreizehnten Jahrhundert, also aus den ersten Jahren, nachdem es keinen Drachen mehr gab.

Die fünf schlangenförmigen Körper waren aus runden Weidenbögen gefertigt, die mit unterschiedlichem Durchmesser am Bauch bis zu 150 cm bis zum Schwanzende mit fünf Tragestielen verbunden waren. Mit einem Abstand von zwei bis drei Metern wurden die Drachenkörper von fünf Mönchen hintereinander geführt. Die einzelnen Kreisbögen waren in eine glänzende Seidenröhre eingenäht. Alle Drachen unterschieden sich in Farbe und Form.

Die fünf reich geschnitzten Köpfe hatten je zwei Tragestiele und mussten, des Gewichtes wegen, auch von zwei Mönchen getragen werden. Durch eintrainierte, abgestimmte Bewegungen konnte der Seidendrache sich auf und ab bewegen und seinen Kopf anheben und auch zur Seite drehen. Es gab zudem noch mehrere Dutzend Kostüme, die die guten und auch die bösen Geister darstellten. Und es gab auch Kostüme, in denen jeweils zwei Menschen große Heuschrecken, Kakerlaken und noch schlimmeres Ungeziefer darstellten, aber auch Bienen und Ameisen, die guten Insekten, über die die Drachen, nach dem Glauben der Chinesen, herrschen.

In fünf Tagen war es wieder einmal so weit. Chen Zheng Wei ließ alle Beteiligten aus dem Kloster und auch einige aus den Dörfern in den Versammlungshof kommen, um den LONG TAI TOU vorzubereiten. Die Strecke des Zuges musste abgestimmt werden. Alles, was hinderlich war, musste aus dem Weg geräumt werden. Die Tribünen für die hochrangigen Gäste mussten links und rechts vom Klostertor aufgebaut werden. Der Kaiser hatte sein Kommen aufgrund der erst kürzlich vorgenommenen Inthronisierung abgesagt. Prinz Bao war ja in Vertretung schon vor Ort. Dafür meldeten sich aber die Verwalter aller angrenzenden Provinzen an, also aus HUBEI und SICHUAN aus dem Süden, HENAN und SHANXI aus dem Osten, NINGXIA und GANSU aus dem Westen und MONGOLIA aus dem Norden. Nur der Abt kannte die Liste.

1.09 LONG TAI TOU

FA MEN SI, 13. März 1723

Alle im Kloster halfen mit und auch viele Bürger, die um das Kloster herum wohnten. Die ganze Region wurde herausgeputzt und mit vielen Farben geschmückt. Als ZEN-buddhistisches Kloster durften die Gebetsfahnen nicht fehlen und viele Meditationsplätze mussten, verteilt auf der gesamten Klosterfläche, geschaffen werden.

Den größten Schatz von FA MEN SI wollte Chen Zheng Wei aber nicht der Öffentlichkeit zeigen. Es waren die Reliquien Buddhas, die noch im westlichen Gewölbe unter der Pagode aufbewahrt wurden. Wenn die Gewölbe einmal ausgeräumt, geordnet und gesäubert wären, erst dann dürften auch Pilger in die heiligen Gewölbe, um die Reliquien anzusehen. Im jetzigen Zustand wäre das kein Renommee für FA MEN SI.

Die Arbeiten im Gewölbe mussten nun vorerst eingestellt werden. Das LONG-TAI-TOU-Fest war der wichtigste Feiertag in dieser Region. Und alle im Kloster mussten helfen, damit das Fest ein Erfolg würde. Die Strecke des Drachenzuges sollte in diesem Jahr über FUFENG nach Osten, hinunter nach Süden bis NANYUNLONG, dann weiter nach Westen bis MEIYANGCUN, an TIEZHANG vorbei nach Norden bis GUANWUCUN und wieder nach Osten durch FUFENG bis zum Kloster führen. Sie wäre so ca. 7–8 km lang und böte vielen Gästen entlang der Straße Aufenthalt und entsprechende Stellplätze. Die Bewohner entlang der Zugstrecke bauten kleine Tribünen und Garküchen auf und füllten ihre Lager mit Getränken wie Tee, Reiswein, Bier und Pflaumenwein. Der Bambusblätter-Schnaps aus SHAANXI war weithin bekannt, und besonders beliebt war auch der Hirseschnaps BAI JUE aus der Region BAJO.

Der Drachentag LONG TAI TOU war für die ganze Region, rings um das Kloster herum, zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Und weil viele bis tief in die Nacht die Drachen respektive den Frühling feiern wollten, blieben viele auch mehrere Tage in dieser Region. Im vergangenen Jahr wurden alleine über 30 000 Übernachtungen in Herbergen und auch in Bauernhöfen registriert. Schon alleine deshalb zogen alle Bürger an einem Strang, damit das LONG TAI TOU in FA MEN SI für ganz China das bekannteste und beliebteste Fest blieb.

Im Klosters übten die Drachenträger, zu denen auch Baihu gehörte, die Bewegungen, die sie mit ihrem zehn Meter langen Drachen machen sollten, so, als ob er über die Erde schweben würde. Auch Hong Li und Shi Yan durften in Kostüme schlüpfen, die sie aus dem großen Fundus des Klosters aussuchen konnten. Hong Li wählte SUN WUKONG, den Affenkönig, der mit viel Schabernack und Respektlosigkeit die Wahrheit offenlegen will. Der Affenkönig hatte einen Stab, mit dem er weit und hoch springen und sich so schnell wieder in der Luft auflösen konnte. Shi Yan nahm das Kostüm des QILIN, ein Fabeltier, einem Einhorn ähnlich. Das QILIN hat den Kopf eines Drachen, die Hufe eines Ochsen, den Schwanz eines Löwen und den Bart eines Karpfens. Es trägt ein Hirschgeweih, und sein Körper ist mit Drachen- und Fischschuppen bedeckt. Ein QILIN ist ein friedliches Tier, das Liebe, Güte und Gerechtigkeit verkörpert, sich nur von Pflanzen ernährt und selbst das Gras, über das es läuft, nicht zertrampelt. Wenn ein QILIN erscheint, dann deutet dies auf die Ankunft eines weißen Herrschers hin. Und jetzt, nach der Inthronisierung von Yong Zheng, durfte das QILIN nicht fehlen.

Am zweiten Tag des zweiten Monats, nach dem chinesischen Mondkalender, war es dann endlich so weit. Schon früh am Morgen waren alle Mönche und Novizen dabei, das Kloster zu reinigen und zu schmücken. Gästezimmer wurden hergerichtet. Jeder wusste, was zu tun war. Baihu hat die Organisation dieses wichtigen Tages schon vor Jahren übernommen. Shi Yan und Hong Li halfen dabei. Bis Mittag sollte Aufgabe A und B, Reinigen und Schmücken, erledigt sein. Aufgabe C, Anziehen der Drachen und der alten Kostüme, folgte am Nachmittag. Danach wurde der Zug aufgestellt, das war Aufgabe D. Gegen Abend Aufgabe E, Feuerwerk und Böllerschüsse, dann kam die Hauptaufgabe F, das „Erscheinen der Drachen“ und der Zug durch die Gemeinden. Aufgabe G war der Abschluss im Hof des Klosters mit großem Feuerwerk und mit dem „Verschwinden der Drachen“. Aufgabe H war das Aufräumen der Kostüme, und erst danach waren alle Mitwirkenden eingeladen und aufgefordert mitzufeiern.

