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FRAUEN IM SINN

Verlag Krug & Schadenberg
Literatur deutschsprachiger und internationaler
Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,
historische Romane, Erzählungen)
Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen
rund um das lesbische Leben
Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de
Catherine Hall
Rückblende
Roman
Aus dem Englischen
von Andrea Krug
Krug & Schadenberg
Für Sandra D. – in Liebe
Inhalt
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Sechsunddreißig
Siebenunddreißig
Achtunddreißig
Neununddreißig
Vierzig
Einundvierzig
Zweiundvierzig
Dreiundvierzig
Vierundvierzig
Fünfundvierzig
Sechsundvierzig
Siebenundvierzig
Achtundvierzig
Neunundvierzig
Fünfzig
Einundfünfzig
Zweiundfünfzig
Dreiundfünfzig
Danksagung
Die Autorin
Man findet es inmitten all dessen ebenso schwer, seine Worte zu setzen, wie seine Gedanken zu ertragen. Der Krieg hat die Worte erschöpft; sie sind geschwächt, sie sind verkommen … HENRY JAMES, 1915, Zeitungsinterview
»Will vom Krieg leben / Wird ihm wohl müssen auch was geben.« BERTOLT BRECHT, Mutter Courage und ihre Kinder
Eins
Suzie, ich glaube, ich habe ein Problem.
Ich bin nicht mehr in Kabul. Ich bin auch nicht in London. Ich bin in Brighton.
Problem hin oder her, es liegt ein Trost darin, an der äußersten Spitze von England zu sein, an der Küste, dort, wo Land und Meer aufeinandertreffen. Ich könnte meine genaue Position in einer Sekunde auf der Landkarte finden, und nach all den Zeiten, in denen ich keine Ahnung hatte, wo ich war, wo ich irgendwo feststeckte, wo es dunkel war und hoffnungslos und gefährlich, ist das eine echte Erleichterung.
Ich sitze in einem dieser altmodischen Korbsessel – Loom Chair heißen sie, glaube ich – auf einem Balkon. Nun ja, es ist nicht wirklich ein Balkon, sondern eine dieser innenliegenden Veranden, die man in Seebädern findet, wie Gewächshäuser kleben sie an der Wand, im ersten Stock. Eine gulkhana nennen sie es in Afghanistan, ein Blumenzimmer für die Damen, in dem sie sitzen und die Wintersonne genießen können, obwohl Blumenzimmer ein großes Wort für so einen kleinen Raum ist, eben groß genug für einen Sessel und einen kleinen Glastisch und Pflanzen, jede Menge Pflanzen, überall, sie hängen von der Decke, stehen in Töpfen auf jeder freien Fläche, klettern am Fensterrahmen hoch. Fast könnte ich meinen, im Dschungel zu sein, aber nach allem, was geschehen ist, lasse ich es wohl lieber.
Ich kann das irrwitzige Geglitzer des Palace Pier sehen, das auf das Wasser fällt und vom tiefschwarzen Meer zurückgeworfen wird. Warte, ich öffne eben das Fenster, ich möchte die Seeluft riechen, auch wenn es draußen eisig kalt ist. – So, sie strömt herein, als ob die Flut sie in die Wohnung triebe. Ich höre die Wellen brechen, beständig und besänftigend, ruhig.
Ich brauche ein wenig Besänftigung. Ich fühle mich seltsam heute, wie immer, wenn ich zurückkehre, gefangen zwischen unterschiedlichen Welten. Heute Morgen, hoch in den Bergen, hörte ich den Ruf zum Gebet, während ich meine Sachen packte. Jetzt wummernde Musik und die Rufe junger Leute, die in der Stadt unterwegs sind.
Meine Taschen liegen in der Ecke, wo ich sie fallengelassen habe, als ich hier ankam. Ich habe noch nicht ausgepackt. Das hat dich immer verrückt gemacht – stimmt’s? –, wenn ich nach Hause zurückkam und mein Zeug wochenlang in der Ecke lag und ich immer nur das rausgeholt habe, was ich gerade brauchte. Aber auch Geschenke, immer, für dich – darin zumindest war ich gut.
Ich weiß, es hat nicht viel Sinn, zurückzudenken. Ich weiß, dass wir nicht zu dem, was wir einmal waren, zurückkehren können. Doch ich wünschte, ich könnte ins Bett kriechen und meine Arme um dich schlingen und ich wüsste, ich wäre zu Hause.
Ich bin jedoch nicht zu Hause, wo immer das sein mag. Erinnerst du dich an Edith, meine uralte fabelhafte Großtante? Dies hier ist ihre Wohnung, direkt an der Strandpromenade von Brighton. Oder besser gesagt, das war ihre Wohnung – jetzt ist es meine. Sie hat sie mir hinterlassen, als sie starb, heute vor zwei Wochen. Ich wusste nicht, dass Edith Krebs hatte; ich hatte nicht gemerkt, dass etwas nicht stimmte, als ich sie das letzte Mal sah, damals im März. Dafür könnte ich mich jetzt noch treten. Als der Anruf kam, war ich noch in Afghanistan. Ich schaffte es nicht mal rechtzeitig zur Beerdigung – es passierte einfach zu viel. Üble Sachen diesmal, Suze, wirklich üble Sachen, was bedeutete, dass ich nicht wegkonnte.
Ich habe Edith geliebt. Sie hat mir meinen ersten Fotoapparat geschenkt, da war ich acht, um Aufnahmen von den Tieren im Londoner Zoo zu machen. Sie hat mir Geschichten erzählt von den Elefanten, die sie als junges Mädchen in Indien gesehen hatte, alle in zeremoniellen Farben geschmückt, die Köpfe bunt bemalt und Howdahs auf dem Rücken. Ich leckte mein Eis ganz langsam, fasziniert, und beobachtete, wie ihre Armreifen beim Reden klimperten.
Es ist merkwürdig, ohne sie in der Wohnung zu sein – sie passte so gut zu ihr. Jedes Stück Meißener Porzellan, der Perserteppich auf dem Boden, die Jadevase auf dem Sandelholztisch – all diese Dinge haben eine Geschichte, und dort, inmitten all dieser Dinge, saß Edith immer in ihrem Sessel, bereit, mir diese Geschichten zu erzählen, während wir Kaffee tranken, der in winzigen Espressotassen serviert wurde, die sie 1968 in Rom gekauft hatte, in einem Laden gleich um die Ecke der Via Condotti.
Sie rauchte zwei Zigaretten am Tag, eine nach dem Mittagessen und eine am Abend zu ihrem ersten Whisky, den sie ihren chota peg nannte, im Gedenken an ihre Jahre in Indien. Jetzt tue ich das Gleiche – zum Gedenken an sie. Ich habe mir von dem zollfreien Johnnie Walker eingeschenkt und mir eine Marlboro angesteckt.
Auf Edith: Möge sie in ihrem nächsten Leben ebenso außergewöhnlich sein, wie sie in diesem war.
Der Alk und die Ziggis wirken nicht so wie sonst immer. Mein Geist ist aufgewühlt, dreht alles um und um. Gewöhnlich schalte ich das Radio ein, wenn ich irgendwo neu ankomme, um ein Gefühl dafür zu kriegen, was los ist. Ediths alter Radioapparat steht auf dem Sideboard, versehen mit Haftstreifen für Radio 4 und den World Service, aber ich lasse ihn aus. Ich möchte nicht wissen, was in der Welt los ist, zumindest im Augenblick nicht.
Ich habe immer damit zu tun, mich neu zu sortieren, wenn ich von einem Job zurückkomme, aber diesmal fühlt es sich anders an. Afghanistan ist nicht der schlimmste Ort, an dem ich gewesen bin … nein, vergiss es – Kriege zu vergleichen ist sinnlos. Was ich meine, ist, dass die Gewalt sich nicht direkt vor mir abspielte. Krieg in Sierra Leone oder im Kongo ist manisch; in Afghanistan ist er mehr wie eine chronische Depression. Ich musste mich nicht vor Scharfschützen wegducken und traf auch nicht auf bekiffte Kids mit wilden Augen und Kalaschnikows. Es gab keine Berge von Leichen, die unter der Sonne verrotteten, keine Bomben, die die ganze Nacht hindurch einschlugen. Aber unter der Oberfläche ahnte man, dass die Dinge köchelten, eine dreckige, gefährliche Suppe, die jeden Moment überkochen und einen siedend heißen Schlamassel anrichten konnte.
Sie kochte über. Sie richtete einen Schlamassel an, der noch nicht beseitigt wurde. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Ich kriege es nicht aus dem Kopf.
Ich habe nach Ablenkung gesucht, habe herumgestöbert und versucht, mich davon abzuhalten, an all das zu denken. Auf einem der Bücherborde steht ein altes Holzkästchen, grob gezimmert und zwischen dem prachtvollen Porzellan und dem erlesenen Silber fehl am Platz. Ich erinnere mich nicht, es je zuvor gesehen zu haben. Vielleicht hat Edith es absichtlich für mich dort hingestellt.
Ich werde es öffnen, Suze. Schauen wir mal, was darin ist.
Gesagt, getan. Es riecht muffig, trocken, nach altem Papier und Tinte.
Ein brauner Umschlag ist herausgefallen, Fotos stecken darin, verblasste Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Ich lege sie auf dem Kaminvorleger aus.
Ein Gruppenbild: förmlich, Männer stehen vor einem indischen Palast, reichlich filigranes Dekor und ziselierte Säulen, Kuppeln, Türme und Minarette. Die Männer tragen Uniform und Turban, die langen Bärte sind sorgsam getrimmt. Sie gucken mit starrer Miene in die Kamera. Sie weisen Verletzungen auf: Beine in Gips, Arme in Schlingen. Manche haben überhaupt keine Beine oder Arme, bloß bandagierte Stumpen.
Eine Krankenstation: lange Reihen von akkurat gemachten Betten, in jedem sitzt aufrecht ein Soldat in weißem Pyjama und mit weißem Turban, passend zum Bettzeug.
Ein Operationssaal: eine Liege im Zentrum unter einer Deckenlampe, ein Waschtisch, Instrumente fein säuberlich ausgelegt, Flaschen mit Desinfektionsmittel auf einem Beistelltisch. Sieben Mitarbeiter in OP-Bekleidung. Allesamt Weiße, bis auf einen, der aussieht, als sei er Inder, wie die Patienten. Allesamt männlich, bis auf eine Frau: eine Krankenschwester.
Am unteren Rand dieses Fotos steht etwas geschrieben:
PAVILION HOSPITAL, BRIGHTON 1915.
In dem Kästchen befindet sich noch etwas – ein kleines Buch, in Leder gebunden, die Seiten gefüllt mit einer engen schwarzen Schrift.
Ich verspüre ein kleines Prickeln der Aufregung – wie immer, wenn mir eine Story begegnet.
Zwei
ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH
1. Dezember 1914
Mit großer Freude beginne ich dieses Tagebuch, das meinen Bericht über diesen Krieg darstellen wird. Ich gebe nicht vor, dass es mehr als das sein soll: Ich spreche nur für mich selbst, ich lege meine Eindrücke und Erfahrungen schriftlich nieder, damit ich in späteren Jahren zurückblicken und mich erinnern kann.
Es ist kein Zufall, dass ich jetzt beginne: Endlich habe ich einen guten Grund zum Schreiben. Morgen werde ich eine Stelle im ROYAL PAVILION antreten. Man könnte sich fragen, wozu an einem Ziel für Tagesausflügler Krankenschwestern benötigt werden sollten. Die Antwort lautet, dass es nicht länger ein Ausflugsziel ist: Der Palast ist jetzt ein Militärkrankenhaus.
Ich hatte das von Hugo erfahren; seine Pfadfindergruppe half letzte Woche beim Ausräumen, um Platz für die Betten zu schaffen. Voller Neuigkeiten kam er nach Hause. Anscheinend hatte der König höchstpersönlich den Bürgermeister angewiesen, ein Lazarett daraus zu machen. Für mich ist das Spannende daran: Die Patienten werden Inder sein – Soldaten, die für uns an der Front gekämpft haben.
Dies war die Ankündigung in der Gazette, die ich ausgeschnitten habe, um sie aufzubewahren:
Tapfere Soldaten aus unserer großen indischen Kolonie sollen nun, nachdem sie so edelmütig für ihren König-Kaiser gekämpft haben, in einem königlichen Palast im berühmtesten britischen Badeort versorgt werden. Es klingt wie ein Kapitel aus einem wundervollen Roman. Es wird der Welt beinahe unglaublich erscheinen. Es wird dem Brighton Pavilion einen Namen verleihen wie nie zuvor. Generationen noch ungeborener Brightoner werden staunen, wenn sie über diese Zeit lesen.
Natürlich habe ich sofort an Robert gedacht. Wenn ich einen Mann heirate, dessen ganzes Leben der indischen Armee gewidmet ist, wie könnte ich es besser nachvollziehen, als indem ich seine Soldaten pflege? Vielleicht stammen einige von ihnen sogar aus seinem Regiment, das erst letzten Monat den langen Weg von Bombay hierhergekommen ist. Als ich davon hörte, bin ich sofort hinunter zur Oberschwester geeilt und habe gefragt, ob mein Name ins Spiel gebracht werden könnte. Anfangs war sie zögerlich und meinte, es hätte einen furchtbaren Aufruhr wegen der ganzen Sache gegeben, aber nach einigem Zureden sagte sie schließlich, dass sie mich für eine Stelle vorschlagen würde, wenn Mama und Papa einverstanden wären. Als ich darum bat, schaute Mama besorgt drein und sagte, sie hoffe, dass die Patienten nicht in einem allzu schrecklichen Zustand seien, und Papa grunzte und raschelte mit seiner Zeitung und meinte, er sei stolz auf mich, weil ich in seine Fußstapfen träte.
Das tue ich natürlich nicht, denn er ist Chirurg und ich bin bloß Krankenschwester, aber ich freute mich trotzdem.
Ich habe beschlossen, es Robert noch nicht zu erzählen. Ich werde bis zu seinem nächsten Heimaturlaub warten. In unseren Briefen scheinen wir nie das ausdrücken zu können, was wir wirklich meinen, und er ist kein eifriger Schreiber, weshalb ich mich töricht fühle, wenn ich ihm Seiten um Seiten schreibe. Ich werde warten, bis er zurückkommt, dann habe ich mich im PAVILION eingearbeitet und kann ihm zeigen, was ich tue, anstatt zu versuchen, es mit Worten zu erklären.
Drei
Was taten sie hier, diese Soldaten? So weit weg von zu Hause kämpften sie in einem Krieg, der nichts mit ihnen zu tun hatte. Ich vermute, das ist gar nicht so ungewöhnlich. Arme Männer lassen sich immer anheuern – ich habe genug Zehn-Dollar-Taliban gesehen, um das zu wissen. Ich frage mich, was sie davon hielten, zur Genesung in einem Königspalast untergebracht zu sein. Wie seltsam muss ihnen das erschienen sein, vielleicht aber auch nicht seltsamer als die Schützengräben an der Front.
Ich fühle mich auch seltsam, ich kann nicht aufhören, an Kabul zu denken. Heute Morgen beschloss ich, einen Spaziergang zu machen, um den Kopf freizubekommen. Ich zog eine alte Jeans an und meine dicken Stiefel, mummelte mich mit Schal und Handschuhen warm ein und machte mich auf den Weg zum Strand. Der kalte Wind, frisch und salzig, traf mich wie eine Ohrfeige. Mit knirschenden Schritten ging ich über die Kieselsteine, froh, dass es kein Sand war, froh über vieles, froh, nicht um Erlaubnis bitten zu müssen, dort zu sein, nicht von neugierigen Augen angestarrt zu werden, einfach gehen zu können, ohne zu denken, und nicht fürchten zu müssen, in die Luft gesprengt zu werden.
Ich rauchte, während ich ausschritt, wie immer, und dachte an dich. Weißt du noch, wie ich immer gesagt habe, es sei keine Sucht und dass es dort, wo ich arbeitete, praktisch ein Erfordernis sei? Zigaretten sind Schmiergeld, wenn du einen Kontrollpunkt passieren willst. Wenn die Scharfschützen aussetzen und du deinen nächsten Schritt planst, füllt eine Kippe die Pause. Soldaten wollen etwas zu tun haben, während sie auf die nächste Ansage warten. Die fünf Minuten, in denen man zusammen raucht, ist man fast einer von ihnen.
Du wolltest nichts davon hören. Du sagtest, ich sei eine elende Süchtige, die das Rauchen nicht aufgeben wolle, und das seien alles nur Ausreden und am Ende würde es mich umbringen. Du hattest natürlich recht, aber es war schwer, viel darum zu geben. In einem Kriegsgebiet denkst du nicht groß an deine langfristige Zukunft.
Am Strand habe ich auch nicht an meine Zukunft gedacht. Ich dachte an die Vergangenheit, als du mich nach Madrid mitgenommen hast, um mir Goya im Prado zu zeigen, weil er – wie du sagtest – mehr über den Krieg gewusst habe als jeder andere Maler. Wir gingen durch kühle Korridore, eine sanfte Mai-Brise wehte durch die offenen Fenster herein. Wir hatten den Morgen zwischen gestärkten Laken im Bett verbracht, Kaffee getrunken und uns gegenseitig mit Orangen gefüttert. Ich konnte ihren Saft noch auf deiner Haut riechen.
Als Erstes hast du mir Die Erschießung der Aufständischen gezeigt, El tres de mayo de 1808. Ich stand da und betrachtete die riesige Leinwand, ein Erschießungskommando, die Gewehre auf einen hell ausgeleuchteten Mann gerichtet. Er sah ihnen entgegen, auf den Knien aufgerichtet, die Arme ausgebreitet wie Christus am Kreuz. Vor ihm auf dem Boden einige Leichen, an seiner Seite weitere Gefangene, voller Panik, weil sie wussten, was als Nächstes kam. Den Ausdruck auf ihren Gesichtern kannte ich nur zu gut.
»Wenn ich das fotografiert hätte«, sagte ich, »hätte ich mich fragen müssen, ob ich nicht zu nah dran war und sie das Ganze für die Kamera inszenierten.«
Du hast nichts gesagt, hast bloß genickt und mich zu seinen Schwarzen Gemälden geführt, die er direkt auf die Wände seines Hauses gemalt hat, kurz nach den Napoleonischen Kriegen, als er fast wie ein Einsiedler lebte. Er hatte Angst, wahnsinnig zu werden, und als ich diese vierzehn Bilder sah – Saturn, der seinen Sohn verschlingt, Bauern, die mit Knüppeln aufeinander losgehen, eine Enthauptung, ein Hexensabbat, alles in Schattierungen von Schwarz und schlammigem Braun –, begriff ich, warum.
»Werde du nicht so verrückt«, hast du mir ins Ohr geflüstert.
»Nein«, erwiderte ich. »Das werde ich nicht.«
Ich stand am Meeresufer, sann nach, rauchte und schaute zurück auf die Strandpromenade. Kabul ist braun, tausend Schattierungen von Wüstenstaub. Als ich das erste Mal dort war, lag ich abends im Bett, konnte nicht schlafen und hörte das Krachen und Bersten der Luftangriffe, und ich spielte unser Spiel, bei dem wir darum wetteiferten, alle Wörter aufzuzählen, die wir für eine Farbe kannten.
Schokolade, Khaki, Maus. Kastanie, Haselnuss, Beige. Ocker, Kupfer, Bronze.
Brighton ist weiß (Kreide, Käse), vom Schaum der Wellen bis zu den schmutzigen Möwen und den abblätternden Regency-Villen – und heute sogar der Himmel. Ich wanderte den Strand entlang, bis zu dem Abschnitt, der für Nudistinnen und Nudisten reserviert ist. Ein alter Mann saß in einem Liegestuhl, nackt bis auf ein Paar Flip-Flops, abgeschirmt durch einen gestreiften Windschutz, der in der Brise knatterte. Er fing meinen Blick auf, als ich vorüberging.
»Ein schöner Tag dafür«, sagte er.
Und plötzlich war es ein schöner Tag. Ich liebte den Mann und seine unbekümmerte Nacktheit. Als ich in die Wohnung zurückkam, schaltete ich den Gaskamin ein, höchste Stufe, und zog mich komplett aus. Ich holte Elizabeths Tagebuch hervor, setzte meine Sonnenbrille auf und ließ mich in dem Korbsessel in der gulkhana nieder, die Füße auf einem marokkanischen Lederpuff, las und griente vor mich hin und spürte die Wintersonne auf meinem Körper, einfach weil ich es konnte.
Vielleicht wird alles gut, Suze. Vielleicht werde ich nicht verrückt, wie ich es dir in Madrid versprochen habe. Vielleicht wird auch mit mir alles gut.
Vier
ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH
5. Dezember 1914
Unsere ersten Patienten sind gut untergebracht.
Es sieht ganz anders aus als bei meiner Pflegevorführung vor einigen Wochen. All die schönen Perserteppiche sind entfernt und durch ziemlich tristes khakifarbenes Linoleum ersetzt worden. Im Bankettsaal und im Musikzimmer wurden Bretter an den Wänden angebracht, um die Tapeten zu schützen, und die Vorhänge wurden abgenommen. Es ist viel praktischer, schätze ich, aber ich vermisse die phantastischen Drachen und die lebensgroßen chinesischen Figuren, die aussehen, als würden sie im Mondschein über die Wände spazieren.
Die Küche wurde in einen Operationssaal verwandelt. Nicht dass ich damit viel zu tun haben werde. Als wir uns zum Dienst meldeten, sagte Colonel MacLeod, unser kommandierender Offizier, dass alle medizinischen Behandlungen von britischen Ärzten und einigen Chirurgen vom Indian Medical Service durchgeführt werden würden, assistiert von indischen Ärzten und Medizinstudenten, die hier studierten, als der Krieg begann.
Uns Krankenschwestern, die Queen’s Nurses, erwähnte er mit keinem Wort. Nach einer Weile konnte ich mich nicht länger zurückhalten und hob die Hand, um nachzufragen. Der Colonel runzelte die Stirn und sagte, man habe beschlossen, dass Engländerinnen nicht in der Pflege tätig sein sollten. Ich wartete auf eine Erklärung, aber er nickte nur, als wäre es damit erledigt. Ich war nicht kühn genug, noch einmal nachzufragen, aber während er fortfuhr, das Krankenhausprotokoll zu erläutern, ging es mir nicht aus dem Kopf, und so folgte ich ihm hinterher in sein Büro.
Ich sagte ihm, dass es mir furchtbar leidtäte, aber dass ich nicht verstünde, was er gemeint habe, denn die Krankenpflege sei schließlich das, wofür wir ausgebildet worden seien. Er schaute mich unter seinen großen weißen Augenbrauen hinweg an und erwiderte, dass es sich nicht schicken würde. Als ich fragte, warum nicht, räusperte er sich umständlich und meinte dann, ich müsse doch verstehen, dass Indien eine unserer Kronkolonien sei und die Bevölkerung daher unter unserer Herrschaft stehe.
Ich sagte, ich wüsste nicht, was das damit zu tun habe, woraufhin er sich erneut räusperte und erklärte, dass die einheimische Bevölkerung in Indien nie von Engländerinnen gepflegt würde, weil sich ein so »vertraulicher Umgang« nicht zieme, und deshalb würden die Queen’s Nurses nur die Aufsicht führen und die Pfleger anhalten, die »höchsten Standards einzuhalten«.
Abschließend sagte er dann sehr bestimmt, wenn ich mit dieser Sachlage nicht glücklich sei, möge ich ihm das lieber gleich sagen, ehe die Patienten kämen.
»Ich … nein, ich bin glücklich«, erwiderte ich.
Das stimmte natürlich nicht. Ich ging schnell fort und war ziemlich verärgert. Es ist wirklich ein gehöriger Schlag. Ich verstehe einfach nicht, was daran unschicklich sein soll. Wie Papa immer sagt: Auf dem Operationstisch sind wir alle gleich. Wenn Robert nicht wäre, wäre ich versucht, in eines der anderen Krankenhäuser zu wechseln, wo ich wirklich von Nutzen sein könnte, aber ich möchte so gern etwas von seiner Welt erfahren, und deshalb beschloss ich, mir auf die Zunge zu beißen und das Beste daraus zu machen.
Heute Morgen bin ich zum Bahnhof gegangen, um unsere Patienten vom Lazarettzug abzuholen. Es war ein trostloser Tag, es regnete seit dem Morgengrauen, und die Straßen waren voller Schlamm, und es tat mir leid, dass dies ihr erster Eindruck von unserer Stadt sein würde, obwohl ich annehme, dass für diese armen Männer jeder Ort besser ist als der, wo sie gerade herkommen.
Zur Begrüßung hatte sich eine Schar wohlgesinnter Menschen eingefunden, die sich unter ihren Regenschirmen vor dem Bahnhofsausgang drängten. Als die ersten Krankenbahrenträger auftauchten, setzte ein Augenblick des Schweigens ein, ungeplant, aber von allen eingehalten – ein Zeichen des Respekts für die Tapferkeit der Soldaten und für das, was sie erlitten hatten. Dann folgten Jubel und Applaus, worüber ich mich gefreut habe, denn die Männer sind so weit weg von zu Hause und es ist schrecklich wichtig, dass sie sich willkommen fühlen.
Die Männer waren in einem furchtbaren Zustand. Mehr als die Hälfte von ihnen musste auf Bahren getragen werden, die anderen humpelten auf Krücken oder taumelten mühsam voran, die Arme um ihre Kameraden geschlungen. Sie sahen erschöpft aus, als wären sie am Ende einer sehr langen Reise angekommen, was natürlich auch der Fall war: eine endlose Reise über den Indischen Ozean, dann zum Kampf hinein in die Schützengräben in Nordfrankreich; dann, wenn verwundet, wieder hinaus in die Feldlazarette und dann in einen Zug und dann auf ein Schiff, um den Kanal zu überqueren, dann in einen weiteren Zug nach Brighton, Endstation der Strecke.
Es war ein seltsamer Anblick; sie sahen so – nun ja – sehr fremd aus. Der einzige Inder, den ich vor dem heutigen Tag je gesehen hatte, war Mowgli in dem Bilderbuch, das ich als Mädchen besaß, aber hier waren nun gut zwei Dutzend von ihnen, die langsam den Weg über den windgepeitschten Bahnsteig zurücklegten. Das Erste, was mir auffiel, waren viele ziemlich große Schnäuzer und Bärte, lang und schwarz, und dunkle Augen unter sorgfältig gewickelten Turbanen. Einige der Männer waren sehr groß und elegant in der Art, wie sie sich trotz ihrer Verletzungen hielten; andere waren klein, ohne Schnäuzer oder Bärte, und sahen furchtbar jung aus.
Wir brachten sie in Sanitätskraftwagen zum PAVILION, WO die Pracht ihrer Umgebung sie noch zerlumpter erscheinen ließ. Ich kann nun in aller Aufrichtigkeit sagen, dass ich den berüchtigten Schlamm der Westfront gesehen habe: blassbraune, klebrige Klumpen, die an ihren zerfetzten Uniformen und Stiefeln hafteten. Die Männer rochen dumpfig und nach altem Schweiß, ihre Finger waren schmutzig, die Nägel lang und verkrustet. Als ich sah, wie sie sich kratzten, vermutete ich Läuse. Die Aufwärter hatten schon in der Morgendämmerung begonnen, Wasser für ihr Bad zu erhitzen, und ich kann mir die Erleichterung vorstellen, die sie empfunden haben müssen, als sie sich hineingleiten ließen. Ihre Uniformen wurden in den hinteren Teil des Gebäudes gebracht und verbrannt.
Danach ging es darum, ihre Verletzungen so gut wie möglich zu versorgen, und dann brachten wir sie zu Bett, woraufhin sich Stille über den PAVILION senkte, so als ob wir alle, Patienten wie Personal, einen Moment der Ruhe brauchten.
Ich stand im Musikzimmer und schaute zu den außergewöhnlichen Kronleuchtern hinauf, die wie riesige umgedrehte Blumen aussehen, mit gemalten chinesischen Figuren auf jeder einzelnen Glasscheibe. Sie glitzern und funkeln wie magisch und hängen an einer Decke aus Tausenden von goldenen Blättern. Ich glaube, es ist wunderbar für die Patienten, im Bett zu liegen und zu ihnen hinaufzublicken.
Einer der indischen Ärzte sah, wie ich nach oben schaute. »Das sind Lotosblumen«, sagte er.
»Tatsächlich?«, erwiderte ich.
»Ja, sie sind sehr bedeutsam für uns.«
»Für uns?«
Er hüstelte ein wenig. »Inder.«
»Ah.«
»Sie stehen für Reinheit und Ehre.«
»Wie schön«, sagte ich. »Haben Sie –«
In diesem Augenblick stieß einer der Männer ein schreckliches Stöhnen aus, und ich eilte zu ihm. Als ich wieder aufblickte, war der Arzt verschwunden.
Ich könnte es nicht ertragen, wenn Robert so enden würde wie diese Männer hier. Auf dem Heimweg ging ich über die Strandpromenade, lehnte mich an das Geländer und schaute über den Kanal nach Frankreich hinüber, zu ihm hinüber, weniger als hundert Meilen entfernt. Ein starker Wind wehte vom Meer landeinwärts, und ich stemmte mich dagegen und atmete die salzige Feuchtigkeit ein. Plötzlich traf es mich, herbeigetragen vom Wind: ein fernes Grollen, gefolgt von einer Explosion, und ich begriff, dass ich die Kanonen des Schlachtfeldes hörte. Ich lauschte erneut auf das schreckliche krachende Geräusch und erschauderte, denn ich wusste, dass jede dieser Explosionen die sein konnte, die Roberts Leben ein Ende setzte.