Die ersten Gäste erreichten FA MEN SI. Der Abt Chen Zheng Wei begrüßte die Verwalter der südlichen und westlichen Provinzen SICHUAN und GANSU, die sich an der Grenze getroffen hatten, um gemeinsam, in einem langen Zug, quer durch die Provinz SHAAXIN zur Stadt FUFENG und bis vor die Tore des Klosters FA MEN SI zu kommen. Die Verwalter, ihre Frauen und Kinder sowie ihre angemeldeten Begleitungen, Minister und hohe Beamte, setzten sich auf die reservierten Tribünen, während die Untertanen die Ochsen- und Pferdekarren vor die Stadt brachten, auf eigens dafür ausgewiesene Plätze. Die Untertanen konnten sich den Drachenzug außerhalb der Gemeinden ansehen. Alle Bürger der Region um FUFENG versorgten die Gäste mit Tee und kleinen Happen. SHAANXI war eine gastfreundliche Provinz, so wollten es der Verwalter und auch die Klostergemeinschaft zeigen.

Der Abt war gespannt auf die Gäste aus SHANXI. Er hoffte sehr, dass Herzog Fuca und Lady Gioro ihre Tochter mitbrachten. Er hatte aus den Erzählungen schon so viel von ihr gehört und würde sie gerne kennenlernen. Doch als Nächstes kamen die Gäste aus den Provinzen HENAN und NIGXIA sowie MONGOLIA und dann aus HUBEI. Von SHANXI war noch nichts zu sehen. Jeder Zug aus den benachbarten Provinzen brachte seine eigenen Trommler und Musikanten mit, um bei den Nachbarn Eindruck zu machen. Irgendwann würde das LONG TAI TOU zu einem Musikfestival werden. Chen Zheng Wei wäre das gar nicht so unrecht, man könnte ja ein solches Festival im Anschluss an das Drachenfest anhängen. Der Region konnte das nur recht sein.

Dann endlich kam der Zug aus SHANXI. Es war ein großer Zug, dass konnte man schon von Weitem erkennen, und es war ein Zug, der von Soldaten eskortiert wurde. Aus SHANXI waren zwanzig Gäste angemeldet. Leider aber ohne Namensangaben. Der Zug war wirklich beeindruckend. Die Soldaten hatten zwei Pferdewagen zwischen sich, das konnte man schon erkennen, und auch zwei Trommlergruppen und viele Musikanten begleiteten den Zug. Chen Zheng Wei ahnte, dass sich der Zug aus zwei Provinzen zusammengesetzt hatte. Das erklärten schon die unterschiedlichen Farben der Fahnen, die mitgetragen wurden.

Als der Zug näher kam, wurde der Abt bestätigt. SHANXI und HEBEI hatten sich zu einem Zug zusammengeschlossen. Aber HEBEI hatte sich gar nicht angemeldet. Die Soldaten ritten am Tor des Klosters vorbei, bis die Wagen auf Torhöhe ankamen. Der Abt ging auf die Wagen zu, um die Gäste zu begrüßen. Aus dem geschlossenen Wagen stiegen die Kaiserin Xiao Sheng Xian und ihre Zofe Xiao Xian aus und fast gleichzeitig Herzog Fuca und Lady Gioro aus dem nachfolgenden Wagen. Das war eine Überraschung.

„Die Kaiserin besucht das LONG-TAI-TOU-Fest in FA MEN SI. Das ist eine besondere Ehre für unsere ganze Region. Wir freuen uns sehr, dass Sie unserem Fest beiwohnen, herzlich willkommen.“„Lieber Abt, es war die Idee von Lady Gioro. Die Familie Fuca hat mich eingeladen mit ihnen hierherzureisen. Der Verwalter unserer Provinz HEBEI wollte mich begleiten, und der Kaiser hat zugestimmt, wenn die kaiserliche Garde uns eskortieren darf. Im kommenden Jahr wird er wieder persönlich das Fest in FA MEN SI besuchen.“

„Natürlich wollen wir heute auch den Prinzen Bao überraschen. Wo ist er denn?“„Oh, Hong Li ist mitten im Drachenzug. Leider weiß ich nicht, für welches Kostüm er sich entschieden hat. Nach dem Umzug wird er aber bestimmt zu uns kommen.“

In dem Trubel des Aufbaus war es unmöglich, nach Hong Li zu suchen. Er wollte Hong Li auch nicht aus seinen Pflichten entlassen. Er hatte Aufgaben, die er erledigen musste. Hong Li und Shi Yan halfen den Mönchen beim Zusammenbau der Drachen. Die Köpfe mussten am Körper angehängt und die Drachen in der richtigen Reihenfolge aufgestellt werden. Der Feuerdrache hatte zusätzlich an seinem Haupt noch zwei Flügel beweglich anmontiert, sodass sie, je nach Bewegung, mitschwangen, als ob der Drache fliegen wollte. Im Maul hatte man Feuerwerkskörper angebracht, die einen Feuerstrahl aus dem Maul stießen. Die Mönche, die den Drachen trugen und bewegten, waren schwarz gekleidet, sodass sie kaum gesehen wurden.

Den Anfang übernahm der Feuerdrache LONG LI. Er hatte, am Anfang des Zuges, die besten Möglichkeiten für einen spektakulären Auftritt. Die Feuerwerkskörper in seinem Maul, die übrigens jederzeit wieder nachgeladen werden konnten, hatten eine große Wirkung auf die Zuschauer. Danach kamen der Erddrache LONG GEN und der Metalldrache LONG DUI, die sich gerne ineinander verschlängelten und sich dann wieder lösten. Oft stolperten die Drachenträger bei dieser Figur.

Das war die komplizierteste Bewegung, die die Mönche lange einstudieren mussten. Danach kam LONG KAN, der ähnlich wie LONG LI spucken konnte, allerdings mit Wasser und nicht mit Feuer. Die Besucher, die vom Wasserdrachen Spritzer abbekamen, die konnten auf ein glückliches Jahr hoffen. Den Schluss bildete der Holzdrache LONG ZHEN. Er ist eigentlich die schönste Drache und die größte und wichtigste Figur. LONG ZHEN verkörpert ja den Frühling und vertreibt den Winter.

Er schloss den Zug ab. Zwischen die Drachen mischten sich noch andere Kostüme und Musik- und Trommlergruppen. Im Nachzug hängten sich fremde Gruppen an, die ihre eigene Provinz darstellen wollten. Baihu, Hong Li und Shi Yan waren sehr aufgeregt. Es wurde schon düster. Vor dem großen Tor waren links und rechts die Tribünen inzwischen voll besetzt. Alle warteten auf den Start von Baihu.

Da hob der Drache seinen Kopf weit über die Klostermauern hinweg. Seine Flügel öffneten sich. Blitze kamen aus seinen Augen, und aus dem Maul flackerte eine große Flamme. In diesem Moment öffnete sich das Tor, und der Drache kam zum Vorschein. Er steckte seinen Kopf durch das Tor und ließ nach links und nach rechts eine Feuerflamme zischen. Die Zuschauer erschraken.