Fünf
Ich komme mir ein bisschen lächerlich vor, Suze. Mir scheint, als hätte ich zu früh verkündet, dass es mir gut geht. Es war ein herrlicher Morgen, so klar, dass ich vom Fenster aus fast bis nach Frankreich gucken konnte. Die Leute lächelten, während sie die Strandpromenade entlangspazierten; Kinder spielten auf der Minigolfanlage, Hunde jagten am Strand Stöckchen nach, ein Schwarm Kanuten hüpfte auf den Wellen. Sogar die Vögel amüsierten sich, sie kreisten hoch am Himmel und krächzten laut, als ob sie mitreden wollten. Ich wusste, dass ich raus musste – die Lebensmittel, die ich in dem Laden am Flughafen gekauft hatte, waren alle, und ich war hungrig, richtig hungrig zum ersten Mal seit Wochen. Ich musste bloß meinen Mantel anziehen und zur Tür hinausgehen, aber ich konnte nicht.
Und weißt du, warum nicht? Weil ich Angst hatte.
Ich weiß, es ergibt keinen Sinn: Josephine Sinclair, preisgekrönte Kriegsfotografin, unfähig, das Haus zu verlassen? Ich habe die letzten fünfzehn Jahre damit verbracht, die schlimmsten Orte der Welt aufzusuchen, Orte, wo Angst zu haben heißt, am Leben zu bleiben, wo Angst die einzige Reaktion ist, die Sinn ergibt. Wenn ich dort bin, kann ich es ertragen. Ich bin an Scharfschützen vorbeigerannt, tief geduckt, um nicht getroffen zu werden. Ich habe in Schützengräben neben Soldaten geschlafen, ohne zu wissen, ob wir die Nacht überleben würden. Ich bin mit Minen übersäte Straßen entlanggegangen, Schritt für behutsamen Schritt, und habe zu Gott gebetet oder welch höhere Macht auch immer da draußen sein mag, dass ich keine auslöse. Jedes Mal ermesse ich die Angst, bezwinge sie, damit ich funktionieren kann. Aber heute – ein absolut wunderschöner Tag in Brighton – gelang mir das nicht.
Ich versuchte, rational zu sein, die Risiken abzuwägen, Szenarien durchzugehen, mir selbst zu versichern, dass sie nicht eintreten würden, und mich daran zu erinnern, was ich in all den Kursen gelernt hatte, zu denen mich die Bildagentur geschickt hatte: ›Sicherheitstraining‹, ›Berichterstattung aus Kriegs- und Krisengebieten‹, ›In Gefangenschaft geraten‹. Das Problem ist, dass es dabei immer darum ging, auf das echte Leben zu reagieren, in dem es wirklich etwas gab, wovor man sich fürchten musste. Niemand hat mir je gesagt, was ich tun soll, wenn das alles nur in meinem Kopf existiert.
Ich brauchte eine Stunde, um mich zu beruhigen und aus dem Haus zu treten, und als ich die Tür hinter mir schloss, war ich immer noch in Alarmbereitschaft, meine Sinne geschärft. Ich hielt mich dicht an den Häusern, bewegte mich langsam und schaute so weit wie möglich voraus, blieb auf der Hut, schätzte die Risiken ein. Natürlich gab es keine. Brighton ging seinen Geschäften nach, Möwen kreischten, Motoren heulten auf, Menschen gingen die Gehwege entlang. Hunde zerrten an ihren Leinen, schnüffelten an Laternenpfählen, strebten auf gepflegte Grünanlagen inmitten von Plätzen zu. Er ist schön, dieser Teil von Brighton, Kemptown, fern vom Stadtzentrum, nah am Yachthafen. Innerhalb von fünf Minuten kam ich an einer kleinen Buchhandlung, einigen Pubs, einer schicken Bäckerei und einem teuer aussehenden Feinkostgeschäft vorbei.
Die St. James’s Street war schäbiger, gesäumt von Billigläden, Sozialkaufhäusern, einem Buchmacher und einem Laden, in dem man ohne Bankkonto am Zahltag ausgestellte Schecks einlösen konnte. Die schmalen Straßen, die hinunter zur Strandpromenade führten, waren gesäumt von altmodischen B&Bs; Schilder, die »Zimmer frei« verkündeten, standen in den mit Tüllgardinen versehenen Fenstern. Es war elf Uhr vormittags, Zeit des Auscheckens, und die Gäste kamen herausgestolpert und blinzelten in die Sonne.
Der Supermarkt war am Ende der St. James’s Street. Ich hatte mir die Lage gemerkt, als ich mit dem Taxi angekommen war. Macht der Gewohnheit, Suze, das Kartieren von unbekanntem Terrain.
In einem Kriegsgebiet ist Essen Treibstoff, eine funktionale Sache. Wenn man an der Front ist, ist es normalerweise kalt und mitnehmbar, etwas, das man in die Tasche stecken kann, um es hervorzuholen, wenn man es braucht. Müsliriegel, Fertiggerichte, Schmelzkäseecken. Es spielt eine große Rolle und gar keine – bei Lebensmittelknappheit nimmt man, was man kriegen kann, aber eine gute Fundsache wird mehr geschätzt als alles andere: ein winziges Stück Schokolade, das man im letzten Winkel einer Rucksacktasche findet, oder das Tütchen Nüsse, das man in Heathrow gekauft und vergessen hatte.
Weißt du noch, wie ich immer in den Supermarkt gegangen bin, wenn ich zurückkam? Ich wachte früh auf, zu aufgedreht zum Schlafen, also standen wir auf und frühstückten, dann gingst du in dein Atelier und ich zog los, um mir die beruhigenden Auslagen von Obst und Gemüse anzuschauen. Bunte Packungen, alle vor Ablauf ihres Haltbarkeitsdatums, verlockende Snacks. Das Beste war, dass ich sie ohne menschlichen Kontakt einfach so nehmen konnte. Ich schob meinen Wagen durch die Gänge und legte Waren hinein ohne Feilschen, ohne ein Wort zu wechseln, abgesehen von einem Hallo zu dem Menschen an der Kasse. Ich weiß, heutzutage ist es cool, in kleine Läden zu gehen, auf Bauernmärkte, die LadeninhaberInnen mit Namen zu kennen, aber wenn ich von einer Reise zurückkomme, will ich Anonymität, keine Verbindung knüpfen.
Ich betrat den Supermarkt, nahm mir einen Korb und schlenderte umher, wählte Äpfel aus, ein paar Birnen, ein paar Weintrauben, eine Gurke, Brunnenkresse. Ich wollte frische Sachen, Salat, den ich essen konnte, ohne mich zu fragen, ob ich davon krank werden würde. Als ich an der Käsetheke verweilte und versuchte, mich zwischen einem Brie und einem verlockenden Wensleydale zu entscheiden, begann ich mich besser zu fühlen. Ich würde mir ein schönes Abendessen gönnen, etwas Gesundes, und es mit Wasser statt mit Whisky runterspülen.
Pasta, Tomaten, Mozzarella; einen kleinen Topf Basilikum, den ich in die gulkhana stellen würde. Ich summte vor mich hin, während ich alles in den Korb legte und dem Duft von frischgebackenem Brot nachschnupperte. Ich fügte ein Schokoladentörtchen hinzu, nahm eine Flasche Orangensaft aus dem Regal.
Es lief alles gut, bis ich die Fleischtheke erblickte, mit ihren Fleischbatzen, die kalt und blutig dalagen, marmoriertes Rindfleisch, Rippen, die aus einem Stück Lammbrust ragten. Glitschige Leber, bauchige Nieren, ausgeweidete Organe. Ich hörte auf zu summen. Jetzt kam mein Atem in kleinen Japsern heraus.
Plötzlich waren zu viele Menschen in dem Laden, zu viel Farbe in den Regalen, zu viel Licht, zu viel von allem. Eine Lautsprecheransage ertönte, irgendetwas war in Gang 4 verschüttet worden, und ich ließ meinen Korb fallen, hielt mir die Ohren zu, meinte Männer zu hören, die in Lautsprecher schrien, Befehle gaben, Drohungen ausstießen.
Ich ließ meinen Korb, wo er war, und rannte zur Tür hinaus, um mich irgendwo zu verstecken. Die Straße war voller Leute, die zur Mittagspause aus ihren Büros kamen. Ich lehnte mich gegen die Wand neben dem Supermarkt, mein Herz hämmerte, und ich versuchte, mich aufrecht zu halten, weil ich wusste, dass mir jeden Moment schlecht werden würde.
Ich versuchte, mich zu beruhigen, es würde nichts Schlimmes passieren, ich befand mich auf einer ganz gewöhnlichen Straße in einer ganz gewöhnlichen englischen Stadt. Ich versuchte, langsam zu atmen, und zählte beim Ausatmen bis zehn.
Eine Gruppe junger Frauen kam aus einer Seitenstraße; sie trugen Stirnbänder mit Hörnern, hauchdünne Feenflügel, enge T-Shirts mit dem Aufdruck »Cazs letzte Eskapade« auf dem Rücken. Caz war ganz in Pink gekleidet, mit einem großen L-Schild für »Learner« auf der Brust. Sie sahen aus wie ein Schwarm betrunkener Schmetterlinge, deren Flügel im Wind flappten, und ich wandte mich panisch ab, um ja nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Eine von ihnen bemerkte mich trotzdem. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte sie, und ich nickte. Ich wollte nur, dass sie ging.
»Tja, wenn Sie meinen«, erwiderte sie.
Als sie an mir vorbeizogen, begann ich zu würgen. Normalerweise übergebe ich mich nicht in der Öffentlichkeit, nicht mehr. Ich habe mir antrainiert, der Übelkeit nicht nachzugeben, egal, was sich vor meinen Augen abspielt. Ich habe gelernt, meine Kamera zu heben und vor mich zu halten und einfach das Foto zu machen; ich habe gelernt, alles einzuhalten, bis ich allein bin, in meinem Hotelzimmer oder auf einer Toilette, irgendwo, wo ein Schloss an der Tür ist. Gedemütigt machte ich mich auf den Rückweg die St. James’s Street entlang, langsam, mein Bauch leer und schmerzend. Die Panik war einem dumpfen Kopfschmerz gewichen. Ich kehrte zu dem noblen Feinkostladen in der Nähe der Wohnung zurück und kaufte Brot und Suppe, einen Pint Milch und Kaffee. Wieder drinnen, als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, stand ich einen Moment da und lauschte der Stille, froh, allein zu sein.
Sechs
ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH
15. Dezember 1914
Meine Güte, bin ich erschöpft. Ich schlafe fast ein, während ich dies im Bett schreibe, Kissen im Rücken, das Tagebuch auf den Knien balancierend.
Die nächste Ladung (was für ein schreckliches Wort, um Menschen zu beschreiben, als wären sie eine Postzustellung, aber ich bin zu müde, um mir ein anderes zu überlegen) ist eingetroffen, mehr als dreihundert Patienten, noch übler zugerichtet als die vorherigen. Einige von ihnen trugen tropische Uniformen: und das im Dezember, unglaublich! Andere hatten nicht einmal Stiefel, ihre Füße waren so stark geschwollen, dass sie Sandalen trugen, die bloß aus einer Sohle und Leinenstreifen bestanden. Wir wickelten sie sofort in Decken und brachten sie so schnell wie möglich zum PAVILION.
Wieder hatte sich zu ihrer Begrüßung eine Menschenmenge am Bahnhof eingefunden, wieder war es ein trüber Tag. Die Inder scheinen die Phantasie der Menschen wirklich gefangenzunehmen. Vor allem die Damen von Brighton sind gefesselt von ihnen. Jeden Tag warten sie in Scharen an den Eingängen des PAVILION-Geländes, um einen Blick auf die »Dunkelhäutigen Krieger«, wie die Gazette sie genannt hat, zu erhaschen. Ich sage ›Damen‹, aber ich glaube nicht, dass Colonel MacLeod sie für Damen hält. Heute gab er den Befehl, alle Eingangspforten mit Brettern zu vernageln und Sichtblenden aus Holz entlang des Zaunes anzubringen, damit niemand mehr hineinschauen kann. Einige von ihnen kletterten trotzdem hoch, hockten sich oben auf den Zaun und spähten hinein, als wären die Patienten exotische Tiere im Zoo.
Die Männer scheint das nicht sonderlich zu stören. Sie verlassen den PAVILION nur zum Beten. Die Sikhs gehen in ihren Tempel, der ein Zelt auf dem Gelände ist, und die Mohammedaner in ihren, gleich nebenan. Fünfmal am Tag suchen diejenigen, die in der Lage dazu sind, ihr Zelt auf und vollziehen ihre jeweiligen Rituale. Es muss furchtbar kalt sein, aber sie gehen dennoch hinaus und beschweren sich nie auch nur im Geringsten.
Ich höre mir gerne die mohammedanischen Gesänge an, die ich sehr schön finde. Heute Morgen trat der Arzt von neulich, der mir von den Lotosblumen erzählt hat, auf mich zu, als ich draußen vor dem Eingang zu ihrem Zelt stand.
»Was singen sie?«, fragte ich.
»Allahu-akbar. Das bedeutet: ›Gott ist groß‹.«
»Wollen Sie nicht mitsingen?«
»Ich bin Hindu.«
Es war mir peinlich, und ich entschuldigte mich. Wie es scheint, bringe ich diese Dinge immer durcheinander. Es ist so schwierig zu wissen, wer was ist, und ich bin mir doch gewahr, dass es furchtbar wichtig ist. Alles hier ist geteilt, von den Stationen für Patienten aus verschiedenen Stämmen oder Kasten, über die Küchen – neun insgesamt –, die Toiletten und Bäder bis hin zum Besteck und den Wasserhähnen! Es ist wirklich schrecklich kompliziert und schwer zu merken, egal wie oft sie es einem auch erklären.
Ein Lächeln huschte über seine Lippen, und ich fragte mich, ob er mich für dumm hielt.
»Alle geben sich enorm viel Mühe.« Ich fühlte mich ein wenig in die Enge getrieben. »Alles richtig zu machen, meine ich. Um niemanden zu kränken.«
»In der Tat.«
»Ich bin übrigens Schwester Willoughby«, sagte ich eilig. »Elizabeth Willoughby.«
»Und ich bin Hari Mitra. Fast Arzt, aber noch nicht ganz.«
Die Leiden der Patienten sind vielfältig; manche verursacht durch Schüsse und Granaten, andere einfach dadurch, dass sie so lange in den winterlichen Schützengräben festgesessen haben. Es gibt einen schrecklichen Zustand namens Grabenfuß, der durch das Stehen in geschlossenem Schuhwerk in kaltem Wasser und Schlamm entsteht. Es beginnt mit Frostbeulen, dann runzelt sich die Haut der Füße wie nach einem langen Bad, sie fängt an zu faulen, und die Zehen werden fühllos. Schließlich wird der gesamte Fuß taub, und man kann nicht mehr gehen. Viele unserer Patienten hatten Amputationen, bevor sie zu uns kamen, und haben einen Fuß oder sogar den Unterschenkel bis zum Knie verloren.