Der Drache wirkte sehr wild, und schon strömten einige Figuren aus dem Tor, Bienen- und Ameisenkostüme, die den Drachen beruhigen sollten. Ein großer Böller startete den Zug. Der Drache schob sich, Träger für Träger, durch das Tor, begleitet von Feuerwerksraketen und Böllerschüssen. Nachdem die Flügel über das Tor hinaus waren, stellte sich der Drache auf und öffnete seine Flügel. Mal blickte der Drache nach links und dann nach rechts. Er wirkte wie echt.

Baihu war einer der Träger des Drachenhauptes und achtete darauf, dass von dem Feuerspucker kein Mensch getroffen wurde. Diese Eröffnung war wirklich spektakulär, und die Menschen auf den Tribünen klatschten begeistert. Hinter dem Feuerdrachen reihte sich eine Gruppe ein, die mit tiefen Paukenschlägen und Trommeln die Stimmung noch mehr aufheizten. Fackelträger sammelten sich an den Stellen des Zuges, an denen es gerade mehr zu sehen gab, und beleuchteten so das Geschehen. Ohne dass man die Träger sehen konnte. Xiao Xian hatte das LONG-TAI-TOU-Fest noch nicht mitfeiern können. Sie erschrak, als sich der Drache vor dem Tor aufbäumte. Die Kaiserin hatte dieses Fest schon öfters mitgemacht und obwohl man immer wieder versucht hatte, den Zug etwas zu erneuern oder zu ändern, so war es halt doch ein Fest uralter Traditionen.

Xiao Xian wusste, dass Hong Li sich unter den Akteuren befand und suchte nach ihm. Die Kostüme waren aber so gut, dass man nicht erkennen konnte, wer sich dahinter verbarg. Natürlich haben sich LONG GEN und LONG DUI gleich im Bereich der Tribünen verschlungen. Dabei mussten sich beide Gruppen mehrmals queren. Das gelang ganz gut. Die Träger waren kaum zu sehen. Die Fackelträger beleuchteten nur den Körper und die Köpfe der Drachen. Auch sie bekamen viel Beifall.

Jetzt schlüpften Hong Li und Shi Yan durch das Tor. Sie stellten sich kurz auf, damit man ihr Kostüm auch gut erkennen konnte, und rannten dann von einer Seite der Tribüne, zur anderen. Der Affenkönig SUN WUKONG und das QILIN, beide galten als Glückssymbole, die die Zuschauer streicheln wollten.

Der Affenkönig trieb seinen Schabernack, was Hong Li sichtlich Spaß machte, wenn er zum Beispiel Mützen von den Köpfen der Zuschauer herunterreißen konnte. Das QILIN ließ sich von Kindern umarmen und streicheln. Der Affe sprang hoch auf die Tribüne, setzte sich zwischen die Gäste und tat so, als ob er sie lausen wollte. Dann hüpfte er weiter und setzte sich bei einer Frau auf den Schoß, um gleich mit einem Riesensatz dank seines Stabes wieder auf der Straße zu landen. Shi Yan hatte das im Blickwinkel mitbekommen und staunte, wo er das wohl geübt hatte.

Da bat ein Mädchen darum, das QILIN streicheln zu dürfen. „Darf ich dich auch umarmen?“, fragte das Mädchen weiter. Shi Yan erkannte sie gleich. Es war Xiao Xian. Bevor er aber etwas sagen konnte, wurde er von den anderen Kostümen weggezogen. Der Zug würde wohl drei Stunden brauchen, bis er die Runde gemacht hatte. Shi Yan musste Hong Li irgendwie mitteilen, dass seine Freundin auch hier war. Inzwischen hatte sich auch LONG KAN, der Wasserdrache, am Tor gezeigt. Er stellte sich hoch auf und spuckte eine Wasserfontäne mitten in die Zuschauermenge hinein, die dabei laut jubelten und klatschten. Mit etwas Abstand, der durch Trommler- und Musikgruppen aufgefüllt war, drückte sich als Letzter der Holzdrache LONG ZHEN durch das Tor.

Er war etwas dicker und größer als die anderen Drachen, und er war umgarnt von vielen Bienen- und Ameisenkostümen. Dies hatte seinen Grund. Der Holzdrache galt als der König der hilfreichen Insekten, die ja die Pflanzen bestäubten und so für gute Ernten sorgten. Mit dem Frühlingsdrachen erwachten diese nun aus dem Winterschlaf. Hinter dem letzten Drachen reihten sich noch sechs provinztypische Gruppen ein, begleitet von Kostümen und Musikanten. Es dauerte eine Stunde, bis der gesamte Zug durch das Tor war. Bis er von seiner Runde wieder zurückkam, wurden die Tribünengäste mit Tee und Happen versorgt. Die Zuschauer am Straßenrand besuchten die Garküchen und Getränkestände oder überholten den Zug auf Abkürzungen, um ihn ein weiteres Mal zu sehen.

Es war viel Bewegung in der Region. Auch Xiao Xian wollte sich die Füße vertreten und sich und der Kaiserin eine Kanne Tee und ein paar Häppchen holen. Unweit vom Tor wurde sie angerempelt. Der Affenkönig sprang um sie herum und zog an der Kapuze und an ihrem Mantel. „Hallo Mädchen, schenkst du mir dein Herz?“ Xiao Xian wusste nicht, dass Hong Li hinter der Maske war. „Nein, mein Herz gehört jemand anders“, erwiderte Xiao Xian schlagfertig.

Während der Affenkönig das Mädchen hektisch kitzelte und an der Kapuze zog, fragte er: „Dann schenke mir eine Blume aus deinem Haar“, und bevor sie das ausschlagen konnte, hatte Hong Li ihr schon eine Blüte unter der Kapuze herausgezogen. „Du darfst dir dafür etwas wünschen. Ich werde es dir erfüllen. Du weißt ja, ich bringe den Menschen Glück.“

Und schon war er mit der Blume auf und davon. Nachdem Shi Yan in einer Zugpause Hong Li informiert hatte, wo er Xiao Xian gesehen hatte, rannte dieser gleich voraus und klinkte sich aus dem Zug aus. Es gab noch mehr Affenkostüme, sodass es nicht auf diesen einen Affenkönig ankam. Er wollte bei seiner Freundin sein. Schnell zog er sich um und verstaute das wertvolle Kostüm ordentlich.

Auf der Tribüne sah er gleich seine Mutter. Nachdem er sich dem Herzog Fuca zu erkennen gegeben hatte, schlich er sich von hinten an und bedeckte mit seinen Händen die Augen der Kaiserin. Diese war kurz erschrocken, erkannte dann aber gleich ihren Sohn Hong Li. „Wo ist Xiao Xian?“, fragte er. „Sie vertritt sich die Beine und wollte etwas zu essen holen. Da kommt sie ja schon.“ „Verrate mich bitte nicht.“ Hong Li versteckte sich ein paar Plätze weiter hinten. Als sich Xiao Xian wieder gesetzt hat, stellte er sich hinter sie und bedeckte nun ihre Augen. „Was hast du dir vom Affenkönig gewünscht?“ „Ich wollte meinen Freund wiedersehen. Der muss aber hier irgendwo als Affe herumspringen, verängstigte Mädchen kitzeln und an der Kleidung zupfen.“ „Na, und du siehst, so schnell kann der Affenkönig deine Wünsche erfüllen.“ Hong Li setzte sich neben sie und schob ihre Kapuze nach hinten, um die geliehene Blüte wieder ins Haar zu stecken.

Und wieder roch er diesen Duft von Frühling und Natur. Er hatte sich in diesen Duft verliebt. Er hatte sich in dieses Mädchen verliebt. Hong Li hob die Kapuze vorsichtig über das Haar und zog dabei Xiao Xian zu sich her. Und Xiao Xian lehnte sich an ihn. Eine Explosion von Gefühlen fuhr durch die beiden Körper. Ohne Worte klebten sie aneinander. Die Kaiserin spürte das, und auch Herzog Fuca sah dies und stupste seine Frau an.

Der Drachenzug befand sich schon auf dem Rückweg. Kurz vor der Tribüne lenkte der Zug in die Straße ein, die auf das Klostertor zuführte. Die Akteure waren nach wie vor leidenschaftlich dabei, und die Bevölkerung war begeistert. Mit den letzten Metern gaben die Drachen noch einmal alles. Feuerwerk und Böllerschüsse kurz vor dem Tor, um dann in der Dunkelheit leise zu verschwinden.

Der Feuerdrache drehte sich vor dem Tor noch einmal um, spie aus allen Rohren noch einmal Feuer und ging, nachdem er sich noch einmal aufgestellt und seine Flügel ausgebreitet hatte, rückwärts durch das Tor. LONG KAN spuckte auch noch einmal in die Runde und leerte alle seine Wasserbeutel. Zuletzt drehte sich LONG ZHEN noch einmal dem Publikum zu, um sich dann langsam rückwärts durch das Tor zu quetschen. Mit einem lauten Böller und einem finalen Feuerwerk war der Zug beendet.

Die übrigen Kostüme mischten sich anfangs unter die Besucher, um dann aber auch hinter die Klostermauer zu kommen, sich umzuziehen und mitzufeiern. Die Musikgruppen verteilten sich in der Region oder gingen dorthin, wo ihre Landsleute sich aufhielten.

Chen Zheng Wei war mehr als zufrieden. Nein, er war richtig stolz. Er begleitete die Kaiserin und die Familie Fuca noch bis zu den Gasträumen des Klosters, um sich dort zu verabschieden. Vor den Toren des Klosters wurde noch lange gefeiert und getrunken. Am nächsten Morgen hatte so mancher Mönch und auch mancher Gast einen Brummschädel. Aber alle waren sich einig, dieser LONG TAI TOU 1723 war der schönste seit vielen Jahren.

Chen Zheng Wei hatte nicht viel geschlafen. Er war noch so aufgeregt. Er konnte lange bei der Kaiserin sitzen, und er konnte sich mit vielen Ministern unterhalten. FA MEN SI würde mit diesem LONG TAI TOU und mit seinem Drachenkult in aller Munde bleiben. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Das Morgengebet war aufgrund des Festes verschoben. Trotzdem waren schon einige Mönche auf, um mit den Aufräumungsarbeiten zu beginnen. Da sah er Hong Li und Xiao Xian am Büro vorbeischleichen. „Wo wollt ihr denn hin?“, fragte er. Hong Li erschrak. „Ich möchte Xiao Xian das Drachennest und später die Klostergewölbe zeigen. Bitte erlauben Sie es mir, lieber Abt.“ „Nun, nachdem du mich so freundlich gefragt hast, will ich es euch gestatten. Aber weiß die Kaiserin davon?“ „Ach, die schläft noch. Würden Sie es ihr bitte ausrichten?“ Und schon waren sie weg.

Chen Zheng Wei war natürlich aufgefallen, dass sich Hong Li gestern vom Zug entfernt hatte, das gefiel ihm gar nicht. Und das Drachennest und die heiligen Gewölbe waren eigentlich geheim. Aber was sollte er machen? Hong Li war des Kaisers Sohn, Prinz Bao, und der wollte gestern lieber bei seiner Mutter und bei seiner Freundin sitzen. Heute noch Freundin, morgen vielleicht Kaiserin.

Die Kaiserin war mit Xiao Xian in den Gästeräumen des Klosters untergebracht. Auch Herzog Fuca mit seiner Frau Lady Gioro nahm die Vorzüge eines gewärmten Gastzimmers im Kloster gerne an. Es war eine gute Idee von Lady Gioro, die Kaiserin zu fragen, ob sie das Fest in FA MEN SI mit ihnen besuchen wollte. Bei dieser Gelegenheit kam Xiao Xian wieder nach Hause zu ihren Eltern und von dort aus direkt zu ihrem Freund Hong Li.

Nun war die Kaiserin aber etwas erbost. Xiao Xian wurde von ihr als Zofe ausgebildet und sollte bei der Ankleide in ihrer Nähe sein und ihr helfen. Die Kaiserin ließ Lady Gioro rufen und fragte nach Xiao Xian, die natürlich nicht wusste, wo ihre Tochter sich aufhielt. „Dann wird mir jetzt die Mutter meiner Zofe helfen. Lady Gioro, beginnen wir mit den Haaren.“ Diese Zofenarbeit machte Lady Gioro gar nichts aus. Im Gegenteil. So konnten sie sich sehr intim unterhalten.

Nachdem Lady Gioro die Kaiserin nach ihrer Tochter und deren Geschicklichkeit ausgefragt hatte, kam sie auch gleich zu Hong Li, der offenkundig in Xiao Xian vernarrt war. „Oder ist da mehr?“, fragte sie die Kaiserin. „Ich kenne meinen Sohn ganz genau, und ich glaube, da ist mehr als nur Vernarrtheit. Hong Li ist sehr pflichtbewusst und steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Er spielt nicht mit Gefühlen, sondern meint es ernst. Er mag Xiao Xian ganz gewiss sehr. Aber wie sieht das mit Ihrer Tochter aus?“

Lady Gioro hatte ein gutes Verhältnis zu ihrer Tochter. Mehr wie Freundinnen, die keine Geheimnisse voreinander hatten. „Xiao Xian hatte noch keinen Freund. Sie ist in dieser Hinsicht noch etwas unbedarft. Dennoch mag sie Hong Li sehr, und sie scheint seine Berührungen zu genießen. Sie können sich gut riechen, was ja in einer Ehe sehr wichtig ist. Xiao Xian hat aber viele Interessen, und ich glaube, ihr Herz ist nur durch gemeinsame Interessen zu gewinnen. Xiao Xian ist sehr sparsam und naturverbunden. Ihr Tick, sich nur mit Blumen zu schmücken, kommt aus ihrer innersten Überzeugung. Xiao Xian hasst Tand und Prunk. Sie sucht in ihrem Gegenüber das reine Herz und den wahren Verstand. Sie lässt sich durch Äußerlichkeiten nicht blenden.“

Während Lady Gioro erzählte, bürstete sie die langen Haare der Kaiserin, flocht einen Zopf und wickelte diesen um den Kopf der Kaiserin. „Das machen Sie gut. Nun habe ich eine neue Frisur. Steht mir das, oder wirkt das nicht zu jugendlich?“„Majestät, kann es uns Frauen schaden, wenn wir etwas jünger aussehen?“ „Ja, Sie haben recht. Ich bin zwar die Hauptfrau von Kaiser Yong Zheng, aber die Konkurrenz schläft nicht.“ Die Frauen unterhielten sich vollkommen entspannt, fast wie Freundinnen. Die Kaiserin war dankbar. Im Palast hatte sie nur Konkurrentinnen, die jeden Fehler ausnutzten, um sich selbst näher an den Kaiser zu bringen.