Es stehen immer noch viele Operationen aus. Heute Nachmittag war ein Mann namens Mohan Ram an der Reihe, der schreckliche Wunden an Bauch und Brust aufwies. Ein und derselbe Granatsplitter durchschlug beide Stellen und durchbohrte seine Eingeweide. Die französischen Chirurgen hatten es geschafft, ihm das Leben zu retten, aber jetzt war die Wunde infiziert. Ein schrecklicher Geruch drang durch seine Verbände – der Gestank von totem und verfaulendem Fleisch.
Major Williams, unser zuständiger Offizier, stand an seinem Bett und sprach mit ihm auf Hindustani. Beide schienen ziemlich aufgebracht zu sein. Mr. Mitra stand in der Nähe und sagte mir, dass Major Williams versuche, Mohan Ram zu überreden, uns die Wunden unter Narkose untersuchen zu lassen und sie dann zu reinigen und neu zu verbinden, aber Mohan Ram sehe die Dinge anders: Er finde, wir sollten dem Schicksal seinen Lauf lassen, und wenn es an der Zeit für ihn sei zu sterben, dann solle es so sein. Nach einem Moment fügte er hinzu, dass Mohan Ram wahrscheinlich auch Angst habe, aufgeschnitten zu werden, denn er stamme aus einem winzigen Dorf im Himalaya und verstehe die Wirkungsweise der modernen Medizin nicht.
Der Streit ging noch einige Zeit weiter. Schließlich wandte sich Major Williams an Mr. Mitra und fragte ihn, ob dieser irgendetwas tun könne, um Mohan Ram umzustimmen.
Mr. Mitra dachte einen Augenblick nach und trat dann nah an Mohan Rams Bett. Er beugte sich hinunter und sprach mit leiser Stimme zu ihm. Mohan Ram runzelte die Stirn und antwortete dann. Mr. Mitra sagte wieder etwas. Eine kurze Pause folgte, und dann wiegte Mohan Ram den Kopf.
Danach folgte hektische Betriebsamkeit. Die Pfleger kamen, um ihn in den OP zu rollen. Beeindruckt wandte ich mich an Mr. Mitra.
»Wie haben Sie es geschafft, ihn zu überreden?«
»Izzat.«
»Izzat?«
Es sei schwer zu erklären, sagte er. Die beste Übersetzung, die ihm einfalle, sei »Ehre«, aber es bedeute viel mehr als das: Ansehen, Reputation, das Gesicht wahren, Prestige. Es war einer der Hauptgründe, warum die Männer zugestimmt hatten, für Großbritannien zu kämpfen, ebenso wichtig wie das Geld, das sie dafür bekamen, denn es war glorreich, in der Schlacht zu sterben. Wenn man so kämpfte, dass man sein izzat mehrte, erklärte er, würden die Menschen auch nach seinem Tod noch von einem Mann sprechen und sich seiner erinnern.
Die Kehrseite der Medaille war jedoch, dass es einem, wenn man durch sein Verhalten sein izzat beschädigte – durch Fahnenflucht oder Feigheit oder Illoyalität –, schreckliche Schande einbrachte. Er hatte Mohan Ram einfach nur darauf hingewiesen, dass seine Angst vor einer Operation genau das bewirken würde, und so hatte dieser seine Meinung geändert, denn in den Augen eines anderen an izzat zu verlieren, bedeutete bereits, es verloren zu haben, und wenn Mr. Mitra auch nur dachte, dass es so war, reichte das schon.
Ich hätte Mr. Mitra gerne näher dazu befragt, aber wir waren beim Operationssaal angekommen. Ich beschloss, hineinzugehen und zuzuschauen.
Major Williams schüttelte den Kopf, als die Verbände abgenommen wurden.
»Ich dachte, der Burenkrieg war schon schlimm«, sagte er leise. »Diese multiplen Wunden sind furchtbar. Dieser Granatbeschuss ist eine ganz neue Art, Schaden anzurichten, und das gefällt mir nicht – das gefällt mir ganz und gar nicht.«
Ich betrachtete den Patienten, der auf dem Operationstisch lag, und die chirurgischen Instrumente, fein säuberlich auf einem Tuch ausgebreitet, und hatte eine schreckliche Vision des Operationssaals, als er noch die Küche des ROYAL PAVILION war: von ganzen Schweinen, die auf dem Tisch lagen, bereit, am Spieß gebraten zu werden, oder ganze Rinderkeulen, die darauf warteten, zerlegt zu werden. Ich schluckte schwer, um mich zu fassen, und wartete auf den ersten Schnitt.
Major Williams säuberte die Wunden, denen der Lazarettbrand furchtbar zugesetzt hatte. Wir versorgten sie mit dem neuen Verbandsmaterial aus Torfmoos. Es war eine befremdliche Kombination: ein indischer Patient, der in der Küche eines englischen Königs lag, verwundet in Frankreich und mit schottischem Moos versorgt. Plötzlich erschien die Welt sehr klein.
Sieben
Ich bin übel zugerichtet, Suze. Nicht wie Elizabeths Patienten – weder fehlen mir Gliedmaßen, noch leide ich an Wundbrand –, aber was meinen Kopf anbelangt. Ich versuche, es unter Kontrolle zu halten. Ich darf nicht zulassen, dass ich mich in Erinnerungen an Dinge verliere, die in Kabul geschehen sind. Ich weiß, das ist rutschiges Gefälle. Ich mag es nicht, wenn ich nicht funktioniere – so bin ich nicht.
Gestern Abend wurde mir klar, dass ich mit keinem Menschen gesprochen habe, seit ich hier bin, abgesehen von dem Mann im Feinkostladen. Das ist nicht gut. Ich beschloss, mir eine Bar zu suchen, um etwas zu trinken und jemanden zum Plaudern zu finden.
Es gab viele Orte zur Auswahl. Brighton ist nicht wie die Städte, in denen ich normalerweise lande: Städte, in denen man sein Gepäck aus einem Haufen, der sich auf dem Boden im Flughafen türmt, herausfischt und sein eigenes Vorhängeschloss für das Hotelzimmer dabeihat. Brighton hat absolut alles, was man für einen unbeschwerten Urlaub braucht. Tagsüber ist die Strandpromenade voller Menschen, die für einen Tag aus London herkommen, am Strand spazieren gehen und sich auf dem Pier vergnügen. Paare jeder Art lachen und küssen sich, machen Selfies mit ihren Handys. Am späten Nachmittag tritt eine Flaute ein, wenn die Gäste, die sich ein heißes Wochenende machen, in ihre Hotels zurückkehren und die Tagesgäste aus London den Zug nach Hause nehmen. Später am Abend wird es dann wieder lebendig.
Ich habe mir ein bisschen Mühe gegeben, ehe ich rausging, und den letzten Rest von Ediths Sandelholzöl im Bad aufgebraucht, mir die Beine rasiert, mir die Haare gemacht. Nicht für jemand anderen, sondern allein für mich. Es war lange her, dass ich das getan hatte, und es war schön, sich die Mühe zu machen. Ich roch nach Badeöl und fühlte mich gut, als ich durch Kemptown schlenderte – tausendmal besser als bei meinem verrückten Stolpergang zum Supermarkt. Unterwegs schaute ich in die Fenster, sah Menschen, die zu Abend aßen, fernsahen oder sich zum Ausgehen fertig machten. Ich erblickte eine nackte Brust in einem Dachzimmer, einen Mann, der vor einem Spiegel Posen einstudierte. Es war ein stiller Abend, ohne Wind, und die Fenster der hohen georgianischen Häuserfronten standen offen, Musik erscholl, Stimmen, die sich übertrumpften, aufgeregt bei dem Gedanken an den kommenden Abend. Der Geruch von Seeluft vermischte sich mit dem süßen Geruch von Joints, der von den Balkonen herüberzog.
Brighton bereitete sich auf den Freitagabend vor – Junggesellenabschiede, Hühnerpartys, Jungs in gebügelten Hemden und mit ordentlicher Frisur, die Mädels mit hohen Absätzen und winzigen Kleidchen taxierten, Studentinnen und Studenten in Jeans. Schwule Jungs nahmen die Terrassen der Bars am Meer in Beschlag, selbst jetzt, in der Herbstkälte, rauchend, flirtend, auf Aufriss aus.
Ich beschloss, die Bars an der Strandpromenade zu meiden. Ich suchte etwas Ruhigeres, wo der flippigste Cocktail ein Gin Tonic war, und nicht etwas Pinkes, Perlendes mit einer Wunderkerze. Schließlich entschied ich mich für eine Kneipe, von der ich vor Jahren gehört hatte, an der Old Steine, wo einst die Fischer ihre Netze zum Trocknen ausbreiteten, heute die Hauptverkehrsstraße ins Stadtzentrum.
Das Marlborough Pub, ein Backsteinhaus mit Erkerfenstern, sah nett aus. Es gab zwei Türen zur Auswahl, und einen Moment zögerte ich, verspürte diese kleine Welle aus Nervosität und Verheißung, die immer noch in mir aufkommt, wenn ich allein in eine lesbischwule Bar gehe. Aber dann sagte ich mir, nicht albern zu sein, und wählte die Tür auf der rechten Seite.
Drinnen war viel los, es war heiß und laut von den Stimmen, die mit der Musik von der DJ-Station im Fenster wetteiferten. Die meisten der Frauen waren jung und trugen eine inoffizielle Uniform aus Jeans und ärmellosen Tops. Sie drängten sich an der Bar, um den Billardtisch, tranken große Gläser Lager und kippten Tequila Shots.
Eine der Billardspielerinnen hatte eine kunstvolle Tätowierung, die sich über ihre Schultern und die Arme hinunter erstreckte. Weißt du noch, wie du immer gescherzt hast, dass ich die einzige Lesbe in London ohne Tätowierung wäre? Ich habe es nie fertiggebracht. Ich liebte die kleinen Schwalben, die in Formation über deinen Rücken flogen, aber sie waren die Ausnahme. Für mich bedeuten Tattoos Truppen: zähnefletschende Hunde, Kugeln und Bomben, Gewehre, nackte Frauen, Bibelstellen, Totenköpfe mit gekreuzten Knochen, der Sensenmann, Kruzifixe, Frauennamen. »Ungläubiger«, gekritzelt auf die junge Brust eines britischen Soldaten in Afghanistan.
Wusstest du, dass der Islam Tätowierungen verbietet? Als ich mit einem Platoon Marines im Irak war, junge Kerle von Anfang zwanzig, gab es einen ständigen Kampf zwischen ihnen und ihren Vorgesetzten, die ihnen beizubringen versuchten, ihre Tattoos auf Stellen zu beschränken, wo sie nicht gesehen wurden. Sie scheiterten natürlich: Diesen Jungs war es egal, sie stellten ihre Tattoos zur Schau und versuchten, eine Reaktion zu provozieren, wie die Teenager, die sie fast noch waren.
Ich wollte nicht an Soldaten denken. Ich entdeckte eine Tür am Ende der Bar, schob mich bis dorthin durch und trat in den anderen Raum.
Er hätte nicht unterschiedlicher sein können – ruhig, keine Musik, nur einige Paare saßen in gemütlichen Nischen. Auf dem Boden lag Teppich, ein Fensterblatt stand in der Ecke und ein Aquarium hinter der Bar. Vielleicht nicht das, was man cool nennen würde, aber mir gefiel es.
Ich bestellte einen Gin Tonic und setzte mich auf einen Hocker an der Bar. Die Barkeeperin war freundlich, flirtete sogar ein bisschen mit mir, aber als ich eine Zigarette hervorholte, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Mm-mm, nicht hier drinnen.«
Ich hatte das mit dem Rauchverbot vergessen. Ich bin es gewohnt, an Orten zu trinken, wo die Luft dick vor Rauch ist, die Art von Ort, wo ein solches Verbot niemals toleriert werden würde. Genauso wenig wie eine Bar voller Frauen, wenn wir schon dabei sind – jedenfalls nicht diese Art von Frauen. Ich erinnerte mich an eine Hotelbar in Kigali, Ruanda. Die Deckenventilatoren waren kaputt, die Tische klebrig vom Bier. Katzen streiften umher, auf der Suche nach Essensresten. Wir waren den ganzen Tag unterwegs gewesen, hatten Leichen und Verwüstung gesehen, und wir waren müde und tranken, um zu vergessen. Die Bar war gefüllt mit den üblichen Verdächtigen: Waffenhändler, humanitäre Helferinnen, Söldner, Journalistinnen. Ein sehr betrunkener Mann kam auf mich zu und legte seine Hand auf meinen Hintern. Sein Atem roch nach Whisky, seine Haut war gerötet und seine Augen blutunterlaufen vom Alkohol und dem jahrelangen Blick in die afrikanische Sonne.
»Wie viel?« Sein Akzent war schwer zuzuordnen: südafrikanisch vielleicht, belgisch, holländisch.
»Was?«
»Du weißt schon«, sagte er und betatschte wieder meinen Hintern.
Ich hielt meine Stimme ruhig. »Ich bin keine Hure.«
Er hob eine Augenbraue. »Warum bist du dann hier?«
»Ich bin Fotografin – Journalistin.«
Er lachte, ein hohes, irres Gackern.
»Umso schlimmer, Mädel, umso schlimmer.«
Ich habe viele Abende an solchen Orten verbracht: Hotelbars ohne Fenster, so dass man nicht weiß, wie spät es ist; Bars neben Swimmingpools, die Dürre oder Krieg geleert hatten; Bars in schlechten Stadtvierteln, wo man das Grollen von Unruhen hört, die näher kommen; Bars hinter Eisengittern, in denen nur AusländerInnen oder die Eliten ungestraft Alkohol trinken können. Es war gut, mit meinem Gin Tonic hier zu sitzen und zu wissen, dass kein Mann sein Glück versuchen würde. Ich trank ihn schnell aus, ich mochte es, wie er mir sofort zu Kopf stieg. Ich bestellte mir gerade noch einen, als eine Frau zur Tür hereinkam. Sie setzte sich auf den Barhocker neben mich, schaute mich an und lächelte.
»Ist viel los nebenan«, sagte sie und wies mit dem Kopf zur anderen Seite des Pubs hinüber.
Sie war groß, wie du, mit dunklem Haar, lang und glänzend. Ich hob die Hand zu meinem Nacken und spürte die ungleichmäßige Linie. Weißt du noch, wie ich dich aus dem Kongo angerufen habe, um dir zu sagen, dass ich mir die Haare abgeschnitten hatte? Ich war in einem Krankenhaus gewesen, wo ich den ganzen Tag damit verbracht hatte, Fotos von kleinen Mädchen zu machen, manche nicht älter als sechs Jahre, die mit Flaschen vergewaltigt worden waren, alte Frauen, die von einem Dutzend Milizen sexuell missbraucht und zum Sterben zurückgelassen worden waren. Sie alle blickten mit leeren Augen in meine Kamera. Nachdem ich in mein Hotelzimmer zurückgekehrt war, nahm ich meine Nagelschere und schnitt mir die Haare büschelweise ab, ohne mir die Mühe zu machen, in den Spiegel zu schauen. Anschließend sammelte ich die Haare auf und steckte sie in einen dieser Handgepäckbeutel für Toilettenartikel. Plötzlich fürchtete ich mich vor Hexerei. Das war der Effekt, den der Kongo auf mich hatte: Ich war monatelang durch den Wind.
Meine Haare sind immer noch kurz. Das ist einfacher so. In einem Kriegsgebiet ist es besser, nicht gut auszusehen. Aber als diese Frau anfing, mit mir zu reden, fuhr meine Hand zu meinen Haaren hinauf, fast ohne dass ich es merkte. Es ist so lange her, dass mich jemand angebaggert hat, dass ich nicht einmal wusste, ob es das war, was sie machte, oder ob sie einfach freundlich war.
Das Gespräch dauerte nicht lange, denn schon bald wurde mir wieder schlecht, wie zuvor im Supermarkt. Ich hielt mich an der Theke fest, schluckte mehrmals und versuchte die Übelkeit zu unterdrücken. Mein Herz pochte, und das nicht wegen ihr.
»Ich bin Florence«, sagte die junge Frau.
»Ich bin Jo«, sagte ich, sprang von meinem Barhocker auf und rannte nach draußen, weil ich wusste, dass ich mich gleich würde übergeben müssen. Ich drängte mich an einer Gruppe von Frauen vorbei, die draußen rauchten, und kotzte auf den Gehweg.
Ich fragte mich, was da eigentlich passierte – wieso ich zum zweiten Mal in einer Woche die Kontrolle verlor. Als ich die Hand auf meiner Schulter spürte, zuckte ich zusammen.
»Ich bin’s«, sagte Florence. »Alles in Ordnung?«
Ich wusste, wie es aussah, nämlich als ob ich nichts vertrüge.
»Ja«, sagte ich, dann richtete ich mich auf und ging mit unsicheren Schritten in Richtung Strandpromenade.
Sie rief mir etwas nach, aber ich ging weiter, vorbei am ROYAL PAVILION, der vom Mondlicht erhellt wurde, vorbei an der Frittenbude an der Ecke, die ranzige Schwaden von altem Fett ausstieß, vorbei an den Clubs, den Karaoke-Bars, den Betrunkenen, dem Buswartehäuschen, direkt an der Promenade entlang, bis ich es endlich nach Hause geschafft hatte.
Acht
ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH
25. Dezember 1914
Heute war der erste Weihnachtstag, aber ich hatte mich freiwillig zur Arbeit gemeldet. Es schien wenig Grund zum Feiern zu geben, nicht wo Robert so weit weg war und in solcher Gefahr. Auf dem Weg zum PAVILION blieb ich einen Moment an der Strandpromenade stehen. Es war ein klarer Tag, sehr kalt und sehr ruhig, ohne jede Spur von Wind und, Gott sei Dank, kein Kanonendonner. Die Flut schob kleine Schaumkrönchen auf den menschenleeren Strand. Ich dachte an Familien, die sich an den Frühstückstisch setzen, Strümpfe öffnen, das Strahlen auf den Gesichtern der Kinder, und ich schaute auf das Meer hinaus und betete, dass Robert gesund und wohlbehalten zurückkommen möge und dass wir eines Tages unsere eigene Familie haben würden.
Weihnachten bedeutet unseren Patienten natürlich wenig, aber sie schienen erfreut über die königlichen Geschenke. Queen Mary hatte jedem von ihnen eine kleine Dose Konfekt, Postkarten und Zigaretten geschickt, Geschenke, die mit großer Freude entgegengenommen, genauestens untersucht und dann sorgfältig bei ihren anderen Habseligkeiten verstaut wurden: Trophäen von der Front, schreckliche Dinge wie deutsche Helme oder Granatsplitter.
Schwester Clarkson hatte Mince Pies mitgebracht, und wir hatten eine vergnügliche Zeit, als wir sie beim Nachmittagstee zusammen aßen. Irgendjemand kam auf die Idee, für die Patienten zu singen, und kurzerhand bildeten wir einen Chor und sangen auf jeder Station ein Lied. Wir waren offenkundig Amateure, aber die Männer schienen es zu mögen, einige von ihnen klopften sogar den Takt an der Seite ihrer Betten.
Alles in allem war es ein angenehmer Tag, eine willkommene Auszeit, abgesehen von einer verstörenden Episode mit einem Gurkha aus Nepal. Lal Bahadur Thapa ist ein sehr kleiner Mann, ein Junge im Grunde, der nicht älter aussieht als vierzehn. Seine Gesichtszüge unterscheiden sich von denen der anderen Männer: Sie sind beinahe chinesisch, als wäre er von den Gemälden auf den Tafeln des Musikzimmers herabgestiegen und zwischen die gestärkten Laken seines Bettes geschlüpft.
Wir haben ein besonderes Auge auf ihn, seit er letzte Woche in einem schrecklichen Zustand ankam, mit vom Granatfeuer zerschmetterten Beinen. In seinen Unterlagen steht, dass er von der Druckwelle der Explosion zu Boden geworfen und dann unter Trümmern halb begraben war und erst nach Stunden gerettet wurde. In Frankreich wurden ihm beide Beine amputiert, denn seine Wunden waren brandig geworden, und er war furchtbar aufgeregt gewesen und hatte den Gedanken, bewegt zu werden, nicht ertragen. Offenbar hatten die Pfleger in seiner Sprache mit ihm gesprochen und versucht, ihn zu beruhigen, aber er hatte auf dem ganzen Weg in den OP geschrien. Als er zu uns kam, die Beine bandagiert, beide am Oberschenkel abgetrennt, sah er aus wie ein gequältes Kind, winzig und geschockt.
Normalerweise liegt er zusammengekrümmt in seinem Bett – sein Körper erzeugt kaum eine Erhebung unter dem Bettzeug – und starrt einfach nur mit rarem Lidschlag in die Ferne. Seine Hände sind das Einzige, was sich bewegt, sie zucken die ganze Zeit über. Aber heute Nachmittag, gleich nach den Weihnachtsliedern, wurde sein Zucken immer schneller, bis es fast wie ein Flattern war, seine Hände und Arme flatterten, erst langsam, dann schneller, wie ein Vogel, der versucht zu fliegen. Er fing an, seltsame, würgende Geräusche zu machen, als ob er sprechen wollte, aber nicht konnte.
Auch die anderen Patienten zeigten Anzeichen von Aufregung, sie bewegten sich unruhig in ihren Betten. Einige von ihnen bedeckten ihren Kopf mit ihrem Kissen, um den Lärm auszublenden. Andere begannen ebenfalls zu zucken und um Hilfe zu rufen.
Plötzlich stieß Lal Bahadur einen wilden, schrecklichen Schrei aus, wie ein Tier in großem Schmerz. Ich rief einem Pfleger zu, er solle Colonel MacLeod holen, lief zu Lal Bahadur und fasste ihn bei den Schultern, redete sanft auf ihn ein und versuchte, den Bann zu brechen, aber als der Colonel eintraf, hatte er schon Krämpfe, sein kleiner Körper zuckte und wand sich. Er war erstaunlich stark: Es brauchte drei Pfleger, um ihn unten zu halten, während sie ihm ein Beruhigungsmittel gaben. Dann wurde er schlaff und fiel zurück in die Kissen.
Anschließend verlangte Colonel MacLeod in seinem Büro eine Erklärung. Ich fing an zu beschreiben, wie Lal Bahadur in eine andere Welt hinüberzugehen schien, aber er sagte, das habe er nicht gemeint. Er warf mir einen strengen Blick zu und fragte, warum ich zu ihm gegangen sei. Ich würde die Regeln kennen, sagte er. Ich sei nicht dazu da, die Patienten zu pflegen.
Als ich einwandte, dass es unmöglich sei, jemanden mit solchen Schmerzen zu sehen und nicht aus reinem Anstand zu versuchen zu helfen, sagte er nur, dass das nicht meine Aufgabe sei und dass er mich bitten müsse zu gehen, wenn ich mich nicht an die Regeln hielte.
Es klopfte an der Tür.
»Sir.« Es war Mr. Mitra, der erklärte, was passiert war, und sagte, dass meine Hilfe ›lebenswichtig‹ gewesen sei. Ich bin noch nie ›lebenswichtig‹ genannt worden. Ich lächelte insgeheim und war ziemlich erfreut. Colonel MacLeod fragte Mr. Mitra, was er mit der Sache zu tun habe.
»Als Arzt bin ich –«
Zornesröte stieg Colonel MacLeod den Nacken hoch. Ich sah ihn an und dachte, wie ruhig Mr. Mitra im Vergleich dazu war – wie er keine Reaktion zeigte, als der Colonel ihn daran erinnerte, dass er noch kein Arzt sei.
»Die Angelegenheit, die wir hier besprechen, ist keine rein medizinische«, sagte der Colonel gereizt. »Da spielt noch etwas anderes mit hinein.«
Als es erneut an der Tür klopfte, fürchtete ich, dass der Colonel die Beherrschung verlieren könnte, denn sein Hals wurde noch röter. Scharlachrot.
Ein nervös wirkender Pfleger stammelte, es gebe einen weiteren Notfall. Als der Colonel aus dem Zimmer eilte, tauschten Mr. Mitra und ich einen Blick.
»Ich danke Ihnen«, sagte ich.
»Ich glaube nicht, dass ich eine große Hilfe war.«
»Sie haben sich selbst wahrscheinlich keinen Gefallen getan, indem Sie mir beigesprungen sind.«
Er zuckte mit den Schultern. »Sie haben wahrscheinlich recht. Das passiert mir öfter.«
Einen Moment lang zögerte ich und dachte an das Krankenhausprotokoll, dann beschloss ich, es zu ignorieren.
»Ich finde, Sie sollten mich Elizabeth nennen«, sagte ich.
Er machte eine kleine Verbeugung. »In dem Fall bin ich Hari.«
Es entstand eine Pause, während ich überlegte, was ich als Nächstes sagen sollte. Dann fiel mir wieder ein, dass er noch in der Ausbildung war, und ich fragte ihn, wo er vor dem Krieg studiert habe. Als er antwortete, Keble College, Oxford, war ich erfreut und erzählte ihm, dass Robert in Balliol gewesen sei. Wenn er auf Urlaub käme, würde ich sie einander vorstellen. Sie hätten Oxford gemein, und Robert sei auch in Indien geboren. Vielleicht könnten sie Freunde werden.
»Vielleicht«, sagte er.
Ich wollte weiter mit ihm reden. »Und was hat Sie bewogen, nach England zu kommen?«, fragte ich.
Er zuckte mit den Schultern und sagte, er habe als Junge Shakespeare und Milton, Thomas Hardy und George Eliot gelesen. Deren Bücher hätten ihn fasziniert. Er habe hierherkommen und sich selbst ein Bild machen wollen.
Genau wie ich und Indien, dachte ich. Ich hatte auch etwas mit ihm gemein. »Und ist es so, wie Sie es sich vorgestellt haben?«
»Seit ich hier bin«, erwiderte er, »habe ich festgestellt, dass England nicht der Ort ist, über den ich in Büchern gelesen habe.«
Ich fühlte mich seltsam enttäuscht.
»Warum sind Sie hierhergekommen, in den ROYAL PAVILION?«
»Oxford ist ein außergewöhnlicher und schöner Ort«, sagte er und zog eine kleine Grimasse. »Doch kaum war ich dort angekommen, begann ich an Indien zurückzudenken. Als ich hörte, dass im ROYAL PAVILION Ärzte gebraucht werden, verspürte ich eine eigenartige Verbundenheit mit meinem Land. Ich beschloss, nach Brighton zu gehen, um zu helfen.«
Je besser ich Hari Mitra kennenlerne, desto faszinierter bin ich. Er scheint ein Mann zu sein, der Geschichten zu erzählen hat, sofern ich sie ihm entlocken kann. Ich glaube, ich würde es gern versuchen.
Neun
Als ich anfangs in diese Sache einstieg, liebte ich den Gedanken, frei zu sein, aber die Kehrseite der Freiheit ist Einsamkeit. Es für dich aufzuschreiben, zu versuchen, es in Worte zu fassen, war wichtig. Ich wollte, dass du erfährst, was sich wirklich ereignet hat, was sich abseits der Fotos in den Zeitungen zutrug, die Dinge, die ich nicht mit meiner Kamera eingefangen habe, die Geschichten hinter den Aufnahmen.
Ich liebte es auch, deine Geschichten zu bekommen, besonders die E-Mails – viel mehr als die raschen Anrufe mit einem geliehenen Satellitentelefon, die sporadischen SMS, wenn ich Empfang hatte. In meinem Posteingang etwas von dir vorzufinden war die Versicherung, dass es da draußen noch etwas anderes gab, jenseits des Wahnsinns, etwas Normales und Menschliches und Vernünftiges.
Das war mit das Schlimmste an der Trennung – dich nicht dazuhaben, während ich versuchte, in meinem Kopf alles klarzukriegen. Das ist das, was ich jetzt tun muss, Suze. Ich muss dir erzählen, was los ist, so wie früher, ich muss dir erklären, was in Kabul passiert ist. Ich erwarte keine Antwort, ich weiß, dass es dafür zu spät ist, aber du bist immer noch die Einzige, die es vielleicht verstehen kann.
Erinnerst du dich an meine erste Reise nach Afghanistan, damals im Jahr 2001? Es war wenige Wochen nach 9/11, als wir zusammen auf dem Sofa saßen und entsetzt auf den Fernseher starrten, während die Twin Towers zusammenbrachen. Die Amerikaner waren im Begriff, Kabul zu bombardieren, und ich wollte unbedingt darüber berichten. Ich packte meine Koffer, gab dir einen Abschiedskuss und reiste ab.
Ich habe dir nie viel von dieser Reise erzählt. Du warst zu wütend auf mich – erst, weil ich wegging, und dann, weil ich so lange wegblieb. Ich sah die Bilder, die du gemalt hattest, während ich fort war, die Wut in ihnen, den Schmerz und die Einsamkeit. Das war, als du mit jemand anderem geschlafen hast, deine erste Affäre, und das war das, worum es in unseren Gesprächen in den Wochen danach ging, und nicht darum, wo ich gewesen war.
Mit dieser Reise fing alles an schiefzulaufen, die Geschichte zwischen dir und mir. Und damit muss ich anfangen.