Sie wusste, wie wichtig gemeinsame Interessen in einer Ehe sind. Der Kaiser legte großen Wert auf ihre Meinung, und oft kam er nur zu ihr, weil er eine Lösung für ein Problem suchte. Nachdem die Kaiserin angekleidet und auch Lady Gioro bereit war, gingen sie gemeinsam zum Frühstück. Bevor sie den Raum verließen, fragte die Kaiserin: „Eine Frage noch, passen unsere zwei zusammen für ein ganzes Leben?“ Lady Gioro antwortete diplomatisch: „Die Zeit wird es uns zeigen. Aber ich vertraue darauf, dass das, was zusammengehört, auch zusammenkommt.“ Die Kaiserin nickte, und beide Frauen fühlten: Sie verstanden sich wirklich gut.

Baihu und Shi Yan hatten sich wieder den Gewölben zugewandt, als Hong Li und Xiao Xian die Treppen herunterstürzten. „Wir waren gerade am Berg … ja, mit dem Einverständnis vom Abt … da oben ist alles in Ordnung. Nun zeige ich Xiao Xian das übrige Kloster. Xiao Xian wird morgen wieder nach Peking reisen. Ich hoffe, ihr habt Verständnis, wenn ich heute freinehme.“ Sie hatten Verständnis. Shi Yan konnte zwar nicht verstehen, dass es für Hong Li wichtiger war, mit einem Mädchen herumzutollen, als die interessanten Schätze des Klosters zu sichten, aber Baihu hatte ihm schon erklärt, was hier wohl abläuft zwischen Mann und Frau. Shi Yan wollte nie heiraten. Er wollte Drachenmeister werden und vielleicht auch einmal ein Abt in einem Kloster wie FA MEN SI. Mädchen, Frauen würden ihn dabei nur ablenken.

Am Abend trafen sie sich wieder. Baihu und Shi Yan versorgten gerade ihre Pferde BAI TUZI und BAI LONG in den Stallungen hinter dem Kloster. „Wo ist Xiao Xian?“, fragte Shi Yan. „Die ist bei ihren Eltern oder bei meiner Mutter. Koffer packen für die Abreise morgen früh. Schade, dass wir nicht mehr Zeit haben. So wie es aussieht, werden wir uns erst wieder zum kommenden LONG TAI TOU sehen. Und ich bin darüber sehr traurig.“ Shi Yan legte den Arm um Hong Li und tröstete ihn. „Wenn wir in einem halben Jahr unsere Prüfung erfolgreich hinter uns haben, dann können wir ja mal kurz nach Peking reiten und Xiao Xian besuchen.“ Die Stalltüre ging auf, und die drei Shaolin kamen mit ihren Pferden herein. „Peking? Wann geht es nach Peking? Wir sind dabei“, rief Shi Xi „Und ich bin auch dabei“, ergänzte Baihu. „Aber, meine lieben Schüler, erst nach bestandener Prüfung.“ Der Alltag kehrte wieder im Kloster FA MEN SI ein. Tausende von Schriften und Kartons mussten gesichtet werden. Und nebenbei die Arbeit am Berg und dann die Schule mit der Prüfung, die immer näher kam. Das KAN YU mit seinen 4 Lehren SAN HE, WU XING, BA ZHAI und SAN YUAN, diese Formeln konnten die Klassenbesten manchmal besser als die Lehrer selbst. Nur, Hong Li schien sich etwas zu verändern. Er war oft traurig und zweifelte an sich, was früher überhaupt nicht der Fall war.

Er zweifelte aber nicht nur an sich, er zweifelte auch an KAN YU. An dem Medium CHI. An dieser Energie, die er nicht spüren konnte, die keiner spüren konnte und die aber angeblich so viel Wirkung auf Menschen hatte. Immer öfters gab es Diskussionen in den Klassen, wenn die Lehrer CHI als gegeben annahmen und Hong Li sie hinterfragte. Er suchte etwas, woran er sich festhalten konnte, woran er CHI erkennen konnte. Die Arbeit am Drachennest hielt er für unnötig, für Zeitverschwendung. Er sah zwar die Drachenschuppen und die Eierschalen, aber die Drachen waren fort. Ausgestorben. Nicht mehr da, und sie würden auch nicht mehr kommen.

Chen Zheng Wei kannte diese Zweifel. Er selbst hatte auch so eine Zeit, erst mit seiner Reise in den Himalaya hat er das CHI gefunden und auch wieder seinen Glauben. Er konnte Hong Li nicht helfen. Er selbst musste das Chi erfahren. Er riet ihm, die Prüfung abzusagen und erst diese Krise zu bewältigen. „Geh in die Welt hinaus und suche das CHI. Wenn du es gefunden hast, dann kannst du gerne wiederkommen.“

Nach ein paar Wochen fand Shi Yan einen Brief auf seinem Bett:

„Lieber Shi Yan. Ich muss mein CHI finden. So kann ich nicht glücklich werden. Ich störe den gesamten Schulablauf, ja das ganze Kloster, mit meiner Unwissenheit und meinem Unglauben. Ich werde nun das Chi suchen, und erst, wenn ich es gefunden habe, werde ich wiederkommen. Bitte sag meiner Mutter und Xiao Xian, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Shi Xin und die zwei anderen Shaolin begleiten mich. Alles Gute und viel Glück bei deinen Prüfungen, dein Freund Hong Li. Ach ja … und sage Baihu bitte, ich habe mir BAI LONG ausgeliehen. Ich bringe ihn wohlbehalten wieder zurück.“

Shi Yan rannte zu Baihu, der von den Shaolin aber nichts wusste. Zusammen gingen sie zum Abt. Der beruhigte sie und bestätigte: „Keine Angst, Hong Li wird sein Glück finden. Ich habe damals das Gleiche gemacht.“

1.10 Die Suche nach dem CHI

Hong Li bereist ganz China im Frühjahr 1724

Hong Li und die Shaolin ritten zuerst nach LHASA. Dort trafen sie sich mit dem 7. Dalai Lama Kelsang Gyatsho, der genauso alt war wie Hong Li, jugendliche 13 Jahre. Der Dalai Lama, „Führer der Lebewesen und Verbreiter der Lehre“, wertete den Besuch des Prinzen Bao als Staatsbesuch, der die Freiheit des tibetanischen Volkes bestätigen sollte. Als der Kaiser Yong Zheng dies erfuhr, war er sehr erbost. Als Regierungsinstanz errichtete er daraufhin einen Ministerrat. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter wurden vom Kaiser berufen. Nunmehr stand Tibet unter der direkten Oberhoheit des Kaisers Yong Zheng. Das alles interessierte Hong Li aber nicht. Der siebte Lama konnte ihm nicht helfen. Politische Absichten hatte man ihm unterstellt, den Glauben an CHI konnte er ihm aber nicht vermitteln. Auch der siebte Lama schien nicht so recht an CHI zu glauben.