Ich wusste, dass ich niemals direkt in Kabul würde einreisen dürfen, also nahm ich den Umweg über Moskau und Tadschikistan, dann mit einem Hubschrauber nach Khoja Bahauddin, dem Sitz der Nord-Allianz, einer trostlosen afghanischen Wüstenstadt mit schlammfarbenen Häusern, die nahtlos aus dem Boden ragen und deren Wände allesamt aus der gleichen tristen Erde geformt sind, Kamele und Esel, die Brennholz transportieren – kein Strom, keine Kanalisation, kein fließendes Wasser, keine gepflasterten Straßen. Ich suchte mir einen Fahrer und einen Dolmetscher. Mein Freund Tim, ein Reporter von der Washington Post, besorgte uns eine Mitfahrgelegenheit, und gemeinsam fuhren wir in einem alten russischen Jeep durch den Hindukusch, über reißende Flüsse, staubige Gebirgsausläufer, Wüstenebenen, vorbei an Soldaten, die zum Gebet knieten, die Krümmung ihrer Rücken glich der Form der Berge hinter ihnen. Wir kamen durch Dörfer, deren Bewohnerinnen und Bewohner in der klirrenden Kälte barfuß gingen, und übernachteten in verdreckten Pensionen, wo wir fettiges Ziegenfleisch und Naan-Brot aßen und uns dann in alles einwickelten, was wir fanden, um so gut es ging zu schlafen. Die Landschaft war außergewöhnlich: Riesige Felswände ragten über uns auf, durchzogen von Sturzbächen, die weit unter uns außer Sichtweite aufplatschten.
Es dauerte eine Woche, bis wir die Shomali-Ebene erreichten, Niemandsland, eine Pufferzone zwischen der Nord-Allianz und den Taliban – ein trostloser, windiger Ort, getupft mit Häusern, die von Einschusslöchern durchsiebt waren, zerstörten Panzern und ausgebrannten Jeeps. Leichen lagen in verrenkter Haltung im Staub, die Beine verdreht, die Köpfe in den Nacken geworfen. Plastiksandalen lagen verstreut auf der Straße, neben Kleidungsstücken und dunklen Blutspritzern.
Wir erreichten die Kuppe eines Hügels, und plötzlich lag Kabul unter uns, eine riesige Ansammlung von niedrigen Häusern, hier und da unterbrochen von Wohnblöcken im sowjetischen Stil. Der Anblick war großartig: eine Stadt, umgeben von einem Ring aus Bergen und dahinter noch mehr Berge mit weißen Spitzen. Die Sonne verschwand am Horizont und tauchte die Berge in ein sanftes rosa Glühen. Lichter gingen an, das erste Anzeichen von Elektrizität, das ich seit meiner Ankunft sah, kleine Glühwürmchen, die die Hänge tupften.
Ich fragte mich, was wir wohl vorfinden würden, wenn wir in der Stadt ankamen. Das Bild von Kabul, das ich im Kopf hatte, war aus Berichten in den Nachrichten und einer Handvoll verblichener Fotos zusammengesetzt. Edith hatte Kabul 1968 besucht, auf einer langen, abenteuerlichen Reise in einem Land Rover von London nach Kalkutta. Auf ihren Fotos fuhren Frauen in Kleidern Bus und Kinder rutschten auf Spielplätzen knallbunte Rutschen hinunter. Die Berichterstattung aus der Zeit, als die Taliban an der Macht waren, sah völlig anders aus: Frauen, reduziert auf stumme blaue Gestalten; das geheime Filmmaterial von der öffentlichen Hinrichtung einer dieser Frauen im Fußballstadion von Kabul: auf der Ladefläche eines LKW herbeigebracht und gezwungen, sich hinzuknien, dann in den Kopf geschossen, während ihre sieben Kinder zusahen und weinten.
Jetzt lag die Stadt in Trümmern. Wir fuhren an einem Häuserblock nach dem anderen vorbei, an Häusern ohne Dächer oder Wände, Löcher klafften, wo einst Fenster gewesen waren. Die Fassaden waren mit Einschusslöchern übersät, die Wände von Panzergeschossen aufgerissen. Balken und Träger ragten in absurden Winkeln hervor und hielten das Wenige, was noch übrig war, zusammen. Filigrane Balkone hingen, jetzt von Rissen durchzogen, an den Fassaden einst anmutiger Häuser. Überall Schutthaufen. Als es Abend wurde, erfüllte Rauch die Luft, als Familien kochten oder sich dicht um Feuerstellen kauerten, um warm zu bleiben.
»Es ist wie Dresden«, sagte Tim. »Oder Hiroshima. Scheiße, Jo, was haben wir getan?«
Mahmoud, unser Dolmetscher, hustete. »Das waren nicht die Amerikaner«, sagte er leise. »Das ist schon seit Jahren so. Es waren die Taliban, und vor ihnen war es der Bürgerkrieg, es waren die Mudschahedin. Es waren nicht die Fremden. Wir selbst haben uns das angetan.«
Das Intercontinental Hotel war ein weißes, ziemlich hässliches Gebäude oben auf einem Höhenzug in der Mitte der Stadt. Es war voller Journalistinnen und Journalisten, die um die Zimmer kämpften. Wir waren so schnell herbeigeströmt, wie es uns gelang, jemanden zu überreden, uns herzubringen – die einzige Spezies auf der Welt, die auf Krisenherde zu rennt, anstatt vor ihnen davonzulaufen. Ich hatte es geschafft, ein Bett in einem Zimmer mit Molly zu ergattern, einer CNN-Korrespondentin, mit der ich in Sierra Leone gewesen war. Wie üblich hatte sie eine Flasche Gin organisiert. Wir mischten ihn mit ein paar Dosen saurer Limonade und saßen in unsere Schlafsäcke eingemummelt da und tranken ihn aus angeschlagenen Gläsern.
»Was hat euch aufgehalten?«, fragte sie.
Es war erst drei Tage her, seit die Taliban gestürzt worden waren. Molly war eine der ersten JournalistInnen gewesen, die nach Kabul gekommen war, still und heimlich über die Grenze zu Pakistan.
»Es war total verrückt«, sagte sie. »Die Straße war voller Taliban, lange Schlangen dieser weißen Toyotas, die bin Laden bezahlt hat, alle mit Frauen und Kindern vollgestopft, und das Gepäck stapelte sich bis oben auf dem Kofferraum. Erinnerte mich an die Ausfallstraßen von New York am Labor Day.«
Alles, was ich wollte, war, mich mit ihr zu betrinken und zu quatschen, aber nach dem ersten Gin stand sie auf und ging zu dem Tisch in der Ecke hinüber, fuhr sich mit einem Lippenstift über den Mund und bürstete sich die Haare.
»Ich bin gleich auf Sendung«, sagte sie. »Vom Dach. Komm doch mit und schau zu, wenn du möchtest.«
Das Dach war voller KorrespondentInnen, Kameras und Satellitenschüsseln, angetrieben von einer Reihe Generatoren, einem für jeden Nachrichtensender. Ich arbeitete zum ersten Mal auf eigene Rechnung – ohne Vertrag, ohne Deadline, ohne Chef. Um überhaupt eine Chance im Konkurrenzkampf zu haben, musste ich jemanden finden, der mir half, und zwar schnell: einen Übersetzer, eine Ortskraft, jemanden, mit dem ich zusammenarbeiten konnte, jemanden, dem ich vertrauen konnte. Von dieser Person würde es abhängen, welche Art von Aufnahmen ich würde schießen können.
Früh am nächsten Morgen ignorierte ich die Angebote der Gruppe von Männern draußen vor den Toren des Hotels und nahm ein Taxi zum Basar. Die Stadt sah noch schlimmer aus als am Abend zuvor – das helle Sonnenlicht ließ alles noch desolater erscheinen. Kinder mit von der Mangelernährung orangefarbenen Haaren spielten in offenen Gossen; streunende Hunde suchten nach etwas zu fressen. Männer saßen am Straßenrand, vor sich Dinge ausgebreitet, die zum Verkauf standen: ein Haufen nicht zueinanderpassender Sandalen, Autoersatzteile, Metallschrott.
Ich beugte mich vor, um etwas genauer in Augenschein zu nehmen: eine Ansammlung von etwas, das wie menschliche Knochen aussah. Die Miene des Verkäufers ließ auf nichts Ungewöhnliches schließen – es hätte sich genauso gut um Gemüse oder Blumen handeln können.
Eine Stimme sagte leise auf Englisch: »Ja, das stimmt, das sind Wirbelknochen. Und sehen Sie, da ist auch ein Wadenbein.«
Ich drehte mich um und sah einen Mann, jung, in den Zwanzigern, sein Kinn war fleckig und mit Wattebauschfitzeln bedeckt.
Er bemerkte meinen Blick und lächelte. »Ich bin heute Morgen meinen Bart losgeworden«, sagte er. »Der Barbier war ein bisschen aus der Übung. Mein Name ist Faisal. Salam aleikum.«
»Aleikum asalam. Ich bin Jo.«
»Die Taliban haben uns den Handel mit vielen Dingen verboten. Knochen gehörten zu den wenigen Dingen, die nicht verboten waren.«
»Warum sollte jemand sie kaufen wollen?«
»Um sie an Fabriken in Pakistan zu schicken. Sie machen daraus Knöpfe und Seife.«
»Woher haben sie die?«
Er lachte. »Die Bomben brachten die Erde so heftig zum Beben, dass die Gräber ihre Knochen ausgespuckt haben. Man muss nicht tief graben, um sie zu finden. Gewöhnlich machen das Kinder. Ihre Hände sind klein, deshalb sind sie gut für den Job.«
Er bemerkte meinen Gesichtsausdruck. »Wissen Sie, die Leute haben keine große Wahl.«
»Und was ist mit Ihnen?«, fragte ich.
»Als die Taliban kamen, war ich auf der Universität und habe Medizin studiert. Ich wollte schon immer Arzt werden. Das ist mein Traum. Während sie hier waren, habe ich zu Hause weiterstudiert.«
»Und jetzt?«
»Ich warte darauf, dass die Universität wieder öffnet.«
»Ich bin hier, um Fotos zu machen«, sagte ich. »Ich suche jemanden, der mit mir zusammenarbeitet, der übersetzt, mich herumführt und mir sagt, wo man gut hingehen kann. Wären Sie daran interessiert?«
Er dachte einen Moment nach und nickte dann. »Ja«, sagte er. »Es wäre mir ein Vergnügen.«
Faisal führte mich durch enge Gassen, vorbei an verlassenen Grundstücken mit zerbrochenen, umgestürzten Blumentöpfen und Vogelkäfigen, die leer dahingen. Wir waren stundenlang unterwegs, es war, als würde er sich die Straßen seiner Stadt zurückerobern. Er wies mich auf Barbiere hin, die weiteren Kunden die Bärte abnahmen, auf Menschenmengen vor einem Kino, die auf die Nachmittagsvorstellung warteten, auf Horden von Jungen im Teenageralter, die Postkarten von Bollywood-Stars anstarrten, die zum Verkauf aushingen. Als wir eine Straße voller Obststände entlanggingen, blieb er plötzlich stehen.
»Hörst du das?«, fragte er.
Der schwache Klang von blechernem Pop driftete die Straße hinunter.
»Das macht mich sehr glücklich«, sagte er. »Seit fünf Jahren ist das die erste Musik, die ich höre.«
Auf dem Rückweg zum Intercontinental machte ich ein Foto von einem Mann, der sein Fahrrad schob, an dessen Lenker ein riesiges Bündel Luftballons gebunden war, die beim Überqueren der Schlaglöcher wippten. Sie leuchteten im Wintersonnenlicht, hoffnungsvolle Farbkleckse im Staub.
Kabul lag auf einer solchen Höhe, dass mir schon allein beim Gehen auf der Straße schwindelig wurde. Im Laufe der nächsten Wochen wurde es so kalt, dass das Atmen wehtat. Meine Nase lief ständig, meine Lippen waren spröde und rissig. Ich zog mit Molly und dem Rest der CNN-Crew nach Wazir Akbar Khan, einem Nobelviertel im Norden der Stadt. Ich hatte dringend aus dem Intercontinental rauswollen. Es waren zu viele von meiner Sorte dort, zu viele Journalistinnen und Fotografen und Kamerateams.
Es war – wie im Holiday Inn in Sarajevo oder die amerikanische Kolonie in Jerusalem – eine kleine Gemeinschaft geworden, voller Intrigen, Klatsch und Tratsch und Sex. Es war, wie es das immer ist, das Summen der Frontlinie, die aphrodisierende Wirkung der Gefahr und des Fernseins von zu Hause, von der Normalität, von allem, das man sich im wirklichen Leben vielleicht zweimal überlegen würde. Ich habe mich auf nichts eingelassen – das habe ich nie, trotz deiner Ängste und der Auseinandersetzungen, die wir darüber hatten. Selbst wenn ich es gewollt hätte – Kriegsberichterstattung ist eine ziemlich straighte Angelegenheit.
Aber lassen wir dieses Thema. Ich entwickelte eine Routine: Ich wanderte mit Faisal durch die Straßen und suchte nach Motiven. Anfangs fotografierte ich eine Menge Burkas und versuchte zu erfassen, was sie bedeuteten. Ästhetisch gesehen, wirkten sie wunderschön, das Blassblau gegen beigen Staub, aber mir war schnell unwohl dabei, sie auf eine Farbpalette zu reduzieren.
Als ich Faisal das erzählte, lachte er.
»Komm mit zu mir nach Hause. Ich habe fünf Schwestern. Frag sie.«
Faisals Schwestern waren ganz anders als die geisterhaften blauen Gestalten auf der Straße – wunderschön gekleidet in seidenen Salwar Kameezes, ihre Gesichter fachkundig geschminkt. Zunächst waren sie still, dann wurden sie mutiger und bombardierten mich mit Fragen, wobei Faisal übersetzte.
»Wo kommst du her?«
»Aus London.«
»Wie alt bist du?«
»Dreißig.«
»Bist du verheiratet?«
»Nein.«
Sie sahen mich mitleidig an und flüsterten untereinander. Ich fragte mich, was sie von mir dachten, mitgenommen von der wochenlangen Reise und nicht besonders sauber.
Nach einigen Minuten ging Sushila, die älteste Schwester, zu einer Kiste in der Ecke. Sie kramte einen Moment darin herum und holte dann eine kleine Tüte hervor.
»Die Taliban haben uns verboten, uns die Nägel zu lackieren«, sagte sie. »Also haben wir unseren Nagellack immer versteckt. Aber jetzt ist er erlaubt. Wenn wir dir die Nägel lackieren, hast du eine größere Chance, einen Mann zu finden.«
Du hättest über mein Gesicht gelacht, aber ich konnte das Angebot kaum ablehnen. Ich nickte und lächelte und versuchte, begeistert auszusehen. Sie schimpften mich aus, weil ich meine Hände nicht richtig pflege, und schnalzten missbilligend mit der Zunge, weil meine Nägel so kurz waren. Ihre Hände waren seidig glatt und ihre Nägel waren lang und leuchteten alle im selben Rotton.
Als sie fertig waren, leuchteten meine ebenso. Ich lächelte und nickte und bedankte mich herzlich bei ihnen.
Wir drängten uns um den alten Bukhari-Ofen, der einen gemütlichen Geruch nach brennendem Sägemehl verströmte.
»Erzählt ihr mir etwas über Burkas?«, fragte ich. »Ich möchte wissen, wie es ist, so etwas zu tragen.«
Sie holten sie von den Haken herunter. Ich war überrascht, wie sehr sie sich voneinander unterschieden. Ich hatte angenommen, sie wären alle gleich.
Als ich das sagte, lachten die Schwestern.
»Nein, nein«, erwiderte Sushila. »Manchmal ist der Stoff fein, manchmal grob, und für die Stickerei auf dem Oberteil gibt es viele verschiedene Muster. Schau mal, dies hier zeigt Blumen, aber diese hier ist ganz schlicht.«
»Aber sie sind immer blau, richtig?«, fragte ich.
»Nein«, sagte Leila, die zweite Schwester. »Manchmal sind sie auch weiß.«
»Aber nur, wenn man reich ist«, sagte Sushila. »Sie sind schwer sauberzuhalten, also muss man sich mehr als eine leisten können und jemanden haben, der sie wäscht.«
Sie überredeten mich dazu, eine Burka anzuprobieren, hoben sie mir behutsam über den Kopf und rückten sie zurecht, bis der obere Teil meinen Kopf perfekt umschloss. Sie zupften den Stoff um mich herum zurecht und traten dann zurück. Ich war mir sofort des Gewichts des Stoffes bewusst. Faisals Haus war bereits warm vom Bukhari, aber jetzt war mir regelrecht heiß, und ich konnte kaum noch atmen.
»Geh ein bisschen umher«, sagte Leila.
Langsam, tastend ging ich durch den Raum. Es war schwierig zu sehen, wo ich hinging, meine Sicht war auf das kleine Gitter beschränkt. Ich konnte nur geradeaus schauen, es sei denn, ich drehte den Kopf.
»Warte«, sagte Leila. »Hier ist der Spiegel.«
Ich starrte mich an, verwandelt in eine der blauen Gestalten, die ich langsam durch die Straßen hatte wandeln sehen.
Leila lachte. »Sie spürt es!«
»Was?«, fragte ich.
»Das, was wir alle gespürt haben, als wir zum ersten Mal eine Burka anhatten. Als ob du nicht wüsstest, wer du bist.«
Ich sah, wie die blaue Gestalt nickte. »Ja. So ist es«, sagte sie mit meiner Stimme. »Das weiß ich nicht.«
Zehn
ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH
5. Januar 1915
Ein Brief von Robert!
Frankreich, 28. Dezember 1914
Liebe Elizabeth, ich hoffe, Du hattest ein frohes Weihnachtsfest! Mein Weihnachten war ereignislos, was das Beste war, was wir uns erhoffen konnten, obwohl etwas ganz Außergewöhnliches geschah: eine Feuerpause, stell Dir vor, eine Art Waffenstillstand. Inoffiziell, versteht sich. Anscheinend haben einige unserer Tommies und der Feind Weihnachtslieder und Grüße ausgetauscht, und am Weihnachtstag selbst trafen sie sich im Niemandsland, um Fußball zu spielen. Ich weiß, dass das in den Zeitungen stehen wird, trotz aller gegenteiligen Bemühungen, also verrate ich nichts, indem ich es Dir erzähle.
Meine Jungs hatten nicht viel damit zu tun. Weihnachten ist für sie ein Tag wie jeder andere, obwohl mein Sanitäter in der Nacht zuvor auf die deutschen Schützengräben wies, wo ich eine Reihe kleiner, von Kerzen beleuchteter Bäume sah.
»Wie Diwali«, sagte er.
Habe ich Dir jemals von Diwali, dem hinduistischen Lichterfest, erzählt? Ich habe es als Junge in Kalkutta geliebt. Die ganze Stadt leuchtet; man stellt überall Lichter auf – in den Häusern, auf den Straßen – um Wohlstand und Glück einzuladen.
Glück können wir wahrhaftig gut gebrauchen. In den letzten Wochen war es besonders scheußlich, da sich das Wetter noch verschlechtert hat. Die Männer sind in übler Verfassung, und die Moral ist auf dem Tiefpunkt.
Mir fehlen die Worte, um den Morast zu beschreiben: ein elender, stinkender Schlamm, der überall lauert und sich an den Stiefeln festsaugt wie eine grässliche Kreatur aus der Tiefe. Vor zwei Tagen fand ich drei meiner Sepoys fast bis zu den Achseln darin steckend, zusammengekauert und im Schlaf stöhnend. Ich weckte sie und holte sie raus und fand für jeden einen Mann, der sie warm rieb und für ein paar Stunden außerhalb des Schützengrabens ins Trockene brachte, bis der Morgennebel sich auflöste und ich keine andere Wahl mehr hatte, als sie wieder hineinzubeordern, was sich furchtbar falsch anfühlte.
Aber es gibt auch eine gute Nachricht inmitten all dieser Düsternis. Mein Urlaub ist genehmigt worden: eine Woche, beginnend am 7. Februar. Ich werde Mutter und Vater in Aldershot besuchen, und dann würde ich sehr gerne zu Dir kommen. Die letzten zwei Monate sind sehr langsam vergangen und gleichzeitig sehr schnell, wenn das überhaupt einen Sinn ergibt.
Ich hoffe, dass es Dir gutgeht!
In Liebe
Robert
Armer, armer Robert. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie das Leben in den Schützengräben ist, obwohl ich nach dem Zustand unserer Patienten eine ungefähre Ahnung habe. Ich freue mich so sehr darauf, ihn wiederzusehen und eine richtige Unterhaltung zu führen. Seinen Brief habe ich erst heute Abend erhalten; die Zeitungen haben bereits berichtet, wie er es vorausgesagt hat, und Photos vom Waffenstillstand veröffentlicht. Nach allem, was man über die Sauerkrauts, die Nonnen überfallen und Kinder verstümmeln, in eben diesen Zeitungen gelesen hat, ist es seltsam, deutsche Soldaten zu sehen, die neben gewöhnlichen Tommies stehen und Weihnachtslieder singen. Abgesehen von ihren Uniformen sehen sie fast genau gleich aus.
Elf
Es ist Guy Fawkes Night, Suze. Ich habe mich nicht geändert. Die Vorhänge sind zugezogen, und ich trage Ohrstöpsel, um den Lärm auszublenden. Dieses Geblitze und Geknalle, das schreckliche Pfeifen, wenn das Feuerwerk losgeht, werden mich immer an Mörserattacken erinnern. Weißt du noch das Silvesterfeuerwerk auf dem Primrose Hill, als ich mich zu Boden warf und mir die Ohren zuhielt? Ich konnte nicht anders, es war eine reine Reflexhandlung.
Ich werde mich nicht noch einmal zur Närrin machen. Ich bleibe lieber daheim und fahre mit meiner Geschichte fort.
Afghanistan, Mai 2011. Zehn Jahre nach dieser ersten Reise. Ich würde mich nicht an die vorderste Front begeben. Das geht heute nicht mehr, es sei denn, man ist bei den Truppen eingebettet, um Fotos durch den Filter dessen, was die Armee erlaubt, zu machen. Das wollte ich nicht noch einmal mitmachen. Mich interessieren immer schon die Dinge, die ich nicht sehen soll, die Dinge, die sie lieber verborgen halten.
Ich würde in Kabul eingesperrt sein, aber das war mir recht. Zum ersten Mal handelte ich gegen meinen journalistischen Instinkt und hielt mich von der Hauptstory fern. Hätte ich mitten im Geschehen sein wollen, wäre ich mit allen anderen nach Ägypten, Libyen oder Syrien gereist, auf der Jagd nach der Story, um die News sofort nach den Geschehnissen zu haben. Afghanistan ist ein langer Krieg, ein müder Krieg, ein langwieriger Krieg, ein Krieg, der auf dreißig Jahre andere Kriege folgt. Osama bin Laden ist weg, und der Großteil der Presse auch. Die Welt hat sich weitergedreht, auch wenn die Truppen bleiben und die Taliban zurück sind, sich in Hochburgen sammeln, stärker werden, sich neu formieren und darauf warten, dass die Ausländer abziehen.
Das mit der freien Tätigkeit hatte beim ersten Mal nicht so richtig geklappt, wie du weißt. Ich war zu unerfahren, konnte nicht wirklich mithalten. Es kostet eine Menge, aus einem Krisengebiet zu berichten, und ich erkannte bald die Vorteile einer Lebensversicherung, von Satellitenkommunikation, von Unterstützung am anderen Ende des Telefons. Also kehrte ich zu einem richtigen Job zurück, zu Anrufen des Büroleiters, zu kurzfristigen Flügen an schreckliche Orte, um Fotos von all dem Entsetzlichen zu machen, das dort geschah, und sie meinem Redakteur zu schicken in der Hoffnung, dass niemand vor mir dort gewesen war.
Nach einem Jahrzehnt hatte ich genug. Es gab diesen einen Moment im Irak, als ich Fotos von Raketen am Nachthimmel machte und mir plötzlich klar wurde, dass ich dort nicht sein wollte. Die Welt brauchte nicht noch ein Bild von einem ausgebrannten Panzer in der Wüste. Zumindest nicht von mir. Ich wollte die Art, wie ich Dinge tat, ändern, wollte Kontrolle gewinnen, wollte selbst entscheiden, wohin ich ging und was ich tat. In der Vergangenheit, vor nicht allzu langer Zeit, als Elizabeth noch lebte, zogen die Männer auf die Schlachtfelder und kämpften es aus. So sauber und ordentlich ist es nicht mehr. Der Krieg ist das kleine Kind, das sich an die Hand seiner Mutter klammert, nachdem sie mit einer Machete enthauptet wurde. Der Krieg ist der Vater, der sein totes Kind niederlegt, damit es von einem Bulldozer begraben wird, ehe sich die Krankheit ausbreitet. Der Krieg, das sind Flüchtlingslager, Hungersnot, Cholera.
Es gibt mehr in Afghanistan als den Konflikt, aber dieser Konflikt ist mit allem anderen verbunden: mit den Kriegswitwen, die vor den Restaurants der Expats betteln, den kleinen Jungs, die arbeiten müssen, statt zur Schule zu gehen, und den Heroinabhängigen, die keinen anderen Ausweg sehen. Das sind die Dinge, die ich fotografieren wollte, Dinge, die nicht in die Nachrichten gelangen, Dinge, die nicht extrem genug sind, um es in die Zeitungen zu schaffen, aber elend genug für die Menschen, die sie leben müssen. Ich war nicht sicher, was ich in Kabul vorfinden würde, aber ich wusste, dass es Geschichten zu erzählen gab.
Ich nahm ein Flugzeug nach Dubai, dann ein weiteres nach Kabul, flog stundenlang über rotgezackte Berge, Schneegipfel und Schattentäler, hartes, geheimnisvolles Terrain, das mich an die Männer denken ließ, die sich dort über Jahrzehnte immer wieder versteckt haben, um ihren Feinden ein Schnippchen zu schlagen. Als die Berge in flache, unbarmherzige Ebenen übergingen, wusste ich, dass wir es fast geschafft hatten. Bald war die staubige Erde von den geraden Linien eines braunen Gitters durchzogen, gesprenkelt mit kleinen Flecken von Grün. Als das Flugzeug tiefer ging, sah ich Häuser in den Gitterquadraten, ein jedes zusammengekauert innerhalb der Mauern seines Grundstücks. Hangars, gestrichen in der Farbe des Sandes, jede Menge Militärflugzeuge und Hubschrauber, dann die Landebahn, der entscheidende Moment des Aufsetzens.
Da wären wir wieder, dachte ich und bedeckte mein Haar mit einem Schal.
Flughäfen in Kriegsgebieten sind irreführend, an ihnen haften sozusagen die letzten Reste von Normalität, sie sind ein Niemandsland zwischen den Kampfgebieten und dem Rest der Welt, wo die richtigen Papiere noch immer die richtigen Menschen an die richtigen Orte bringen. Ein Ort, an dem es Warteschlangen gibt und Regeln, ordentliche Sitzreihen, Werbung für Coca-Cola. Sobald man jedoch nach draußen tritt, ist man mit der Realität konfrontiert. Am Kabul International Airport war die Ankunftshalle menschenleer, bis auf ein paar grimmig dreinblickende private Sicherheitsleute, die auf einreisende Botschaftsangehörige warteten. Als ich nach draußen trat, den Rucksack auf dem Rücken, die Kamerataschen vorne umgehängt, schlug mir eine Welle gnadenloser trockener Hitze entgegen. Aus Angst vor Selbstmordattentätern lassen sie keine Autos in die Nähe des Flughafens, und so war es ein langer Weg über den Parkplatz bis zu den Taxis. Ich fühlte mich auf Schritt und Tritt beobachtet. Schließlich hatte ich es geschafft. Ich fand ein Taxi, sagte dem Fahrer, wo ich hinwollte und machte es mir bequem für die Fahrt in die Stadt.
Ich war auf große Veränderungen in Kabul gefasst, aber eine Sache war geblieben: der Geruch von Scheiße. Als ich das erste Mal hinkam, hatte ich gedacht, dass die Luft in derartiger Höhe frisch sein würde, aber das war sie damals nicht und sie ist es auch jetzt nicht. Als wir den Flughafen hinter uns ließen, sah ich die Gräben voller menschlicher Ausscheidungen, die in der Sonne trockneten und nur auf den Wind warteten, der den Gestank aufnimmt und durch die Stadt wirbelt.
Es war viel mehr los als 2001 – mehr Verkehr, mehr Menschen auf den Straßen. Die Stadt breitete sich in den Hügeln aus, Anhäufungen von Lehmziegelhäusern, die aussahen, als hätte man sie an die Berghänge geklatscht, neben gesichtslosen kantigen Gebäuden, umgeben von mit Stacheldraht versehenen Mauern: die Häuser der Warlords.
Es gab immer noch viele zerbombte Wände und Stahlträger, die aus dem gesprengten Beton ragten. Kinder spielten zwischen den Ruinen der verlassenen Wohnblocks. Aber es gab auch eine Menge Neubauten. Als wir die von Schlaglöchern übersäte Straße entlangholperten, kamen wir an endlosen Gebäuden aus Glas vorbei, die riesig und glänzend aufragten.
»Hochzeitshallen«, sagte der Fahrer.
Draußen vor ihnen befanden sich eine bizarre Ansammlung von Palmen und Pyramiden und eine Nachbildung des Eiffelturms, die hoch in den Himmel ragte. Auf den Dächern der Gebäude waren Neonschriftzüge in Dari und Englisch angebracht – ausgefallene Namen wie Sham-e Paris oder Kabul Dubai. Blumengeschmückte Stretch-Limousinen glitten heran und parkten vor ihnen. Es sah mehr nach Las Vegas aus als nach Kabul.
Die Dämmerung brach herein, Vogelschwärme zogen über den Himmel. Je dunkler es wurde, desto mehr Lichter gingen auf den Hügeln an, und Holzrauch erfüllte die Luft.
Das Taxi hielt vor der Pension, die Faisal für mich im Norden der Stadt gefunden hatte. In meinem Zimmer setzte ich mein Gepäck auf dem Boden ab und sah mich um. Es war alles ziemlich standardmäßig: ein Einzelbett, ein Schreibtisch, ein wackliger Kleiderschrank, alles aus billigem Holz. Ein Plastikeimer für die Wäsche. Schmuddelige weiße Wände, ein dünner blauer Teppich. Es gab, zumindest für den Moment, Internetzugang. Ich fuhr meinen Laptop hoch und ging online.