Sie ritten weiter nach Westen, am Fluss LHASA entlang, immer höher in den Himalaya hinein. Den Fluss YARLUNG TSANGPO entlang und weiter am Fluss DANG QUEZANGBU auf der Nordseite des Himalayas, dessen 8000er-Berge eine spektakuläre Kulisse bildeten. Der Sauerstoff wurde knapper. Sie waren auf der Nordseite des Himalaya auf ca. 5000 Höhenmeter. Hong Li wollte unbedingt den heiligsten Berg KAILASH sehen und, wie sich das für einen gläubigen Buddhisten gehört, ihn umrunden. Davor mussten sie fast den ganzen Himalaya entlang. Ab NGARI ritten sie nach Norden bis an den AKSAI-CHIN-See. Eine menschenleere, öde Gegend. Hong Li war erschrocken und sehnte sich wieder nach bewohnten Gebieten.

Shi Xin, der, ohne dass es Chen Zheng Wei bemerkte, aus dem Archiv Kartenmaterial mitgenommen hatte, wusste nur, dass weiter im Norden die Seidenstraße über die Stadt HO TAN führte. Das sollte das nächste Ziel sein, wohl wissend, dass sie einen 6000 m hohen Pass überqueren mussten. Mit den Herausforderungen gewann Hong Li wieder Selbstvertrauen. Die vier Reiter machten sich auf zu neuen Taten. HOTAN war nach 200 km und nach großen Anstrengungen am Pass erreicht. Die Pferde waren zäh und ausdauernd. Und BAI LONG und Hong Li hatten sich inzwischen auch richtig angefreundet. „HOTAN, eine Stadt mitten in der Wüste, aber eine Stadt, die 1275 auch Marco Polo schon besucht hat, auf dem Weg zum Hofe des Kublai Khan in ULAAN BAATAR.“ Hong Li wollte etwas angeben mit seinen geografischen und geschichtlichen Kenntnissen. „Bereust du schon, dass du die Prüfung geworfen hast?“ Shi Xi drückte mit dem Finger in Hong Lis Wunde. „Die Schulprüfung wäre ein Leichtes gewesen. Das KAN YU war das Problem.“

„Nur des Glaubens wegen?“ Die ganzen vergangenen Wochen war dies kein Thema, und Shi Xin hatte das Gefühl, das CHI wäre schon fast vergessen. Gut, dass er Hong Li wieder daran erinnert hatte. Hong Li wurde wieder ruhiger und in sich gekehrt.

In HOTAN suchten sie eine Unterkunft, und alle freuten sich auf ein Bad und auf ein gutes Essen und ja, auch auf ein Glas Reiswein oder ein Bier. Am nächsten Tag besuchten sie die Moschee in HOTAN und gingen über den Markt. Die Pferde mussten auch einmal ausruhen. Am Abend versuchte Shi Xin das Thema noch einmal auf das CHI zu bringen. „Du wärst besser zu den Shaolin gegangen, als zu den ZEN-Mönchen nach FA MEN SI“, stellte Shi Xin in den Raum. „Und warum? Was ist da anders?“ „Das CHI.“ „Wie das CHI?“ „Nun, wir Shaolin erlernen ja die Kampfsportart KUNG FU. Ohne das Vertrauen auf CHI könnten wir diese Sportart gar nicht ausüben.“ Hong Li hatte angebissen. „Und warum nicht?“ „Weil wir inneres CHI an die Körperstelle hinleiten, die für den Schlag wichtig ist. Wir machen das mit Meditation, mit der Kraft der Gedanken.“

„Würden wir das nicht tun, dann würde unsere Hand brechen und nicht der Ziegelstein. Dann hätten wir nicht diese Kraft in Armen oder Beinen. Das CHI, das dabei wirkt, ist das gleiche. Könnte sonst eine Bambussprosse einen Stein brechen? Der Unterschied liegt nur darin, dass das äußere CHI längere Zeit braucht, um zu wirken als das innere CHI. Die Wirkung braucht mehr Zeit, ist aber doch ungeheuer stark. Nimm den Regentropfen, der auf die Erde fällt. Am Anfang nimmt die Erde das Wasser dankbar auf. Irgendwann ist es aber genug. Regnet es weiter, dann wird die Erde überschwemmt, und irgendwann wird aus dem Regentropfen eine große Flut. Das alles macht das CHI. Den Regentropfen, aber auch die Flut.“ Hong Li wollte schon wieder abwinken. „Ja, wer’s glaubt. Und was ist mit den Drachen? Alles nur Humbug. Ausgestorben sind sie, und es wird keiner mehr kommen. Wer soll also das Glück bringen, das CHI? Und wie?“

„Ich kenne mich mit dem Drachenkult nicht so gut aus. Baihu könnte hierzu mehr sagen. Die Drachen, so sagt man, sind das Spiegelbild der Menschheit. Drachen in Harmonie bringen dem Menschen eben diese Harmonie und damit ein glückliches Leben. Streiten aber die Drachen, dann streiten sich auch die Menschen. Und in der Umkehr, streiten die Menschen, dann streiten sich auch die Drachen. Dann muss der Drachenmeister die Drachen wieder in Harmonie bringen, entsprechend der KAN-YU-Lehre WU XING, mit den fünf Elementen.“ Hong Li warf ein: „Du kennst dich ja doch ganz gut aus.“ „Ja, Baihu hat uns darüber aufgeklärt. Jeder Drache vertrat nur ein Element. Und wenn die aus dem Gleichgewicht kamen, dann gab es Ärger im Nest und bei den Menschen sogar Krieg. Soviel ich weiß, sind die Drachen nicht ausgestorben, sondern sie haben sich nur zurückgezogen, weil kein Mensch mehr an sie glauben wollte.“ Shi Xin resümierte: „Jetzt sitzen wir hier in HOTAN, 5000 km von zu Hause entfernt. Um uns herum ist nur Wüste, und wir diskutieren über Drachen.“ Alle lachten.

Hong Li hatte tatsächlich seinen Frust über das CHI fast vergessen. Alles, aber auch wirklich alles schien unglaublich weit weg zu sein. Seine Suche nach dem CHI verlief im wahrsten Sinne des Wortes im Sand. Eigentlich hatte er nicht das CHI gesucht und auch nicht sich selbst. Im Gegenteil, er war vor sich selbst weggelaufen. Das ist auch eine Erkenntnis. Mindestens 5000 km waren sie schon in mehr als zwölf Wochen geritten.

Shi Yan hatte sicher bereits seine Prüfungen bestanden … und Xiao Xian, die hatte ihn wahrscheinlich schon längst vergessen. Hong Li stand auf. „Was bitte haben wir hier in HOTAN verloren? Auf nach Peking, und zwar so schnell wie möglich.“ „Peking, das sind noch mindestens 2500 km, also kein Katzensprung“, ergänzte Shi Xin. Hong Li fühlte sich wohl mit dieser Entscheidung. Immerhin hatte er wieder einmal etwas entschieden. Das machte ihm Mut. Das mit dem KUNG FU hatte ihm eingeleuchtet. Es gab auch die ausladenden Bewegungen des TAI CHI, eine Kampfsportart, die ebenfalls bei den Shaolin gelehrt wurde. Da wurde das äußere CHI eingesammelt und dann gegen den Feind gerichtet. Vielleicht war er wirklich am falschen Platz in FA MEN SI. Das, was Shi Xin ihm erzählte, das leuchtete ihm ein. Ohne das innere CHI zu konzentrieren auf einen, nein, auf den Punkt, auf den es ankam, das ging nur, wenn man CHI bewegen konnte. Und das ging wiederum nur, wenn man CHI fühlen konnte. Und wenn man es fühlen konnte, dann musste es auch vorhanden sein.