Faisal und ich trafen uns am nächsten Tag in einer chaikhana, einem Teehaus in der Altstadt, im ersten Stock eines alten Gebäudes. Schläfrige Ventilatoren kräuselten die Luft. Wie üblich war ich die einzige Frau an einem solchen Ort, meine Fremdheit machte mich ehrenhalber zu einem Mann. Faisal stand auf dem Balkon und wartete. Er sah sehr gut aus, wohlhabend und klug.
Als er mich sah, lächelte er.
»Jo«, sagte er. »Ich freue mich so, dich zu sehen.«
Ich hätte ihn am liebsten in die Arme genommen und gedrückt, aber ich wusste, dass selbst ein Händeschütteln ihm Unbehagen bereitet hätte, also lächelte ich einfach.
»Ich freue mich auch sehr, dich zu sehen, Faisal«, sagte ich.
»Geht es dir gut?«
»Mir geht es sehr gut.«
»Und deiner Familie?«
Faisal weiß, dass ich keine Familie habe. Es war seine Art zu fragen, ob ich verheiratet sei. Ich wusste nie genau, was Faisal über diesen Aspekt meines Lebens dachte. Anders als seine Schwestern war er viel zu höflich, um es zu sagen.
Wir bestellten Tee.
»Deine Kinder, Faisal, wie geht es ihnen?«
Er kramte in seiner Tasche und holte Fotos von einem Jungen und einem Mädchen hervor, etwa sechs und acht Jahre alt.
»Sie sind wunderschön.«
»Du musst sie kennenlernen, und meine Frau Sonia auch.«
»Natürlich.«
Ich dachte an Leila und Sushila, wie sie gekichert hatten, als sie mir die Nägel lackierten. »Wie geht es deinen Schwestern?«
Er zögerte, dann sagte er: »Es geht ihnen gut.«
»Ich würde sie auch gern sehen.«
»Vielleicht.«
Faisal hatte erreicht, was er angestrebt hatte – er war Arzt geworden, und ein guter dazu. Er war leitender Oberarzt in einem der Krankenhäuser in Kabul und daher zu beschäftigt, um wieder mit mir loszuziehen, also hatte ich ihn per E-Mail gefragt, ob er jemanden kenne, der mich unterstützen könne. Als ich sagte, ich würde eine Frau bevorzugen, war er anfangs etwas ratlos, aber jetzt hatte er einen Vorschlag.
»Ihr Name ist Rashida. Sie ist die Tochter eines Kollegen, der auch ein sehr guter Freund ist. Sie hat gerade ihren Abschluss in Journalismus gemacht und sucht Arbeit. Es wäre eine gute Erfahrung für sie, und ich denke, sie könnte dir nützlich sein.«
»Großartig!«
Er zögerte.
»Was?«
»Du weißt, dass sie nicht alle Dinge tun kann, die ein Mann tun kann. Ihr werdet Begleitung brauchen, wenn du bestimmte Orte aufsuchen möchtest.«
»Das ist in Ordnung«, sagte ich. »Wir können uns einen Fahrer nehmen – wir werden sowieso einen brauchen. Und den Rest kriege ich schon hin.«
»Ich weiß«, sagte er.
»Und wann kann ich sie treffen?«
»Vielleicht morgen Nachmittag? Ich werde klären, ob sie verfügbar ist. Es gibt ein Lokal namens Flower Street Café. Da gehe ich manchmal mit meinen europäischen Kollegen hin.«
»Die Flower Street kenne ich«, sagte ich und sah die Stände mit den staubigen Sträußen Plastikrosen vor mir.
»Es ist nicht direkt in der Flower Street, sondern in Qala-e Fatullah, in der Nähe deiner Pension. Sie können dir den Weg erklären. Treffen wir uns dort um drei.«
Am nächsten Nachmittag fuhr ich eine staubige, leere Straße hinunter zum Flower Street Café. In der Pension hatte man auf einem Taxi bestanden, worüber ich am Ende froh war, denn die blanken Betonwände sahen mir nicht gerade nach einem Café aus. Als wir vor einer Metalltür anhielten, saß ich einen Moment lang da und fragte mich, ob wir am richtigen Ort waren, dann entdeckte ich ein handgeschriebenes Schild.
Ich stieg aus dem Taxi und klopfte an die Tür. Ein Guckloch glitt auf und ein Wachmann schaute mich an.
»Flower Street Café?«, fragte ich.
Er grunzte und ließ mich ein. Ich betrat einen kleinen Innenhof, wo ein weiterer streng aussehender Wachmann stand, eine Kalaschnikow über die Schulter geschlungen. Er wies auf meine Tasche.
»Sie haben Waffe?«
Ich schüttelte den Kopf und öffnete die Tasche, nervös wegen meiner Kameraausrüstung, aber nach einem kurzen Check nickte er, und ich trat durch eine weitere Tür.
Ein schmaler Pfad führte zu einem Garten mit Rosen und einem Rasenstück, auf dem Tische unter heiteren roten Sonnenschirmen aufgestellt waren. Am fernen Ende befand sich ein von Weinreben umrankter Pavillon, in dem mehrere Leute saßen, die ins Gespräch vertieft waren oder an ihren Laptops arbeiteten. Faisal entdeckte ich nicht, also schlenderte ich ins Haus. Hier ging es noch geschäftiger zu als im Garten, es war voller weiterer Expats bei der Arbeit, die stirnrunzelnd auf Bildschirme blickten, Telefone neben sich, Tassen mit Kaffee in Reichweite.
Ich kehrte in den Garten zurück, suchte mir einen Tisch im Schatten und bestellte bei dem freundlichen Kellner einen Mango-Smoothie. Ein paar Minuten später erschien Faisal.
»Das ist Rashida«, sagte er. »Und das ist ihr Bruder Ahmed.«
Ahmed war offensichtlich mitgekommen, um mich unter die Lupe zu nehmen. Charme schien mir die beste Strategie.
»Hallo«, sagte ich. »Schön, euch kennenzulernen.«
Er nickte nur, aber Rashida lächelte. »Ich freue mich auch sehr, dich kennenzulernen.«
Es entstand eine Pause, während der Kellner erschien, um die Bestellungen aufzunehmen. Dann kamen wir zur Sache.
»Rashida, Faisal hat mir erzählt, dass du Arbeit suchst. Ich würde mich freuen, wenn du mir behilflich sein könntest«, sagte ich und schaute dabei sowohl Ahmed als auch sie an.
»Was genau soll sie tun?«, fragte Ahmed. »Was hoffst du fotografieren zu können?«
»Ich will mir ansehen, was der Krieg für ganz normale Menschen bedeutet.«
Er schaute skeptisch drein.
»Ich will keine ISAF-Truppen fotografieren«, fuhr ich fort. »Und ich bin nicht auf der Suche nach Taliban.«
Sowohl er als auch Rashida wirkten verwundert.
»Wirklich«, sagte ich schnell. »Ich will nur mit den Menschen reden und Fotos von ihnen machen. Faisal kann euch bestätigen, dass ich immer sehr vorsichtig bin. Ich gehe keine unnötigen Risiken ein.«
Faisal nickte. »Stimmt, das tut sie nicht.«
»Rashida, glaubst du, du könntest mir helfen? Bist du interessiert?«
Sie und ihr Bruder tauschten Blicke, dann nickte sie. »Ja, gern.«
Zwölf
ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH
7. Januar 1915
Heute kam ein Photograph zu Besuch. Aus seinen Aufnahmen werden Postkarten gemacht, die die Patienten an ihre Familien nach Hause schicken können und die in der Stadt verkauft werden. Ich finde es etwas seltsam, mir diese Bilder neben Bildern vom Aquarium und vom Palace Pier vorzustellen, aber ich nehme an, über Geschmack lässt sich nicht streiten.
Mr. Fry war ein adretter kleiner Mann, der von einem Assistenten begleitet wurde, Mr. Cartwright, dessen Aufgabe es zu sein schien, die umfangreiche Ausrüstung zu tragen, während Mr. Fry dafür sorgte, dass jedes Porträt genau so war, wie er es wollte.
Wir hatten uns viel Mühe mit den Vorbereitungen gegeben: Von ganz oben war die Order gekommen, einen guten Eindruck zu hinterlassen, und so wurden die Patienten hergerichtet, die Betten geglättet, Blumen gepflückt und hübsch arrangiert, aber Mr. Fry machte ein Gewese und wollte, dass wir die Betten den Bruchteil eines Zolls hierhin und dorthin rückten und dann wieder zurück, und sagte, seine Photos müssten die Tatsache widerspiegeln, dass der PAVILION ein Militärkrankenhaus ist und deshalb, wie er es nannte, »perfekte Linien« haben müsse.
Mir bereitete es Sorge, die Betten zu bewegen, während die Patienten darin lagen, aber ich rief mir Colonel MacLeods Order in Erinnerung und wies die Pfleger an, Mr. Frys Anweisungen zu befolgen. Als die Betten positioniert waren, musterte Mr. Fry sie lange, blinzelte, legte den Kopf schief, wandte sich dann an mich und fragte, ob ich die Decken glätten könnte, da sie ein wenig faltig seien.
Obwohl ich leicht indigniert war über seine Andeutung, dass die Betten vielleicht nicht ganz perfekt waren, tat ich, was er wünschte.
Plötzlich war Hari an meiner Seite.
»Sie sollten so etwas nicht tun«, murmelte er. »Erinnern Sie sich?«
»Oh«, flüsterte ich erschrocken. »Ja. Natürlich.«
Während der Pfleger sich durch die Bettenreihe arbeitete, die Decken flachklopfte und glattstrich, drehte ich mich zu Hari um und bedankte mich im Flüsterton. Der Anflug eines Lächelns huschte über seine Lippen, und er quittierte meinen Dank mit einem kleinen Achselzucken.
In der Zwischenzeit hatte Mr. Fry seine Aufmerksamkeit darauf gelenkt, wie wir uns aufstellen sollten. Die Patienten sollten aufrecht im Bett sitzen, die Hände auf der Decke übereinandergelegt, den Blick geradeaus gerichtet, nicht auf die Kamera, die Mr. Cartwright geduldig am anderen Ende des Raumes in Position brachte. Mr. Fry wählte sorgfältig sechs Mitarbeiter aus und hieß uns neben den Betten der Patienten Stellung nehmen.
Der Tag war frisch, aber nicht kalt, und so wurden einige der Patienten überredet, gruppenweise im Garten zu posieren: die Sikhs zusammen, dann die Gurkhas, Dogras und Pathans. Ich fühlte mich an die Schule erinnert, als Mr. Fry sie dirigierte wie für eines dieser scheußlichen Klassenphotos am Ende des Schuljahrs: einige saßen vorne, die anderen standen hinter ihnen, und ich dachte an Miss Hewitt, die uns herumkommandierte, während der Wind in Böen vom Meer her wehte und wir mit unseren Lacrosse-Schlägern zitterten.
Ich hatte nicht erwartet, dass ich auf den Bildern des Operationssaals zu sehen sein würde, da ich für gewöhnlich nichts darin zu suchen habe, aber Mr. Fry wollte eine Frau dabeihaben, damit es weniger streng aussah. Ich stand zwischen den britischen Ärzten und Hari und versuchte auszusehen, als ob ich dazugehörte.
Als Mr. Fry fertig war, drehte ich mich zu Hari um, der sich vor der Kamera genauso unbehaglich gefühlt hatte wie ich, und gestand, dass ich froh war, dass es vorbei war und dass es mir schwergefallen war, mich unbefangen zu geben.
»Ich mache mir Sorgen darüber, wofür man sie benutzen wird«, sagte er.
Ich fragte, was er damit meine, und er äußerte die Vermutung, dass man die Postkarten zur Rekrutierung verwenden würde. Wenn die Patienten die Postkarten an ihre Familien schickten, würde jeder in Indien denken, wie wundervoll das Krankenhaus war, und dankbar sein und noch mehr Söhne in den Krieg schicken.
Ich dachte einen Moment darüber nach. »Nun, unser Krankenhaus ist ziemlich gut. Und wir brauchen in der Tat mehr Männer an der Front.«
»Ich habe eine Theorie«, sagte er. »Erinnern Sie sich an unser Gespräch über die Bemühungen, den Männern gerecht zu werden und alles getrennt zu halten?«
Ich nickte.
»Und haben Sie von dem indischen Aufstand gehört?«
Ich nickte wieder. Roberts Großvater war bei der Belagerung von Delhi ums Leben gekommen – Robert hatte mir alles darüber erzählt.
»Und wissen Sie, dass er durch das Gerücht ausgelöst wurde, die Patronen für die Armee der East India Company seien mit Schweineschmalz und Rindertalg behandelt worden?«
Ich bejahte, begierig darauf, mein Wissen zu zeigen. »Die Sepoys mussten sie aufbeißen, um das Schießpulver freizusetzen, und das war für Moslems und Hindus gleichermaßen ein Verstoß gegen ihre religiösen Vorschriften.«
Er schien überrascht, dass ich das wusste, und sagte, seiner Theorie zufolge hätten die Briten aus ihren Fehlern gelernt: Sie wüssten jetzt, dass sie diese Dinge richtig handhaben müssten. Mit Tausenden von indischen Soldaten an der Front sei ein weiterer Aufstand das Letzte, was sie wollten. Was sie jedoch wollten, waren mehr Männer, um ihren Feldzug fortzusetzen, und so sei es wichtig zu zeigen, dass man sich um die Inder, die bereits hier waren, gut kümmerte.
»Von den anderen Hospitälern machen sie keine Postkarten, oder? Sie haben den PAVILION ausgewählt, weil er so beeindruckend aussieht.«
Vielleicht hatte Hari recht: Nichts ist so einfach, wie es scheint, und alles Gute geschieht aus verborgenen Gründen, aber ich war mir da nicht so sicher.
»Ich pflege die Männer, weil ich möchte, dass sie sich erholen. Ich will etwas bewirken. Wollen wir das letzten Endes nicht alle?«
Er stand einen Moment lang ganz still und dachte nach; dann lächelte er. »Natürlich. Aus dem Grund bin auch ich hier.«
Erleichtert erwiderte ich sein Lächeln. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie möchte ich, dass Hari Mitra gut von mir denkt.
Er schaute mich etwas seltsam an, als ob er versuchte, etwas zu ergründen, und sagte dann etwas Merkwürdiges. »Ich bin nicht … nicht immer sehr gut in …«
»Worin?«
»Ich meine, ich sehe nicht immer das Beste in einer Situation oder in den Menschen. Das ist ein Fehler, den ich habe, ich weiß.«
Ich war überrascht über die Intimität seines Geständnisses.
»Sie … Sie sind der erste Mensch, seit …«
Er brach ab, holte tief Luft, als wolle er noch etwas sagen, aber dann drehte er sich um und ging schnell davon. Ich stand da und wusste nicht recht, was gerade passiert war und was er hatte sagen wollen. Das frage ich mich auch jetzt noch.
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