Nach seinem Erlebnis in Lhasa hatte Hong Li vermieten, seine Herkunft zu verraten. Ab jetzt reisten sie aber offiziell im Norden von MONGOLIA auf dem kürzesten Weg nach Peking. In vier bis fünf Wochen wollte Hong Li bei Xiao Xian sein.

Nachdem er unter seinem Namen Prinz Bao vier frische Pferde gekauft hatte, konnten die Reiter abwechselnd durchreiten und die eigenen Pferde schonen. Die Seidenstraße verlief 1400 km quer durch eine Sandwüste bis KUMUL, dann 1200 km Steinwüste bis BAYAN NUR, wo sie endlich auf den Gelben Fluss stießen und sich auf ein erfrischendes Bad für Ross und Reiter freuen konnten. Die letzten 900 km über BAOTOU an der Chinesischen Mauer entlang bis nach HUAI AN, dem Fluss YANG HE nach und dann nur noch einen kleinen Katzensprung bis PEKING. Obwohl ab BAYAN NUR wieder viele Menschen auf den Straßen waren, wurden sie nicht aufgehalten. In den Unterkünften wurden sie freundlich behandelt. Jeder war stolz des Kaisers Sohn, Prinz Bao, bewirtet zu haben. Hong Li war ungeduldig und trieb die Shaolin an. Er konnte es kaum erwarten, seine Xiao Xian wieder in den Händen zu halten. Er machte sich keine Gedanken, was sein Vater oder seine Mutter zu seiner Selbstfindungsreise sagen würden. Und auch dazu, dass er die Schule kurz vor der Prüfung hingeschmissen hatte. Nach fast 10 000 km Selbstsuche konnte Shi Xin aber eines bestätigen: Die fast fünfmonatige Reise hatte Hong Li noch einmal verändert. Er war gewachsen und erwachsen geworden. Er hat sich und sein China kennengelernt und nicht nur die schönen Seiten von beiden.

1.11 Das Eheversprechen von Hong Li und Xiao Xian

PEKING im September 1724

Schon von Weitem rief Hong Li vor dem Mittagstor, dass dieses geöffnet werden sollte. Ohne abzusitzen, ritt er mit BAI LONG durch den Tunnel und über die Prinzenbrücke. Die drei Shaolin taten es ihm gleich, allerdings ritten sie über die äußere Brücke. Hong Li sprang ab und ging auf direktem Weg zum Palast der Kaiserin. Der Kaiser hielt sich in der Halle der höchsten Harmonie auf und sah den Sohn mit eiligen Schritten über den Inneren Hof gehen, durch den Garten in Richtung des Palastes der Kaiserin. Er hatte noch einige Formalitäten zu erledigen und wollte dann aber zur Kaiserin gehen und nach dem Rechten schauen.

Die Kaiserin und Xiao Xian saßen im Garten. Keine rechnete mit Hong Li. Xiao Xian sah ihn als Erste. Sie sprang auf und warf sich Hong Li an den Hals. „Der, dem mein Herz gehört, ist zurück.“ Hong Li konnte den Anflug gerade noch abfangen, indem er sich im Kreis drehte und Xiao Xian um seine Achse mitnahm.

„Ja, ich bin zurück, und ich gehe ohne meine Prinzessin nicht wieder fort.“ Die Kaiserin war erschrocken, weil Xiao Xian so plötzlich aufgesprungen war. Sie erkannte, dass hier zwei Menschen hoffnungslos in sich verliebt waren. „Hong Li, warum hast du dich nicht angekündigt? Zuletzt haben wir von Chen Zheng Wei vor fünf Monaten eine Nachricht erhalten, dass du mit den Shaolin auf Reise gegangen bist.“ Während Xiao Xian noch immer bei Hong Li am Hals hing und ihre Beine um seinen Körper geschlungen hatte, betrat der Kaiser den Raum. Erst jetzt löste Xiao Xian die Umschlingung und trat ehrfürchtig zurück. „Verzeiht, Majestät, aber die Freude über Hong Lis Heimkehr hat mich überwältigt.“

„Nun, auch ich bin überwältigt, aber auch sehr enttäuscht. Unter Pflichterfüllung verstehe ich etwas anderes. Du hast mir im Ministerium viel Ärger eingebracht, mit deiner ungeplanten Reise.“ Auch die Kaiserin erklärte ihren Unmut über diese Eskapade. „Warum hast du die Schule hingeschmissen, so kurz vor der Prüfung? Hättest du deine Zweifel nicht erst mit Chen Zheng Wei oder mit deinen Freunden Baihu und Shi Yan besprechen können?“

„Ihr habt ja recht, aber ich war so durcheinander. Der Abt, Baihu und Shi Yan hätten nur versucht mich umzustimmen. Ich musste selbst mein Ziel finden und meinen Glauben an mich, an das KAN YU und an die Drachen.“ Der Kaiser war sehr gefast. Eigentlich war er nur voller Sorgen um seinen Thronfolger. Sollte er sich lieber jetzt die Hörner abstoßen als auf dem Thron. „Und, hast du dich gefunden? Hast du das CHI gefunden?“ Hong Li trat zu Xiao Xian und nahm sie in den Arm. „Ja, ich habe mich gefunden, und ich habe zu Xiao Xian gefunden. Je weiter ich von ihr entfernt war, umso mehr habe ich mich nach ihr gesehnt.“ Hong Li nahm eine offizielle Stellung ein: „Mutter, Vater, gestattet mir bitte, dass ich Xiao Xian zu meiner Frau nehme.“ Das Gesicht des Kaisers wurde erst weiß und dann hochrot. „Deine Reise, Hals über Kopf, kann ich noch als jugendliche Verrücktheit ansehen, aber das hier zeigt mir, wie unreif du wirklich bist.“ Der Ton wurde lauter. „Der Wunsch eines Kindes. Früher wolltest du deine Mutter heiraten, dann auch mal dein Pferd.“

Der Kaiser war außer sich. „Du stehst vor mir wie ein trotziger Junge, den der Wind des Lebens nur mal kurz gestreichelt hat und der beim ersten Sturm alles fallen lässt und in die Arme der Mutter läuft. Du bist nicht mehr als ein Schüler, der seine Schule hingeschmissen hat, der nicht einmal genügend Durchhaltevermögen hat, um eine Prüfung abzulegen. Der durch die Welt reist, nichtsahnend von dem, was er damit alles anstellt.“ Yong Zheng steigerte sich noch weiter hinein: „Xiao Sheng Xian, das ist dein Sohn. Das ist deine Erziehung. Das ist die Erziehung der Schule in FA MEN SI. Hong Li hätte besser in PEKING Schmied lernen sollen.“ Mit diesen Worten drehte er sich wirsch um und verließ den Kaiserpalast. Das hatte gesessen. Xiao Xian lief weinend in ihr Zimmer, und Hong Li fiel in sich zusammen. Aus Hong Lis größter Euphorie wurde ganz schnell tiefster Frust. Auch die Kaiserin hatte ihren Mann noch nicht so erregt gesehen. All seine Hoffnungen, die er in Hong Li gesteckt hat, schienen verloren. War es jugendliche Verrücktheit, oder war es echte Liebe? Die Kaiserin setzte sich neben ihren Sohn auf die Stufe und nahm ihn in den Arm.

„Das tut sehr weh, ich weiß. Auch mir ist das schon ein paarmal passiert … übrigens auch deinem Vater. Aber versuche, ihn zu verstehen. Dein Vater war sehr enttäuscht, als er gehört hat, dass du die Schule abgebrochen hast. Dein unüberlegter Besuch in Lhasa hat zu einem Krieg geführt. Du bist erst 13 Jahre alt und willst eine Familie gründen. Du warst sein Lieblingssohn, und nie hätte er mit so vielen Enttäuschungen auf einmal gerechnet. Wahrscheinlich sitzt er nun auf seinem Thron und ist genauso frustriert wie du selbst. Ich glaube, die Aufregung des Kaisers ging gar nicht um Xiao Xian, sondern darum, dass du deine Pflichten gegenüber deiner Schule, gegenüber deinem Stand als Prinz Bao und auch gegenüber deinen Eltern unüberlegt und leichtsinnig verletzt hast. Denke mal darüber nach.“ Die Kaiserin stand auf und ließ Hong Li sitzen. Sie hatte noch ein Herz zu trösten. Xiao Xian lag weinend auf ihrer Liege. Xiao Sheng Xian setzte sich neben sie und streichelte das Haar, das zu einem Kranz geflochten war. Die eingeflochtenen Herbstblüten waren echt.

„Xiao Xian, du bist erst zwölf, und Hong Li ist gerade mal dreizehn Jahre alt. Denkt man da schon ans Heiraten?“ „Das war Hong Li. Ich wurde dazu nicht befragt. Aber ja, ich würde in heiraten, doch auch erst in ein paar Jahren.“ Xiao Xian war relativ gefasst. „Der Kaiser hatte ja so recht. Aber für Hong Li musste diese Zurechtweisung sehr beschämend gewesen sein. Er tut mir sehr leid. Wo ist er jetzt?“ „Geh zu ihm. Er sitzt noch in meinem Arbeitszimmer und hat Trost ziemlich nötig. Sprich mit ihm. Wir Frauen sind nicht so explosiv, und mit Diplomatie kommen wir weiter wie unsere Männer.“ Xiao Xian war froh, dass sie sich so gut mit Hong Lis Mutter verstand. Wie mit einer Freundin, wie mit der eigenen Mutter.

Die Kaiserin hatte aber noch ein Herz zu trösten. Das des Kaisers. Er saß auf seinem Thron mit dem Kopf zwischen den Händen. So als ob der Hals ihn nicht tragen konnte. Er schaute die Kaiserin an und fragte: „War ich jetzt zu hart?“ „Ach mein lieber Kaiser, weißt du noch, wie es ist, wenn man sich liebt? Hong Li und Xiao Xian lieben sich wirklich.“ Sie faste ihn am Kinn und hob den Kopf, sodass er wieder fest auf den Schultern ruhte. „Diese Gefühle sind so stark und können auch erwachsene Männer durcheinanderbringen, und erst recht dann, wenn es die erste und einzige Liebe ist und man mit diesem Gefühl noch nicht umgehen kann. Dein Sohn ist derzeit nicht Fisch noch Fleisch.“ Sie strich ihm übers Haar und brachte den langen Bart in die richtige Lage. „Aber er ist dein Fleisch und Blut, und deshalb weiß ich, dass er sein Unrecht einsieht und seine Prüfungen mit Bravour nachholt. Hong Li hat das alles gebraucht. Diese Reise war für ihn sehr lehrreich. Lass dir doch von den Shaolin über die Reise berichten. Vielleicht kannst du aber auch deinen Sohn dazu befragen. Und wenn er wieder mit Xiao Xian anfängt, dann gib ihm doch die Chance zu heiraten, aber erst wenn er seinen Pflichten nachgekommen ist.“

Yong Zhengs Miene wurde schon wieder etwas heller. „Sei ehrlich: Xiao Xian ist dir sehr ähnlich. Würde sie Hong Li genauso beraten, wie du mich berätst?“ „Ich bin mir sicher.“ Mit einem Kuss auf des Kaisers Stirn verließ die Kaiserin den Thronsaal.

Xiao Xian setzte sich neben Hong Li. Sie sagte aber nichts. Ihre Hände fanden sich, und es war ein schönes Gefühl, das noch Stunden anhalten konnte. Irgendwann platzte Hong Li heraus: „Der Kaiser hat ja so recht. Das war so was von blöd von mir, so spontan, so unüberlegt.“ „Ja, aber es war auch so ehrlich, so überzeugend. Kannst du es mir noch einmal sagen?“ Hong Li schaute Xiao Xian an, und er konnte nicht anders. Er musste sie küssen.

Es war ein schwerer Gang in die Halle der höchsten Harmonie. Der Kaiser arbeitete noch bei Fackelschein. Als Hong Li den Thronsaal betrat, schickte der Kaiser die Schreiber und Eunuchen fort. „Hast du Zeit, mit mir zu sprechen?“ Hong Lis Stimme wirkte gebrochen. „Wenn du keine Verrücktheiten mit mir besprechen willst, dann habe ich immer Zeit für dich.“ Die Stimme des Kaisers wirkte versöhnlich. „Du hattest mit deinen Vorwürfen recht. Ich habe das Kaiserreich und dich in Gefahr gebracht.“ Yong Zheng wandte sich zu Hong Li hin. „Du hast noch etwas viel Schlimmeres gemacht. Du hast dich selbst in Gefahr gebracht. Gott sei Dank ist diese Verrücktheit gut ausgegangen. Einen Krieg in der Provinz NEPAL konnten wir abwenden, weil wir LHASA mit 3000 Soldaten besetzt hatten und deinem Freund, dem Dalai Lama Kelsang Gyatsho, eine Regierungsinstanz vorgesetzt hatten. Er darf nun zwar Religionsführer sein, aber kein Herrscher über das Land. Das wirst du einmal sein. Sofern du deine Prüfungen schaffst.“ Hong Li konnte wieder lachen. „Und wie ich die schaffe. Ich hatte keine Angst, dass ich durchfalle. Ich hatte nur den Glauben an KAN YU, an CHI und an die Drachen verloren. Es erschien mir so unnütz, so unehrlich, an einem Drachennest zu arbeiten, wo es doch keine mehr gab.“

„Schau, die Kaiser der Vergangenheit und die Kaiser der Zukunft waren und sind die Schirmherren über die Drachen. Wir sollten sie beschützen und unterstützen. Vor nicht allzu langer Zeit gab es noch lebende Drachen. Weil ein oder zwei Kaiser ihre Aufgabe nicht richtig erfüllt haben, haben uns die Drachen verlassen. Der Legende nach kommen sie aber wieder, wenn die Menschheit wieder an sie glaubt. Und wenn wir als Kaiser schon an den Drachen zweifeln, wie sollten dann die Menschen daran glauben?“ Hong Li hatte in der Vergangenheit viel zu wenig mit seinem Vater geredet. Das musste nachgeholt werden. Jetzt war er aber müde. Vater und Sohn waren froh. Der Streit war beigelegt. So schläft es sich besser.

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